Akteur

RLP Rüdiger Lainer + Partner
Wien (A)

Ornament entsteht aus dem Kontext

Interview mit Rüdiger Lainer, Wien

3. November 2006 - Achim Geissinger
db: Herr Lainer, vor einiger Zeit, als wir einmal über eines Ihrer Projekte, die Wohnbebauung Cobenzlgasse, sprachen, äußerten sie den Satz: »das mit dem Ornament, das ist jetzt aber durch.« stimmt diese Aussage so für Sie noch immer?

Sie stimmt insofern noch, als wir 2005 in der Cobenzlgasse das Ornament nach unserem Verständnis in seiner wohl extremsten Form angewendet haben. Mit diesem fast direkt-plakativen Umgang einer dekorativen Struktur hatten wir einen Endpunkt erreicht. Eine weitere Verwendung desselben Motivs würde für mich keinen Schritt nach vorn bedeuten. In unserer heutigen Arbeit taucht das Ornament nicht mehr so vordergründig auf, wie noch in der Cobenzlgasse, wo es quasi vorwitzig die Nase vorstreckt und sich eindeutig als ergänzender Schmuck des Gebäudes zu erkennen gibt.
Man bewegt sich beim Ornament immer auf einem schmalen Grat, und in der Cobenzlgasse hat es schon einen gewissen Überhang bekommen, der über das reine kontextuelle Arbeiten hinausgeht. Das hat mit der leisen Ironie zu tun, mit der wir die Aufgabe in Grinzing – diesem hehren Ort des Heurigen und des österreichischen Tourismus – angegangen sind.
Letztlich erscheint die organische Vegetabilität des Aluminiumrasters dort aber fast tautologisch, denn die kontextuellen Bezüge zur Umgebung am Ortsrand nimmt bereits der Baukörper in ausreichendem Maße auf. Das Ornament betont nochmals: Ich stelle Topografie dar, ich bin Natur.
Um Ihre Frage zu beantworten: In Zukunft versuchen wir präziser zu sein und nicht dasselbe zweimal zu sagen.

db: Sie sind in Salzburg geboren, leben jetzt in Wien – beide Städte sind stark vom Barock geprägt und damit zumindest oberflächlich auch vom Ornamentalen. Inwieweit hat dieses Schmuckhaft-Ornamentale des Barocks sie beeinflusst?

Die Lust am Barock war sicher nicht direkt mit der Lust am Ornament verknüpft, aber doch mit einer gewissen Zeichenintensität der Gebäude, des Gebäudegrundsatzes. Und dieses Element nehme ich auf. Aber unser Verständnis und unser Umgang mit dieser Zeichenintensität gerade auch der Fassade ist ein anderer.
Mich hat schon früh die makroästhetische Relevanz von Gebäuden interessiert.
Sie basiert für mich auf drei Ansätzen: 1. Die Lust am Kontextuellen: Wie kann ich eine Umgebung interpretierend in die Gebäudegrundstruktur einbeziehen? 2. Die Fragen rund um Semiotik, Zeichen, Intensitäten. Sie ergaben sich während meines Studiums aus dem Frust über diese ganze Bauwirtschaftsmoderne. Ich fragte mich, wie ich die Dichte an Informationen vermitteln kann, ohne postmodern-dekorativ sein zu müssen. Als Drittes kommt das Wiener Thema der Oberflächen hinzu, das erst mit Semper und seiner Auffassung von der »Bekleidung des Hauses«, dann mit Wagner und der Sezession sehr wichtig wurde und schließlich mit Loos’ Pamphlet »Ornament und Verbrechen« seinen Kulminationspunkt erreicht hat.
Schon in den ersten Projekten versuchte ich, die Signifikanz meiner Gebäude zu intensivieren, so dass sie eine gewisse Vieldeutigkeit im Straßenraum, also im Erlebnisraum, entwickelten, ohne dabei dekorativ zu sein.
Ornament als reine Oberfläche war aber nie das vordergründige Thema.
Ich verstehe Ornamente nicht als Vermittler eines abstrakten Bedeutungsgehalts, wie zum Beispiel Wagner, der organische Ornamente in eher technische Elemente transformierte, um sein Interesse an neuen Materialien und Produktionsmethoden darzustellen.
Für die Entwicklung der floralen Elemente der Cobenzlgasse war die Auseinandersetzung mit dem Kontrast Natur und Stadt wesentlich. Ein Thema, das mich schon immer interessiert hat, das ich aber nie unter dem Gesichtspunkt des Ornaments aufgefasst habe. Ornament per se interessiert mich eigentlich überhaupt nicht – außer vielleicht als architekturtheoretischer Hintergrund. Wenn man die Diskussionen nimmt, die mit Namen wie Semper, Wagner, Plečnik oder der Sezession verbunden sind, dann ist es schon spannend zu beobachten, wie jede Zeit versuchte, ihre Inhalte zu vermitteln.

db: Welchen Stellenwert hat dann das Dekor in Ihrer Arbeit?

Dekor wird dann interessant, wenn es in irgendeinem Bezug steht. Da gibt es in meiner Arbeit eine Entwicklung – meine früheren Gebäude waren sehr plastisch; die Fassaden versuchten, räumlich auf den jeweiligen Kontext zu reagieren. Bei späteren Projekten war es die Materialwahl und deren Kombination, die diese Vermittlung übernahmen und zu ornamentalen Strukturen führten: Wellpolyester, Bambus und Nirosta habe ich so kombiniert, dass eine neue semantische Intensität entstand. Das führte weiter zu Projekten, wie zum Beispiel dem Büro- und Fitnesscenter in der Hütteldorfer Straße, bei dem aus einer Diskussion mit dem Bestand, also wieder aus einem Kontext heraus, vegetabile Strukturen aus Aluminiumguss entstanden.

db: Dort wurde das System eines alten Fabrikgebäudes aus Stahlbetonskelett und vorgesetzter Ziegelwand in einem Anbau fortgeführt, dessen Tragstruktur aus Stahl mit einer unabhängigen Haut überzogen ist, die ihr ganz eigenes Leben entfalten kann.

Dieser Altbau ist ein faszinierendes Gebäude – mit seiner Lisenen-Gliederung kam der britische Industriestil nach Mitteleuropa. Wir fragten uns, welches Material man auf sinnfällige Weise zu diesem Backstein addieren könne.
Der simple Ansatz: Backstein ist Ton, ein Produkt aus der Erde, das gebrannt wird und als Einzelelement serielle Verwendung findet. Durch den Produktionsprozess bekam es unterschiedliche Farben und Strukturen. In der Fläche verwendet ergaben sich daraus changierende Oberflächen.
Eine Analogie hierzu fanden wir im Bauxit und folglich im Aluminium. Da Aluminium im Gegensatz zum Ziegel aber sehr gleichfarbig ist, galt es, für das seriell verwendete Einzelobjekt ein wiederholbares plastisches Modul zu entwickeln. Durch die Licht- und Schattenspiele erreichten wir das scheinbare Changieren des gleichfarbigen Aluminiums.
Ein zusätzlicher, in dem sehr dicht bebauten Bezirk bedeutsamer Punkt ist das Spiel zwischen natürlich und künstlich. Ein Thema, das sich durch die ganze Baugeschichte zieht. Der Wunsch, Natürlichkeit im Gebauten zu verewigen, war immer präsent. So sind sehr viele Ornamente an historischen Bauten aus dem Vegetabilen abgeleitet.

db: Haben sie eine bewusste Entscheidung getroffen, sich nicht geometrischen Ornamenten, sondern floralen, vegetabilen zuzuwenden?

Das war eine Entwicklung, die mit einem früheren Projekt begann, einem Wohnbau in der Wiedner Hauptstraße, dem »hängende Gärten« als Fassade mit natürlicher Vegetation vorgelagert sind. Die Tragstruktur der Laubengänge wird hier von Pflanzen überwachsen. Das Weiterführen dieses Spiels mit Pflanzen am Gebäude endete in der künstlichen Vegetation der Cobenzlgasse, wo eine natürliche Begrünung des komplexen Baukörpers schwierig zu kontrollieren schien. Für die Hütteldorfer Straße berechneten wir eine Modulgröße, suchten im Wiener Wald Blätter und Äste zusammen und legten sie so, dass immer ein Astende auf der anderen Seite anschließt und bildeten ein Element, das sich nach vier Seiten unendlich fortsetzen kann. Das wurde gegossen und nun tausendmal an der Fassade aneinandergereiht. Das Projekt mag ich wirklich sehr gern, denn es wirkt aufgrund der Vielzahl der Einzelelemente sehr abstrakt, gibt der Fassade ein leises Flimmern. Und man muss schon sehr nah hingehen, um die Äste und Blätter zu erkennen.

db: Bei Aedes hatten sie 2004 Gelegenheit, das Thema »Ornament und die Tiefe der Oberfläche« in einer Ausstellung zu präsentieren. Wie kommt räumliche Tiefe ins Ornament?

Das war eher eine Paraphrase zu einem Zeitpunkt, als die Ornamentdiskussion erstmals aufflammte.
Es gibt Projekte, bei denen das Thema bedeutsam ist, ja sie leben sogar davon. Andere bleiben davon unberührt, denn es geht nicht um den reinen Willen, Ornamente zu schaffen, sondern um anderes.
Nehmen wir zum Beispiel die Wiedner Hauptstraße, wo es um die Frage ging, wie kann ich in einer sehr grauen, engen Gasse eine Fassade gestalten? Unsere Lösung besteht aus einer acht Meter tiefen Fassade mit verschiedenen Schichten: vertikale Begrünung, Erschließungsschicht, Pufferschicht und »Nester« als Übergangsräume vor den eigentlichen Wohnungszugängen. Das bewirkt, dass man in einem nur 15 Meter breiten Straßenraum nicht Grau in Grau sitzen muss, es schafft eine bessere Belichtung für die dahinter liegenden Wohnungen und einen anderen Nutzraum dazwischen. So wird die Fassade sehr tief.
In der Hütteldorfer Straße hingegen, wo es allein darum ging, einen Kontext zu erzeugen, ist die Fassade sehr dünn. Sowohl die Ziegel- als auch die Aluminium-Schicht sind nur vorgestellte Vermittler zum Außenraum.
In unseren Kino-Projekten in Wien und in Salzburg wiederum gibt es Schichten zwischen zwei und sechs Metern Tiefe, die auch zusätzliche Nutzungen aufnehmen können – das reicht vom normalen Doppelschaligen, das ich als Wintergarten und Energiepuffer verwende, bis hin zum so genannten Transitorium, worin eine zusätzliche Erschließung enthalten ist.Diese Schichten vermitteln zwischen Stadtraum und dem eigentlichen Innenraum und bilden eine Art »nutzlosen Raum«, der in keinem Raumprogramm enthalten ist, aber eine Mediation übernimmt und fast eine Art usurpierter Raum ist.
Tiefe und Ausformung der Fassaden werden immer direkt aus dem Kontext heraus generiert, aus den Erfordernissen, Funktionalitäten, die man bedienen will, und münden nur gelegentlich in der Ausgestaltung eines ornamentalen Elements.

db: Wie wichtig ist die Rolle der Fassade und des Ornaments als Vermittler?

Man kann die Fassade als Mediator sehen. Für mich ist das aber kein wesentliches Thema. Ich glaube nicht, dass ich über das Ornament oder die Fassade die Marketingstruktur des Gebäudes aufbaue.

db: Es gibt allerdings einen Wettbewerbsbeitrag aus Ihrem Büro für die Firma Blaha, bei dem das Ornament als Fassadenhaut, aber auch als raumbildendes Element verwendet wird und sogar konstruktive Funktionen übernimmt. dort tritt das Muster nach außen hin am lautesten auf. Was hat es damit auf sich?

Dort hat das Muster natürlich eine sehr starke Zeichenwirksamkeit. Was mich dabei am meisten interessierte, war, wie schaffe ich eine Struktur mit zwei oder drei Fertigteilen? Im Prinzip ist es ein riesiger Zaun, der freilich durchlässig ist und als eine Art Puffer zwischen einer stark befahrenen Straße und den eher kontemplativen Innenräumen wirkt. Sicher haben alle Fassaden eine sehr starke Wirkung nach außen, insofern ist jede Fassade ein Mediator zwischen außen und innen und zwischen Nutzer und Marketing. Es geht uns aber nicht darum, von vornherein eine spektakuläre Fassade zu entwerfen. Fassaden, oder besser die Strukturen im Übergangsbereich werden bei uns immer aus dem Projekt, aus dem Konzept entwickelt.

db: Haben sie für sich ein genaue Definition, was Ornament ist, und was nicht?

Ich glaube, dass die Grenzen sehr fließend sind. Wenn ich das Ornament als das klassische Element begreife, das ich wie aus dem Katalog verwende, wie es im 19. Jahrhundert üblich war und wogegen sich Loos so stark gewehrt hat, dann würde ich sagen, haben wir im Büro eigentlich nie Ornamente gemacht.
Wenn ich aber Ornamente als mögliche Erscheinungsformen eines Gebäudes definiere, dann gibt es das Ornament sicher kontinuierlich in der ganzen klassischen Moderne. Nehmen Sie nur La Tourette mit der von Xenakis rhythmisch gestalteten Glaswand, die Sie als ornamentale Skulptur lesen können.

db: Die Wirtschaftskammer Niederösterreich, um ein anderes Beispiel aus Ihrem Büro anzuführen, wurde sehr zurückhaltend gestaltet. Ein Ornament ist nicht erkennbar, bestand hier nicht die Notwendigkeit, über das Ornament einen Kontext zu generieren?

Was mich bei der Arbeit interessiert, ist die Frage, wie ich durch eine leichte Verschiebung der Wirklichkeit eine andere Struktur, einen anderen Zusammenhang erzeugen kann, ohne radikal fremde Formen oder andere Strukturen zu verwenden. Wie kann ich in der sekundären Wahrnehmung das Gewohnte so verändern, dass etwas Zusätzliches entsteht?
Im erweiterten Sinn des Begriffs Ornament, ist die Fassade der Wirtschaftskammer sogar sehr ornamental. Die Fenster tanzen sozusagen auf der flächigen Fassade, verwischen dadurch die Geschossteilung und zeigen, dass dieses Gebäude über das Atrium auch vertikal zusammenhängt, dass es nicht nur eine Schichtung gibt, sondern auch eine Art Vernetzung.
Die Fenster wirken wie große Spiegel und treten mit der Umgebung in Kontakt. Die Fassade bekommt einen gewissen Abstraktionsgrad. Das ist nicht vordergründig als Ornament gedacht.
Im Vergleich zur Cobenzlgasse ist es schwerer als Ornament erkennbar, hat aber in meinen Augen die gleichen Intensitäten und damit auch eine gewisse Mediatorenfunktion wie das klassische Ornament. Spannend für mich ist, wie sich mit minimalen Verschiebungen ganz unterschiedliche Wirkungen erzielen lassen. Schauen wir nochmals auf die Wirtschaftskammer: Erstmal nur eine Lochfassade, die aber aus der Nähe ganz anders aussieht, und wenn man dann hineingeht, verschiebt es sich noch einmal.
Die Fensterteilungen sind dabei funktional hergeleitet: Ein Fensterflügel lässt sich während des Betriebs öffnen. Der zweite ist nur für Reinigungszwecke vorgesehen. Der dritte ist für die Normallüftung gedacht und wird in der Regel für die Nachtauskühlung verwendet. Daraus ergibt sich die Proportion des Bildes. Darunter liegt ein Raster mit engen Abständen, das mir eine sehr flexible Enteilung der Räume dahinter ermöglicht, obwohl alle Fensterelemente gegeneinander verschoben sind. Im Vordergrund stand dabei die Frage: Wie kann ich auf der einen Seite im Sinne von Flexibilität und Neutralität seriell sein, auf der anderen Seite den Bau aber auch mit einer Besonderheit überhöhen und wirksam werden lassen?

db: Eine letzte Frage: Wenn sie an der Akademie der bildenden Künste Studenten betreuen, wie vermitteln sie die eigenständige Entwicklung von kontextuellen Bezügen, von Fassaden als Mediator?

Ich muss sagen, dass wir kaum je wirklich über Fassaden sprechen. Die Fassade ist das relativ Letzte oder oftmals Unwesentliche. Was wir versuchen, ist, mit sehr konzeptuellen Ansätzen zu operieren. Es ist im Prinzip völlig egal, ob das ein absolut minimalistisch reduzierter Ansatz ist oder jemand kurvig bauen will. Wichtig ist die selbst gefundene Logik oder Argumentation, die dahintersteckt. Ich versuche, niemals, irgendwelche Präferenzen für Formen oder Richtungen wirksam werden zu lassen, und schaffe es auch, dass es zu völlig unterschiedlichen Arbeiten kommt. Wichtig ist, welche Dichte der Gedankenwelt dahintersteckt. Ob das in einer Kiste mit drei fein gesetzten Schlitzen endet oder in einem hochkomplexen Gefüge, ist im Prinzip egal. Das Einzige, womit ich subjektiv Probleme habe, sind Blobs im aktuellen Sinne. Meiner Meinung nach ergeben sie meistens entsetzliche Gebäude. Da muss jemand schon sehr fundiert argumentieren, formal sehr stringent sein, um mich zu überzeugen.

Das Interview führte Achim Geissinger am 11. September 2006 in Wien.

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Für den Beitrag verantwortlich: deutsche bauzeitung

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