nextroom.at

Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

Karte

Artikel

24. Juni 2006 Der Standard

Manifest der Individualität

In Wien Simmering wurde dieser Tage ein Wohnbauprojekt schlüsselfertig übergeben: Damit nicht wieder alles zum faden und tristen Einheitsbrei wird, hat der Künstler Gerwald Rockenschaub ein paar Farben angemischt.

Der Wiener Wohnbau habe in den vergangenen Jahren eine schlimme Kehrtwendung gemacht, sagt Gert Mayr-Keber, seines Zeichens Architekt, und schaut erbost in Richtung der Wohnhochhäuser auf dem Wienerberg: „Ich bin zwar kein Hochhausgegner, aber fürs Wohnen ist diese Bauform eine Unerhörtheit.“ Geschoße werden so hoch übereinander gestapelt, bis die Flächenwidmung irgendwann einmal ausgereizt sei, den Maßstab habe man dabei völlig außer Acht gelassen. Die Projektdeveloper freuen sich zwar über die höhere Rendite, doch dass man aus dem Wohnzimmerfenster die Kleinen im Hof nicht mehr in Sichtweite hat, kümmert dabei keinen. Mayr-Keber: „Im Grunde genommen ziehen wir in einem sozialistischen Wien bisweilen asoziale Bauten hoch.“

Dennoch: Sozialer Wohnbau ist eine zutiefst österreichische Tradition. Während das linksliberale System hier zu Lande weiter gepflegt und gehegt wird - allein Wien verfügt über 210.000 Gemeindewohnungen -, hat man in vielen anderen europäischen Staaten längst darauf verzichtet. Großbritannien hat das integrative Modell überhaupt abgeschafft und liebäugelt nach vielen Jahren der kommunalpolitischen Stagnation erst jetzt mit der Idee, den Wohnbau auch für sozial Schwache wieder zu öffnen (siehe Immobilien-STANDARD).

Vorigen Donnerstag wurde in Wien ein solcher sozialer Wohnbau seinen Bewohnern übergeben. Die Schlüsselübergabe der insgesamt 88 Wohnungen ging einher mit einem feierlichen Stelldichein von Bezirksvorstehung, Wohnbaustadtratschaft, Architektur, Kunst und 88 erwartungsvollen Mietern und Eigentümern. Ort des Geschehens: Wien Simmering, jener Wiener Gemeindebezirk, der von der intellektuellen Wiener Riege als Tatort von Südosttangente, Industriebauten und riesigen Wohnsilos abgestempelt ist, den Zentralfriedhof miteingeschlossen.

So manchen auf Minimal Art getrimmten Architekten mag es schaudern angesichts der Buntheit und Tonnengewölbelei der neuen Wohnhausanlage von Gert Mayr-Keber. Doch nicht für den Architekten baut der Mensch, sondern für den Bewohner. Das Konzept hinter dem Projekt mit dem appellierenden Titel „Look“ scheint aufgegangen zu sein. Denn die Flächenwidmung des bisher brachliegenden Grundstücks sah eine niedrige Bebauung vor, und angesichts der dürftigen Rendite hatten die meisten Wohnbauträger bis dato davon die Finger gelassen. Bis sich die Buwog (seit rund zwei Jahren in Besitz der Immofinanz) der verwaisten Parzelle annahm und eben das darauf setzte, was der Plan erlaubt hatte: niedrige Mietwohnriegel mit viel Freiraum dazwischen und jene Eigentumswürfel, die seitens des Architekten so liebevoll als Stadtvillen bezeichnet werden.

Sozialer Wohnbau eben: gut geschnittene Grundrisse, nette Loggien, der architektonische Herzschlag in der Brust des Kenners jedoch schnellt dabei nicht empor. Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass es justament dem planenden Architekten zu verdanken ist, dass ein Teil der Baukosten - nebenbei bemerkt bescheidene 1060 Euro pro Quadratmeter - in das Töpfchen der „Kunst am Bau“ floss. Beauftragt wurde der Wiener Künstler Gerwald Rockenschaub: „Ich bin zwar schon früh in das Projekt eingestiegen, aber die Architektur war eigentlich schon fertig.“

Kunst am Bau - das ist in diesem Fall keine Skulptur, die unbeholfen neben dem Spielplatz klotzt, sondern schlicht und einfach ein Farbkonzept, das über die gesamte Wohnhausanlage gepinselt wurde. „Im Grunde genommen bin ich kein Freund von Kunst am Bau, weil sie oft keinerlei Zweck erfüllt“, erklärt Rockenschaub, „und eine nutzlose Plastik oder nur ein funktionsloses, dekoratives Element wäre hier nicht sinnvoll gewesen.“

Stattdessen strahlen die 28 Erker, in die sich jeweils die Wohnzimmer einer Wohnung ausbeulen, in den buntesten Farben. Die Unordnung war intendiert, und diese kann man nur erzeugen, wenn man auch wirklich wild in den Farbtopf taucht: „Jeder Künstler hat früher oder später einmal mit Farbe zu tun, und bei diesem Projekt bin ich mit der Farbe halt sehr freestyle umgegangen.“

Machen 28 bunte Erkerchen die qualitativ gute, wenngleich nicht sonderlich aufregende Architektur etwa schöner? „Der Mensch ist ein Individuum“, meint Architekt Mayr-Keber, „alle lieben das Einfamilienhaus mit dem kleinen Gemüsegartl davor.“ Und da diesem persönliche Kleinrefugium bei größeren Wohnformen in der Regel nur wenig Platz eingeräumt werde, sei es umso wichtiger, jede erdenkliche Chance auf Heterogenität auch wirklich zu nutzen.

Edelbert Köb hatte den Vorsitz des Kunstbeirats, der Rockenschaub hier mit Kunst am Bau beauftragt hatte. Warum Rockenschaub? „Der gesamte Beirat wollte sich den sonst üblichen Pastelltönen des sozialen Wohnbaus entziehen. Mit der Entscheidung, Rockenschaub ins Projekt einzubeziehen, erwartete man ein farbkräftigeres Konzept.“ Nebenbei bemerkt der Mumok-Direktor, dass diese intensive Farbgebung ganz in der Tradition des Wohnbaus stehe. Denn auch schon Mondrian, Rietveld und das Bauhaus griffen in ihren Design- und Architekturentwürfen gerne in den knalligen Bereich des Farbkastens.

Dass die Buntheit die zukünftige Bewohnerschaft nicht zwangsbeglückt, zeigen die innenarchitektonischen Reaktionen auf die künstlerische Farbwalterei. Einige Mieter und Eigentümer haben sich schon vor der offiziellen Schlüsselübergabe am Fassadencouleur orientiert und die Farben im Innenraum fortgeführt. Was will man mehr?

Der Architekt spricht von einem „Manifest der Individualität“, der Künstler meint, das Projekt habe ihm Spaß gemacht, und Buwog-Geschäftsführer Gerhard Schuster erfreut die Tatsache, dass so gut wie alle Wohnungen bereits vermietet und verkauft wurden.

Die Wohnhausanlage „Look“ wird wahrscheinlich nicht den Weg in die Hochglanz-Gazetten der Architektenschaft finden, und Gert Mayr-Keber wird mit diesem Projekt auch nicht als nächstjähriger Pritzker-Preisträger infrage kommen. Doch es ist etwas gelungen, was von wahrscheinlich größerer Bedeutung ist: „Look“ hat die Herzen seiner Bewohner erschlossen. Das war den Gesichtern bei der Schlüsselübergabe vorigen Donnerstag deutlich anzusehen - und damit hat auch der Buwog-Werbeslogan seine Richtigkeit unter Beweis gestellt: „Glücklich wohnen.“

10. Juni 2006 Der Standard

Auf der Suche nach dem Wunderland Europa

In den letzten Tagen des österreichischen EU-Vorsitzes kann man sich auch die Frage stellen: Gibt es so etwas wie eine europäische Architektur?

Europa ist - zumindest auf politischer Ebene - auf der Suche nach seiner Identität. Wie steht es aber um die Architektur innerhalb der Grenzen dieser Europäischen Union?

Eines vorweg: Einen nationenübergreifenden Konsens um die viel beschworene Berufssparte gibt es nicht. In manchen Ländern ist das Interesse am hochklassigen Bauen enorm, in anderen Gefilden schert man sich kaum darum. Auch der Berufsstand selbst zeigt länderweise große Unterschiede: Während etwa in Italien jeder Fünfhundertste Architekt sein will, kommen beim Schlusslicht Rumänien auf einen Architekten weit über 4000 Einwohner. Dieses länderspezifische Gefälle erklärt auch den Umstand, weshalb der österreichische Markt seit einigen Jahren von deutschen Architekten buchstäblich überrannt wird, gibt es in Deutschland - gemessen an der Bevölkerungszahl - immerhin fast viermal so viele Architekten wie hier zu Lande.

Die Situation in Deutschland ist dermaßen aussichtslos, dass sich viele junge Büros auf die Suche nach kleinen Marktnischen begeben müssen, um zu überleben. Das Ergebnis ist eine Vielzahl an Visionen und Utopien, die sich oft im Grenzbereich zur Bildenden Kunst ansiedeln. „Viele Büros in Deutschland sind mehr oder weniger auftragslos“, erklärt die Architektin Elisabeth Leitner, die sich im Zuge einer Ausstellungskonzeption („Wonderland“, siehe unten) einen umfassenden Europa-Überblick verschaffen konnte: „Ihre einzige Überlebenschance besteht in der Erfindung hypothetischer Aufgaben.“

Und Holland? Galten die Niederlande noch in den Neunzigerjahren als europäisches Architekturwunderland, ist es um die einstige Avantgarde-Elite still geworden. Denn die fetten staatlichen Förderungen von damals, die nicht zuletzt vor allem den Jungen zugute kamen, wurden wieder gestrichen. Bart Lootsma, selbst Niederländer und Intimus der dortigen Szene, erklärt leicht gebeugten Hauptes: „Man findet mittlerweile bessere Superdutch-Beispiele in Kroatien als in den Niederlanden.“

Das zumindest ist eines der wichtigen Landmarks auf der europäischen Landkarte: Architekten beginnen verstärkt international zu arbeiten, die Architektur überschreitet die Grenzen. Der Holländer Rem Koolhaas beispielsweise baut in Portugal und Deutschland, die Britin Zaha Hadid zeichnet verantwortlich für deutsche, italienische und österreichische Projekte, den Franzosen Dominique Perrault treibt es ebenfalls nach Österreich und Deutschland, Kollege Jean Nouvel hinterlässt seine Spuren in Madrid und Barcelona, Hans Hollein streckt seine Fühler nach Frankreich aus.

„Wenn man zwanzig, dreißig Jahre zurückgeht, dann war Architektur noch viel nationaler“, erläutert Lootsma, doch das sei nun vorbei. „Heute sind wir in der Situation, dass wir Architektur gemeinsam vermarkten wollen.“ Diese Vermarktung ist jedoch vor allem ein Spiel der Großen und Bekannten, denn die wirklich Prominenten werden selbst aus Übersee eingeflogen.

Der Amerikaner Frank Gehry verschaffte der Langeweile-Kapitale Bilbao mit dem Guggenheim-Museum ein viel beachtetes Wahrzeichen und trug damit wesentlich zum medialen Bekanntheitsgrad der baskischen Hauptstadt bei. Rem Koolhaas machte sogar den Vorschlag, man möge Gehry doch nicht nur mit einem Architektenhonorar abspeisen, sondern solle ihm den „Bilbao-Effekt“ mit einer Umsatzbeteiligung des Museums abgelten.

Doch wie steht es um „normale“ Architekten, die „normale“ Architektur machen? Am ehesten gelingt das in jenen liberalen Staaten, die den Architekten das Leben nicht durch eine übermäßige Fülle von Auflagen und Bürokratien zur Hölle machen. In den Niederlanden, in Dänemark, in Finnland und in der Schweiz beispielsweise darf man direkt nach dem Abschluss des Architekturstudiums in den Architektenstatus wechseln.

In vielen anderen Ländern, wie auch in Österreich, muss man Praktikumsjahre nachweisen, eine aufwändige Ziviltechnikerprüfung absolvieren, bevor man einer Kammer beitreten und seinen Beruf selbstständig ausüben kann. „Veränderte sozioökonomische Rahmenbedingungen lassen kaum die Möglichkeit offen, am klassischen Berufsbild des Architekten festzuhalten“, lautet das Fazit des Wiener Architekten Paul Rajakovics in der ersten Ausgabe des neuen Architekturmagazins wonderland, der wirtschaftliche Neoliberalismus habe auch in der Architektur Einzug gehalten.

Die europäische Architekturszene ist also von wenigen Platzhirschen und vielen weniger im Rampenlicht stehenden Architekten geprägt, die untereinander heftig konkurrieren und einander die - wenigen - Aufträge vor der Nase wegschnappen.

Georg Pendl, Vorsitzender der Bundessektion der Architekten in der Kammer für Architekten und Ingenieurkonsulenten, sieht dennoch das Gemeinsame in Europa: „Ich glaube an ein europäisches Bild in der Architektur. Dieses zeichnet sich durch Heterogenität und durch eine ausgeprägte Identität aus.“

26. Mai 2006 Der Standard

Das gibt es nur auf dem Papier

Architekten haben eine sonderliche Sprache. Wenn sie den Mund aufmachen, versteht sie keiner. Um diesem Problem vorzubeugen, wurde vor vielen, vielen Jahren der Plan erfunden.

Vor einiger Zeit erreichte ein Leserbrief unsere Redaktion. Frau S. fragte darin ganz klipp und klar: „Wie wär's mal mit Grundrissen auf der Architekturseite? Oder überhaupt eine philosophische Betrachtung über die Schönheit von Grundrissen und deren Bedeutung in der Architekturgeschichte?“ Gähnende Leere machte sich bei uns breit. Grundrisse? Grottenfad.

Zur Erklärung an Frau S. möchten wir hiermit antworten: Wir zeigen äußerst selten Grundrisse. Denn ein Grundriss ist nichts anderes als ein grafisches Werkzeug der Architektur, und dieses möge doch bitte unter den Architekten bleiben. Aber warum nicht einmal eine Ausnahme machen?

Der französische Architekt Le Corbusier alias Charles Edouard Jeanneret vertrat zwar schon im Jahre 1923 die Meinung, aus dem Grundriss entstehe alles, und ohne Grundriss sei alles Unordnung, sei alles Willkür. Doch im gleichen Jahr schrieb er in seinem Buch „Vers une architecture“ noch ein anderes gewichtiges Satzerl nieder, das da lautet: „Alles ist Betrug, ist Blendwerk.“ Denn man dürfe beim Zeichnen eines Grundrisses nie vergessen, dass es das menschliche Auge ist, welches die Wirkungen aufnimmt.

Doch das vergisst man gerne, von diesem Fliegen und Schweben über die Lüfte und die Länder hat sich schon so mancher Architekt und Künstler verleiten lassen. Das Re- sultat sind fesch geformte Städte und Städtchen. Mit einem Wermutstropfen: Wenn man nicht gerade die Stadt überfliegt oder über den ausgebreiteten Stadtplan gebeugt ist, dann bekommt man von den städtebaulichen Bemühungen der plansinnenden Avantgardisten nicht all zu viel mit.

Ein frühes und prominentes Projekt, das auf dem radikalen Reißbrett entstand, ist die norditalienische Idealstadt Palmanova, ein Aushängeschild der Renaissance. Palmanova wurde 1593 als Festungsstadt der Republik Venedig zum Schutz vor den Türken angelegt, die massiven Stadtmauern erinnern noch heute an die groß geschmiedeten Pläne. Vor allem aber wollte man die Stadt zum wichtigsten Stützpunkt der Venezianer auf dem Festland ausbauen. Wenn man sich heute in die Mitte der sechseckigen Piazza stellt und ein bisschen die zentrale Einsamkeit über sich ergehen lässt, dann wird bald klar, dass aus dem stolzen Vorhaben nicht allzu viel geworden ist. Palmanova ist ein verträumtes Open-Air-Museum mit einem Hauch nordischer Italianità. Ein genießerischer Cappuccino mit einer großen, fetten Milchschaumhaube zählt so ziemlich zum Besten, was die Stadt heute zu bieten hat.

Haben sich die Mühen des 16. Jahrhunderts bezahlt gemacht? Aus der Vergangenheit lernt man, möchte man meinen. Doch 200 Jahre später passiert das Gleiche nochmal. Diesmal sind es die Franzosen, die an das grundgerissene Glück glauben. Claude Nicolas Ledoux, der französische Revolutionsarchitekt schlecht- hin, entwarf die Salinenstadt in Chaux. Innerhalb einer perfekten Kreiskontur sind Salinen-und Verwaltungsgebäude sowie eine Wagenremise und diverse Arbeiterhäuser untergebracht. Eine hermetisch geschlossene Arbeitswelt ganz im Sinne des Absolutismus. Betont wird dieses politische System einmal mehr durch die Tatsache, dass in der Mitte der kreisförmigen Anlage das Haus des Direktors thront. Doch das absolutistische Projekt, das Geburt, Arbeit und Tod in eine geometrische Form pressen wollte, ist missglückt. Die erste Hälfte wurde gebaut, die andere wollte dann keiner mehr. Der Halbkreis dient heute als Ausstellungs- und Seminarzentrum.

Reist man in der Architekturgeschichte ein weiteres Mal zwei Jahrhunderte in Richtung Gegenwart, wird einem der wiederholte Beweis erbracht, dass die Menschheit noch immer keines Besseren belehrt wurde. Denn immer noch werden die Pläne aus der Vogelperspektive ausgebrütet, immer noch verliebt man sich in die planerische Ästhetik des Zweidimensionalen. Beispielsweise während der Planungsarbeiten der Großstadt Brasilia. Die Idee einer eigenständigen brasilianischen Hauptstadt gibt es schon seit über hundert Jahren. Doch der endgültige Entwurf geht auf eine gekritzelte Skizze auf einem Stück Papier zurück, das der Stadtplaner Lúcio Costa mit Verspätung der Wettbewerbs-Jury in die Hand drückte. Es war das Jahr 1956. Der „Plano Piloto“ - wie der Grundriss in Form eines Vogels mit ausgebreiteten Flügeln kurzum genannt wird - wurde in planerischer Zusammenarbeit mit Oscar Niemeyer in nur vier Jahren realisiert. 1960 war das Prestigeprojekt der Moderne dann fertig. Zumindest baulich.

Heute leidet Brasilia an katastrophalen demografischen und sozialen Werten. Seitdem das großspurige Kulturdenkmal 1987 in die Unesco-Liste aufgenommen wurde, geht nichts mehr. Der Plano Piloto darf nicht angetastet werden, ein Speckgürtel aus Favelas und Satellitenstädten hat sich rund um die Kapitale angesiedelt. In einem Dokumentarfilm von Jens Dücker heißt es, die brasilianische Normalität habe die Retortenhauptstadt eingeholt. „In alten Städten wirkt eine Atmosphäre aus Geruch und Körperlichkeit. In Brasilia überwiegt das Visuelle.“ Ist das also der nüchterne Siegeszug jener architektonischen Vokabel, die wir Grundriss nennen?

Grundrisse sind nichts anderes als ein Mittel zum Zweck. Sie können funktional sein, sie können soziale Spielregeln determinieren, ja sie können bisweilen sogar ästhetisch sein. Doch letztere Qualität ist eine rein intellektuelle. Denn mit Ausnahme städtischer Freiräume ist die Gesamtform eines Grundrisses niemals mehr rezipierbar - schon gar nicht für einen Laien. Wir wissen, dass die Piazza del Campo in Siena halbkreisförmig ist, dass die Place Vêndome einem Achteck gleicht, und wir wissen nur zu gut, dass es sich beim christlichen Petersplatz um eine symbolische Ellipse handelt.

Doch wer ist schon ernsthaft in der Lage, den Stadtplan von Brasilia durch die reine Begehung zu rekonstruieren? Wer kann das komplexe Gefüge einer barocken Kirche nachzeichnen? Und wer findet sich im Schloss Versailles zurecht?

Wie unwichtig Grundrisse abseits ihrer kommunikativen Funktionalität sind, zeigt sich anhand eines ehemaligen Tempels in der sizilianischen Stadt Siracusa. Im 7. Jahrhundert wurde der griechischen Urform auf brutalste Art und Weise ganz einfach eine Kirche übergestülpt. Eine Art Umbau mit etwas martialischen Spielregeln, die heute - so viel ist sicher - absolut undenkbar wären. Der Experte erkennt im Grundriss gewiss eine Ähnlichkeit, der Laie jedoch verlässt sich auf die optische Erkundungstour durch die zeitlichen Überlagerungen. Und mit Sicherheit - Letzterer wird der Klügere sein.

„Die zentralen Bauten der Architekturgeschichte und -gegenwart sind häufig Gebäudetypen, bei denen die Nutzungsqualitäten hinter den symbolischen Ausdrucksgehalt zurücktreten“, schreibt der deutsche Architekturdenker Riklef Rambow, „zum Beispiel Kirchen, Museen, Konzerthallen und andere Repräsentationsgebäude.“ Was jedoch passiert, wenn die Symbolik überhand nimmt, beschreibt Le Corbusier anhand von Versailles, dem eitlen Projekt von Ludwig XIV.: „Zu Füßen des Thrones legen ihm die Architekten Baupläne in Vogelperspektive nieder, die einer Sternkarte gleichen: ungeheure Achsen, Sterne. Der Sonnenkönig bläht sich vor Stolz, die gigantischen Arbeiten werden ausgeführt.“ Und Le Corbusier lacht sich ins Fäustchen: „Jedoch hat der Mensch nur zwei Augen in 1,70 Meter Höhe über dem Boden, und sie können auf einmal nur einen einzigen Punkt erfassen.“

Der stolze Sonnenkönig ist seiner eigenen Propaganda zum Opfer gefallen. Das Argument mit den zwei Augen ist in der Tat ein hieb- und stichfestes. Selbst die besten Architekten Österreichs werden uns vom Gegenteil nicht überzeugen können. Denn wir nehmen die Welt nicht in Plänen wahr, sondern in unendlichen Blickachsen und verzerrten Perspektiven, in bewegten Bildern und belebten Momenten. Jeder Grundriss ist - sofern er mehr erfüllen möchte als seinen ureigentlichen Zweck des architektonischen Behelfs - nur eine fahle Ästhetik von kurzer Dauer und von geringem Genuss. In diesem Sinne: Liebe Frau S., genießen Sie diese Grundrisse! Denn sie werden die letzten sein, für eine lange, lange Zeit auf dieser Seite.

20. Mai 2006 Der Standard

Flüchtet vor dem iPod!

Ohne Big Brands würde seine Architektur gar nicht existieren. Doch gleichzeitig führt er Krieg gegen den Kommerz: Eric Owen Moss. Gespräch mit einem Hin- und Hergerissenen.

In einem Vortrag sagte er kürzlich: „Los Angeles ist zwar die Stadt der Architekten, aber nicht die Stadt der Architektur.“ Und in der Tat, in der Welt der großen Filmsternchen und der noch größeren Konzerne zu bauen gehört in der Branche der Raumträumer mittlerweile zum guten Ton. Nicht wenige Architekten beugen sich diesem reputationskapitalistischen Diktat.

Architekt Eric Owen Moss ist so einer. Selbst in Los Angeles geboren, wütet er heute quer durch die Stadt (und auch durch viele andere Städte) und baut für langjährige und treue Bauherren ein Bauwerk nach dem anderen. Zu den Auserwählten gehören betuchte Privatkunden, Museumsbetreiber und Fakultäten, vor allem aber Big Brands wie beispielsweise Kodak oder Sony. Und dennoch: Das Leben in L.A. ist hart. Auch für EOM - wie sich der dreinamige Architekt gerne selbst bezeichnet.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb unter einigen anderen ausgerechnet auch EOM als Vortragender für die Post-Graduate-Lehrgänge an die Universität für angewandte Kunst eingeladen wurde? Unter dem Titel „Urban Strategies“ können die hiesigen Studenten für die Dauer von drei Semestern auf ihren späteren Job in den brutalen Mühlen vorbereitet werden. DER STANDARD hat Eric Owen vors Mikrofon gebeten: Wie kann man vom Kapitalismus profitieren? Gibt es noch Visionen im abgekarteten Global Commerce? Und wie lebt es sich überhaupt in der iPod-Generation?

STANDARD: Der Name Eric Owen Moss fällt oft in Verbindung mit großen US-Unternehmen. Sind Sie ein Architekt des Brandings und der Marktwirtschaft?
Eric Owen Moss: Allein schon ein Blick auf die Architekturszene zeigt die wahren Verhältnisse: iPod, Nokia, Motorola oder Kodak. Auf der einen Seite gibt es den iPod-Architekten, auf der anderen Seite gibt es den Motorola-Architekten. Und für mich gilt: Schaut her, ich habe meine Handschrift bei Kodak hinterlassen! Es ist cool, sich mit einer Marke schmücken zu können. Kids machen das auf ihren Sweatern und Schuhen, Architekten machen das in ihrem Werkverzeichnis. Und die Presse springt ihnen wohlwollend hinterher. Nein, ich mag Branding nicht, ich finde Branding sogar schrecklich. „War on Terror“ - das ist ein Brand. Solche Markennamen sind in meinen Augen sehr gefährlich. Aber wahrscheinlich unterstütze ich sie insofern, als ich dieses System nicht boykottiere. Schließlich ist Architektur mein Job.

Die Projekte für Ihren langjährigen Bauherrn Frederick Samitaur Smith sind in Peter Noevers Buch „Visionary Clients for New Architecture“ vertreten. Verlangt Ihre Architektur nach visionären Auftraggebern?
Moss: Keine Ahnung. Es wäre leicht, jetzt ganz einfach Ja zu sagen. Aber das macht uns beide wahrscheinlich nicht glücklich. Daher hole ich aus und frage zurück: Was bedeutet visionär? Derzeit heißt es in Amerika, das Land sei voller Visionen, und man spricht vom so genannten „New Urbanism“. Soll ich Ihnen was sagen? Der so cool beworbene New Urbanism ist purer Nonsens! Da hat man ganz einfach nur einen hübschen Begriff verwendet, um endlich einmal von der nicht enden wollenden Ausbreitung der Suburbs abzulenken. Die Suburbanisierung hat in Amerika niemand mehr im Griff, sie breitet sich aus wie ein Krebsgeschwür. New Urbanism - ha! Und gleichzeitig stirbt eine historische Stadt wie New Orleans. Diese Stadt ist von den Vereinigten Staaten ganz einfach aufgegeben, verlassen, vergessen worden.

Sehen Sie in einem so treuen Bauherren wie Smith so etwas wie die Rolle eines Mäzens?
Moss: Wenn man für Smith arbeitet, dann arbeitet man gleichzeitig erstens für viele Menschen und zweitens bereits für die Presse. Und wenn Sie von Smith sprechen, dann können Sie auch gleich von Sony, AOL, Nike oder Kodak sprechen. Das erklärt vieles. Smith ist ein gutes Beispiel für einen Unternehmer, der Markenarchitektur einkauft, so wie andere Jeans kaufen. Aber ich weiß nicht, ob Smith ein Mäzen im klassischen Sinne ist, denn er profitiert vom Architekten in ähnlicher Weise, wie der Architekt von ihm profitiert. Was er betreibt, ist Architektur mit einem Etikett - das Label ist stets gut ersichtlich.

Sie werden schwach gegenüber Ihren persönlichen Prinzipien?
Moss: Ich denke, dass Architekten grundsätzlich immer schwach sind. Sie versuchen permanent, auf irgendeinen Zug aufzuspringen. Hier ist die Rede von Metabolismus, was eigentlich den Stoffwechsel bezeichnet. Da ist die Rede von Dekonstruktivismus, was eigentlich eine literarische Bewegung rund um Jacques Derrida und um seine Gesinnungsgenossen ist. Und dort spricht man wiederum von der Postmoderne, und diese ist in erster Linie eine philosophische Sichtweise auf das Leben. Sie sehen: Technik, Literatur, Philosophie, Politik und Biologie - sie alle geben den Ton an und rennen der Architektur schnurstracks davon! Vielerorts ist es einfach nur ein ganz eigenartiges Hinterherhecheln, was die Architekten so betreiben und glauben, erfunden und entdeckt zu haben. Man schnappt eine Idee auf und kommt eigentlich sehr bequem an sein Ziel.

Wie bequem ist das Leben eines Eric Owen Moss?
Moss: Es ist schon ein eigenartiges Leben als Eric Owen Moss. Heute hier, morgen dort. Man schwirrt durch die Weltgeschichte, hält jeden zweiten Tag einen Vortrag, jeden dritten Tag bläst man sich auf und verhandelt mit Kunden. Es ist ein Leben zwischen First Class und Business Class. Dieses kosmopolitische Leben birgt eine große Gefahr, mitunter verliert man leicht den Boden unter den Füßen. Denn wenn man ständig an vielen Orten gleichzeitig arbeitet und an jedem dieser Orte neu ist, neigt man sehr leicht dazu, redundant zu werden und sich nur noch selbst zu zitieren. Sie erzählen und bauen immer das Gleiche, Sie reproduzieren nur noch, doch das Publikum ist fortan begeistert. Der Einzige, der irgendwann aufhört weiterzulernen und sich weiterzuentwickeln, sind Sie! Es kostet mich viel Energie, dieser Spirale nicht zu verfallen.

Eric Owen Moss ist den Leuten ein Begriff. Welche Auswirkung hat Ihre Bekanntheit auf die Arbeitsweise? Das Risiko zu enttäuschen wird in dünner Luft immer höher.
Moss: Alle wollen immer nur wissen: What's next? Es geht niemanden etwas an, was als Nächstes kommt. Und daher nehme ich auch keine Rücksicht darauf. Es ist mir egal, wenn ich jemanden enttäusche. Viel wichtiger ist mir, nicht mich selbst zu enttäuschen. Wie ich gerade gesagt habe - das Traurigste überhaupt ist, wenn man beginnt, sich selbst zu zitieren. Also weg mit den Erwartungshaltungen!

Wie machen Sie Ihren Studenten klar, dass sie sich von diesen Erwartungshaltungen distanzieren sollen?
Moss: Man muss höllisch aufpassen, dass man nicht in diese gähnend langweiligen, intellektuellen Diskussionen verfällt, denn sie bringen nichts. Ganz im Gegenteil, Sie müssen Studenten wachrütteln und sie anschreien, damit sie aus ihrem iPod-Schlaf endlich aufwachen! Alle rennen mit diesen weißen Stöpseln im Ohr herum, sind am Handy festgekettet und laptoppen im Stehen und Gehen. Das sind Abonnenten des puren Kapitalismus! Ich sage Ihnen einmal etwas aus meinem ganz verklärten, historistischen US-Blickwinkel auf diese Stadt Wien, die auch schon längst vom Starbucks-Geschwür aufgefressen ist: Wien ist mittlerweile so eine bequeme Großstadt geworden wie jede andere Stadt auf der Welt auch. Sie ist brav und fett geworden. Peter Noever war einst ein gefährlicher Mann, und das wäre er gerne immer noch. Doch das war einmal. Man muss endlich wieder alles daran setzen, dass die Zukunft von diesem geschichtsträchtigen Raum zwischen Wien und Bratislava nicht einzig und allein auf Kommerz basiert. Wenn es nicht gelingt, wieder kritische - also wientypische - Perspektiven zu gewinnen, dann wird diese Stadt nie wieder einen Freud oder Wittgenstein hervorbringen. Das Rezept lautet also: Flüchtet aus dem System, wenn ihr erfolgreiche Architekten werden wollt!

22. April 2006 Der Standard

Wie redet man mit einem Dorf?

Architekten wissen alles, haben immer schon alles gewusst. Doch nun gibt es die Idee, mit Sack und Pack vor Ort zu fahren - und dort gemeinsam mit der Bevölkerung zu planen. Architektur live sozu- sagen.

Molln? Molln! Während man hinter dem Wort auf den ersten Blick einen lautmalerischen Klang aus weit geöffnetem Munde vermuten möchte, entspringt daraus ein kleines, aber feines Dorf irgendwo in der Mitte von Oberösterreich. Den eingefleischten Musikfans ist Molln längst schon ein Begriff, denn schließlich fand hier 1998 das „3. Internationale Maultrommel-Festival“ statt. An die 4000 Maultrommler aus aller Welt haben damals den Weg nach Molln gefunden, um hier - wie man es bereits bei den ersten beiden Malen in Iowa City und im sibirischen Jakutsk gemacht hatte - um die Wette Maul zu trommeln. Doch auch das ist nicht weiter verwunderlich, denn schließlich ist Molln der einzige Ort Österreichs, in dem noch die metallenen Schwing- instrumente - auch Brummeisen genannt - hergestellt werden. Jährlich 300.000 Stück, und das sogar in drei Werken gleichzeitig.

Ansonsten wurde hier auch noch Mel Gibsons Schwert für den Hollywood-Schinken Braveheart geschmiedet. Und: Molln ist seit dem Jahre 2000 offizielle Nationalparkgemeinde mit einem feschen Nationalparkzentrum. Doch mit Superlativen allein kann man nicht leben. Und so ist - am Rande aller Sensationen und Skurrilitäten - Molln ein ganz normaler Ort, wie man ihn in Österreich des Öfteren vorfindet. Mit ganz normalen Problemen und städtebaulichen und architektonischen Wehwehen.

Der Hauptplatz - sofern man die geometrische Mitte des Ortes als solchen bezeichnen kann - wirkt ein wenig unbeholfen und gammelt vor sich hin. In der Mitte steht ganz stolz ein mannshohes Maultrommel-Denkmal aus Bronze und Stein (so wie man das von großen Musikern kennt), rundherum halten ein paar schmucke Blumentröge die Stellung. An der Fassade des Gemeindezentrums ist ein hübsches 50er-Jahre-Relief zu finden, hinter Ruß und Staubpartikel ein bisschen altersschwach vergraut. Daneben prangt die Aufschrift: „Wir formen und verwalten, richten wird der Herr.“

So lange wollte man dann aber auch nicht warten. Denn vor lauter Verwaltungskram ist in den vergangenen Jahren nichts mehr weitergegangen. „Es hat schon viele Konzepte und Ideen gegeben“, erklärt der Vizebürgermeister Josef Illecker, doch bis jetzt habe es immer an den essenziellen Kräften von außen gemangelt, um diese Ideen dann auch wirklich umzusetzen. „Molln ist wirtschaftlich extrem stark und befindet sich am Rande des Nationalparks. Nun ist uns endlich klar geworden, dass wir aus unserem Potenzial auch etwas machen müssen.“

Die Lösung lautet Partizipation. Zwar ist die Teilhabe von Laien an einem architektonischen Planungsprozess längst nichts Neues mehr, doch in dieser Form ist die Zusammenarbeit ein österreichweites Novum. Haben Eilfried Huth und Ottokar Uhl - die Urahnen des Mitmachens - in den 70er-Jahren noch mit den wenigen Eigentümern ihrer Wohnhausanlagen gebastelt und geschachtelt, so kommt hier gleich eine ganze Gemeinde zum Zug. Das waghalsige Kommunal-Konzept stammt vom Architekturbüro noncon:form und stellt einmal mehr unter Beweis, wie treu die Architekten Elisabeth Leitner, Caren Ohrhallinger, Peter Nageler und Roland Gruber ihrem programmatischen Büronamen geblieben sind.

Das Programm ist ganz einfach. Und ganz schön riskant. „Wir packen Computer, Drucker und Papier ins Auto und fahren damit direkt vor Ort“, erzählt Elisabeth Leitner im Sendeformat „Metro“ auf Puls-TV. Auf diese Weise wird direkt mit der Bevölkerung Kontakt aufgenommen, Meinungen werden gehört, Pläne werden geschmiedet. Und das Ganze, ohne permanent von Pontius zu Pilatus und wieder zurückzufahren. Roland Gruber: „Die Bevölkerung äußert einen Wunsch, wir machen daraus eine Idee. Die Bevölkerung sagt uns daraufhin ihre Meinung, und wir können gleich vor Ort darauf reagieren.“ It's just as simple. Daher auch der Projektname „noncon:form vor Ort“.

„Uns war wichtig, so viele Bewohner wie möglich in den Prozess einzubinden“, erzählt Bürgermeister Alois Stein, „es ist schön, ein Architekturbüro gefunden zu haben, das die gleichen Interessen vertritt.“ Und an die Meinung der Bevölkerung kommt nur heran, wer auch imstande ist, einen Dialog im Maßstab 1:1 herzustellen. Der Architekturjargon wurde also in Wien gelassen, und statt der minimalistischen, hauseigenen Architektengrafik regierte einige Tage lang die regionale Excel-Kunst. Weg von allzu cooler Technologie, stattdessen Flip-Chart, Edding und Post-it. Hier lassen sich Architekten tagelang von Fremden auf die Finger schauen, ganz nebenbei decken sie - recht uneitel eigentlich - ein wohl gehütetes Firmengeheimnis auf.

Vier Tage lang wurde in großen und kleinen Gruppen diskutiert, braingestormt, gestritten und erfunden. „Open Space“ nennt sich die ursprünglich amerikanische Ideenfindungsstrategie; hier wurde das befremdliche Wort kurzerhand in „Stammtisch“ umgetauft. Insgesamt 250 Einwohner nahmen an diesen Stammtischen teil. Darüber hinaus gab es zwischendurch Expertenrunden, Gastvorträge, Impulsreferate und viele vage Antworten auf viele konkrete Fragen.

Am letzten Tag dann der Tag der Wahrheit: Molln hat seine Stimme abgegeben.

Die hohe Kunst der Demokratie bedingt, dass sich nicht alle Parteien mit der getroffenen Wahl identifizieren können. Aber eben die meisten. Und damit bietet dieses Planungsmodell all jene Vorteile, die einer architektonischen Planung im stillen Kämmerlein stets verwehrt bleiben. „Studien, Masterpläne und Entwicklungskonzepte arbeiten meist nur mit Plänen und Texten“, erklärt Roland Gruber, „hier haben wir jedoch mit Bildern gearbeitet.“ Die Bilder sind zwar abstrakt, gleichzeitig aber sind sie konkret genug, sodass sich darunter jeder etwas vorstellen konnte.

Gewiss, in dieser einen Woche ist weder ein Haus aus der Taufe gehoben worden, noch gibt es bereits konkrete Pläne für die Zukunft von Molln. Sehr wohl aber sind in dieser Woche Ideen gebündelt worden. Kleinere Projekte sind geboren, Leute haben ihren Verantwortungsbereich erkannt. „Nach der Schlussabstimmung haben sich sofort fünf Leute gefunden, die sich bereit erklärt haben, die Verantwortung für kleinere Projekte zu übernehmen“, erklärt noncon:form dem STANDARD gegenüber, „das ist gebündelte Energie. Man kann sich engagieren und einbringen, und man muss den Mund aufmachen. Ansonsten ist der Zug abgefahren.“

Ein Tag mit „noncon:form vor Ort“ kostet 5000 Euro, Vorträge und Gastredner inklusive. Die tatsächliche Dauer ist abhängig vom jeweiligen Auftraggeber - ob öffentliche Hand, Wirtschaft oder Privatbauherr. Im Falle von Molln waren das vier Tage, denn „so lange braucht es bei einer Gemeinde schon“. Nach Adam Riese ergibt das eine stolze Summe. Architekt Peter Nageler: „Das Entwicklungskonzept eines Raumplaners vertilgt mindestens das Zehnfache. Und dann besteht noch die Möglichkeit einer Ablehnung seitens der Bevölkerung.“ Außerdem erspare man sich den bürokratisch aufwändigen Weg über den Gemeinderat. Und Zeit spart es natürlich auch, denn wo sonst lässt sich binnen vier Tagen ein Leitkonzept entwickeln, mit dem sich die Bevölkerung dann auch identifizieren kann?

„Nun gibt es eine Richtungsweisung, wir sind mit dem Prozess und mit der getroffenen Vorgangsweise sehr zufrieden“, vernimmt man von Vizebürgermeister Illecker, „der Rest liegt nun an uns. Erkennen wir diesen Schritt als Chance?“ Diese Chance kann heißen, das hart erarbeitete Wissen und Wollen als Basis für Ausschreibungen und Wettbewerbe zu verwenden. Sie kann aber auch heißen, im kleineren Rahmen nun selbst anzupacken.

Am letzten Tag gibt es Feedback seitens der Bevölkerung. „Ich möchte mich für die Tage bedanken. Es wurden Dinge aufgezeigt, die eigentlich selbstverständlich sein müssten. Anscheinend wird man im Laufe der Jahre betriebsblind und erkennt die eigenen Qualitäten nicht mehr.“ Ein Blick von außen kann eben Wunder wirken. Mit diesem Ansatz ist es dem Büro noncon:form gelungen, endlich eine Marktlücke zu schließen. Denn Architektur bedeutet nicht nur, Häuser zu bauen, sondern auch zu stimulieren, motivieren und zuhören. Selbst wenn das Gegenüber gleich ein ganzes Dorf ist.

15. April 2006 Der Standard

Nur kein zweites Graz!

Linz an der Donau befindet sich vollends im Kulturhauptstadt-Fieber. Einige architektonische Mammut-Projekte geleiten ins Event-Jahr 2009 - wenngleich auf wackeligen Beinen.

Graz durfte alles. Und nun darf natürlich auch Linz alles. Wer hätte das gedacht, nicht wahr? Zugegeben, es ist schon recht eigenartig, dass justament ein Land mit acht Millionen Einwohnern innerhalb von wenigen Jahren gleich zwei europäische Kulturhauptstädte aus dem Ärmel schüttelt. Denn schließlich ist der zahlreiche Rest von Europa auch nicht zu vernachlässigen.

Warum gerade Linz? Ähnlich, wie man am Grazer Kulturstadt-Krönchen gute 15 Jahre gewerkelt hatte, kam auch die Linzer Idee bereits in den Neunzigerjahren zustande. „1998 hatte Linz den Auftrag, den europäischen Kulturmonat auszurichten“, erklärt Erich Watzl, Vizebürgermeister und Kulturreferent der Stadt Linz, „das war ein erster Probegalopp, ob sich denn Linz auch tatsächlich im Kunst- und Kulturbereich etablieren könne.“

Das konnte es ganz offensichtlich. Am 14. November 2005 erfolgt der endgültige Beschluss seitens der europäischen Kulturminister: Linz wird Kulturhauptstadt 2009. Wer hätte das gedacht? Nicht jedenfalls der Spiegel-Redakteur Wolfgang Höbel, der Linz unlängst als den „Arsch der Welt“ bezeichnet hatte. Linz sei demnach „die Ghetto-Stadt Österreichs, das Härteste, was Österreich zu bieten hat“. SP-Bürgermeister Franz Dobusch ist vergrämt, dennoch: Das halte Linz schon aus. Also noch einmal, warum gerade Linz? „Vor 25 Jahren hat es hier noch Ruß herabgeschneit“, erklärt der 2009-Intendant Martin Heller auf Anfrage des STANDARD, „seitdem hat sich in dieser Stadt viel getan.“ Linz befinde sich heute im allmählichen Wandel zu einer postindustriellen Stadt. Im Klartext heißt das: Tradierte Kultur und Repräsentation im Bereich der Kunst seien bei Weitem nicht so ausgeprägt wie in einigen anderen österreichischen Städten, daher herrsche in Linz eine sehr offene und unvoreingenommene Stimmung.

Das sind doch schon gute Bedingungen für 2009. Und da so ein Kulturstadt-Etikett nicht nur den Tourismus ankurbelt, sondern auch die Bauwirtschaft, hat sich der STANDARD ein wenig umgesehen und fasst nun zusammen, was vor und nach 2009 alles zu erwarten ist.

Die Geschichte um das Musiktheater Linz, dessen vorläufiger Ausgang vorletzte Woche präsentiert wurde, reicht schon knappe 30 Jahre zurück. LIVA-Chef Horst Stadlmayr forderte bereits im Jahre 1977 ein Opernhaus für Linz. Ein geeignetes Platzerl hatte es zwar schon gegeben, doch bis zum ersten Standort-Clinch verging nicht allzu viel Zeit. 1998 schließlich wurde ein zweistufiger Wettbewerb ausgeschrieben, aus dem Architekt Otto Häuselmayer als Sieger hervorgegangen war. Doch Blau sei Dank kam wieder einmal alles anders, die FPÖ trommelte mit medialer Unterstützung der Kronen Zeitung zu einer Volksbefragung zusammen. Das ablehnende Ergebnis - knapp 60 Prozent stimmten am 25. November 2000 mit Nein - war zwar nicht bindend, nichtsdestoweniger senkte ein Politiker nach dem anderen sein Haupt und ließ blaubürokratisches Treiben walten. Nach Auskunft von Architekt Häuselmayer wurden mit dem Veto - das Opernhaus befand sich bereits in Planung - rund 18 Millionen Euro in den Wind geschossen.

Ein neuer Anlauf, ein neuer Wettbewerb. Am 5. April entschied sich die Jury unter Vorsitz von Carlo Baumschlager für das schlichte Projekt des britischen Architekten Terry Pawson. „Wir haben nach einem Projekt gesucht, das nicht nur ein Theater ist, sondern auch städtebauliche Qualitäten aufweist und auf den benachbarten Volksgarten eingeht“, erklärt Baumschlager. 900 Sitzplätze wird das neue Opernhaus fassen, eine Garage ist im Konzept ebenfalls inbegriffen. Die Baukosten belaufen sich auf rund 143 Millionen Euro. Mit einer Fertigstellung bis zum Hauptstadtjahr ist jedenfalls nicht zu rechnen.

Wäre die FPÖ für ein Statement zur Verfügung gestanden, hätte man sie fragen können, wie sie nun dazu steht, dass ein paar Jahre zuvor ein Opernprojekt für rund 110 Millionen Euro wie eine heiße Kartoffel wieder fallen gelassen wurde. Kalkuliert man die damals sinnlos entstandenen Planungskosten mit ein, schlägt sich das aktuelle Verfahren mit rund 50 Millionen Mehrkosten zu Buche. Wenn man sich schon mit Sparefroh-Federn schmücken möchte, ist dies alles in allem nicht unbedingt die wirtschaftlichste Methode, mit Steuergeldern zu hantieren.

Baumschlager: „Wir hätten den Vorzug lieber einem außergewöhnlicheren Projekt gegeben. Aber es ist nun einmal die Aufgabe der Jury, auch die politische Umsetzbarkeit zu bedenken.“ Hätte der Aufsehen erregende Turm von Wolfgang Tschapeller gewonnen, würde man ein weiteres Mal Gefahr laufen, dass sich das politische Szenario von 2000 wiederholen könnte.

Was für 2009 ebenfalls auf etwas wackeligen Beinen steht, ist der Schlosszubau (Baukosten 24 Millionen Euro). Zwar soll laut oberösterreichischem Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) in den kommenden Wochen die Ausschreibung für den Architekturwettbewerb abgeschlossen sein. Doch wenn man - durch Wettbewerbs-Erfahrungen geläutert - kurz die nötigen Zeitspannen zusammenzählt, kann sich eine Fertigstellung bis 2009 wohl kaum ausgehen.

Hinzu kommt, dass das zukünftige Bauareal bis November heurigen Jahres noch von ein paar Archäologen durchkämmt werden soll. „Das gesamte Schlossareal war durch alle Zeiten ein wichtiges Siedlungsgebiet“, erzählt Museumsdirektor Peter Assmann, „wir sind gespannt, was die Archäologen in den nächsten Monaten freilegen werden.“ Na denn!

Und wie steht es um die Erweiterung des Ars Electronica Centers? Den Wettbewerb hat gegen 37 internationale Mitbewerber der Wiener Architekt Andreas Treusch gewonnen. Damit das neue AEC (6500 statt bisher 2500 Quadratmeter) rechtzeitig zur europäischen Kulturhauptstadt fertig wird, müsste der Baubeginn für die 26 Millionen teure Erweiterung noch kommendes Jahr erfolgen. Die neue Form am Linzer Donauufer wird das bisherige AEC verschlucken, was ja an sich keinen großen optischen Verlust darstellt. Ganz im Gegenteil, „der Leitgedanke des Entwurfs ist die Ausbildung eines skulpturalen Gebäudes, dessen Struktur begehbar und somit erlebbar ist“, kommentiert Treusch seinen Entwurf, „die kristalline Form bildet in ihrer Umgebung ein homogenes Ensemble und eine Landmark.“

Über ein mögliches Planetarium (14 Millionen Euro) und über das zukünftige Outfit der Pöstlingbergbahn (mindestens drei Millionen Euro) ist man sich politisch noch nicht einig. Daher endet der Linzer Spaziergang vorerst einmal in der Nähe des neuen Hauptbahnhofs. Hier ist in den vergangenen Monaten bereits der so genannte Wissensturm der Linzer Architekten Franz Kneidinger und Heinz Stögmüller in die Höhe geschossen. Eine euphorische Architekturdiskussion wird das im Auftrag der Stadtbibliothek errichtete Gebäude wohl nicht vom Zaun brechen, aber immerhin: Dieses Gebäude befindet sich nicht nur in Planung, sondern bereits in Bau (Baukosten 28 Millionen Euro). Die Eröffnung des öffentlichen Bildungshauses ist für Herbst 2007 vorgesehen.

Die Summe all dieser Projekte beläuft sich auf rund 240 Millionen Euro. Das ist ziemlich genau das Sechsfache jener Kosten, die für die Abwicklung des eigentlichen Hauptstadt-Events 2009 zur Verfügung stehen (vergleiche Graz 2003: 55 Millionen Euro).

Intendant Martin Heller setzt auf Nachhaltigkeit: „In der Planung und Konzeption ist für uns das Jahr 2010 genauso wichtig wie das Jahr 2009.“ Der kulturelle Eingriff in die Stadt müsse nach Ende der einjährigen Frist weiterhin spürbar bleiben. „Nachhaltigkeitsfragen werden bei derartigen Kunst-Events zwar oft diskutiert, aber an die Radikalität von Linz 2009 kommt so rasch kein anderer heran.“

Rund 120 unterschiedliche Kunstprojekte sind für das Kulturhauptstadt-Jahr geplant. Und fest steht: „Linz darf nur kein zweites Graz werden.“ Die Chancen, die hechelnde Kurzatmigkeit von Graz 2003 nicht zu wiederholen, stehen gut. Gleiches kann man von den architektonischen Gegebenheiten, die den Rahmen der Kulturhauptstadt 2009 bilden werden, indes nicht behaupten.

8. April 2006 Der Standard

Alles, was glänzt, ist Gold

Der Bauherr befiehlt, der Planer führt aus. Dieses klassische Bild der Rollenverteilung hat zeitgemäße Alternativen gefunden, indem etwa Architektur und Development in Symbiose treten. Ein erster Eindruck von „Archilopern“ und „Develekten“, gewonnen in Graz.

„Architektur muss brennen“, haben die Enfants terribles von Coop Himmelb(l)au im Jahr 1980 hinausgeschrien. Und selbst heute noch vernimmt man aus der Architekturszene immer wieder, Architektur müsse fliegen, Architektur müsse dematerialisiert werden - mit einem Wort: müsse geil sein. Das wollen wir doch alle, oder?

Tatsache ist, dass gerade Österreich zu jenen Ländern zählt, in denen das Wohneigentum so langweilig ist wie sonst wo. Kaum geht es um die eigenen vier Wände, finden wir zu unseren konservati- ven Grundzügen zurück. Die Nachfrage bestimmt das Angebot, und dieses zwingt sowohl den Developer als auch den Architekten zu einem Kniefall vor dem Phänomen 08/15.

Das Grazer Architekturbüro Innocad hat sich dieser Schraube entzogen und das Projekt der Träume allein aus der Taufe gehoben. „Die Baulücke in der Grazer Altstadt hat uns schon während des Studiums interessiert“, erklärt Architekt Martin Lesjak, „eines Tages haben wir dann beschlossen, uns dem Risiko zu stellen und die Projektentwicklung selbst in die Hand zu nehmen.“ Im Klartext heißt das, die Abklärung sämtlicher Rahmenbedingungen, der Grundstücksverkauf, die Planung und der Bau bis hin zur Bewerbung sind zur Gänze im Verantwortungsbereich der Architekten geblieben.

Güldene Goldgrube?

„So ein Projekt funktioniert nur über Fremdfinanzierung - die Prozesse sind sehr heikel, und alles in allem bleibt es ein Experiment“, so Lesjak, „und zwar bis zur letzten Minute, bis dann alle Wohnungen verkauft waren.“ Drei Büroeinheiten und fünf Wohnungen sind in dem treffend „Golden Nugget“ getauften Gebäude untergebracht. Alle Wohnungen sind bereits verkauft, im Schnitt hat sich der Verkaufspreis bei rund 2600 Euro pro Quadratmeter eingependelt. Und, hat sich das Golden Nugget als Goldgrube herausgestellt? „Das kann man heute noch nicht sagen, denn die Immobilie wird erst in etwa zwanzig Jahren vollkommen fertigfinanziert sein.“

Das straßenseitig ebenerdige Büro haben die Innocad-Architekten selbst bezogen. Und damit finden sie sich in der glücklichen Situation wieder, nicht nur das Büro, sondern gleich das ganze Haus als Visitenkarte an die Kundschaft bringen zu können. Jedem Grazer ist das Golden Nugget längst schon ein Begriff - und wahrlich: Unauffällig ist das glamourös glitzernde Goldstück in der Grazbachgasse in der Tat nicht. Lesjak: „Gold ist unsere CI-Farbe.“ Denn: „Wir müssen an diesem Standort - am Rande des so genannten Scherbenviertels - mit einem sehr starken Image reagieren.“

Was Innocad in den vergangenen Jahren entwickelt hat, folgt einem Modell, das es in Deutschland seit einem guten Jahrzehnt gibt. Architekt Wolfram Popp ist bereits in den Neunzigerjahren als Developer aufgetreten und hat die allgemeine Auffassung widerlegt, dass es im Wohnbereich nichts mehr zu entwickeln gebe. Sein Estradenhaus in der Berliner Choriner Straße ist der Beweis dafür, dass ein Architekt mehr sein kann als nur ein Architekt. Das loftartige Innenraumkonzept ist mit seinen wenigen Klappschiebewänden radikal - wer weiß, ob ein Bauherr auf diesen Zug aufgesprungen wäre.

Nische für Architekten

Was ist der Grund für diese umfassende Geschäftserweiterung? „Einerseits ist das Phänomen auf die schwindende Auftragslage in Deutschland zurückzuführen, andererseits auch auf den Überschuss an Architekten“, erklärt Olaf Bahner vom Bund deutscher Architekten. Deutschland, Italien und Spanien weisen die größte Architektendichte innerhalb der EU auf, und so haben sich einige mutige Architekten eine Marktnische gesucht.

Keine Rücksicht auf den Bauherrn nehmen zu müssen - ist das wirklich das Paradies? Bahner: „Alles tun und lassen zu können - das sehe ich gar nicht so. Denn auch der Architekt muss auf die Marktsituation reagieren und Rücksicht nehmen, andernfalls bleibt er auf seiner Immobilie sitzen.“

2. April 2006 Der Standard

Dachlandschaft für Esterházys Erben

Aufstockungen sind ein heikles Thema. Doch selbst wenn der Denkmalschutz das Gebäude unter einen Glassturz stellt und vis-à-vis justament das Schloss Esterházy thront, kann man mit dem Bundesdenkmalamt als Partner Modernes tun, wie sich in Eisenstadt zeigt.

Hier sei die Geschichte eines Projekts erzählt, in dem Bauherr, Architektur und Bundesdenkmalamt einen schönen und richtungweisenden Konsens gefunden haben. Die Rede ist vom neuen, wiewohl denkmalgeschützten Hauptsitz der Esterházy-Betriebe in Eisenstadt, geplant und umgesetzt vom Wiener Architekturbüro Pichler & Traupmann. Wo bis vor Kurzem noch ein unscheinbares Kupferdach das ehemalige Quartier der Hauptwache abgedeckt hatte, wurde nun vis-à-vis vom barocken Schlosskoloss Esterházy eine eigenwillig geknickte Dachlandschaft geschaffen.

„Dachlandschaft“ - wird mancher jetzt seufzen - schon wieder so ein vertracktes Architektenwort! Doch in diesem Falle ist das Bild berechtigt. Denn da oben geht es drunter und drüber. Was sich nach außen als Kupferkappe über dem alten Trakt aus dem Jahre 1790 tarnt, birgt im Innern die Immobiliendirektion der Esterházy-Betriebe GmbH.

„Ursprünglich sind wir an die Bauaufgabe sehr konservativ herangegangen“, erzählt Architekt Christoph Pichler, „doch weder wir noch die Behörden hatten Freude mit dem Entwurf.“ Aus dem ersten Scheitern wurde dann ein zweiter Anlauf unter dem Motto „Was würden wir ohne Denkmalschutz machen?“ Das Resultat ist heute zu begutachten: Eine massiv erscheinende Kupferplatte, die von unten von ungeahnten Kräften aufgebrochen scheint. Von der Straße kaum auszumachen, doch ein Hauch des Dekonstruktivistischen lässt sich nicht von der Hand weisen.

Was von bösen Blicken als architektonische Spinnerei abgetan werden könnte, stellt sich schon bald als Sonnen-Reich heraus. Je nach Standort im etwa 60 Meter langen und zehn Meter breiten Dachgeschoß dringt das Tageslicht mal als Streiflicht aus Norden, mal als direktes Hallo aus dem Süden in die Innenräume.

Und auch diese sind im modernen Jargon ausgedrückt, was so viel bedeutet wie offen, offen, offen. Lediglich ein paar Glaswände trennen die unterschiedlichen Zonen voneinander. Die WC-Gruppen und Teeküchen sind in kompakten Boxen untergebracht und kaum zu verfehlen, denn bei den tiefroten Einbauten aus Holzfaserplatten handelt es sich um die einzige Farbgeste. Zu einer der beiden Sanitärboxen führt sogar eine Wendeltreppe hinauf und erschließt ein kleines Refugium.

Fragt sich nur: Wo blieb die Strenge des Bundesdenkmalamtes? „Die Zusammenarbeit hat gut funktioniert“, erzählt Stefan Ottrubay, Generaldirektor der Esterházy Betriebe GmbH und der Esterházy Privatstiftung. „Beim Landeskonservator hatten wir das Gefühl, er sei schon auf die Baustelle gezogen, so viel Zeit hat er hier verbracht.“

Unterm Strich ist der Sitz der Esterházy-Betriebe ein Aushängeschild ganz im Sinne der Unternehmens-Philosophie. Denn auch für die anderen 30 historischen Immobilien, die sich im Besitz der burgenländischen Dynastie befinden, gilt: „Der historische Geist soll erhalten bleiben. Wo das nicht möglich ist, muss man mit neuen Mitteln antworten“, so Ottrubay.

So einfach ist es also, das burgenländische Aufstockungsrezept. Könnte man sich im zwangsbeerbten und weltkulturellen Wien vielleicht ein Scheibchen davon abschneiden?

1. April 2006 Der Standard

Wenn die Zukunft an den Wolken kratzt

Historische und futuristische Eindrücke vom letzten Architektur- congress in Münster. Undein Gespräch mit dem hoch hinausblickenden Leslie E. Robertson, dem Vater vieler Häuser

Vergangenes Wochenende ging in Münster der SFT-Architekturcongress zu Ende. Geredet wurde drei Tage lang über visionäre Architektur, über Innovationen in der Baubranche, vor allem aber über die Zukunft unserer Städte. Höhepunkt der architektonischen Diskussion war ein romantisches und ebenso hochkarätig besetztes Kamingespräch im Rittersaal des kleinen Schlösschens Wilkinghege am Rande der Stadt. Internationale Kapazunder von Kengo Kuma bis Eric Owen Moss teilten sich Wein und Wort, um einer möglichen Lösung unserer unmöglichen Situation näher zu kommen. Hier schrumpft die Erdbevöl- kerung, dort wuchert sie, hier lebt es sich vorbildlich, dort geht man jämmerlich zugrunde.

Einer dieser Redner war ein stiller und freundlich blickender Mann aus New York: Leslie E. Robertson ist zwar auch Architekt, arbeitet jedoch hauptsächlich als Bauingenieur und Statiker mit dem Schwerpunkt Hochhausarchitektur, und das rund um die Welt. Zu seinen technischen Leistungen zählen Wolkenkratzer von Philip Johnson, Cesar Pelli und I. M. Pei. Seine Gebäude heißen Sony Building, Bank-of-China-Tower und Shanghai World Financial Center. Internationale Bedeutung wird ihm nicht zuletzt dadurch zuteil, dass Leslie E. Robertson einst auch das Tragsystem des World Trade Centers in Manhattan berechnet hatte.

Heute klafft ein Loch. Sowohl auf dem Ground Zero als auch in Leslies Herzen. - Ein Gespräch mit einem Genie, das seit nunmehr 50 Jahren backstage werkelt und die Welt um die sagenumwobene und machtumflossene z-Achse bereichert. Ist das also die Zukunft unserer Städte?

DER STANDARD: Der Titel Ihres Münster-Vortrages war „How high can high-rise go?“. Nun, wie hoch kann man gehen?

Leslie E. Robertson: Das hängt von vielen Umständen ab, nicht zuletzt auch vom Investor. Aber um einen Zweifel gleich einmal vorwegzunehmen: Was das rein Technische betrifft, gibt es keinerlei praktische Grenzen. Das ist keine Träumerei, das ist die Realität. Sie sagen uns, wie hoch Sie das Gebäude wollen, und wir berechnen die Tragstruktur. Das klingt jetzt unglaubwürdig, nicht wahr? Nun, ich sage Ihnen: Unglaubwürdig sind Konzepte, die vorsehen, dass man einen Kaugummi bis zum Mond hochzieht und dann in einer Luftblase auf den Planeten herabsieht. Aber mit Beton und Stahl können Sie alles machen. Es ist nur eine Frage des Sinns und der Ästhetik.

Gerade im Fernen Osten wird man das Gefühl nicht los, dass Hochhausarchitektur als Allheilmittel für Überbevölkerung und fehlende Infrastruktur verstanden wird. Ist sie tatsächlich eine mögliche Antwort auf diese Probleme?

Robertson: Die Bevölkerungszahl ist mit Sicherheit einer der Gründe, die die Stadtplanung zu Hochhäusern antreiben. Aber ich sehe die grundlegende Motivation der High-Rise-Architektur nicht so sehr im Technischen und Ökologischen, sondern in erster Linie im allumfassenden Aspekt der Kommunikation. Und um diese Kommunikation im weitesten Sinne geht es schließlich, denn die Städte im Fernen Osten haben alle mit dem gleichen Problem zu kämpfen, und zwar mit dem täglichen Pendeln. In der Früh hin, am Abend wieder zurück. Jeden Tag das Gleiche. Das belastet die eigene Lebensqualität, und das belastet die Qualität der Stadt.

Ist ein Hochhaus nicht auch ein Imageträger?

Robertson: Freilich spielt Image eine gewisse Rolle, aber das sind wenige Ausnahmen von großen Firmen und großen Brands, die ihre Skulpturen unbeirrt in den Himmel ziehen und die der Bevölkerung dadurch im Kopf besser hängen bleiben als andere Beispiele. Den Großteil der hohen Skyline aber bilden unbedeutende und unauffällige Infrastrukturen des Wohnens und Arbeitens. Und genau da muss ich den Developern ein Kompliment aussprechen, denn die pauschale Ignoranz von früher ist längst schon einem großen Verantwortungsgefühl gewichen. Viele Projektentwickler zerbrechen sich mittlerweile sehr wohl den Kopf über soziale und stadtpolitische Konsequenzen ihrer Projekte.

Wie Energie und Ressourcen schonend ist so ein Wolkenkratzer?

Robertson: Sehr! New York City ist eine der am meisten Energie sparenden Städte der Welt. Warum das so ist? Weil das gesamte Leben übereinander gestapelt ist und man sich die gesamte Infrastruktur teilen kann. Und draußen in den Suburbs findet die pure Energieverschwendung statt: Die Häuser verlieren Wärme nach allen vier Seiten, jedes Haus benötigt ein eigenes Herz, was Strom und Heizung betrifft. Hinzu kommt, dass sich die Vorstädter eine Mobilität ohne Auto gar nicht mehr vorstellen können. Selbst wenn es sich nur um einen kurzen Sprung zum Bäcker handelt.

Wie sparsam sind die asiatischen Städte?

Robertson: Natürlich sind Städte wie Schanghai kurzfristig betrachtet Energiefresser, da dort rund um die Uhr gebaut wird. Doch das ist wie ein Kredit, denn langfristig betrachtet wird sich der Aufwand zugunsten der Umwelt gerechnet haben.

Das Stichwort lautet Nachhaltigkeit, denn je länger ich ein Gebäude nutzen kann, desto mehr zeugt das von einer intelligenten und Ressourcen schonenden Planung. Die Statistiken verbessern sich von Jahr zu Jahr. Heute zählen Hochhäuser bereits zu den energiesparendsten Architekturformen überhaupt. Wenn man sich heute Hongkong ansieht - und da ist der große Bauboom bereits abgeklungen -, ist das heute in ökologischer Hinsicht eine vorbildliche Stadt.
Am 11. September 2001 ist ein Teil Ihrer Arbeit eingestürzt.
Robertson: Ich habe gute zehn Jahre am World Trade Center gearbeitet, mehr oder weniger Tag und Nacht. Wenn ich Ihnen sagte, dass mir 9/11 nicht Tränen in die Augen getrieben hätte, dann wäre das ein dumme Lüge. Glauben Sie mir, in so einem Augenblick beginnt man, an seiner eigenen, jahrzehntelangen Arbeit zu zweifeln. Man fasst sich an den Kopf und stellt sich unentwegt die Frage: Woran habe ich in diesen zehn Jahren nur gearbeitet? Ich blicke tagtäglich von meinem Büro genau auf den Ground Zero. Das macht es mir unmöglich, nicht unentwegt an 9/11 zurückzudenken. Ich wünschte, die Türme würden einfach wieder stehen.

Viele Leute rufen mich auch heute noch an und möchten mich treffen, manchmal werde ich sogar zu Therapiesitzungen eingeladen. Ich muss gestehen, das ist zu viel für mich. Ich bin Bauingenieur und Architekt, aber dem großen Unglück von 9/11 bin ich nicht gewachsen. Es tut weh, und mit der Zeit macht es einen verrückt. Bemerkenswert aber ist, dass gerade in den beiden betroffenen Städten - nämlich New York City und Washington D.C. - der Widerstand gegen George W. Bushs „War on Terror“ am größten gewesen ist. Denken Sie doch einmal darüber nach!

War Ihre Karriere zu irgendeinem Zeitpunkt jemals ernsthaft gefährdet?

Robertson: In Hinsicht auf meine zukünftigen Projekte habe ich mit dem Schlimmsten gerechnet. Doch die Arbeit ging weiter. Monate später waren die ersten Gutachten und Untersuchungen zum World Trade Center abgeschlossen. Das Ergebnis war, dass die beiden Türme ausreichend dimensioniert worden waren. Ich weiß, das klingt zynisch. Versuchen Sie, das einmal den betroffenen Familien zu erklären! Aber Tatsache ist, dass das WTC eine sehr redundante Konstruktion aufgewiesen hat. Das heißt, dass man viele Säulen hätte entfernen können, ohne dass das Gebäude dadurch einstürzt. Freilich trifft das nicht auf den Fall zu, dass man alle Säulen einer Fassade entfernt, wie das am 11. September passiert ist.

Sie arbeiten gerade an einem Gebäude, das 2500 Meter hoch werden soll. Traum oder Projekt?

Robertson: Wer weiß das schon! Oft bekommen wir Aufträge von Visionären, die sich ganz einfach gerne nur mit einem bestimmten Gedanken auseinandersetzen möchten. Und dann heißt es: Berechne das einmal für mich! Und das machen wir dann. Die meisten dieser Spinnereien landen in der Schublade. Aber wer weiß, vielleicht bleibt eine diese Spinnereien eines Tages auf dem Schreibtisch liegen.

Am Ende einer Debatte angelangt - wie sieht die Zukunft unserer Städte aus?

Robertson: Die Städte werden weiter wachsen. Unaufhaltsam, auch wenn uns das nicht gefällt. Denn die Weltbevölkerung wächst - international betrachtet - rasant weiter, und die bestehenden Infrastrukturen platzen aus allen Nähten. Das betrifft auch Städte, die wir mit dem Thema High-Rise in erster Linie gar nicht in Verbindung bringen würden. Wenn Sie sich einmal ansehen, wie viele Hochhausprojekte in Mumbai auf ihre Realisierung warten, bringt das Ihren Kopf zum Bersten! Ja, auch das sind Eckpfeiler der Globalisierung. Ich denke, dass unser kapitalistisches Weltbild schon so weit gestrickt ist, dass sich uns ohnehin kein Ausweg daraus mehr erschließen wird.

Fazit also ist: In den großen Ballungsräumen und Megastädten der Welt gibt es nur eine einzige Antwort auf das Wachsen. Und diese lautet: Wolkenkratzer.

18. März 2006 Der Standard

Auf die Architektur-Karte setzen

„Unterschiedliche Architekturstile für unterschiedliche Menschen“, lautet der Werbeslogan der Blauen Lagune. Daher fragen wir im Fertighaus-Jargon: Wo ist das billige Architektenhaus geblieben, gibt es das überhaupt? Hier eine Antwort

In einem schönen, feinen Gärtchen irgendwo in Wien befindet sich seit einigen Jahren ein konzeptionell zugespitztes und feuchtfröhliches Kleinod namens Schwimmbad und Saunahaus. Ja, das klingt wie der Beginn eines süßen Architekturmärchens, hätte es da bloß nicht den Streit zwischen Bauherrin und Architekten gegeben, der die Parteien für alle Zeiten auseinander gerissen hat. Der Grund der Sache: Die überzeugte Anhängerin zeitgenössischer Architektur wollte sich etwas Gutes tun und beauftragte eines dieser coolen Büros aus dem Wien der Jahrtausendwende. Bezahlt hat die Kundin mit einer Kostenexplosion in der Höhe von 250 Prozent.

Bitter. Doch dieser Vorfall ist Bestandteil der beinharten Realität. Architektur mag zwar eine schöne Disziplin sein. Manchmal aber verkommen die Bauherren schnurstracks zu unterdrückten Mäzenen eines teilweise arroganten und schwarz gekleideten Künstlertums, dessen oberste Prämisse nicht etwa die Zufriedenheit aller ist, sondern einzig und allein die eigene Publicity (DER STANDARD berichtete in der Vorwoche). Um den medial eingeschüchterten Geist der Architektur jedoch nicht allzu sehr im Trockenen sitzen zu lassen, wollen wir diese Woche zu einem überraschenden und optimistischen Aber umschwenken.

Schauplatzwechsel. Nicht weit von Graz befindet sich - am oberen Ende eines Steinbruchs thronend - das Domizil der Familie Sablatnig. So viel gleich einmal vorweg: Ein Meilenstein in der österreichischen Architekturgeschichte ist das Bauwerk in Seiersberg gewiss nicht. Aber es ist ein individuell geplantes Haus aus der Feder von Patricia Ibounigg-Strasser, das selbst ein Jahr nach Inbetriebnahme - nach einem ersten Sommer und einem ersten Winter - die Bauherren immer noch mit Glück und Stolz erfreut.

Eckdaten: Vater, Mutter, Kind. Steilhang, Holzriegelbauweise, Niedrigenergiehaus. Und zwei vorgelagerte Terrassen sind sich neben den knapp 150 Quadratmeter Wohnnutzfläche auch noch ausgegangen. Das alles um sage und schreibe 200.000 Euro. Und damit es in der nettohantierenden Szene nicht zu Missverständnissen kommt, sei noch angemerkt, dass hier bereits vom allseits gefürchteten Bruttopreis die Rede ist. „Beim Erstgespräch habe ich nicht daran geglaubt, dass wir das Haus in diesem Kostenrahmen durchkriegen werden“, erzählt der inbrünstige Peter Sablatnig. Doch offensichtlich hat hier eine Architektin ihren Auftrag ernst genommen und diesen gewissenhaft zu Ende gebracht.

Von der Straße birgt das Haus ein gewisses Geheimnis, wie wir es schon von einem ganz, ganz großen Bruder kennen, nämlich von der Villa Tugendhat in Brünn. Der Eingang wirkt bescheiden, auf der einen Seite gibt es einen Carport, auf der anderen Seite verstecken sich ein paar Mülltonnen verschmitzt hinter einem Bretterverschlag. Ein Obergeschoß sucht man vergeblich, stattdessen schließt ein Flachdach das Haus nach oben ab. Wie es die Topografie mit einer Selbstverständlichkeit fordert, findet im Obergeschoß das familiäre Wohnen statt, während im Untergeschoß privatisiert und staugeraumt wird.

Bei den dicken Kunststoff-Profilen, die es mit der bildhaften Rahmung der Landschaft leider allzu gut meinen, zwickt es einen kurz in der Brust. Sablatnig: „Schön sind die Kunststoff-Fenster natürlich nicht, was hätte ich nicht alles gegeben für eine Nurglas-Anlage!“ Kommt Zeit, kommt Geld, die paar Fenster lassen sich in ein paar Jahren auch noch austauschen. So sehen sie aus, die Kompromisse zwischen Substanz und Luxus, die ein Bauherr mit seinem Architekten angesichts so enger Kostenvorgaben eingehen muss. Genauso wie die Tatsache, dass hier nicht unbedingt Klein-Bilbao aus dem Boden gestampft wurde, sondern dass das Haus oben am Berg wahrscheinlich sogar einen Vorarlberger neue Lektionen in puncto Pragmatik lehrt. „Wenn es billig sein muss, fängt alles damit an, wie man die eigenen Arbeitsstunden und die Stunden der Professionisten auf ein Minimum reduzieren kann“, erklärt die Architekturschaffende.

Das klingt alles nicht so sexy, nicht wahr? Und ein Großteil der (architektonischen) Leserschaft ist wahrscheinlich schon kurz davor, die Lektüre zu schmeißen. Wer braucht schon diese billige Immobilienwerbung aus Seiersberg! Doch genau das ist der springende Punkt. Einerseits gibt es die Architektur für die Architekten, doch andererseits haben wir es auch mit der Architektur für die Bauherren zu tun. Leider - das muss man sich eingestehen - sind diese beiden Szenarien in Österreich nicht unbedingt deckungsgleich. Das beweist der schon seit Jahren anhaltende Ansturm auf die Fertighaus-Branche. Rund 350.000 Besucher strömen jährlich in „Europas Hauptstadt der Fertighäuser“, wie sich die Blaue Lagune so hübsch selbst bewirbt.

Wie spannt man den Spagat zwischen Architekten und Laien? Und muss man diesen Weg denn unbedingt schwimmend durch die Blaue Lagune zurücklegen? Ein grober Kostenvergleich und ein kurz gehaltener Spaziergang durch das Fertighausdorf im Süden von Wien brachte am eigenen Leibe nicht nur visuell bedingte Magengeschwüre, sondern auch die Erkenntnis, dass das traute Eigenheim von der Stange nicht zwingend billiger sein muss. Wie man sieht, wollen auch Kompositionen aus Fensterfaschen und schmucke Dachziegel en masse ordentlich entgolten werden. Ganz gleich also, ob die Produkte „Generation X“, „Concept“, „Magic“ oder „Familiy 3000“ genannt werden, müssen sie sich doch ein bisschen anstrengen, um mit einem günstigen und intelligent geplanten Individualhaus vom Architekten mithalten zu können. Einzige Variable bei der Planung nach Wunsch ist die Tatsache, dass es nach oben keine Grenze gibt.

Und da wird es dann wieder interessant für den nicht gerade medienscheuen Architekten der 00er-Jahre: Denn steigt das Budget, dann steigt damit auch gleich das Image. Selbst wenn es sich dabei „nur“ um Einfamilienhäuser handelt, das betonierte Urhaus in Leymen (Herzog & de Meuron) und die Maison à Bordeaux (Rem Koolhaas) kennt wohl jeder.

„Das Haus muss nicht nach allen Mitteln nach außen protzen“, erklärt Ibounigg-Strasser, „gerade bei einem niedrigen Budget ist die innere Qualität sicherlich das Wichtigste.“ Man habe nichts davon, ein schönes Einfamilienhaus entworfen zu haben, das dann die gesamte Familie in Unzufriedenheit stürzt. Auch Architekt Roland Gnaiger, Mediator im ewigen Dilemma zwischen Architekten und Laien, erklärt dem STANDARD gegenüber, man müsse Architektur endlich wieder „als kulturelle, künstlerische Aufgabe und - nicht oder, sondern und! - als Dienstleistung ernst nehmen“. Den Bauherren lediglich als Mittel zum Zweck seines eigenen Architekturschaffens zu verwenden, das werde schon viel zu oft praktiziert.

Da steht man also, gescholten und nicht klüger als zuvor. Von den vielen Architekten, die am Rande ihres bauenden Schaffens auch ein bisschen Theorie betreiben, gibt es einige wenige, die die Meinung vertreten, man müsse nicht mit jedem Projektchen den Pritzker-Preis gewinnen können. Ganz im Gegenteil, im Mittelpunkt stehe der Mensch, zumindest steht dieses einprägsame Satzerl auf jeder zweiten Homepage eines österreichischen Architekturbüros.

Zurück zum Haus Sablatnig in Seiersberg - hier stand der Mensch tatsächlich im Mittelpunkt. Für alle anderen Menschen ist die grau verputzte Hangschachtel wahrscheinlich gähnend langweilig. Auch o. k. „In dem Moment, wo es ums Leben geht, kann man keine allzu großen Experimente eingehen“, erzählt Patricia Ibounigg-Strasser, „gerade bei einem Einfamilienhaus hat man es in der Regel mit Bauherren zu tun, die genau nur einmal im Leben bauen.“ Darauf müsse ein Architekt Rücksicht nehmen können. Das gilt es zu respektieren.

6. März 2006 Der Standard

Identität - der renitente Trotz

Das Architekturfestival Turn On im Radiokulturhaus

Wien - Wieder einmal füllte sich das Radiokulturhaus mit der beredten Disziplin der Architektur. Am Wochenende hatte die Universität für Angewandte Kunst zum vierten Mal zu diesem breit gestreuten Architekturfestival geladen. Mit von der vortragenden Partie waren PPAG, Innocad, Caramel, aber auch etwas personifizierte Namen wie Walter Angonese, Hermann Czech, Peter Cook, Jean Nouvel und viele andere mehr.

An die zwanzig Vorträge - beginnend mit Gedanken zum Wohnbau im außerwienerischen Österreich bis hin zu sozialem Wohnbau und kulturellen Bauten in Wien und Graz - spannten einen weiten Bogen, um damit letzten Endes nur eine einzige quirlige Frage zu beantworten: Gibt es eine Identität österreichischer Gegenwartsarchitektur?

Architektin Elsa Prochazka gewährte Einblick in den bürokratischen Dschungel des sozialen Wohnbaus, in dem sich in letzten Jahren sowohl Ausstattungsqualität als auch architektonische Qualität gebessert hätten. „Wien ist eine Stadt, in der der geförderte Wohnbau eine Selbstverständlichkeit ist, doch im internationalen Vergleich zeigt sich, dass das gar nicht so selbstverständlich ist.“

Auch Adolf Krischanitz beteuerte, dass es sich beim sozialen Wohnbau um ein Unikat handle, das es in der Form fast nur noch in Österreich gibt: „Vom Ausland her wird dieser skeptisch betrachtet, und sogar in Berlin wurde er bereits abgeschafft.“ Wohnbau - dieser anfängliche Konsens hat sich bald verfestigt - ist nicht zuletzt eine Frage des Machbaren, denn die Realität abseits konzeptioneller Träumerei ist hart.

Ist das also die allseits erwartete Antwort, die die Seele der hiesigen Architekturlandschaft auf den Punkt bringt? Den alteingesessenen Denkern ist das zu wenig. Bart Lootsma, Architekturtheoretiker an der Uni Innsbruck, Wolf Prix, Professor an der Angewandten, und Arno Ritter, Leiter des Tiroler Architekturhauses AUT, ließen sich auf eine identitätsstiftende Architekturdebatte ein.

„Man weiß, dass es hier zu Lande keine mehrheitliche Theorie gibt“, erklärte Prix, „doch wenn man internationalen Einfluss haben will, dann muss man sich um eine theoretische Basis bemühen“.

Und das ist offensichtlich leichter gesagt als getan. Denn, so Ritter: „Österreich ist kein theoriefähiges Land.“ Und dennoch scheint sich die österreichische Identität gut zu verkaufen. Lootsma: „Vor 20, 30 Jahren war Architektur noch viel nationaler. Heute sind wir in der Situation, dass wir Architektur gemeinsam vermarkten wollen.“

Im sozialen Wohnbau ist das schon der Fall, wenngleich auf einem Niveau, das auf dem hochkarätigen Podium niemanden so recht hinter dem Ofen hervorlockt. Tatsache ist: Österreichische Architektur ist längst vermarktet und etabliert. Am Ende beißt sich die Katze in den Schwanz, denn Prix hat auf die Identitätsfrage schon eine Antwort gefunden: „Das typisch Österreichische ist das Provinzielle, nie über den Tellerrand hinauszuschauen. Der renitente Trotz ist eine Eigenheit von Österreich.“

18. Februar 2006 Der Standard

Wenn Passivhäuser Wellen schlagen

Auf dem Passivhaussektor hat sich wahrlich einiges getan. Low Energy und Hightech lassen sich heutzutage bereits mit allen Stückeln der High Architecture vereinen. jungerbeer treten mit der Villa K. in der Nähe von Wels den Beweis dafür an.

Vor zehn Jahren noch hat man panisch die Hände vorm Gesicht zusammengeschlagen, wenn in einer Gesprächsrunde das Wort Passivhaus gefallen ist. Da musste man unweigerlich an diese Biogebäude denken, die aussehen wie aus Dinkelmehl und Aloe Vera zusammengeklopft. Das watscheneinfache Rezept: Ein vollverglastes G'schau an der Südfassade, darauf ein schräges Pultdach, das wie ein Baseballkäppi in die Landschaft hinausragt. Mahlzeit.

„Nicht jedes Haus muss lautstark schreien: Hallo ich bin grün!“, hat der Vorarlberger Architekt Much Untertrifaller einmal gefordert. „Je weniger man die Ökologie einem Haus ansieht, desto gelungener ist es. Und genau das ist für viele Fundamentalisten ein großer Jammer.“ Doch diese visuell aufgezwungene Öko-Ära, von der Untertrifaller hier spricht, ist nun endgültig vorbei. Zumindest bei den Architekten des 21. Jahrhunderts. Das Passivhaus der Nullerjahre darf nun endlich auch fesch sein, und es darf auch ein bissl mehr nach Architektur aussehen.

Die Villa K. in Sipbachzell (jungerbeer Architekten) ist so ein Haus. Zwei kolossale Dachschwünge wellen sich über dem Haus, das bis auf eine kleine Rückzugskoje nur erdgeschoßig ausgeführt ist. Allein schon Größe und Proportion - üppige 600 Quadratmeter Wohnnutzfläche auf einer einzigen Ebene - machen es einem schwer, von einem klassischen Einfamilienhaus zu sprechen.

Wohnen in Zonen

Wie soll man dieses Refugium aus nicht enden wollender Flachheit und zwei Wellen darauf denn sonst benennen? „Unsere anfängliche Idee war die einer Landschaft“, erklärt Stefan Beer. „Aus diesem Grund soll das Dach nicht nur dem Innenraum einen Schutz geben, sondern auch eine Klammer für die Wohnlandschaft sein.“ Und in der Tat: Von einer Zimmeraufteilung à la „Trautes Heim, Glück allein“ kann man nicht sprechen. Eher sind es unterschiedliche Wohnzonen, die wie Gassen und Plätze das Gebäude durchziehen.

So gibt es beispielsweise ein Foyer, das sich bald schon in die privateren Bereiche für die Eltern, Kinder und Gäste verzweigt; auch ein großzügiger Arbeitsbereich und ein bebaumtes Atrium haben hier Platz gefunden. Architekt Beer: „Man wandelt durch eine Landschaft von sehr weichen Wänden, hinter denen sich immer etwas Neues befindet.“ Einmal ist dies eine freistehende Sichtziegelwand, ein anderes Mal ist es eine mit Akazienholz vertäfelte Rückwand im Wohnzimmer. Und sogar eine gewagte Komposition aus kräftig angepinselten Wandflächen in den Neonfarben Grün, Orange und Pink ist in diesen Gängen und Gässchen zu finden. Sehr heftig! Die Farben geben einem das Gefühl, sich nachts auf dem hell ausgeleuchteten Times Square zu befinden.

Über dem Wohnzimmer schließlich - Mittelpunkt und Marktplatz der Villa K. - schwebt die imposante Dachwelle, die unter sich bis zu sieben Meter Raumhöhe zulässt. Von hier aus kann man hedonistische Blicke in die Landschaft werfen, und dieser Blick fällt unweigerlich auch auf den eigens ausgehobenen Hausteich.

Fragt sich nur, was daran „passiv“ ist. Stefan Beer: „Natürlich erwartet man sich in der Regel das kleine Passivhaus-ABC, das da lautet: klein, kompakt und wenig Außenflächen.“ Die Villa K. ist - das ist nach wenigen Augenblicken unmissverständlich klar - nichts von alledem. Und dennoch ist es hier gelungen, die Grundregeln der passiven Bauweise anzuwenden:

Das Passivhaus-ABC

Hoch wärmegedämmter Holzbau, viel speicherfähige Masse, überall 3-Scheiben-Isolierglas, Luftdichtheit, kontrollierte Wohnraumbelüftung, Erdwärmetauscher und auf dem Dach ein Mischsystem aus Fotovoltaik und Warmwasser-Kollektoren.

Das gesamte Passivhauskonzept und die Haustechnik stammen vom Österreichischen Institut für Baubiologie und -ökologie (IBO). Der Beweis in Zahlen: Die Eckdaten für ein Passivhaus setzen einen maximalen Heizwärmebedarf von 15 kWh/m2 pro Jahr voraus. Die Villa K. in Sipbachzell ernährt sich jährlich von 14,8 kWh/m2.

11. Februar 2006 Der Standard

Die Ware Landschaft

Schnee schon wieder. Doch der Winter wird vorüber- ziehen und dann wird die Stadtlandschaft wieder einen unverzichtbaren Stellenwert einnehmen. Was Land- schaft so alles bedeuten und beinhalten kann, das zeigt sich am besten anhand der Projekte von heri&salli

Die Frage musste einfach sein. Kaum sitzt man mit heri&salli an einem Tisch, muss man sofort an diese andere Tischszene denken, in der sich halt Harry und Sally gegenübersitzen und - na ja, den Rest kennt man. Aber nein, so versichern Heribert Wolfmayr und Josef Saller, mit dem Hollywood-Spielfilm habe ihr Büroname nichts zu tun. Vielmehr ist er aus der Not entstanden, als man im Zuge des allerersten gemeinsamen Projekts innerhalb weniger Stunden plötzlich auch noch nomenklatorisch kreativ sein musste. Und mit dem Familiennamen alleine tritt es sich auf dem heiß bebauten, österreichischen Architektenmarkt - wie man ja weiß - nicht so gut auf.

Heribert Wolfmayr und Josef Saller haben zwar gemeinsam studiert, doch so richtig aufgespürt haben die beiden einander erst Jahre später. Nach den ersten anfänglichen Konzepten und Installationen hat man eines fernen Tages dann die Liebe zur Landschaft entdeckt. Und zwar in all ihren Facetten. Dass heri&salli ihren ersten Landschaftsversuch justament auf dem Salzburger Residenzplatz verwirklichen wollten, haben ihnen die Bewohner wohl bis heute nicht verziehen. Heri: „Die Struktur unseres Eingriffes war eigentlich nur ein Spiegelbild des Bestandes rund um den Residenzplatz. An dieser einen Stelle wollten wir die Stadt auf ihre alleinige Oberfläche reduzieren, und zwar in Form einer begrünten Fläche.“

Als die beiden Architekten das temporäre Projekt der Stadtverwaltung vorgestellt hatten, machte sich ein tiefer Graben breit. Die Politik, allen voran Bürgermeister Heinz Schaden, suhlte sich anfänglich noch in Begeisterung, die Presse jedoch buhte das junge Vorhaben von Beginn an aus. „Wahnsinn, Rasengag oder Kunst?“, titelten die Tageszeitungen, wobei mit ersterem Begriff vor allem der Salzburger Landeskonservator Walter Schlegel zitiert wurde. Eine dreimonatige Kunstinstallation auf einem historisch gepflasterten Platz mitten in der Stadt? Ein Ding der Unmöglichkeit! Zeitgeist ist auf Salzburgs Plätzen wohl nicht denkbar, was - nebenbei bemerkt - im Jahre 2003 ein weiteres Mal unter Beweis gestellt wurde, als der Künstlergruppe gelatin und ihrem Triumphbogen ebenfalls eine zwar späte, doch glatte Abfuhr erteilt wurde. Wie auch immer, nach knapp zwei Jahren Vorbereitungszeit und nach vielen veröffentlichten Karikaturen in Rage über den Rasen wurde das Projekt von heri&salli nolens volens abgeblasen.

2004 war es dann schließlich so weit. Wenn auch nicht in der Landeshauptstadt, so doch in Bischofshofen. Sechs Künstler und Architekten wurden eingeladen, ihre Vorstellung einer „Wahren Landschaft“ zum Besten zu geben. Grundidee der Initiatoren war es, entlang eines Weges - quer durch das asphaltiere Ortsgebiet und weiter durch den angrenzenden Wald - so genannte wahre Landschaftsobjekte auszuarbeiten. heri&salli: „Dieses Thema in einer gewissen Art von Direktheit und Eindeutigkeit zu formulieren, birgt das Fundament des Scheiterns in sich.“ Warum das so ist? Die wahre Landschaft existiere bereits, wahre Landschaft könne sich daher nur selbst bauen. Die einzige Möglichkeit einzugreifen, bestünde darin, „echte fehler“ zu machen - und schon hat man einen Titel.

Im Gegensatz zu ihren installierenden Kollegen haben heri&salli entlang der gewünschten Route mitten durch Bischofshofen nicht etwa einen weiteren Punkt inszeniert, sondern haben die bereits existierenden Kunstpunkte in Form eines Zebrastreifens miteinander verbunden. Wahrlich, ein vier Kilometer langer Fußgängerübergang hat Seltenheitswert. Vor allem, wenn er über erdigem Boden plötzlich in die dritte Dimension emporwächst und mitten durch den Wald führt. „Ein Zebrastreifen ist ein gewisser transitorischer Code, selbst Orte einer anscheinend völligen Banalität werden dadurch plötzlich interessant.“

700 Zebrastreifen auf den Asphalt zu pinseln - da stellt sich doch unweigerlich die Frage nach der Bodenmalerei. Denn bei aller Liebe zur Konzepthaftigkeit jeder Kunstidee war die Umsetzung in Bischofshofen selbstverständlich ein ganz schön großer Brocken Arbeit. Geholfen haben den beiden Architekten die Schüler und Schülerinnen der beiden örtlich ansässigen Hauptschulen. Statt Werkerziehung wurde im Akkord gepinselt, statt bildnerischer Erziehung wurde großflächig gemalt. Alle hatten Spaß, alle hatten weiß gestreifte Jeans am Ende. Doch genau so sieht sie aus, die Idee der viel zitierten Interdisziplinarität. Im Übrigen wurden die „echten fehler“ für den Adolf-Loos-Staatspreis nominiert, des weiteren wurde das Projekt bei einem japanischen Wettbewerb („A Town Landmark“, Juryvorsitz Toyo Ito) ausgezeichnet.

Was alles passieren kann, wenn man dem Zebrastreifen nicht den nötigen Respekt zugesteht, zeigt sich in der Ausstellung „Niemandsland“ im Wiener Künstlerhaus (2004). Dort bildet ein weißer Opel Kadett nach dem Totalschaden den Mittelpunkt der Installation „Zeit.Punkt“. Ein schwarzer Raster als örtliches Bezugssystem zieht sich über Raum und Karosserie, so schön kann Opel sein! „Niemandsland ist dort, wo Zeit und Ort auf den Nullpunkt reduziert werden“, erklärt Salli, „dieser Moment des absoluten Nullpunkts ist ein Crash.“ Hmm. Einstein hätte mit dem brutalen Umgang mit seiner hoch geschätzten vierten Dimension wohl keine Freude gehabt. Doch es reicht ja, wenn Architekten in den ihrigen dreien schon Meister sind, da muss man sich nicht allseits gewandt auch noch mit der Zeit herumschlagen. heri&salli indes bleiben cool: „Wir sind uns sehr wohl dessen bewusst, dass unser Zugang zu Kunst und Architektur sehr reich an Metaphern ist. Daher ist es auch nicht schlimm, wenn das nicht für jedermann verständlich ist.“

Heribert Wolfmayr und Josef Saller sind Stellvertreter einer neuen Generation voll konzeptioneller Stärke, voll von Biss und Vision. Freilich ist diese Generation auch der Inbegriff konzeptioneller Rebellion und unbeschwerter Unvoreingenommenheit. Ein ähnliches Phänomen war in der österreichischen Architekturszene schon vor einem Jahrzehnt zu beobachten, als die so genannten Boygroups wie Schwammerl aus dem fruchtbaren Berufsboden schossen. Ein Büro nach dem anderen, eines frecher als das andere.

Mit heri&salli zeigt sich exemplarisch, dass nun eine neue Generation dabei ist, sich durch die Kruste des harten Berufslebens zu boxen. Der alten Architektenclique der Graumelierten haben die Emporkömmlinge rund um querkraft, propeller z und awg vor rund zehn Jahren schon mühsamst die Show abgerungen, zumindest einen Teil davon. Nun liegt es an ihnen, den Ball wieder weiterzugeben.

Genau dieser Generation widmete sich eine Ausstellung in der Berliner Galerie Aedes. Unter dem Titel „AustriArchitektur“ haben sieben österreichische Büros an einem gemeinsamen Präsentationsstrang gezogen. Mit an Bord waren auch heri&salli, die sich der allseits verbindenden Ausstellungsarchitektur gewidmet haben. Das immergleiche Problem des geringen Budgets hat aus der Not eine Tugend gezaubert. Zehn Kilometer Infusionsschläuche wurden rot eingefärbt und bildeten den Hintergrund der österreichischen Architekturlandschaft. heri&salli: „Der Raum an sich ist nicht die Architektur, sondern nur eine Ansammlung von möglichen architektonischen Horizonten.“ Wahnsinn, Krankenhausgag oder Kunst? - Architektur.

11. Februar 2006 Der Standard

Alte Halle, voll mit heißer Luft

Bestimmte Unternehmensstrukturen verlangen auch der Architektur so manch Bestimmtheit ab. Was passiert, wenn beispielsweise ein Pneu-Hersteller auf eine alte Backsteinhalle aus dem Jahre 1907 trifft? Ein Umbau von BEHF, Lokalaugenschein in Wien-Favoriten.

Wie verbindet man Alt mit Neu? Nun, da gibt es zunächst einmal die Möglichkeit, mit dem Neuen das Alte zu erschlagen. Dann kann man mit dem Neuen das Alte irgendwie durchbohren. Alternativ kann man sich wie ein UFO bedingungslos draufsetzen. Ach ja, und dann kann man so tun, als wäre man ja gar nicht neu, und tut ganz einfach ein bisschen auf Alt. Diese unethische Mimikry tarnt sich auf dem Immobiliensektor übrigens gerne als „Stilaltbau“. Eine eher fragwürdige Herangehensweise.

Ein gänzlich anderes Schicksal ist einem Backsteinbau aus dem Jahre 1907 widerfahren, Produkt industrieller Stadterweiterung im einst noch dünn besiedelten Wiener Gemeindebezirk Favoriten. Die mittlerweile denkmalgeschützte Halle, in der anno dazumal noch große Baumaschinen gefertigt worden waren, stand die letzten Jahre hindurch leer. Alles, was nicht gerade aus Stahl und Ziegel war, knirschte schon unter dem Zahn der Zeit und moderte vor sich hin.

Mit dem Neubau-Implantat inmitten dieser historischen Backsteinhalle haben die BEHF-Architekten einen mustergültigen Dialog zwischen Denkmalschutz und cooler Sichtbeton-Architektur in Gang gesetzt. Armin Ebner, das E-Teilchen des Architekturbüros: „Mit dem Bundesdenkmalamt wurde vereinbart, die äußere Erscheinung nicht zu verändern, und an der Fassade nur Substanzsicherung vorzunehmen.“

Alt darf alt bleiben

Auch im Inneren sind die Spuren der Vergangenheit und des Vergänglichen beibehalten worden. Alte Mauer ist nach wie vor alte Mauer, auch der nicht so hübsche Putz darf noch das sein, was er das letzte Jahrhundert hindurch schon gewesen ist. Das Glasdach wird ausgetauscht, die Holzbeplankungen werden erneuert und die Stahlkonstruktion wird nur saniert, wo der Statiker es gefordert hat, ansonsten wird sie sandgestrahlt und lackiert. Fertig.

Doch dann kommt das Neue. Anstelle der alten modrigen Holzgalerie im Obergeschoß gesellt sich nun das rundumlaufende Bürogeschoß aus Beton-Fertigteilen, ganz glatt und sehr sexy. Ein flächenbündiges Fensterband verbindet die Zuschauerloge mit dem Motiv der unten liegenden Hallenmitte. Architekt Armin Ebner: „Als einzig ablesbare Intervention ist von uns die Galerie eingezogen worden. Außerdem ist Beton in diesem Gebäude das einzige Material, das wir neu dazugenommen haben.“ Und das gilt an der Wand genauso wie am Boden und an der Decke.

Fazit dieses architektonischen Eingriffs: Im Erdgeschoß eine alte Industriehalle, darüber fesch geschniegelte Büroräume. Hier ein schöner Neubau, dort hingegen altbewährte Altbauspuren, die sich schon vor längerer Zeit abgezeichnet haben. Fragt sich letztlich nur, wer mit so einem speziellen Raumprogramm und mit so einem zielbewussten Konzept etwas anfangen kann.

Raum für Luftschlösser

Balloonart Vienna nennt sich der neue Hausherr dieser Liegenschaft in der Wiener Siccardsburggasse. Was das Unternehmen macht, lässt sich mit zwei Worten erklären: heiße Luft. Und zwar in Form von herumkreisenden Zeppelinen, frei schwebenden Werbeträgern oder auch in Form diverser pneumatischer Konstruktionen.

Auf den Büroalltag umgemünzt heißt das, dass im Obergeschoß hauptsächlich verhandelt, telefoniert, entworfen und genäht wird, während in der großen Halle die angefertigten Sonderkonstruktionen im Anschluss daran zur Generalprobe kurz noch aufgeblasen werden, ehe sie abheben und in die himmlischen Gefilde der jeweiligen Auftraggeber entschwinden. Auch knatschbunte Hüpfburgen sind in dieser Manipulationshalle schon so manches Mal herumgestanden.

BEHF spricht von den gleichermaßen funktionalen Trennungen wie optischen Verbindungen innerhalb des neuen Firmenstandorts. Alexander Munninger, Bauherr und Geschäftsführer von Balloonart Vienna: „Ich hatte von Anfang an das Gefühl, BEHF beschäftigt sich tatsächlich mit dem Projek. Die anderen Architekturbüros haben teilweise nur UFOs präsentiert.“

Alte Halle, endlich wieder neu. Keine Frage, das ist eine sehr maßgeschneiderte Aufgabe. Doch wenn es Luftschlösser in Sonderanfertigung gibt, warum dann nicht auch Architektur?

4. Februar 2006 Der Standard

Zurück in eine schwebende Zukunft

Eine Holzkiste aus dem Jahr 1963 – natürlich in Vorarlberg. Der Zahn der Zeit hatte dem Wegbereiter des neuen Wohnens schon stark zugesetzt. Heike Schlauch und Robert Fabach vom Architekturbüro raumhochrosen haben das Kleinod gefühlvoll saniert und erweitert.

Blob oder Box? Das ist eine Frage wie kalt oder warm, wie schwarz oder weiß. In einem Architektenleben – so scheint es – muss man sich eines Tages wohl oder übel für das eine oder andere entscheiden. Außer man betreibt sein Architekturbüro in Vorarlberg, denn da wird einem die Qual der Wahl abgenommen: Das Ländle ist unblobbig.

Eine von diesen vielen hölzernen Kisten, die in Vorarlberg anzutreffen sind, steht in Dornbirn. Und zwar schon seit 1963. Es handelt sich dabei um das Erstlingswerk des Roland- Rainer-Schülers Gunter Wratzfeld, um das Haus Watzenegg. Logisch strukturiert, großflächig verglast und dunkel beplankt stellt es weithin ein Musterbeispiel der „Vorarlberger Bauschule“ dar, die sich in den 60er-Jahren um neue Konzepte für eine qualitativ hochwertige und dennoch preisgünstige Wohnarchitektur bemüht hatte.

Sperriger Charme

Doch die Ästhetik der 60er- Jahre ist im Laufe der Zeit recht sperrig geworden, so richtig erschließen wollte sich einem der Charme des einstigen Kleinods trotz aller gestalterischen und funktionellen Qualität schon lange nicht mehr.

Andrea und Stefan Grabher haben sich der etwas angejährten Holzkiste mit Optimismus angenommen, über Empfehlung landete das Ehepaar, das sich beruflich selbst mit Wohnen und Einrichten befasst, schließlich beim Architekturbüro raumhochrosen. Zu den klassischen Bauherrenwünschen wie beispielsweise Erweiterung der Nutzfläche und Anpassung an den heutigen Stand der Technik gesellte sich jedoch noch ein weiterer, und zwar die originalgetreue Rekonstruktion des noch jungen, aber doch schon historischen Gebäudes.

Dialog mit der Zeit

„Die Arbeit mit vorhandener Bausubstanz bedeutet für uns vor allem Dialog“, erklären die beiden Architekten Heike Schlauch und Robert Fabach, „und zwar Dialog mit der Gestaltungswelt des vorangegangenen Planers, mit dem kulturellen Umfeld einer historischen Zeitspanne, aber auch mit dem Zeitgeist.“

Um sich zu vergegenwärtigen, was dieser theoretische Ansatz in der praktischen Handhabe heißt, sei Folgendes kurz umrissen: Sämtliche überkreative Eigenbau- und Anbau-Ausgeburten der letzten Jahrzehnte, die das ursprüngliche Konzept von 1963 eher verschleiert hatten, wurden kompromisslos entfernt. Eine Art morphologische Katharsis, denn dadurch konnte der Schwebezustand des Holzhauses wiederhergestellt werden.

Flair der Sixties

Das Obergeschoß wurde behutsam saniert, Bestandspläne und alte Fotografien standen dafür Pate. Auf diese Weise ist es gelungen, das typische Flair des 60er-Jahre- Apartments in all seinen Facetten zu behalten und – wo nötig – in seinen Urzustand zurückzuführen.

Eine freistehende Wendeltreppe, dunkler Teppichboden, helles Holz, schwarz lackierte Säumungen um die Türen. Das Bild des oben gelegenen Wohnzimmers flasht wie aus einer anderen Zeit – ein bisschen Wintersportort, ein bisschen Adolf Loos. „Wir haben uns sehr rasch und bewusst von der konventionellen Sanierungsstrategie eines demonstrativen Kontrasts entfernt“, so die Architekten. Nur so sei es möglich gewesen, den stillen Atem der originalen Ordnung nicht zu zerstören.

Im Untergeschoß dann der ultimative Clou in Form einer kleinen Betonkiste, die dem Holzbau sanft untergejubelt und sorgsam bis ganz nach hinten geschoben wurde. Die Auskragung ist groß genug, sodass der Schein des Schwebens gewahrt bleibt. Hinzu kommt die ersehnte Wohnraum- Maximierung mit zwei neuen Zimmern.

Gänzlich ins Erdreich eingeschoben, müssen die Räume mit einer einseitigen Belichtung auskommen, doch das tun sie auch. Die Stimmung ist ein wenig schummrig und erdig, nicht zuletzt durch die Belassung der Sichtbetonflächen im Innenraum. Einzig und allein zum vollflächigen Fenster schließt ein Holzpodest den Raum gemütlich ab.

Keck gedrehte Kiste Im oberen Baukörper ist die Schalung vertikal, in der unten ergänzten Betonkiste war man (auf vorarlbergische Weise halt) etwas keck und drehte die Schalungsrichtung der Holzplanken in die Waagrechte. „Die Akribie der Planung hat sich als sinnvoll erwiesen“, blicken alle Beteiligten heute zurück.

Fazit: Ein großartiges Wohnambiente im respektvollen Sinne alter Vorarlberger Architekturbaukunst, Detailverliebter Spaß fürs Auge inklusive. Im Übrigen wurden dem Haus Watzenegg schon des Öfteren raumhoch Rosen gestreut, darunter auch mit dem Bauherrenpreis 2005.

3. Februar 2006 Der Standard

Das 20er Haus steht vor dem Verfall

Ausstellung über Sanierungspläne beginnt

Die Österreichische Galerie im Wiener Belvedere platzt aus allen Nähten, für die Sammlung des 20. Jahrhunderts gibt es dort de facto keinen Platz. Gleichzeitig steht das 20er Haus im nahen Schweizer Garten seit dem Kunstumzug ins Museumsquartier leer und verfällt.

Belvedere-Direktor Gerbert Frodl, dem eine fortwährende Nutzung des Ausstellungspavillons bereits zugesagt wurde: „Das 20er Haus befindet sich derzeit in einem sehr beklagenswerten Zustand, der von Monat zu Monat schlimmer wird.“ Aus Anlass der seit Langem ausstehenden Sanierung werden ab Freitag dieser Woche sowohl die obdachlosen Kunstwerke der Moderne als auch die Pläne fürs neue 20er Haus in einer Ausstellung im Belvedere der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Das 20er Haus gilt als Meilenstein zeitgenössischer Architektur. Auf der Brüsseler Weltausstellung von 1958, für die das Gebäude von Architekt Karl Schwanzer ursprünglich konzipiert worden war, wurde der Österreich-Pavillon sogar mit dem Grand Prix d'Architecture ausgezeichnet.

1962 sorgte die kühne Konstruktion in Österreich noch einmal für Aufsehen: Auf Anregung des damaligen Unterrichtsministers Heinrich Drimmel wurde der Pavillon im Schweizer Garten wieder aufgebaut und als Museum des 20. Jahrhunderts eröffnet.

Doch die Ära der legendären Vernissagen und Kunsthappenings, die hier stattfanden, ist lange vorbei. Den 2003 ausgeschriebenen Wettbewerb zur seit Langem ausstehenden Sanierung und Erweiterung konnte Architekt Adolf Krischanitz für sich entscheiden, doch bis heute ist die Umsetzung der Wettbewerbspläne nicht komplett ausfinanziert.

Die Burghauptmannschaft als Auslober des zweistufigen Verfahrens konnte für die Umsetzung des Wettbewerbs bis heute rund fünf Millionen Euro zusagen, doch damit sei laut Architekt Krischanitz nur die Grundrenovierung gesichert. Weitere sechs bis sieben Millionen Euro für die Umbauarbeiten und für die Erweiterung des Gebäudes, die für einen funktionierenden Museumsbetrieb erforderlich sind, stehen noch aus.

Finanz-Kick fehlt noch

Derzeit werden dem Vernehmen nach intensive Gespräche mit Interessenten, darunter auch mit Banken geführt. Diese könnten als mögliche Sponsoren dem Projekt den bisher noch fehlenden Finanz-Kick verpassen.

Burghauptmann Wolfgang Beer: „Über den Erfolg des neuen 20er Hauses mache ich mir keine Sorgen, das Objekt steht im Mittelpunkt der Öffentlichkeit.“

[ „Kunst fürs 20er Haus“ - Ausstellungseröffnung am Freitag, 3. Februar 2006, um 19 Uhr, Österreichische Galerie Belvedere, Prinz-Eugen-Straße 27, 1030 Wien. ]

14. Januar 2006 Der Standard

Wie singt der Schwan für Roland Rainer?

Kommenden Freitag eröffnet auf dem Areal der Wiener Stadthalle die neue Halle F. 2000 Sitzplätze fasst der Saal, adrett hingelegt scheint das Gebäude. Doch gibt es auch Platz für respektvolle Zitate inmitten der Eventkultur? Ein erster Spaziergang mit den Architekten Helmut Dietrich und Much Untertrifaller.

Höhepunkt des sozialen Städtebaues in Wien, eine der größten Schöpfungen dieses Jahrhunderts, nicht nur für ganz Österreich, sondern darüber hinaus für Europa." Wir schreiben das Jahr 1958, es ist dies die feierlich geschwungene Rede von Stadtrat Leopold Thaller angesichts der eben eröffneten Wiener Stadthalle. Ein Riesenbauwerk aus Stahlbeton und Glas, eines der kompliziertesten Bauvorhaben der Nachkriegszeit. Fünf Jahre Bauzeit, mit rund 250 Millionen Schilling sind die Baukosten fast doppelt so hoch ausgefallen wie ursprünglich angenommen.

Architekt Roland Rainer hebt in seiner Ansprache hervor, den Menschen als das Maß aller Dinge herangezogen zu haben, und bezeichnet das Veranstaltungsbauwerk als „eine Symphonie der Bautechnik“ und als „Huldigung für das Leben.“

Knapp 48 Jahre später feiert Wien ein weiteres Mal, wenngleich der 2004 verstorbene, ehemalige Stadtplaner Roland Rainer heuer leider nicht anwesend sein wird können. Wieder handelt es sich um einen baulichen Beitrag zum großen Komplex des Stadthallen-Areals, wieder entspringt dieses Resultat einem gewonnenen Wettbewerb. Helmut Dietrich und Much Untertrifaller, die mit dem Wettbewerbsprojekt Nr. 11 vor drei Jahren den Sieg für sich beanspruchen konnten, haben dem Rainer-Bau eine kleine Halle dazugesellt, die nun auf den Namen F hören wird.

Manche kleinformatige Werbebroschüren und diverse Stadtmagazinchen haben nicht einmal davor zurückgeschreckt, die notwendig gewordene Erweiterung des riesigen Event-Komplexes als putziges „Stadthallenbaby“ zu bezeichnen. Doch dagegen kann sich nun einmal kein Architekturbüro wappnen, genauso wenig wie gegen den Zustand, dass sich der Vorhang der Halle F justament für das ABBA huldigende Jenseitsmusical Mamma mia! erstmals öffnen wird. Bitter. Glitzernde Premiere ist am 20. Jänner 2006.

Doch wollen wir hier keine musikalischen Krokodilstränen vergießen, wissen wir doch alle, dass die Disziplin der Architektur an einem bestimmten Punkt immer eine Grenze erreichen muss. Und dann gilt es, jedes noch so anspruchsvolle Werk dem breiten Publikum zu übergeben. Widmen wir uns also jenem Bereich, in dem tatsächlich Dietrich und Untertrifaller das Sagen hatten. „Natürlich haben wir versucht, bestimmte gestalterische Konzepte von Roland Rainer zu übernehmen“, erklären die Architekten gegenüber dem STANDARD, „so konnten wir ein kohärentes Ensemble schaffen, ohne zwangsweise auf den 50er-Jahre-Zug aufgesprungen zu sein.“

Konkret heißt das - und das ist für einen zeitgenössischen Bau innerhalb der kurzlebigen Eventkultur eine ziemliche Seltenheit: Die kleine Halle von Dietrich Untertrifaller bauscht sich nicht zu einem lauten Hallo auf, sondern überlässt den Vorrang nach wie vor dem Roland-Rainer-Bau. Ein feines Zitat der Moderne, ohne dass ihnen in den bösen Wogen der Retromanie das Steuer entglitten wäre. Kein unnötiger Wulst, kein aufgeblasener Blob - solcher Zierrat aus der Feder eines Vorarlberger Architekturbüros hätte auch verwundert.

Das einzige tatsächliche Rufzeichen ist ein rotes F, das als freistehende, serifenlose Skulptur dem Neubau aufgesetzt wurde und nun den Namen der neuen Halle nach außen trägt. Der Bau selbst prahlt nicht nach allen Regeln der Entwurfskunst, mit irgendwelchem 3-D-Programm generiert worden zu sein, sondern hat - ganz nach Tradition der CAD-losen Zeit etwas Geknicktes, etwas Geschnitztes. Auch das kann als gewisser Tribut Roland Rainer gegenüber gedeutet werden, der für die große, morphologisch auch nicht unspannende Stadthalle einst an die tausend Pläne hatte fertigen müssen.

Die Stadthallenerweiterung ist sicherlich mehr als viele andere Realisierungen ein städtebauliches Projekt gewesen, das den bestehenden Komplex von Roland Rainer als Impuls aufgenommen hat", erläutern Dietrich Untertrifaller ihre Absichten. Doch wie ist es um die Halle bestellt, wenn man das Terrain der urbanen Großmaßstäblichkeit nun endlich hinter sich lässt und sich an das Herz des Gebäudes heranpirscht? Während die Architekten im Außenbereich stadthallengrau geblieben sind, haben sie in den Innenräumen zu einer wärmeren Farbskala gegriffen. Sämtliche Vorbereiche und die rundumlaufenden Foyers sind an den Wänden und an Boden und Decke in gedämpfter Akazie gehalten. Um sich den Farbton etwas zu veranschaulichen: Man fühlt sich geborgen wie in einem luxuriösen Zigarren-Humidor, so als wäre das Deckelchen über einem geschlossen worden. Genau dieser Luxus ist es auch, der den Leuten vermittelt wird, wenn sich der eigentliche Zuschauerraum ins Foyer stülpt und dort seine volumetrischen Spuren hinterlässt. Tiefes Rot an den Außenwänden des Saals, da spürt man, was der Begriff „Baukörper“ alles bedeuten kann. Und man kann es gar nicht missverstehen, Helmut Dietrich und Much Untertrifaller haben sichtlich Freude gehabt, den Zuschauerraum als Herzstück der neuen Halle F zu zelebrieren und hier die Formensprache der Außergewöhnlichkeit walten zu lassen.

Man betritt die Halle mit gestrecktem Rücken und einer derartig erhabenen Eleganz, die man am eigenen, schreibtischgeräderten Körper gar nicht für möglich gehalten hätte. Man betritt die Halle, als würde man hinter dem Vorhang schon einen sterbenden Ballett-Schwan erahnen, als würde man hinter dem Bühnenvorhang das von Hermann Nitsch gegossene Kulissenbild zur bibeldramatischen Hérodiade vermuten.

Wahrlich blutrot, als monochrom eingefärbte Schatulle entpuppt sich der Saal. Roter Teppich, rote Wände, rote Sitze. An die zweitausend Stück davon. Auffällig ist die Tatsache, dass der Raum mit einer sehr geringen Neigung auskommt und dass von allen Sitzplätzen perfekte Sicht auf die Bühne herrscht. Als besonderen Clou zur Umgehung der meist unerträglichen Hitze und Stickigkeit während der Theateraufführungen haben sich Dietrich und Untertrifaller eine ausgefuchste Belüftung des Saals einfallen lassen: Anstatt durch gewöhnliche Gitter im Randbereich des Saals strömt die frische Zuluft direkt aus den Stuhlbeinen und sorgt beim Zuschauer auf diese Weise für eine permanente kühle Brise während des Kunstgenusses.

Am Komplex der Wiener Stadthalle wurde bis weit in die Siebzigerjahre hinein gebaut. Es zeugt von einem gewissen Weitblick, dass es Rainer trotz aller Plastizität gelungen ist, eine dicht bebaute Stadthallen-Zukunft nicht auszuschließen. Die bisher letzte Ausbauphase ist nun abgeschlossen. Und man fragt sich, warum es die Halle F nicht immer schon gegeben hat.

Roland Rainers Schwanengesang - als solchen könnte man es jedenfalls bezeichnen - war sein letztes Buch unter dem Titel Das Werk des Architekten - Geplant Errichtet Verändert Vernichtet. Den Vorarlberger Architekten Dietrich Untertrifaller ist es mit diesem Projekt jedoch gelungen, den fahlen Nachgeschmack des Buchtitels zumindest eingedenk Roland Rainers zum Positiven zu wenden und das Postulat aufzustellen: „Geplant Errichtet Ergänzt Verdichtet“.

Mit dieser Geste ist die so schwer fassbare Disziplin des Städtebaus um neue Aspekte der Rücksichtnahme und des Wertschätzens bereichert worden. Auch wenn Roland Rainer selbst sich gegen den öffentlichen Wettbewerb um die Erweiterung „seiner“ Stadthalle gesperrt hat, da so manche Skizze zu diesem Thema schon in seiner Lade gelegen hatte, so gibt es doch einen schönen Ausklang auf der Bühne der nunmehr realisierten Halle F. Und der klingt besser als das sich an den Kopf fassende Mamma mia!. Denn die kleine, neue Stadthalle hat den leeren Ort im Märzpark mit souveräner Selbstverständlichkeit aufgefüllt. Ein Projekt, das als stiller, wenngleich hypothetischer Schwanengesang unter Umständen auch aus Rainers Brust zu hören gewesen wäre.

31. Dezember 2005 Der Standard

Wo es sich brüstet

Was verbindet Julia Capulet, Hans-Dietrich Genscher und Benedikt XVI.? Sie alle standen auf einem Balkon, als sie etwas Wichtiges zu sagen hatten. Der Balkon: unersetzlich in der Historie genauso wie zu Silvester. Rechtzeitig zum Jahreswechsel also eine Ode an Balkonien

Luxusgut, Freiheitstraum und Immobilienhit: Die Rede ist vom Balkon, von jenem Gebäude-Anhängsel, das jeder haben muss, obwohl es niemand braucht. Doch wer denkt da nicht träumerisch an Romeo und Julia, an dieses kitschtriefende Bild, in dem lediglich ein winziger Balkon (und eine rabiate Sippschaft im Nacken) den Kavalier von seiner Dame trennt? Wer denkt da nicht - wem Verona zu weit erscheint - an Ulrich Seidls zutiefst wienerische Hundstage, an denen Mann und Frau teintbegierig in der Sonne brutzeln? Dann einmal ein bisschen Kräuter rupfen, Balkon-Frühstück servieren, spätabendlich schließlich Gelsenschwärme in toxische Wölkchen einsprühen.

Doch kaum ist der Sommer in weiter Ferne, was Ende Dezember zweifelsohne der Fall ist, scheint das einst noch pelargoniengesättigte Blumenbild wie weggewischt. Stattdessen reiht sich ein Outdoor-Abstellraum an den anderen, prall gefüllt mit Sommerreifen, gestapelten Gartenstühlen und feinstaubverhüllten Holzrodeln, die schon dem ersten Schneefall entgegeneifern. Ein architektonischer Nichtsnutz also? Ein Trugbild unserer sommerfrischen Sehnsüchte in einem Land, in dem die kühle Brise der Herr des Wetters ist?

Aber nichts davon, ganz im Gegenteil erweist ein kleiner Rückblick in die Geschichte, wie entscheidend der so bezeichnete „offene Austritt an Gebäudeobergschoßen“ schon immer gewesen ist. Man kann es nicht ändern, die Definition in Reclams Kleinem Wörterbuch der Architektur ist von der Sinnlichkeit des Shakespeare-Dramas nun einmal meilenweit entfernt. Wichtiger Nachsatz: „Meist auf Deckenvorkragungen mit Brüstungsabschluss nach außen.“

Genau diesem Phänomen schließlich verdankt der Balkon sein historisches Erbe, ist er doch irgendwo zwischen dem Drinnen und dem Draußen an das Haus geheftet. „Vielleicht ein Ort des Heraustretens aus sich, aber nicht, um sich von seinem seelischen Selbst zu verabschieden“, schreibt Christoph Leitgeb in einem Essay, „sondern um in der Distanz zum Zeichen zu werden für das Ganze des Gebäudes.“

Gleich zwei Mal hat der Balkon heuer als jener rühmliche Ort fungiert, der offen genug ist, um sich dem Publikum zu präsentieren, der andererseits aber auch wieder durchaus verschlossen auftritt, indem er die repräsentative Kulisse des jeweiligen Bauwerks hinter sich hat. Es war der Balkon am Petersdom, wo Joseph Ratzinger am 19. April 2005 zum ersten Mal Benedikt XVI. war. Feierlich drapiert, im Hintergrund die Staffage des geistlichen Weltzentrums, in der Nähe der Sixtinischen Kapelle, aus der kleinweise weißer Rauch herauspuffte.

In Österreich indes hat man des Staatsvertrags gedacht. Rechtzeitig zum Gedankenjahr 2005 sind einige Plastikduplikate des Belvedere-Balkons auf Österreich-Tournee gefahren, genau genommen eines pro Bundesland. Von einem Autokran in die Höh' gehievt, konnte der streng gedenkende Österreicher den Platz des ehemaligen Außenministers Leopold Figl einnehmen und bei Belieben aus tiefster Inbrunst „Österreich ist frei!“ herausschreien. Heute steht der in der Zwischenzeit ausgediente und ausrangierte Beitrag der „25 Peaces“ in mehrfacher Ausfertigung auf dem Gelände des Schlachthofs St. Marx. Ein zwittriges Objekt vor einem feinen Restaurant, unwissend, ob es nun als Werbeträger oder schlichtweg als Kultursondermüll sein Dasein fristen wird.

Was hat man nicht schon alles geboten bekommen auf Balkons! Romy Schneider vergnügte sich im ersten Teil der Sissi-Trilogie (Österreich 1955, Regie Ernst Marischka) mit Karlheinz Böhm in der Rolle von Kaiser Franz Joseph auf dem - wie könnte es anders sein - Balkon. Das frisch vermählte Brautpaar Lady Diana Spencer und Prince Charles boten im Juli 1981 den jubelnden Schaulustigen einen Kuss auf dem Balkon des Buckingham Palace, der fürwahr in die Geschichte des Schmusens einging.

Anders in Spanien anno 2004: andere Zeiten, andere Länder, andere Sitten. Das spanische Brautpaar Letizia und Felipe spannte die neugierige Schar vor der Fassade des Palacio Real auf die Folter, zum heiß ersehnten Kuss auf dem Hoffnungsträger Balkon kam es nicht, Felipe gab seiner Frau lediglich ein Küsschen auf die Wange.

Doch abgesehen von Lippenspielen und Glamour bleiben auch andere Balkonszenen unvergesslich, die etwas mehr Einfluss auf den Lauf der Geschichte haben sollten. Wie wären beispielsweise die Recherchen rund um den Watergate-Skandal weiterverlaufen, hätten Mark Felt und Bob Woodward nicht den Balkon als subtiles Kommunikationsmedium verwenden können? Ein kleiner Blumentopf auf dem Balkon, darin ein rotes Tuch. Allein die jeweilige Position des Blumentopfes gab dem Informanten „Deep Throat“ Aufschluss über die Dringlichkeit eines geheimen Treffens. „Wie er täglich meinen Balkon überwachen konnte, ist für mich noch immer ein Rätsel“, erklärt Woodward in seinen Erinnerungen an den Watergate-Skandal, „mein Balkon hätte von dutzenden Wohnungen und Büros aus gesehen werden können, soweit ich das beurteilen kann.“

Wann etwa würde die Berliner Mauer unter der politischen Last nachgegeben haben, hätte der Lauf der Geschichte auf die historische Prager Balkonszene am 30. September 1989 verzichten müssen? „Liebe Landsleute“, leitete Außenminister Hans-Dietrich Genscher damals seine Rede ein, „wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“

Staatsverträge und vereinigende Geschichtsschreiberei auf der einen Seite, Prominente, Royals und regelmäßig der Öffentlichkeit präsentierte Neugeborene als Zeugen blaublütigen Familienglücks auf der anderen Seite. Da stelle noch jemand die Wichtigkeit des architektonischen Attributs namens Balkon in Frage! Unter diesem historischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkt stellt der Balkon seine baulichen Vettern Loggia und Terrasse gehörig in den Schatten, wenngleich der Balkon - im österreichischen Wohnbau zumindest - der einzige der drei Freiräume ist, der nicht der Wohnnutzfläche zugeschlagen wird. Minderwertig und minderbemittelt, a priori dazu verdonnert, allwinterlich als jämmerliches Gerätschaftsdepot missbraucht zu werden? Da scheint es nicht weit hergeholt, wenn diesen Balkon das gleiche Schicksal ereilt, wie es um jenes bauliche Beiwerk in Thomas Bernhards Stück Elisabeth II. (1984) bestellt war, als die steinerne Platte unter der Last der allzu großen Menschenschar nachgab und in die Tiefe stürzte.

Ein Balkon ist eben mehr als nur ein simpler Freiraum, der der Wohnung sozusagen gratis und nutzflächenindifferent zugeschlagen wird. Ein Balkon ist vielmehr ein städtisches und historisch gefestigtes Symbol, das wie der Bug der Titanic aus dem Haus herausragt und Loge wie Bühne in sich vereint. Zurückgezogener Schauplatz der stillen und heimlichen Voyeure zwar, doch im gleichen Atemzug auch schamlose Plattform von publicitysüchtigen Exhibitionisten. Und mehr noch gilt der Balkon als hochkulturelles Objekt der Begierde in Kunst und Politik, während er uns auch Ruhe und Entspannung beschert.

Genug der verwirrenden Theorie. Am Ende eines Jahres voller Päpste und Möchtegern-Figls zwischen Rom und der Provinz ist nun endlich Spaß angesagt. Ein Balkon zu Silvester - das mag sich als durchwegs praktisch erweisen angesichts so mancher Raketen- und Feuerwerkslaune, die dieser Tage unter uns grassiert. Gilt doch der Jahreswechsel als wahrscheinlich einziger Zeitpunkt im klirrend kalten Winter, zu dem das oftmals begehrte Sommerrefugium zur Abwechslung einmal einem bombastischen Nutzen näher gebracht wird. Auf dass es zische und knalle!

Gar so leicht ist das Zielen in den Himmel dann allerdings auch wieder nicht. Kaum hat man sich's versehen, kann es einem schon so gehen wie einst dem echten Wiener Edmund Sackbauer, dessen Feuerwerksversuch den Himmel gar nicht erst erreichte und stattdessen ein Fenster im Haus vis-à-vis zum Bersten brachte: „Die is danebengangen.“ Doch Mundl hatte ja auch keinen Balkon.

24. Dezember 2005 Der Standard

Am Sonntag wird gerastet

Justo Gallego und sein Lebenswerk am Rande von Madrid - Zwischenbilanz nach 42 Jahren. Ein Lokalaugenschein.

Justo Gallego trinkt immer Wasser mit Zucker, jeden Tag, und das schon seit Jahrzehnten. Dies sei gut gegen Muskelkater, meint er. Und wenn man sich den autodidaktischen Baumeister genau ansieht, dann weiß man recht bald, dass Justo schon viele Muskelkater überstanden haben muss, seine stark zerfurchten Hände verraten es. Seit nunmehr 42 Jahren baut er im Alleingang an einer Kathedrale, welche die konservative Tageszeitung El Mundo als eines der bedeutendsten Bauwerke der Gegenwart gerühmt hat. Ort des Geschehens: Mejorada del Campo, ein nettes Städtchen im östlichen Irgendwo von Madrid. Ein Hauptplatz, ein Kreisverkehr, eine Kathedrale - was will man mehr.

Fragt sich nur: Wie kommt man auf die Idee, eine Kirche zu bauen, so ganz allein? Ursprünglich war Justo Gallego glücklicher Mönch im Kloster Santa María de la Huerta gewesen, doch zehn Jahre später erwies sich Santa Maria als scheinheilig und schickte den überzeugten Kleriker aufgrund seiner Tuberkulosekrankheit zurück ins weltliche Exil. Das ist wahre christliche Nächstenliebe - allemal den anderen gegenüber. Genesen und voller Tatendrang, beschloss Gallego kurzerhand, sein gesamtes Hab und Gut zu verkaufen und die Grundstückserbschaft seiner Eltern anzutreten. In der Ära Franco noch durfte jeder bauen, der Grund und Geld hatte. Damit also war die grundlegende Idee geboren, sich sein eigenes Gotteshaus zu erschaffen.

Keine heilige Maria zwar, aber immerhin einen so genannten „Templo consagrado a la madre de Dios Nuestra Senora del Pilar“ hat der heute 80-jährige Gallego innerhalb von 42 Jahren auf die Beine gestellt - in Grundzügen zumindest. Der Rohbau steht, könnte man sagen. Der Rest der Geschichte ist erfinderischer und bodenlos kreativer Baustellenalltag, wenngleich die Bezeichnung „Tag“ für eine Zeitspanne, die an mittelalterliche Bauvorhaben denken lässt, einem ein wenig absurd erscheint. Justo arbeitet sechs Tage in der Woche, bis zu 15 Stunden am Tag. Am siebenten Tag rastet er wie dereinst Der da oben und wärmt sich den ganzen Tag an den vielen Ölkanistern, aus denen sommers wie winters Flammenfeuer emporschnellt.

Ist ja auch nicht verwunderlich, das Blut gefriert einem in den Adern: Bis heute hat Justo Gallego keine Unterstützung von Kirche oder Staat erhalten. Vor Kurzem hat der Bürgermeister den Aufgang in das Obergeschoß expressis verbis untersagt. Nicht nur für die vielen Besucher ist der Aufgang versperrt und plombiert worden, auch der Meister selbst muss sich nun einzig und allein mit den Arbeiten zu ebener Erde begnügen: „Ich wollte oben schon längst die Christusfiguren anbringen, doch ich darf nicht mehr hinauf.“ Das Kreuz auf der Laterne ist zumindest schon angebracht.

Die Stadtverwaltung argumentiert mit fehlenden Baubescheiden und einer unzureichenden Statik. Ein ziviltechnisches Gutachten habe es laut einer Dokumentation in „3sat“ zwar schon gegeben, doch man braucht nicht vom Fach zu sein, um das bedenkliche Resultat zu erahnen. Ein bloßer Blick genügt, und man hält über der verwunderlichen Tatsache inne, dass das Gotteshaus überhaupt noch steht. Doch es steht.

„Ich habe kein Geld, aber mit dem Hammer in der Hand gebe ich ein Beispiel für die Menschen.“ Architekten hätten zwar den Titel, meint der baustellenerprobte Praktiker, aber das reiche bei Weitem nicht aus, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Stattdessen liefert Justo seine eigene kleine Enzyklopädie der Baukunst.

Der Kreativmönch hat es immerhin geschafft, sich ein durchgängig eigenes und ausgefuchstes Bauvokabular zusammenzutragen. Gratismaterialien gibt's nicht allzu viel in der Baubranche, und so begnügt sich die Architektur mit wenigen unterschiedlichen Elementen - davon dann aber reichlich. Was in den vergangenen Jahrzehnten offensichtlich zur Genüge vorhanden war, dürfte so eine Art spiralförmige Bewehrung gewesen sein. In unterschiedlichen Radien verwendet, ergibt das ein schier unerschöpfliches Repertoire an architektonischen Details. Die kleineren Radien werden formgebend für Brüstungen, Fensterteilungen und Stiegen verwendet, aus den etwas größeren gelang es Justo, so manche Säule aufrecht zu stellen, die ganz großen Spiralbewehrungen schließlich fristen ihr Dasein als statische Überspannung des Querschiffes.

Auch das, was man im Architekturjargon gemeinhin so trefflich als Wandaufbau bezeichnen würde, bekommt in Mejorada del Campo eine ganz neue Dimension verliehen. Auf technische Perfektion wird gezwungenermaßen verzichtet, gestapelt wird alles, was stapelbar ist. Hohlblockziegel beispielsweise werden ihrer statischen Vernunft schlichtweg beraubt und werden in die Horizontale gelegt. Die Ziegelreihen sind einmal sehr regelmäßig, dann aber auch wieder nicht. Fest steht hier vor allem die Tatsache, dass ohne die hartnäckige Klebkraft des Mörtels die gesamte Kathedrale wahrscheinlich unter der Last des Irdischen zusammenfallen würde.

Manchmal werde ich mit Antonio Gaudí verglichen", erzählt Gallego in einem Interview, „aber mich deshalb als Künstler zu bezeichnen? Das geht doch nicht.“ Enthaltsamkeit kennt eben keine Grenzen. Schon gar nicht dort, wo sie in das Gebiet des eigenen Stolzes vordringt. Stattdessen konzentriert er seine negative Energie - auch davon hat er genug - auf die grundbösen Journalisten. „Immer diese Journalisten!“ Und für den Rest seiner Verbalattacken reichen die Spanischkenntnisse gerade noch aus, um festzustellen, dass das viele Baustellenmilieu dem Mönch nicht gut getan hat. „Nein, Sie dürfen kein Porträt von mir machen. Sie sehen doch, ich muss arbeiten!“ Viel Zeit bleibe ihm sowieso nicht mehr, da wolle man ihm noch welche wegnehmen?

Man tat es, wie die Fotos unmissverständlich zeigen. Die darauf folgenden Minuten waren reuevoll. Von einem Mann dieses Kalibers, mit blauer Arbeitskluft und roter Kappe des Grundstückes verwiesen zu werden, hat etwas Hässliches an sich. Aber mit einer kleinen Spende kann man sich aus der Verdammnis des publizistischen Fegefeuers wieder freikaufen. Der schrullige Justo steckt es ein und schreitet mit der Arbeit voran.

Im Hintergrund flackert eine Kerze auf dem provisorischen Altar. Einen anderen als diesen wird Justo Gallego in seiner selbst gebastelten Kathedrale - so viel muss man sich eingestehen - wahrscheinlich niemals mehr zu Gesicht bekommen. Der Mönch ist müde und schmerzgeplagt, an manchen Tagen könne er kaum noch seine Arme heben, erklärt er. Doch eines ist sicher: "Ich will weitermachen. Ob ich es je schaffen werde, weiß ich nicht. Doch ich kann nicht aufhören und werde für diese Kathedrale wohl sterben.

18. Dezember 2005 zuschnitt

Balkonien mitten in der Stadt

Neue Umstände verlangen nach neuen Lösungen. Die belgische Stadt Namur beispielsweise kann von dieser Kausalitätskette ein Klagelied singen. Knapp 100.000 Einwohner zählte die nur 60 Kilometer von Brüssel entfernte Stadt, als 1986 beschlossen wurde, Namur zur wallonischen Regionalhauptstadt zu erklären. Mit der Veränderung der Stadt in ein administratives Zentrum gingen freilich institutionelle und stadtplanerische Veränderungen einher, nicht alle nur von positivem Ausmaß.

Mehr Verwaltung und mehr Menschen verlangten in erster Linie – abseits aller architektonischen Überlegungen – nach mehr Raum. Dieser Notwendigkeit Folge leistend, entrückte ein urbaner Aspekt nach dem anderen, neben Menschen mussten in der Stadt schließlich auch noch ihre dazugehörigen Fahrzeuge Platz finden. Erst verschwand daher der Markt auf dem zentral gelegenen Rathausplatz, bald einmal auch noch die umliegenden Fußgängerzonen. Vor ein paar Jahren zog die Stadtregierung der zum Parkplatz gewordenen Stadt die Notbremse, verbannte sämtliche Parkflächen in den Untergrund und schrieb einen Wettbewerb zur Neugestaltung aller öffentlichen Freiflächen aus.

Das atelier 4d konnte das Revitalisierungsprojekt für sich beanspruchen, 2004 wurde die umstrukturierte Innenstadt von Namur feierlich eröffnet. Manche Straßenzüge wurden miteinander wieder verwoben, Barrieren entfernt, Autos unter die Erde verbannt.

»Das Herzstück des neuen Projekts aber bildet die zentral gelegene Place d’Arme. Dany Poncelet und Jean Liard, die beiden Köpfe des Architekturateliers, haben das Unmögliche gewagt und den gesamten Platz – bis auf einen schmalen rundum gepflasterten Streifen – in Holz beplankt. Wieder die vermisste Sinnlichkeit in einen sonst so harten Freiraum der anonymen Stadtlandschaft zu bringen, war die Motivation der beiden Architekten. Und tatsächlich: In der Haptik warm und wohlig vertraut, knirscht der Platz leicht, schwingt bei jedem Schritt ein wenig und ist Teil eines subtil eingearbeiteten Wegleitsystems, doch diesmal auch für Sehende. Drei Brunnen im leichten Abseits, ein halbes Dutzend Holzbänke, das war’s dann auch schon mit der Möblierung.

Die gesamte Konstruktion besteht aus Ipé, einem robusten und strapazierfähigen tropischen Hartholz, das auch Lapacho oder Guayacan genannt wird und in Zentral- und Südamerika wächst. Verlegt wie ein herkömmlicher Industrie-Parkettboden, doch hier ausnahmsweise in einem etwas anderen Maßstab. Um selbst bei Regen eine rutschfeste Oberfläche zu garantieren, befindet sich zwischen zwei aneinander stoßenden Holzplanken jeweils ein schmaler Steg aus Edelstahl, der die glatte Holzebene um einen Hauch überragt. Bei schönem Wetter wird die Place d’Arme zur öffentlichen Terrasse für die Stadt. Während sich die einen dem Sonnenschein hingeben, betreten andere den Platz als Bühne, um ihr skatendes und tanzendes Können zum Besten zu geben. An den Wochenenden hingegen wird er endlich wieder seiner historischen Nutzung zugeführt. In den frühen Morgenstunden beginnt sich der längst schon verloren geglaubte Markt über den neuen/ alten Rathausplatz auszubreiten; das klackende Geräusch der regen Arbeiten auf dem hölzernen Boden gibt selbst dann noch Aufschluss über die Besonderheit der revitalisierten Place d’Arme.

13. Dezember 2005 Der Standard

Zehn Kilometer von Ost nach West

Wenn man eine Galerie betritt, dann erwartet man sich meistens schöne Bilder an schönen Wänden. Im Falle einer Architekturausstellung sind es dann schöne Modelle auf schönen Podesten. Ganz gewiss rechnet man aber nicht damit, über Stahlgerüste und quer gespannte Infusionsschläuche steigen zu müssen.

Doch keine Sorge, was sich wie ein medizinisches Fiasko anhört, ist in Wirklichkeit die Ausstellung AustriArchitektur, die nach Berlin nun Wien angesteuert hat. Kuratorin Lilli Hollein zeigt „Sieben Debüts aus Österreich“ - so der Untertitel der kleinen, aber feinen Schau. Hollein: „Eine klassische Projektausstellung kann man jederzeit machen, doch ich wollte jene wertvolle und kurz andauernde Etappe aufzeigen, die vor diesem Schritt in die Realität stattfindet.“

Hier werden dem Publikum ganz individuelle und persönliche Zugänge zur Architektur präsentiert. Lorenz Potocnik beispielsweise implantiert eine verkleinerte Nachbildung seines Wohnzimmers in den Ausstellungsraum. Siebbedruckt und aufkaschiert sieht man des Architekten Bücherregale, bekommt Einblick in seinen Kleiderkasten, sieht man selbst das Bett und darf zu guter Letzt auch noch in seinem persönlichen Notizbuch schmökern.
Exhibitionismus oder humorvolles Umdenken? „Bei großen Meistern der Architektur wird dieser Privatvoyeurismus gewürdigt, ja nahezu verlangt“, erklärt die Kuratorin, „warum also nicht auch früher?“ Irgendwo hat sich sogar eine kleine Lade mit persönlichen Gegenständen des Architekten versteckt - ein Freibrief für Diebstahl? Das nennt sich dann wohl Interaktion.

Die restlichen Beiträge von raumhochrosen, touzimsky+ herold, synn, span und des poolbar-Festivals werden von einem Ausstellungskonzept aus der Feder von heri&salli, die übrigens auch selbst exponieren, zusammengefasst. Ein sperriges Stahlgerüst mit bespannten Schnüren schafft die unterschiedlichen Raumkojen, in denen sich jedes einzelne Büro nach Belieben präsentieren kann. Was auf den ersten Blick wie ein überdimensionaler Gartenstuhl aus den Fünfzigerjahren aussieht - Sie wissen schon, der mit den färbig umwickelten Gummischnüren - entpuppt sich letzten Endes als handelsüblicher Infusionsschlauch, der eigens rot eingefärbt wurde. Davon nicht wenig, nämlich zehn Kilometer, wurden insgesamt verwickelt.

Nicht ganz so weit davon entfernt, harrt das Semperdepot, in dem noch bis kommenden Samstag die Wanderausstellung Austria West zu sehen ist. Über 70 Projekte von insgesamt 26 Architekten aus Tirol und Vorarlberg werden auf riesigen, aber niedrigen Stahltischen gezeigt und bieten einen Überblick über das außergewöhnliche Schaffen in der titelgebenden Himmelsrichtung dieses Landes.

„Die westösterreichische Architektur zählt heute zu den lokalen Baukultur-Landschaften mit der größten internationalen Durchschlagskraft in Europa“, so Kuratorin Liesbeth Wachter-Böhm, „es gibt sicher nur wenige Regionen, die eine vergleichbare Dichte und Intensität architektonischer Äußerungen vorweisen können.“ Den Abschluss bildet nächstes Wochenende eine große Finissage mit den präsentierenden Architekten.

[ „AustriArchitektur - Sieben Debüts aus Österreich“, zu sehen im Lichtforum Zumtobel Staff, Jasomirgottstraße 3-5, bis 23. Dezember 2005.
„Austria West“, zu sehen im Semper-Depot, Lehárgasse 8. Finissage am 17. Dezember 2005 um 19 Uhr. ]

10. Dezember 2005 Der Standard

Runter von meiner Wolke, du böse Werbung!

Gute Miene zum bösen Spiel? Damit das beim Öffnen der Packerln nicht passiert, hat Wojciech Czaja einmal ein bisserl vorselektiert und sich die Frage gestellt: Was hat Weihnachten mit Werbung und Städtebau zu tun? Bücher geben Antwort.

Machen wir uns nichts vor. Diese bevorstehende Nervenprobe eignet sich bestenfalls dazu, einmal laut Hilfe zu schreien angesichts der Erkenntnis, zum geknickten Misanthropen mutiert zu sein. Da helfen auch die vielen eingewickelten Gaben nicht weiter, die unter der Fichte ihrer Entblößung harren. Max Goldt spricht in seinem heuer erschienenen Buch Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens (Rowohlt, € 18,40) von ebenjenem Zauber des seitlich dran Vorbeigehens, sobald er sich Weihnachtsmärkten und Punschhütten nähert: „Weihnachten ist eine der drei großen Volksschwächen“, meint er darin. Zur ersten Stillung der großen Neugier: „Die anderen beiden sind Autos und Fußball.“

Doch bleiben wir bei ersterer Schwäche, bei W wie Weihnachten, bei W wie Wahnsinn und bei W wie Werbung. Was mit uns alljährlich und unbewusst geschieht, wenn wir durch die urbanen Straßenzüge geschoben werden, darüber haben sich in letzter Zeit einige Autoren, Architekten und Systemkritiker den Kopf zerbrochen. Das Buch Marken - Labels - Brands (herausgegeben von Martin Baltes, Orange Press, € 15,50) widmet sich den stillen Produktmelodien im Supermarkt und den ganz subtilen Marketingstrategien der Global Player, die uns unter anderem dazu verzaubern, mit buchgefüllten Einkaufstaschen nach Hause kommen.

Interviews und Essays aus dem 20. und 21. Jahrhundert - wie das klingt! - werden zusammengetragen (unter anderem kommen Karl Marx, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Roland Barthes und Paolo Landi zu Wort), die letzte Seite zitiert Andy Warhols berühmtes Städtebautheorem aus den 60er-Jahren: „Das Schönste an Tokio ist McDonald's, das Schönste an Stockholm ist McDonald's, das Schönste an Florenz ist McDonald's. Peking und Moskau haben bis jetzt nichts Schönes.“

Wem das zu viel Fastfood-Werbung ist, dem sei die Lektüre des nicht ganz so neuen, aber immer noch grandiosen und brandaktuellen Buches Culture Jamming (Kalle Lasn, ebenfalls Orange Press, € 18,50) ans Herz gelegt, ein Meisterwerk der zynischen Schreibe und - wenn man so will - die Partnerlektüre zu Naomi Kleins No Logo! aus dem Jahre 2000 (z.B. Goldmann, € 10,30).

Culture Jamming bezeichnet die kulturelle Praxis, gegen die Inbesitznahme öffentlicher Räume durch die Industrie vorzugehen. Aufgezeigt werden unter diesem Betrachtungswinkel neue Marketingstrategien aus den USA, wie etwa kleine Immobilien-Sujets in Golf-Holes, die bereits auf die bückfreudigen Nobelsportler warten, oder die Offensive des australischen Schülers David Bentley, der seinen Kopf für viel Geld an diverse Unternehmen vermietet; im Monatsrhythmus rasiert er sich das jeweilige Logo ins Haar. Die amerikanische Multiplex-Kette wiederum wirbt mittels kleiner, Chiquita-ähnlicher Aufkleber auf echt gesunden Supermarkt-Bananen, ein australischer Radiosender stempelt sein Logo auf zwei Millionen echt glückliche Eier, und IBM beamt seine Trademark in den Wolkenhimmel über San Francisco. Der echt blanke Horror? Oder etwa Städtebau à la Gotham City?

Und weil Weihnachten auch wirklich gar nichts mit Werbung, Branding und dem umtriebigen Treiben der Konzerne zu tun hat, sei noch auf ein letztes antikapitalistisches Buch verwiesen. Friedrich von Borries wirft die Frage auf: Wer hat Angst vor Niketown? Die Antwort darauf ist bei Episode Publishers erschienen und kostet € 20,80. Der Bösewicht Nike wird streng unter die Lupe genommen: Ist Niketown tatsächlich eine Stadt? Und wie kann man mit Sportschuhen Urbanismus betreiben?

Ganz einfach: Zur Eröffnung von Niketown Berlin wurde - John F. Kennedy zu Ehren (?) - folgender Werbeslogan plakatiert: „Lass dich nicht von Deiner Stadt ausnutzen - nutze Deine Stadt aus.“ Nike beherrscht die Polemik des Kapitalismus zweifelsohne. Borries knüpft an und versucht, mit der gleichen Akribie dem Leser eine Ahnung davon mitzugeben, welch fatale Auswirkungen die Werbepolitik auf die Stadt hat.

Haben Sie sich die Werbebotschaften, die uns in der Stadt regelrecht anplärren, schon einmal bewusst angesehen, beispielsweise die Neubaugasse im dicht bebauten siebenten Wiener Innenstadt-Bezirk? Im Juni heurigen Jahres wurde es einem ganz leicht gemacht, als die beiden Künstler Rainer Dempf und Christoph Steinbrener in einem Teilstück der besagten Einkaufsstraße sämtliche Werbebotschaften in knallgelber Farbe gelöscht haben. Delete! Die Entschriftung des öffentlichen Raums lautete damals die städtische Intervention und ist nun in einer ebenso gelben Publikation dokumentiert worden (Mitherausgeber Siegfried Mattl, Orange Press, € 18,50).

Doch was der Kunst gelingt, kann die Disziplin des Urban Planning allemal. „Interaktiver Urbanismus“ nennt sich das neue Phänomen, dem das Buch Serve City nachgegangen ist (herausgegeben von Regina Sonnabend, englisch/deutsch, Jovis, € 25,50). Die Herausgeberin: „Erdulden wir die Veränderung unserer Lebensbedingungen nur, oder nehmen wir aktiv Einfluss auf deren Gestaltung?“

Am Beispiel eines stillgelegten Güterbahnhofs am Rande von Sydneys Innenstadt wird ein Stadtplanungskonzept der etwas anderen Stadt betrieben. Anhand von infrastrukturellen Experimenten und unter Miteinbeziehung von Wissensarbeiten werden „dynamische Planungswerkzeuge“ entwickelt. Was das alles genau heißt, kann man schließlich nachlesen. Und man wird insofern überrascht, als dass die anfänglich hohl klingenden Lifestyle-Floskeln, derer man sich hier so gern bedient, nicht schon die eigentliche Materie dieser Lektüre sind (was ja leider allzu oft der Fall ist), sondern eben nur bildliches Mittel zum Zweck.

Wer es dennoch abgehoben schätzt, sei dazu eingeladen, € 30,60 bei Hatje Cantz auszulegen und sich dem aggressiven Appell der Rolling Stones, aufgegriffen von Coop Himmelb(l)au, zu stellen: Get Off of My Cloud (herausgegeben von Martina Kandeler-Fritsch und Thomas Kramer. Und man denkt sich: Das ist es, was sich die Wolken über San Francisco aus der Kehle schreien würden, wären sie bloß nicht stumm . . . Das dunkelblaue Buch ist eine Art monocolore Monografie über das gesamte Sein und Schaffen des Wiener Büros, die mit 1500 Gramm fast schon so gewichtig ist wie beispielsweise die Bibel von Rem Koolhaas. Dennoch, S, M, L, XL bringt immerhin ein gutes Kilogramm mehr auf die Waagschale.

So richtig auf den Boden der Realität holt uns - als kosmopolitischer Abschluss - die ewig andauernde Diskussion rund um Ground Zero zurück. Die Odyssee eines Stadtplanungsareals, das ein weiteres Mal den Beweis antritt, dass Städtebau ohne Politik und Wirtschaft und ohne deren aggressive Werbestrategien nicht existiert. Daniel Libeskind hat zwar den Wettbewerb für die Bebauung des Ground Zero gewinnen können, doch Architekt David Childs, Traumarchitekt eines jeden US-Immobilienhais, weiß leider etwas besser, wie der Hase läuft.

Rendite statt städtebaulicher Symbolik lautet die erfolgreiche Devise. Noch mehr ärgern kann man sich über die Weltwirtschaftsmaschine, wenn man in der überaus spannend zusammengestellten Dokumentation Imagining Ground Zero nachschlägt (Official and Unofficial Proposals for the World Trade Center Site, herausgegeben von Suzanne Stephens, engl., Rizzoli New York, € 72,00).

Für diejenigen, denen trotz bester und bemühtester Werbung und Buchwiegerei für das eine oder andere spannende Buch die Lust am Konsum nun total vergangen ist, gibt es noch einen allerletzten Rettungsanker: Architektur & Baustilkunde, hübsch kompakt, ein wenig bunt und fein billig (Moses, € 5,10). Wer schon immer wissen wollte, aus welchem Land der Architekt des ehemaligen World Trade Centers stammt, für den ist das Kartenspiel mit 150 Fragen und Antworten gerade richtig. Beim neuen World Trade Center wird's dann ja etwas leichter: a) Amerikaner, b) Amerikaner oder etwa c) Amerikaner?

26. November 2005 Der Standard

Schönheit kostet nichts

Die Kunstuniversität Linz hat sich in raue Gefilde vorgewagt. Einblicke in ein Kinderheim fernab von Hochglanzästhetik und aalglatten Renderings. Südafrika - oder - der Unterschied zwischen Entwicklungshilfe und Entwicklungshilfe.

Die Welt der Architekturpublikationen ist voll mit den Hochglanzbildern teuerster Architekturen und wohldesignter Objekte. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der dem Überflüssigen viel mehr Hinwendung, Zeit und Geld zufließt als dem Notwendigen“, erklärt Architekt Roland Gnaiger, Leiter der Architektur an der Kunstuniversität Linz: „Es scheint paradox, aber: Luxus zieht alle Energie an sich und steigert den Mangel!“ Mehr noch, Gnaiger bezeichnet diese Architektur als die perfideste Form des Bauens überhaupt.

Reichtum und Überschuss - das sind genau jene Faktoren, mit denen der Großteil der Erdbevölkerung gar nicht erst konfrontiert wird. Die Rede ist von jener machtlosen Mehrheit, die weder medial noch politisch oder wirtschaftlich über jene Mittel verfügt, um im Sog der Globalisierung jemals oppositionell auftreten zu können.

Christoph Chorherr bringt es dem STANDARD gegenüber auf den Punkt: „Die Zukunft unseres Planeten wird nicht ausschließlich in den westlichen Ländern entschieden“, es sei daher wichtig, Ressourcen und Know-how intelligent untereinander aufzuteilen. Eine Erkenntnis, die den Global Playern längst nicht mehr fremd ist. Zumindest diesen einen Aspekt gibt es also, den man sich als dünnes Scheibchen von den großen Konzern-Bösewichten abschneiden kann.

Das hat für den Grünen-Politiker ausreichend Motivation geboten, den gemeinnützigen Verein Sarch zu gründen. Hinter der Namensgebung verbirgt sich der Begriff der social sustainable architecture. Chorherr: „Sarch ist der Versuch, die unglaubliche Energie und Kraft, die in den Universitäten steckt, herauszukitzeln und ihr endlich ein intelligentes Ventil zu geben.“

Vergangenes Jahr gab es bereits ein erfolgreiches Projekt in Zusammenarbeit mit der TU Wien, heuer wurden die Architekturstudierenden der Kunstuni Linz zur Kooperation eingeladen. Architekturprofessor Roland Gnaiger: „Zu Beginn wussten wir gar nicht, ob wir genügend Studenten für dieses abenteuerliche Wagnis zusammentrommeln können, und am Ende mussten wir die Liste der Interessenten sogar noch kürzen.“

Universitäten und NGOs arbeiten ernsthaft zusammen - endlich wurde das intelligente Ventil auch auf der nicht universitären Seite montiert. Die milde Süße des Wolkenkuckucksheims Bildungsstätte wird verlassen, flügge steuert man der beinharten Realität entgegen. Und fliegt in den Süden. Beispielsweise nach Johannesburg, genauer gesagt nach Orange Farm, einem jener unzähligen Townships, die während der Apartheid für farbige Bevölkerungsschichten errichtet wurden und die noch lange nicht der Vergangenheit angehören werden.

Nein, in diesen Vororten spielt's nicht die Desperate Housewives auf südafrikanisch, tatsächlich haben diese Gettos riesige, verzweifelte Ausmaße angenommen und ringen seit jeher mit Armut, Aids, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus. Was darüber hinaus fehlt, ist einerseits eine funktionstüchtige Infrastruktur, andererseits eine ebenso funktionstüchtige Bauweise, die die kleinen Häuser im Sommer nicht in Grillstationen und im Winter in Kühltruhen verwandelt.

Es sei unvorstellbar, erklärt Gnaiger, doch die Bewohner dieser ungedämmten „shacks“, wie die meist blechgedeckten Baracken in Südafrika genannt werden, seien zwischen Sommer und Winter Temperaturschwankungen von über 40 Grad ausgesetzt. (Spätestens jetzt kann sich jeder Laie unter dem Berufsbild des Bauphysikers etwas vorstellen.)

Am konkreten Beispiel der längst überfälligen Erweiterung eines Kinderheims in Orange Farm wuchsen die Studentinnen und Studenten zu ebensolchen bauphysikalischen Profis heran. Teilweise sogar in autodidaktischer Eigenregie, denn am Schreibtisch sitzend ist da nichts mehr zu erreichen. Und das bedeutet Trial and Error, unermüdliche Empirie oder - wie es Sarch ausdrückt - „build together, learn together“.

Neben einem klugen Konzept, das neue Räumlichkeiten für die behinderten Kinder des Tebogo-Kinderheims vorsieht, galt der studentische Eifer vor allem also der Auseinandersetzung mit den klimatischen Bedingungen, der Rücksichtnahme auf die örtlich verfügbaren Materialien, einer schweißtreibenden Keilerei und Sponsorensuche, und nicht zuletzt auch der Realisierung der entwickelten und herangereiften Planung.

Dreieinhalb Monate Vorbereitungszeit - gebaut wurden das Therapiegebäude, das Küchenhaus und die Pergola dann in nur fünf Wochen. Dem gebührt hoher Respekt. Wie im Übrigen auch den vielen tat- und finanzkräftigen Sponsoren dieses Projekts.

Ich verstehe Sarch nicht als Entwicklungshilfe-Organisation", erklärt Chorherr, „denn es geht in erster Linie darum, zu lernen und sich dem schwierigen Thema der Nachhaltigkeit unter finanziellen wie technischen Mangelbedingungen zu widmen.“ Ohne Kooperation mit Anrainern und behördlich versierten Einheimischen wäre das alles nicht möglich gewesen.

Den Studenten hat Sarch die nahezu absolute Narrenfreiheit erteilt. Die einzige Vorgabe: Wenn ein Projekt begonnen wird, soll es so dimensioniert werden, dass die Studenten tatsächlich in der Lage sind, es auch bis zur letzten Schraube fertig zu stellen. „Es darf auf keinen Fall ein weiterer White Elephant in die Landschaft gestellt werden“, das sei ohnehin schon eine beliebte Eigenschaft von vielen Entwicklungshilfe-Projekten.

Beim Bau des Tebogo-Kinderheims hat man sich beispielsweise nicht damit zufrieden gegeben, irgendwelche Ziegelwände hochzuziehen, sondern hat sich einer Bauweise angenähert, die - bis auf die Arbeitszeit der miteingebundenen Einheimischen - mehr oder weniger gratis war. Ein Skelett aus Holz, dieses wurde mit geflochtenen Grasmatten verkleidet, der Zwischenraum wurde ganz einfach mit Erde ausgestopft, schließlich wurde der fertige Wandaufbau in Lehm eingepackt. Mit einem Wort: Alle Materialien wurden aus dem All-you-can-use-Buffet von Mutter Erde beigezogen, das ist gebaute afrikanische Tradition.

Das Gustostückerl an der Sache: Hier ist nicht nur ein fruchtbarer und neuer Boden für ein Kinderheim in Orange Farm geschaffen worden, hier ist auch Schönheit gebaut worden. Nein, nachhaltige Architektur muss nicht wie ein abgestellter und vergessener Lehmhaufen ausschauen. Und ja, Low-Cost-Technologie und Hilfe zur Selbsthilfe darf auch den objektiv nur schwer fassbaren Blickwinkel der Ästhetik miteinbeziehen. Es wäre mittlerweile an der Zeit, dass sich diese Einsicht in der Architekten- und Bauherrenschaft endlich herumspräche!

Die wahnwitzige Formel lautet, dass Schönheit mit Eitelkeit, Luxus und Verschwendung gleichzusetzen sei, mokiert sich Roland Gnaiger. „Also: Wo Armut herrscht und Not, muss auch Hässlichkeit sein?“ Schönheit ist ein Grundrecht. Auch dort, wo sie nicht glänzt.

11. November 2005 Der Standard

Hüttenzauber

Hale County in Alabama hat andere Sorgen als die Muse der Architektur. Und doch ist es gelungen, selbst in der sozial schwachen Unterschicht charmante Baukunst walten zu lassen. Obdach einmal anders, Einblick in die Tätigkeit des Rural Studio

Sweet Home Alabama. Ein Hollywood-Schinken aus dem Jahr 2002. Ein - wiewohl zynischer - Titel, dahinter aber eine aalglatte Story über eine in New York lebende Modedesignerin, gespielt von Reese Witherspoon, aus der eines Tages die südstaatliche Vergangenheit herauszubröckeln beginnt. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein euphemistischer Bilderreigen aus der Traumstadt labyrinthisch an den eigentlichen Facts einer Region vorbeiführt.

Und diese wären: einer der ärmsten Staaten der USA, eine offizielle Armutsrate - wie auch immer sich diese definiert - von fast 40 Prozent, damit eine der höchsten Arbeitslosenzahlen in den Südstaaten. Hinzu kommt neben der Problematik fortwährenden Rassismus auch die Tatsache, dass viele ländliche Gebiete in Alabama an einem regen Abzug der Mittel- und Oberschicht leiden, was eine Besserung der Umstände in weite Ferne rückt.

Grund zu handeln, dachte sich die Auburn University schon vor gut zehn Jahren und schickte ihre Studenten vor Ort. Damit war das so genannte Rural Studio geboren, jene mehr oder weniger autonome On-the-Road-Meisterklasse, die heute von Andrew Freear geleitet wird und quer durch Hale County vagabundiert. Hier werden keine feschen Pläne geschmiedet, hier werden mit den Brocken der Realität tatsächlich Häuser gebaut.

Für die Dauer von ein bis zwei Semestern werden die Studenten als Arbeitskräfte tätig. Nein, das ist kein Arbeitslager, sondern ein Entwurfsseminar - ein Studio eben -, an dem man teilnehmen kann, um Wochenstunden zu ergattern und um statt der üblichen, gähnenden Theorie auch einmal Landluft und Mörtelduft einzuatmen.

Auf den ersten Blick sieht das alles ein wenig nach aggressiver Architekturpolitik auf dem Land aus, vor allem aber klingt das nach neureichen Dandys, die gemeinsam einen Ausflug in den Sozial-Zoo unternehmen. „Was für ein erzieherisches Statement soll das sein, wenn ein Haufen junger, weißer Mittelstands-Kids eine unterprivilegierte Familie aussucht, der wir dann ein Haus hinstellen?“

Freears Ansatz hingegen: „Der eigentliche Weg, an Klienten zu kommen, ist hinzufahren und zu warten, bis die Leute von selbst zu uns kommen, weil sie von uns gehört haben.“ Das Echo scheint groß zu sein, in den rund zwölf Jahren, in denen das Rural Studio in Hale County nun tätig gewesen ist, konnte es bereits rund 50 realisierte Projekte verbuchen. „Das Rural Studio erarbeitet Projekte, die ein stinknormales Architekturbüro prestigemäßig wahrscheinlich nicht annehmen würde und die sich für ein herkömmliches Büro auch gar nicht rechnen könnten. Wenn wir keine Studenten als kostenlose Arbeitskräfte hätten, könnten wir das Programm vergessen.“

Doch auch in Hale County hat Architektur ihren Preis, um den der Kunde nicht umhinkommt. Die Bauherren müssen einen Vertrag unterzeichnen und beweisen, dass sie die rechtmäßigen Grundstücksbesitzer sind und dass sie am Hausbau auch mit anpacken werden. „Man muss schon damit rechnen, dass sich so ein Bau über viele Monate hinzieht“, schildert Freear die Umstände auf der Baustelle, „ohne Bagger und schnell aufgestellte Stahlbetonwände können wir natürlich nur langsam arbeiten, aber dafür warten wir mit einem verlockenden Endergebnis auf.“ Es geht nicht nur um eine funktionelle Alternative zu den teilweise desolaten Mobile Homes, in denen die Menschen oftmals wohnen, sondern um ein unverwechselbares Haus, das in der Form wahrscheinlich kein zweites Mal zu finden ist. Die Architektur, um die es hier geht, konzentriert sich auf Recycling und auf die unorthodoxe Wiederverwertung von Baustoffen und Produkten, je nach Sammlertrieb und Sachspenden aus der Industrie. Verwendet werden etwa Windschutzscheiben von ausrangierten Taxis, kurz bevor sie in der Schrottpresse zerquetscht werden, die Wände beispielsweise bestehen aus übereinander gestapelten Autoreifen, die anschließend mit Lehm beworfen werden. Doch auch mit gepresster Pappe oder mit alten Teppichfliesen, wie man sie aus Großraumbüros kennt, hat man schon einige Erfahrungen gemacht.

Fazit: Home sweet home einmal anders, jenseits speckiger Hochglanzästhetik und weit entfernt von den üblichen normativen Mustern der freien Marktwirtschaft. Doch am beeindruckendsten ist der erbrachte Beweis, dass Recycling-Architektur nicht gezwungenermaßen trashig sein muss. Ganz im Gegenteil, sie ist sogar im Stande, ein neidvolles Lächeln zu entlocken. Womöglich auch Reese Witherspoon.

9. November 2005 Der Standard

Adieu Tristesse!

Kann Architektur glücklich machen? Muss immer alles in Anthrazit ange- pinselt sein? Und wer will überhaupt Authentizität? Fragen über Fragen, ein paar neue Konzepte, und wenn alles gut geht, sind am Ende sogar die Bewohner glücklich

Beim allabendlichen Durchblättern der Hochglanz-magazine frisst uns der Neid. Es reicht weder die Zeit noch das Geld, um sich dem medial so viel propagierten und Lifestyle-tauglichen „Wohntraum“ hinzugeben. Stattdessen fragt uns Ikea: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“, und in der Realität finden wir nur allzu schwer Antwort auf diese rhetorische Frage.

Flashback: Zimmer, Küche, Kabinett. Zu wenig Stauraum, alles quillt über. „Der Wohnbau ist noch lange nicht zu Ende gedacht. Wir sind nur wenige Schritte von dem veralteten Gesamtkunstwerk entfernt, das keine Verletzung duldet“, so Architekt Helmut Wimmer, der in Österreich schon so manchen sozialen Wohnbau auf die Beine gestellt hat. Für Wimmer ist das alles erst „der Anfang eines freien Wohnbegriffs, der der heutigen Gesellschaft und den heutigen Gesellschaftsformen gerecht wird. Wohnung ist ein wertvolles Gut, das unterschätzt nur jeder.“

Der hoch gepriesene Le Corbusier hat expressis verbis vor dem schlechten Geschmack der Gesellschaft kapituliert, wie soll man also für die Masse bauen? „Authentische Materialien“, lautet die Devise im Architektenclub - anders kann man sich nicht erklären, warum alle Wohnhäuser - meistens in unverblümt ehrlichen, manchmal recht hässlichen Oberflächen und Farben daherwatscheln. Und wenn schon Farbe, dann bitte Anthrazit - das jedenfalls ist die Insider-Bezeichnung für einen edlen Farbton, den andere ganz gerne als dunkles Mausgrau bezeichnen würden.

Margarethe Cufer, eine der wenigen Bauenden, die sich stets traut, einen knallorangen Farbkübel über ihre Gebäude zu schütten, über die farblos monochrome Mode in der Architektur: „Damit kann ich in letzter Zeit immer weniger etwas anfangen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das in Wien mit den Schlechtwetter-Phasen zusammenhängt. Ein graues Gebäude im Winter mag zwar architektonisch gesehen spannend sein, aber dem Großteil der Bevölkerung ist es einfach zu trist.“

Glücklich Wohnen, Variante 1: Nein, es muss nicht immer Grau sein. Dass Farbe nicht nur zu einem besseren Gemüt, sondern auch zu einer besseren Orientierung beitragen kann, beweist eine Siedlung in Süßenbrunn. Architekt Adolf Krischanitz hat in Zusammenarbeit mit dem Farbkünstler Oskar Putz eine Reihenhausanlage geplant, in der sich die Bewohner wie kleine Farbpigmente fühlen dürfen. Jedes Haus in einer leicht anderen Form, jedes Haus vor allem in einer leicht anderen Farbe. Oskar Putz: „Farbe geht jeden etwas an, sie ist Bestandteil des Alltags, sie ist Teil der Mode.“ Nein, bunt ist die Siedlung in der Wiener Pilotengasse nicht, sie ist lediglich farblich gestaltet, denn - so der Farbkünstler: "Heute macht man einfach alles bunt. Heute so bunt, morgen wieder anders bunt. In meinen Augen ist „bunt“ ein furchtbares Schimpfwort, das nichts anderes bedeutet als fleckig, sinnlos nebeneinander platzierte Farbkleckse."

Glücklich Wohnen, Variante 2: Askese lautet die Devise. Die einen verweigern sich der Farbe, die anderen der Buntheit, es gibt aber noch ganz andere Formen der Askese in den eigenen vier Wänden. In Wien sind in den vergangenen Jahren unterschiedliche (themenbezogene) Wohnsiedlungen aus dem Boden gestampft worden. Die Sargfabrik, die autofreie Mustersiedlung oder die Frauenwerkstatt, die ausschließlich von Frauen geplant wurde - sie alle verbindet das Phänomen des Verzichts, seien es nun die Autos oder die Männer. Entgegen der amerikanischen Devise der disneyländlichen Üppigkeit finden sich in diesen Siedlungen Menschen zusammen, die gemeinsam der Devise „Weniger ist mehr“ frönen möchten. Am augenscheinlichsten wird das in der so genannten Sargfabrik der Architektengruppe BKK-2. Hier gilt die Absage ganz eindeutig der Privatsphäre, denn die kompakten Wohneinheiten, die auf engstem Raum minutiös gestapelt wurden, sind besonders einsichtig und stülpen recht unverfroren den Aspekt der Gemeinschaft über den der eigenen Intimsphäre.

Glücklich Wohnen, Variante 3: Ein Grundriss in Grundzügen. „Meine Optimalvariante wären grundrisstechnisch drei, vier oder fünf gleich große, neutrale Räume, weil diese Altbaustrukturen am freiesten bespielbar sind“, erklärt Architektin Margarethe Cufer, „aber die Bauträger sind aus ihrer Sicht der Dinge natürlich nicht ganz so angetan von derartigen Ideen.“ Stattdessen Vorzimmer, Wohnzimmer, Kinderzimmer und Schlafzimmer. Fläche kostet. Dennoch tauchen immer öfter Architekturkonzepte auf, die richtig Spaß zu machen scheinen. Offen, flexibel, drehbar, mehrgeschoßig und lichtdurchflutet. Ein kurzes Hallo aus den Avantgarde-Niederlanden: „Es gibt eine unendliche Vielzahl an Möglichkeiten, wie Menschen leben können“, schreibt Maarten Kloos in seinem Buch „Formats for Living“, in dem zeitgenössische Grundrisse aus Amsterdam präsentiert werden. „Das Bild des städtischen Wohnens wird immer offener, expressiver und spezifischer.“

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag