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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

13. Januar 2007 Der Standard

Der Berg ruft

Nicht nur in der Stadt gilt Architektur als wesentlicher Bestandteil eines guten und frischen Marketings. Auch in luftiger Höh' hat man die Macht der Architektur erkannt - und weiß sie gut zu nutzen

Die hohen Gipfel liegen voll im Trend, die mittelmäßige Berglandschaft jedoch ist tot. Das ist das vernichtende Urteil eines städtebaulichen Porträts der Schweiz, das vom ETH-Studio Basel in Auftrag gegeben wurde. Marcel Meili, Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Roger Diener, die famosen Autoren der kürzlich erschienenen Studie, sagen allem Land, das nicht Großstadt ist, eine trübe Zukunft voraus. Zwar erklären sie den hochalpinen Raum zum touristischen Hotspot, nicht aber die anderen Berg- und Voralpenregionen - und diese sind in der großen Überzahl. Lieblos werden sie zu „stillen Zonen“ deklariert, ja sogar von „Brachland“ ist die Rede.

Angesichts eines Winters, der nicht kommen mag, stellt sich unweigerlich die Frage, ob die Schlussfolgerung der Schweizer Studie nicht auch mit den vernichtenden Prognosen der Meteorologen zusammenhängt. Im Alpenraum ist die Rede von bis zu 4,5 Grad Celsius Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100. So mancher Schnee wechselt dabei seinen Aggregatzustand, in den niederen Regionen ist es ums Skifahren somit geschehen. Da wird es Österreich nicht anders ergehen als der Schweiz. Doch bevor der teure Wintersport endgültig den Bach runtergeht, greifen die Investoren noch einmal tief in die Tasche und holen aus der Ressource Berg heraus, was zu retten ist.

Gleich eine Hand voll neuer Liftstationen wurde in der vergangenen Saison eröffnet oder deren Entwürfe von berühmten Händen in den Block skizziert. Prominentestes Beispiel ist die Hungerburgbahn von Zaha Hadid, womit Innsbruck - nach der Sprungschanze auf dem Bergisel und dem Rathaus von Dominique Perrault - ein weiteres Mal auf die Karte der Stararchitektur setzt. Die teilweise unterirdische Standseilbahn beginnt mit der Haltestelle „Kongress- und Konzerthaus“ direkt im Stadtzentrum und endet nach vier Stationen bei der Hungerburg. Mit diesem Novum erhält Innsbruck eine Art U-Bahn ins hoch gelegene Naherholungsgebiet. Kostenpunkt für die Hungerburgbahn inklusive der anschließenden Nordkettenbahnen: 50,6 Millionen Euro, die Eröffnung ist im Herbst 2007 geplant.

Das Konzept der neuen Architektenbahn lautet „Schale und Schatten“. Die Stationen erscheinen in Hadid'scher Manier als glatte Skulpturen, die vom Zeitgeist poliert und glattgeschleckt wurden. Die Meisterin: „99 Prozent der Architektur auf der Welt werden nicht von Architekten bestimmt, sondern von Bauherren.“ Das meiste sei immer noch sehr konventionell und gehorche vor allem kommerziellen Erwägungen. Daher sei es wichtig, möglichst vieles von dem, was als theoretische Konzeption gilt, in den architektonischen Mainstream überzuführen.

Hadid zeichnete sich ihre Ideen vom Leibe; Sichtbeton und Glas sollten es sein. Die „schillernde Ästhetik“ der Schalen nehme Bezug auf topografische Phänomene wie Gletscher-, Eis- oder Schneelandschaften. Doch die eigentliche Arbeit hatte der vor Ort ansässige Planer und Projektmanager Georg Malojer: „Der planerische Aufwand war enorm, das Glas hat uns bisweilen große Sorgen bereitet. Es gibt keine Wand ohne Verformung.“ Die Tiroler Unternehmen seien mit solchen Aufgaben nicht vertraut gewesen. Schließlich wurde das Glas in China produziert.

Ähnlich expressiv zeigt sich die neue Talstation der Galzigbahn in St. Anton am Arlberg. Wie ein wildes Reptil lauert das Gebäude von driendl* architects an der Straße und spuckt nacheinander dunkelblaue Gondeln aus. Das Glas enthüllt das technische Innenleben und lässt den Fahrgast schon von außen das Schauspiel der Bergfahrt erahnen. Statt der sonst üblichen Umlenkung in der Horizontalen holt das Rad in diesem Falle die Gondelkabinen nach unten (Seilbahntechnologie Doppelmayr). Nicht zuletzt ermöglicht dies einen ebenerdigen Zugang. Architekt Georg Driendl: „Uns war wichtig, die zukunftsorientierte Beförderungstechnik und den spektakulären Bewegungsablauf sichtbar in den Mittelpunkt zu stellen.“ Die Baukosten für die gesamte Liftanlage belaufen sich auf 22 Millionen Euro, die Talstation selbst schlug mit vier Millionen Euro zu Buche.

Ähnliches vernimmt man aus Schladming. Um die beiden Skigebiete Planai und Hochwurzen miteinander zu verbinden, wurden Hofritter-Richter Architekten zu einem Entwurf für eine Talstation geladen, in der gleich zwei Lifte entspringen. Sie fassten die beiden Gebäude mit einem riesigen, geschwungenen Paravent aus Glas zusammen. Mit der Großform soll einer späteren Verhüttelung durch Standln und Geschäfte vorgebeugt werden. Dennoch weiß auch Gernot Ritter über den Alltag alpinen Bauens Bescheid: „Gerade im Tourismus, wo es dauernd um trendige, poppige, auch oberflächliche Dinge geht, ist es absurd zu sagen, dass alles vom Architekten geplant werden muss.“

Albert Baier, Chef der Planai-Hochwurzen-Bahnen verspricht sich vom neuen Gebäude vor allem „mehr Emotion“ - und natürlich eine dementsprechende Umsatzsteigerung. Nicht von ungefähr hört die Gondelbahn auf den Namen „Golden Jet“. Der benachbarte Konkurrent hatte seine erst kürzlich eröffnete Bahn „Silver Jet“ genannt. Doch Kleinkrieg und Konkurrenz hin oder her - auch in Schladming bringen die Architekten den unwiderruflichen Beweis, dass die Architektur mitunter der kleinste Anteil am fetten Baugeschehen ist. Die Kosten der gesamte Anlage beliefen sich auf 11 Millionen Euro, die der Talstation selbst auf 1,8 Millionen Euro. Sehr viel billiger wäre das Traditionsmodell Lederhose auch nicht gewesen.

Die steilen Hänge sind erklommen, auf geht's zum Jagatee mit Stil. Schon einmal hinterließ der Münchner Architekt Peter Schuck seine Handschrift im tirolerischen Nobelsportort Sölden. Nicht weit davon entfernt wurde er nun nach Hochgurgl zu einer Bauaufgabe in großer Höh' eingeladen. Es galt, die Ötztaler Alpen dem rundum schweifenden Blick zu erschließen. Auf 3000 Meter Höhe wird der schroffe Grat vom so genannten Top Mountain Star gekrönt. „Eine solche Aufgabe zu bekommen, ist wie ein Sechser im Lotto“, erklärt Schuck in ausladenden Gesten, „viele Skifahrer sehen den Berg nur noch als Höhendifferenz, um hinunterwedeln zu können. Dabei ist das Potenzial der Berge enorm.“

An die Stelle einer abbruchreifen Schutzhütte stellte Schuck eine rundum verglaste Hightech-Torte hin, die einen 360-gradigen Ausblick auf die schneebedeckten Gipfel ermöglicht: Im Norden sieht man nach Österreich, im Süden reicht der Blick nach Italien bis hin zu den Dolomiten. Die Fassade kann aufgeschoben werden, bei Schönwetter kann man draußen sitzen und sich mit seiner Stärkung ans Geländer lehnen. Starke Nerven sind Voraussetzung angesichts von Glas und Gitterrost.

Der Top Mountain Star hat den Marketing-Beinamen „Diamant in den Alpen“ verpasst bekommen. So unbeholfen der Titel scheint, so pragmatisch ist seine Begründung: Die Glasbrüstung wurde mit tausenden Swarovski-Steinchen ausgeschmückt, auf dass sie in der eisigen Wintersonne kräftig funkeln mögen. Peter Schuck kann nach eigener Auskunft mit Werbung durchaus leben: „Swarovski verwendet zu haben, bedeutet 100 Prozent Marketing und null Prozent Architektur. Das traue ich mich ehrlich zu sagen.“

Was sagen die Schweizer? Um eine Profitmaximierung zu erzielen, müsse man die schwächeren Regionen mit gezielten, architektonischen Interventionen zu so genannten „unique selling propositions“ (UPS) aufpäppeln.

Dezember 2006. Top Mountain Star wird feierlich eröffnet. Journalisten aus ganz Europa sind mit dabei, auch der deutsche Privatsender Sat.1 ist eigens angeflogen. Es wird ein Film gedreht, es wird viel fotografiert. Einmal vom Hubschrauber aus, dann live vor Ort. Der Architekt steht vor der Kamera. Er erklärt das Gebäude: „Wenn man hier schon baut, dann muss das Bauwerk aus dem Augenwinkel glitzern.“ Am Ende bekommt jeder ein Swarovski-Steinchen geschenkt. Das ist weder eine „stille Zone“, noch unhübsches „Brachland“. Das ist die neue Sprache der rufenden Berge.

6. Januar 2007 Der Standard

In den Sand gesetzt

Dubai ist die größte Baustelle der Welt. Eifrig baut das wohlhabende Emirat an seiner Zukunft - und an einem recht zwiespältigen Image.

Etwa 120.000 Baukrane sind über die ganze Erde verstreut, Tag für Tag stemmen sie ein weiteres Stück Architektur in den Himmel. Allein ein Viertel aller weltweit existierenden Krane steht in Dubai. Für die einen ist die Metropole am Persischen Golf ein Dorado, für die anderen ist es ein Trip in die Hölle. „Die Leute wissen zwar, dass hier in Dubai viel gebaut wird“, erzählt Sibylle Mueller, Pressesprecherin des Nobelhotels Grosvenor House, „aber wenn sie dann die wahren Ausmaße sehen, sind sie regelrecht geschockt.“

Meeresrauschen sucht man in Dubai vergeblich, stattdessen kann man der Stadt, die mittlerweile über 50 Kilometer Küstenlinie in baulichen Anspruch genommen hat, täglich beim Wachsen zusehen. Nirgendwo sonst auf der Welt wird der Aspekt des Unmöglichen so eifrig bekämpft wie in den Arabischen Emiraten. Um für die Zeit nach dem letzten Tropfen Öl vorzubauen, setzt man auf die Tourismuskarte - und keilt die Sensationsurlauber, die den Wohlstand des Emirats nachhaltig stärken sollen, mit Gigantomanie und Superlative.

Bekannt ist Dubai vor allem für seine palmenförmigen Landgewinnungsprojekte, die dem Meer unter immenser Anstrengung luxuriösen Bauplatz abringen. Die Palm Jumeirah ist mittlerweile vollständig aufgeschüttet und größtenteils bebaut, das Nachfolgeprojekt Palm Jebel-Ali befindet sich derzeit in Bau, und von der Palm Deira (Fertigstellung in zehn Jahren) weiß man bereits, dass sie die ersten beiden Projekte an Größe und Attraktion haushoch überbieten wird. Man spricht davon, dass die letzte der drei Palmen die Ausmaße von San Franciscos Stadtzentrum erreichen wird.

Hatte man auf der Palm Jumeirah einst noch von luxuriös dimensionierten Grundstücken geträumt, musste man - als Folge der regen Nachfrage - die ursprünglich geplante Großzügigkeit etwas straffer fassen. Das gesamte Projekt wurde dichter bebaut, die Bevölkerung von Dubai ließ sich dennoch nicht vergrämen: Nach Auskunft des Projektentwicklers Nakheel war die Insel innerhalb von 72 Stunden vollständig verkauft. In Kürze werden 60.000 Einwohner ihre Wüste verlassen und ihr artifizielles Idyll zwischen den Meereswogen beziehen. Weitere 60.000 Touristen werden folgen - beispielsweise ins Hotel Atlantis, das mit 2000 Zimmern die größte Herberge auf der Palmeninsel sein wird (Baukosten 1,1 Milliarden Euro, Eröffnung Dezember 2008).

„Creating the 8th Wonder of the World“, heißt es auf einem Werbeplakat über die Palm Jumeirah. Auf Anfrage des Standard bestätigt Maria Abdel-Rahman, Marketing-Managerin bei Nakheel, die nicht gerade kleinliche Metapher des Baukonzerns: „Die erste der drei Palmen ist einer der wichtigsten Immobilienstandorte der Welt. Die anderen beiden Palmen werden dann einfach die Rolle des neunten und zehnten Weltwunders einnehmen.“ Aufgeschüttet wurden Stamm und Palmenwedel per Sandkanone von einem Frachtschiff aus, umgeben wird die Palme von einem Wellenbrecher aus Stein, der Wellen bis zu vier Meter Höhe aufhalten soll.

In Ergänzung zu den drei Palmen wird etwas weiter draußen im Meer „The World“ aufgeschüttet. Statt Kommerz und Konsum werden die 300 Inseln, die in Summe ein fragmentiertes Abbild der Erde ergeben, einzig und allein dem vornehmen und abgeschiedenen Wohnen dienen. Verkauft werden in diesem Falle nur die Inseln, die Bebauung erfolgt - unter strengsten gestalterischen Vorgaben - im Alleingang. Die billigsten Inseln innerhalb der Konturen Afrikas beispielsweise sind für knapp 10 Millionen Euro zu haben, für das heiß begehrte Europa, Amerika und Australien muss man bis zu 40 Millionen Euro hinblättern. 30 Prozent der Inseln sind verkauft.

Doch auch Dubai hat verstanden, dass sich mit Sand im Meer - wie schön auch immer seine Konturen ausfallen mögen - keine wirklich reißerischen Aushängeschilder für ein ganzes Emirat erschaffen lassen. Als Parameter beim Mitmischen unter den absoluten Hotspots der Welt hat sich im internationalen Hochhauskampf die Angabe von Höhenmetern etabliert. Die beiden größten Baufirmen Dubais - Nakheel und Emaar - geben sich ein einsames Stelldichein in den höchsten Gefilden. Zu einem spannenden Wettbewerb gehört, dass noch keiner der beiden Mitstreiter die tatsächliche Höhe und Stockwerksanzahl publik gemacht hat. Fürs Erste lassen sich diese Größen nur erahnen. Das Konzept für den Al Burj, den größten Stolz Nakheels, hält mit etwa 180 Stockwerken die Stellung, Emaars Schöpfung soll es - nach derzeitiger Information - ebenfalls auf 180 Stockwerke bringen (Baukosten 760 Millionen Euro). Letztere ist bereits in Bau, Fertigstellung 2009. Auch Giorgio Armani mischt im Zukunftsspiel ein wenig mit: Einen Teil des Burj Dubai wird sein Luxus-Etablissement namens Armani-Hotel für sich beanspruchen.

Skidmore, Owings & Merrill (SOM), die Gestalter des 800-Meter-Riesen: „Das Design des Burj Dubai leitet sich von der Geometrie der Wüstenblume ab, es vereint historische und kulturelle Aspekte mit der Technologie eines High-Performance-Buildings.“ Selbstredend, dass die Fundamente und die Tragstruktur des Burj Dubai für den absoluten Ernstfall ausgelegt sind. Sollte der Erzkonkurrent Nakheel mit seinem Nachfolge-Wolkenkratzer tatsächlich zu einem Meter-Duell herausfordern, lässt sich der Burj Dubai notfalls noch aufstocken. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, denn Nakheel meint es bitterernst: „Und wenn wir uns da persönlich raufstellen und den Antennenmast in den Himmel halten müssen - wir werden das höchste Gebäude der Welt sein!“

Der Himmel wird erobert, im Meer wird Bauland geschaffen, in der Wüste werden Flüsse und Seen gegraben. Umweltverträglichkeits-Prüfungen sind dabei ein Fremdwort. Die Luft im Premium-Segment der Architektur ist dünn. Nur allzu leicht lässt sich der Mensch von der Superlative blenden. Schon heute verbraucht Dubai mit 510 Litern Wasser pro Kopf und Tag rund doppelt so viel wie ein westliches, mitteleuropäisches Land. Mit steigenden Flächen und wachsenden Häusern wird dieser Wert kontinuierlich zunehmen. Fernab der touristischen Ströme werden täglich 750 Millionen Liter Salzwasser in die entlegendsten Ecken der Wüste gepumpt, um dort in riesigen Entsalzungsanlagen zu Süßwasser verwandelt und danach wieder nach Dubai zurückgepumpt zu werden.

Kein Gebäude kommt im heißen Wüstenstaat ohne Klimaanlage aus, und dennoch hat es die Architektur verabsäumt, ihre Gebäude in Wärmedämmung einzupacken. Burgen, die lediglich aus Stahl, Glas und Beton bestehen, schlagen sich im Betrieb ordentlich zu Buche. Madan Kulkarni, Haustechnik-Leiter im kulissenhaft anmutenden Hotel Ritz Carlton erklärt: „Das Design der Gebäude zählt in Dubai mehr als jeder Energieaspekt.“ Das sei bei Hotels nicht anders als bei allen anderen Bauwerken auch.

Selbst wenn Dubais Reichtum schon bald auf dem Tourismus statt auf der Erdölgewinnung aufbauen wird, sind die fossilen Rohstoffe nach wie vor die wichtigste Nahrung arabischer Visionen. Strom wird aus Erdgas gewonnen, die Kraft aus der Sonne und die starken Winde über dem Meer und in der Wüste bleiben ungenützt. Allein die Parkuhren auf den Pkw-Parkplätzen werden mit Sonnenenergie gespeist - und darauf ist man stolz.

Mit der Zeit könnte Abhilfe geschaffen werden, denn Dubai ist wahrscheinlich der letzte Ort auf Erden, der für immer und ewig hinbetoniert ist. „Unsere Hochhäuser sind für eine Lebensdauer von zwanzig Jahren konzipiert“, erklärt der Feuer- und Sicherheitsingenieur Lester De Souza, „wenn sie ausgedient haben, werden sie einfach ersetzt.“ Unter der Regierung von Scheich Mohammed bin Rashid al-Maktoum, dem unbeirrbaren Zukunftsbastler und Machthaber von Dubai, gibt es sogar ein Dekret, das Sanierungen und Renovierungen jeglicher Art ausdrücklich untersagt. Die umstrittene Alternative in der Hochburg des Mittleren Ostens lautet daher Abbruch und Neubau.

Gibt es eine ethische Grenze für die Machbarkeit allen menschlichen Denkens? Maria Abdel-Rahman von Nakheel gibt eine unmissverständliche Antwort: „Der Scheich hat bestimmte Visionen, und diese Visionen setzen wir um.“ 30.000 Baukrane stehen derzeit in Dubai herum. Sie bauen an einer Zukunft, die keine Zukunft hat.

23. Dezember 2006 Der Standard

Die Sprache der Religion

Welche Häuser hat die Religion in letzter Zeit gebaut? Und gibt es überhaupt ein Miteinander? Ein Überblick über Kirche, Synagoge und Moschee.

Es klingelt das Telefon in Columbus, Ohio. „Bonjour, who is speaking?“ Die knisternde Stimme gehört einem älteren Mann namens José Oubrerie. Der 73-jährige Franzose, der seit nunmehr 20 Jahren in den USA lebt, hat einen besonderen Trumpf im Ärmel: Er ist einer der letzten heute noch lebenden Mitarbeiter von Le Corbusier. Aus besonderem Anlass möchte sich der Standard mit Monsieur Oubrerie über Architektur, über Kirchen, über die Église Saint-Pierre im Speziellen unterhalten. „Ich spreche nicht mit der Presse, au revoir, bye-bye.“ Monsieur Oubrerie hat aufgelegt.

Die Vorgeschichte: In den Jahren 1961 bis 1965 arbeitete Le Corbusier im französischen Firminy, einem Städtchen mit 26.000 Einwohnern, nicht weit von Lyon. Er bastelte an seiner Vision einer grünen Stadt - und realisierte unter anderem eine Unité d'Habitation und ein Kulturhaus. Am leidenschaftlichsten jedoch verfolgte er die Pläne für die Kirche Saint-Pierre. Für Corbusier selbst blieb der Betonbau nur eine Skizze im Kopf. Denn bevor das Projekt so weit war, dass man mit dem Bau hätte beginnen können, ertrank der Architekt am 27. August 1965 im Mittelmeer.

Jetzt kommt José Oubrerie ins Spiel. Schließlich ist es seinem Engagement zu verdanken, dass das Projekt nach Corbusiers Tod doch noch gebaut wurde. Immer wieder war die Finanzierung gefährdet, 1978 musste der Bau wieder eingestellt werden. Auf Corbusiers Traum machten sich Pflanzen und Tierchen breit. Über ein Vierteljahrhundert waren die kargen Stahlbetonmauern Wind und Wetter ausgesetzt, bis Oubreries permanente Bemühungen endlich zu greifen begannen und man eine finanziell und juristisch tragbare Lösung fand.

Mit Mitteln der Kommune und der EU wurden die Arbeiten 2003 ein letztes Mal in Angriff genommen, vor vier Wochen wurde das Gebäude seiner endgültigen Bestimmung übergeben. Da Frankreich aufgrund seiner strikten Trennung von Kirche und Staat keine Sakralräume errichten darf, musste der Bau kurzerhand umgewidmet werden. Er dient nun offiziell als Museum für Moderne Kunst, inoffiziell als Architekturmekka, nur gelegentlich mietet sich die Kirche ein.

In der Tat ist die monolithische Betonstruktur weniger ein Gotteshaus denn ein Denkmal für den großen Corbusier. Wofür der unverwechselbar bebrillte Erfinder des Modulors stand, das scheint in diesem Gebäude vereint. Über eine betonierte Brücke erreicht man das eigentliche Gebäude, das sich wie ein Kraftwerk in die Höhe stemmt. Von Prismen und Kanälen ist der abgerundete Pyramidenstumpf durchbrochen - sie bringen Licht in den Raum, Licht in seinen buntesten Facetten. „Mit jedem Schritt fangen Sie einen neuen Blick ein“, erklärt Yvan Mettaud, Stadtkonservator von Firminy-Vert, „anhand von Corbusiers Plänen haben wir uns vor allem bemüht, einen starken Kontrast zwischen der lichtdurchfluteten Basis und der dunklen Schale darüber herzustellen.“ Die Baukosten für die mysteriöse Höhle belaufen sich auf 7,6 Millionen Euro.

Für den großen Corbusier hatte José Oubrerie in den Sechzigerjahren sogar sein Architekturstudium hingeschmissen. Der Bau der Église Saint-Pierre in Firminy-Vert sollte sich als eine letzte Prüfung erweisen. Noch einmal traut man sich nach Ohio durchzuwählen. Bonjour. Mit besänftigenden Worten gelingt es dem Journalismus, die Architektur lieblich zu umgarnen. Monsieur Oubrerie fasst sich kurz. „Mit diesem Bauwerk habe ich meine Ausbildung beendet, vielleicht bekomme ich jetzt ja einen Abschluss.“

Ein Gebetshaus, das ebenfalls erst vor wenigen Wochen fertig gestellt wurde, ist die neue Hauptsynagoge in München. Nach Jahren der Unscheinbarkeit in einer gesichtslosen Seitengasse kehrte die Israelitische Kultusgemeinde endlich wieder in die Stadtmitte zurück. Das Planungsreferat entschied sich für den Jakobsplatz, dessen urbane Leere schon ganzen Generationen von Stadtplanern und Architekten im Magen gelegen hatte. „Wer ein Haus baut, hat eine Heimat gefunden“, sagte Charlotte Knobloch, Präsidentin der Kultusgemeinde München und Oberbayern anlässlich der Eröffnung Anfang November. Immerhin geht es hier um die Heimat von insgesamt 9300 jüdischen Mitgliedern - die zweitgrößte Gemeinde Deutschlands.

Der von den Architekten Wandel Hoefer Lorch konzipierte Bau ist Teil eines Kulturzentrums, das aus insgesamt drei Gebäuden besteht (Gesamtbaukosten 57 Millionen Euro). Der erste Eindruck ist ein wenig abweisend. Es bedarf nicht viel Fantasie um nachvollziehen zu können, dass es sich um einen der größten Synagogen-Neubauten Europas handelt. Ein Sockel aus grob behauenem Travertin stülpt sich - gleichsam einer Bastion - um den eigentlichen Gebetsraum. Hier soll man sich an die Klagemauer in Jerusalem erinnert fühlen. Erst im oberen Teil des Gebäudes getraut man sich, mit Glas zu arbeiten und den Raum mit Tageslicht zu füllen. Die Architekten: „Während der Sockel symbolisch für das Dauerhafte steht, wird die mehrschichtige, von einem Bronzegewebe umhüllte Laterne im Licht aufgelöst.“

Hat man erst einmal den Gebetsraum betreten, vermischen sich Zedernholz, Bronze und Glas zu einer gediegenen Stimmung. Erst auf den zweiten Blick hat es die Architektur geschafft, ihre wahre Schönheit zu entfalten. Warum auch nicht, Unaufdringlichkeit ist eine schöne Tugend. Doch die Gegenwart von tonnenschweren Bronzetüren und bombensicheren Glaswänden, die sich als monströse Sicherheitsmaßnahmen in den rituellen Alltag quetschen, lässt sich nicht von der Hand weisen.

„Keine Kriege werden zugleich so ehrlos und unmenschlich geführt als die, welche Religionsfanatismus und Parteihass im Inneren eines Staates entzünden“, hatte Friedrich Schiller einst gesagt. Dies zu entkräften, vermag auch die Architektur nicht. Ganz im Gegenteil, sie wird zum wörtlichen Schutzpanzer. Bei der Grundsteinlegung im November 2003 hatte man gerade noch einen Anschlag der Neonazis vereiteln können. Abi Pitum, Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde, sieht der Realität ins Auge: „Normal wird jüdisches Leben in Deutschland erst dann sein, wenn zur Eröffnung eines Gotteshauses mit 500 Plätzen kein Bundespräsident mehr kommen muss.“

Weit weniger glanzvoll als um die christliche und jüdische Architektur ist es in Europa um die muslimische bestellt. Die atemberaubende Moschee sucht man vergeblich. Zaha Hadid hatte sich im Jahr 2000 für einen internationalen Wettbewerb ihre Vorstellung einer Großen Moschee für Straßburg von der Hand skizziert. Die klassische Formensprache ist zur Gänze einer Dachlandschaft aus betonierten Wellen gewichen. Einen gänzlich anderen Weg hatte ihr Kontrahent und nunmehrige Gewinner Paolo Portoghesi eingeschlagen. Der italienische Architekt entschied sich für eine postmoderne Orgie aus Kuppeln und Türmchen. Doch auch davon ist bis heute nichts zu sehen. Der symbolische Grundstein wurde zwar schon 2004 gelegt, doch erst vor zwei Monaten - kurz bevor die Baubewilligung ihre Gültigkeit verloren hätte - rollte der erste Bagger heran.

Von den kühnen Träumen einer zeitgenössischen Moschee ist der deutschsprachige Raum noch weit entfernt. Als im tirolerischen Telfs die Pläne für ein 20 Meter hohes Minarett öffentlich gemacht wurden, verfiel ein Viertel der österreichischen Bevölkerung in Panik und startete eine Bürgerinitiative gegen den muslimischen Gebetsturm. Der Kompromiss zwischen Bevölkerung und dem türkisch-islamischen Verein Atib: Der Turm wurde auf mickrige 15 Meter zusammengestutzt.

Währenddessen sprechen sich in der Schweiz einige Politiker bereits für ein generelles Bauverbot für Minarette aus. „Ein Minarett dient bloß dem Zweck, Präsenz zu markieren, und ist ein Eroberungssymbol, das viele Andersgläubige als Provokation empfinden“, heißt es in einer parlamentarischen Initiative im Kanton Tessin.

Vor exakt 500 Jahren wurde in Rom der Grundstein für den Petersdom gelegt. Besinnliches Fest 2006.

9. Dezember 2006 mit Eduard Steiner
Der Standard

St. Petersburger Kukuruz

Die Zeit der fossilen Brennstoffe geht zu Ende. Doch bevor es so weit ist, haut die Gasprom noch einmal so richtig auf den Putz und zieht in St. Petersburg einen 300-Meter-Turm hoch. Eduard Steiner und Wojciech Czaja erzählen eine Geschichte des Wahnsinns.

Der Osten greift nach dem Westen. Bukarest, Sofia, Warschau, Kiew und allen voran Moskau ziehen ihre Immobilien-Projekte wie die Schwammerln hoch. Fesche Architektur wird zum neuen Aushängeschild ehemals kommunistischer Länder, über Ethik und Geschmack braucht man nicht zu diskutieren. Was zählt, ist Gigantomanie.

Lediglich St. Petersburg mit seinen etwa fünf Millionen Einwohnern humpelt ein wenig hinterher. Die romantische Stadt an der Newa - gerne spricht man auch vom Venedig des Nordens - wird vom großen Machtzentrum Moskau regelrecht überschattet. Wirtschaftlich und politisch spielt man hier nur die zweite Geige. Und so bleiben St. Petersburg nicht viel mehr als die weißen Nächte und die goldenen Spitzhauben der Admiralität. Allein, den Touristen gefällt's.

Doch jetzt haut man auf die Pauke. Putin und Konsorten haben beschlossen, St. Petersburg auf Vordermann zu bringen. Den Leithammel dieser Tendenz gibt niemand Geringerer als eine der größten russischen Ölfirmen - Gasprom-Neft. Schon zu Jahresbeginn kam die Stadtverwaltung auf die Idee, am rechten Flussufer einen Bürokomplex von etwa einer Million Quadratmeter zu errichten. Zentrum dieser so genannten Gasprom-City sollte ein 300 Meter hoher Turm sein.

Untypisch für Russland, dessen postsowjetische Architektur bislang von einem traditionellen Einheitsbrei einheimischer Monopolarchitekten geprägt ist, trat erstmals eine Reihe internationaler Architekten auf und schaffte es tatsächlich an die Spitze des Wettbewerb-Verfahrens, an dem sich insgesamt 45 Firmen beteiligt hatten. Mit Rem Koolhaas, Daniel Libeskind, Jean Nouvel, Massimiliano Fuksas, Herzog & de Meuron sowie dem britischen Büro RMJM wurden sechs Architekten zu einem Entwurf geladen. Vor wenigen Tagen tagte die Jury und gab der Presse Bescheid: Das Hochhaus-Projekt von RMJM wird zur Realisierung empfohlen. Kaum war das Ergebnis verlautbart, hatte das Kind auch schon einen Namen: Die russischen Medien nennen den neuen Wolkenkratzer schlichtweg Kukurus, den Maiskolben.

77 Stockwerke hoch wird sich der Turm an der Newa in die Wolken schrauben. Der fünfeckige Grundriss und die elegante Torsion, verlautbaren die Architekten, leite sich vom wandelnden Charakter des Wassers ab, von seinen Lichtspielen, Brechungen und Reflexionen. Tony Kettle, Managing Director des britischen Architekturunternehmens, kommentiert den Entwurf: „Wir haben etwas Einzigartiges und Zeitloses geschaffen, eine wunderschöne Landmark für eine Stadt, die in Zukunft neue Maßstäbe in puncto Energieerhaltung und Nachhaltigkeit setzen wird.“

Doch die euphemistischen Worte des international tätigen Büros, das dieser Tage in Moskau sein weltweit elftes Büro eröffnete, können den Groll der betroffenen Instanzen nicht beschwichtigen. „Und wenn der Turm aus purem Gold wäre“, wütet Vladimir Popow, Präsident des Petersburger Architektenverbandes, „er würde die Stadt doch umbringen.“ Popow hatte sich sogar geweigert, an der aus Wirtschaftsleuten, Politikern und Architekten bestehenden Jury teilzunehmen. Juri Sdobnov, Vizechef des russischen Architektenbundes, nannte die Möglichkeit eines solchen Baus überhaupt einen „Frevel“.

Geschlossen schrieb man einen Brief an Präsident Putin und an die Gouverneurin Walentina Matwijenko, in dem man darauf hinwies, dass man drauf und dran sei, den Status als Unesco-Weltkulturerbe zu verspielen. Und das für ein einziges Hochhaus. „Erst die niedrige Skyline macht die Vertikalen St. Petersburgs so großartig. Ein 300-Meter-Turm, der von allen wichtigen Plätzen der Stadt aus zu sehen ist, wird die fragile Silhouette der Stadt zerstören.“ Ein Wiener Déjà-vu, möchte man meinen. Doch im Vergleich zu den Wiener Luxusproblemchen steht im Falle von St. Petersburg tatsächlich einiges auf dem Spiel.

Schon seit dem 19. Jahrhundert kämpft die Stadt an der Newa gegen den größeren Bruder Moskau an. Damals stritten die Gelehrten darüber, welche der beiden Städte Russland wohl besser repräsentieren möge. Später entschieden sich die Bolschewiken für Moskau. Wenn heutzutage 80 Prozent aller finanziellen Transaktionen Russlands durch Moskau fließen, stellt sich die Frage längst nicht mehr. In der nunmehrigen Offensive, St. Petersburg an die westliche Marktwirtschaft anzuschließen, könnte man vom rollenden Rubel geblendet werden. So manch goldene Dachnadel der einzigartigen Stadtsilhouette könnte dabei zu Bruch gehen.

Nicht zufällig hat Putin große Veranstaltungen seiner Präsidentschaft in seiner nördlichen Heimatstadt abhalten lassen. Die 300-Jahr-Feier der Stadt 2003 war aufgelegt, der G-8-Gipfel im heurigen Sommer stellte sich als kräftige Aufwertung heraus. Der Hafen wurde umgebaut und wickelt den aus dem Baltikum abgezogenen Ölexport ab. Russische Firmen siedeln mit ihren Headquarters allmählich nach St. Petersburg. Und der Umzug des Verfassungsgerichts in den Norden ist nur noch eine Frage der Zeit.

Dass der Ölgigant Gasprom da mitzieht, ist keine große Überraschung. Mit insgesamt 330.000 Mitarbeitern, 14,7 Milliarden Umsatz und drei Milliarden Dollar Gewinn kann man sich schon ein Stelldichein mit einer historischen und sensiblen Stadtstruktur erlauben. Die Selbstherrlichkeit des monopolistischen Gaskonzerns, der sich wie selbstverständlich über die Baunormen der ganzen Stadt hinwegsetzt, erzeugt Unmut, der von den Architekten, Behörden und Denkmalschützen längst auf die übrige Bevölkerung übergeschwappt ist - sogar auf einige wenige Bänke in der Politik.

Die Abgeordnete Natalja Evdokomova, die sich einer Protestgruppe aus Parlamentsabgeordneten - immerhin drei aus 49 - angeschlossen hat, erinnert: „Im Zielprogramm der Stadtverwaltung hat man die maximal erlaubten 48 Meter festgeschrieben. Hat man das jetzt vergessen?“ Prominente Unterstützung erhielten die Gegner vom Direktor der Eremitage, Michail Piotrowski, der in der Petersburger Zeitung Vedomosti seiner Furcht um das Antlitz der Stadt Ausdruck verlieh: „Wir haben diese fantastische Stadt durch Zufall geerbt. Wir dürfen sie nicht beschädigen.“

Die kleine Abgeordnetengruppe richtete ihr Ersuchen bereits an den russischen Generalstaatsanwalt Juri Tschaika. Dieser soll nun die Stadtsubvention für das Projekt überprüfen. Insgesamt 60 Milliarden Rubel (1,75 Milliarden Euro) sollen in den kommenden Jahren aus der Stadtkasse in die Gasprom-City - und ihre Managerwohnungen - fließen.

Mit zunehmender Straffheit des autoritären Regimes wird Kritik obsolet. Derzeit deckt die mächtige Gasprom ein Viertel des europä-ischen Gasbedarfs. Glaubt man den Wünschen, die aus dem Kreml dringen, so soll die Gasprom noch mächtiger werden und zur Nummer eins auf dem Weltenergiemarkt heranwachsen. Dann ist jede Kritik ohnehin sinnlos. „Was gut ist für Gasprom, ist gut für den Staat“, lautet das Motto des Gasmonopolisten.

Bleibt noch die Frage der Realisierung. Immer wieder führt der sumpfige Grund dazu, dass Wasser in die unendlich tief gebaute U-Bahn eintritt. Das wird auch beim Gasprom-Turm nicht anders sein. Seine Fundamente - so wird gemunkelt - sollen in preislicher Hinsicht dem oberirdischen Gebäude beinahe gleichkommen. Doch darüber brauchen sich die Architekten von RMJM nicht den Kopf zu zerbrechen. Aus der Stadtregierung ist zu vernehmen, dass RMJM lediglich Konzept und Entwürfe vorlegen dürfe. Den Rest erledige man schon lieber selbst.

„Natürlich gibt es Debatten und viel Widerstand“, sagen die Architekten und vergleichen sich prompt mit Monsieur Gustave Eiffel, „aber denken Sie nur einmal an Paris! Durch den Eiffelturm mit seinen 324 Meter Höhe wurde das wertvolle Paris sogar noch wertvoller.“ Die Grenzen zwischen Kultur und Turbokapitalismus scheinen verschwommen. Leider ist die Architektenschaft in der Riege der Besten um jeden Preis käuflich. Sie bricht ihr Versprechen, einen guten Beitrag für eine bessere Welt leisten zu wollen. Und damit macht sich die Stararchitektur zur Hure der Mächtigen

2. Dezember 2006 Der Standard

Die Stadt zwischen den Zeilen

Von Hackern ausgeheckt: das kapitalistische Werbeformat Plakatwand einmal anders.

Weihnachten ist die normative Kraft des Faktischen. Gegen Jingle Bells, Shopping-Misanthropie und stenzeltrotzende Punschhütten ist selbst die coolste Architektur machtlos - und das Feuilleton kann einpacken. Doch wenn man sich schon dem Duktus des Irdischen beugen muss, dann kann man zumindest im Denken entfliehen. In Bücher verpackt wird die Stadt wieder erträglich, mit dem Lesen legt sich ein Schleier der Schönheit über sie. Einige Werke der letzten Saison kehren der herkömmlichen Stadt den Rücken und versuchen, sie auch mal zwischen den Zeilen zu lesen.

Um es mit den Worten der beiden Herausgeber Florian Haydn und Robert Temel auszudrücken, ist Weihnachten in Anbetracht seiner Kurzfristigkeit gar nicht übel. Ganz im Gegenteil: „Temporäre Nutzungen sind Symptome eines alternativen Stadtplanungsverhältnisses.“ In ihrem Buch Temporäre Räume (Birkhäuser, ¬ 29,90) versammeln sie Essays von Peter Arlt, Barbara Holub, Elke Krasny und vielen anderen, die sich alle dem Phänomen der Temporalität - ja, so heißt das - aus politischen, praktischen und theoretischen Betrachtungswinkeln nähern. Klaus Ronneberger: „Das urbane System erfährt eine grundlegende Transformation. Überspitzt könnte man sagen: Waren die Metropolen zuvor über den Prozess der Verarbeitung materieller Ressourcen definiert, so fungieren sie nun als Orte der Produktion und der Transfers von Symbolen und Wissen.“

Eines der weitreichendsten Beispiele temporärer Stadtnutzung ist wohl das „Permanent Breakfast“, das heuer sein zehnjähriges Bestehen feiert. Gefrühstückt wurde bereits in Papua-Neuguinea, im Sudan, in Brasilien und in Chile - und zwar durchwegs auf offener Straße. „Die gängige Erlaubniskultur, also die Annahme, nur was explizit erlaubt sei, sei nicht verboten, zieht die Grenzen der eigenen Möglichkeiten meist wesentlich enger als notwendig“, schreiben die beiden Initiatoren Ursula Hofbauer und Friedemann Derschmidt, „die Zurückhaltung gegenüber nicht vorformulierten Verhaltensweisen ist kulturell tief verankert.“

Doch zum Glück gibt es sie, die wertvollen Widersacher der globalen Stadt, die stets gegen den Strom schwimmen. Thomas Düllo und Franz Liebl vereinen sie - die Designer, Künstler, Manager, Aktivisten und Wissenschafter - in einem dicken Schmöker namens Cultural Hacking (Springer Verlag, EUR 37,00). Gezeigt werden Theorien und Projekte des so genannten strategischen Handelns. War ein Hacker ursprünglich ein Journalist, der seine Arbeit mit unorthodoxen Mitteln machte, wandelte sich der Begriff sehr rasch und übertrug sich auf den Bereich der elektronischen Medien.

Nichts anderes machen die Protagonisten des Cultural Hacking: Sie klicken sich auf legale oder illegale Weise in das Geschehen der Großstadt ein und eignen sich vornehmlich all jene Botschaften an, die den anderen gehören: Werbung. Die Fotokünstlerin Aude Tincelin stellt sich die Frage, welche globalen Player sich in unser aller Köpfe bereits so tief eingenistet haben, dass wir ihre Sprache auch schon ohne Schrift zu lesen vermögen. „Was wir in Aude Tincelins Fotostrecke Sans Titre sehen, sind nur noch uniforme und merkwürdig mediokre Lifestyle-Welten, denen ein zentraler Bedeutungsgehalt abhanden gekommen ist“, schreibt Franz Liebl über die „amorphe, desorientierte Melange aus H&M, The Gap, Aubade, Boss und Adidas. Kurz: this could be anything.“

Und doch sind wir alle in der Lage, die Stadt zu lesen. Das liegt nicht zuletzt an der sprache der strasse (Sonderzahl Verlag, ¬ 15,00), an die sich die Herausgeber Mark Gilbert, Wolfgang Niederwieser und Hans Hinterholzer herangemacht haben. „Identität gehört zu den wichtigsten Eigenschaften einer Stadt“, so Gilbert, „die Straße ist nicht nur die Sphäre aggressiven Verkaufs, sondern auch der Ort, an dem Individuen jene Identitäten ausleben, die nicht gekauft und nicht verkauft werden können.“ Einerseits basiert das Buch auf der offensiven Stadtplanungs-Intervention making it 2, die letztes Jahr in leer stehenden Geschäftslokalen in Wien Margareten über die Bühne gegangen ist, andererseits gehen die Herausgeber mit unzähligen Autoren der Frage nach, was man dem Qualitätsverlust der städtischen Einkaufsstraßen entgegensetzen kann. Die Geschäftsnutzung wandert in Einkaufszentren ab, die Straße wird zur „shrinking street“.

Schuld an der ganzen Misere ist unter anderem der österreichische Architekt und Stadtplaner Victor Gruen (1903-1980). Von den Nationalsozialisten enteignet, emigrierte Gruen nach New York, wo er sich mit Boutique-Umbauten auf der Fifth Avenue einen großen Namen machte. Wenig später folgte seine Erfindung der vollklimatisierten und gedeckten Shopping Town, einer eigenen Stadt am Rande des Stadt. Soziologin Annette Baldauf und Fotografin Dorit Margreiter widmeten dem ambivalenten Mann ein kleines Kunststück-Buch unter dem Titel Der Gruen Effekt (herausgegeben von Florian Pumhösl, Verlag Montage Wien, ¬ 9,00, zu beziehen über die Galerie Krobath Wimmer).

„Victor Gruen gilt heute als einer der einflussreichsten westlichen Städteplaner“, schreibt Annette Baldauf in ihrer Einleitung, „Gruens frühe Arbeiten werden heute vielfach als Impuls zur Zerstörung der westlichen Städte interpretiert.“ Nachdem der „people's architect“ - wie er sich selbst nannte - insgesamt 15 Millionen Quadratmeter Einkaufsfläche allein in Shopping Towns realisiert hatte, musste er sich am Ende seines Lebens einen grundsätzlichen Fehler eingestehen: „Amerika darf man nicht kopieren, man muss es kapieren.“ In einem Vortrag im Jahre 1974 appellierte er an sein Publikum: „Widmen Sie ihre Schöpfkraft nicht länger einer verlorenen Sache. Das Einkaufszentrum ist tot.“

Genug der Markenbühne Stadt. Augen schließen. Ohren auf höchste Aufmerksamkeit. Rewind. Und Play: In Bücher verpackt wird die Stadt wieder erträglich, mit dem Lesen legt sich ein Schleier der Schönheit über sie. Doch man kann der Stadt auch entfliehen, indem man sie durchschreitet, indem man die Kopfhörer aufsetzt, indem man sich nur auf Bild und Ton konzentriert - und die physische Kausalität mal bei Seite lässt. Die in Kanada lebende Künstlerin Janet Cardiff ist diesen Weg schon vorgegangen und hat ihre Erfahrung in The Walk Book verewigt (herausgegeben von Mirjam Schaub, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, ¬ 70,00). Was für eine Typografie, ein Genuss! Das Buch wurde mit dem Certificate of Typographic Excellence 2005 ausgezeichnet.

Cardiffs Routen durch Metropolen wie New York, Montreal, London oder Paris - abgegangen zwischen 1991 und 2005 - werden zu abstrakt zusammengestellten Sinnenseindrücken auf 343 Seiten: Text, Fotos, überschmierte Spazierdrehbücher. Eine beigelegte CD navigiert den Leser durch die Stadt. Für Liebhaber gibt es eine Sonderausgabe mit hellblauem CD-Player und handsignierter Fotografie (limitierte Auflage 100 Stück, 468,00). „Ich weiß nicht, warum ich im Park war, es hat mich dort hingezogen“, erzählt Cardiff mit tiefer, sonorer Stimme, „manchmal fällt man regelrecht in eine Geschichte rein. Ich möchte, dass Sie mich begleiten.“ Glockenläuten, Vogelgezwitscher, Schüsse, Alarmanlage, Helikopterlärm. Irgendwann muss auch die Kunst niesen. Hatschi. Cardiff entschuldigt sich beim Zuhörer.

Wann hat man die Nase voll von der Stadt? Autorin Barbara Motter und Fotograf Konrad Rainer lassen sich vom City-Walken nicht beeindrucken, sie ergreifen die Flucht in den Westen, konkret ins untere Rheintal. In ihrem - beschützende Mutterinstinkte fördernden - Büchlein Gartenhüsle (Studien Verlag, EUR 22,90) frönen sie der guten alten Holzhütte. Einsam rottet sie vor sich hin - oder steht liebevoll gealtert am Ende des Gartens. So passioniert und liebevoll war ein Architekturbuch noch nie. Man muss es richtig fest an die Brust drücken. Da ist sie also wieder - die Hütte. Bald ist Weihnachten.

2. Dezember 2006 Der Standard

Der Kampf um den Höchsten

Im Sinne der Superlative kann man das europäische Hochhaus getrost abschreiben. Doch statt im Kampf um den Höchsten mitzumischen, verschreibt man sich ganz der Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit. Der Hochhauspreis 2006 erging an Jean Nouvel.

Keine andere Bauaufgabe wird mit so viel Ruhm und Publikumswirksamkeit geehrt wie das Hochhaus. Vor allem aber ist das Hochhaus ein Werkzeug unentwegter Macht und Konkurrenz. Der Kampf zwischen Rivalen ging sogar so weit, dass gleichzeitig mit dem New Yorker Chrysler Building zwischen 1928 und 1930 die Bank of Manhattan hochgezogen wurde. Man wollte es genau wissen: Letztere hatte bis zum letzten Tag mit 283 Metern Höhe die Nase vorn. Doch Chrysler-Architekt William van Alen hatte damals die geniale Idee, die Turmspitze im Heizungsschacht aufzubauen und sie dem Gebäude in einem Stück aufzusetzen. Fazit: 319 Meter - und die Bank of Manhattan schaute blöd aus der Wäsche.

An den tückischen Spielchen um den höchsten Wolkenkratzer der Stadt hat sich bis heute nichts verändert. Amerika zog sich aus dem Kampf bereits zurück, das Schlachtfeld verlagerte sich nach Südostasien und in den Mittleren Osten. Mal trumpft Kuala Lumpur (452 Meter) auf, dann wieder Taipeh (509 Meter), in Kürze könnte Schanghai folgen - vorausgesetzt, dass die derzeit veröffentlichten 492 Meter ein Bluff im Stile der altehrwürdigen Chrysler-Company sind. Die Baukosten für das World Financial Center sind mit 850 Millionen US-Dollar (646 Millionen Euro) veranschlagt, als Bauherr tritt ein japanisches Konsortium aus 36 Banken auf, das durch die Mori Building Co. of Tokyo angeführt wird.

Wie hoch ist Europa?

Der europäische Kontinent hätte selbstredend keine Chance zu gewinnen - zumindest nicht, wenn es um die Größe geht. Dafür hat man sich der Aufgabe verschrieben, statt in Höhenmeter das Hirnschmalz in die Qualität der Bauwerke fließen zu lassen. An vorderster Stelle stehen technische und ökologische Innovationen, die - im Gegensatz zum asiatischen Markt - jedoch nicht der Reputation, sondern der Nachhaltigkeit dienen sollen. In diesem Sinne wurde heuer unter Juryvorsitz von Architekt Werner Sobek der Internationale Hochhauspreis 2006 vergeben. Die Preisträger und weitere eingereichte Projekte sind noch bis 11. Februar 2007 im Deutschen Architekturmuseum Frakfurt zu sehen.

Die diesjährige Auszeichnung erging an den französischen Architekten Jean Nouvel für seinen auffälligen Torre Agbar. Der Firmensitz des Grupo Agbar (Agua Barcelona) böte auf mehreren Ebenen einen herausragenden Beitrag zur aktuellen Hochhausdebatte, heißt es seitens der Jury. „Im Gegensatz zu üblichen Hochhäusern mit ihren gläsernen Vorhangfassaden reagiert die Gebäudehülle des Torre Agbar auf das heiße, spanische Klima.“ Entgegen seiner äußeren Erscheinung handelt es sich nämlich um eine Betonhülle, die nicht nur der Statik, sondern auch als Hitzeschutz dient. Die nach außen hin sichtbare Fassade aus beweglichen Glaslamellen bildet einen thermischen Puffer.

Wie ist es um das Hochhaus in Wien bestellt? Das restliche Österreich kann man in dieser Diskussion getrost ausklammern, denn mehr als 20 Stockwerke sind in den Bundesländern nicht drin. „Hochhäuser stellen eine besondere Herausforderung für den Projektentwickler dar“, erklärt Thomas Jakoubek, Geschäftsführer der Wiener Entwicklungsgesellschaft für den Donauraum (WED), „daher lautet die oberste Devise: Hochhäuser ja, aber nicht um jeden Preis.“

Die WED kaufte der Stadt Wien 17,4 Hektar Land auf der Donauplatte ab. Damit die Investitionskosten langfristig wieder zurückfließen können, müsse die WED rund 1,65 Millionen Kubikmeter verbauen. Das entspricht einer Bruttogeschoßfläche von etwa 500.000 Quadratmetern. Jedoch könnte die Donau-City nach Auskunft des Geschäftsführers sogar bis zu zwei Millionen Kubikmeter vertragen. „Am effizientesten sind dabei natürlich Hochhäuser“, erklärt Jakoubek, „dennoch haben auch Hochhäuser eine wirtschaftliche Obergrenze.“ Wird sie überschritten, fällt das Verhältnis zwischen Brutto- zur Nettofläche rapid ab.

Das Investitionsvolumen für das gesamte Großprojekt beträgt zwischen 1,5 und 2,0 Milliarden Euro. Mit den Zwillingstürmen von Dominique Perrault, die mit 160 und 220 Meter Höhe zum höchsten Ensemble Österreichs werden, erreicht man eine Flächeneffizienz von etwa 75 Prozent. „Eigentlich wollten wir es bei 190 Metern bewenden lassen, doch eine Zwei am Anfang macht sich ganz gut.“ Da ist er ja, der Kampfgeist.

25. November 2006 Der Standard

Wer Museum sagt, muss auch Bilbao sagen

Das Guggenheim-Museum in Bilbao hat die Latte hoch gelegt. Können das die neuen Museen überhaupt noch überbieten?

Als Normalsterblicher ahnt man gar nicht, wofür man alles Architekten braucht. Wer denkt im Alltag ernsthaft an Wasserkraftwerke, Kläranlagen und Großbäckereien? Hans Hollein mag also Recht behalten, wenn er meint, „alles ist Architektur.“ Doch auf der großen Karriereleiter kratzt das niemanden. Ganze Trauben von schwarzen Architekten hängen daran und raufen um die nächst höhere Sprosse. Im Visier haben sie nur eines. Denn wer ganz nach oben möchte, der braucht nur die erstrebenswerteste aller Bauaufgaben zu meistern - ein Museum.

Je spektakulärer das Gebäude ausfällt, desto größer die Chance, von der Presse zum Stararchitekten gekürt zu werden. Und ehe man sich versieht, ist man ein Gehry, eine Hadid, ein Libeskind. Fällt Ihnen ein Museum ein? Vor zehn Jahren hätte man noch Louvre, Prado und Eremitage geantwortet, heute spricht man nur noch von Bilbao. Eine ganze Stadt, ein ganzes müdes Baskenland ist durch die Hilfe von Bauherr und Architekt von einem Tag auf den anderen zu Weltruhm gelangt.

„Die Städte haben die Museen als Marketingfaktoren entdeckt“, schreibt der Autor Thierry Greub in einem Essay über die Ausstellungsbauten des 21. Jahrhunderts, „ein spektakulärer Museumsbau besitzt überregionale Ausstrahlung, sichert der Stadt im besten Fall sowohl ein markantes Wahrzeichen als auch Zentrumsfunktion.“ Waren es bisher nur die Gemälde und Skulpturen, die eine Reise in das eine oder andere Museum nahe legten, bilden jetzt die Museumsbauten die Hauptattraktion.

Der deutsche Maler und Bildhauer Markus Lüpertz hat schon 1984 hellsichtig formuliert: „Die Architektur sollte die Größe besitzen, sich selbst so zu präsentieren, dass die Kunst in ihr möglich wird, dass die Kunst nicht durch den Eigenanspruch der Architektur, Kunst zu sein, vertrieben wird.“ Angesichts einer immer lauter werdenden Architektur ist die Frage daher durchaus berechtigt: Wo bleibt da noch Platz für die Kunst?

„Gebt mir ein Museum, und ich werde es füllen“, soll Picasso gesagt haben. Etwas bereits Gefülltes noch mehr anzufüllen, wie dies zunehmend der Fall ist - das ist keine leichte Aufgabe. Doch das Klagelied des allzu üppigen Museumsbaus ist kein neues. Seit jeher trachtete man danach, für die Unterbringung der Kunst ein eindrucksvolles Gebäude im passenden Stil zu errichten. Nur so kann man den Louvre, den Prado und die Eremitage in St. Petersburg verstehen, denn schlicht und neutral waren all diese Räume beim besten Willen nicht.

Erst die Kunst des 20. Jahrhunderts forderte eine minimalistische Hülle ein - das war die Geburtsstunde des so genannten White Cube. Die Hülle nahm sich als nacktes Nichts zurück, im Rampenlicht stand die Kunst. Gerade einmal ein paar Jahrzehnte hat der weiße Minimalismus heute auf dem Buckel, schon wird er als veraltet erachtet, abgelegt und gegen den visuellen Barock einer Bilbao-Architektur eingetauscht. Seit dem großen baskischen Wurf Frank O. Gehrys gilt - zumindest bei Kunstmuseen - einmal mehr das Prinzip, dass ihr Baustil eine Verbindung zur ausgestellten Sammlung aufweisen soll.

Kaum hat sich die Menschheit vom Guggenheim-Museum in Bilbao, vom Jüdischen Museum in Berlin oder vom Grazer Kunsthaus-Blob erholt, wird sie ein weiteres Mal strapaziert. Denn der Museumsboom hat seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht, die wirklich großen Würfe stehen erst an. Die Hauptprotagonisten der neuen Kunstarchitektur sind an erster Stelle Frank O. Gehry, Zaha Hadid und Daniel Libeskind, gefolgt von Santiago Calatrava, Bernard Tschumi, Coop Himmelb(l)au, Shigeru Ban und - gerade in den Vereinigten Staaten ein viel gefragter Mann - Renzo Piano.

Einige Museumsbauten wirken wie aus einer fernen Zukunft, doch sie werden durchwegs Realität sein. So manches Projekt befindet sich sogar schon in der Bauphase. Zaha Hadids MAXXI in Rom (Museo nazionale delle arti del XXI secolo) ist eine spektakuläre urbane Maschine, die ein wenig an die Gleisverläufe eines Bahnhofs erinnert. Zaha Hadid kontert: „Ich habe dabei nicht unbedingt an Eisenbahnschienen gedacht. Vielmehr soll es an die Linien der Landschaft oder an die gewundene Linie des nahe gelegenen Tibers erinnern.“ Die Ausstellungsräume sind als betonierte Tröge ausgebildet, die Belichtung erfolgt ausschließlich über Glasdecken. „Es gibt eine starke Beziehung zwischen dem Gebäude und dem Himmel. Mit dem mediterranen Licht hier in Rom umzugehen, ist eine Herausforderung und ein Spaß für sich“, erklärt Hadid.

Die Eröffnung ist für 2008 geplant. Ursprünglich waren die Baukosten mit 70 Millionen Euro veranschlagt, Experten sprechen mittlerweile von 100 Millionen. Derzeit droht ein Baustopp wegen Geldmangels. Um den schlimmsten Fall zu verhindern, erklärte vorgestern Donnerstag die italienische Regierung, dass sie das Projekt mit 24 Millionen Euro unterstützen werde.

Weniger dramatisch geht es im französischen Metz zu, wo gerade eine Zweigstelle des Pariser Centre Pompidou entsteht. Baukosten 36 Millionen Euro, Eröffnung 2008. Der Entwurf von Shigeru Ban und Jean de Gastines ist einem chinesischen Bambushut nachempfunden. Der sechseckige Flechtschirm aus Schichtleimholz und einer lichtdurchlässigen Kunststoff-Membran wird dem Haufen aus unterschiedlichen Ausstellungsräumen ganz einfach aufgesetzt. Untertags erinnert die Gebäudehülle an ein Zewa-Softis-Taschentuch, nachts scheint die ungewöhnliche Holzkonstruktion durch.

Auch in Lyon ist bereits eine Baustelle voll in Betrieb. Das Musée des Confluences von Coop Himmelb(l)au ist ein riesiger Apparat, der auf eine gottverlassene Landzunge am Zusammenfluss zwischen Rhône und Saône gestellt wird. Der Monsterbau aus Stahl, Glas und Stahlbeton ist über 150 Meter lang und an seiner höchsten Stelle 40 Meter hoch. Laut Architekten dürfe man sich das neue Wissenschafts- und Ethik-Museum jedoch nicht als abgeschlossenen Bau vorstellen, sondern ganz im Gegenteil als ein Ensemble „voller Zwischenräume, Undeutlichkeiten und Hybridisierungstendenzen“. Klar und deutlich indes: Baukosten 100 Millionen Euro, Fertigstellung 2008.

„Die meisten Dummheiten in der Welt muss sich wahrscheinlich ein Gemälde in einem Museum anhören“, schrieb der französische Schriftsteller Edmond de Goncourt Ende des 19. Jahrhunderts. Trifft das immer noch zu? Längst scheint es, als wären die Museen selbst an deren Stelle getreten. Die Frage, die sich angesichts der musealen Bauwut aufdrängt, lautet unweigerlich: Wie viel Museum verträgt die Welt? Längst könnte man all die Bilder abhängen und die unnützen Skulpturen verstauen. Denn die Menschen wären bereit, auch für die Besichtigung der alleinigen Architekturhüllen Eintrittsgeld zu zahlen. Fragt sich nur, ob das bloße Spektakel für eine Langzeitwirkung ausreichend ist.

Kürzlich eröffnete das Denver Art Museum von Daniel Libeskind (Baukosten 70 Millionen Euro). Hier gibt es ein Déjà-vu. Die geschlitzte Metallfassade weckt Erinnerungen an das Jüdische Museum in Berlin - mit dem einzigen Unterschied, dass das Denver Art Museum noch ein bisschen zerknüllter wirkt als sein europäischer Vorgänger. Und - Libeskind ist nicht der Einzige, der sich mittlerweile selbst zitiert. Die Beispiele sind zahlreich.

Die Zwischenbilanz über die post-bilbaotische Generation von Museumsbauten fällt am Ende ernüchternd aus. Wahrzeichen, Attraktionen und Blickfänge sind sie allesamt, doch es ist nicht zu übersehen, dass die formalen und funktionalen Spielmöglichkeiten weit gehend ausgereizt sind. So atemberaubend die einzelnen Gebäude auch sein mögen - seit Bilbao ist die Luft draußen. Q

Ausstellung im Lentos Kunstmuseum Linz: „Museen im 21. Jahrhundert: Ideen, Projekte, Bauten“. Zu sehen bis 18. Februar 2007. Täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 22 Uhr. Ernst-Koref-Promenade 1, 4020 Linz. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Prestel-Verlag erschienen. Die Ausstellungsgestaltung stammt von Caramel architekten.

Wer Museum sagt, muss auch Bilbao sagen

Die Zweig-stelle des Centre Pompidou in Metz ist einer der wenigen autonomen Lichtblicke unter den neuen Museen. Im Gegensatz zu Shigeru Ban und Jean de Gastines nehmen es Hadid, Libeskind und Coop Himmelb(l)au mit der Individualität nicht allzu ernst. Seit Bilbao gilt: Erlaubt ist, was gefällt. Déjà-vus spielen dabei keine Rolle.

17. November 2006 Der Standard

Der Architekt als Marke

Hadi Teherani ist nicht nur Architekt, sondern auch ein ausgefuchster Marketing- Experte. Als einer von wenigen hat er sich so stark positioniert, dass man ihn heute als Markenboss wahrnimmt.

Man stelle sich eine Umfrage auf der Straße vor: „Nennen Sie einen lebenden österreichischen Architekten!“ Uff. Mit ziemlicher Sicherheit werden irgendwann einmal Namen wie Peichl, Prix und Hollein dahertröpfeln. Ganz anders in Deutschland. Da würden alle die Hände vor dem Mund falten und galant in die Kamera kundtun: „Hadi.“

Die Rede ist von Hadi Teherani, jenem Architekten, der eben nicht nur Architekt ist, sondern auch Designer, Prominenter und Genussmensch. Das publikumswirksame Zugpferd und dritte Initial des Hamburger Architekturbüros BRT wird bei unserem deutschen Nachbarn als Star gehandelt. Sein Konterfei lächelt regelmäßig aus allerlei Gazetten heraus und beliefert die Leserschaft mit Zitaten, Kommentaren und subjektiven Meinungen. In Bälde - so viel lässt sich bereits prognostizieren - könnte jeder Deutsche einen echten Hadi besitzen. Denn der gebürtige Perser hat seine Unterschrift schon an Stühlen, Teppichen und Waschbecken gelassen. Neuerdings sogar an Schuhen.

Doch mehr als alles andere hat Teherani sich selbst entworfen. In britischen Autos und aalglatten Anzügen gleitet er durch die Welt der Investoren und proklamiert die Architektur als Marke. Wo bleibt da Zeit für Architektur? Gespräch mit einem Mann, ohne den die hanseatische Stadt heute ganz anders wäre, als sie ist.

der Standard Die Presse bejubelt Sie als Star unter deutschen Architekten. Sind Sie ein Star?

Hadi Teherani: Star kann man nicht sein, zu einem Star wird man gemacht. Ich weiß auch nicht, woher das kommt. Ja, die Leute sprechen mich auf der Straße als Star an, sie geben mir zu verstehen, dass sie meine Arbeit schätzen. Ich nehme das als Label, als Auszeichnung gerne an. Und es ist auch ein großes Kompliment. Denn in der Regel sind wir Architekten so erzogen worden, dass wir fast ausschließlich in unserer Gemeinschaft, in unserer Kaste leben und uns aus diesen Kreisen nur selten befreien können.

An diesem Label sind Sie nicht unbeteiligt, denn Sie proklamieren Ihren Lifestyle in den Medien. Wenn Sie das Heck Ihres Aston Martin überarbeiten, weil es Ihnen „zu weich“ ist, dann weiß ganz Deutschland Bescheid.

Teherani: Die Sache ist im Grunde recht einfach. Wenn ich mir ein Auto kaufe, gestalte ich all jene Nuancen um, die mir vielleicht nicht so gut gefallen. Ich habe mir einen Mini Cooper gekauft und einfach ein paar Details verbessert. Aber das sind ausschließlich persönliche Bedürfnisse. Ich finde den Mini Cooper von der äußeren Erscheinung her absolut gelungen, aber ich wollte mich gerne auch im Innenraum wiederfinden, so wie ich es auch in meinen anderen Fahrzeugen tue. Im Mini war mir viel zu viel Plastik, es hat so kunterbunt ausgesehen wie My First Sony. Daher habe ich diese Accessoires im Innenraum so umgewandelt, dass das Auto heute in meinem Augen seriöser auftritt. Beispielsweise habe ich den Drehzahlmesser entfernen lassen - er hat mich in der Symmetrie gestört.

Sie selbst behaupten von sich, Perfektionist zu sein. Muss denn alles perfekt sein?

Teherani: Natürlich gibt es Grenzen. Und manchmal gibt es auch Dinge, die schön sind, ganz einfach weil sie unperfekt sind. Ansonsten dürfte ich ja keine englischen Autos fahren, die sind ja nicht unbedingt ganz perfekt. Bei englischen Autos stimmt dafür das Emotionelle, sie sprechen einen an. Aber jene Dinge, die ich in meiner Umgebung sehr wohl persönlich beeinflussen kann, möchte ich tatsächlich so lange verbessern, bis ich hundert Prozent dahinter stehen kann. Wenn ich einen Anzug anziehe, möchte ich, dass er nicht nur perfekt geschnitten ist, er sollte sich auch toll anfühlen, der Stoff muss eine gute Qualität haben.

Weg von den Luxusproblemen, zurück zur Architektur. Welchen Stellenwert nimmt Architektur in der Gesellschaft ein?

Teherani: Die Architektur hat einen sehr hohen Stellenwert - doch das wird nicht immer so gesehen. Architekten schaffen Identität, sie schaffen das Gesicht der Städte, und sie schaffen Lebensräume für Menschen. Wir fahren gerne nach Venedig, London, Paris. Und warum machen wir das? Weil man in diese Städte damals offensichtlich gut investiert hat. Heute ist die öffentliche Hand verantwortungslos und langweilig geworden, das Resultat sind gesichtslose Städte. Dagegen muss man ankämpfen! Und das geht nur, wenn man nicht immer nur aus den Architekturmagazinen herauslächelt. Dafür setze ich mich ein, und zwar überall. Ich bin sowohl in den Tageszeitungen zu sehen als auch in Boulevardmedien oder in der Gala. Auf diese Weise kann ich für mich eine Bresche schlagen. Und natürlich nicht nur für mich, sondern ganz allgemein für hochwertige Architektur.

Das klingt ja selbstlos.

Teherani: Ich sage noch einmal ganz klar: Ich bemühe mich zurzeit sehr darum, eine Lanze für alle Architekten zu brechen. Wenn mich das Publikum in den Medien sieht und es dann heißt „Ach, guck mal, der schon wieder!“, dann rufe ich damit die Disziplin der Architektur stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung. Und das ist es, was zählt. Denn Architektur steht für Qualität, für Lebensstil, für Geschmack.

Fühlen Sie sich in den Medien wohl?

Teherani: Ja, es geht. Ein bisschen Extrovertiertheit tut dem Menschen schon gut. Das ist aber nicht nur mit Vorteilen verbunden, es gibt auch Nachteile. Manchmal will man anonym sein, doch man ist es nicht. Aber das ist der Preis, den ich bereit bin zu zahlen.

Mittlerweile sind Sie nicht nur Architekt und Medienmensch, sondern auch noch Designer.

Teherani: Ich verkörpere nicht ausschließlich eine Sache, ich bin von allem etwas. Ich mache Badkeramik, Tapeten, Fußbodenbeläge und vieles mehr. Ganz neu im Programm ist eine Schuhserie von Hadi Teherani, an der ich gerade arbeite. Ich finde diese Ausflüge in die Mode und ins Design sehr schön. Damit kann ich in die Haushalte eindringen und werde noch bekannter und trage noch einmal dazu bei, ein gewisses Ästhetikbewusstsein in der Bevölkerung zu verankern. Da ist das Produktdesign eben anders als die Architektur: Sie entwerfen einen Aschenbecher, denken das Ganze nur einmal, und plötzlich steht das in tausenden von Haushalten. Das ist ein Modell der Wiederholung, der Serie, der Redundanz, gegen das sich Architekten immer schon gewehrt haben. Der Grund ist ganz einfach: Jeder will unique sein! Doch wenn dann am Ende alle unique geworden sind, dann schwimmen wir wieder in der gleichen Suppe, obwohl trotzdem nichts zum anderen passt.

Also eine Speerspitze für das ewig Gleiche?

Teherani: Nein, natürlich nicht. Wir haben viele Konzepte entwickelt, wir haben uns mittlerweile ein großes Know-how erarbeitet. Was uns aber verloren gegangen ist, das ist das Haptische, das Erdberührte, das Gefühlsbetonte. Die Bevölkerung hängt in der Luft und ist ein bisschen verdutzt ob unser aller Gefühlslosigkeit und verloren gegangener Sensibilität. An uns Architekten liegt es nun, diese Gegensätze wieder zusammenzuführen. Doch das funktioniert nur langsam, denn der Westen ist verkorkst. Blättern Sie einmal ein Buch über orientalische Architektur durch, und Sie werden sehen, wie reich die Architektur dort ist und wie nackt die Architektur in Westeuropa im Gegenzug erscheint. Sagen Sie das einmal einem Investor! Der wird Sie auslachen und wird Ihnen nahe legen, sich wieder den so genannten wichtigen Dingen zu widmen.

Orientalisch wirkt Ihre Architektur aber nicht. Und: Die Investoren fahren voll darauf ab.

Teherani: Ornament ist nichts anderes als ein Eingeständnis an die Emotion. Doch diese Art der Architektur ist mit den heutigen Werten und Wertverständnissen nicht mehr durchführbar. Da würden Ihnen alle Soziologen und Stadtplaner an die Gurgel springen! Meine Gebäude wirken eher solitärhaft, weil sie auch so lange bearbeitet wurden, dass sie unique erfassbar sind. Doch - und das ist der springende Punkt - wir entwickeln sie so lange weiter, bis sie perfekt sind. Und zwar so perfekt, dass sie sie danach auf ein Silbertablett und eigentlich auch auf jedes andere Grundstück in ganz Deutschland stellen können.

Das ist praktisch.

Teherani: Tatsache ist: Ein Gebäude braucht Identität. Den Beweis dafür können Sie in jeder touristischen Stadt sehen. Die Städtetouristen steigen aus ihren Bussen aus, um sich ein Gebäude von BRT anzusehen. Wenn eine deutsche Stadt für sich wirbt, dann tut sie das mittlerweile auch schon mit meinen Gebäuden. Ich sage Ihnen mal etwas, ohne jetzt überschwänglich zu werden: Wenn Sie alle meine Gebäude von heute auf morgen aus Hamburg entfernen, dann entfernen Sie damit vielleicht auch ein Symbol für Fortschritt und Innovation.

11. November 2006 Der Standard

Ein Wintergarten voll Südafrika

Seit einem guten Jahrzehnt ist Entwicklungshilfe mehr, als sie einmal war. Bauen in der Fremde hat sich als eigene architektonische Disziplin etabliert. Manch einer warnt dabei vor einem neuen Kolonialismus.

Vor ziemlich genau einem Jahr berichtete der Standard an dieser Stelle über ein Kinderheim in den Townships von Johannesburg. „Ästhetik ohne Geld“ lautete damals das Motto von Architekt Roland Gnaiger, der gemeinsam mit seinen Studenten der Kunstuniversität Linz ein Konzept für Orange Farm erstellte - und dieses vor Ort dann auch realisierte. Gebündelt flog die studierende Meute in die beinharte Realität des afrikanischen Südens und stellte dort - unter Miteinbeziehung der ansässigen Bevölkerung - die eigens entworfenen Pavillons aus Holz, Lehm, Erde, Grasmatten und Wellblech hin. Die Gelder und Baustoffe wurden aus der Industrie zusammengeschnorrt und bis zur letzten Türschnalle aufgebraucht.

Das Projekt in Orange Farm ist nur eines von vielen, eines von vielen in Südafrika, eines von vielen weltweit. Denn während Entwicklungshilfe bis vor wenigen Jahren ein missionarisch gefärbter Begriff war, mit dem sich hauptsächlich Hilfsorganisationen und kirchliche Verbände schmückten, hat sich das Bauen in der Dritten Welt mittlerweile zu einer eigenen Sparte der Architektur gemausert. Ganz gleich, ob Architekten ohne Grenzen, das von Samuel Mockbee ins Leben gerufene Rural Studio in Alabama oder etwa Architecture for Humanity - niemand möchte sich heute noch damit zufrieden geben, einen weiteren „white elephant“ in die Wüste, in die Steppe, in den Urwald zu stellen. Längst geht es nicht mehr darum, es besser zu machen als die anderen, sondern um das gegenseitige Lernen. So heißt es.

„Wir verstehen unsere Arbeiten und dieses Projekt nicht als Entwicklungshilfe, sondern als beidseitiges Lernen und Verstehen“, erklärt Grünen-Politiker Christoph Chorherr, der 2004 in Südafrika den gemeinnützigen Verein „Sarch“ (social sustainable architecture) gründete, „unter dieser Prämisse entstehen Bauten, die vor allem im Bildungsbereich bessere Möglichkeiten eröffnen sollen.“ Zu den jüngsten Projekten von „Sarch“, die in Zusammenarbeit mit TU Wien, TU Graz, TU Innsbruck, Kunstuniversität Linz, RWTH Aachen und Fachhochschule Kuchl entstanden, zählen Kindergärten, Schulen, Bibliotheken, Ambulanzen, Werkstätten und Wohnheime.

Bei all den Projekte gilt die Devise: Die Studenten freuen sich über eine Reise in warme Gefilde und über hart erarbeitete Semesterwochenstunden, die Einheimischen indes freuen sich über ein neues - und gestalterisch nicht uninteressantes - Dach über dem Kopf. Fast scheint es, als wäre die neue Entwicklungshilfe nach dem sanften Modell der Nullerjahre bereits hip geworden. So sieht es zumindest Johannes Porsch, der im Architekturzentrum Wien die Ausstellung „Bottom up. Bauen für eine bessere Welt“ kuratiert, die kommenden Mittwoch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden wird: „Man begibt sich an den so genannten Rand, an einen prekären Ort, an dem deregulierte Verhältnisse vorherrschen, befriedigt damit seine Neugier und implantiert dort eine eurozentristische, weiße und nicht selten hegemoniale Architektur“, bekrittelt Porsch, „da wird die Architektur zum Werkzeug einer neuen Bio-Politik.“

Porsch, selbst studierter Architekt, nahm die Partizipationsprojekte von „Sarch“ etwas genauer unter die Lupe und erkannte eine neue Architektursprache, die zwar durchaus gefällig ist, längst aber zur wiedererkennbaren Trade-mark der österreichischen Architekturschulen avanciert ist. Der Gedanke, hier mit einer frech- bunten Variante eines gewissen Postkolonialismus zu tun zu haben, lasse sich nicht ganz von der Hand weisen. Bei aller Liebe zur helfenden Hand werde man nicht umhinkommen, sich in der Durchführung der Entwicklungshilfe-Projekte auch eine gehörige Portion Werbung und Marketing einzugestehen.

„Es reicht, einen Blick auf die mediale Darstellung der Bauprojekte zu werfen“, so Porsch, im Vordergrund steht nicht nur das Projekt an sich, sondern auch eine kulturindustrielle Verwertung der betroffenen Menschen, deren Leben vor der Kamera in Schauwerte verwandelt wird." Die Auswahl an „Sarch“-Projekten stehe exemplarisch für diese neue Tendenz, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Was sagt Christoph Chorherr dazu? „Für mich schwingt bei der vielen Kritik mit, dass Afrika unbedingt ganz afrikanisch ausschauen muss. Mit dem Vorwurf von Postkolonialismus kann ich daher gut leben. Was ist schon Schlechtes dabei, in Teilen Südafrikas eine europäische, ja von mir aus eine österreichische Ästhetik walten zu lassen?“ In Europa wird Internationalität mit allen Mitteln angestrebt, auf einem anderen Kontinent soll der gleiche Wunsch schließlich unterdrückt werden? „In unseren Köpfen herrscht oft ein völlig falsches Bild von Afrika, von Townships, von Armut. Das sind Klischees, die von den Einwohnern in den betroffenen Regionen völlig abgelehnt werden.“ Chorherr resümiert: „Wenn das schon kritisierbar ist, dann gibt es eine einzige Konsequenz - nämlich gar nichts mehr zu machen. Und das lehne ich strikt ab.“

In dieser Debatte zwischen Kulturpolitik und Politkultur bleibt der Ausstellungsbesucher von „Bottom up. Bauen für eine bessere Welt“ auf sich selbst gestellt. Gezeigt werden neun Projekte aus der Region von Johannesburg, an denen „Sarch“ von Beginn an als Zugpferd und Initiator miteingebunden war. Den Rahmen der Ausstellung bildet ein stilisierter Wintergarten in vornehmem Weiß, sozusagen ein Raum im Raum. „Un jardin d'hiver“ - so der Untertitel der Ausstellung - ist eine Anspielung auf Marcel Broodthaers gleichnamiges Ausstellungsprojekt aus dem Jahre 1974 und steht für einen beliebten Aufenthaltsort der Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts. Porsch: „Der Wintergarten ist ein Hort exotischer Pflanzen und ein Fluchtpunkt in die Fremde. Nicht zuletzt steht er als Metapher für Einverleibung, Domestizierung und für eine große Sehnsucht nach Unmittelbarkeit.“

Um diesen luxuriös romantischen Ort namens Wintergarten ranken sich allerlei malerische und literarische Werke. Auch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule blieb nicht unbeeindruckt vom kleinen Urwaldimplantat an der Fassade der eigenen vier Wände. In der „Dialektik der Aufklärung“ schreiben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer über die fetischisierenden Symbole, denen der Wintergarten ohne Zweifel angehört, wie folgt: „Die Wiederholung der Natur, die sie bedeuten, erweist im Fortgang stets sich als die von ihnen repräsentierte Permanenz des gesellschaftlichen Zwangs. Der zum festen Bild vergegenständlichte Schauder wird zum Zeichen der verfestigten Herrschaft von Privilegierten.“

Was bleibt, ist ein Häufchen Ratlosigkeit mit großen Sympathien für beide Lager. In der Brust pochen zwei Herzen: Das eine schlägt für die Architektur-Safari mit Spaß an der Arbeit und gegenseitigem Lehren und Lernen, das andere schreckt vor einer um sich greifenden Kulturglobalisierung zurück. „Ich habe die Verhältnisse in Südafrika nie erlebt. Doch selbst wenn ich einen Monat vor Ort wäre, würde ich die Verhältnisse noch immer nicht verstehen“, sagt Johannes Porsch, „daher ziehe ich mich in eine elitäre Hochburg zurück - eben in den sprichwörtlichen Wintergarten.“ Auch das ist legitim. Das Publikum ist nun eingeladen, sich anhand der Südafrika-Exponate im Architekturzentrum Wien selbst ein Bild zu machen.

[ Die Ausstellung „Un jardin d'hiver präsentiert: Bottom up. Bauen für eine bessere Welt“ wird am Mittwoch, dem 15. November, um 19 Uhr eröffnet. Zu sehen bis 5. Februar 2007. Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien

Vom 17. bis 19. November findet im Architekturzentrum Wien der 14. Wiener Architektur-Kongress statt. Auch dieser widmet sich dem „Bauen für eine bessere Welt“. Vorträge von Bart Lootsma, Johannes Porsch, Christoph Chorherr, Steve Badanes, Andrea Rieger-Jandl, Peter Burk u. v. m. Vorgestellt werden u. a. die einzelnen Sarch-Projekte. ]

8. November 2006 Der Standard

Den Küniglberg unter Denkmalschutz stellen

Bundesdenkmalamt will marodes ORF-Zentrum noch bis Jahresende zum Denkmal machen

Der Beton des Roland-Rainer-Baus auf dem Küniglberg ist mit etlichen Rissen und Korrosion übersät. Bevor das gesamte Gebäude nun endgültig in wärmedämmendes Styropor eingepackt wird, will das Bundesdenkmalamt dem ORF-Zentrum noch bis Jahresende Denkmalschutz verordnen.

„Das Bundesdenkmalamt ist zu der Erkenntnis gekommen, dass es sich beim ORF-Zentrum um ein Denkmal der Nachkriegsmoderne handelt“, sagt Andreas Lehne vom Denkmalamt. Ende des Jahres werde daher eine Denkmalschutz-Verordnung vorliegen.

Solange der ORF gegen den neuen Status, der übrigens auch im Grundbuch aufscheinen wird, nicht beruft, gilt mit der Verordnung der Denkmalschutz. Alle baulichen Maßnahmen müssen dann die Instanz des Bundesdenkmalamtes durchlaufen.

Sträubt sich der ORF gegen sein verliehenes Prädikat, beginnt zwischen Denkmalamt und ORF ein Hickhack von Bescheiden und Befunden, das sich Jahre ziehen kann.

„Manche sind der Meinung, dass es sich bei diesem Gebäude um ein Denkmal der Moderne handelt, andere nicht“, sagt ORF-General Alexander Wrabetz dem Standard: „Klar ist, dass wir uns nicht in ein Museum verwandeln können.“ Der ORF berechnet noch Sanierung oder Neubau an anderem Standort, Ergebnisse folgen im ersten Quartal 2007.

Der ORF-Führung schrieb die IG Architektur: „Dieses bauliche Ensemble ist durch untransparente, kurzsichtige Entscheidungen im Zuge notwendiger Sanierungs- und Adaptionsarbeiten in akuter Gefahr.“ Montagabend lud die IG zur Debatte über den Küniglberg, auch Vertreter des ORF. Bloß kamen sie nicht. „Solange wir intern keine Entscheidung gefällt haben, macht es auch keinen Sinn, an solchen Diskussionen teilzunehmen“, sagt Wrabetz.

Epoche machen

Franz Kobermaier von der Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung der Stadt Wien (MA 19) kann die hermetische Zurückhaltung des ORF nur bestätigen: „Bisher hat es seitens des ORF keine Ansuchen und keinen einzigen Kontakt mit der MA 19 gegeben.“ Ohne eine positive Zustimmung der Stadt Wien ist ein Bauvorhaben dieser Größe - zumindest in der Theorie - nicht durchführbar.

Man müsse die Architektur der Nachkriegsmoderne einfach nur zur Epoche erklären, sagt Eva Rubin, Rainer-Tochter und selbst langjährige Mitarbeiterin des Architektur-Doyens, damit wäre schon ein großer Schritt getan.

„Wieso gelingt es der Architektenschaft nicht, die historische Bedeutung dieser Bauwerke der Allgemeinheit deutlich zu machen?“, fragt die grüne Gemeinderätin Sabine Gretner: „Doch vor dem Prädikat Denkmalschutz fürchtet man sich in Österreich nur.“ Stattdessen setze der ORF derzeit so genannte Optimierungsspezialisten ein: „Wenn man sich jedoch verstellt, wie ein Optimierungsspezialist auf einen Denkmalschützer trifft, kann sich an einer Hand ausrechnen, wer als Gewinner hervorgehen wird.“

4. November 2006 Der Standard

Das Leben in der Kulisse

Viele Menschen sehnen sich nach einem Leben in einer vorgegaukelten Realität. Doch der amerikanische Traum vom Wohnen in künstlicher Umgebung ist globaler, als man vermuten möchte.

Las Vegas ist verrucht, kitschig und zutiefst unauthentisch. Als wohl erzogener Intellektueller gehört es zum guten Ton, das neue Babylon mitten in der Wüste verächtlich abzuqualifizieren. Ohne Geld ist man aufgeschmissen, ohne Auto sowieso, und was die kulturelle Positionierung der mittlerweile 1,7 Millionen Einwohner zählenden Entertainment-Metropole betrifft, kann man sich nur peinlich abwenden und sich in Grund und Boden schämen.

Gerade zu einer Zeit, als sich die Energiekrise zusammenbraute, haben die beiden Architekten Robert Venturi und Denise Scott Brown eine Huldigung an ebendiese postmoderne Stadt in die Tasten gehauen. Ihr Buch Learning from Las Vegas aus dem Jahre 1972 stellte sich als jahrzehntelang gültiges Regelwerk heraus. Doch kann man von Las Vegas, von dieser billigen Nachahmung der Realität denn wirklich lernen? „Eine Stadt, die einzig und allein von einer ganz bestimmten Hochkultur dominiert wird, verliert ihre Lebensqualität“, erklären Venturi und Scott Brown in einem Interview, „sehr gut und sehr schlecht vereint - das ist besser als mittelmäßig, mittelmäßig, mittelmäßig.“

Die Welt hat von Las Vegas gelernt - mehr als ihr lieb ist. Nicht wenige Menschen sehnen sich in der Zwischenzeit danach, der großen, unübersichtlichen und kriminellen Welt da draußen den Rücken zu kehren. Sie wünschen sich ein Leben hinter Potemkin'schen Fassaden, ein Leben in Friede, Freude, Eierkuchen. Der Disney-Konzern erkannte diese gesellschaftliche Tendenz recht früh und stampfte in den Neunzigerjahren die Retortenstadt Celebration aus dem Boden des Bundesstaates Florida. Obwohl das etwa 10.000-Einwohner-Städtchen unmittelbar an die Walt Disney World angrenzt, wird das Markenlogo nicht aufdringlich in den Vordergrund gerückt. Vielmehr ist Celebration - und das verwundert auf den ersten Blick - ein Hort der Markenlosigkeit.

„Natürlich handelt es sich dabei um eine Illusion“, schreibt Naomi Klein in ihrem Bestseller-Wälzer No Logo!, „die Familien, die Celebration zu ihrem Wohnort erkoren haben, sind die Ersten, die ein Leben im Zeichen der Marke führen.“ Freiheit und Unabhängigkeit sind leere Begriffe, mit denen sich die Stadtverwaltung nur oberflächlich schmückt, denn in der Praxis machte sich Michael Eisner, damaliger Geschäftsführer der Walt Disney Company, seine Einwohner untertan. Eisner schreckte nicht einmal davor zurück, das städtische Ausbildungs- und Schulsystem der großen Obhut von Mickey Mouse und Donald Duck zu unterstellen.

„Celebration ist wahrscheinlich das infamste Stadtplanungsexperiment des auslaufenden 20. Jahrhunderts“, erklärt die in Wien und New York lebende Soziologin Annette Baldauf, die Stadt sei ein Hybrid zwischen der so genannten Experimental Prototype City of Tomorrow (EPCOT) und Walt Disneys früher Vision einer „all American Reality Show“ - eines Lebens in Dekor und Kulisse. Die nostalgische Masterplanung, die auf den Grundsätzen des 19. Jahrhunderts aufbaut, stammt von den beiden Büros Cooper, Robertson & Partners und Robert Stern Architects. Die öffentlichen Gebäude entwarfen Architekturgrößen wie Philip Johnson, Michael Graves, Cesar Pelli, Aldo Rossi und - keine wirklich große Überraschung - Robert Venturi. „Wenn man abends die Straßen entlangspaziert oder Rad fahren geht, fühlt man sich beinahe wie in einer Filmkulisse“, erzählt Miss Hancock. Sie muss es ja wissen, sie ist Einwohnerin seit zehn Jahren.

Wer sich nun im beruhigenden Glauben wiegt, die voranschreitende Verunwirklichung der Welt sei ein zutiefst amerikanisches Phänomen, der irrt. Denn das großmaßstäbliche Bauen von Kulissen - oftmals in der Weite ganzer Städte - gibt es auch in anderen Teilen der Welt. Auch Österreich hat mit seinem ganz eigenen Parndorf-Syndrom zu kämpfen. Wohingegen das burgenländische Designer-Outlet jedoch rein dem Konsum dient, wird man im nordpolnischen Elbing, einer unaufregenden Stadt in der Nähe von Danzig, Zeuge einer rigorosen Rekonstruktionsorgie. Hier werden nicht etwa einzelne Geschäftsgebäude aus dem Erdboden gestampft, hier entsteht gleich eine ganze Altstadt.

Nach einem Masterplan der Architekten Ryszard Semka und Szczepan Baum wird das kriegszerstörte Stadtzentrum - bis vor Kurzem toter Punkt in Elbings Mitte - nach historischem Vorbild wieder neu aufgebaut. Mit der originalgetreuen Rekonstruktion nimmt es die Stadtverwaltung jedoch nicht so ernst, schließlich gilt das Hauptaugenmerk dem Ziel, alle Grundstücke so schnell wie möglich an den Mann und Investor zu bringen. Allzu große Einschränkungen würden die potenziellen Käufer womöglich nur vergrämen.

Und so ist das im Werden befindliche Elbing ein Konglomerat postmoderner Fassaden mit Fensterfaschen und Gaupen, mit bemühten Giebeln und Fachwerk-Spielereien. Stolz prangt auf den Bautafeln das architektonische Patentrezept: „Hier entsteht ein historisches Gebäude.“ Selbst mit der letzten Baulückenschließung wird die Stadt nie vollendet sein, denn das Zentrum ist ein Openairmuseum und lässt erst gar keine menschliche Belebung zu. Alles bleibt proper, Werbung ist tabu, und parkende Autos werden nach 18 Uhr erbarmungslos abgeschleppt. „Die ersten Ergebnisse dieses für noch viele Jahre zur Realisierung vorgesehenen Planes kann man schon heute bewundern“, schreibt die polnische Autorin Wieslawa Rynkiewicz-Domino, „die pasticheartigen und pseudomodernen Formen haben ihre Enthusiasten und Gegner.“

Was in Europa noch in relativ kleinem Maßstab vonstatten geht, wird im fernen Osten bereits in extra large aus der Taufe gehoben. Der deutsche Superstar Meinhard von Gerkan konzipierte eine Satellitenstadt am Rande der explodierenden Boom-Metropole Schanghai. Ursprünglich hieß die Retortenstadt Luchao und sollte 300.000 Einwohnern ein Dach über dem Kopf geben. Plötzlich heißt sie Lingang und wurde auf 800.000 Menschen ausgeweitet. Alles kein Problem in dem auf Superlative getrimmten China. Das Außergewöhnlichste an Lingang ist aber sein Stadtzentrum: „Lingang hat eine Mitte, die nicht bebaubar ist - in der Mitte befindet sich ein See“, umreißt von Gerkan mit großen Gesten sein Konzept, „statt eines dichten Zentrums gibt es einen neun Kilometer langen Küstenstreifen, der einer sehr großen Zahl an Bauten eine erste Adresse in der Stadt verschaffen wird. Was gibt es Wunderbareres?“

Ist Lingang eine utopische Stadt? „Nein, denn spätestens in dem Moment, da sie gebaut wird, ist sie nicht mehr utopisch.“ Heute ist Lingang eine infrastrukturelle Hülle aus Straßen, fertig gepflasterten Gehsteigen und adrett zurechtgestutzten Bäumchen. Das einzige Gebäude, das hier steht, ist das Rathaus mit angrenzendem Besucherzentrum. Unrealer kann das Herz einer Stadt nicht aussehen.

Was fehlt, sind Häuser und Menschen. Wo eines Tages 800.000 Personen in ihren bunten Häuschen leben werden, biegen sich heute noch die Grashalme im Wind. Chinesische Touristen und österreichische Journalisten sind die einzigen Gestalten, die durch die unbelebte Landschaft schleichen. Sie richten das Objektiv ins Nichts und halten die gähnende Leere fest. Kurz bleibt ein weit gereistes Schanghai-Taxi am Straßenrand stehen. Schon eilt ein Polizist herbei und bläst in seine Trillerpfeife. Auch hier im Niemandsland ist Parken verboten.

Celebration, Elbing, Lingang, aber auch die unzähligen Sun Cities in Südafrika und in den USA sind der reale Beweis dafür, dass die „Truman Show“ - vor einigen Jahren noch auf die Hollywood-Kinoleinwand verbannt - längst Wirklichkeit geworden ist. Das heile und idyllische Seahaven, in der Truman Burbank, perfekt dargestellt von Jim Carrey, tagtäglich in die Arbeit radelt, mag von den einen belächelt und befürchtet werden, von den anderen aber wird diese Wunschvorstellung sehnsüchtig angestrebt. Sie wollen ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit - und entscheiden sich für die totale Kontrolle durch Kommerz und Politik.

27. Oktober 2006 Der Standard

Mut gewinnt: Auftraggeber mit Vision

Am Mittwoch wurde im Architekturzentrum Wien der Bauherrenpreis 2006 vergeben

Vor 40 Jahren wurde erstmals der Österreichische Bauherrenpreis vergeben. Völlig richtig hatte die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, Auslober des Preises, damals erkannt, dass hinter jedem innovativen Projekt nicht nur ein Architekt, sondern stets auch ein visionärer Auftraggeber steht. Nicht selten standen die Bauwerke im Kreuzfeuer öffentlicher Kontroversen.

Heuer war das Rennen besonders dicht. „Mit 132 Einreichungen haben wir in diesem Jahr den absoluten Rekord erzielt“, erklärt Jurymitglied Martha Schreieck. „Überraschend war vor allem die Fülle an wirklich herausragenden Bauten, egal welchen Maßstabs und Typs.“ So sei man nicht umhin gekommen, die Anerkennung gleich 15-mal auszusprechen.

Im Bereich des Wohnbaus gewann das Haus H. auf dem Linzer Pöstlingberg (Caramel Architekten), die Wohnhausanlage Nussberggasse in Wien von Hans Peter Petri, das Wohnprojekt „Look“ von Gert Mayr-Keber, das in Zusammenarbeit mit dem Künstler Gerwald Rockenschaub realisiert wurde, sowie die St. Pöltner Gartenstadt von Roland Rainer. Letzteres ist besonders hervorzuheben, da sich der Bauträger Alpenland nach dem Tod Rainers dafür ausgesprochen hat, das Projekt ohne Abstriche nach den Plänen des Architekten auszuführen.

Eine ebenso hohe Trefferquote erzielten Projekte aus der Fraktion der Bürogebäude sowie der öffentlichen bzw. kulturellen Bauten. Dass das T-Center in St. Marx (Architekten Domenig, Eisenköck, Peyker) nach dem Staatspreis für Architektur abermals einen Preis keilen konnte, ist angesichts seiner österreichweit seltenen Imposantheit nicht weiter verwunderlich. Weitere Bürogewinner: die Wirtschaftskammer Niederösterreich von Rüdiger Lainer, der Uniqa-Tower von Neumann+Partner sowie das BTV-Stadtforum Innsbruck (Architekt Heinz Tesar).

Zum Glück wurde in den letzten Jahren auch das kulturelle Leben schmackhafter gemacht - beispielsweise mit dem Bibliothek-Tiefspeicher im Rathaus (Hempel Architekten), dem silbrigen Weinwürfel Loisium (Steven Holl mit sam/ott-reinisch) oder mit dem Zubau zur Wiener Stadthalle von Dietrich/Untertrifaller. Doch auch die Republik Österreich wurde prämiert. Wollte sie ursprünglich nur kleine Sanierungsmaßnahmen unter der Rampe des Parlaments vornehmen, ist daraus gleich ein neues Besucherzentrum geworden (Geiswinkler & Geiswinkler).

Zu guter Letzt seien die stolzen Einzelgänger erwähnt: Die Fertigungshalle Obermayr von F2 Architekten, die Buchhandlung Wiederin - völlig in Schwarz getaucht - von Rainer Köberl und die architektonische Begleitung der Brucker Schnellstraße S35 (Bramberger Architects): Schallschutzmaßnahmen, die in der Regel architekturkulturelles Niemandsland sind.

verknüpfte Auszeichnungen
- ZV-Bauherrenpreis 2006

21. Oktober 2006 Der Standard

Freiraum für Soziales

Nur eine rentable Idee ist auch eine gute Idee. Das ist die wichtigste Spielregel in der Massenware Wohnbau. Mit einem beispielhaften Projekt in Wien-Donaustadt belehren Bauträger und Architekten eines Besseren

Dunkler Schatten bedroht Anrainer!", heißt es im Mai 2004 in fetten Lettern auf der Titelseite des Donaustädter Bezirksjournals. „Wir hätten nie gedacht, dass wir es einmal auf die Titelseite einer Zeitung schaffen würden“, witzelt die betroffene Architektin Gerda Gerner, gegen die hier unter anderem die Fäuste erhoben werden. Mit großer Neugier schlägt man das Blatt auf, wo sich inzwischen eine regelrechte Revolution zusammengebraut hat: „Bürger protestieren gegen Monsterbau!“ Das ist sie, die Krux der Politik und der nicht unparteilichen Medien, die alles Neue in den Boden stampfen und unentwegt versuchen, der Bevölkerung das Hirn auszusaugen.

Entgegen der medialen Hetzkampagne entpuppt sich der vermeintliche Monsterbau in der Meißauergasse als fröhliches Ding mit gelbem Hut, den der Ostwind wie ein Schlagobershäubchen einmal heftig zur Seite geblasen hat. Dass das vornübergebeugte Haus überhaupt steht, ist nicht nur der Statik, sondern auch den überaus zufriedenen Anrainern zu verdanken, die sich vom gar dunklen Schatten offensichtlich gar nicht so bedroht fühlten, wie man ihnen ursprünglich unterjubeln wollte. Bei der Bauverhandlung gab es keinen einzigen Einspruch. Sehr zum Leidwesen der kleinformatigen Presse, möchte man meinen.

Insgesamt 147 Wohnungen wurden hier - in unmittelbarer Nähe der nunmehr verlängerten U1 - aus dem Boden gestampft. Früher lärmte an dieser Stelle ein altes Industrieunternehmen, heute wird eifrig umgezogen und gewohnt. Die Hälfte der Einwohner bezog den zipfelbemützten Bauteil der Architekten gerner°gerner plus, die anderen den etwas klassischeren Bruder nebenan, für den die s & s architekten verantwortlich zeichnen. Weggegangen seien die Wohnungen in beiden Fällen wie die warmen Semmeln, ist vom Bauträger Gesiba zu vernehmen, „selbst die letzten Wohnungen sind schon seit Monaten vergeben“.

Eine breite Rampe sticht ins Haus hinein. Man steht zwischen zwei Bauteilen, mitten in einer städtischen Schlucht, die ein bisschen an die engen Gässchen von Napoli erinnert. Gelegentlich öffnet sich eine Tür, Silhouetten mit Einkaufstaschen gehen ein und aus, Kindergeschrei füllt den Raum. Die Wäscheleinen, die von einer Wand zur nächsten gespannt sind, fehlen in diesem Bilde noch, gewiss werden sie bald folgen. Dass dieser Freiraum selbst bei Regenguss und Schneegestöber trocken bleibt, liegt an der Tatsache, dass sich das Dachgeschoß waghalsig hinauslehnt und die Schlucht überdeckt.

Warum so eine überbordende Geste? „Der Bauträger wollte dieses offene Konzept mit uns durchsetzen, als Kompromiss hat er jedoch gefordert, einen Teil der Terrassen und Laubengänge zu überdachen“, erklärt Architektin Gerda Gerner. Damit könne man auf kostspielige Schneeräumung verzichten und spare langfristig einen Teil der Betriebskosten ein.

Hundertzwanzig Meter misst der Wohnriegel in der Länge. Hofseitig dient der erste Stock ausschließlich dem sozialen Zusammenleben der Bewohner. Hier ist - wie es bei der Gesiba in den Außenbezirken in der Regel praktiziert wird - eine Betreuungseinrichtung untergebracht, hier wird mit Blick in den Hof Wäsche gewaschen, hier können Kindergeburtstage gefeiert werden. „Natürlich hätten wir statt der Gemeinschaftsräume auch Wohnungen unterbringen können“, was - wenn man einzig und allein die Rendite vor Augen gehabt hätte - der ungleich sinnvollere Weg gewesen wäre. Doch Halt! Wohin dieser kurzsichtige und schmale Pfad der maximalen Wertschöpfung führt, hat die Vergangenheit schon zur Genüge aufgezeigt. Nämlich zu jenen glorreichen Massenwohnbauten, zu jenen stolzen Aushängeschildern moderner Stadterweiterung, die dann zwanzig Jahre später als asoziale Gettos verteufelt werden.

Kein Grund zur Sorge. Der Wohnbau Meißauergasse steht unter keinem bösen Stern. Bauherr und Architekten bewiesen insofern Konsequenz und Weitsicht, als hier die räumlichen und sozialen Qualitäten nicht allein für eine Hand voll zusätzlicher Wohnungen aufs Spiel gesetzt wurden. Mehr noch wurde das Gebäude so konzipiert, dass sich im vierten Obergeschoß eine riesige Gemeinschaftsterrasse ergeben hat. Und damit greift die Partnerschaft von Gerner'scher Architektur und bauherrlicher Gesiba jenes Prinzip auf, das Architekt Harry Glück mit seinen Wohntürmen in Alt-Erlaa schon vor 30 Jahren vorexerzierte. Glück hatte damals richtig erkannt, dass sich die Bewohner zum sozialen Austausch und zur Kommunikation gerne auf den Dächern seiner Häuser versammeln. Das läge am Ausblick, an der frischen Luft und an der Entfernung zu den Autos und zum Lärm.

Die Gefahr, dass diese Terrasse eines Tages - wenn der allererste Reiz verflogen sein wird - zu einem öden Raum verkommen wird, besteht jedenfalls nicht. Denn hier wird Mehrwert mit Notwendigkeit verknüpft: Ein Dutzend Wohnungen wird über diesen hoch liegenden Freiraum erschlossen.

Am Ende der Terrasse wird es eng, die breite Fläche verjüngt sich dann zu einem schmalen Laubengang, der noch zu der einen und anderen Wohnung führt. Blickt man nach unten, sieht man die Kagraner Bevölkerung aus der Vogelperspektive, Autos werden klein, Hunde winzig. Blickt man nach oben, stülpt sich in bedrohlicher Gebärde die gelbe Zipfelmütze über einen drüber. „Nicht von ungefähr haben die Bauarbeiter dieses Eck der Baustelle Messnersteig getauft“, sagt Gerda Gerner. Das hat seinen guten Grund, richtig gemütlich ist es hier nicht.

Der Bau ist bezugsfertig und gereinigt, die Hochglanz-Fotos sind geschossen, jetzt gehört der Bau den Bewohnern. Und so füllt sich die Straße mit Lkws, auf denen kika, Michelfeit und Möbel Ludwig draufsteht. Umzugskartons stapeln sich vor den Wohnungstüren, mühsam werden Sitzlandschaften hindurchgepresst. Am Ende aller Tage wird der Kraftakt des Massenumzugs überwunden sein. Dann darf man gespannt sein, welchen Stellenwert die vorerst undefinierten Flächen und Räume einnehmen werden.

In seinem Essay Zukunft bauen hält der große Architekturschreiber Manfred Sack ein Plädoyer für eine „schöne“ Architektur. Das anonyme Wohnen hingegen verpönt er als „eine Architektur von armseliger Gestalt, Massenware, nicht mehr bestimmt vom Gestaltungsanspruch ausdrucksbesessener Architekten, sondern inzwischen von den Finanzabteilungen der Wohnbaugesellschaften“. Mancher Bauträger wird sich an den Kopf greifen und sich wundern, wie man so wertvolle Rendite-Flächen nicht zu Geld machen kann. Wie wird man ihm in einer wirtschaftlichen Tiefkonjunktur, die sich ganz und gar dem Sparen verschrieben hat, den Aspekt des Mehrwerts beibringen können?

Nicht jeder Wert lässt sich in Euro ausdrücken, manche Wertigkeit bleibt maßstablos. Fakt ist: Räumt man dem Sozialen nicht genügend Freiraum ein, dann droht der Kollaps eben jenes Systems, das sich sozialer Wohnbau nennt. Manfred Sack: „Verloren der soziale Anspruch des Ästhetischen - ebenso wie die ästhetische Qualität des Sozialen.“

14. Oktober 2006 Der Standard

Ohne Prunk und Pomp

Franz Liszt reiste viel, doch lebte er bescheiden. Morgen eröffnet das neue Franz-Liszt-Zentrum in Raiding: eine schlichte Konzertkiste aus niederländischer Feder.

Ein sonniger Herbsttag im Mittelburgenland. In der Auslage der Bäckerei „Raidinger Brotstadl“ am zentral gelegenen Franz-Liszt-Platz wird das Franz-Liszt-Törtchen - ein Süßgebäck aus Haselnüssen und Marmelade - für 1,60 Euro angeboten. Neben dem Schanigarten prangt auf einem Sockel das steinerne Haupt des Komponisten. Franz Liszt, das berühmteste Kind Raidings, scheint also nicht weit zu sein. Und wahrlich: Hinter der Mauer, die entlang dem plätschernden Rinnsal verläuft, bestätigt sich die Vermutung. Rosenumrankt und mitten im grünen Dickicht eines mit Liebe gehegten Gartens steht ein kleines, weiß verputztes Schmuckkästchen. Es ist das Geburtshaus des fleißig vermarkteten Romantikers.

Zu seinem heurigen 120. Todestag hatte man sich Großes vorgenommen. Die kleine Gemeinde Raiding mit ihren knapp tausend Einwohnern wollte das Geburtshaus zu einem Franz-Liszt-Zentrum ausbauen. Was dazu noch fehlte, war - selbstredend - eine Konzerthalle. Zu diesem Behufe wurde ein EU-weiter Wettbewerb ausgeschrieben, den Zuschlag bekam das niederländische Architekturbüro Atelier Kempe Thill.

„Glücklich, wer mit den Verhältnissen zu brechen versteht, ehe sie ihn gebrochen haben“, sagte einst der weit gereiste Liszt. Die Architekten Andre Kempe und Oliver Thill scheinen dieser Tradition gefolgt zu sein. Denn wie es sich für hochrangige Architektur offensichtlich gehört, sind die Connaisseurs des Fachs begeistert, wohingegen das Volk noch ein bisschen damit kämpft, sich das neue Konzerthaus anzueignen. „In unserer ländlichen Struktur ist moderne Architektur dieser Art eine Seltenheit“, erzählt Gemeinderätin Elisabeth Ackerler. Christian Zimmer, Objektbetreuer und sozusagen der gute Geist des Hauses, setzt hinzu: „Einige Leute haben es zähneknirschend zur Kenntnis genommen.“

Mit der Aufklärung kommt die Akzeptanz. Vergangenes Wochenende gab man sich ein Stelldichein in Form eines Tages der offenen Tür, am morgigen Sonntag wird schließlich feierlich eröffnet. Dann werden sich zum ersten Mal die riesigen Drehtore öffnen und die 600 Besucher, die der Saal fasst, ins Innere des blitzblanken Gebäudes einlassen.

Auf den ersten Blick macht sich gähnende Langeweile breit. Der kreative Urknall, den man von niederländischen Architekturkollegen kennt, bleibt aus. Stattdessen steht da eine weiße Kiste mit großen Fenstern und Türen aus Holz. Ein Haus ohne Details und ohne Maßstab, das war's. Ja, man ist geradezu verleitet zu glauben, anstelle einer Fotografie ein CAD-Rendering aus der Feder eines angehenden Architekturstudenten vor Augen zu haben. Doch das schlichte Bild ist Realität. Und das irritiert.

Ähnlich wie der bucklig gewölbte Putz des alten Geburtshauses schimmert auch das Konzertgebäude mit Schattenspielen im Sonnenlicht. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die vermeintliche Putzfassade als Hightech-Material, das in Österreich nur selten anzutreffen ist: Über das gesamte Haus wurde eine homogene Haut aus Polyurethan-Spritzguss gelegt. Ein wenig erinnert die unebene Fassade an die Unterseite eines Tretbootes. Während man in den riesigen Panoramafenstern Glas vermutet, entpuppen sich diese als massive Platten aus Plexiglas. Bis zu fünf Tonnen wiegt so ein durchsichtiges Teil, das in einem Stück auf die Baustelle geliefert wurde. Aus Glas wäre ein fugenloses Fenster dieser Größe nie und nimmer möglich gewesen. Seine Vorteile erklären sich spätestens dann, wenn man im Foyer steht und durch das Fenster Liszts Geburtshaus in mächtiger Präsenz wahrnimmt.

„Das ist wahrscheinlich das einfachste Kulturgebäude, das in Europa in letzter Zeit gebaut wurde“, erklärt Architekt Oliver Thill gegenüber dem Standard. „Die Geldmittel waren knapp, große architektonische Gesten waren daher nicht möglich.“ Wenn die materiellen Ressourcen beschränkt sind (5,55 Millionen Euro Nettoherstellungskosten für das gesamte Areal), dann konzentriert man sich eben auf den immateriellen Wert der Architektur. In diesem Falle ist dies die Tradition des lokalen Bauens. „Ländliche Architektur ist ein großer Indikator für den Geist eines Landes, und die Baukultur im Burgenland ist historisch bedingt sehr reichhaltig.“

Das Herzstück des Gebäudes ist der Konzertsaal. Kein österreichischer Architekt hätte sich je getraut, sich an die Bauaufgabe in solch hölzernen Schritten heranzuwagen. Was die Architekten aufgrund der klassischen Proportionen als „Schuhdose“ bezeichnen, entfacht beim Besucher den Eindruck, als stünde man im überdimensionalen Resonanzkörper eines Cellos oder eines Klaviers - oder mitten in einer hochalpinen Zirbenstube. Ist das regionale Architektur?

„So etwas würden wir bei uns zu Hause niemals hinstellen“, erklären Kempe und Thill, „in den Niederlanden gibt es nämlich überhaupt keine Holzkultur.“ Warum man sich im Burgenland - dermaßen holzig empfindet sich wohl kein Burgenländer weit und breit - dann dennoch in vollen Zügen dem Holze hingegeben hat, hat einfache wie pragmatische Gründe: Die Akustik in einem hölzernen Saal komme am ehesten jenen Räumen nahe, in denen auch Liszt einst seine kammermusikalischen Künste zum Besten gegeben hat. Mit dem Münchner Akustik-Guru Karlheinz Müller wagte man sich an die Aufgabe heran, einen Konzertsaal ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts hochzuziehen, als Architektur und Akustik noch in unzertrennlicher Symbiose vereint gewesen waren.

Anstatt sich mit unbeholfenen Paneelen, Verkleidungen und Gegenschall-Anlagen herumzuplagen, wollte man in Raiding Bauen und Musizieren endlich wieder zusammenführen. Das Resultat ist ein Raster aus Holzleimbindern und Kassetten, die an den Wänden und an der Decke kaum merklich dreidimensional gekrümmt sind. Unter Verwendung von rein architektonischen Mitteln wird eine Akustik geschaffen, die völlig ohne technische Hilfsmittel auskommt. Für Kammermusik sei der Klang schlichtweg berauschend, heißt es. Es wird gemunkelt, dass es sich dabei um einen der weltweit besten Säle handelt. Einige Tonaufnahmen haben hier bereits stattgefunden, andere werden bald folgen.

Ständig wird der Architektur abverlangt, sie möge doch bitte nicht nur zum Schauen da sein, sondern auch all die anderen Sinne ansprechen. Hier ist sie, die Herausforderung, die Franz-Liszt-Halle primär mit den Ohren und nur sekundär mit den Augen zu erfassen. Schön ist sie in beiderlei Sinne, doch im ersteren ganz besonders. „Liszt ist zurückgekehrt“, zeigt sich Raidings Bürgermeisterin Anna Schlaffer stolz. Als Würdigungsstätte wird das Gebäude bestens dem Andenken Franz Liszts gerecht. Schon Jahre vor seinem Tod hatte sich der romantische Komponist Gedanken zu seinem höchst unromantischen und bescheidenen Abschied gemacht: „Ich wünsche, bitte und befehle nachdrücklichst, dass meine Bestattung ohne Prunk geschehe, so einfach und schlicht wie möglich. Keinen Pomp, keine überflüssige Beleuchtung.“

30. September 2006 Der Standard

Das Kreuz mit dem Kreuzerl

Architekturpolitik ist ein langweiliger Ladenhüter. Selbst im Wahlkampf kratzt das Bauen nur die wenigsten. Doch wenn man sucht, dann findet man: die Parteiprogramme zur Baukultur, Versuch einer Gegenüberstellung.

Der Wahlkampf hat seinen Höhepunkt erreicht. Es wurde debattiert und gekämpft, Taferln wurden in die Kamera gehalten, Geschenke überreicht, Schweißperlen von der Oberlippe gewischt. Zur Diskussion stan- den Kindergeld, Krankenpflege und Postenschacherei, die einen wollen sich der Bildungsministerin entledigen, die anderen der Ausländer. Dass die bescheidene Zunft der Architekten angesichts solcher heißen, teilweise populistischen Diskussionen links liegen gelassen wird, ist langfristig betrachtet zwar bedauerlich, in der Kürze des Gefechts jedoch nur allzu verständlich. Und so ist auch die Aussage des Schreiberkollegen Christian Kühn zu deuten, als er bei der parlamentarischen Enquete 2004 meinte: „Mit Architektur lässt sich nicht die nächste Wahl gewinnen, bestenfalls die übernächste.“

Selbst wenn der Architekturpolitik auf Plakaten und in Fernsehduellen kein Platz eingeräumt wird, so kann doch jede im Parlament vertretene Partei ein einschlägiges Programm vorweisen. Die Grünen stellten ihr „Programm zur Architekturpolitik und Baukultur“ am 1. September 2006 der Öffentlichkeit vor, alle anderen rückten damit auf Anfrage heraus. Was die einzelnen Parteien unter dem Begriff Architektur verstehen, fällt höchst unterschiedlich aus und ist nicht zuletzt ein Spiegel der wirtschaftlichen Positionierung der jeweiligen Partei.

Die ÖVP sieht das Bauen als einen elementaren Bestandteil der Kreativwirtschaft; SPÖ und FPÖ sind der Meinung, dass Kultur und Wirtschaft in der Architektur keine Gegensätze und daher unbedingt zu vereinen seien. Ganz anders die Grünen: „Baukultur ist in erster Linie eine Kultur und kein Wirtschaftsfaktor“, erklärt Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen. Man könne nicht die gesamte Architektur einzig und allein auf Kreativwirtschaft reduzieren. „Wenn ich das Wort schon höre, kriege ich Ausschlag.“

Eine klassisch konservative Haltung zum Metier der Baukunst nimmt das BZÖ ein: „In der Architektur geht es immer um den Zweck, dem ein Bauwerk genügen soll, vor allem um seine künstlerische Form.“ Und so beruft sich das BZÖ in seinem Parteiprogramm unter anderem auf Otto Wagners Worte: „Alles modern Geschaffene muss dem neuen Material und den Anforderungen der Gegenwart entsprechen.“

In Bezug auf die Bedeutung der Architektur ist man sich jedoch einig, es ist nur eine Frage des verbalen Ausdrucks: „Architektur ist ein wesentlicher Teil unseres täglichen Lebens und bestimmt unsere Lebensqualität“ (Christine Muttonen, SPÖ). „Kaum etwas ist mehr in das alltägliche Leben des Menschen miteinbezogen wie Architektur und Baukultur“ (Henriette Frank, FPÖ). „Architekten und Ingenieure stellen ein wichtiges Element in unserem Staate dar“ (Günther Barnet, BZÖ). Oder noch knapper: „Architektur ist eine Querschnittsmaterie“ (Carina Felzmann, ÖVP). Sowie: „Bauen ist ein öffentlicher Akt“ (Wolfgang Zinggl, Grüne).

Die großen und zustimmenden Jubelschreie sind nicht weiter verwunderlich. Den ansonsten unbeachteten Protagonisten der Baubranche, die hinter den Kulissen tagein, tagaus an den Strukturen dieses Landes arbeiten, wird der Hof gemacht - stellen doch die rund 40.000 Architekturschaffenden und Ingenieure in Österreich einen beträchtlichen Teil der Wahlberechtigten dar.

Seit geraumer Zeit klagen diese über die vertrackte baurechtliche Situation im Bauwesen. Der Großteil der Parteien will sich denn auch in Zukunft dafür stark machen, dass die neun länderspezifischen Bauordnungen endlich zugunsten einer bundesweit übergreifenden Fibel zusammengefasst werden. Einzig die ÖVP stemmt sich dagegen: Eine einheitliche Bauordnung sei nicht zielführend, da sich die Bundesländer allein schon hinsichtlich Geografie, Topografie, Wetter und Kulturkreis wesentlich voneinander unterscheiden würden.

Beinahe einheitlichen Konsens scheint es auch im Bereich des Wettbewerbswesens zu geben. Ein weiteres Debakel wie beim Haus für Mozart in Salzburg - da ist man sich einig - soll es kein zweites Mal geben. „Bei Wettbewerben ist es unabdingbar, dass jene, die den ersten Platz belegen, auch wirklich zum Zug kommen“, erklärt Frank (FPÖ). Die Politik müsse unter allen Umständen die Entscheidung einer Jury anerkennen, „alles andere führt das Wettbewerbswesen ad absurdum“. Dem stimmen auch ÖVP und SPÖ zu. Die Grünen ergänzen in ihrer Deklaration vom 1. September zudem: "Bei Verfahren, die geistige Dienstleistungen zum Gegenstand haben, gilt im Sinne der Nachhaltigkeit eindeutig ausnahmslos der Grundsatz „Bestbieter vor Billigstbieter“." Und was sagt das BZÖ zum österreichischen Wettbewerbswesen? Kein Wort davon in ihrem Baukulturprogramm. Einzig Detlev Neudeck, Mitglied des Freiheitlichen Parlamentsklubs und als solcher im Namen des BZÖ tätig, rechtfertigt so manchen Salzburger Vergabefehler: „Überall, wo Sie mit Menschen zu tun haben, wird es immer wieder zu Fehlern kommen.“ Wer sich zur Baukultur bekenne, der müsse sich daher auch zu ihren Fehlern bekennen.

„Wenn Architektur schon in aller Köpfe verankert wäre, dann wären auch schon die Häuslbauer auf den Geschmack gekommen, mit Architekten zusammenzuarbeiten“, sagt Felzmann von der ÖVP. Neben dem Austausch von Best-Practice-Modellen wünscht sie sich daher eine intensivere Vernetzung der gesamten Thematik. Das betrifft auch die Präsenz in den Medien, vor allem im Fernsehen. Über den derzeitigen Zustand des ORF - vermeintliches Stichwort „Bildungsauftrag“ - zeigt man sich durch die Bank empört. Dieses Defizit zu beheben sei ein wesentlicher Punkt.

SPÖ, FPÖ und Grüne fordern zudem, dass Architektur - beispielsweise als Schwerpunktthema innerhalb der Bildnerischen Erziehung - verstärkt Kindern und Jugendlichen näher gebracht werde. Die Grünen sprechen von „Gestaltung der gebauten Umwelt“, die Freiheitlichen setzen dafür eine hochwertige, fachliche Schulung der Pädagogen voraus, SPÖ-Kultursprecherin Muttonen unterstreicht die Wichtigkeit der Architektur einmal mehr: „Daher sollte im Rahmen der kulturellen Bildung bereits an den Schulen das Verständnis für Baukultur gefördert werden.“

Wie geht es weiter? Wird man Architektur endlich einmal auch nach der Wahl - und nicht bloß mitten im Wahlkampf - als essenzielles Anliegen der Politik begründet sehen? Als Wahlzuckerl geht so mancher Nationalratsabgeordneter sogar so weit, dass er von einer ressortübergreifenden Verankerung der Architektur spricht. Wann soll es denn kommen - das neue Bundesministerium für Baukultur?

Die SPÖ will einen so genannten Architekturrat einrichten. Christine Muttonen: „Seine Aufgabe wäre es, hochwertige Langzeitstrategien zu entwickeln und ein Architekturleitbild für den öffentlichen Auftraggeber zu erstellen.“ Ähnliches vernimmt man bei den Grünen: „Die oberste Prämisse heutiger Architektur ist die Rendite, die Letztverantwortung liegt im Wirtschaftsministerium“, kritisiert Wolfgang Zinggl, „aber sollte Architektur nicht eher in den Verantwortungsbereich eines Kulturministeriums fallen?“ Die FPÖ kontert: „Politische Verankerung kann nicht stattfinden, solange die Architektur und Baukultur an der jeweiligen Landesgrenze aufhört.“ Das gehöre behoben.

„Benötigen wir wirklich ein eigenes Baukulturressort?“, fragt Carina Felzmann. „Sehr wohl kann ich mir aber ein Ministerium oder ein Staatssekretariat vorstellen, in das die verschiedensten Bereiche der Kreativwirtschaft einfließen.“ Dazu zähle sie auch die Architektur. Infrastrukturelle Eiszeit indes beim BZÖ: „Im Rahmen einer zukünftigen Architekturpolitik sollte die Schaffung einer neuen Bürokratie verhindert werden.“ Stattdessen gibt man den Ball ab: Die Rolle der „Architekturanimatoren“ könnten ja nach wie vor die bestehenden Institutionen übernehmen, heißt es seitens des Klubdirektors Günther Barnet.

Die 2003 gegründete Plattform für Baukultur und Architekturpolitik fordert von der zukünftigen Regierung mehr Engagement und ein größeres Budget. Statt der bisher 2,5 Millionen Euro, die jährlich in die Architekturförderung einfließen, verlangt man neuerdings 73 Millionen. Das ist eine Stange Geld - nämlich genau jener Arbeitswert, den die österreichischen Architektinnen und Architekten Jahr für Jahr unentgeltlich in Wettbewerbe reinbuttern. Für ein besseres Österreich. Oder für die Katz.

23. September 2006 Der Standard

Baukunst? Kunst baut

Niederösterreich ist für seine Architektur nicht gerade weltberühmt. Was im Bauen nicht gelingt, das vermag die Kunst zu leisten. Einblick in ein außergewöhnliches Programm vor einem ebenso außergewöhnlichen Hintergrund.

Architektur made in Austria ist in den vergangenen Jahren vermehrt zu einem international anerkannten Gütesiegel geworden. Viele Gebäude zeugen von diesem hart erarbeiteten Renommee. Das ist nicht zuletzt den einzelnen Bundesländern zu verdanken, die in jahrzehntelanger Arbeit die regionale Messlatte fürs Bauen immer höher und höher gelegt haben.

Niederösterreich gehört nicht dazu. „In Niederösterreich gibt es nach wie vor Berührungsängste mit professionellen Planern, die Bevölkerung ist einfach skeptisch“, erklärt Peter Obleser, Leiter der niederösterreichischen Gestaltungsakademie, „vor 20 Jahren waren wir der Meinung, dass wir uns um eine einheitliche niederösterreichische Architektursprache bemühen müssten.“ Doch mittlerweile wisse man es besser: „Architektur ist der Spiegel der Gesellschaft.Mankann die Leute zu nichts zwingen.“ Und so habe man sich im Laufe der Zeit auf Service und Beratung spezialisiert und bedient damit in erster Linie jene Bauschaffenden, die sich auf der unentwegten Flucht vor der Architektur befinden: die Häuslbauer.

Franziska Leeb –wie Obleser ist auch sie ehrenamtliches Vorstandsmitglied des niederösterreichischen Architekturnetzwerks ORTE – kontert: „Ich glaube nicht, dass die Berührungsängste kulturellen Ursprungs sind, denn das Interesse der Bevölkerung ist ja da.“ Viel eher leide Niederösterreich an seiner geografischen Weitläufigkeit und an der Tatsache, dass es keine eigene Ausbildungsstätte und keine Szene gibt. „Niederösterreich hat seit Ewigkeiten das Image, das Umland von Wien zu sein. Ein Großteil derArchitekturdiskussion wird von Wien aufgesaugt.“ Und Niederösterreich geht leer aus.

„Alle Baukunst bezweckt eine Einwirkung auf den Geist, nicht nur einen Schutz für den Körper“, sagte einst John Ruskin, Architekturtheoretiker im Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Auf das heutige Niederösterreich umgemünzt ist zu ergänzen: Wozu die Baukunst nicht imstande ist, das muss eben die Kunst leisten. Und diese genießt in Niederösterreich eine Sonderstellung, die ihresgleichen sucht.

„Kunst im öffentlichen Raum“ nennt sich jener Apparat der niederösterreichischen Landesregierung, der im Background werkelt und bereits seit den Achtzigerjahren danach trachtet, künstlerische Projekte aller Art der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Anfänglich war es ein Malheur“, erinnert sich Katharina Blaas, zuständige Sachbearbeiterin der Kulturabteilung, an die ersten Jahre zurück, „die Architektur war nicht gut, und die Künstlerinnen und Künstler hatten überhaupt keine Lust, sich vor diesem Hintergrund mit ihrer Kunst zu beteiligen.“

azit: Die berühmte „Kunst am Bau“ blieb auf der Strecke, die Förderungen verfielen, die Luft war draußen. Erst mit der Einführung des so genannten HamburgerModells im Jahre 1996 – ein Prozent der gesamten Landesbaukosten wird projektunabhängig in einen gemeinsamen Topf eingezahlt – gelang es, die Kunstschaffenden langfristig zu einer regen Teilnahme an den vielen Kunstwettbewerben zu animieren. Insgesamt 400 Arbeiten sind auf Initiative der Landesregierung bis heute entstanden. Vom lokalen No-Name bis hin zum internationalen Kapazunder.

Die Disziplin der Kunst wurde dem weitläufigen Bundesland flächendeckend übergestülpt, selbst im entlegensten Kaff taucht schon einmal eine Platzgestaltung, eine Bushaltestelle oder einfach nur eine Skulptur auf. Das wirklich interessante Phänomen an der blau-gelben Kunst ist jedoch vor allem ihre Affinität zur Architektur. Einerseits werden immerwieder auch Architekten zu den Wettbewerben geladen, andererseits zieht es selbst waschechte Künstler in den reizvollen Bereich des Bauens. „Ich verstehe überhaupt nicht, warum die Architektur in Niederösterreich dermaßen zu wünschen übrig lässt“, so Blaas, natürlich seien Bemühungen da, aber es werde einfach nicht besser. „Ich nehme an, dass die Kunst dieses Defizit erkannt hat und nun eingreift, wo es ihr möglich erscheint.“

Einen frühen Beginn dieser architekturaffinen Kunst lieferten PRINZGAU/podgorschek vor über zehn Jahren mit der „Entdeckung der Korridore“ in Paasdorf. Sie inszenierten eine Archäologie des Fahrens und gruben ein Stück automobiler Kulturform in die Erde ein. Auf sechs Meter Länge und 35 Meter Breite wirkt dieses Fragment als Ausgrabung einer nie da gewesenen Autobahn. Katharina Blaas schwelgt in Erinnerungen: „Bei der Eröffnung hat damals sogar der zuständige Politiker abgesagt, weil das für ihn keine Kunst dargestellt hat.“ Heute ist die „Entdeckung der Korridore“ eines der bestbesuchten Exponate in ganz Niederösterreich. Nebenbei wird hier gegrillt und gefeiert – oder man spielt Tennis über die Leitplanke.

Ähnlich verhielt es sich beim Beitrag der Künstlergruppe gelatin in Staatz, eröffnet im Jahre 2000. Die hintere Hälfte eines völlig ausrangierten Gelenksbusses dient seither als Wartehäuschen einer Bushaltestelle. In diesem Falle ging die Bevölkerung sogar so weit, dass der zuständige Bürgermeister in der Lokalzeitung aufgefordert wurde, sein Amt niederzulegen. Heute haben sich die Wogen geglättet. Als vor einiger Zeit dann auch noch ein Kamerateam von 3sat anmarschierte, war alle einstige Feindschaft im Nu verflogen, seitdem wird der Bus von allen geliebt.

Noch einen Schritt weiter in Richtung Architektur wagte sich der Bildhauer Hans Kupelwieser. Seine Seebühne in Lunz am See (2004) entstand in Kooperation mit einem Statikerbüro. Indem Wasser ein- oder ausgepumpt wird, kann die Bühne entweder versenkt werden oder aber auf der Wasseroberfläche schwimmen. Direkt anschließend gibt es ein abgetrepptes Sonnendeck für Badegäste, das sich während der Lunzer Sommerspiele in ein überdachtes Theater verwandelt – ein absolutes Multifunktions-Tool also. Klingt das etwa nach Kunst? Ein Architekt hätte es nicht besser machen können.

Zu guter Letzt sei angemerkt, dass Künstler sogar in der Lage sind, städtische Plätze zu gestalten. Iris Andraschek und Hubert Lobnig verwandelten das Forum Campus Krems in einen orientalisch anmutenden Marktplatz, dermit Teppichen ausgelegt ist. Doch nicht aus gewebter Seide ist der täuschend echte Bodenbelag gefertigt, sondern aus venezianischen Emailsteinchen, Stück fürStück verfliest. „Mit den Teppichenwerden imaginäre, kommunikative Orte geschaffen“, erläutern die Künstler ihre Idee, sie sprechen weiters von Flexibilität, von Raum und Identität. Ja, auch das klingt nach Architektur.

Beinahe scheint es, als wäre in Niederösterreich die Kunst als Surrogat für die Architektur eingesprungen. Die Initiatoren hinter der „Kunst im öffentlichen Raum“ haben hart geschuftet, sie haben clevere Strategien erarbeitet, und sie haben jahrelangen, sanften Druck auf die Bürger und ihre Bürgermeister ausgeübt. Auf diese Weise gelang es, was einige andere Bundesländer schon zuvor geschafft hatten, nämlich Niederösterreich als internationale Trademark zu etablieren. „Wenn man das gleiche Rezept nun auch auf die Architektur anwenden könnte“, sagt Franziska Leeb, „dann wäre das niederösterreichische Problem gelöst.“

[ Kommenden Freitag findet im NÖ Dokumentationszentrum für Moderne Kunst in St. Pölten die Finissage der Festausstellung „kunst im öffentlichen raum niederösterreich – 10 Jahre Kulturförderungsgesetz“ statt. 29. September, 17 Uhr. Im Anschluss daran wird im Cinema Paradiso Rudi Pallas Dokumentarfilm „public art II“ über die niederösterreichische Kunst im öffentlichen Raum gezeigt, 18.30 Uhr. ]

[ Demnächst erscheint der Katalog „ORTE – Architektur in Niederösterreich 1997–2007“, herausgegeben von Walter Zschokke und Marcus Nitschke, € 39,95 / 244 Seiten, Springer Verlag, Wien – New York. ]

16. September 2006 Der Standard

Mutter, Geschwister, Haus, Stadt

Diese Woche eröffnet Wiens erstes SOS-Kinderdorf. Es ist mehr Stadt als Dorf, vor allem aber ist es ein unmissverständliches Statement für den Umgang mit Kindern.

Hermann Gmeiner hat Großes geleistet. Unter dem braven Scheitel steckten Visionen, Durchsetzungsvermögen und nicht zuletzt auch der gedankliche Grundstein eines Dorfes, das einzig und allein den Kindern galt. Allein Medizin zu studieren war dem damals Dreißigjährigen zu wenig. Gebeutelt vom Krieg, schenkte er seine Liebe daher den Kindern und Jugendlichen, für die mit dem Ende des Krieges auch das Ende ihrer Familie einhergegangen war - und baute im tirolerischen Imst das erste SOS-Kinderdorf der Welt. Im Winter 1949 erhalten die Kinder nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch eine neue Mutter. Die vier Grundprinzipien des neuzeitlichen Waisenhauses sind damit für alle Zeiten einbetoniert: „Mutter, Geschwister, Haus, Dorf.“

Nach insgesamt neun Kinderdörfern in Österreich - weltweit sind es über 430 - kam man in der Chefetage auf die Idee, den Aspekt mit dem Dorf nicht immer so wörtlich zu nehmen. Nein, auch in einer Großstadt wie Wien, in jenem Dickicht aus Autokolonnen, Huperei und wuseligen Menschenmassen lassen sich Gmeiners Dörfer vorzüglich integrieren. „Um die 50 Wiener Kinder wachsen derzeit in den SOS-Kinderdörfern rund um Wien und in den Bundesländern auf“, erklärt Erwin Roßmann, Projektleiter des ersten Wiener SOS-Kinderdorfes, die Erfahrung zeige allerdings, dass diese Kinder im Erwachsenenalter oftmals wieder in die Stadt zurückkehren. „Deswegen haben wir gesagt: Nicht die Kinder sollen aufs Land, sondern wir kommen mit dem Dorf in die Stadt.“

Wie sieht es nun aus, das erste Dorf in der Stadt? Ewig hatte man nach einem passenden Grundstück gesucht. In die wahren Facetten urbanen Lebens traute man sich bis zuletzt nicht vor, da man eine Zeit lang beim hoffnungsvollen Kompromiss der Reihenhäuser hängen geblieben war - doch daraus wurde nichts. Auf einem riesigen Baustellen-Areal in Floridsdorf wurde man schließlich fündig und beschloss, sich im bergenden Schoß des sozialen Wohnbaus einzunisten. Die neuen Gebäude von Rüdiger Lainer, Margarethe Cufer und Dietrich Untertrifaller harren ihrer Fertigstellung, mancherorts wird bereits der letzte Feinschliff vorgenommen. Insgesamt sechs Wohneinheiten wurden darin an die speziellen Bedürfnisse der SOS-Kinderdorf-Familien angepasst - sei es ein zweites Bad, ein größeres Wohnzimmer oder schlichtweg nur ein riesiger Garderobenbereich für die kinderreiche Familie.

Das Herzstück des neuen SOS-Kinderdorfes ist jedoch ohne Zweifel das so genannte Familienrathaus mit Büroräumlichkeiten, Café, Festsaal, einer Abteilung der Mag Elf und einer Wohnung für den Kinderdorf-Leiter. Das Familienrathaus wird zentrale Anlaufstelle sein. Hier werden Kids aller Altersstufen auf einandertreffen, hier wird man in Therapien Schwierigkeiten und Lösungsansätze besprechen, hier wird ab kommender Woche die gesamte Wiener SOS-Kinderstadt verwaltet und geleitet werden.

Dass es sich dabei um ein Gebäude für Kinder handelt, sieht man dem schlichten Bau der Runser/Prantl/Architekten - zumindest auf den ersten Blick - bei Gott nicht an. Eher denkt man an herausgeputzte City-Lofts oder an den neuen Firmensitz der österreichischen Baustoffindustrie: Sichtbeton in Reinkultur, viel Aluminium an der Fassade und reichlich Glas in den Varianten durchsichtig und flaschengrün gefärbt. Doch was spräche denn dagegen, ein Haus für Kinder nicht auch einmal ästhetisch und elegant zu gestalten? Oder anders gefragt: Was spricht dafür, wieder einmal auf das geistig bescheidene Konzept von Ritterburgen und Märchenschlössern zurückzugreifen?

Architekt Alexander Runser: „Wir sehen einfach nicht ein, warum Gebäude für Kinder immer nur nett und lieblich aussehen sollten - das ist unseriös.“ Ganz im Gegenteil steht für Runser und Prantl das Begreifen des Dreidimensionalen, die Raumerfassung und Raumerfahrung im eigentlichen Vordergrund dessen, was unter den hübschen Begriff der Kinderfreundlichkeit eigentlich zu fallen habe. „Diese Eigenschaften sind spezielle Leistungen des Gehirns und werden in der Kindheit determiniert. Um ein frühzeitiges Lernen zu ermöglichen, müssen Räume ergeh- und erlebbar sein.“

Es beginnt im Hof. Schaukelgerüste aus Holz, Rutschen und Kraxelbäume wird man hier nicht finden. „Am Anfang wollte die Leitung des SOS-Kinderdorfes herkömmliche Spielgeräte von der Stange in den Hof stellen“, so Runser, „gemeinsam mit dem Landschaftsplaner Jakob Fina haben wir nun eine reduzierte Lösung gefunden.“ Und die lautet: Statt den Kindern die Form des Spielens aufzuzwingen, hat man mittels gummiweichen Kautschukgranulats kleine Hügel und Mulden geformt. Einmal tennisplatzrot, einmal blau, einmal türkis. Die Hügel sind grenzenloser Ort für Fantasie, die Mulde indes fasst jenen Sand, der in der Regel in ein rechteckiges Kisterl aus Spielplatzholz gequetscht ist.

Aus den oberen Stockwerken betrachtet verschwindet die dritte Dimension der Kautschukberge, übrig bleibt ein färbiger Teppich aus amorphen Formen. Unweigerlich muss man an Miró denken. Unweigerlich wird auch klar, weshalb Alexander Runser und Christa Prantl statt eines 08/15-Balkongeländers zum coolen, grünen Glas gegriffen haben. Nicht alle Kinder im SOS-Kidnerdorf sind weit über einen Meter groß. Hätte man die Balkone mit Gitterstäben eingefasst, würden die Kleinsten unter den Kleinen jahrelang das Bild schwedischer Gardinen vor Augen haben.

Doch auch im Innern sieht man auf den feinen zweiten Blick nette Kinder-Gadgets, ohne dass sich das Haus den Stempel des Infantilen aufdrücken lässt. Ein hoher Handlauf führt die Großen bergauf und bergab, ein niedriger hilft den weniger Großen bei der Überwindung der einzelnen Geschoße. In den Sanitärräumen gibt es einen gemeinsamen Waschtisch für alle Körpergrößen, wobei die Kinder ihre Hände in eine Mulde strecken und die Erwachsenen die ihrigen in ein Aufsatzbecken. Das Kleine kann unbekümmert neben dem Großen koexistieren, eine Wertung nimmt hier niemand vor.

Der ambitionierte Kinderdorf-Vater Hermann Gmeiner hatte einst eine Botschaft in die Nachwelt entsandt: „Alles Große in der Welt wird nur dadurch Wirklichkeit, dass irgendwer mehr tut, als er tun müsste.“ Das neue SOS-Kinderdorf in der Stadt ist so ein Fall. Architekten und Bauherren ist es gleichermaßen gelungen, sich weit aus dem Fenster der gut gemeinten, aber vermeintlichen Kinderfreundlichkeit zu lehnen. Das ist eine Architektur, die die Kinder zum Lernen anspornt. Das ist eine Architektur, die die Kinder bis zu einem gewissen Grad ganz schön herausfordert.

Still hört man die Leserschaft jetzt sagen: Als ob die SOS-Dorfkinder keine anderen Probleme hätten! Und die Antwort darauf lautet: Doch, diese Kinder haben - wiewohl die meisten glücklich und zufrieden sind - eine Schicksalskarte gezogen, die nicht zu den schönsten des Lebens zählt. Wir beneiden sie nicht darum. Doch wie anmaßend wäre es vonseiten der Architektur, diese intimen Probleme auf immer und ewig in den Beton zu ritzen.

[ Die Eröffnung des SOS-Kinderdorfes findet am Freitag, dem 22. September, statt. Anton-Bosch-Gasse 29, 1210 Wien - sowie etwas festlicher auf der nahe gelegenen Lorettowiese. Ab 15.00 Uhr ]

9. September 2006 Der Standard

Ich hätte gerne mehr gebaut

Anstatt zu bauen, hat er mehr gedacht, gerettet und geschrieben: Friedrich Kurrent, einer der wenigen der alten Schule. Ein Gespräch aus Anlass des 75. Geburtstages.

Es gibt türkischen Kaffee. Friedrich Kurrent sitzt in seinem Garten in Sommerein und trägt sommerlichen Arbeitslook: einen Strohhut und einen eingeklemmten Bleistift hinterm Ohr. Dass er zeit seines Lebens leidenschaftlicher Kritiker und Opponent war, sieht man ihm heute kaum noch an. Aber man hört es heraus.

Dabei ist es unter anderem ihm zu verdanken, dass das famose Wittgenstein-Haus in Wien Landstraße heute überhaupt noch steht - die Stadt Wien hatte bereits die Baubewilligung für ein Hotel-Hochhaus erteilt. Dabei ist es gerade seiner Initiative zu verdanken, dass der barocke Wiener Spittelberg nicht demoliert und geschliffen wurde - auch da hatte die Stadt Wien bereits die Baubewilligung für eine völlige Neubebauung erteilt. Und die Existenz der Österreichischen Gesellschaft für Architektur geht ebenfalls auf ihn zurück. Gemeinsam mit ein paar Freunden - darunter auch sein ehemaliger Schulfreund Friedrich Achleitner - hat er das Kind 1965 aus der Taufe gehoben.

Kurrents jüngster Protest galt den Bürotürmen in Wien Mitte. Mit einigen Kollegen - und unter dem großen Deckmäntelchen des Unesco-Weltkulturerbes - brachte er auch dieses Projekt zu Fall. Spätestens mit diesem Vorpreschen spaltet der selten bauende, wenngleich viel schreibende und politisch agierende Architekt die jüngeren Generationen in Fans und Feinde.

Standard: Warum durfte Wien Mitte nicht gebaut werden?

Friedrich Kurrent: In dieser Massivität, in dieser Größenordnung und in dieser Höhe waren die Türme zu nah an der inneren Stadt. Das ist der Punkt. Selbst wenn sie schön gewesen wären, selbst wenn man sie aus Gold gebaut hätte, wären sie an dieser Stelle schlichtweg falsch. Ein paar Architekturkollegen und ich - allesamt sind wir keine Stararchitekten, aber schon über 70 und mit reichlich Erfahrung gesegnet - haben einen Brief an den Bürgermeister und an den Planungsstadtrat Schicker geschrieben. Ein wichtiger Satz darin war: „Ob mit oder ohne Weltkulturerbe: Wien Mitte ist in dieser Form falsch.“ Das hat überhaupt nichts mit einer absoluten Ablehnung von Hochhäusern zu tun, nur kann man in Wien mit hohen Häusern einfach nicht richtig umgehen.

Standard: In Ihrer Biografie haben Sie sich allerdings noch nie für Hochhäuser begeistern können.

Kurrent: Ja, das stimmt. Über den Ringturm habe ich immer geschrieben, er sei ein Grenzfall. Alle anderen Hochhäuser im Einflussbereich der inneren Stadt haben wir immer stark kritisiert.

Standard: 1958 bis 1963 wollten Sie den Wiener Flaktürmen Hochhäuser aufsetzen, die bis zu hundert Meter Höhe erreichen sollten. Also doch Hochhaus?

Kurrent: Ja, der Schicker hat auch schon versucht, mich auszutricksen. Er hat mir das Flakturm-Projekt ebenfalls unter die Nase gerieben. Natürlich wollten wir den Flaktürmen Hochhäuser aufsetzen, nur in einem Punkt hat mich Schicker nicht drangekriegt: Fünf der sechs Flaktürme wären in die Höhe gewachsen, nur der Gefechtsturm in der Stiftskaserne wäre niedrig geblieben, denn er ist viel zu nahe an der Wiener Innenstadt. Diesen einen wollten wir damals als hoch gelegenen Hubschrauber-Landeplatz für Mittelstrecken nutzen. Ein bissl laut wäre das für die Stadt gewesen, die Hubschrauber hätten halt still sein müssen.

Standard: Mit der Entfernung wird ein Hochhaus also wientauglich?

Kurrent: Was haben der Johannes Spalt und ich nicht alles gezeichnet und nachgedacht über das Wien der Zukunft! Wien jenseits der Donau, das war unser Thema! Für uns war es wichtig, auf dem anderen Donauufer in erster Linie den Gürtel zu schließen - dort sollten dann unsere Hochhäuser stehen. Und im Endeffekt sind wir wahrscheinlich die einzigen Architekten geblieben, die dort kein einziges Hütterl gebaut haben.

Standard: Sie sind Schreiber, Denker und Architekt. Ein älteres Buch beschließen Sie mit dem Satz: „Viel ist es nicht, was ich (bisher) bauen konnte. Nur einige Häuser, Kirchen und dergleichen.“ Bereuen Sie's?

Kurrent: Ich hätte gerne mehr gebaut. Vor allem in Wien ist nur sehr wenig entstanden. Mit Johannes Spalt habe ich die Sparkasse am Floridsdorfer Spitz gebaut, hoffentlich wird sie noch lange stehen. Das letzte große Projekt war die Umnutzung des alten AKH zum Universitätscampus. Selbst in München, wo ich als Lehrer 25 Jahre meines Lebens verbracht habe, steht kaum ein Haus von mir. Die Lehre und das permanente Nachdenken nimmt einem bauenden Architekten Zeit und Kraft weg. Wie gern hätte ich Wohnhäuser gebaut! Wie gern hätte ich Schulen gebaut! Wie gern hätte ich ein Museum gebaut! Immerhin habe ich für meine verstorbene Frau Maria Biljan-Bilger in Sommerein ein Ausstellungsgebäude bauen können. Das Einzige, was ich jetzt noch unbedingt bauen möchte, ist eine Synagoge für Wien.

Standard: Einige Ihrer Gebäude sind im Rahmen der arbeitsgruppe 4 entstanden. Besteht mit Ihren ehemaligen Kollegen Johannes Spalt und Wilhelm Holzbauer heute noch eine Verbundenheit?

Kurrent: Mit Johannes Spalt pflege ich nach wie vor eine Freundschaft, leider ist er seit zwei Jahren schwer krank. Was den Holzbauer betrifft, ist dies eine traurige Geschichte. Die Freundschaft zu Holzbauer würde bestehen, wenn er nicht das Salzburger Festspielhaus verhaut hätte. Das muss man klipp und klar sagen. Die Architektur ist in dem Fall so wichtig, dass die Freundschaft dadurch einen enormen Schaden erleidet. Das Festspielhaus hätte in seiner heutigen Form niemals passieren dürfen. Die gesamte Front von Clemens Holzmeister wurde schamlos abgerissen, ein Zeitdokument wurde vernichtet. Und man bedenke: Der alte Holzmeister war nicht nur mein Lehrer, sondern auch Holzbauers Lehrer. Hinzu kommt, dass sich Holzbauer diesen Auftrag von den ursprünglich erstplatzierten Wettbewerbssiegern juristisch erstritten hat - das ist schlimm. Mit diesem Projekt hat sich Wilhelm Holzbauer seinen Namen selbst ruiniert.

Standard: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie von der „Wiener Krankheit“. Damit man von ihr nicht befallen wird, müsse man entweder flüchten oder sie an Ort und Stelle bekämpfen. Ist diese Krankheit denn gefährlich?

Kurrent: Gefährlich ist sie schon. Und ein bissl ansteckend auch. Die Wiener Krankheit ist eine, die die schöne Oberfläche, sozusagen die Haut der Architektur, sehr stark ins Rampenlicht rückt. Architekten, die der Wiener Krankheit anheim gefallen sind, produzieren einfach nur noch schöne Häuser. Und das Außergewöhnliche an der Wiener Krankheit ist, dass nichts dahinter steckt.

Standard: Macht die Wiener Krankheit einen gar zum Star?

Kurrent: Schrecklich dieses Wort! Stararchitektentum ist etwas Mafioses. Und das Unerträglichste an Stararchitekten sind ihre unentwegten Aussprüche, Werbung in Worten. Wenn ich das schon höre! In der Fernsehsendung „Treffpunkt Kultur“ hat Wolf Prix einmal den Spruch losgelassen: „Die Verpflichtung des Architekten ist es, am Turm von Babel weiterzubauen - sonst ist man kein Architekt.“ Das ist doch lächerlich. Ich habe weder am Turm von Babel weitergebaut, noch habe ich überhaupt Türme gebaut, und schon gar nicht habe ich viel gebaut. Aber ich bin Architekt.

26. August 2006 Der Standard

So viele Zimmer frei

Mitten im hügeligen Süditalien steht seit Kurzem das „Million Donkey Hotel2“. Eine Schnittstelle zwischen Kunst, Architektur, Partizipation und Entwicklungshilfe.

Eine Landschaft so idyllisch wie in der Pietro-Pizzi-Werbung. Feigenkakteen und Zypressen säumen beidseits die Straße. Hinter dem Felsvorsprung blökt eine Schafherde ihrer abendlichen Heimreise entgegen, an der römischen Brücke vorbei hinein in die Höhle, die sodann mit Baustellengitter und Vorhängeschloss versperrt wird. Buona sera. Es ist der Ort Prata Sannita, ein unbedeutendes, ein so genanntes „authentisches“ Dorf mitten in Italien, genauer gesagt in der neapolitanischen Region Campania. Das scheinbar einfache Glück der Bewohner zaubert dem seltenen Touristen glänzende Augen und ein Lächeln ins Gesicht.

Doch hinter den Kulissen ist das historische Örtchen, das wie eine Ansammlung von Steinhaufen am abschüssigen Hang klebt, ein ewiger Zeuge von Armut und Arbeitslosigkeit, von starker Abwanderung, politischem Vergessen und mafiösem Treiben seitens der Camorra. Scharenweise ist die Bevölkerung der umliegenden Provinz gegen Ende des Ersten Weltkriegs sowie in den 50er-Jahren ins übrige Europa und in die USA ausgewandert. Aus manchen Ortschaften sind sogar mehr Leute nach New York geflüchtet, als daheim geblieben sind. Heute ist Prata Sannita das Überbleibsel eines Dorfes, das anstatt aus Häusern hauptsächlich aus Ruinen besteht - manche hat sich die Natur längst wieder zurückerobert. Nur die Alten sind den steilen Treppen im mittelalterlichen Borgo, dem Stadtkern, treu geblieben. Nachmittags sitzen sie vor ihren Häusern, trinken Tee und spielen Schach.

Anfänglich waren es 3000, heute zählt der Ort nur noch 1700 Einwohner, Tendenz fallend. Genau dieser Geisterschloss-Atmosphäre und demografischen Katastrophe widmet sich seit vorigem Sommer das künstlerische Projekt „Villaggio dell'Arte“, aufgezogen vom italienischen Architekturbüro Paeseaggio, das für dieses Vorhaben aus eigenem Antrieb sogar Gelder von der EU lukrieren konnte. Das Konzept ist so einfach wie sympathisch: Jede Gruppe von Künstlern oder Architekten nimmt sich jeweils eines Dorfes an, entwickelt dafür ein Konzept, das dann in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung umgesetzt wird, und zieht zu diesem Zweck für die Dauer eines Monats ins Dorf. Partizipation at its best.

Ziel ist es, die Bewohner darin zu motivieren, von den reichlich leer stehenden Häusern zu profitieren und aus ihrer kulturellen Agonie auszubrechen. Das zur Verfügung gestellte Budget in der Höhe von 10.000 Euro ist bescheiden; dank der damit verbundenen Auflage, das Material lediglich aus dieser wirtschaftlich schwachen Region beziehen zu dürfen, hat es jedoch sichtlich gereicht. Die Resultate, die während des Festivals „Villaggio dell'Arte“ erzielt wurden, sind stolz. Das Wiener Architekturbüro feld72, das die konzeptionelle Patenschaft über das Sorgenkind Prata Sannita innehatte, war mit von der Partie.

Ihr Beitrag ist eine Auseinandersetzung mit Migration jeglicher Art - sie schlugen den Dorfbewohnern ein Hotel vor. „Ihr seid ja verrückt“, opponierten die temperamentvollen Südländer anfänglich. „Ihr aber auch, denn ihr macht mit!“, antworteten die Architekten. Beide sollten Recht behalten. In einem stillen und besonders steilen Eckerl der Stadt wurde ein paar maroden Häusern neues Leben eingehaucht.

Im vorigen Sommer wurde die alte Substanz erst einmal leer geräumt, der Schutt entfernt. Manche Mauern waren schon seit einem Jahrhundert ungenutzt. Daraufhin nahm man das tatsächliche Bauen in Angriff: drei Hotelzimmer, ein Gemeinschaftsbad und eine kleine Bar - alles einzelne Räume, die von den Gässchen direkt zu betreten sind.

In Anlehnung an den Hollywood-Film Million Dollar Hotel wurde das neue Etablissement „Million Donkey Hotel“ genannt. Erklärung der Architekten: „Nun, eine Million Dollar haben wir nicht, und eine Million Esel bräuchten wir, um da oben auch nur einen Stein zu bewegen.“ Doch es ging auch ohne Esel. Stattdessen meldeten sich freiwillige Ortsansässige sonder Zahl zu Wort. „Eigentlich sind wir von zehn oder 15 Helfern pro Tag ausgegangen“, erklären die Architekten von feld72. Doch es kam anders: Bis zu vierzig Freiwillige arbeiteten mit, teilweise sogar 70-jährige Pensionisten, die früher als Schmiede, Maurer oder Maler tätig gewesen waren. Insgesamt hat das Dorf beachtliche 4300 Arbeitsstunden in das Hotel der tausend Esel hineingebuttert.

Mancher Streit zwischen alten und stolzen Padroni machte dem engagierten Zusammentrommeln auch schon einmal einen Strich durch die Rechnung. Man nahm den Hut und ging. Wie sieht es nun aus, das so genannte Hotel? Von außen sieht man nicht viel. Allein ein schwarz-weißer Schriftzug, der einen glauben macht, man habe sich in einen Spaghetti-Western verirrt, prangt über der Tür und flackert in die Nacht hinaus. Der Rest steht bereit zum Erkunden und Erschlafen. Das aufregendste Zimmer heißt „Il letto volante“, das fliegende Bett.

Über ein Betonschammerl erklimmt man das hoch gelegene Bett, das auf einfach zusammengeschweißten I-Trägern aufgelagert ist, und rollt sodann wie ein ratternder Zug durch das Fenster hinaus. Und schon befindet man sich außerhalb des Hauses, ja sogar außerhalb des Dorfes, und blickt hoch ins Gestirn. Damit das Freiluftabenteuer auch bei hyperaktivem Schlafverhalten nicht allzu kurz kommt, wird der Gast durch einen Käfig geschützt. Highlight des wenigzimmrigen Hotels ist aber ohne Zweifel das Bad - ein fetter, gusseiserner Schlüssel öffnet einem den Weg. In tiefes Froschgrün getaucht, sieht man von einem Ende des Raumes zum anderen nicht. Dicht an dicht hängen die durchsichtigen Gummifäden der Moschiera, des italienweit anzutreffenden Fliegenvorhangs von der Decke herab.

Von den insgesamt fünf Kilometer Hängeware sind lediglich die eigentlichen Sanitärbereiche ausgespart worden - man ertastet sie im vorsichtigen Schleichen. Das „Million Donkey Hotel“ in Prata Sannita ist ein neues Ziel für sanften Tourismus. Mehr noch ist es ein behutsamer, sozio-architektonischer Eingriff in einen Ort, der lange Zeit von einem Schleier der Traurigkeit bedeckt war. Mittlerweile hat sich - nur wenige Schritte von den Zimmern entfernt - ein Padrone gefunden, der die Hotelgäste des Morgens mit einem Frühstück verköstigt.

Andere wiederum haben sich bereit erklärt, die Organisation in die Hand zu nehmen und als Putzkolonne mit frischer Bettwäsche aufzutreten. Ein weiteres Zimmer befindet sich - auf Eigeninitiative der Bewohner - bereits in Bau. Was kostet eine Nacht? „Jeder gibt so viel, wie es ihm wert erscheint“, erklärt Annamaria Lauro, die zuständige Dame im Dorf. Ein teurer Spaß also.

26. August 2006 Der Standard

Baumhaus reloaded

In den vergangenen Wochen präsentierte der ImmobilienStandard verschiedene Beispiele des Wohnens in Holz. Nach Haus am See, im Wald und am Hang findet die Serie ihren hölzernen Höhepunkt und Abschluss im mehrgeschoßigen Wohnbau. Ein Blick nach Wien-Strebersdorf.

Holz hin oder her - trotz Aufsehen erregender Alternativprojekte aus den Bundesländern bekennen sich jüngsten Umfragen zu Folge 56 Prozent aller befragten Privatbauherren immer noch zum Massivbau. „Der Massivbau ist die beliebteste Bauweise in Österreich“, so sieht es zumindest die Initiative „Bau massiv!“. Und das habe auch seinen Grund, denn „massiv gebaute Gebäude sind keine Produkte von der Stange, sondern sind maßgeschneidert und stellen Werte dar.“

Mehr noch als im Einfamilienhausbau gedeiht vor allem der soziale Wohnbau in Ziegel und Beton. Gegenbeispiele aus Holz finden sich - zumindest in Österreich und da vor allem Wien - so selten wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Städtisches Wohnen in Holz? Vor der Ödnis beinahe gähnender Leere rettet nur noch die Historie, denn den hölzernen Löwenanteil beanspruchen die vielen Tram- und Dippelbaumdecken in den gründerzeitlichen Häusern für sich. Kaum jemand weiß, dass er dabei auf Holz wohnt. In der Bundeshauptstadt ist es überhaupt erst seit einer Bauordnungsnovelle vor einigen Jahren wieder gestattet, mehrgeschoßig in Holz zu bauen.

Ein solches Prestigeprojekt wird zurzeit in Wien Strebersdorf aus der Taufe gehoben. Auf Initiative des Wohnfonds Wien und der Holzforschung Austria entstand im Rahmen des „Klimaschutzprogramms der Stadt Wien“ eine einzigartige Wohnbauanlage auf einem Areal von knapp 22.000 Quadratmetern, Gesamtinvestitionsvolumen rund 31 Millionen Euro.

Holz an der Decke

Drei holzerfahrene Archidas Projekt am Mühlweg österreichweit, ja vielleicht sogar europaweit einzigartig", so Martin Teibinger, Zuständiger für Wohnbau und Bauphysik. Nach Auskunft des Wohnfonds Wiens ist das Mieterecho auf Bauen in Holz durchaus rege. Silvia Hofer, Projektleiterin im Bereich Liegenschaftsmanagement und Projektentwicklung, erklärt auf Anfrage des STANDARD: "Bis auf die Erdgeschoßwohnungen ist der Andrang sehr groß, die meisten Wohnungen sind betekturbüros, die aus einem Bauträger-Wettbewerb hervorgegangen waren, machten sich an das Grundstück entlang des Mühlwegs heran: Hermann und Johannes Kaufmann, Hubert Rieß und Dietrich Untertrifaller. Gebaut wurde - wo es erlaubt war - mit Holz, das im Wohnbereich hie und da sogar in Form von Sichtholzdecken ans Tageslicht tritt. Gemein ist allen Beteiligten jedoch nicht nur der natürliche Baustoff, sondern auch der Fokus auf die Betriebskosten. Alle Wohnungen weisen Niedrigenergie-Standard auf, manche erfüllen sogar das Anforderungsprofil für Passivbauweise.

"Mit dem Demonstrationsgebäude „Am Mühlweg“ zeigen wir, dass höchste Ansprüche an Energieeffizienz bis hin zum Passivhausstandard durch Holzmischbauweisen auch im sozialen Wohnbau kostengünstig umgesetzt werden können", erklärt Forschungsstaatssekretär Eduard Mainoni. Auch die Holzforschung Austria zeigt sich stolz: „In dieser Größe ist das Projekt österreichweit, ja sogar europaweit einzigartig.“

Holznation Österreich?

Dennoch ist Wien kein einsamer Pionier auf diesem Gebiet. Andere Länder legen andere Sitten an den Tag. Und diese sind bisweilen hölzerner und mutiger als hier zu Lande. Im norwegischen Trondheim ist ein Wohnhaus hochgezogen worden, das auch über seine reine Materialität hinweg die Blicke auf sich zieht (Brendeland & Kristoffersen Arkitekter). In Zürich hat die Architektengruppe EM2N ebenfalls ein großes Stück Wohnen aus dem Boden gestampft. Gleiches vernimmt man aus Meran, wo das österreichische Büro unter dem programmatischen Namen Holzbox seine Vorstellungen des zukünftigen Wohnens unter Beweis gestellt hat.

„Holz hat längst nicht mehr nur das traditionalistische Image von früher“, erklärt Kurt Zweifel von pro:Holz Austria, „eine der kommenden Herausforderungen wird daher sein, für die Planer und Endverbraucher noch mehr technisches Know-how zur Verfügung zu stellen und die Wertschöpfung des Rohstoffs weiter zu steigern.“ Eindeutiges Fazit daher: „Das Wohnbauprojekt am Mühlweg ist keinesfalls das Ende der Fahnenstange, sondern erst der Beginn einer Entwicklung.“

19. August 2006 Der Standard

Das Material, es spricht zu dir

Um ein Haus zu bauen, nehme man Ziegel, Mörtel, Holz und Stahl. Oder man werfe einen Blick nach Japan und lasse sich von der Architektur Kengo Kumas inspirieren. Ein Appell zu Weitblick.

Architektur wirft viele Fragen auf. Eine davon ist beispielsweise voll und ganz dem Material gewidmet. Die Liste der möglichen Baustoffe ist eingedenk unserer kulturellen Wurzeln und der klimatischen Verhältnisse kurz: Ziegelstein, Beton, Holz, Stahl und Glas. Doch Einfamilienhäuser müssen nicht immer gemauert und gemörtelt sein. Und Bürogebäude müssen nicht immer nur aus Stahl und Glas sein. Holzhütten hingegen - ja, die müssen aus Holz sein.

Ein Blick ins Land der aufgehenden Sonne jedoch beweist, dass die Frage nach dem Material noch viel mehr Antworten zulässt, wenn man erst einmal die gewohnten Pfade und Denkmuster hinter sich lässt. Eine besondere Materialvielfalt zeigt die Architektur des japanischen Architekten Kengo Kuma. „Wie können wir endlich der Massivität unserer Kisten entkommen?“, fragt der 52-Jährige, „diese Frage zu beantworten war mein Bestreben in den vergangenen Jahren.“ Seine emsige Arbeit trägt Früchte. Zu den klassischen Materialien der Architektur gesellen sich heute Naturstein, Adobe, Onyx, Bambus, Reispapier, rohe Baumstämme, ja, sogar mit Plastik hat er schon gebaut.

Das Plastic House - ein Einfamilienhaus mitten in Tokio - besteht bis auf die stählerne Tragkonstruktion durch und durch aus Kunststoff. Die Wände sind nicht aus Ziegel, die Fenster nicht aus Glas, die Böden nicht aus Holz. Alle Bauteile, die wir intuitiv mit einem herkömmlichen Material assoziieren würden, sind hier aus strapazierfähigem Polymer. Konsequenterweise sind sogar der Zaun und der Lattenrost auf der Terrasse aus Kunststoff gegossen. Verschraubt ist das Ganze - selbstverständlich - mit Schrauben aus Plastik. Kuma: „Es ist ein einzigartiges Material, das je nach Lichtstimmung einmal wie Reispapier, einmal wie Bambus nach außen scheint.“

Doch der Japaner gesteht sich ein: Das Plastic House war ein Experiment, ein kleiner Exkurs in unbekannte Gefilde. Denn eigentlich hat Kengo Kuma für tote Materie nichts übrig: „Ich glaube an natürliche Materialien, an das Leben in jedem einzelnen Werkstoff. Ein Haus muss wie ein Mensch sein: Es muss atmen können, es muss durchlässig sein wie die Haut des Menschen, es muss mit uns kommunizieren können.“ Und das funktioniere eben nur mit Materialien aus der Natur.

Zu den extremen Beispielen seiner buchstäblich materiellen Architektur zählt das Community Center in Takayanagi. Obwohl es sich dabei um ein öffentliches Gebäude handelt, scheute Kuma nicht davor zurück, die Außenwände aus zartem Reispapier zu bauen. „Ein schwaches Material wie beispielsweise Reispapier ist eines, das lebt, das sich bewegt, sich verändert, atmet und sich der Umwelt anpasst.“ Schwache Häuser benötigen mehr Pflege, daran gebe es nichts zu rütteln. „In so einem Haus können Sie nicht um sich schlagen, Sie können nicht mit dem offenen Messer herumlaufen. Aber wenn die Bewohner das Haus mit Respekt behandeln, dann kann die Lebensdauer eines solchen Bauwerks sehr lange sein.“

Das seltene Gebäude in Takayanagi hat mittlerweile schon sechs Jahre auf dem Buckel. Kein Kratzer, kein Riss, von Graffiti gar nicht erst zu sprechen. Zur Pflege des sachten Reispapiers empfiehlt Kuma frische Khaki-Früchte und den Saft von Tomaten. „Die natürliche Kraft ist manchmal stärker, als man glauben möchte. Es ist nur eine Frage der Einstellung: Welche Beziehung wollen Mensch und Material miteinander eingehen?“

Eine derart intensive Auseinandersetzung mit dem Bauwerk könne in der zeitgenössischen Architektur niemals entstehen, so Kuma. Da gelten Stärke, Steifigkeit und Stringenz. Gebäude müssen Erdbeben, Überschwemmungen und Flugzeugkollisionen standhalten. Vor allem aber sind Gebäude schonungsloser Nutzung und Vandalismus ausgesetzt. „Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass so ein traditioneller und respektvoller Ansatz nur in Japan möglich ist“, erklärt Kuma, "in Europa oder Amerika müssten Sie ein Schild anbringen mit der Aufschrift: „Bitte auf das Haus zu achten!“. Und es wird Ihnen trotzdem nichts nützen. Denn die Europäer und Amerikaner sind im Vergleich zu uns Japanern ziemlich roh."

Und aus diesem Grund wirft er erst gar keinen Blick in den Westen, wo wahrscheinlich ein zerschmetterndes Erlebnis das andere jagen würde, sondern bleibt dem Fernen Osten treu, wo man stets freundlich ist und sich verbeugt - nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor den Häusern. Ein solcher Ort der Stille und des Respekts ist das Projekt „Great Bamboo Wall“ in Peking, Bestandteil eines weit gestreuten Apartment-Areals entlang der Chinesischen Mauer (Commune by The Great Wall, betrieben von Kempinski). Kuma ließ sich von der Bauweise der nahe gelegenen Mauer inspirieren und hüllte seine Residenz rundum in Bambus. Einmal trägt der Bambus das Haus, einmal steht er einfach da, einmal gleitet er als Rollladen vor dem Fenster auf und ab. So eine Architektur lässt sich nicht einzig und allein mit Computerprogrammen generieren. Sie verlangt einem Herz und Seele ab.

„Wir Japaner sind detailverliebt, wir schätzen die Feinheit, wir haben eine gewisse Ehrfurcht vor dem Material und natürlich vor der Tradition“, erklärt Kuma. Selbst wenn er ein Haus aus Glas entwirft, ist das Glas nicht einfach nur durchsichtig und architektenhübsch. In seiner Villa „Water / Glass“ interpretiert er das Glas als still und fest gewordenes Wasser. Fast scheint es, als würde das eine Material ohne das andere keinen Sinn mehr ergeben.

In der Architektur von Kengo Kuma wird der Baustoff zum eigentlichen Konzept. Jedes Projekt verdient seinen eigenen Entwurf, mehr noch verdient jedes Projekt seinen ganz eigenen Rohstoff. „Am Anfang eines Projekts gibt es noch keine Materialidee. Die entsteht erst, wenn ich zum jeweiligen Grundstück fahre, und dort das Material mit mir zu sprechen beginnt.“ Man müsse eigentlich nur zuhören, der Rest erledige sich dann von selbst.

29. Juli 2006 Der Standard

Wohnfabrik in progress

Auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerks entsteht derzeit eine Stadt in der Stadt. Alle Beteiligten sind happy. Das Rezept lautet Bürgerbeteiligung

Kräne drehen sich im Kreis. Bagger schaufeln Baugruben aus. Mischmaschinen rühren frischen Beton an. Keine Frage, das sind Bilder einer Baustelle. Einer gar nicht kleinen wohlgemerkt, denn auf dem Gebiet des ehemaligen Kabelwerks in Wien Meidling entsteht derzeit mit rund tausend Wohnungen eine neue Stadt in der Stadt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Stadtverdichtungs- und Stadterweiterungsprojekten gab man sich hier jedoch nicht mit Wohnbau von der Stange zufrieden, sondern griff zu einem komplexen Procedere samt Ideenwettbewerb, Bürgerbeteiligung und kultureller Zwischennutzung. Gesamtinvestitionsvolumen: 150 Millionen Euro.

„Es ist unmöglich, Urbanität vom leeren Blatt aus zu entwickeln“, meinte unlängst der französische Landschaftsarchitekt Alexandre Chemetoff, „es gibt immer Spuren zu entdecken und eine Kontinuität herzustellen.“ Selbst in einer Wüste sei der Boden nicht jungfräulich, und auch der Boden des Wiener Kabelwerks ist ganz und gar nicht unbefleckt, er trieft geradezu von schmieröldurchtränkter Historie.

Das Kabelwerk, wo man seit 1905 auf diesem Areal - in direkter Nachbarschaft zu Josef Franks und Erich Fabers Hoffingersiedlung - Isolierkabel, Drähte und sogar Lockenwickler aus Drahtresten hergestellt hatte, schloss am 19. Dezember 1997 für immer seine Pforten. Ein Schicksalsschlag für viele. „Es gibt nur wenige Familien in Meidling, die nicht im Laufe ihrer Generationen irgendetwas mit dem Kabelwerk zu tun gehabt hätten“, meint Volkmar Pamer von der Magistratsabteilung 21 für Stadtteilplanung und Flächennutzung: „Es war immerhin eine der größten Kabelfabriken der Welt und somit auch ein großer Arbeitgeber.“

Drei Monate später, als die Stadtplaner zwecks Besichtigung das verlassene Gelände zum ersten Mal betraten, standen die eingetrockneten Kaffeetassen noch auf ihrem Platz, die vergilbten Tageszeitungen waren stumme Zeugen des schwarzen, vorweihnachtlichen Tages. „Alles war da, nur keine Menschen.“ Eine Identität ist weggefallen. Da lässt sich nicht einfach ein x-beliebiger Flächenwidmungsplan aus dem Ärmel schütteln, da kann man nicht willkürlich den Bestand abreißen, um danach in Reih und Glied geförderten Wohnbau hinzustellen. 1998 hatte die Stadt Wien daher ein Bürgerbeteiligungsverfahren gestartet und im Anschluss einen städtebaulichen Ideenwettbewerb ausgeschrieben.

Es gewann das architekturtheoretische Projekt von Rainer Pirker und The Poor Boys Enterprise. Das städtebauliche Konzept mitsamt seinen so genannten „Impulsatoren“, „Attraktoren“ und „Transformatoren“ schlug in der Architektenschaft Wellen. Die einen kritisierten die unpräzise und laxe Herangehensweise, die anderen sahen in dem strategischen Plan die einmalige Chance, aus einer vagen Idee mit Hilfe der Bevölkerung einen Stadtteil mit sozialem und künstlerischem Fokus zu entwickeln. Rainer Pirker: „Das Wesentliche an unserem Entwurf waren nicht die allgemeinen Parameter, die man aus der Stadtentwicklung gemeinhin kennt, sondern die Schaffung von neuartigen Räumen, die für eine ebenso neuartige soziale Entwicklung dienlich sind.“

Erster Schritt war die Miteinbeziehung der Bevölkerung. Fragebögen wurden verschickt, als Interessensvertretung der Anrainer wurde ein Bürgerbeirat gegründet, in zahlreichen gemeinsamen Workshops mit Alt und Jung baute man die ersten groben Wünsche zu einer präzisen Ideensammlung aus, auf deren Basis Rainer Pirker und The Poor Boys Enterprise einen Flächenwidmungs-Bebauungsplan anfertigten. „Keine Hochhäuser und keine ausschließliche Wohnnutzung“ war der Wunsch der meisten Beteiligten.

Wesentliches Anliegen vieler Teilnehmer war die teilweise Erhaltung der alten Bausubstanz, dem man mit Beibehaltung der Backsteinbauten und der längst graffitiübersäten Mauern Folge leistete. Auf Anregung der beteiligten Planer wird der Straßenzug an der alten Einfriedung in Zukunft sogar Graffitistraße heißen - die Taufe wurde im Gemeinderat bereits beschlossen.

Während Architekten, Stadtplaner und Bürger an der perfekten Stadt in der Stadt feilten, startete man parallel dazu eine temporäre Zwischennutzung der ungenutzten industriellen Brache. Unter dem Arbeitstitel der „Zwischenstadt“ (© Thomas Sieverts) rief man über einige Jahre hinweg rund 500.000 Besuchern die Existenz des Kabelwerks ins Gedächtnis. Hamlet wurde aufgeführt, es wurde getanzt und akrobatisiert, Rockmusiker schrieen sich die Kehle aus dem Hals, die größte LAN-Party Europas öffnete hier ihre Pforten, und nicht zuletzt sorgte auch die Big-Brother-Soap „Taxi Orange“ für rege Bekanntheit unter den Teenies und Groupies.

Derzeit wird gebaut und gebaggert. Im Norden des knapp sieben Hektar großen Areals gibt es erst ein paar Baugruben, während die alten Fabrikgebäude noch ihrer Sanierung harren, etwas weiter im Zentrum ist der Rohbau im Fertigwerden, ganz am südlichen Ende hingegen sind bereits die Mieter und Eigentümer einzogen. Wäscheleinen und gelb gestreifte Markisen, die zum Kampf gegen die Sonne ausgefahren sind, sind erste Zeugen des frischen Wohnens.

Vom Atriumhäuschen bis zum Industrieloft ist alles vorhanden, Vielfalt und Chaos sind die eindeutigen Sieger über Monotonie und Ordnung. Zum Zug kamen jene Architekten, die ursprünglich auch am städtebaulichen Ideenwettbewerb teilgenommen hatten: Mascha & Seethaler mit Wohnbau, Hotel und Konferenzzentrum; pool-Architekten, Hermann & Valentiny und Partner, Martin Wurnig und Branimir Kljajic mit etlichen - völlig heterogenen - Wohngebäuden; Georg Schwalm-Theiss und Horst Gressenbauer mit kunterbunten Atriumhäusern; sowie Werkstatt Wien mit Markus Spiegelfeld, die sich um die Sanierung und Adaptierung der bestehenden Industriebauten kümmern. Die Freiraumplanung stammt übrigens von Heike Langenbach + Partner.

Viele Köche verderben den Brei, heißt es. Hier ist die Mischung gut und sämig geworden. Das „Stück Stadt“ - so der Slogan des Kabelwerks - ist bereits zum Zeitpunkt seiner Baustelle weit über die Stadtgrenzen hinaus zu einem internationalen Fallbeispiel für eine neue Generation der Stadtplanung geworden. Volkmar Pamer: „Für ein Bauvorhaben dieser Größenordnung ist das ein noch nie da gewesener Fall.“

Es könne schon jetzt behauptet werden, dass eine Bürgerbeteiligung und ein Kooperationsverfahren, wie sie beim Projekt Kabelwerk praktiziert wurden, zu keiner Verlängerung der Verfahrensdauer führt. Mehr noch habe man der Bevölkerung jene Portion Vertrauen und Identifikation entgegengebracht, die notwendig ist, um ein Projekt wie dieses mit großen Schritten in die Zukunft zu tragen.

Die Anrainer zeigen sich mit ihrer neuen Nachbarschaft zufrieden, und die Wartelisten für die rund 1000 Wohnungen sind lang. Vergangenen Mittwoch wurde auf der Baustelle der großen Piazza der Schotter gerecht - Grundlage für das erste große Boccia-Turnier in der neuen Stadt in der Stadt.

22. Juli 2006 Der Standard

Glück für alle

Bisweilen grenzen die brutalen Wohnsilos der Menschen an die Massenhaltung von Tieren. Die Wohnbauten von Harry Glück indes waren und sind ein seltenes Beispiel für schönes Wohnen in der Menge.

Das Wort „Massenwohnbau“ mag er nicht besonders. Er spricht lieber vom „Wohnen für die große Zahl“. Unter dieser Prämisse hat Harry Glück vor 30 Jahren die Wohnhausanlage in Alt Erlaa hochgezogen. Ein Wahrzeichen der etwas besseren 70er-Jahre. Von der Architektenschaft wird er seitdem für seine pauschale, massenabfertigende Architekturauffassung abqualifiziert, die Bewohner indes suhlen sich im grünen Glück ihrer rundumblickenden Wohnungen. „Alt Erlaa ist das Konzept meiner Bauten, weil es mein bisher größtes Projekt ist“, erklärt der Architekt, „aber die Prinzipien sind an vielen kleineren Bauten genauso gut ablesbar.“

Architektenkenner werden in seinen Wohntürmen die „Ville Radieuse“ von Le Corbusier wiedererkennen. Auch dieser verfolgte in seiner Vision das Bild einer vertikalen Stadt, um zwischen den Häusern mehr Grün übrig zu lassen. Glück: „Natürlich gibt es da eine Verbindung. Aber es ist ja auch keine Schande, sich an Le Corbusier ein Beispiel zu nehmen.“ Architekt Harry Glück im Gespräch über das Wohnglück und die Zufriedenheit vom Urwald auf der Terrasse und vom Wasser auf dem Dach.

STANDARD: Es gibt kaum ein Foto von Ihnen ohne Hund.
Harry Glück: Meine Hunde haben mir immer schon große Freude bereitet. Der einzige Kummer, den sie bieten, ist der Umstand, dass sie nicht sehr lange leben. Der Hund ist eine Verbindung zur Natur. Ich weiß nicht, ob das jeder versteht - aber ich empfinde es so.

STANDARD: Aktuellen Studien zufolge gelten die Terrassenhäuser in Alt Erlaa nach wie vor als hoch geschätzt und gepriesen. Das hat sich nach 30 Jahren nicht geändert. Das Geheimnis Ihres Erfolges?
Glück: Vor über hundert Jahren hat sich ein gewisser Carl Hagenbeck in Hamburg ein Patent darauf geben lassen, Tiere in ihrer artgerechten Umwelt zu zeigen. Wir bauen heute für unsere Hühner und Kühe artgerechte Ställe und Ausläufe, damit sie glücklich sind. Doch es ist noch niemand auf den Gedanken gekommen nachzuforschen, was zu machen ist, um die Menschen glücklich zu machen. Die längste Zeit der Geschichte konnten sich nur die durch Besitz und Macht Privilegierten eine artgerechte Wohnform verschaffen. Meine Ambition war es, diese Vorteile auch für die große Zahl zu ermöglichen. Das sind eigentlich die grundlegenden Prinzipien der Aufklärung.

STANDARD: Sie wenden in Ihren Bauten grundlegende Parameter der Reichen an. Wie lauten die?
Glück: Sie können heute mit der Business-Class nach Bali fliegen. Sie können das Gleiche auch in der Touristenklasse machen. Herr Meinl segelt mit unserem Finanzminister auf einer privaten Yacht durch das Mittelmeer, weniger Privilegierte können das Gleiche auf einem Urlaubsschiff machen. Der Unterschied zwischen oben und unten ist graduell geworden. Auf dem Gebiet des Wohnens allerdings sind die Unterschiede nicht graduell, sondern grundsätzlich. Die Grundsätze der Reichen sind ganz einfach: Naturnähe, Verlangen nach Nähe und Erreichbarkeit klaren Wassers, Verlangen nach freier Aussicht und die Möglichkeit zur Kommunikation. Der Mensch ist ein soziales Wesen, gestraft wird er mit Einzelhaft. Der Mensch kann sich nur als Gruppe sein Überleben sichern - es konnte einer allein ja kein Mammutschnitzel erlegen. All diese Elemente gibt es in den Wohnformen der Reichen und Mächtigen. In meinen Wohnbauten versuche ich, so viel wie möglich von diesen Parametern einfließen zu lassen.

STANDARD: Anderen Großbauten in Wien ist diese hohe Wohnqualität in diesem Ausmaß nicht beschert.
Glück: Das ist eine Frage von Ambitionen. Der heutige Wohnbau ist gesellschaftspolitisch zu wenig ambitioniert! Meine Bauten hingegen definieren sich nicht über die Fassaden, sondern über die Angebote und Nutzungsmöglichkeiten. Ich folge dem Modell der englischen Sozialisten des 19. Jahrhunderts: das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl. Meine Bauten sind eingebettet in Grün, sind behindertengerecht und für Nichtbehinderte bequem, bieten Freiräume und Wasser. Das Schwimmbad auf dem Dach ist ein Ort der Schwerelosigkeit und außerdem jener Ort, an dem die Kommunikation zwischen den Bewohnern beginnt. Die meisten Großwohnbauten der 70er- und 80er-Jahre haben diese grundlegenden Komponenten der menschlichen Zufriedenheit ignoriert.

STANDARD: Ist der Swimming-Pool auf dem Dach ein Rezept, das allseits anwendbar ist?
Glück: Nein, aber der Pool hilft. Das offene Schwimmbad auf dem Dach ist außerdem ein Naturerlebnis. Die Schwimmbäder in unseren Wohnhausanlagen werden statistisch von über 90 Prozent der Bewohner aufgesucht, und zwar von zwei Dritteln regelmäßig, von einem Drittel gelegentlich. Das reicht offenbar aus, um Kommunikation in Gang zu setzen. Wenn jemand von der Arbeit heimkommt, sich auszieht und mit dem Lift aufs Dach fährt, so trifft er dort wahrscheinlich Tag für Tag die gleichen Nachbarn. Spätestens am dritten Tag wird er sie grüßen.

STANDARD: Was macht er im Winter?
Glück: Im Winter hat er die anderen schon kennen gelernt. Und deswegen fährt er zum Skifahren in die Berge.

STANDARD: Ist das Wohnen in der großen Menge nach heutigen Maßstäben noch gerechtfertigt?
Glück: Was heißt gerechtfertigt? Das Leben in der Stadt ist ein Leben mit der großen Zahl. Die Leute argumentieren immer mit romantischen Stadtvierteln und elitären Bezirken. Die 10.000 Bewohner von Alt Erlaa können das Stadtzentrum mit einem öffentlichen Verkehrsmittel sehr rasch und bequem erreichen. Im achten Bezirk brauchen Sie für 30.000 Einwohner ein paar Straßenbahnen, drei Autobusse und viel Fußmarsch dazwischen. Sie werden vom Straßenlärm gequält und haben enorme Parkplatz-Probleme.

STANDARD: Sie selbst aber wohnen mitten in der Stadt.
Glück: Ich bin zwar nicht so wohlhabend wie Herr Mateschitz, aber ich habe vor allem in früheren Jahren mehr verdient, als ein Bewohner von Alt Erlaa maximal verdienen darf, um dort eine Wohnung zu bekommen. Durch Zufall wohne ich in einem Haus im achten Bezirk an einem großen Park, von dem ein Teil sogar mir gehört. Ohne diese konkrete oder eine ähnliche oder vergleichbare Situation wäre ich schon längst am Stadtrand - in irgendeiner Wohnung in Alt Erlaa.

STANDARD: In der Architektenschaft wird Ihre Architektur in ästhetischer und kultureller Hinsicht wenig bis gar nicht geschätzt. Die Bewohner indes lieben ihre Wohnsituation. Warum klaffen hier akademische Auffassung und Praxiserfahrung so weit auseinander?
Glück: Die Relevanz dessen, was das Architekturfeuilleton als ästhetisch und anspruchsvoll bezeichnet, ändert sich alle fünf bis sechs Jahre. Ist diese Meinung daher relevant? Ich behaupte allerdings, dass einige meiner Bauten mit den angeblichen Musterbeispielen ästhetisch durchaus mithalten können. Sie sind nur nicht ganz so modisch. Bei der Ablehnung der Kollegen spielt aber sicherlich auch der Neid gegenüber einem materiell erfolgreichen Kollegen eine nicht unwesentliche Rolle.

STANDARD: Ich kann es mir nicht verkneifen: Sind Sie glücklich?
Glück: Eigentlich schon. Als Architekt habe ich sicherlich nicht alles erreicht, was ich für gut hielt. Aber ich kann mich - im Vergleich zu einem großen Teil meiner Kollegen - nicht beklagen. Und privat: Solange ich auf keine verrückten Ideen komme, muss ich mich ebenfalls nicht beklagen. Ich bin erträglich gesund und ich lebe seit 50 Jahren mit derselben Frau.

STANDARD: Sie sind mittlerweile 81 Jahre alt und arbeiten immer noch?
Glück: Ich arbeite ganz gerne.

STANDARD: Möchten Sie als weiser Mann der jungen Architektenschaft einen Ratschlag auf den Weg mitgeben?
Glück: Ich würde den Kollegen empfehlen, so schnell wie möglich auf Jus umzusatteln. Denn den meisten Architekten geht es um Selbstverwirklichung und nicht darum, für Menschen zu arbeiten. Wenn es weniger Architekten gäbe, wäre das wahrscheinlich kein Fehler.

4. Juli 2006 Der Standard

Haus formt Mensch

Der Staatspreis für Architektur wurde heuer ausnahmsweise doppelt verliehen: für das T-Center in St. Marx vom Team Domenig-Eisenköck-Peyker; und für das Verwaltungsgebäude der Travel Europe in Tirol von Oskar Leo Kaufmann und Albert Rüf.

Jubel und Applaus im Semperdepot. Am gestrigen Montagabend wurde durch Bundesminister Martin Bartenstein der Staatspreis für Architektur 2006 verliehen. Die Auszeichnung, die im Abstand von zwei Jahren verliehen wird, richtete sich heuer an Gebäude für Büronutzung, Verwaltung und Handel, insbesondere mit dem Fokus auf „Neue Arbeitswelten“- so der Titel der diesjährigen Ausschreibung.

Das Rennen blieb diesmal zugunsten zweier erster Preise unentschieden. In Wien kommt das T-Center in St. Marx von Domenig, Eisenköck, Peyker (Architek-tur Consult) zum feierlichen Zug, im tirolerischen Stans wurde das Verwaltungsgebäude der Travel Europe (Architekten Oskar Leo Kaufmann und Albert Rüf) ausgezeichnet.

„Eine Entscheidung zugunsten eines der beiden Projekte ist der Jury deshalb so schwer gefallen, weil die Rahmenbedingungen nicht unterschiedlicher sein könnten“, erklärt die hochkarätig besetzte Jury aus Architekten und Funktionären des Ministeriums, „das T-Center ist ein Projekt im großstädtischen Kontext und entsprechendem Maßstab, das Travel-Europe-Gebäude ein vergleichsweise kleines Objekt in einem dörflichen Umfeld.“

Kaffee statt Anonymität

Winston Churchill sagte einst: "Zuerst gestalten wir unsere Gebäude und dann formen sie uns."Das gilt auch für Unternehmen, ganz gleich ob dies nun der Telefonie-Gigant T-Mobile ist oder das mittelgroße Reiseunternehmen Travel Europe. Das T-Center in St. Marx, das sich über einen Viertelkilometer Länge erstreckt, ist ein seltener Beweis dafür, dass derartige Dimensionen nicht immer in architektonischer Kreativlosigkeit enden müssen. Architekt Günther Domenig über seinen Koloss an der Südost-Tangente: „Dieser Flügel gehört mir!“

Das gigantische Flaggschiff besticht durch einen großzügigen Innenhof und eine breite Freitreppe, die ihre Angestellten allmorgendlich empfängt. So knallt man nach dem erreichten Haupteingang nicht etwa gleich auf den Liftblock, über den man anonym in seine Bürozelle schlüpft, sondern gelangt zuerst auf eine Ebene, die allein der Erschließung und Kommunikation dient. Hier können Besprechungen und Präsentationen genauso wie der Kaffeetratsch dazwischen abgehalten werden. Außerdem werden hier auf dezentrale Art und Weise 2500 Menschen auf 11 Stiegenhäuser und 23 Aufzüge verteilt.

Ganz anders die Situation in Stans. Der Neubau ist die notwendig gewordene Hülle für ein Reiseunternehmen, das nach 20-jährigem Bestehen und Expandieren nun aus allen Nähten platzte. Das Gebäude von Oskar Leo Kaufmann und Albert Rüf ist ein auf der Höhe der Zeit stehendes Objekt, wenn nicht sogar seiner Zeit voraus. Wo sonst werden 130 Mitarbeitern weitläufige Büros, eine Arbeitsstätte mit baumbepflanzten Atrien und eine voll nutzbare Dachterrasse als Pausenzone geboten?

Auslober des Staatspreises ist das Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Österreich, mit der Architekturstiftung Österreich, mit dem Bundeskanzleramt sowie der Bundeskammer für Architekten und Ingenieurkonsulenten. Preisgeld gibt es keines. Aber eine handsignierte Urkunde des Ministers.

3. Juli 2006 Der Standard

Das Ornament der harten Schule

So wie Otto Wagner auf ewige Zeiten ein Sohn Wiens bleiben wird, so hat auch Laibach seinen ganz eigenen Architektensohn. Der Zufall wollte es, dass dieser Josef Plecnik justament bei Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste sein Studium absolvierte. Zurück in seiner Geburts- und Sterbestadt setzte Plecnik dem Zentrum von Laibach eine unverwechselbare Handschrift auf, wie sie in dieser Reinkultur - und städtebaulichen Sensibilität - im europäischen Raum kein zweites Mal zu finden ist.

Doch nicht nur Slowenien konnte von seinem eigensinnigen Gestaltungswillen profitieren, auch Wien und Prag bekamen ihre verschnörkelten Gebäude ab. Unter den wenigen Wiener Bauten gilt vor allem das Zacherlhaus auf dem Wildpretmarkt - eingehüllt in Granit und Kupfer - als Meilenstein der Art Nouveau. An der Fassade tragen gigantische Atlanten das beschwerliche Gesims, im Stiegenhaus hingegen tänzeln hunderte stilisierte Insekten und barock geschmiedete Engel an Kandelabern und Brüstungen empor.

„Ich habe ihn noch persönlich gekannt“, erzählt Damjan Prelovsek, der gemeinsam mit Adolph Stiller die Ausstellung Josef Plecnik. Architekt in Wien, Prag und Laibach im Wiener Ringturm kuratierte, „er war ein Liebhaber des Details.“ Plecniks frühe Jahre, die er in der väterlichen Tischlerei verbrachte, sollten sich in seinem späteren Werk wiederfinden. Fassaden und Mobiliar sind stets fein ausgearbeitet, niemals hatte den bärtigen Mann die Geduld verlassen - diese Botschaft vermittelt zumindest sein architektonischer Nachlass.

Hinter den Fassaden aus Backstein und Ornamenten harren dennoch avantgardistische Visionen. Den Kirchturm im Prager Stadtteil Vinohrady kann man auf einer Rampe selbst mit dem Rad erklimmen, das Treppenhaus mit dem Aufzug in die Präsidentenwohnung auf der Prager Burg wird selbst heute noch seiner Funktion gerecht.

Friedrich Achleitner meint im Katalog, die Unbekanntheit Plecniks läge u. a. an der Ignoranz der Geschichtsschreibung, die die zentraleuropäischen Länder jenseits des Eisernen Vorhangs nicht wahrgenommen hätte. Im Ringturm kann man den Betrachtungswinkel nun etwas weiten.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag