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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

29. September 2007 Der Standard

Was kostet ein Plan?

Bisher wusste niemand so recht, wie die Honorare von Architekten zustande kommen. Besonders verwirrt waren die Geld gebenden Bauherren. Nun ist eine Reform in Kraft getreten. Sie bietet mehr Transparenz - und fordert allen Beteiligten mehr Köpfchen ab.

„Wenn ein Baumeister einem Bürger ein Haus fix und fertig baut, so gibt er ihm als Honorar für ein Musar Wohnfläche zwei Säckel Silber.“ Die etwas altertümlich klingende Richtlinie stammt aus dem Codex Hammurabi und wurde 1700 v.Chr. mühsam in einen Diorit-Block gemeißelt. Im Wesentlichen haben sich die Honorarrichtlinien für die bauende Zunft bis in die heutige Zeit nicht verändert. Der Bauherr kommt zum Architekten, dieser steckt seine Nase in nebulose und nicht nachvollziehbare Prozenttabellen und offenbart dem potenziellen Auftraggeber schließlich, dass die Planung des gewünschten Objekts einen bestimmten Prozentsatz der Baukosten in Anspruch nehmen werde.

„Die bisherige Honorarordnung für Architekten und Ingenieurkonsulenten basiert zum Teil auf völlig unlogischen Annahmen“, sagt Bundeskammerpräsident Georg Pendl, „wenn ein Architekt eine Baukostenexplosion verursacht, dann kann er daran verdienen. Doch wenn er durch clevere Planung dazu beiträgt, Baukosten einzusparen, dann schneidet er sich damit ins eigene Fleisch, weil dadurch auch sein Honorar sinkt.“ Dass man einem Architekten zur Abgeltung seiner Leistung einen gewissen Prozentsatz der Baukosten zubilligt, geht auf eine Richtlinie aus dem 18. Jahrhundert zurück, doch die Umstände hätten sich seitdem drastisch verändert, so Pendl. „Heute gibt es billige und teure Baustoffe, es gibt einfache und komplizierte Projekte. Der Bedarf nach einer betriebswirtschaftlich ausgelegten Novelle war daher enorm.“

Seit 1. Jänner 2007 ist alles einfacher und transparenter - sowohl für Auftraggeber als auch für Auftragnehmer. Nicht zuletzt geschah dies auf Drängen der Bundeswettbewerbsbehörde und des Bundeskartellanwalts - mit Inkrafttreten des Kartellgesetzes im Jahre 2005 fielen verbindliche Honorarrichtlinien ins Kartellverbot. Die neue AHA 2007 (Analyse Honorare für Architektinnen) - so der aktuelle Name laut Auskunft der Bundeskammer - liefert stattdessen empirische Werte darüber, wie viele Arbeitsstunden die jeweiligen Bauaufgaben von der Kleingartenhütte bis zum hochkomplexen Krankenhaus in Abhängigkeit von der Bruttogeschoßfläche durchschnittlich in Anspruch nehmen. Untersucht und ausgewertet wurden österreichweit rund 900 Projekte.

„Das neue System liefert keine verbindlichen Richtlinien mehr, sondern spricht lediglich Erfahrungswerte aus“, sagt Architekt Hubert Kempf, der an der Reform des Honorarwesens maßgeblich beteiligt war, „in Zukunft kann der Architekt dem Bauherrn eine Schätzung über die voraussichtliche Stundenanzahl liefern.“ Und wer bestimmt den Stundensatz? „Früher haben sich die jungen Idealisten völlig unter ihrem Wert verkauft“, so Kempf, „aufgrund betriebswirtschaftlicher Überlegungen, die zunehmend auch in dieser Branche an Bedeutung gewinnen, kann nun jede Architektin und jeder Architekt den jeweiligen Stundensatz frei bestimmen.“ In Zukunft, ist sich Kempf sicher, werde man damit jede Art von Korruption unterbinden können - beide Parteien spielen mit offenen Karten und können über den Umfang der Architektenleistung frei verhandeln.

Preisdumping?

Das klingt im ersten Moment nach grünem Licht für noch mehr Preisdumping, als dies bislang schon der Fall war. „Den Architekten geht's jetzt schon schlecht“, sagt Rechtsanwalt Hannes Pflaum, „in Zukunft wird es ihnen noch viel schlechter gehen.“ Nicht so tragisch sehen das Reformisten in der Kammer. „Umbruchphasen sind immer ungewohnt. Bis zur vollständigen Eingewöhnung werden Jahre vergehen, und bis dahin kann sich ja noch jeder an der Honorarordnung orientieren“, erklärt Bundeskammerpräsident Pendl. Kempf hingegen: „Ich sehe kein Problem. Selbst große Investoren und Bauträger, mit denen wir schon seit Langem im Gespräch sind, haben anklingen lassen, dass sie die neue Analyse als Grundlage akzeptieren.“ Wichtig sei nur, dass sich die Architektenschaft in Ausdauer übt und dass sie an die Reform glaubt.

„Es kann nicht mehr sein, dass jede zweite Arbeitsstunde eines Architekten gratis ist. Architekten erwirtschaften im Jahr gerade mal 22.000 Euro brutto!“ Noch schlimmer ist es übrigens bei den Frauen. Hier beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen unter Architektinnen nicht mehr als 10.000 Euro. Mit der AHA 2007 soll sich das ändern.

22. September 2007 Der Standard

Utopien im Aufwind

Vor einer Woche wurde der üppig ausstaffierte Zumtobel Group Award vergeben. Preisträger sind ein innovatives Hochhaus in San Francisco und die konkrete Utopie eines neuartigen Kraftwerks.

Der Mann hat Ausdauer. Seit 25 Jahren arbeitet er immer wieder am gleichen Projekt. Rechnet, entwirft, optimiert. Unentwegt tritt er mit Verantwortlichen in Kontakt, unterbreitet ihnen die Sinnhaftigkeit seiner Ideen, bemüht sich um ihre Zustimmung. Doch ohne Erfolg. Die Politik hat kein Interesse an effizienter Stromerzeugung in der Dritten Welt, mehr als trockene Lorbeeren lassen sich damit nicht ernten. Wer will dafür schon in die Bresche springen? „Die Minister reisen alle auf Klimakonferenzen, aber wenn es darauf ankommt, dann ziehen sie den Schwanz ein“, sagt er.

Vor ein paar Tagen war alles anders. Plötzlich stand der deutsche Architekt Jörg Schlaich im Rampenlicht, trat auf die Bühne des Kunsthauses Bregenz und nahm unter tosendem Applaus den Zumtobel Group Award in der Kategorie „Research and Initiative“ entgegen. Der herrschaftlich dotierte Geldpreis - 60.000 Euro sind kein Lercherl - gilt der jahrelangen und stetig weiterentwickelten Erfindung des so genannten Aufwindkraftwerks. Es ist ein solares Kraftwerk, das eigens für die sonnenreichen und ressourcenarmen Gegenden der Erde entwickelt wurde - beispielsweise für wüstenreiche Staaten und Länder der Dritten Welt. Die notwendigen Baumaterialien Beton, Stahl und Glas sind weltweit verfügbar.

Das System könnte einfacher nicht sein: Unter einem riesigen Kollektordach wird die Sonne wie in einem Glashaus erhitzt. Da das Dach zur Mitte hin leicht ansteigt, strömt die heiße Luft zum höchsten Punkt, kühle Luft strömt in der Zwischenzeit von den Rändern nach. In der Mitte staut sich's dann. Unter einem enormen Druck versucht die zusammengestauchte Luft zu entweichen und wird nach oben gepresst. Die Sogwirkung des Kamins verstärkt diesen Effekt. Eine eingebaute Turbine dient als Generator und erzeugt auf diese Weise Strom.

„Es ist eine unglaublich einfache Funktionsweise“, sagt Schlaich, „und weil es so einfach ist, können sich viele gar nicht vorstellen, dass es funktioniert.“ Doch während manche noch zweifeln, ist das Konzept zu einem komplexen und vielschichtigen Allzweck-Kraftwerk herangereift. Zusätzlich eingebaute Wasserschläuche unter den Kollektoren speichern untertags die Hitze und geben sie erst in der Nacht wieder ab. Paradoxerweise funktioniert das solare Kraftwerk also rund um die Uhr. Jörg Schlaich und sein Partner Rudolf Bergermann haben alles parat. In aufwändigen Kalkulationsprogrammen rechneten sie sich die Effizienz des Kraftwerks aus. Eine einzelne Turbine könne für 100 bis 200 Megawatt Leistung ausgelegt werden. Damit ließe sich bereits ein großes Kernkraftwerk ersetzen. Doch der tatsächliche Trumpf im Ärmel soll erst folgen: Eine Kilowattstunde Strom würde in der Produktion - langfristig ausgelegt - zwischen fünf und sieben Cent kosten. „Vor einigen Jahren noch hätte man das für abstrus gehalten und hätte sich darüber lustig gemacht“, sagt Schlaich, „doch um damit wirklich handlungsfähig zu sein, ist das Öl offensichtlich noch viel zu billig.“

Warum sich die hochkarätig besetzte Jury aus Stefan Behnisch, Yung Ho Chang, Colin Fournier, Peter Head, Enrique Norton, Sejima Kazuyo, Peter Sloterdijk, Anna Kajumulo Tibaijuka und Zumtobel-Group-Geschäftsführer Andreas Ludwig für das Kraftwerksprojekt entschieden hat, ist leicht gesagt: „Sinnvolle Technologien für die breite Nutzung erneuerbarer Energien müssen einfach, verlässlich und auch für weniger entwickelte Länder zugänglich sein. Das Aufwindkraftwerk erfüllt alle diese Bedingungen.“ Dass es in der Praxis tatsächlich funktioniert, ist ebenfalls belegt. Zwischen 1982 und 1988 wurde in Spanien eine Versuchsanlage installiert. Gegenwärtig planen Schlaich Bergermann Solar ein Aufwindkraftwerk in Fuente el Fresno, Spanien. Mit 750 Metern Turmhöhe und drei Kilometern Kollektordurchmesser wird das Kraftwerk eine Kapazität von 30 Megawatt haben.

Doch weil sich mit Träumen allein kein Aufsehen erregender Award auf die Beine stellen lässt - zum ersten Mal schlägt Zumtobel diesen Weg ein -, sei man nicht umhin gekommen, auch ein bereits realisiertes Projekt auszuzeichnen. „Wir möchten versuchen, den Zumtobel Award in den nächsten Jahren in der Architekturwelt zu einem anerkannten Preis zu machen“, erklärt Geschäftsführer Ludwig, „da der Award für uns in weitester Linie ein Marketingsinstrument ist, das an die Architekten gerichtet ist, darf unter den Auszeichnungen innovative und moderne Architektur nicht fehlen.“ Klare Worte.

Während man sich die Kategorie „Research and Initiative“ 60.000 Euro kosten ließ, wurde die Kategorie „Built Environment“ sogar noch höher beziffert. Für sein Federal Building in San Francisco wurden an Thom Mayne vom Architekturbüro Morphosis wohlfeile 80.000 Euro überreicht. „Wir haben uns zu diesem Projekt schweren Herzens durchgerungen. Keiner würde auf Anhieb verstehen, warum wir beispielsweise nicht eine selbst gebaute Lehmschule in Bangladesh auszeichnen“, sagt der Juror und Architekt Stefan Behnisch, „doch wir kamen zu der Überzeugung, dass es eines zeichenhaften Projekts in der westlichen Welt, in den großen Metropolen bedarf.“ Es seien die industrialisierten Länder, die für den Klimawandel hauptverantwortlich sind. „Das Projekt von Thom Mayne zeigt, wozu Architektur imstande ist und wie sie sich in punkto Nachhaltigkeit positionieren kann. Viele Kolleginnen und Kollegen bekennen sich nicht dazu.“

Thom Maynes Federal Building ist das erste Bürohochhaus in den Vereinigten Staaten, in dem man bewusst auf natürliche Belüftung gesetzt hat. 70 Prozent des Gebäudes werden natürlich belüftet, 90 Prozent der Arbeitsplätze verfügen über Tageslicht und über manuell öffenbare Fenster, Klimaanlagen tun ihre Dienste nur in den hintersten Ecken des Hauses. Das gefaltete Metallkleid im Süden spendet Schatten, bewegliche Paneele passen sich den täglichen und jahreszeitlichen Klimaschwankungen an. Hinzu kommen so genannte Skip-Stop-Aufzüge, die nur in jeder dritten Etage halten - „die gestiegene Mobilität der Menschen verleiht dem Turm die Lebendigkeit einer Straße“, heißt es im Juryprotokoll. In Summe ist es gelungen, den Energieverbrauch auf ein Minimum zu reduzieren, der Lichtbedarf ist gar auf die Hälfte gesunken. „Es hat etwas Humorvolles, dass Zumtobel ein Gebäude auszeichnet, in dem nur die Hälfte des Kunstlichts benötigt wird“, sagt Mayne, „mit jedem anderen Architekten hätte die Zumtobel Group an diesem Projekt den doppelten Umsatz gemacht.“

Werden die USA nun grün? „Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Wichtigkeit ein solches Projekt in einem republikanisch geführten Land hat“, meint Mayne, „und es ist kein Wunder, dass so ein Projekt gerade im nachhaltig orientierten Kalifornien realisiert werden konnte.“ Thom Mayne bekennt sich zum Optimismus: „Bush bleibt mit seiner Erdöl-Mentalität nicht ewig an der Macht. Schon die nächste Generation wird von Grund auf wissen, was Nachhaltigkeit alles bedeutet - nämlich ein Zusammenspiel aus Politik, Wirtschaftlichkeit, Ökologie und integrativem Sozialleben.“

Mit dem Zumtobel Group Award hat der Vorarlberger Lichtplaner und Leuchtenhersteller Zumtobel nicht nur ein Statement gemacht, sondern auch kräftig die Werbetrommel gerührt. Eine Werbekampagne mit soziopolitischem Hintergrund, die als Anstachelung an die Industrienationen gedacht ist - das ist mehr als legitim. Der Stolz der beiden Büros Morphosis und Schlaich Bergermann Solar ist ungebremst. Thom Mayne wird sein Preisgeld an die NGO Global Green USA spenden, Jörg Schlaich möchte seinen Betrag für weitere Forschungsarbeit aufwenden. Das Aufwindkraftwerk müsse endlich konkret werden. „Eines Tages wird man Aufwindkraftwerke bauen. Aber ob ich das noch erleben werde, ist fraglich.“

1. September 2007 Der Standard

Design auf Irrwegen

Viele Fertighaus-Hersteller schmücken sich mit großen Designernamen. Doch hinter Pininfarina, Colani und Co lauert bisweilen der ganz normale Wahnsinn.

Mit dem Herbst naht die neue Bausaison. Architekten und Baumeister arbeiten auf Hochtouren, Baugruben werden ausgeschaufelt, Kellerwände betoniert, abertausende Euros wechseln ihren Besitzer. Dabei wird oft vergessen: Ein Haus zu bauen ist auch für den Bauherrn ein Fulltimejob. Viele sind der psychischen Belastung nicht gewachsen und greifen daher zur Architektur aus der Instant-Packung - zum Fertighaus. An die 4500 Fertigteilhäuser werden jährlich verkauft, damit ist nahezu jedes dritte in Österreich errichtete Haus ein Fertighaus. Die meisten davon stehen in Niederösterreich.

Dass der Fertigteilbau durchaus Tradition hat, ist angesichts der oft schauderhaften Einfamilienhaus-Varianten längst in Vergessenheit geraten. „In der Antike ließen die Griechen Wandelemente für den Tempelbau in den Kolonien Kleinasiens vorfertigen“, erklärt Christian Muhrhammer, Geschäftsführer des österreichischen Fertighausverbandes, „Leonardo da Vinci entwickelte ein vorgefertigtes Bürgerhaus, und die ersten englischen Siedler Nordamerikas hatten fertige Wandelemente auf ihren Schiffen mit dabei.“

Was mit großen Namen begann, muss mit großen Namen fortgesetzt werden. Immer wieder greifen Fertighaus-Unternehmen daher zu dem, was sie Stararchitekt oder weltberühmter Designer nennen, und lassen sich von diversen namensschweren Herrschaften (ja, es sind ausschließlich Männer, die hier herhalten dürfen) einen Entwurf anfertigen. Im Endeffekt ist es nicht anders als bei Karl Lagerfeld und seiner Billigkollektion für H & M. Luigi Colani zeichnet für Hansehaus, Matteo Thun für Griffnerhaus, Gustav Peichl für Hanlo und Pininfarina für den Marktgiganten Elk. Doch während man sich bei diesem Name-Dropping in höchster Gestaltungsqualität zu besten Preis-Leistungs-Verhältnissen zu wähnen glaubt, belehrt einen ein genaues Hinsehen eines Besseren.

„Wir wollten ein modernes Haus entwickeln, das in unverwechselbarer Stilgebung unsere Produktpalette nach oben hin abschließt“, sagt Andreas Toifl, Marketingleiter der Elk Fertighaus AG, „natürlich richtet sich das Projekt von Pininfarina in erster Linie an eine besser verdienende Klientel.“ Zur Klarstellung: Wir sprechen hier von 350.000 Euro - ohne Keller, wohlgemerkt. Toifl: „Wir wollen mit dem Haus vor allem Kompetenz zeigen. Es geht nicht darum, das Haus möglichst oft zu verkaufen, sondern aufzuzeigen, wozu man als Hersteller imstande ist.“ Wer Kompetenz an den Tag legt, der könne auch die kleineren Produkte besser verkaufen.

In der Regel ist Pininfarina der Meister schnittiger Karosserien, denen im Windkanal in anschmiegsamen Liebkosungen unverkennbar italienische Form verliehen wird: dem Alfa Spider, dem Ford Focus Cabrio, dem Maserati Quattroporte. Das Modell „elk.arte“ mit seinen wahlweise 150 bis 230 Quadratmetern wirkt dagegen etwas - nennen wir es einmal - stämmig. Mehrere Bauteile gruppieren sich um ein zentrales Vorzimmer und werden von wilden Pultdächern abgedeckt. Besonders auffällig ist der sechseckige Annexbau, in dem sich das so genannte Family-Center befindet: Wohnzimmer, Küche, Essplatz, Kamin. Ist das etwa Design aus norditalienischer Feder?

„Natürlich muss man im Laufe eines Industrialisierungsprozesses einige Kompromisse schließen. Es hätte ja keinen Sinn, ein Kunstwerk zu machen, das sich dann niemand leisten kann“, erklärt Francesco Lovo, Chefdesigner bei Pininfarina Extra, auf Anfrage des Standard, „aber um ehrlich zu sein, gab es in dieser Zusammenarbeit sehr viele Kompromisse. Elk hat unseren Entwurf wieder zu einem sehr traditionellen Haus zurückgeführt.“ Doch Lovo sieht der Wahrheit ins Auge: „Es ist wie immer bei großen Namen: Im Vordergrund stand nicht ausschließlich der Wunsch nach einem Haus von Pininfarina, sondern wahrscheinlich eher der Wunsch nach einer bekannten Marke, mit der man in Folge werben kann.“

Dass es sich mit großen Namen - zumindest imagemäßig - besser lebt, beweist auch der Fertighaus-Produzent Griffnerhaus. Vor mehr als zehn Jahren hatte Matteo Thun für das österreichische Unternehmen das erste „Designerhaus“ skizziert, bis heute ist das Pultdach-Modell „O sole mio“ vielen Österreicherinnen und Österreichern ein Begriff. „Am Anfang hat man mit Matteo Thun automatisch Griffnerhaus verbunden“, sagt Bettina Walten, Marketingchefin bei der Griffnerhaus AG, „es hat sich zu Beginn zwar nicht sehr oft verkauft, aber es war die ganze Zeit über das Zugpferd unseres Unternehmens.“ Dass der Verkauf in Österreich im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz eher schleppend vonstatten gegangen ist, hängt nicht zuletzt mit der österreichisch-provinziellen Bauordnung zusammen. Wer kein Satteldach überm Kopf will, der darf in vielen Gemeinden nicht bauen. Punktum.

Die Häuser aus Designerhand sind durch die Bank teurer. Aufgrund von Konstruktion, technischem Aufwand und Markennamen sind im Schnitt bei allen Herstellern gut 25 bis 30 Prozent an Mehrkosten draufzuschlagen. Hinzu kommt der übliche Fertighaus-Definitionsparcours mit Rohbau, Ausbau, Keller und Schlüsselfertigkeit. Wer es fixfertig haben will, der muss dann schon tief in die Tasche greifen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass in Gänserndorf schon seit etlichen Monaten ein Hanlo-Fertighaus - ein Entwurf von Gustav Peichl - um 400.000 Euro samt Grund auf einen Käufer wartet. „Peichl ist zwar eine Super-Geschichte, aber schon lange nicht mehr am Puls der Zeit“, sagt Hanlo-Marketingleiterin Karin Trummer, „das Peichl-Haus wurde schon seit Ewigkeiten nicht mehr verkauft.“

Der Appell am Beginn der Bausaison soll daher lauten: Fertighäuser haben durchaus ihre Berechtigung. Kaufen und Bauen geht schnell voran. Oft ist es sogar billiger. Und man muss sich nicht wahnsinnig anstrengen, um bald mit Sack und Pack einziehen zu können. Wem diese Bequemlichkeit wichtig ist, der hat sich richtig entschieden. Doch wer mit dem Gedanken spielt, 300.000 Euro oder mehr in einen scheinbar innovativen Designerkasten zu investieren, der ist bei einem Architekten zweifelsohne besser aufgehoben. Wenn man schon viel Geld zahlt, dann darf man sich auch das Recht herausnehmen, sich nicht mit Konfektionsgröße herumplagen zu müssen. Zum Wohl der Baukultur.

18. August 2007 Der Standard

Das kleine Schwarze für zu Hause

Vier Wände? Von wegen. Die Architekten Flöckner & Schnöll schlugen ein Wohnen im Glashaus vor und hüllten das ungewöhnliche Ein-familienhaus in einen schwarzen Vorhang.

Ein schwarzer Vorhang weht im Wind. Einmal zuckt er poetisch und gibt den Blick aufs Salzachtal frei, einmal peitscht er mit großer Wucht gegen die Glasfassade. Dass es sich bei dem flachen Beton-Sandwich tatsächlich um ein Einfamilienhaus handelt, glauben nur die Wenigsten. „Wildfremde Leute stehen plötzlich auf der Terrasse und drücken sich die Nase an der Glasscheibe platt“, sagt Maria Flöckner vom Architekturbüro Flöckner & Schnöll.

Manche halten das Haus für ein Aussichtsrestaurant, einmal sei es sogar vorgekommen, dass Mountainbiker stehen blieben, um sich in der coolen Hütte mit Red Bull und Jausensnack zu stärken. Vergeblich. Und auch die Salzburger Kühe sind sich nicht so sicher. Ungeniert treten die gefleckten Wiederkäuer bis an die Hauskante vor und stecken ihren Kopf durch den schwarzen Vorhang, der die Terrasse in kühlen Schatten hüllt.

Mit dem Polyethylen-Vorhang wollte man den Bauherren eine Reverenz erweisen. Schließlich sind Friedrich und Heike - so viel darf verraten werden - in der Kunststoffbranche tätig und haben ein Faible für das Material. Für gewöhnlich ist das Gewebe grün und kommt auf Baustellen- gerüsten zum Einsatz. Hier wurde das grobe Netz schwarz eingefärbt und hüllt das Haus in ein dunkles Geheimnis, als wäre es ein zerknittertes Kleid von Issey Miyake.

„Man glaubt es kaum, aber bis vor wenigen Monaten haben wir sehr traditionell in einem Salzburger Altbau gewohnt“, erzählen die Bauherren, „ein paar Monate der Eingewöhnungsphase hat es dann freilich gebraucht.“ Doch um nichts in der Welt sei man heute noch bereit, das schwarze Glashaus gegen irgendein anderes zu tauschen. Schließlich habe man sich mit dem neuen Refugium einen lang gehegten Traum erfüllt: Man wohnt ohne Wände - und weitestgehend auch ohne Räume. Fast nahtlos geht ein Bereich in den anderen über, nur über geschickt versteckte Schiebetüren lässt sich nachts einmal ein Schlafzimmer, einmal ein Bad vom alles umfassenden Wohnbereich trennen.

Schwarzes Loch?

Gewohnt wird im ganzen Haus auf schwarzem Boden, zwischen schwarzen Wänden und größtenteils in schwarzen Möbeln. Doch auf die homogene Bodenfläche ist man besonders stolz: Der fein geschliffene Asphalt - gewärmt wird er mittels Fußbodenheizung - ist mit vielen kleinen, grünlichen Diabas-Steinen versehen. Das macht die Oberfläche wohnlich und edel. Eine rohe Straßenatmosphäre kommt daher gar nicht erst auf. Auch nicht unter der rohen Decke aus Sichtbeton.

Doch warum wohnt man völlig ohne Farben? Architekt Hermann Schnöll erklärt: „Vor dem Haus breitet sich eine wunderbare Natur in den kräftigsten Farben aus, die man sich nur vorstellen kann. Aus diesem Grund haben wir die Innenräume bewusst farblos gehalten.“ Die umliegenden Wiesen und Gebirgsketten kommen dadurch noch besser zur Geltung. Ganz zur Freude der Bauherrin: Sie kann vom hügeligen Ausblick nicht genug kriegen. Denn im norddeutschen Lande, aus dem sie stammt, da ist die Erde flach wie ein Brett.

Zur farblichen Auffrischung tragen nicht zuletzt auch die hauseigenen Autos bei - sie sind Teil des Wohnkonzepts. Durch eine riesige Trennwand aus Glas kann man unentwegt vom Wohnzimmer in die Garage blicken. Hier ein Audi, da ein Volkswagen, getoppt wird der farbenfrohe Fuhrpark von einem knallgelben Porsche. Auto und Bewohner können sich auf diese Weise gegenseitig fesche Blicke zuwerfen, den ganzen lieben Tag. „Die Bauherren haben sich für ein offenes Wohnkonzept entschieden“, so die Architekten, „und das haben sie dann auch konsequent durchgezogen.“

11. August 2007 Der Standard

Langer Atem, harte Nerven, keine Frage

Der Dachstein und die Eishöhlen bekommen eine neue Corporate Identity verpasst. Das Mammutprojekt soll dafür sorgen, dass das Weltnaturerbe auch in den nächsten tausend Jahren nichts von seiner Faszination einbüßt. Das Ungewöhnliche: Auftragnehmer ist die Kunstuniversität Linz.

Es ist ein Knochenjob. Keinen Tag und keinen Cent zu viel darf die Arbeit in Anspruch nehmen, denn der Kunde ist streng. Exakt zwei Millionen Euro lässt er sich den Spaß kosten, nach zwei Jahren muss alles endgültig fertig sein: die Architektur, die Innenräume, die neuen Wanderwege, die Wegweiser, die Visitenkarten, die Briefkuverts, die Homepage, die Sehenswürdigkeiten, die Kunstinstallationen, die Skipässe, das Logo, der Schriftzug - ja sogar auf diese fürchterlichen Merchandising-Produkte, vom Radiergummi über das Bäseball-Käppi bis hin zum bedruckten T-Shirt, legt er Wert.

Nichts für einen blutjungen Anfänger, möchte man meinen. Da muss ein mit allen Wassern gewaschener Profi her! Aber dem ist nicht so. Denn der stattliche Generalunternehmer-Auftrag, von dem hier die Rede ist, erging vor einiger Zeit an die Kunstuniversität Linz, genauer gesagt an das Institut raum&designstrategien. „Wir haben fünf Firmen anbieten lassen“, sagt Andreas Pangerl, Geschäftsführer der Dachstein und Eishöhlen GmbH & Co KG, „und die Kunstuni hat einfach das beste und überzeugendste Anbot abgegeben. Niemand anderer hat sich derartig genau an unsere Vorgaben gehalten.“

Zurück zum Anfang. Den Dachstein und die riesigen Eishöhlen kennt jedes Kind. Draußen muss man wandern, und drinnen ist es klirrend kalt. Das war vor zwanzig Jahren nicht anders als heute. Doch die Österreichischen Bundesforste und die Dachstein & Eishöhlen GmbH & Co KG, die dieses Naturschutzgebiet in Obhut haben, waren ihrer alten Tage überdrüssig und wollten sich einer kleinen Imagepolitur unterziehen. Schließlich will man für die Familien von morgen mit neuen Attraktionen und neuer Frische gerüstet sein. Das Gesamtbudget, das man dafür aufwenden wollte, betrug zwei Millionen Euro - Honorare, Bau-, Produktions- und Druckkosten sowie diverse Nebenkosten inklusive. Da man sich nicht mit unzähligen Firmen und Bauunternehmen abrackern wollte, beschlossen die Höchsten im Amt, all ihre Wünsche in einem Stück einem so genannten Generalunternehmer anzuvertrauen. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben. Doch die Ergebnisse des ambitionierten Unterfangens waren eher enttäuschend - bis auf eines.

„Unser Trumpf war, dass wir dem Auftraggeber eine völlig neue Herangehensweise an die Aufgabe anbieten konnten“, sagt Architektin Elsa Prochazka, die an der Linzer Kunstuni das Institut raum&designstrategien leitet, „anstatt nur über wirtschaftliche und realitätsnahe Aspekte zu reden, können wir als Universität auf weit mehr Ressourcen zurückgreifen - wir können uns dem Thema wissenschaftlich annähern und am Ende konzeptionelle Arbeit anbieten.“ In einem einzigen Punkt hat Prochazka gezittert: „Das Schwierigste war, dass ich dem Auftraggeber nicht sagen konnte, wohin das Projekt führen würde. Da in diesem Projekt 60 Studentinnen und Studenten involviert sind, war das Ergebnis nicht vorwegzunehmen.“

Doch die heranwachsenden Raum- und Designstrategen lieferten eifrigste Arbeit. Und - „der Teamgeist war immer da“. Gemeinsam verhandelten sie mit den Behörden, saßen mit dem Welterbe-Komitee an einem Tisch, unterhielten sich mit Naturschutzexperten, mit Ökonomen, Fachplanern, Statikern und Bauphysikern. Die unwirtlichen Bedingungen verlangen einem höchste Präzision ab: Es müssen unzählige Einreichungen bei der Naturschutzbehörde gemacht werden, die Hänge sind steil, Baustellen hier oben sind kompliziert, zudem herrscht in den Höhlen während des ganzen Jahres eine konstante Temperatur von -1° Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent - sehr ungemütlich.

Das Härteste aber war das Einholen von Anboten. Als Universität habe man keinen besonders seriösen Status, in diesem Punkt bedürfe es schon einer Hilfestellung von außen, erinnert sich die Professorin. „Es gelten hier die Spielregeln beinharter Wirtschaftsunternehmen: Seriosität, Realisierbarkeit, Kompetenz, Budgeteinhaltung und Pünktlichkeit. Kein Mensch traut einer Universität ein solches Business zu.“ Am Ende ist auch das geglückt. Prochazka: „Man braucht einen langen Atem, aber es geht.“

Belohnt wird der Dachstein mitsamt seinen Eishöhlen mit einer völlig neuen Corporate Identity. Die Studenten haben ein neues Logo entworfen und liefern die komplette Büroausstattung sowie den gesamten medialen Auftritt von der Homepage bis hin zu den Drucksorten - Lieferung vor die Haustüre inklusive. Sie haben ein künstlerisches Konzept für die Eishöhlen entwickelt und überlagern solcherart die Natur mit der Kunst. Ein Dutzend permanenter und temporärer Installationen haben in den gigantischen Eishöhlen ein neues Zuhause gefunden. Fein für die Besucher. Anstatt sich nach hundert Metern gelangweilt zwischen Stalaktiten und Stalagmiten durchzuwurschteln, können sie nun auf Entdeckungsreise gehen. Es gibt Land-Art, Skulpturen, Licht, Ton und Interaktion.

Auch für neue Architektur wird gesorgt. Die bisher gesichtslosen Liftstationen und Jausenhütten möchte man in ein neues Kleid aus Aluminium wickeln. „Wir haben uns ganz bewusst für dieses moderne und fremde Material entschieden“, erklärt Elsa Prochazka, „denn wir wollten den traditionellen Holzhütten-Erwartungen entgegenwirken.“ Sehr zum anfänglichen Schock der Österreichischen Bundesforste, die ebenfalls maßgeblich in das Projekt involviert sind. Sie fürchteten um ihr liebes Holz. „Die Argumente der Kunstuniversität haben jedoch für sich gesprochen“, sagt Erwin Klissenbauer, Leiter des Vorstandsbüros der Bundesforste, „mit dem neuen Konzept haben wir bekommen, was wir uns insgeheim gewünscht haben.“

Und letztendlich liefert das Institut raum&designstrategien auch die nötige Infrastruktur: Stege und Geländer werden ausgetauscht, die Gebäude werden umgebaut, Shops werden nachträglich eingeplant, ja nicht einmal vor den Gondeln und Autobussen macht man Halt. Da wie dort schlug man ein neues Oberflächendesign für die schwebenden und fahrenden Transportmittel vor. Jeder Profi weiß: Wenn schon Corporate Design, dann auch richtig.

„Aus unserer Sicht sind derzeit rund 50 Prozent umgesetzt“, erklärt Klissenbauer, „und bis zum heutigen Tage sind all unsere Erwartungen komplett erfüllt worden. Eines muss ich den Studenten zugute halten: Sie sind perfekt organisiert, das befürchtete künstlerische Chaos blieb aus.“

Wo ist der Haken? Warum traut sich sonst kein wirtschaftliches Unternehmen an eine solche Zusammenarbeit heran? „Die Kunstuni hat zwar ein enormes Kreativpotenzial und hat extrem professionell gearbeitet“, erklärt Andreas Pangerl von der Dachstein und Eishöhlen GmbH & Co, „aber man muss als Unternehmen erst einmal das Umfeld dafür schaffen, um ein solches Projekt mit Studenten überhaupt zu ermöglichen.“ Es sei wichtig, gegenseitiges Vertrauen zu haben und mit voller Überzeugung die Jungen aktiv fördern zu wollen. Doch Pangerl ist ehrlich: „Nicht alle haben in der Zusammenarbeit mit den kreativen Jungspunden an den Erfolg geglaubt. Und auch als Optimist muss man in manchen Situationen Nerven haben, keine Frage.“

Was bleibt, ist der Erfolg einer riesigen Mannschaft. Zur Halbzeit des Projekts ist klar: Wenn alle Beteiligten eine kleine Brise Risikofreudigkeit mitbringen, dann profitiert am Ende jeder davon. „In ein paar Jahren werden die Studenten und Studentinnen ihr Studium abgeschlossen haben, dann werden sie ein Portfolio haben wie andere erst nach fünf Jahren in der freien Marktwirtschaft“, sagt Elsa Prochazka, „ein besseres Lernen für die Zukunft gibt es nicht.“

21. Juli 2007 Der Standard

Wunder, Wunder, Welt

Die neuen sieben Weltwunder sind gekürt. Nicht alles ist mit rechten Dingen zugegangen. Anmerkungen zur Unsinnigkeit eines Spektakels.

Die Welt liebt die Sieger, die Hitlisten und die Rankings. Ganz gleich, ob in Sport, Politik oder Kultur, die gegenwärtige Gesellschaft funktioniert nach den immergleichen Spielregeln: Sie trennt die Spreu vom Weizen, die Verlierer von den Gewinnern. Wenn es nach dem Philosophen Peter Sloterdijk geht, dann können sich die Menschen dem Wettkampf um den Besten, Höchsten und Größten gar nicht verwehren, handelt es sich dabei doch um „alte biologische Programme mit tief sitzender Erfolgsorientierung“.

Und nicht einmal die Historie bleibt verschont. Mit der weltweiten Medienkampagne „The New 7 Wonders“ ist der nicht enden wollende Wettstreit um die Superlative jetzt auch noch auf altes Kulturgut aus längst vergangenen Tagen übergeschwappt. Bernard Weber, seines Zeichens eine Art Filmemacher, Kurator und Abenteurer, sah in den sieben Weltwundern der Antike einen großen Nachteil - bis auf die Pyramiden in Gizeh stünden Sie alle nicht mehr. Webers Ziel war es daher, die Idee der großen sieben in die Gegenwart zu holen und auf jene Bauwerke zu beschränken, die heute noch existieren.

Dass die Deutschen mit dem Schloss Neuschwanstein in den Ring gestiegen waren, zauberte den Weltenbewohnern ein Schmunzeln ins Gesicht. Als die deutschen Politiker knapp vor der Endausscheidung erfahren hatten, dass ihr Kandidat nicht mehr unter den Favoriten der letzten Runde weile, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier seine ursprünglich zugesagte Teilnahme in Lissabon doch glatt wieder ab. Deutsche Medien amüsierten sich ob der peinlichen Aktion.

Zu welchem Ergebnis die jahrelange Kampagne bei der Endausscheidung am 7. Juli 2007 geführt hat, war am Folgetag in den Zeitungen zu lesen. Doch eine Frage bleibt unbeantwortet: Warum? „Die Kultur dieser Welt soll aus der verstaubten Ecke der Museen herausgeholt werden“, sagt Tia Viering, Pressesprecherin des Schweizer Medienstars, „wir wollten eine Auswahl an architektonischen Kunstwerken treffen, die die Leute in ihr Herz schließen können.“ Schöne Worte. Was sich hinter dem rührenden Geständnis verbirgt, zeigt ein Blick auf den großen Präsentations-Event in Lissabon, der vor zwei Wochen über die Bühne ging. Neil Armstrong, José Carreras, Jennifer Lopez, Chaka Kahn, Hilary Swank und viele andere - alle waren sie da, um das große Rambazamba vor laufenden TV-Kameras zu unterstützen. Allein, trotz großer Namen blieben die großen TV-Sender aus.

Jordanien, Brasilien, Peru, Indien und China standen mit ihren TV-Kameras an Ort und Stelle, doch aus Europa und Nordamerika kam kein Mensch. Gibt es seitens der USA und der europäischen TV-Sender denn kein Interesse an den neuen sieben Weltwundern? „Europa und USA interessieren sich offensichtlich nicht für Kultur“, sagt Viering, „da schauen die Menschen lieber Big Brother, als dass sie daran teilhaben, ein Stück Geschichte mitzuprägen.“ Schade für Bernard Weber und sein Team, hatte man sich wahrscheinlich einen größeren Erlös am Verkauf der Übertragungsrechte erhofft. Doch auch mit den wenigen Ausstrahlungsinteressenten aus Südamerika und Asien sei es gelungen, nach jahrelangen Investitionen - rund zehn Millionen Euro wurden in die Kampagne bisher hineingebuttert, der Großteil des Geldes wurde gespendet - den Break-even-Point zu erreichen.

Ab sofort, heißt es aus dem Büro von Bernard Weber, sei man dabei, Gewinn zu machen. Hinzu kommen die Rechte am Logo, am Konzept sowie an Büchern, Filmen und sogar Kinderspielzeug. Erste Anfragen sind bereits erfolgt. Was will man mit dem Geld machen? „Wir haben uns verpflichtet, 50 Prozent der Gewinne in Zukunft in die Restaurierung der neuen sieben Weltwunder und einiger anderer Monumente zu investieren“, erklärt Viering. Die Bauwerke werden aufgezeichnet, dokumentiert und photogrammetrisch erfasst. In Folge möchte man von den sieben gekürten Bauwerken dreidimensionale Modelle anfertigen. „Sollte den neuen Weltwundern eines Tages das Gleiche widerfahren wie den antiken, dann möchten wir zumindest auf genaue Aufzeichnungen zurückgreifen können. Es wäre schade, irgendwann einmal nicht mehr zu wissen, wie das eine oder andere Weltwunder überhaupt ausgesehen hat.“ Was mit den restlichen fünfzig Prozent der Erlöse geschehen wird, darüber schweigt man sich aus.

Die Unesco hat sich von diesem medialen Spektakel bereits längst distanziert. „Sentimentale und symbolische Werte allein reichen nicht aus, um ein Bauwerk auf eine neue Liste zu setzen“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme aus Paris, „wissenschaftliche Kriterien müssen definiert werden, die Qualität der einzelnen Stätten muss evaluiert werden, ein juristisches und organisatorisches System muss aufgestellt werden.“ Bei der Privatinitiative von Bernard Weber sei all das nicht passiert. Fazit: „Zwischen Webers medialisierter Kampagne und der wissenschaftlichen und aufklärerischen Arbeit der Unesco gibt es keinerlei Vergleichsmöglichkeit.“

Mona Mairitsch, Welterbe-Beauftragte der Unesco und deren stellvertretende Generalsekretärin in Wien, schließt sich im Gespräch mit dem Standard den Zweifeln an: „Die mediale Kampagne von Bernhard Weber entspricht einfach nicht den universellen, objektiven und wissenschaftlichen Ansprüchen, denen wir uns beispielsweise verpflichten.“ Allein dass die Weltwunder per Internet ausgewählt wurden, aber nur zwei Prozent der Weltbevölkerung überhaupt ans Netz angeschlossen sind und davon 90 Prozent in industrialisierten Ländern leben, spreche nicht für die Repräsentativität der 7 neuen Weltwunder.

Auch die Wunderwahl selbst wirft einige brennende Fragen auf. Die Nominierung und die eigentliche Endauswahl erfolgte per Publikumsvoting via SMS und Internet. Ganz so wie bei Starmania und beim Songcontest. Das Auswahlverfahren dazwischen lief über eine eigens zusammengestellte Jury aus internationalen Architekten (Vorsitz hatte Federico Mayor): Cesar Pelli (USA), Harry Seidler (Australien), Zaha Hadid, (Großbritannien), Tadao Ando (Japan), Yung Ho Chan (China) und Aziz Tayob (Südafrika). Die prominenten Namen in Ehren, doch Geschichtsexperten sind sie alle nicht. Selbst Aziz Tayob - im Übrigen das einzige Jurymitglied, das auf Anfrage des Standard Auskunft erteilen wollte - zweifelt an der Kompetenz der Juroren: „Das sind alles großartige Architekten, keine Frage. Aber wir wissen, dass ihre Namen hier mehr gezählt haben als ihr geschichtliches Fachwissen.“

Experten und Konsulenten wurden den Juroren nach Auskunft Tayobs nicht zur Seite gestellt. „Ich habe auf eigene Faust mit zwei Fachleuten zusammengearbeitet. Außerdem habe ich beschlossen, dass man die eigenen Favoriten in Natura sehen muss. Also bin ich zu jenen Bauwerken hingeflogen, die ich noch nicht gekannt hatte.“ Würden Sie so einen Job noch einmal annehmen? Tayob: „Ich hätte mir gewünscht, dass Weber an die Sache wissenschaftlicher herangeht. Mich wundert auch, dass die sechs Jurymitglieder einander nie getroffen haben. Wir haben ausschließlich via E-Mails korrespondiert. Unter derartigen Umständen würde ich wahrscheinlich nicht mehr teilnehmen wollen.“

Nicht unwesentliche Kleinigkeit am Rande: Die sechs Architekturjuroren arbeiteten ehrenamtlich. Nach Auskunft von Aziz Tayob erhielten sie nicht einmal Spesen und Aufwände rückerstattet. „Die Architekten fanden unsere Initiative ganz toll und wollten aus diesem Grund unbedingt mitmachen“, heißt es aus dem Büro von Bernard Weber, „eine finanzielle Entschädigung hätte hier nicht gepasst.“

Was den Erdenbewohnern bleibt, sind sieben neue Weltwunder. Insgesamt 100 Millionen Menschen haben ihre Stimme abgegeben. Die Identifikation dürfte bei den Gewinnern dementsprechend groß sein. Doch hinter den Kulissen ist das neue „Wundergesiebt“ nichts anderes als Starmania, Dancing Stars oder Big Brother - über den Umweg demokratischer Illusion bindet man die Leute an sich und erhält dadurch Zuschauerquoten, Ruhm und finanziellen Profit. Schade, dass die kapitalistische Trickkiste nicht auf tanzende und singende Sternchen beschränkt ist. Jetzt wird auch noch die Baukunst aufgefressen.

Die nächsten Weltwunder-Wahlen stehen indes schon an. Kommendes Jahr geht es der Natur an den Kragen, gefolgt von technischen Errungenschaften und Friedensleistungen. Die Sieger werden lauten: Ayers Rock, Internet und Mutter Teresa. Wetten?

7. Juli 2007 Der Standard

Der Architekt als Sozialarbeiter

Im Zukunftsdrill drohen die Kleinen und Schwachen jämmerlich unterzugehen. Damit das nicht passiert, nehmen sich ihrer ein paar Architekten an.

Architektur ist eine wunderbare Sache. Doch wenn man einigen Koryphäen und Kapazundern zuhört, wie sie sich die Stadt von morgen vorstellen, dann kann es schon passieren, dass man urplötzlich zusammenzuckt und unter der Last ihrer Zukunftsvisionen in panische Angst verfällt. Hochhäuser strecken sich nach den Wolken, Städte werden immer schneller und größer, das Bauen verkommt zu einem einzigen großen Monopoly-Spiel der Eitelkeiten. Wer in diesem Drill überleben will, der muss schon über den richtigen sozialen Status, vor allem aber über das nötige Kleingeld verfügen - sonst wird's bitter.

Umso erfreulicher war letztes Wochenende die Urban Prototyping Conference an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Wolf Prix, Vorstand des Instituts für Architektur, lud Rang und Namen ein, um sich zwei Tage lang über den Stadt-Prototypen von morgen zu unterhalten. Das Gute zuerst: Europa hat ein Herz für Schwache. Denn während nordamerikanische und asiatische Architekten wieder einmal den menschenverachtenden Hightech-Utopien frönen, zerbricht man sich auf diesem Kontinent eher den Kopf über die soziale Verantwortlichkeit von Architekten - und bietet Lösungen für die kleine Frau und den kleinen Mann an.

„Der Raum ist kein Gegenstand, er ist eine soziale Form“, hatte der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre einst gesagt. Stimmt das? „Wenn die soziale Form die Art und Weise ist, wie man lebt - ja, dann hat er Recht“, sagt die Pariser Architektin Anne Lacaton. Gemeinsam mit ihrem Partner Jean-Philippe Vassal entwickelt sie von jeher Projekte, die fürs kleine Portemonnaie bestimmt sind und die aus kleinsten Ressourcen das Maximum herausholen. Ihre Bauherren leben in Gebäuden aus Polycarbonat-Stegplatten, in Gewächshäusern, in adaptierten Containern. Und alle sind sie glücklich.

„Mit der Zeit haben wir erkannt, dass das Billigbauen eine riesige Chance ist und uns ständig neue Horizonte eröffnet. Man denkt aus diesem Blickwinkel irgendwie kreativer“, sagt Lacaton, „manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass wir all unsere Projekte nicht hätten machen können, wenn mehr Geld da gewesen wäre.“ Das Motto von Lacaton & Vassal ist ganz einfach: „Wir wollen aus jedem Projekt das Maximum herausholen: das Maximum an Fläche, an Raum, an Entfaltungsmöglichkeiten, letztendlich auch das Maximum an Luxus.“

Seit Kurzem entwickeln die französischen Querdenker ihre Konzepte nicht nur für ein paar auserwählte Auftraggeber, sondern gleich für eine ganze Meute. Mit einem gewonnenen Wettbewerb ist es geglückt, die unkonventionellen Wohnideen erstmals einem 60er-Jahre-Wohnblock in der Pariser Banlieue überzustülpen. Wie sieht das konkret aus? Das Haus bleibt im Kern im Großen und Ganzen bestehen und wird nur geringfügig saniert. Die tatsächliche Änderung betrifft die Fassade: Sie wird komplett entfernt. Rund um das bestehende Gebäude kommt eine Stahlkonstruktion, die die Wohnräume nach außen erweitert und mit einer Loggia abschließt.

Damit das ganze Projekt effizient über die Bühne gehen kann, werden die Wohnraum-Erweiterungen zur Gänze vorgefertigt. Sodann werden die Module vor Ort gebracht und gestapelt, bis vom alten Haus nichts mehr zu sehen ist - also 20 Stockwerke hoch. Für die nunmehr größeren Schlaf- und Wohnzimmer heißt es dann: Geblickt wird ab sofort durch eine vollverglaste Fassade. Davor kann man noch auf eine Loggia treten, die mit Schiebetüren aus Kunststoff-Paneelen geöffnet oder geschlossen werden kann.

Das Anbauen an der äußersten Schicht ist für die Bewohner äußerst praktisch: Monatelang wird es vor ihren Fenstern zwar lärmen und stauben, dafür aber können die Menschen in ihren Wohnungen verbleiben und müssen sich nicht nach einem Notquartier umschauen. „Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass kein Mensch an den ursprünglichen Ort zurückkehrt, sobald er einmal umgesiedelt ist“, sagt Anna Lacaton, „ich bin daher froh darüber, dass wir in diesem Projekt alle Bewohner halten können. Kein Einziger ist abgesprungen.“

Mit dem Umbau von Lacaton & Vassal ging ein Mediations- und Partizipationsverfahren einher. Es stellte sich heraus, dass manche Bewohner in ihrer bisherigen Wohnung nicht mehr glücklich sind - entweder hat sie die falsche Himmelsrichtung oder die falsche Größe, oder sie liegt schlichtweg im falschen Stockwerk. Durch langes Hin- und Herschieben gelang es schließlich, innerhalb des Wohnblocks die Wohnungen untereinander so zu tauschen, dass alle Bewohner zufrieden gestellt sind. „Die Diskussionen mit den Bewohnern haben das ganze letzte Jahr in Anspruch genommen“, sagt die Architektin, das sei eine ganz schön lange Zeit. „Doch es hat sich ausgezahlt.“

Nicht unwesentliches Detail am Rande: Die Kosten für einen Umbau dieser Art liegen bei nicht einmal 50 Prozent gegenüber einem Neubau - dabei sind die Abbruchkosten in dieser Kalkulation noch nicht einmal berücksichtigt. „Die Baukosten pro Quadratmeter sind für uns eigentlich nicht relevant, denn wir arbeiten ausschließlich mit Wohnungspreisen“, sagt Lacaton", je günstiger wir bauen, desto mehr Quadratmeter hat die Wohnung." Für Bauherren und Bauträger sei das ein ungewöhnlicher Ansatz. Aber er scheint zu funktionieren. Baubeginn ist im Dezember 2007. Ein Jahr später wird dann emsig gesiedelt und getauscht.

Die soziale Ader der Architekten ist jedoch keineswegs auf ein paar Wohnungen beschränkt. Das dänische Architekturbüro BIG arbeitet schon seit Jahren daran, die öffentlichen Flächen innerhalb der Stadt zu maximieren. Allein für Kopenhagen gibt es eine Handvoll Projekte, die entweder in Planung oder bereits realisiert sind. Mit dem so genannten Harbour Bath setzte Architekt Bjarke Ingels, sozusagen der Big Boss, eine schwimmende Holzlandschaft mitten in den Hafen. Die drei Becken samt Sprungturm stehen der Bevölkerung - wohlgemerkt kostenlos - zur Verfügung.

Eine Gratisnutzung verspricht auch jene übergreifende Terrasse, die demnächst auf die Kopenhagener Dachlandschaft gelegt werden soll. Der öffentliche Platz in luftiger Höhe wird den Menschen als Sonnendeck, als Partyfläche und als Strandbar mitsamt Beach-Volleyball dienen. „Wir müssen uns genau überlegen, wie sich das zeitgenössische Leben in unseren Städten zunehmend verändern wird“, erklärt Ingels, „die neuen politischen, wirtschaftlichen, technologischen, aber auch die soziologischen und ethnischen Gegebenheiten verlangen einen neuen Weg in der Architektur.“

Einen solchen ging auch der Österreicher Hubert Klumpner. Vor einigen Jahren kehrte er der Heimat den Rücken und emigrierte nach Venezuela, wo er gemeinsam mit seinem US-Kollegen Alfredo Brillembourg das Büro Urban Think Tank gründete. Bei der Konferenz in Wien präsentierten die beiden Architekten ein Projekt, das vor wenigen Wochen zu bauen begonnen wurde: Mit einer ebenso simplen wie effizienten Idee gelang es ihnen, die Slumsiedlungen von Caracas, die bisher ohne befestigte Straßen und ohne infrastrukturelle Versorgung die Berghänge emporkletterten, ans öffentliche Verkehrsnetz anzubinden - mit einer Seilbahn. In Kooperation mit dem österreichischen Seilbahn-Produzenten Doppelmayr wurde ein Bauvorhaben geboren, das mit einem Schlag den Alltag von etlichen Tausend Caraceños verbessern wird. Auf einer Länge von knapp drei Kilometern - insgesamt wird es fünf Haltestellen geben - wird sich die Seilbahn ihren Weg durch die hügelige Slumsiedlung bahnen und dabei gute 300 Höhenmeter überwinden.

Ist das der europäische Traum einer Architektur von morgen? Wie es scheint, wurde man dem Titel der Urban Prototyping Conference in Wien gerecht. Hier ist er also - der Prototyp für die Zukunft. Doch die Sozialarbeit wäre nicht, was sie ist, wenn nicht stets ein Fünkchen Selbstkritik mitschwänge. „Wenn wir von einer Protoyp-Stadt ausgehen, dann heißt das, dass wir diesen Prototyp auch vervielfältigen müssen“, sagt Architekt Hubert Klumpner, „doch das blinde Kopieren widerstrebt jeder sozialen Betrachtungsweise. Im Endeffekt wären alle Städte gleich.“

Stille im Saal. „Die größten Probleme der Welt können Architekten nicht lösen“, sagt Gastgeber Wolf Prix. Wie Recht er damit hat! Anne Lacaton, Bjarke Ingels und Hubert Klumpner haben jedoch vorgezeigt, wie man die großen Probleme etwas kleiner machen kann.

30. Juni 2007 Der Standard

James Bond geht schwimmen

Luxushäuser in Klosterneuburg? Das sieht bald einmal altbacken und bieder aus. Architekt Andreas Schmitzer tritt den Gegenbeweis an. Sein Einfamilienhaus schwebt in der Luft.

Klosterneuburg ist ein edles Pflaster: Wohlhabende Menschen tummeln sich auf herausgeputzten Straßen, fahren in blank polierten Autos durch die Gegend und haben eine vorzügliche Kaufkraft. Das einzige, das in lebensqualitativer Hinsicht dem Luxus beschämend hinterherhinkt, ist die zeitgenössische Architektur. Denn am kleinen Städtchen hinter dem Leopoldsberg ist die Avantgarde seit jeher schnurstracks vorbeigeritten.

Doch vor einigen Jahren hat ein Umdenken eingesetzt. Junge Architekten mit viel Elan sagen der messingfarbenen und schmiedeeisernen Tradition den Kampf an und bringen frischen Wind ins Kleinod. Eines der waghalsigsten Beispiele dafür liegt mitten in den Wohnhügeln und stammt aus der Feder des Architekturbüros project A.01. Der Kontrast könnte nicht gewaltiger sein: Statt bodenständiger Häuslbauerei schwebt das weiße Einfamilienhaus bodenenthoben über dem Grundstück und erinnert an eine dieser coolen James-Bond-Hütten aus den guten alten Siebzigern.

Möchte man das Haus betreten, muss man nicht etwa einen ordinären Türknauf in die Hand nehmen und die Tür dann banalerweise ins Haus drehen. Nein, man drückt auf einen Knopf, auf dass sich die Haustüre lautlos zur Seite schiebe. Könnte von Q sein. Ein paar Sekunden später schiebt sich die Türe wieder zu. Gespenstisch.

Sandstein zum Greifen

Was außen mit viel Naturstein beginnt, setzt sich auch im Innenraum fort. Das gesamte Foyer ist an Wand und Boden mit sandgestrahltem Kalkstein ausgekleidet und bleibt in eleganten Weiß- und Beigetönen. Ob die Atmosphäre nicht etwas zu kühl ist? „Ganz und gar nicht“, entgegnet Architekt Andreas Schmitzer, „die Oberfläche ist rau und unregelmäßig, und strahlt dadurch eine sogar eine gewisse Wärme aus.“

Rein ins Wohnzimmer. Rechts schält sich eine eigens entworfene Küche aus dem Hang, links offenbaren sich die Weiten des Wohnens und Essens. Gelegentlich tänzeln ein paar schräge Stahlsäulen durch den Raum und halten die Obergeschoße in Balance. Im hinteren Teil des Wohnzimmers wird es bequem: Die Sitzlandschaft wird von einem in die Wand integrierten Kamin gewärmt. Über der Feuerstelle hängt das einzige Mitbringsel aus der alten Wohnung - ein Porträt des Ururgroßvaters, das anno 1894 in die Leinen gepinselt wurde.

Nach dem Essen solle man nicht schwimmen, heißt es im Volksmund. Doch der Versuchung kann man nicht widerstehen: Erst einmal angegessen, kann man die raumhohen Schiebetüren zur Seite drücken und direkt vom Essplatz in den Pool köpfeln. Innerhalb weniger Sekunden genießt man absolute Schwerelosigkeit. Wer untertaucht, kann durch ein Fenster in der Beckenwand - es besteht aus vier Zentimeter dickem Plexiglas - sogar in den Keller blicken, wo die anderen bereits saunieren oder mit Hanteln ihren Körper stählen.

„Im Sommer ist der Swimming-Pool eindeutig die Mitte des Hauses“, erklärt Architekt Schmitzer, „je nach Fensterposition können Außen- und Innenraum dann nahtlos ineinander fließen.“ Nach Auskunft der Bauherren wird das nasse Blau rege genutzt.

Haus mit Schiebedach

Doch das Schwimmbecken ist nicht die einzige Stelle, wo man das Blau buchstäblich ins Haus holen kann. Im ersten Stock gibt es vor den beiden Kinderzimmern eine Galerie, die den Kids als Spielzimmer dient. Wieder mal ein Knopfdruck - im Nu schiebt sich das Dach zur Seite und macht aus der Galerie ein Atrium unter offenem Himmel. „In Autos funktionieren Schiebedächer schon seit vielen Jahren, warum also nicht in der Architektur?“ Der kleine Unterschied: Hier misst das Dach stolze zehn Quadratmeter.

„Die Bauherren waren ein Traum“, blickt Schmitzer zurück, „wir haben nicht nur über Alltägliches diskutiert, sondern haben uns auch über Architektur unterhalten.“ Letzteres ging mit größter Akribie über die Bühne. 6.500 Arbeitsstunden verschlang die Planung des Hauses. Da bekommt Klosterneuburger Luxus eine neue Dimension.

30. Juni 2007 Der Standard

Wo sind die Visionäre?

Die Unternehmensgruppe Delta feierte gestern ihr 30-jähriges Bestehen. Das gibt Anlass zum Nachdenken: Welchen Stellenwert haben Generalplaner und Generalunternehmer heute - und wie sieht der Architekt von morgen aus?

Die Immobilien- und Baubranche ist ein fetter Apparat. Die Fäden, die dabei gesponnen, und die Drähte, die dabei gezogen werden, sind für die meisten unsichtbar. Für die Wenigen jedoch, die sie sehen, sind sie ein undurchdringliches Knäuel von permanentem Auftraggeben und Auftragnehmen. Es gibt Stadtplaner, Verkehrsplaner, Projektentwickler, Projektsteuerer, Architekten, Konsulenten, Consulter, Controller, Coaches, Bauträger, Baumanager, Generalübernehmer - und die stille Zuversicht, dass nach vielen atemlosen Jahren und vielen ausgeschütteten Euro-Millionen eines Tages ein schlüsselfertiges Gebäude dasteht, hoffentlich ohne große Baumängel.

Für einen Investor ist diese Gewaltentrennung freilich eine Zitterpartie ohne Ende. Sind nämlich erst einmal alle Interessen und Meinungen unter Dach und Fach, braucht es in der Regel nicht lange, bis der Streit eskaliert. Spätestens beim ersten Rohrbruch oder beim ersten Riss in der Decke beginnt eine Lawine zu rollen, die oft erst vor Gericht abgebremst werden kann. Die Folgen sind unliebsam und unangenehm. Am Ende muss irgendwer in den sauren Apfel beißen.

Kein Wunder also, dass sich Investoren mit Vorliebe an jene Büros wenden, die alle Planungsleistungen - und meist auch den Bau selbst - aus einer Hand anbieten. Ein solches Büro sitzt in Wels und trägt den einprägsamen Namen Delta. Gestern, Freitag, feierte man mit großem Rambazamba und viel Tamtam das 30-jährige Bestehen, genauer gesagt bejubelte man „30 Jahre Visionen“. Hier eine Body-Performance („Delta Flying High“), dort ein Live Talk („Delta Next Generation“), abgerundet wurde das Ganze dann von Wein und DJ-Klängen („Delta Fusion“ und „Delta Mix“).

Stellt sich unweigerlich die Frage: Welche Visionen hat die Unternehmensgruppe Delta denn überhaupt verfolgt? „Eine der größten Visionen vor dreißig Jahren war, eines Tages zu den größten Projektentwicklern im Handelsbereich zu werden und damit in den Osten Europas vorzudringen“, erklärt Geschäftsführer Knut Drugowitsch, „aus diesen beiden Visionen heraus sind die meisten Projekte entstanden.“

Heute ist die Unternehmensgruppe Delta größtenteils als Generalplaner tätig, gelegentlich schlüpft sie sogar in die Rolle des Generalunternehmers und bietet dann Planung und Bauabwicklung in einem Stück an. Die Projekte reichen von Österreich über die neuen EU-Länder bis runter zur Ukraine und beinhalten unter anderem Shopping-Center, Bürogebäude und - das mag ein wenig überraschen - Krankenhäuser. Warum gerade Krankenhäuser? „Wegen der hoch komplizierten Haustechnik ist die Abwicklung bei einem Krankenhaus viel komplexer als bei vielen anderen Projekten.“ Für einen Investor sei das ein guter Grund, alle Planungsleistungen innerhalb eines einzigen Hauses zu vergeben.

Doch es hilft nichts. Sosehr ein Generalplaner bzw. Generalunternehmer mit seinem breiten Serviceangebot beim Investor ins Schwarze trifft, so schlecht ist sein Image aus dem Blickwinkel der Architektur und Kultur. „Der Generalplaner hat nicht den besten Ruf, denn viele Architekten schauen sehr kritisch auf Kollegen, die Architektur und Projektentwicklung aus einer Hand anbieten“, sagt Drugowitsch, im Übrigen selbst Architekt, „in dieser Branche wird einem bald der Kommerzstempel aufgedrückt.“ Natürlich habe es auch in der Delta-Gruppe Zeiten gegeben, da man in Hinblick auf die Architektur nicht allzu selbstkritisch gewesen ist. Doch diese scheinen nun überstanden, gibt sich der Geschäftsführer stolz.

Der Trend zur Generalplanung lässt sich nicht leugnen. Als die Delta-Gruppe vor 30 Jahren gegründet wurde, war die Zusammenfassung der Instanzen in Österreich noch ein Fremdwort, heute ist der erweiterte Architekturbegriff bereits gang und gäbe. „Generalplanung ist ein Trend, auf den Architekten in Zukunft aufspringen müssen, wenn sie in einer guten Position bleiben und letztlich auch überleben wollen“, sagt Georg Pendl, Präsident der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, „man muss verstehen, dass der Auftraggeber ja nicht unbedingt zehn unterschiedliche Firmen beauftragen möchte. Ihm ist es lieber, wenn die Verantwortung in einer Hand liegt.“

Das bestätigt freilich auch die Delta: „Viele Teams rund um Architekt, Statiker, Bauphysiker und Fachplaner geraten sich oft in die Haare. Der Bauherr weiß dann nicht, woran er ist“, sagt Knut Drugowitsch, „es ist eine Frage der Haltung, doch ich habe nun mal den ganzheitlichen Ansatzpunkt und bevorzuge es, wenn das gesamte Team an einem Strang zieht.“ Wird der Bogen überspannt, könne ein Projekt auch einmal platzen. Bestes Beispiel dafür ist die unendliche, schließlich gescheiterte Genese von Wien Mitte. Drugowitsch: „Einer der großen Nachteile ist, dass der Investor hinsichtlich Rendite, Gewinn und Flächenmaximierung seine eigenen Ziele verfolgt. Auf die Öffentlichkeit nimmt er dabei keine oder nur kaum Rücksicht.“ Es liege daher in der Verantwortung des Planers, Objektivität zu wahren und sich auf die Interessen der Öffentlichkeit zu konzentrieren.

Schwierig wird es allerdings dann, wenn der Architekt von morgen auch den Bau bzw. das Baumanagement übernimmt. Waren so genannte Totalunternehmerverfahren bisher nur bei privaten Projekten erlaubt, ist dies mit dem neuen Vergabegesetz, das heuer in Kraft getreten ist, auch bei öffentlichen Bauten möglich, erklärt Christian Aulinger, Vorsitzender der ig architektur. Er leitete im April heurigen Jahres eine Arbeitsgruppe, die im Auftrag des Wirtschaftsministeriums den „Leitfaden für eine innovationsfördernde Vergabe“ erstellt hat. „Wenn der Planende gleichzeitig der Bauende ist, dann kann das dem Projekt unmöglich gut tun. Bei solchen Gesamtpaketen leidet zwangsläufig die Architektur, denn für Innovation ist dann kein Platz mehr.“

Wie weit darf die totale Architektur also reichen? „Natürlich gibt es Grenzen für die Generalplanung, nicht überall hat dieses Modell Berechtigung“, gesteht sich Drugowitsch ein, „bei öffentlichen Bauten beispielsweise hat Generalplanung meiner Meinung nach nichts verloren.“ Richtig eingesetzt sei sie hingegen überall dort, wo Architektur zur wirtschaftlichen Bewertung einer Immobilie und zur Imagesteigerung eines Unternehmens beitragen kann.

Die Unternehmensgruppe Delta leistet auf ihrem Gebiet ganz gute Arbeit. Die Projekte brauchen sich nicht zu verstecken, die Bauherren sind glücklich, der Imagegewinn dürfte ganz passabel sein. Immerhin verbaut die Delta jährlich rund 100 Millionen Euro. Doch den Innovationspreis für Architektur wird ein ganzheitlicher Anbieter wie die Delta nicht einheimsen können - dafür ist man im Geschäftsbild viel zu sehr den Spielregeln der Immobilienbranche verpflichtet.

Was bleibt, ist der Appell an den gesunden Menschenverstand der Investoren und Immobilienhaie. Was hat Vorrang? Die gebotenen Vorteile bezüglich Kostensicherheit, Termin-sicherheit, Bauzeitverkürzung und Verwaltungsoptimierung - oder doch die kulturelle und soziale Komponente, die in jedem Bauvorhaben steckt? Das muss jeder für sich selbst beantworten. Die Delta zeigt jedenfalls vor, in welche Richtung sich der Beruf des Architekten in Zukunft weiterentwickeln wird. Nun liegt es an den Architekten, sich diesem allmählichen Berufswandel zu stellen und das zu entwickeln, was ohne intensives Engagement zu kurz kommen wird - Visionen für die kommenden 30 Jahre.

30. Juni 2007 mit Gisela Gary
Der Standard

Facelifting für betagte Häuser

Sanieren ist leichter gesagt als getan. Die Renovierung alter Bausubstanz ist nämlich nicht nur ein technisches, wirtschaftliches und architektonisches Thema, sondern vor allem auch ein soziales. Eindrücke vom 1. Internationalen Sanierungskongress in Wien.

In der Immobilienbranche gibt es klare Worte. Man spricht von Grundstücksflächen, bebaubarem Volumen, Baukosten, Rendite - und meint damit letztlich immer nur den Neubau. Was im gängigen Jargon zu kurz kommt, ist oft die alte Bausubstanz. Altbau? Das schreit nach veralteten Raumstrukturen, nach technischem Nachholbedarf, nach einem Haufen unlösbarer Probleme. Um die Berührungsangst mit Umbau und Sanierung etwas zu zügeln, fand in Wien vor einigen Tagen der 1. Internationale Sanierungskongress statt. Der Ort hätte nicht besser sein können: Zum Diskutieren fanden sich die Experten aus aller Herren Länder in der Wiener Hofburg zusammen.

Natürlich sind die herrschaftlichen Räumlichkeiten, die zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert entstanden sind, nicht stellvertretend für alles Alte, wenn von Immobilien die Rede ist. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit, auf in die Tage gekommene Bausubstanz zu treffen, ziemlich hoch. In Wien lag der Anteil der Wohnungen aus der Gründerzeit (1848-1914) vor 15 Jahren noch bei 37,7 Prozent. Durch Wohnungszusammenlegungen und teilweisen Abbruch ist dieser mittlerweile auf 36 Prozent gesunken.

Dass es weit mehr Möglichkeiten gibt als Abbruch oder rigorosen Umbau, war Thema des Sanierungskongresses. Bei den Experten herrschte Einigkeit: Die Rahmenbedingungen für Revitalisierungen müssten sich entscheidend verbessern. Denn immer noch gibt es eine Vielzahl an Stolpersteinen, die es Planern und Ausführenden nicht leicht macht, schützenswerte Gebäude wirtschaftlich zu sanieren. Schließlich müsste der ökonomische Aspekt auf beiden Seiten zum Tragen kommen - sowohl beim Bauherrn als auch beim Auftragnehmer.

Für die Veranstalter des Kongresses - das sind Vasko+Partner und Michael Balak vom Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik (ofi) - war dies jedenfalls eine wichtige Botschaft. Der Handlungsbedarf der öffentlichen Hand habe sich auch in den Diskussionen widergespiegelt, sagt Wolfgang Poppe vom Ingenieursbüro Vasko+Partner, „Sanierung und Erhaltung von alter Bausubstanz ist mehr als nur eine Bauaufgabe - dabei geht es um Gesellschaftspolitik und um den Umgang mit alter Bausubstanz im Interesse aller Beteiligten“.

Interesse steigern

Das Hauptinteresse des Kongresses war, einige vertretbare Investitionsmöglichkeiten und Amortisationsmodelle für die Nutzung und den Erwerb von Altbauten aufzuzeigen. Das ist geglückt. Der Ball liege nun eindeutig bei der öffentlichen Hand. Rudolf Schicker, Planungsstadtrat für Wien, zeigte Interesse: „Wir wollen einerseits alte Gebäude bestmöglich erhalten und andererseits den Klimaschutz einbinden.“ Für eine historische Stadt wie Wien sei ein solcher Kongress, der an zwei Tagen Planer, Gewerbe, Industrie und die Immobilienbranche zusammenführt, daher besonders wichtig.

„Es hat sich herauskristallisiert, dass im Rahmen der Altbausanierung nicht die normative Vorgangsweise maßgebend sein soll, sondern die ingenieursmäßige und kreative Planung“, sagt Veranstalter Michael Balak, darüber hinaus müsse man die Schulung von Bauherren, Planern und Ausführenden hinsichtlich neuester Technologien zunehmend forcieren. „Der Sanierungsbedarf ist ein internationales Thema, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die volkswirtschaftliche Bedeutung aufgrund des Zusammenhanges mit der stark expandierenden Tourismusbranche“, gibt Balak zu verstehen. Eine Grundvoraussetzung bei der Altbausanierung sei selbstverständlich ein Miteinander und nicht ein Gegeneinander mit den Denkmalpflegern.

Soziales fördern

Einen Output aus fernen Gefilden lieferte Billy C. L. Lam, Exklusivgast aus China. Er berichtete über Hongkong und seinen problematischen Umgang mit bestehenden Altbauten. Einen positiven Umstand streichte er jedoch heraus: die Balance zwischen sozialen Interessen, Eigentümerinteressen und der Erhaltung historischer Substanz.

Margarete Funk, Liegenschaftsbewertungs- und Immobilienexpertin, betonte den Stellenwert des Nutzers: „Bei allen Betrachtungen ist die Nutzung das Wesentlichste. Das ist ein wichtiger Ansatz. Eine Immobilie erklärt sich nicht als Gebäude allein, sie muss in ihrer Gesamtheit betrachtet werden.“

9. Juni 2007 Der Standard

Neues von der Front

Diese Woche fand in Wien eine internationale Städtekonferenz zum Thema „Waterfront Development“ statt. Was mit einem Studentenprojekt begann, könnte bald Wirklichkeit werden. Und wieder einmal heißt es: Wien an die Donau.

Als Besucher der Waterfront-Konferenz in Wien war man vergangenes Wochenende nah am Wasser gebaut. Detroit, Chicago, Boston, Vancouver und Seoul, aber auch europäische Städte wie Hamburg, Glasgow und Oslo zeigten sich von ihrer besten Seite - und präsentierten bereits abgewickelte und noch geplante Projekte, die unter dem hübschen Begriff „Waterfront Development“ bald in die Annalen des Städtebaus eingehen könnten: Die Umstrukturierungen, Revitalisierungen und fantasievollen Neunutzungen von brachliegenden Flächen waren allesamt so überzeugend gelöst, dass man sich bisweilen das Grinsen nicht verkneifen konnte.

Und Wien? Mit ambitionierten Projekten rund um den Donaukanal schaffte man in den vergangenen Jahren wahrlich Beachtliches. Hier ein Badeschiff, dort eine Strandbar, da ein paar Hochhaus-Attraktoren und nicht zuletzt der hoffentlich ernst genommene Brückenschlag aus der Feder von Gregor Eichinger, besser bekannt unter dem Namen „Trialto“. An der Donau, der stolz besungenen Mutter aller Arme und Kanäle, herrscht indes planerische Dürre. Zwar sind Donauinsel und linkes Donauufer hochwertige Naherholungsgebiete, die europaweit keinen Vergleich zu scheuen brauchen, doch die baulichen Übergänge zum großstädtischen Treiben sind bis auf wenige Ausnahmen beschämend und ergeben eine Perlenkette verspielter Chancen.

„Keine andere Domäne einer Stadt birgt so viel Potenzial für Außergewöhnliches oder Festliches wie ihre Waterfront“, sagt Alex Krieger, Stadtplanungsprofessor an der Harvard Graduate School of Design in Cambrigde, „mehr denn je und aus vielschichtigen Gründen fühlen wir uns zu ihr hingezogen.“ Krieger sinniert von neu gestalteten Waterfronts in Boston und Pittsburgh, erzählt von Schanghai und Kairo, aber auch von traurigen Zeitgenossen wie beispielsweise New Orleans oder Washington D. C.

„Das größte Problem ist, dass die Flüsse oft Barrieren sind, nicht nur zwischen den beiden gegenüberliegenden Ufern, sondern auch entlang des Flussverlaufs selbst.“ Vielerorts mangle es an attraktiven Uferpromenaden, auf denen man kilometerweit flanieren kann, an Abwechslung zwischen städtischem Trubel und Ruhe im Grünen, vor allem aber an Interaktion mit dem Wasser, sei es in Form von Wassersport oder lediglich in der Bequemlichkeit eines gemieteten Wassertaxis. Zum Teil treffe dieses Problem auch auf Wien zu.

Gemeinsam mit dem Wiener Architekten Christoph Lechner betreute Krieger in Cambridge im Wintersemester 2006/2007 den Studentenworkshop „Reconnecting Vienna to its Danube“ - ein Versuch einer Wiederannäherung an den großen Strom aus der Distanz des fernen Amerika. „In diesem Studio haben die Studenten untersucht, wie sich moderne Städte zu ihrer Waterfront ausrichten, und haben im Anschluss daran Entwürfe und Planungskonzepte für ein neues Wien an der Donau entwickelt.“ Der Output: insgesamt zwölf Entwurfsideen, die vom Einschneiden brutaler Stadtachsen bin hin zu sensiblen Eingriffen die ganze Skala an Machbarkeit und Utopie abdecken. „Einige Studenten haben Wien ganz einfach nicht verstanden, andere aber haben die Probleme dieser Stadt sehr rasch erfasst“, kommentiert Krieger die Studentenprojekte.

Für Wien interessant dürften vor allem jene Visionen sein, die entlang der Uferkante gelegentlich für Action sorgen und den scheinbar unendlich langen Treppelweg hinter dem scheinbar unendlich langen Handelkskai in unterschiedliche Teilstücke gliedern. Es geht um den richtigen Mix. „Mit Monostrukturen, die entweder nur Wohnen oder nur Shopping oder nur Büro vorsehen, werden Sie einen neuen Stadtteil niemals beleben können“, erklärt Jürgen Bruns-Berentelg, Geschäftsführer der HafenCity Hamburg GmbH. Das kleine Einmaleins der Stadtplanung führt am Beispiel Hamburg jedoch zu Resultaten, die man aus Wien (vorerst) nicht kennt.

Die Grundstücke der neuen HafenCity werden nicht etwa blindlings an den erstbesten Investor verkauft, sondern wechseln den Besitzer ausschließlich über Optionsverträge. Erst nachdem die vorvertragliche Kooperation zu einem beiderseits zufrieden stellenden Ergebnis geführt hat, geht's ans Eingemachte. Auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass Stadtplanung und Privatwirtschaft effizient zusammenarbeiten und dass zu jedem Zeitpunkt der Projektentwicklung Konsens herrscht. Zugute kommt dies vor allem einer lebendigen Erdgeschoßzone.

„Ein derartiges Regulativ gibt es in Wien nicht“, sagt der grüne Abgeordnete Christoph Chorherr, „so strukturell man bereits im Wohnbau arbeitet, so gibt es im Bürobau bis heute überhaupt keine Kontrolle seitens der Stadt. Die Büroentwicklung erfolgt ganz nach dem Motto: Ich verkaufe dir das Grundstück, und du machst, was du willst.“ Mischnutzungen nach dem Vorbild Hamburgs seien in Wien allein deshalb schon schwierig, weil die Wohnbauförderung dies gar nicht erst zulasse und weil Wohnfonds und Wirtschaftsförderungsfonds völlig getrennt agieren, so Chorherr.

Planungsstadtrat Rudolf Schicker hält kurz inne. „Für den heutigen Tag nehme ich mit, dass wir dem erstbesten Investor nicht alles zulassen dürfen.“ Man müsse sich erst die Planung des gesamten Ufers ansehen, erst dann könne man abschätzen, ob die Absichten des Investors auch wirklich förderlich sind. Unter Umständen müsse der eine oder andere Plan auch wieder ins Wasser fallen.

Wie konkret sind Schickers Absichten? „Das Projekt an der Harvard School war jetzt ein erster Impuls. Ich gehe davon aus, dass wir bereits bei der EURO 2008 wissen werden, welches Waterfront-Projekt wir als Erstes angehen werden.“ Zur Auswahl stehen punktuelle Überbrückungen des Handelskais, eine neue Marina, ein neues Schiffsterminal an der Reichsbrücke und - auch das klingt sehr konkret - ein neuer Wohnbau auf dem Gelände des Brigittenauer Bahnhofs. In Zukunft könne man sich die Donau außerdem mit herumflitzenden Wassertaxis vorstellen. Erste Gespräche seien bereits am Laufen.

Das sind hehre Ziele, die sich Wien da steckt. Spät, aber doch möchte man Johann Straußens Walzer Genüge tun und rückt an die Donaukante vor. Vorerst in Gedanken, bald vielleicht in Taten. Wie viel man mit ambitionierter und nachhaltiger - also über die Legislaturperiode hinaus denkender - Stadtplanungspolitik erreichen kann, beweist das Revitalisierungsprojekt „Clyde Waterfront“ in Glasgow. Noch vor zehn Jahren wurde Glasgow in den Medien als „höllischer Mix“ und „schlimmste Stadt Großbritanniens“ abgehandelt. Heute spricht man vom „neuen Berlin“, vom „Manhattan mit schottischem Flair“ und von der „coolsten Stadt auf der Insel“. Möge dies Ansporn sein.

2. Juni 2007 Der Standard

Kahlenberg mit Schlag

Der schönste Blick auf Wien: 1936 baut Erich Boltenstern hier ein Restaurant. 1964 baut Hermann Kutschera ein Hotel. 2007 wird renoviert. Aber wie! Eine Leidensgeschichte zwischen öffentlichem Interesse und unternehmerischem Tun.

Am 28. Juli 2003 kam die Hotelruine auf dem Kahlenberg unter den Hammer. Kein Mensch hatte damals geahnt, welche Ausmaße das neue Projekt rund um Hotel und Tourismusfachschule eines Tages annehmen würde. Vier Jahre später ist die schwelende Furcht schauderhafter Gewissheit gewichen. Großbäcker Leopold Wieninger, der für McDonald's Österreich die Brötchen macht, hob während der Versteigerung im richtigen Moment die Hand und lieferte in der Folge die perfekte Rezeptur für ein elegantes Vorbeischummeln an Flächenwidmungs- und Denkmalschutzbestimmungen. Während das Großprojekt angemengt wurde und zu einer stattlichen Größe aufging, schwieg die Stadt Wien still - und schaute dem längst bewilligten Bau beim Wachsen zu.

Eine große Liebe war dem Restaurant von Erich Boltenstern (1936) und dem Hotelbau von Hermann Kutschera (1964) von Anfang an nicht beschieden. Grundstückseigentümer und Investor Leopold Wieninger konnte sich für die alte Materie nicht so recht begeistern. Sein Interesse galt der Rendite - und somit der Variante Abbruch und Neubau. Schon wenige Monate nach dem Kauf beauftragte Wieninger das Wiener Architekturbüro Neumann+Steiner mit dem Entwurf für ein völlig neues Hotel mitsamt einer Zweigstelle der Hotelfachschule Modul.

„Wir haben einen totalen Abbruch vorgesehen“, erklärt Architekt Eric Steiner gegenüber dem Standard, „natürlich wissen wir, dass es sich da oben um Bauten von Boltenstern und Kutschera handelt, aber unserer Meinung nach war die Originalsubstanz bereits erheblich zerstört.“ Etliche Um- und Zubauten hätten dem Gesamtensemble über Jahrzehnte hinweg schlecht zugesetzt. „Das, was man tatsächlich hätte erhalten können, wäre ein Torso gewesen“, so Steiner, „doch es macht keinen Sinn, von einem Denkmal nur einen kleinen Teil zu konservieren. Und deswegen haben wir uns für die radikale Lösung entschieden.“

Das Projekt wurde eingereicht, die Abbruch- und Baubewilligungen wurden erteilt. Recht spät schaltete sich das Bundesdenkmalamt ein und verlangte den Architekten eine Machbarkeitsstudie ab. Erste Gedanken wurden laut, denen nach das Boltenstern-Restaurant unter Denkmalschutz gestellt werden könnte. „Sollte das Bundesdenkmalamt die Bauteile aus dem Jahr 1934 unter Schutz stellen, ist das gesamte Projekt gestorben“, mokierte sich Wieninger damals, „dann lasse ich es stehen, so wie es ist.“

Die Drohungen des Investors stellten sich als leer heraus. Denn selbst nachdem das Kahlenberg-Restaurant zum Denkmal erklärt worden war, blieb es beim beharrlichen Quadratmeter-Schinden. Die Wiederherstellung der Straßenfassade und des nordwestlichen Einganges werde „den Charakter von 1936 erkennen lassen“, hatte Planungsstadtrat Rudolf Schicker noch im Dezember 2004 prophezeit. Die Ankündigung blieb vage.

Die baulichen Maßnahmen, die unter Wieningers Ägide getroffen wurden, sprengen alle Befürchtungen. Von behutsamer Sanierung keine Spur. Die ehemalige Aussichtsterrasse wurde mit zwei Stockwerken überbaut, neue Portale, gläserne Stiegenhäuser und kreisrunde Fenster in der Fassade lachen dem österreichischen Denkmalschutz ins Gesicht. Der einst so stolze Bau der Moderne schaut drein wie ein zweitklassiges Dorfhotel.

Selbst die so genannte alte Bausubstanz riecht verdächtig nach neuem Stahlbeton und blitzblanken Ziegelsteinen. Ist das alles noch original? Wieninger hat eine Antwort parat: „Ja, es ist alles in Original-Boltenstern-Dimension.“ Die Ziegelmauern seien unstabil gewesen, vielerorts seien statt Ziegeln gar lockere Steinsbrocken in der Mauer gesteckt, und überhaupt hätten manche Wände bereits altersschwach gewackelt. Wie schätzen Sie das Verhältnis von Alt zu Neu? Wieninger: „Fünfzig zu fünfzig.“ Für ein Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, ist das ein jugendlich spritziger Schnitt.

Doch nicht nur die Sanierung des historischen Restaurants, die insgesamt zehn Millionen Euro verschlungen hat, lässt ein Auseinanderklaffen von theoretischer Vorschrift und praktischer Ausführung vermuten. Auch der viergeschoßige Neubau an der Stelle des alten Kutschera-Hotels (Investitionsvolumen 15 Millionen Euro) hat eine eigentümliche Entstehungsgeschichte hinter sich.

„Die größte Schwäche am gesamten Projekt ist wahrscheinlich, dass so ein Grundstück überhaupt in die Hände eines Privaten kommen konnte“, erklärt Architekt Eric Steiner, „ein Areal mit diesem bedeutenden Potenzial müsste eigentlich im Eigentum der Stadt liegen.“ Im Hinblick auf die heutigen Diskussionen rund um Flächenwidmung und Nutzung sei Steiner selbst nicht wahnsinnig unglücklich darüber, dass Wieninger die Zusammenarbeit mit den Architekten bereits vor drei Jahren beendet hatte. Was nur Wenige wissen: Die Architekten Neumann+Steiner haben mit dem Projekt längst nichts mehr zu tun. Seit drei Jahren liegt das Projekt in den Händen der SBC Bauconsulting GmbH, die die gesamten Planungsarbeiten über die Bühne brachten und schließlich den Bau abwickelten.

Worauf spielt Architekt Eric Steiner an, wenn er von Flächenwidmung und Nutzung spricht? Ursprünglich hatte die Flächenwidmung für das prominente Kahlenberg-Grundstück eine gewerbliche Nutzung vorgesehen. Projektentwurf und Einreichung ordneten sich der Flächenwidmungsvorschrift verständlicherweise unter - und sprachen von einem Hotel. Schon bald wechselte der Projektbetreiber Leopold Wieninger sein Wording: Es sei nie die Rede von einem Tageshotel gewesen, vielmehr von einem Apartment-Hotel für „temporäres Wohnen“, also für einen mehrere Monate dauernden Aufenthalt.

Das eine führte zum anderen. Im April 2006 gab's plötzlich die ersten Wohnungsangebote im Internet. Exquisite Luxuswohnungen mit bis zu 340 Quadratmetern und riesengroßen Terrassen warteten da auf betuchte Klientel. Nicht lange. Einige der insgesamt elf Nobelwohnungen sind schon längst verkauft. „Die Apartment-Wohnungen haben den marktüblichen Preis“, erklärte Grundstückseigentümer Wieninger letzte Woche auf Anfrage des Standard, „7000 Euro pro Quadratmeter - oder aber Sie mieten die Wohnungen zum Quadratmeterpreis von 15 Euro.“ Interessanter Aspekt am Rande: Auf Wunsch gibt es die Wohnungen mit Hotelservice.

Geplant war ein touristisches Hotel mit 53 Zimmern. Geworden ist daraus offenbar ein halbes Wohnhaus mit der klingenden Adresse Kahlenberg 1-3. Fragt sich nur: Wie kommt es dazu? „Dieses Finanzierungsmodell ist in der Tourismusbranche üblich“, bemüht sich Immobilienmakler Ernst Thomas. Man nehme eine Wohnung, verkaufe sie einem Privatbauherrn und fordere ihn dazu auf, die Wohnung seinerseits wieder an den Hotelbetreiber zu vermieten. Schließlich sei laut Anzeige ja eine gewerbliche Nutzung vorgesehen. „Wenn ein Käufer sich dann entscheidet, selbst in einem Apartment zu wohnen, kann man ihn daran nicht hindern.“ Das geht runter wie Öl.

Die Stadt Wien steckt den Kopf in den Sand. „Wir haben eine schriftliche Zusage des Eigentümers, dass ein Hotel und eine Hotelfachschule errichtet wird, und gehen davon aus, dass sich Wieninger daran hält“, hieß es im April 2006 aus dem Büro von Stadtrat Rudolf Schicker. Was er heute dazu sagt, wissen wir nicht. Für eine Stellungnahme war er nicht zu gewinnen.

26. Mai 2007 Der Standard

Mausgrau zugeschüttet

Vor zwei Tagen eröffnete das Museumszentrum Mistelbach - nicht unbedingt ein Diamant zeitgenössischer Architektur, aber durchaus ein fesches Dach für die Kunst von Hermann Nitsch.

In der Zeitrechnung der Kunst ist es gerade einmal einen Wimpernschlag her, dass Hermann Nitsch noch als Perversling und Skandalist bezeichnet wurde. Was gestern noch eine Schweinerei war, kann man heute schon als kleines Präsent mit rotem Mascherl in den Warenkorb legen. Rechtzeitig zur Eröffnung des Museumszentrum Mistelbach und somit zum frisch eingeweihten Nitsch-Museum brachte die ortsansässige Confiserie Hynek eine eigene Edition so genannter Schütt-Trüffel heraus: zuckersüße Schokokugeln mit blutroten Einsprengseln. Runterspülen kann man das Ganze mit einem kräftigen Schluck aus dem Nitsch-Doppler. Der bärtige Mann ist eine Vermarktungskanone.

Vorgestern, Donnerstag, eröffnete das Museumszentrum Mistelbach, kurz MZM. Bevor sich die Ausstellungsräume im Laufe der Zeit neutralisieren und zum Teil auch anderen Ausstellungen und Themenkreisen zur Verfügung gestellt werden, steht das MZM jedoch ganz im Zeichen des Schüttmeisters Hermann Nitsch, dessen Orgien-Mysterien-Residenz Prinzendorf nur 20 Kilometer entfernt liegt. Aus Rücksicht auf seine Abneigung gegenüber zeitgenössischer Architektur (siehe Interview rechts) war an einen Neubau gar nicht erst zu denken. Wo Rinderblut und breiige Farbkleckse am Leinen haften, da muss die Architektur schon mehr zu bieten haben als nur sich selbst.

Eine Schicksalsfügung: Die Räumlichkeiten des MZM sind geschichtlich durchtränkt. Denn in den altehrwürdigen Hallen hatte man einst Pflüge fürs umliegende Ackerland geschmiedet. Dann kamen Globalisierung, steigende Konkurrenz und schließlich das Aus für die Mistelbacher Pflugfabrik. „Erste Ideen, hier ein Nitsch-Museum anzusiedeln, gehen schon etliche Jahre zurück“, erklärt Christian Resch, Bürgermeister von Mistelbach, „ich habe Nitsch die Hallen gezeigt, er war vom Fleck weg begeistert.“

Die allerersten Konzepte skizzierte gleich der Bürgermeister höchstpersönlich aufs Papier, doch bald war klar, dass ein professionelles Händchen so schlecht nicht sein kann. Gemeinsam mit Wolfgang Denk - vormals Direktor der Kunsthalle Krems, heute Chef des Nitsch-Museums - und Johannes Kraus (Archipel-Architekten, derzeit besser bekannt als die Sängerknaben-Kristallisten) gründete man eine ARGE und machte sich an die Arbeit. Da die Planung des Museums von Anfang an als Gesamtkunstwerk von Kunst und Architektur konzipiert war, hatte man an der Selbstverständlichkeit eines öffentlichen Wettbewerbs vorbeimanövrieren können. Nach Auskunft des Bürgermeisters belaufen sich die Gesamtinvestitionen auf etwa fünf Millionen Euro.

Das Museumszentrum Mistelbach ist weder eine fliegende Untertasse noch eine unverwechselbare architektonische Landmark. Das wäre bei der vorgefundenen Bausubstanz und beim beschränkten Budget auch kaum möglich. Stattdessen ist es ein adrett zurechtgerücktes Ensemble aus alten Häusern, viel Fabriksduft und einigen baulich gar nicht uninteressanten Industriehallen. „Dem gesamten Areal und den Hallen im Speziellen lag ein monumentaler, archaischer, sakraler Ausdruck inne“, sagt Architekt Johannes Kraus, „das traf sich perfekt mit dem Werk und der Person von Hermann Nitsch, denn Religion stellt für ihn bekanntlich einen wichtigen Impuls dar.“ Es habe daher nahe gelegen, im Zuge der architektonischen Konzeption auf eine Klosteranlage zurückzugreifen.

Nun denn. So heißen die unterschiedlichen Gebäudeteile - sie alle stehen heute unter Denkmalschutz - beispielsweise Langhalle, Kathedrale, Seitenschiff, Claustrum oder Krypta. Sogar ein Campanile mit 25 Meter Höhe war geplant, doch die finanzielle Daumenschraube zwang zu Abstrichen. Kraus: „Wir hatten die Wahl zwischen unterirdischer Krypta und oberirdischem Campanile, damit ist der Turm leider gefallen.“ Macht nichts. Denn, so Kraus, nachträgliche Zubauten könne man später immer noch vornehmen.

Um innerhalb der Museumsanlage einem zentralen Freibereich Platz zu schaffen, wurde eine der Hallen einfach abgeschnitten und verkleinert. So wurde Platz geschaffen für eine Sitzarena, ein Wasserbecken und ein bissl Grün. Tagsüber werden Passanten die Anlage durchqueren, um die Wohnviertel beiderseits des Museumszentrums zu erreichen, vor allem aber wird Hermann Nitsch hier Schüttungen, Tierschnetzelungen und Malaktionen vornehmen können. Eine wuchtige Betonscheibe am Ende des Platzes wird so manchem Stiervieh als Hängealtar dienen.

Um das heterogene Ensemble wieder zu einer Einheit zu fassen, griffen Archipel-Architekten zum Farbkübel und schütteten, jawohl, über das gesamte Areal einen grauen Schleier. „Manchmal greifen Architekten zu mausgrau, weil sie nicht weiter wissen oder weil sie sich nichts anderes trauen“, so Kraus, „in unserem Falle war die gewählte Farbe aber Fügung des Schicksals, denn jede andere ist bei Nitsch bereits mit Symbolik behaftet.“

Die letzten Handgriffe sind gemacht, die Eröffnung ist überstanden, ein paar Kleinigkeiten stehen noch aus. Nichts Aufregendes so weit. Sehr viel aufregender indes ist die Tatsache, dass das kleine Mistelbach nun über ein eigenes Museumsquartierchen verfügt. Und damit erklimmt Bürgermeister Christian Resch wieder einmal ein paar Sprossen auf seiner bisher ohnehin schon Aufsehen erregenden Zeitgenössische-KunstLeiter. Resch: „Was soll ich Ihnen sagen? Wir haben hier weder eine Chance auf große Industrie, noch ist das Weinviertel landschaftlich besonders interessant. Wenn wir als Gemeinde daher auffallen wollen, dann sicher nicht mit dem 600. Heimatmuseum.“

Mistelbach ist ein Vorzeigebeispiel kultureller Positionierung, es punktet vor allem das ohnehin imageschwache Niederösterreich. Schon im Angesichte früher Kunstprojekte hatte Bürgermeister Resch einmal gesagt: „Natürlich schimpfen manche Leute am Stammtisch, doch es ist die Aufgabe der Politik, sich mit der Kunst, die genau jetzt passiert, auseinanderzusetzen.“ Mit ein paar besoffenen Schütt-Trüffeln und einem Gläschen Nitsch-Wein wird auch dieses Nörgeln verstummen.


„Ich liebe Stonehenge“

der Standard: Viel Stress vor der Eröffnung?

Hermann Nitsch: Sagen Sie dieses Wort nicht! Ich ertrage diese Modewörter nicht. Es sind Wörter wie Hula-Hoop-Reifen, sie kommen und gehen.

Viel zu tun vor der Eröffnung?

Nitsch: Ja.

Was sind Ihre letzten Handgriffe, bevor das Museum der Öffentlichkeit übergeben wird?

Nitsch: Ich muss noch alle Sachen einrichten, aber nicht einrichten im herkömmlichen Sinn. Alle Räume müssen gestaltet sein und sollen sakrale Wirkung haben. Das Museum soll über eine reine Ausstellung hinausgehen.

Das heißt?

Nitsch: Das Museum soll nicht nur ein Ausstellungsraum sein, sondern soll auch als Ort für Malaktionen und Sommerakademien dienen. Da müssen Stimmung und Komposition passen.

Wann dachten Sie das erste Mal an ein eigenes Nitsch-Museum?

Nitsch: Ich bin mit dem Bürgermeister Christian Resch gut befreundet. Er ist in Sachen Kunst und Kultur sehr engagiert. So viel dazu. 1987 habe ich in der Wiener Secession eine große Malaktion gehabt. Die Resultate davon hat dann ein oberösterreichischer Sammler gekauft. Es stellte sich die Frage nach einem dauerhaften Ort. Dann bin ich zum Resch gegangen und habe gesagt: Schau, das könnten wir bei euch doch ausstellen. Ich wäre niemals so vermessen zu sagen: Baut ein Museum für mich! Aber es gab einen ungenutzten Altbau in Mistelbach - und den haben wir genutzt.

Sind Sie mit dem Resultat zufrieden?

Nitsch: Mit dem Bau bin ich sehr zufrieden. Ob ich mit dem Projekt als Ganzes zufrieden bin, kann ich noch nicht sagen. Das kann man erst beurteilen, wenn alles fertig ist.

Warum ist alles grau?

Nitsch: Ja, es ist alles gräulich. Aber da müssen Sie die Architekten fragen. Und die werden Ihnen dann eine Antwort darauf geben. Ich wurde in viele Entscheidungen mit eingebunden. Aber es tut mir leid, dass man mich bei der Farbe gar nicht gefragt hat. Ich hätte ja alles in einem gebrochenen Weiß gemacht. Das wäre eine Entsprechung zu Prinzendorf gewesen, dort ist auch alles weiß. Aber was soll ich sagen. Der Kunst ihre Freiheit, der Architektur ihre Freiheit.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Architekten?

Nitsch: Innen ist ja alles Gott sei Dank weiß, sonst hätte ich ja kein Bild da reingehängt. Aber Spaß beiseite. Die Zusammenarbeit war sehr gut. Ich war sogar angenehm überrascht, als die Architekten von sich aus den Einbau einer unterirdischen Krypta vorgeschlagen haben.

Welchen Stellenwert hat Architektur für Sie?

Nitsch: Ich liebe Stonehenge, und ich liebe die Pyramiden. Otto Wagner und Le Corbusier sind auch noch ganz okay. Und ich mag Land Art, auch das ist eine Art Architektur. Eine Architektur ohne Zweck ist mir ohnehin am liebsten.

Stonehenge und Pyramiden sind ja nicht die jüngsten Beispiele.

Nitsch: Aber die besten. Mit zeitgenössischer Architektur habe ich meine Probleme, das gebe ich zu. Da kann ich leider nicht so viele schöne Sachen entdecken. Aber was sein muss, muss sein. Das ist schon in Ordnung. Doch man möge den Anstand haben, und die zeitgenössische Architektur in der Erde eingraben. Die Welt muss ja nicht noch mehr verschandelt werden. Mit Architekt Johannes Kraus hatte ich ja schon ein Riesenglück. Stellen Sie sich vor, ich wäre auf den Hollein gestoßen.

5. Mai 2007 Der Standard

Wenn Busse schlafen

Den Wiener Linien mangelte es an einer modernen Großgarage für ihre Flüssiggas-Flotte. Das Architektur-büro fasch & fuchs beteiligte sich vor Jahren an einem EU-weiten Wettbewerb - und kam zum Bus. In wenigen Wochen wird eröffnet.

Wozu braucht man Architekten? Der Großteil der Bevölkerung wird schnurstracks antworten: für Einfamilienhäuser, für Wohnbauten, für Bürogebäude, Schulen und Museen. Und, ach ja, bestenfalls noch für Bahnhöfe und Kirchen. Dass ein beträchtlicher Teil der architektonischen Tätigkeit in den Bereich des städtischen Nutzbaus fällt, wird oft vergessen. Welchen Stellenwert alltägliche Selbstverständlichkeiten wie Kraftwerk, Kläranlage, Umspannwerk und diverse Verkehrsbauten im Stadtbild tatsächlich einnehmen, zeigt beispielsweise ein Blick in den ehemaligen Ostblock. So manche Stadt in Polen, in Ungarn und in der Slowakei versumpert im graubraunen Einheitsbrei und fühlt sich einem farbenfrohen Stadtbild-Relaunch kaum mehr gewachsen. Seit Jahrzehnten nämlich liegt die gesamte Industrie und Infrastruktur unter einem rostigen Schleier der kulturellen Demenz.

„Im Wiener Nutzbau wurden bereits etliche markante Zeichen gesetzt“, sagen die Ausstellungskuratorinnen Barbara Feller und Maria Welzig, „die bewusste architektonische Gestaltung transportiert ein neues Bewusstsein in den öffentlichen Ämtern.“ Vor einigen Jahren trugen sie mit ihrer Ausstellung „Vom Nutzen der Architektur“ im Wiener Künstlerhaus das gestalterische Treiben des zweiten Blicks zusammen: Wasseraufbereitungsanlagen, Friedhöfe, Müllabfuhrzentralen und städtische Werkstätten. Die Ausstellung war ein interessanter Blick hinter die Kulissen, denn in der Regel bleibt das infrastrukturelle Herz des Mikrokosmos Stadt für den Endverbraucher unattraktiv und unsichtbar.

Frühjahr 2007. Was im einstigen Ausstellungskatalog noch als computergezeichnetes Bildchen in den Sternen stand, ist nun Realität geworden und eröffnet in Bälde seine Pforten: die Autobusgroßgarage der Wiener Linien in der Leopoldau. An die 150 Normal- und Gelenkbusse werden in wenigen Wochen an den nördlichen Stadtrand von Wien siedeln, wo sie ein neues Dach über dem Kopf erhalten. Die altersschwachen Remisen in der Vorgartenstraße und in Grinzing werden im Gegenzug aufgelassen. Zeichnende Architekten und damalige Wettbewerbssieger: das Wiener Büro fasch & fuchs.

Was war das Schwierigste an diesem Projekt? „Einer der heikelsten Punkte drehte sich rund ums Flüssiggas, mit dem die neue Flotte der Wiener Linien fährt“, erklärt Architekt Jakob Fuchs, „denn die Gefahren, die in diesem Treibstoff lauern, sind sehr hoch.“ Die Auflagen sind es auch. Hier Brennbarkeit, dort Explosionsgefahr, rundherum die prophylaktische Maßnahme absoluten Rauchverbots sowie Löschhilfeanlagen. Zudem ist das gesamte Gelände von einem Netz aus so genannten Schnüffelköpfen überzogen, die es einzig und allein auf entwichenes Gas abgesehen haben. Rund um die Uhr. „Auch wenn man es dem Bauwerk auf den ersten Blick nicht ansehen mag“, so Fuchs, „die Busgarage Leopoldau ist ein komplexes Bauwerk, das eine extrem aufwändige Sicherheitstechnik in sich birgt.“

Ein weiterer Faktor, der im Alltag normalsterblicher Architekten wohl eher zur großen Ausnahme gehört, ist der riesige Maßstab: 20.000 Quadratmeter verbaute Grundfläche. Das Gebäude, das darauf steht, ist so breit und so flach wie eine Flunder. In Zahlen: Eine Fassadenlänge von 150 Metern ist an diesem Gebäude keine Seltenheit. „Wenn man den ganzen Tag vor dem Computer sitzt, dann lernt man, mit solchen Dimensionen natürlich geschickt umzugehen“, erklärt Hemma Fasch, „doch wenn man dann das erste Mal auf der Baustelle steht, merkt man erst, dass das Arbeiten im Kastl mit der Realität nichts zu tun hat.“ Das macht nichts. Zu Fuß geht hier niemand, hier fahren ohnedies alle mit dem Bus.

Zweihundert Menschen werden sich zu Spitzenzeiten in der neuen Großgarage aufhalten. Die meisten werden nur in der Früh und am Abend da sein, um sich umzuziehen, Kaffee zu trinken und sich in den Aufenthaltsräumen über den neusten Klatsch auszutauschen. Frühmorgens - das bedeutet in der Öffi-Sprache: noch vor Sonnenaufgang. Denn spätestens um fünf Uhr befindet sich ein Großteil der Chauffeure und Chauffeurinnen - zehn Prozent, immerhin - bereits auf Achse.

Für die wenige Zeit, in der das Gebäude für die volle Meute gerüstet sein muss, ist für jeden nur erdenklichen Komfort gesorgt. Es gibt Aufenthaltsräume, Schulungszimmer, Garderoben, Duschen, stille Rückzugsorte und gleich eine ganze Schar an lichtdurchfluteten Atrien, in denen hoffentlich schon bald die ersten Topfpflanzen und Zitronenbäumchen gedeihen werden. Hemma Fasch: „In der Planungsphase ist oft betont worden, was für ein Händchen die Busfahrer und -fahrerinnen denn nicht fürs Grüne hätten! Hier werden sie die Möglichkeit haben, diesen Spleen auszuleben.“ Mit den Mitarbeitern werden die Pflanzen einziehen. Letzteres ist ein Geschenk der Architekten. Damit geht man der eigenen Gepflogenheit nach, dem Bauherrn nach erfolgreichem Projektablauf ein Pflänzchen zur Pflege in die Hand zu drücken.

Das erlesene Arbeitsklima in Ehren, doch im Mittelpunkt einer Busgarage steht immer noch der Bus. Die fünf riesigen Hallen bieten überdachte Stellplätze für 180 Normalbusse oder 120 Gelenkbusse. In der Praxis, das weiß man, werden sich diese beiden Typen zu einer transdanubischen Melange vermengen. Im Wettbewerb hatte man den Wiener Linien als Dachhaut noch eine Membran vorgeschlagen. „Die Membran wäre unterm Strich eine sehr clevere und praktische Lösung gewesen“, sagt Projektleiter Fred Hofbauer, „im Brandfall hätte sich ganz einfach ein Loch ins Dach gebrannt, und damit hätten wir alle Auflagen der Brandrauchentlüftung abgedeckt.“ Leider war der Bauherrschaft die Lösung ein wenig zu ungewöhnlich, man wollte sich die Finger nicht verbrennen. Doch dies ist das Wesen von Kompromissen. Dem Projekt tut dies jedenfalls keinen Abbruch.

Immer noch kann sich die Konstruktion sehen lassen. Wie von Engelshand getragen wird jede einzelne der fünf Garagenhallen von einem zarten Raumfachwerk bedeckt. Durch Knickung zu Sheddächern - ein altbewährtes Element aus den Anfängen des Industriebaus - gelangt reichlich Streulicht in die Hallen. Eine künstliche Belichtung wird man untertags wohl gar nicht brauchen.

Die Großgarage Leopoldau dient den Bussen nicht nur als nächtliche Schlafstatt. Täglich werden sie auf Gasdichtheit und Fahrwerk überprüft, täglich rollt man durch die Waschstraße, täglich wird neuerlich Flüssiggas in den Schlund gepumpt. In regelmäßigen Abständen wird die gesamte Niederflurflotte einem Check unterzogen: Reifendruck, Öl und Kühlflüssigkeit, Bremsweg, Kraftstoffverbrauch und - last but, not least - vorsichtiges Parken über dem Hubstempel und rauf in die Höh.

Eine Garage für Busse also. Als ob es eine Rolle spielen würde, unter welchem Dach der bereifte Fuhrpark der Wiener Linien steht. Vielleicht hätten die Baukosten statt 35 Millionen Euro unter normalen Umständen nur 34 Millionen betragen. Mag sein. Doch Busse reparieren sich nicht von selbst. Busse tanken sich nicht von selbst. Und vor allem fahren sich Busse nicht von selbst - zumindest gilt diese Aussage für die nähere Zukunft.

Den Großteil der Tages verbringen die Chauffeure auf einem Arbeitsplatz, der gerade mal so groß ist wie ein Lenkrad und ein Fahrersitz. Im Fond sitzt nicht etwa ein fröhliches, südländisches Völkchen, sondern der grantige Wiener. Es ist ein Knochenjob. Eine fesche Homebase ist daher das Mindeste, was man der Berufsgruppe am Ende eines Tages bieten kann. „Nicht zuletzt ist eine intelligente und erfrischende Planung dieser Bauten auch eine Form von Respekt und Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern, die diese Betriebe am Laufen halten“, sagen die beiden Ausstellungsmacherinnen Barbara Feller und Maria Welzig.

In wenigen Wochen werden die Remisen in der Vorgartenstraße und in Grinzing der Vergangenheit angehören. Ab dann wird die allmorgendliche Kolonne rot-weißer Busse von der neuen Busgarage in der Leopoldau ausfahren. Sollten die Personen hinter dem Lenkrad ein wenig freundlicher durch die Windschutzscheibe blicken als sonst - Sie wissen, woran das liegt.

21. April 2007 Der Standard

Magritte lässt grüßen

Bauen in historischer Umgebung? In der Regel kann man damit niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Doch in Paris ist gelungen, wovon Wien nur träumen kann. Ein Blick hinter die Fassade des Nobelhotels Fouquet's Barrière.

Wien hat seine Lipizzaner, Sachertorten und Pferdeäpfel. Paris hat dafür Haute Couture, Crêpes und Chansons d'Amour. Da wie dort hat man mit einem großen historischen Erbe zu hadern und muss permanent abwägen: Bleibt man wohlbehütete Klischeestadt unter nobler Käseglocke oder lässt man doch lieber die moderne Metropole raushängen? Dass Paris Meisterin der Ambivalenz ist und anderen europäischen Hauptstädten meilenweit davongaloppiert, weiß man schon seit Langem.

Wer in letzter Zeit die emsigen Touristenströme der Avenue des Champs-Élysées verlassen und sich in eine der malerischen Seitenstraßen verirrt hat, der durfte recht staunen. Ein altes Eckpalais ist zu einem steinernen Koloss erstarrt: Surrealismus in höchster Perfektion, René Magritte hätte es nicht besser machen können. Fenster und Türen sind im Angesichte der Zeit erblindet, an ihre Stelle treten Fragmente eines modernen Hauses, das sich wie ein Parasit durch die ausgediente Fassade nagt. Vorbei die Mühsal architektonischer Komposition und geschichtlicher Behutsamkeit, hier macht sich jemand über altbewährte Architekturspielregeln in der Pariser Innenstadt offenkundig lustig.

Dieser Jemand nennt sich Édouard François. Bei seinem jüngsten Wurf im Abseits der Champs-Élysées handelt es sich um einen Erweiterungsbau des Nobelhotels Fouquet's Barrière, das in den Himmel der Pariser Hotellerie emporgestiegen ist: Es darf sich der seltenen Auszeichnung erfreuen, neben Ritz Carlton, Le Meurice und Konsorten das insgesamt sechste Palace-Hotel der Seine-Metropole zu sein. In Zahlen ausgedrückt: Eine Nacht kostet zwischen 700 und 15.000 Euro, gefrühstückt wird gegen Aufpreis.

Die Gretchenfrage: Wie baut man in historischer Umgebung? „Die Bauherren kamen zu mir und wollten quasi direkt auf den Champs- Élysées ein grünes Gebäude, eine absurde Idee“, mokiert sich Architekt François, „die gesamte Straße lebt von einem mondänen Flair und ist von der Architektur Haussmanns geprägt: Stein für Stein.“ Ein ökologisch orientiertes Gebäude mache in diesem historischen Kontext keinen Sinn und sei nichts anderes als reiner Dekor. François wollte sich mit der Problematik des Bauens in hochkultureller Umgebung auf unkonventionellere Weise auseinandersetzen. Über seine Lösung - der Architekt spricht von „moule troué“, also von einer durchlöcherten Schale - waren die Bauherren anfänglich schockiert, heißt es.

Dass sich hinter dem surrealen Gebilde der Kern eines Bürogebäudes aus den Siebzigerjahren verbirgt, lässt sich heute bestenfalls an der niedrigen Geschoßhöhe erahnen. Zu sehr irritiert die schwere Fassade mit ihren betonierten Versatzstücken aus längst vergangenen Tagen. „Sie werden sich jetzt fragen, wie diese Fassade zustande kommt, doch das ist ganz einfach“, sagt François, „ich habe die Optik des bestehenden Hotels kopiert und hier eingefügt. Neusprachlich würde man wohl copy and paste dazu sagen.“

Damit habe der Architekt Édouard François - wie er selbst sagt - die Geschichte auf eine Art und Weise interpretiert, wie dies zuvor von niemandem anderen getan wurde. „Ich wollte die Passanten auf der Straße dazu bringen, eine gewisse Sensibilität zu entwickeln. Sie sollen durch die Gasse gehen und plötzlich vor diesem einen Haus stehen bleiben. An der Störung des Gefüges sollen sie erkennen, wie schön die Haussmann'schen Fassaden eigentlich sind und über welche Schönheit Paris an diesem Ort verfügt.“ Mit dem erdgeschoßgerichteten Blick auf Auslagen von Chanel und Cartier, wie er gerade in dieser Gegend allzu oft angewandt werde, sei dies nicht zu erzielen.

In neuer Interpretation gibt sich übrigens auch das Innenleben des Hotels, das in Zusammenarbeit mit dem Innenraumgestalter Jacques Garcia entstand. Auch Garcia entschied sich für die Arbeitsweise copy and paste, jedoch mit einem noch üppigeren Schuss Karikatur. Lobby und Zimmer scheinen der Ära von Louis XV entfleucht. In goldenem Schwung geben sich Sitzmöbel und Kredenzen, in Samt und Seide gehüllt buhlen die 107 Zimmer und Suiten um die Gunst ihrer zahlungskräftigen Gäste. Dominique Desseigne, Geschäftsführer der Gruppe Barrière erklärt: „Bei aller Liebe zu ausgefallener Architektur muss man letzten Endes doch die Klientel berücksichtigen. Garcia und François haben diese Anforderung verstanden und haben ein ausgewogenes Gebäude auf die Beine gestellt.“

Drängt sich am Ende die brisante Frage auf: Was sagt die öffentliche Stimme zu einem derart waghalsigen Bau, der sich zwischen hochfrequentierten Touristenpfaden mitten in ein intaktes historisches Ensemble setzt? Édouard François: „Baurechtlich ist die Gegend rund um die Avenue des Champs-Élysées total blockiert. Hier zu bauen ist ein Privileg, das in Paris nicht jeder bekommt. Ich gebe es vom ganzen Herzen zu: Es war eine Ehre, die mir hier als Architekt zuteil wurde.“ In Pariser Beamtengefilden gilt François als kulturinteressierter Mann von Welt, der die letzte Dekade kaum etwas gebaut, dafür sehr viel entworfen und sich mit Konzepten aller Art über Wasser gehalten hatte.

„Ich bin Mitglied in der Sammlung des Centre Georges Pompidou und in der Guggenheim-Sammlung, das ist in Frankreich wohl mehr wert als jede Bekanntschaft“, erklärt der Architekt, „ich glaube, dass das ein nicht unwesentliches Kriterium für die Beauftragung an mich war.“ Doch alle Mühe war umsonst, denn das präsentierte Projekt wurde vom Gremium abgeschossen. Nein, das wäre nicht das, was man sich vorgestellt habe. Stadtverschandelung, Provokation und eine Karikatur auf Georges-Eugène Haussmanns Werk rief die aufgehetzte Beamtenmeute. Doch was machte François? „Ich habe meine Sachen zusammengepackt und bin ins Kulturministerium gegangen, um dort vorzusprechen. Dort hat man sich darauf geeinigt, dass es sich bei dem Projekt tatsächlich um zeitgenössische Architektur handelt.“ Die Baubewilligung wurde erteilt.

Ein Bundesministerium, das der zeitgenössischen Architektur eine starke Schulter ist? In Österreich ist so ein Schritt undenkbar. Be- säße ein normal sterblicher Architekt die Dreis-tigkeit, mit seinen Planrollen vor dem Minister höchstpersönlich aufzukreuzen, würde man ihm bestenfalls die kalte, gewiss aber nicht die starke Schulter zeigen. Mit dem Bau des Fouquet's Barrière auf der Nobelmeile Champs-Élysées beweist eine Nation wieder ihre Vorliebe für die Facetten des kulturellen Lebens - und Architektur gehört nun einmal dazu. Das hat man im Land von Haute Couture, Crêpes und Chansons d'Amour bereits begriffen.

Die Baukosten des Hotels belaufen sich auf fünfzig Millionen Euro. Für das Konzept „moule troué“ ist das europäische Patent angemeldet.

14. April 2007 Der Standard

Magritte lässt grüßen

Bauen in historischer Umgebung? In der Regel kann man damit niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Doch in Paris ist gelungen, wovon Wien nur träumen kann. Ein Blick hinter die Fassade des Nobelhotels Fouquet's Barrière.

Wien hat seine Lipizzaner, Sachertorten und Pferdeäpfel. Paris hat dafür Haute Couture, Crêpes und Chansons d'Amour. Da wie dort hat man mit einem großen historischen Erbe zu hadern und muss permanent abwägen: Bleibt man wohlbehütete Klischeestadt unter nobler Käseglocke oder lässt man doch lieber die moderne Metropole raushängen? Dass Paris Meisterin der Ambivalenz ist und anderen europäischen Hauptstädten meilenweit davongaloppiert, weiß man schon seit Langem.

Wer in letzter Zeit die emsigen Touristenströme der Avenue des Champs-Élysées verlassen und sich in eine der malerischen Seitenstraßen verirrt hat, der durfte recht staunen. Ein altes Eckpalais ist zu einem steinernen Koloss erstarrt: Surrealismus in höchster Perfektion, René Magritte hätte es nicht besser machen können. Fenster und Türen sind im Angesichte der Zeit erblindet, an ihre Stelle treten Fragmente eines modernen Hauses, das sich wie ein Parasit durch die ausgediente Fassade nagt. Vorbei die Mühsal architektonischer Komposition und geschichtlicher Behutsamkeit, hier macht sich jemand über altbewährte Architekturspielregeln in der Pariser Innenstadt offenkundig lustig.

Dieser Jemand nennt sich Édouard François. Bei seinem jüngsten Wurf im Abseits der Champs-Élysées handelt es sich um einen Erweiterungsbau des Nobelhotels Fouquet's Barrière, das in den Himmel der Pariser Hotellerie emporgestiegen ist: Es darf sich der seltenen Auszeichnung erfreuen, neben Ritz Carlton, Le Meurice und Konsorten das insgesamt sechste Palace-Hotel der Seine-Metropole zu sein. In Zahlen ausgedrückt: Eine Nacht kostet zwischen 700 und 15.000 Euro, gefrühstückt wird gegen Aufpreis.

Die Gretchenfrage: Wie baut man in historischer Umgebung? „Die Bauherren kamen zu mir und wollten quasi direkt auf den Champs- Élysées ein grünes Gebäude, eine absurde Idee“, mokiert sich Architekt François, „die gesamte Straße lebt von einem mondänen Flair und ist von der Architektur Haussmanns geprägt: Stein für Stein.“ Ein ökologisch orientiertes Gebäude mache in diesem historischen Kontext keinen Sinn und sei nichts anderes als reiner Dekor. François wollte sich mit der Problematik des Bauens in hochkultureller Umgebung auf unkonventionellere Weise auseinandersetzen. Über seine Lösung - der Architekt spricht von „moule troué“, also von einer durchlöcherten Schale - waren die Bauherren anfänglich schockiert, heißt es.

Dass sich hinter dem surrealen Gebilde der Kern eines Bürogebäudes aus den Siebzigerjahren verbirgt, lässt sich heute bestenfalls an der niedrigen Geschoßhöhe erahnen. Zu sehr irritiert die schwere Fassade mit ihren betonierten Versatzstücken aus längst vergangenen Tagen. „Sie werden sich jetzt fragen, wie diese Fassade zustande kommt, doch das ist ganz einfach“, sagt François, „ich habe die Optik des bestehenden Hotels kopiert und hier eingefügt. Neusprachlich würde man wohl copy and paste dazu sagen.“

Damit habe der Architekt Édouard François - wie er selbst sagt - die Geschichte auf eine Art und Weise interpretiert, wie dies zuvor von niemandem anderen getan wurde. „Ich wollte die Passanten auf der Straße dazu bringen, eine gewisse Sensibilität zu entwickeln. Sie sollen durch die Gasse gehen und plötzlich vor diesem einen Haus stehen bleiben. An der Störung des Gefüges sollen sie erkennen, wie schön die Haussmann'schen Fassaden eigentlich sind und über welche Schönheit Paris an diesem Ort verfügt.“ Mit dem erdgeschoßgerichteten Blick auf Auslagen von Chanel und Cartier, wie er gerade in dieser Gegend allzu oft angewandt werde, sei dies nicht zu erzielen.

In neuer Interpretation gibt sich übrigens auch das Innenleben des Hotels, das in Zusammenarbeit mit dem Innenraumgestalter Jacques Garcia entstand. Auch Garcia entschied sich für die Arbeitsweise copy and paste, jedoch mit einem noch üppigeren Schuss Karikatur. Lobby und Zimmer scheinen der Ära von Louis XV entfleucht. In goldenem Schwung geben sich Sitzmöbel und Kredenzen, in Samt und Seide gehüllt buhlen die 107 Zimmer und Suiten um die Gunst ihrer zahlungskräftigen Gäste. Dominique Desseigne, Geschäftsführer der Gruppe Barrière erklärt: „Bei aller Liebe zu ausgefallener Architektur muss man letzten Endes doch die Klientel berücksichtigen. Garcia und François haben diese Anforderung verstanden und haben ein ausgewogenes Gebäude auf die Beine gestellt.“

Drängt sich am Ende die brisante Frage auf: Was sagt die öffentliche Stimme zu einem derart waghalsigen Bau, der sich zwischen hochfrequentierten Touristenpfaden mitten in ein intaktes historisches Ensemble setzt? Édouard François: „Baurechtlich ist die Gegend rund um die Avenue des Champs-Élysées total blockiert. Hier zu bauen ist ein Privileg, das in Paris nicht jeder bekommt. Ich gebe es vom ganzen Herzen zu: Es war eine Ehre, die mir hier als Architekt zuteil wurde.“ In Pariser Beamtengefilden gilt François als kulturinteressierter Mann von Welt, der die letzte Dekade kaum etwas gebaut, dafür sehr viel entworfen und sich mit Konzepten aller Art über Wasser gehalten hatte.

„Ich bin Mitglied in der Sammlung des Centre Georges Pompidou und in der Guggenheim-Sammlung, das ist in Frankreich wohl mehr wert als jede Bekanntschaft“, erklärt der Architekt, „ich glaube, dass das ein nicht unwesentliches Kriterium für die Beauftragung an mich war.“ Doch alle Mühe war umsonst, denn das präsentierte Projekt wurde vom Gremium abgeschossen. Nein, das wäre nicht das, was man sich vorgestellt habe. Stadtverschandelung, Provokation und eine Karikatur auf Georges-Eugène Haussmanns Werk rief die aufgehetzte Beamtenmeute. Doch was machte François? „Ich habe meine Sachen zusammengepackt und bin ins Kulturministerium gegangen, um dort vorzusprechen. Dort hat man sich darauf geeinigt, dass es sich bei dem Projekt tatsächlich um zeitgenössische Architektur handelt.“ Die Baubewilligung wurde erteilt.

Ein Bundesministerium, das der zeitgenössischen Architektur eine starke Schulter ist? In Österreich ist so ein Schritt undenkbar. Be- säße ein normal sterblicher Architekt die Dreis-tigkeit, mit seinen Planrollen vor dem Minister höchstpersönlich aufzukreuzen, würde man ihm bestenfalls die kalte, gewiss aber nicht die starke Schulter zeigen. Mit dem Bau des Fouquet's Barrière auf der Nobelmeile Champs-Élysées beweist eine Nation wieder ihre Vorliebe für die Facetten des kulturellen Lebens - und Architektur gehört nun einmal dazu. Das hat man im Land von Haute Couture, Crêpes und Chansons d'Amour bereits begriffen.

Die Baukosten des Hotels belaufen sich auf fünfzig Millionen Euro. Für das Konzept „moule troué“ ist das europäische Patent angemeldet.

7. April 2007 Der Standard

Wo ist der Garten Eden?

Der diesjährige Architekturkongress in Münster widmete sich schwerpunktmäßig der Ökologie und der Zukunft unserer Städte. Doch so rasch wird sich nichts ändern, befürchten die großen Protagonisten von Welt.

Wer März sagt, muss auch Münsterland sagen. Für die Dauer von drei Tagen schnellte die Dichte an Architekten und Architekturinteressierten in Münster wieder einmal in exorbitante Höhen. Das kleine, steinerne Städtchen, das in der Regel durch Bockwurst, Bischofskathedrale und abertausende Radfahrer auf sich aufmerksam macht, vereinte heuer zum vierten Male architektonischen Rang und Namen aller Herren Länder. Es referierten David Chipperfield, Moshe Safdie, Ken Yeang, Mark P. Sexton, Zena Malek, Hani Rashid sowie eine stolze Riege an Österreichern, angeführt von Altmeister Hans Hollein.

Die Vorträge und Diskussionen standen unter dem Eindruck des Klimawandels. Ohne tief schürfendes Schuldbekenntnis traut sich kaum mehr ein Architekt auf die Bühne. Der taiwanische Architekt Adam Chen stellt mit Entsetzen fest: „Nachhaltige Architektur hat es 5000 Jahre lang gegeben.“ Erst mit der Hochkonjunktur des Industriezeitalters, also während der vergangenen hundert Jahre, habe man vergessen, was es heißt, nachhaltig zu bauen. „Jeden Fehler, den wir auf dieser Welt gemacht haben, haben wir bisher einige Male wiederholt“, erklärt US-Architekt Moshe Safdie, „und bis heute sind wir nicht klüger geworden.“ Schließlich Ken Yeang, malaysischer Architekt und Wegbereiter des so genannten grünen Bauens: „Wir haben nur noch ein paar Jahre Zeit, um unseren Lebensstil zu ändern und völlig umzusatteln. Andernfalls steht eine wirkliche Klimakatastrophe bevor.“ Die medialen Einschüchterungsmaßnahmen und Hetzkampagnen unserer Tage seien dagegen harmlos.

Schließlich schüttelt Yeang sein Lieblingsthema aus dem Ärmel: grüne Hochhäuser. „Im Grunde ihrer Natur sind sie eine sehr unökologische Art zu bauen. Um ehrlich zu sein, es ist die schlimmste Art überhaupt.“ Doch Yeang möchte das Übel so klein wie möglich halten, er sieht sein so genanntes „green design“ daher als groß angelegtes Reparaturwerkzeug für die bisher durch Menschenhand erfolgten Verwüstungen und Vernichtungen. „Die Menschen wollen Hochhäuser. Irgendjemand Vernünftiger muss sich schließlich dieser Aufgabe annehmen und etwas Vernünftiges daraus machen.“

Seine Antworten sind bereits zuhauf gebaut. Das neueste Projekt, das sich derzeit noch in Geburtsvorbereitung befindet, hört auf den Namen Editt-Tower und räumt der Flora allein ein Drittel des gesamten Hochhauses ein. Die Begrünung wird zur Kühlung und Isolierung genutzt und dient den Mitarbeitern als psychologische Wohlfühloase.

An einem noch größeren Wurf arbeitet derzeit Moshe Safdie. Er nahm sich einer Stadterweiterung in Singapur an. Statt einer einzigen Hochhauswand, wie dies gefordert war, trennte Safdie seine Gebäude. Zwischen den Bollwerken wird man stadtein- und -auswärts hindurchsehen können.

Erst auf dem Dach werden die Gebäude miteinander verbunden - durch ein Gartenplateau mit fast 9000 Quadratmeter Fläche. Moshe Safdie sinniert: „Es ist wie ein Garten Eden im 50. Stock, mit fantastischem Ausblick, mit Wiesen, Bäumen und Swimming-Pools. An den beiden Enden ragt das Gartenplateau um 60 Meter aus.“

„Eigentlich habe ich den Garten auf dem Dach als Vision gesehen. Mir war klar, dass man die Ausmaße auf ein technisch machbares Maß reduzieren müsste. Aber was machen die Asiaten? Sie fangen an zu rechnen, und nach ein paar Wochen kommen sie daher und sagen: Ja, das machen wir.“ Marina Bay Sands befindet sich bereits in Bau, die Fertigstellung ist für 2009 angepeilt.

Doch mit solchen Projekten allein werde man nicht weit kommen, darin sind sich alle Protagonisten der diesjährigen Architec- tureWorld einig. Denn die hohe Schule der ökologischen Architektur kann weniger bewegen, als man denkt. Am Ende des Tages zückt ein Redner ein zerknülltes Papier aus der Jackentasche. Es ist die „Europäische Charta für Solarenergie in Architektur und Stadtplanung“. Sie ist ein Stück vergilbter Geschichte aus dem Jahre 1996, unterzeichnet von Bonzen wie etwa Renzo Piano, Frei Otto, Sir Richard Rogers, Lord Norman Foster, Françoise-Hélène Jourda, Thomas Herzog, Nicholas Grimshaw oder Gustav Peichl.

Kaum ein Mensch hatte von dieser Charta je gehört. So rasch, wie sie gekommen war, verschwand sie auch wieder - und mit ihr all die gut gemeinten Intentionen. Es ist zu befürchten, dass die dramatisch geschwungenen Reden heutiger Tage das gleiche Schicksal ereilen wird wie anno dazumal: Sie werden sich in nichts auflösen. „Wir leben in einer bequemen Welt und sind zutiefst komfortsüchtig“, sagt Ken Yeang, „unter solchen Umständen wird man niemanden finden, der sich freiwillig einem Lifestyle-Wandel unterzieht.“ Fazit der diesjährigen ArchitectureWorld: Alles bleibt beim Alten, denn noch ist Energie zu billig. Nächstes Jahr sehen wir weiter.

Zu Wort gekommen

Makoto Sei Watanabe / Tokio
Es ist nicht zu verantworten, dass sich Architekten vor ihren ökologischen Aufgaben verstecken. Es wird allerdings nicht genügen, grüne Architektur zu propagieren. Wichtig ist es, in den Köpfen der Menschen Architektur als wichtige Gestaltungskomponente ihres Lebens zu verankern. Architektur muss sie in ihrem tiefsten Inneren fesseln. Ich denke, dass diese Entwicklung in Japan bereits sehr fortgeschritten ist. Das liegt an unserer Vergangenheit, an unserer Kultur, an unserer Auseinandersetzung mit Material, mit Raum, mit unserem persönlichen Umraum. In Europa kann ich diesen Prozess nicht so gut einschätzen. Doch ich habe das Gefühl, dass man auf diesem Kontinent noch weite Wege zu gehen hat. Und ich meine nicht in den Erkenntnissen und Entwicklungen der Industrie, sondern in der Überzeugung jedes einzelnen Menschen.

Zena Malek / Libanon, Kuwait und Dubai
Dubai macht mir das Leben nicht leicht. Die Menschen da sind verrückt. Sie bauen wie Wahnsinnige, und das auf so eine unreflektierte Art und Weise, dass es einem manchmal schon den Atem nimmt. Nachhaltigkeit ist kein Thema. Und damit kann ich alle Vorurteile, die gegenüber Dubai herrschen, aus dem Alltag nur bestätigen. Vor einiger Zeit habe ich in einer Tageszeitung ein Projekt entdeckt, das nun direkt neben den neuen Flughafen Jebel Ali gebaut werden soll. Es handelt sich dabei um ein etwa 50-stöckiges Haus in Form eines Scheichs. Arme, Gesicht und Gewand sind deutlich zu erkennen und bis ins Detail ausgearbeitet. Der Scheich soll in Zukunft die ankommenden Flugpassagiere in Dubai begrüßen. Als ich den Artikel in der Zeitung gesehen habe, war mein erster Gedanke: Koffer packen und weg von diesem Ort!

Moshe Safdie / Somerville und Jerusalem
Ökologie ist inzwischen eine Frage des Überlebens. Dass manche Architekten angesichts der Dringlichkeit immer noch nicht zur Vernunft gekommen sind, hängt wohl damit zusammen, dass Architektur einen viel zu hohen Kunststatus genießt: Architektur ist Selbstausdruck, ist Selbstbesessenheit, ist Selbstzweck. Dabei wäre es so leicht umzudenken. Ich habe ein Buch mit dem Titel The City after the Automobile geschrieben. Es wird zwar immer noch Autos geben, aber im Gegensatz zu heute werden wir sie nicht besitzen, sondern mieten. Es ist so ähnlich wie mit den Mietfahrrädern in den Niederlanden. Man schnappt sich gegen Gebühr ein Auto, fährt damit irgendwohin und gibt es dort wieder zurück. Das ist zwar nur eine mögliche Antwort auf die Problematik. Doch es beginnt immer im Kleinen. Durch gezielten Einsatz von menschlichem Verstand wäre schon viel gewonnen.

Ken Yeang / Kuala Lumpur und London
Architekten sind wie Kinder. Sie gehen unbedarft an die Bauaufgabe heran und bauen ihre Träume. Mit so einem kindischen Ansatz kann man sich einer Konfrontation mit dem Klima nicht stellen. Man muss das Hochhaus so grün wie möglich machen. Nur so kann man dazu beitragen, dass unterm Strich die Ökobilanz unserer kapitalistischen Architektur zwar nicht besonders gut, aber immerhin nicht katastrophal ist. Begonnen habe ich damit 1971. Damals waren ökologische Hochhäuser noch im Luxussegment angesiedelt, heute sind sie in einigen Teil der Erde bereits Pflichtsache. Der Hauptkrisenherd der Umweltverschmutzung nennt sich immer noch USA. Die wenigen engagierten Vorzeigestädte wie Portland und Sacramento gehen dort unter. Denn alle orientieren sich daran, was Washington sagt. Doch aus Washington sind nur Lippenbekenntnisse zu hören.

17. März 2007 Der Standard

Schlachtfeld Augarten

Im barocken Garten ist es alles andere als still. An der Front wird gekämpft.

Das Vogelgezwitscher und die Pracht der barocken Gartenarchitektur sind ohne Zweifel die hübscheste Facette des Augartens. Doch hinter den Kulissen ist die ansonsten ruhige Insel inmitten des dichten Stadtgetöses in den vergangenen Jahren und Monaten zu einem regelrechten Schlachtfeld mutiert. Für das Areal rund um den so genannten Augartenspitz liegen zurzeit gar drei Projekte vor.

Begonnen hat dieses Augarten-Posse bereits vor fünf Jahren, als Ernst Kieninger, Leiter des Filmarchivs Austria, das Architekturbüro fasch&fuchs um einen Konzeptentwurf für zwei Kinoräume und ein anschließendes Open-Air-Kino gebeten hatte. „Ziel war es, so wenig wie möglich ein herkömmliches Gebäude im sensiblen Augarten entstehen zu lassen“, erklärt Jakob Fuchs das architektonische Konzept. Das Resultat ist eine Art begrünter Hügel, der nur an der Seite erkennen lässt, dass hier Architekten am Werk waren. „Bis vor wenigen Monaten wussten wir selber nichts davon, dass unser Projekt bereits der Vergangenheit angehört“, sagt Fuchs gegenüber dem Standard.

Warum dies so ist, erklärt sich am besten anhand der medial ausgetragenen Schlacht zwischen den Wiener Sängerknaben und dem Filmarchiv Austria in Kooperation mit der Viennale. Die einen wollen das Eck für sich beanspruchen, um darin einen Aufführungssaal für die singenden Matrosen unterzubringen, die anderen träumen davon, das in der Erhaltung völlig überteuerte Stadtkino aufzulassen, um es im Augarten neu anzusiedeln.

Die Vision des Filmarchivs Austria basiert auf einem Entwurf der Architekten Delugan Meissl, der aus einem kleinen, geladenen Wettbewerb hervorgegangen ist: zwei Kinosäle mit insgesamt 230 Sitzplätzen, Shops und Gastronomie. „Hier kann eine Architektur entstehen, die weder Denkmal noch Monument sein will“, sagt Architekt Roman Delugan, „stattdessen kann der Entwurf als zeitgemäßes Statement wirksam werden.“ Auch Delugan Meissl haben ihr Projekt in der Erde vergraben. Alles in Passivhaus-Bauweise, äußerst fesch außerdem, doch eine gewisse Affinität zu dem in die Jahre gekommenen Entwurf von fasch&fuchs lässt sich nicht von der Hand weisen.

Gekrönt wird die Schlacht um den Augarten vom Sängerknabensaal aus der Feder der Archipel-Architekten. Architekt Johannes Kraus erklärt das 430 Zuschauer fassende Konzertgebäude wie folgt: „Gleich einem geschliffenen Smaragd dockt der schlanke, kristalline Baukörper am Ufer des Augartens an. Die gläserne Spitze des Konzerthauses bildet eine Vitrine in den Stadtraum.“ Hier sollen die Sängerknaben singen, musizieren und proben; nebenbei soll die Stätte als neue Heimstätte des Wiener Kindertheaters fungieren.

Wie geht es weiter? Ratlosigkeit. Das Projekt von fasch&fuchs ist angesichts der Bauherren-Entscheidung offensichtlich für tot erklärt, Delugan Meissl (Baukosten 6 Millionen Euro) und Archipel (Baukosten 10 Millionen Euro) stehen nun an vorderster Front. Eine endgültige Entscheidung für das eine oder andere Projekt steht noch aus. Nur so viel: Das Team rund um Filmarchiv Austria und Viennale bemüht sich zurzeit um eine Finanzierung, die Sängerknaben hingegen stehen in der hohen Gunst des deutschen Mäzens und Investors Peter Pühringer. Auf die kongeniale Idee, Sängerknaben-Spielstätte und Kinokomplex in einem Gebäude zu kombinieren, war man schon vor Jahren gekommen. Unter Umständen wäre diese Alliance imstande, den gordischen Knoten zu zerschlagen und das Kriegsbeil endlich zu begraben. Doch davon will Pühringer nichts wissen. Ende März werde man den Konzertkristall einreichen.

12. März 2007 Der Standard

Architektur schwebt schwerelos im Raum

Das Festival „Turn on“ lieferte einen Überblick über die heimische Architekturszene

Zum fünften Mal öffnete am Wochenende das ORF-RadioKulturhaus seine Pforten für das heuer von der Architekturstiftung Österreich veranstaltete Festival Turn on. An die 20 Architekten präsentierten ihre Bauwerke. Mit von der Partie waren u. a. AllesWirdGut, Hermann und Johannes Kaufmann, Boris Podrecca, Peter Lorenz, gerner°gerner plus, Gerhard Steixner, Heinz Tesar und Hertl.Architekten. Den internationalen Input lieferten das binationale Büro AS-IF berlinwien sowie das niederländische UNStudio.

Lassen sich der calvinistische Westen und der barocke Osten - so spricht zumindest die Architektenschaft, wenn sie Vorarlberg und Wien zu umschreiben sucht - gar unter einen Hut bringen? Wie jedes Jahr stellte Organisatorin Margit Ulama den Rednern die essenzielle Frage nach der Identität österreichischer Architektur. Doch der größte gemeinsame Nenner ward nicht gefunden.

Boris Podrecca stellte fest: „Heute steht oft das Branding im Vordergrund und nicht mehr das architektonische Produkt selbst, wie es früher der Fall war.“ Marie-Therese Harnoncourt schien dies zu bestätigen. Österreich sei in den vergangenen Jahren beispielgebend nach außen getreten. Der Tiroler Architekt Peter Lorenz brachte die Diskussion überhaupt auf den Punkt: „Ich frage mich, ob die Frage nicht obsolet ist. Als Architekt schwebt man irgendwo schwerelos im Raum. Vor allem, wenn man ein so nationalloser Architekt ist wie ich.“

Ein Blick von außen sollte helfen. „In Österreich herrscht eine sehr große Vielfalt, das kann man an den unterschiedlichen Bundesländern und Kulturen ausmachen“, erklärte Hubertus Adam, Redakteur des Schweizer Magazins Archithese, und setzte hinzu: „Doch es ist schwierig, eine Nationalpsychologie auf formaler Ebene zu generieren.“

Heinz Tesar fasste das Architekturfestival zusammen: „Es hat keinen Sinn, das zu diskutieren, denn ein Spezifikum hat jede Architektur. Ob man sie jedoch an einem politischen Land festmachen kann, traue ich mich nicht zu sagen.“ Mit solchen Fragen habe man sich bereits in den 60er-Jahren herumgeschlagen - und scheiterte.

Bleibt der Eindruck eines soliden Architekturfestivals, in dessen Rahmen ein vielfältiger und wertvoller Überblick über die österreichische Szene geboten wurde. Nicht zuletzt wurde dies durch ein ebenso vielfältiges Publikum bestätigt, das sich nicht ausschließlich aus den üblichen Verdächtigen zusammensetzte. Sehr erfreulich. Doch vielleicht könnte man sich nächstes Jahr einer leichter zu beantwortenden Frage widmen.

3. März 2007 Der Standard

Frei hinter Gittern

Vor genau zwei Jahren wurde die Justizanstalt Leoben bezogen. Hat sich das innovative Modell bewährt?

Vor zwei Jahren hatte die Justizanstalt Leoben ihre Pforten geöffnet - beziehungsweise geschlossen. Je nach Sichtweise der Dinge. Das völlig unorthodoxe Gefängnis von Architekt Josef Hohensinn, der als Sieger aus einem EU-weiten Wettbewerb hervorgegangen war, geisterte durch alle Zeitungen, Lifestylemagazine und TV-Sender. Die Rede war vom Designerhäfen, Architektenknast und Fünfsternehotel. Doch was ist wirklich dran am „Schöner Sitzen“ - wie seinerzeit ein Bericht in der Wochenzeitung profil betitelt wurde?

Zeit für eine Zwischenbilanz nach 24 Monaten Betrieb. Besonders in der Architektur hinter Gittern ist jede Diskussion obsolet, wenn sie nicht aus der alltäglichen Praxis genährt werden kann, sind doch die Häftlinge dazu verdonnert, wider Bestreben eine Langzeitbeobachtung ihres einstweiligen Wohnens zu machen. Zu den gängigen Fragen des Ästhetischen, Technischen und Funktionalen gesellt sich die nicht unwesentliche Komponente des Sozialen.

Man möge es als eine geistige Entwicklung des Menschen betrachten, dass die Zeiten des unwürdigen Einkerkerns schon lange vorbei sind. Heute ist hinlänglich bekannt, dass Inhaftierung und Alltagsentzug zu folgenreichen Haftschäden führen. Nicht selten haben ehemals Inhaftierte mit enormen Resozialisierungsproblemen zu kämpfen. Die Gründe dafür liegen in der Art und Weise des Inhaftierens: „In der Regel werden Häftlinge an den Pranger gestellt und entmündigt“, erklärt Architekt Josef Hohensinn, „doch unabhängig ihrer Geschichte hat man immer noch mit Menschen zu tun und muss ihnen ermöglichen und zubilligen, aufrechte Haltung zu wahren.“

Hohensinn stellte daher nicht nur ein fesches Haus auf die Beine, sondern setzte sich auch mit der Geschichte und Kultur des Bestrafens auseinander: „Erst seit den Siebzigerjahren ist es in Österreich nicht mehr gestattet, physisch - also beispielsweise durch Nahrungsentzug oder Dunkelhaft - zu strafen. Das heißt, dass das Justizsystem vor dreißig Jahren neu überdacht wurde“, so Hohensinn, „doch die Architektur ist nach wie vor die gleiche.“ Und tatsächlich ist in Österreich in den vergangenen vierzig Jahren kein Gefängnisneubau mehr erfolgt.

„Schöner Sitzen“ in Leoben - das beinhaltet reichlich Kunst am Bau, vor allem aber helle und luftige Räume mit einem eigenen WC und einer Dusche innerhalb der Zelle sowie Möbel, die nicht nach Justizanstalt riechen, sondern den unbeschwerten Eindruck von Ikea, kika und Leiner versprühen. Letzteres ist übrigens ein Kunstbeitrag von Flora Neuwirth; sie wollte Standardmöbel eingesetzt wissen, die man womöglich auch von zu Hause kennt.

Doch den radikalsten Eingriff ins österreichische Justizsystem heckte Hohensinn mit den so genannten Wohngruppen aus - und hatte dabei vollste Unterstützung von Justizministerium, Anstaltsleitung und Vollzugszentrum. Als Ergänzung zum Normalvollzug, in dem sich die Insassen 23 Stunden am Tag in ihrer Zelle aufhalten müssen, gibt es in Leoben zusätzlich einen Wohngruppenvollzug, in dessen Rahmen sich die Häftlinge innerhalb ihrer Gruppe mit 14 anderen Wohnkollegen frei bewegen können. Zu den Gemeinschaftsbereichen innerhalb einer solchen Riesenzelle gehören Wohnküche, Wohnzimmer und eine Loggia, die es ermöglicht, selbst im Knast an die frische Luft zu treten. Dass die Loggia, wie alles andere auch, vollends vergittert ist, versteht sich von selbst.

Nach zweijährigem Betrieb lässt sich feststellen, dass der Strafvollzug bisher ohne Blessuren über die Bühne ging. Anstaltsleiter Manfred Gießauf erklärt: „Es überrascht uns sehr, dass es innerhalb der gesamten Zeit in den Wohngruppen keine Streitereien und Eskalationen gegeben hat.“ Zwar obliege es letztlich der Gefängnisleitung, wer in Einzelhaft und wer in Wohngruppen untergebracht wird, doch können die Häftlinge Wünsche äußern. „Einige werden von uns auch gegen ihren Willen zu einer Unterbringung in der Wohngruppe forciert, vor allem dann, wenn das Ende der Inhaftierungszeit naht und wir die Leute auf ihre Resozialisierung vorbereiten müssen.“

Viele Menschen seien von diesem lockeren Vollzugssystem überrascht, zumal es in Österreich einmalig und in Europa in dieser Form immer noch einzigartig ist. „Der Wunsch nach einer solchen Anstalt reicht schon fast 25 Jahre zurück, doch ohne persönliches Engagement wäre die Realisierung niemals zustande gekommen“, erklärt Gießauf, „mein Amtsvorgänger Josef Adam ist für seine Liberalität bekannt und hat einen wesentlichen Schritt in diese Richtung gesetzt.“ Gelegentlich komme es vor, dass konservativere Gefängnisdirektoren Leoben besuchen und sich über die vorgefundene Lockerheit alterieren. Ein Gefängnis sei schließlich immer noch ein Gefängnis, nicht wahr? So solle es doch bitteschön sein.

Doch Architekt und Direktor können aus zwei Jahren Erfahrung schöpfen: „Die Außensicherung dieser Anlage ist perfekt und entspricht dem technischen Stand der Dinge. Es spricht nichts dagegen, den Ablauf innerhalb dieser Mauern für alle Beteiligten so angenehm wie möglich zu gestalten.“ Der Freiheitsentzug strafe bereits zu Genüge. Daher gelte es, innerhalb dieser ohnehin eingeschränkten Umstände Anstand zu wahren.

Das entspricht auch einem in die Gefängnismauer gemeißelten Satz, der einen Bestandteil von „Kunst am Bau“ ausmacht - ein Projekt von Eugen Hein. Zitiert wird der „Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte“ aus dem Jahre 1966: „Jeder, dem seine Freiheit entzogen ist, muss menschlich und mit Achtung vor der dem Menschen innewohnenden Würde behandelt werden.“

Den hieb- und stichfestesten Beweis, der für das Leobener Modell spricht, liefert eine Studie des Institutes für Strafrecht und Kriminologie der Universität Wien. Im Auftrag des Justizministeriums startete Ireen Friedrich, ihres Zeichens wissenschaftliche Assistentin, eine empirische Untersuchung in zwei Schritten. „Zunächst haben wir eine Erhebung im alten Dominikanerkloster gemacht“, erklärt Friedrich, „nach fünf Monaten haben wir mit den Insassen und Justizwachbediensteten die gleiche Prozedur im Neubau wiederholt.“

Auf einen Aspekt dürfe man in der Diskussion jedoch nicht vergessen: Den 200 Häftlingen stehen rund 60 Bedienstete gegenüber. Auch sie sitzen innerhalb der Gefängnismauern, auch sie sehen den ganzen Tag Stacheldraht. Der Job sei nicht zu unterschätzen. Ireen Friedrich bringt das Ergebnis ihrer Studie, die im Juni dieses Jahres veröffentlicht wird, auf den Punkt: „Die präventiven Maßnahmen im gelockerten Strafvollzug haben gegriffen, zwischen Insassen und Personal hat sich im Verhältnis zum alten Gefangenenhaus ein überaus entspanntes Verhältnis eingestellt, und die Vandalismusrate ist drastisch gesunken.“

Und was sagen die Häftlinge? Zwei Drittel aller Inhaftierten bewerten die neue Anlage mit der Note „sehr gut“, im Dominikanerkloster hatte sich gerade einmal eine einzige Person zu einem „sehr gut“ überwinden können. Die Hälfte der Befragten zeigt sich sehr erfreut über Kunst und Architektur, 43 Prozent sind sogar der Meinung, an der Anstalt müsse nichts geändert werden. Der Preis für dieses überaus positive Zeugnis: 46 Millionen Euro. Damit liegen die Baukosten für ein Gefängnis dieser Größenordnung im internationalen Durchschnitt.

Doch auch abseits aller statistischen Werte ist die Stimmung innerhalb der Justizanstalt angenehm entspannt. Anstaltsleiter und Häftlinge plaudern, nehmen einander aufs Korn und haben gelernt, hierarchielos miteinander zu kommunizieren. Ganz kurz muss man schmunzeln und lachen. Die Architektur ist hier ihrer ureigensten Aufgabe nachgekommen: Sie hat den Lebensraum des Menschen schön und würdevoll geformt. Das ist der kleine Beitrag, den sie leisten kann. Zu nicht mehr und nicht weniger ist Architektur imstande.

Und den populistischen Skeptikern dieses mit Applaus zu begrüßenden und sichtlich erfolgreichen Modells, jenen Nörglern, die mit Begriffen wie Luxusknast und Fünfsternehotel um sich werfen, sei gesagt: Knast bleibt Knast - ganz gleich, wie viele bunte Ikea-Stühle es vom Himmel regnet. Q

In Kürze wird die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) einen EU-weiten Wettbewerb für das Justizzentrum Wien Mitte ausloben. Der Neubau in der Baumgasse wird Gericht und Gefängnis beherbergen. Vielleicht lassen sich die teilnehmenden Architektinnen und Architekten vom Erfolgsbeispiel inspirieren. Siehe auch: Justizanstalt Innsbruck von Architekt Dieter Mathoi.

24. Februar 2007 Der Standard

Alte Gaupe in neuer Tracht

Meistens wird das Wohnen im Dachgeschoß von einem kleinteiligen Fensterhäuschen namens Gaupe beeinträchtigt. Dass eine Gaupe aber auch mit ganz anderem Kaliber auffahren kann, beweist eine zukunftsträchtige Aufstockung der Squid-Architekten.

Manche Menschen werden vom Glück verfolgt. Herr O., seines Zeichens Industriedesigner und Lehrer desselbigen Fachs an der HTL Ferlach, befand sich auf Wohnungssuche in Wien und antwortete auf ein recht unspektakulär klingendes Inserat in der Tageszeitung. Nüchtern wurde darin eine „Dachgeschoßmaisonette beim Margaretenplatz, 90 Quadratmeter, mit Dachterrasse und Atrium“ angeboten. Ein Anruf, eine Besichtigung, den Rest kann man sich denken.

Was Herr O. zu sehen bekam, war alles andere als eine herkömmliche Dachmaisonette. Vielmehr handelte es sich dabei um ein futuristisches Cockpit in der sonst recht schnöden Dachlandschaft über Wien. Architekt Gundolf Leitner vom Architekturbüro Squid, der für die Aufstockung verantwortlich zeichnet, erinnert sich an die ersten Gespräche mit der Baupolizei MA 37 zurück: „Aufgrund der Ecksituation des Hauses hat sich die Stadt Wien an dieser Stelle mit allen Mitteln einen Eckturm gewünscht.“ Doch die Architektur der Nullerjahre will nicht gemäß alten Vorbildern geschichtsträchtig emporsteigen, sondern will dynamisch in die Breite flitzen. Leitner: „Schließlich konnten wir die Baupolizisten davon überzeugen, dass wir nicht historisch, sondern futuristisch bauen wollen.“

Spleen für die Sixties

Das Resultat ist ein breiter Panoramamonitor - definitionsgemäß handelt es sich dabei um eine schlichte, blechverkleidete Gaupe -, der wie ein Breitmaulfrosch in der Dachschräge sitzt. Was sich von außen bereits erahnen lässt, findet im Innenraum seine Bestätigung: Der Architekt lebte mit diesem Projekt seinen ausgeprägtes Spleen für die Sechzigerjahre aus. Ecken und Kanten finden sich in dieser Wohnung nur spärlich, denn die meisten Wände sind von nahtlosen Rundungen gesäumt. Unweigerlich fließt ein Raum in den anderen, das Auge kommt erst gar nicht auf die Idee, Enge zu verspüren.

Nicht von ungefähr liegt das auch an der Tatsache, dass die Zimmertrennwände nicht bis zur Decke reichen, sondern in einer Höhe von etwa 2,20 Metern ein Ende finden. Leitner: „Wir haben zwar angedacht, die so entstandenen Deckenschlitze nachträglich mit Glas zu schließen, wenn dies die Bewohner wünschen, doch dieser Wunsch wurde bisher nicht geäußert.“ Und somit bilden Wohnküche, Schlafzimmer und Bad, die sich allesamt in der unteren Etage befinden, nicht nur ein optisches, sondern auch akustisches Kontinuum. Herrn O. stört's nicht.

Gelb ist die Helligkeit

Der Vorteil dabei: Da das Tageslicht durch die glaslosen Oberlichten in die Wohnungsmitte eindringen kann, ist das Vorzimmer den ganzen Tag über lichtdurchflutet. Reflektiert wird das Licht zusätzlich durch den hellen Boden - nichts anderes als handelsübliche OSB-Holzwerkstoffplatten, die nachträglich lackiert wurden. Die Oberfläche glänzt und pendelt sich auf der Farbskala irgendwo zwischen Zitrone und Vanillesauce ein.

Auf dem Weg ins Obergeschoß fällt ein Stück originales Architektenwerk auf. Denn das Geländer der Treppe ist kein alleiniges Werk des Schlossers, sondern auch eine Signatur von Squid. Das drahtige Flechtwerk - eine Art Architektenspinnennetz - hat Gundolf Leitner eigenhändig durch die Ösen gezogen. „Bei solchen Details kann man keinem Professionisten erklären, wie man es eigentlich haben möchte. Da hilft nur, selbst Hand anzulegen.“ Erst einmal angekommen, wandert man sehnsüchtig zur halb rund ausgeschnittenen Glasfassade - und befindet sich mitten in der Gaupe. In diesen Rundungen und Wölbungen entfalten sich die Sechziger in voller Blüte.

Und was sagt Herr O.? „Die erste Reaktion war hysterisch, auf Anhieb habe ich mich von der Formgebung und Struktur der Wohnung angesprochen gefühlt. Und ich wusste: Diese Wohnung muss ich haben.“ Gesagt, getan. Eingerichtet ist die Wohnung übrigens vollends in Weiß: eine Parade an Designerstücken von Patricia Urquiola bis Eero Aarnio. Herr O.: „Für die Mischung aus Alt und Neu habe ich nichts übrig. Wenn schon Sechziger, dann auch radikal.“

23. Februar 2007 Der Standard

Einstürzende Urheberrechte

Architekten sind Meister des Entwerfens, des Verhandelns und des Bauens. Neuerdings gelten sie auch noch als Profis im Reich der Rechte und Gesetze. Was darf die Architektur? Und vor allem: Was darf der Architekt? Ein Gespräch mit Thomas Höhne und Georg Pendl.

Welches Dach braucht die Architektur? Für den Lehrter Bahnhof in Berlin sah Architekt Meinhard von Gerkan ein pompöses Tonnengewölbe vor. Die Deckenelemente waren bereits vorproduziert, da beschloss Bahnchef Harmut Mehdorn, die Pläne des Architekten einfach zu durchkreuzen und eine Flachdecke einzuziehen. „Das sieht ja aus wie eine Aldi-Decke“, alterierte sich von Gerkan in Interviews, fühlte sich auf den Schlips getreten, klagte die Bahn - und gewann.

Manchmal scheint es, als sei Architektur eine Berufssparte der ewig Getretenen. Mit dem medienstarken Vorfall in Deutschland wurde das Gegenteil bewiesen. Doch wie sieht es in Österreich aus? Der auf Urheberrecht spezialisierte Rechtsanwalt Thomas Höhne hat eben einen maßgeschneiderten Ratgeber herausgegeben. Unter dem trocken pragmatischen Titel Architektur und Urheberrecht widmet er sich den Untiefen des architektonischen Dürfens und Müssens und bringt ein bisschen Licht in das ewige Kräftemessen um das so genannte geistige Eigentum oder - Neudeutsch - um das Copyright.

Thomas Höhne und Georg Pendl, Präsident der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, gehen im Gespräch mit dem Standard der Frage nach, ob es in Österreich eine ausgeprägte Streitkultur gibt und welchen Beitrag Kammer und Architektenschaft leisten können.

Standard: Das Verhältnis von Architektur und Urheberrecht ist mit dem Lehrter Bahnhof und dem Sieg von Meinhard von Gerkan so richtig zum Thema geworden. Wie aussichtsreich bzw. wie riskant war sein Schritt, gegen die Deutsche Bahn zu prozessieren?

Thomas Höhne: Theoretisch war seine Entscheidung zu klagen sehr aussichtsreich, praktisch jedoch hoch riskant. Im Unterschied zur österreichischen Gesetzeslage, wo der Bauherr in die Ausführung der Planung nach Belieben reinpfuschen kann, hat nach deutscher Rechtslage der Planer eines Bauwerks dieselben Rechte wie jeder andere Urheber auch. Wenn ein Bauwerk gegen seinen Willen bearbeitet wird, kann er sich also dagegen wehren. Praktisch endet die deutsche Rechtsprechung in solchen Fällen aber immer in einer Interessensabwägung. In aller Regel geht dann der Architekt, obwohl er theoretisch Recht hatte, leer aus. Besonders spektakulär ist das Roland Rainer mit seiner Bremer Stadthalle passiert. In den Neunzigerjahren wurde die Stadthalle aufgestockt, Rainer hat geklagt - erfolglos.

Standard: Das heißt, vergleichbare Präzedenzfälle zum Lehrter Bahnhof gibt es in Österreich gar nicht?

Georg Pendl: Um es vorwegzunehmen: Ich als Architekt bin nicht daran interessiert, Denkmäler zu bauen. Das ist meine Kernaussage zu diesem Thema. Aus meiner Sicht ist der primäre Sinn des Urheberrechts nicht die Erhaltung von Bauwerken auf Jahrzehnte und Jahrhunderte hinaus, sondern der Schutz vor Ideendiebstahl. Der Urheberschutz soll nicht zu einem Glassturz führen. Schließlich darf man nicht vergessen, dass ein Architekt seinen Entwurf weiterverkauft. Sobald das Projekt abgegolten ist, darf der Bauherr meiner Meinung< nach damit machen, was er will. Dass das einigen Architekten gegen den Strich geht, ist klar.

Höhne: In Österreich darf der Bauherr mit einem Gebäude machen, was er will: verändern, verkommen lassen, vernichten - alles erlaubt. Damit ist die Architektur die funktionalste und zweckbestimmteste aller Künste.

Standard: Was kann man gegen Vernichtung unternehmen?

Höhne: In Wirklichkeit ist Denkmalschutz in Österreich der viel effizientere Weg, ein Bauwerk zu schützen. Doch beim Denkmalschutz ist Behutsamkeit von allen Seiten gefordert. Manchmal wird der Denkmalschutz beinahe schon inflationär über Gebäude drübergestülpt. Wenn der Denkmalschutz sich dorthin entwickelt, dass sich jeder hütet, ein Denkmal zu besitzen, weil mit dieser Zwangsbeglückung für den Bauherren nur Schwierigkeiten und strenge Auflagen einhergehen, dann ist das ja kontraproduktiv!

Pendl: Das Bild des Malers hat den Vorteil, dass es mit Samthandschuhen angefasst wird, hat jedoch den Nachteil, dass es in irgendeinem Lager im Museum eingesperrt ist. Das Haus des Architekten steht mitten im Weg und ist präsent, hat aber den - so empfundenen - Nachteil, dass es benützt wird. Unterm Strich: Das Haus muss leben. Und wenn es nicht lebt, dann ist es eine Mumie.

Standard: Welche Auflagen muss ein Bauwerk erfüllen, damit ein Architekt den Urheberrechtsschutz anwenden kann?

Höhne: Die primäre Frage lautet: Ist es ein Werk im Sinne des Urheberrechts oder nicht? Denn der Aufhänger für die Anwendung des Urheberrechts ist das so genannte Werk. Ein Werk ist eine eigentümliche, geistige Schöpfung. Und das führt uns zur nächsten Frage: Wann ist ein Entwurf oder ein Bauwerk eigentümlich genug? Wenn sich der Planer einfach nur aus dem herkömmlichen Formenschatz bedient, ohne dabei Individualität in den Entwurf einfließen zu lassen, dann ist dies kein Werk. Es muss persönlich sein, es muss individuell sein. Oder es muss möglich sein, die Handschrift des Schöpfers zu erkennen.

Standard: Angenommen, jemand bemächtigt sich nun eines Entwurfes oder einer Idee - welche Leistung kann sich ein betroffener Architekt dabei von der Architektenkammer erwarten?

Pendl: Wenn solche Fälle passieren, dann gibt es seitens der Kammer natürlich Rechtsbeistand. Das ist eine der heiligen Aufgaben der Berufsvertretung. Aber ich muss gestehen, dass dies im Laufe meiner Kammerfunktion, also in einem Zeitraum von acht Jahren, erst ein einziges Mal der Fall war.

Höhne: Das ist eine zivilrechtliche Angelegenheit. Man geht mit Unterlassungsklage vor. Allerdings ist eine Unterlassungsklage nur dann möglich, solange das Haus nicht steht. Sobald es steht, gibt es für den betroffenen Architekten nur noch Geld.

Standard: Warum wird der Diebstahl geistigen Eigentums so selten eingeklagt?

Pendl: Schärfen kann man eine Verletzung des Urheberrechtsschutzes nur an einem konkreten Fall. Wenn keine Klagen seitens der Architekten zu verzeichnen sind, dann gibt es in der Praxis auch keine Diskussion um das Urheberrecht. In diesem Punkt kann ich all meine Kollegen nur dazu ermutigen, etwas wehrhafter zu sein. Viele regen sich intern auf - und schlucken die ganze Angelegenheit dann einfach.

Höhne: Man weiß ja, dass es der Architektenzunft im Großen und Ganzen nicht besonders gut geht. Viele verkaufen sich unter ihrem Wert, schenken Entwürfe her, lassen sich gratis ausbeuten. Sich vor dem Hintergrund solcher Umstände gegen einen Bauherren zu wehren, kann sehr riskant sein. Wenn man sich aber für seine Rechte nicht einsetzt, dann verkommen sie.

Standard: Das heißt, man müsste das Problem an seiner Wurzel anpacken?

Pendl: Eines der schlimmsten Phänomene ist tatsächlich, dass sich manche Architekten unter ihrem Wert verkaufen - und auch unter dem Wert der gesamten Zunft! Das entzieht allen den Boden und in weiterer Folge dem Beruf seine Berechtigung. Ich habe in meiner ganzen Laufbahn kein einziges Mal einen Gratisentwurf angefertigt. Was hat man denn selbst noch für eine Wertigkeit als Architekt?

Höhne: In diesem Punkt kann man sich von den Fotografen ein Scheibchen abschneiden. Sie haben sich formiert und einen eigenen Rechtsschutzverband der Fotografen auf die Beine gestellt. Die Folge ist: Es gibt in Zeitungen und Zeitschriften kaum mehr ein abgedrucktes Foto ohne Hinweis auf den Fotografen. Und wie oft passiert es, dass Bauwerke publiziert werden, ohne dass der Urheber des Werks ersichtlich ist? Das ist ein schludriger Umgang und zeugt von einer gewissen Unkultur und Unsensibilität.

Standard: Dagegen könnte die Kammer ja vorgehen.

Pendl: Dagegen vorzugehen ist die Aufgabe jedes einzelnen Architekten, jedes Bauherrn und vor allem eine Aufgabe der Medien.

Standard: Und keine Aufgabe der Kammer?

Pendl: Ja, das wäre eine gute Idee. Ich denke, dass man in diesem Punkt nicht rechtlich vorgehen muss. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir einiges bewegen können, wenn wir eine Zeit lang die Medien auf ihre Pflicht der Urhebernennung aufmerksam machen. Ich fürchte, dass wir da eine Ganztagskraft einstellen könnten.

Höhne: Wichtig ist, dass sich endlich Bewusstsein formiert. Der Architekt muss wissen, dass er Rechte hat. Er muss wissen, wann seine Rechte verletzt werden. Und er muss sich dessen im Klaren sein, dass er nicht nur sich selbst gegenüber eine Verantwortung hat, sondern auch gegenüber seinem Stand.

[ Thomas Höhne, „Architektur und Urheberrecht.“ € 38,- /204 Seiten. Manz Verlag, Wien 2007. ]

10. Februar 2007 Der Standard

Wie man Baustellen gesundschrumpft

Welchen Beitrag kann die Architektur zum Klimaschutz leisten? In Wien entsteht zurzeit ein ökologisches Vorzeigeprojekt im Zeichen von RUMBA, den Richtlinien für eine umweltfreundliche Baustellenabwicklung.

Kyrill und Olli haben sich ordentlich ins Zeug gelegt. Seit der kürzlich präsentierten IPCC-Studie (Intergovernmental Panel on Climate Change) steht es nun Schwarz auf Weiß: Es findet ein Klimawandel statt, schuld daran ist der Mensch. Sollte es in den kommenden Jahren nicht gelingen, den CO2-Haushalt in den Griff zu bekommen, drohen für Mensch und Mutter Erde ziemlich heiße Zeiten. Dass man dabei die 2005 gefassten Kioto-Ziele nicht nur verfehlt, sondern völlig aus den Augen verloren hat, fällt als nachgeweinte Krokodilsträne nicht weiter ins Gewicht.

Jährlich bläst Österreich weit über 90 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre, Tendenz steigend. Allein der Gebäude- und Bausektor verantwortet davon über ein Drittel. Noch schlimmer sieht es beim Feinstaubaufkommen aus. Laut des so genannten Emissions-Katasterplans für Wien (Emikat), erstellt von arsenal research, beträgt das jährliche Feinstaubaufkommen in Wien über 1000 Tonnen. Allein der Baustellenverkehr schlägt mit 70 Tonnen Feinstaub zu Buche, die Partikelemissionen der Baumaschinen verursachen jährlich sogar zusätzliche 270 Tonnen des nicht zu bändigenden Staubes.

Mit den mittlerweile halbwegs etablierten Standards rund um Niedrigenergie- und Passivbauweise wurden in den letzten Jahren bereits erste Schritte gesetzt, um die Umweltauswirkungen innerhalb der Architektur auf ein Minimum zu reduzieren. Wer nachhaltig baut und in Folge weniger heizen muss, schont dabei nicht nur die Ökologie, sondern auch sein Portemonnaie. Mit diesem Argument lässt sich ein erheblicher Anteil der Häuslbauer locken. Das ist nur gut und recht.

Doch wie sieht es mit dem Bauen selbst aus? Zu keinem anderen Zeitpunkt verbraucht ein Gebäude mehr Energie als während seiner Entstehung. 90 Millionen Tonnen Material werden in Österreich im Zuge der Wertschöpfungskette jährlich verbaut - das sind 43 Prozent des gesamten Ressourceneinsatzes innerhalb von Österreich. „Bauen ist nichts Ökologisches, ja es ist sogar die größte Umwelt-Belastung, die es gibt“, erklärt Architekt Martin Treberspurg, der auf dem Gebiet ökologischen Bauens einer der Vorreiter ist. Die Abrissbirne verschlingt Energie, ebenso der Abtransport von altem Schutt und Aushubmaterial, von der Herstellung neuer Materialien und dem eigentlichen Bauprozess gar nicht erst zu sprechen. Trebers-purg: „Der Energieaufwand für die Herstellung von Baumaterialien beträgt rund zehn Prozent jener Energie, die das Bauwerk in der Zeitspanne seiner 80-jährigen Lebensdauer benötigen wird. Das ist enorm.“

Aus diesem Grund gab die Stadt Wien vor einigen Jahren ein Forschungsprojekt in Auftrag, das sich vor allem den Themen Baustellen-Logistik und Emissionslinderung widmen sollte. Gefördert wurde es zu einem erheblichen Anteil aus EU-Life-Geldern. Nach insgesamt drei Jahren kam das Projektkonsortium - bestehend aus der Ökotechna, der Mischek Bau AG und dem Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds - zu einem vorläufigen Schluss und präsentierte die neuen Richtlinien für eine umweltfreundliche Baustellenabwicklung, kurz RUMBA genannt. Die erstellten Richtlinien sollten nicht in der Theorie-Schublade verkommen, es wurde der Bau eines Demonstrationsvorhabens beschlossen.

Wien 2007. Unweit des Zentralfriedhofs werden knapp tausend Wohnungen aus dem Boden gestampft. Der erste Bauteil des städtebaulichen Areals Thürnlhofgasse steht unmittelbar vor Übergabe und ist zum Teil sogar schon bezogen, der zweite Bauteil wird gerade betoniert. Auf den ersten Blick ist dieses Areal, dessen einzelne Projekte im Zuge eines Bauträger-Wettbewerbs generiert wurden, nichts Ungewöhnliches: geförderter Wohnbau aus unterschiedlichster Architektenhand, ein Gebäude reiht sich ans andere, teilweise ganz hübsch, teilweise ganz fad. Ins Guinness-Buch der Rekorde wird es die Architektur wohl nicht schaffen. Gewiss aber die Baustelle. Denn sie gilt als „die umweltfreundlichste Baustelle Europas“. Und das ist nicht nur ein PR-Gag, sondern im europaweiten Vergleich eine Wahrheit, die sich in Zahlen ausdrücken lässt, bestätigt Thomas Romm vom beteiligten Mediations- und Beratungsunternehmen raum & kommunikation.

Bereits in der Ausschreibungsphase wurde den Teilnehmern ein Konvolut mit dem RUMBA-Forschungsergebnis in die Hand gedrückt. Bauträger und Architekten wurden gleichermaßen dazu aufgefordert, im Zuge der Projekteinreichung logistische, technische und gestalterische Vorschläge miteinzubringen, wie dem Aspekt der Bauökologie am besten Rechnung zu tragen sei. Die einen schlugen vor, das Baumaterial per Schiff und Güter-Bim an Ort und Stelle zu bringen, die anderen überlegten sich, wie sich der Bauaushub reduzieren oder etwa als Akustikbarriere für die nahe gelegene Schnellstraße S1 verwenden lässt. Wiederum andere setzten auf eine umfassende Fertigteilbauweise oder den gezielten Einsatz lokal verfügbarer Baustoffe.

Von den umgesetzten Ideen betrifft die erheblichste Maßnahme den Materialtransport. Wo es möglich war, wurde die Bahn eingesetzt, Lkw-Fahrten hingegen wurden lediglich bis zu einer Distanz von 15 Kilometern gestattet. Jene Baufirmen, die diese Distanz überschritten, mussten pro Lkw-Fahrt ein zusätzliches Entgelt von 75 Euro leisten. Auch wer mit alten und ausrangierten Fahrzeugen der Emissionsklasse Euro 1 oder Euro 2 unterwegs war, musste tief in die Tasche greifen. „Es hat uns schon verblüfft, dass tatsächlich 90 Prozent aller Fahrten mit emissionsarmen Euro-3-Fahrzeugen unternommen wurden“, sagt Thomas Romm, „das bedeutet, dass der ohnehin benachteiligte Ballungsraum nicht zusätzlich mit unnötigem Feinstaub belastet wird.“

Unterm Strich ist es gelungen, mit den strengen RUMBA-Richtlinien so manchen Bauunternehmer-Starrsinn ein wenig zu lockern. Die meisten Baufirmen lieferten per Bahn, setzten emissionsarme Lkws ein und steigerten die Effizienz, indem sie ihre Fahrzeuge um einen Anhänger erweiterten. „Der Güterverkehr macht in der Stadt einen erheblichen Anteil an Lärmbelästigung und umweltschädlichen Emissionen aus“, erklärt Robert Korab, Geschäftsführer von raum & kommunikation, „und ich muss gestehen, dass mich die Einsparungspotenziale selbst verblüfft haben.“

Rechnet man im Massenwohnbau mit rund 60 (!) Lkw-Fahrten pro zu errichtende Wohnung, konnten die Lkw-Fahrten beinahe auf die Hälfte reduziert werden. Bei 450 Wohnungen, die bisher fertig gestellt wurden, sind das immer noch 14.200 Fahrten. Dadurch dass entweder aus unmittelbarer Nähe geliefert oder auf größere Distanzen die Bahn verwendet wurde, konnte auch die Gesamtzahl der gefahrenen Kilometer reduziert werden. Während ein herkömmliches Bauvorhaben dieser Größe - empirische Werte belegen das - die Lkws auf eine 1,2 Millionen Kilometer weite Fahrt schicken, fuhren die Fahrzeuge im Fall von RUMBA lediglich 150.000 Kilometer. Das ist eine Einsparung von über 85 Prozent. Der Bedarf an Baustrom konnte um 20 Prozent verringert werden, bei den Emissionswerten wurde eine CO2-Einsparung im Ausmaß von über 800 Tonnen erzielt, bestätigt Marianne Leitgeb-Zach vom Verkehrsplanungsbüro Rosinak & Partner.

„Früher galt, dass die Errichtungskosten nur zehn Prozent der Erhaltungskosten eines Gebäudes ausmachen“, erklärt Thomas Romm, „doch im Niedrigenergiesektor sieht das Verhältnis anders aus, bei Passivhäusern kann man sogar davon ausgehen, dass die Errichtung beinahe 90 Prozent der Gesamterhaltungskosten ausmacht.“ Umso mehr sei dies ein Grund, Bauherren und Bauträger zum ökologischen Bauen aufzufordern.

Die Mehrkosten für eine sorgfältig gecoachte Baustelle anhand der RUMBA-Richtlinien machen gerade einmal ein Prozent der Gesamtbaukosten aus. Das ist ein billiger Obolus, wenn man bedenkt, welch hohe Langzeitkosten im Bereich von Gesundheit und Umweltschutz eingespart werden können. In diesem Sinne ist das ressourcenschonende Bauen nicht nur ein Tribut an die Ökologie, sondern auch an die Volkswirtschaft.

3. Februar 2007 Der Standard

Von Freunderlwirtschaft zur Friends Economy

Wer baut Wien? Das fragte sich in den vergangenen Jahren auch Stadtplaner Reinhard Seiß. Soeben ist in Buchform eine erste Antwort auf diese verzwickte Frage entstanden. Und sie liest sich wie ein Wirtschaftskrimi

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte Wien endlich seine große Chance gewittert. Man wollte hoch hinaus, am Horizont stand der hehre Traum einer Weltstadt. Man wünschte sich Hochhäuser. Man bekam sie. Man wünschte sich revitalisierte Industriebrachen. Man bekam sie. Man wünschte sich sogar ganze neue Stadtteile auf Geländen, die erst geschaffen werden mussten. Man bekam auch diese.

Manchmal scheint es, als habe die Stadt Wien ihre Visionen um jeden Preis umgesetzt. Mit der Wienerberg-City und dem Monte Laa entstanden Stadtteile fernab hochqualifizierter öffentlicher Anbindung. Beim Projekt des Millennium-Towers wurden Flächenwidmungen umgangen und maximal zulässige Gebäudehöhen überschritten. In der Donau-City ist der Wind so stark, dass er einen geruhsamen Aufenthalt im Freien beinahe unmöglich macht. Spielplätze fehlen da wie dort. Bisweilen fragt man sich, nach welchen Kriterien derartige Stadterweiterungen und -verdichtungen beurteilt und bewilligt werden konnten.

Der Raumplaner Reinhard Seiß hat die Geschehnisse der letzten fünfzehn Jahre analysiert und in ein Buch gefasst. „Wer baut Wien?“, zeigt auf, in welcher Wechselbeziehung Politik und Wirtschaft zueinanderstehen. Es ist - wie Friedrich Achleitner es im Vorwort zu dem Buch ausdrückt - ein Führer in die Katakomben der Planungs- und Baupolitik.

„Die Intention des Buches ist, ein breites, öffentliches Bewusstsein für die Abläufe in der Stadt zu schaffen“, erklärt Seiß. Manchen wird das Buch aus der Seele sprechen. Für andere wird es eine unbequeme Lektüre sein. Den Funktionären in den Chefsesseln der Wiener Kommunalpolitik ist nun zu wünschen, dass sie sich nicht in Kränkung vergrämen, sondern dem Autor folgen und die eben eröffnete Diskussion fortführen. Zum Wohle der Stadt, wie es so schön heißt.

der Standard: Nach der Lektüre Ihres Buches hat man den Eindruck, dass in Wien die Investoren und Developer das Sagen haben. Wird die Politik zu einem machtlosen Strohhalm im Wind?

Seiß: Im Gegenteil. Wir leben ja nicht in einer kapitalistischen Wildwest-Stadt, in der einige Clans alle Fäden in der Hand haben und nach Belieben herumfuhrwerken können. Nein, in Wien ist es das Traurige, dass all die Akteure, die an der Stadt mitbauen - seien es die großen Baukonzerne, seien es die Wohnbauträger oder die Immobilientöchter der Banken und Versicherungen - dies ja nicht gegen den Willen der Stadt tun, sondern vonseiten des Rathauses regelrecht unterstützt werden. Im Fall von so problematischen Neubauvierteln wie der Wienerberg-City und des Monte Laa hat der ehemalige Wohnbaustadtrat Werner Faymann stolz betont, dass diese Stadtteile überhaupt erst durch die Wohnbauförderung entstehen konnten. Die Politik trägt eine massive Mitverantwortung an vielen Fehlentwicklungen, die in der öffentlichen Darstellung allerdings gern ins Gegenteil verkehrt und mitunter sogar als Best Practices der Stadtentwicklung dargestellt werden. Die Wienerberg-City beispielsweise als Weiterentwicklung des sozialen Wohnbaus zu bezeichnen, ist schon eine ziemliche Chuzpe.

Liegt das nicht auch daran, dass die Stadt Wien in wirtschaftlicher Hinsicht perfekt vernetzt ist? Teilweise liegen politische und gewerbliche Interessen ja in einer Hand.

Seiß: Ganz richtig. Ein Beispiel: Die Bank Austria ist bekanntlich aus der Zentralsparkasse hervorgegangen, also aus einer damals stadteigenen Bank. Nach wie vor hält die Stadt Wien über die AVZ-Stiftung maßgebliche Anteile an der Bank Austria, die mit ihren Immobilientöchtern unbestritten eine der größten privaten Stadtentwickler Wiens war und ist. Ähnlich sieht es beim Baukonzern Porr aus, der direkt über der meist befahrenen Autobahn Österreichs den Stadtteil Monte Laa entwickelt. Die Porr befindet sich zur Hälfte im Eigentum der Bank Austria, die Stadt Wien ist aber auch direkter Aktionär der Porr und bildet mit ihr sogar Jointventures. Der Gipfel war, als der ehemalige Vizebürgermeister, Wirtschafts- und Finanzstadtrat Hans Mayr unmittelbar nach Ende seiner politischen Karriere Aufsichtsratspräsident von Porr wurde. Auf diese oder ähnliche Art sind viele wirtschaftliche Akteure in Wien mit dem Rathaus verbunden - und das schlägt sich nicht zuletzt in der Stadtentwicklung nieder.

War das immer schon so? Oder ist das eine Erscheinung der vergangenen ein, zwei Jahrzehnte?

Seiß: Es läuft vermutlich schon länger so. Früher war alles vielleicht ein bissl versteckter. Heute ist es dank einer größeren Medienvielfalt und einer wachsenden Öffentlichkeit in allen Bereichen wahrscheinlich schwieriger, solche Zusammenhänge bedeckt zu halten.

In Ihrem Buch wird ja so manch bezeichnendes Vorgehen der Wiener Kommunalpolitik geschildert. Ist es in anderen Ländern beispielsweise auch üblich, zuerst ein Projekt hinzustellen und danach dann den Flächenwidmungsplan hinzubiegen?

Seiß: Es ist tatsächlich beschämend, dass es keinerlei Sanktionen gibt, wenn jemand - wie im Fall des Millennium-Towers - die Flächenwidmung quasi ignoriert und deutlich mehr und deutlich höher baut als erlaubt gewesen wäre. Beschämend ist in der Folge dann auch, dass man stattdessen den Rechtsstand an die Bausünden anpasst - und diese damit legitimiert. In Ländern mit einer ausgeprägteren Planungskultur wie in der Schweiz oder den Niederlanden wäre so etwas wohl nicht denkbar.

Warum sind die übergeordneten Konzepte wie der Stadtentwicklungsplan, der Masterplan Verkehr, das Hochhauskonzept oder das Klimaschutzprogramm in Wien nicht verbindlich?

Seiß: In allen Konzepten, die Sie nennen, stecken viel Engagement und Hirnschmalz drin, aber solange sie keinerlei Rechtskraft besitzen, sind es bloß nette Gesten an die Fachwelt. 2004 hat dies sogar der Rechnungshof harsch kritisiert und an die Stadtregierung appelliert, den Stadtentwicklungsplan verbindlich zu machen. Doch die Stadt Wien will das nicht, zumal die Politik dadurch ihren Handlungsspielraum und damit ihre Machtfülle selbst einschränken würde.

Rudolf Schicker, Werner Faymann, Hannes Swoboda & Co kommen in Ihrem Buch nicht ungeschoren davon. Für den Leser entsteht der Eindruck von Freunderlwirtschaft und teilweise sehr rasch gefällten Entscheidungen in großen Belangen.

Seiß: Den von Peter Pilz geprägten Begriff der Friends Economy kann man von der damals schwarz-blauen Bundesebene eins zu eins auf das rote Wien herunterbrechen - wenn sie in Wien nicht sogar in noch größerer Perfektion beherrscht wird. Immerhin konnte die SPÖ hier über Jahrzehnte recht ungestört ein engmaschiges Netz aufbauen, das von Wohnbauträgern über Banken bis hin zu Medienkonzernen reicht. Allgemein ist zu sagen: Es gab in den Ressorts Stadtentwicklung und Wohnbau in den letzten Jahren Politiker, die sich in den Dienst ihres Amtes gestellt haben - und Politiker, die ihr Amt mehr in den Dienst ihrer selbst stellten. Gestaunt habe ich schon, als ich in den Protokollen des Untersuchungsausschusses zum Wiener Flächenwidmungsskandal lesen konnte, dass der ehemalige Planungsstadtrat Hannes Swoboda freimütig bekannte, einzelnen Grundeigentümern eine so genannte Verwendungszusage für eine Umwidmung gegeben zu haben. Damit hat er nämlich sowohl die Entscheidungen seiner Fachabteilungen als auch die Beschlussfassung des Gemeinderats mehr oder weniger vorweggenommen.

In manchen US-amerikanischen Städten gibt es klare Regelungen für Bauwerber, die die maximal zulässige Bebauungsdichte und -höhe eines Viertels überschreiten wollen. Sie müssen sich im Gegenzug verpflichten, bestimmte Beträge in den öffentlichen Verkehr oder in die Grünflächen des Stadtteils zu investieren. Das ist doch clever. Warum gibt es das in Wien nicht?

Seiß: Weil die Politik das nicht will. Es könnte ja den Wirtschaftsstandort Wien schwächen oder manchen Investor für immer vergraulen. Auch wird argumentiert, dass es - leider - verfassungsrechtlich nicht möglich wäre. Dabei frage ich mich: Ist der Draht zwischen dem Rathaus und der Löwelstraße so schlecht, dass es nicht möglich ist, die bundesgesetzlichen Voraussetzungen zu schaffen, um Investoren an den Folgekosten ihrer Projekte zu beteiligen? Dass sich hochrangige Politiker jahrelang auf eine mangelhafte Gesetzeslage ausreden, lässt vermuten, dass sie mit der bestehenden Situation gar nicht so unzufrieden sind.

In Ihrem Buch haben Sie teilweise Brisantes aus dem Rathaus und seinen Magistratsabteilungen aufgedeckt. Wer waren Ihre Informanten?

Seiß: Zum einen waren es aufrechte Beamte, die bereit waren, offen zu sprechen - wiewohl manche von ihnen anonym bleiben wollten. Und zum anderen waren es Gemeinderäte der politischen Opposition - wobei es für mich interessant war zu erfahren, dass den Mandataren des Landtags bzw. Gemeinderats - immerhin die obersten politischen Organe Wiens - in maßgeblichen Bereichen der Stadtentwicklung kein Einblick gewährt wird. Ich erachte das für ein ziemliches Defizit an demokratischer Kultur.

Wer baut Wien?

Seiß: In erster Linie die Politik und die mit ihnen verbundenen Konzerne und Investoren. Und leider muss man auch manch maßgebliche Medien dazuzählen, die sich in den Dienst der Stadtentwicklungsoligarchen stellen, anstatt ihre so wichtige Kontrollfunktion wahrzunehmen. Q

[ Reinhard Seiß, „Wer baut Wien?“, mit einem Vorwort von Friedrich Achleitner und einem Nachwort von Christian Kühn. Verlag Anton Pustet. € 22,00/216 Seiten. ]

verknüpfte Publikationen
- Wer baut Wien?

27. Januar 2007 Der Standard

Mit Farbe gegen die graue Eminenz

Wenn es nach vielen Architekten ginge, dann würde die ganze Welt in Anthrazit erstrahlen. Oft scheint es, als sei Farbe eine reine Banalität und daher ein Dorn im Auge des Erbauers. Die Architekturpsychologie liefert chromatische Alternativen zum mausgrauen Einheitsbrei.

Alles blüht, die Wiesen sprießen, und der Himmel ist himmelblau. Schenkt man den Architekturfotografen, Fertigteilhaus-Katalogen und Werbebroschüren von Immobilienunternehmen Glauben, so herrscht in Österreich der ewige Sommer. Nicht selten werden potenzielle Kunden und Bauherren an der Nase herumgeführt, nicht selten werden ihnen schmucke Konzepte verkauft, die oft nicht viel länger währen als gerade einmal sechs Monate im Jahr.

Die Realität sieht anders aus. Was Architekten als Silbergrau, Seidengrau, Schiefergrau, Anthrazit und Architektenschwarz verkaufen, trägt in den Wintermonaten zur perfekten Stadtdepression bei. Unter wolkenverhangenem Himmel und im tiefen Dunst winterlichen Nebels verlieren die aufgeschwatzten Konzepte rasch an Farbe. „Wenn Architektur über eine Sprache verfügt, so wird diese offensichtlich von der breiten Masse nicht verstanden“, schreibt der deutsche Architekt Holger Pump-Uhlmann in einem Essay über Architekturkritik, „muss man Architektur erst lernen, um sie zu begreifen und mit ihr leben zu können?“

Aus diesem Grund etablierte sich vor einigen Jahren die neue Sparte der so genannten Architekturpsychologie. Sie befasst sich mit der Wirkung bebauter Umwelt sowie mit dem Erleben und Verhalten des Menschen. „Manche Architekten fühlen sich in ihrem künstlerischen Ausdruck bedroht, sobald von einem Architekturpsychologen die Rede ist“, erklärt Diplompsychologe Ralf Zeuge, der in Leipzig das Unternehmen PsySolution leitet, „das liegt auch am Umstand, dass sich viele Architekten selbst als Psychologen verstehen.“ Doch Zeuge beschwichtigt: Die diesbezügliche Sensibilität und Kooperationsbereitschaft seitens der Architekten sei im stetigen Wachsen begriffen.

„Wenn man von Architekturpsychologie spricht, dann meint man zu einem großen Teil die Psychologie der Farben“, sagt Bettina Wanschura. Gemeinsam mit Kollegen betreibt sie in Wien das auf Planungs- und Kommunikationsaufgaben spezialisierte Büro PlanSinn. „Man möchte meinen, dass die Farbe der Straße wenig Spielraum zulässt“, so Wanschura, „doch bei genauerer Betrachtung ergeben sich gerade in der Stadt ungeahnte Möglichkeiten zur visuellen Belebung.“

Die Stadt als Leinwand

Als Beispiel nennt sie die Belebung der Erdgeschoßzonen, den Umgang mit künstlichem Licht und die Materialität der Straßenbeläge. Während man in Wien auf grauen und schwarzen Asphalt setzt, wird in den Niederlanden beispielsweise rötlicher Klinker auf den Gehsteigen eingesetzt. Dadurch entstehen andere Farben und Strukturen.

Einen Farbimpuls, der in dieser chromatischen Dichte nur selten anzutreffen ist, findet sich im neuen Freiraumkonzept der Wiedner Hauptstraße. Bettina Götz und Richard Manahl vom Architekturbüro Artec, die als Gewinner aus einem Wettbewerb hervorgegangen waren, griffen mutig in den Farbkübel und setzten in ihrer Gestaltung knalliges Rot ein. In das komplexe Umbauprojekt der Wiedner Hauptstraße flossen übrigens die Ergebnisse eines Bürgerbeteiligungsverfahrens ein, die Gesamtbaukosten betrugen 9,24 Millionen Euro.

Die Wiener Architektin Margarethe Cufer hat in farblicher Hinsicht ähnliche Prinzipien, wenngleich ihre Maßnahmen im Vergleich zu einer herkömmlichen Lösung mit keinerlei Mehrkosten verbunden sind. Ihre Bauwerke werden von Anfang an in Farbe konzipiert, vorzugsweise in Orange. „Ich bin fest da- von überzeugt, dass das in Wien mit den Schlechtwetterphasen zusammenhängt. Ein graues Gebäude im Winter mag zwar architektonisch - sagen wir einmal - spannend sein, aber dem Großteil der Bevölkerung ist es einfach zu trist. Da kann man sagen, was man will.“

Doch Architekturpsychologie ist mehr als nur Farbe im mausgrauen Straßenallerlei. „Eine nutzerorientierte Planung und Gestaltung architektonischer Projekte setzt meines Erachtens einen engen Wissenstransfer zwischen Psychologie und Architektur voraus“, erklärt Zeuge, „und zwar in allen Bereichen.“ Zu den häufigsten Aufgaben des Psychologen zählen Beratungen im Bereich von Arzt- und Zahnarztpraxen. „Stress- und stressreduzierende Faktoren sind in der Gesundheitspsychologie bereits seit Jahren gut erforscht. Jetzt springt der Funke auf die Architekturpsychologie über.“

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag