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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

17. Dezember 2008 Der Standard

Wirtschaftsstudium in zackigen Linien

Die Planung für den Campus der WU Wien auf dem Messegelände ist fix: Zaha Hadid baut das Library & Learning Center, rundherum gruppieren sich Entwürfe von Carme Pinós, Peter Cook und Co. Baubeginn ist Ende 2009.

Wien - Seit gestern, Dienstag, sind die Pläne für den neuen Campus der Wirtschaftsuniversität (WU) bekannt. Auf Basis des Masterplans des Wiener Büros BUSarchitektur, das im Mai dieses Jahres als Sieger der ersten Stufe hervorgegangen war, wurden aus einem internationalen Bewerbungsverfahren nun fünf weitere Architekten ausgewählt. Jeder von ihnen wird jeweils ein Gebäude planen. Das Erfreuliche: Die Mischung auf dem Wiener Messegelände könnte nicht internationaler sein.

Hauptgebäude und Auftakt wird das Library & Learning Center der britischen Architektin Zaha Hadid (London/Hamburg) sein. Sie konnte sich gegen Hans Hollein sowie gegen den kalifornischen Architekten Thom Mayne durchsetzen. „Es war keine leichte Entscheidung“, erklärt der Juryvorsitzende Wolf Prix, „doch die Wirtschaftsuniversität als Nutzerin hat sich eindeutig für Hadids dynamisches Projekt entschieden, weil sie sich damit am besten identifizieren konnte.“

Die übrigen Gebäude wie etwa Hörsaalzentrum, Executive Academy sowie die einzelnen Departmentgebäude sind aufgeteilt auf die Büros BUSarchitektur (Wien), NO.MAD Arquitectos (Madrid), Estudio Carme Pinós (Barcelona), Hitoshi Abe (Sendai, Japan) sowie CRABstudio Architects (London) mit Peter Cook an der Spitze. Letzterer sorgte in Österreich mit dem wabbelig-blauen Kunsthaus Graz schon einmal für Aufsehen.

Der Hochbau liegt damit in guten Händen. Irritierend ist jedoch der Umstand, dass gerade bei einem Campus, der in dieser Form in Österreich erstmals realisiert werden soll, nicht auch die Freiraumplanung öffentlich ausgeschrieben wurde - immerhin geht es um mehr als 50.000 Quadratmeter Gartenfläche. „Die Freiraumplanung ist bei diesem Projekt mindestens genauso wichtig wie die Architektur“, sagt der WU-Professor Michael Holoubek auf Anfrage des Standard, „dieser Bereich ist Teil der Generalplanung und somit schon an BUSarchitektur vergeben. Wir sind davon überzeugt, dass das Freiraumkonzept auf die eingebettete Architektur gut abgestimmt ist.“

3000 Studentenarbeitsplätze

Den neue Campus im Prater werden 22.000 bis 24.000 Studenten nutzen. Für einen späteren Ausbau sei man flexibel, das Grundstück biete ausreichend Flächenressourcen. „Wichtiger als die Anzahl der Studierenden sind jedoch die Arbeitsplätze“, erklärt WU-Rektor Christoph Badelt. „Im alten Gebäude haben wir rund tausend Arbeitsplätze, auf dem neuen Campus sollen es dreimal so viele sein.“

Die nächsten Schritte sind bereits fixiert. Geht alles nach Plan, werde die Ausschreibung für die einzelnen Gebäude noch 2009 erfolgen. „Wir wollen mit der Ausschreibung anfangen, wenn die Baukonjunktur laut Prognosen im Herbst einzusacken droht“, so Christoph Stadlhuber, Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG). Der Baubeginn selbst sei für Ende 2009 bzw. Anfang 2010 geplant. Die Inbetriebnahme des neuen Campus soll 2012/2013 erfolgen.

Etwas vorsichtig äußern sich die Beteiligten hinsichtlich der Baukosten. Seit Beginn des Projekts ist der Rahmen mit 250 Millionen Euro beziffert. „Die Obergrenze ist klar festgesetzt, daran hat sich bis heute nichts geändert“, so Stadlhuber, „aber natürlich liegen wir derzeit noch etwas drüber. Hier müssen wir mit Sicherheit noch nachverhandeln.“ Jetzt genaue Zahlen zu nennen sei unseriös. Es sei illusorisch, in diesem frühen Projektstadium schon punktgenau im Budget zu liegen. Nur so viel: „Es wird knapp.“

In der Zwischenzeit gibt es bereits erste Pläne für die Nachnutzung der derzeitigen WU in der Althanstraße. „Die Universität Wien will das Gebäude übernehmen“, erklärt der BIG-Geschäftsführer. Zu diesem Zweck müsse es nach Auszug der WU saniert werden. Ein Bezug sei 2015 möglich.

6. Dezember 2008 Der Standard

Zu Hause im eigenen Werk

Wenn ein Architekt für sich selbst baut, dann muss das Resultat schon außergewöhnlich sein. In Wien Leopoldau steht die Residenz von Georg Petrovic: wenig 08/15 und viel 007.

Es ist schon zehn Jahre her, da erschien im Callwey-Verlag ein Buch über die Wohnvorlieben von Architekten. Keine drei Jahre später kam dann der nächste prächtige Bildband heraus, diesmal im Knesebeck Verlag unter dem Titel Architekten und ihre Häuser. Fazit: Beruflich propagieren die Meister des räumlichen Erschaffens ein Leben in neuen Mauern, privat ziehen sie sich allerdings lieber ins coole Loft zurück oder in die Altbauwohnung mit Flügeltüren und Parkettboden. Fragt man nach, heißt es dann: Der Boden sei so schön, die Wohnung atme so viel Geschichte, und dann erst die Raumhöhe!

Umso bemerkenswerter also, wenn ein Architekt nicht nur in einem Neubau residiert, sondern auch noch in einem von ihm selbst geplanten Haus - eine Rarität. Georg Petrovic, 46 Lenze am Buckel, eine Frau, zwei Töchter und drei Söhne, ist ein solcher Protagonist der seltenen Sorte. Sein Haus in Wien Leopoldau ist wohl das, was im Volksmund als sogenanntes Architektenhaus die Runde macht. Schlichte Kiste, coole Materialien, penibel geplant bis ins letzte Detail.

„Ich sage Ihnen: Bis es so weit ist, dass man ins eigene Haus einziehen kann, vergeht eine halbe Ewigkeit“, sagt Petrovic, „da merkt man dann am eigenen Leibe, was Bauherren im Normalfall alles durchmachen müssen.“ Leicht sei es jedenfalls nicht, wenn man Bauherr und Planer in einer Person ist. Und vor allem: „Von manchen Details kann man einfach nicht die Finger lassen.“

Was als Erstes auffällt, sind die Edelstahlringe im ersten Stock. Manche von ihnen sind gefüllt mit gelben, roten und blauen Gläsern, andere sind leer. Dahinter gibt es Schiebeelemente mit einer textilen Bespannung. „Die Gläser vor dem Balkon sind in erster Linie ein Sichtschutz, eine Art Filter“, sagt der Architekt. Doch die Form ist kein Zufall: „Hier in der Gegend gibt es noch viele Häuser mit Butzengläsern in den Fenstern. Darauf wollte ich mit der Fassade Bezug nehmen“ Die Älteren unter uns kennen die Butzengläser noch von den Anfängen des 20. Jahr-hunderts: in Messing eingefasste, gelbe und grüne Flaschenböden, eine damals billige Art, Fenster zu bauen.

Ein Vorzimmer wie eine Höhle

Abgesehen von diesem Zitat ist das Haus Petrovic alles andere als nostalgisch. Futuristisch und modern kommt die graue Kiste daher. Besonders sehenswert ist das Vorzimmer. Wie im James-Bond-Film Der Mann mit dem goldenen Colt versprühen die geböschten und rau verputzten Wände einen Hauch von steiniger Felsenästhetik, von filmgebauter Utopie. Als wäre man Bösewicht Scaramanga, kann man bei Telefonieren Platz nehmen im brauen Baseball-Stuhl der italienischen Designerin Patricia Urquiola. Petrovic: „Diesen Stuhl wollten wir unbedingt haben. Von Anfang an war er Teil der Planung.“

Eine künstliche Felsspalte führt ins Wohnzimmer, in ein Raumkontinuum aus Wohnen, Kochen und Essen. Durch eine raumhohe Glasfassade rinnt der Wohnbereich auf die Terrasse aus. Eine andere Felsspalte geleitet den Architekten und seine Familie ins Obergeschoß. Einseitig eingespannte Kragarme aus Stahlbeton bilden die Stiege, ein schlichtes Nirorohr dient als Handlauf. Farbenfroh und basisdemokratisch dann das Reich der Kinder: Jede und jeder konnte eine eigene Corporate-Farbe für die Tür ins Kinderzimmer wäh- len. Hier Gelb und Grau, dort Rosa und Violett. Da schmunzelt der Architekt: „Ihnen muss es ja ge- fallen.“

22. November 2008 Der Standard

Der Traum vom Wunderkaktus

In der Nähe von Schanghai baut er eine Stadt für 800.000 Menschen. In China wird er bejubelt, in Europa kritisch beäugt: ein Gespräch mit dem Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan

der Standard: Wie weit ist die Satellitenstadt Lingang?

Meinhard von Gerkan: Der See in der Mitte der Stadt ist schon seit drei Jahren fertig, die Ringstraße ist bereits geschlossen und mittlerweile wurden über zwei Millionen Bäume gepflanzt - keine Strünke, sondern richtige Pflanzen! Wenn man heute nach Lingang kommt, hat man nicht das Gefühl, auf einer Baustelle zu stehen. Ganz im Gegenteil: An den Wochenenden fahren die Bewohner Schanghais nach Lingang und gehen dort spazieren wie in einem Park. Manche mieten sich Fahrräder und drehen eine Runde um den See. Immerhin sind das fast zehn Kilometer.

Wie werden die einzelnen Projekte bzw. Parzellen vergeben?

Von Gerkan: Zu Beginn gab es Bestrebungen, ausländische Investoren zu gewinnen, doch das hat sich mittlerweile geändert. Die Chinesen haben die Erfahrung gemacht, dass die Investoren aus dem Ausland Grundstücke und Immobilien oft nur aus Spekulationsgründen kaufen. Die Folge sind tote und ungenutzte Häuser und Stadtteile. Das soll in Lingang nicht passieren. Die Grundstücke werden daher versteigert. Ausländische Geldgeber von ihren Investitionen abzuhalten ist für einen wachsenden Wirtschaftsmarkt eine sehr ungewöhnliche Vorgangsweise. Ich hoffe, sie wirkt.

Ist Lingang ein Prestigeprojekt?

Von Gerkan: Natürlich ist das ein Prestigeprojekt. Und es ist kein Zufall, dass diese Stadt ist, wo sie ist. Sie dürfen nicht vergessen: Lingang selbst ist ja nichts anderes als das zivile Pendant für die Hafeninsel, die 32 Kilometer offshore vor der Küste liegt. Mit dem Festland ist der Hafen nur über eine Brücke verbunden. Als Normalsterblicher bekommt man ihn allerdings niemals zu Gesicht, denn das Passieren der Brücke ist nur mit einer Bewilligung möglich. Der Hafen von Lingang wird eines Tages der größte der Welt sein.

Das klingt nach Utopie.

Von Gerkan: Spätestens in dem Moment, da etwas gebaut wird, ist es nicht mehr utopisch. Lingang ist eine reale Stadt. Ich höre oft den Vorwurf, dass ich bei Lingang wie ein Schöpfer agiere. Doch wenn ich mir beispielsweise ansehe, was ein Nanophysiker den ganzen Tag treibt, dann komme ich schon eher ins Grübeln. Im Grunde macht auch er nur seine Arbeit - und zwar zugunsten der Menschen.

Haben Sie gelegentlich Skrupel, in einem Land wie China zu bauen? Viele Architekten lehnen eine Zusammenarbeit mit einem derartigen Regime aus Prinzip ab.

Von Gerkan: Nein, ich habe keine Skrupel. Vor allem nicht bei den Inhalten und Aufgaben, die wir dort erfüllen. Die ablehnende Haltung vieler Architekten ist übrigens ein Scheingefecht. Dieses scheinbar edle und löbliche Prinzip ist nichts anderes als eine Rechtfertigung. Was soll man denn sonst antworten, wenn der Journalist sagt: Mensch, alle große Architekten dieser Welt bauen in China, nur du nicht!

Was ist das Reizvolle am Bauen in China?

Von Gerkan: Es gibt in China architektonische und planerische Möglichkeiten, die es bei uns nicht gibt. China ist ein Land der Experimente und der Visionen. Zum anderen gibt es in China aufgrund der Aufbruchstimmung unzählige Bauaufgaben im kulturellen Bereich, mit denen man in Europa heutzutage kaum noch konfrontiert ist. Wie viele Theater, Opern und Bibliotheken werden denn in Europa schon gebaut? Allein in China bauen wir derzeit vier Opernhäuser. Nennen Sie mir einen einzigen Architekten, der so einem Reiz nicht verfällt!

Ein Schlaraffenland also?

Von Gerkan: Nein, das Bauen in China bringt auch viele Nachteile mit sich. Teilweise agieren die Chinesen sehr willkürlich und selbstherrlich. Viele halten sich nicht an Wettbewerbe oder ändern Entwürfe so lange um, bis man sie nicht mehr wiedererkennt. Es tritt oft Grauenvolles zutage.

Bauen Sie in China anders als in Europa?

Von Gerkan: Ein metaphorisches und bildhaftes Konzept mit einer großen Ausdruckskraft und einer starken Identität ist sicherlich kein schlechter Weg, um in China einen Wettbewerb zu gewinnen. In der Auswahl von Entwürfen steht die Form im Vordergrund. Das lässt sich nicht abstreiten. Die Folge ist eine große Dichte an irgendwelchen irrsinnigen Bauwerken - ich nenne sie immer Wunderkakteen. Das ist eine kurzlebige Mode, unter der viele Städte leiden. Auch wir realisieren einige Exemplare dieser bildhaften Architektur. Doch die meisten Projekte von uns zeichnen sich durch Understatement aus. Ich trage meine hanseatische Herkunft mit Stolz - auch im Reich der Mitte.

Thema Ökologie?

Von Gerkan: China ist noch nicht auf dem gleichen ökologischen Level wie andere Länder. Doch ein Umdenken ist bereits im Gange. Es ist uns beispielsweise gelungen, in Guangzhou ein Hochhaus zu bauen, das ich noch nirgendwo sonst auf der Welt gesehen habe. An den sonnenexponierten Fassaden haben wir bewegliche Verschattungselemente vorgesehen. Die Wärmeeinstrahlung und die Belichtungsintensität kann man individuell regeln. Das ist ein Novum im Hochhausbereich.

Ist Nachhaltigkeit ein Imagefaktor?

Von Gerkan: Die wirklich große Bereitschaft, ökologisch zu handeln, ist nur bei jenen Investoren gegeben, die für sich selbst bauen. Die meisten Investoren stellen die Imagewerte anders zur Schau. Meistens sind das golden oder blau verspiegelte Fassaden oder ganz eigentümliche Ornamente an der Spitze des Gebäudes. Ich habe auch schon Pagodendächer gesehen. Aber das ist nicht nur ein chinesisches Phänomen.

Wie viele Projekte haben Sie in China bereits realisiert?

Von Gerkan: Ich weiß nicht genau, wie viele davon schon fertig sind. Aber insgesamt sind es 81 Projekte in ganz China.

In wie vielen Ländern bauen Sie?

Von Gerkan: Keine Ahnung. Ein Dutzend wird's schon sein. Neben China sind das vor allem Vietnam, Südafrika, Indien, Lettland und Polen.

Welchen Jahresumsatz macht gmp?

Von Gerkan: Schätzungsweise zwischen 40 und 50 Millionen Euro.

Welche Rolle spielt die Eitelkeit?

Von Gerkan: Eine große. Es macht keinen Sinn, es zu leugnen. Ja, ich denke, ich bin eitel. Ein Architekt wird von einer gewissen Anerkennung seiner Bauten in der Gesellschaft genährt. Gibt es Menschen, die sich davon nicht beeindrucken lassen?

Am 1. September wurde die Academy for Architectural Culture (AAC) eröffnet. Damit soll ein Spagat zwischen Europa und China gemacht werden. Welche Motivation steckt dahinter?

Von Gerkan: Ich habe diese Akademie gemeinsam mit meinem Partner Volkwin Marg gegründet. Am ersten Lehrgang, der im Oktober zu Ende gegangen ist, haben 16 Asiaten und 16 Deutsche teilgenommen. Tatsache ist: Viele Architekten sind heute sehr schlecht ausgebildet. Wir wollen den Studentinnen und Studenten unsere Erfahrungen und unsere Auffassung vom Bauen im Ausland vermitteln - und zwar mitsamt den damit verbundenen Chancen, Gefahren und Defiziten, mit denen man im Ausland bisweilen konfrontiert ist.

Gibt es einen Abschluss?

Von Gerkan: Wir geben den Studenten am Ende ein Zertifikat, das die erfolgreiche Teilnahme an einem der Workshops der Academy for Architectural Culture bestätigt. In Zukunft ist eine Kooperation mit der neugegründeten HafenCityUniversität in Hamburg (HCU) geplant. Wenn alles klappt, werden wir schon in wenigen Jahren einen vollwertigen Master-Studiengang anbieten können.

Wie wird das Programm finanziert?

Von Gerkan: Wir haben vor zehn Jahren begonnen, zehn Prozent unseres jährlichen Gewinns zu sparen und in eine Stiftung einzuzahlen, die wir eigens zu diesem Zweck gegründet haben. Wir haben jetzt ein Stiftungskapital von rund 10 Millionen Euro. Von den Zinsen, die wir daraus lukrieren, finanzieren wir die Akademie.

15. November 2008 Der Standard

Nicht ohne meinen Bauherrn

Was wäre die Architektur ohne ihre Auftraggeber? Sie würde nicht existieren. Als Dank dafür, dass sie es doch tut, gibt's den Bauherrenpreis.

Am Nachmittag setzen sie sich ins Café, reißen die Alufolie auf und beißen in ihr Butterbrot. „Eine klar definierte Jausenzeit gibt es bei uns nicht“, sagt Peter Perlot, Leiter des Kaysergarten-Horts in Innsbruck. „Unsere Kids sind autonom und können völlig frei entscheiden, wann und mit wem sie essen.“ Wenn der Appetit sie packt, dann ziehen sie sich zurück ins eigens eingerichtete Kindercafé. Selbstredend, dass es auch eine kleine Bar gibt, einen Kühlschrank und eine Vitrine für Kekse und Kuchen.

Das Kindercafé war ein Wunsch des Bauherrn. Und der Swimmingpool im Garten ebenso. Am gestrigen Freitagabend wurde der überaus innovative Hort und Kindergarten der IIG Innsbrucker Immobilien GmbH & Co KEG mit dem Österreichischen Bauherrenpreis ausgezeichnet. Einmal jährlich trommelt die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs (ZV) sämtliche Projektbeteiligte zusammen und ehrt all jene, ohne die eine solche feine und zum Schmunzeln erregende Architektur gar nicht erst möglich wäre - die visionären und stets auf Qualität bedachten Auftraggeber. Acht an der Zahl sind es heuer.

„Die Zusammenarbeit mit Architekt Johannes Wiesflecker war großartig“, erzählt der Kindergarten-Boss, „das Resultat ist dementsprechend hochwertig. Hier zu arbeiten ist ein Hammer und ein Privileg. Und deshalb freuen wir uns über die Auszeichnung.“ Asphalt am Boden und Beton an der Wand: Den Kids gefällt's. „Die Kinder haben keine Scheu vor dieser Ästhetik. Ganz im Gegenteil, sie haben unzählige Möglichkeiten der Gestaltung“, so Perlot.

„Der Bauherrenpreis bedeutet mir sehr viel, und ich bin sehr stolz“, erklärt auch Lydia Zettler, die in Hohenems den Freihof Sulz betreibt. Wie schon in den letzten zweihundert Jahren ist der Freihof ein Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft. Es beinhaltet ein Kulturzentrum, ein Wirtshaus sowie ein Geschäft mit Bioprodukten aus der Gegend. „Das Konzept ist bewährt und es funktioniert.“

Mithilfe von Architektin Beate Nadler-Kopf wurde der alte Hof behutsam saniert. Dass die heruntergekommene Baracke überhaupt noch gerettet werden konnte, sei nicht zuletzt der „Hartnäckigkeit und Ausdauer der Bauherrin“ zu verdanken - so steht's im Juryprotokoll.

Ein Geschäft ist auch Mittelpunkt des neuen Dorfzentrums der Gemeinde Langenegg, Vorarlberg. „Vor etwa 80 Jahren wurden an dieser Stelle zwei Gemeinden vereint“, blickt Bürgermeister Georg Moosbrugger zurück. „Das Einzige, dass es nicht gab, war ein Dorfzentrum, denn die Mitte der neuen Ortschaft war völlig leer.“ Architekturstudenten aus Liechtenstein und Innsbruck wurden angekarrt. Auf Basis ihrer Ideen wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Das Bregenzer Büro Fink+Thurnher, das als Sieger hervorgegangen war, schmiedete ein Ortszentrum aus einem Guss - mitsamt Kindergarten, Café und kleinem Supermarkt.

Ein letztes Mal Vorarlberg: Am steilen Südhang von Schlins steht ein Wohn- und Atelierhaus, das voll und ganz aus Lehm besteht (Planung Roger Boltshauser, Martin Rauch und Thomas Kamm). Die Lehm Ton Erde Baukunst GmbH, Auftraggeberin des ökologischen Projekts, ließ ihre Erfahrungen der letzten dreißig Jahre einfließen.

„Das Haus besteht von oben bis unten aus Aushubmaterial“, sagt der Firmeninhaber und Bewohner Martin Rauch. „In bautechnischer Hinsicht ist es wie eine afrikanische Lehmhütte, jedoch mit dem für uns gewohnten Komfort.“ Billiger sei das Gebäude trotz der großen Menge an Gratiserde keineswegs. „Das Teuerste ist die Arbeitszeit, und die ist bei einem Lehmhaus nicht zu unterschätzen.“

Rauch blickt in die Zukunft: „Eines Tages wird sich die ökologische Investition auch wirtschaftlich gerechnet haben. Das Haus hält gute 40 Jahre ohne Sanierung aus. Und die Entsorgung am Ende der Lebensdauer wird ein Kinderspiel.“ Erde zu Erde eben.

Durchaus exotisch ist auch die Apartmentanlage Sun II in Matrei, Osttirol. Mitten in den Ort ließ Bauherr Friedl Ganzer eine kompakte Wohnstadt bauen. Neun Wohnungen und Ferienapartments unterschiedlicher Größe finden darin Platz, das Wiener Architekturbüro Squid presste die dichte Packung in ein fesches Kleid. Von altbackener Tiroler Lederhose keine Spur.

Als visionäres Pflaster entpuppte sich heuer auch Salzburg. Gleich zwei Projekte bekamen den Bauherrenpreis verliehen. Die Gusswerk Eventfabrik GmbH kaufte in Salzburg-Kasern eine alte Glockengießerei aus der Zeit um 1900 auf und baute das gesamte Areal zu einem Hotspot für die Kreativwirtschaft um (Planung LP Architektur). „Das Bestandsobjekt hatte viel Charme, und den haben wir erhalten“, sagt Gusswerk-Geschäftsführer Markus Sillaber. Das gesamte Objekt sei bereits voll vermietet, der große Run habe selbst den Bauherrn überrascht. Ein weiterer Ausbau ist bereits angedacht.

Im dichten Stadtgefüge der Mozartstadt steht die sogenannte Alte Diakonie, ins Leben gerufen von der Diakoniewerk & Myslik Wohnbau Projekt-Gesellschaft mbH. Das ehemalige Diakonissen-Krankenhaus wurde saniert, umgebaut und um einen Neubau erweitert (Architekturbüro Halle1). „Von Anfang an war für uns klar, dass wir kein langweiliges Monoprojekt wollen“, sagt Geschäftsführer Josef Scharinger. „Wir wollten, dass hier Leute gerne wohnen und arbeiten, aber auch, dass die Vergangenheit des Ortes nicht zu kurz kommt.“ Will heißen: Es gibt Seminarräume fürs Diakoniewerk und sogar ein Gesundheits- und Fitnesszentrum auf tausend Quadratmeter Fläche.

Letzter Boxenstopp ist Wien-Leopoldau. Dort, wo die Großstadt nur noch aus sporadischen Häusern und weitläufigen Äckern besteht, ließ die Wiener Linien GmbH & Co KG eine Großgarage für ihre Autobusse bauen. Rund 150 Niederflurbusse verbringen hier ihre auf wenige Stunden verknappte Nacht, werden gewartet, gewaschen und mit Flüssiggas vollgetankt.

Freilich dreht sich in der Busgarage nicht alles nur um den Bus. Dass auch die 200 Angestellten und Busfahrer der Wiener Linien nicht zu kurz kommen, war ein dezidierter Bauherrenwunsch an die Wiener Architekten fasch & fuchs.

„Die Sichtbetonwände, die sich die Architekten gewünscht haben, stoßen bei den Mitarbeitern ehrlich gesagt nicht nur auf Gefallen. Aber das ist nun mal Geschmackssache“, sagt Kresmir Jukic, Projektleiter bei den Wiener Linien. „Das Wichtigste ist jedoch, dass sich die Leute in diesen Räumen wohlfühlen und dass es für sie eine ganz neue Erfahrung ist, so viel Tageslicht zu haben.“

Auf den gestern verliehenen Preis ist Jukic stolz: „Das Projekt ist einzigartig. Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass man eine Großgarage für Autobusse baut. Und dass man den Bauherrenpreis gewinnt, schon gar nicht.“

verknüpfte Auszeichnungen
- ZV-Bauherrenpreis 2008

25. Oktober 2008 Der Standard

Häuser schreiben, Häuser lesen

Zum Bauen kam Toyo Ito nur durch Zufall. Heute gilt er als einer der besten Architekten der Welt. Gespräch mit einem wunschlos unglücklichen Japaner.

Als Kind träumte der kleine Toyo davon, Baseball-Spieler zu werden. Doch daraus wurde nichts. Zu untalentiert, hieß es bei der Aufnahmeprüfung auf der Sportakademie. Also nahm das Schicksal den adoleszenten Ito bei der Hand und ließ ihn Architektur studieren. Aus dem anfänglichen Enfant terrible, das nichts als Roboter und Maschinen im Kopf hatte, wurde im Laufe der Jahrzehnte ein Meister der architektonischen Komposition.

Kürzlich wurde der japanische Architekt Toyo Ito mit dem Friedrich-Kiesler-Preis für Architektur und Kunst 2008 ausgezeichnet. Am 16. Oktober nahm er im Wiener Rathaus den mit 55.000 Eu- ro dotierten Preis entgegen (der Standard berichtete). „Sowohl seine architektonischen als auch seine theoretischen Überlegungen zu Themen wie Medialität und Technik gehören zum Avanciertesten und Einschlägigsten unserer Zeit“, sagte András Pálffy, einer der Juroren, in seiner Laudatio.

Nicht zu vergessen die Ästhetik. „Nein, es ist nicht so, dass ich gerade Linien nicht mag, aber die runden Formen sind mir schon seit Kindheitstagen lieber“, sagt Toyo Ito. Sie sind wie sein Charakter, wie sein tiefstes Inneres, meint er, rund und weich.

der Standard: Die meisten Architekten haben Stress und sehen älter aus, als sie sind. Sie kommen mit Ihren 67 Jahren frisch und fröhlich daher. Was ist Ihr Geheimnis?

Toyo Ito: Es ist ganz einfach. Bis zu meinem 40. Lebensjahr hatte ich nicht viel zu tun. Erst danach ist es richtig losgegangen. Das ist wohl der Grund dafür, warum ich heute aussehe wie 27.

Ursprünglich wollten Sie Baseball-Spieler werden. Was hat Sie umgestimmt?

Ito: Als ich in der Highschool war, habe ich Baseball gespielt. Ich war immer ein leidenschaftlicher Spieler, und für mich war klar, dass ich das eines Tages beruflich machen möchte. Doch als ich dann auf der Sport-Universität die Aufnahmeprüfung gemacht habe, bin ich durchgefallen. Das war's dann mit meiner Sportkarriere. Ich habe meine großen Pläne wieder verworfen.

Sport und Architektur sind recht unterschiedlich. Wie kam es dazu?

Ito: Da muss ich Ihnen kurz das japanische Universitätssystem erklären. In Japan gibt es keine reine Architektur-Fakultät. Sie müssen Ingenieurwesen inskribieren und haben dann die Möglichkeit, sich auf einen bestimmten Schwerpunkt zu konzentrieren. Nun, ich habe mich für dieses Studium entschieden, weil ich dachte: Wenn ich es schon sportlich zu nichts bringe, dann versuche ich es halt mit etwas Technischem. Ich hatte die Wahl zwischen Elektrotechnik, Maschinenbau, Ingenieurwesen und so weiter. Das alles schien mir zu kompliziert. Doch dann gab es noch Architektur. Das klang für mich etwas sozialer, etwas näher am Menschen.

Reiner Zufall also?

Ito: Viele können sich das gar nicht vorstellen. Aber ja, so könnte man das sagen.

Ihr erstes Büro, das Sie 1971 gegründet haben, hieß Urban Robot. Mögen Sie Roboter?

Ito: Nach meinem Studium habe ich begonnen zu arbeiten. Das waren die späten Sechziger, die Zeit von Archigram, die Zeit der Metabolisten. Ich war von dieser maschinenartigen Architektur unendlich fasziniert. Und so gründete ich das Büro Urban Robot. Doch die Bewegung war von kurzer Dauer. Ja, damals habe ich Roboter gemocht. Aus heutiger Sicht ist Urban Robot für mich so etwas wie ein verlorenes Kind, wie ein vergessenes Kind, das man eines Tages aus den Augen verliert.

Vom Roboterfan zum heutigen Toyo Ito ist es ein weiter Weg.

Ito: Seit damals ist viel passiert. Das Land hat sich sehr gewandelt. Den größten Umbruch brachten die Achtzigerjahre mit sich. Durch die Verbesserung der Wirtschaftslage sind die Menschen auf die Straße getreten, sie haben sich wieder in die Gesellschaft eingebracht. Das Leben war plötzlich wieder positiv. Davon bleibt auch ein Architekt nicht unberührt.

Ganz gleich, zu welchem Zeitpunkt: Japanische Architektur sieht immer japanisch aus. Woran liegt das?

Ito: Wirklich? Wenn man selbst mittendrin ist, fällt einem das gar nicht auf. Aber ich kann mir schon vorstellen, warum das so ist. Sie brauchen nur einen Blick auf unsere Schrift zu werfen. Schließlich ist Schrift ein sehr langlebiges und beständiges Kulturgut, das robust ist und viele Strapazen überdauert. Unsere Schrift hat ein sehr charakteristisches Schriftbild, es zeichnet sich durch abwechselnde Leere und Dichte aus. Manchmal haben Sie sehr viel konzentrierte Information an einem Ort, dann gibt es wieder einen großen weißen Leerraum dazwischen.

Welche Auswirkung hat das aufs Bauen?

Ito: Ein Wort hat niemals ein und dieselbe Bedeutung. Jedem Leser wird dadurch in der Interpretation ein gewisser Spielraum zugestanden. Das ist ein sehr schönes Verständigungssystem. Ich glaube, dass sich diese Ästhetik auf viele andere visuelle Ebenen in unserer Kultur niederschlägt. Auch auf die Architektur. Mit einem Wort: Wir bauen nicht, sondern wir schreiben. Wir sehen nicht, sondern wir lesen.

Das klingt nach einem sehr anstrengenden Stadtleben.

Ito: Ja, es gibt viel zu entdecken. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum japanische Architektur von Außenstehenden so oft als minimalistisch bezeichnet wird. Ich selbst würde in diesem Zusammenhang niemals von Minimalismus sprechen. Man möchte dem anderen etwas mitteilen und wählt zu diesem Zweck so viele Worte, wie eben nötig sind, um sich verständlich zu machen. In langlebigen Medien wie Kunst, Architektur und Literatur ist das unsere Sprache. Kurzlebige Medien wie Mode und Werbung bedienen sich oft einer anderen Sprache.

Sie sprechen über Architektur wie andere über Kunst. Sind Menschen außerhalb Japans genauso empfänglich und sensibel dafür?

Ito: Das ist eine Frage der generellen Entwicklung und Kultiviertheit eines Landes. Sie dürfen nicht vergessen, dass Japan eine sehr große handwerkliche Tradition hat. Bis heute ist es so, dass die Bauarbeiter auf der Baustelle einen großen Einfluss darauf haben, ob ein Bauwerk gelingt oder nicht. Wenn sie Spaß an der Arbeit haben und sich damit identifizieren, dann hat man am Ende ein gutes Projekt. Und wenn sie keinen Spaß an der Arbeit haben, dann wird man auch das dem Haus ansehen. Was ich damit sagen möchte: Die Sensibilität für jede Art von Materie ist in Japan in allen Gesellschaftsschichten ausgeprägt. In dieser Deutlichkeit habe ich das noch in keinem anderen Land entdeckt.

Ist das nicht frustrierend?

Ito: Doch! Als ich mich das erste Mal etwas intensiver mit dem Bauen im Ausland beschäftigt habe, war ich extrem frustriert. Ich dachte mir: Warum kriegen das die anderen nicht auf die Reihe? Ganz ehrlich: Ich bin der Meinung, dass man nicht die japanische Architektur in alle Welt exportieren sollte, sondern Bauarbeiter, Technik und Know-how. Das hätte mehr Sinn.

Was ist das Wichtigste am Bauen?

Ito: Architektur ist in der Regel das Ausdrucksmittel einer sehr konservativen und bürgerlichen Gesellschaftsschicht. Von einer Generation zur nächsten wird weitergegeben, wie ein Haus auszusehen hat und wie nicht. Viele Menschen merken gar nicht, wie sehr sie sich damit einem System unterwerfen. Doch es geht auch anders, denn mit einer guten und sensiblen Architektur kann man den Menschen das Leben vereinfachen, man kann es angenehmer machen. Das geht allerdings nur, wenn man kritisch genug ist, die Tradition, das angeblich immer schon Dagewesene objektiv zu betrachten und womöglich zu überdenken. Hier fordere ich den Architekten Scharfsinn und Kreativität ab.

Ihr größter persönlicher Wunsch für die Zukunft?

Ito: Alles, was ich bisher gemacht habe, befriedigt mich nicht wirklich. Ich bin jemand, der niemals zufriedenzustellen ist. Kaum habe ich ein Projekt fertiggestellt, denke ich mir: Ach, das hätte ich doch anders machen sollen! Um ehrlich zu sein: Einen großen Traum habe ich nicht. Ich will diese Skepsis beibehalten. Auch beim allerletzten Projekt, das ich eines Tages abschließen werde, möchte ich im Nachhinein zurückblicken können und sagen: Das wäre noch besser gegangen. In dem Moment, wo Sie das nicht mehr sagen können, sind Sie stehengeblieben.

11. Oktober 2008 Der Standard

Zeit für einen Tapetenwechsel

Architekt Denis Kosutiæ zeigt vor, wie man mit geringen Mitteln seinen eigenen vier Wänden einen neuen Look verpassen kann. Mit Farben, Tapeten und Möbeln machte er sich in einer Wiener Altbauwohnung ans Werk.

Ein Besuch bei Familie S. kann von großen Erkenntnissen begleitet sein. Beispielsweise könnte man draufkommen, dass man Ängste besitzt, von denen man zuvor gar nicht wusste, dass sie überhaupt existieren. Tapetenphobie würde man so etwas im Fachjargon nennen. Wer also glaubt, in Sachen Wandpapier übersensibel reagieren zu können, der möge sich mit diesem Artikel begnügen. Von einem Besuch vor Ort sei dringend abzuraten.

Nein, Familie S. hatte nicht immer schon ein Faible für Tapeten. Die kam erst mit dem Architekten Denis Kosutiæ. Einige Jahre wohnte man bereits in dieser gründerzeitlichen Wohnung in Wien Alsergrund. Eines Tages gefiel der alte Look nicht mehr. Die Zeit war reif für einen Tapetenwechsel. Kosutiæ nahm die Bauherren beim Wort und lieferte ihnen einen Entwurf, von dem sie sich so rasch nicht erholen sollten.

„Wir hatten uns nicht gekannt, und ich wurde nur wegen der Projekte auf meiner Homepage kontaktiert“, sagt der Architekt rückblickend. „Es gab ein genaues Briefing und einen vorgegebenen Kostenrahmen. Doch als ich die Pläne das erste Mal präsentierte, stand den Bauherren der Mund offen. Ich glaube, sie waren schockiert.“

Der Schock legte sich, es folgte ein klares Bekenntnis zum Risiko. „Ja, wir machen's“, sagten sie, und Kosutiæ machte sich an die Arbeit. Pläne wurden ausgefeilt, Details ausgearbeitet, Möbel ausgesucht, Tapeten bestellt. Das Wichtigste war jedoch, das Vorzimmer zu retten und dem übergroßen und fensterlosen Raum wieder eine Nutzung zuzuführen.

„Ich habe ein zweites Wohnzimmer vorgeschlagen, eine Art persönliche Lounge zum Zurückziehen, zum Lesen und Telefonieren.“ Heute stehen hier zwei große Fauteuils, Fundstücke aus der jahrelangen Sammeltätigkeit der Bauherren. Der durchgewetzte Stoff wurde gegen roten Samt ausgetauscht. Den passenden Hintergrund liefert eine schwarz-weiße Tapete mit ziemlich großem Blättermotiv.

„Die Bauherren haben großartige Möbel im Fundus. Von der Art-déco-Garderobe bis zur Kommode aus den Sechzigern gibt es so manches tolle Stück in dieser Wohnung“, erklärt der Architekt. Besonders reizvoll sei es jedoch, die historischen Möbel in einen neuen Kontext zu stellen. „Ich mag das, wenn man auf den ersten Blick nicht weiß, ob etwas alt oder neu ist.“

Fluoreszierende Wände

Auch im Esszimmer ist das Alter der Möbel nicht so leicht zu bestimmen. Sie entpuppen sich als Neuinterpretationen alter Klassiker. Um einen ovalen Tisch stehen sechs Plastic-Chairs von Charles und Ray Eames. Über alledem thront ein schwarzer Luster des Londoner Designers Jeremy Cole, eine Neuauflage der guten alten Artischocke, die Poul Henningsen im Jahre sich 1957 entworfen hatte. Mystisch bahnt sich das Licht seinen Weg von der Quelle bis zu den Schalen aus hoch glänzendem Kunststoff.

Im Hintergrund fliegen Kolibris über die Wände. Die knallroten Vögel haben einen Trumpf im Flügel: Sie sind mit fluoreszierender Farbe aufgedruckt, womit die dunkelblaue Tapete in der Nacht gänzlich anders aussieht als bei Tageslicht. „Diese konkrete Tapete ist vom britischen Hersteller Osborne & Little“, sagt Kosutiæ, „billig sind solche Produkte natürlich nicht, aber man darf ja nicht vergessen, dass man davon nur ein paar Rollen kaufen muss - und schon hat man es mit einer völlig anderen Wohnung zu tun.“ Und wenn man eines Tages vom raumgewordenen LSD-Tripp die Nase voll hat? Der Architekt, ganz entspannt: „Es ist nur eine Tapete.“

4. Oktober 2008 Der Standard

„Die Natur ist ein sozialer Raum“

Das Potenzial von Gärten ist groß und gehört ausgeschöpft, sagt die amerikanische Landschaftsarchitektin Jane Amidon.

Standard: Haben Sie einen Garten?

Jane Amidon: Ja, ich habe einen Garten. Doch er entspricht nicht unbedingt meinen Vorstellungen. Um ehrlich zu sein, sieht er ganz furchtbar und einsam aus. Das Problem ist, dass ich zwar Träume habe, aber keine Zeit. Ich bin zu beschäftigt.

Ein weitverbreitetes Vorurteil lautet, dass man einen Garten in unseren Breitengraden nur im Sommer nutzen kann.

Amidon: Ja, das ist leider ein Irrglaube. Jeder Freiraum, der uns umgibt, ist 365 Tage im Jahr in Gebrauch. Viele Leute haben ein sehr verzerrtes Bild und denken, ein Garten sei nur zum Liegen und Teetrinken da. Doch man kann einen Garten auch im Winter bestens nutzen. Alles nur eine Frage der Planung. Dass Gärten in der feuchten Jahreszeit große Dienste leisten, wird oft vergessen. Boden und Pflanzen binden nämlich jenes Wasser, das sonst direkt ins Abwassersystem fließen würde. Das ist ein wichtiger Faktor. Leider ist der Winter in den Köpfen der Menschen kaum existent.

Was genau stellen sich die Menschen unter Landschaftsarchitektur vor?

Amidon: Das, was man in den USA vorfindet, entspringt einer starken und omnipräsenten Industrie, die den Konsumenten permanent kontrolliert und ihm vorschreibt, was er schön zu finden hat. Die Leute fahren in den Bau- und Gartenmarkt und lassen sich dort von der Werbung inspirieren. Mit Landschaftsarchitektur hat das nichts zu tun. Ich wage zu behaupten, dass die Potenziale einer hochqualitativen Freiraumplanung in den USA maximal zu zehn Prozent ausgeschöpft sind. Mehr nicht.

In vielen Teilen der Erde gibt es eine große Gartentradition. Wie kann so eine Tradition so plötzlich enden?

Amidon: Das ist eine gute Frage, und ich kann sie Ihnen nicht wirklich beantworten. Vielleicht liegt das daran, dass die Gestaltung des öffentlichen Raumes in letzter Zeit stark zurückgegangen ist. Der Kostendruck zwingt scheinbar zu übermäßigen Einsparungen. Woran können sich Privatbauherren heute denn noch orientieren? Und so nehmen sie sich ein Beispiel an den Gartenmärkten und Blumenparadiesen. Das ist einfach und banal. Kreativität und Schönheit bleiben dabei auf der Strecke.

Manche zeitgenössischen Gartenanlagen bestehen aus rostigem Stahl und Glas, andere sogar aus Plastikflaschen, Feuer und Eis. Wie reagieren die Häuslbauer auf derart exzentrische Entwürfe?

Amidon: Exzentrische Entwürfe und Spiele mit den Elementen und Aggregatzuständen gibt es in der Landschaftsplanung schon seit den Sechzigerjahren. Das Phänomen ist also nicht neu. Eine devastierte Landschaft konnte man damals vor dem Hintergrund der Kunst zum Garten erklären, intakter Grünraum wiederum wurde angezündet und abgebrannt. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund sind die Leute heute nicht mehr so leicht zu schockieren, wie Sie glauben! Neu ist hingegen der ökologische Anspruch solcher Taten. Während man eine Wiese früher ausschließlich aus künstlerischen Gründen in Brand gesetzt hat, steckt heute immer auch ein ökologischer Zusatznutzen dahinter. Mit den neuen Technologien und mit den Erkenntnissen aus der Wissenschaft ist das überhaupt kein Problem mehr.

Wie groß ist denn die ökologische Bedeutung eines privaten Gartens hinterm Haus?

Amidon: Privatgärten spielen eine wichtige Rolle in der Entwicklung und in der Bewusstseinsschaffung. Internationale Symposien und Wettbewerbe wie etwa private plots sind gute Werbeträger und Multiplikatoren. Doch die ökologische Auswirkung der wenigen guten privaten Freiräume ist - zumindest heute noch - absolut unbedeutend. Der nächste Schritt wird sein, die öffentliche Hand zum Umdenken anzuregen. Ein guter natürlicher Freiraum in der Stadt hat nämlich nicht nur ökologische Auswirkungen, sondern ist vor allem auch ein sozialer Raum. Das wird allzu oft vergessen.

Wird das gelingen?

Amidon: Ziel ist es, Städte und Länder dazu zu bringen, dass sie eines Tages die Gestaltung der öffentlichen Garten- und Parkanlagen auf ihrer Tagesordnung stehen haben. Ich denke, dass die Chancen gut stehen, denn die jungen Generationen wachsen mit einem ganz neuen Bewusstsein auf, was nachhaltiges Denken betrifft. Und man darf nicht vergessen: Sie sind außerordentlich gute Networker.

4. Oktober 2008 Der Standard

Ein Zwerg macht noch keinen Garten

Landschaftsarchitektur ist in Österreich ein Mauerblümchen. Dank des Internationalen Gartensymposiums könnte sich das bald ändern.

Fachleute aus aller Herren Länder trudelten letzten Samstag in Langenlois ein, um gemeinsam zu lauschen, wie es denn um die Gartenkunst bestellt sei. Mit großer Erwartungshaltung stürmten sie am frühen Vormittag das Loisium Hotel. Internationale Landschaftsarchitektinnen und Freiraumplaner schöpften aus dem Vollen und gaben ihre Erfahrungen zum Besten. Lachen und Klagen nicht ausgeschlossen.

Doch wer glaubt, beim längst etablierten Gartensymposium private plots handle es sich um irgendeine öde Blumenkistl- und Thujenheckenkonferenz, der irrt - und zwar gewaltig.

Der Pariser Architekt Edouard François etwa präsentierte L'immeuble qui pousse, das wachsende Haus. Das Wohngebäude in Montpellier verschwindet hinter einer Fassade aus Gabionenkäfigen. In den Schotterspalten haben sich Blumen und Kräuter angesiedelt. Aus dem Gestaltungsbüro Inside Outside der Niederländerin Petra Blaisse wiederum hörte man von Gärten und Platzgestaltungen an der Schnittstelle zwischen innen und außen.

Jane Amidon aus Ohio (siehe Interview) ging der Frage nach, welche ökologischen und gestalterischen Tricks man in der Natur anwenden kann, und präsentierte experimentelle Algengärten, eine aufklappbare Wiese für unterwegs oder etwa einen Biogarten, der direkt an das Abfallrohr einer Toilette angeschlossen ist. Mögen die Zucchini prächtig gedeihen.

Man dürfe mit den Plänen und Entwürfen ja nicht übertreiben, sagte der belgische Landschaftsplaner Erik Dhont, doch einer Sache solle man stets gewahr sein: „Ein Garten wird niemals perfekt sein. Doch genau diese Unperfektheit ist es, die die Schönheit ausmacht.“

Große Tradition - und heute?

Kreativität in der freien Natur ist nichts Neues. „Ein Blick auf die Kulturgeschichte der Gärten zeigt, dass private Freiräume immer schon Orte der Innovation waren“, sagt Initiatorin Karin Standler, die das Symposium gemeinsam mit ihrem Kollegen Robert Froschauer bereits zum dritten Mal ins Leben rief. „Aber nicht immer werden die Potenziale ausgeschöpft. Hinzu kommt, dass innovative Gartenkultur wenig publiziert wird.“

Was in den Gartenmagazinen zu sehen ist, habe mit Landschaftsplanung nur wenig zu tun. Hobbygärtner gehen der Hecke an den Kragen, Teiche werden ausgebuddelt, Gartenzwerge hingestellt.

Wie man es besser machen kann, beweist der internationale Wettbewerb, zu dem im Vorfeld des Symposiums geladen wurde. Aus insgesamt 71 Einreichungen aus 17 Ländern weltweit wurden drei Projekte preislich gekürt, drei weitere wurden lobend erwähnt. Den neuartigsten und konsequentesten Ansatz lieferte der 24-jährige belgische Jungspund Albéric Moreels - und kassierte den mit 7000 Euro dotierten ersten Preis.

Moreels' Eingriff in den historischen Garten einer denkmalgeschützten Stadtvilla in Gent ist simpel, aber radikal: Die Symmetrie der Gartenanlage wird von organischen Holzskulpturen durchbrochen. Eines Tages werden sie unter stacheligen Kletterrosen begraben sein. Bei Dunkelheit lodert der Garten im roten Licht.

„Der Jury war es wichtig, ein Projekt auszuwählen, das ein Statement ist und nicht nur ein weiterer hübscher Garten“, erklärt Standler, „der ökologische Ansatz, die Low-Budget-Haltung und die Symbiose von Alt und Neu sind in dieser Form eine Rarität.“

Den zweiten Platz holte sich das Schweizer Büro Hager International mit einem Freiraumkonzept für eine aufgelassene Tankstelle in Berlin, die heute als Wohnatelier genutzt wird. Platz drei erging an den Brasilianer Carlos Teixeira mit seinem sogenannten Prothesis Garden in Nova Lima, wo Architektur und Natur beinhart aufeinandertreffen - Naturprothesen eben.

Im Vergleich zu den prämierten Gartenanlagen aus aller Welt leidet Österreichs grüner Daumen offenbar an einer ausgeprägten Form der Gicht. private plots liefert die nötige Medizin.

[ Preisträger und Anerkennungen unter www.privateplots.at. Zum Symposium ist das Buch „best private plots 08“ erschienen - mit einer Beschreibung aller nominierten Projekte. ISBN 978-3-9502424-1-6 ]

4. Oktober 2008 Der Standard

Ein Canyon voller Baustoffe

In Nußdorf steht ein Haus, das erst auf den zweiten Blick überzeugt. Architekt Gerhard Steixner kreierte ein in jeder Hinsicht auffällig unauffälliges Gebäude - mit Wohlfühlfaktor.

Am nordwestlichen Stadtrand von Wien liegt das beschauliche Nußdorf. Keine Hektik, wenig Verkehr, ein linierter Teppich aus Weinreben liegt gemütlich auf den Hängen. Dass das kleine Arkadien von jeher ein Hort zeitgenössischen Bauens ist, geht in der Vorstadtromantik jämmerlich unter. Nur gelegentlich drängt sich zwischen all die güldenen Pfortenknäufe und hölzernen Dachverschläge ein Stück moderner Architektur.

Ernst Hiesmayrs ehemaliges Atelier steht hier, wenig weiter wohnt der Architekt und Statiker Wolfdietrich Ziesel in einem auffälligen Konstrukt aus den Sechzigerjahren, und der gute alte Rupert Falkner traute sich einst sogar, eine größere Wohnhausanlage hierherzustellen.

Die Aufsehen erregende Villa M. von Gerhard Steixner, die letztes Jahr fertiggestellt wurde, fügt sich perfekt in diese Umgebung. Kein Eckerl des Hauses möchte modisch sein, keines schreit nach Design der Jahrtausendwende. „Mir war wichtig, dass der ästhetische Genuss von Dauer ist und dass man dem Haus nicht auf Anhieb das Entstehungsjahr ablesen kann“, erklärt Steixner.

Materialvielfalt, Zeitlosigkeit

Wie ein Urlaubsdomizil steht das auffällig unauffällige Haus auf dem geböschten Grundstück. Unterschiedlichste Baustoffe treffen an den Fassaden unverhofft auf- einander. Von Materialreduktion hält Steixner nicht viel: Glas, Stahl, Ziegel, Naturstein, Niro, Aluminium, Lärchenholz, Fichte, Kunststoff, Putz und nackter Beton.

Doch auf den zweiten Blick wird klar: Was eben noch zusammengewürfelt schien, fügt sich sogleich zu einem stimmigen Ganzen. „Wir wollten kein modisches Haus, das gerade voll im Trend liegt“, sagen die beiden Bauherren, „sondern ein Projekt, das individuell auf uns zugeschnitten ist und das uns auch noch übermorgen gefällt.“

Man betritt das Gebäude an der Seite. Die Mitte des 330 Quadratmeter großen Gebäudes gehört dem Nichts. Ein riesiger Luftraum durchsticht alle drei Wohnebenen und verbindet sie mit frei geführten Stiegen und Stegen. Während sich unten Sauna, Dampfbad, Gästezimmer und Garderobe befinden, beginnt das eigentliche Wohnen einen Stock höher.

Im Norden liegen Küche und Essplatz, über raumhohe Schiebetüren tritt man hinaus in den Garten. An der lauschigen Rückseite des Hauses kann man gemütlich frühstücken. Auf der anderen Seite des Hauscanyons liegt das Wohnzimmer. „Hier kommt die Lage des Hauses mitsamt Vogelgezwitscher richtig zum Tragen“, schwärmen die Bauherren, „abends sitzen wir in den weißen Lümmelfauteuils und schauen hinaus in den Park.“

Luftiges Stiegensteigen

Bibliothek und Kamin erklären diesen Bereich zum zentralen Lebensort im Haus. Wo es intimer wird, gibt es einen Materialwechsel im Boden. Statt Kalkstein regiert nun die Wärme dunklen, geölten Merbau-Holzes.

Eine luftige Treppe führt weiter hoch in den Privatbereich. Wer hier geht, muss einen sicheren Tritt haben. Auf der rechten Seite hat man den Handlauf im Griff, auf der linken Seite nur den ungetrübten Blick ins Grüne.

Wie in einem kitschigen Märchen befindet sich der Badebereich auf einer Empore. Beim Duschen, Planschen und Zähneputzen kann man sich lautstark durchs ganze Haus singen und bei Bedarf vom Badebalkon hinunterwinken. Dass man sich währender Morgenkosmetik mit dem Ehepartner, der in der Küche bereits den Kaffee zubereitet, unterhalten kann, habe nur Vorteile. „Wir wohnen hier zu zweit. Vor wem sollen wir uns denn verstecken?“

20. September 2008 Der Standard

Spinnen irren nicht

Die HafenCity Hamburg ist die größte Baustelle Europas. 15 lange Jahre werden Bagger und Kräne noch ihre Runden drehen, doch schon jetzt geht die Retortenstadt an der Elbe mit Beispiel voran.

Wenn es dunkel wird, macht sich Anja Nioduschewski auf den Weg. Gummihandschuhe, Einmachglas und Pinzette gehören zur Grundausstattung der gelernten Biologin. Lange muss sie nicht suchen. Nach wenigen Schritten beugt sie sich zum Brückengeländer, stülpt das Glas übers Spinnennetz und fängt den fetten Achtbeiner ein. „Das ist aber ein großes Weibchen“, stellt Nioduschewski mit Begeisterung fest - und ab ins Labor.

Die Brückenspinne, lateinisch Larinioides sclopetarius, ist wahrscheinlich das Allerletzte, an das die Projektentwickler und Investoren der HafenCity in Hamburg gedacht haben. Doch mittlerweile ist das neue Stadtviertel an der Elbe von Abermillionen Arachniden bevölkert, ja regelrecht in Besitz genommen. Sie wohnen zwischen Geländerstäben, in Mauernischen und Lüftungsrohren oder lauern in bester Lage im direkten Lichtkegel der Laternen.

Im Auftrag der Investoren sucht Nioduschewski nun nach physikalischen, chemischen und baulichen Maßnahmen, um die Spinnenplage einzudämmen. Ziel ihrer Untersuchungen ist es, einem möglichen Wertverlust der Grundstücke frühzeitig entgegenzuwirken. Aussichtsreichste Bekämpfungsstrategie ist der großflächige Einsatz von Natriumdampf-Lampen, deren warmes, gelboranges Licht sämtlichen Insekten und Spinnentieren ein Gräuel ist.

„Die Brückenspinnen sind ein marginales Thema“, beruhigt Jürgen Bruns-Berentelg, Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH, Spinnen habe es in der Hafengegend immer schon gegeben. „Natürlich versuchen wir, das Aufkommen der Tiere ein wenig einzudämmen, doch als Problem würde ich das nicht bezeichnen. Die einzige Herausforderung besteht darin, dass die Bewohner ihre Fenster wahrscheinlich öfter putzen müssen, als sie es anderswo gewohnt waren.“

Schon heute zählt die HafenCity Hamburg 1500 Einwohner. Nach Fertigstellung des neuen Stadtteils in den Jahren zwischen 2020 und 2025 wird es hier rund 5500 Wohnungen geben. Hinzu kommen 40.000 Arbeitsplätze, ein Schiffsterminal, zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten und diverse Kultureinrichtungen wie das Science Center von Rem Koolhaas oder die Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron (siehe BIld).

Damit ist die HafenCity die größte Baustelle Europas, geplant und ausgetüftelt von Städteplanern, Architekten, Soziologen, Designern und Immobilienmaklern. Die Gesamtinvestition beläuft sich, über Jahrzehnte verteilt, auf 5,5 Milliarden Euro.

Öffentliche Verantwortung

Eine völlig neue Stadt in der Stadt? Wer schon mal in Brasília oder in einer Retortenstadt heutiger Tage gestanden hat, der weiß, dass der Neubau ganzer Städte nichts Gutes zu verheißen mag. Schauderhafte Leere macht sich breit, der Mensch wird zum Handlanger der Utopisten, von städtischer Lebendigkeit keine Spur.

„Natürlich besteht wie in jedem neu gebauten Stadtviertel die Gefahr, dass eine sterile Urbanität entsteht“, erklärt Bruns-Berentelg auf Anfrage des Standard, „doch genau aus diesem Grund haben wir diesem Umstand auf breiter Basis vorgebeugt.“ Anders als in einer künstlichen Retorte schafft man hier einen Stadtteil, der an die bestehende Innenstadt angeknüpft ist. Zwei Stationen mit der neuen U-Bahn-Linie U4, an der gerade gebuddelt wird, und schon ist man mitten im Zentrum.

Die wichtigste Errungenschaft ist jedoch die Tatsache, dass Hamburg seiner ureigentlichen Aufgabe als Stadt in bester Manier nachgekommen ist. Sowohl Stadtregierung als auch die HafenCity Hamburg GmbH ließen bei den öffentlichen Gemeinschaftsplätzen und beim Gesamtbild der neuen Hafenstadt nicht locker. Projektentwickler und Investoren wurden vertraglich dazu verpflichtet, für jedes einzelne Gebäude einen eigenen Wettbewerb auszuschreiben.

Zeitgemäße Energiekonzepte dürfen dabei ebenso wenig fehlen wie hieb- und stichfeste Nutzungsvorschläge für die Erdgeschoßzone. „Wir haben darauf geachtet, dass im Erdgeschoß gemischte Nutzungen vorgesehen werden, die nicht nur dem Einzelhandel dienen“, so der HafenCity-Geschäftsführer. „Wir wollen keine Monostrukturen und auch keine Indoor-Shoppingflächen ohne jeden Bezug zum Außenraum.“

Damit die „Gentrification“, also die künstliche Aufwertung und Preissteigerung des Viertels, nicht schon beginnt, bevor die HafenCity überhaupt fertiggestellt ist, wird ein Teil des Mietwohnbaus für bestimmte Zeit eingefroren. Damit ist die Leistbarkeit mittelfristig sichergestellt.

„Wir bieten im Wohnsegment ein großes Spektrum und möchten damit unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ansprechen“, sagt Jörn Walter von der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Natürlich seien die Vorgaben für Investoren sehr spekulativ. Sollte die Vermietung zu wünschen übrig lassen, werde die Stadtregierung in die Bresche springen und selbst Büroflächen anmieten. Das ist der Deal.

Die Resonanz auf die HafenCity ist zum großen Teil positiv. Der Spiegel und Die Welt, Arte und 3sat berichten regelmäßig von der Baustelle an der Elbe. Kritik bleibt freilich nicht aus. Zu teuer, zu leblos, zu durchkomponiert. Und dann auch noch die Spinnen.

Jürgen Brus-Berentelg bleibt gelassen: „Ein erstes repräsentatives Bild wird man sich erst im Sommer 2010 machen können, wenn der erste Bauteil fertig sein wird. Aber Sie brauchen nur an einem Wochenende durch die HafenCity spazieren gehen, und Sie werden sehen, was für ein Brückenschlag hier gelungen ist.“

Menschen sitzen auf den Stufen, tanzen argentinischen Tango und brettern mit Skateboards über die Brüstungen. Für ein Areal, über das sich noch für lange Zeit täglich neuer Baustellenstaub legen wird, ist das ein verblüffend gutes Zeugnis.

Zu verdanken ist das nicht zuletzt den sogenannten „weichen Faktoren“. Denn nicht nur an Häusern wird hier emsig gebaut, sondern auch an einer regen Nachbarschaft. Den Bewohnern wurde der Aufbau sozialer Organisationen angeboten. Mittlerweile gibt es in der Elb-Retorte Sportvereine, Kulturforen und Spielverbände. Die Grundschule, die kommendes Jahr eröffnet, wird in den Abendstunden als Community-Center dienen.

Lernen aus alten Fehlern

Gibt es Ängste, dass man eines fernen Tages über das Hamburger Projekt ähnlich denken wird wie heute über Astana, Brasília und Chandigarh? „Dass man in 50 oder 60 Jahren durch die HafenCity geht und mit Entsetzen an den Bau dieser Stadt zurückdenkt, schließe ich kategorisch aus. Wir sind auf einem völlig anderen Wissensstand als damals und sind sehr behutsam und interdisziplinär an die Bauaufgabe herangegangen.“

Eine Stadt kann niemals perfekt sein. Schon gar nicht, wenn sie innerhalb kürzester Zeit nach Plan wachsen muss. Mit großer Gewissheit kann man davon ausgehen, dass trotz allen Wissensfortschritts auch heute noch massive Fehler begangen werden. Erkennen wird man sie erst in Jahrzehnten.

Aber eines kann man jetzt schon sagen: Das Schlimmste wurde abgewehrt. Denn die Vorgehensweise der Stadtregierung und der Projektentwickler ist weltweit einzigartig. Viele Städte könnten sich daran ein Beispiel nehmen. So schlecht kann das Leben in der neuen HafenCity nicht sein. Der Großteil der Bevölkerung hängt schon längst in ihren Netzen und will nicht fort von hier.

Eine Baustelle erwacht zum Leben. Die neue HafenCity Hamburg ist zwar erst in Teilen besiedelt und bewohnt, doch ein netter Sonntagsspaziergang und eine argentinische Milonga sind schon drin. Fotos: HafenCity Hamburg GmbH, Elbe & Flut

Gibt es Ängste, dass man eines fernen Tages über das Hamburger Projekt ähnlich denken wird wie über Astana, Brasília oder Chandigarh? - Nein, das schließe ich kategorisch aus.

13. September 2008 Der Standard

Jeder Raum braucht einen Plan

Grundlage allen Planens und Bauens ist die Raumordnung. Was sich hinter dem Begriff verbirgt, erklärt Adolf Andel, Direktor des Österreichischen Instituts für Raumplanung.

Vor zwei Wochen gingen in Alpbach die diesjährigen Architekturgespräche zu Ende. der Standard berichtete. Und zwar darüber, dass Österreich zu einem desaströsen Siedlungsteppich ausartet. Darüber, dass Österreich EU-weit die höchste Dichte an Einzelhandelsflächen aufweist. Oder etwa darüber, dass die Alpenrepublik nach Zypern und Luxemburg europaweit das Land mit dem längsten Straßennetz pro Kopf ist.

Die Kritik galt nicht zuletzt der Raumplanung. Es dauerte keinen Tag, schon flatterte uns ein Leserbrief ins Haus. „Wie bitte?“, fragte Adolf Andel, Direktor des Österreichischen Instituts für Raumplanung, ganz empört. Woran genau solle die Raumplanung schuld sein? Am Wachstum der Städte? An den monofunktionalen Siedlungswüsten? Oder gar an den Einkaufszentren und Supermärkten, die am Stadtrand wie Schwammerl aus dem Erdboden sprießen? Mit dem vorliegenden Interview rücken wir den bisweilen nebulosen Begriff der Raumplanung ins richtige Licht.

der Standard: Seit wann gibt es Raumplanung?

Andel: Seit etwa 3000 Jahren.

Ich muss mich klarer fassen: Seit wann gibt es in Österreich Raumplanung als eigene Berufssparte?

Andel: Die Raumplanung als akademische Ausbildung gibt es in Österreich seit den Siebzigerjahren. Raumplanung ist somit eine relativ junge Fachdisziplin. Entstanden ist sie nicht zuletzt als Folge der Nachkriegszeit, in der das Bauen bisweilen sehr unliebsame Formen angenommen hat.

Kann sich ein Laie unter Raumplanung überhaupt etwas vorstellen? Meistens liest man darüber in Zusammenhang mit Begriffen wie Zweitwohnsitz und Minarett.

Andel: Als ich begonnen habe zu studieren, hat das Fach noch Raumplanung und Raumforschung geheißen. Die Einen haben gedacht, ich möchte Innenarchitekt werden. Und die Anderen haben mich gefragt, ob ich denn verrückt sei, in Österreich Raumforschung zu studieren. Da möge ich doch lieber gleich zur Nasa gehen. Bis heute gehört es zum Schicksal der Raumplanung, dass es noch niemandem gelungen ist, ein klares Profil dieser Profession zu zeichnen.

Sind Sie als Raumplaner mit der Situation in Österreich zufrieden?

Andel: Nein, mit dem Zustand der räumlichen Entwicklung bin ich ganz und gar nicht zufrieden. Zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was ist, gibt es Differenzen.

Wie kommt es, dass Österreich so ein zerfledderter Siedlungsteppich ist?

Andel: Das Erscheinungsbild der Welt, das uns entgegentritt, ist wie ein Fingerabdruck der Bewusstseinslage und der Machtverhältnisse einer Gesellschaft. Unter Umständen gibt uns die Landschaft Auskunft über die ökonomischen, politischen und soziologischen Strukturen des jeweiligen Landes.

Das würde bedeuten, dass die Peripherie der österreichischen Städte ganz in der Hand von Investoren und Gewerbetreibenden liegt.

Andel: Sie suchen nach einem Schuldigen für den Siedlungsteppich und schon haben Sie einen Kardinalfehler begangen! Einem einzigen Akteur oder einer Branche die Verantwortung für das Erscheinungsbild einer Stadt oder einer Gegend zu geben ist zu einfach. Wir sind am richtigen Weg, wenn wir uns der Komplexität der Materie bewusst werden. Raumplanung ist ein dynamischer Prozess, an dem viele einzelne Personen, Interessen und Disziplinen beteiligt sind. Unter anderem ist Raumplanung eine analytische, kommunikative und kreative Dienstleistung für Wirtschaft und Politik.

Hören Wirtschaft und Politik denn darauf, was Raumplaner zu sagen haben?

Andel: Das ist ein anachronistisches Bild von Autoritätsgläubigkeit. In der heutigen Zeit ist das realitätsfremd. Es hat ja totalitäre Regime gegeben, in denen raumplanerische Masterpläne von der Politik und Wirtschaft umgesetzt wurden. Das war nicht die glorreichste Zeit unserer Geschichte. Von diesen technokratischen Vorstellungen sind wir Gott sei Dank abgekommen.

Österreich hat Bauland-Reserven im Umfang von 50 Prozent der bereits bebauten Fläche. Wie kommt dieses Übermaß zustande?

Andel: Die Ausweisung von Bauland fällt in den Aufgabenbereich der Gemeinden. Leider findet sich kaum eine Landesregierung, der es gelingt, sich den massiv vorgetragenen Entwicklungswünschen einzelner Gemeinden zu widersetzen. Die großen Bauland-Reserven sind unterm Strich nichts anderes als das Aufsummieren einzelner Idealvorstellungen. Zufriedenstellend ist das nicht.

Bis heute gibt es kein einheitliches Raumordnungsgesetz. Warum eigentlich nicht?

Andel: Ein Bundes-Raumordnungsgesetz würde uns nicht weiterhelfen. Da wäre es schon sinnvoller, die neun Bauordnungen zu vereinheitlichen und dafür zu sorgen, dass nicht jedes Bundesland sein eigenes Naturschutzgesetz hat.

Wien ist das einzige Bundesland, das über gar keine verbindliche Raumplanung verfügt.

Andel: Wien hat seit je eine große Tradition der übergeordneten Entwicklungsplanung. Ich denke da nur an die Donauregulierung, an den Grüngürtel oder etwa an den Stadtentwicklungsplan. Besonders innovativ ist der STEP 05. Darin werden strategische Zielgebiete ausgewiesen.

Der STEP ist lediglich eine Empfehlung, verbindlich ist er nicht.

Andel: Wien hat eine sehr umfassende Bauordnung und einen ebenso umfassenden Flächenwidmungsplan. Glauben Sie mir: Das Fehlen eines Raumordnungsgesetzes ist kein Engpass in dieser Stadt. Ganz im Gegenteil: Wäre der STEP 05 verbindlich, würde man der Stadtplanung nichts Gutes tun.

Wie kommt es dann, dass in Wien Stadtteile entstehen, die nicht einmal über einen hochwertigen öffentlichen Anschluss verfügen?

Andel: Vonseiten der Stadtplanung wurden viele richtige Entscheidungen getroffen, aber auch einige weniger richtige, um es mal elegant zu formulieren. Es ist passiert. Überall dort, wo die Raumplanung teilnehmen konnte, hat sie sehr Verdienstvolles für die Stadtentwicklung beigetragen. Auch das Verhindern von Fehlentwicklungen gehört dazu.

Das heißt, dass am Wienerberg und am Monte Laa die Verhinderung nicht gelungen ist?

Andel: Bei diesen beiden Entwicklungszonen könnte man sicherlich unzählige Untersuchungen anstellen, wie sich die Machtverhältnisse der Stadt in diesem konkreten historischen Abschnitt abgespielt haben. Reinhard Seiß hat das in seinem Buch Wer baut Wien? ja bereits gemacht. Lediglich aufzuzeigen, wie es nicht geht, ist auf lange Sicht allerdings zu wenig.

Welche Fehlentwicklungen sind derzeit im Gange?

Andel: Die Erhöhung der Pendlerpauschale wäre so ein Beispiel. Das ist eine sozialpolitisch motivierte Entscheidung, die in höchstem Maße Auswirkungen auf die Raumplanung hat. Eine höhere Pendlerpauschale ist zwar kein Anreiz, in den Speckgürtel hinauszuziehen. Die Mobilität erleichtert sie allemal!

Die Wege werden länger, die Mobilität steigt, der Energiebedarf nimmt zu. Werden wir uns die Stadt der Zukunft noch leisten können?

Andel: Lassen Sie es mich so sagen: Eine lineare Fortsetzung der Entwicklung der letzten 15 Jahre wäre nicht zweckmäßig. Das würde nicht nur die öffentlichen Haushalte überfordern, sondern auch die Budgets der Familien.

Was muss geschehen?

Andel: In der Wirtschaft und Politik muss die Lernkurve steigen. Dazu gehört, dass wir beginnen, in längeren Zeiträumen zu denken. Ein Zukunftsszenario von drei oder vier Jahren ist zu kurz. Privatinvestoren und öffentliche Hand müssen dazu übergehen, in Schritten von 10 oder 20 Jahren zu denken.

Und wenn kein Umdenken eintritt?

Andel: Ich bin kein Weltuntergangs-Prophet. Und das ist gut so, denn nach heutigem Wissensstand sind noch alle Weltuntergangs-Propheten falsch gelegen.

6. September 2008 Der Standard

Stadt ohne Worte

Seit über einem Jahr sind die Straßen in São Paulo frei von jeder Werbung. Auch anderen Städten verschlägt es bisweilen die Sprache

Knapp zwei Jahre ist es her, dass in São Paulo beschlossen wurde, die ganze Stadt zu säubern und die Werbung von den Häusern zu reißen. Videoscreens wurden demontiert, Leuchtreklamen entfernt, Feuermauern übermalt. Das sogenannte „Gesetz der sauberen Stadt“ war eine der ersten Amtshandlungen des Neobürgermeisters Gilberto Kassab. „Ich meine es ernst. Wir müssen aufs Ganze gehen“, sagte er damals, „bei elf Millionen Einwohnern kann man unmöglich im kleinen Rahmen agieren. Man muss radikal sein und rigorose Maßnahmen ergreifen.“

Am 1. März 2007 ist die Schonfrist abgelaufen. Außenreklamen und Firmenschilder sind seit diesem Tag strengstens verboten, das Anbringen wird mit saftigen Strafen geahndet. Ein Quadratmeter illegaler Außenwerbung kostet den Eigentümer knapp 400 Euro. „Mit dem Reklame-Gag wurde Kassab sofort zum populären Saubermann“, bemerkt Carl D. Goerdeler in einem Essay, der im Wirtschaftsmagazin brand eins erschienen ist. Doch nicht ohne Folgen: „Selbst auf der noblen Avenida Paulista fällt die Orientierung schwer. Wo sind die Wahrzeichen der Stadt geblieben?“ Und die Rua Augusta, einstige Prachtstraße im Zentrum der Stadt, beklagt der Autor, sehe heute aus wie ein gerupftes Huhn.

Der brasilianische Architekt Vasco Caldeira formuliert es auf seine Weise: „Die Stadt hat vor der Aktion hässlich ausgesehen. Und sie sieht nach der Aktion hässlich aus. Nur halt anders.“ Caldeiras ist mit seiner Meinung jedoch in der Minderzahl. Denn trotz der kargen Erscheinung findet die Säuberungsaktion in São Paulo viele Anhänger. Ein Großteil der Paulistas - manche Tageszeitungen sprechen gar von 70 Prozent der Bevölkerung - ist mit dem Verschwinden von Text und Bild zufrieden.

Endlich wieder Nacht

„São Paulo war immer ein Meer von visueller Verschmutzung. Die Stadt ist hinter Werbeflächen verschwunden, die Slogans und Claims der großen Brands waren überall, und es gab kein Entkommen“, erinnert sich der Ausstellungsbauer Antonio Vieira Paschoalique. „Heute wirkt São Paulo aufgeräumt, ästhetisch, ja völlig anders, als es jemals war.“ Und noch etwas: „Endlich gibt es in der Stadt wieder Dunkelheit, endlich gibt es wieder Nächte.“

Die fehlende Helligkeit hat Konsequenzen: Seitdem das Licht aus ist, fühlen sich die Leute auf der Straße nicht mehr sicher. Manche sprechen sogar davon, dass die Kriminalität wieder angestiegen sei. Der größte Verlierer ist allerdings die Wirtschaft. Einzelhandelsleute und Handwerker haben ihre Jobs verloren, ein ganzer Industrie- und Dienstleistungszweig ist angesichts der kaum noch benötigten Werbung zusammengebrochen. Kein Mensch braucht heute noch Leuchttafeln, Klebebuchstaben, großflächige Fassadenmalerei.

Der US-amerikanische Plakatwerber Clear Channel Communications, der sich erst vor einigen Jahren am brasilianischen Markt eingekauft und einen Großteil der Rechte am Plakatmarkt erworben hat, ist alles andere als begeistert. Er interpretiert das Verschwinden der großflächigen Werbeflächen als Kulturverlust. Seine letzte Kampagne für São Paulo lautete: „Es gibt einen neuen Film auf allen Plakaten ... Was für Plakate? Außenwerbung ist auch Kultur.“

Einen marginalen Einblick in einen derartigen Sprachverlust gewährte die Kunstinstallation Delete! im Juni 2005. Für die Dauer von zwei Wochen wurde ein Teil der Neubaugasse in Wien von jeglicher Werbung befreit. Die beiden Initiatoren Christoph Steinbrener und Rainer Dempf sprachen dabei von der „Entschriftung des öffentlichen Raums“. Geschäftsportale, Schriftzüge, Schilder und Plakate wurden mit knallgelber Folie überzogen. Die Stadt verstummte. Gelegentlich blitzte unter der Folie noch die Kontur eines Logos durch.

„Wien ist, wie uns scheint, mehr mit Werbung zugepflastert als andere europäische Städte“, sagen die beiden Künstler, „in Wien gibt es 6000 großflächige Werbeflächen, in Paris, das um ein Vielfaches größer ist, sind nur etwa 2000.“ In gewisser Weise funktioniere das Projekt wie eine Schule des Sehens: „Durch den Eingriff des Überdeckens wird der Blick auf andere Dinge gelenkt. Motive, die in der Stadt zwangsläufig untergehen, weil sie etwa nicht hinreichend farbig sind, bekommen plötzlich wieder Bedeutung.“

Stadt ist ein Ort der Zeichen

Die Sprache des öffentlichen Raums gehört ohne Zweifel zur Stadt des 20. und 21. Jahrhunderts. Ohne Schrift erscheint sie uns fremd. Denn - wie der Literaturwissenschafter Karlheinz Stierle schreibt: „Die große Stadt ist ein Zeichenort oder eine Semiosphäre. Je größer die Stadt, desto geringer ist in ihr die Chance der direkten sprachlichen Kommunikation, umso zahlreicher sind aber die Zeichensprachen, in denen die multiple Kohärenz der Stadt sich spiegelt. Prinzipiell ist die Stadt dann groß, wenn in ihr auch für den Stadtbewohner selbst das Unvertraute überwiegt.“

Das neueste Projekt, das sich mit der Sprache im öffentlichen Raum befasst, ist das sogenannte Stadtalphabet Wien. Der Grafikdesigner Martin Ulrich Kehrer marschierte wochenlang durch Wien und bannte dabei die Schriftzüge von Geschäftsportalen auf Film. „Mich fasziniert dieses Kommunikationsmittel schon seit langem“, sagt er. „Die gestalterische Freiheit ist bei Geschäftsportalen größer als in jeder anderen geschriebenen Kommunikationsform.“

Die Schriftzüge der Einzelhändler müssten sich keinem Corporate Design unterwerfen, sie müssten einfach nur aufmerksam machen. Je unverwechselbarer, desto besser. „Erst das dichte Nebeneinander ohne jegliche Rücksicht auf den Nachbarn macht die Lebendigkeit einer Stadt aus.“

Ende des Jahres erscheint das Stadtalphabet Wien in Buchform im Sonderzahl Verlag. Es ist die Dokumentation einer Kultur, die langsam, aber doch aus dem Stadtbild verschwindet. „Früher waren die Straßen mondän und elegant. Die Buchstaben haben geleuchtet und geblinkt, waren hinter Glas oder eingefasst in Metall. Heute verwahrlost der Straßenraum zusehends. Überall große Ketten, Wettbüros und Handyshops mit hässlichen Buchstaben aus Klebefolie.“ Ein letztes Aufflackern der Worte. Und Buch zu.

[ Martin Ulrich Kehrer, „Stadtalphabet Wien. Mit einem Nachwort von Walter Pamminger“. Ca. 200 Fotografien in Farbe. € 16,- / 128 Seiten. Erscheint Ende 2008 im Sonderzahl Verlag ]

1. September 2008 Der Standard

An der Grenze des Hausverstands

In Alpbach endeten die Architekturgespräche 08. Größtes Sorgenkind: Die Raumplanung

Alpbach - Die Zahl der Menschen, die in Städten leben, steigt kontinuierlich. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Ballungsräumen. Bis 2025 soll der Anteil auf zwei Drittel angestiegen sein. Das erklärte Dieter Läpple, Professor am Institut für Stadt- und Regionalökonomie an der HafenCity Universität Hamburg (HCU), im Rahmen der Architekturgespräche, die am Samstag endeten und den Abschluss des 64. Europäischen Forums Alpbach bildeten.

Die Sorge der Redner galt vor allem den wachsenden Speckgürteln, die die Städte in zunehmendem Ausmaß einkesseln. „An diesen Orten möchte sich niemand aufhalten“, meinte Wolfgang Sonne, Professor für Architekturtheorie an der Uni Dortmund: „Der Siedlungsteppich, der unsere Städte umgibt, vereint die Nachteile des Landlebens mit den Nachteilen der Stadt.“ Weder sei man von urbaner Infrastruktur umgeben, noch sei man im Grünen.

Das Wachstum der Städte - pro Tag werden in Österreich für die Siedlungsentwicklung über 17 Hektar beansprucht - hat verheerende Folgen für den Verkehr und die Ansiedlung von Industrie, Supermärkten und Einkaufszentren. Urbane Qualität entstehe dadurch nicht.

„Ja, solche Gewerbegebiete werden geradewegs gefördert“, sagte der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler, „in manchen Bundesländern Deutschlands erhält jede Stadt, die ein eigenes Gewerbegebiet ausweist, steuerliche Begünstigungen.“

Schuld daran ist die Raumplanung, also jene Disziplin, die die Entwicklung des Bevölkerungswachstums geografisch lenkt und im besten Fall für eine Balance zwischen städtischem und ländlichem Raum sorgt. „Die raumplanerischen Entwürfe sind großteils eine Katastrophe“, so Mäckler, „Raumplaner denken in ihren eigenen Bahnen. Von Architektur und Städtebau haben sie keine Ahnung.“

In Österreich ist das Problem virulent. Statt eines einheitlichen Raumordnungsgesetzes auf Bundesebene hat jedes Bundesland seine eigenen Vorschriften. „Sogar von Gemeinde zu Gemeinde gibt es Unterschiede“, beklagt Heinz Fassmann von der Uni Wien, Institut für Geographie und Regionalforschung, „jede Ortschaft kann über ihr Wachstum autonom bestimmen und schafft damit neue Schwierigkeiten.“

Gerlind Weber, Vorstand am Institut für Raumplanung und ländliche Neuordnung an der Boku Wien, plädiert für einen intelligenteren und nachhaltigeren Umgang mit den Flächenressourcen. „Der Überhang an Bauland beträgt in Österreich rund 50 Prozent. Das muss man sich einmal vorstellen!“

Im Klartext: Stünde auf jedem Grundstück, das laut Flächenwidmung für Bebauung freigegeben ist, ein Haus, so würde die gesamte Baumasse in Österreich auf das Anderthalbfache ansteigen. Der fortschreitenden Zersiedelung ist damit Tür und Tor geöffnet.

Welche Folgen das langfristig mit sich bringt, sei kaum vorstellbar. „Mit der heutigen Raumplanung schaffen wir uns die Altlasten von morgen“, sagt Weber. Den zu erwartenden Leerstand, die immer weiteren Wege und die in Folge steigende Mobilität werde sich die Gesellschaft eines Tages nicht mehr leisten können. „Für ein Umdenken ist es jetzt schon fast schon zu spät. Wir beklagen hier verschüttete Milch.“

Eine Kritik darf im Rahmen dieses Diskurses nicht fehlen. Auch den Sponsoren der Veranstaltung wurde heuer das eine oder andere Platzerl auf dem Podium gewährt. So kam es, dass sich unter die hochkarätigen Professoren und Institutsvorstände auch ein Mediensprecher von Österreichs größter Supermarkt-Kette mischte. Statt sich auf die Sache zu konzentrieren, wurde im prominenten Rahmen PR betrieben. Das untergräbt jede seriöse Diskussion, sagt einem der Hausverstand.

30. August 2008 Der Standard

Auf Bilbao wird gepfiffen

Gestern, Freitag, wurde im Kärntner Neuhaus das Museum Liaunig eröffnet. querkraft statt Schwerkraft lautet das Motto des gleichnamigen Architekturbüros. Ein Kunsthaus mit wenigen Mitteln.

Begonnen hat alles mit den Briefmarken. Noch keine zehn Jahre alt, hatte der kleine Herbert bereits eine erstaunliche Sammlung vorzuweisen. „Das Sammeln hat mich immer interessiert“, blickt der heute 63-jährige Liaunig zurück, „das vergnügliche Verlangen, es zu tun, liegt tief im Menschen verankert.“ Dass diese Manie nicht notwendigerweise bei jedem durchbricht, meint er, sei allerdings eine Fügung des Schicksals.

Längst vergessen, dass fürs erste Kunstwerk eigens ein Kredit aufgenommen werden musste. Längst vergessen, wie Kisten voller Comic-Hefte gegen flüchtige Skizzen aus musengeküsster Künstlerhand getauscht wurden. 2130 Werke des 20. Jahrhunderts hat der Industrielle bis heute zusammengetragen. Zu jedem einzelnen gibt es eine Geschichte. „Es gibt keinen Künstler in dieser Sammlung, den ich nicht persönlich kenne. Diese Freundschaften und Bekanntschaften prägen die Sammlung.“

Und weil Herbert Liaunig mittlerweile mehr Freunde als Comic-Hefte hat, platzte das Depot in seiner Kärntner Residenz, Schloss Neuhaus, irgendwann aus allen Nähten. Ein Museum musste her. Den ersten Wettbewerb 2004 gewann die französische Architektin Odile Decq. Gebaut hat sie nicht. „Diese Frau hat mich zwei Jahre Entwicklung gekostet“, erinnert sich Liaunig, „sie hat die vertraglichen Verpflichtungen nicht eingehalten, indiskutable Pläne geliefert und dazu die Baukosten überschritten. Desahlb habe ich die Zusammenarbeit damals beendet.“ Andere Worte aus Paris: „Den Namen des Herrn L. nehme ich in meinem Leben nie wieder in den Mund“, sagt Odile Decq auf Anfrage des Standard, „Kunst zu sammeln und dabei nicht die Kunst der Architektur zu respektieren - das passt für mich nicht zusammen.“

Neuer Anlauf, diesmal mit Erfolg. Gestern Abend, Freitag, eröffnete im südkärntner Neuhaus/Suha das Museum Liaunig aus der Feder des Wiener Architekturbüros querkraft. Wie ein Autobahntunnel pfeift das Ding aus dem Hang und zeigt der Schwerkraft die kalte Schulter. Erst gibt es noch ein paar Rippen aus Stahl, dann nur noch nackten Beton. „Wir haben uns einiger Elemente aus dem Industriebau bedient“, sagen die querkräftler, „der Beton ist unverputzt und die gekrümmte Haut rundherum ist 08/15-Standardware vom Stahlbauer.“ Dass das, nebenbei bemerkt, erstklassig bestückte Museum so roh daherkommt, ist nicht nur juvenile Unverfrorenheit, sondern hat auch finanzielle Gründe. 1500 Euro pro Quadratmeter durfte das Gebäude laut Ausschreibung kosten. Sogar Dietmar Eberle, Juryvorsitzender der zweiten Stunde, meinte damals, um diesen Preis könne man niemals ein Museum bauen.

Keinen Cent mehr

Man kann. Statt zu protzen, wie dies seit Bilbao im internationalen Museumsbau scheinbar Usus ist, überlegte sich querkraft, wie sich auf intelligente Art und Weise Baukosten sparen ließen. „Die billigste Außenwand, die man nach heutigem Stand der Technik produzieren kann, ist eine Kellerwand“, dachten sich die Architekten und buddelten das Museum in die Erde ein. Nur das Dach und die beiden Enden des 160 Meter langen Ausstellungsraumes ragen heraus, der Rest des Gebäudes duckt sich artig in der Landschaft. Kosten wurden durch diese Maßnahme gleich doppelt gespart: Die Einbettung ins Erdreich wirkt sich positiv aufs Raumklima aus und spart Betriebskosten für Heizung und Kühlung. „Auf den ersten Blick hat sich das Grundstück kaum verändert“, sagt Projektleiter Erwin Stättner, „mitten durchs Gelände verläuft eine Röhre aus Beton und Stahl, das war's.“ Auch Begriffe wie Land-Art habe er in diesem Zusammenhang bereits gehört, aber davon hält er nicht viel: „Wir sind sehr happy mit dem Projekt. Ich denke, das ist Architektur auf den Punkt.“

Kein einziges Lämpchen leuchtet in der langen Röhre, der ganze Raum ist mit Tageslicht durchflutet. Opake Schlitze in der Decke sorgen dafür, dass Gemälde und Plastiken von diffusem Licht erleuchtet werden. Fazit: Angenehme Lichtstimmung, keine Schlagschatten, neutrale Atmosphäre - damit wurde die Bauaufgabe mit Bravour erfüllt. Einen geeigneteren Architekturhintergrund für das Schaffen eines Markus Prachensky oder Gunter Damisch gibt es in dieser Größe kein zweites Mal.

Umso ärgerlicher, dass man nie mehr als ein paar Dutzend Werke gleichzeitig zu sehen bekommt. Die 160 Meter Länge sind schneller ausgeschöpft, als einem lieb ist. Ein einsehbares Lager hinter Glas schafft Abhilfe. Je nach Lust und Laune können die dicht gehängten Depotrahmen aus ihrer Parkposition herausgezogen werden, um Besuchern noch einen flüchtigen Blick auf das zu gewähren, was im Normalfall in einem hermetisch abgeschlossenen Speicher tief unter der Erde verschwindet.

„Der Blick ins Schaudepot ist ein Museumserlebnis neuer Art“, sagt Peter Baum, einstiger Gründungsdirektor des Lentos Kunstmuseums in Linz und jetziger Kurator für Liaunig, „das Depot ist nicht nur der wachsende Nukleus des Museums, sondern auch eine visuelle Herausforderung, der man sich neugierig bei jedem Besuch für einige Minuten stellen kann.“

Das alles stößt auf vollkommenes Desinteresse von Landeshauptmann Jörg Haider. Aus der ursprünglichen erzielten Einigung, dass sich das Land an den Bau- und Betriebskosten beteiligen werde, wurde nichts. Im Zuge der orangen Übermalung des Landes wurde die Sache wieder abgeblasen, eine der wichtigsten Privatsammlungen Österreichs links liegen gelassen. „Mir soll's recht sein“, sagt Liaunig bei der Eröffnung, „jemand, der ohne Kunst leben muss, der versäumt halt viel.“

Das Museum Liaunig öffnet von Mai bis Oktober. Besichtigungen nur im Rahmen von Führungen. Terminvereinbarung: www.museumliaunig.at

9. August 2008 Der Standard

Schwebende Kisten

Nach außen gibt sich das Einfamilienhaus von Formann und Puschmann geschlossen. Innen eröffnet sich eine Wohnoase - Mödlinger Beispiel für den etwas anderen Umgang mit Holz.

Ein schöneres Heimkommen kann man sich nicht vorstellen. Kaum ist die Haustür ins Schloss gefallen, tut sich vor einem ein Meer an Seerosen auf. Japanische Zierkarpfen drehen unter den tellerartigen Blättern ihre Runden. Kommen mal kurz an die Oberfläche, tauchen gleich wieder ab. Das rechteckige Seerosenbecken füllt das Atrium des Hauses aus, spendet Ruhe für alle angrenzenden Wohnbereiche. Im Vergleich zu diesem Arkadien im Entree des Hauses nimmt man das umliegende, ohnedies etwas bekömmliche Mödling als Moloch wahr.

„Nein, wir hatten eigentlich gar keine Vorstellung von unserem Haus“, sagt Ulrike Eder, die mit ihrem Mann Christian und ihren beiden Kindern Juliana und Jakob zuvor in einer Wohnung gelebt hat. „Wir haben den Architekten nur gesagt, wie viele Zimmer wir haben wollen. Der Rest kam dann von ihnen.“ Die beiden Architekten Christian Formann und Stefan Puschmann beschlossen, den Bauherren ein nicht ganz alltägliches Wohnhaus hinzustellen. Gelungen ist ihnen dies mit zwei sogenannten Split-Boxes.

„Die beiden Boxen scheinen über dem leichten Erdgeschoß zu schweben“, sagt Formann, „durch die Staffelung in der Höhe kann man sowohl von der vorderen als auch von der hinteren Kiste nach Westen und somit in den Garten schauen.“ Im unteren Baukörper befinden sich die beiden Kinderzimmer, im oberen liegt das elterliche Schlafzimmer. Sowohl den Kids als auch den Erwachsenen schenkte man eine Loggia, die sich bei allzu starkem Sonneneinfall per Druckknopf beschatten lässt.

Von außen sind die zueinander versetzten Kisten, die auf eine zarte Stahlkonstruktion gestützt sind, mit horizontalen Lärchenlatten verschalt. Die dunkle und glänzende Oberfläche an den Seiten der beiden Kuben ist keine Hightech-Fassade mit düsterer Verdunkelung, sondern einfach nur schwarz emailliertes Glas. „Das ist keine Materialspielerei, sondern ein Vorgreifen auf spätere Tage“, erklären die Architekten. „Wenn die Energiepreise noch weiter steigen, kann man das schwarze Glas jederzeit durch eine Fotovoltaik-Anlage austauschen. Der Eindruck wird der gleiche sein.“ Alle dafür notwendigen Anschlüsse sind bereits verlegt.

Fünf Meter Raumhöhe

Und was befindet sich unter diesen Split-Boxes? Von einem Wohnzimmer im klassischen Sinne kann man kaum sprechen. Vielmehr fließt der Raum in jede noch frei gebliebene Ecke aus, windet sich an der Küche vorbei, gleitet ins Obergeschoß und bildet dort - getarnt in einer Art Galerie - einen eigenen Arbeitsbereich aus. Zwar ist auf dem integrierten Schreibtisch ein Notebook angeschlossen, doch den größten Teil der Arbeitsfläche nehmen Lego und Playmobil ein.

„Dass der Wohnbereich so offen gestaltet ist, gefällt uns sehr“, sagt die Bauherrin, „wichtig war uns vor allem eine ordentliche Raumhöhe.“ Über dem Essplatz hat man beachtliche fünf Meter Kopffreiheit. An heißen Tagen rinnt die 65 Quadratmeter große Wohnküche ins Freie aus, denn die gesamte Westfassade lässt sich auf einer eigens entwickelten Führungsschiene zur Seite schieben. „An diesem witterungsausgesetzten Detail haben wir tagelang gearbeitet“, erinnert sich Architekt Puschmann.

9. August 2008 Der Standard

Ich bin der Mann mit Hut

Es gibt kaum einen österreichischen Architekten, der so viel baut wie Wolfgang Kaufmann. Über 500 realisierte Bauten sind es bis heute. Wer versteckt sich unter der Krempe?

Schon mal was von Wolfgang Kaufmann gehört? Nein, mit der großen Kaufmann-Architektenfamilie aus Vorarlberg hat er nichts zu tun. Dieser Kaufmann nämlich ist eine jener großen Eminenzen, die aus dem stillen Hintergrund heraus maßgeblich am österreichischen Baugeschehen beteiligt sind. Im Alter von 61 Jahren brachte es der Linzer Architekt bisher auf sage und schreibe 500 realisierte Bauten.

Oft übernimmt er Projekte im Entwurfsstadium und bringt diese zu Ende. Viele Architekten machen nur den Entwurf und die Einreichung - von Ausführungsplanung und Bauaufsicht wollen sie nichts wissen. Zu viel Stress, sagen sie. Ein Fall für den Mann mit Hut.

„Es ist wohl keine Schande“, sagt Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrums Wien, „lange Jahre nichts von Wolfgang Kaufmann und seiner Architektur gewusst zu haben.“ Denn aus dem, was man als Architekturdiskurs bezeichnet, habe er sich immer herausgehalten. „Nicht aus Arroganz, aber die Anerkennung von Architektenkollegen braucht viel Zeit und Aufwand und bringt halt keine Aufträge.“ Kein Zweifel: Wolfgang Kaufmann hat einen anderen Weg eingeschlagen. Gespräch mit einem der erfolgreichsten Architekten Österreichs.

der Standard: Sie tragen meistens einen Hut. Warum?

Wolfgang Kaufmann: Ich trage den Hut als Markenzeichen. Begonnen hat das vor sieben, acht Jahren. Ich habe in diesem Zuge erkannt, dass er zu einem unverwechselbaren Erkennungsmerkmal geworden ist. Er macht mich authentisch. Und daher: kein Auswärtstermin ohne Hut.

Sie besitzen Immobilien, haben eine Privatstiftung, sind Teilhaber einer ungarischen Fachmarktkette und haben sogar ein eigenes Flugzeug. Mit Ihrem Lebensstil ziehen Sie den Neid vieler Kollegen auf sich.

Kaufmann: Trotz all dieser Nebengeschichten fühle ich mich zu 100 Prozent als Architekt. Immobilien, Flugzeuge und Privatstiftungen allein wären ja keine Erfüllung. Ich will arbeiten. Das Flugzeug habe ich hauptsächlich wegen meiner Auslandsbaustellen. Ich habe das Glück, dass mir die Bauherren viel Vertrauen entgegenbringen und ich mich hauptsächlich mit Großbaustellen beschäftigen darf. Dadurch kann ich mir die feinen Kleinigkeiten im Leben leisten.

Viele Architekten jammern über zu wenig Geld, manche leben sogar am Existenzminimum. Sie leben das Gegenteil vor.

Kaufmann: Wir versuchen, den Bauherrn kompakt zu betreuen. Wir helfen bereits bei der Standortanalyse und beraten ihn auch in sehr kritischen Phasen und Situationen. Wir bemühen uns, die Sache für ihn maßgeschneidert abzuwickeln. Die Architekten, die ihre Arbeit ebenso ernst nehmen wie ich, verdienen wahrscheinlich genauso gut.

Laut Rechnungshof beträgt das durchschnittliche Jahresbruttoeinkommen eines österreichischen Architekten unter 20.000 Euro. Was macht der durchschnittliche Architekt denn falsch?

Kaufmann: In Linz und Umgebung gibt es an die 200 Architekturbüros. In den meisten Büros verdient man sehr wenig, denn viele Architekten leben in der permanenten Hoffnung, eines Tages einen Wettbewerb zu gewinnen. In Abwägung der wirtschaftlichen Situation und der marktwirtschaftlichen Positionierung dieser Architekturbüros kann ich mir gut vorstellen, dass diese Zahlen stimmen. Aber Sie haben recht: Das ist nicht viel.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie Architekt werden möchten?

Kaufmann: Ich war 10 oder 12 Jahre alt. Das Spiel mit Form und Gestaltung hat mich damals besonders fasziniert. Ich habe davon geträumt, für Menschen etwas entwickeln zu können, das sie glücklich macht. Architektur ist ja kein Selbstzweck, sondern hat mit dem Menschen zu tun.

In der Zeit in der Bundesgewerbeschule haben Sie auch öfter direkt auf der Baustelle gearbeitet. Das kann man sich nur schwer vorstellen.

Kaufmann: Ich kann mich an die erste Woche am Bau erinnern. Für den Polier war ich ein kleiner Stoppel. Er hat mich in den zweiten Stock hinaufgeschickt und hat mich dort eine Woche lang nur stemmen lassen - mit Stemmeisen und Meisel! Wenn ich nichts höre, sagte er immer, dann weiß ich ganz genau, dass du faul bist! Es war furchtbar. Meine Hände waren schon blutig. Nach einer Woche kam er zu mir und drückte mir einen Kompressor in die Hand. Die Moral der Geschichte: Ein Architekt muss lernen, wie schwer es ist, im Nachhinein Planungsfehler zu korrigieren.

Planungsfehler passieren immer.

Kaufmann: Kleine Planungsfehler passieren immer wieder. Die kann man ausmerzen. Schwieriger wird es bei inhaltlichen Planungsfehlern, da kann man dann nur sagen: Nächstes Mal machen wir es besser. Aber einen Vorteil gibt es: Ein und denselben Fehler macht man immer nur einmal und kein zweites Mal.

Würden Sie Ihre Architektur als Baukunst bezeichnen?

Kaufmann: Sie dürfen die Baukunst, von der wir hier sprechen, nicht mit der hohen Schule des künstlerischen Bauens verwechseln. Unsere Planungsaufgaben sind nicht öffentlich, sondern eher bauherrenbezogen. Das heißt: Sie stehen unter einem enormen wirtschaftlichen Druck. Einen privaten Bauherrn kann man nicht veranlassen, dass er für ein Einfamilienhaus dreimal so viel zahlt, nur weil das Haus so unglaublich baukünstlerisch ist.

Und einen Investor?

Kaufmann: Für einen Investor bleibt die Kostenspange im Vordergrund: Jede Entscheidung muss sich rechnen. Die Realität ist, dass in der Immobilienbranche die Quadratmeter wichtiger sind als die Kunst. Das ist der Lauf der Dinge. Allerdings versuchen wir immer, mit den vorhandenen Möglichkeiten das Maximum zu erreichen.

Sie haben bereits über 500 Projekte abgewickelt. Ist das ausschließlich Können und Talent? Spielen Beziehungen eine Rolle?

Kaufmann: Ohne jetzt selbstherrlich zu erscheinen: Aber ohne eine gewisse Begabung geht's nicht. Man muss kontaktfreudig sein, man muss Spaß daran haben, auf Menschen zuzugehen. Wenn die Leute das erkannt haben, dann entsteht vieles ganz von allein. Ich habe meinen Bauherren niemals das Gefühl vermittelt, dass ich sie missbrauche, nur um meine Vorstellungen umzusetzen. Ich habe sie immer in den Prozess miteingebunden und ihnen vermittelt, wie wichtig sie für die Genese eines Bauvorhabens sind.

Unter den österreichischen Architekten gibt es einige Platzhirsche, die die eine oder andere Stadt deutlich mitprägen. Der Linzer Platzhirsch heißt Wolfgang Kaufmann. Wie gehen Sie mit dieser Rolle um?

Kaufmann: Wenn man längere Zeit in einem Ort tätig ist, mit den Behörden gut auskommt, seine Versprechen einhält und auch Handschlagqualität besitzt, dann wird sich eines Tages die Situation einstellen, dass man mehr baut als die anderen. Dass man mich deshalb als Platzhirsch bezeichnet - damit muss ich wohl leben. Ich kann diese Meinung nur stillschweigend zur Kenntnis nehmen.

Was bedeutet Erfolg für Sie?

Kaufmann: Erfolg ist beruhigend und angenehm. Man genießt es, wenn man durch Linz fährt und dabei an seinen vielen Kindern vorbeifährt. Einer der schönsten Sinne ist das Sehen. Und ein schöner Teil dieses Sehens entfällt auf die Architektur. Ich habe die Möglichkeit, diese Stadt mitzuformen. Dieser Genuss ist für mich Erfolg.

Sind Sie eitel?

Kaufmann: Ich bin ganz durchschnittlich eitel - so wie alle Menschen, hoffe ich. Das hängt mit einem gewissen Ehrgeiz zusammen. Architektur ist wie ein Wettschwimmen, wie ein Wettrennen, wie ein sportlicher Wettbewerb. Wenn man das Ziel erreicht hat, ist man sehr erschöpft, aber dafür auch sehr glücklich.

Das Kennzeichen Ihres Autos lautet ARCH 1 - ist das vom Standpunkt der Eitelkeit denn nicht schon ein bisschen überdurchschnittlich?

Kaufmann: Ich stehe zu meinem Beruf und möchte ihn nicht verschweigen. Dazu gehört auch, dass ich meine Tätigkeit auf meinem Auto anbringe. ARCH ist die Abkürzung für Architektur, und die Ziffer nach den Buchstaben ist ein polizeirechtliches Erfordernis. Diejenigen, die geschimpft haben, haben sich auch darüber aufgeregt, dass das Kennzeichen schon vergeben ist.

Sind Sie denn der ARCH 1 von Linz?

Kaufmann: Das steht nur auf meinem Auto. Ansonsten gibt es viele Architekten, die je nach Blickwinkel besser oder schlechter sind als ich. Das möchte ich nicht beurteilen. Ich hätte nichts dagegen, dass jemand anderer auch mit ARCH 1 durch die Gegend fährt, von mir aus könnten 50 Architekten mit ARCH 1 herumfahren. Aber das geht polizeirechtlich nicht.

Das Architekturbüro Kaufmann & Partner verleiht ab 2009 jährlich einen Förderpreis für Absolventen und Absolventinnen der Fachrichtung Architektur mit Herkunft beziehungsweise Hauptwohnsitz Oberösterreich. Einzureichen sind Diplomarbeiten, die nicht älter als zwei Jahre sind. Der Förderpreis ist mit 6000 Euro dotiert. Einreichschluss der Bewerbungen ist Ende Februar 2009. Infos unter www.kaufmann.at

19. Juli 2008 Der Standard

Wohnen in der Nähmaschine

Die Großbaustelle Thürnlhof in Wien Simmering ist ein Demonstrationsprojekt des ressourcenschonenden Bauens. Heraus kam unter anderem der Wohnriegel von gerner°gerner plus.

Die Gegend um den Wiener Zentralfriedhof versprüht in der Regel wenig Vitalität. Vieles nimmt hier ein Ende, von Neubeginn und Innovationen hört man nicht viel. Anders verhält es sich in der Thürnlhofstraße, nur wenige Schritte von der großen Nekropole entfernt. Die Stadt Wien nutzte das unbebaute Areal, um auf beiden Seiten der Straße ein ökologisches Vorzeigeprojekt hochzuziehen. Nicht das niedrigenergetische Wohnen stand hier im Vordergrund als vielmehr das energieeffiziente Bauen.

RUMBA (Richtlinien für eine umweltfreundliche Baustellenabwicklung) nennt sich das Bauprogramm, dem vor einigen Jahren ein Forschungsprojekt der Ökotechna, des Wohnbauträgers Mischek und des Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds zuvorging. Die Mega-Baustelle Thürnl-hofstraße hatte zum Ziel, bei gleichzeitigem Bauen Energieaufwand, Emissionen und Baustellenverkehr auf ein Minimum zu reduzieren und somit eine umweltschonende Logistik zu gewährleisten. Insgesamt wurden knapp tausend Wohnungen errichtet.

Eines der auffälligsten Gebäude auf diesem Grundstück ist der 120 Meter lange Wohnriegel des Wohnbauträgers ARWAG. Unweigerlich muss man beim Anblick in alten Zeiten schwelgen: Ein bisschen grüßen die Sechziger- und Siebzigerjahre, ein bisschen die alten Meister des innovativen Wohnbaus der Moderne. In erster Linie aber denkt man an ein Haushaltsgerät, das in vielen Stuben schon längst in Vergessenheit geriet. „Bei uns im Büro und auf der Baustelle haben alle nur noch von der Nähmaschine gesprochen“, sagt Andreas Gerner vom Architekturbüro gerner°gerner plus und verweist auf die unverwechselbare Form.

Im Osten gibt sich der zehnstöckige Bau traditionell, im Westen entfliehen die oberen Geschoße dann der Schwerkraft und werden von zwei gigantischen V-Stützen aus Stahlbeton gestützt. Hier liefert die Form Stoff für Gespräche, hier wird der rote Faden gespannt. Doch warum nicht in einer Nähmaschine wohnen? Gerade im Massenwohnbau, bei dem sich in der Regel ein serieller Bau an den anderen reiht, ist jede Art der Identitätsstiftung von hoher Wichtigkeit.

Ein Minimum an Gängen

Die 114 Wohnungen verfügen allesamt über einen Freiraum, sei es in Form einer Loggia oder eines eigenen Mietergartens. Die meisten Wohneinheiten sind zudem zweigeschoßig ausgeführt und von Nord nach Süd durchgesteckt. Auf diese Weise ist es gelungen, die Erschließungszonen zu reduzieren: Je drei Geschoße gibt es nur einen Gang, insgesamt hat man mit zwei Stiegenhauskernen das baubehördliche Auslangen gefunden.

„Ohne Einbußen für die Mieter ist es hier gelungen, eine große Dichte zu erzielen“, sagt Gerda Gerner. Doch je mehr Menschen auf dichtem Raum miteinander leben, desto größer wird das Verlangen nach sozialen und architektonischen Freiräumen. Ans Ende der Nähmaschine addierten Andreas und Gerda Gerner daher zwei Boxen, die sich wie freundliche Parasiten am Gebäude festhalten. Von oben hängt ein Fitnesshaus herab, unten wird ein Gemeinschaftsraum in Schwebe gehalten. Zur baukörperlichen Betonung sind die beiden Zusatzräume in ein hellblaues Eternitkleid gehüllt.

19. Juli 2008 Der Standard

Die nackte Wahrheit

Das Wiener Büro Artec zählt zu den radikalsten Architekturschmieden des Landes. Nur gut und recht, dass es im Österreich- Pavillon auf der Biennale in Venedig das Sagen hat. Ein Porträt.

Niemals sollte man sich in Anwesenheit der beiden Architekten Bettina Götz und Richard Manahl vor eine unverputzte Wand stellen oder mit dem Zeigefinger auf eine nackerte Stahlstütze deuten und dann fragen: „Bleibt das so?“ Schon hat man sich eiskalt selbst disqualifiziert. Natürlich bleibt das so.

Die Fassade als eigens aufgetragene Haut gibt es nicht, ja nicht einmal Farbe wird verwendet, wo sie nicht auch unbedingt gebraucht wird. Sägeraues Holz, Sichtbeton und Zinkblech mit Nieten drauf - „Materialechtheit“ nennt man im Wiener Architekturbüro Artec das, was bei Menschen gemeinhin als FKK bezeichnet wird. „Wichtig ist, dass die Gestalt des Gebauten aus dem Konzept entsteht und nicht entworfen wird“, sagt Bettina Götz ganz sachlich und nüchtern. Und dann Stille. Nachsatz: „Design ist überflüssig.“

Das merkt man auch in ihrem eigenen Büro in Wien Margareten im ersten Stock eines Wohnhauses, das sie 2004 für den Bauträger Mischek gebaut haben. Alles ist nackt. Die Wände sind nur dort gespachtelt, wo es aufgrund von Stemmarbeiten nötig war. Das Resultat ist Kuhfleckoptik in Spachtelweiß und Betongrau, von Dispersionsfarbe keine Spur. Da und dort ist auf der Wand noch eine Bleistiftskizze zu sehen, Spuren eines längst vergangenen Gesprächs zwischen Bauarbeiter und Polier. Wozu übermalen? So ist es halt.

„Wir wollen nichts verstecken, und wir wollen nichts kaschieren“, sagt Richard Manahl, „aus unserem Wunsch nach Authentizität heraus zeigen wir die Materialien und Konstruktionen gerne in ihrer ursprünglichen Form.“ Eine Oberfläche werde nicht besser dadurch, dass man sie zumale, zuspachtle oder verkleide. „Vor allem mögen wir keine Materialien, die etwas anderes vortäuschen, als sie sind. Ich denke da nur an Melanin und Laminat“, sagt Götz, „das ist schauderhaft.“

Verstehen auf den zweiten Blick

Eines der ersten und gleichzeitig radikalsten Projekte der beiden gebürtigen Vorarlberger ist der sogenannte Raum Zita Kern im niederösterreichischen Raasdorf. Über einen ungehobelten Ziegeltrakt eines alten Bauernhofs stülpten Götz und Manahl ein geknicktes Etwas aus Aluminium. Von New York über Moskau bis Tokio war ein Griss um das Projekt, manche Verlage positionierten es prominent auf dem Cover ihrer Gazetten. Margherita Spiluttinis Foto mit rennender Henne im Vordergrund ging um die Welt.

Das solle Architektur sein? Furchtbar! Viele rümpfen die Nase. „Sehr oft sagen die Leute auf den ersten Blick, dass unsere Gebäude ja noch gar nicht fertig sind. Und dann betreten sie das Haus oder die Wohnung, und plötzlich erschließt sich ihnen der Raum“, erklärt Götz.

Die Kinder scheinen das schon längst begriffen zu haben. Als die Schule Zehdengasse in Wien-Floridsdorf an einem frühen Septembertag im Jahre 1996 ihre Pforten öffnete, wurde sie von den Kids mit Begeisterung gestürmt. Keine fadenscheinige Eleganz, keine High-tech-Details, keine Schickimicki-Farbe an der Wand, und überall kann man mit dem Sportschuh dagegentreten, ohne dass sich irgendjemand darüber mokiert.

Die Oberfläche roh zu belassen sei praktisch, schnell und billig. „Die Kinder haben den von uns sichtbar belassenen Beton auf Anhieb akzeptiert, ihnen gefällt das“, sagen die beiden Architekten im Rückblick. Außerdem eignen sich die unbehandelten Wände als perfekte Mal- und Zeichenunterlage. Nur den Eltern und Lehrern musste erst langwierig erklärt werden, dass es sich hier nicht um einen Baustopp gehandelt habe. Nein, das ist gewollt.

Das Konzept der fehlenden Veredelung scheint jedenfalls aufzugehen. Das Büro expandiert, zeichnet einen Wettbewerb nach dem anderen, nimmt Preise entgegen und vertieft sich zusehends in den Wohnbau. An die 30 Projekte hat Artec bisher realisiert, mehr als die Hälfte davon sind Einfamilienhäuser und mittlere bis große Wohngebäude.

Eines der größten Projekte seit der Bürogründung im Jahre 1985 wurde vor wenigen Wochen begonnen. Derzeit wird das Fundament gebaut. Bei den Bremer Stadtmusikanten werden verschiedene Wohnformen wie Esel, Hund, Katze und Gockelhahn übereinander getürmt.

„Alle Wohnungstypen, die wir da eingeplant haben, kommen häufig in Stadtrandsiedlungen vor“, sagen die beiden, „nur sind sie in diesem Fall nicht freistehend auf der grünen Wiese, sondern gestapelt und komprimiert.“ Die Bewohner haben die Wahl zwischen Atriumswohnung, Maisonnette, Reihenhaus und Kleingartenhaus in luftiger Höhe. Auch in diesem Fall hütet man sich davor, eine Fassade zu entwerfen. Dementsprechend mannigfaltig nehmen sich die unterschiedlichen Schauseiten aus und erwecken den Eindruck, als habe man es mit völlig unterschiedlichen Projekten zu tun. Die Logik des Innenlebens wird einfach nach außen gestülpt.

Die Radikalität in der Architektur von ARTEC bescherte Bettina Götz eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin, wo sie etwa zwei bis drei Tage in der Woche verbringt. Am Institut für Entwerfen und Baukonstruktion erzieht sie die Studenten zur materiellen Reduktion und zur gestalterischen Askese. „Mir geht es darum, dass die Studenten anhand ihrer Entwürfe ihre eigene, individuelle Entwurfsmethodik entwickeln“, sagt Götz, „für einen Außenstehenden muss sie aber erklärbar sein.“

Kommissärin für die Biennale

Und auch hierzulande ist man auf den Geschmack des unverblümten Bauens gekommen. Nachdem Götz drei Jahre lang im Architekturbeirat des Bundeskanzleramtes tätig war, wurde sie Anfang des Jahres zur Österreich-Kommissärin für die kommende Architektur-Biennale ernannt. Die Worte von Bildungsministerin Claudia Schmied waren damals kurz und prägnant: „Ich habe die Architektin Bettina Götz zur Kommissärin für die Architekturbiennale Venedig bestellt. Eine Frau.“

Ob das Geschlecht wohl ein Entscheidungskriterium war? „Immer vorausgesetzt, dass wir von gleicher Qualifikation sprechen, hat man es im Architekturberuf heute als Frau leichter. Es gibt in diesem Beruf viel weniger Frauen, und in gewissen Situationen werden sie dann einfach bevorzugt. Das ist eine Tatsache, der man sich stellen muss“, erklärt Bettina Götz. „Es hat eine Zeit gedauert, bis sich Frauen überhaupt einmal durchgesetzt haben, und es wird wieder eine Zeitlang dauern, bis sich dieser Zustand normalisiert hat.“

Partner Richard Manahl freut sich: „Ich muss mich nun verstärkt unseren Projekten widmen. Eine gewisse Gliederung muss sein.“ Als Nächstes steht wohl der Absprung ins Ausland an. Noch war bei den ersten Wettbewerben für Bozen, Tallinn und Riga kein erster Platz dabei, doch auch dort wird man bald auf den Geschmack der nackten Wahrheit kommen.

Die 11. Architektur-Biennale in Venedig widmet sich dem Thema „Out there. Architecture beyond Building“. Der österreichische Beitrag geht noch einen Schritt zurück und wirft mit „Before Architecture. Vor der Architektur“ die Frage auf, was davor gewesen sein könnte. Von 14. September bis 23. November 2008. der Standard wird berichten.

12. Juli 2008 Der Standard

Der nasse Beweis für die Zeit

Kürzlich wurden in New York City die Waterfalls eingeschaltet. Olafur Eliasson spricht über seine Art, die Stadt zu bauen

Der dänische Künstler Olafur Eliasson (41) hantelt sich von einem Kunstprojekt zum nächsten. Für BMW konzipierte er das 16. Art-Car (der Standard berichtete), für diverse Architekturprojekte von den kommerziellen Fünf Höfen in München bis hin zur neuen Oper in Oslo lieferte er Entwürfe für Luster, Möbel und Wandgestaltungen, und das MoMA in New York zeigte im Frühjahr eine Retrospektive unter dem Titel Take Your Time.

Nun sind entlang dem Hudson River zwischen Manhattan und Brooklyn die New York City Waterfalls zu sehen. Während es Eliasson in erster Linie auf eine Verräumlichung der Stadt abgesehen hat, spricht Bürgermeister Michael Bloomberg vor allem vom touristischen Profit. Hier prallen Welten aufeinander. Ein Gespräch mit einem Charmeur.

Warum gerade Wasserfälle?

Olafur Eliasson: Ich habe nicht unbedingt an das Bild eines Wasserfalls gedacht. Ich wollte in erster Linie ein Spektrum an Möglichkeiten schaffen, die auf den Raum dynamisch eingehen. Ganz zu Beginn, also vor etwa sechs Jahren, habe ich daran gedacht, etwas im Central Park zu machen. Doch dann kamen mir Christo und Jeanne-Claude mit ihrem Projekt The Gates in die Quere. Im Nachhinein bin ich allerdings froh darüber, denn im Central Park hätte ich niemals diese Vielfalt an Menschen und Charakteren ansprechen können. Die Nähe zu den teuren Immobilien ist einfach zu groß. Hier unten am Wasser ist es besser.

Bei der Eröffnung haben Sie gesagt, in dieser Arbeit gehe es konkret um die Beziehung zwischen Mensch und Stadt. Inwiefern?

Eliasson: Mich faszinieren in New York die verschiedenen Räumlichkeiten und Qualitäten. Frühmorgens machen viele Chinesen am Pier ihre Tai-Chi-Übungen, andere Leute gehen in der Zwischenzeit in die Arbeit, und um 10 Uhr kommen dann die ersten Touristen. All diese Leute haben etwas gemeinsam: Sie stehen in diesem städtischen Raum in einem kausalen Zusammenhang. Wenn sie einen Schritt machen, dann verändern sie den Raum. Wenn sie am städtischen Geschehen teilnehmen, dann verändert sich durch ihr Tun die umliegende Stadt. Im weitesten Sinne ist das fallende Wasser der Beweis dafür, dass Zeit vorhanden ist - der Beweis dafür, dass sich etwas tut.

Das ist nicht unbedingt ein New Yorker Spezifikum.

Eliasson: Nein, aber New York ist für eine aktive Teilnahme am urbanen Geschehen offen und aufgeschlossen. Das ist nicht überall der Fall. Vielen amerikanischen Städten kann man eine gewisse klassizistische, historisierende und normative Rolle vorwerfen. Vor allem die mittelgroßen Städte in den USA haben eine sehr strenge Vorstellung davon, was normal ist. Und dann kommen private Investoren, passen sich dem an und bereichern den öffentlichen Raum der Städte auf ihre Art und Weise. Damit tragen sie kontinuierlich zur Swarovskisierung dieser Erde bei. Das ist eine Zerstörung der Öffentlichkeit. Mit Kunst kann man das stoppen.

Dann wären die Wasserfälle in einer unaufregenden 08/15-Stadt irgendwo in den USA aber besser aufgehoben als hier!

Eliasson: New York ist zwar räumlich gesehen eine tolerante Stadt, aber andererseits ist das Bild von New York in einem großen Maße vorgeprägt. Diese Stadt hat sich schon so oft als Ikone dargestellt, dass sie auf einer gewissen Metaebene ihre Offenheit und ihre räumliche Dimension längst verloren hat.

Wie ist New York heute?

Eliasson: Es ist platt und zweidimensional. Manhattan besteht aus der Skyline und dient in erster Linie der Repräsentation. Wenn Sie die Brooklyn Bridge anschauen, dann könnte das genauso gut eine Ansichtskarte sein. Man liest den Raum als Fotografie und sieht die Räumlichkeit nicht mehr.

Warum arbeiten Sie so gerne vor dem Hintergrund Stadt?

Eliasson: Ich arbeite gerne an dichten Orten, damit sich mein Werk in der Welt fortsetzt. Wenn kein ausreichendes Publikum da ist, dann ist der Bedeutungsträger womöglich schwach. Man kann das auch ruhig als Performance bezeichnen. Ich glaube, dass die Anwesenheit von Menschen für meine Arbeit sehr wichtig ist. Ohne Menschen frage ich mich, ob das Werk überhaupt existiert. Ob ich überhaupt existiere!

Bürgermeister Michael Bloomberg hat zugegeben, dass er dem Wasserfallprojekt am Anfang nichts abgewinnen konnte. Woher der plötzliche Umschwung?

Eliasson: Ich habe ihm gesagt, dass Kunst die Welt verändern kann.

Und das hat gereicht?

Eliasson: Ich dachte die ganze Zeit, Bloomberg sei ein typischer Republikaner. Aber ganz im Gegenteil! Es ist sehr anspruchsvoll. Er hat gleich zu Beginn gesagt, dass er von Kunst nicht viel verstehe. Im Endeffekt hat er sich mit den New York City Waterfalls sehr intensiv auseinandergesetzt.

Schon bei der Eröffnung erklärte er, dass er durch die Installation Mehreinnahmen von 55 Millionen Dollar erwarte. Wird hier die Kunst nicht auf ein touristisches Marketingtool reduziert?

Eliasson: Es schreckt mich jedes Mal, wenn er über die 55 Millionen Dollar spricht. Schauen Sie: Es ist meine Aufgabe, mich in der Öffentlichkeit zu positionieren, um den Worten Bloombergs ein Gegengewicht bieten zu können. Das ist auch der Grund, warum ich gerade das Interview mit Ihnen führe, obwohl ich mich in solchen Situationen nicht besonders wohlfühle. Ich möchte die Chance nutzen, das Kunstprojekt aus meiner Sicht zu verbalisieren. Und wenn ich darüber spreche, dann klingt das eben anders, als wenn ein Politiker dazu Stellung bezieht.

Jetzt sind Sie meiner Frage ausgewichen.

Eliasson: Ich sage es deutlicher. Ich war es, der das Projekt vorgeschlagen hat. Ich habe das Konzept nicht auf Einladung New Yorks verfasst, sondern habe jahrelang zusammen mit dem Public Art Fund daran gearbeitet. Und nein, ich will nicht, dass die New York City Waterfalls auf ein Marketingtool reduziert werden. Aus diesem Grund habe ich mit der Stadtverwaltung das Agreement getroffen, dass die Wasserfallfotos nicht für touristische Werbezwecke verwendet werden dürfen.

Die Werbung mit Kunst lässt sich aber nicht vermeiden.

Eliasson: Nein, aber es lässt sich auch nicht leugnen, dass auch die Kunst von der Wirtschaft profitiert. Ich will Ihnen ganz unverblümt ein Beispiel nennen: Ohne die jahrelange Unterstützung des österreichischen Lichtproduzenten Zumtobel könnte ich meine Lichtinstallationenen niemals auf diesem hohen Niveau erarbeiten und daran experimentieren. Das gehört einmal klar gesagt! Ich finde es wichtig, dass man nicht so tut, als sei Kunst kein Bestandteil der Wirtschaft. Tatsache ist: Kunst ist ein Wirtschaftsfaktor. Aber diese Beziehungen zwischen Kunst und Wirtschaft sind ein sehr heikles Terrain, und deshalb weichen viele Leute diesem Thema aus.

Zum Abschluss: Warum fährt die ganze Welt auf Olafur Eliasson ab?

Eliasson: Das weiß ich nicht. Ich kann mir das nur pragmatisch und sachlich erklären. Ich habe viele Jahre hindurch an mehreren Projekten parallel gearbeitet. Plötzlich hat es sich ergeben, dass all diese Projekte gleichzeitig fertiggestellt und realisiert werden. Das schafft natürlich Überexponierung.

Ist dieser Hype also eine Ausnahmesituation?

Eliasson: Vor fünf Jahren hat sich auch sehr viel getan, vor zwei Jahren dann weniger und jetzt wieder mehr. Das Leben wird nicht langweiliger, nur stressiger.

[ Die New York City Waterfalls sind noch bis 13. Oktober 2008 zu sehen. ]

5. Juli 2008 Der Standard

Der positive Schock

Mit Erick van Egeraat sprach Wojciech Czaja

Standard: Unter Stadtplanung und Städtebau können sich nur die wenigsten Menschen etwas vorstellen. Woran liegt das?

van Egeraat: Das stimmt, und das hat einen einfachen Grund. Im 20. Jahrhundert haben wir auf der ganzen Welt Städte erweitert und dabei bestehende Stadtstrukturen zerstört. Viele Leute verbinden mit Städtebau daher vor allem etwas Negatives. Sehr oft wird darauf vergessen, dass wir ja auch viele alte Städte haben, die wir bis heute sehr schätzen - und auch diese wurden eines fernen Tages geplant. Geändert hat sich leider die Qualität im Umgang mit dem Neubauen und Erweitern. Früher hat man Charakter geschaffen, heute ist das eine Seltenheit.

Standard: Warum ist das so?

van Egeraat: Der Unterschied ist, dass man sich früher darum bemüht hat, die Städte aus einem Guss zu bauen und die bestehenden Strukturen aufzunehmen und weiterzudenken. Die Planer haben sich damals mit den Eigenheiten einer Stadt ernsthaft auseinandergesetzt. Viele Architekten wollen das heute aber nicht mehr. Sie bauen lieber alles neu. Das ist ein Fehler.

Standard: Worauf ist bei einer Stadterweiterung wie bei Graz Reininghaus größter Wert zu legen? Was muss - und was darf auf gar keinen Fall passieren?

van Egeraat: Auf keinen Fall darf Graz Reininghaus ein Außenbezirk oder eine Schlafstadt werden. Das Areal ist größer als die Altstadt! Und diese Altstadt wird für die Bevölkerung auch der Maßstab sein. Wenn der neue Stadtteil nicht mindestens genauso gut oder sogar besser wird, dann ist es auch nicht verwunderlich, wenn niemand hierherkommen will.

Standard: Das sind alles nur Hard Facts.

van Egeraat: Solche Hard Facts sind wichtig, sie bestimmen die Basis. Doch ohne Identität und Charakter können Sie niemals einen funktionierenden Stadtteil aus dem Boden stampfen. Leider vergessen zu viele Architekten, Investoren und Politiker die Emotion! Aber die Gefahr besteht hier kaum. Graz Reininghaus wird so langsam und vorsichtig entwickelt, dass ich positiv schockiert bin! Da kommt plötzlich ein privates Unternehmen daher und zeigt der Öffentlichkeit, wie so etwas geht.

Standard: Und zwar?

van Egeraat: Indem man bestehende Strukturen erhält und die Atmosphäre des Ortes verstärkt. Das ist einfach gesagt, aber leider nur sehr schwer zu realisieren.

Standard: Welche Rolle spielen im Städtewachstum Chaos und Zufall?

van Egeraat: Ich bin ein Liebhaber der Schönheit und Bescheidenheit. Ich denke, wer seine Arbeit beherrscht und gut plant, der schafft es auch ohne Chaos. Eine gewisse Zeit zum Wachsen und Reifen ist jedoch nötig.

Standard: Wie lange?

van Egeraat: Zehn Jahre. Mindestens zehn Jahre.

21. Juni 2008 Der Standard

Länderballett im dünnen Nervenkleid

Auf der Expo 2008 in Zaragoza fließen die Krokodilstränen. Das Thema „Wasser und nachhaltige Entwicklung“ animiert anscheinend zu überbordendem Pathos. Österreich hingegen setzt auf die Kunstkarte - eine wahre Erfrischung.

Stephanie Cumming und Luke Baio wippen ihre Hüften im Takt. Sie ist Kanadierin, er ist Brite, gemeinsam geben sie das perfekte Almdudler-Pärchen ab. Spärlich bekleidet mit Bikini, Lederhose und Walkstoff-Jackerl betreten sie eine überdimensionale Schneekugel und fangen an zu tanzen. „Es wäre so einfach, den Erwartungen der Leute gerecht zu werden“, sagt Stephanie, „gerade bei Österreich scheint jeder schon genau zu wissen, was ihn erwartet.“

Genau diesen Vorurteilen soll die zeitgenössische Tanzperformance der Künstlergruppe Liquid Loft entgegenwirken. „Unsere Performance ist absurd. Wir wollen die Leute nicht mit Klischees abspeisen, sondern wollen sie überraschen, amüsieren und ihnen ein Fragezeichen auf den Weg mitgeben.“ Die künstlichen Schneeflocken tun ihr Übriges.

Letztes Wochenende eröffnete die Expo 2008 in Zaragoza. Rund 100 Länder beteiligen sich an der diesjährigen Weltausstellung. Auffallend ist, dass sich darunter kein einziges englischsprachiges Land findet. Das heurige Motto „Wasser und nachhaltige Entwicklung“ animiert trotz hochgesteckter Ziele nicht gerade zu Glanzleistungen. Der Großteil der Länderpavillons erstickt in textlastigen Ausstellungen und statistischen Aufbereitungen. Alles sehr dramatisch. Doch spätestens nach einer Handvoll bereister Länder ist im Kopf das absolute Chaos ausgebrochen. Andere Pavillons wiederum oszillieren zwischen touristischer und wirtschaftlicher Selbstdarstellung und gehen am Thema völlig vorbei.

Und alle schwingen sie die Moralkeule: Wasser sei ein kostbares Gut, auf das wir in Zukunft besser aufpassen müssten, dröhnt es überall aus den Lautsprechern. Nicht einmal auf Plattitüden wird verzichtet. Durstige Elefanten in der Savanne werden in einem Atemzug mit der Sprinkleranlage im hübschen Vorstadtgärtchen bemüht. Kontraste wie diese sollen sich uns noch nie zuvor offenbart haben.

Schon bald entpuppt sich der moralische Zeigefinger als reine Persiflage. Denn mit dem Wasser wird auf dieser Weltausstellung herumgepritschelt und herumgespritzt wie nur was. Wasserfälle ergießen sich aus großer Höhe, immer wieder schreitet man über künstliche Seen, spannt den Regenschirm auf und begutachtet physikalische Wasserspiele, die der Aufklärung dienen sollen. Ja, sogar eine Art Fluss durch das Innere der Erde wurde angelegt, weil's eben lustig ist.

Der Österreich-Pavillon (Baukosten 1,4 Millionen Euro) fällt aus alledem in mehrfacher Hinsicht aus der Reihe. Mit Verlaub: Das ist ein guter Ort, um längst verloren geglaubte Patriotismusgefühle wieder ein wenig aufzufrischen. Der architektonische Beitrag der Arge Strauss-Solid-Ritter, die vor zwei Jahren den Wettbewerb um die Pavillon-Gestaltung gewonnen hatte, verzichtet dabei gänzlich auf das Medium Wasser und begnügt sich mit der assoziativen Aufarbeitung in den unterschiedlichsten Aggregatzuständen.

„In unserem Pavillon gibt es kein Wasser“, sagt Christoph Hinterreitner vom Architekturbüro Solid, „das ist unsere Antwort auf das Thema Nachhaltigkeit. Alles andere wäre zynisch und vermessen.“ Auf insgesamt 550 Quadratmetern baute Hinterreitner mit seinen Kollegen eine künstliche Landschaft, die in kaltes, blaues Licht getaucht ist. Als einer der wenigen Pavillons wartet Österreich mit Interaktion und mit Kunst auf. Wissenschaft, Predigt und Pädagogik - das überlässt man getrost dem Rest der Welt.

Auf einem 360-Grad-Panorama ist eine Filminstallation von Liquid Loft zu sehen. Mit ihren Körpern bauen die Tanzkünstler architektonische Räume. Nur zur Eröffnung und am Österreich-Tag am 19. Juli tritt Liquid Loft auch live auf - und verwandelt die eingeschweißte Bühne in einen Raum erstklassiger Darbietung. Die übrige Zeit steht die pneumatische Konstruktion freiwilligen Tänzerinnen und Tänzern zu Verfügung. Wer will, kann dabei in Lederhose, Dirndl, Frack und Ballkleid schlüpfen.

„Freilich ist dieses Projekt eine Gratwanderung“, gesteht Robert Punkenhofer, Direktor des Österreich-Beitrags, „andererseits finde ich es erstaunlich, wie Kreative mit den Österreich-Klischees umgehen.“ Früher habe man Berührungsängste gehabt, nun taste man sich mit Selbstironie und Augenzwinkern an das Thema heran.

Nicht zuletzt liegt es an den Künstlern, dass sich die Alpenrepublik zwar komisch, aber durchaus seriös präsentiert und dabei nicht - wie viele andere Teilnehmer der Expo - ins Folkloristische abdriftet. Walter Niedermayr umwickelt den Pavillon mit einer Fotomontage vom Pitztaler Gletscher. Lucy und Jorge Orta präsentieren eine Skulptur, die den Hype ums viele Designermineralwasser aufs Korn nimmt. Tomas Eller wiederum dokumentiert den beschwerlichen Versuch der architektonischen Aneignung: Er dringt in Schluchten und Gletscherspalten vor und trotzt der wilden Natur mit Raumabsteckungen. Faszinierend. Klirrend kalt.

Kein Ort für subtile Gesten

Auf dem Großteil des Expo-Geländes geht es jedoch weniger subtil zu. Die Tour du Monde ist ein reißerischer Strom der Peinlichkeiten. Griechenland trumpft mit einem Wasserbecken auf, um das sich zwölf dorische Plastiksäulen tummeln, Russland ist stolz auf seinen fragmentarischen Nachbau des St. Petersburger Neptunbrunnens, die afrikanischen Länder werben mit bunt gekleideten Buschprotagonisten, die gerade an irgendwelchen Hölzchen herumschnitzen, und im japanischen Pavillon gibt es einen Manga-Frosch mit Babystimme, der in einer filmischen Montage durch die jahrhundertealten Holzschnitze von Katsushika Hokusai hüpft.

Auffällig pädagogisch gibt sich Deutschland. Durch den gesamten Pavillon ist ein 120 Meter langer Kanal gelegt. Der Ritt auf dem Floß ist wie eine Fahrt durch die Grottenbahn. Hier ein bisschen Musik, dort ein wenig Donner. „Keine Angst, es ist nur ein Sommergewitter, das über Deutschlands Himmel wandert“, beschwichtigt eine süße Frauenstimme. „Hört ihr, wie der Regen ganz langsam nach unten sickert? Der weite Weg durch Sand und Stein schenkt ihm die Reinheit von Kristallen.“ Man bleibt etwas ratlos zurück ob der hier ausgesprochenen Botschaft.

Ideen für die Expo von morgen

Die Expo 2008 in Zaragoza wirft viele Fragen auf. Die dringlichste, die es in den kommenden Jahren zu beantworten gilt, hat mit dem Sinn und Zweck einer solchen Veranstaltung zu tun. Ursprünglich als Hort des Austausches und der Begegnung konzipiert, gehen dem 1851 ins Leben gerufenen Format allmählich die Ideen aus. Dank erhöhter Mobilität kann man heute binnen weniger Stunden ganz woanders sein, durch Fernsehen, Internet und Google Earth braucht man längst keine Weltausstellung mehr, um auf dem Laufenden gehalten zu werden.

„Die Expo in Zaragoza ist wie ein Lunapark, mit dem wesentlichen Unterschied, dass die Leute hier keinen Spaß haben“, stellt ein kritischer Besucher fest. So gesehen gibt es nur wenige Länder, die es verstanden haben, dem Medium Weltausstellung einen neuen, der heutigen Zeit angemessenen Sinn zu geben. Belgien, Schweiz, Litauen und eben auch Österreich - diese wenigen Pavillons nutzen die Gunst der Kunst. Das ist ein erfrischender Neuanfang angesichts des sonst schon durchgescheuerten Nervenkleids. Respekt.

Die EXPO in 30 Sekunden

Die Weltausstellung ist noch bis 14. September 2008 zu sehen.

Die Gesamtinvestitionskosten belaufen sich auf rund 9 Milliarden Euro. Von der EXPO profitiert vor allem das umliegende Zaragoza. Neben diversen infrastrukturellen Maßnahmen erhielt die Stadt

einen neuen Bahnhof für den Hochgeschwindigkeitszug AVE (Arch. Carlos Ferrater). Durch die gute Verkehrsanbindung rechnet man nun mit insgesamt 6 Millionen Besuchern. Die auffälligsten baulichen Maßnahmen auf dem EXPO-Gelände selbst sind der Torre del Agua (Arch. Enrique de Teresa), der neue Palacio de Congresos (Arch. Nieto Sobejano) sowie der 300 Meter lange Brückenpavillon über den Ebro - eine gigantische Geste von Zaha Hadid. Nach Ablauf der Weltausstellung wird das Areal in einen Business-Park umfunktioniert. Die Pavillons werden entkernt, übrig bleibt eine Stahlbetonkonstruktion, die bereits den Bedürfnissen der zukünftigen Nutzer angepasst ist.

14. Juni 2008 Der Standard

So normal wie Singapur an der Donau

Jahrzehntelang ist man an Linz vorbeigefahren. Und nun widmet man der Stadt sogar eine eigene Ausstellung. Wie in Texas soll es da sein. Oder wie in Washington. Oder wie überall sonst auf der Welt. Ein neuer Blickwinkel aufs Mittelmaß.

In den letzten Kriegswochen saß er oft stundenlang in seinem Büro im Berliner Führerbunker und starrte auf das riesige Linz-Modell, das sich vor ihm ausbreitete: Hitler und seine Visionen für die Führerstadt an der Donau. Die ersten Entwürfe für die neue Uferbebauung hatte der Reichsbaurat der Stadt Linz, Roderich Fick, gezeichnet. Trotz riesiger Bauten und imposanter Triumphbögen waren Adolf Hitler die skizzierten Ideen allesamt zu lasch. Es musste noch größer werden. Hermann Giesler, Generalbaurat von München, liefer- te schließlich jenen Pathos, den sich Hitler für die Stadt, in der er seinen Lebensabend verbringen wollte, so sehnlich gewünscht hatte.

Wie eine Perlenkette der Macht reihen sich Militärmuseum, Pionierschule, Heereskommando, KdF-Halle, Führerhotel und Kreisleitung an den beiden Donauufern zur neuen Skyline von Linz. Die Krönung der Komposition war die Gauanlage mitsamt Gaufesthalle und 162 Meter hohem Glockenturm. Realisiert wurde von alledem nur das Brückenkopfgebäude zwischen Nibelungenbrücke und Hauptplatz, in dem heute unter anderem die Kunstuniversität Linz untergebracht ist. Die restlichen Pläne fielen dem glücklichen Verlauf der Zeit zum Opfer.

„Wenn es nach Hitler gegangen wäre, wäre Linz die Heimstätte der persönlichen Kunstsammlung des Führers geworden, beherbergt in einem riesigen, neoklassizistischen Bilderbuchpalast. Darüber befände sich der schwindelerregende Sarkophag seiner geliebten Eltern, erhöht auf einer gestreckten dorischen Säule - eine Art makabre Videoüberwachungsanlage aus dem Jenseits, mit Blick auf das wahnwitzige Vermächtnis ihres Sohnes“, schreibt der Londoner Architekturkritiker Shumon Basar anlässlich der eben eröffneten Ausstellung „Linz Texas“ im Architekturzentrum Wien.

Warum Linz? Warum Texas? Warum Hitler? Und warum nicht Bush? „Linz ist eine mittelgroße Stadt“, erklärt die Kuratorin Angelika Fitz, ihres Zeichens Kulturwissenschafterin mit einem Faible für Architektur und Stadtplanung, „Linz ist nicht wirklich sehr spezifisch, und es ist vergleichbar mit vielen anderen Mittelstädten auf der Welt. Mal mit Wolfsburg, mal mit Rourkela in Indien, mal mit Port Camargue in Südfrankreich, mal mit Manchester und mal mit Haifa. Und in manchen Punkten ist Linz auch so wie die Kleinstadt Paris in Texas. Je nach Betrachtungsweise eben.“

Dass Linz heute so ist, wie es ist, ist nicht zuletzt auch den gescheiterten Plänen Hitlers zu verdanken. „Nein, ich muss zugeben, dass das Problem, dem sich Linz scheinbar gegenüber sieht, darin besteht, dass es eigentlich keine großen, lebensbedrohenden Probleme hat“, bringt Shumon Basar in seiner überaus positiven Kritik zu Blatt. Linz sei nicht wie in Hitlers Träumen und auch nicht wie die großen Brennpunkte Mumbai, Caracas, oder Istanbul. „Im Schatten dieser schillernden Städte macht sich Linz recht possierlich aus. Die Stadt ist weder zu groß noch zu winzig. Ihr Bruttosozialprodukt ist auf recht gesundem Niveau. Niemandem scheint wirklich etwas abzugehen.“ In dieser Hinsicht, so Basar, liege Linz in einem Gürtel von gesunden, funktionierenden Städten, der sich über Zürich, Vancouver, München und Stockholm erstreckt.

Ein bisschen hiervon und ein bisschen davon. Doch warum in aller Welt widmet man diesem mediokren Umstand eine eigene Ausstellung? „Gerade darum“, sagt Fitz. Schon der Architekturtheoretiker Bart Lootsma habe einmal in einem Symposium die Frage gestellt: „Warum untersuchen wir diese Städte nicht genauso intensiv wie die sensationsträchtigeren, funktionsgestörten Städte? Warum können wir nicht von den Städten lernen, die gut funktionieren?“ Genau das möchte man in der Ausstellung „Linz Texas“ tun. Mal ganz abgesehen davon, dass man auch die Werbetrommel für das kommende Kulturhauptstadtjahr 2009 rühren will.

„Nein, mich interessiert nicht Linz im Speziellen“, sagt Angelika Fitz, „mich interessiert nur das prototypische Beispiel einer Mittelstadt. Und zwar Mittelstadt in jeder Hinsicht.“ So gesehen, sei Linz nicht wahnsinnig außergewöhnlich. Wie in Paris, Texas, suhlt man sich auch in Linz im ewigen Minderwertigkeitskomplex, stets der Zweitplatzierte zu sein. Der Linzer Dom ist der zweithöchste Kirchturm Österreichs, und im texanischen Paris steht - als hätten wir's nicht schon geahnt - ein Nachbau des Pariser Wahrzeichens, der mit 20 Meter Höhe lange Zeit der zweithöchste Eiffelturm der Welt war. Und dann hat Las Vegas mit seinem großkotzigen 165 m hohen Turmnachbau dazwischengefunkt. Weg war der zweite Platz.

Linz ist aber auch wie Venedig, zumindest in den stadtnahen Einkaufszentren Uno-Shopping und Plus-City. Da wie dort steht das italienische Flair hoch im Kurs - wer will schon nicht auf einem kreisrunden „Marcusplatz“ unter gläsernem Firmament die vollen Tüten schwingen und bei einem Caffè Latte wieder zu Kräften kommen? Linz ist aber auch wie das indische Hyderabad: Da wie dort werden Softwareparks aus dem Erdboden gestampft. Oder wie Wolfsburg: Im einen Fall laufen Volkswagen vom Band, im anderen Fall der dafür benötigte Stahl. Nicht einmal ein Vergleich mit Kassel wird gescheut: Von der documenta lässt man sich nicht einschüchtern - man hat ja die Ars Electronica.

Der Amsterdamer Architekturjournalist Roemer van Toorn kommt aus dem Gegenüberstellen gar nicht mehr heraus. Letztendlich landet er im Katalog, der zeitgerecht zur Ausstellung erschienen ist, sogar bei einem Vergleich mit dem Stadtstaat Singapur. Und meint: „Bürgermeister Franz Dobusch schuf den perfekten Sozialstaat, mit technischer Effizienz auf höchstem Niveau, der ausgedehnten Verwendung von Informationsmitteln, weitverbreitetem Wohlstand, ausgezeichneten öffentlichen Einrichtungen, hohen Beschäftigungszahlen, einer effizienten und aufgeklärten Bürokratie und sozialen Beziehungen. Mehr noch: Linz ist wie Singapur ohne die Todesstrafe.“

Angelika Fitz gibt sich happy: „Genau das wollten wir erreichen. Wir wollten nicht schon wieder eine Ausstellung mit harten Faktoren, mit Statistiken und Flächenwidmungsplänen. Viel wichtiger waren uns die soften Facts. Wir haben uns daher die Frage gestellt: Wie ist es überhaupt, in einer Stadt wie Linz zu leben?“

Ausstellungen über das Phänomen Stadt habe es schon viele gegeben, aber noch niemals sei es geglückt, den Ausstellungsbesuchern ein Gefühl und ein Gespür für einen bestimmten Ort zu vermitteln. Hier geschieht dies in konzeptionellen Vergleichen, aber auch in sehr polemischen und durchaus plakativen Gegenüberstellungen. Manchmal recht plump, aber immer lustig und anregend. Mit einem Wort: Stadtbetrachtung durch eine völlig neue Brille. Und: Wie lebt es sich zwischen Linz und Texas? Eine Antwort möchte Angelika Fitz darauf nicht geben. „Dazu ist die Ausstellung da.“

[ „Linz Texas. Eine Stadt mit Beziehungen“ im Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien. Täglich 10 bis 19 Uhr. Zu sehen bis 8. September 2009. Ausstellungsgestaltung: arquitectos; Grafik: MVD Austria. Zur Ausstellung erscheint der gleichnamige Katalog „Linz Texas. Eine Stadt mit Beziehungen“ im Springer-Verlag. ]

31. Mai 2008 Der Standard

Die grüne Pille fürs gute Image

Wenn schon Hochhäuser, dann zumindest begrünte, lautet das Motto des malaysischen Architekten Ken Yeang. Ein Gespräch anlässlich der Architecture World 2008 in Münster.

der Standard: Bei Ken Yeang denkt man unweigerlich an Wolkenkratzer. Warum Wolkenkratzer?

Ken Yeang: Hochhäuser sind im Grunde ihrer Natur eine sehr unökologische Art zu bauen. Um ehrlich zu sein, sind sie die schlimmste Art überhaupt. Aber die Menschen wollen Hochhäuser. Sie wollen sie bauen, sie wollen sie besteigen, sie wollen sich daran messen. Irgendwer muss sich ihrer erbarmen und etwas Gescheites daraus machen. Die Alternativen sind meist recht übel, denn die Architekten sind wie Kinder. Sie gehen unbedarft an die Bauaufgabe heran und bauen ihre Träume.

Und Sie sind der Auserwählte?

Yeang: Ja, ich habe mich selbst dazu auserwählt. Es muss zumindest einen Menschen geben, der die Potenziale dieser Megastrukturen erkennt. Man muss das Hochhaus so grün wie möglich machen. Nur so kann man dazu beitragen, dass unterm Strich die Ökobilanz unserer kapitalistischen Architektur zwar nicht gut, aber immerhin nicht katastrophal ist. Genau das versuche ich zu tun, schon ein berufliches Leben lang. Um genau zu sein, seit 1971. Öko-Hochhäuser waren damals noch absoluter Luxus.

Viele südostasiatische und amerikanische Städte könnten aufgrund der Bevölkerungsentwicklung ohne Hochhäuser kaum mehr existieren. Gibt es diesen Bedarf in Europa überhaupt?

Yeang: Ja und nein. Sie müssen in dieser Betrachtung immer an den Anfang zurückgehen. Städte wachsen. Und diesem Wachstum muss man sich stellen. Dies kann geschehen, indem Sie die Stadtkonturen nach außen erweitern. Das kann aber auch geschehen, indem Sie eine Satellitenstadt bauen. Das ist eine sehr schlechte Option! Wenn man die dadurch entstandene Mobilität und den Energiebedarf miteinbezieht, dann ist die Wahl von Satellitenstädten geradezu katas-trophal. Und die dritte Möglichkeit ist, die Stadt zu verdichten und die Bebauungseffizienz zu optimieren. Genau aus diesem Grund gibt es Hochhäuser auch in Europa. In London, in Frankfurt, in Moskau und auch überall dort, wo man sich einbildet, dass man so etwas braucht.

Gibt es eine Alternative zum Hochhaus?

Yeang: Realistisch gesehen nicht. Es ist, als würde man der gesamten Bevölkerung sagen: Nehmt alle die Pille und hört auf, Kinder zu kriegen!

Oft entstehen Hochhäuser aus reinen Prestige- und Imagegründen.

Yeang: Sprechen wir nicht davon! In Kuala Lumpur wurden die Petrona Twin Towers gebaut. Diese Stadt braucht solche Hochhäuser nicht. Kuala Lumpur ist sehr weit gestreut und weist kaum eine ernstzunehmende Dichte auf. Kein Mensch auf dieser Welt ahnt, dass Kuala Lumpur gerade einmal 1,5 Millionen Einwohner hat. Dafür kennt jeder die Silhouette dieser Türme. Damit hat die Stadt ein wirksames Zeichen erhalten und schafft es sogar, Hauptdarstellerin in diversen Hollywood-Filmen zu sein. Letztendlich kurbelt das den Tourismus und die Wirtschaft an. Denn ganz gleich, ob Eiffelturm, Empire State Building oder Sydney Opera House - auf solche Icons fährt jeder ab. Das ist das einzig Positive an den Petrona Twin Towers.

Architektur kurbelt die Wirtschaft an. Das ist doch ein starkes Argument.

Yeang: Korrekt. Und wenn jeder Architekt damit argumentiert, geht die Welt demnächst in einem unvorstellbaren Super-GAU zugrunde. Ich bemühe mich, gegen diese Entwicklung anzukämpfen. Leider gibt es zu wenige Denker meiner Sorte. Die meisten lassen sich vom Marketingwert der Architektur blenden. Die Ausmaße dieser Haltung sehen Sie in Schanghai und in Dubai. Das kann unmöglich die Zukunft unserer Städte sein. Doch ich befürchte, dass ich mich irre.

Was wollen Sie dagegen tun?

Yeang: Grüne Hochhäuser bauen und optimistisch bleiben.

Beim Wettbewerb für die neue Zentrale der Europäischen Zentralbank in Frankfurt haben Sie ein grünes Hochhaus entworfen. Gewonnen haben Sie nicht.

Yeang: Nein, gewonnen hat Wolf Prix. Ich gönne ihm den Sieg. Sein Entwurf war einfach besser und konsistenter. Lassen Sie ihn bei dieser Gelegenheit herzlich von mir grüßen! Wir hören uns viel zu selten. Ich bekomme immer nur Weihnachtskarten von ihm zugeschickt. Ich glaube, die schickt er mir, um „sorry“ zu sagen - eben dafür, dass er mich mit dem Wettbewerbssieg für die Europäische Zentralbank in Frankfurt übertroffen hat.

Ist es nicht ein immenser Aufwand, in ein Hochhaus so viel Grünzeugs hineinzubringen?

Yeang: Der Aufwand ist enorm, das stimmt. Natürlich wäre es sinnvoll, stattdessen die Grünflächen in einem Park nebenan anzulegen. Das würde zudem die Bebauungsdichte reduzieren. Doch für ein solches Konzept finden Sie weltweit keinen einzigen Investor und keine Stadtverwaltung.

Einen Versuch wäre es wert.

Yeang: Aussichtslos. Es zieht einerseits Rendite-Verluste mit sich und zeugt andererseits von unglaublicher Banalität. Die wenigen Investoren, die es sich leisten wollen, grüne Hochhäuser hochzuziehen, machen das nur im seltensten Fall aus ökologischen Überlegungen. Sie machen das in erster Linie, um das Image aufzupolieren und um als innovativer Schirmherrscher dazustehen.

Also alles nur Bluff?

Yeang: Grüne Architektur ist ein Placeboeffekt. Im Hintergrund ihrer Headquarters produzieren die Konzerne unverändert weiter und qualmen giftige Abgase in die Luft. Ich erkenne in der Not derer Handlungsmuster jedoch eine große Tugend. Denn diese grünen Bauwerke dienen der Bevölkerung als Propagandamittel und fordern zum Nachdenken auf. Einige wenige wird man damit im Herzen erreichen. Das ist den Aufwand wert.

Was ist die Herausforderung im grünen Bauen?

Yeang: Ich vergleiche die Natur immer mit einem menschlichen Körper. Jede Architektur darin ist ein künstlicher Eingriff, ein Fremdkörper. Es bedarf intensiver Arbeit und hoher Qualität, um diese Kombination von Natürlichem und Künstlichen am Laufen zu halten. Hinzu kommt, dass Pflanzen sehr anspruchsvoll und sehr stur sein können.

Trifft das auch auf Ken Yeang zu?

Yeang: Ich war früher viel sturer, als ich es heute bin. Mit 59 Jahren weiß man, dass man über den Hügel ist und dass die Seniorenepoche nicht mehr allzu weit weg liegt. Aber was erzähle ich denn Ihnen da, Sie sind ja noch ein Baby! Schauen Sie: Mit 20 bis 30 experimentiert man, mit 30 bis 40 schärft man sein Wissen, mit 40 bis 50 reift man heran und setzt das Wissen qualitätsvoll um. In dieser Zeitspanne machen die Architekten das meiste Geld. Ab 50 wird es endlich ruhiger - und vor allem anstrengender. Irgendwann merken Sie, dass Ihnen die Zeit davonläuft. Dann ist jeder Tag wertvoll. Zwischen 55 und 60 zieht man sich zurück und geht in Pension.

Das dürfen Sie keinem europä-ischen Architekten sagen.

Yeang: Ich weiß. Architekten können sich niemals zur Ruhe setzen. Und das ist eine Pein. Den jungen Menschen gegenüber finde ich das völlig unverantwortlich. Man sollte wissen, wann man seine Grenzen erreicht hat. Ich sage Ihnen einmal etwas: Ich habe im Laufe meines Lebens vier unterschiedliche Charaktere ausgearbeitet. Die erste Persönlichkeit ist ein weißes Quadrat: unschuldig, symmetrisch, ausgeglichen. Die zweite Person ist ein schwarzes Quadrat: böse, düster und in der Rolle eines Außenseiters. Die dritte Persönlichkeit ist ein graues Quadrat. Endlich hat man begriffen, dass es nicht nur Gut und Böse gibt, sondern auch den Graubereich dazwischen. Aber immer nur Quadrate - das ist auf Dauer langweilig. Und so habe ich den vierten Charakter entwickelt - einen knallbunten Regenbogen. Das möchte ich sein, ein knallbunter Regenbogen! Jeden Tag aufs Neue. Wenn man allerdings mit 70 oder 80 immer noch hartnäckig an der Architektur herumbastelt, dann kann man kein Regenbogen mehr sein. Und das finde ich sehr traurig.

Wann werden Sie in Pension gehen?

Yeang: Ich hatte vorgehabt, mich in ein paar Jahren zurückzuziehen. Doch dann bin ich 2005 mit meiner Familie nach London gezogen. Und da ticken die Uhren ein bisschen anders. Wir werden sehen.

Wie werden Sie in Ihrem Ruhestand auf Ihre Zeit als Architekt zurückblicken?

Yeang: So wie heute. Es ist einer der tollsten Berufe, die es gibt. Und es einer der schwierigsten. Sie müssen ein Allrounder sein. Wussten Sie, dass in den USA Architekten die höchste Scheidungsrate aufweisen? Das sagt doch alles! Das Leben als Architekt ist stressig. Jeder Tag ist anders. Einmal zeichnen Sie, einmal reisen Sie, einmal verhandeln Sie, einmal streiten Sie, dann stehen Sie bis zu den Knöcheln im Beton. Oder das Wasser steht Ihnen bis zum Hals. Und was den Beruf vor allem so schwierig macht: Egal, wie gut Sie sind - bei jedem Projekt wird mit Sicherheit etwas schiefgehen. Denn an einem Projekt arbeiten zwischen ein paar Dutzend und ein paar tausend Leute mit. Wer ist am Ende schuld? Ausbaden muss es immer der Architekt.

Haben Sie die Nase voll?

Yeang: Überhaupt nicht. Ich schätze meine Situation, und ich bin sehr glücklich darüber, dass es mir gelungen ist, so viele Träume umzusetzen. Aber viele Leute glauben, dass das Leben als Ken Yeang immer nur großartig ist. Nein, das ist es nicht. Ich könnte Ihnen viele Horrorgeschichten erzählen.

Ihre schlimmste Erkenntnis?

Yeang: Architekten sind der Meinung, sie könnten die Welt verändern. Meine schlimmste Erkenntnis war zu merken, dass das nicht stimmt.

Zum Abschluss: Sie gelten als einer der innovativsten Architekten weltweit. Sind Sie's?

Yeang: Das ist eine gemeine Frage. Es ist, als ob ich mich in der Früh in den Spiegel schauen und mir die Frage stellen müsste: Bin ich schön? Meistens beißt man sich auf die Lippen und sagt dann ganz leise: Mir und meinen Freunden gefalle ich, das ist die Hauptsache. Nun zu Ihrer Frage: Mit Gewissheit gehöre ich zu den wenigen, die die Vision einer grünen Zukunft propagieren und sich dafür mit aller Kraft einsetzen.

[ Architecture World Münster: Donnerstag, 5. Juni, bis Samstag, 7. Juni 2008, Messe- und Congresszentrum Halle Münsterland.
Mit Vorträgen von Ken Yeang, William Alsop, Ben van Berkel, Hitoshi Abe, Greg Lynn, Thom Mayne, Elke Delugan-Meissl, Wolf D. Prix u. v. m. ]

8. Mai 2008 Der Standard

„Sprechen im Maßstab eins zu eins“

Die Architekturtage 2008 wollen Laien Architektur verständlich vermitteln. Wojciech Czaja erfährt im Gespräch mit dem deutschen Architekturpsychologen Riklef Rambow, warum das so schwierig ist.

Standard: Wenn Architekten ihre Arbeit erklären, versteht sie entweder niemand oder es will ihnen niemand zuhören. Woran liegt das?

Rambow: Gebäude werden in erster Linie über die Augen wahrgenommen. Nur durch Sprache und ganz ohne Bilder ist es daher sehr schwer, Architektur zu vermitteln. Manche Architekten zeigen zwar Bereitschaft, zuzuhören und mit dem Gegenüber auf eine Art und Weise zu sprechen, die auch für einen Laien verständlich ist. Aber allzu häufig ist das nicht der Fall. Architekten und Architektinnen haben das gleiche Problem wie andere Experten auch: Aufgrund der ausgeprägten fachlichen Wahrnehmung und der Vertrautheit mit der eigenen Fachsprache nehmen sie die Dinge anders wahr - und das führt oft zu Missverständnissen.

Standard: Warum verzichten die Experten nicht einfach auf ihren Fachjargon und sprechen so, dass auch Laien sie verstehen?

Rambow: Man kann Architektur auch mit einfachen Worten kommunizieren, aber das ist nicht leicht. Fachbegriffe liegen oft auf der Hand und werden von denen, die täglich damit umgehen, als selbstverständlich wahrgenommen. Verständlich zu reden will gelernt sein.

Standard: Welchen Stellenwert hat Architektur in der Bevölkerung? Und welches Image haben Architekten?

Rambow: Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen zeitgenössischen und historischen Bauwerken. Das zeigt folgender Umstand: Es gibt in Deutschland den sogenannten „Tag des offenen Denkmals“. Und dann gibt es noch den „Tag der Architektur“, an dem aktuelles Baugeschehen präsentiert wird. Während der „Tag des Denkmals“ letztes Jahr 5,5 Millionen Besucher anzog, kamen zum „Tag der Architektur“ bundesweit gerade mal 150.000 Besucher. Man sieht es auch beim Reiseverhalten: Historische Gebäude werden als Sehenswürdigkeiten erachtet und selbstverständlich besucht. Für zeitgenössische Gebäude gilt dies nur in wenigen Ausnahmen. Das Image könnte also besser sein.

Standard: Warum ist das Interesse am zeitgenössischen Baugeschehen so gering?

Rambow: Im deutschsprachigen Raum ist Bauen kein Teil der Grundbildung. Schon in der Schule wird das Thema wenig behandelt. Moderne Architektur wird bei uns nicht als Teil des bildungsbürgerlichen Kanons wahrgenommen, sondern ist eher etwas für Spezialisten. Weite Teile des aktuellen Baugeschehens werden kaum verstanden und stoßen in der Bevölkerung auf Ablehnung. Hinzu kommt, dass die Leute oft ein völlig falsches Bild vom Architektenberuf und dementsprechend falsche Erwartungen an Architekten haben.

Standard: Kann eine Veranstaltung wie die Architekturtage 2008 das nachhaltig verändern?

Rambow: Eine Veranstaltung, in deren Rahmen Laien eine Materie nähergebracht wird, ist grundsätzlich eine sehr gute Sache. Das Interesse an zeitgenössischer Architektur, soweit es vorhanden ist, wird dadurch befriedigt. Denn es wird etwas geboten, was sonst nur selten möglich ist: Auseinandersetzung und Gespräch im Maßstab eins zu eins. Man sieht das Gebäude, man kann hineingehen und sich frei darin bewegen, anstatt nur Pläne und Fotos zu sehen. Besonders positiv ist, dass es an vielen Orten gelungen ist, über die Architekturtage das Thema Architektur in die regionale Presse zu bringen.

Standard: An der TU Cottbus haben Sie einen Master-Studiengang namens „Architekturvermittlung“ mit ins Leben gerufen. Das Studium ist einmalig im deutschsprachigen Raum. Woher kam die Idee?

Rambow: Ich bin überzeugt, dass es dieses Angebots bedarf. Es gibt viele Interessenten, die sich der Vermittlung auf breiter Ebene widmen wollen und die das ganze Spektrum von Methoden und Strategien der Architekten-Laien-Kommunikation beherrschen wollen. Ebenso wichtig finde ich aber auch, dieses Thema in die Ausbildung von Architektinnen und Architekten zu integrieren. Erfolgreiche Kommunikation ist eine Voraussetzung für gute Architektur.

Standard: Wie wird das Angebot angenommen?

Rambow: Der Master-Studiengang steht noch am Anfang. Die Tendenz der Bewerberzahlen ist allerdings steigend. Es ist und bleibt jedoch ein Studium für Spezialisten.

Standard: Welche Job-Aussichten haben Ihre Absolventen?

Rambow: Die Studenten und Studentinnen kommen aus verschiedenen Bereichen. Gefordert ist zumindest ein Bachelor-Abschluss. Es kommen Architekten, Kulturwissenschafter, Kunsthistoriker, aber auch Psychologen und Soziologen. Interessant ist der Studiengang vor allem für diejenigen, die in diesem Bereich als Ausstellungsmacher, Kuratoren, und Publizisten arbeiten wollen.

Standard: Wie beurteilen Sie die Berichterstattung in den Medien?

Rambow: Da muss man zwischen den einzelnen Medien unterschieden. In den Feuilletons großer Tageszeitungen ist das Thema Bauen deutlich weniger vertreten als vergleichbare kulturelle Bereiche. Das ist bedauerlich. Viel wichtiger ist allerdings, dass die Architektur auch im Lokalteil zum Zug kommt, also überall dort, wo über Alltagsgeschehen, über den öffentlichen Raum und - ganz trivial - über Baustellen berichtet wird.

Standard: Stichwort „Architektur im Fernsehen“?

Rambow: Im Prinzip wäre das Fernsehen ein wunderbares Medium für die Architekturvermittlung. In der Zeitung gibt es drei, vier Fotos, auf dem Bildschirm gibt es bewegte Bilder. Das Potenzial ist jedenfalls sehr groß, das sieht man an Beiträgen über das Baugeschehen in Schanghai und Dubai. Die Leute steigen hier über Superlative und technische Sensationen ein. Das ist ein Ansatzpunkt. Wenn man diesen Ansatz kreativ aufnimmt, dann kann auch eine Architektur-Doku über Deutschland oder Österreich interessant sein. Einschaltquoten wie „Deutschland sucht den Superstar“ wird eine Architektursendung allerdings niemals erreichen, das muss aber auch nicht sein.

[ Riklef Rambow (44) ist Architekturpsychologe an der BTU Cottbus und Leiter des Instituts für Architektur- und Umweltpsychologie Psy-Plan in Berlin. ]

8. Mai 2008 Der Standard

Gebäude im Ausnahmezustand

Architektur muss erlebbar sein - Tag der offenen Türen in ganz Österreich

Alle zwei Jahre finden in Österreich die Architekturtage statt, heuer bereits zum vierten Mal. Das Projekt der Architekturstiftung Österreich in Zusammenarbeit mit den Kammern der Architekten und Ingenieurkonsulenten dient in erster Linie dazu, die Berührungsängste zwischen Laien und Fachleuten zu schmälern.

"Die Architekturtage 2008 sollen unter dem diesjährigen Motto „Architektur erleben“ die untrennbare Einheit von Kultur und Bau demonstrieren", sagt Walter Stelzhammer, Bundesvorsitzender der Architekten. „Ziel ist es, die Architektur für weite Teile der österreichischen Bevölkerung lebendig und damit erlebbar zu machen.“

Ein umfassendes Programm macht's möglich. Rund tausend Programmpunkte in allen Bundesländern, in Bratislava, in Liechtenstein und in der Ostschweiz eröffnen Interessierten die Möglichkeit, hinter die Kulissen des kreativen Schaffens zu blicken und das eine oder andere Gebäude zu betreten: Einfamilienhäuser, Bürogebäude, Betriebswerkstätten, Müllzentren, ja sogar das Gebäude des slowakischen Rundfunks in Bratislava, ein futuristisches Bauwerk der Siebzigerjahre, öffnet jene Pforten, durch die sonst nur Mitarbeiter und Studiogäste schreiten dürfen.

Wer die Architekturtage am 16. und 17. Mai lieber dazu nutzen möchte, aus den rund 4200 Architekturbüros in Österreich den richtigen Partner für den Bau seines Traumhauses zu finden, kommt ebenfalls auf seine Kosten. An der FH Wieselburg findet am Samstag ein Speed-Dating zwischen Architekten und interessierten Bauherren und Baufrauen statt. In kurzen Gesprächen soll man einander auf den Zahn fühlen und erkennen, ob man füreinander bestimmt ist - oder nicht. Mit dem Summen der Stoppuhr wechselt man sein Gegenüber und zieht weiter.

Ein Blick hinter die Kulissen

Rund 300 Ateliers öffnen an beiden Tagen Tür und Tor und verköstigen ihre Besucher mit Wein und Soletti, vor allem aber mit einem Einblick in den Alltag von Architekten. Während die Eltern auf der Suche nach ihrem Traumplaner sind, können die Kids derweil ihre eigenen Erfahrungen in der Baubranche machen. In Zusammenarbeit mit KulturKontakt Austria wurde heuer ein umfangreiches Kinder- und Jugendprogramm ausgearbeitet (siehe Seite 39).

Die Architekturtage 2008 sind ein Kooperationsprojekt der Kammern der Architekten und Ingenieurkonsulenten und der Architekturstiftung Österreich. Das heurige Gesamtbudget beläuft sich auf 410.000 Euro. Die stolze Summe dient zur Ankurbelung der Bauwirtschaft, in erster Linie jedoch zur Festigung eines weit unterschätzten Kulturguts dieses Landes.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag