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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

12. September 2009 Der Standard

Das verlängerte Wohnzimmer

Wem gehört die Stadt? Was ist erlaubt? Und was ist verboten? Den Urban Hackern ist das egal. Sie nehmen in Anspruch, was ihnen gebührt. Recht so.

Grand Central Station, New York. Hektisch bewegt sich die halbe Stadt durch den Bahnhof, den Kaffeebecher in der einen Hand, die Tasche in der anderen, das Handy am Ohr. Lautsprecherdurchsagen, quietschende Räder, quatschender Lärm. Und plötzlich, als hätte jemand auf den Stand-by-Knopf gedrückt, erstarrt ein Teil des Publikums - und Stille.

Fünf Minuten lang stehen die Menschen reglos im Stechschritt, beim Telefonieren oder mit der frisch geschälten Banane im Mund. Etwas bang ob der entrischen Situation schleichen die Uneingeweihten zwischen den toten Menschenskulpturen umher, checken den Ernst der Lage, piksen den Pendlerkollegen zaghaft in die Schulter. Und dann, klick, wie von Zauberhand, nimmt das Treiben seinen Lauf, als wäre nie etwas gewesen. Applaus.

Die ersten Flashmobs (siehe Interview) gab es 2003. Sie sind der kurzlebige Versuch, den öffentlichen Raum, der allen und niemandem zugleich gehört, in Besitz zu nehmen und zum Wohnzimmer der Nation zu erklären. Wenn's sein muss, auch illegal.

Das derzeit in Wien stattfindende Festival paraflows 09 widmet sich ebendiesem Thema, dem sogenannten Urban Hacking. „Der Begriff Hacken hat seit den Hollywood-Filmen einen fahlen Beigeschmack“, sagt Festivalleiter Günther Friesinger, „ursprünglich war ein Hack nichts anderes als der Ausdruck für journalistisches Arbeiten mit ungewöhnlichen, unorthodoxen Mitteln. Genau darum geht es beim Urban Hacking. Um das Aufbrechen der Konventionen im städtischen Raum - und zwar ganz ohne bösen Hintergedanken.“

Wem gehört das Blumenbeet?

Friesingers Lieblingsprojekt im Rahmen des Festivals trägt den unscheinbaren Titel Interception. Dabei knackt der gebürtige Pole Roch Forowicz in einer U-Bahn-Station den Code einer Überwachungskamera und projiziert die Bilder, statt sie in die Wachstube zu schicken, direkt auf die gegenüberliegende Wand.

Doch man muss nicht unbedingt MacGyver sein. Der Wiener Künstler Bernhard Hosa beispielsweise schnappt sich Kübel, Schwamm und Seifenlauge und begibt sich damit in den Park. Mit beispielloser Hingabe macht er sich an einen städtischen Mistkübel heran, entleert ihn bis zum letzten pickigen Kaugummi und poliert das blecherne Ungetüm leidenschaftlich auf Hochglanz. Danke im Namen der Stadt.

Nützlich sind auch die Aktionen im Rahmen des sogenannten Guerilla Gardenings. Dabei werden unter anderem unhübsche, von städtischen Behörden überaus fantasielos gestaltete Blumenbeete umgeharkt und neu bepflanzt. Manchmal kommt es vor, dass aus dem Briefkastenschlitz eine unschuldige Primel ihre Blütenblätter reckt.

Niemand, aber auch wirklich niemand eignet sich die Stadt jedoch so flott und so fesch an wie die Traceure. In der vom Franzosen David Belle begründeten Sportart Le Parkour geht es um die Zurücklegung einer Wegestrecke von A nach B - und zwar auf die kürzeste und schnellstmögliche Weise. Im Idealfall handelt es sich dabei um die Luftlinie. Unbeeindruckt ob der baulichen Hindernisse, die sich einem immer wieder in den Weg stellen, sprinten die Traceure drauflos, hüpfen von einem Mauervorsprung zum nächsten, schweben schwerelos geschmeidig durch den öffentlichen Raum.

Wer hätte gedacht, dass die größte Parkour-Community dieses Landes in St. Pölten zu Hause ist? Um den Traceuren der Austrian Freestyle Foundation (AFF) angemessene Übungsmöglichkeiten zu bieten, wurde zu Beginn dieses Jahres ein löbliches Projekt ins Leben gerufen. Direkt vor dem Festspielhaus, quasi inmitten der niederösterreichischen Regierungsviertelwüste, sollte eine rund sechs Meter hohe und vielfältig nutzbare Skulptur entstehen. Optik für die einen, Turngerät für die anderen.

Übernächste Woche sollte das schöne Stück der Öffentlichkeit übergeben werden. Doch weil Österreich nun mal Österreich ist, wurde im letzten Moment ein Rückzieher gemacht. „Es war ein tolles und in der Herangehensweise sehr ungewöhnliches Projekt“, sagt Architektin Gabu Heindl, „als Erstes musste ich die unterschiedlichen Bewegungsabläufe einstudieren. Unglaublich, wozu ein menschlicher Körper imstande ist.“

Woran ist das Projekt gescheitert? „An mangelnder Sicherheit“, erklärt Gerhard Tretzmüller, zuständiger Abteilungsleiter für Gebäudeverwaltung in Niederösterreich. „Das größte Problem ist, dass da keine Versicherung mitspielt.“

Urbane Hackkunst, wie sie leibt und lebt: Den Traceuren macht das nichts aus. „Es liegt in der Eigenheit dieses Sports, dass er überall stattfinden kann“, sagen sie, „auch wenn man ihn verbietet.“

Heute, Samstag, 19 Uhr ist im Haupthof des Wiener Museumsquartiers ein MP3-Flashmob geplant. Anweisungen und Informationen dazu gibt es auf www.improveverywhere.com/ missions/the-mp3-experiments/vienna

Das Festival paraflows 09 läuft noch bis 20. September. Weitere Infos unter www.paraflows.at

9. September 2009 deutsche bauzeitung

Krabbelstube

Kindergarten in Sighartstein/Neumarkt

Als riesige Grasnarbe taucht der Kindergarten inmitten von Wiesen, Feldern und lockerer Bebauung auf. Doch er ist nicht nur äußerlich grün. Die Farbe steht zudem für eine ökologische und pädagogisch-liberale Geisteshaltung. In enger Abstimmumg mit den Pädagogen entwarfen die Architekten ein offenes Haus, in dem sich die Kinder erfreulich frei bewegen und entfalten können.

Sighartstein, irgendwo im Flachgau, irgendwo im Norden der Mozartstadt Salzburg. Die Fahrt führt zwischen schmucken, bunt verputzten Häusern am Hauptplatz vorbei, dreimal um die Ecke, den Hügel hinauf bis zum Ende der Straße, und plötzlich steht sie da, die grau verputzte Kiste (Stahlbeton-Bauweise mit Wärmedämmverbundsystem) mit ihrem unverwechselbaren Fassadenkleid aus stilisierten, saftig grünen Grashalmen. Harmonisch und gut getarnt fügt sich der Baukörper in die Landschaft. Je nach Blickwinkel muss man das Haus aus dem sommerlichen Bild, das sich hier bietet, regelrecht »herauslocken«. Die kleinen Menschen, die mit Sandschaufel und Eimer gewappnet regelmäßig durch die Glasfassade hindurch diffundieren, helfen einem dabei: Wo ein Kind, da auch ein Kindergarten.

Wie selbstverständlich wird man an der Rückseite des Hauses entlang des vollflächig verglasten Turn- und Bewegungsraums, wo die Kinder sich ihre Nasen an der Fensterscheibe plattdrücken und Handabdrücke hinterlassen, zum Eingang geleitet. Es ist der erste Einblick in das, was die Architekten einen Bewegungskindergarten getauft haben.

An der Eingangstür angelangt ist das Geschrei der Kinder dem freundlichen Lächeln der Leiterin gewichen. Daniela Rogl sitzt an ihrem Schreibtisch und blickt den ankommenden Besuchern entgegen. »Das war von Anfang an mein Wunsch«, sagt sie, »im Grunde genommen habe ich ein Corner Office; ich sehe auf der einen Seite die Leute, die ins Gebäude eintreten, und auf der anderen die Kinder im Garten. Da hat man alles im Überblick.« Und was meint sie zu der kräftig grünen Farbigkeit? »Mit dem Grün hatten wir am Anfang schon unsere Probleme, aber mittlerweile haben wir uns alle an die Farbe gewöhnt. Ich finde sie, ehrlich gestanden, richtig gut!« Man glaubt es ihr aufs Wort: Grüne Bluse, grüne Weste, grüner Schlüsselanhänger auf dem Tisch.

Die Farbgebung des Kindergartens ist Programm. Und das, ohne jemals ins Kitschige oder Kindische abzudriften. Denn statt aus dem entbehrlichen Fundus an ohnehin schon tausendfach bedienten Klischees zu schöpfen, haben sich die Architekten einzig und allein von der Umgebung inspirieren lassen. »Kindergarten hin oder her, wir hätten wahrscheinlich auch bei einem anderen Funktionsspektrum zu dieser Farbe gegriffen«, erklärt Kerstin Tulke, Projektleiterin im Aachener Büro kadawittfeldarchitektur, das 2003 den international ausgeschriebenen Wettbewerb gewann. »Rund um Salzburg wächst das Gras einfach grüner. Wenn man sich auch nur ein bisschen auf die Umgebung einlässt, dann wird man unweigerlich die bestehenden Motive aufgreifen und ins architektonische Konzept einfließen lassen.«

Nach Betreten des Kindergartens geht es links zu den einzelnen Gruppenräumen mit angeschlossenem Garderoben- und Sanitärbereich; um die Ecke rechts pulsiert das monochrome, apfelgrüne Herz des Hauses, der zweigeschossige Bewegungsraum. Auf rund 70 m² können sich die Kinder hier austoben und ihrem ureigentlichen Drang nach Bewegung folgen. Die freundliche Farbe animiert dazu. An der Decke sind Metallösen angebracht, an denen sich mit einem Handgriff Seile, Strickleitern und Schaukeln befestigen lassen. Der Kautschukboden ist weich und lindert gegebenenfalls den Aufprall. ›

Aggressionspegel gesunken

»Der Bewegungsraum ist das absolute Highlight dieses Gebäudes«, sagt die Kindergartenleiterin. Einerseits werde das Angebot sehr gut genutzt, weil sich die Kinder hier gerne aufhalten. Andererseits diene die alltägliche Bewegung, die nun nicht mehr von Garten und Witterung abhängig ist, nicht zuletzt als psychologischer und sozialer Katalysator. »Seitdem wir diesen Kindergarten besiedelt haben, ist der Aggressionspegel unter den Kindern deutlich gefallen. Das können sowohl Eltern als auch Erzieherinnen bestätigen.« Einziger Nachteil: Es ist ziemlich laut. Daran können auch der weiche Boden und die Akustikdecke nichts ändern.

Aufgrund der knappen Platzverhältnisse (Gesamtnutzfläche 830 m²) war es nötig, den Bewegungsraum mehrfach zu nutzen und ihn mit anderen Funktionen zu überlagern. So gibt der rundum grün gefasste Saal beispielsweise auch für Geburtstage, Weihnachtsfeiern und ähnliches einen perfekten Rahmen ab. Die kreisrunden Oberlichter in der Decke und die kugelförmigen Beleuchtungskörper, die in unterschiedlicher Höhe in den Raum hinab baumeln, unterstreichen den festlichen und doch leicht verspielten Charakter.

Auf der anschließenden Tribüne, die für 100 bis maximal 150 Besucher angelegt ist, können Eltern und Verwandte Platz nehmen und den kleinen Schauspielern auf der Bühne zusehen. Außerdem dient die grüne Zone als Vertikalerschließung. Neben den aufsteigenden Sitzbänken führt eine einläufige Treppe nach oben. Während die etwas älteren Kinder aufgrund der Nähe zum Garten ebenerdig untergebracht sind, halten sich die Allerjüngsten, in ihrer Mobilität noch nicht ganz sattelfest, im Obergeschoss auf. Zwei Krabbelgruppen gibt es derzeit. Optional kann ein etwas kleinerer Ruheraum zu einem dritten Gruppenraum umfunktioniert werden.

Auffällig ist nicht nur die klare und überaus funktionale Anordnung der unterschiedlichen Bereiche, sondern auch die Offenheit im ganzen Haus. »Natürlich haben wir uns eine gewisse Trennung und Zonierung gewünscht, anders lässt sich ein Kindergartenbetrieb ja auch nicht in den Griff kriegen«, erklärt Rogl, »soweit es der tägliche Betrieb jedoch ermöglicht, verstehen wir uns als offenes und barriereloses Haus, in dem sich die Kinder frei bewegen können. Die Architektur unterstützt diese Qualität.«

Offenheit, Transparenz und Autonomie

Die einzelnen Gruppenräume, denen jeweils unterschiedliche Funktionen zugewiesen wurden, sind durch Glastüren miteinander verbunden. Hier ein Kreativraum, da ein Spiel- und Übungsraum, dort ein etwas stillerer Lern- und Leseraum. Eindeutige Zugehörigkeiten von Gruppen und Räumen gibt es nicht, denn jeder hält sich dort auf, wo es ihm gefällt. Das pädagogische Konzept, das in enger Zusammenarbeit zwischen Architekten und Nutzern entstanden ist, geht davon aus, dass vier- und fünfjährige Kinder durchaus in der Lage sind, selbstständig über die eigenen Bedürfnisse zu reflektieren und zu entscheiden. Und das ist löblich.

Je nach Lust und Laune können die Kinder also ungehindert von einem Bereich in den anderen hinüberwechseln. Damit im Augenblick der überschwänglichen Spielfreude nicht der eine oder andere kleine oder große Mensch gegen die Glastür knallt, ist in Augenhöhe (in allen Augenhöhen wohlgemerkt) eine Folierung aus stilisierten Grashalmen angebracht. Auf die Frage hin, ob das Grasmotiv nicht etwas überstrapaziert wird, antwortet die Projektleiterin: »Nein, das sehen wir nicht so. Wir haben uns ganz klar für ein einziges Motiv entschieden. Und dieses taucht von der Fassade bis zu den grün bedruckten Toilettentüren konsequent immer wieder auf. Nicht mehr und nicht weniger.«

Am auffälligsten ist die Fassadengestaltung im Obergeschoss. In einem Abstand von 20 cm vor der thermischen Außenhülle flimmert ein kreuz und quer zueinander gefügtes Stabwerk aus unterschiedlich dimensionierten Aluminiumhohlprofilen. Das ist die neu interpretierte, üppig grüne Flora Österreichs, wie Klaus Kada und Gerhard Wittfeld sich ausdrücken. Es ist aber auch ein Hinweis auf das in Anbetracht der Baukosten durchaus ambitionierte Haustechnikkonzept, das völlig unscheinbar im Hintergrund bleibt: Niedrigenergie-Bauweise, Brennwertkessel mit Fußbodenheizung und Sonnenkollektoren auf dem Dach. Wichtig zu erkennen, dass das eingesetzte Grün an diesem Haus nicht nur Farbe ist, sondern auch Ausdruck einer ökologischen und pädagogisch-liberalen Geisteshaltung.

Doch wie gefällt den Kindern der neue Kindergarten? »Gut.« Und was gefällt ihnen am besten? »Grün.«

14. August 2009 Der Standard

Der frische Wind der Geriatrie

Menschen im Alter bilden eine Bevölkerungsgruppe mit individuellen Bedürfnissen. Doch wie wohnt es sich jenseits der 75? Eine Ausstellung gibt Antwort.

Auf den ersten Blick der ganz normale Vorstadtwahnsinn. Die Straßen krümmen sich wie Schlangen übers Land, in den Vorgärten ist kein Grashalm länger als einen Inch, und über allem flattern patriotisch die immergleichen Stars and Stripes. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragt Joe (65) mit Baseball-Käppi und Gartenschlauch in der Hand. „Ach ja, immer nur geradeaus. Am besten, Sie fahren den Damen im Golfcar hinterher.“

Sun City Center, Florida, ist eine Rentnerstadt. Wie auch in allen anderen Sun Cities in den USA - und davon gibt es schon weit mehr als ein Dutzend - sind die Aufnahmebedingungen überaus streng. Sesshaft machen darf sich nur, wer bereits oft genug Geburtstag gefeiert hat, wer sich zum geselligen Zusammenleben verpflichtet und wer die vielen Dos and Don'ts dieser künstlichen Enklave respektiert. Das Mindestalter beträgt 55 Jahre, verboten sind dafür Wäscheleinen, Zäune und laute Musik.

Doch wie es scheint, mangelt es nicht an Interessenten. Seit seinem Entstehungsjahr 1962 ist Sun City Center auf mittlerweile 20.000 Einwohner angewachsen. Und es wird größer und größer. Neben 160 Golf-löchern, 200 Vereinen vom Strickverband bis zur Drama-Group und einem stadteigenen Krankenhaus gibt es nicht zuletzt die Garantie, ungestört im greisen Rahmen altern und sterben zu dürfen - fernab von Großstadtlärm, Jugendkultur und Kriminalität.

„Eine Katastrophe“, sagt Alexander Neuhold. Er muss es ja wissen, ist er doch Leiter der Hausgemeinschaft Erdbergstraße, einer Einrichtung des Evangelischen Diakoniewerks, die sich auf die Pflege älterer, großteils bettlägeriger Menschen spezialisiert hat. „In Österreich und speziell in Wien gehen wir nun endlich dazu über, die Ghettoisierung nach Altersgruppen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vermeiden. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Statt der üblichen 50, 60 oder gar 70 Betten innerhalb einer Station, wie dies früher üblich war, werden die Wohn- und Pflegegruppen zunehmend kleiner. Ganze 13 Männer und Frauen, allesamt in Einzelzimmern untergebracht, wohnen in einer der drei Wohngruppen mit Blick auf Donaukanal und Gasometer. Und auch das ist nach Auskunft des Experten schon viel zu viel, um einer individuellen Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner ernsthaft nachgehen zu können. „Man kann die Gruppen nicht klein genug halten“, so Neuhold.

Integriert und selbstverwaltet

Wichtigster Punkt in der Wohnraumbeschaffung für ältere Menschen ist die Dezentralisierung, also die möglichst breite Streuung innerhalb der Stadt. Das ist das absolute Gegenteil des amerikanischen Sonnenstadtkonzepts. Statt der einstigen Massenabfertigung à la Lainz sollen den Senioren in Zukunft nämlich viele unterschiedliche Lebensformen zur Verfügung stehen. Je nach Wunsch und Bedarf reicht das Angebot von autonomen, selbstverwalteten Wohngruppen, über generationenübergreifende Wohnheime bis hin zu serviciertem Wohnen und zu dem, was man bisher als geriatrisches Zentrum bezeichnete.

Auffällig ist, dass man im Umgang mit den Alten neuerdings die Zunge hüten muss. „Der Begriff Geriatriezentrum wird heute nicht mehr so oft verwendet“, sagt etwa Franziska Leeb, die derzeit an einer Buchpublikation für den Wiener Krankenanstaltsverbund arbeitet (erscheint im Herbst 2009), „lieber spricht man in Fachkreisen von sogenannten Wohn- und Pflegeheimen.“ Und auch sonst: Statt Bettlägerigkeit ist von Pflegestufe 4 bis 7 die Rede, bei der Eingrenzung des Altersspektrums wiederum bevorzugt man statt der bisherigen Pensionisten die Bezeichnung 50 plus, Golden Age oder - auch das gibt es - Senior Citizen.

Wie auch immer man die Bevölkerungsgruppe jenseits der straffen Haut und strammen Wadeln bezeichnet, die Damen und Herren werden jedenfalls mehr und mehr. Derzeit sind rund acht Prozent aller Wienerinnen und Wiener älter als 75, bis 2050 soll der Anteil auf zwölf Prozent steigen. Um sich auf die demografische Wende vorzubereiten, werden seit einigen Jahren laufend Architekturwettbewerbe ausgeschrieben. Einer nach dem anderen. Und das ist erst der Anfang.

Einen ersten umfassenden Überblick über die neuen Alterswohnprojekte, die entweder schon bezogen sind oder sich noch in Planung und Bau befinden, bietet das Architekturzentrum Wien. Seit gestern, Donnerstag, ist in der alten Halle die Ausstellung Ich wohne, bis ich 100 bin. Red Vienna, Grey Society zu sehen.

„Das Interessante an all diesen Projekten ist, dass es erstmals in der Geschichte des seniorenorientierten Themenwohnbaus keine wirklich durchgehende Linie gibt“, sagen die beiden Ausstellungskuratoren Heidi Pretterhofer und Dieter Spath vom Wiener Büro arquitectos. „Das mag zunächst einmal eigenartig klingen, doch im Grunde ist das der Beweis dafür, dass sich ältere Leute nicht über einen Kamm scheren lassen, sondern so individuell zu behandeln sind wie alle anderen auch.“

Sechs Monate lang brüteten die beiden Architekten über diversen Wohnbauvorhaben ihrer Kollegen. Unter ihre Fittiche kamen unter anderem die Bike-City („Wenn man mit einem Fahrrad in die Wohnung kommt, dann auch mit einem Rollstuhl oder Rollator.“), das Frauenwohnprojekt ro*sa Donaustadt sowie das sogenannte Neunerhaus in Favoriten, das obdachlosen Senioren ein Dach über dem Kopf bietet. Auch generationenübergreifende Wohnprojekte und Pflegeheime wurden untersucht.

Eine Gemeinsamkeit gibt es trotz aller Unterschiedlichkeit dann aber doch: „Neben den behördlichen Selbstverständlichkeiten wie Wendekreis und Türdurchgangsbreiten fällt bei vielen Projekten auf, dass die Erschließungsflächen ungewöhnlich groß dimensioniert sind“, erklären Pretterhofer und Spath, „viele Architekten neigen sogar dazu, die Gänge als Straßen und die Aufenthaltsbereiche als Piazza oder Dorfplatz zu bezeichnen.“

Warum tun sie das? „Bei größeren Wohn- und Pflegeheimen besteht die Gefahr, dass sie zu regelrechten Bettenmaschinen verkommen“, sagt etwa Helmut Wimmer, der in Wien-Leopoldstadt gerade ein neues Geriatriezentrum plant, Fertigstellung Frühjahr 2010. „Aus diesem Grund bedarf es einer Zonierung und Individualisierung. Aber auch auf der emotionalen Ebene muss man sich etwas einfallen lassen. Ein gewisses Augenzwinkern mitsamt Straßen- und Platzbezeichnungen ist sicher keine schlechte Idee.“

Das Alter darf ruhig bunt sein

Konkret: Das gesamte Gebäude wird thematisch in viele kleine Siedlungen zerlegt, wobei jeder dieser Gruppen ein eigenes Farbkonzept von Oskar Putz zugrunde liegt. Vor dem kreativen Impetus der Muse gibt es kein Entkommen: Bisweilen passiert es, dass der Boden hellblau ist und die Wände pink. Wimmer: „Dagegen kann man sich nicht wehren. Das ist der frische Wind der Geriatrie.“

So sieht er also aus, der kleine, aber feine Unterschied zwischen postmoderner Sonnenstadt und traditioneller Alpenrepublik. Während hierzulande alles Mögliche getan wird, um im Dialog zwischen Jung und Alt möglichst neutrale und möglichst integrative Lebensformen zu finden, zieht sich in Florida eine ganze Bevölkerungsgruppe kollektiv zurück. Unbemerkt vom städtischen Treiben sterben sie golfspielend, wollstrickend und humorlos dem Tod entgegen. Das kann unmöglich die Zukunft des Alterns sein.

[ Ich wohne, bis ich 100 bin. Red Vienna, Grey Society im Architekturzentrum Wien. Mit einer begehbaren Installation, die von Studenten der ETH Zürich gebaut wurde. Bis 5. Oktober 2009 ]

8. August 2009 Der Standard

Hauptstadt verleiht Flügel

Neues Wahrzeichen für Linz 09: Nach 200 Jahren voller Lücken und Tücken hat das Stadtschloss nun wieder einen Südflügel. Ein Spaziergang.

„Manchmal ist die Katastrophe der treibende Baumeister“, sagt der 33-jährige Martin Emmerer, grau gekleidet vom Absatz bis zum Jackenkragen, „ohne den Großbrand im Jahr 1800 wäre dieses Projekt wahrscheinlich niemals zustande gekommen.“ Die wütenden Flammen hatten den Südtrakt damals zu Schutt und Asche zermalmt. Seit kurzem ist die Brandwunde im Linzer Stadtschloss wieder geschlossen. Über der alten Burgmauer, eingeklemmt zwischen Ost- und Westflügel, schwebt eine standesgemäß grau getünchte Kiste aus Stahl und Glas.

Dem neuen Südflügel ist es zu verdanken, dass das Schlossmuseum Linz nun das größte, in einem Haus untergebrachte Universalmuseum Österreichs ist. Die Sammlung reicht von der Frühgeschichte über Volkskunde und Musik bis hin zu zeitgenössischer Kunst. Schon bald werden im Neubau jene zwei Sammlungen zu sehen sein, die aus Platzgründen lange Zeit im Lager versperrt waren: Technik und Natur.

„Natürlich ist das Gebäude in erster Linie ein Museum“, sagt Architekt Emmerer, einer von drei gleichberechtigten Partnern des etwas namensschwangeren Grazer Architekturbüros Hope of Glory. „Aber auch in städtebaulicher Hinsicht ist das Projekt sehr wichtig, weil es das Stadtschloss oben auf dem Berg endlich wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung rückt.“ Lange Zeit, meint Emmerer, habe es so ausgesehen, als wüssten die Linzer gar nicht mehr, dass sie ein Stadtschloss haben. Nun wissen sie's.

Entgegen vielen anderen Projekten, die beim internationalen Wettbewerb 2006 eingereicht wurden, überzeugte jenes von Hope of Glory die Jury aufgrund seiner Offenheit. Anstatt den Bauplatz lückenlos zu schließen, beschlossen Emmerer und seine beiden Partner Hansjörg und Clemens Luser nämlich, in der Gebäudekubatur eine riesige Aussparung vorzusehen - ganz so wie beim Lentos Kunstmuseum unten an der Donau.

„Wenn man schon an so einem prominenten Ort baut, dann muss man sich der städtebaulichen Potenziale bewusst sein“, sagt der Architekt. „Bis auf den Pöstlingberg gibt es in Linz nirgendwo einen Punkt, von dem aus man die Stadt überblicken kann. Diese Sichtachse unwiederbringlich zu schließen wäre ein fataler Fehler gewesen.“ Und tatsächlich: Das urbane Loch wird gut angenommen. Im Sommer beschattet, im Winter vor Wind und Witterung beschützt, beugen sich die Besucher weit über das Geländer und sehen hinunter auf die Stadt.

Scheinbare Schwerelosigkeit

Von der waghalsigen Konstruktion des darüberliegenden Gebäudes scheinen sie wenig zu bemerken. Leichtfüßig und elegant pfeift das 30 Meter lange Brückenbauwerk ohne eine einzige Stütze über die knapp 1000 Quadratmeter große Aussichtsterrasse hinweg. An den Altbau dockt der neue Riegel lediglich mit zwei schlanken Stahltraversen an - eine Vorgabe des Statikers, der mit diesem pinzettenhaften Eingriff den kühnen Entwurf der Architekten auf den Boden der Realität zurückholte.

Während die geböschten Fassaden im Hof den Eindruck einer proper geschnitzten Skulptur vermitteln (man könnte auch an ein liegendes Hochhaus von I. M. Pei denken), regiert in den Innenräumen die hohe Schule des Sichtbarmachens. Hinter rautenförmigen Gläsern und schimmerndem Streckmetall geht's ans Eingemachte: Dicke Fachwerksträger durchwandern den Ausstellungsraum im Obergeschoß, die eingesetzten Materialien sind unverputzt und unverblümt, über der grob gelochten Akustikdecke zeichnen sich die Konturen von Lüftungsrohren und Leitungen ab. „Das ist ein Museum, in dem technische Exponate ausgestellt werden“, erklärt Martin Emmerer, „warum sollten wir also nicht auch das Innenleben des Hauses zur Schau stellen?“

Von der Eingangshalle geht es über eine Treppe hinunter in die tageslichtlosen Tiefen der Bastei. Das erste Untergeschoß beherbergt eine Dauerausstellung zum Thema Natur, noch einen Stock tiefer befindet sich eine große Halle für Wechselausstellungen. Sichtbeton, grau wie alles andere auch an diesem Haus, setzt sich den Kräften des Erdmassivs zur Wehr.

Die unterirdische Architektur kommt den Anforderungen des musealen Betriebs entgegen, denn die meisten Exponate - darunter zahlreiche ausgestopfte Tiere von der Amsel bis zum Auerhahn - vertragen keine UV-Strahlung. Dass es hier unten, tief im Inneren des Schlossberges, weit und breit keinen Handy-Empfang gibt, ist eine angenehme und dem Museumsbesuch überaus zuträgliche Begleiterscheinung.

Bis zu zwölf Meter tief musste der Bauplatz abgegraben werden. Ein Großteil der Gebäudekubatur (Gesamtnutzfläche 6500 Quadratmeter) liegt damit in der Erde. Das erklärt auch den schlanken und kompakten Baukörper. Nur das Atrium im Hof, das den Werkstätten im untersten Geschoß Tageslicht zuführt, deutet auf die Größe des Museums hin. Emmerer: „Diese künstliche Schlucht ist unsere persönliche Anspielung auf den traditionellen Burggraben. Mit dem einzigen Unterschied, dass man den Restauratoren und Präparatoren bei der Arbeit zusehen kann.“

Nach dem ersten Rundgang durchs neue Schlossmuseum (Nettobaukosten 18 Millionen Euro) kann man nur sagen: nichts zu meckern, passabel und perfekt. Das ist übrigens auch das, was der Grazer TU-Professor Ernst Hubeli sagte, nachdem ihm der Architekturstudent Martin Emmerer mit der Matrikelnummer 9530952 die fixfertigen Pläne zur Benotung vorgelegt hatte. Dass es sich beim Zubau des Linzer Schlossmuseums um eine Diplomarbeit handelt, dürfte das Anforderungsprofil an den österreichischen Architekturfakultäten mit hoher Wahrscheinlichkeit verschärfen. Pech für die heute noch Studierenden.

Das erklärt auch den Büronamen Hope of Glory. „Eigentlich ist es ja verwegen, mitten ins alte Schlossensemble ein Brückenbauwerk aus Stahl und Glas hineinzusetzen“, sagen die Architekten, „doch ehe man sich versieht, ist aus der akademischen Utopie ein reales Bauvorhaben geworden, und man sitzt mit dem Museumsdirektor an einem Tisch.“ Auf Ruhm braucht dieses Büro mit dem paukenschlagartigen Erstlingswerk heute nicht mehr zu hoffen.

Farbe durch Kunst am Bau

Absolutes Highlight abseits der immergrauen Architektur sind die Beiträge der Kunst am Bau. Neben Sepp Auer, Günter Selichar sowie Hauenschild / Ritter konnte sich auch der Wiener Künstler Manfred Erjautz mit einer Arbeit einbringen. Für den Festsaal im scheinbar schwerelos schwebenden Obergeschoß schuf er einen Vorhang aus taubenblauem Samt mit aufgenähten Wellenlinien. „Ich habe mich von der Architektur inspirieren lassen“, sagt Erjautz, „ein Brückenbauwerk hat ja nicht zuletzt auch etwas mit Wasser zu tun.“

Auf den ersten Blick erinnert der Samtvorhang an einen verstaubten Gemeindesaal aus den Siebzigerjahren. Ein bissl mottig das Ganze. Doch wer den aufgestickten Wogenkämmen folgt, der wird darin neben Jesusbildnissen, Spiderman und Che Guevara dutzende von Orden und Wappen sowie zahlreiche Logos aus der globalisierten Welt der Marken erkennen. Selbst ÖBB und Jean Paul Gaultier sind vertreten. Erjautz: „Das ist ein Museum des 21. Jahrhunderts. Ich flute es mit Dingen, die uns beschäftigen.“ Gutes Motto.

1. August 2009 Der Standard

Der Kampf der neuen Geister

Die Zeiten Bad Gasteins sind lang vorbei. Der einstige Kurort ist vergammelt und ausgestorben. Doch nun keimen erste Ideen zur Wiederbelebung.

Aus den weißen Marmorplatten ragen hunderte von Lämpchen und Schaltern. Die Spannungsmesser und Barometer sind, wie zu Jules Vernes Zeiten, hübsch in Messing gefasst. Gleich daneben kolossale Transformatoren aus blaulackiertem Stahl. Das alte Kraftwerk aus dem Jahre 1914 am Fuße des Gasteiner Wasserfalls erweicht so manches Architektenherz. Doch das Industriegebäude von Architekt Leopold Führer, einem Schüler Otto Wagners, hat weit mehr zu bieten. Vor zwei Wochen etwa diente die alte Turbinenhalle als Kulisse für ein rotziges Techno-Rave.

Bad Gastein, traditioneller Sommerkurort und nunmehriges Wintersportparadies, erlebt eine neue Gründerzeit. Denn während das Zentrum mit seinen leerstehenden Hotels und dem unverwechselbaren Kongresshaus langsam verfällt und wieder von der Natur zurückerobert wird, regt sich aus den jüngsten Etagen der Bevölkerung ein noch nie da gewesener, ungebrochener Elan. Statt mit Ziegel und Mörtel kommen die Bobos und Lohas mit witzigen und spritzigen Ideen daher.

„Dieser Ort hängt noch ein wenig in der Luft“, sagt Olaf Krohne, Geschäftsführer von Krohne Hospitality Projects mit kurzer Hose, Polohemd und Dalmatiner Paulchen an der Leine, „unsere grundsätzliche Idee ist, die derzeitige Situation als einmalige Chance zu begreifen und den Entwicklungsprozess, in dem sich Bad Gastein befindet, aktiv zu vermarkten.“ Mit Erfolg: Vor ein paar Jahren wurde das langfristige Entwicklungskonzept project.badgastein mit dem Salzburger Wirtschaftsförderungspreis ausgezeichnet.

Das Hotel Miramonte, ein Schuhkarton im Sixties-Look, das einst als Herberge für die Mitarbeiter der Österreichischen Nationalbank diente, ist heute ein überaus schicker, mit allerlei Originalmobiliar bestückter Third Place, der vor allem Menschen aus den Creative Industries zum Wohnen und Arbeiten lockt. Architekten, Designer, Fotografen, DJs und Molekularköche aus ganz Europa sitzen gemeinsam am Frühstückstisch und brüten über neuen Ideen für Bad Gastein. Zukunftsguru Matthias Horx, häufiger Gast im Haus, bezeichnet das Miramonte gar als geistige Enklave.

Zahlreiche Ideen wurden hier bereits geboren. So diente das heruntergekommene Hotel Straubinger in der Dorfmitte als Location für nächtliche Clubbings, während im Grand Hotel de l'Europe, das dieser Tage sein 100-jähriges Bestehen feiert, immer wieder Events, Vorträge und Filmprojektionen über die Bühne gehen. Und in Sportgastein, hoch oben in den Bergen, soll eine von Gerhard Garstenauers Aluminiumkugeln (Baujahr 1970) mitsamt anschließender Pistenhütte zu einem Lokal für Skifahrer und Wanderer ausgebaut werden. So soll auch dieses, der Zeit weit voraus gebaute Objekt ein Leben nach dem Tod erfahren. Demnächst werde man das Projekt auf der Baubehörde einreichen.

„Wem in Bad Gastein fad ist, der ist selber fad“, sagt der Wiener Architekt Ike Ikrath, der vor knapp zehn Jahren hierher zog und sich nun in der Hotellerie ansiedelte. „Die Impulse müssen und können nur von außen kommen. Man darf nicht vergessen, dass Bad Gastein von Grund auf keine gewachsene Struktur, sondern eine Retorte ist. Schon damals waren es ortsfremde Unternehmer, die aus der unberührten Natur dieses dichte und urbane Dorf geschaffen haben.“

Genau aus diesem Grund glaubt Ikrath an die Formbarkeit des Ortes. „Kurtourismus und Après-Ski waren gestern. Mit viel Engagement wollen wir das Zielpublikum nun ändern und ein geschärftes Profil ausarbeiten. Das kulturelle Potenzial ist enorm, und ich denke, dass Bad Gastein in einigen Jahren ein Thinktank, eine Art Hochburg für Kreative sein könnte.“

Bono Vox singt nicht mehr

Wäre da bloß nicht der dunkle Schatten des schleichenden Verfalls. Schon seit den Siebzigerjahren bröckelt Gastein unaufhaltsam vor sich hin. Die Kaufkraft schwindet, Geschäfte sterben aus, in den leerstehenden Auslagen krabbeln Wanzen und Asseln umher. Da, wo einst Liza Minnelli und Bono Vox am Fenster standen und den High-Society-Ort mit Weltklasse beehrten, sprießt nun Unkraut aus den Mauerritzen.

In der Hoffnung, sich aus der unattraktiven und wirtschaftlich maroden Erscheinung freikaufen zu können, wurden zwischen 1999 und 2005 einige der wichtigsten und zentralsten Gebäude Bad Gasteins an den Wiener Immobilienmakler Franz Duval veräußert. Hotel Straubinger, Badeschloss, Alte Post, Haus Austria sowie das imposante Kongresshaus des Salzburger Architekten Gerhard Garstenauer wechselten auf diese Weise um fünf Millionen Euro den Besitzer. Ein Schnäppchen.

Doch wie sich herausstellt, ist der vage Traum von einem besseren Bad Gastein wieder einmal zerplatzt. „Herr Duval rührt keinen Finger, sondern sieht zu, wie die historische Bausubstanz vor sich hin rottet“, erklärt Bürgermeister Steinbauer (ÖVP). „Die Wahrheit ist: Solange wir Herrn Duval nicht zum Verkauf bewegen können, wird nichts geschehen. Einige Romantiker haben das noch immer nicht begriffen.“

Und was sagt Franz Duval dazu? Nichts Konkretes. „Bad Gastein ist einer der schönsten Orte Österreichs, und ich glaube, dass es in einigen Jahren wieder zu dem werden kann, was es mal war“, erzählt er dem Standard, „ich werde alles Erdenkliche tun, um diesen Ort zu retten, solange man mir die entsprechende Unterstützung gibt.“ Doch wie diese Rettung konkret aussehen soll, ist noch unklar. Über Details schweigen sich Duval und sein Architekt Franz Wojnarowski (Planer der Cityclub-Pyramide in Vösendorf bei Wien) nämlich aus. Welche Nachnutzungen sind für die betroffenen Gebäude geplant? „Kein Kommentar.“

Bis heute keine Sanierung

In der Zwischenzeit gehen Wind und Wetter den teilweise denkmalgeschützten Häusern an den Kragen. Ins Kongresshaus, das wegen seines jungen Alters (Baujahr 1974) als Einziges nicht unter Denkmalschutz steht, regnet es an allen Ecken und Enden hinein. Letzten Samstag standen Teile des Foyers unter Wasser. Auf dem orangefarbenen Teppich und den vielen Velours-Fauteuils von Mario Bellini (Produzent B&B Italia, Entwurf 1972), für die so mancher Liebhaber ein Vermögen hinblättern würde, liegt zentimeterdick der Schimmel.

Wie kommt es, dass in den Duval'schen Häusern nicht einmal eine längst überfällige notdürftige Bestandssanierung gemacht wird? Laut Sachverständigengutachten würden sich die Sanierungskosten für die vier denkmalgeschützten Häuser auf rund zwei Millionen Euro belaufen. Bei ernsthaft drohender Zerstörung des Denkmals - und davon ist man laut Expertenmeinung nicht mehr weit entfernt - könnte auf Antrag des Bundesdenkmalamts eine Zwangssanierung veranlasst werden. Beim völlig ungeschützten Kongresshaus allerdings gibt es nicht die geringste Handhabe. Hier ist das Objekt dem Wollen und Nichtwollen seines Eigentümers ausgeliefert.

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Das alles war schon kaputt, als wir es gekauft haben“, sagt Duval, das Kongresshaus habe sich im Laufe der Zeit einfach abgelebt. Mysteriöser Nachsatz: „Das Problem wird sich im Laufe der Zeit lösen. Das verspreche ich Ihnen.“

Bei all dem kann Gerhard Garstenauer, der für das Kongresshaus 1975 sogar mit dem Salzburger Architekturpreis ausgezeichnet wurde, nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Der Glanz der alten Tage ist vermodert und verkalkt. Letzteres sogar wörtlich, denn an den Betonfertigteilen hängen bereits kleine weiße Stalaktiten. Sie zeigen die Zeit an. „Was ich zuletzt gesehen habe, hat mir gereicht. Der derzeitige Zustand des Hauses ist eine Kette von Versäumnissen.“

Erstens habe das Bundesdenkmalamt verabsäumt, das Gebäude zum richtigen Zeitpunkt unter Denkmalschutz zu stellen, was bei einem derart ungewöhnlichen und für das Ortsbild prägenden Bau in keiner Weise nachvollziehbar sei. „Ich verstehe nicht, warum die Behörden immer glauben, dass Bauten aus der Nachkriegszeit nicht schützenswert sind!“

Und zweitens, so Garstenauer, sei der sich über Jahre hinziehende Ausverkauf der Stadt und die darauffolgende, unausweichliche Verwahrlosung des Zentrums Ausdruck der Unbildung der politisch tätigen Leute im Ort. „Ich sag's ganz ehrlich: Ich glaube nicht mehr an die Rettung des Kongresshauses. Es wird eher ein öffentliches Ärgernis eintreten als eine Erhaltung des Gebäudes.“

Das müsse man erst prüfen, sagt Barbara Neubauer, Präsidentin des Bundesdenkmalamts. „Fest steht, dass vom neuen Eigentümer niemals konkrete Planungen vorgelegt wurden und dass offenbar kein gesteigertes Interesse daran besteht, das Kongresshaus in absehbarer Zeit einer Nutzung zuzuführen. Dem Gebäude tut das sicher nicht gut.“ Aus diesem Grund soll in den nächsten Monaten untersucht werden, ob eine Unterschutzstellung des Kongresshauses aus wissenschaftlicher und historischer Sicht sinnvoll und zielführend ist.

Ganz so einfach sei die Sache mit dem Denkmalschutz aber nicht: „Gerade bei Bauten aus der Nachkriegszeit ist die Bausubstanz erfahrungsgemäß oft sehr schlecht. Es macht wenig Sinn, ein Gebäude unter Schutz zu stellen, wenn sich dann im Zuge der Sanierung und Anpassung an die aktuellen Bauvorschriften herausstellt, dass 80 oder 90 Prozent der Substanz ausgetauscht werden müssen.“ In solch einem Fall plädiere Neubauer eher für eine exakte und aufschlussreiche Dokumentation. In einem halben Jahr wisse man mehr.

Der Ort braucht neue Ideen

Genug gestritten. So jedenfalls lautet das Urteil des Dalmatiner-Besitzers Olaf Krohne. Fröhlich und optimistisch wie sein gepunkteter Vierbeiner wandelt der 36-Jährige durchs Zentrum, vorbei an den wenigen verbliebenen Geschäften und Gastronomiebetrieben im Ort. Hier eine Pizzeria, dort ein mexikanisches Lokal namens Sancho mitsamt Wüste und Kaktus an der Wand. Hier ein kleiner Souvenirladen, da ein Juwelier, der trotz gut gemeinter Botschaften in der Auslage („Lebensfreude pur“) in riesigen Buchstaben die bevorstehende Geschäftsauflösung verkündet.

„Momentan ist es das Wichtigste, einen Schlussstrich unter die bisherigen Streitigkeiten zwischen allen Beteiligten zu ziehen“, sagt Krohne, „vorantreiben können wir den Prozess einzig und allein mit innovativen und zukunftsweisenden Ideen.“ Schon bald könnten diese etwas konkreter werden, denn der Kontakt zu Franz Duval wird in letzter Zeit besser und intensiver. Wie der Standard kurz vor Redaktionsschluss erfuhr, sei die Räumung des Kongresshauses in Anbetracht der bisherigen Zerstörung bereits in Auftrag gegeben worden. Demnächst, erklärt Duval, würden die Fauteuils von Mario Bellini in ein sicheres, trockenes Lager geräumt. Ein erster, aber vielversprechender Schritt in der Sicherung des kulturellen Erbes.

Und weiter? Eine zumindest provisorische Sanierung scheint unumgänglich. „Wenn alles klappt, wollen wir Teile des Kongresshauses noch in diesem Jahr mit einem Shop-in-Shop-Konzept sowie mit neuer Gastronomie füllen“, greift Krohne voraus, „es gibt bereits genügend Interessenten, die diese Idee unterstützen. Nun müssen alle an einem Strang ziehen.“ Vielleicht ist Franz Duval ja mit von der Partie.

Als Ergänzung dazu schlägt der Projektentwickler vor, die leerstehenden Geschäftslokale im Dorfzentrum als Kunstgalerien beziehungsweise Artspace zu nutzen. Selbst über Kunst im öffentlichen Raum wird bereits nachgedacht. Klingt nach einem Haufen Arbeit. Doch warum sollte nach vielen gemeisterten Hürden nicht auch diese zu bewältigen sein?

„Bad Gastein ist in meinen Augen die größte Kreativspielwiese der Welt“, sagt Architekt Ike Ikrath. „Wo sonst hat man schon die Möglichkeit, einen Ort in seiner Gesamtheit wiederzubeleben und mit derart innovativen Konzepten aufzuladen?“ Das sei eine große Chance. „Die meisten empfinden Bad Gastein einfach nur als hässlich. Doch Menschen aus den Creative Industries erkennen in dieser morbiden Verfallenheit einen ganz eigenen Reiz, können sich kreativ einbringen und so zur Neuidentität des Ortes beitragen.“

Klingt zunächst nach billiger PR. Doch bei näherer Betrachtung ist das Bild gar nicht so falsch. Ja, es scheint sogar, als sei in Bad Gas-tein eine neue Gründerzeit angebrochen - mit dem einzigen Unterschied, dass die jungen Protagonisten nicht den großen Fehler begehen, ins vollgepferchte Bergdorf mit seinem ohnehin schon unüberschaubaren Leerstand noch mehr reinbauen zu wollen. Das machen schon die Russen, Schweden, Italiener.

Es keimt im Fundament

Stattdessen tischen die ungebremsten Visionäre eine Software nach der anderen auf. Penibel und millimetergenau ist sie darauf programmiert, die spezifischen Probleme Bad Gasteins mit sanften und - einmal muss es ja gesagt sein - nachhaltigen Konzepten zu minimieren, schließlich zu beseitigen. Es gibt eine Reihe revitalisierter Hotels, kleiner versteckter Szenebars und hochkarätiger Restaurants am schmalen Grat zwischen Fusion-Cooking und bodenständiger Alpinität. Und immer wieder Partys, Clubbings, Raves.

Das Außergewöhnliche daran: Diejenigen, die das Zukunftszepter an sich gerissen haben, sind keine 50 Jahre alt. Die meisten sind sogar unter 40. Und ihre zentrale Message lautet: „Bad Gastein braucht dringend Einwohner. Die Menschen müssen hierher ziehen und hier ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt aufbauen. Ohne diese Basis ist alle Müh' umsonst.“

Einige sind dem Aufruf bereits gefolgt. Sie basteln eifrig an der Wiedergeburt jenes längst verfallenen Kurorts, in dem einst Thomas Mann und Stefan Zweig die Sommer verbrachten. Ob sich Bad Gastein tatsächlich wieder zur montanen Kontaktbörse für Künstler, Kreative und lebensgenießerische Hedonisten entwickeln wird oder nicht, liegt nicht zuletzt an der Gemeinde und an den Grundstückseigentümern. Ein solcher regionalwirtschaftlicher Schub wäre jedenfalls einzigartig in Österreich.

„Bad Gastein braucht keine Visionen“, meint Bürgermeister Gerhard Steinbauer. „Es entwickelt sich seit Jahren überaus blendend. Es gibt genügend Investoren. Und was die Anzahl der Nächtigungen betrifft, haben wir derzeit die beste Auslastung in der Geschichte des Ortes.“

Nach der jüngsten Volkszählung hat Bad Gastein 4500 Einwohner. 2001 waren es noch knapp 6000.

27. Juni 2009 Der Standard

Akropolis, die zweite

Letzte Woche wurde in Athen das neue Akropolis-Museum eröffnet. Bernard Tschumi ist ein Hechtsprung zwischen Antike und Gegenwart geglückt.

Die griechische Hauptstadt ist im Ausnahmezustand. Während die eine Hälfte der Athener über die Engländer herzieht, weil das British Museum das lang ersehnte Parthenon-Fries nicht rausrücken will (der Standard berichtete), macht die andere Hälfte einen Kniefall vor der Architektur. Coole Jungs und Mädels stehen auf dem Trottoir und blicken wie in Stein gemeißelt auf das neue Akropolis-Museum. Auch ein schwarz gekleidetes Weiblein, das eben erst aus den hellenischen Bergen herbeigeritten scheint, macht halt und blickt gespannt auf das neue Wahrzeichen am Fuße des heiligen Tempelbergs.

Letztes Wochenende wurde der 130 Millionen Euro schwere Bau des schweizerisch-französischen Architekten Bernard Tschumi feierlich eröffnet. „Im Gegensatz zu anderen Ausstellungshäusern, die meist sehr introvertiert in der Gegend herumstehen, öffnet sich das Akropolis-Museum ganz bewusst zur Stadt“, erklärt Museumsdirektor Dimitris Pandermalis in seiner Rede. Groß sei es, das Gebäude, und schön natürlich auch, meint er. „Wir wollten eben eine zweite Akropolis bauen.“

Doch das Bauvorhaben ließ lange auf sich warten. Konstantinos Karamanlis, griechischer Premierminister, äußerte bereits 1974 den Wunsch, ein neues Museum zu errichten. In den Achtziger- und Neunzigerjahren wurden insgesamt vier Wettbewerbe ausgeschrieben. Als endlich alles überstanden schien, ging die Sache wieder von Neuem los.

Während des Aushubs stieß man auf zahlreiche Straßen und Hausmauern aus dem siebenten Jahrhundert. Doch nachdem die beiden italienischen Architekten Manfredi Nicoletti und Lucio Passarelli nicht bereit waren, ihre Pläne umzuzeichnen und das zufällig entdeckte archäologische Grabungsfeld in ihren Entwurf miteinzubeziehen, musste der Wettbewerb im Frühjahr 2001 neu ausgeschrieben werden.

Bernard Tschumi, der mit seinen knallroten Pavillons im Parc de la Villette in Paris (Baujahr 1983) berühmt geworden war, setzte sich gegen Konkurrenten wie Meinhard von Gerkan, Daniel Libeskind und Arata Isozaki durch und bekam den Auftrag. Im März 2003 war Baubeginn. Nach 104 Bauverhandlungen und erfolgreich gemeisterten Gerichtsverfahren konnte die drei Jahrzehnte lang anhaltende Odyssee um den Neubau des Akropolis-Museums endlich in die Zielgerade stechen.

„Ich bin zufrieden“, sagt Tschumi zum Standard, „ich habe noch nicht viel gebaut, aber dafür befinden sich unter meinen wenigen realisierten Projekten zwei essenzielle Arbeiten.“ In gewisser Weise, meint der 65-jährige Architekt, bildeten der Parc de la Villette und das Akropolis-Museum einen großen Bogen über sein bisheriges OEuvre: „Beide Projekte gehen sehr intensiv auf die Umgebung ein, beide Projekte wurden zu Beginn verteufelt, beide Projekte stoßen nach der Realisierung auf große Akzeptanz und Begeisterung.“

Die Eintrittskarten sind für Monate ausverkauft. Nach Auskunft der Museumsleitung sind die ersten freien Karten erst wieder ab September zu haben. Vielen Athenern bleibt das wertvolle Innenleben bis auf weiteres also vorenthalten. Schade eigentlich. Denn obwohl das Areal mit seinen vielen Stufen und Rampen zwar überaus attraktive Freiflächen bietet und dadurch mit der Stadt geradezu symbiotisch verschmilzt, bleibt das Gebäude in seinem äußeren Erscheinungsbild eher unaufregend. Viel Beton, viel Stahl, viel Glas und über allem eine fette Prise Trutzburg-Charme.

Seine wahren Stärken entfaltet es erst in den Abendstunden, wenn innen das Licht angeht und die Schwere der dunklen Gläser auf Knopfdruck verschwindet. Mit einem Mal verwandelt sich der eben noch hermetische Doppeldecker zu einem filigranen Gebilde mit Blick auf die Akropolis, keine 250 Meter Luftlinie entfernt.

Dialog der Epochen

„Es ist wie ein Dialog zwischen Antike und Gegenwart“, so der Architekt. Aus der Ausstellungshalle im ersten Geschoß, wo zwischen mächtigen Stahlbetonsäulen steinerne Karyatiden und Kritios-Knaben erhaben über allem Irdischen schweben, sieht man zum gegenüberliegenden Tempelberg. Zwischen Pfeilern und Lamellen blinzeln immer wieder die Ruinen des 2500 Jahre alten Parthenon auf.

Durchblicke auch in den Innenräumen. Hier eine betonierte Loge, dort ein sorgfältig platziertes Loch in der Wand. „Eigentlich ist das Museum eine Art Landschaft, in der die antiken Skulpturen endlich ein neues Zuhause gefunden haben“, sagt Tschumi.

Vor Überraschungen schreckt der nette Herr mit dem stets roten Schal um den Hals nicht zurück. Wer in den dritten Stock will, muss schwindelfrei sein. Hier, rund fünfzehn Meter über dem Erdgeschoß, führt der Weg über einen vollflächig verglasten Boden. Und während der Besucher dem Nichts ausgeliefert ist und zaghaft von einer statisch unterstützten Glasfuge zur nächsten hüpft, breitet sich unter ihm das Foyer aus. Das Geheimnis hinter der höhenängstlichen Angelegenheit: Als schlüpfte man für einen Wimpernschlag der Zeit in Zeus' Fußstapfen, kann man von hier aus einige der steinernen Gottheiten von oben sehen. Tschumi, kurz und bündig: „Neue Architektur braucht neue Perspektiven.“

Glanzvoller Höhepunkt des Akropolis-Museums ist die Parthenon-Galerie im letzten Stock. Zum übrigen Gebäude um 23 Grad verschwenkt, ist der rundum verglaste Baukörper in Größe und Ausrichtung dem historischen Vorbild nachempfunden. Entlang der Innenmauer verläuft der 159 Meter lange Parthenon-Fries und ist im Gegensatz zur ursprünglichen Positionierung nicht den Blicken der Götter vorbehalten, sondern für jedermann einsichtig. Die Montage in Augenhöhe lädt zum genauen Studium der teils originalen und teils kopierten Steinplatten ein.

Wer es mit den Details der Antike nicht so hat, der braucht sich nur umzudrehen und sich der Erhabenheit dieses Ortes hinzugeben. Auf der zart besaiteten Oberfläche, die man sich in diesem Museum nach wenigen Minuten nolens volens angeeignet hat, zeichnet sich ein Hauch von Gänsehaut ab. In der Glasfassade spiegelt sich der Fries mit seinen rund 360 prozessierenden Männern und Frauen, Reitern und Wagenlenkern. Dahinter ragt, so mächtig wie von keinem anderen Blickwinkel in der Stadt, der beleuchtete Parthenon in die Dunkelheit.

„Die Lichtverhältnisse übertreffen all unsere Erwartungen“, sagt Direktor Dimitris Pandermalis. Aufgrund der speziellen Folierung und Schichtung mehrerer Glasplatten zu einem ziemlich gemeinen Trugbild-Apparat kann man zwischen Realität und Spiegelbild kaum noch unterscheiden. Parthenon und Parthenon-Fries finden auf diese Weise, geschützt vor Smog und Witterung, endlich wieder zueinander.

Im Bilderrausch der Epochen wird unweigerlich Stellung bezogen. Im beschaulichen Innenstadtviertel Plaka, nur wenige Schritte vom Museum entfernt, hat eine griechische Hand ein paar fordernde Worte an die Wand gepinselt. Dem Appell ans British Museum in London kann man sich nach einem Besuch im neuen Athener Konkurrenzhaus nicht entziehen: „Return our marbles now.“

27. Juni 2009 Der Standard

Wiener Kurvenlage mit gutem Humor

Am Stadtrand von Wien baute Andreas Burghardt ein gleichermaßen klassisches wie ungewöhnliches Haus. Während die schwarz-weiße Fassade mit der Moderne kokettiert, findet innen beständiges Wohnen statt.

Die Grundstücksuche war ein Kapitel für sich. Anstatt die Gegend selbst abzuklappern, beschlossen die Bauherren, vielbeschäftigte Menschen in der Werbebranche, einen eigenen Immobilienmakler mit dieser Aufgabe zu betrauen. „Wir haben dem Makler ein gewisses Monatsgehalt gezahlt, dafür hat er uns nach ein paar Wochen das optimale Grundstück präsentiert“, sagt der Bauherr. Die ungewöhnliche Vorgehensweise zahle sich in jedem Fall aus: „Wenn man die Suche nach einer geeigneten Parzelle mit allen Grundbuch-auszügen und Telefonaten selbst in die Hand nimmt, dann ist das ein Fulltimejob.“

Auch der Planer war schnell gefunden. Architekt Andreas Burghardt, „einer meiner Kumpel und bester Mann in der ganzen Stadt“, holte aus dem 750 Quadratmeter großen Bauland das Maximum heraus. „Ein Drittel der Fläche konnte verbaut werden, wir haben die Obergrenze bis auf das letzte Komma ausgenutzt“, erklärt Burghardt. Den effizienten Umgang mit der Kubatur sieht man dem Bauwerk nicht an. Als ob das Volumen den Hang runterkullern würde, bleibt das Haus, von der Straße aus gesehen, trotz Zweigeschoßigkeit niedrig und kompakt.

Und dennoch ist man auf den ersten Blick verwirrt und versteht die Zeit nicht mehr. Entgegen dem Diktat der Gegenwart werden hier nämlich keine Kisten und Blobs um die Wette in den Himmel getürmt. Nein, still und leise zog sich Burghardt ins Kämmerlein der Materialkunde und Proportionslehre zurück und feilte dort so lange am Entwurf, bis ein unaufregend feines, aber zeitlos beständiges Haus das Licht der Welt erblickte - ganz im Sinne der klassischen Moderne.

„Ich kann mit diesen ganzen Designerschuppen nichts anfangen“, sagt der Architekt, „aber das Wichtigste ist: Ein Haus muss einem ein Leben lang gefallen, das vergessen viele. Für lustige Experimente ist da kein Platz.“ Einen schelmischen Grinser konnte sich letztendlich aber auch er nicht verkneifen: Die gesamte Fassade ist hof- und straßenseitig mit schwarzen Lärchenbrettern verkleidet. Über den Stoßfugen sind in engem Abstand zueinander elfenbeinfarben lackierte Holzrundstäbe montiert, ein witziges Detail, ein Augenzwinkern für Kenner der Materie.

Klassische Holzschalung

Und während sich der Betrachter darüber den Kopf zerbricht, wann denn die endgültige Schalung montiert wird, antwortet Burghardt gelassen: „Die Fassade ist bereits fertig. Das ist eine ganz normale Vorarlberger Leistenschalung, wie sie in jedem Architekturbuch zu finden ist. Weil das Haus aber in Wien und nicht in Vorarlberg steht, habe ich die Profile der Hölzer etwas abgeändert.“

Ausgetüftelte Gediegenheit auch in den Innenräumen: Unter den Füßen liegt Eichenboden, bei den Möbeln kam rötlich schimmerndes Ulmenholz zum Einsatz. Herzstück des Hauses ist die Wohnküche, die sich parallel zum Straßenverlauf auf zwei Splitlevels heftig in die Kurve lehnt. Unter dem 19 Quadratmeter großen Panoramafenster, das direkt in der Krümmung liegt, befindet sich die weiße Küchenzeile. Man darf mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass sich Mann, Frau und Kinder, die hier wohnen, von dem weiten Ausblick beim Kochen inspirieren lassen.

Tageslicht und Blicke fluten das Haus aus allen Himmelsrichtungen. Durch die hohen Räume - aufgrund des geneigten Daches variiert die lichte Höhe zwischen 2,30 und sechs Meter - verzweigt sich das Licht bis in die hinterste Ecke. Und was sagen die Bewohner zur neuen Bleibe? „Das Haus ist perfekt. An die Messingbeschläge, die der Architekt eingebaut hat, haben wir uns auch rasch gewöhnt. Burghardt hat halt einen guten Humor.“

13. Juni 2009 Der Standard

In den Trümmern der Zeit

In Tirol ist ein Lobgesang auf die Moderne zu hören. In Wien wird die gleiche Epoche als ruinöses Scheitern dargestellt. Zwei Ausstellungen, die mehr gemeinsam haben, als man ihnen auf den ersten Blick zutraut.

In Krisenzeiten, sagt man, werden die Röcke länger getragen. In Krisenzeiten, sagt man, besinnen sich die Menschen aufs gute alte Comfort Food. In Krisenzeiten, könnte man ergänzen, werden die Häuser wieder eckig und kantig gebaut.

„Ich mache seit einigen Monaten die Beobachtung, dass die Studenten die High-Tech-Blasen und wabbeligen Blobs absolut satthaben“, erklärt Arno Ritter, Leiter des Tiroler Architekturhauses aut und Lehrbeauftragter an der TU Innsbruck, „anstatt sich nur von Architekturgeschichte berieseln zu lassen, zeigen sie Gesprächsbereitschaft und schrecken auch nicht vor Konflikten zurück.“ Und was bringen die angehenden Architekten aufs Papier? Kisten. Quadratisch, praktisch und unübertroffen gut wie zu Opapas Zeiten.

Da kommt die von Arno Ritter eigens kuratierte Ausstellung Konstantmodern. Fünf Positionen zur Architektur gerade richtig. Sie zeigt alte und neue Projekte von Gerhard Garstenauer, Johann Georg Gsteu, Rudolf Wäger, Werner Wirsing sowie vom Schweizer Büro Atelier 5. „Es ist kein Zufall, dass wir ausgerechnet jetzt eine Reise in die Vergangenheit unternehmen. Ich glaube, dass die Menschen für die Belange der Moderne offen sind.“ Das habe auch die Ausstellungseröffnung gezeigt. Still und regungslos stand es da, das Publikum, lauschte den Worten des Kurators und zog respektvoll von einem Exponat zum nächsten. „Es war unglaublich. Oft dreht sich alles nur um Smalltalk, Sekt und Brötchen. Diesmal war es anders.“

Doch was fesselt uns an der Moderne? Was ist so faszinierend an all den pragmatischen Wohngebilden aus den Sechzigern und Siebzigern, um die es in dieser Schau in erster Linie geht? „Es war eine Zeit des Umdenkens“, sagt Ritter, „damals sind Wohnkonzepte und Ansätze von Urbanität entstanden, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben und die vielen Architekten immer noch als Grundlage dienen.“

Zum Beispiel die Wohnsiedlungen des Architektenkollektivs Atelier 5. Für die einen sind es hässliche Trutzburgen aus Beton, für die anderen zukunftsweisende Mikrostädte mit allem Drum und Dran. „Unsere Bauten sind eigentlich Geräte, sollen praktisch und nicht unbedingt schön, sondern eher Gebrauchsgegenstände sein“, sagt Architekt Heinz Müller. „In Neapel sehen die Häuser ziemlich gebraucht aus, aber die Leute scheinen zufrieden zu sein, weil sie sich nicht um den äußeren Schein kümmern müssen. So ähnlich sehe ich auch unsere Siedlungen.“

Wohnsiedlung für Liebhaber

Wie in einem Film von Jacques Tati, der dem satirischen Blick auf das Übermorgen bekanntermaßen nicht abgeneigt war, sieht man auf einem der historischen Fotos einen neugierigen Herrn mit Hornbrille auf der Nase und Hut auf dem Kopf, umzingelt von hängenden Knoblauchstangen, Salamiwürsten und Thomy-Mayonnaisetuben. Ob der Herr wohl nach der Moderne Ausschau hält?

Nein, es ist einfach nur ein kleines, charmantes Nahversorgungsgeschäft inmitten der Wohnsiedlung Halen in der Nähe von Bern. Was heute so selbstverständlich scheint, ist jedoch die Utopie alter Tage. Immerhin: Wir schreiben das Jahr 1961, und die 78 Wohnhäuser rundherum sehen aus, als wären sie Le Corbusiers talentiertem Zeichenhändchen entfleucht.

„Es sind nach wie vor Liebhaber, die in einer Siedlung von Atelier 5 wohnen“, sagt Müller, „interessant ist dabei, dass die Bewohner ihre Häuser bis heute pflegen und sie nicht verkaufen. Sie meinen, die Architekten hätten zwar eine tolle Siedlung gebaut, nur keine schönen Materialien verwendet.“ Jahrzehntelang diente der grobe Beton als kletterbare Unterlage für diverses Zeug mit roten und grünen Blättern dran. Heute liegt die brutalistische Oberfläche unter einem Pflanzensaum. Fast scheint es, als würde sich die Natur ihren einst geraubten Raum zurückerobern.

„Genau das ist der Punkt“, sagt Sabine Folie am anderen Ende des Landes, „man muss akzeptieren, dass nichts für die Ewigkeit gebaut ist. Auch wenn Architektur das Privileg der immerwährenden Existenz für sich beansprucht, wird sie eines Tages wohl oder übel verfallen und wieder zu einem Teil der Natur. Das ist unvermeidlich.“

Folie, Kuratorin der Ausstellung Die Moderne als Ruine. Eine Archäologie der Gegenwart, die kommenden Freitag in der Generali Foundation in Wien eröffnet wird, hat ein Faible für das Scheitern. Und wenn Atelier 5 in einem kürzlich geführten Interview stolz behauptet, man plane gegen die Vereinzelung, gegen das isolierte Denken und gegen den maximalen Gewinn für das Individuum, dann stellt Folie (mit einem Sicherheitspuffer von einigen hundert Kilometern) ganz bewusst infrage, ob diese Utopie denn jemals Berechtigung hatte.

„Ich finde es interessant, dass die Moderne letztendlich Schiffbruch erlitten hat“, so Folie. Es sei doch kein Zufall, dass Yona Friedman, ausgerechnet ein Architekt, die Zeit zwischen 1950 und 2000 als das „Jahrhundert der Armut“ bezeichnet hatte.

Keine Bange, die Generali Foundation ist dieser Tage bei weitem kein Ort der trockenen Theorie. Ganz im Gegenteil. Künstlerpositionen aus aller Herren Länder und Epochen wurden eingeflogen, um den feschen Ausstellungsraum in der Wiedner Hauptstraße mit kritischen und überaus witzigen Inhalten zu füllen.

Prominent im Eingangsbereich platziert, empfängt der niederländische Künstler Rob Voerman die Besucher mit einer zusammengeschusterten Installation aus Kunststoff und Holz. Mit slicker Architektur heutiger Tage hat die rotzige Do-it-yourself-Hütte, die auf den Namen Tarnung #3 hört, nichts zu tun. „Wissen Sie, ich lebe in einem Land, in dem Design und Baukunst bis zur Perfektion getrieben werden“, erklärt Voerman mit dem Hammer in der Hand, „und eigentlich habe ich es satt, denn es lässt absolut keinen Freiraum für anderes übrig.“

Neben diversen Must-haves von Althasen wie etwa Dan Graham, Robert Smithson und Gordon Matta-Clark, die den Häusern auf ihre Weise an den Kragen gehen, fallen vor allem die Collagen des in Paris lebenden Cyprien Gaillard auf. Endzeitstimmung macht sich breit: Aus den idyllischen Kupferstichen nach Vorlage von Rembrandt und Konsorten lässt Gaillard - völlig unerwartet - riesige Wohnsilos emporwachsen. Das vorgefundene Bild ist verstörend schön und beklemmend zugleich. Oder - wie es der Künstler selbst ausdrückt: „Mich faszinieren Hochhäuser. In diesen neuen Schlössern, die andere als hässlich empfinden, erkenne ich eine unglaubliche Schönheit.“

Orte der Erinnerung

Beide Ausstellungen decken auf, wie sich Architektur im Laufe der Zeit verändert. So konstant die Moderne in den Augen des Kurators Arno Ritter auch sein mag, früher oder später wird sie unter der Last der Zeit zusammenbrechen. Erste Anklänge davon sind bereits zu erkennen. Eine mal wohlwollende, mal kritische Dokumentation der angeblich beständigen Moderne ist in jedem Fall begrüßenswert.

Diese Sichtweise teilt die Kunst: „Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass man all diese Bauten, die eines Tages zerstört sein werden, nicht erhalten kann“, sagte Cyprien Gaillard einmal in einem Interview, „diese Häuser brauchen einen Ort, wo sie als Monumente der Erinnerung weiterleben können, auch wenn sie längst nicht mehr da sind.“

30. Mai 2009 Der Standard

Wenn die Samen Samba tanzen

Bauruinen, die nicht unter Denkmalschutz stehen, werden meist abgerissen, denn eine Neubebauung des Grundstücks ist billiger. Das Wohnhaus Samba beweist, wie wertvoll eine Revitalisierung sein kann.

Ein in Würde gealtertes Haus sieht anders aus. Bis vor kurzem zeigte sich das heruntergekommene Gebäude in der Alliiertenstraße in Wien-Leopoldstadt nicht gerade von seiner besten Seite. Feuchtigkeitsschäden, abgebröckelte Farbe und abgeschlagener Stuck hatten der ehemaligen Samenbank ordentlich zugesetzt.

Als die Stadt Wien im September 2005 einen Bauträgerwettbewerb ausschrieb, setzte sich die Gewog Neue Heimat mit dem Architekten Johnny Winter und dem Fachplaner Robert Korab an einen Tisch. Obwohl sich das Planungsteam über die Neubau-Vorgabe hinwegsetzte und eine Teilsanierung des alten Palais vorschlug, konnte es am Ende den Sieg einheimsen. „Ein Gebäude mit einer derartigen Aura braucht es in dieser Gegend unbedingt“, sagt Architekt Winter, „aus diesem Grund haben wir beschlossen, das zu machen, was wir für richtig halten und somit auch das Risiko auf uns zu nehmen.“

Mit Erfolg. Seit wenigen Wochen erstrahlt die alte Samenbank in neuem Glanz und beherbergt statt pflanzlicher Samenproben nun die Spezies Mensch im ausgewachsenen Stadium. Der neue Projektname Samba erinnert noch vage an alte Tage - man muss lediglich die Silben auseinanderklauben und mit einem schelmischen Grinsen um einige Buchstaben erweitern.

„Die männlichen Kollegen haben immer gelacht, als sie gehört haben, welche Nutzung das Bauwerk früher hatte“, erklärt Susanne Reppé, Pressesprecherin bei Gewog Neue Heimat, „aus diesem Grund haben wir uns entschieden, die einprägsame Geschichte des Hauses in versteckter Form weiterleben zu lassen. Das hat Wiedererkennungswert.“

Das Auffälligste am neuen Samba-Wohnbau ist die Farbe. Altbau, Neubau, Fenster und Dach erstrahlen in einheitlichem Schneeweiß. „Viele meinen, das sei lediglich ein witziges Farbspiel mit meinem Namen“, sagt Architekt Winter, „aber nein, Weiß reflektiert das Sonnenlicht und leistet damit einen gewissen ökologischen Beitrag gegen die Überhitzung in der Stadt. Ich glaube sogar, dass dies sogar das erste weiße Blechdach Wiens ist.“

Straßenseitig wurde die historische Fassade originalgetreu beibehalten und saniert, an den beiden Seitenflanken kamen ein paar „urlaublich“ anmutende Minibalkone hinzu. Die ursprüngliche Raumhöhe - je nach Stockwerk weisen die Wohnungen zwischen drei und vier Meter Kopffreiheit auf - wurde beibehalten. Lediglich im Dachgeschoß und an der Hofseite, wo das Gebäude eine Art Rucksack verpasst bekam, schrumpft die Raumhöhe auf die gewohnten 2,50 Meter.

Kontrast von Alt und Neu

Statt der herrschaftlich bemessenen drei Geschoße gibt es hier derer fünf, dafür wird die Kompaktheit der Neubauwohnungen mit einer eigenen Loggia wieder wettgemacht. Auffällig die schmalen und langen Fensterbänder. „Wir wollten einen Kontrast zu den hohen Fensterstrukturen im Altbau setzen und haben die neue Fassade aus diesem Grund stark horizontal gegliedert“, erklärt der Architekt.

Rein ins Haus. Während die hohen Altbauwohnungen vom Stiegenhaus stufenlos zu betreten sind und etwas gründerzeitliches Flair versprühen, sind die Wohneinheiten im neuen Bauteil tetrisartig ineinandergeschlichtet. Einmal geht es ein paar Stufen bergab, ein andermal ein paar hinauf. Die offenen Grundrisse sind in jedem Fall gelungen, bei der Ausstattung und Materialwahl - Laminatboden und günstigste Sanitärmöbel - muss man sich mit der Tatsache anfreunden, dass die Stärken dieses Bauwerks in der räumlichen Qualität liegen und nicht in den Oberflächen. Irgendwo muss das Geld ja eingespart werden. Vor allem bei einem derart ambitionierten Projekt.

Und was sagen die Bewohner? Die letzte freie Wohnung ging bereits vor Monaten weg. Derzeit wird mit Sack und Pack eingezogen. Mit Bananenschachtel unterm Arm bestätigt eine der Bewohnerinnen den gewonnenen Eindruck und erklärt: „Die Wohnung ist zwar klein, und der Boden gefällt mir nicht, aber es ist ein ansprechendes Haus mit witzigen Grundrissen. Besonders freue ich mich über den Balkon.“

23. Mai 2009 Der Standard

Gänsehaut . . . das ist mein Honorar

Von der Hektik der großen Welt da draußen hat sich Peter Zumthor noch nie beeindrucken lassen. Kommenden Freitag wird dem stillen Schweizer Architekten der Pritzker-Preis überreicht.

Eine Landschaft, als wäre eben erst Heidi durchs Bild gehüpft. Stallaromen kitzeln in der Nase, unbekümmert stehen Traktor und Heuwagen am Wegesrand, pure Bergidylle. Kaum einer würde vermuten, dass sich hier, im netten Alpendörfchen Haldenstein, eine der bekanntesten und erfolgreichsten Architekturschmieden Europas befindet. Aus aller Welt kommen sie herangereist, die potenziellen Bauherren, und rennen dem Meister die Stube ein.

Galt Peter Zumthor vor einigen Jahren noch als Geheimtipp unter NZZ-Lesern, füllen sich seine Auftragsbücher nun schneller, als ihm lieb ist. Im Bregenzerwald entsteht ein Werkraumhaus für Tischler, im niederländischen Leiden wird ein alter Mehlspeicher in ein Kulturzentrum verwandelt und in Doha (Katar) zeichnet Zumthor im Auftrag des Scheichs gerade an einem Masterplan für eine Wohngegend.

Aufregendstes Projekt, erst vor wenigen Tagen skizzenhaft dem Bauherrn präsentiert, ist ein Hotel in der Atacama-Wüste in Chile. Alles streng geheim, nur so viel sei verraten: Sollte James Bond in zehn Jahren noch im Dienste Ihrer Majestät durch die Weltgeschichte jetten, wissen wir jetzt schon, wohin die Reise gehen wird.

Nächsten Freitag wird Peter Zumthor in Buenos Aires den heurigen Pritzker-Preis entgegennehmen.

der Standard: Was bedeutet der Pritzker-Preis für Sie?

Peter Zumthor: Schön, so eine Auszeichnung! Besonders freut mich der Preis natürlich insofern, als ich ja kein Netzwerk-Architekt bin, sondern einfach nur meine Arbeit mache. Das gibt mir und all den jungen Architekten, die auf ähnliche Weise arbeiten wie ich, viel Hoffnung. Offenbar wird diese stille Arbeit in der Öffentlichkeit erkannt und wertgeschätzt.

der Standard: Im Juryprotokoll steht, Ihr Werk sei fokussiert, kompromisslos und außergewöhnlich entschlossen. Erkennen Sie sich in der Begründung wieder?

Zumthor: Eher spüre ich mich in den Worten der Jury, wo es heißt, dass der ganzheitliche Aspekt meiner Arbeit gewürdigt werde. Nicht unwesentlich ist wahrscheinlich die Tatsache, dass ich in einem sehr überschaubaren Rahmen arbeite. Vor sieben oder acht Jahren wäre es vermutlich undenkbar gewesen, jemandem wie mir den Pritzker-Preis zu geben. Damals würdigte man eher die großen globalen Player. Zu mir hätte man wahrscheinlich gesagt: „Du, Zumthor, nichts für ungut, aber du bist eine aussterbende Rasse.“

der Standard: Ihr Fortbestand ist nun gesichert.

Zumthor: Ich glaube, es ist ein Umdenken im Gang. Man will offenbar darauf hinweisen, welche Arbeitsweisen es in der Architektur sonst noch gibt, und zwar abseits des Mainstreams. Lustig, dass sich nach Bekanntgabe der Pritzker-Sache einige meiner ehemaligen Kollegen wieder bei mir rühren und sagen: "Ja grüezi, Zumthor, wir sind doch alte Freunde! Am liebsten erinnere ich mich an eine zufällige Begegnung mit Wolf Prix in einem Restaurant in Chur, als er mich seiner Begleitung vorstellte und meinte: Der Zumthor, das ist einer vom anderen Lager, aber von denen der Beste! (Erinnere ich mich da richtig, Prix?)

der Standard: Was ist das eine, was das andere Lager?

Zumthor: Prix setzt Zeichen in der Landschaft und in der Architekturszene. Meine Architektur jedoch ist fokussiert auf den Gebrauch und auf den Ort. Wenn ich mich entschließe, ein Projekt zu machen, dann können die Bauherren mächtig und reich sein - oder arm. Das spielt keine Rolle. Das einzig Wichtige ist, dass ich Freude an der Arbeit habe, dass die Bauaufgabe sinnvoll ist und dass meine Bauherren gerne mit mir zusammenarbeiten wollen. Wenn das zutrifft, dann ist das ein cooles Projekt.

der Standard: Erachten Sie sich dem Bauherrn gegenüber als Dienstleister?

Zumthor: Als Dienstleister führt man vorgegebene Inhalte aus. Das bin ich nicht und das will ich nicht. Ich bin eher eine Art Autor. Gern vergleiche ich mich auch mit einem Komponisten und Dirigenten. Ich liefere die Partitur, doch ohne meine 100 bis 500 Supersolisten komme ich nicht weit. Was ich damit sagen will: Schlussendlich ist das, was ich mache, eine baukünstlerische Arbeit.

der Standard: Führt das nicht regelmäßig zu Überraschungen?

Zumthor: Da eilt mir wohl ein nicht korrekter Ruf voraus: Der Zumthor, der macht, was er will! Das Gegenteil ist der Fall. Meine Bauherren wissen genau, was sie kriegen. Es gibt einen sehr guten und wertschätzenden Dialog. Manchmal kommt es auch vor, dass ein Bauherr im Prozess eine bessere Idee hat als ich. Dann muss ich die übernehmen, oder? Und wenn es umgekehrt ist und ich die bessere Idee habe, dann muss der Bauherr eben mir vertrauen. So einfach ist das.

der Standard: Wann ist ein Projekt zu Ende gedacht?

Zumthor: Wenn die Entscheidung Bestand hat. Vorausgehend ist das permanente Abwägen zwischen Sicherheit und Unsicherheit. Es ist ein ständiges Hin und Her, ein Pingpong-Spiel, ein ewiges Trial-and-Error. Doch irgendwann ist der Punkt erreicht, wo alles stimmig ist. Ich spüre das. Sie müssen sich vorstellen: Ich bin jemand, der seine Häuser sieht, bevor sie gebaut sind. Wenn ich beispielsweise in der Früh unter der Dusche stehe, mache ich einen virtuellen Spaziergang durch das Haus, an dem ich gerade arbeite. Ich schlendere hindurch und sehe mir alle Ecken und Nischen an. Und manchmal passiert es, dass ich einen Kameraschwenk mache und plötzlich etwas entdecke, wo ich mir denke: Oh Mist, da stimmt etwas nicht. Da hilft nur virtuelles Abbrechen und Neubauen.

der Standard: Passiert das manchmal auch, wenn ein Projekt schon in Bau ist?

Zumthor: Das ist mir ein einziges Mal passiert, und zwar beim Kolumba-Museum in Köln. In den virtuellen Spaziergängen, die ich so oft unternommen habe, aber auch in den Zeichnungen und Modellen war alles ganz klar und stimmig. Und als ich dann im Rohbau stand, verdammt noch mal, ist mir aufgefallen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Im obersten Stock saß ein Durchgang an der falschen Stelle. Der Raumkörper war geschwächt. Also holte ich die Bauherren und sagte: Schauen Sie sich das an! Wir waren alle einer Meinung, und die Tür wurde um drei Meter versetzt.

der Standard: Sind Sie einer, der die Baukosten einhält?

Zumthor: Den Ruf, dass man sich nicht um die Baukosten kümmert, hat man als Architekt natürlich sehr schnell. Ein einziges Mal sind die Kosten ausgeufert, und zwar vor Ewigkeiten beim Projekt „Topographie des Terrors“ in Berlin. Die Wunschliste war lang, das Budget war klein. Und irgendwann ist alles explodiert. Doch die Regel ist, dass wir das Budget einhalten wollen und dass uns dies meistens auch gelingt. Therme Vals, Kolumba-Museum, die Kapelle in der Eifel - alles war im Rahmen.

der Standard: Und der wäre?

Zumthor: Auf den Kubikmeter umbauten Raum runtergebrochen, befindet sich das Kolumba-Museum irgendwo im oberen Drittel des Durchschnitts der neuen europäischen Museen. Anderes Beispiel: Das Thermalbad in Vals hat 26 Millionen Schweizer Franken gekostet. Das ist alles nicht exorbitant viel. Aber Sie haben schon recht: Mit Low Budget hat diese Art des Bauens nichts zu tun. Wenn ich meine Architektur mit einem Auto vergleiche, so hoffe ich doch sehr, dass ich Ihnen in der Regel einen Mercedes anbieten kann, mit dem Sie unbekümmert ein paar hunderttausend Kilometer fahren können.

der Standard: Mercedes? Ihre Details sind Handarbeit und Einzelanfertigung. Wir reden hier von Aston Martin.

Zumthor: Es sieht aus wie ein Aston Martin, und es funktioniert vielleicht wie ein Aston Martin, aber es kostet so viel wie ein Mercedes. Ich bin nicht einer von diesen Bentley-Manufaktur-Fans, der auf weiße Zwirnhandschuhe und Lederköfferchen abfährt. Das, was Sie sehen, ist das Engagement meiner 20 Mitarbeiter im Büro und der vielen Leute, die für uns arbeiten.

der Standard: Woher schöpfen Sie Ihre Inspiration?

Zumthor: Die Ideen kommen einfach, und ich weiß nicht woher. Das ist ein großes Geschenk. Eigentlich ist das ganze Leben Inspiration. Die Musik, die Literatur, einfach alles. Das Wichtigste ist, diesen Inspirationen zu vertrauen und nicht sofort alles zu zerreden.

der Standard: In Ihren Texten und Vorträgen vergleichen Sie sich immer wieder mit Peter Handke. Warum?

Zumthor: Ich mag dieses poetische Prinzip der genauen Beobachtung, das er in seinen frühen Werken verkörpert hat. Da geht es nicht um Symbolismus und um Zeichen, sondern nur um Beobachtung, mit viel Geduld und viel Genauigkeit.

der Standard: Ihr aktuelles Projekt?

Zumthor: Es werden immer mehr! Erst vorigen Montag war ein chilenischer Bauherr bei mir, ich habe ihm das Konzept für ein Hotel in der Atacama-Wüste präsentiert. Wir alle lieben dieses Projekt. Das Hotel sieht aus wie ein riesiges präkolumbianisches Tongefäß. Ich hoffe, das wird eine Referenz an Oscar Niemeyer. Jedenfalls können Sie sich nicht vorstellen, wie aufgeregt dieser Mann war. Später dann sagte er zu mir, dass er so nervös war, weil er nicht wusste, wie er reagieren sollte, falls ihm der Entwurf nicht gefiele. Daraufhin hat er die Ärmel hochgekrempelt und hat auf seine Gänsehaut gedeutet: „Look at this, it doesn't lie!“ Ein schönes Kompliment. Besser als jedes Honorar.

der Standard: Abschlussfrage zum Pritzker-Preis: Wissen Sie schon, was Sie mit den 100.000 Dollar Preisgeld vorhaben?

Zumthor: Ich habe gerade ein privates Projekt am Laufen. Hoch oben in den Bergen sind zwei Holzhäuser für mich und meine Frau entstanden. Wir haben uns etwas verausgabt. Die Graubündner Kantonalbank wartet schon auf das Geld.

Ich bin jemand, der seine Häuser sieht, bevor sie überhaupt gebaut sind. Wenn ich in der Früh unter der Dusche stehe, mache ich einen virtuellen Spaziergang durchs Projekt.

13. Mai 2009 Der Standard

Neue WU im Wiener Prater: Wettbewerb entschieden

Bebauung erfolgt nach Masterplan von BUS architektur - Siegerprojekt gleicht einem Campus nach britischem Vorbild

Der Fortgang der neuen WU auf dem Areal zwischen Wiener Messegelände und Prater Hauptallee wurde am Freitag in einer Jurysitzung beschlossen. In der letzten Runde des EU-weiten Verfahrens (Juryvorsitzender Wolf D. Prix) wurden drei Projekte zur Überarbeitung empfohlen. Wie dem Standard bekannt wurde, wird das Wettbewerbsprojekt von BUS architektur (Architektin Laura Spinadel) als Masterplan für die Gesamtbebauung des 800 Meter langen Grundstücks herangezogen. Den zweiten Platz ex aequo belegten das Wiener Büro Berger Parkkinen sowie die Arge Arkan Zeytinoglu / Martin Flatz.

Bibliothek im Zentrum

Auffällig ist die Strukturierung des Geländes. Mehr als einem Uni-Gebäude gleicht das Siegerprojekt einem Campus nach britischem bzw. amerikanischem Vorbild. Im Zentrum steht ein Learning Center mit Bibliothek, die einzelnen Institutsgebäude sind locker übers Areal verstreut. Dazwischen sind großzügige Freiräume vorgesehen.

U2-Station

Wahrscheinlich ist, dass für die unterschiedlichen Gebäude in Zukunft Einzelwettbewerbe ausgeschrieben werden. Nach Auskunft von Ernst Eichinger, Sprecher der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), wird die derzeitige Messehalle 10 der Abrissbirne zum Opfer fallen. Erschlossen wird die neue WU von mehreren Eingängen. Einer davon befindet sich neben der U2-Station Messe, ein anderer auf der Seite der U2-Station Krieau. Die Baukosten für die Wirtschafts-Uni werden sich auf 250 Millionen Euro belaufen. Die Fertigstellung ist für 2012 geplant.

8. Mai 2009 Der Standard

Nachkriegszeit im Watschelgang

Nur wenige Menschen haben etwas übrig für 60er- und 70er-Jahre. Das soll sich nun ändern: Linz zeigt eine Ausstellung über die Schönheit des Hässlichen

Kommando Detonation. Ein Zucken in der Erde, ein ohrenbetäubender Krawall. Eben noch haben die 40.000 Schaulustigen ihre gierigen Objektive auf die beiden Häuser gerichtet. Nun rennen sie, um der herbeiwalzenden Staubwolke zu entkommen, mit aufgespannten Regenschirmen und gereizten Stimmbändern alle davon. Wir schreiben den 14. März 2003. Nach Jahren der sozialen Verwahrlosung und des Leerstandes werden die zwei Wohnhochhäuser am Harter Plateau, gigantische Scheiben aus Stahlbeton, publikumswirksam in die Luft gesprengt. Vom gefürchteten Linzer Schandfleck bleiben nur noch Schutt und Erinnerung.

Dass man dem architektonischen Erbe aus den 60er- und 70er-Jahren auch anders begegnen kann, beweist eine Ausstellung im architekturforum oberösterreich (afo), die kommenden Donnerstag eröffnen wird. Anhand ausgewählter Hochhausprojekte, die das Erscheinungsbild der Stadt Linz seit Jahrzehnten entscheidend mitprägen, wagt sich Ausstellungskurator Lorenz Potocnik an eine heikle Frage heran: „Warum haben die Bauten aus dieser Zeit ein derart schlechtes Image?“ Zielsicher gewählt, ja geradezu mit Mitleid erregender Bedacht, erscheint der Titel der ungewöhnlichen Schau: „Hässliche Entlein.“

„Mich fasziniert, dass diese Gebäude bei den meisten Leuten auf so viel Widerstand stoßen, während sich manche Fachleute für die Materie durchaus begeistern können“, sagt der in Wien lebende Architekt und Entenliebhaber. „Hässlichkeit hin oder her, der Großteil der damaligen Bausubstanz weist eine hohe architektonische und atmosphärische Qualität auf.“ Pech fürs betonierte Federvieh, dass sich diese Vorzüge dem Betrachter äußerst selten auf den ersten Blick erschließen.

Sprengen als letzte Option

Die da wären: Mut zum Experiment, Radikalität im Bauen und grundsolide, gut funktionierende Wohnungsgrundrisse. Potocnik: „Damals waren die Protagonisten noch von Visionen gebeutelt. Auch wenn das Konzept nicht immer aufgegangen ist, so ist die positive und enthusiastische Aufbruchstimmung vielen Bauten bis heute anzusehen.“ Aus Erfahrung weiß der Architekt: „Jammern und keppeln tun nur die Außenstehenden. Die Bewohner selbst sind mit ihrer Wohnsituation in den meisten Fällen zufrieden.“

Das bestätigt auch Sabine Pollak, Professorin für Urbanistik an der Kunstuniversität Linz: „Die Bauten werden heute nur noch nach ihrem äußeren Erscheinungsbild bewertet und nicht mehr nach ihren Grundrissen und räumlichen Konfigurationen. Hinzu kommt das Schreckgespenst der schlechten Energiebilanz von oft viel zu dünn konstruierten Wänden. So gesehen ist es nachvollziehbar, dass sich die Bevölkerung schwertut, solche Bauten positiv zu bewerten.“

Tatsächlich aber handle es sich dabei nicht um Planungs- und Baufehler, sondern um eine Missachtung von grundlegenden städtebaulichen Prinzipien. „Die Bedeutung des öffentlichen Freiraums und des Verkehrs wurde damals offensichtlich falsch eingeschätzt. Und ja, dadurch werden die Bauten grundsätzlich diskutierbar. Sprengen allerdings - das ist für mich die letzte aller Optionen.“

Welche Rolle werden die Linzer Enten in Zukunft spielen? „Bei hochwertigen Wohnbauten aus dieser Zeit spricht nichts dagegen, sie auf dem aktuellen Stand der Technik zu sanieren und sie den heutigen Wohnbedürfnissen anzupassen. Die Grundsubstanz ist meist sehr gut“ , erklärt Architekturhistorikerin Iris Meder: „Doch bei aller Liebe muss ich gestehen, dass viele dieser Bauten auf vielen Ebenen versagt haben. Um die Wohntürme auf dem Harter Plateau beispielsweise tut es mir kein bisschen leid. Ein Gebäude, das hässlich und noch dazu schlecht ist, muss abgerissen werden.“

Ausstellungsmacher Potocnik sieht die Sache mit den missratenen Küken etwas anders: „Das war das ehemalige Arbeiterwohnhaus der Voest und damit ist das Harter Plateau unmissverständliches Symbol für die industrielle Vergangenheit dieser Stadt.“ Hätte man früh genug eingegriffen, dann sei die Problematik dieser Wohnhausanlage (Bauzeit: 1972-1974), allen voran die fehlende soziale Durchmischung und die nicht vorhandene Infrastruktur, auch anders zu lösen gewesen. „Die Detonation war ein reines Politikum. Die Stadtverwaltung wollte dieses Ungetüm um jeden Preis loswerden.“

Mit Sprengstoff ins 21. Jahrhundert? Planungsmethode TNT? „Ganz und gar nicht! Wenn die Qualität nicht in ausreichendem Maße gegeben ist, kann man den Abbruch eines Gebäudes natürlich nicht ganz ausschließen“ , erklärt der Linzer Planungsstadtrat Klaus Luger (SP), „aber das ist ein absoluter Einzelfall.“ Man dürfe nicht vergessen, dass die Bauten der Sechziger- und Siebzigerjahre für einen eigenen Stil und ein eigenes Bewusstsein stehen. „Aus diesem Grund wünsche ich mir eine etwas differenziertere Diskussion um diese Epoche.“

Der Startschuss erfolgt kommende Woche. Anhand von großformatigen Fotografien von Gregor Graf präsentiert das afo 16 unterschiedliche, in jeder Hinsicht auffällige Wohn- und Bürobauten aus dieser Zeit. Ergänzt werden die dokumentarischen XXL-Ansichten von Texten, Interviews und Podiumsdiskussionen. Wichtig zu betonen: „Das ist keine wissenschaftliche Ausstellung, sondern eine Bewusstseinskampagne, die der Bevölkerung das Thema in all seinen Facetten ins Gedächtnis rufen soll.“ Ein positives, wenngleich subtiles Beispiel im Umgang mit dem ungewollten Erbe, ist die Teilsanierung des Hochhauskomplexes Lentia 2000. Mit Sondermitteln des Landes wurde der nicht mehr aus der Stadt wegzudenkende dunkelweiße Schandfleck (Bauzeit: 1973-1977) behutsam saniert. Der unverwechselbare Charakter wurde beibehalten, dem Entlein wurde keine einzige Feder gerupft.

„Heute werden diese Gebäude aus den Sechziger- und Siebzigerjahren von vielen Leuten verspottet und gehasst“ , sagt Lorenz Potocnik, „doch wie der Lauf der Geschichte schon etliche Male gezeigt hat, müssen erst einmal viele Jahrzehnte verstreichen, ehe man die Qualität einer Ära zu schätzen weiß. Die Generation nach uns wird uns danken.“

Wie geht es eigentlich dem hässlichen Entlein am Ende von Hans Christian Andersens Märchenklassiker Das hässliche Entlein? „Was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, das kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr, hässlich und garstig, sondern selbst ein Schwan war. Nun erkannte es erst sein Glück an all der Herrlichkeit.“ Na dann.

[ „Hässliche Entlein. Architektur der 60er- und 70er-Jahre in Linz“, architekturforum oberösterreich (afo), Herbert-Bayer-Platz, 4020 Linz. Eröffnung Donnerstag, 14. Mai 2009, 19 Uhr. Zu sehen bis 21. Juni. ]

27. April 2009 Der Standard

„Ich bin ja auch oft paranoid“

Sir Peter Cook ist einer der großen Architektur-Theoretiker. Verwirklicht hat er nur wenig. Mit Wojciech Czaja sprach er über die Zukunft des Bauens. Heute trägt er in Wien vor.

Standard: Sie haben den Wettbewerb für die neue WU Wien gewonnen. Was ist das Reizvolle an diesem Projekt?

Cook: Mein Vortrag heute heißt Scene from the Prater: hard or soft? und sagt viel über den neuen WU-Campus aus: Studenten werden in einem Graubereich zwischen Privatheit und Öffentlichkeit arbeiten. Ich glaube, dass diese Mischung aus Unterricht, selbstständigem Arbeiten im Randstein und Freizeitgestaltung gut funktionieren wird.

Standard: Welche Chance bedeutet die neue Wirtschaftsuniversität für Wien?

Cook: Mit Graz und Innsbruck ist Österreich sehr innovativ in Sachen Architektur. Leider gehörte Wien bisher nicht zu den interessantesten Architekturzentren. Das könnte sich nun ändern.

Standard: Nach dem Kunsthaus Graz ist das Institutsgebäude auf dem WU-Campus Ihr zweites Projekt in Österreich. Ein guter Schnitt angesichts der Tatsache, dass Sie bisher wenig gebaut haben.

Cook: Ich mag dieses Land. Ich kenne die Szene; und ich habe hier schon unterrichtet. Deswegen nehme ich an Wettbewerben in Österreich gerne teil. Und ich liebe die grundlegende Paranoia der Österreicher.

Standard: Welche denn?

Cook: Das hat wohl mit den vielen Tälern zu tun. Jeder Eingriff wird skeptisch beobachtet. Das ist einerseits eine unglaubliche Verfolgungsangst, zeugt aber andererseits von großer Identität. Ich finde das sympathisch.

Standard: Den Kunsthaus-Graz-Wettbewerb gewannen Sie mit einem Konzept, das weder auf damaligem noch auf heutigem Technikstand realisierbar wäre.

Cook: Das Haus war plan-, bau- und finanzierbar. Aber ich gebe zu, dass ich mich damals auf die neuesten technologischen Entwicklungen aus Japan gestützt habe. Die machen ziemlich gewiefte Dinge! Hätte man das Kunsthaus Graz in all seinen Potenzialen ernstgenommen, wäre die Realisierung des ersten Entwurfs durchaus möglich gewesen. Es gehört zur österreichischen Paranoia, dass es nicht so gebaut wie geplant wurde. Aber ich nehme das niemandem übel.

Standard: Geht da das Bauen nicht am Kern der Sache vorbei?

Cook: Keineswegs. Experiment und Pragmatismus müssen einander die Waage halten. Wenn eines davon fehlt, hat die Architektur versagt.

Standard: Stehen Sie noch hinter dem Kunsthaus Graz?

Cook: Abgesehen von der Tatsache, dass mein Kollege Colin Fournier und ich von allen anderen gemobbt wurden, stehe ich voll hinter diesem Projekt. Es ist zu 95 Prozent in Ordnung.

Standard: Sie unterrichten an der Bartlett School of Architecture, London. Was bringen Sie Ihren Studenten bei?

Cook: Entdeckt die wunderbare Kultur des Bauens! Ich will niemandem meine persönliche Meinung überstülpen und bin kein Freund von streng vorgegebenen Lernzielen. Ich bemühe mich, aus jedem Einzelnen etwas Besonderes und Einzigartiges hervorzukitzeln. Und ich erwarte von meinen Studenten, dass sie Grips entwickeln, Power haben und bereit sind, ihre Sache konsequent durchzuziehen.

Standard: Wie konsequent werden Sie das Campus-Projekt durchziehen?

Cook: Sehr konsequent.

Standard: Keine Angst vor der österreichischen Paranoia?

Cook: Doch, aber das ist der große Sympathiefaktor daran. Ich selbst bin ja auch oft paranoid. Der WU-Campus wird für uns alle eine gute Gelegenheit sein, einander die Ängste zu nehmen.

[ „Scene from the Prater: hard or soft?“ Vortrag ab 18.30. Odeon, 1020, Taborstraße 10 ]

25. April 2009 Der Standard

Ein Hamster hat seinen Preis

Der etwas andere Blick durch die Linse: Gestern, Freitag, wurde in Frankfurt der Europäische Architekturfotografie-Preis verliehen. Anmerkungen zum eingeheimsten Sieg.

Eine Momentaufnahme aus den Gefilden des Gähnens. Rechtwinkelig und totenstill. Gelegentlich schwebt der Hauch einer menschlichen Silhouette durchs Bild. Wieder einmal musste die Assistentin als verwischter Wackelschatten herhalten. So sieht sie aus, die Baukunst aus dem Blickwinkel der Fotografen.

„Aus irgendeinem Grund hat es sich im Laufe der Jahre ergeben, dass die Menschen aus den Bildern verschwunden sind“, erklärt Wilfried Dechau, Vorsitzender des Vereins Architekturbild mit Sitz in Stuttgart. „Den Architekten und Redakteuren von Architekturzeitschriften mag das ja gefallen, aber alle anderen empfinden das als langweilig.“

Dass man aus der Not auch eine Tugend machen kann, beweist der Europäische Architekturfotografie-Preis, der gestern, Freitag, im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main übergeben wurde. Es ist der einzige internationale Preis in dieser Kategorie, der regelmäßig verliehen wird, und das schon seit 14 Jahren. Gefragt waren heuer Arbeiten zum Thema Neue Heimat. Wie zu erwarten war, sucht man auch auf diesen nicht sonderlich heimatlich anmutenden Fotos vergeblich nach lebenden Gestalten. Stattdessen pressten die Fotografen gehörig Kritik und Humor durch die Linse.

So etwa Stephan Sahm. Der Münchner Fotograf heimste mit seiner vierteiligen Bilderserie von knallig bunten Hamsterkäfigen den ersten Preis ein. „Ganz ehrlich, ich habe fix damit gerechnet, dass das eine aalglatte Themenverfehlung sein wird“, sagt Sahm zum Standard. Umso größer die Freude über den Sieg.

Doch warum gerade Hamsterkäfige? „Ich war auf der Suche nach Inspiration. Angesichts des Themas Neue Heimat dachte ich, dass ich in einem Baumarkt ganz gut aufgehoben sein könnte.“ Sofort fiel der Blick des 37-Jährigen auf die Tierecke. „Erst schmunzelt man über die bunten Käfige, die man hier vorfindet. Doch streng genommen ist es absonderlich, was man in einem Baumarkt alles zu Gesicht bekommt. Wenn man sich dann auch noch vorstellt, man wäre selbst ein kleiner pausbäckiger Goldhamster, dann läuft es einem kalt den Rücken hinunter.“

Gemacht seien die Käfige in erster Linie für Kinder. Für Menschenkinder. Dass ein Nagetier Freude dabei empfindet, ein ganzes Hamsterleben lang an irgendwelchen Plastikteilen herumzuknabbern, kann sich Sahm beim besten Willen nicht vorstellen, ganz zu schweigen von der Gesundheit.

„Das klingt doch absurd, oder? Aber in der Menschenarchitektur ist es nicht anders. Die Entscheidungen fällt die Industrie. Robust und billig muss es sein. Dass in diesen Häusern auch noch jemand wohnen und arbeiten muss, wird oft vergessen.“ Auf wie vielen Beinen man sich durchs Leben bewegt, ist letztlich Nebensache.

Beweis gefällig? Der Hamburger Fotograf Frank Meyl machte sich auf nach Schottland. In der Nähe von Pitlochry wurde er eines Campingplatzes fündig, den er - wohlgemerkt mit einiger seelischer Distanz zum Objekt - sodann in den Film bannte.

Die fotografische Dokumentation brachte ihm zwar keinen Preis ein, für einen Niederschlag im Katalog, der anlässlich des Preises erschienen ist, reichte es aber allemal. Wellblechhütten in unterschiedlichen Grüntönen stehen in Reih und Glied. Nicht gerade ein Lobgesang auf Wohlfühlfaktor und Individualität. Die Analogie zum Hamsterhabitat liegt auf der Hand.

Der Reiz der Unbelebtheit

„Einfach nur mit schönen Fotos kommt man bei diesem Preis nicht weit“, sagt der Vereinsvorsitzende Wilfried Dechau, „wir erwarten uns Arbeiten, die vor Ideen sprühen. Und wir wollen in den Einreichungen erkennen, welchen Zugang jeder einzelne Fotograf zu Architektur hat.“ Sinn und Zweck des biennal verliehenen Preises: „Wir möchten die Architekturfotografie innerhalb der Branche als eigenständigen Zweig etablieren. Vor allem wollen wir ihr das etwas schale Image nehmen, denn sie verfügt über viele Reize.“

Und wie sieht die Situation in Österreich aus? „Vor 15 Jahren hat ja noch kein Mensch gewusst, was Architekturfotografie überhaupt ist“, erinnert sich Pez Hejduk, Sprecherin der IG Architekturfotografie. „Wie oft habe ich mir anhören müssen: Ach so, Sie fotografieren Häuser? Mein Gott, wie langweilig!“ Heute sei die Situation eine völlig andere. Mittlerweile verzeichnet Architektur und somit auch die Fotografie derselbigen einen großen medialen Niederschlag. „Architekturfotos geistern bereits in jedem Bezirksjournal umher“, so Hejduk, „das Problem, mit dem wir heute zu tun haben, ist: Jeder will Fotos, doch niemand will dafür zahlen.“

Wie viele ihrer Kollegen und Kolleginnen äußert auch sie sich kritisch zu der Miteinbeziehung von Lebewesen. „Meine ganz persönliche Herangehensweise an die Arbeit ist die fotografische Baubegehung“, sagt Hejduk, „im Vordergrund steht die Dokumentation eines Bauwerks sowie die Darstellung der räumlichen Qualitäten und der damit verbundenen Emotionen.“ Menschen? Die seien doch meist nur störend. „Natürlich schicke ich sie nicht weg, wenn sie mir ins Bild treten. Aber generell bin ich der Meinung, dass Architektur Anspruch darauf hat, in ihrer alleinigen Schönheit dargestellt zu werden.“

Ein Hamsterrad. Wie es scheint, wird der Europäische Architekturfotografie-Preis in den nächsten Jahren noch viel Aufklärungsarbeit leisten müssen.

[ Neue Heimat. European Prize of Architectural Photography 2009, avedition, Ludwigsburg 2009, ISBN 978-3-89986-117-4, € 24,80 ]

14. März 2009 Der Standard

Die Zeit zwischen den Steinen

Der Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin ist abgeschlossen. Um das völlig zerstörte Haus wiederzubeleben, zog die ganze Stadt an einem Strang. Am 5. März war Schlüsselübergabe.

Es ist keine zehn Tage her, da warf sich die Berliner Hautevolee in Schale und begab sich feierlichen Schrittes zur Museumsinsel. Nach elf Jahren akribischer Sanierung, Restaurierung und Steinchenzählerei ist der Wiederaufbau des Neuen Museums, Unesco-Weltkulturerbe und laut Fachleuten eines der bedeutendsten Baudenkmäler des 19. Jahrhunderts, nun endlich abgeschlossen. Coram publico wurden, umgeben von Blitzlichtgewitter und einem Dutzend Fernsehkameras, den künftigen Nutzern die Schlüssel überreicht.

Stolz erfüllte den glasgedeckten Innenhof, wo der unvergleichliche Festakt über die Bühne ging. Bürgermeister, Bundesminister und Staatsminister übergaben einander das Wort, Staatssekretäre, Präsidenten und Direktoren zeigten sich dankbar und zutiefst verzückt. Allein, die Dankbarkeit diente nicht der gegenseitigen Bauchpinselei, wie man dies etwa aus Österreich kennt, sondern galt einzig und allein dem Planer und seinem engagierten Team.

Mit angeschlagener Gesundheit und sichtlich glasigen Augen kam schließlich Architekt David Chipperfield zu Wort: „Die Aufgabe war außergewöhnlich, die Bauarbeiter und Experten haben hervorragende Arbeit geleistet und die Zusammenarbeit mit den Auftraggebern war getragen von Vertrauen und gegenseitigem Respekt. So gesehen ist es auf eine besondere Weise traurig, dass diese Zusammenarbeit nun beendet ist.“

Jörg Haspel, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin, brachte in seiner Rede das Wunder auf den Punkt: „Man muss sich vorstellen, dass dieser Raum vor fünfzehn Jahren nicht existent war. Ein klaffender Riss ging mitten durch, das Haus war eine Ruine.“ Als Brand- und Bombenopfer des Zweiten Weltkriegs fiel das Gebäude im DDR-Regime - weggebombt, ausgebrannt und völlig durchnässt - in ein sechzig Jahre lang anhaltendes Koma. In den Mörtelfugen blühte üppiges Unkraut, in der Treppenhalle waren Ahornkeimlinge in all den Jahrzehnten zu wackeren Bäumen herangereift.

„Stellen Sie sich vor, das Gebäude wäre in den Nachkriegsjahren saniert worden“, so Haspel. Kaum auszumalen, wie das Resultat ausgesehen hätte! „Ich denke, wir können von Glück reden, dass das Haus so lange Zeit auf Herrn Chipperfield gewartet hat.“

Die Geschichte als Baumaterial

Die originale Bausubstanz, die an diesem Ort vorgefunden wurde, gibt der Denkmalpfleger zu bedenken, habe sich als große Chance erwiesen. „Einerseits war es viel Arbeit, andererseits war es ein Geschenk, ein historisches Bauwerk ohne die verfälschenden Spuren anderer Generationen übernehmen zu können. Wir haben versucht, alles zu erhalten, was die Geschichte uns überlassen hat.“

Anstatt in harten Kontrasten zwischen Alt und Neu erstrahlt das zum neuen Leben erweckte Museum unter einem Schleier von weichen Übergängen und sachte gesetzten Details. Kein Stahl, kein Beton, kein noch so cooles Material, das die meisten Architekten heutzutage zum Bauen so dringend benötigen wie andere die Luft zum Atmen. Stattdessen gibt es alte Ziegel, die aus zahlreichen Berliner Abbruchhäusern zusammengetragen wurden, sowie original erhaltene Kapitelle, Ziergesimse und Beschläge, herangekarrt aus jahrzehntelang eingemotteten Depots.

Die neuen Bauteile bestehen aus Weißzement, gestocktem und geschliffenem Kunststein sowie gebleichtem Eichenholz. Die Farbpalette der verwendeten Materialien reicht von Creme über Beige bis Hellbraun. Fade, könnte man meinen. Aber nein, das Haus versprüht den Duft eines klassisch herben Eau de Cologne. Stattlich im Auftreten, zeitlos elegant.

„Unser Ziel war es, ein einheitliches und zusammenhängendes Haus zu schaffen“, so Chipperfield. Doch wie damit umgehen, wenn von Friedrich August Stülers Bau aus den Jahren 1841 bis 1855 kaum noch etwas erhalten war? „Es war eine Gratwanderung zwischen Restaurierung, Wiederaufbau und Ergänzung. Natürlich war die Planung sehr schwierig. Viele Teile des Hauses waren stark zerstört oder haben gänzlich gefehlt.“

Am Anfang dieses Projekts stand eine lange Phase der Forschung, sagt der Architekt. In Millimeterarbeit wurde das Archiv nach Plänen, Texten und historischen Fotografien durchforstet. In einem zweiten Schritt wurden in Zusammenarbeit mit dem Restaurierungsarchitekten Julian Harrach die Möglichkeiten der Erhaltung, des Schutzes und der Rekonstruktion erforscht. Chipperfields Credo: „Eine der wichtigsten Fragen betrifft die visuelle Schönheit und die konzeptionelle Ästhetik. Ohne eine gewisse Schönheit bleibt jedes noch so wertvolle Baudenkmal unvollendet.“

Das Neue Museum liest sich wie ein Lexikon der Zeit. Es lädt zum kontemplativen Studium der Epochen ein. Hier eine Zierblume mit kobaltblauen Blättern, da ihre Weiterführung in unauffälligen Grautönen. Hier eine Kassettendecke aus Dreiecken und Rauten, da ein leicht gestocktes Relief zur Andeutung des einst Gewesenen. Hier ein wuchtiges Kapitell mit fein gearbeitetem Ornament, da eine einfache Platte als stummer Zeuge der Zerstörung.

Rarität aus Trümmern

Ein eigens zur Fertigstellung erschienenes Buch (Verlag E. A. Seemann) dokumentiert die Arbeiten am Museum, ein anderes fängt in wunderschönen Bildern die Ästhetik des Bauprozesses ein (Hatje Cantz Verlag). Da wie dort stehen Maschinen und Kräne im Raum, entfeuchten die Bausubstanz, rücken Säulen und Pfeiler in ihre ursprüngliche Position. Dazwischen immer wieder Spuren von Bauarbeitern, Restauratoren und Denkmalpflegern, die den geschichtlichen Scherbenhaufen zu einem neuen Ganzen zusammenzusetzen versuchen. Beide Bücher vermitteln einen kleinen Einblick in die Komplexität dieses Projekts.

Bevor das Neue Museum im Oktober seiner endgültigen Nutzung übergeben wird, steht noch einiges am Programm. Bis Ende März finden in den vorerst leeren Räumlichkeiten zeitgenössische Tanzperformances unter der Federführung von Sasha Waltz statt. 70 Tänzerinnen und Tänzer verbiegen an zehn Abenden ihre Körper im Einklang mit der Architektur. Im April beginnt dann die Einrichtung des Museums und die endgültige Platzierung der Exponate.

„Was uns David Chipperfield mit diesem Haus übergeben hat, ist eine Rarität“, sagt Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin. „Uns fällt ein historisches Gebäude in den Schoß, das mit großem Respekt in die Gegenwart transformiert wurde. Wir werden es mit Ehrfurcht behandeln.“

Nicht unwesentliches, und fürwahr ehrfürchtiges Detail am Rande: Bei Planungsbeginn im Jahre 1997 wurden die Baukosten mit 233 Millionen Euro beziffert. David Chipperfield und sein Team haben die Kosten um 30 Millionen Euro - jawohl, auch das ist möglich - unterschritten.

Fazit: Das Neue Museum ist wahrscheinlich der edelste und formvollendetste Wiederaufbau, den die Stadt seit ihrer Wiedervereinigung zu Gesicht bekommen hat. Hoffentlich wird das Projekt Vorbildcharakter für viele weitere Sanierungs- und Restaurierungsprojekte in Berlin haben.

Der Wunsch wird wohl unerhört bleiben. Die nächste Provinzposse kündigt sich bereits an: Auf der gleichen Insel, nur zwei Straßen weiter, soll nach Plänen des italienischen Architekten Franco Stella demnächst das Berliner Stadtschloss rekonstruiert werden. Über eine halbe Milliarde Euro wird in noch nie dagewesener Weise beim Fenster hinausgeschmissen. Und Berlin, so viel ist sicher, wird die hohe Schule der Sensibilität wieder ad acta legen, um sich erneut in schmalzig triefendem Historienkitsch zu suhlen.

27. Februar 2009 Der Standard

Der gute Ton aus Stahlbeton

Morgen, Sonntag, wird in Graz das Musiktheater Mumuth eröffnet. Die Partitur stammt vom niederländischen Büro UN Studio. Eine Hörprobe.

Ach, wie oft wurde Schopenhauer schon bemüht. Architektur. Gefrorene Musik. Alles schon gehört. Die meisten Bauwerke, die die Metapher der zarten Klänge für sich beanspruchen, stellen sich nach kürzester Zeit jedoch als ohrenbetäubender Krawall heraus. Da wird zusammengetrommelt, aufgegeigt und rücksichtslos hinausposaunt. Anders das Mumuth in Graz. Mit ruhigen Fingern haben Caroline Bos und Ben van Berkel vom niederländischen Büro UN Studio im neuen Musiktheater Note für Note an den für sie bestimmten Ort platziert.

Die ersten Ideen für ein zentrales Übungs- und Veranstaltungsgebäude der Universität für Musik und darstellende Kunst reichen bis in die Sechzigerjahre zurück. Zur tatsächlichen Ausschreibung kam es allerdings erst 1997. Aus einem internationalen Wettbewerb, an dem weit über 200 Büros teilgenommen hatten, ging UN Studio als Sieger hervor. Zwei Jahre später wurden die Architekten beauftragt. Und dann - nichts.

Graz brauche keine zweite Oper, hieß es in Zeiten von Schwarz-Blau. „Wir hatten das Projekt schon fast für tot erklärt“, sagt der Uni-Rektor Georg Schulz, „erfreulicherweise war mein Vorgänger Otto Kolleritsch aber so engagiert, dass es im März 2006 dann doch noch zum Spatenstich kam.“

Die Freude ist groß. Endlich könne man den Studierenden genug Raum bieten, um zu üben und das Geübte schließlich im passenden Rahmen vor Publikum zu präsentieren. Der Probebetrieb läuft bereits seit November, morgen Sonntag wird feierlich eröffnet.

Um es vorwegzunehmen: Wer sich eine urbane Skulptur mit Anmut und Grazie erwartet hat, der wird vom neuen Musiktheater enttäuscht sein. Die Außenhülle des Mumuth (Gesamtbaukosten 19 Millionen Euro) ist unspektakulär, ja sogar hässlich. Da hilft kein abgerundeter Sockel, kein über die Gebäudehöhe geblähtes Stahlgitternetz, kein buntes LED. Die Proportionen sind verpatzt. Das Ding steht da wie ein blechernes Mammut mit Übergewicht.

„Ich habe nichts dagegen, dass das Mumuth bei Tageslicht hermetisch und abgeschlossen wirkt“, erklärt Schulz, „eigentlich handelt es sich ja um zwei Gebäude in einem.“ Untertags läuft ganz normaler Unibetrieb, erst am Abend mutiert das Haus zu einem öffentlichen Theater. Auf Knopfdruck geht das Licht an und verwandelt den Dickhäuter in ein zart besaitetes Instrument. Theoretisch soll dabei das Innenleben nach außen gekehrt werden. Theoretisch.

Oper, Jazz und MTV

Aber das macht nichts. Sobald nämlich die Tür ins Schloss fällt und das Stadtleben verstummt, wird der Besucher mit einer spektakulären Partitur für alles Bisherige entschädigt. In Wogen und Wellen räkelt sich der Beton, glatt wie Babypopo, durchs Foyer und versetzt das Haus in euphonische Schwingungen. Ob die Architekten eine bestimmte Musik im Ohr hatten, als sie den Innenraum entwarfen? „Wir haben uns ein wildes Potpourri vorgestellt“, erklärt Ben van Berkel gegenüber dem Standard, „wir dachten an alles gleichzeitig. An Oper, Jazz und MTV.“

Wie von Geisterhand geführt, wandert man intuitiv die Treppen hoch. Kein Pfeil, kein Hinweisschild, kein unnötiger Behelf an der Wand. „Wir wollten ein Haus bauen, das trotz aller visuellen Opulenz klar und logisch aufgebaut ist“, sagen die Architekten, „wir wollten, dass sich die Besucher auch ohne nachträglich aufgesetztes Leitsystem zurechtfinden.“

Eine Sinfonie aus Stein, Beton und Edelstahl geleitet den Besucher in den ersten Stock. Sobald man im säulenlosen Pausenraum mit Blick auf Park und Dachlandschaft angekommen ist, erschließt sich einem die Funktion der massiven Betonspirale. Sie ist das statische Rückgrat des Mumuth und trägt ein Drittel des gesamten Hauses. Das konstruktive Konzept - ein Meisterwerk der Ingenieurskunst - stammt vom Londoner Büro Ove Arup & Partners. „Das Ding sieht schlimmer aus als es ist“, sagt Hannes Pfau, Projektleiter bei UN Studio, „statisch betrachtet, ist die Spirale ein simples dreidimensionales Kräftesystem.“

Es spricht der Profi: Die beiden Wände des Konzertsaals, die aus akustischen Gründen ohnehin in Stahlbeton gefertigt werden mussten, werden in den Pausenraum gezogen und um 90 Grad gedreht. Die eine Wand mutiert zur Deckenplatte über dem Erdgeschoß, die andere vollzieht ein Twist nach oben und stellt sich nach erfolgreicher Transformation plötzlich als Dach heraus. „Natürlich wird die Gebäudelast ins Erdreich geleitet - aber nicht etwa über den Betontwist, denn der schwebt schwerelos über dem Boden, sondern über die Seitenwände des Saals.“ Das ist angewandtes Kräftespiel für Fortgeschrittene.

Schöner kann gefrorene Musik nicht sein. Wenn tagsüber Sopran und Bariton aus den Übungsräumen dringen, muss man unweigerlich vor dem roten Treppenteppich verharren. Respekt vor dem Gesang, Respekt vor der Architektur. „Die Beziehung zwischen Musik und Baukunst ist eine sehr klassische“, sagt Ben van Berkel, „in diesem Gebäude harmonieren Blick und Gehör jedoch besonders gut.“ Zugabe: Ab 4. April wird im Mumuth die Johannes-Passion von Bach aufgeführt. Das Bühnenbild dafür stammt von UN Studio.

Eine spektakuläre Partitur: In Wogen und Wellen räkelt sich der Stahlbeton, glatt wie Babypopo, durchs Foyer und versetzt das ganze Haus in euphonische Schwingungen.

Die Schalung für den Stahlbeton wurde aus Hartschaum gefräst. Der Beton selbst wurde nicht gegossen, sondern unter Druck hineingepumpt. Bei Dämmerung gibt sich das Mumuth als Kiste aus Glas und Edelstahl.

19. Februar 2009 Der Standard

Weißbuch der Dächer

Der Treibhauseffekt ließe sich verlangsamen - und zwar mit weißen Dachlandschaften, die die Hitze reflektieren statt absorbieren. Doch Politik und Wirtschaft sind an einer einfachen Lösung nicht interessiert.

Vom Flugzeug aus betrachtet hat jede Stadt ihre eigene Farbe. Paris erscheint silbergrau, Rom ist in einen schillernden Ockerton getaucht und die Innenstadt von Graz erstrahlt in einem kräftigen Ziegelrot. Doch die Dachlandschaft von Großstädten hat nicht nur Auswirkungen auf das Ambiente, sondern auch auf das Klima. Was vor einigen Jahrhunderten, als die zahlreichen Palazzi und Palais gebaut wurden, noch keine Rolle spielte, stellt sich nun als wichtiger Klimafaktor heraus: Dunkle Dachflächen beschleunigen den Treibhauseffekt, da sie viel Sonnenenergie absorbieren und dadurch zur Erwärmung der Stadt beitragen.

Die Lösung für das urbane Dilemma bietet eine Studie des Lawrence Berkeley National Laboratory, die im September 2008 im Rahmen der California Climate Change Conference in Sacramento präsentiert wurde. „Paint your roof, save the planet“, lautete der Aufruf von Physiker Hasehm Akbari. Nicht auf bunte Vielfalt hatte er es dabei abgesehen, sondern auf Weiß. Wie auf T-Shirts und Autos vielfach bewiesen, senkt die helle Oberfläche die Temperatur, indem ein Großteil des Lichts reflektiert wird.

Die errechneten Einsparungen sind gigantisch: Ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit einer Dachfläche von 100 Quadratmetern könnte im Jahr demnach rund zehn Tonnen Kohlendioxid ausgleichen. Dem nicht genug. Akbari appelliert an die Regierung der USA, in den zehn größten Ballungsräumen des nordamerikanischen Kontinents sämtliche Dächer weiß zu streichen bzw. mit weißen Materialien einzudecken.

Ein ganzer Kontinent in Weiß

Allein durch diese Maßnahme ließen sich in den USA pro Jahr 24 Gigatonnen CO2 einsparen. Das ist rund die Hälfte der weltweiten Kohlendioxid-Mengen, die Jahr für Jahr in die Atmosphäre geschleudert werden. Mit einer Ausweitung der weißen Zone auf andere Kontinente könnten die CO2-Emissionen noch stärker gesenkt werden. „Ich nenne das Win-win-win“, sagt Hasehm Akbari und nennt die drei Vorteile dieses Konzepts: „Man spart Kühlenergie ein, man reduziert den Smog und man verringert die Erderwärmung.“

Die Idee der weißen Dächer hat auch in Europa schon erste Anhänger. So malte etwa das Schweizer Unternehmen Jenni Energietechnik AG vor einiger Zeit das Dach des Verwaltungsgebäudes weiß an. „Wir haben das als PR-Aktion gesehen“, sagt Geschäftsführer Josef Jenni, „außerdem wollten wir die Politik wachrütteln und vorzeigen, in welche Richtung die Entwicklung gehen könnte.“ Allein, die Aktion verpuffte. Mittlerweile ist die weiße Farbe wieder ab. „Herkömmliche Farbe auf dem Dach ist nicht ganz unproblematisch“, wie Jenni betont, „hier ist der Markt gefordert, entsprechende Produkte zu entwickeln.“

Skeptisch wird die Materialfrage auch hierzulande unter die Lupe genommen. „Die Idee ist interessant und ist sicherlich eine gute Grundlage, um auch in Österreich eine derartige Studie durchzuführen“, erklärt Karin Stieldorf von der Arbeitsgruppe für nachhaltiges Bauen an der TU Wien. „Doch die eigentliche Frage lautet: Wie macht man ein Dach weiß, und welche Auswirkungen wird das auf das Stadtbild haben?“

Weiße Dächer wären nicht nur eine Herausforderung für Politik, Tourismus und Denkmalschutz, sondern auch für die gesamte Industrie. Der Großteil der bestehenden Bausubstanz ist mit Dachziegeln gedeckt. Helle Dachsteine gibt es zwar, ein weißer müsste allerdings erst entwickelt werden. Doch das Interesse ist gering. „Da wir von dieser Studie und den darin enthaltenen Überlegungen zum ersten Mal hören“, heißt es etwa seitens des österreichischen Marktführers Wienerberger AG, „können wir seriöserweise keine Aussage treffen.“

6. Februar 2009 Der Standard

Kratzer in der Hochglanzpolitur

Filme über Architektur gab es schon viele. Aus der Sicht einer Putzfrau wurde zeitgenössisches Bauen allerdings noch nie beleuchtet. Großartig.

Brünette Locken, schwarz getupfte Bluse, Wischmopp in der Hand. Guadalope Acedo, tätig als Haushälterin in Bordeaux, geht einer Architekturikone des 20. Jahrhunderts an den Kragen. „Die geraden Stiegen gehen ja noch, aber die Wendeltreppe ...“

Sekunden später sieht man die ziemlich präsente Dame auf den schmalen Stufen balancieren. Wie Messerklingen stecken die Stahlplatten in der Wand und schrauben sich hoch ins Obergeschoß. Guadalope stützt sich auf das dicke Rohr ihres Staubsaugers. „Ja, das ist mein Gehstock. Und passen Sie ja auf, das ist alles ein bisschen eng hier.“ Schnitt.

koolhaas houselife, ein Film von Ila Bêka und Louise Lemoîne, sorgte bereits auf der letzten Architektur-Biennale in Venedig für lachende Begeisterung. Es ist das einstündige Porträt eines überaus feschen und von der Architektenschaft abgefeierten Einfamilienhauses am Rande von Bordeaux, entworfen vom zeitgenössischen Zampano Rem Koolhaas. Die erste Auflage in viel zu kleiner Stückzahl war prompt vergriffen. Seit Jänner liegt die Buch-DVD samt Film und prächtig dokumentierendem Bildband nun in zweiter Auflage vor.

„Die beiden Filmemacher Bêka und Lemoîne sind voller Esprit und haben unglaublich viel Gefühl auf Lager“, schrieb die französische Tageszeitung Le Monde anlässlich des Erscheinens, „das ist genau das, was in Architekturfilmen bisher fehlte.“ Es sind nämlich nicht die Architekten und Bauherren, die vor der Kamera zu Wort kommen, sondern die stillen Helferlein im Hintergrund: Putzfrau, Gärtner, Fensterputzer, Sachverständiger.

Wenn der Ernst ins Wasser fällt

Moderne Architektur aus der Sicht einer Reinigungskraft - eine noch nie dagewesene Filmbetrachtung. Herrlich voyeuristisch, zum Lachen komisch, zum Weinen tragisch. Unbeirrbar versucht Guadalope mit ihrem charmant iberischen Akzent, das Gebäude zu bezwingen. Vergeblich. „Die Arbeiten in diesem Haus hören nie auf. Kaum ist man an einem Ende fertig, muss man wieder von vorn beginnen.“

Und dann der Wolkenbruch. Es tropft, es rinnt, es gießt in Strömen. Nicht nur draußen, sondern auch drinnen im Haus. Die Fassade ist undicht. Schüsseln, Teller, Tupperware - präzise arrangiert - verhindern das Schlimmste. Hektisch läuft Guadalope durchs Bild, kommt mit Suppentassen, Gläsern und Aschenbechern, bückt sich und tauscht die vollen Gefäße gegen neue aus. „Die Scheiben hätten schon längst ausgetauscht werden sollen. Ach was, die Fassade ist eine halbe Baustelle.“

Feuchtfröhlich geht's auch zu, wenn in der 38. Minute schließlich die Herren Sachverständigen ihren Auftritt haben. Ihre Mission: Ortung der undichten Stellen. Im Garten wird eifrig die Wiese bewässert, einen Stock tiefer tummeln sich derweilen die geübten Augen, um auf den Eintritt der Feuchtigkeit zu warten. Die Kamera blickt den Männern über die Schulter. Vom Wasser keine Spur. Plötzlich der beunruhigende Klang von Niagara: Vor dem Fernseher klatscht ein Wasserfall zu Boden. Kollektives Kopfnicken. „C'est une investigation positive.“ Das ist dann wohl ein positives Resultat, wie man im Fachjargon sagt.

Ein ziemlich vernichtendes Urteil für ein Haus, das gerade einmal zehn Jahre auf dem Buckel hat. „Es geht nicht darum, dass wir mit diesem Film auf die nicht funktionierenden Dinge aufmerksam machen wollen“, sagt die Produzentin Louise Lemoîne. Schon gar nicht wolle man den Architekten Rem Koolhaas bloßstellen. „Wir wollten lediglich eine Woche lang vor Ort sein und den Alltag aus der Sicht einer involvierten Person dokumentieren.“ Und außerdem: „Die beiden Kapitel mit dem Wasser machen nur ein paar Minuten des Films aus. Die übrigen 22 Kapitel befassen sich mit ganz anderen Themen dieser Architektur.“

Beispielsweise mit dem komplexen und wohl durchdachten Wegesystem im Haus. Mit den schönen und unglaublich poetischen Ausblicken und Durchblicken. Oder mit dem ganzen Bataillon an Maschinen und Motoren, die wie unsichtbare Geister die Terrassentüren zur Seite schieben, die Brüstungen aufklappen und die gläsernen Bullaugen in der Betonmauer federleicht aufspringen lassen.

Herzstück des Hauses ist der offene Lift, auf dem Guadalope mit ihrem gesamten Reinigungsequipment auf- und abfährt. Heute ist es die Putzfrau, die das technische Meisterwerk zur Überwindung der Schwerkraft verwendet. Damals noch war es Monsieur Jean-François. Das Haus wurde für ihn und seine Familie maßgeschneidert.

Dem im Rollstuhl sitzenden Bauherrn hatte Koolhaas einen zehn Quadratmeter großen und wandlosen Arbeitsraum geplant, mit dem er eigenständig vom Keller bis in den ersten Stock hochfahren konnte. Gleichzeitig diente der Raumlift als Steighilfe, um zu den tausenden Büchern zu gelangen, die in die insgesamt zehn Meter hohe Bibliothek geschlichtet sind - barrierefreies Bauen einmal anders.

„Das war das Zimmer des Monsieurs“, erzählt Guadalope, während sie - die Fernbedienung in der Hand - auf der Plattform steht und dem Kameramann die Abläufe im Haus erläutert. Da sei er immer gesessen, da sei sein Schreibtisch gestanden, und da drüben das Bett. „Das Haus war nur für ihn gemacht. Heute ist alles anders. Ich höre Madame schon seit langer Zeit nicht mehr lachen.“

Architektur gegen den Alltag

Und was sagt Koolhaas selbst zu dem Film? „Ein bisschen überrascht es mich, dass das Haus aus einer derart alltäglichen Sicht beleuchtet wird. Der Film ist nicht besonders schmeichelnd“, so Koolhaas, aber er zeige eine kritische Realität, eine Art Secret Life. "Da prallen zwei unterschiedliche Systeme zusammen: die platonische Konzeption der Reinigung auf die platonische Konzeption der Architektur. „Ich will mich nicht mit Le Corbusier vergleichen, aber seine Bauten waren auch von einer gewissen Unperfektheit bestimmt.“

Louise Lemoîne sieht das ganz nüchtern: „Architektur ist eine Materie, die benutzt wird. Nach einiger Zeit gibt es eben Gebrauchsspuren. Das ist ganz natürlich. Allerdings vergessen das viele, denn in den Hochglanzzeitschriften und auf den tollen Fotografien wird dieser Aspekt ausgeblendet.“

Die nächsten Filme der Serie Living Architecture liegen schon zum Schneiden bereit. Im Herbst erscheinen bei BêkaFilms gleich drei Dokumentationen über Gebäude von Richard Meier, Frank O. Gehry und Herzog & de Meuron. Man wird wieder lachen dürfen.

„Eines Tages hat sich Monsieur bei mir bedankt“, erinnert sich Guadalope Acedo in einer fröhlichen Minute. „Aber ich habe ihm gesagt: Was nützt mir ein Dankeschön? Denken Sie lieber daran, dass ich in Spanien ein Grundstück besitze und noch Pläne für mein Haus brauche!“ Poliert den Spiegel und lacht. „Da hat er aber ein Gesicht gemacht. Solche Augen und solche Ohren hat er gekriegt.“

[ Buch und DVD: koolhaas house- life, ein Film von Ila Bêka und Louise Lemoîne, erschienen bei BêkaFilms, zu beziehen über www.bekafilms.it ]

verknüpfte Publikationen
- Koolhaas HouseLife

31. Januar 2009 Der Standard

Schwarze Spitze und Zuckerguss

Das schrille Boarding House aus der Feder von Architekt Denis Kosutic ist der Beweis dafür, dass Wohnen auf Zeit sexy sein kann - und sein muss.

Was passiert, wenn Marie Antoinette mit der Achtzigerjahre-Popikone Doris D zusammenprallt? „Die Frage ist sicher nicht alltäglich, aber genau das macht sie ja so spannend“, sagt Denis Kosutiæ. Das Planungskonzept, das der Mietwohnung für das Wiener Immobilienbüro Dr. Jelitzka+Partner zugrundeliegt, ist gelüftet. Schriller Pop trifft auf üppige Historie. „Nein, das ist kein Wohnkonzept auf Dauer“, erklärt der Architekt, „aber um ein Boarding House oder eine Wohnung für eine kurze Mietdauer attraktiv zu machen, muss man sich schon etwas Außergewöhnliches einfallen lassen.“

Die bestehende Altbauwohnung mit Blick auf die Rossauer Kaserne wurde komplett entkernt und saniert. Der Innenausbau wurde minutiös geplant, die Auswahl der Möbel perfekt aufeinander abgestimmt. Kein auch noch so kleines Detail blieb dem Zufall überlassen. „Ziel war es, den verweilenden Gast in eine Kulisse aus Sein und Schein zu entführen“, sagt Kosutiæ, „ich wollte eine sexy Wohnung schaffen, die Lust darauf macht, sich darin aufzuhalten.“

Sämtliche Einbaumöbel sind aus amerikanischer Nuss. Aufblitzende Nischen in Hellblau, Pastellgrün und zartem Rosa setzen farbige Akzente. „Weiße Wände wären in diesem Zusammenhang fehl am Platz gewesen, da muss man schon konsequent sein“, sagt der Architekt, der prompt zu rosafarbener Dispersion und zu weißem Stuck griff. Entgegen allen Befürchtungen denkt man weder an einen Punschkrapfen, noch an Barbies Puppenhaus. Beinahe könnte man die Wandgestaltung als gediegen bezeichnen.

Ungewöhnlich ist die Wahl der frei stehenden Möbel. Im Vorzimmer befindet sich ein halb verbrannter und anschließend in Epoxydharz getränkter Stuhl, darüber hängt ein ebenso bearbeiteter Luster. Dem Kronleuchter, ein Exponat aus der Serie „Smoke“ des niederländischen Designers Marten Baas, fehlen bereits zwei Kerzenarme. Sie sind dem Feuer zum Opfer gefallen.

Verfremdung ist auch das Motto des Wohn- und Schlafraumes. Die barock anmutenden Esstisch-Stühle stellen sich als Kunststoffentwürfe von Philippe Starck heraus, die weiße Stehleuchte neben dem Bett als gigantisch aufgeblasener Historienverschnitt, und die beiden weißen Nachtkästchen links und rechts von der Schlafstätte als artige Häkeldeckchen, die mittels Kunstharz zu fragilen Würfeln erstarrt sind.

Teure Möbel, teure Miete

Billig ist die Einrichtung nicht. Moooi, Kartell und Living Divani rangieren im oberen Segment der Möbelbranche, und so stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Preis. „So viel kann ich verraten: Die Möblierung der Boarding- House-Wohnung macht rund das Doppelte der Sanierungskosten aus“, erklärt Daniel Jelitzka, Geschäftsführer des gleichnamigen Immobilienunternehmens. Spätestens in sieben oder acht Jahren, so rechnet er vor, werde sich die Investition amortisiert haben. Dafür sorge die hohe Auslastung.

„Die Wohnung kommt bei unseren Kunden gut an“, so Jelitzka, „in erster Linie sind das Geschäftsreisende, Manager oder Leute, die in Wien ein Sabbatical machen oder einfach nur eine Zeitlang in dieser Stadt leben möchten.“ Zwar kostet die 80 Quadratmeter große Wohnung das Vielfache einer herkömmlichen Mietwohnung, aber dafür habe der Gast voll möblierte Räume in unverwechselbarer Atmosphäre - Service und Reinigung inklusive.

Und die schwarzen Vorhänge? Ein schelmisches Grinsen. „Das ist französische Spitze vom Feinsten“, sagt Kosutiæ, „mit dem einzigen Unterschied, dass der Stoff nicht zu schmalen Tangas geschnitten, sondern in einem Stück vors Fenster gehängt wurde.“ Ein ungewöhnliches Einsatzgebiet. „Die Damen bei Komolka waren etwas erstaunt. Noch nie zuvor haben sie so viel Reizwäsche auf einmal über den Tresen gehen lassen.“

24. Januar 2009 Der Standard

35 Milliarden Gramm Kosmos

Kommende Woche wird das Porsche-Museum in Stuttgart eröffnet. Die Wiener Architekten Delugan Meissl stiegen ordentlich aufs Gas.

Die Geburtsstunde von Porsche ist in wenigen Worten erklärt. „Am Anfang schaute ich mich um, konnte aber den Wagen, von dem ich träumte, nicht finden“, soll Ferry Porsche kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gesagt haben, „also beschloss ich, ihn mir selbst zu bauen.“ Am 8. Juni 1948 erhielt der buckelige Prototyp mit der Bezeichnung 356 Nr. 1 die Straßenzulassung und rollte hinaus auf den Asphalt.

Von Visionen gepeitscht war auch der Bau des neuen Porsche-Museums in Stuttgart Zuffenhausen. Der Vorstand wünschte sich eine unverwechselbare Visitenkarte für das Unternehmen, ein repräsentatives Flaggschiff für Zuffenhausen - und bekam es auch. Das Wiener Büro Delugan Meissl Associated Architects konnte sich im Rahmen eines europaweiten Wettbewerbs gegen insgesamt 170 Mitstreiter durchsetzen und lieferte, messerscharf zugeschnitten und kompromisslos kantig, einen weißen Tempel, in dem die herausragendsten Fahrzeuge aus sieben Jahrzehnten nun der Öffentlichkeit präsentiert werden. Kommende Woche wird eröffnet.

„Das Projekt wäre in dieser Form vor wenigen Jahren noch nicht realisierbar gewesen“, erklärt Anton Hunger, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit und Presse der Porsche Automobil Holding SE, „bisher fehlten die entsprechenden Werkstoffe und die technischen Grundlagen, um so ein Gebäude zu errichten.“ Allein schon die äußere Erscheinung des Baus ließe erahnen, welche enormen Herausforderungen die beteiligten Bauingenieure und Statiker bewältigen mussten.

Im Klartext: Die gesamte Halle mit 5600 Quadratmetern Ausstellungsfläche und mächtigen 35.000 Tonnen Gewicht ruht auf wenigen Stützen. Unten pfeift der Wind durch, oben werden die rollenden Karossen - im feinsten Kunstlicht drapiert - zur Schau gestellt. Die Geste ist ein architektonischer Volltreffer. „Das ist das wichtigste und größte Bauprojekt in der Geschichte des Unternehmens“, sagt Roland Delugan und stemmt dabei mit seinen beiden Armen eine luftige Wolke in den Himmel, „wir wollten diesen Umstand feiern und haben zu diesem Zweck achtzig Autos einfach in die Höhe gehoben.“ Simpel und einleuchtend: „Weg von der Erde, rauf in den Kosmos Porsche.“

Die Erlebniskomponente des Museumsbesuchs entfaltet sich bereits draußen auf dem Porscheplatz. Zum Gebäude hin ist der Platz abgesenkt, man kullert regelrecht hinein. Delugan: „Wir wollten nicht, dass die Besucher Stiegen emporsteigen und dann außer Atem im Foyer ankommen. Wir wollten, dass sie leichten Schrittes hinabgleiten.“

Ein großer Spiegel der Zeit

An der Unterseite der schwebenden Ausstellungshalle befindet sich der wohl größte Spiegel, den die Baukultur je zu Gesicht bekommen hat. Auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern sind polierte Edelstahlplatten angebracht, in denen sich alles Irdische spiegelt: Passanten, in Beton gegossene Gitternetzlinien, wild übereinandergelegte Leuchtstreifen. Beeindruckender Blickwinkel.

„Das Schweben des Gebäudes ist Teil der Dramaturgie“, sagt Projektleiter Martin Josst, und betont, dass weder Statik noch Fassadengestaltung einfach in den Griff zu bekommen waren. Die geschuppte Fassade und der in Rauten zerlegte Spiegel am Bauch des Hauses dienen einem ganz bestimmten Zweck: „Das Gebäude bewegt sich. Je nach Anzahl der Autos und je nach Besuchermenge schwingt das letzte Stück der Auskragung um zwölf Zentimeter auf und ab. Diese Verformung muss das Gebäude aufnehmen, ohne dass es an den Fassaden zu Rissbildung kommt.“

In den Innenräumen dominiert die Farbe Weiß. Auf einer 30 Meter langen Rolltreppe sticht man hinein in den eigentlichen Hauptraum des Museums. Was außen wie eine massiv zurechtgeschnitzte Kiste ausgesehen hat, entpuppt sich innen als eckig ineinander verschlungene Spirale mit einer Weglänge von mehr als einem halben Kilometer - Rastplätze inklusive. Mittels Stufen sind die vielen unterschiedlichen Ebenen miteinander verbunden. Ein Abstecher ist jederzeit möglich.

Wände und Ausstellungselemente sind aus einem mineralischen Werkstoff gefertigt, der vor Ort zu einem monolithischen Korpus verschweißt wurde. Alles aalglatt. Auf dem Boden liegen Verbundplatten aus Glasstaub und Bindemittel. Durch die chemischen Eigenschaften ist das Material resistent gegen Gummiabrieb und Motoröl - eine Komponente, die im alltäglichen Betrieb eines Automobilmuseums nicht zu unterschätzen ist.

Doch warum Weiß? „Die Gestaltung wurde schlicht belassen, weil sich der Fokus auf die Autos richten soll“, erklärt der Stuttgarter Museumsprofi HG Merz, der für die Ausstellungsgestaltung verantwortlich zeichnet. „Es ist nicht nötig, Disneyland-Kulissen aufzustellen oder die Autos in irgendeine auffällige Architektur zu verpacken. Das macht man nur mit einem billigen Geschenk.“

Das war das Stichwort. 100 Millionen Euro ließ sich die Porsche AG ihr neues Museum kosten. „Eine Stange Geld“, wie Pressesprecher Hunger bemerkt, „doch dafür haben wir auch ein beeindruckendes Gebäude erhalten.“ Recht hat er. Delugan Meissl haben aus dem Vollen geschöpft. Eine Wucht.

Umso erstaunlicher, dass die Porsche-Leute die Gestaltung des Nobelrestaurants „Christophorus“, das direkt an die Ausstellungshalle grenzt, den eigenen Architekten wieder aus der Hand gerissen haben. Mit seinen gedengelten Messingknäufen, ziselierten Lustern und fragwürdigen Bugholzstühlen von anno dazumal wirkt das Lokal wie ein missglücktes Versatzstück aus einem Roman von Jules Verne. Oder - um in Porsche-Sprache zu sprechen: Hier prallen Kosmen aufeinander. Auf der einen Seite eine architektonische Meisterleistung, auf der anderen Seite eine Provinzposse, die einem den Appetit verdirbt.

17. Januar 2009 Der Standard

Die soziale Kompetenz der Zukunftsstadt

Erstmals richtete die Wiener Förderungsstelle departure ihren Fokus auf Forschungsthemen im Bereich Architektur. Seit gestern, Freitag, sind die zehn Preisträger bekannt. Interessant: Es dominiert der öffentliche Raum.

Wien - Die Idee ist perfekt, maßgeschneidert für eine Stadt wie Wien. Architekt Clemens Mayer und Rechtsanwalt Lukas Aigner haben ein Hängebalkonsystem entwickelt, das mit wenigen Handgriffen einfach vor die Fassade gehängt werden kann. Den Prototypen für den so genannten Easybalkon gibt es schon seit einigen Jahren. Nun soll das Produkt bis zur Serienreife weiterentwickelt werden. Geht alles nach Plan, soll der Konsument schon in wenigen Jahren die Möglichkeit haben, Produkt, Planung und lästige Behördengänge bei der Easybalkon GmbH aus einer Hand einzukaufen. Ab 5000 Euro ist man dabei.

Das Förderprogramm von departure, Tochter des Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF), macht's möglich. Im Sommer letzten Jahres wurde erstmals ein eigener Themencall für Forschungsprojekte aus dem Bereich Architektur ausgeschrieben. Am Freitag wurden nun jene zehn Projekte vorgestellt, die eine Fachjury unter Vorsitz von Andres Lepik (Museum of Modern Art, New York) für förderwürdig erachtete. Das Gesamtfördervolumen beläuft sich auf 1,13 Millionen Euro.

„Die Bandbreite der eingereichten Projekte gefällt mir sehr gut“, erklärt departure-Geschäftsführer Christoph Thun-Hohenstein. „Es fällt deutlich auf, dass viele Architekten über eine hohe soziale Kompetenz verfügen.“ Und so zieht sich durch einige der Siegerprojekte unübersehbar ein roter Faden. Der Schwerpunkt, der die Zunft derzeit zu beschäftigen scheint, ist der öffentliche Raum, der Freiraum, die Kluft zwischen privatem Bürger und politischer Stadt.

Architekt Florian Haydn will die sozialen Beziehungen und Nachbarschaftsnetzwerke in der Stadt untersuchen. Das Wiener Büro nonconform bastelt an einer Web-Plattform, auf der sämtliche Bewohner einer Gemeinde ihre Ideen für künftige Projekte und Entwicklungen präsentieren können. Und Michael Wallraff beispielsweise (siehe Foto) begibt sich in seinem Forschungsprojekt „Der vertikale öffentliche Raum“ auf die Suche nach neuen ökologischen und gesellschaftlichen Freiraumressourcen.

„Die Städte werden immer dichter und privatisierter, gleichzeitig schrumpfen die allgemeinen Freiflächen, auf denen Stadtbewohner einander begegnen können“, sagt Wallraff, und bietet seinen persönlichen Lösungsansatz. In Zukunft sollen Grünflächen an der Fassade emporwachsen, sollen Wiesen am Dach sein, sollen städtische Plätze in die dritte Dimension verlängert werden. Die Forschungsdauer aller Projekte beträgt bis zu drei Jahre.

3. Januar 2009 Der Standard

Die Stunde des grünen Puffers

Wie sieht das Bürohaus der Zukunft aus? Zum Beispiel so wie die Energy-Base. Ein Appell.

Zwei Euro Heizkosten pro Jahr? Unmöglich. Noch unglaubwürdiger wird die Geschichte, wenn man bedenkt, dass in diesem Preis auch schon die Kosten für Warmwasser, Kühlung und Beleuchtung abgedeckt sind. Keine Mär aus Architektenmunde, sondern Realität. Hieb- und stichfest, schwarz auf weiß. Spätestens dann, wenn der nächste Erlagschein für Strom und Gas ins Haus flattert.

Ort des Geschehens ist Wien Floridsdorf. In einem heimeligen Eck des Bezirks, abgeschieden von Autos und Passanten, wurde in den letzten zwei Jahren die sogenannte Energy-Base hochgezogen. Die ersten Mieter sind bereits eingezogen. Wie in einem Sciencefiction-Film sitzen die Mitarbeiter hinter einer geschuppten Fassade, Tür an Tür mit zierlichem Zyperngras, das in abgeschirmten Hightech-Glasboxen wacker gedeiht. Alles kein Zufall, alles keine Komposition zugunsten der Optik, sondern planerisches Kalkül der Spitzenklasse.

Die Energy-Base sei nicht nur ein energie- und ressourcenschonendes Bürohaus im Passivhausstandard, sondern Wegbereiter für die Zukunft des Bauens, sagt Gregor Rauhs, Projektleiter und Bauherrenvertreter für den Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF). „Die Grundidee für dieses Gebäude war die Überlegung: Wie würden wir morgen bauen, wenn sich die Energiepreise über Nacht plötzlich verdoppeln? Vor einigen Jahren war das noch ein Horrorszenario, heute sehen wir dieser Gefahr direkt ins Auge.“

Begonnen hat die Sache mit dem harmlos klingenden Forschungsprojekt sunny research. Die Wiener pos architekten, allen voran Ursula Schneider und Fritz Öttl, wurden damit beauftragt, ein nachhaltiges Gebäudekonzept zu entwickeln. Jawohl, es klingt zum Gähnen. Nachhaltigkeit, das Unwort des vergangenen Jahres, man kann sich des Begriffs kaum noch erwehren. Doch die beiden warfen sich ins Zeugs und präsentierten ein Projekt fernab aller ästhetischen Konventionen, wiewohl mit ungeahnten Potenzialen.

Fassade mit Energiegewinnung

Die Schönheit entfaltet sich auf den zweiten Blick. Die gezackte Südfassade, gewöhnungsbedürftig wie alles andere an diesem Haus, entspringt keiner architektonischen Willkür, sondern ist durch und durch behirnt. Die flache Wintersonne dringt ungehindert in den Raum und verhilft dem Quecksilber zu wohligen Werten. Im Sommer jedoch, wenn die Sonne hoch im Himmel steht und zornig auf die Stadt hinunterknallt, trifft sie direkt auf die Fotovoltaik-Anlage an der Zackenoberseite. Doppelt gemoppelt: Die Flächen zur Energiegewinnung dienen gleichzeitig der Verschattung der Fenster.

„Kein Mensch bedenkt, dass im Sommer in herkömmlichen Büros ein Teil der Arbeitsplätze nicht nutzbar ist“, sagt Architektin Ursula Schneider, „trotz Jalousien kann man im unmittelbaren Bereich der Fassade nicht sitzen, ohne dass einem die Schweißperlen auf der Stirn stehen.“ Kein Problem in der Energy-Base. Hinzu kommt, dass das Tageslicht aufgrund der großräumlichen Struktur bis tief in die Gebäudemitte gelangt. Vorbei die Zeiten des finsteren Klogehens und Teekochens. Oberlichte lautet das Motto der Stunde, mit dem - auch auf diese Art - Strom gespart werden soll.

Das Ungewöhnlichste sind jedoch die bepflanzten Glasboxen mitten im Raum. Wie Grüße aus einer fernen Zukunft stehen sie da, verkabelt und verrohrt wie dereinst in Terry Gilliams Science-fiction-Film Brazil aus dem Jahre 1985. „Die Pflanzenpufferräume waren für den Bauherrn eine große Hürde“, erinnert sich Schneider, „letztlich hat er sich getraut.“

Sie sind nicht nur der eingehauste Ersatz für den hässlichen Büroficus, der für gewöhnlich irgendwo im Weg steht und seine Blätter in die Gegend reckt, sondern dienen dem Klima und der Behaglichkeit. Insgesamt 500 Stück einer speziellen Zyperngras-Art versorgen die Mitarbeiter auf natürlichem Wege mit der nötigen Luftfeuchtigkeit. Ganz ohne künstliche Luftbefeuchtungsanlage, ganz ohne Surren und Rumor.

„Es ist weltweit das erste Mal, dass wir mit Pflanzen eine stundenweise prognostizierte Befeuchtungsleistung erbringen“, erklärt Schneider, „jede einzelne Pflanze wurde im Haustechnikkonzept berücksichtigt.“ Unsichtbar für die Mitarbeiter: Über Lüftungsschächte sind die grünen Gebäudelungen von Stockwerk zu Stockwerk miteinander verbunden. Lüftungsklappen regeln automatisch, wo die befeuchtete Luft gerade benötigt wird, während die Gräser im Warmen - unwissend ob ihres Nutzens - wachsen und sprießen.

Dies und noch viele andere Überlegungen im stillen Hintergrund drosseln die Energiepreise drastisch aufs Minimum herab. Zahlt man in einem herkömmlichen Bürohaus - und wir reden hier bereits vom guten Durchschnitt - weit über zehn Euro pro Jahr und Quadratmeter, um es im Winter warm und im Sommer kühl zu haben, kommt man in der Energy-Base mit 80 Prozent weniger Betriebskosten über die Runden.

Ohne Heizung und Klimaanlage

Das führt uns unweigerlich zum nächsten Punkt, zu den Baukosten. Mit 1300 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche liegt die Energy-Base laut österreichischem Baukostenindex (BKI) für Bürogebäude in diesem Ausstattungsstandard absolut im Mittel. Natürlich kann man auch billiger bauen. Doch dann schwitzt man im Sommer, gießt im Winter tonnenweise Öl in den Kesselschlund und muss den hohlen Klang von Stilettos auf billigem Laminat ertragen. Ursula Schneider: „Man kann einen BMW nicht mit einem Billigauto vergleichen, sehr wohl aber mit einem anderen BMW.“ Allein: Dieser Schlitten kommt ohne Heizkörper und Klimaanlage aus.

Die Energy-Base ist ein Statement. Man kann sie hübsch finden oder auch nicht. Dumm wird man sein, wenn man nicht endlich in anderen Maßstäben als nur diesen zu denken beginnt. Angesichts der globalen Zustände, was Klima und Verfügbarkeit fossiler Rohstoffe betrifft, ist es höchste Zeit, die neuen Potenziale von Architektur und Ingenieursleistung im vollen Maße auszuschöpfen. Die Möglichkeiten sind bereits erprobt und liegen klar auf der Hand. Man muss nur wollen.

Der WWFF wollte. Im Dezember wurde er von der EU für seine Verdienste als Bauherr ausgezeichnet und ins Europäische Greenbuilding-Programm aufgenommen.

30. Dezember 2008 Der Standard

„Ausstellungen für die ganze Stadt“

Nur kein zweites Kunsthaus Graz. Das Ars Electronica Center sei nicht nur eine Skulptur, sondern ein Apparat für die Stadt - Architekt Andreas Treusch im Gespräch

Standard: Stress gehabt vor der Eröffnung?

Treusch: Es war eine anstrengende Zeit. Weder für die Entscheidungsträger noch für die Planenden und Ausführenden war es ein leichtes Projekt, denn der Zeitplan war sehr knapp bemessen. Schön, dass es uns gelungen ist, doch noch im Rahmen zu bleiben.

Standard: Das AEC hätte ursprünglich schon im Herbst fertig sein sollen. Warum die Verspätung?

Treusch: Herbst 2008 war der alte Stand. Doch wir haben immense Probleme mit dem Grundwasser gehabt und mussten den Zeitplan ändern. Die Baugrubensicherung und das Abpumpen des Wassers waren aufwändig, das hat mehr Zeit in Anspruch genommen als ursprünglich geplant. Dennoch: Die Eröffnung am 2. Jänner ist der perfekte Auftakt für Linz 2009.

Standard: Was kann das neue AEC, was das alte nicht konnte?

Treusch: Das neue Center ist vor allem ein städtebaulicher Schlussstein für den Bezirk Urfahr. Direkt neben der Brücke gibt es nun einen neuen Platz für die Öffentlichkeit. Nicht unwesentlich ist die Größe des Gebäudes. Wir haben die Fläche des AEC in etwa verdreifacht. Die bisherigen Säle wurden vergrößert, neue Ausstellungsflächen sind hinzugekommen. Außerdem gibt es ein Future-Lab sowie ein eigenes VR-Theater für Virtual-Reality-Aufführungen. Damit das Alte und das Neue nicht wie ein Stückelwerk aussieht, haben wir über alle Bauteile eine neue, homogene Schicht gezogen. Die Glasfassade ist damit eine Hülle, aber auch eine Kommunikationsfläche nach außen. Je nach Programmierung kann sie von Künstlern und Kuratoren für visuelle Effekte bzw. als mediale Plattform genutzt werden.

Standard: Das AEC bezeichnet sich als Interface zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft. Welchen Beitrag leistet die Architektur?

Treusch: Das AEC ist für mich das absolute Gegenbeispiel zum Kunsthaus Graz. Es ist nicht nur eine architektonische Skulptur, sondern auch ein Apparat für die Stadt. Ein Beispiel für das Interface: Entlang der gesamten Fassade gibt es unzählige Datenpunkte, die einzeln gesteuert bzw. angespeist werden können - mitsamt Datenquelle und elektrischem Anschluss. Wer auch immer die Fassade für mediale und künstlerische Installationen nutzen möchte, der kann das ohne weiteres tun. Die Infrastruktur ist vorhanden. Von einer derartigen Ausstellung an der Fassade profitiert nicht nur der Besucher, der eine Eintrittskarte löst, sondern jeder einzelne Passant in Sichtweite des Gebäudes.

Standard: Das Lentos war das erste Bauwerk am Donauufer mit einer Medienfassade. Das AEC, das an der Fassade ebenfalls auf Medientechnologie setzt, steht fast vis-à-vis. Dialog oder Konkurrenz?
Treusch: Beides.

Standard: Weil?

Treusch: In erster Linie ist es ein Dialog. Hier stehen sich zwei Lichtskulpturen gegenüber, die auf beiden Seiten der Donau jeweils eine Art Leuchtturm sind. Aber natürlich ist das AEC komplexer und vielschichtiger. Die Technologie am AEC ist jünger und somit auch zwangsweise besser.

Standard: Wie innovativ sind die verwendeten Materialien?

Treusch: Ich würde sagen: Die Materialien sind klassisch, aber dafür konsequent eingesetzt. Die Fassade ist eine Stahl-Glas-Konstruktion, wobei vor allem das Glas in den Vordergrund tritt. Einmal ist es durchsichtig, ein anderes Mal transluzent. Innen gibt es für die ruhenden Bereiche Sichtbeton-Oberflächen. Und in den Erschließungsbereichen haben wir lackierten Stahl verwendet. Alles, was mit Bewegung zu tun hat - also Stiegen, Brücken und Rampen -, ist in knalligem Gelb gehalten.

Standard: Warum gerade Gelb?

Treusch: Gelb ist eine vitale Farbe, vor allem rührt der Farbton aber wahrscheinlich von unseren Flughafen-Projekten her. Gelb ist die Farbe von Danger- und Watch-out-Areas. Die Farbe macht aufmerksam und neugierig. Man kann sie gar nicht übersehen. Wir wollten damit eine gewisse Aktivität ausstrahlen. Mit anderen Worten: Es tut sich was, alles ist im Fluss.

Standard: Sie könnten also damit leben, wenn das AEC in fünf Jahren völlig anders aussieht als heute?

Treusch: Eine tückische Frage! Das Gebäude ist, wie es ist. Man kann davon ausgehen, dass es in fünf Jahren nicht wesentlich anders aussehen wird. Aber Details werden sich natürlich ändern. Nicht zuletzt ist es der Bauherr und Nutzer, der das Sagen hat. Aber ich gebe ehrlich zu: Ich würde nur ungern zusehen, wenn die Betonwände mit Plakaten zugeklebt werden oder wenn die gelben Stahlelemente plötzlich umlackiert werden. Ich bin der Meinung, dass es uns gelungen ist, einen maßgeschneiderten und perfekt sitzenden Anzug fürs AEC zu entwerfen. Ich denke, dass das architektonische Angebot die richtige Funktion abdeckt und von den Nutzern eigentlich nur noch wahrgenommen und genutzt werden muss. Es wäre nicht sinnvoll, mit Gewalt nach neuen Formen und Funktionen zu suchen. Einen roten Ferrari verwenden Sie ja auch nicht für den Möbeltransport in die neue Wohnung.

Standard: Ein wichtiger Bestandteil des neuen AEC ist die öffentliche Terrasse. Warum soll das Publikum gerade hierherkommen?

Treusch: Diese Thematik haben wir mit der Stadt lange erläutert. Im Wesentlichen handelt es sich natürlich um eine Terrasse für die Öffentlichkeit. Man darf aber nicht außer Acht lassen: Faktisch ist diese Terrasse das Dach eines Gebäudes und somit Grundstücksbesitz des Ars Electronica Centers. Die Stadt hat mit dem AEC gewisse Nutzungsrechte erwirkt, und ich bin sehr froh, dass das geklappt hat. Und zur Nutzung: Auf dem Main Deck gibt es vorinstallierte Fundamente für Bühnenaufbauten, und der gesamte Platz ist mit Lkw befahrbar. Von der Statik und Infrastruktur her ist also alles für größere Veranstaltungen ausgelegt. Ich nehme an, dass sich früher oder später auch ein Kino unter Sternen ansiedeln wird. Ansonsten ist das einfach nur eine Aussichtsterrasse für die Stadt - mitsamt Ostermarkt- und Kirtag-Potenzial.

Standard: Und im Winter?

Treusch: Im Winter wird es Punschstände geben. Die kommen ganz von allein, ohne dass man sich darum bemühen muss.

Standard: Das AEC ist das erste Bauwerk, das im Kulturhauptstadt-Jahr eröffnet wird. Welche Bedeutung hat der Status „Europäische Kulturhauptstadt“ für Sie?

Treusch: Für uns war es eine große Herausforderung, fertigzuwerden. Insofern bin ich glücklich, dass das Kulturjahr nun endlich beginnen kann. Ich freue mich, dass ich mit meinem Team einen großen Beitrag für Linz09 liefern konnte. Und was das sonstige kulturelle Angebot betrifft, bin ich schon sehr neugierig.

Standard: Welche persönliche Erwartung hegen Sie an Linz09?

Treusch: Es waren teilweise sehr mutige Schritte, die hier gesetzt wurden. Daher würde ich mir wünschen, dass sich die finanziellen und intellektuellen Anstrengungen für die Stadt und für die Region in jeder Hinsicht gelohnt haben.

30. Dezember 2008 Der Standard

Ein Bild mit 40.000 Pixeln

Die LED-Fassade des Ars Electronica Centers dient Künstlern als Ausstellungsfläche

Auffälligstes Merkmal des neuen Ars Electronica Centers sind die Leuchtdioden (LED) an der Fassade. Dass die Medienfassade in dieser Form überhaupt realisiert werden konnte, ist ein Wink der Zeit. Steckte die LED-Technologie vor einigen Jahren noch in den Kinderschuhen, ist sie nun ausgereift - und um ein gutes Stück erschwinglicher. Mit knapp 500.000 Euro belaufen sich die Kosten für die Hochleistungs-LEDs auf die Hälfte des ursprünglich angenommenen Werts.

„Wir haben mehrere Materialversuche gemacht und einige Prototypen dieser Stahl-Glas-Fassade gebaut“, erklärt der Wiener Architekt Andreas Treusch. „Es hat sich herausgestellt, dass wir die besten Ergebnisse mit Gussglas erzielt haben.“ Im Gegensatz zu herkömmlichem Industrieglas breite sich das LED-Licht im Gussglas besser und gleichförmiger aus.

Das Licht, das innerhalb einer einzigen Millisekunde seine Farbe ändern kann, wird mittels sogenannter LED-Leisten seitlich in die Glasplatte projiziert. Jede einzelne Glasscheibe mit drei Meter Breite und 1,20 Meter Höhe ist dabei ein Pixel. Während bei den meisten Bauwerken die LED-Pixel immer kleiner werden, wird die eingesetzte Technologie am AEC beinahe ironisch eingesetzt. Treusch: „Mir gefällt die Größe der Pixel unheimlich gut. Ich denke, dass das grobe Erscheinungsbild den Charakter des Gebäudes unterstreicht.“

Wechselnde Installationen

Wer liefert die Software? „Wahrscheinlich werden wir eine Grundbespielung für die Fassade ausarbeiten“, erklärt der Architekt, „die Basisprogrammierung soll sehr ruhig und unauffällig sein. Nur so können wir sicherstellen, dass sich die Wirkung der Medienfassade nicht schon nach wenigen Wochen erschöpft hat.“

Vor allem aber dient die Fassade den Künstlern und Kuratoren. Abgestimmt auf die jeweilige Ausstellung im AEC, werden sie die Hülle des Gebäudes nutzen, um sich auch im Außenraum bemerkbar zu machen. Zur Eröffnung des Ars Electronica Centers am 2. Jänner wird der New Yorker Künstler Zachary Lieberman seine Lichtinstallation über das Haus stülpen. 40.000 Leuchtdioden werden unter seiner Regie aufflackern.

20. Dezember 2008 Der Standard

Guggenheim? Wirtschaftsuni.

Diese Woche wurden die Pläne für den neuen WU-Campus enthüllt. Ein Stelldichein von Zaha Hadid, Peter Cook & Co. Und Wien wird um eine Sehenswürdigkeit reicher.

Ein Wiener Phänomen: Es gibt Besuch aus dem Ausland, nach ein paar Tagen Hindernislauf durch die Historie dann die erwartungsvolle Frage nach sehenswerter zeitgenössischer Architektur. Unerträgliches Schweigen macht sich breit. Aber ja doch, die Bundeshauptstadt lebt von einem überaus guten Mittelmaß. Doch ein Highlight à la Kunsthaus Graz oder Zaha Hadids eisig glatte Hungerburgbahn in Innsbruck? Vergeblich.

Das soll sich bald ändern. Ab 2014 wird man neugierige und der Architektur gegenüber offenkundig aufgeschlossene Touristen nicht mehr mit Vorbehalt auf die Donauplatte schicken, sondern direttamente zum neuen Campus der WU. „Die neue Wirtschaftsuniversität ist ein Maßstabssprung für diese Stadt und für ganz Österreich“, sagt Wolf Prix, Juryvorsitzender des internationalen Wettbewerbs um die Bebauung des 88.000 Quadratmeter großen Areals zwischen Messegelände und Prater.

Am Dienstag wurden die Preisträger der zweiten Stufe bekanntgegeben. Die Mischung könnte nicht internationaler sein. Herzstück des Campus ist das Library & Learning Center (LLC) von Zaha Hadid, die sich gegen die beiden Kontrahenten Hans Hollein und Thom Mayne (Zentrum der Hypo Alpe-Adria in Klagenfurt) durchsetzen konnte. „Es war keine leichte Entscheidung“, sagt Prix, „doch die WU als Nutzer hat sich eindeutig für dieses dynamische Projekt entschieden, weil sie sich damit am besten identifizieren konnte.“

Wie ein Flaggschiff steht Hadids schnittig furioses Teil in der Mitte des Grundstücks. Während bei ihrem Wohnhaus in Wien-Spittelau dem Bauträger SEG in den Innenräumen sichtlich die Puste ausgegangen ist, geht's im Foyer der WU wacker wütend weiter. Wände neigen sich, Stege zischen durch den Luftraum, statt des rechten Winkels dominiert Zahas unverwechselbares Formenrepertoire.

„Uns war wichtig, ein Projekt zu wählen, das in der Lage ist, rundherum ein richtig starkes Powerfeld aufzuspannen“, erklärt Prix. Auch bei den übrigen Bauplätzen stehen die Sieger bereits fest: BUS-architektur (Wien) baut das Hörsaalzentrum, Carme Pinós (Barcelona), Peter Cook alias CRABstudio Architects (London) sowie der junge Japaner Hitoshi Abe (Sendai) bringen auf ihren Parzellen die unterschiedlichen Institute und Abteilungen unter. Am nordwestlichen Ende schließlich wird die Executive Academy in die Höhe wachsen - ein achtstöckiger eckiger schwarzer Turm der NO.MAD Arquitectos aus Madrid.

Campus mit Bilbao-Effekt

Die internationale Architekturmelange entzückt die Gemüter. „Jedes einzelne Projekt trägt der Campus-Idee auf besondere Weise Rechnung“, sagt Christoph Stadlhuber, Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG). WU-Rektor Christoph Badelt freut sich über 3000 Studentenarbeitsplätze - im alten Gebäude sind es nur tausend. Und Michael Holoubek, Jurymitglied und Vizerektor für Infrastruktur und Personal, schwärmt sogar: „Normalerweise pflege ich eine gewisse Distanz zu den Dingen, aber in diesem Fall geht das nicht. Der neue Campus ist ein tolles Ding, eine außergewöhnliche Kombination aus Weltarchitektur, die ihresgleichen sucht.“ Nachsatz: „Bilbao hat die Architektur zu einem Thema für alle gemacht. Ich bin davon überzeugt, dass uns hier etwas Vergleichbares gelingen wird.“

Ein hochgestecktes Ziel. Tatsache ist: Wien ist keine Stadt der Bilbao-Effekte. Wenn nicht alle an einem Strang ziehen, wird die Vision in Windeseile vom Mittelmaß verdrängt. Beispiele dafür gibt's in Wien zur Genüge.

Die ersten Zugeständnisse der WU ließen nicht lange auf sich warten. Mit großer Sorgfalt wurde das Areal in g'schmackige Häppchen aufgeteilt und den Architekten zur Bearbeitung übergeben. An alles hatte man gedacht. Nur die Freiraumplanung bleibt wieder einmal auf der Strecke. Scheinbar ist niemand der Meinung, dass bei einem Campus dieser Größe - wohlgemerkt der erste in ganz Österreich - auch die Landschaftsfläche zwischen den Häusern eines Wettbewerbs würdig sei. 50.000 Quadratmeter Freiraum harren eines Plans.

„Einen Wettbewerb für den Freiraum wird es nicht geben“, erklärt Wolf Prix, dieser Bereich sei bereits Teil des Generalplanervertrags von BUSarchitektur. „Wir sind davon überzeugt, dass ein hervorragendes Konzept entwickelt wird. Und im Detail werden wir sicherlich noch Landschaftsplaner hinzuziehen.“

Vision oder Mittelmaß? Wien-Phänomen oder Bilbao-Effekt? „Das Projekt ist eine großartige Chance für diese Stadt“, sagt Hitoshi Abe, einer der Sieger dieses Wettbewerbs. „Die neue WU hat zweifelsohne das Potenzial, ein moderner Campus des 21. Jahrhunderts zu werden.“

Möge es gelingen, die Touristen eines Tages bei der Hand zu nehmen und sie in die Künste zeitgenössischer Wiener Architektur einzuweihen. Ganz ohne Vorbehalte. Baubeginn des 250 Millionen Euro teuren Projekts ist Ende 2009. Drei Jahre später soll der WU-Campus in Betrieb gehen.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag