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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

30. März 2010 Der Standard

Auszeichnung für fast unsichtbares Bauen

Pritzker-Preis für Baukunst 2010 geht an das japanische Architekturbüro SANAA

Los Angeles / Tokio - 1992 wurden sie als Young Architects of the Year ausgezeichnet, 2004 gewannen sie den Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig. Nun erhalten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, besser bekannt unter dem Tokioter Büronamen SANAA, den Pritzker-Preis für Baukunst 2010.

„Wie nur wenige andere Architekten erforschen Sejima und Ni-shizawa die Phänomene Raumfluss, Licht, Transparenz und Materialität, um daraus eine ganz eigene, subtile Synthese zu erschaffen“, heißt es im Juryprotokoll. „Ihre Bauten stehen im Kontrast zum Bombastischen und Rhetorischen, die wahre Qualität liegt tiefer verborgen.“

Am Anfang widmet sich das 1995 gegründete Architekturbüro kleineren Projekten und Einfamilienhäusern im Großraum Tokio. Bekannt geworden ist SANAA jedoch vor allem durch seine weltweiten Museumsbauten. Auf das 2004 eröffnete 21st Century Museum in Kanazawa folgt der gläserne Pavillon des Toledo Art Museum in Ohio (Fertigstellung 2006), im Dezember 2007 schließlich eröffnet das New Museum for Contemporary Art in der Bowery in New York.

Das Wichtigste ist die Essenz

Gemeinsamkeit all dieser Bauten ist die minimalistische, transparente und durchwegs weiße Architektursprache. Genial, wie im Toledo Art Museum in Ohio zwischen zwei gebogenen Glaswänden ein weißer, bodenlanger Vorhang verläuft. Für Menschen ist der schmale Zwischenraum nicht zu betreten. Er dient - und das sagt Sejima mit betont strenger Stimme - einzig und allein dem Stoff und dem Bremsen der Blicke.

„Wir konzentrieren uns auf die Essenz, das ist das Wichtigste für uns, und die Essenz eines Raumes ist nun mal weiß“, sagt Kazuyo Sejima im Gespräch mit dem Standard. „Noch reduzierter geht es nicht, dann wäre unsere Architektur wahrscheinlich durchsichtig und unsichtbar.“

Das jüngste Projekt von SANAA ist das Rolex Learning Center in Lausanne, eine Art schwebende Universitätsflade aus einem gläsernen Guss - ohne Trennwände und ohne Schnickschnack rundherum. Als erste Frau in der Geschichte der Stadt übernimmt Sejima außerdem die Leitung der kommenden Architektur-Biennale in Venedig (29. August bis 21. November 2010).

Der mit 100.000 US-Dollar dotierte Pritzker-Preis wird seit 1979 jährlich vergeben und ist die weltweit höchste Auszeichnung für Architekten. Der Preis, der heuer bereits zum vierten Mal nach Japan geht, wird am 17. Mai in New York überreicht. Letztes Jahr erhielt ihn der Schweizer Architekt Peter Zumthor.

6. März 2010 Der Standard

Zu früh. Alles viel zu früh.

Die arbeitsgruppe 4 war die erste und legendärste Architekten-Boygroup des Landes. In einer Ausstellung im AZW lernt man die Gründe kennen.

Sie sind die erste Boygroup, die die österreichische Architektur je gesehen hat. Und sie schauen aus, um mit den Worten von AZW-Direktor Dietmar Steiner zu sprechen, wie Elvis Presley, Harry Potter und James Dean. Der Porsche-Wind ist Herrn Dean ins Gesicht geschrieben, verträumt der Blick, verwegen das Haar. Die Rede ist von der legendären „arbeitsgruppe 4“. Kuratiert von Sonja Pisarik und Ute Waditschatka, widmet ihr das Architekturzentrum Wien nun eine eigene Ausstellung.

Es ist das Jahr 1950, als Wilhelm Holzbauer, Johannes Spalt und Friedrich Kurrent, knackig frische Studenten an der Akademie der bildenden Künste in Wien, beschließen, sich zusammenzutun und mit vereinten Kräften in die Berufswelt aufzubrechen. Am Anfang werden sie vom mittlerweile verstorbenen Otto Leitner begleitet, der sich jedoch bald ausklinkt, um nach Deutschland auszuwandern und eigene Wege zu gehen.

„Warum wir eine Gruppe mit so einem Pseudonym gebildet haben, hat einen einfachen Grund“, sagt Friedrich Kurrent: „Wir waren alle noch nicht mit dem Studium fertig, wollten aber unbedingt schon an Architekturwettbewerben teilnehmen. Mit so einem teutonischen Kunstnamen, der nicht sofort zuordenbar ist, geht das viel leichter.“

In der Fuhrmannsgasse 4 in der Josefstadt besiedelt die arbeitsgruppe 4 ein Atelier, das nach kurzer Zeit zu einem bedeutenden Ort für die Wiener Kunst- und Kulturszene wird. Lesungen werden gehalten, Aufführungen gemacht, Feste gefeiert. Schon bald folgen die ersten Wettbewerbe, die zwar nicht den ersten Platz bescheren, aber immerhin mal den zweiten, mal den dritten, mal einen lukrativen Ankauf.

„Wir waren arme Schlucker, finanziell ist es uns am Anfang wirklich schlecht gegangen“, erinnert sich Wilhelm Holzbauer. „Josef Schmied, der Wirt ums Eck, hat uns oft wochenlang durchgefüttert. Wir haben das Billigste gegessen und nichts dazu getrunken. Sobald ein bissl Geld da war, haben wir unsere Schulden beglichen. So gesehen waren die Wettbewerbe, an denen wir teilgenommen haben, essenziell für uns. Von den vielen Preisen und Ankäufen haben wir oft ein halbes Jahr lang leben können.“

Bereits die ersten Entwürfe der arbeitsgruppe 4 sind ambitioniert, womöglich sogar zu ambitioniert. 1953 entwirft sie ein paar Varianten der sogenannten „Wohnraumschule“ (siehe Modell auf dem Foto unten), in der die Klassen - statt an einem Gang entlang gereiht - um einen großen, wohnzimmerartigen Zentralraum gruppiert sind. Das innovative und seiner Zeit weit vorausgaloppierende Projekt wird zwar als positives Beispiel in die Neufert Bauentwurfslehre aufgenommen, doch von Realisierung keine Spur.

Kampf gegen das Unsoziale

Auch der Gemeindebau für die Stadt Wien, der in Floridsdorf entstehen soll, geht in die Annalen des Wollens und Nichtdürfens ein. „Wir haben uns die Zähne ausgebissen, aber es ist uns einfach nicht gelungen, den unsozialen sozialen Wohnbau zu verbessern“, sagt Kurrent. „Das ist umso ärgerlicher, wenn man bedenkt, wie viele tausend Stunden wir in dieses Projekt investiert haben.“

Und Holzbauer ergänzt: „Der Entwurf war hervorragend, doch die Politiker waren leider noch nicht so weit. Anstatt dass sie sich für innovative Wohnkonzepte interessieren, haben sie uns immer mehr eingeschränkt, bis irgendwann einmal von unserem Entwurf nichts mehr übrig war. Am Ende war es nur noch ein Zusammenfügen von standardisierten Grundrissen wie in einem Puzzle-Spiel. Uns blieb nichts anderes übrig, als den Auftrag zurückzulegen.“

Holzbauer sitzt ruhig im Fauteuil. Kurrent hält sich, ruhig und kontemplativ wie vor 60 Jahren, mit der Hand das Kinn, holt tief Luft und schleudert plötzlich mit einer ruckartigen Handbewegung grantige Wortfetzen in den Raum: „Zu früh! Alles, was Sie da sehen, viel zu früh! Dabei hat unsere Arbeit unglaublich viel Potenzial gehabt. Wenn wir in diesem Sinne weitergemacht hätten, dann hätte man sich die ganze Postmoderne und den ganzen Dekonstruktivismus erspart. Aber wir waren zu früh.“

Und dann das erste realisierte Projekt: Im August 1956 wird in Salzburg-Parsch die Pfarrkirche Zum kostbaren Blut eingeweiht. Holzbauer, Kurrent und Spalt, die ohne Leitner längst schon als die „3/4ler“ gelten, bauen einen alten Bauernhof zu einer luftigen Hallenkirche um.

„Wir waren ein Fremdkörper“

Etliche Jahre vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in dem die Liturgie endlich reformiert werden soll, kommen die 3/4ler dem Lauf der Zeit abermals zuvor und schaffen das Unmögliche: offener Grundriss, Altar in der Mitte des Raumes, bauliche Applikationen von zutiefst skeptisch beobachteten Zeitgenossen wie etwa Josef Mikl, Fritz Wotruba und Oskar Kokoschka.

Die Anerkennung unter Architekten ist groß, die Anfeindung in der Bevölkerung noch viel größer: „Sogar das Ornat des Priesters wurde surrealistisch“, äußert sich das Salzburger Volksblatt spöttisch zu Mikls Messgewand-Entwurf. „Wir waren für die damalige Architektur eben Fremdkörper“, sagt Johannes Spalt, „und umgekehrt war es genauso.“

Rund hundert Projekte wickelt die arbeitsgruppe 4 in den 20 Jahren ihres Bestehens ab, doch gerade mal jedes fünfte davon wird auch wirklich realisiert. Schlüsselbauwerk der 3/4ler ist nach eigener Auskunft das Seelsorgezentrum in Steyr-Ennsleiten (siehe großes Foto). Während der Pfarrhof mit Pfarrsaal 1961 fertiggestellt wird, gelangt die Kirche nach vielen Planänderungen und Verzögerungen erst in den Jahren 1968 bis 1970 zur Ausführung.

Obwohl der konstruktive Aufbau des Gebäudes mittels X-Stützen und horizontaler Balken sehr einfach ist, besticht die Kirche vor allem durch diese sichtbaren statischen Elemente. „Ursprünglich wollten wir die Kirche mit Industrieglas aus Profilit einhausen“, sagt Kurrent im Gespräch mit dem Standard. „Aufgrund der Bauphysik mussten wir den ästhetischen Anspruch jedoch hinter ganz normalen geschlossenen Wänden zurückstecken.“

Realität der Fachzwänge. Auch sie zu früh. Viel zu früh.

[ „x projekte der arbeitsgruppe 4. Holzbauer, Kurrent, Spalt, 1950-1970“ im Architekturzentrum Wien. Zu sehen bis 31. Mai 2010. Parallel zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Diskussionen und Exkursionen. ]

20. Februar 2010 Der Standard

Ich bin viele Häuser

Herzog & de Meuron stapeln wieder mal hoch: Mit dem neuen VitraHaus in Weil am Rhein sagen sie dem Kunden klipp und klar: Du wohnst nicht mehr, du lebst.

Das Ding ist nicht einmal noch eröffnet, denn das passiert erst übermorgen, schon hat es einen Spitznamen. Die regionalen Tageszeitungen tauften es schlichtweg „die Särge“.

Oder aber: Zwölf dunkelgraue Kisten, wahnwitzig übereinander gestapelt, als hätte jemand beim virtuellen Aufbau von Sim-City unabsichtlich die falsche Taste gedrückt, stehen direkt am Straßenrand und sorgen bei den Autofahrern für ruckartig verdrehte Hälse.

Man könnte aber auch sagen: Einfamilienhaus mit Satteldach. Mal schmäler, mal breiter. Mal steiler, mal flacher. Hochgehievt aufs Förderband, anschließend hineingedrückt in die Strangpresse, am Ende zerhackt zu 40 Meter langen Stücken.

Die Assoziationen gehen einem nicht aus. Es gibt sie noch und nöcher. Und genau das ist die Qualität des neuen Schaugebäudes, in dem das Schweizer Traditionsunternehmen Vitra die Möbel seiner Home-Collection inszeniert und für die Öffentlichkeit zugänglich macht.

Die Architekten hinter diesem abartig genialen Wurf: Herzog & de Meuron. Damit verzichtete der Möbel-Zampano und Vitra-Chef Rolf Fehlbaum erstmals in der Geschichte seines Unternehmenscampus in Weil am Rhein nicht nur auf die großen Architektennamen jenseits des europäischen Festlandes, sondern wurde auch noch fündig vor der eigenen Haustür - in Basel.

„In meinem früheren Kulturverständnis waren Jacques Herzog und Pierre de Meuron sehr gute regionale Architekten“, sagt Fehlbaum im Gespräch mit dem Standard. „Das war schön und gut, passte mir aber überhaupt nicht ins Konzept einer internationalen Vitra-Zone, die ich hier aufbauen wollte. Ich glaube, ich habe erst viel zu spät begriffen, nämlich irgendwann in den Neunzigerjahren, dass die beiden längst schon weltweit tätig waren.“

Konstante Form fürs Wohnen

Es wurde nachgeholt, was nachzuholen war. Kommenden Montag, den 22. Februar, wird das so genannte VitraHaus eröffnet und steht in Zukunft all jenen offen, die einen Blick darauf werfen möchten, wie man in einem Wohnzimmer, in einer Küche, in einem Arbeitszimmer voller hübscher Vitra-Möbel wohnen kann und wohnen soll, wenn das Portemonnaie es auch will.

Ein Haus also. „Das ist eine sehr konstante Form fürs Wohnen“, erklärt Jacques Herzog. „Manchmal ist es tatsächlich ganz einfach. Es gibt eine schnelle Skizze für das Konzept, und wenn man Glück hat, erweist es sich als tragfähig. Das war hier der Fall.“

Die Tragfähigkeit wurde beim Wort genommen. Gebaut aus 25 Zentimeter dicken Betonwänden wurden zwölf Häuser, wie man sie aus dem Bilderbuch kennt, ineinander gekeilt und übereinander getürmt. „Plastische Verbundenheit“ nennt sich das im Fachjargon der beiden Schweizer. Die Querschnitte der einzelnen Baukörper - Archetypen des mitteleuropäischen Bauens schlechthin - sind nicht jedes Mal gleich, sondern variieren von Form zu Form.

Verknotung dreier Länder

Die Wohnhäuser im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz, heißt es im Pressetext so schön, hätten Pate gestanden in der Findung der richtigen Größe und Proportion. Selbst wenn man sich wünschen darf, dass es zwei Männer dieses Kalibers nicht nötig haben, auf eine derartige Plattitüde zurückzugreifen, ist das Bild der trinationalen Verknotung in einem einzigen Bauwerk ein recht hübsches und stimmiges, auf jeden Fall ein sehr verkaufstaugliches Bild.

Auch im Innenraum wurde das Thema aufgegriffen. Der Bauherr steht in einem der vielen schwebenden, bis zu 15 Meter weit auskragenden Häuser, blickt in die Landschaft und sagt: „Die Ausblicke wurden ganz bewusst gesetzt und nehmen Bezug auf die grenzübergreifende Metroregion Basel. Je nach dem, wo ich gerade stehe, schaue ich in das eine oder in das andere Land.“

Freilich, mit den eigenen vier Wänden hat dieser Habitus des Wohnens nicht viel zu tun. Wer ist schon in der glücklichen Lage, auf einem Designklassiker wie dem Lounge-Chair von Eames sitzen und dabei in drei Länder gleichzeitig blicken zu können? „Das ist ein angenehmer visueller Nebeneffekt“, stellt Fehlbaum fest, „ich glaube, man fühlt sich hier auf Anhieb wohl.“

Das einzige, was einem in diesem Haus abhanden kommt (abgesehen von der Zeit), ist die Orientierung. Spätestens nach dem dritten Dreh kann keiner mehr sagen, welche Sprache hinter welchem Fenster gesprochen wird. Ungeahnte Schluchten zwischen oben und unten, wilde Verschneidungen zwischen da und dort, und nicht zuletzt eine hochwertige Materialverarbeitung von sägerauem Holz und glatt poliertem Stucco-Lustro, wie sie in Österreich ihresgleichen sucht, lenken vom eigentlichen Geschehen ab.

Fragt sich nur: Was geschieht denn nur in diesem 21 Meter hohen und knapp 60 Meter breiten Häuserhaufen an der Straße? „Etwas Neues“, sagt die freundliche Guide-Dame im ebenso freundlichen, artig einstudiertem CI-Wording des Unternehmens. Ihr Arbeitgeber ergänzt: „Machen Sie sich doch Ihr eigenes Bild. Die Leute können dieses Gebäude interpretieren, wie sie möchten. Nur der neue Nickname ist nicht unbedingt mein Favorit, wie Sie sich vielleicht vorstellen können. Ich habe noch nie einen Sarg gesehen, der oben eine Spitze hat.“

Das VitraHaus in Weil am Rhein wird übermorgen, Montag, den 22. Februar, für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Weitere Infos unter www.vitra.com und www.design-museum.de

Zwölf Häuser, wie man sie aus dem Bilderbuch kennt, wurden ineinander verkeilt und übereinander getürmt. „Plastische Verbundenheit“ nennt sich das im Architektenjargon.

6. Februar 2010 Der Standard

Ein Gehry nach dem Sturm

„Katrina“ und ihre Folgen: Im Rahmen der Spendenaktion „Make It Right“ erhalten die Bewohner des Lower Ninth Ward im Osten von New Orleans ihre Häuser zurück - und was für welche! Eine Zwischenbilanz.

29. August 2005. „Katrina“ war der kostspieligste Atlantik-Hurrikan aller Zeiten. Der Gesamtschaden betrug rund 125 Milliarden Dollar. „Als ich das erste Mal nach der Naturkatastrophe in New Orleans war“, sagte Brad Pitt im Interview mit der amerikanischen Zeitschrift Architectural Digest, „konnte ich kaum fassen, dass innerhalb eines halben Jahres noch immer nichts geschehen war, ich konnte nicht fassen, dass das unser Amerika sein sollte.“

Das Bild, das sich dem Schönling einprägte, war Startschuss für einen außergewöhnlichen „fight club“, nicht im Film, sondern in Wirklichkeit. Losgelöst von Regierung und Stadtverwaltung trommelte Herr P. seine engsten Freunde und Architekten zusammen, darunter auch das Berliner Schicki-Büro Graft, und gründete eine Foundation zum Wiederaufbau des unter dem Meeresspiegel liegenden und somit völlig zerstörten Viertels Lower Ninth Ward im Osten der Stadt. Der Titel seiner Stiftung, die es auf die Lukrierung von Spendengeldern und in weiterer Folge auf den Wiederaufbau von 150 Wohnhäusern abgesehen hat, zeigt den USA den Stinkefinger: Make It Right.

Erstmals ist das Projekt in einer kleinen, überschaubaren, aber informativen Ausstellung in Österreich zu sehen. Im Gegensatz zu den bisherigen medialen und öffentlichen Ereignissen rund um Make It Right steht diesmal jedoch nicht die halbe Brangelina im Rampenlicht, sondern die Architektur. „Nein, Brad Pitt ließ sich entschuldigen und war bei der Eröffnung leider nicht anwesend“, witzelt Matthias Böttger, Kurator der Ausstellung und interimistischer Leiter des Innsbrucker Architekturhauses aut, „wir konzentrieren uns lieber auf die architektonischen Inhalte und auf die Dokumentation des bisherigen Projektfortschritts.“

Der da wäre: Von den 150 Einfamilien- und Duplexhäusern, die im Lower Ninth Ward in den kommenden Jahren realisiert werden sollen, sind rund 20 Stück fertiggestellt und längst bewohnt. Weitere 20 befinden sich derzeit in Bau. Die Entwürfe für die Häuser stammen nicht etwa vom Baumeister ums Eck, sondern von namhaften lokalen, nationalen und internationalen Architekturbüros wie etwa Frank Gehry, Thom Mayne, David Adjaye, Hitoshi Abe, Shigeru Ban und MVRDV. „Die Mischung der Architekten basiert auf einem Auswahlverfahren“, sagt Graft-Architekt Lars Krückeberg im Gespräch mit dem Standard, „in der ersten Runde im Jahr 2006 wurden 14 Büros ausgesucht, in der zweiten Runde, die wir letztes Jahr gestartet haben, sind nun weitere sieben mit dabei.“

Die vorgegebenen Baukosten, an die sich die Architekten zu halten haben, liegen bei 100 Dollar pro Square Foot, das sind rund 790 Euro pro Quadratmeter. Die Tatsache, dass sämtliche Häuser wegen der permanenten Hochwassergefahr um fünf bis acht Fuß aufgeständert werden und über einen eigenen Fluchtdachboden mitsamt Ausstiegsluke für den Notfall verfügen müssen, macht die Sache nicht einfacher.

„120.000 Euro für ein 150-Quadratmeter-Haus, das ist nicht nur schlank, sondern ausgesprochen dürr“, meint Krückeberg. Für einen Architekten, der es sonst womöglich gewöhnt ist, um die vier- bis fünffache Summe bauen, sei das eine ziemliche Herausforderung. „Es ist ein ununterbrochenes Learning by Doing. Beim zweiten, dritten Haus sind wir budgetmäßig dann meist dort angelangt, wo wir auch hinmüssen.“

Schwimmen gegen die Flut

Trotz niedriger Baukosten sind die Häuser alles andere als langweilig. Ganz im Gegenteil. Das Spektrum reicht vom klassischen Shotgun-Typus, in dem die Zimmer, den schmalen und langen Grundstücken folgend, hintereinander aufgefädelt werden, übers japanische Atriumhaus mit hübscher Zypresse in der Mitte bis hin zum schwimmenden Ponton vom kalifornischen Architekten Thom Mayne. Als einziger Planer entging er der Vorschrift, das Haus um ein Geschoß anzuheben, indem er es einfach auf einen wasserdichten Stahlkoffer stellte. Kommt die Flut, beugt sich das Haus den physikalischen Gesetzen und mutiert zum Schiff. Sämtliche Zuleitungen und Verkabelungen sind flexibel verlegt und machen mit, was das Wasser befiehlt. Eine integrierte Führungsschiene sorgt dafür, dass das Haus nicht davontreibt.

„Das Angebot ist attraktiv, und die Projekte sind sehr innovativ“, sagt Krückeberg, „vor allem in den USA ist diese Form des suburbanen Siedlungsbaus eine absolute Neuheit.“ Jedes einzelne Haus ist mit Fotovoltaikanlage und Regenwasserzisterne ausgestattet. Außerdem wurde darauf Wert gelegt, zum größten Teil mit recycelbaren beziehungsweise bereits recycelten Materialien zu bauen. Das Ergebnis ist nicht nur eine Green Certification, die an der Hausmauer klebt, sondern auch eine Strom- und Gasrechnung mit weniger als zehn Dollar im Monat.

„Das Wichtigste sei es doch, den Lower Ninth Ward so schnell wie möglich wiederaufzubauen, haben wir von den Behörden und Medien immer wieder zu hören bekommen. Wozu dann die ganze Ökologie! Poor people don't give a shit about green tech!“ Das sei der Tenor auf den Ämtern gewesen, erinnert sich der Architekt. „Die Wahrheit ist doch, dass es gerade die Armen sind, die in ihrem Alltag von einer solchen ressourcenschonenden und kostensparenden Maßnahme am meisten profitieren. Wo sonst macht es Sinn, ein Exempel zu statuieren, wenn nicht hier in dieser Gegend?“

Abschließende Frage: Wie werden die 150 Einfamilienhäuser finanziert? „Das ist ein kompliziertes Procedere“, antwortet Thomas Willemeit, Architekturpartner bei Graft, "in vielen Fällen sind die Versicherungsbelege und Wertpapiere durch „Katrina“ nämlich spurlos verschwunden. Manchmal handelt es sich dabei um jahrzehntealte Dokumente, die nicht einmal noch digitalisiert waren."

Eine eigene Abteilung bei Make It Right kümmert sich darum, dass die Leute zu jenen Versicherungsausschüttungen und staatlichen Katastrophenfonds gelangen, die ihnen per Gesetz und Vertrag auch zustehen. „Im besten Falle schaffen es die Familien, auf diese Weise 80 Prozent des Baubudgets auf die Beine zu stellen. Meist ist es jedoch viel, viel weniger, meist ist es nicht einmal die Hälfte“, sagt Willemeit.

Für die fehlende Differenz, für die nötige Infrastruktur auf den Straßen sowie fürs gesamte Handling des Projekts werden Gelder aus dem Spendentopf herangezogen. Der bisherige Spendenetat von Make It Right beträgt rund 30 Millionen Dollar.

Ausstellung:
Graft: Make It Right. Pink Project, im: aut architektur und tirol, Lois-Welzenbacher-Platz 1, 6020 Innsbruck. Dienstag bis Samstag jeweils ab 11 Uhr. Zu sehen bis 13. März 2010. www.aut.cc

Buchtipps:
Kristin Feireiss (Hg): Architecture in the Times of Need. Make It Right. Rebuilding New Orleans' Lower Ninth Ward, Prestel-Verlag, München 2009, 488 S. / € 30,80

Mark Gilbert, Kristian Faschingeder: After The Storm. A Gentle Manifesto for a Neighborhood in New Orleans, Schlebrügge Editor, Wien 2009, 84 S. / € 24,00

Gerhard Blechinger, Yana Milev (Hg.): Emergency Design, Designstrategien im Arbeitsfeld der Krise, Springer-Verlag, Wien 2008, 172 S. / € 34,95

Infos und Spendenportal:
www.makeitrightnola.org

30. Januar 2010 Der Standard

9½ Quadratmeter

Wie baut man ein Gefängnis? Die Wiener Architektin Andrea Seelich stellte sich diese verzwickte Frage und liefert die Antworten nun in einem Buch. Ein Gespräch mit der Autorin.

Standard: Gefängnisse. Warum Gefängnisse?

Seelich: Ich bin in Prag geboren. Die Gefangenschaft innerhalb des Eisernen Vorhangs war mir schon als Kind suspekt. Bei meiner Diplomarbeit an der Akademie der bildenden Künste in Prag habe ich nicht so wie die anderen Studenten eine postkommunistische Luxusvilla entworfen, sondern ein Gefängnis. Die größte Schwierigkeit an dieser Materie hat sich schon damals gezeigt: Weder in Tschechien noch in Österreich gibt es irgendwelche Unterlagen beziehungsweise Vorschriften zur architektonischen Gestaltung dieser Bauten. Auch sonst wird das Thema totgeschwiegen. Auf den Architekturschulen ist der Strafvollzugsbau schon vor mehr als 150 Jahren aus dem Lehrplan gestrichen worden.

Standard: Es gibt in Österreich 28 Justizanstalten. Wie viele davon kennen Sie von innen?

Seelich: Ich schaue mir Strafvollzugsanstalten an, wo es nur geht. In der Tschechischen Republik, wo sie ja großteils das bauliche Erbe der Monarchie sind, habe ich alle 35 Anstalten besichtigt und analysiert. Von den 28 Gefängnissen in Österreich kenne ich fast alle.

Standard: Wie fällt Ihr Urteil aus?

Seelich: Ich fange mal mit der Software an. Ein grundlegendes Verständnis für einen humaneren Strafvollzug ist in den österreichischen Gesetzesgrundlagen definitiv vorhanden - und zwar mehr als in anderen europäischen Ländern. Das liegt vor allem an der Forensischen Psychologie, die in Österreich einen großen Stellenwert einnimmt. Die Erkenntnisse haben ihren Weg bis in die kleinsten Bereiche gefunden. Nur ein Beispiel: Die Dienstkleidung der Justizwache in den tschechischen Gefängnissen ist aus Polyester, die österreichische Justizwache trägt Baumwolle.

Standard: Und in puncto Architektur?

Seelich: Die Architektur hinkt den Erkenntnissen der forensischen Disziplinen zwar weit hinterher, aber im internationalen Vergleich betrachtet sind die Gefängnisanstalten in Österreich ganz passabel. In diesem Zusammenhang möchte ich aber betonen, dass die Qualität nichts damit zu tun hat, ob es sich um einen Altbau oder um einen Neubau handelt. Alte Gefängnisse funktionieren oft besser als neue.

Standard: Was macht die Qualität eines Gefängnisses aus?

Seelich: Ein Gefängnis beinhaltet zwei große Personengruppen, deren Bedürfnisse und Vorstellungen einander auf den ersten Blick stark widersprechen. Die Insassen wollen hinaus, das Personal hindert sie daran. Die Aufgabe des Architekten ist es, derartige Widersprüche unter Beachtung sämtlicher Sicherheitsaspekte baulich unter einen Hut zu bringen. Das Wichtigste ist jedoch, den Häftlingen und dem Personal eine würdevolle und angenehme Architektur zu bieten.

Standard: Konkreter bitte!

Seelich: Die heutigen Gefängniszellen sind mit bestimmten Möbeln, Sanitärgegenständen, Freizeit-Utensilien und vielen persönlichen Gegenständen ausgestattet. Für all diese Gegenstände und deren Nutzung braucht man eine gewisse Mindestgröße. Im Zuge einer Studie für das Bundesministerium für Justiz bin ich zum Schluss gekommen, dass ein Haftraum zwischen 9,5 und zwölf Quadratmetern groß sein sollte.

Standard: Kinderzimmer im sozialen Wohnbau haben 11 bis 14 Quadratmeter. Ein Erwachsener, der 23 Stunden am Tag in seiner Zelle sitzt, soll mit weniger auskommen?

Seelich: Es wäre schön, wenn man den Gefängnisbau mit sozialem Wohnbau vergleichen könnte, aber das ist leider utopisch. Sie dürfen nicht vergessen, von welcher Ausgangsbasis wir hier ausgehen! In den meisten Gefängnissen in Europa, die heute immer noch in Betrieb sind, sind die Zellen nicht größer als sechs bis acht Quadratmeter. Jedes Alzerl mehr ist ein großer Gewinn. Trotzdem: Viel wichtiger wäre es, die Insassen aus den Zellen hinauszuholen und ihnen sinnvolle Tätigkeiten zu ermöglichen.

Standard: Welche Verbesserungsmöglichkeiten gibt es sonst noch?

Seelich: Die Menschen brauchen genügend Tageslicht, frische Luft, Freiraum und Privatsphäre. Eine Diskussion, die schon sehr lange währt, betrifft die Duschen: Einzeldusche oder Gemeinschaftsdusche? Unter dem Vorwand der Wirtschaftlichkeit wird in vielen Anstalten für die Gruppendusche plädiert. Das geht natürlich auf Kosten der Privatsphäre. Offenbar hat sich noch nicht herumgesprochen, dass es zig technische und organisatorische Möglichkeiten gibt, um auch in einer Einzeldusche ressourcenschonend und wirtschaftlich mit Wasser umzugehen.

Standard: Stichwort Komfort: In einigen Justizanstalten in den USA kriegt man gegen Aufpreis feine Bettwäsche, Fernsehen und Freigang. Wie stehen Sie zu diesem Pay-to-stay-Modell?

Seelich: Dinge wie Fernsehen, Benützung von Privatgegenständen und Sportartikeln, aber auch Ausgänge gelten in Österreich als Vergünstigungen und können nur aufgrund des Verhaltens beeinflusst werden. Zwischen armen und reichen Insassen wird also nicht unterschieden. Das Strafvollzugssystem in den USA ist anders aufgebaut. Es basiert auf einer gewissen immanenten Brutalität, wie man sie aus diversen Blockbuster-Filmen kennt. Das entspricht der Realität! Die Einführung einer Zweiklassengesellschaft begünstigt dieses brutale System. Die Folge sind soziale Spannung, Korruption und Gewalt. Von Resozialisierung keine Spur. Eine Katastrophe.

Standard: Darf und soll eine Strafanstalt ein Ort des Wohlfühlens sein?

Seelich: Es darf, es soll und ja, es muss! Es ist mittlerweile belegt, dass sich schlechte Architektur auf die Aggression von Insassen und Personal auswirkt, in Folge auch auf die Anzahl der Krankenstandstage des Personals. Es ist weder den Menschen in den Gefängnissen noch den Menschen außerhalb der Gefängnisse geholfen, wenn nach fünf, zehn oder 20 Jahren ein Mensch in die Freiheit entlassen wird, der traumatisiert, psychisch krank oder rückfällig ist. Unterm Strich ist jede Investition in den Strafvollzug gelebter Opferschutz.

Standard: Als 2004 die Justizanstalt Leoben von Architekt Josef Hohensinn fertiggestellt wurde, hagelte es Freude und Kritik. Die Rede war von „Designerhäfen“, „Architektenknast“ und „Fünfsternehotel“. Das widerspricht Ihrer Aussage völlig.

Seelich: Die meisten Menschen in Österreich verstehen nicht, dass man für einen Gefangenen auch nur einen Cent ausgibt. Sie denken kurzfristig und empfinden Angst und Ärger. Jeder einzelne Neubau ist in deren Augen rausgeschmissenes Geld. Hier bedarf es massiver Aufklärung.

Standard: Die wie aussehen könnte?

Seelich: Pro Jahr werden in Österreich 320 Millionen Euro für den operativen Strafvollzug ausgegeben. Ein Gefängnisneubau kostet rund 50 Millionen Euro. Solche Relationen sollte man der Öffentlichkeit anschaulich machen.

Standard: Mit Leoben wurde ein Stein ins Rollen gebracht. Entspricht das dem Knast von morgen?

Seelich: Ich habe eine Studie dazu gemacht und unterliege aus diesem Grund der Verschwiegenheitspflicht. Ich kann nur so viel verraten: Vom Prinzip her ist Leoben das mit Abstand innovativste Projekt der letzten Jahre. Ähnlich innovative Anstalten in Innsbruck, Eisenstadt und Berlin sind bereits fertiggestellt beziehungsweise befinden sich gerade in Entwicklung. Ich denke, dass sich anhand dieser Bauvorhaben eine gewisse Tendenz ablesen lässt.

Standard: Die Innenpolitik gibt derzeit aber einen ganz anderen Tonfall vor. Innenministerin Fekter will sogar eine Anwesenheitspflicht für Asylanten einführen. Stichwort Eberau. Das klingt alles andere als innovativ.

Seelich: Die derzeitige Regierung sagt: „Lieber Österreicher, du hast Angst vor diesem Fremden? Na gut, wir sperren ihn weg.“ Stattdessen sollte sie aber sagen: „Du hast Angst vor Sinti, Roma, Rumänen, Pakistani und Nigerianern? Warum eigentlich?“ Das Ziel muss sein, die Angst zu schmälern und nicht zu stärken, indem man Menschen einsperrt, die um Asyl, also um Hilfe bitten. Zur völligen Vermischung von Asylheimen, Gefängnissen und Schubhaftanstalten wäre es dann nur noch ein kleiner Schritt. Noch inhumaner für alle Beteiligten geht's wohl kaum.

[ Buchtipp: Andrea Seelich, „Handbuch Strafvollzugsarchitektur. Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung“. EUR 69,95 / 312 Seiten. Springer Verlag, Wien / New York 2009 ]

23. Januar 2010 Der Standard

Rosen aus Beton

Heute, Samstag, feiert der Kölner Architekt und Pritzker-Preis-Träger Gottfried Böhm seinen 90. Geburtstag. Gespräch mit einem der wichtigsten Bildhauer der deutschen Nachkriegsstadt.

Standard: 90 Jahre alt und immer noch berufstätig. Denken Sie je an den Ruhestand?

Böhm: Ruhestand? Um Gottes willen! Natürlich sehe ich, dass ich heute langsamer arbeite als damals in jungen Jahren. Aber ich beherrsche mein Tätigkeitsfeld immer noch ganz gut, und die Arbeit macht mir Spaß. Was soll ich denn sonst machen?

Standard: Woran arbeiten Sie gerade?

Böhm: An Glockentürmen, Kirchen und Kapellen. So wie die meiste Zeit. In Neuweiler im Schwarzwald wird gerade ein Glockenturm fertig, ein anderer entsteht demnächst in Ulm. Und in Neviges, wo ich 1964 den Mariendom fertiggestellt hatte, soll direkt an die Kirche eine Kapelle angebaut werden. Das Problem ist, dass der Innenraum wegen der vielen Opferkerzen total verrußt ist. Nun sollen die Kerzen in einen eigenen Anbau übersiedeln. Eine spannende Aufgabe. Wo sonst hat man schon die Möglichkeit, an ein eigenes Bauwerk, das mehr als 40 Jahre zurückliegt, anzudocken?

Standard: Sie haben schon viele Kirchen gebaut.

Böhm: Sehr viele. Nach dem Krieg war ich bei Rudolf Schwarz bei der Wiederaufbaugesellschaft tätig. Allein bis 1959, also bis zum Abschluss der Wiederaufbauarbeiten, habe ich 39 Kirchenprojekte abgewickelt. Eines der spannendsten Bauprojekte der heutigen Zeit ist die Ditib-Moschee in Köln-Ehrenfeld, bei der mein Sohn Paul namensgebend involviert ist.

Standard: Das Projekt wurde im Vorfeld stark politisiert.

Böhm: Das eine ist die Architekturdebatte, das andere ist die Politik. Schon seit einiger Zeit beobachte ich das Phänomen, dass diese beiden Komponenten bei stark medialisierten Projekten nichts miteinander zu tun haben. Ganz allgemein möchte ich festhalten, dass in Sakralbauten die Architektur dazu anregen soll, über das Höhere auf dieser Welt nachzudenken. Ganz gleich, ob man nun Moslem ist oder Christ. Im Geistigen sind sich die Religionen schließlich sehr ähnlich.

Standard: Woher kommt die Faszination für Sakralbauten?

Böhm: Unabhängig von der Gläubigkeit nehmen Kirchen einen großen Stellenwert in der Stadt ein. In den Jahren nach dem Krieg sind die Leute sehr intensiv in die Kirche gegangen. Ich nehme an, der Gottesdienst war eine Art Hoffnungsträger für die Menschen. Heute ist der Kirchenneubau zum Erliegen gekommen. Mittlerweile sind wir in der Situation, dass wir uns sogar überlegen müssen, welche Nachnutzung für die aufgelösten und leerstehenden Kirchen infrage kommt. Das ist ein schwerwiegendes Problem.

Standard: Was schlagen Sie vor?

Böhm: Neue Funktionen! Es ist nicht zwangsläufig etwas Trauriges, wenn eine Kirche entweiht und einer Neunutzung zugeführt wird. Das ist mir immer noch lieber als ein leerstehendes Gotteshaus. Vor drei Jahren haben wir in Trier eine alte Kirche umgebaut. Sie dient nun als städtische Turn- und Veranstaltungshalle. Alle heiligen Zeiten wird dort eine Messe abgehalten. Das ist schön.

Standard: In vielen Städten werden Kirchen zu Diskotheken und Restaurants umfunktioniert. Ist das eine Option für Sie?

Böhm: Ein Restaurant ist definitiv Ausdruck von Kultur. Damit habe ich kein Problem. Bei einer Diskothek kommt es ganz allein darauf an, wie sie geführt wird.

Standard: Welche Bedeutung haben Kirche und Glauben für Sie?

Böhm: Ich habe einen starken, aber auch sehr kritischen Bezug zur Kirche. Ich kenne Papst Benedikt XVI. etwa noch aus seinen Kölner Zeiten. Und ich habe ihn damals als geistreichen und interessanten Menschen kennengelernt. Ich hätte mir gewünscht, dass er als Papst einen etwas frischeren Wind in die Kirche bringt. Aber das scheint nicht der Fall zu sein. Leider. Sie fragen aber intime Sachen!

Standard: Zu intim?

Böhm: Was möchten Sie denn sonst noch alles wissen?

Standard: Sie sind mehr oder weniger in eine Architekturdynastie hineingeboren. Ihr Großvater leitete ein Baugeschäft, Ihr Vater war Architekt. Ein schweres Los?

Böhm: Ich wollte gar nicht Architekt werden. Mein Vater war damals so bedeutend, dass ich mir dachte: Das schaffe ich nie! Ich habe deshalb begonnen, Bildhauerei zu studieren. Ab und zu habe ich aus Interesse die eine oder andere Architekturvorlesung besucht. Das war sehr spannend. Und so fand ich mich irgendwann als Architekt wieder. Die Zusammenarbeit mit meinem Vater war sehr schön und intensiv. Es war eine tolle Erfahrung. Heute sind es meine Kinder, die diese Tradition fortsetzen. Ich habe vier Söhne, drei von ihnen sind Architekten.

Standard: Gleicher Beruf zwischen den Generationen. Knallt es da nicht oft?

Böhm: Natürlich gibt es gelegentlich Meinungsverschiedenheiten. Aber eine gewisse Konkurrenz wirkt durchaus belebend. Sie muss ja nicht immer in Streit ausarten. Eigentlich bin ich sehr froh, dass meine Söhne längst schon einen eigenständigen Stil entwickelt haben.

Standard: Wie hat sich die Architektur, seitdem Sie im Berufsleben stehen, verändert?

Böhm: Als ich begonnen habe zu arbeiten, wurde der Großteil auf der Baustelle noch handwerklich ausgeführt. Vor allem beim Beton war das großartig. Das ist eine schön formbare Masse, die ihren ganz eigenen Reiz hat. Viele Entscheidungen wurden spontan und direkt vor Ort getroffen, mit all den Schwierigkeiten und Ungenauigkeiten, die damit verbunden waren. Man könnte fast sagen, dass damals jedes einzelne Element ein Unikat war. Das ist heute längst nicht mehr Fall. Das Meiste ist industrialisiert und vorgefertigt.

Standard: Da klingt eine gewisse Kritik durch.

Böhm: Man muss sich darauf einstellen, dann funktioniert es auch. Der große Vorteil am zunehmenden Fertigbau ist, dass man viele Materialien heute viel günstiger verarbeiten kann.

Standard: Als einzigem deutschen Architekten wurde Ihnen 1986 der Pritzker-Preis verliehen. Warum gerade Gottfried Böhm?

Böhm: Ich nehme an, dass die Juroren meine Arbeit geschätzt haben. Ich habe das Gremium mit meinen Bauwerken beeindruckt. Ich hätte niemals damit gerechnet! Die Überraschung war also sehr groß. Pritzker-Preis! Tolle Sache. Aber auch schwierig.

Standard: Inwiefern?

Böhm: Die Erwartungshaltung des Publikums und der Medien steigt enorm. Man muss sich schon ziemlich anstrengen. Gleichzeitig besteht die Gefahr überzuschnappen, überheblich zu werden und sich plötzlich einzubilden, der beste Architekt der Welt zu sein. Das ist natürlich unsinnig.

Standard: Und? Sind Sie übergeschnappt?

Böhm: Ich habe mich bemüht, das nicht zu tun. Gleichzeitig bin ich davon ausgegangen, dass ich von nun an leichter zu Aufträgen kommen würde. Dieser Wunsch hat sich nicht erfüllt. Ich musste mich weiterhin mittels Wettbewerben über Wasser halten. Die erhofften Direktaufträge sind ausgeblieben. Ich nehme an, dass die Leute vor einem Pritzker-Preisträger viel zu viel Angst haben.

Standard: Und wie ist es heute?

Böhm: Es ist verdammt schwierig. Manchmal passiert es, dass ich mit meinen Söhnen einen Wettbewerb nach dem anderen zeichne und wir durch die Bank einen nach dem anderen verlieren. So ein Verlust ist nicht leicht wegzustecken. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht ist das bitter. Ich habe auf der Uni einmal einen Vortrag gehalten. Der hatte den Titel „Böhms gesammelte Durchfälle“. Es ist beeindruckend, wie viel man plötzlich zu sagen hat! Für die Studentinnen und Studenten war das lustig. Sie hören ja nicht oft, dass Architekten über ihre Misserfolge reden. Aber das gehört zu diesem Beruf nun mal dazu. Das kann man nicht ändern.

Standard: Woher schöpfen Sie Ihre Kraft, um nach einem Misserfolg wieder aufzustehen?

Böhm: Woher ich die Energie für meine Arbeit nehme? Aus dem Gespräch mit meinen Mitarbeitern, mit meiner Frau Elisabeth und mit meinen Söhnen. Aber ganz ehrlich: Ich mache heute nur noch kleinere Projekt selbstständig. Größere Bauaufgaben wie etwa die Kölner Ditib-Moschee wickle ich nur noch im Hintergrund ab.

Standard: Ihr ganz persönliches Markenzeichen ist die Rose. Sie kommt in Ihren Projekten in jeder erdenklichen Form vor. Warum ausgerechnet eine Rose?

Böhm: Ich finde Rosen sehr schön. Ich weiß, dass Sie diese Antwort nicht wirklich zufriedenstellen wird. Daher werden Sie mich jetzt fragen, warum ich Rosen schön finde. Und ich werde ihnen antworten: Ganz einfach, weil Rosen schön sind.

16. Januar 2010 Der Standard

Revolution im letzten Zimmer

Geriatriezentren sind Häuser, in denen meist gestorben wird. Das neue Wiener Geriatriekonzept macht diesen Umstand erheblich würdevoller.

Monika Mustermann ist 95 Jahre alt, bettlägerig und so dement, dass sie kaum noch ihr Zimmer erkennt. Geschweige denn die Tochter. Vom Enkerl gar nicht erst zu sprechen. Doch heute ist ein schöner Tag, und die alte Monika liegt draußen auf dem Balkon, spielt mit den Sonnenstrahlen und hört den Vögeln beim Zwitschern zu.

Ab September 2010 wird diese Vision Realität sein. Dann nämlich wird in Wien-Leopoldstadt ein Geriatriezentrum eröffnet, das in der stationären Altenpflege völlig neue Maßstäbe setzt. Es ist eines von insgesamt neun Projekten, die im Rahmen des neuen Geriatriekonzepts entstanden sind und die der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) bis 2015 realisieren will. Einen Vorgeschmack darauf bietet die am Donnerstag eröffnete Ausstellung Das ganze Leben in der Wiener Planungswerkstatt.

„Die geriatrischen Anstalten, wie wir sie heute in Wien vorfinden, waren vor hundert Jahren zweifelsohne modern und innovativ“, sagt Michaela Mischek-Lainer, Projektentwicklerin und Konsulentin des KAV, zum Standard, „doch die Zeiten ändern sich, und mit ihnen zwangsweise auch die Architektur.“ Gemeinsam mit einer ganzen Horde an Fachleuten aus dem Pflege- und Medizinwesen, aus dem Architektur- und Wirtschaftsbereich schmiedete sie ein Raum- und Funktionsprogramm sowie eine Reihe von Qualitätskriterien, die beim Bau neuer Geriatriezentren der Stadt Wien ab sofort verbindlich sind.

„Alter, Krankheit und Tod sind ein Tabu. Doch warum drücken wir uns um das Thema herum, wo es doch anlässlich der demografischen Entwicklungen aktueller ist als je zuvor? Fakt ist: Geriatriezentren sind Häuser, in denen gestorben wird. Daher müssen wir weg von der Krankenhausmaschine und hin zu einem Wohn- und Pflegeheim, in dem aus der Sicht der Patienten nicht die Medizin, sondern die Lebensqualität im Vordergrund steht.“

Der Anforderungskatalog der KAV-Arbeitsgruppe ist streng und kennt kein Pardon. Demnach sollen bis 2015 alle bestehenden geriatrischen Anstalten rigoros umgebaut beziehungsweise für immer geschlossen werden. Durch den Bau neuer Geriatriezentren soll die Anzahl der Pflegeplätze von derzeit 9000 auf rund 10.000 gesteigert werden. Statt riesiger Altenghettos mit weit mehr als tausend Pflegeplätzen soll es in Zukunft nur noch Einrichtungen mit 240 bis maximal 350 Betten geben.

Jedem Zimmer seine Loggia

Neben der Dezentralisierung und der Verkleinerung der Standorte liegt ein weiterer Fokus auf der Gestaltung der Häuser selbst. Nur ein Beispiel: Gemäß dem neuen Konzept verfügt jedes einzelne Schlafzimmer ab sofort über eine eigene, üppig dimensionierte Loggia, auf der sogar ein sperriges und mit allerlei Hightech ausgestattetes Pflegebett Platz hat. Durch das Hinausrollen an die frische Luft soll sichergestellt werden, dass in Zukunft selbst jene Patienten Windböe und Sonnenstrahlen abbekommen, die aufgrund ihrer Pflegebedürftigkeit in der Regel nicht einmal mehr ihre Zimmer verlassen. Und das oft bis zu ihrem Tod. Tatsache.

Maßnahmen wie diese wirken sich freilich nicht nur auf den Komfort der Bewohner aus, sondern auch auf die Baukosten. Die neuen Geriatriezentren der Generation 2010 bis 2015 werden mit 3000 Euro pro Quadratmeter deutlich teurer sein als die alten, bisher gebauten Wohn- und Pflegeheime. „Angesichts der Tatsache, dass wir uns dank der hochwertigen Geriatriezentren in Zukunft womöglich das eine oder andere Spitalsbett sparen, halte ich eine Verteuerung der Baukosten um ein paar Prozent für absolut vertretbar“, sagt Mischek-Lainer.

Zum Vergleich: Pro Jahr gibt die Stadt Wien für ambulante und stationäre Pflege rund 700 Millionen Euro aus. Die Neubauoffensive des Wiener Geriatriekonzepts erscheint dagegen wie ein Sonderangebot aus dem Supermarkt. Mit einem Gesamtbudget von 350 Millionen Euro - das ist die Hälfte der jährlichen Betriebserhaltungskosten des Wiener Pflegesystems - kriegt man neun nigelnagelneue Wohn- und Pflegehäuser. Und was für welche!

„Mich erinnert das Wiener Geriatriekonzept an das Schulbauprogramm 2000“, sagt Helmut Wimmer, Architekt des Geriatriezentrums Leopoldstadt, „auch damals sind in kürzester Zeit ein paar innovative und zukunftsweisende Bauten entstanden.“ Das von ihm geplante, fröhlich bepinselte 300-Betten-Haus, das kurz vor der Fertigstellung steht, holt die alten und teilweise dementen Bewohner dort ab, wo sie in ihrem Lebensalltag bis zuletzt gestanden haben: im Schoße ihrer Gewohnheit.

„Wer in ein Geriatriezentrum übersiedelt, wird aus seinem Wohnumfeld mehr oder weniger brutal herausgerissen. Als Architekt muss man alles Erdenkliche tun, um diesen Schock so gelinde wie möglich zu halten.“ Die einzelnen Zimmer stecken wie bunte Wohnkartons im Hausregal. Dazwischen liegen Gänge, Plätze sowie Ruhezonen mit Bankerl und Blumenbeet. „Soweit dies möglich ist, stelle ich mir das Innenleben des Hauses wie eine Stadt im Miniaturformat vor. Die Leute sollen nicht im Zimmer 222 wohnen, sondern beispielsweise im knallgelben Sonnenhaus da oben am Eck.“

Das Zurückgreifen auf gewohnte Vergangenheitsbilder ist eine Taktik, die in den meisten neuen Pflegeheimen unübersehbar zum Tragen kommt. Im Geriatriezentrum Baumgarten, einem Projekt von Ganahl Ifsits und Silbermayr Welzl Architekten, wird es zweigeschoßige Volieren geben, in denen sich Buchfinken die Lieder aus dem Leibe zwitschern werden. Im Geriatriezentrum Innerfavoriten von Hermann & Valentiny werden die Wände zum Teil mit einem klassischen, omahaften Farbwalzmuster versehen sein - so richtig mit Schnörkelblume und Holunderzweig. Und im Wohn- und Pflegehaus Simmering wird Architekt Josef Weichenberger nach allen Mitteln der baulichen Kunst die Stadt neu interpretieren - mitsamt Straßenbahnhaltestellen, ÖBB-Fahrplankästen, Wiener Kaffeehaustischen und Streichelzoo.

Wie plant man für Demente?

Klingt kindisch und banal? Warten wir ab. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war noch niemals eine Leserin, ein Leser dieser Seite von Demenz betroffen. So gesehen ist es eine Freude, dass sich das neue Geriatriekonzept nicht mit Oberflächlichkeiten zeitgenössischer Baustilkunde beschäftigt, sondern stattdessen auf die spezifischen Bedürfnisse hochbetagter und schwerkranker Menschen eingeht.

Wie schreibt die US-amerikanische Alterswissenschafterin Naomi Feil in ihren 10 Grundsätzen der Validation? „Wenn das Kurzzeitgedächtnis nachlässt, versuchen ältere Erwachsene, ihr Leben wieder in ein Gleichgewicht zu bringen, indem sie auf frühere Erinnerungen zurückgreifen. Wenn die Sehstärke nachlässt, sehen sie mit dem inneren Auge. Wenn ihr Gehör nachlässt, hören sie Klänge aus der Vergangenheit.“

Dann sind Buchfinken auf dem Balkon, dann sind Sonnenstrahlen am Bauch wichtiger als fesche, flächenbündige Fassadendetails.

Ausstellung:
„Das ganze Leben. Neue Pflegewohnhäuser für Wien“, Wiener Planungswerkstatt, Friedrich-Schmidt-Platz 9. Montag bis Freitag 9-16 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr. Zu sehen bis 30 März 2010.

Buchtipp:
Franziska Leeb, „wohnen, pflegen, leben. Neue Wiener Wohn- und Pflegehäuser“, € 40 / 160 Seiten, erschienen im Bohmann-Verlag, 2009. Nach einem grafischen und haptischen Konzept von Gabriele Lenz.

9. Januar 2010 Der Standard

Operation Wüstenturm

828 Meter hoch und seit Montagabend feierlich umjubelt. Doch welche technische und logistische Anstrengung steckt in einem Bauprojekt wie dem Burj Khalifa? Ein Blick hinter die glitzernden Fassaden.

Noch vor wenigen Tagen glich der Burj Dubai einem emsigen Ameisenstaat. Tausende von Bauarbeitern aus Indien, Bangladesh und Pakistan schlichen gelb behelmt durch die höchste Mammutbaustelle aller Zeiten, stemmten Fassadenpaneele, Marmorplatten, Innenraumdekor. Vergangenen Montagabend wurde der 828 Meter hohe Turm mit einem, was sonst, bombastischen Feuerwerk feierlich eröffnet - und umbenannt.

Aus Dank, dass Scheich Khalifa bin Said-al Nahjan, Herrscher von Abu Dhabi und Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, erst kürzlich in die Bresche sprang und den verschuldeten Staatsfirmen von Dubai zehn Milliarden Dollar aufs Konto überwies, heißt das neue Wahrzeichen der arabischen Wüstenmetropole nun Burj Khalifa. Laser-Show an. Und Applaus.

Zehn Jahre penibler Planung und sechs Jahre kaum zu bewältigender Baulogistik verschwinden für immer hinter Glitzerfassaden aus Edelstahl und Glas. „Dieses Projekt ist so komplex, dass wir vermutlich eine ganze Woche hier sitzen und darüber sprechen könnten“, sagt Eric Tomich, Associate Director im Chicagoer Büro Skidmore, Owings & Merrill LLP (SOM), „aber ich darf und werde Ihnen nur einen Bruchteil verraten.“

Zückt Notizblock und Fineliner, grinst schelmisch in die Runde: „Natürlich war ich schon oft oben, und ja, ich habe bisher immer den Lift benützt. Glauben Sie denjenigen, die den Weg schon zu Fuß gegangen sind. 11.300 Stufen sind kein Spaß!“

Mit der Statik eines Stativs

Tatsächlich war die enorme Bauhöhe an diesem 3,07 Milliarden Euro teuren Projekt die größte aller Herausforderungen. Das beginnt bei der Statik. Um die Wind- und Torsionskräfte, die auf das Gebäude in schwindelerregender Höhe einwirken, bewältigen zu können, wurde der Grundriss in Form eines überdimensionalen Mercedes-Sterns ausgeführt. Damit steht das Gebäude trotz seiner schlanken Statur so breitbeinig im Wüstensand wie das Stativ eines Fotografen.

Und dann das Fundament. „Mit Druckkräften allein wären wir hier nicht weit gekommen“, erklärt Tomich. „Das Gewicht des Turms wird daher in erster Linie über die Mantelflächen der Betonpfähle abgeleitet, also über die physikalische Reibung an den Seiten. Nur ein kleiner Teil der Druckkräfte kommt unten in der Fundamentsohle an.“ Rund 200 große und weitere 650 kleinere Betonpfähle mit Durchmessern zwischen 90 und 150 Zentimetern wurden in den Untergrund gerammt. Damit liegt die tiefste Stelle des Turms gute 70 Meter unter dem Meeresspiegel.

Auch der Rest des Gebäudes ist - nahezu ausschließlich - in Beton ausgeführt. „Die Wahl des Materials hat eigentlich drei unterschiedliche Gründe“, so Tomich. „Einerseits war es nötig, das Gebäude aufgrund der Windkräfte und der damit verbundenen Verformungen so schwer wie möglich auszuführen, andererseits hat dieses Gewicht wiederum dazu geführt, dass wir mit einem reinen Skelettbau nicht das Auslangen gefunden hätten.“

Der dritte Grund hat mit den Schwankbewegungen des Bauwerks zu tun. Immerhin betragen diese in den letzten Stockwerken bis zu 1,50 Meter in jede Himmelsrichtung. Während in einigen Mega-Skyscrapern wie etwa im 101 Tower in Taipeh, mit 508 Metern Bauhöhe der bisherige Rekordhalter unter den phallischen Häusern dieser Welt, ein freihängendes Gewicht in der Turmspitze für die nötige Balance sorgt, kommt der Burj Khalifa ohne jegliches Gegengewicht aus.

Das spart wertvolle Fläche und sorgt dafür, dass der höchste, je von Menschenhand geschaffene Platz unter Allahs Himmel nicht von einer gigantischen Stahlkugel, sondern von Mohammed Ali Alabbar, Konzernchef des Bauträgers Emaar Properties, höchstpersönlich eingenommen wird. Zwischen dem 158. und 162. Stockwerk stehen ihm Büroräumlichkeiten und eine private Moschee zur Verfügung.

Wesentlicher Nachteil der massiven Betonkonstruktion: Flexibilität ist ein Fremdwort. Einmal erstarrt, sind die bis zu 60 Zentimeter dicken Wände einzementiert in alle Ewigkeit. „Sämtliche Türöffnungen, die statisch möglich waren, wurden von unserer Seite bereits vorgenommen“, sagt Tomich. „Jeder nachträgliche Wanddurchbruch würde sich auf die Festigkeit des Turms negativ auswirken.“

Rund 330.000 Kubikmeter Beton sind in den Rohbau des Burj Khalifa geflossen. Mit einem Druck von 190 bar wurde der zähflüssige Baustoff (Festigkeitsklasse C80) in 20 Zentimeter dicken Stahlrohren in die Höhe gepumpt. „Das dauert seine Zeit“, erzählt der Chefarchitekt gelassen. „Damit der Beton auf seiner rund 45 Minuten langen Reise nach oben nicht erstarrt, mussten wir ihm sogenannte Super-Plastilizer beimengen.“ Betoniert wurde übrigens nur nachts. Wegen der enormen Tagestemperaturen wäre der frische Beton sonst zu rasch ausgehärtet und hätte Risse bekommen.

Doch irgendwann versagt selbst die kräftigste Pumpe. Wegen des hohen Eigengewichts des nassen Materials ist nach 600 Metern endgültig Schluss. Die Lösung des Problems: Zwischen Höhenmarke 600 und 750 kamen Betonfertigteile zum Einsatz. Die letzten Stockwerke in der Turmspitze wurden aus Stahlteilen zusammengesetzt. Darüber prangt nur noch der Antennenmast.

Die Kritik am arabischen Monsterprojekt ist groß. Die lautesten Schreie betreffen die Energie. Nicht zu Unrecht, denn der Burj Khalifa, der sogar mit einem eigenen Umspannwerk ausgestattet ist, verbraucht zu Spitzenzeiten rund 36 Megavoltampere. Das entspricht dem Energiebedarf einer Kleinstadt.

Einen Großteil davon frisst zwar die Kühlung, doch wohin überall Energie fließe, meint Eric Tomich, könne man sich als normal sterblicher Mensch kaum vorstellen. Und holt zum letzten Mal zu einer kleinen Anekdote aus: „Der wahre Hund sind die Aufzüge, und ich meine damit nicht das Auf- und Abfahren der Liftkabinen, sondern die Kaminwirkung der Schächte. Bei einem Hochhaus, das mitten in der Wüste steht, ist dieser Effekt nicht unproblematisch. Denn im Gegensatz zu einem Gebäude im gemäßigten Klima ist die Kaminwirkung hier genau auf den Kopf gestellt. Heiße Luft dringt durch undichte Bauteile in die Gebäudespitze ein, kühlt sich im Innenraum ab und fällt durch den Liftschacht rapide nach unten. Wir bezeichnen das als den Hot Climate Stack Effect.“

Überdruck im Liftschacht

Beim Burj Khalifa mit seiner Gebäudehöhe von 828 Metern ist dieses physikalische Phänomen größer als in jedem anderen Hochhaus dieser Welt. Haustechniker hatten errechnet, dass die Lifttüren in den untersten Geschoßen dem enormen Luftdruck nicht mehr standhalten würden. Die Folge wären verzogene und verdrückte Öffnungselemente sowie ein kreischend pfeifender Tornado in der Lobby. „Nein, das ist keine Übertreibung“, sagt Tomich, „stellen Sie sich einfach mal einen fast einen Kilometer hohen Kamin vor!“ Um diesem Überdruck entgegenzuwirken, muss die heiße und beschleunigte Luft nun rund um die Uhr abgesaugt werden. Und das in 60 Liftschächten gleichzeitig.

Man kann sich ausrechnen, welche Auswirkungen dieser Hot Climate Stack Effekt im Brandfall haben könnte, sollten Elektrizität und Entlüftung dadurch versagen. „Glauben Sie mir, der Brandschutz des Burj Khalifa ist der strengste im ganzen Emirat“, beruhigt Eric Tomich. „Sprinkleranlage, Software und Evakuierungsplan mit eigenen Brandschutzräumen sind auf dem Stand von übermorgen. Sollte in diesem Gebäude jemals ein Feuer ausbrechen, so wird es nicht weit kommen.“ Und falls doch? „Wird es nicht.“

Bis ins Erdgeschoß sind's 11.300 Stufen. In großen Lettern steht in der Lobby ein Zitat von Auftraggeber Scheich Mohammed bin Rashid al-Maktoum an die Wand geschrieben: „Das Wort ,unmöglich' gibt es im Wörterbuch der Führer nicht.“

2. Januar 2010 Der Standard

Eine Plastikziege gegen Langeweile

Das ganze Jahr über ist Architektur eine schöne, aber bitterernste Ange- legenheit. Drei Projekte der letzten Zeit beweisen, dass Bauen auch witzig und spritzig sein kann.

Isabella Reisinger lebt in der tiefsten Steiermark. Gemeinsam mit ihrem Mann Martin betreibt sie einen Biobauernhof mit allem, was dazugehört - mit Schweinderln, Ziegen und glücklichen Hühnern. Beinahe hätten die beiden das höchste in Österreich erhältliche Biozertifikat ergattert. Beinahe.

„Es war alles in Butter“, erinnert sie sich an den hohen Besuch, der vor einigen Monaten übers Grundstück spazierte. Nur das Wohnhaus entsprach nicht so recht den Vorstellungen des strengen Gremiums. „Um das höchste Biogütesiegel zu vergeben, hätten sich die Damen und Herren halt ein etwas traditionelleres Bauernhaus gewünscht. Mit Holzbalkonen und Fensterläden und einer Bäuerin, die den ganzen Tag im Dirndl durch die Gegend rennt.“

Vonwegen. Das immergrüne Einfamilienhaus in Laufnitzdorf, gesät vom steirischen Architekturbüro Weichlbauer Ortis, ist rundum in ein Kleid aus künstlichem Fußballrasen gepackt. 62 Millimeter kräftig sprießendes Polyethylen. Zehn Jahre Garantie gegen Kicker und UV. „Erstens arbeiten wir gerne mit Irritation und Dislokation“, erläutert Reinhold Weichlbauer in theoretischen Worten, „und zweitens wollten wir den Versuch wagen, die üblicherweise harte Fassade ein bissl aufzuweichen und zu smoothen.“ Fährt mit der Hand ins Gras hinein und brummt: „Man kann gar nicht anders, dieses Haus muss man einfach knuddeln!“

650 Quadratmeter hochwertigen Kunstrasens wurden in Summe verklebt und verschraubt. An der Unterseite, an den Wänden und auf dem Dach. Doch der grüne Pelz ist bei weitem nicht das Einzige, das zum Augenreiben und Kopfschütteln animiert. Als hätte jemand im CAD-Programm die falsche Taste gedrückt, wachsen nun an Stellen, die laut Architekturalmanach nicht dafür vorgesehen sind, Stiegenläufe und Terrassentüren aus dem Haus. Erstere dienen der Statik, Letztere sorgen dafür, dass im ersten Stock niemand aus dem Fenster fällt.

„Wer sagt schon, dass ein Geländer aussehen muss wie ein Geländer? Und eine Säule wie eine Säule? Von diesem Konformismus halte ich nicht viel. Es wird Zeit, dass wir das Gewohnte endlich mal über Bord werfen und neue Dinge ausprobieren. Nur so wird sich die Architektur weiterentwickeln können.“

Planung mit Zufallsgenerator

Die Strategie von Weichlbauer Ortis ist nicht neu. In unzähligen Projekten warfen die beiden Steirer bereits den Zufallsgenerator an und stellten die Erwartungshaltungen des Publikums auf die Probe. „Wir haben ein Computerprogramm entwickelt, das anhand von bestimmten, von uns festgelegten Parametern die exakte Morphologie des Hauses generiert. Und dann drücken wir so lange auf Enter, bis uns die Form gefällt.“

Den Bauherren taugt's. „Wir leben gerne in diesem Haus und haben bisher großen Spaß damit“, erzählt Isabella Reisinger, die im Keller sogar eine kleine Käserei betreibt. „Natürlich müssen wir uns von unseren Nachbarn gewisse Witzchen gefallen lassen. Sie wissen schon, weidende Plastikziegen vorm Badezimmerfenster und so. Doch wenn es uns damit gelingt, den traditionellen österreichischen Bauernhof ein bisschen zu hinterfragen und unseren Beruf auf einen neuen Stand zu bringen, dann ist uns das die Sache wert.“

Zufriedenheit herrscht auch am westlichen Stadtrand von Graz, wo ein Jahrzehnte lang gestückelter Altbau zu einem Seminarzentrum der Landesverwaltungsakademie umgebaut wurde. Das Budget war knapp, und so musste beim geladenen Wettbewerb nach allen Mitteln der Kunst getrickst werden. Das radikale Spiel der beiden Architekturbüros Grazt und Splitterwerk überzeugte die Jury einstimmig.

„Ein Zubau ist sich laut unserer Kalkulation nicht ausgegangen“, erklären die Architekten, „also haben wir beschlossen, das Innenleben neu zu organisieren und die Baukubatur so zu belassen, wie sie ist.“ Damit das unruhige Bild des Hauses, das mal Gastwirtschaft, mal Internat gewesen war, ein wenig zu bändigen und zu vereinheitlichen, zogen die Architekten eine homogene Haut aus Eternit-platten über Dach und Wand.

„Bunt ist meine Lieblingsfarbe“, soll Walter Gropius einst gesagt haben. Wäre der Bauhaus-Mensch noch am Leben, würde ihm die Landesverwaltungsakademie, in der jährlich rund 250 Schulungen abgehalten werden, die Tragbreite seiner Aussage schillernd vor Augen halten. 26 unterschiedliche Farben, Stück für Stück an die Fassade genietet, erwecken den Eindruck einer überdimensionalen Burg aus Legosteinen. Aus einiger Entfernung betrachtet, verschwindet das Haus wie ein Fleckerlteppich im Nichts.

Angst vor trostlosem Grau

Splitterwerk erinnert sich zurück: „Eine der größten Befürchtungen der Auftraggeber war, dass Schulungspersonal und Kurzteilnehmer in einem trostlosen grauen Haus arbeiten müssen. Wir denken, dass wir dieser Angst sehr einfühlsam begegnet sind.“

Angst vor leeren Räumen hingegen hat der Wiener Interior-Designer Denis Kosutiæ. Im kürzlich eröffneten Restaurant Orlando di Castello auf der Wiener Freyung kommt der Horror Vacui des gebürtigen Kroaten besonders gut zum Vorschein. In barocker Manier, mit Samt und Stahlnieten gesäumt, schuf er einen lukullischen Raum, in dem der gute Geschmack mit einem riesigen Grinsen durch den Kakao gezogen wird. Kosutiæ selbst bezeichnet seinen Entwurf als einen „Raum voll harter Unschuld“.

Die Sitzlandschaft ist eine Komposition aus Hightech und Historienkitsch, die rosenbedruckten Stehleuchten baumeln, statt am Boden zu stehen, kopfüber von der Decke. Oder - wie es Architekturkritikerin Gabriele Kaiser auf den Punkt bringt: Das Orlando di Castello sei ein ideales Setting für ein Rendezvous zwischen Queen Elizabeth, dem Rapper 50 Cent und einem Mädchen aus Tirol.

„Schlichte weiße Räume sind mir zutiefst suspekt“, sagt Kosutiæ. „Außerdem sind sie in den meisten Fällen todlangweilig. Ich bin der Meinung, dass Architektur ruhig einmal über die Stränge schlagen darf. Das Leben ist schon ernst genug. Ohne Humor und Ironie ... Wo kommen wir da hin?“

Möge uns die Leichtigkeit dieses Seins durch die kommenden Architekturannalen begleiten.

24. Dezember 2009 Der Standard

Die Heimat zwischen den Zeilen

Die ureigentliche Aufgabe der Architektur ist das Schaffen von Wohn- und Lebensraum. Sieben neue Bücher rufen uns dies ins Gedächtnis.

„Man kann die Heimat auswechseln oder keine haben, aber man muss immer, gleichgültig wo, wohnen“, hatte der tschechische Philosoph Vilém Flusser einst gesagt. Zeitlos und krisenresistent purzelte in den letzten Monaten eine ganze Reihe an einschlägigen Büchern auf den Markt, die Flussers Wohnformel zahlreich unterstreichen. In den nun folgenden Wochen der Muße steht einer gründlichen Lektüre dieser Schätze nichts im Weg. Hier sind derer sieben.

Die wohl ungewöhnlichste Publikation, man glaubt es kaum, ist ausgerechnet ein Jahrbuch. Der 330 Seiten starke Bildband Von Menschen und Häusern. Architektur aus der Steiermark ist bei HDA Graz erschienen und nimmt die zwölf Preisträger des diesjährigen Steirischen Architekturpreises unter die Lupe - und zwar selbstkritisch und originell.

Apathische Architekturfotografie und Fachsimpelei im Architektenjargon sucht man vergeblich. Stattdessen gibt es witzige und bisweilen skurrile Fotos der mexikanischen Fotokünstlerin Livia Corona, die teils inszeniert, teils aus dem Alltag gegriffen sind: Kinder spielen Luftgitarre, Mütter waschen Büstenhalter, Väter nageln Bilder an die Wand. Dazwischen werden, wie in einem Filmdrehbuch, Gesprächsszenen von Anrainern und Hausbewohnern eingestreut. Die größte Qualität der Texte: Nichts wird beschönigt, jede noch so kritische Stimme kommt zu Wort.

„Das sind spinnerte Architekten“, äußert ein Passant kurz und bündig seinen Unmut über eines der preisgekrönten Häuser, während ein anderer ausholt: „So viel kann ich sagen: Architektonisch finde ich das Haus einfach schiach, es gehört da nicht her.“ Andernorts erklärt eine schrullige Anrainerin: „Ja, das komische braune Hause kenne ich. Es sieht schon eigenartig aus, irgendwie gar nicht wie ein Haus. Aber mir ist das egal, ist ja nicht mein Haus.“

Einen Blick in die privaten rot-weiß-roten Wohn- und Schlafgemächer gewährt auch das (bereits 2008 erschienene) Buch Gelebte Räume. Wie ArchitektInnen wohnen. Obwohl in diesem Fall die Planer mitsamt ihrer Domizile höchstselbst vor die Kamera treten, ist der Unterhaltungswert um nichts geringer. „Die Schizophrenie in diesem Beruf“, meint etwa der Wiener Architekt Rainer Kasik, „liegt darin, dass man für andere plant und fertigstellt, während der eigene Raum stets unfertig und improvisatorisch bleibt.“ Aus dem Chaos heraus spricht auch Gerd Zehetner: „Bei meiner täglichen Arbeit als Architekt muss es natürlich für alles einen Plan geben. Nur für unser Haus darf es keinen geben. Alles muss flexibel und herrlich unkompliziert bleiben.“

Wie prächtig hingegen die Früchte sorgfältiger Planung gedeihen, beweisen die beiden Bücher New Forms of Collective Housing in Europe und Neuer Wohnungsbau in den Niederlanden (erscheint im Februar). Da wie dort werden außergewöhnliche Projekte aus der Sparte des kollektiven Wohnbaus vorgestellt. „Eines ist dabei besonders interessant“, bringen die Autoren in ihrem Vorwort zu Papier, „Einwohner aus schwächeren sozialen Schichten neigen in der Regel dazu, sich eher in einem gleichen kulturellen und familiären Umfeld einzubetten als andere.“ Anders gesagt: „Wo gewohnt wird, gibt's Gewohnheiten.“

Dem innovativen Bauen und Wohnen tut dies jedenfalls keinen Abbruch. Frankreich etwa arbeitet seit mittlerweile zwei Jahrzehnten an einer neuen Zauberformel mit den beiden Unbekannten Flächenmaximierung und Kostenreduktion. Das Ergebnis ist ein Potpourri an überaus unorthodoxen Baumaterialien - von diversen Kunststoffen über Blech bis hin zu unverputztem Ziegelstein.

Ganz anderer Natur hingegen ist die Experimentierlaune in Spanien, Holland und Dänemark, wo Investoren und Bauträger aufgrund der Wohnungsknappheit dazu tendieren, den Massenwohnbau immer stärker zu verdichten. In den Niederlanden beispielsweise, wo allein in den letzten sieben Jahren 600.000 Wohnungen errichtet wurden, wird dieses Spiel mit besonders großem Engagement betrieben. 60 penibel präsentierte Wohnbauprojekte liefern im Buch den nötigen Beweis.

Dass die Wurzeln des Massenwohnbaus allerdings weit länger zurückliegen als gedacht, beweist Robert Liebscher in seinem Büchlein Wohnen für alle. Eine Kulturgeschichte des Plattenbaus. Sorgfältig und, Respekt, in völliger Abstinenz von Nostalgie und Ostalgie widmet sich der Stadthistoriker darin der Präfabrikation von Wohnraum und startet seine Recherche im frühen 19. Jahrhundert. Erläutert werden nicht nur die unterschiedlichen Bauweisen, sondern auch die Zusammenhänge zwischen Bauhaus-Utopie, Bauwirtschaft und DDR-Politik.

Mit politischen Hintergründen ist auch die Suhrkamp-Publikation Heimatcontainer. Deutsche Fertighäuser in Israel gespickt. Sie kehrt die längst vergessene Geschichte der deutschen Bauunternehmerfamilie Hirsch hervor. Ursprünglich auf die Herstellung von Rohware spezialisiert, fertigte der Familienbetrieb in den frühen 30er-Jahren Fertigteilhäuser aus Kupfer.

„Das Kupferhaus glänzt schon von Weitem. Es ist nicht ungefährlich sich ihm bei starkem Sonnenschein zu nähern“, spottete die Frankfurter Zeitung im Mai 1931. „Die vorurteilslose Architektur, nach der eine solche metallische Unterkunft verlangt, wäre unbedingt durch ein mit Zinkblech belegtes Gärtchen zu ergänzen, in dem Bleibäume blühen müssten, die niemals verwelken.“

Trotz medialer Kritik wurden die Kupferhütten vom Publikum wohlwollend angenommen und schließlich bis nach Palästina exportiert. Friedrich von Borries und Jens-Uwe Fischer rekonstruieren in ihrem Buch die kuriose Reise der blechernen Häuser - Wissensdurst stillend und lesenswert.

Wer von allem Wohnen noch immer nicht genug hat, dem sei Jürgen Hasses wissenschaftliches Elaborat Unbedachtes Wohnen. Lebensformen an verdeckten Rändern der Gesellschaft ans Herz gelegt. Minutiös und detailverliebt, wiewohl in etwas schwer verdaulicher Sprache, geht er dem Begriff Wohnen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Grund.

Die Sichtweise des Frankfurter Stadtforschers ist bisweilen mutig und überraschend. Nicht einmal vor Gefängnisarchitektur, klösterlicher Askese und Obdachlosigkeit schreckt er dabei zurück. Sein Fazit: Gewohnt wird überall - und wenn es auf der Parkbank ist.

Andreas und Ilka Ruby (Hg.), „Von Menschen und Häusern. Architektur aus der Steiermark“. € 39,90 / 332 S. Verlag Haus der Architektur, Graz 2009

János Kalmár, Barbara Sternthal, „Gelebte Räume. Wie ArchitektInnen wohnen“. € 29,90 / 160 S. Residenz Verlag, 2008

Arc en Rêve Centre d'Architecture Bordeaux, „New Forms of Collective Housing in Europe“. € 74,79 / 296 S. Birkhäuser Verlag, 2009

Leonhard Schenk, Rob v. Gool, „Neuer Wohnungsbau in den Niederlanden. Konzepte, Typologien. Projekte“. € 69,95 / 192 S., Random House, 2010

Robert Liebscher, „Wohnen für alle. Eine Kulturgeschichte des Plattenbaus“. € 12,90 / 176 S. Vergangenheitsverlag, 2009

Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer, „Heimatcontainer. Deutsche Fertighäuser in Israel“. € 12,40 / 208 S. Edition Suhrkamp, 2009

Jürgen Hasse, „Unbedachtes Wohnen. Lebensformen an verdeckten Rändern der Gesellschaft“. € 24,80 / 256 S. Transcript Verlag, 2009

12. Dezember 2009 Der Standard

Totschlag mit Daunenjacke

Innovative Technologie führt nicht zwangsläufig zu guter Architektur. In Graz-Liebenau wurde ein Wohnhaus thermisch saniert - und dabei brutal umgebracht.

Un dos winter-lejbl nem,
Tu es on du schojte,
Ojb du wilst nischt sejn kejn gast
Zwischn ale tojte.

„Nimm die dicke Winterweste, du Narr, oder möchtest du weilen unter den Toten?“, schrieb der jiddische Lyriker Itzik Manger in seiner Ballade Ojfn weg schtejt a bojm. Bis vor Kurzem galt das auch für die rund 500 Bewohner der Puch-Siedlung in Graz-Liebenau. Ungedämmt und weitestgehend unbeheizt wohnten die ehemaligen Bediensteten der Steyr- und Puch-Werke in einer langen Häuserzeile aus dem Jahr 1950. Der städtebauliche Entwurf selbst dürfte älter sein, denn die gekrümmte Bebauungsform weist typische Elemente der damaligen Nazi-Bauten auf.

Ursprünglich in Besitz der GWG Steyr, wurde die heruntergekommene Wohnanlage vor drei Jahren von der ebenfalls oberösterreichischen Gemeinnützigen Industrie- und Wohnungsaktiengesellschaft (Giwog) erworben. Und damit nahm das architektonische Grauen seinen Lauf.

„Der technische Zustand der 204 Wohnungen war eine Misere“, erinnert sich der Giwog-Vorstandsvorsitzende Georg Pilarz, „die eine Hälfte der Bewohner hatte mit Öl und Holzkohle geheizt, die andere Hälfte mit Strom.“ Nicht gerade die klügste Option. Eine durchschnittliche 70-Quadratmeter-Wohnung bescherte ihren Bewohnern auf diese Weise Heizkosten in der Höhe satter 300 bis 400 Euro - pro klirrend kalten Wintermonat wohlgemerkt. Eine ganzheitliche Lösung musste her.

Das Ergebnis der umfassenden thermischen Sanierung: Passivhausstandard und eine immense wirtschaftliche Erleichterung für jeden, der hier wohnt. Dank der ausgetüftelten Fertigteile des österreichischen Fassadenherstellers gap solution konnten die Heizkosten auf ein Zwanzigstel gesenkt werden. Geheizt wird nun um läppische 20 Euro pro Monat. Die integrierten Sonnenkollektoren verschaffen zudem eine Reduktion der Warmwasserkosten um beachtliche 75 Prozent.

Einziger Wermutstropfen an diesem recht cleveren System ist die völlige Zerstörung der Architektur. Vom Charakter der einstigen Werkswohnungen blieb nichts übrig. Statt der charmant gealterten Eternit-Fassade und der klaren Struktur zwischen oben und unten wirkt das Haus nach der Sanierung geradewegs wie ein pausbäckiger Narr mit Winterweste, ach was, wie ein graumelierter Herr, der gegen seinen Willen in einen futuristischen Daunenanorak gepfercht wurde. Die reinste Karikatur.

Das bestätigt auch Friedrich Achleitner: „Die Methode, das Neue vom Alten abzuheben und den Kontrast deutlich sichtbar zu machen, ist an sich ja eine sympathische und begrüßenswerte Sache“, erklärt der Architekturhistoriker. „Ich habe auch nichts gegen die komplette Deformation eines Gebäudes. Aber die Art und Weise, wie die Elemente der unterschiedlichen Epochen hier nebeneinander stehen, halte ich für etwas problematisch.“

Sanierung mit Vorbildwirkung?

Unglücklich, wen wundert's, ist nicht zuletzt der Architekt: „Wir haben viele Möglichkeiten ausgelotet, unter welchen Bedingungen diese Bausubstanz am verträglichsten zu dämmen ist“, sagt Josef Hohensinn, der das Projekt bis zur behördlichen Einreichung begleitete. „Doch irgendwann hat der Auftraggeber seine Entscheidung gefällt und hat uns dieses Fassadensystem vorgeschrieben. Die Alternativen waren damit hinfällig.“

Das größte Manko an der Umsetzung sei die fehlende Konsequenz, sagt Hohensinn. „Durch die Montage der Dämmpaneele ist das Haus nach allen Seiten um 30 Zentimeter gewachsen. Das verändert natürlich das gesamte Erscheinungsbild. Wenn Dach und Giebel ebenfalls modernisiert worden wären, wie das ursprünglich vorgesehen war, wäre das Projekt in Summe wieder stimmig gewesen. Aber so ist das Resultat nicht besonders überzeugend.“ Vor allem befürchtet Hohensinn, dass das Projekt, das in Fachkreisen bereits als vorbildlich angesehen wird, rasch Nachahmer finden könnte.

Die Angst des Architekten ist nicht unbegründet. Aufgrund des technischen Erfolgs wurde das Projekt kürzlich mit dem Energy Globe Award für das Bundesland Steiermark ausgezeichnet. „Am Dieselweg werden mit unserer Unterstützung neue Maßstäbe gesetzt“, erklärt Umwelt-Landesrat Manfred Wegscheider von der Grazer SPÖ. Von „frischem Wind“ und „Vorbildwirkung“ ist die Rede. Das Interesse ist seit Monaten ungebremst. Fachleute aus ganz Europa pilgern busweise nach Liebenau, um die innovative Fertigteilfassade in natura zu beäugen.

„In gewisser Weise ist das System von gap solution bestechend genial“, erklärt der Bauphysik-Spezialist Jochen Käferhaus. „Das Beste daran ist, dass die Baustelle kurz und unkompliziert ist. Die fix und fertigen Dämmmodule aus Mineralwolle, Kartonwaben und Glas werden mitsamt den neuen Fenstern auf die Baustelle geliefert und anschließend in einem Stück auf die Fassade montiert. Sämtliche statischen und thermischen Maßnahmen, die dazu nötig sind, werden von außen vorgenommen, sodass die Mieterinnen und Mieter keinerlei Einbußen im Wohnkomfort hinnehmen müssen. Einen klügeren und effizienteren Bauprozess kann man sich als Techniker nicht wünschen.“

An der hemdsärmeligen Vorgehensweise in Hinblick auf die alte Bausubstanz übt jedoch selbst der euphorische Bauphysiker Kritik: „Bei den benachbarten Wohnhäusern aus den Siebzigerjahren, wo die gleichen Maßnahmen getroffen wurden, gibt es eigentlich nichts zu meckern. Solche Gebäude, bei denen man nichts verschlechtern, sondern nur alles besser machen kann, sind das perfekte Einsatzgebiet dieser Bauweise. Bei einem Altbau, bei dem Proportion und Charakter verlorengehen, ist das meiner Meinung nach allerdings der verkehrte Griff in die Trickkiste.“

Fazit: Selbst wenn dem Bauträger ein grundsätzlich ambitioniertes und innovatives Sanierungsmodell geglückt ist, selbst wenn die Bewohner dieses Hauses jedes Jahr Strom- und Heizkosten in der Höhe von weit mehr als tausend Euro einsparen können, gibt es mit Sicherheit intelligentere Einsatzgebiete dieser Technologie.

Instant-Fassadensysteme gehören auf Instant-Häuser. Auf historischen Bauten, die gemeinhin zu den wertvollsten Ressourcen unseres Lebensraumes zählen, haben sie nichts verloren. Möge der Balanceakt zwischen Bautechnik und Baukultur in Zukunft besser gelingen.

12. Dezember 2009 Der Standard

Wohnglück beim dritten Anlauf

Mit der Umgebung und den Nachbarn hat's einfach nicht geklappt. Beim dritten Einfamilienhaus innerhalb von sieben Jahren ist alles anders: Familie Gugler wohnt glücklich und abgeschieden inmitten der Natur.

Wolfgang und Karin Gugler sind mittlerweile Meister ihres Fachs. Innerhalb von sieben Jahren schaffte es das Ehepaar auf nicht weniger als drei gebaute Einfamilienhäuser. „Das erste Haus war großartig, aber wir konnten uns mit der Umgebung nicht arrangieren. Die Nachbarn haben uns direkt ins Kaffeehäferl geschaut“, erinnert sich Wolfgang Gugler, „und so haben wir beschlossen, das Haus zu verkaufen und ein neues zu bauen.“ Auch das zweite Domizil gefiel auf Anhieb, allerdings hatten die beiden ihr Bedürfnis nach Intimsphäre abermals unterschätzt. Und so wurde auch dieses Haus verkauft.

Aus Fehlern wird man klug. Mit einer detaillierten Liste an Dos and Don'ts tanzten Wolfgang und Karin schließlich beim Steyrer Architekten Gernot Hertl an und legten ihre Wünsche dar. Diesmal sollte es ein Haus werden, das sich von seiner Umgebung weitestgehend abschottet. Obwohl das hügelige Grundstück am Rande von Scharten von Wiesen und Wäldern umgeben ist, sehnten sich die Auftraggeber nach einem intimen und introvertierten Atriumhaus.

„Ein Atriumhaus mitten in der Natur mag für einen Außenstehenden eigenartig wirken, denn üblicherweise kennt man diese Typologie aus der Stadt, wo die Leute einander ins Fenster blicken“, sagt Architekt Hertl. „In diesem Fall waren die Bauherren allerdings so überzeugt von ihrem Wunsch, dass ich an diesem Auftrag sofort Gefallen gefunden habe.“

Eifrig machte sich der Architekt ans Werk und präsentierte seinen Kunden schließlich ein Haus, das einzig und allein über zwei Atrien belichtet wird. Nach außen gab es weit und breit kein Fenster, nichts als Putz.

„Als uns Hertl groß angeschaut und gefragt hat, ob wir denn nicht völlig entsetzt seien, wussten wir, dass es noch genügend Spielraum für Kompromisse gibt.“ Ausgereizt wurde dieser jedenfalls nicht. Lediglich das eine oder andere zusätzliche Fenster in der Außenwand wurde nachträglich in den Plan geritzt.

Wie eine massive Lehmburg ragt das vieleckige Gebilde auf der Hügelkuppe nun in die Höhe. Die Assoziation ist durchaus gewollt, denn die Außenwände bestehen aus 50 Zentimeter dicken Hohllochziegeln. Dank der thermischen Eigenschaft des Baustoffs kommt das Haus ohne zusätzliche Wärmedämmung aus. Die ungewöhnliche Bauweise brachte dem Projekt in der Kategorie Einfamilienhaus den 2. Preis beim diesjährigen Austrian Brick & Roof Award ein.

Haus ohne Wärmedämmung

„Wo es möglich war, wollten wir künstliche Dämmstoffe und Isolierungen vermeiden“, sagen Karin und Wolfgang Gugler, „das hat weniger mit Ökologie zu tun als vielmehr damit, dass wir in einem atmungsaktiven und simpel aufgebauten Haus leben wollten.“

Einfachheit ist auch das Motto der Innenräume. Bis auf die zwei Zimmer des dreijährigen Theo und der siebenjährigen Helena, die in die grüne Landschaft hinausblicken, sind sämtliche Aufenthaltsbereiche von der Wohnküche bis zum Schlafzimmer ins Atrium orientiert. „Die Fenster sind so groß, dass wir manchmal das Gefühl haben, im Freien zu sitzen“, sagt Gugler, „im Sommer ist das tatsächlich der Fall, denn durch die breiten Schiebetüren verschmelzen die 80 Quadratmeter große Wohnküche und die rund 50 Quadratmeter große Terrasse zu einem Raum.“

Weiße Wände, Stabparkett und schwarzer Schiefer. „Ein hübsches Haus, aber wie um Himmels willen wollt ihr euch denn einrichten?“, hatten die Freunde am Anfang gefragt, verdutzt über die vielen schiefen Winkel im Haus. „Alles kein Problem“, sagt Karin Gugler. „Aus den beiden Einfamilienhäusern zuvor haben wir bereits unsere Lehre gezogen. Bis auf die Küche gibt es kein einziges Maßmöbel, alles steht frei im Raum.“ Trotz der flexiblen Einrichtung wissen die beiden allerdings: „Wir sind nun endlich angekommen. Nochmal umziehen und Haus bauen kommt nicht infrage.“

5. Dezember 2009 Der Standard

Morgen fängt der Hedonismus an

In Wien-Ottakring wurde eine alte gekachelte Villa um einen Wintergarten erweitert. Damit schufen die SUE Architekten den passenden Rahmen für Wohnen und Freizeit. Der Alltag sieht allerdings anders aus. Noch.

Selbst der Innenarchitekt, der vor drei Jahren eigens angetanzt war, musste bald die Flinte ins Korn werfen. Eine Teilung der Zimmer unter diesen Umständen, meinte er, sei schlichtweg unmöglich. Zu verwinkelte Bausubstanz, zu viele Durchgangszimmer, zu wenige Fenster. Man gab die Umbaupläne wieder auf. „Als dann unser zweites Kind unterwegs war, wussten wir, dass ein Ausbau des Hauses unumgänglich war“, sagt Herr L., „also haben wir beschlossen, einen Wintergarten anzubauen und den Keller zu erweitern.“

Über ein paar Ecken gelangten Herr und Frau L. an das Wiener Büro SUE Architekten. Wer hinter dem Büronamen eine hochhackige Architektendame vermutet, der irrt gewaltig. Drei waschechte Kerle stecken dahinter. Und SUE, versichern sie mit bärtig gehobenem Kinn, sei kein weiblicher Vorname, sondern stehe für „Strategie und Entwicklung“. Jawohl.

Strategisch machten sich Michael Anhammer, Christian Ambos und Harald Höller an die Arbeit. „Die Bebauungspläne waren sehr rigoros“, erinnert sich Architekt Anhammer, „wir hätten ein bisschen was vorn und ein bisschen was hinten anbauen können.“ In einem fruchtenden Gespräch mit dem zuständigen Baupolizisten einigte man sich darauf, auf das straßenseitige Bauland zu verzichten und die Baufläche stattdessen gartenseitig zuzuschlagen.

Die juristische Basis für diesen Deal bot § 69 der Wiener Bauordnung: unwesentliche Abweichungen von Bebauungsvorschriften. „Den Bauherren war geholfen, indem sie nun einen großen Wintergarten erhielten“, sagt Anhammer, „der Stadt wiederum war geholfen, indem der Blick auf die historische Kachelfassade aus dem Jahr 1908 von der Straße aus original erhalten und durch keinen modernen Zubau getrübt wurde.“

Als hätte jemand eine gläserne Schublade aus der Villa herausgezogen, liegt im Garten nun ein ebenerdiger, schlicht brauner Wintergarten in der Wiese. Anders als man dies von den meisten Anbauten dieser Art kennt, wird hier nicht etwa gelesen und Musik gehört, sondern geschlafen, und zwar in der Nacht. „Das Bestandshaus ist sehr massiv“, beschreibt Herr L. die Situation, „aus diesem Grund wollten wir zumindest in unserem Schlafzimmer die Weite der Natur spüren.“ Ein üppiger Garten breitet sich vor der nächtlichen Schlafstatt aus. In der Übergangszeit und im Sommer schlafen die L.s bisweilen bei weit geöffneten Schiebetüren, mit Blätterrauschen am Abend und Vogelgezwitscher am Morgen.

Ein Kellerraum als Spa

Schlicht sollte die Architektur sein, darin waren sich Bauherren und Architekten von Anfang an einig. Kunststeinboden, Glasfassade und naturbelassene, geölte Eichenholzdecke sind die wesentlichen Zutaten für das Wohnen im Grünen. Mittlerweile wurde das Leben der Bauherrenfamilie vom Alltag eingeholt. Möbel für Groß und Klein, Riesenaquarium und Raumteiler prägen den einst transparenten Raum. „Schlicht zu wohnen ist gar nicht so einfach“, blickt Herr L. dem bevorstehenden Weihnachtsputz entgegen. „Wir haben vor, bis Jahresende alles zu entrümpeln und von diesem Zeitpunkt an so zu nutzen, wie es auch gedacht war.“

Auch das futuristische Kellerstübchen, derzeit noch mehr Keller als Stübchen, wird demnächst seine volle Pracht entfalten. Über eine eingespannte Treppe aus Holz und Stahl geht es runter in einen Aufenthaltsbereich mit weiteren 70 Quadratmetern Nutzfläche.

Um den Raum vollwertig nutzbar zu machen, entschieden sich die SUE Architekten dazu, das Grundstück im Osten abzugraben und morgendliches Sonnenlicht nach unten zu führen. Das hölzerne Podest unter der Glasfassade birgt Stauraum. Ein riesiger Whirlpool, eine Cocktailbar und Kugelstrahler im Siebzigerjahre-Design machen aus dem Raum unter der Erde einen hedonistischen Spa-Bereich. „Freunde einladen, den einen oder anderen Cocktail trinken und stundenlang baden - so stellen wir uns die Freizeit vor.“

28. November 2009 Der Standard

Die zwei mit der Zementneurose

Stefan und Bernhard Marte bauen nicht nur, aber vor allem mit Beton. Die radikale Etikette der beiden Vorarlberger Architekten ist nun in einer Ausstellung zu sehen.

Sie schauen aus wie Deutschlehrer und Türsteher. Das gleiche Blut, das in ihren Adern fließt, sieht man den beiden Brüdern beim besten Willen nicht an. Was man ihnen auch nicht anmerkt: Stefan und Bernhard Marte sind weder in der Schule noch im Nachtleben aktiv, sondern zählen zu den ungewöhnlichsten Architekten dieses Landes. Zu den besten noch dazu.

Ab kommenden Dienstag widmet ihnen die Galerie Aedes in Berlin-Pfefferberg eine eigene Ausstellung. Unter dem Titel Concrete Works geht es rasch zur Sache. Gezeigt werden Projekte, die nicht nur konkret im Sinne der Realisierung sind, sondern die auch dem Baustoff Beton, concrete also, alle Ehre erweisen. „Wir haben uns nie auf Beton versteift“, erklärt der minimalistisch frisierte Bernhard, mit 43 Jahren der ältere der beiden Brüder. „Doch irgendwie passiert es, dass wir immer wieder bei Konzepten landen, für die nur ein einziges Material infrage kommt.“ Augenbrauen gehoben: „Beton.“

Offenporig, glatt, geschmeidig grau. „Auf eine bestimmte Art und Weise gibt es nichts Schöneres als eine gegossene Wand aus Sichtbeton“, schwärmt der 42-jährige Stefan. Denn eines, bitte schön, müsse der Beton bei all der Mühe, die der Bau eines derartigen Gebäudes verschlingt, unter allen Umständen sein: unverkleidet und nackig, wie der Baumeister ihn schuf. „Wenn man die schalglatte, fast spiegelnde Oberfläche berührt, kann man die Kraft des tonnenschweren Materials förmlich spüren“, sagt Stefan, „und das ganz ohne Farbe und Oberflächenbehandlung, sondern einfach nur durch seine Grundsubstanzen Wasser, Stein, Zement.“

Neben einer ganzen Reihe an kleineren Bauten wie Einfamilienhäusern, Badehäusern und Kapellen zählt zu den radikalsten und wohl umfangreichsten Projekten des Vorarlberger Büros die Sonderschule mit angeschlossenem Internat in Mariatal, Tirol. Der Einsatz von Sichtbeton, wie könnte es anders sein, verdeutlicht im Umgang mit alter Bausubstanz das unglaubliche Fingerspitzengefühl der beiden streng blickenden Herren.

Irritation statt Ehrfurcht

Gebeutelt von einer bisweilen grässlichen Vergangenheit, zeichnet sich das 1267 gegründete Dominikanerkloster Mariatal vor allem durch seine Architektur der Ehrfurcht aus. Das hässliche Internatsgebäude, das in den Siebzigerjahren gefühllos ins alte Ensemble geschmissen wurde, machte die Sache nicht besser. Es fiel der Abrissbirne zum Opfer und schuf Platz für einen Neubau.

Marte.Marte nahmen den Charakter der historischen Anlage auf, spielten mit den rigoros platzierten Fenster- und Türelementen, als handelte es sich dabei um einen magischen Würfel, und platzierten das fertige Ding schließlich auf die frei gewordene Parzelle.

Das Resultat wurde nicht nur mit dem Österreichischen Bauherrenpreis 2007 ausgezeichnet, sondern leistet auch sämtlichen räumlichen Komfort zur Betreuung der teils verhaltensauffälligen, teils gehandikapten Kids. „Ich denke, dass wir mit diesem Bau eine Architektur zum Wohlfühlen geschaffen haben“, sagt Stefan Marte, „einerseits dringt durch die großen Fenster Ausblick und Freiheit in den Raum, andererseits bieten die dicken, massiven Mauern Wärme und Geborgenheit.“

Mit dem Material selbst habe es nie Schwierigkeiten gegeben, sagt Stefan. „Wenn man den Kindern schöne und offene Räume bietet, die ihrem Alter und ihrer Größe entsprechen, dann nehmen sie das auch spielerisch an - mit oder ohne Sichtbeton. Wenn jemand ein Problem damit hat, dann die Lehrer.“

Bruder Bernhard zieht erstmals die Mundwinkel nach oben. Jawohl, ein Schmunzeln ist ihm entfleucht: „Manche Leute behaupten, wir hätten ein massives psychisches Problem da oben in unserer Kemenate“, sagt er. „Irgendwie meinen sie, dass all unsere Entwürfe an mittelalterliche Burgen erinnern. Ein Fünkchen Wahrheit steckt da sicher drin. Schon seit unserer Kindheit sind wir von der Kraft und Ausstrahlung mittelalterlicher Burganlagen fasziniert.“

Wo eine Burg, da auch eine Brücke: Zwei davon haben die beiden in den vergangenen Jahren bereits realisiert. Nun ist die dritte im Entstehen. „Irgendwie haben wir's mit den Brücken, aber die Bauaufgabe ist einfach faszinierend“, erzählt Bernhard. „Besser als irgendwo sonst kann man hier die plastischen Eigenschaften dieses Baustoffs zur Schau stellen. Damit entsteht eine Architektur, die den Verlauf der inneren Kräfte ohne Kaschierung und Verkleidung nach außen kehrt.“

Beton ist ein poetisches Malheur

Für den Material-Striptease über das Schanerloch im Bezirk Dornbirn erhielten die Marte-Brüder nicht nur den International Architecture Award 2008, sondern auch - quasi dem Lauf der Zeit zuvorkommend - Gold beim Best Architects Award 2010. „Wir haben ein gewisses statisches Vorstellungsvermögen, das nicht so schlecht ist. Die ersten formgebenden Skizzen kommen daher von uns. Aber die Konstruktion ist meist so ausgereizt, die Berechnung so kompliziert, dass wir ohne den fundierten Statiker Josef Galehr an unserer Seite längst verzweifelt wären.“

Das architektonische Wollen in die nötige konstruktive Form zu pressen ist keineswegs einfach, dessen sind sich die Marte-Brüder bewusst. „Wir brauchen uns nichts vorzumachen, Bauen mit Beton ist sicher nicht die effizienteste Methode“, sagen sie. „Man muss sich das einmal vor Augen halten: Zuerst wird ein fix und fertiges Holzhaus auf die Wiese gestellt, dann werden die Hohlräume ausgegossen und gedämmt, und am Ende reißt man die Holzhütte wieder weg und entsorgt sie. Ein betriebswirtschaftliches Malheur!“

Ein Einfamilienhaus in Holz zu bauen, eine Brücke in Stahl, eine Schule als Skelettleichtbau sei nicht nur billiger, sondern auch weitaus ressourcenschonender. „Aber es kann unmöglich das Ziel sein, die nächsten hundert Jahre nur noch von Logik, Pragmatik und Panik vor dem Klimawandel zu leben. Wo bleibt da die poetische Komponente dieser so wunderbaren Kultur?“

Stefan und Bernhard Marte bleiben ihrem Schaffen treu. Der wachsende Erfolg gibt ihnen recht. „Wir können nicht anders, so ist unser Leben. Und selbst wenn wir es könnten, würden wir wahrscheinlich keine Motivation verspüren, in der Früh aufzustehen und unsere Arbeit zu erledigen.“ Tatendrang in jedem Maßstab: Die zehn Modelle in der Ausstellung, kein Wunder, sie sind aus Beton.

[ Die Ausstellung „Concrete Works. Marte.Marte Architekten“ wird kommenden Dienstag, 1. Dezember, in der Galerie Aedes am Pfefferberg eröffnet. Christinenstraße 18-19, 10119 Berlin. Zu sehen bis einschließlich 12. Jänner 2010. www.aedes-arc.de ]

[ Buchtipp: „Marte.Marte Architects“, herausgegeben von Stefan und Bernhard Marte, erschienen im Springer Verlag, 2008, 415 S., EUR 58,80 ]

28. November 2009 Der Standard

Mein Haus hat drei Herzen

Das schwarze Haus in Zellerndorf ist gedrittelt und gestaffelt. Jede der drei Kisten hat ihre eigene Funktion. Das Besondere daran: Um Baukosten zu sparen, legte die gesamte Bauherrenfamilie selbst Hand an.

Martin Diem kann sich noch genau erinnern. Vor genau drei Jahren stand der Polizist draußen in der eisigen Kälte und schraubte Fassadenplatten an die Wand. „Das Timing war verrückt, aber es musste einfach sein“, sagt er, „schließlich mussten wir das Haus vor dem ersten Schneefall winterfest machen.“ Die ganze Familie half damals mit. Selbst Bruder Robert, seines Zeichens planender Architekt, stand auf der Leiter und rackerte sich mit hunderten Quadratmetern von Wärmedämmung, Abdichtungsfolie und Fassadenplatten ab.

„Die Eigenleistung hat bei diesem Projekt viel Zeit in Anspruch genommen“, erinnert sich der Architekt, „insgesamt hat der Bau des Hauses drei Jahre lang gedauert. Das ist länger als bei jedem anderen Einfamilienhaus.“ Die Mühe für die Mitarbeit am Rohbau, an der Fassade und am gesamten Heizungssystem im Haus hat sich dennoch ausgezahlt: „Angesichts der Branchenpreise in den letzten Jahren schätzen wir, dass wir rund 75.000 Euro an Baukosten einsparen konnten.“

Dem Bruder taugt's doppelt. Erstens konnte er auf diese Weise das Fertigteilhaus als einzig leistbare Alternative aus seinem Gedächtnis verbannen. Zweitens stellte sich heraus, dass das individuell geplante Haus am Ende sogar billiger kam als ein vergleichbares Modell von der Stange.

Die maßgeschneiderte Architektur fügt sich ins neue Umfeld der Gemeinde Zellerndorf bestens ein. Einen Katzensprung entfernt steht ein riesiger Getreidesilo, der im Rahmen von „Kunst im öffentlichen Raum“ vom Wiener Künstler Christian Hutzinger einen neuen Look verpasst bekam. Die anonyme Lagerhaus-Architektur wurde übermalt und mit frechen, bunten Kreisen versehen, die nun die Himmelsrichtung weisen und so die Orientierung im flachen Weinviertel erleichtern sollen.

„Da stehen zwei Kunstwerke auf einem Fleck“, schwärmt Bauherr Martin, „da der Turm vom Hutzinger und hier mein Haus.“ Besonders kunstvoll erscheint die Fassade, die je nach Lichteinfall mal schwarz, mal leuchtend hell erstrahlt. Durch das transparente Polycarbonat und die Abdichtungsfolie dahinter entsteht der Eindruck teuren Carbons. Martin Diem: „Die Fassade ist billig und simpel aufgebaut und sieht trotzdem edel aus. Was will man mehr?“

Der eigentliche Reiz des Hauses ist jedoch seine Dreiteilung. „Die meisten Häuser in dieser Gegend bestehen aus Keller, Wohngeschoß und ausgebautem Dachgeschoß“, erklärt Architekt Robert Diem. „Wir haben die Funktionstrennung von Lager und Garage, von Kochen und Wohnen sowie von Baden und Schlafen zwar beibehalten, aber nicht übereinander, sondern hintereinander angeordnet.“

Drei Funktionen, drei Häuser

Verbunden werden die einzelnen Bauteile über einen 30 Meter langen Glasgang. Das hat einen guten Grund: Durch die Trennung der unterschiedlichen Funktionsbereiche zu drei entkoppelten, freistehenden Kisten entstehen nicht nur akustisch eigenständige Zonen im Haus, sondern auch kleine, intime Atrien. „Die Aufenthaltsräume werden in erster Linie über diese Höfe belichtet. Dadurch kann sich das Haus nach außen weitestgehend abschotten. Ich sehe das als Tribut an die Privatsphäre“, sagt Diem.

Jedes Atrium hat seinen ganz eigenen Charakter. Zwischen Wohn- und Schlaftrakt befindet sich ein zehn Meter langer Pool, zwischen Küche und Garagentrakt hingegen liegt für den begeisterten Hobbykoch ein kleiner Gemüsegarten bereit. Daneben wachsen Weinreben in die Höhe. Sie dienen dazu, eines Tages die vollkommen verglasten Verbindungsgänge zwischen den einzelnen Hausteilen zu überwachsen und in einen schattigen Schleier zu hüllen. „Nächstes Jahr zu dieser Zeit“, sagt der Bauherr, „wird alles zugewachsen sein.“

21. November 2009 Der Standard

Klassenlos? Echt klass!

Ausstellung anschauen ist lustiger als Schulbank drücken. Im Kunsthaus Muerz sieht man, wie Schulbau aussehen könnte, wenn man nur wollte.

Vor einer Woche wurde im Kunsthaus Muerz die Ausstellung Fliegende Klassenzimmer eröffnet. Anders als herkömmliche Architekturausstellungen richtet sich die Schau nicht nur an Architektur- und Kulturinteressierte, sondern ganz dezidiert an Eltern, Kids und Lehrer. „Hier wird Schule auf den Kopf gestellt“, heißt es vielversprechend am Eingang. Und tatsächlich: Es wird mit Klassenzimmern experimentiert, mit Schulmöbeln Kunst gemacht, mit ungewohnten Methoden Platz zum Lernen geschaffen. Besonders anschaulich sind die 1:1-Nachbauten bestimmter räumlicher Situationen, wie man sie in einigen innovativen Schulbauten in Schweden und Dänemark vorfindet.

Das Schlimmste an der Ausstellung ist ihr Ende. Spätestens beim nächsten Ertönen der Schulglocke wird man mit einer schallenden Ohrfeige in die österreichische Gegenwart zurückgeholt. Die Architektur mag zwar hübsch und bunt geworden sein, doch das System Schule ist wie vor hundert Jahren: Schulbank drücken und sprechen, wenn man gefragt wird.

Christian Kühn, Professor an der TU Wien und Kurator der beflügelnden Ausstellung in Mürzzuschlag, erklärt die Gründe für den österreichischen Stillstand. Sein Fazit: Architektur, Politik und Pädagogik funktionieren nur als Dreiergespann. Eine Reform des Schulsystems unter den derzeitigen Umständen ist ausgeschlossen.

Standard: Bis heute misst die Standardklasse neun mal sieben Meter. Hat das einen Grund?

Christian Kühn: Es gibt eine schöne Anekdote dazu. Früher hatte eine Klasse rund 60 Schüler. Man rechnete einen Quadratmeter pro Kopf, anderthalb Quadratmeter für den Lehrer und weitere anderthalb für den Ofen. Macht unterm Strich 63, also neun mal sieben Meter.

Was ist dran an dieser Anekdote?

Kühn: Ob die Geschichte wahr ist, ist schwer überprüfbar. Aber auch abgesehen davon, ist es sehr verwunderlich, dass sich dieser Typus vom Haus des Lehrers über die kasernenartigen Schulburgen der Jahrhundertwende bis heute gehalten hat. Die Standardklasse im Wiener Pflichtschulbau misst laut Planungsrichtlinien nach wie vor exakt 63 Quadratmeter. Immerhin ein quantitativer Fortschritt, denn die Klasse fasst heute nicht mehr 60, sondern nur noch 25 bis 30 Schüler.

Was ist mit all dem Reformgeist der Sechziger- und Siebzigerjahre passiert. Alles verpufft?

Kühn: Es gibt ein Reformtrauma, das sich seit Mitte der Siebzigerjahre in den Behörden ausgebreitet hat und bis heute spürbar ist. Die baulichen Experimente, die man damals gewagt und auf sich genommen hat, hatten natürlich nicht nur Vorteile, sondern auch diverse negative Begleiterscheinungen. Man denke nur an die schlechte Akustik und Wärmedämmung dieser Bauten, über die bis heute immer wieder geklagt wird. Die Rückkehr zu den angeblich so bewährten Bautypen der guten alten Zeit ist den Österreichern halt besonders leicht gefallen.

Wie kann man dieses Reformtrauma überwinden?

Kühn: Es geht nur gemeinsam. Architekten, Pädagogen und Schulverwalter müssen sich gleichzeitig nach vorne bewegen. Wenn nicht alle drei Kräfte an einem Strang ziehen, ist der Stillstand vorprogrammiert.

Welche Rolle spielt dabei die Politik?

Kühn: Es scheint in der Politik noch nicht angekommen zu sein, dass der Raum als sogenannter dritter Pädagoge - also neben den anderen Schülern und den Lehrern - eine essenzielle Rolle spielt. Eines ist klar: Eine Reform des Schulsystems wird nur dann möglich sein, wenn dabei auch die Schularchitektur neu überdacht wird. Erst jetzt beginnt die Vernetzung zwischen denen, die über zeitgemäße Pädagogik nachdenken, und denen, die über den Schulraum nachdenken. Für eine Innovation des Schulbaus gibt es nach wie vor kein klares politisches Leitbild.

Von der Köck-Privatstiftung wurde kürzlich die Arbeitsgruppe Schul-umbau ins Leben gerufen. Welchen Beitrag kann eine solche Plattform leisten?

Kühn: In der Plattform Schulumbau sitzen unter anderem Vertreter der Stadt Wien und aus dem Bildungsministerium. Das allein ist schon ein Zeichen, dass man das Thema verstanden hat und nun handeln will. Was die Plattform wirklich bringt, wird man erst mit der Zeit sehen. Dazu ist sie noch zu jung.

Bis 2018 sollen in den Schulbau 1,7 Milliarden Euro investiert werden. Wird das Geld reichen?

Kühn: Das klingt zunächst nach viel Geld. Aber ob man damit die vielen aktuellen Anforderungen an den Brandschutz, an die thermische Sanierung, an das barrierefreie Bauen bewältigen und gleichzeitig pädagogisch besser nutzbare Räume schaffen kann, weiß niemand. Die Erfahrungen mit laufenden Sanierungen lassen die Vermutung zu, dass die Summe nicht einmal für die konventionellen Maßnahmen reichen wird.

Gibt es bereits Erfahrungswerte, ob ein innovativer Schulbau auch höhere Kosten nach sich zieht?

Kühn: Das muss nicht unbedingt sein. Nur ein Beispiel: Die Hellerup-Schule in Dänemark braucht deutlich weniger Fläche pro Schüler, da sie offen und flexibel ist. Außerdem gibt es keine Klassenzimmer, und somit fallen auch die Gangflächen weg. Dafür kostet die Innovation in der Planung und im Betrieb. Bei der Hellerup-Schule hat die Gemeinde allein 500.000 Euro in die Vorbereitung und Kommunikation investiert. Mit diesem Geld werden Kommunikationsprozesse und Ausbildungsseminare finanziert, damit die Lehrer lernen, die Potenziale der neuen Strukturen effizient zu nutzen.

Das steht leider im Widerspruch zu den Tendenzen in Österreich. Auf dem Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs in Wien ist eine Volksschule in Bau, die als Public Private Partnership abgewickelt wird. Demnach liegen Errichtung, Betrieb und Instandhaltung in der Hand privater Investoren. In diesem Fall handelt es sich um das Konsortium Porr Solutions und Bank Austria Realinvest. Welche Gefahr gibt es, wenn öffentlicher Schulbau ausgelagert wird?

Kühn: PPP ist ein sinnvolles Modell, um Risiko abzuwälzen und Verantwortung aus der Hand zu geben. Bei manchen Bauaufgaben mag das durchaus legitim sein. Das Problem an diesem Beispiel ist, dass es kein offener Wettbewerb war und dass die PPP-Auftragnehmer das Recht hatten, die siegreichen Architekten nach der Entwurfs- und Einreichplanung nach Hause zu schicken und selbst weiterzuplanen. Inzwischen hat man dort den Kompromiss gefunden, dass die Architekten die Leitdetails planen.

Stadtrat Rudolf Schicker spricht von einem Optimierungsprogramm.

Kühn: Ob PPP-Projekte in Errichtung und Betrieb wirklich billiger sind, ist umstritten. Die Qualität ist sicher höher, wenn die Architekten für die Planung durchgängig verantwortlich sind.

Es gibt das Gerücht, dass die Stadt Wien manche Schulen und Kindergärten von der MA 19 in Eigenplanung umsetzen will.

Kühn: Ich weiß nicht, ob das noch aktuell ist. Die Stadt Wien hat zwar eine große Tradition der Amtsplanung, aber sie sollte sich heute doch lieber auf ihre Bauherrenrolle konzentrieren und dort Vorbildfunktion erlangen. Bauherr und Architekt in einer juristischen Person zu bündeln halte ich für anachronistisch. Damit nimmt man sich nur die Chance auf Innovation.

Warum muss Österreich, laut Weltbank-Index eines der zehn reichsten Länder der Welt, im Bildungsbereich sparen?

Kühn: Österreich gibt sehr viel für Bildung aus, mehr als skandinavische Länder, aber mit deutlich geringerem Erfolg. Nun versucht man effizienter zu werden, allerdings am falschen Ende. Einsparungen kann man nur am Anfang erzielen, mit intelligenten Konzepten. Ich vergleiche das immer mit einem Bauherrn, der sich von einem Architekten eine Luxusvilla planen lässt und dann bei den Wasserhähnen und Türklinken zu sparen beginnt, weil ihm das Geld ausgeht. Vielleicht muss die Villa ja gar nicht so groß sein.

Die Ausstellung im Kunsthaus Muerz trägt den Titel „Fliegende Klassenzimmer“. Wohin soll die Reise gehen?

Kühn: Wir möchten den Menschen wieder das Träumen beibringen. Dazu bedarf es einer gewissen Aufklärung. Wenn man einem Lehrer heute sagt „Wünsch dir was!“, dann wird er sich das wünschen, was er eh schon hat - plus zwei Räume dazu. Das kann's nicht sein.

[ „Fliegende Klassenzimmer. Eine interaktive Ausstellung über Orte zum Wachsen für alle von 6 bis 99 Jahren“ im Kunsthaus Muerz, Mürzzuschlag. Zu sehen bis 21. Februar 2010. ]

7. November 2009 Der Standard

Ethik ist die neue Ästhetik

In der Sierra Madre del Sur im mexikanischen Hochland fand das Architektursymposium „Sustainability vs. Aesthetics“ statt. Anleitung für eine „nachhaltige“ Zukunft.

Man trug weißes Leinen und Panamahut. Die Señores Arquitectos waren sich einig, längst nicht nur in Modefragen. Nachhaltigkeit, prusteten sie zwischen zwei paffenden Zigarrenstößen hervor, sei die widerlichste Wortkreation der letzten Jahre. „Was soll das schon heißen? Der Begriff klassifiziert und hebt zu einer Besonderheit hervor, was für jeden seriösen Architekten eigentlich selbstverständlich sein sollte.“

Und doch kamen sie letztes Wochenende aus aller Welt herbeigeflogen, um in der mexikanischen Sierra Madre del Sur, im hügeligen Niemandsland zwischen Oaxaca und pazifischer Meeresküste, über ebendiese größte Selbstverständlichkeit ihres zünftigen Schaffens lautstark zu debattieren: Carl Pruscha aus Wien, Raimund Abraham aus New York, Michael Rotondi aus Los Angeles, und schließlich der offizielle Gastgeber, Wolf Prix von der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Ort und Zeit der internationalen Konferenz Sustainability vs. Aesthetics waren nicht etwa frei gewählt, sondern galten einem kleinen, aber überaus feinen und allseits beglückenden Jubiläum: Fünf Jahre zuvor hatten hier, in der von Armut und Infrastrukturlosigkeit gezeichneten Ciudad de Ejutla de Crespo, Studenten der Meisterklasse Prix einen Pavillon aus Blech und Bambus in die Höhe gestemmt. Mit händischem Geschick, viel Hirn und nachhaltigem Gedankengut, wie sich später herausstellen sollte. Die 220 Quadratmeter große Dachkonstruktion (Baukosten 24.000 Euro) sollte nicht nur Schatten spenden, sondern war in erster Linie als Auffangtrich- ter für wertvolles Regenwasser gedacht.

Fünf Jahre später also. Umgeben von Kakteen und Agaven, steht das Ding immer noch wacker auf seinen Beinen, trotzt Wind und Wetter und sammelt Regenwasser nach Plan. In der Zwischenzeit bekam die Konstruktion aufgrund ihrer eigenständigen Form sogar einen Spitznamen verpasst: techo de tortilla, Tortilladach. „Derartige Spitznamen sind extrem wichtig“, sagt Wolf Prix, „denn sie sind der Beweis dafür, dass ein Bauwerk von der Bevölkerung angenommen und benützt wird.“

Ersteres mit Euphorie, Letzteres mit Erfolg. Rund um die fliegende Blechtortilla siedelte sich in den vergangenen Jahren das Instituto Tonantzin Tlalli (ITT) an, eine Zweigstelle der Non-Profit-Organisation Grupedsac für Weiterbildung und nachhaltige Entwicklung. Bauern und Selbstversorger aus ganz Mexiko kommen hierher, um in Workshops und Fortbildungsseminaren Herr über diverse neue ökologische Technologien zu werden. Angeboten werden 28 Kurse vom Wassermanagement über die Installation und Nutzung von Windkraft und Solarenergie bis hin zum Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen wie etwa Bambus, Lehm und Stroh.

Ein unglaublich wichtiger Motor

Rund 10.000 Menschen wurden im ITT in Ejutla de Crespo bisher ausgebildet. Die Kurskosten, die sich im Bereich von 2000 US-Dollar bewegen (rund 1350 Euro), werden bei Bedarf vorgeschossen und können in Form von Naturalien oder solarer Stromeinspeisung abgezahlt werden. In Härtefällen werden die Kosten von der Grupedsac (Jahresbudget eine Million US-Dollar, rund 675.000 Euro) auch ganz übernommen. „Ich würde nicht sagen, dass wir unseren Erfolg einzig und allein dem Projekt der Studenten von der Angewandten verdanken“, erklärt Margarita Barney de Cruz, Direktorin der Grupedsac, „doch die Finanzierung und der Bau dieses Dachs war ein unglaublich wichtiger Motor für uns.“

Einerseits könne man den Menschen im Maßstab eins zu eins vorzeigen, wie Regenwassernutzung funktioniert und was beim Bau von Auffangtrichter und Zisterne alles zu beachten ist. Und zweitens habe sich das Dach als regionales Symbol etabliert. Barney de Cruz: „Sie brauchen nur nach dem techo de tortilla zu fragen, und die Leute in der Umgebung wissen sofort, wovon Sie sprechen. Man wird Sie über Stock und Stein direkt zu uns weiterleiten.“

Während das Projekt in Ejutla de Crespo den Härtetest längst überstanden hat, werden andernorts erst die Samen gesät - so zum Beispiel in Chimalhuacán. Die Satellitenstadt im Osten der mexikanischen Hauptstadt leidet seit Ewigkeiten darunter, dass sich hier eine der größten Mülldeponien des Landes befindet: Tlatel Xochitenco. Als ob das nicht genug wäre, ist die 600.000 Einwohner zählende Stadt zu allem Überdruss auch noch von offenen Abwasserkanälen umzingelt. Chimalhuacán ist in seiner Ausbreitung begrenzt, denn die zähflüssige Schattenseite der benachbarten Millionenmetropole Mexiko-Stadt ist eine olfaktorische und psychologische Wachstumsbremse.

„Wir können die Probleme nicht wegtilgen, denn das liegt im Einflussbereich der Politik“, erklärt Rozana Montiel von der Architekturfakultät der Universidad Iberoamericana in Mexiko-Stadt. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Arturo Ortiz gewann sie vor zwei Jahren einen Wettbewerb zur Revitalisierung und Neuorganisation der stinkenden Horrorstadt. „Aber wir können anbieten, die Probleme mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu reduzieren und den Einwohnern einen Hauch Lebensqualität zurückzugeben, zum Beispiel indem wir versuchen, öffentliche Plätze und Grünflächen zu schaffen.“

Kuratiert von Allard van Hoorn, wurden in der ersten Projektstufe 24 mexikanische Künstler eingeladen, die sich mit dem städtischen Grünraum auf ihre Weise auseinandersetzen sollten. Der Fokus richtete sich auf kurzfristig umsetzbare und temporäre Arbeiten. Betsabee Romero beispielsweise platzierte einen ausrangierten Schulbus vor den Mistplatz und packte ihn in ein dichtes Blätterkleid aus diversen tropischen Pflanzen. Aus der Heckscheibe ließ sie sogar einen stattlichen Baum heraussprießen.

Der grüne Blumentopf aus Müll und Schrott ist ein Vorgeschmack auf die zweite Projektphase. Nachdem bekannt wurde, dass die Deponie geschlossen wird, soll Chimalhuacán endlich seinen langersehnten Park bekommen. Das völlig kontaminierte Areal Tlatel Xochitenco soll versiegelt, anschließend mit Erde aufgeschüttet und schließlich begrünt werden. Geht alles nach Plan, könnte der Park in weniger als zehn Jahren fertiggestellt sein. „Ich bin optimistisch“, sagt Architektin Rozana Montiel. „Doch ob so ein Projekt wirklich nachhaltig ist oder nicht, lässt sich heute noch nicht sagen. Das hängt von vielen unbekannten Variablen ab und wird sich erst in ein, zwei Jahrzehnten weisen.“

Es gibt Mezcal, hochprozentigen Agavenschnaps, und Heuschrecken aus der Pfanne. Die kulinarische Kombination wirkt enthemmend. „Architektur ist eine gewalttätige Kunst, sie zerstört die Welt und nimmt der Natur nichts als Raum weg“, sagt der 1964 in die USA emigrierte österreichische Architekt Raimund Abraham (Österreichisches Kulturforum New York, 2002). „Das ist alles andere als nachhaltig. Dessen müssen wir uns prinzipiell einmal gewahr werden. Erst dann können wir anfangen, über mögliche Korrekturversuche zu diskutieren.“

Wieder einmal herrscht Einigkeit im Zigarrenclub: Social Design, Political Design und ClimateDesign - das grauenvolle N-Wort wird ab nun tunlichst vermieden - sind nach Auskunft der paffenden Herren unausweichlich. Schließlich könne diese Form der intelligenten Architektur zur Schadensmilderung beitragen. Und das sei bitter nötig.

Ob sie dabei auch etwaigen ästhetischen Ansprüchen gerecht wird, ist im Augenblick der Weltzerstörung offenbar zweitrangig. Am Ende der in Mexiko abgehaltenen Konferenz Sustainability vs. Aesthetics meldet sich Mauricio Rocha, mexikanischer Architekt, mit einem nachahmenswerten Zukunftsprogramm zu Wort. Kurz und prägnant: „Ethik ist die Ästhetik der Nachhaltigkeit.“ Da ist es also wieder, das grauenvolle Wort. Es wird uns noch viele Jahre begleiten.

24. Oktober 2009 Der Standard

Dachlandschaft aus Origami

Das Wiener Büro Architects Collective gelangte über Glück und Freundschaft zu einem Auftrag in Übersee. Mitten in Mexiko-Stadt entstand für den Künstler Yoshua Okón ein expressiv gefaltetes Penthouse aus Corian.

Früher hatten in Condesa Pferderennen stattgefunden. Als in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts beschlossen wurde, die Rennen einzustellen und die wertvolle innerstädtische Fläche auszubauen, verwandelte sich das einst wiehernde Areal in ein hippes Künstlerviertel. Die ringförmige Rennstrecke mutierte zur neuen Hauptstraße voller Cafés und Galerien. In der Mitte wurde ein Park angelegt. Bis heute stechen die charakteristischen Straßenzüge im Stadtplan von Mexiko-Stadt sofort ins Auge.

Am Eck, wo Via Ozuluama und Via Amsterdam einander kreuzen, entstand 1945 ein schlichtes graues Haus mit hübsch gerundeter Ecke. Im Erdgeschoßlokal siedelte sich eine Bäckerei an, später befand sich hier die Kunstgalerie La Panadería. „Das ist ein faszinierendes Haus mit einer intensiven Geschichte“, sagt der mexikanische Künstler Yoshua Okón, der seit mehr als 15 Jahren an dieser Adresse wohnt. „Ich bin 1993 eingezogen, und obwohl ich viel unterwegs bin und die Hälfte der Zeit in Los Angeles verbringe, habe ich mich bis heute von diesem Haus nicht trennen können.“

Nachdem Wohnung und Galerie zu klein wurden, zog Okón aufs Dach und baute sich dort oben eine provisorische Wohnstätte. Der künstlerische Impetus war wohl etwas groß ausgefallen, denn der Holzverschlag trotzte weder Wind, noch Witterung.

Als Kurt Sattler, ein befreundeter Architekt aus Wien, eines Tages zu Besuch war, nutzte dieser die Gunst der schrecklichen Erkenntnis und überzeugte Okón von einem professionellen Umbau. Ein ordentliches Penthouse musste her. Und so flog Sattler zurück nach Österreich, scharte seine beiden Büropartner Richard Klinger und Andreas Frauscher um sich, und entwarf ein faltiges Dachgebilde aus typisch mexikanischem Santo-Tomás-Marmor und gräulich weißem Corian.

„Normalerweise kennt man Corian als Steinimitat für Küchenarbeitsplatten“, erklärt Sattler, „wir wollten etwas Neues wagen und haben es im Außenbereich eingesetzt.“ In das Potpourri der vielen Weiß- und Grautöne der Umgebung fügt sich die zeitgenössische Dachlandschaft nur allzu gut. „Obwohl das eine auffällige und völlig eigenständige Form ist, wirkt das Penthouse, als wäre es immer schon hier gewesen.“

Auf insgesamt 120 Quadratmetern lebt Okón mit weißen Wänden und zusammengetragenen Möbeln aus aller Welt. „Den Großteil des Mobiliars habe ich auf diversen Flohmärkten gekauft“, sagt er, „das meiste ist aus den Fünfzigern und Sechzigern.“ Während das Farbkonzept weitestgehend beibehalten wurde, legte der Künstler im Foyer und im Schlafzimmer nachträglich selbst Hand an.

Lichtreflexion in Rosarot

„Ich liebe Farben. Und so sehr mir die europäische Schlichtheit von Kurt Sattler und seinen Kollegen gefällt, habe ich mich in einigen Ecken der Wohnung dennoch nach Farbe gesehnt.“ Die Schlafstatt wurde in einem sanften Olivgrün gestrichen, das zweigeschoßige Foyer bekam ein kräftiges Violett verpasst. Ein paar Schritte ums Eck wird ein hellrosa Farbschleier an die Wand geworfen. Das knallige Pink des Lichthofes, eine letzte Reminiszenz an die Fünfzigerjahre, färbt das reflektierte Sonnenlicht leicht ein.

Höhepunkt ist die Loggia vor dem Wohnzimmer. „Am liebsten halte mich draußen auf“, sagt Yoshua Okón, „meistens sitze ich mit Freunden am Abend stundenlang draußen und schaue hinaus auf die Stadt und auf den tropischen Park ein paar Häuser weiter.“ Im Übrigen dienen die Glastüren auch der Querlüftung. Allen Vermutungen zum Trotz kommt das Penthouse nämlich ohne Klimaanlage aus.

Manchmal, wenn das Wetter passt und sich die Sterne durch den Smog über der mexikanischen Hauptstadt durchgekämpft haben, steigt der Hausherr an der schmalen Außentreppe auf die Dachterrasse hoch. Neben dem Verbau für den Wassertank gibt es ein leicht abschüssiges Platzerl zum Hinlegen. Von der vielen Sonne untertags ist der Corian noch warm und bietet die perfekte Unterlage zum Sterneschauen.

17. Oktober 2009 Der Standard

Schlangenhaut und zuckender Schleim

Die Cité de la Mode et du Design in Paris ist zwar schon längst fertig. Dennoch ist ein Großteil des Gebäudes nach wie vor ungenutzt. Dem sozialen Erfolg tut dies keinen Abbruch.

Le Corbusier würde der Schlag treffen. Liebend gerne soll er damals hierher gekommen sein, um den Schiffen beim Ein- und Ausladen der Handelswaren zuzusehen. Mehr noch als das Konzert der Kräne faszinierte den Pariser Architekten die Betonkonstruktion der alten Docks. Das kann man gut verstehen. Schließlich handelt es sich bei den Magasins Généraux, 1907 von Georges Morin-Goustiaux erbaut, um das erste Stahlbetongebäude Frankreichs.

Und heute? Limonengrüner Schleim, wohin das Auge reicht. Als käme er frisch aus dem Reaktor, rinnt der zähflüssige Rotz langsam nach unten und frisst sich dabei Stück für Stück durchs 170 Meter lange Betonskelett der nunmehr fertiggestellten Cité de la Mode et du Design. Nicht jeden überzeugt die zeitgenössische Genesis. Der französische Staatspräsident etwa zeigt sich ob der organischen Architektur ein wenig angewidert. Seit Beginn der Sanierung vor zwei Jahren spricht Sarkozy mit tief hinuntergezogenen Mundwinkeln nur noch vom „truc vert“, vom grünen Zeug an der Seine.

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Fall für die Ghostbusters, ist in Wirklichkeit Teil eines umfangreichen und ambitionierten Stadtentwicklungs- und Revitalisierungsprojekts aus der Ära François Mitterrand, als zeitgenössische Architektur von oberster Stelle noch geschätzt, ja geradezu eingefordert wurde.

Auf einer Länge von drei Kilometern und einer Fläche von 130 Hektar wird das linke Seine-Ufer, besser bekannt als „Paris Rive Gauche“, nach einem Masterplan von Christian de Portzamparc peu à peu zu neuem Leben erweckt. Viel hat sich getan. Der Umbau der Docks zu einem Mode- und Designzentrum, Ergebnis eines internationalen Wettbewerbs im Jahr 2004, ist der jüngste Wurf des bis 2015 anberaumten Bauprogramms.

„Es stand uns völlig frei, ob wir den Altbau beibehalten oder nicht“, sagt Brendan MacFarlane vom Pariser Büro Jakob & MacFarlane. „Ein Abbruch kam für uns allerdings nicht infrage.“ Jedem einzelnen Pariser, meint der Architekt, seien die Docks von Rive Gauche ein Begriff. „Die Jungen erinnern sich an den Hawaii-Nachtclub, der hier mal war, die Älteren an die ausrangierten Hallen, in denen sie zwanzig Jahre lang billige, aber ganz passable Ramschteppiche eingekauft haben. Die ganz Alten haben, wenn sie an damals denken, wahrscheinlich noch Kräne und Kisten im Kopf.“

Und so machten sich Jakob & MacFarlane an die Arbeit, enthäuteten das Ding bis auf die betonierten Knochen und besserten aus, was auszubessern war. „Es wäre Irrsinn gewesen, eine großteils intakte Betonkonstruktion abzureißen, nur um an derselben Stelle wieder etwas Neues hinzustellen. Ein Minimum an ökologischem Anstand sollten wir alle haben.“ In die nackte Struktur wurden anschließend Fassadenelemente, Trennwände, Sanitärkerne und Erschließungseinheiten hineingestellt. Unauffällig und unaufregend. Ganz so, als füllte man ein Billy-Regal mit Büchern und Krimskrams aus aller Welt. Mit 20.000 Quadratmetern Nutzfläche ist lediglich die Größenordnung eine andere.

„Von ausgetüftelten Hightech-Details halten wir nicht viel, wir glauben an das Einfache in der Architektur“, sagt Brendan MacFarlane und breitet dabei die Arme aus, als wollte er das Gebäude an seinen beiden Enden umfassen. „Gerade bei einem Bauwerk dieser Größe ist es wichtig, sehr unkompliziert zu denken. Alles andere ist in unseren Augen eine Verschwendung von Ressourcen.“

Plug-over aus Stahl und Glas

Und dann das grüne Zeug, das schleimig aus der Ferne, schlangenhäutig aus der näheren Distanz erscheint. Frech und unverfroren wurde der gelbgrün lackierte Stahlaufbau über die von Le Corbusier heiß geliebten Docks gestülpt. Mit dem alten Unten hat das neue Oben bis auf das konstruktiv bedingte Achsmaß von zweieinhalb Metern wenig zu tun. Die Architekten nennen diese Methode Plug-over. Allem Anschein zum Trotz ist auch hier die Bauweise simpel und konsequent. Stahlrohr hier, Stahlrohr da, dazwischen die stolze Zahl von 644 grün bedruckten Gläsern in unterschiedlichen Formaten. Das war's.

Die Baustelle ist weitestgehend abgeschlossen. Vor einigen Monaten bezog das Institut Français de la Mode (IFM), die renommierte Pariser Modeschule, die neuen Räumlichkeiten mitsamt Klassen, Hörsaal und Mediathek. Die restlichen 17.000 Quadratmeter Nutzfläche - und das ist der Wermutstropfen am ganzen Projekt - sind entweder noch im Ausbau begriffen oder werden gerade verhandelt. Ersteres zögerlich, Letzteres nicht enden wollend.

Obwohl die Regierung die Baukosten von rund 40 Millionen Euro zur Gänze beisteuerte, können sich Grundstückseigentümer Port Autonome de Paris (PAP), Projektentwicklerin und Liegenschaftsverwalterin Icade G3A, Pächterin Caisse des Dépôts et Consignations (CDC) und ein gutes Dutzend von potenziellen Mietern bis zum heutigen Tag auf kein vernünftiges Rechenmodell einigen, das für alle interessant ist. Mit einem Wort: Das Projekt steckt fest.

Bis auf die Modeschule ist die Cité de la Mode et du Design eine Geisterburg, in der nicht nur zeitgenössischer apfelgrüner Rotz vom Himmel tropft, sondern in der es auch mächtig spukt. Gähnende Leere. Nach Auskunft der Caisse des Dépôts soll das Designzentrum mitsamt Ausstellungshalle nächsten Monat, spätestens jedoch im Dezember eröffnet werden. Die Architekten sprechen indes von Frühjahr 2010. Auch vom Apple-Store und vom Restaurant Lina's fehlt noch jede Spur. Ganz zu schweigen von den vielen Shops. Hier verweist Aude Dulac, Pressesprecherin von Icade G3A, auf kommenden April. Frühestens.

Schon jetzt ein sozialer Erfolg

Trotz abgesperrter Zäune wird das vorerst nur partiell genutzte Mode- und Designzentrum bereits als Sehenswürdigkeit wahrgenommen. „Das Gebäude gehört der Stadt, und zwar nicht nur juristisch, sondern auch sozial“, sagt Architekt Brendan MacFarlane. „Noch bevor der wirtschaftliche Erfolg überhaupt garantiert ist, zeichnet sich ab, dass das Bauwerk in den Köpfen der Bevölkerung längst verankert ist. Das ist mehr, als man sich als Architekt wünschen kann.“

Gespannt wartet MacFarlane auf die Eröffnung der restlichen Flächen und der überaus sehenswerten Dachlandschaft. In den grün beleuchteten Bäuchen an der Seite werden öffentliche Stiegen die Flaneure nach oben geleiten. Dort erwarten einen Holzboden und Grasstreifen, schattenspendende Baldachine aus Stahl und Schleim sowie eine atemberaubende Sicht auf die Seine. Spätestens dann werden sich Le Corbusier und die streitenden Parteien von ihren Strapazen erholt haben.

17. Oktober 2009 Der Standard

Wohnen zwischen guten Wellen

Das Haus am Fuße des Pöstlingbergs ist umgeben von Staub und Lärm. Architekt Siegfried Meinhart ließ sanftes Händchen walten und verwandelte den Sechzigerjahre-Bau in eine Bleibe für Mensch und Chi.

Hektisch erobern die Autokolonnen den Linzer Pöstlingberg. Die Straße vibriert, die Reifen quietschen, und über allem liegt ein großes graues Rauschen. Mit silbrig glänzenden Schindeln aus Edelstahl schottet sich der sanierte Sechzigerjahre-Bau gegen die nicht ganz so gemütliche Umgebung ab. Von der inneren Ruhe des Hauses ist hier draußen wenig zu spüren.

Doch kaum ist man über die Schwelle getreten und hat hinter sich die Tür ins Schloss fallen lassen, entfaltet sich das, was Bauherren und Architekt so einstimmig als gute Energie bezeichnen. „Wir waren von Anfang an auf einer Wellenlänge“, sagt Architekt Siegfried Meinhart, „noch bevor der erste Strich gesetzt wurde, haben wir uns darüber unterhalten, was heilsames Wohnen ist und wie man so einen Zustand unter diesen Bedingungen erreichen kann.“

Das Gespräch führte zu fruchtenden Resultaten. 1999 fand der erste Umbau statt. Damals wurde das alterschwache Schmuckstück aus dem Jahr 1962 generalsaniert, wärmegedämmt und barrierefrei auf Vordermann gebracht. Zehn Jahre später wurde der längst zum Freund herangereifte Architekt erneut in die Pflicht genommen. Nachdem sich das Konto erholt hatte, sollten nun Vorzimmer und Küche optimiert werden. Außerdem wünschten sich die Bauherren einen Therapie- und einen Meditationsraum.

„Wir könnten es uns einfach machen und behaupten, dass uns die unsanierten Zimmer nicht mehr gefallen haben“, sagt Herr S., „doch die Wahrheit ist, dass zwischen den alten und neuen Räumen unserem Gefühl nach das energetische Gleichgewicht nicht mehr gepasst hat.“ Der Balanceakt ist vollzogen: Um das 20 Quadratmeter große Vorzimmer mitsamt originalem Terrazzoboden in den Wohnbereich miteinzubeziehen, wurde die Trennwand zur Küche entfernt. Eine Bank aus Eichenholz schafft die Verbindung zwischen Sixties und Gegenwart.

Das Schwarz-Weiß der gesprenkelten Steinfliesen floss in die Küchenmöblierung ein. Die schwarzen Pigmente konzentrieren sich auf Rückwand und Kühlschrankverbau, das strahlende Weiß fand Niederschlag in einem Arbeitsmöbel aus durchgehendem Corian. „Billig war die Küche nicht“, meint Frau S., „aber dafür haben wir ein robustes und ästhetisches Möbel auf Lebenszeit.“

Künstliche Abenddämmerung

Größtes Manko in diesem Bereich war das Licht. „Das bestehende Betonglasfenster wollten und durften wir nicht ändern“, erklärt Meinhart, „das ist eine Arbeit von Ernst Reischenböck und gilt mittlerweile als Linzer Kulturdenkmal.“ Um die Lichtsituation trotzdem zu verbessern, zog der Architekt eine Beleuchtungsdecke ein. Mit zwei voneinander getrennten Schaltern lässt sich der Anteil an kaltem und warmem Licht individuell steuern. „Auf diese Weise haben die Bauherren die Möglichkeit, die Lichtstimmung der jeweiligen Tageszeit anzupassen.“

In die tragende Mauer zwischen Wohn- und Vorzimmer wurde ein Kamin eingebaut, der von beiden Seiten durch Glastüren zugänglich ist. Lauschig flackerndes Licht legt sich in den kalten Wintermonaten über die vielen Kunstwerke, die im Haus S. Auge und Sinn verwöhnen. Eva Schlegel hängt an der Küchenwand, Gunter Damisch baumelt auf seidenen Fäden vor dem Terrassenfenster im Wohnzimmer, Arnulf Rainer indes ziert mit kräftig blauen Strichen den Ort der Stoffwechselentleerung.

Therapie- und Yoga-Raum

Wer sich von der vielen Muse erholen muss, kommt im ausgebauten Kellergeschoß voll auf seine Kosten. „Früher haben wir den Keller als Lagerraum genutzt“, sagt Herr S., „erst als wir im Zuge des Umbaus dreieinhalb Tonnen Zeug entsorgen mussten, haben wir gemerkt, wie befreiend das war.“ Frische und entrümpelte Energie flattert heute durch die weißen Räume. Nur der Duft der holzkistengelagerten Äpfel und Birnen erinnert noch an alte Kellerzeiten.

Am Ende des Ganges, für Privatkunden durch einen externen Eingang aus dem Garten zu betreten, liegt der Therapieraum. Hier gehen die Bauherren neben ihrem regulären Beruf ihrer Berufung nach. Er ist Klangschalen-Therapeut, sie arbeitet mit Heilströmen von Kopf bis Fuß.

Eine Tür weiter liegt jenes Zimmer, in dem das Chi nach einer langen Hausführung ankommen und bleiben kann. Die Wände im zehn Quadratmeter großen Yoga-Raum sind mit Lehmputz verspachtelt und mit roten Leinen bespannt. In einer Druckerei im Mühlviertel erhielt der Stoff sein unverwechselbares Muster. Schilfgeruch steigt in die Nase auf. Die acht Tatami-Matten sind nach japanischer Manier verlegt und bilden die Unterlage für stundenlanges Meditieren.

Keine Frage, Haus S. ist seinen Bewohnern an den Leib geschneidert. Mag sein, dass mit den Energiefeldern, die hier erkannt und genutzt wurden, nicht jeder etwas anfangen kann. Mit welchen Mitteln auch immer Architekt Siegfried Meinhart zu diesem Ergebnis gekommen ist, eines lässt sich mit Sicherheit nicht abstreiten: Schlegelschlag auf den Gong, man fühlt sich auf Anhieb wohl.

9. Oktober 2009 Der Standard

Erst die Pragmatik, dann die Poesie

Kroatien ist auf dem Balkan die Hochburg zeitgenössischer Architektur

Kein Land Europas wird bezüglich seiner Architektur dermaßen unterschätzt wie Kroatien. Eingeklemmt zwischen Bogdan Bogdanović und Jože Plečnik, zwischen Serbien und Slowenien, entwickelte es sich seit dem Zerfall des Ostblocks zur vielfältigsten Architekturszene des Balkans. Die niederländische Architekturzeitschrift A10 widmete dem Bauen an der kroatischen Küste im Juli 2008 sogar einen eigenen Schwerpunkt. „Ein Faible für Baukultur gab es in Kroatien immer schon“, sagt Marko Dabrović vom Zagreber Architekturbüro 3LHD. „Mit dem serbisch-kroatischen Krieg kam dann der große Bruch. Viele etablierte Büros sind damals von einem Tag auf den anderen von der Bildfläche verschwunden.“

Und das hieß: Bahn frei für die jungen Wilden, die prompt in die großzügigen Fußstapfen ihrer Vorgänger schlüpften und die Baukultur von innen heraus revolutionierten. Kann man kroatische Architektur charakterisieren? „Zuallererst ist sie pragmatisch, in zweiter Instanz entfaltet sie jedoch eine unglaubliche Poesie“, sagt Dabroviæ und verweist auf ein Projekt seines Landsmannes Nikola Basiæ. Die sogenannte Meeresorgel in Zadar, fertiggestellt 2004, ist auf den ersten Blick nichts anderes als eine elegante, aber unaufregende Ufergestaltung aus hellem Marmor.

Die wahre Schönheit des Projekts vernimmt man mit dem Gehör. Wie bei einer Kirchenorgel befinden sich in den Sitzstufen ausgetüftelte Kanäle, die bei Luftdruck unterschiedliche, aufeinander abgestimmte Töne von sich geben. Mit jedem Wellengang wird Wasser ins Fundament gedrückt. Dieses wiederum verdrängt die Luft, die ihrerseits Musik erzeugt. Das Projekt wurde 2006 mit dem Europäischen Preis für Öffentlichen Freiraum ausgezeichnet.

Eine Hörprobe der ungewöhnlichen Architekturinstallation gibt es unter dem Suchbegriff Sea Organ auf youtube.com

9. Oktober 2009 Der Standard

„Wir bauen Motoren der Vorstellungskraft“

Die bulgarische Baubranche schwächelt. Zur Sanierung fehlen Geld und Wille, der Neubau wiederum liegt fest in der Hand von Investoren. Architektin Rossitza Bratkova, Geschäftsführerin von Aedes Studio, wird nicht aufgeben, sagte sie zu Wojciech Czaja.

Standard: Bulgarische Architektur vor und nach 1989, was ist anders geworden?

Bratkova: Der Wandel ist eklatant. Bis 1989 hatten die Architekten ausschließlich in staatlichen Planungsbüros gearbeitet. Eine zufriedenstellende Situation kann das nicht gewesen sein, denn sowohl die Architekten als auch die Bauherren und Investoren wurden von oben kontrolliert. Wer bauen wollte, musste sich ans staatliche Planungsbüro wenden. Und da war die Auswahl an Baustoffen sowie an erprobten und praktizierten Bauweisen sehr begrenzt. Nur um ein Beispiel zu nennen: Die staatliche Bauindustrie hatte damals fünf verschiedene Fenstertypen im Programm. Wer gebaut hat, musste aus dieser Palette wählen. Mehr Spielraum gab es nicht.

Standard: Die Bauten aus der Ära von Exdiktator Todor Schiwkow sind bis heute prägend. Wie geht man mit diesem Erbe um?

Bratkova: Das ist eine Frage, die in Bulgarien immer wieder zu politischen Diskussionen führt. Daher sage ich jetzt meine persönliche Meinung ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Viele öffentliche Gebäude weisen eine hohe räumliche Qualität auf und sind architekturgeschichtlich sehr wichtig. Diese Gebäude gehören meines Erachtens erhalten. Leider kümmert sich niemand darum, weil die Auftraggeber in der psychologischen Zwickmühle stecken. Lieber investieren sie in den Neubau. Das ist imagemäßig unverfänglicher.

Standard: Wie sieht es im Wohnbau aus?

Bratkova: Das ist die andere Facette an der Architektur in diesem Land. Wie wir alle wissen, ist das Verfallsdatum von Plattenbauten längst überschritten. Diese Wohntypologie ist heute nicht mehr vertretbar. Ich denke da nur an das Lulin-Viertel im Westen der Stadt. Mehr als 100.000 Menschen, also fast ein Zehntel der Bevölkerung Sofias, leben da. Im Gegensatz zu den öffentlichen Bauten würde ich in diesem Falle plädieren: Komplettsanierung oder sogar Abbruch und Neubau. Das Problem dabei ist, dass ein Großteil des Wohnbaus Eigentum ist. Viele können sich einen dementsprechenden Schritt in Richtung eines besseren Wohnens gar nicht leisten.

Standard: Gerade in Sofia ist der internationale Immobilienmarkt stark präsent. Wie ist die Qualität dieser Bauten?

Bratkova: Es ist paradox! Die Qualität der meisten Investorenprojekte ist miserabel. Aber diese Gebäude sind immer noch besser als diejenigen, die von heimischen Investoren und Architekten realisiert werden. Insofern könnte man sagen, dass die internationalen Investoren Schadensmilderung betreiben und mit vergleichsweise gutem Beispiel vorangehen.

Standard: Woran messen Sie die Qualität dieser Gebäude?

Bratkova: In erster Linie am Städtebau und an der Integration in den Charakter dieser Stadt. Das Problem ist der Maßstab. Im Vergleich zu vielen anderen sozialistischen Städten ist Sofia recht kleinteilig und kompakt. Die Projekte der ausländischen Investoren - oft handelt es sich dabei um riesige Komplexe - haben den Maßstab völlig verändert. Ich habe das Gefühl, sie haben die Kapazität dieser Stadt gesprengt. Die meisten Neubauareale sind dadurch unmenschlich und dementsprechend ausgestorben.

Standard: Viele ausländische Investoren bauen von der Stange. Oder aber der Auftrag geht an einen sogenannten Stararchitekten. Wo bleibt da die heimische Zunft?

Bratkova: Nach 1989 wurde ein Gesetz eingeführt, das besagt: Wenn ein ausländischer Investor in Bulgarien baut, muss er mit einem bulgarischen Architekten kooperieren. Dieser kümmert sich dann um die Anpassung an die lokalen Bauvorschriften. Nachdem in den letzten Jahren enorm viel gebaut wurde, geht es den bulgarischen Architekten gar nicht so schlecht.

Standard: Wie ist die wirtschaftliche Situation in Ihrem Büro?

Bratkova: Für Aedes Studio ist dies ein hartes Jahr. Wir haben sehr viel zu tun. Aber die Zahlungsmoral ist im Augenblick eine Katastrophe. Viele Privatinvestoren ziehen sich von einem Tag auf den anderen zurück, die Zahlungen bleiben damit aus. Bei den öffentlichen Auftraggebern ist es weniger tragisch, denn der Staat investiert eh nichts. Und wenn, dann handelt es sich um mickrige Budgets.

Standard: Ihr Bürohaus Q-Center in der Tsarigradsko-Chaussee steht kurz vor Fertigstellung. Ist die futuristische Architektur dieses Projekts ein Vorgeschmack auf die Zukunft Sofias?

Bratkova: Ja, das wäre natürlich schön! Aber nein, Sofia wird anders aussehen. Die Wahrheit ist, dass derartige Projekte unglaublich viel Kraft und viel Zeit kosten. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Wir haben ja noch genug Energie, aber ich kann gut nachvollziehen, dass viele ältere Architekten längst aufgegeben haben.

Standard: Sie geben nicht auf?

Bratkova: Wir haben eben erst angefangen! Das Büro Aedes Studio gibt es erst seit sechs Jahren. So schnell wird uns das System nicht in die Knie zwingen.

Standard: Was ist Ihr Motor?

Bratkova: Unsere Architektur. Und zwar nicht die naive Sichtweise, dass wir mit unseren Gebäuden das Land verbessern können. Ach wo, das ist eine Illusion! Aber ich bin davon überzeugt, dass wir der Bevölkerung eine Idee davon geben können, was in Bulgarien heutzutage alles möglich ist, wenn man nur will. Wir verwenden unsere Architektur sozusagen als Motor der Vorstellungskraft. Noch ist der Funke nicht übergesprungen. Aber wer weiß, vielleicht schon mit dem nächsten Projekt.

[ Zur Person: Rossitza Bratkova (32) leitet mit ihrem Partner Plamen Bratkov das Architekturbüro Aedes Studio. Das Büro ist spezialisiert auf Projekte im Wohn- und Objektbereich. ]

3. Oktober 2009 Der Standard

Roosevelts Erektionen

Warum hat noch niemand die Geschichte der TV-Türme geschrieben? Gesagt, getan: Das politische Machtspiel der Nationen ist nun zwischen zwei weit voneinander entfernten Buchdeckeln nachzulesen.

„Kommunismus, das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung“, hatte Lenin vor der staatlichen Plankommission Gosplan gemeint. Das war 1920. Achtzig Jahre später wird die wohl berühmteste Formel Moskaus dem Land zum Verhängnis. Der Eiserne Vorhang ist gefallen, das neue Russland längst den Reizen des Turbokapitalismus anheimgefallen, da kommt es am 27. August 2000 um 15.20 Uhr Ortszeit im Fernsehturm Ostankino zu einem Kurzschluss. Der Sendeverstärker hat der Überlastung nicht standgehalten.

In wenigen Minuten breiten sich die Flammen aus und zerstören in weiterer Folge die gesamte Kanzel. Als wäre das nicht genug, stürzt auch noch der Lift mitsamt Techniker 340 Meter in die Tiefe. Auf ihn fallen Gegengewichte und stählerne Aufzugseile mit einer Gesamtlänge von drei Kilometern. Die schreckliche Ungleichung nach 26-stündigem Feuer: vier Tote und ein Land ohne Rundfunkwellen.

„Einerseits ist das eine Katastrophe, andererseits eine Ironie der Historie“, sagt der deutsche Architekturtheoretiker und Buchautor Friedrich von Borries. „Dreißig Jahre lang hat der Ostankino-Fernsehturm dem kommunistischen Regime seinen Dienst erwiesen. Und plötzlich, mit der Ausbreitung des kapitalistischen Lebensstils, steht der Funkturm in Flammen. Und das nicht nur einmal, sondern ganze vier Mal in den letzten zehn Jahren.“

Mittlerweile ist das Bauwerk gesperrt. Durch die vermehrten Brände haben die meisten der insgesamt 180 vorgespannten Stahlseile im Innern der Betonröhre ihre Zugkraft verloren. Der Turm droht einzustürzen, eine Sanierung ist aufgrund der komplexen Bauweise kaum möglich.

„Fernsehtürme sind eine faszinierende Bautypologie“, sagt von Borries, „ausgestattet mit Rundfunkantenne und der Kür eines sich drehenden Panoramarestaurants, sind sie nicht nur die höchsten Bauwerke einer Stadt, sondern auch Ausdrucksmittel politischer und wirtschaftlicher Macht. In der Baugeschichte des 20. Jahrhunderts wird ihnen dennoch nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt.“

Mit seinen beiden Partnern Matthias Böttger und Florian Heilmeyer kratzte von Borries daher das gemeinsame Wissen zusammen, peppte es mit einigen weiteren Forschungsreisen auf und presste das Kompendium schließlich in ein vorzüglich aufbereitetes Buch, das den summigen Titel Fernsehtürme. 8.559 Meter Politik und Architektur trägt.

„Wir haben weltweit rund 25 Türme auf ihren geschichtlichen, politischen und wirtschaftlichen Kontext hin untersucht“, blickt von Borries zurück, „und haben dabei herausgefunden, dass die Aussendung elektromagnetischer Wellen aus möglichst großer Höhe nicht immer im Vordergrund steht.“ Es sei bemerkenswert, mit welcher Kontinuität Fernsehtürme immer wieder in den Einflussbereich internationaler Querelen rücken. Fast scheint es, als würden sie nicht nur als physikalische Sender fungieren, sondern auch als metaphorische.

Die Tücke der Türme

Zu erzählen gibt es genug. Beispielsweise jenes folgenschwere Missgeschick, durch das die Übersetzer der US-amerikanischen Regierung beinahe ein internationales Debakel ausgelöst hätten. Nachdem Kermit Roosevelt Junior, CIA-Offizier und Enkel von US-Präsident Theodor Roosevelt, 1956 in eine Schmiergeldaffäre zwischen Ägypten und den USA verwickelt gewesen war, bekam der fünf Jahre später, mit ebendiesen Schmiergeldern fertiggestellte Cairo Tower prompt einen Spitznamen verpasst.

Die Ägypter sprachen fortan nur noch vom waqf Roosevelt, sozusagen vom Fundament des netten und spendablen Herrn aus Übersee. Die Pein an der Sache: Die arabische Schreibweise wurde von den Übersetzern, anstatt in waqf, in waqef transkribiert. Der unscheinbare Vokal verwandelte das Fundament kurzerhand in Roosevelts Erektion. Die internationale Beziehung zwischen Washington und Kairo wurde dadurch nicht besser.

Doch welche Rolle spielen Fernsehtürme heute noch? „Im Kalten Krieg war der Wettstreit der Nationen auf die Großmächte konzentriert“, erklärt Friedrich von Borries, „mittlerweile ist das jahrzehntelange Höhenmetergerangel in Europa und Nordamerika weitestgehend beendet.“ Den Bedarf nach Antennenmasten decken in den meisten Großstädten bereits Hochhäuser ab. Im Gegenzug hat sich der Kampf um den Längsten und Höchsten auf die Staaten im Nahen, Mittleren und Fernen Osten verlagert.

Die beiden Austragungsorte im aktuellen Kopf-an-Kopf-Rennen sind die südchinesische Industriestadt Guangzhou und die Monstermetropole Tokio. Da wie dort sind Fernsehtürme in Bau, die den bisherigen Platzhirsch, den CN Tower in Toronto (553 Meter), vom Podest drängen sollen. Offizielle Höhenangabe: „Circa 610 Meter.“ Der Rest ist Geheimnis.

Ungewöhnlich ist in beiden Fällen die Architektur. Der Sky Tree in Tokio, eine Gitterkonstruktion aus Stahl, ist ein Entwurf von Tadao Ando. Ungern gibt man zu, dass dieser sich bereits zurückgezogen und vom Projekt weitestgehend distanziert hat. In Guangzhou wiederum möchte man den weltweit ersten Fernsehturm mit betont weiblicher Figur vollenden. „Während die meisten Türme eindeutig männliche Attribute hervorkehren“, sagt Mark Hemel vom Amsterdamer Büro Information Based Architecture, „wollten wir einen Turm entwerfen, der stattdessen elegant, graziös und eng tailliert ist. Ganz so wie eine sexy Frau.“

Friedrich Borries, Kenner der Materie, kann das nur bestätigen: „Seit den Anfängen der Fünfzigerjahre ist der Bau von Funktürmen sowohl auf der Bauherrenseite als auch auf der Seite der Planer ausschließlich Männern vorbehalten. Das viele Testosteron wirkt sich auf die Form der Gebäude aus. Der typische Fernsehturm mit Aussichtsplattform sieht aus wie ein Penis mit Eichel obendrauf.“ Der geschmeidige Hüftschwung des Guangzhou Towers sei eine willkommene Abwechslung.

Das Spiel mit den Superlativen hat längst schon eine neue Dimension erreicht. Statt mit militantem Protzen beeindrucken die Fernsehtürme des 21. Jahrhunderts mit Spaßfaktor und Nervenkitzel. Auf dem Guangzhou Tower beispielsweise wird es neben dem obligatorischen Drehrestaurant einen Open-Air-Skywalk geben. Außerdem werden Besucher die Möglichkeit haben, sich in 450 Meter Höhe auf einer rundumlaufenden Reling in einer der 16 gläsernen Kugeln herumdrehen zu lassen.

Die Event-Society geht noch einen Schritt weiter. Im trügerischen Las Vegas war man der Meinung, dass der Stadt zur absoluten Perfektion nur noch eines fehle: ein Fernsehturm. Prompt wurde eine Attrappe aus der Taufe gehoben. In der Kanzel des Stratosphere Towers gibt es Kasino und Rollercoaster. Wo andere Türme von Sendeantennen gekrönt werden, prangt ein sogenannter Big Shot, auf dem die Besucher die letzten 50 Höhenmeter mit vierfacher Erdbeschleunigung in den Himmel katapultiert werden.

Die Buchautoren sind sich einig: „Politischer Kampf, das war gestern. Die neuen Fernsehtürme sind dafür ein Machtinstrument für wirtschaftliche Power, Entertainment und Cash, Cash, Cash.“

Fernsehtürme. 8.559 Meter Politik und Architektur. Von Friedrich von Borries, Matthias Böttger und Florian Heilmeyer. € 28,00 / 288 Seiten. Jovis-Verlag, Berlin 2009

Die gleichnamige Ausstellung ist noch bis 14. März 2010 zu sehen. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main. www.dam-online.de

Die Fertigstellung des Tokio Sky Tree ist für 2012 geplant. Der Entwurf des 610 Meter hohen Fernsehturms stammt von Tadao Ando. Konkurrenz kommt aus Guangzhou, China. Foto: Nikken Sekkei Ltd.

26. September 2009 Der Standard

Kalte Platte, warmgemacht

Bauen nach dem Mauerfall: Neben ein paar Glanzstücken zeichnet sich die neue ostdeutsche Architektur vor allem durch den Rückbau alter Plattenbauten aus.

Mit der DDR, da starben auch Wartburg und Trabant. Heute sieht man die drolligen Gefährte aus dünnem Blech und baumwollverstärktem Phenoplast auf Deutschlands Straßen nur noch selten. Umso schmucker erscheint daher die Lehrsammlung für historische Fahrzeuge an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Als wäre die Zeit stehengeblieben, sind darin einige der wildesten Kreationen germanischer Automobilindustrie ausgestellt. Das Schönste daran: Wenn es der Unterricht verlangt, rückt man den zwölf Exponaten, statt ihnen lediglich mit Samthandschuhen und gebührendem Respekt zu begegnen, mit Schraubenschlüssel und Wagenheber zu Leibe.

Die Lehrsammlung Zwickau, ein Projekt des Leipziger Architekturbüros Schulz & Schulz, wurde vor knapp einem Jahr fertiggestellt. Seitdem wurde der 1,1 Millionen Euro teure Bau mit dem Preis des Architekturforums Zwickau 2009 und dem best architects 10 award ausgezeichnet. Kein Wunder. Eingepfercht zwischen gesichtslosen Institutsgebäuden und DDR-Plattenbauten der übelsten Sorte, ist die zweispurige Schatzkammer nicht nur ein überaus angenehmer Zeitgenosse heutiger Tage, sondern auch ein wertschätzendes Loblied auf die Fünfziger und Sechziger. Man werfe nur einen Blick auf den stählernen Schriftzug Forum Mobile. Eleganter können Buchstaben nicht hängen.

„Der Freistaat Sachsen ist in Sachen Baukultur engagiert und setzt die qualitative Latte mittlerweile recht hoch an“, erklärt Architekt Ansgar Schulz, „ich traue mich sogar zu behaupten, dass die öffentlichen Projekte in Sachsen derzeit zu den besten Deutschlands zählen.“ Zu verdanken sei dies nicht nur den Architekten, sondern auch den exakten Ausschreibungsunterlagen und den sorgfältig zusammengesetzten Jurys. „Qualität ist nicht nur eine Frage des Bauens, sondern auch des wirtschaftlichen und politischen Wollens.“

Das klingt nach einem geradezu vorzüglichen Zeugnis, gespickt mit lauter Einsen. Doch sind die vergleichsweise jungen Blüten zeitgenössischen Bauens auf dem Gebiet der ehemaligen DDR tatsächlich so prächtig wie von Insidern dargestellt? „Leuchttürme moderner Architektur und Initiativen, die zu diversen Höchstleistungen anspornen, gibt es in den neuen deutschen Bundesländern zur Genüge“, erklärt Andreas Denk, Chefredakteur der Zeitschrift der architekt, die monatlich erscheint und vom Bund Deutscher Architekten (BDA) herausgegeben wird, und zählt auf: UFA-Kinopalast Dresden (Coop Himmelb(l)au, 1998), Universitätsbibliothek der BTU Cottbus (Herzog & de Meuron, 2005) oder die erst kürzlich fertiggestellte Überdachung für das Dresdner Residenzschloss (Architekt Peter Kulka, 2009).

Was tun mit dem Plattenbau?

„Doch viel wichtiger als die singulären Spitzenbauten erscheint mir der Grundtenor, der in der neuen ostdeutschen Architekturszene herrscht“, sagt Denk, „und der ist angesichts der widrigen Umstände mehr als positiv.“ Die Widrigkeit, von der hier die Rede ist, bezieht sich vor allem auf die demografische Entwicklung jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Denn seit der Wiedervereinigung haben mehr als 1,7 Millionen Einwohner den Bundesländern im Osten den Rücken gekehrt. Das entspricht einem Rückgang um ein knappes Zehntel. Das zentral gelegene Bundesland Sachsen-Anhalt ist um gar 15 Prozent geschrumpft.

In der Regel zeichnet sich der Job des Architekten darin aus, etwas Neues zu schaffen. In einigen, vom Bevölkerungsschwund besonders stark betroffenen Gebieten ist es jedoch umgekehrt. Prominentestes Beispiel ist die 16.000 Einwohner zählende Stadt Leinefelde-Worbis in Thüringen. Da viele Plattenbauten leerstanden und zu hässlichen Hausleichen in der Stadt mutierten, musste die hohe Schule der Architektur mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln darauf reagieren: mit Abrissbirne, Bagger und Kalkül.

Leinefelde, amputierte Stadt

Ein solcher Pionier, der sich der Amputation alter Bausubstanz angenommen hat, ist Architekt Stefan Forster aus Frankfurt am Main. „Es ist kein Zufall, dass wir als westdeutsches und somit emotionell distanziertes Büro mit dem Rückbau von Plattenbauten begonnen haben“, erklärt Forster. Die Ostdeutschen hätten damals noch viel zu viele Berührungsängste gehabt. „Als wir unser Vorhaben das erste Mal präsentiert haben, meinten die Stadtpolitiker und Bewohner, das sei unwirtschaftlich und technisch nicht möglich.“ Die Zeit und weit über 20 Preise und Auszeichnungen - darunter auch der World Habitat Award 2007 - belehrten die Einwohner von Leinefelde eines Besseren.

Vorsichtig wurden die ungenutzten Plattenbauten bis auf den Rohbau entkernt und um einige Räume und ganze Stockwerke reduziert. „In manchen Projekten haben wir mehr rückgebaut, in anderen weniger“, sagt Forster, „durch die modulare Bauweise der Platten ist das alles nicht so kompliziert. Man schweißt den Bewehrungsstahl los und löst die Platte aus dem Verband.“

Durch die Metamorphose konnten in den letzten zehn Jahren viele unterschiedliche Bautypologien entwickelt werden. Das bauliche Spektrum reicht von der bunten Häuserzeile über loggienbestückte Reihenhäuser bis hin zu frei stehenden Stadtvillen.

„Entgegen der landläufigen Meinung, dass mühsame Sanierung aufwändiger sei als Abbruch und Neubau, ist es uns gelungen, die alten Plattenbauten um rund 900 Euro pro Quadratmeter zu revitalisieren“, sagt Forster, „Wohnraumbeschaffung um diesen Preis ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sinnvoll, was den Ressourcenverbrauch betrifft.“

Einziges Problem am preisgekrönten Rückbauprogramm: Da die massiven Stahlbetonplatten kaum Eingriffe zulassen, müssen die Bewohner mit all den damit verbundenen Problemen leben. Größtes Manko ist der Schallschutz. Bei einer monatlichen Miete von vier Euro pro Quadratmeter sei ein derartiges Zugeständnis allerdings verkraftbar, meint der Architekt.

Heute ist Leinefelde, das vor 20 Jahren noch im Schatten der nahegelegenen Mauer vor sich hindöste, zu neuem Leben erwacht. Statt graubrauner Plattenbauwüste wie zu Honeckers Zeiten gibt's gesundgeschrumpften Wohnbau im knallig bunten Farbenkleid. Das Konzept trägt Früchte: Erstmals seit 1989 ist der Bevölkerungsschwund in der Gemeinde Leinefelde-Worbis gestoppt. Nach Auskunft des Architekten gibt es sogar erste Anzeichen dafür, dass sich im Laufe des nächsten Jahres gleich eine Handvoll neuer Betriebe ansiedeln wird. „Das Gröbste scheint überstanden“, so Forster.

Bauen mit dem Erbe der DDR

„Hübsche Projekte wie die Lehrsammlung für historische Fahrzeuge in Zwickau sind wichtige Leuchttürme einer Architekturszene“, fasst Andreas Denk zusammen, „doch wie sich herausstellt, besteht die eigentliche und spezifische Bauaufgabe der Post-DDR im behutsamen Rückbau und in der intelligenten Revitalisierung alter und ungenutzter Bausubstanz.“ Es zeuge von gegenseitigem Respekt, das bauliche Erbe der DDR zu erhalten und mit heutigen Mitteln bestmöglich zu transformieren, so Denk. „Der Stadtumbau in Leinefelde ist ein gutes Beispiel dafür.“

Selbst wenn die dunkle Ära der Deutschen Demokratischen Republik zu Ende ist, dürfe man nicht außer Acht lassen, dass diese 40 Jahre trotz all ihrer Schattenseiten für eine ganze Generation identitätsstiftend waren. Dass man den Palast der Republik auf der Berliner Museumsinsel abgerissen hat, ist dem ausgebildeten Architekturhistoriker ein Rätsel.

„20 Jahre später tauchen aus dem Nichts eingebildete Menschen auf, zerstören einen Teil der Geschichte, aus der man wertvolle Lehren für die Zukunft ziehen könnte, und wenden sich wieder alten, preußischen Idealen zu. Ist die Rekonstruktion des Stadtschlosses wertvoller als der Palast der Republik?“ Ein derartiger Umgang mit der Vergangenheit entzieht 15 Millionen Deutschen ihren Boden.

Die Bevölkerung in den neuen Bundesländern schwindet. In einigen Gebieten schaffen die Architekten daher nichts Neues, sondern bauen mit Abrissbirne, Bagger und Kalkül.

12. September 2009 Der Standard

Es flasht nur kurz und illegal

Charlie Todd hat schon etliche Flashmobs organisiert. Doch wie öffentlich ist die Öffentlichkeit wirklich? Wojciech Czaja hat seine Gedanken gehackt.

Wem gehört der öffentliche Raum?

Charlie Todd: Uns allen! Der öffentliche Raum ist das Wohnzimmer der Gesellschaft. Hier treffen wir uns, hier lernen wir einander kennen, hier gibt's Komik und Klamauk. Verbotstafeln, die darauf hinweisen, dass Gehen, Stehen, Liegen, Trinken, Essen oder Musizieren verboten sind, erscheinen mir suspekt. Menschen, die sich daran halten, ebenso.

Juristisch betrachtet, hat jede Straße, jeder Platz einen Grundstückseigentümer. Gibt es so etwas wie öffentlichen Raum denn überhaupt?

Todd: In New York gibt es eine Vorschrift, dass mit jedem neu zu errichtenden Hochhaus ein Teil des Grundstücks als öffentliche Fläche angelegt werden muss. Das ist eine sehr sinnvolle Maßnahme. Doch Hand aufs Herz: Die wirklichen Fädenzieher im öffentlichen Raum sind die Konzerne. New York ist mit Werbung und Filmankündigungen regelrecht zugepflastert. Wenn die Stadtregierung Werbung duldet, dann muss sie meines Erachtens auch die Inbesitznahme durch Privatpersonen akzeptieren.

Sie haben schon etliche Flashmobs organisiert. Erreicht werden damit nur die Jungen und Vernetzten. Was ist mit all den anderen?

Todd: Flashmobs gibt es heute schon auf der ganzen Welt. Die Leute organisieren sich über Facebook und Twitter. Ich halte es allerdings für ein Vorurteil, dass diese Medien nur die Jugend erreichen. Zu den ersten Flashmobs 2003, da kamen nur Leute wie du und ich. Männlich, weiß und keine 30 Jahre alt. Doch die Situation hat sich geändert. Zu den Mobs, die wir heute organisieren, kommen Rechtsanwälte, Künstler und Studenten, aber auch Großmütter mit ihren Enkelkindern.

Urban Hacking ist niemals von Dauer. Flashmobs dauern in der Regel nur ein paar Minuten. Heißt das, dass die langfristige Aneignung des öffentlichen Raumes zum Scheitern verurteilt ist?

Todd: In den meisten Fällen handelt es sich um unbewilligte, ja sogar um illegale Projekte. Sie müssen temporär sein, sie können gar nicht ewig dauern. Ich denke, dass genau in diesem Umstand der Reiz des Hackens liegt. Nichts ist für die Ewigkeit bestimmt, schon wenige Stunden später kann jemand anderer auf seine eigene, ganz persönliche Weise den Raum in Anspruch nehmen.

Wenn Sie die Gesellschaft im Wandel der Zeit betrachten: Leben wir heutzutage eher offen oder eher zurückgezogen?

Todd: Dank Facebook und Twitter leben wir öffentlicher als je zuvor - zumindest in sozialer Hinsicht. Jeder weiß, ob wir in der Nase bohren oder nicht.

Und räumlich?

Todd: Oft das absolute Gegenteil! Die neuen Technologien haben die Face-to-Face-Interactions auf ein Minimum reduziert. Oft leben wir die soziale Komponente nur noch digital aus. Umso wichtiger ist das Handeln in der Realität.

Ein persönlicher Abschluss: Wo verbringen Sie Ihre Freizeit lieber? Zu Hause oder im Park?

Todd: Ich bin süchtig nach Interaktion. In meiner Freizeit sitze ich am liebsten irgendwo in einer Bar. Oder ich fahre U-Bahn und höre den Leuten zu, wie sie mit ihren Liebsten telefonieren. Willst du Steak oder Sushi? Du, ich komme später. Ja, ich dich auch. Aber was soll ich sagen? Ich habe wenig Freizeit. Ich arbeite so viel am Computer, dass ich in nichtdigitaler Hinsicht längst schon zum Nesthocker mutiert bin.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag