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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

1. Oktober 2011 Der Standard

Meisterin des großen Fastnichts

Die japanische Architektin und Pritzker-Preis-Trägerin Kazuyo Sejima leitete letztes Jahr die Architektur-Biennale in Venedig. Jetzt war sie in Wien und gab eines ihrer seltenen Interviews.

STANDARD: Sie gelten als medienscheu und lehnen fast alle Interviews ab. Warum eigentlich?

Sejima: Mein Englisch ist nicht sehr gut. Das führt manchmal zu Missverständnissen. Lieber lasse ich meine Gebäude für sich sprechen. Da gibt es keine Missverständnisse.

STANDARD: Und was sagen Ihre Gebäude?

Sejima: Sie sagen sehr wenig. Der Raum dient in erster Linie dazu, die Natur und das Licht sprechen zu lassen.

STANDARD: Warum ist alles weiß?

Sejima: Unsere Häuser sind nicht immer weiß. Aber oft. Als ich jung war, habe ich manchmal mit sehr grellen Farben gearbeitet. Meine ersten Bauten waren gelb und blau. Mit der Zeit beginnt man, sich zu reduzieren und zum Einfachen zu streben. Es geht um die Essenz.

STANDARD: Was wären Ihre Gebäude ohne Weiß?

Sejima: Sie wären durchsichtig und unsichtbar.

STANDARD: Letztes Jahr wurde Ihnen der Pritzker-Preis verliehen. Hat sich seit damals etwas verändert?

Sejima: In den ersten Monaten nach der Preisverleihung war alles beim Alten. Wir haben an Wettbewerben teilgenommen, wir haben gewonnen, wir haben gebaut. Doch in letzter Zeit erkennen wir, dass wir nicht mehr ausschließlich auf Wettbewerbe angewiesen sind. Plötzlich gibt es auch Direktaufträge, und wir müssen nicht mehr um jeden Auftrag kämpfen. Das macht das Leben angenehmer.

STANDARD: Im gleichen Jahr wurden Sie zur Direktorin der Architektur-Biennale in Venedig bestellt. Es heißt, Sie hätten am Anfang gezögert.

Sejima: Um ehrlich zu sein: Ich habe Angst gehabt. Als ich angerufen und gefragt wurde, ob ich die Architektur-Biennale in Venedig leiten will, dachte ich mir: Das ist absolut unmöglich! Im Rückblick betrachtet, war die Arbeit für die Biennale eine großartige Möglichkeit, einen Überblick über die zeitgenössische Architekturszene zu gewinnen. Wissen Sie, als Architektin arbeitet man sich von einem Projekt zum nächsten, und der Blick ist sehr eng. Im Alltag fehlt meistens die Luft, um in die Welt hinauszublicken.

STANDARD: Und? Was haben Sie bei diesem Blick in die Welt gesehen?

Sejima: Am tollsten war für mich, dass ich mich mit den vielen jungen Büros in Japan auseinandersetzen musste. Da gibt es spannende Tendenzen. In der Informationsgesellschaft hat man sonst nur mit Stararchitekten zu tun. Das ist langweilig.

STANDARD: Das von Ihnen kreierte Motto lautete „People meet in architecture“. Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?

Sejima: Ja, sehr sogar. Architektur als Treffpunkt für Menschen - das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Leider ist das oft nicht der Fall. Vor allem in Japan wird oft jeder Quadratmeter mit Funktionen belegt. Alles ist vordefiniert. Für die Menschen bleibt kein Platz. Mit meinem Motto wollte ich das wieder in Erinnerung rufen.

STANDARD: In Ihren eigenen Projekten gehen Sie mit dem Raum manchmal sehr verschwenderisch um. Kostet das mehr?

Sejima: Nein. Es gibt ein Geheimnis: Wir investieren das meiste Geld in die Struktur und somit in die größendefinierende Komponente. Die Oberfläche bleibt meistens roh. Auf diese Weise können wir bei den Materialien viel Geld sparen. Im Rolex Learning Center in Lausanne haben wir uns auf diesen großen, fließenden Raum konzentriert. Und am Ende haben wir einfach nur einen billigen Teppichboden reingelegt, weil wir sonst das Budget überschritten hätten. Eine Universität mit Teppich, wo gibt es das schon!

STANDARD: Gibt es für Sie einen Unterschied, ob Sie in Japan, Europa oder Nordamerika bauen?

Sejima: Nicht prinzipiell. Aber wir passen uns - egal wo wir bauen - den lokalen Rohstoffpreisen an. In Deutschland beispielsweise ist Beton sehr billig. In Manhattan wiederum ist Beton fast unbezahlbar, doch dafür ist Stahl recht günstig. Wenn man diese Grenzen akzeptiert, dann kann man nicht nur günstig bauen, sondern auch den Lokalkolorit erhalten.

STANDARD: Gibt es ein Lieblingsmaterial?

Sejima: Glas ist ein schönes Material, weil es Konstruktion, Füllung und Haut in einem ist.

STANDARD: Und was ist mit Wärmedämmung? Was ist mit Überhitzung?

Sejima: Wir haben in Japan einen anderen Zugang zum Wohnen. Warum muss ein Zimmer im Sommer exakt 21 Grad haben? Und warum muss ein Zimmer im Winter ebenfalls exakt 21 Grad haben? Das ist unlogisch. In Japan verschließen wir uns nicht gegenüber der Natur und den Jahreszeiten. Wir leben nicht gegen sie, wir leben mit ihnen. Wenn es kalt ist, ziehen wir einen Pullover an. Ich verstehe nicht, warum das in anderen Ländern nicht funktioniert.

STANDARD: Dennoch sind die Heiz- und Kühlkosten in Glasgebäuden höher als in anderen.

Sejima: Ich gebe Ihnen recht. Die Projekte, die wir in Japan realisiert haben, sind meist recht energieintensiv. Das liegt daran, dass Strom in Japan sehr billig ist. Zu billig. Außerdem sind die Richtlinien in Japan nicht streng genug. Europa ist da schon viel weiter.

STANDARD: Hat sich der Umgang mit Energie seit Fukushima geändert?

Sejima: Ja, seit dem Erdbeben und dem Tsunami ist alles anders. Die Menschen beginnen plötzlich damit, sich mit Energiekonsum auseinanderzusetzen. Tokio ist nicht wiederzuerkennen. Vor Fukushima war die Stadt bunt und grell, heute ist sie schwarz und dunkel. Die Hälfte der Leuchtreklamen und Lichter ist verschwunden.

STANDARD: Gibt es auch schon Auswirkungen auf die Vorschriften und Richtlinien?

Sejima: Nein, noch nicht. Unsere Lehre aus Fukushima lautet: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Aus diesem Grund hat bei uns im Büro bereits ein Umdenken stattgefunden. Die Projekte von SANAA werden sich verändern.

STANDARD: Durch den Tsunami wurde auch die Insel Inu-Shima zerstört, auf der Sie viele kleine Galerien errichtet haben.

Sejima: Wir sind gerade mitten im Bau. Einige sind schon fertig, andere noch in Planung. Der Tsunami hat auf Inu-Shima 75 Prozent der Häuser zerstört. Und von den insgesamt 3000 Einwohnern sind 1000 ums Leben gekommen. Die Situation ist dramatisch. Unsere Galerien sind vom Tsunami unversehrt geblieben. Zum Glück. Denn auf diese Weise kommen Touristen und Kunstliebhaber auf die Insel. Auf diese Einnahmen sind die Menschen auf Inu-Shima dringend angewiesen.

STANDARD: Werden Sie das Projekt fortsetzen?

Sejima: Natürlich. Das Projekt ist jetzt wichtiger denn je.

STANDARD: Sie bauen derzeit die Museumsdependance des Louvre in Lens, Frankreich. Die Eröffnung ist für nächstes Jahr geplant. Was können wir erwarten?

Sejima: Der Louvre in Lens wird ohne große Gesten auskommen. Das ist ein stilles Gebäude, das seine Qualitäten erst auf den zweiten Blick entfalten wird. Das ist unsere Stärke.

STANDARD: Gibt es einen Traum für die Zukunft?

Sejima: Eines Tages will ich eine Volksschule bauen. Nirgendwo verbringen Kinder in diesem einprägsamen und lehrreichen Alter mehr Zeit als in der Schule. Das ist ein Umfeld, das das ganze Leben mitprägt. Leider ist man sich dessen in Japan nicht bewusst. Wenn ein Mord oder ein Selbstmord passiert, und das passiert leider viel zu oft, dann zuckt man mit den Achseln und sagt: Das ist so, das kann man nicht ändern. Doch, man kann! Man muss sich nur einen Ruck geben. Ich nehme meine Verantwortung als Architektin wahr und sage: Ich fange an, indem ich eine schöne und respektvolle Umwelt für die Kinder gestalten will.

STANDARD: Kann Architektur solche Katastrophen wirklich verhindern?

Sejima: Nicht verhindern! Aber minimal beeinflussen. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich bin der Meinung: Jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft muss sich mit seinen Kompetenzen einbringen, wenn es darum geht, die Gesellschaft von morgen zu formen. Diese Einstellung vermisse ich.

[ Kazuyo Sejima (55) leitet mit ihrem Partner Ryue Nishizawa das Büro SANAA. Die Tokioter Architektin erhielt letztes Jahr den Pritzker-Preis und war Direktorin der Architektur-Biennale 2010 in Venedig. Vor wenigen Tagen war sie im Rahmen der Mak-Vortragsreihe „Changing Architecture“ zu Besuch in Wien. ]

21. September 2011 Der Standard

Abschreckende Fassaden

Für das Wiener Büro t-hoch-n spielen km/h eine wichtige Rolle. Da werden Busse geplant und Geschäfte aus der Perspektive einer Straßenbahn

Der Verkehr ist ein Hund, vor allem dann, wenn sich der eigene Copyshop am Ende einer stark befahrenen Straße befindet. Regelmäßig krachten Autofahrer, die aus der Schönbrunner Straße kamen und das Bremspedal nicht mehr rechtzeitig fanden, in die Fassade der Kopieranstalt M+N. Totalschaden auf allen Seiten. Nach dem 20. Auto erhielt das Wiener Architekturbüro t-hoch-n den Auftrag, eine Fassade zu gestalten, die Autofahrer abschrecken sollte.

„Nicht nur Symptome, auch Ursachen erkennen“

„Wir haben einen Bus an die Fassade gebaut“ , erklärt Gerhard Binder, einer der Chefs bei t-hoch-n. „Jeder, der einen Führerschein besitzt, weiß, dass öffentliche Busse Vorrang haben. Dieses Wissen haben wir uns zunutze gemacht.“ Die Technik, Harmloses als gefährlich zu tarnen, kommt aus der Natur. Die städtische „Mimikry“ hat sich auch bei den Menschen als erfolgreich erwiesen: Seit Fertigstellung der Fassade im Jahr 2004 gab es keinen Unfall mehr.

„Ja, es geht darum, dass man bei einem Projekt nicht nur die Symptome erkennt, sondern auch die Ursachen“, so Binder. Auch beim Geschäft be a good girl in der Westbahnstraße spielte der Verkehr eine große Rolle. „In den Stoßzeiten fährt alle drei bis vier Minuten die Bim vorbei. Die Frage war: Wie bringt man die Leute dazu, auszusteigen und wieder hundert Meter zurückzugehen?“ Die Antwort: Man stellt unter unterschiedlichen Drehwinkeln Spiegel in die Auslage, die im langsamen Vorbeifahren einen flirrenden Film erzeugen. Das macht neugierig.

Das Wissen der Zeit

Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, verkehrsbedingt Portale zu planen, arbeiten die t-hoch-n-Leute hauptsächlich an Dachgeschoßausbauten. Und warum t-hoch-n? „Ganz einfach“, sagt der Architekt. „tn ist die von Carl Friedrich von Weizsäcker entwickelte Formel für das Wissen der Zeit. Was in der Physik gilt, kann auch in der Planung unserer Städte nicht so falsch sein.“

14. September 2011 Der Standard

Kiemen auf Knopfdruck

Das Büro soma architecture liebt das Experiment. Der Pavillon auf der Expo 2012 in Yeosu besticht durch eine bionische Fassade

Wien/Salzburg - Bis vor kurzem teilte soma architecture mit vielen anderen Büros in Österreich ein Schicksal: fertige Homepage, fesche Visitenkärtchen - und noch kein einziges realisiertes Projekt. „Das hat sich jetzt rasant geändert“, sagt Kristina Schinegger, die mit Martin Oberascher, Stefan Rutzinger und Günther Weber Büros in Salzburg und Wien betreibt.

Das erste realisierte Projekt war der temporäre Musikpavillon „White Noise“ auf dem Salzburger Mozartplatz. Die Form des Pavillons war nicht auf Anhieb zu erkennen. „Wir wollten ein mehrdeutiges, ambivalentes Objekt mit einem gewissen visuellen Flimmern erzeugen“, sagt Schinegger.

Kurz vor Fertigstellung befindet sich der Umbau der Bauakademie Salzburg. In dem neu gestalteten Ausbildungszentrum der Wirtschaftskammer soll den Auszubildenden vermittelt werden, was mit heutigen Bautechnologien und Schalungstechniken im Betonbau alles möglich ist.

Bionisches System

Highlight von soma architecture ist jedoch der große Themenpavillon auf der Expo 2012 in Yeosu in Südkorea. Das gigantische, 7000 Quadratmeter große Hightech-Gebäude befindet sich bereits in Bau und wird im Frühjahr, rechtzeitig zur Weltausstellung, seine Pforten öffnen. Herzstück ist eine kinetische Fassade, die nach bionischen Prinzipien funktioniert. Die 108 Lamellen aus Glasfaser - ähnlich aufgebaut wie ein Surfbrett - sind flexibel und können durch Druckausübung wie Kiemen auf und zu gemacht werden. Es ist das erste Mal, dass ein bionisches System in dieser Größe realisiert wird. Nach der Expo soll das Gebäude als Kulturzentrum weitergenutzt werden.

„Experimentelle, innovative Architektur ist für uns sehr wichtig“, sagt Martin Oberascher am Ende. „Wir wollen lediglich neue Techniken ausprobieren und anwenden. Nur so funktioniert Fortschritt.“

10. September 2011 Der Standard

Ein Turm aus Angst und Paranoia

Der Wiederaufbau von Ground Zero hätte ein Projekt mit weltweiter Strahlkraft werden können. Diese Chance ist längst verbaut.

Am 11. September 2001 wurden einige Immobilienobjekte aus dem Grundbesitz der Port Authority of New York and New Jersey unwiederbringlich zerstört. Zwei Tage später saßen die Vorstandsvorsitzenden der Port Authority mit dem Investor Larry Silverstein, der wenige Wochen zuvor einen 99-jährigen Pachtvertrag für das World Trade Center unterzeichnet hatte, und dem Architekten David Childs, Seniorpartner der Architekturfabrik Skidmore, Owings & Merrill (SOM), an einem Tisch und brüteten bereits über den Plänen für den Wiederaufbau.

Ein Grundstück wie Ground Zero zu bebauen ist ein Jahrhundertereignis. Zehn Jahre nach den Anschlägen ist klar, dass diese Chance jämmerlich vertan wurde. Was ein Zeichen für Konfliktbekämpfung und Neuorganisation hätte werden können, ist nun ein mittelmäßiger Haufen von bombensicheren Bürohochhäusern, eine betonierte Anti-Terror-Festung aus der Ära Bush. Die Metapher ist unmissverständlich.

Die Entwicklung auf Ground Zero verhieß von Anfang an nichts Gutes. Im April 2002 schrieb die Lower Manhattan Development Corporation (LMDC) einen Wettbewerb aus und bat 24 Architekturbüros aus ganz Manhattan um deren Entwürfe. Noch bevor die ersten Zeichnungen auf dem Tisch lagen, zog die LMDC die Einladung zurück und übertrug den Auftrag an das New Yorker Büro Beyer Blinder Belle (BBB). Die sechs Masterplan-Varianten von BBB sahen monströse, übereinandergestapelte und ästhetisch austauschbare Bürovolumina mit gewohnt amerikanischer Schönfärberei vor: Memorial Plaza, Memorial Garden, Memorial Square. Die internationale Architektenschaft tobte - und forderte einen internationalen Architekturwettbewerb.

Doch auch das darauffolgende Wettbewerbsverfahren, aus dem unter anderem Daniel Libeskind mit seinem begrünten Turm namens „Gardens of the World“ als Sieger hervorging, sollte sich bald als gescheitert erweisen. „Gärten sind eine konstante Bestätigung des Lebens“, sagte der Architekt. Sie seien der Inbegriff für Freiheit und Schönheit.

Libeskinds Worte waren die perfekte Metapher für ein medial so angeschlagenes Projekt. Allein, mit Gärten in einem halben Kilometer Höhe kann man kein Geld machen. Schon bald darauf wurde Libeskind aus dem Projekt gemobbt. Sein Turm ist längst Geschichte.

Nein: Kulturzentrum

Auch das geplante International Freedom Center (IFC) des norwegischen Büros Snøhetta, das auf Ground Zero einen „Ort der lebendigen Diskussion über den Kampf aller Kulturen für die Freiheit und die Menschenrechte“ mit Ausstellungen über chinesische und tibetanische Freiheitskämpfer schaffen wollte, fiel dem Veto zum Opfer. „Wir wollen hier keine Politik“, erklärte Debra Burlingame, Sprecherin der Opferorganisation Take back the Memorial. „Künstlerische Freiheit und Redefreiheit müssen sein, überall sonst, nur bitte nicht auf Ground Zero.“

Und die beiden Hochhäuser von Norman Foster und Richard Rogers, einst ebenso Wettbewerbsgewinner wie Daniel Libes-kind und Snøhetta, wurden von ursprünglich 71 und 79 Stockwerken auf mickrige Office-Zwerge mit fünf und sechs Etagen (!) geschrumpft. „Man könne die Türme zu einem späteren Zeitpunkt ja immer noch aufstocken“, lautet der zynische Kommentar der Investoren.

Wenig verwunderlich: Am Ende aller Tage landete das Gesamtprojekt Ground Zero wieder dort, wo alles seinen Lauf nahm, beim Verbündeten der Port Au-thority, beim besten Freund des Investors. Bei einer Pressekonferenz im Jahr 2003 trat Architekt David Childs, Seniorpartner von SOM, vor die Journalisten und schnaufte selbstsicher ins Mikrofon: „Der ganze Plan ist dummes Geschwätz. Libeskind hat keine Erfahrung mit großen Projekten. Ein Museum hat er gebaut, aber das kann jeder. Der Mann hat doch keine Ahnung, wovon er spricht.“

Acht Jahre später befindet sich der neue Turmbau von SOM bereits im 82. Stock und hat eine Höhe von 309 Metern erreicht. Ein nichtssagender Phallus aus Glas mit einer 124 Meter hohen Antenne auf der Spitze. Die Gesamthöhe von 1776 Fuß (541 Meter) - eine Anspielung auf das Jahr, in dem Amerikas Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde - ist das letzte symbolische Überbleibsel von Libeskinds Entwurf.

„Herr Libeskind hat ohne Zweifel eine großartige Zeichnung vorgelegt, aber dieses Projekt war immer nur als Masterplan und Stoßrichtung angedacht“, sagt T. J. Gottesdiener, Managing Partner bei SOM New York, im Interview mit dem STANDARD. „Eines Tages hat der Investor Larry Silverstein eben beschlossen, das Areal lieber von anderen Architekten zu bebauen. Das Projekt muss sich rechnen. Das ist die Story.“

Mit der Übertragung der Architekturplanung an SOM, das pro Jahr rund 50 großmaßstäbliche Projekte auf der ganzen Welt abwickelt, ging der Wiederaufbau von Ground Zero endgültig den Bach runter. Der Sockel des 3,1-Milliarden-Dollar-Gebäudes (ca. 2,2 Milliarden Euro) gibt sich heute noch als leichte, transparente Stahlkonstruktion. Doch bei Fertigstellung im Jahr 2013 wird der Tower von einer zwei Meter dicken, 60 Meter hohen Betonmauer umgeben sein. Sie soll einem 20-Tonnen-Truck voller Dynamit standhalten können.

„Der Auftraggeber ist um maximale Sicherheit bemüht“, sagt Gottesdiener, „aber schauen Sie sich nur einmal die Geschlechtertürme der Medici in Florenz an! Die haben im unteren Bereich auch kaum Öffnungen, und trotzdem finden wir diese Gebäude atemberaubend schön.“

Ja: Shoppingcenter

Und sonst? Der Turm wurde um 20 Meter von der Straße abgerückt, ein Sicherheitsabstand. Das Panorama-Restaurant im obersten Geschoß wird nicht realisiert - logistische Probleme. Doch dafür gibt es ein gigantisches unterirdisches Einkaufszentrum mit 46.000 Quadratmetern Verkaufsfläche - keine logistischen Probleme.

Und der einst pathetische Name „Freedom Tower“ musste der pragmatischen Bezeichnung „One World Trade Center“ weichen. Der Großmieter Vantone Industrial Co. aus Peking, der in den Etagen 64 bis 69 ein „China Center“ errichten will, konnte sich mit dem Namen nicht identifizieren und wünschte sich die Umbenennung des Turms.

Ground Zero (kolportierte Gesamtinvestitionskosten zehn bis 14 Milliarden US-Dollar, ca. 7,1 bis 9,9 Milliarden Euro) droht zu einem kulturellen Fiasko zu werden, zu einem kommerziellen und fragwürdig politischen Aushängeschild der USA, zu einem Symbol für Angst und Paranoia. „Hört auf zu bauen!“, forderte der deutsche Journalist Florian Heilmeyer vor einigen Jahren in einem Artikel. „Vielleicht kann eine kommende Generation diesen Ort würdiger und sinnvoller bespielen.“ Dafür ist es nun zu spät.

Ground Zero ist nicht nur die Rekonstruktion eines zerstörten Machtsymbols, sondern zugleich auch Sinnbild einer perfiden und uninspirierten Architektur. Oder, wie der Berliner Architekturtheoretiker und Schriftsteller Friedrich von Borries schreibt: ein „Architekturporno für die Weltherrschaft des Kapitals“.

7. September 2011 Der Standard

Turmbau mit Hüftschwung

Das Architekturbüro Klaura+Kaden ist ein Anhänger des Holzbaus. Das neueste Projekt ist ein 100 Meter hoher Aussichtsturm

Klagenfurt - Jahrelang haben die beiden dafür gekämpft, jahrelang wurde das Projekt von der Politik auf die lange Bank geschoben. Zu hoch, zu teuer, viel zu modern. Vor wenigen Wochen dann der Durchbruch: Der Aussichtsturm auf dem Pyramidenkogel, hoch oben über dem Wörthersee, soll realisiert werden. Damit erhält Kärnten nicht nur ein neues Wahrzeichen, sondern auch das größte und womöglich beeindruckendste Stück zeitgenössischer Architektur seit langem.

„Holzbau ist eine Materie, die uns immer schon interessiert hat“, sagt Architekt Dietmar Kaden. Der Baustoff Holz sei umweltverträglich, zukunftsträchtig und in Österreich im Überfluss vorhanden. „Einfamilienhäuser und Passivwohnbauten in dieser Bauweise zu errichten ist das eine. Aber ein 100 Meter hoher Aussichtsturm aus Holz, das ist ein Jahrhundert-Ereignis!“ Der Aussichtsturm wird damit der zweithöchste Holzbau der Welt.

100 Meter lange Rutsche

„In der Regel haben Türme etwas sehr Männliches an sich - bei diesem Turm erinnert die gedrehte, weiche Form an eine Tänzerin mit einem gewissen Hüftschwung“, meint Kaden. „Je nach Blickwinkel bieten sich dem Betrachter ganz unterschiedliche Silhouetten.“ Doch hinter der organischen Form versteckt sich ein strenger mathematischer Raster. Die Fertigung der einzelnen Lärchenholz-Pfeiler erfolgt mittels CNC-Fräse im Werk, der Zusammenbau vor Ort wird nur wenige Wochen dauern.

Ungewöhnlich ist jedoch nicht nur die Konstruktion, sondern auch die Funktion. Neben Lift, Stiegenhaus und Panorama-Café in 70 Meter Höhe wird es eine 100 Meter lange Rutsche geben. Die Rutschgeschwindigkeit wird bis zu 10 km/h betragen, aus der Plexiglasröhre wird man den Wörthersee überblicken können. „Noch vor zehn Jahren war Kärnten unscheinbar, wenn es um Architektur ging“, erinnert sich Kaden. „Mittlerweile ist es der jungen Architektengeneration aber gelungen, die Bauszene deutlich zu beleben.“ Eckdaten des jüngsten und höchsten hölzernen Manifests: Baukosten acht Millionen Euro, Baubeginn Frühjahr 2012, Fertigstellung Ende 2012.

31. August 2011 deutsche bauzeitung

Spuren im Schnee

Modegeschäft in Wien

Das neue Corporate Design eines Kitzbüheler Modelabels für Trachten, Ski- und Sportswear »versteckt« die Ladenfront hinter einer großen, weißen Wabenstruktur aus Mineralwerkstoff. Die Auffälligkeit im Stadtbild sowie die haptische Qualität des Materials führen fast zwangsläufig zum Näherkommen und Berühren – und zum Eintreten. Auch das Innere des Geschäfts ist fast vollständig mit Mineralwerkstoff ausgekleidet. Die Architekten bewiesen dabei nicht nur Mut, sondern auch Detailliebe und konstruktive Disziplin.

Die Wiener Ladenzeilen zu ebener Erde sind eine Stadt für sich. Während oben fein behauene Gründerzeitfassaden, barock anmutende Erker und gelegentlich sogar Versatzstücke aus der Belle Epoque in den Straßenraum ragen, regiert unten die beinharte Politik des Konsums. Man geht vorbei an riesigen Glasfassaden, an aufgespannten Kostümen ohne Preisschild, an Großfamilien von Schaufensterpuppen, die adrett gekleidet in Reih und Glied stehen und um Kunden buhlen.

Doch dann die Modeboutique »Sportalm«: Wie eine futuristische Bienenwabe steht plötzlich eine massive, löchrige Scheibe vor dem denkmalgeschützten Haus in der Brandstätte 8-10, nur wenige Schritte vom Stephansplatz entfernt. Während einige Teile blickdicht sind, lassen insgesamt 148 sechseckige Aussparungen einen gefilterten Blick auf die bunten Sportanoraks und österreichischen Dirndl des Kitzbüheler Modeunternehmens zu. Das geheimnisvolle Portal aus der Zukunftswerkstatt macht neugierig und lädt ein näherzutreten.

»Genau das ist der Punkt«, sagt der Wiener Architekt Johannes Baar-Baarenfels. »Die gesamte Erdgeschosszone in der Wiener Innenstadt ist bereits weit aufgerissen. Mit einer einfachen Glasfassade fällt man hier unmöglich auf. Man erzielt keine Aufmerksamkeit, und die Leute laufen im Konsumrausch permanent an einem vorbei. Im Verstecken liegt der Reiz. Daher habe ich mich für diesen Bruch entschieden.«

Es ist ein Bruch mit der Tradition des Wiener Window-Shoppings, gewiss aber kein Bruch mit der eigenen Architektur. Denn Baar-Baarenfels reizt die Architektur seit dem ersten Tag seines Schaffens bis an die Grenzen ihrer materiellen und konstruktiven Machbarkeit aus. Viele Bauherren sind schockiert. Viele begeistert.

Die Fassade des durch und durch weißen Geschäfts besteht aus dem Mineralwerkstoff Corian. Insgesamt wurden vier Schichten miteinander verleimt und anschließend mittels einer CNC-Fräse in diese unverwechselbare Form geschnitten. Die wabenförmige Struktur ist jedoch keineswegs nur eine Frage der Optik. In den schmalen vertikalen und diagonalen Stegen versteckt sich ein rautenförmiges Flächentragwerk aus 6 mm dicken, gekanteten Edelstahlblechen. Die 8,40 x 5,00 m große Fassadenplatte, die ihrer Ausmaße wegen eines Nachts mit einem Sondertransport auf die Baustelle geliefert werden musste, ist damit selbsttragend. Auf zusätzliche Konstruktion konnte verzichtet werden.

Einziges Problem sind die Querkräfte. »Die Honeycomb-Struktur ist zwar selbsttragend, aber noch nicht stabil genug gegen horizontale Einflüsse«, erklärt Baar-Baarenfels. »Im Fall von starken Winden und Erdbeben würde sich die Fassade wie ein plötzlich beanspruchter Tennisschläger durchwölben, und die Glasscheiben würden brutal zerbersten.« Das Statikbüro werkraum wien errechnete eine horizontale Durchbiegung von 270 % gegenüber dem maximal zulässigen Grenzwert. Eine kalkulatorische Katastrophe. Erst durch die geschlossenen Felder, die scheinbar zufällig über die Fläche verteilt sind, konnte die nötige Steifigkeit erzielt werden.

Die sporadische Anordnung der amorph anmutenden Flächen ist dem Architekten nur recht: »Sieht willkürlich aus, ist es aber nicht. Eine wunderbare Genese.« In einer dieser blickdichten Füllungen prangt der Schriftzug des Geschäfts: »Sportalm Kitzbühel«. Die futuristische Schrifttype, seit langer Zeit Teil der Corporate Identity, passt perfekt zur Architektur. Durch die Ausfräsung der Buchstaben ist die Corian-Platte an dieser Stelle deutlich dünner. Untertags fällt der Geschäftsname durch die leichte Schattenwirkung auf, abends, wenn die Hinterleuchtung eingeschaltet ist, durchdringt ein diffuses Glimmen das Material.

Zum Eingang hin wird die Struktur etwas dichter. Wie ein organisches Gebilde zieht sich das Netz zusammen, täuscht dem Betrachter eine Perspektive vor, die es nicht gibt, und leitet den Passanten in dieser angedeuteten Wölbung schließlich zielgenau zum vollverglasten Eingang, in dem sich – in Form einer trapezförmigen Skulptur – ein letztes Mal die Raute wiederfindet. Der Griff liegt gut in der Hand. Es ist ein Spiel mit Nähe und Distanz, mit Einladung und Abweisung, mit Offenheit und Geschlossenheit. Letztlich, das liegt ganz im Sinne des kapitalistischen Gedankens, siegt die Öffnung. Also, hinein ins Geschäft!

Verfestigtes Winterbild

Auch innen dominiert die Farbe Weiß. Zu Füßen liegt ein heller Polyurethan-Boden, an den Wänden wabert abermals Mineralwerkstoff durch den Raum, in diesem Fall jedoch wich das wetter- und frostbeständige Corian dem etwas günstigeren Materialvetter Staron. Als hätte jemand eine intakte weiße Leinwand mit horizontalen Schlitzen massakriert, klafft das aufgeschnittene Material in den Raum, schmiegt sich mal um Mauervorsprünge, klappt sich dann wieder zu einer eleganten, homogenen Ablage auf. Es ist, als stünde man in einem dreidimensionalen Gemälde des italienischen Avantgarde-Künstlers Lucio Fontana.

»Das Bild, das wir von Kitzbühel haben, besteht aus Winter, Hahnenkamm-Rennen und dramatischen Schneewechten an den Hängen«, sagt Baar-Baarenfels in seiner für ihn so typischen konzeptionellen Dramatik. »Die weiß aufgeklappten Borde, aus deren Hintergrund wie ein Stück Erde dunkles Makassa-Holz durchschimmert, könnte man als Interpretation einer solchen Schneewechte auffassen.« Allein, in der Sportalm-Boutique sind die Schneeplatten mit allerlei High-Tech ausgestattet. In den 50 mm dicken Borden ist nicht nur die Hängevorrichtung für die Kleiderhaken integriert, sondern auch eine lineare LED-Leuchte, die direkt auf die Kleidung strahlt und auf diese Weise die Verschattung durch die vorstehenden Ablagefächer wieder neutralisiert. Das ist Disziplin bis ins kleinste Detail.

Hergestellt wurden die Borde aus einzelnen 6 mm dicken Mineralwerkstoff-Platten, die mittels thermischer Einwirkung zu diesen zweiachsig gekrümmten, um 90 ° verdrehten Hyperboloid-Flächen verformt wurden. Teils im Werk, teils vor Ort wurden die einzelnen Elemente miteinander verklebt und anschließend zu einer fugenlosen, samtig anmutenden Fläche verschliffen. Die Länge der Verdrehung ist von Bord zu Bord unterschiedlich. Insgesamt mussten für diesen Vorgang 60 Negativformen produziert werden. Baar-Baarenfels: »Das klingt zwar unwirtschaftlich. Wenn man aber bedenkt, dass die Filiale in Wien ein Prototyp ist und entsprechend oft nachgebaut wird, dann lässt sich so eine Investition wieder in einem anderen Licht betrachten.«

Und tatsächlich: Die ersten Nachfolge-Projekte in Salzburg, München, Düsseldorf, Karlsbad (CZ) und Moskau sind bereits eröffnet. Vor dem minimalistischen Hintergrund der neuen Concept Stores kommt die textile Ware – die Sportalm-Designer greifen gerne zu kräftigen Farben und üppigen Ornamenten – perfekt zur Geltung. Lediglich an Spiegeln, in denen sich die Kundinnen betrachten können, mangelt es im EG. Zu diesem Zweck müssen sie sich ins UG begeben. Der tageslichtlose Raum, der wie eine etwas weniger ambitionierte Kopie des EGs wirkt, birgt weitere Verkaufsflächen sowie drei großzügig bemessene Umkleideräume. Aufgrund der hohen Feuchtigkeit in den Außenmauern des Hauses muss das UG mit einem entsprechend hohen Luftwechsel belüftet werden.

Und was sagen die Verkäuferinnen zu ihrem neuen Geschäft? »Rein optisch ist die Architektur ein Hammer«, meint die Filialleiterin Evelyne Lebensorger. »Das ist eine futuristische Architektursprache, die in einem ganz schön großen Kontrast zu unserer Mode steht. Und es ist wie immer im Leben: Manche Kundinnen sind begeistert, anderen wiederum ist die Gestaltung zu kalt und zu unpersönlich.«

Lediglich an der Funktionalität stößt sich die Verkäuferin: »Das Konzept ist starr und entsprechend unflexibel. Und die Details sind zwar schön, aber man braucht etwas Übung, um die Kleiderhaken im richtigen Winkel aufhängen und entnehmen zu können. Da hat uns der Architekt die Latte ganz schön hoch gehängt.«

Auch in ganz anderer Hinsicht hängt die Latte hoch: Früher befand sich die Sportalm-Filiale im Haus schräg vis-à-vis in der Brandstätte 7-9. Seit dem Umzug ins neue Haus im September 2009 sind die Umsätze um 80 % gestiegen. »Immer wieder wird die Architektur in der Gesellschaft vieler anderer Faktoren als Soft Fact bezeichnet«, sagt Johannes Baar-Baarenfels. »Doch die Boutique Sportalm ist der handfeste Beweis dafür, dass Architektur ein wirtschaftlicher Hard Fact ist. Die Investitionskosten in der Höhe von knapp 1 Mio. Euro haben sich bald wieder amortisiert.« Ein sportliches Projekt.

27. August 2011 Der Standard

Alles neu macht die Harfe

Letzten Samstag wurde in Reykjavík das Harpa Center eröffnet. Es ist mehr als nur ein Konzerthaus. Es ist Symbol für ein neues Island.

Reykjavík im Ausnahmezustand. Auf den Freilichtbühnen wird gejazzt und gerockt, die Jugendlichen schlagen volltrunken auf ihre Gitarren ein, die halbe Bevölkerung Islands, so scheint es, macht einen auf Headbanging. Rechtzeitig zum alljährlich im August stattfindenden Musikfestival Meninggarnótt wurde letztes Wochenende offiziell das neue Wahrzeichen der Stadt eröffnet: das Harpa Center.

Der gläserne Kristall im Alten Hafen ist nicht nur eines der größten und spektakulärsten Gebäude Islands, sondern auch ein mühsam und mit aller Kraft errichtetes Manifest. Ursprünglich hatte das Projekt als Public Private Partnership (PPP) begonnen. Nach dem Zusammenbruch der Banken ging das Haus in öffentlichen Besitz über. Heute befindet es sich zu 45 Prozent im Eigentum der Stadt Reykjavík und zu 55 Prozent im Eigentum des Landes.

„Als die Krise begonnen hat, war die Baustelle bereits voll im Gange, das Haus war zu 40 Prozent fertiggestellt“, erinnert sich Harpa-Direktor Höskuldur Ásgeirsson im Interview mit dem Standard. „Danach herrschte monatelang Baustopp. Es war eine mutige Entscheidung der Politiker, in so einer wirtschaftlichen Situation weiterzumachen. Doch es war die richtige Wahl.“

Mehr als hundert Jahre hatte man in Reykjavík bereits darüber diskutiert, ein eigenes Opern- und Konzertgebäude zu errichten. Mehr als hundert Jahre lang mussten sich Schauspieler, Sänger und Orchestermusiker damit begnügen, in Kirchen, Kinos, ja sogar in miefig verschwitzten Turnhallen aufzutreten. „Es war erbärmlich“, meint die zuständige Musikdirektorin Steinunn Birna Ragnarsdóttir. „Man hat als Kuratorin alles gegeben, was man konnte, doch am Ende war es nie gut. Beethovens Neunte in der Turnhalle? Ich bitte Sie ...“

Inspirationsquelle Natur

Heute ist alles anders. Opern, Jazzkonzerte, Theaterproduktionen. Im violetten Saal wird gerade das Musical Hair aufgeführt. Schon nach dem Soft-Opening im Mai - die letzten Bauarbeiten standen noch aus, die Fotos waren noch nicht geschossen - stürmten die Isländer ihren neuen Palast, der nicht nur nach der wohlklingenden Harfe im Orchestergraben benannt ist, sondern auch nach dem ersten Sommermonat im alten, nordischen Kalender.

„Island hat eine sehr reichhaltige Kultur“, meint Ósbjørn Jacobsen vom dänischen Architekturbüro Henning Larsen. Gemeinsam mit dem isländischen Partnerbüro Batteríið konnte es sich 2006 im Wettbewerb gegen internationale Kapazunder wie Jean Nouvel und Norman Foster durchsetzen. „Wo schon so viel da ist, braucht man nicht krampfhaft etwas Neues dazuerfinden. Wir haben uns von dem, was Island zu bieten hat, inspirieren lassen.“

Der Beton im ganzen Haus wurde, quasi als Metapher des so reichhaltig vorkommenden Lavagesteins auf der Atlantikinsel, mit schwarzem Pigment eingefärbt. Nur manchmal blitzen, gelb wie der abgelagerte Schwefel am Rande der Geysire, gelbe Fauteuils und gelb beleuchtete Nischen aus der schwarzen Masse.

Auffälligstes Merkmal des Harpa Centers ist jedoch die dreidimensional geformte Südfassade, ein Entwurf des isländisch-dänischen Künstlers Olafur Eliasson. Die sechseckigen Prismen, rund tausend an der Zahl, erinnern an Basalt. Sobald das flüssige Lavagestein aushärtet, bildet sich darin ein hexagonales Kristallgitter. Ganz Island ist übersät von diesen schroffen, prismatisch abgebrochenen Felsformationen, die Eliasson als Grundlage für die Fassade dienten. Clever: Die prismatische Konstruktion der Außenhülle ist nicht nur Schmuck, sondern auch Wärmepuffer und Traggerüst für das Dach.

Herzstück des Harpa Centers ist neben drei kleineren Aufführungssälen der große Konzertsaal mit 1800 Sitzplätzen. Der holzvertäfelte Saal ist so feurig rot wie das Magma im Eyjafjallajökull. Zur Eröffnung am Samstag sägten und kreischten sich die Geiger durch Prokofjews Montagues und Capulets aus Romeo und Julia. Die Akustik war perfekt.

„Bühnentechnik und Akustik sind sehr aufwändig“, sagt Manfred Paulus, Projektleiter beim österreichischen Stahlbauer Waagner-Biro, der für die Architektur hinter den Kulissen zuständig war. „Es gibt nicht so viele Aufführungsmöglichkeiten in Reykjavík, also wurde alles Mögliche daran gesetzt, sich für unterschiedliche Bühnenformen zu wappnen, vom minimalistischen Sprechtheater bis zum großen russischen Konzert.“

Viel Beton, viel Echo

Je nach Anforderung können im Bühnenbereich und im Publikum bis zu 18 Meter lange, herabhängende Filzwände ausgerollt werden. Dann ist der Saal weich und dumpf gepolstert. Soll die Nachhallzeit jedoch verlängert werden, können bis zu 78 riesige Klappen geöffnet werden, die das Volumen des Saales deutlich vergrößern. In den betonierten Hohlräumen hinter der Bühne, in den sogenannten Resonanzkammern, entsteht Echo in Kathedralenqualität. Die Planung für dieses akustische Meisterstück stammt vom New Yorker Akustikplaner Artec Consultants.

Viel Technik, mehr als 3000 Sitzplätze in allen Sälen, und Baukosten in der Höhe von mehr als 110 Millionen Euro - zuzüglich weiterer 50 Millionen Euro, die die Privatinvestoren bereits vor der Finanzkrise in das Projekt hineingebuttert hatten. Wozu so viel Aufwand für ein Land mit 320.000 Einwohnern?

„Das Harpa Center ist nicht nur ein Konzerthaus, sondern auch ein Konferenzzentrum mit perfekter Ausstattung und Dolmetschkabinen für bis zu neun Sprachen“, sagt Harpa-Chef Ásgeirsson voller Stolz. „Island will sich damit auf die internationale Landkarte katapultieren. Ab sofort wollen wir nicht nur spektakuläre Landschaft bieten, sondern auch hochrangige Konzerte und Möglichkeiten für internationale Konferenzen.“

Die Isländer haben wenig Sinn für Humor. Sie meinen es ernst. Auf dem Grundstück daneben wird ein Konferenzhotel mit 400 Zimmern errichtet. Die Baugrube ist bereits ausgehoben. Der Tatendrang ist ungebrochen. Das Projekt „Island neu“ geht damit in die nächste Runde.

27. August 2011 Der Standard

Weltstadthaus macht Weltstadt aus

Diese Woche wird in Wien das neue Kaufhaus Peek & Cloppenburg eröffnet - Architekt David Chipperfield schuf ein Symbol für modernes Einkaufen

Langsam füllen sich die Regale, die letzten Kleider werden auf die Bügel gehängt, Diesel, Barbour, Tommy Hilfiger. Am Donnerstag wird in der Kärntner Straße das neue Kaufhaus von Peek & Cloppenburg eröffnet. Und die Wiener Innenstadt ist auf einen Schlag um 12.000 Quadratmeter Verkaufsfläche reicher.

Das neue „Weltstadthaus im Herzen Wiens“, wie der Bauherr das Geschäft selbstbewusst nennt, fügt sich perfekt in die Reihe der bisherigen Flagship-Stores von P&C (siehe dazu auch Ansichtssache). Nach Gottfried Böhm (Berlin, 1995), Richard Meier (Düsseldorf, 2001) und Renzo Piano (Köln, 2005) ist nun ein weiterer großer Mann mit von der Partie: der Londoner Architekt David Chipperfield. Nach dem 2010 eröffneten Kaufhaus Tyrol in Innsbruck ist der P&C in der Kärntner Straße damit das zweite Kaufhaus Chipperfields in Österreich. Und es ist das mit Abstand größte Neubauprojekt in der Wiener Innenstadt seit langem.

Neuinterpretation

Rasterfassade, heller Kalkstein und riesige Auslagen: Was vielen Wienern zu brutal erscheint, ist für den Architekten eine Neuinterpretation der sogenannten Curtain Wall, der großzügigen Fensterfassaden, die bei den Kaufhäusern des 19. und 20. Jahrhunderts so typisch waren. Chipperfield: „Ich wollte ein Haus mit Fenstern entwerfen. Man sieht nicht nur von der Straße ins Geschäft hinein, sondern auch vom Geschäft hinunter auf die Straße. Diese Blickbeziehung war mir wichtig.“ Atmosphärisch erinnere der neue P&C weniger an ein Kaufhaus, mehr an ein Museum. „Mit einem einzigen Unterschied: In einem Museum hätten wir wohl nicht so viele Lüftungsauslässe.“

Überall gibt es Holzböden und elegante Anschlussdetails in britischer Manier, über dem zentralen Atrium befindet sich eine Lichtkuppel mit einem unverwechselbaren Metallornament, das an den Jugendstil und somit an die Tradition der Wiener Architektur anknüpfen soll.

Und die Fassade besteht „nicht nur aus vorgehängten Platten“ (Chipperfield), sondern aus massiv aufgemauerten, zwölf Zentimeter dicken Donaukalk-Blöcken. „Qualität ist manchmal eben eine sehr subtile Angelegenheit“, stellt der Architekt im Gespräch mit dem STANDARD fest.

Teurer als andere Kaufhäuser

Die Baukosten für diesen „musealen Mehrwert“ werden von P&C wie bei allen bisherigen Projekten streng geheim gehalten. Nur so viel: „Das Weltstadthaus in Wien ist deutlich teurer als ein herkömmliches Kaufhaus, aber es ist nun mal kein herkömmliches Kaufhaus“, sagt Adrian Kiehn, P&C-Generalbevollmächtigter für Österreich und Mitglied der Unternehmensleitung. „Wir glauben daran, dass wir nicht nur Kleidung verkaufen, sondern auch Stil und Qualität. Und das spüren die Menschen.“

Nicht alles schien während der Bauphase so rosig wie heute. Im Erdgeschoß des ehemaligen Finanzministeriums waren Shops untergebracht. Im Gegensatz zu allen anderen Mietern hatte sich die Schuhhandelskette d'Ambrosio gegen eine Ablöse gewehrt und auf ihren unbefristeten Mietvertrag gepocht.

Nach langer Zeit schließlich - der Kampf verzögerte den Baubeginn um etliche Wochen - wurde für das 170 Quadratmeter große Geschäftslokal eine finanzielle Entschädigung vereinbart. Die genaue Höhe ist nicht bekannt, Finanz- und Immobilienexperten kolportieren jedoch eine Summe im Millionenbereich.

Trend im „Goldenen U“

Während Kohlmarkt, Graben und Kärntner Straße früher Heimat traditionsreicher Familienbetriebe waren, wird das „Goldene U“ in den letzten Jahren zunehmend von internationalen Luxusboutiquen und großen Markennamen beherrscht. Die für die Wiener Innenstadt so typischen Kleinunternehmen können sich die hohen Mieten nicht mehr leisten. Das neue Kaufhaus von P&C folgt damit einem Trend, der nicht mehr aufzuhalten ist.

24. August 2011 Der Standard

Bauidee und Badehose

Der Architekt Clemens Kirsch ist nicht nur ein begeisterter Pausenschwimmer, vielmehr auch ein wahrer Profi in Sachen Bildungsbau

Wien - Begonnen hat alles mit der Neugestaltung der Kärntner Straße in Wien. Seit damals geht es mit der Karriere des erst 37-Jährigen eher sehr steil bergauf. Mittlerweile leitet Clemens Kirsch ein Büro mit drei Mitarbeitern.

In seiner Schreibtischlade im siebten Stock über dem Schwedenplatz liegen allerdings auch Badehose und Flipflops bereit. „Immer nur arbeiten, das geht natürlich nicht. Manchmal braucht man einfach eine Pause.“ Also: In der Mittagszeit packt Clemens Kirsch die sommerliche Bekleidung in die Tasche, marschiert zum Badeschiff und haut sich für eine Stunde ins entspannend-erfrischende Wasser.

Wenn er nicht gerade schwimmt, entwirft Kirsch nicht nur Fußgängerzonen, sondern auch Bildungsbauten für Kinder. Letztes Jahr wurde in der Schukowitzgasse in Wien-Donaustadt ein Kindergarten in Passivhaus-Qualität fertiggestellt. Die Planungszeit beträgt zehn Monate und die Bauzeit sechs Monate: „Ich glaube, das ist ein richtungsweisendes Projekt für ganz Wien“, so Kirsch. „Es beweist, dass man auch mit schnellen und geringen Mitteln einen hochwertigen Kindergarten errichten kann.“

Farbe sucht man da vergeblich. Stattdessen erstrahlen die Boxen, die in Vorarlberg vorgefertigt und in Wien nur noch zusammengesteckt wurden, in den Materialien Holz und Stahl. „Die Farbe kommt eh von den Kindern und ihren Zeichnungen - da braucht man als Architekt nicht extra nachzuhelfen“, so Kirsch.

Sein nächstes Projekt ist auch bereits im Entstehen. Im Februar des kommenden Jahres wird in Oberösterreich, in Linz, eine Mittelschule eröffnet. Kirsch ist diesbezüglich glücklich. Er hat nur einen einzigen Wunsch an die Politik. „Mehr Geld für Bildung und Mut zu neuen Konzepten! In anderen Ländern ist man schon weiter.“

14. August 2011 Der Standard

Salat aus der Zukunftsbox

Das Wiener Büro Span entwirft und plant mithilfe digitaler Medien. Das nächste Projekt ist einfuturistischer Biomarkt in Amstetten

Wien - Ohne Algorithmen würden sie wohl verzweifeln. Denn nichts ist den beiden Architekten Matias del Campo und Sandra Manninger vom Wiener Büro Span wichtiger, als einen Blick ins digitale Übermorgenland zu werfen. Am liebsten arbeiten sie mit dem 3-D-Programm Mandelbulber Fractal Explorer vom polnischen Informatiker Krzysztof Marczak.

Auf Basis mathematischer und geometrischer Rechenmodelle generieren sie damit virtuelle Räume, die nicht von ungefähr an Quecksilbertropfen aus dem Windkanal oder Bleigussformen zu Silvester erinnern. „Uns interessiert nicht die Form“, sagen Manninger und del Campo, beide Jahrgang 1970, „sondern der Prozess, der diese komplexen Formfindungen überhaupt erst möglich macht.“

Nach etlichen Ausstellungsgestaltungen, ein paar futuristischen Möbeln und dem Österreich-Pavillon für die Expo 2010 in Schanghai steht nun das nächste Projekt in den Startlöchern: Für einen Privatinvestor in Amstetten plant Span einen Biomarkt. Der Auftraggeber wünschte sich einen Ort, an dem er regionale Produkte in einem innovativen Ambiente verkaufen kann.

Unter einem Dach, entwickelt vom niederösterreichischen Architekten Lászlo Krizmanics, entsteht eine offene Wandelhalle mit amorphen Marktständen aus dem 22. Jahrhundert. „Natur und Mathematik sind von jeher eng miteinander verbunden“, sagt Span. „Warum also nicht Obst und Gemüse in einer digital geschaffenen Landschaft verkaufen?“ Fertigstellung: Sommer 2012.

13. August 2011 Der Standard

Mein digitaler Butler und ich

Ambient Assisted Living verbindet Technologie mit Dienstleistung. Zu Gast in der vollvernetzten Seniorenwohnung von Paula Lengauer.

DDR, Tschechoslowakei und Sowjetunion. Alle noch da. „Mein Gott, den Globus habe ich schon eine Ewigkeit“, sagt Paula Lengauer, die mit dem Zeigefinger um die Welt fliegt. „Keine Ahnung, wo ich den damals gefunden habe.“

Doch der Schein verstaubter Tage trügt. Mehr denn je ist die rüstige 75-jährige Pensionistin nämlich eine Anhängerin digitaler Medien. Fernbedienung für den Fernseher, Fernbedienung für den elektronischen Homebutler, Fernbedienung für die Jalousien. In ihrem Schlafzimmer, das mit altrosafarbenem Plüsch ausstaffiert ist, steht auf dem Schreibtisch ein weißer Apple iMac, Baujahr 2009. Den braucht sie, um mit ihren Kindern und mit ihrer Schwester in Phoenix, Arizona, zu skypen.

Die 50-Quadratmeter-Wohnung in Linz-Pichling könnte nicht besser auf sie zugeschnitten sein. Neben dem Alten- und Pflegewohnheim, das vor genau einem Jahr an die Bewohner übergeben wurde, errichtete die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Linz (GWG) ein Wohnhaus mit 25 betreuten beziehungsweise betreubaren Wohnungen. Die Architektur stammt vom Wiener Büro kub a, das auf diesem Sektor schon einige Erfahrungen gesammelt hat. Eine adrette, geschmackvolle Kiste mit guten, kompakten Grundrissen. Davon könnten Stadt und Land ruhig mehr vertragen.

Das Außergewöhnliche daran: Alle 25 Wohnungen sind mit einem elektronischen Sicherheitskonzept des österreichischen Unternehmens Beko Engineering & Informatik AG ausgestattet. Es ist das erste Projekt österreichweit, in dem die neuen Technologien in diesem Ausmaß installiert wurden. Anders ausgedrückt: Es ist das erste komplett vernetzte Smart Home, das nicht nur in den Köpfen von Forschern und Entwicklern existiert, sondern auch im Alltag ganz normaler Bewohnerinnen und Senioren.

„Technologie allein macht keinen Sinn“, sagt Ingmar Goetzloff, Leiter des Competence Centers für Smart Home Solutions bei Beko. „Die digitalen Wohnlösungen funktionieren nur dann, wenn man sie auch mit entsprechenden Dienstleistungen kombiniert.“ Und er nennt sogleich ein Beispiel: „Was nützt mir ein Brandmelder, der sofort die Feuerwehr kontaktiert, die dann mit einem Löschzug ausrückt, nur weil mir der Fisch in der Pfanne angebrannt ist?“

In den betreubaren Wohnungen in Linz-Pichling ist das Problem anders gelöst: Sämtliche Sensoren sind mit einer Telefonzentrale verbunden. Sobald die lernfähigen Bewegungsmelder, Brandmelder oder Steuerungseinheiten einen Störfall oder ein Abweichen des normalen Verhaltensmusters erkennen, wird die Information an die Samariter übermittelt.

Bevor irgendeine Aktion gesetzt wird, greifen diese zunächst einmal zum Telefonhörer und rufen im jeweiligen Haushalt an. „Frau Lengauer“, heißt es dann am anderen Ende der Leitung, „wie geht's Ihnen denn heute?“ Viele unangenehme und oft auch teure Folgen eines Noteinsatzes können auf diese Weise abgefedert werden. Ambient Assisted Living nennt sich diese Kombination aus Technologie und Dienstleistung im Fachjargon.

Neben Bewegungs- und Brandmeldern gibt es in den Seniorenwohnungen eine thermische Herdplattenkontrolle, Feuchtigkeitssensoren im Bereich von Abwasch und Geschirrspüler, einen Notzugtaster im Bad sowie einen zentralen Ein-und-Aus-Schalter neben der Wohnungstür.

Die Idee dahinter: „In Hotelzimmern wird der gesamte Stromkreis aktiviert, sobald man die Zimmerkarte in den Schlitz gesteckt hat“, erklärt Goetzloff. „Wir wollten diese Technik übernehmen, haben uns statt der Karte aber für den Wohnungsschlüssel entschieden. Das ist den Leuten vertrauter.“

Sobald sich ein Bewohner durch Abziehen des Schlüssels abmeldet, wird der gesamte Haushalt heruntergefahren. Der Strom wird abgedreht, der Wasserabsperrhahn blockiert. Nur der Kühlschrank bleibt an. Im Gegenzug wird der Stromkreis im aktivierten Zustand automatisch kontrolliert. Wenn untertags vier Stunden lang keine einzige elektrische Aktion - etwa durch Betätigung eines Lichtschalters - erfolgt, obwohl jemand laut Schlüsselkontrolle zu Hause ist, dann gibt es wieder einen freundlichen Anruf aus der Zentrale. Bösartige Stürze und plötzliche Bewegungsunfähigkeiten der Bewohnerinnen sollen auf diese Weise rechtzeitig erkannt werden.

„Ja, ich weiß, das klingt alles furchtbar kompliziert“, sagt Frau Lengauer. „Und meine Bekannten fragen mich manchmal, ob ich mich in dieser Wohnung denn nicht rund um die Uhr überwacht fühle.“ Aber nein, das sei nicht der Fall. „Ganz im Gegenteil, ich sehe das mehr als eine Art sichere Vorbeugung.“ Ob sie in den letzten zwölf Monaten seit Einzug vom Ambient Assisted Living schon einmal Gebrauch machen musste? „Zum Glück noch nicht. Aber das kommt noch. Man wird ja nicht jünger.“

Bewährte Technologie

Ergänzt wird die Hightech-Wohnung durch den sogenannten Homebutler. Über eine kundenoptimierte Menüführung im TV soll sich die Golden-Age-Generation mit ein paar Klicks zum Fernsehprogramm, zum SMS-Menü oder zur Homepage der Stadt Linz scrollen können. Sogar digitales Shopping über den Lebensmittelmarkt Spar wird angeboten. „Den Homebutler nutze ich fast nie“, meint Frau Lengauer. „Alles, was ich brauche, habe ich am iMac auch. Und beim Einkaufen will ich nicht digital sein, sondern in den Supermarkt gehen und Leute treffen. Ich brauche soziale Kontakte. So ist das im Alter.“

Auch die Technologie-Planer von Beko haben dazugelernt. „Die Wohnungen in Linz-Pichling für den Bauträger GWG sind ein Pilotprojekt“, sagt Goetzloff. „Jetzt wissen wir, dass sich die Smart-Home-Technologien bei älteren Menschen vor allem im Bereich von Gesundheit und Sicherheit bewähren. Der Bereich Kommunikation und Unterhaltung kommt bei der jetzigen Seniorengeneration noch zu früh.“ Das nächste Projekt steht bereits kurz vor Fertigstellung. Im September wird in Salzburg ein Wohnhaus mit 43 betreuten Wohnungen übergeben. Der Homebutler ist in diesem Projekt bereits eine Spur erwachsener.

Ambient Assisted Living eignet sich nicht nur für Neubauten. Aufgrund der drahtlosen Ausstattung - alle Schalter funktionieren per Funk - können auch bestehende Wohnungen mit der Smart-Home-Technologie nachgerüstet werden. Rund 5000 Euro kostet ein komplettes Paket mit Hardware, Software und dazugehöriger Dienstleistung. Viel Geld. Aber immer noch billiger als ein Umzug in eine neue Wohnung. Vor allem aber viel billiger als ein für Nutzer und Sozialstaat kostspieliges Bett in einem Pflegeheim.

Damit ist das digitalisierte Wohnen nicht nur ein Sicherheitspolster im Lebensalltag älterer Menschen, sondern langfristig auch ein volkswirtschaftlicher Gewinn für alle. Enter.

13. August 2011 Der Standard

„Gewerbegebiete sind die Mistkübel der Nation“

Mit der Planung von Gewerbegebieten ist der Innsbrucker Architekt Peter Lorenz sehr unzufrieden. Wojciech Czaja sprach mit ihm darüber, wie man die bauliche Qualität insgesamt heben könnte.

STANDARD: Wie bewerten Sie allgemein die bauliche Qualität von Gewerbeimmobilien?

Lorenz: Es ist eigentlich paradox, dass die bauliche, technische und ökologische Qualität von Gewerbeimmobilien in Zeiten der Hochblüte in den Keller rasselt. In der Krisenzeit hingegen ist der wirtschaftliche Druck so groß, dass viele Unternehmen damit anfangen, sich verstärkt mit der Idee von Corporate Identity sowie mit ökologischen und langfristig wirtschaftlichen Systemen auseinanderzusetzen. Der Anspruch an Gewerbeimmobilien ist heute stark im Steigen. Die Krise regt zum Nachdenken an und tut der Branche gut.

STANDARD: Wie groß sind die Potenziale?

Lorenz: Enorm! Die Menschen verbringen viel Zeit ihres täglichen Lebens in Gewerbegebieten - sei es, weil sie dort arbeiten, sei es, weil sie dort einkaufen. Die Möglichkeiten, hier mehr Qualität zu schaffen, sind meines Erachtens sehr groß. Vor allem in der Raumplanung und in der Infrastruktur könnte man so viel mehr herausholen.

STANDARD: Zum Beispiel?

Lorenz: Ich bin der Meinung, dass der Gewerbegrund am Stadtrand immer noch viel zu billig ist. Da ist es egal, ob man 5000 oder 10.000 Quadratmeter Grund kauft. Die Folge ist, dass jeder Unternehmer seinen Flachmann hinbaut, wie er will. Ich würde mir wünschen, dass die Stadtplanung und Kommunalpolitik insgesamt mehr qualitative Aufmerksamkeit auf diese Areale richten. Erstens müssen die Grundstückskosten steigen, und zweitens müsste man für Gewerbegebiete einen eigenen Fachbeirat einrichten. Nehmen Sie als Beispiel den erfolgreichen Millennium Park in Lustenau. Das ist der Vorzeige-Industriepark im „Silicon Rheintal“! Dorthin finden sogar Architekturreisen statt.

STANDARD: Das Problem ist also weniger die Architektur als vielmehr die Raumplanung?

Lorenz: Ja. Gewerbegebiete sind immer noch die Mistkübel der Nation. Da sammelt sich der planerische Dreck, da werden behördliche Zugeständnisse gemacht, da kann man machen, was man will. Ich kenne sogar einen Fall, in dem man dem Nachbarn fünf Meter in den Grund hineingebaut hat. Das muss man sich einmal vorstellen! Das ist der reinste Wilde Westen. Die Widmungsfrage ist überhaupt neu zu überdenken. Die Starrheit von Gewerbegebieten hat ausgedient. Das ist ein Relikt des letzten Jahrhunderts.

STANDARD: Ein weiteres Problem bei Gewerbeimmobilien ist, dass die Errichter die langfristigen Energiekosten oft außer Acht lassen.

Lorenz: Ja, das passiert viel zu oft. Der Euro, der für die Miete ausgegeben wird, ist scheinbar immer noch mehr wert als der Euro, der für die Betriebskosten aufgewendet werden muss. So ganz nach dem Motto: Erst einmal schauen wir uns die Herstellungskosten an, die Betriebskosten können später dann ja immer noch erwirtschaftet werden. Dabei wären die Einsparungspotenziale gerade bei den Energiekosten enorm.

STANDARD: Von welchen Ausmaßen sprechen wir konkret?

Lorenz: Wenn wir heute ein modernes und solide durchdachtes Projekt mit einem durchschnittlichen Gewerbeprojekt aus den Siebziger- oder Achtzigerjahren vergleichen, dann sprechen wir von Einsparungen in der Größenordnung von rund 90 Prozent. Verglichen mit einer 08/15-Gewerbekiste aus der heutigen Zeit lassen sich immer noch Einsparungen von rund 50 bis 70 Prozent erzielen.

STANDARD: Es mangelt also noch an Aufklärung?

Lorenz: Der Energieausweis hat viel Arbeit geleistet. Das Ärgste ist bereits abgefedert. Doch langfristig kann man am Immobilienmarkt meines Erachtens nur dann Transparenz schaffen, wenn man dazu übergeht, Mieten, Betriebskosten und Energiekosten endlich gesamtheitlich zu betrachten. Meine Vision ist, dass im Mietrechtsgesetz und am Gewerbeimmobilienmarkt eines Tages eine entsprechende Novellierung stattfindet.

STANDARD: Und zwar?

Lorenz: Mit etwas unternehmerischer Verantwortung könnte man - nur ein Beispiel - Warmmieten einführen, die bereits ein Energiepauschale beinhalten. Die Abweichungen vom durchschnittlichen Energiebedarf könnte man etwa mit Gutschriften und Nachzahlungen regeln. Das wäre ein Modell, von dem langfristig die gesamte Bau- und Immobilienbranche profitieren würde.

30. Juli 2011 Der Standard

Revolution im gallischen Dorf

In zwei Wochen beginnt die Sanierung der Wiener Werkbundsiedlung. Architekten und Bewohner wünschen sich ein Museum. Doch die Stadt Wien schweigt.

Einen Schilling. So viel kostete damals der Eintritt in die Wiener Werkbundsiedlung. Mit der internationalen Bauausstellung, die von Juni bis August 1932 zu besichtigen war, wollte der Werkbund neue, moderne Wohn- und Siedlungsformen für Arbeiter anpreisen, denn nicht alle waren mit den „Volkspalästen“ des Roten Wien glücklich.

Einer, der mit der Wohnbaupolitik der Bundeshauptstadt besonders hart ins Gericht ging, war der projektverantwortliche Architekt und Mastermind Josef Frank: „Das neue Wien macht den Eindruck, als würde hier überhaupt nicht gedacht. Was hier geschieht, sieht aus, als hätte es der Zufall auf die Straße geworfen, und fröhliche Dummheit grinst aus jedem Fensterloch.“ Alternativen mussten her.

Doch die Werkbundsiedlung war nicht die erste ihrer Art. Das große Vorbild war die 1927 in Stuttgart unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe errichtete Weißenhofsiedlung. Städte wie Brünn, Basel, Zürich, Breslau und Prag waren schon längst nachgezogen, ehe auch Wien sich entschloss, einen derartigen Wohnpark, eine Art „Blaue Lagune“ der Dreißigerjahre, aus der Taufe zu heben.

100.000 Besucher kamen damals, um in den grünen Parzellen Ober St. Veits jene „Siedlungshäuser mit Wohnungen kleinster Art“ zu bestaunen, die Frank mit den insgesamt 31 geladenen Architekten aus dem In- und Ausland entwickelt hatte. Unter ihnen etwa Adolf Loos, Oswald Haerdtl, Clemens Holzmeister und Margarete Schütte-Lihotzky sowie die etwas weiter angereisten Kollegen Gerrit Thomas Rietveld und André Lurçat (Foto oben).

Allein, der Erfolg blieb aus. Von den insgesamt 70 Musterhäusern wurden nur 14 verkauft. Die „Wirtschaftlichkeit auf engstem Raum“ stellte sich als leere Worthülse heraus. Dem Mittelstand waren die Wohnungen zu teuer, der Oberschicht waren sie zu klein. Die Gemeinde Wien kaufte daraufhin die restlichen 56 Häuser. Seither gehört die Werkbundsiedlung zum sozialen Wohnbau Wiens.

Und dann nichts. Jahrzehntelang bröckelten die Häuser, die schon bei Fertigstellung durch ihre schlechte Ausführungsqualität aufgefallen waren, vor sich hin. Der Putz blätterte ab, Feuchtigkeit drang in die Fundamente, durch Fenster, Türen und Dächer regnete es hinein. Daran konnte auch die behutsame Sanierung 1983 durch Adolf Krischanitz und Otto Kapfinger nichts ändern. Die Probleme sind nach knapp 30 Jahren die gleichen wie zuvor.

„Man braucht nichts schönzureden“, meint die Wiener Architektin Silja Tillner, die selbst in der Werkbundsiedlung in einem Reihenhaus von Gerrit T. Rietveld lebt (Fotos unten). Die technische Ausführung bei den Bauten der Moderne sei oft sehr schlecht. Aber das ändere nichts an der prinzipiellen Erhaltungswürdigkeit der Werkbundsiedlung.

„Das Projekt war visionär. Es ist eines der wenigen Beispiele für experimentellen und innovativen Wohnbau in Wien und beweist, dass man auch im kleinen Maßstab mitten im Grünen leben kann. Und diese Wünsche sind auch heute noch aktuell. Wir wohnen gerne hier. Wir sind wie ein gallisches Dorf.“

Baukosten zehn Millionen Euro

Jahrelang setzte sich Tillner gemeinsam mit der Denkmalschutzvereinigung docomomo Austria, dem Architekturzentrum Wien und einer ganzen Reihe an Architekten für die längst überfällige Sanierung des einzigartigen Baudenkmals ein. Nun, nachdem die Werkbundsiedlung vom World Monuments Fund in New York 2010 auf die Watchlist der weltweit am meisten gefährdeten Baudenkmäler in Europa gesetzt worden ist, erkennt Wien endlich den Wert des Ensembles und beginnt, die ersten Häuser zu sanieren.

Vier leerstehende Wohnungen, darunter zwei Rietveld-Reihenhäuser, sollen in der ersten Bauphase auf Vordermann gebracht werden. Der Umbau umfasst Trockenlegungsarbeiten, Instandsetzung der Fassade, Erneuerung von Fenstern und Türen, Einbau einer kontrollierten Wohnraumlüftung sowie den Einbau neuer Sanitär-, Heizungs- und Elektroinstallationen. Die Kosten für die Gesamtsanierung der Stadt-Wien-Häuser soll rund zehn Millionen Euro betragen.

Nachdem die Baukosten aus den Mietzinsrücklagen nicht gedeckt werden können, wird die Sanierung zum Großteil aus dem Zentralbudget von Wiener Wohnen finanziert. Zwei Millionen Euro Fördermittel sind für das Projekt vorgesehen. Ende 2010 wurde zu diesem Zweck eigens die Wiener Substanzerhaltungs GmbH. & Co KG (Wiseg) gegründet. Sie wird sich in den nächsten Jahren um die Verwaltung und Sanierung der Werkbundsiedlung kümmern. Am 16. August ist Baubeginn. Zum 80-jährigen Jubiläum im Sommer 2012 sollen die ersten vier Häuser fertig sein.

„Es ist erfreulich, dass die Stadt Wien jetzt einen ersten Schritt setzt und damit anfängt, die Werkbundsiedlung peu à peu zu sanieren“, erklärt Norbert Mayr, Präsident von docomomo Austria, im Gespräch mit dem STANDARD. „Doch bevor die Baustelle startet, möchten wir im Gespräch mit Wohnbaustadtrat Michael Ludwig die Möglichkeiten eines Museums ausloten. In zwei der insgesamt noch 64 erhaltenen Häuser wollen wir ein Werkbund-Museum errichten. Die jetzige Mini-Ausstellung im ehemaligen Trafohäuschen wird der Anlage einfach nicht gerecht.“

Wie schon in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart soll ein Haus eine informative Ausstellung zum Projekt beherbergen, während das andere Haus originalgetreu und mitsamt Möblierung die Besucher in die Atmosphäre des damaligen Wohnens einlullen soll. „Es geht hier nicht um Musealisierung, sondern darum, das Baudenkmal öffentlich zugänglich zu machen und die Bevölkerung adäquat zu informieren“, sagt Mayr. „Der Zeitpunkt ist perfekt. Die Gebäude gehören der Stadt Wien, und einige davon stehen derzeit leer.“

„Museum? Kein Kommentar.“

Vor vier Wochen schickte docomomo eine Petition an Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. 340 Unterschriften gibt es bisher. Doch ansonsten ist es still um das ersehnte Museum. Im Wien Museum, wo man für September 2012 anlässlich des 80-jährigen Jubiläums bereits an einer Ausstellung über die Wiener Werkbundsiedlung arbeitet, will man von diesem Vorschlag noch nichts gehört haben. „Wir werden die Werkbundsiedlung in die Ausstellung natürlich mit einbeziehen“, sagt der zuständige Architekturkurator Andreas Nierhaus. „Aber von einem eigenen Museum in der Werkbundsiedlung weiß ich nichts.“

Der Bauträger Wiseg wiederum sowie das Wiener Architekturbüro P.Good, das im Zuge eines Wettbewerbs den Zuschlag für die Sanierung erhalten hat, ist zur Verschwiegenheit verpflichtet. „Wir dürfen zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen. Bitte wenden Sie sich an das Büro des Wohnbaustadtrats.“ Doch auch dort ist nichts in Erfahrung zu bringen. Lediglich Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrum Wien, erklärt auf Anfrage des STANDARD: „Selbstverständlich soll zumindest eines der renovierten Häuser öffentlich zugänglich bleiben und als Informationszentrum zur Werkbundsiedlung und zur Wiener Moderne betrieben werden.“

Ob das der Fall sein wird, bleibt fraglich. In einem Brief an docomomo deutet Michael Ludwig bereits seine Entscheidung an: „Der (...) Businessplan sieht die Vermietung aller Häuser vor. Vor allem die immensen Kosten der Sanierung lassen ein Leerstehen eines Objektes, somit den Ausfall möglicher Mietzinse, nicht zu.“ Mitte August wird eine Pressekonferenz einberufen. Dann wird man erfahren, ob die Architektur der Moderne in Wien museumswürdig ist oder nicht.

16. Juli 2011 Der Standard

Rezepte gegen den Jetset

100 Jahre John Lautner: Die Glamour-Gebäude des kalifornischen Architekten kennt man aus „007“ und „The Big Lebowski“. Die Grundidee war eine ganz andere.

Sommerlicher Anzug, rosa Krawatte, das Sakko locker über die Schulter geworfen. Zögerlich nähert sich James Bond dem futuristischen Gebäude in Palm Springs, schreitet durch eine Metalltür, dann durch ein Patio, dann durch eine Glastür, und steht plötzlich in einem kreisrunden, betonierten Wohnzimmer mit einem Durchmesser von fast 20 Metern. Die Aussicht auf die Mojave-Wüste ist dramatisch.

Den Rest kennt man: In einem roten Fauteuil am Fenster sitzt die hübsche Bambi, auf einem Felsplateau in der Zimmermitte liegt die exotische Klopfer. Nach einer kurzen Begrüßung wird 007 von den beiden durchtrainierten Amazonen durch den ganzen Raum gejagt, windelweich geprügelt und schließlich mit großem Schwung in den Pool katapultiert. Und dann Schießerei.

Schauplatz dieser unbequemen Szene aus dem James-Bond-Film Diamantenfieber (1971) ist das Elrod House in Palm Springs, errichtet 1968 für den Interior Designer Arthur Elrod. Der Entwurf stammt von niemand Geringerem als John Lautner (1911-1994). Am heutigen Samstag wäre der kalifornische Architekt 100 geworden.

„Das ist kein aufgeklebtes Gebilde auf einem Felsen, das ist ein Haus, das aus einer Skizze mit ein paar sehr einfachen Ideen heraus entstanden ist“, schreibt Lautner in seiner 1994 erschienenen Autobiografie John Lautner, Architect. „Elrod wünschte sich etwas Außergewöhnliches. Und ich kann mich noch genau erinnern. Nachdem er mir seine Liegenschaft gezeigt hatte, sagte er zu mir: Geben Sie mir genau das, wovon Sie glauben, dass ich es auf diesem Grundstück haben sollte.“

Das Ergebnis ist ein Ensemble aus unterschiedlichen Betongebilden, die spektakulär aus der felsigen Hangsilhouette ragen. Über dem Wohnraum schwebt, scheinbar schwerelos, ein zeltförmiges Dach mit aufgeschlitzten Oberlichten. Über eine Schiene in der Decke lässt sich die gewölbte Glasfassade vollständig zur Seite schieben. In der Raummitte liegt ein riesiger Teppich, vorne am Fenster gibt es ein organisch geformtes Schwimmbecken, daneben wächst unvermittelt ein Felsen aus dem Boden. Ein Zeuge der Natur.

Wohnbereich und Landschaft fließen in Lautners Projekten nahtlos ineinander über. „Mein Wunsch ist, die Umgebung mitzugestalten und einen Ort der Sehnsucht zu kreieren“, meint der Architekt. „Das Wesentliche ist der Innenraum, denn schließlich wird Architektur von den Menschen genutzt. Der Grundgedanke ist, das Leben zu verbessern, indem man Wahrheit und Schönheit schafft. Und grenzenlosen Raum.“

Ein Haus für 13 Millionen Dollar

Arthur Elrod war von seinem Haus begeistert. Der Nachbesitzer Leonard Malin meinte stolz: „Bei John Lautner ist kein Haus wie das andere. Jedes Haus ist einzigartig.“ Und Sean Connery erklärte nach den Dreharbeiten zu Diamantenfieber: „Neben der Lage ist für mich das Beeindruckendste der Swimmingpool, der wie eine Terrasse aussieht. Er beginnt im Wohnzimmer, setzt sich draußen fort und führt zu einem Wasserfall. Es ist unglaublich.“ Seit Juni ist das geschichtsträchtige Anwesen wieder am Markt. Der Verkaufspreis liegt bei 13 Millionen US-Dollar.

Am Dienstag lud das Museum für Angewandte Kunst (MAK) im Rahmen der MAK-Nite zu einer Geburtstagsfeier zu Ehren John Lautners. Gefeiert wurde im Freien mit Leinwand und Projektor. Gezeigt wurden drei Filme, in denen Lautners Bauten eine zentrale Rolle spielen. Selbstverständlich wähnte man sich in dieser lauen Sommernacht auch im Diamantenfieber.

Futuristische Oberfläche

„John Lautners Architekturverständnis wird von den Medien ziemlich stark verzerrt“, erklärt Marlies Wirth, Kuratorin der MAK-Nite und Expertin für US-amerikanische Architektur im 20. Jahrhundert. „In den Bösewicht-Filmen aus Hollywood und in den meisten Lifestyle-Magazinen wird John Lautners Architektur immer als Glitzer und Glamour dargestellt. Doch da tut man dem Architekten Unrecht.“

Hinter der meist futuristischen Oberfläche verbirgt sich ein cleveres und effizientes Konzept. Lautners Ziel war es, mit wenigen Mitteln - finanziellen wie auch technischen - ein Maximum an Nutzen herauszuholen. Vor allem seine früheren Projekte bestechen durch unorthodoxe Bauweisen und durch äußerst niedrige Baukosten.

Bestes Beispiel dafür ist das Malin House aus dem Jahr 1961, wegen seiner Form auch „Chemosphere“ genannt. Leonard Malin, ein junger Weltraum-Ingenieur, verfügte einerseits über wenig Budget, andererseits über ein Hanggrundstück im San Fernando Valley, das aufgrund seiner steilen Neigung von 45 Grad als schlichtweg unbebaubar galt.

Wochenlang saß Lautner auf der Baustelle und schaute hinunter auf Los Angeles. In der Nacht sah man nur das Glimmen der Zigarette. Schließlich lieferte er die Lösung zum Problem: Anstatt das Grundstück aufwändig abzustützen, betonierte er ein einziges Fundament und errichtete darüber eine rund zehn Meter hohe Stahlbetonsäule. Der Rest ist Leichtbauweise in Holz und Stahl. Die Oberkonstruktion besteht aus Holzleimbindern, gestützt wird das 200 Quadratmeter große Ding von handelsüblichen Stahlträgern.

Seilbahn nach Hause

Das Heimkommen war jedes Mal ein Abenteuer. Elrod parkte das Auto unten auf der Straße, betrat den Garten und stieg in eine Open-Air-Standseilbahn mit einer hübsch austapezierten Ledersitzbank, die ihn in ein paar Sekunden nach oben brachte. Trotz dieser Playboy-Allüren kostete das Chemosphere House damals weniger als jedes vergleichbare Wohnobjekt in dieser Lage. Einen Teil der Baumaterialien sponserte die Industrie, womit die Baukosten auf 15.000 US-Dollar sanken. Im Gegenzug durfte sie die Immobilie vor Einzug Elrods einige Monate für Werbezwecke nutzen. Alles sehr durchdacht.

Es sind nicht die vielen Hollywood-Filme, nicht James Bond, nicht The Big Lebowski, nicht Drei Engel für Charlie, nicht Bandits und nicht Lethal Weapon, die John Lautners Architektur so einzigartig machen. Es ist das unverwüstliche Lebensmotto dahinter. „Ich will einfach nur, dass sich die Menschen in ihrer Wohnumgebung wohlfühlen“, sagte John Lautner in einem Interview wenige Jahre vor seinem Tod. „Vor allem in dieser so widerlichen Stadt, dass es mich körperlich krank macht.“

Birthday Events: Kommenden Samstag, den 23. Juli, veranstaltet die John Lautner Foundation eine Tour zu vier Privatobjekten in Los Angeles: Sheats-Goldstein House (1963), Harpel House (1965), Jacobson House (1974) und Schwimmer Residence (1982). Am Sonntag, den 24. Juli, gibt es einen Galaempfang im Harpel House.

2. Juli 2011 Der Standard

Mit Hammer, Hand und Herz

Schweiß und Staub: Das indische Büro Studio Mumbai besinnt sich auf traditionelle Fertigungstechniken. Zwei Ausstellungen blicken den Handwerkern über die Schulter.

Eine ungewöhnliche Baustelle. Und das liegt nicht nur am vorherrschenden Hindi und an den raschelnden Palmen im Hintergrund. Nein, es ist still und friedlich hier, die Bauarbeiten gehen mit tropischer Langsamkeit über die Bühne, und die Handwerker knien in yogaähnlichen Posen auf dem Boden und sägen, schleifen, schweißen gemächlich vor sich hin. Ab und zu rennt ein Köter durchs Bild und bellt die Bohrmaschine an.

Das indische Architekturbüro Studio Mumbai wurde 1996 gegründet. Im Gegensatz zum typischen Architekturbüro jedoch besteht es zum größten Teil aus Baumeistern, Steinmetzen, Tischlern, Schlossern, Malern, Zimmermännern und diversen anderen Experten für diverses anderes Zeug. Hier geht es nicht um die trockene Materie des Plänezeichnens, hier regiert die Wirklichkeit.

„Früher, in England und in den USA, da war ich ganz normaler Architekt, so wie viele andere auch“, sagt Bijoy Jain. Der 46-Jährige ist Gründer und Chef des eigenwilligen Ateliers unter Palmen. „Doch den Großteil meiner Arbeitszeit habe ich damit verbracht, auf die Baustelle zu fahren und dort die Dinge wieder ins Reine zu bringen. Die meisten Handwerker können keine Pläne lesen, jeder macht, wie er es kann, und jeder macht, was er will. Das ist frustrierend.“

Frust kann mobilisieren. Zurück in Indien, scharte Jain die besten Handwerker des Landes um sich und gründete eine Kooperative, die heute - 15 Jahre später - zu den größten und ungewöhnlichsten Konstellationen dieser Art weltweit zählt. Auf der Architektur-Biennale 2010 in Venedig wurde Studio Mumbai mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Und nun widmen ihm das Vorarlberger Architekturinstitut (VAI) in Dornbirn und das Sitterwerk in St. Gallen sogar eine Doppelausstellung.

„Studio Mumbai ist ein Phänomen“, sagt Wolfgang Fiel, Kurator der Ausstellung im VAI. „Es ist nicht nur eine Gegenbewegung zum immer stärker werdenden Turbokapitalismus in Indien, es ist auch ein Zurückbesinnen auf die kulturellen Wurzeln in diesem Land und nicht zuletzt auf die vorhandenen Ressourcen.“

Traumjob Tischler, so wie Jesus

In einem Land, in dem für gewöhnlich innerhalb weniger Monate ganze Bauwerke aus dem Erdboden gestampft werden, erscheint die Herangehensweise von Studio Mumbai anachronistisch und luxuriös. „Studio Mumbai arbeitet in einer Geschwindigkeit, die uns heute abhandengekommen ist“, so Fiel. „Aber dafür werden Fertigungstechniken aufrechterhalten, die schon seit Jahrhunderten überliefert sind und die sonst wahrscheinlich verlorengehen würden. Das ist ein wertvoller Beitrag.“

Zurück auf die Baustelle. Rohstoffe und Werkzeuge liegen wie in einem Open-Air-Labor fein säuberlich und schön geschlichtet auf riesigen Tischen bereit. Jean Marc Moréno schnappt sich ein paar Blechteile und verschwindet damit in den Schatten, um sie in die richtige Form zu hämmern. Er ist einer der Dachdecker und Spengler im Büro. „Eigentlich wollte ich Tischler werden, so wie Jesus, Sohn Gottes“, erklärt er vor laufender Kamera. „Aber dann habe ich keinen Job gefunden. Also bin ich Dachdecker geworden.“

Die meisten Studio-Mumbai-Mitarbeiter sind schon seit einer Ewigkeit dabei. So auch Dattrey Datao Dhar Shinde. „Ich bin der Fachmann für schwierige und komplizierte Dinge“, sagt der gelernte Steinmetz. „Meine Familie hat immer schon mit Stein gearbeitet. Sie hat die Statuen der meisten Tempel hier in dieser Gegend gemeißelt.“

Und Pandurang Sitaram Gharat, Baumeister und Experte für indische Steinmalerei, ist froh, dass er nicht mehr als Taglöhner arbeiten muss. „Früher bin ich jeden Tag mit dem Rad durch die Gegend gefahren und habe Jobs gesucht. Jetzt habe ich endlich einen fixen Arbeitsplatz.“

Studio Mumbai ist in der Zwischenzeit zu einem mittelgroßen Unternehmen herangewachsen. 120 Mitarbeiter gibt es insgesamt, und das Büro wird größer und größer. Das Know-how der Leute hat sich im Land längst herumgesprochen. Immer wieder versuchen Baufirmen und Handwerksunternehmen, mit den hochqualifizierten Handwerkern des Studio Mumbai Kontakt aufzunehmen und sie abzuwerben. Mit geringem Erfolg. Die meisten bleiben ihrer Arbeit treu.

Monatelang arbeiten sie im Studio, suchen die richtigen Hölzer aus, mischen die kräftigsten Farben, schmieden Türknäufe und Fenstergriffe zu wohlgeformten Artefakten, die nicht nur schön anzusehen sind, sondern auch satt und geschmeidig in der Hand liegen. Immer wieder ist in der Architektur von Haptik und Sinnlichkeit die Rede. Hier kriegt man eine Idee davon, was das heißt.

Es dauert, so lange es dauert

Wie viel Zeit der Bau eines Hauses benötigt, lässt sich nur schwer vorhersagen. „Ich lasse mich auf keine Deadlines ein“, sagt Bijoy Jain zum STANDARD. „Es dauert, so lange es halt dauert. Meine Kunden wissen das, und jeder, mit dem wir zusammenarbeiten, ist mit diesen Spielregeln von Anfang an einverstanden. Die Qualität ist mir wichtiger als die Tatsache, ob das Haus ein paar Monate früher oder später fertig wird.“

Nicht nur der Zeitplan, auch das genaue Aussehen ergibt sich erst im Laufe der Zeit. Jain: "Ja klar, es gibt Skizzen und eine grobe Idee davon, wie das Haus später aussehen wird. Aber im Großen und Ganzen entsteht die konkrete Form, entstehen die konkreten Materialien und Details im Dialog mit den Handwerkern. Es ist „learning by doing“. Jeder bringt sich auf seine Weise ins Projekt ein. Die Summe all dieser Ressourcen führt schließlich zum fertigen Haus."

Zu den bisher realisierten Projekten zählen Einfamilienhäuser, sommerliche Landsitze und kleine, luxuriöse Urlaubsressorts. Die Häuser sind mit behutsamer Kenntnis der Landschaft und des Klimas gebaut. Aber auch mit viel Liebe. Und das ist ausnahmsweise nicht gelogen.

Die Handwerker kennen jeden Knoten, jede Schraube, jede Verästelung im Holz. Oder, wie Bijoy Jain dies ausdrückt: „Ich bin stolz zu behaupten, dass wir mit unseren Emotionen bauen. Aber ich gebe zu: Solche Projekte kann man nur machen, wenn man keinen ökonomischen Druck verspürt.“

Noch richten sich die Gebäude an eine ausgesuchte, exklusive Klientel. Doch schon bald soll das Phänomen Studio Mumbai auf die breite Bevölkerung überschwappen. Bijoy Jains Plan ist so ungewöhnlich wie selbstlos: Mitten in der Millionenmetropole Mumbai will er eine Art Mehrfamilien-Musterhaus mit sehr einfachen, aber cleveren baulichen Elementen errichten.

Aus der nachahmungsorientierten Kultur der Inder heraus erhofft sich Jain eine unaufhaltsame Welle schamloser Plagiate. „Ich bin Optimist. Und ich hoffe, dass wir auf diese Weise die traditionelle Baukultur Indiens retten können.“

Am Donnerstag, den 14. Juli, hält Bijoy Jain in Dornbirn einen Vortrag. Inatura, Jahngasse 9, 6850 Dornbirn. 20 Uhr.

Die Ausstellung „Studio Mumbai“ im Sitterwerk ist bis 28. August zu sehen. Sitterwerk, St. Gallen. pwww.sitterwerk.ch

Die Ausstellung „Studio Mumbai“ im VAI ist bis 1. Oktober zu sehen. Vorarlberger Architekturinstitut, Dornbirn.

11. Juni 2011 Der Standard

Mit dem Dreirad nach Utopia

Studenten aus Boston und Wien präsentieren ihre Ideen für die Stadt der Zukunft. Das neue Zauberwort lautet Vernetzung.

„Der Anblick von Städten kann ein besonderes Vergnügen bereiten, wie alltäglich er auch immer sein mag“, schrieb Kevin Lynch 1960 in seinem Essay The Image of the City. „Es ist in jedem Augenblick mehr vorhanden, als das Auge zu sehen und das Ohr zu hören vermag. Immer gibt es einen Hintergrund oder eine Aussicht, die darauf warten, erforscht zu werden.“

Kevin Lynch (1918-1984) war Architekt und Stadtplaner am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Auseinandersetzung mit dem urbanen Raum hat in Cambridge schon lange Tradition. Der US-amerikanische Architekt und Forscher Kent Larson, der am Montag in Wien einen Vortrag hielt (der Standard berichtete), führt diese Tradition nun fort. In Zusammenarbeit mit der TU Wien und dem Austrian Institute of Technologies (AIT) widmete sich das MIT Media Lab ein Semester lang der Frage: Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung in Ballungsräumen. Bis 2050 wird der Anteil auf 70 Prozent steigen. „Die Verstädterung der Erde wird immer größer und immer schneller“, sagt Larson. „Allein in den nächsten 15 Jahren werden mehr als 300 Millionen Land-Chinesen in die Städte ziehen. Wir werden die Funktionsweise der Stadt notgedrungen neu denken müssen.“

Die gebaute Umwelt und der Verkehr machen insgesamt rund 60 Prozent des globalen Energieverbrauchs aus, rechnet Larson vor. Und nicht alle Länder sind gleichauf: Die USA verbrauchen pro Kopf 2,5-mal so viel Energie wie etwa Dänemark. Im Vergleich mit weniger entwickelten Ländern in Asien und Afrika fällt das Verhältnis um einige Potenzen dramatischer aus.

Anders ausgedrückt: Hätten alle Menschen auf der Erde den gleichen ökologischen Fußabdruck wie die USA, würde ein Erdball alleine nicht reichen. Um die Bedürfnisse vollständig abzudecken, wären 4,39 blaue Planeten vonnöten. Schachmatt. Veränderung muss her.

Doch der Drang nach Umdenken ist nicht neu. Schon 1860 machte sich der französische Mathematiker Augustin Mouchot Sorgen um die Zukunft: „Man kommt zwangsweise zu dem Schluss, dass es umsichtig und weise wäre, angesichts der Halbsicherheit, was die Energieversorgung dieses Landes betrifft, nicht einzuschlafen. Letztendlich wird die europäische Industrie nicht mehr genügend Ressourcen vorfinden, um dem beachtlichen Wachstum gerecht zu werden. Ohne Zweifel wird die Kohle eines Tages verbraucht sein. Und was macht die Industrie dann?“

1866 gab es bereits die erste Solarmaschine der Welt. Auf der Weltausstellung 1867 in Paris wurde sie der Öffentlichkeit vorgestellt. Mithilfe der Sonnenkraft konnte damals schon Eis erzeugt werden. Und in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts arbeiteten Studenten der University of Minnesota bereits an einem Haus mit einem Dach aus serienreifen Sonnenkollektoren. Das Gebäude wurde 1975 in Rosemount fertiggestellt.

Auch das Elektromobil hat schon einige Jahrzehnte am Buckel: Nach einer Senatssitzung über batteriebetriebene Fahrzeuge am 13. März 1967 stiegen die beiden Senatoren Edmund Muskie und Warren G. Magnuson in Washington, D. C. presse- und publikumswirksam auf zwei hypermoderne Elektro-Scooter. Die Geschichte bewies: Weit kamen sie nicht.

„Mit Niedrigenergiegebäuden und Elektroautos alleine werden wir das Problem nicht lösen können“, meint Kent Larson. „Diese Ansätze gibt es schon seit Jahrzehnten. Und sie alle waren eine Sackgasse. Wir dürfen nicht länger nur in getrennten Sparten denken wie bisher, also in Form von Architektur, Verkehr, Infrastruktur, Industrie und so weiter, sondern müssen ein zusammenhängendes, vernetztes Gesamtsystem entwickeln, das in sich logisch geschlossen ist.“

Ist die Zukunft attraktiv?

Die ersten Ansätze dafür wurden diese Woche in Wien präsentiert. Anhand des aktuellen Masterplans für die Seestadt Aspern im Nordosten Wiens hatten sich rund 25 Studenten von MIT und TU Wien mit neuen Formen von Wohnen, Arbeiten und Mobilität befasst. Entwickelt wurden energieoptimierte Wohnhäuser mit stapelbaren Garagen, E-Mobile, E-Scooter, Stromtankstellen sowie dazu passende Online-Programme und elektronische Interfaces für Nutzerinnen und Nutzer.

„Elektrofahrräder, die zwischen Strombetrieb und Muskelkraft hin- und herschalten, sind schon lange am Markt“, sagen die beiden Studierenden Marijana Simic und Thommy-James Padayhag. „Allerdings mangelt es den Leuten noch an Motivation, um solche Fahrzeuge auch wirklich zu verwenden. Die Frage ist: Wie macht man solche Produkte für das breite Publikum attraktiv?“

Für das von Marcus Martinez, Jee Yeon Hwang und Quinnton Harris am MIT Media Lab, Abteilung Smart Cities, entwickelte Persuasive Electric Vehicle (PEV), ein klappbares Dreirad mit einem Wetterschild aus gummientengelbem Polycarbonat (siehe Foto), stellten sie ein digitales Portal vor. Die Jury hatte viel zu lachen. „Wenn man die Leute zum Umdenken animieren will, dann ist Humor schon mal ein guter Anfang.“

Auch die meisten anderen angehenden Architekten verstanden es, der drohenden Ökologiekatastrophe mit nachhaltigen Ideen entgegenzuwirken, die über Wärmedämmung und ein paar Alibi-Fotovoltaikzellen am Dach weit hinausgehen. „Wir können nicht einfach nur in einzelnen Bauwerken denken“, erklärt der Bostoner Student Daekwon Park. „Wenn wir das urbane Leben im 21. Jahrhundert verstehen wollen, dann müssen wir uns zuallererst damit auseinandersetzen, wie wir uns in Zukunft im System Stadt bewegen werden.“

Das fesche Dreirad auf der Wiener Ringstraße ist mehr als nur ein technisches Projekt. Es ist Teil eines komplexen Netzwerkdenkens an den Universitäten, das erstmals in der Geschichte wirklich Hoffnung macht. Einige dieser Ideen sollen in den nächsten Jahrzehnten in der Seestadt Aspern umgesetzt werden.

28. Mai 2011 Der Standard

Paradeiser aus Metropolis

Die Stadt der Zukunft? Sie wird grün und fruchtbar sein. Diesen Eindruck vermittelt eine aktuelle Ausstellung im Nordico-Stadtmuseum Linz.

„Man muss nicht erst sterben, um ins Paradies zu gelangen, solange man einen Garten hat“, besagt ein altes persisches Sprichwort. „Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt“, sagte einst der libanesische Dichter Khalil Gibran. Und Michel Foucault meinte: „Der Garten ist ein Teppich, auf dem die ganze Welt ihre symbolische Vollkommenheit erreicht.“

Den vielen sinnlichen und bisweilen auch lebensnotwendigen Varianten des künstlich gestalteten Grünraums widmet sich die Ausstellung Im Garten. Lebensräume zwischen Sehnsucht und Experiment, zu sehen im Nordico-Stadtmuseum Linz. Gezeigt werden Beiträge aus dem Bereich der bildenden Kunst, aber auch Architekturprojekte und urbane Initiativen.

„Jeder Garten ist ein imaginäres Paradies, das die Handschrift seines Gestalters trägt“, sagt die Kuratorin Karin Standler. Die Wiener Landschaftsarchitektin konzipierte die Ausstellung gemeinsam mit Andrea Bina und Magnus Hofmüller. „Nicht zuletzt ist ein Garten aber auch ein schöner und sehr sensibler Hybrid zwischen Natur und Ersatznatur.“

Es ist vor allem der Drang nach dieser Ersatznatur, der viele Stadtbewohner und Planerinnen antreibt, die Hände in die Erde zu stecken und das Grün dorthin zurückzubringen, von wo es längst verschwunden ist. Die Idee ist alt. Es war Joseph Beuys, der als Erster das moralische Recht auf Gärten in der Stadt einforderte. Mit ihm begann jene Strömung, die heute unter den Begriffen „City Farming“, „City Gardening“ und „Guerilla Gardening“ bekannt ist. Im März 1977 setzte er im Vorgarten seines Berliner Galeristen eine runzelige Kartoffel in die Erde ein. Im Oktober desselben Jahres, am Ende der documenta 6, erntete er die knolligen Früchte seiner öffentlichen Aktion.

Die Städte dürstet immer mehr nach Grün. „Heutige Metropolen sind schwarze Löcher und hungrige Monster“, schreibt der Hambruger Philosoph Harald Lemke im überaus appetitlich gestalteten Ausstellungskatalog Im Garten. „Eine Welt, in der alle Menschen satt werden und gut essen, im Sinne einer gastrosophischen Ethik, braucht nicht immer weniger, sondern immer mehr Kleinbauern, auf dem Lande und in den Städten.“ Die „Re-Agrarisierung der Stadtgesellschaft“ (Lemke) sei längst überfällig.

Bio-Gemüse aus Chicago

Die ersten Versuche der guerillagrünen Stadtaneignung - abseits von Kunst und Architektur - stammen aus den USA. Auf der sogenannten City Farm Chicago, gegründet 2000 und nur wenige Schritte von der Downtown entfernt, werden 98 unterschiedliche Kräuter- und Gemüsesorten angepflanzt. Darunter allein 30 Arten von Paradeisern. Zu den Hauptkunden zählen Liebhaberinnen von Organic Food und Restaurantköche aus der Umgebung. Diese wiederum versorgen die Farm hinter den Wolkenkratzern mit Bioabfall für den Kompost.

„Die Stadt hat so viele Ressourcen“, sagt Ken Dunn. „Ich glaube, die Zeit ist reif dafür, dass Chicago sich dem Gedanken der urbanen Landwirtschaft im gesamten Stadtgebiet verpflichtet.“ Ganze Nachbarschaften könnten sich dadurch verändern, meint der Gründer der City Farm. Die Zahlen liefern den Beweis: Der Verein ist zwar nach wie vor auf die Förderungen der Stadt angewiesen, doch der jährliche Umsatz durch verkauftes Gemüse macht bereits 60.000 US-Dollar aus.

Mittlerweile ist die grüne Welle auch auf Europa übergeschwappt. In Städten wie Kopenhagen, Paris, Berlin, Hamburg und Leipzig entstehen immer mehr selbstinitiierte und selbstverwaltete Nutzgärten. Die Paradeiser wachsen in Baulücken, die Kartoffeln neben der Sandkiste, die Schnittblumen für den Wohnzimmertisch auf der Verkehrsinsel zwischen Bushaltestelle und S-Bahn-Station.

„Der Garten ist ein Ort für Gespräche, Integration, Gesundheit und Selbstversorgung“, sagt Marco Claussen, Gründer des Prinzessinnengartens in Berlin-Kreuzberg. „Vor allem für Migranten ist so ein Ort wichtig. Die meisten Migranten kommen vom Land, wohnen aber in der Stadt.“ Das wecke unweigerlich eine gewisse „Anbausehnsucht“.

Auch in Berlin wird das angebaute Obst und Gemüse verkauft. „Immer mehr Leute wollen nachvollziehen, wo und wie ihre Nahrungsmittel angebaut und hergestellt werden“, so Claussen. Noch viel wichtiger: „Der Garten ist ein Treffpunkt für Bewohner, ein Ort der Langsamkeit und Ruhe.“ Doch die Immobilienbranche schläft nicht. Um potenzielle Projektentwickler und Investoren nicht auf immer und ewig zu vergraulen, muss der Prinzessinnengarten einmal im Jahr übersiedeln. Der alljährliche Umzug findet traditionsgemäß in nichtmotorisierten Vehikeln, zum Beispiel in Einkaufswagen, statt.

Kein Platz für Bottom-up?

Warum ist diese Entwicklung noch nicht auf Österreich übergeschwappt? „City-Farming ist eine Bottom-up-Bewegung, die von der Stadtplanung mitgetragen werden muss“, erklärt die Kuratorin Karin Standler. „Im Stadtentwicklungsplan für Wien (Step 2005) wird bis 2015 jedoch ein Bevölkerungswachstum von mehr als 21 Prozent prognostiziert.“ Man werde die Stadt nachverdichten müssen, die Brachflächen würden dadurch weiter zurückgehen. „Das ist eine ganz andere Situation als in Berlin oder Leipzig.“

Im aktuellen rot-grünen Regierungsübereinkommen der Stadt Wien ist von entsprechenden Pilotprojekten die Rede: Dachbegrünungen, Grünoasen in Innenhöfen und grüne Hausfassaden sollen weiter gefördert werden. „Gemeinsames Garteln fördert soziale Beziehungen und Nachbarschaftskontakte in den Bezirken“, sagt Maria Vassilakou, Planungsstadträtin für Wien (Grüne), auf Anfrage des Standard. „Der Ausbau von Community-Gardening-Projekten in Wien ist uns ein großes Anliegen. Ziel ist es, dass in jedem Bezirk zumindest ein Grätzelgarten geschaffen wird.“

Bis es so weit ist, muss man sich mit mobilen Mitteln behelfen: Das US-amerikanische Künstler- und Designer-Kollektiv Rebar Group baute mangels Grünraums in der Stadt 2007 den sogenannten Park Cycle, eine Art Wiesenlimousine mit Baum in der Mitte, angetrieben durch den Tritt in die Pedale. „Der Lebensraum Stadt muss in Zukunft unbedingt an Qualität dazugewinnen“, sagt John Bela, Mitbegründer von Rebar. „Umdenken ist ein erster Schritt.“

14. Mai 2011 Der Standard

Picknick mit Rubens

Kommenden Dienstag wird in Antwerpen das Museum aan de Stroom eröffnet. Hier ist nicht nur die Kunstgeschichte zu Hause, sondern auch die Freizeit.

„Ich hab's nicht so mit den dünnen Häusern, anorektische Architektur, das ist nicht mein Fall“, sagt er, lehnt sich an die gewellte Glasfassade und schaut hinaus auf die verzerrte und tausendfach durchgequirlte Stadt. „Wenn ich schon baue, dann will ich etwas zwischen meinen Fingern spüren, dann will ich's richtig dick und fest. So wie bei Rubens. Kein Gramm weniger.“

Willem Jan Neutelings ist nicht nur Barock-Liebhaber, sondern auch Architekt. Gemeinsam mit seinem Partner Michiel Riedijk plante er das neue Museum aan de Stroom, kurz MAS, das kommenden Dienstag in Antwerpen offiziell eröffnet wird. Und es ist nicht irgendein Museum. Es ist das stolzeste und mächtigste Bauprojekt in der flämischen Hafenstadt seit langem.

„Kunst und Diamanten haben wir schon seit Jahrhunderten, seit kurzer Zeit ist Antwerpen auch für seine zeitgenössische Mode bekannt, jetzt ist die Architektur an der Reihe“, erklärt der neue Museumsdirektor Carl Depauw, der das Bauwerk unter seiner Ägide liebevoll als Maskottchen bezeichnet. Das macht das Pathos wieder wett. „Ja, es ist ein Maskottchen für Antwerpen. Wir haben lange genug darauf gewartet. Nun ist es endlich da.“

Mitte der Neunzigerjahre hatte die Stadtregierung beschlossen, vier kleinere kommunale Museen zusammenzulegen und in einem einzigen, neuen Wahrzeichen zu vereinen. „Die alten Museen waren viel zu klein und längst nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik“, sagt Depauw. „Manche der Exponate sind uns aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit in diesen Räumen regelrecht davongeschimmelt. Es war eine Schande.“

1999 wurde ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich 51 Büros bewarben. Neutelings & Riedijk gingen mit ihrer Neuinterpretation eines historischen Hafenspeichers als Sieger hervor. Nach einer etwas längeren Dürreperiode in der Stadtkasse rollte Ende 2006 der erste Bagger heran. 56 Millionen Euro später (Baukostenanteil 33,4 Millionen Euro) ist das Ding unter Dach und Fach: ein 60 Meter hoher Bilbao-Effekt mit Ecken und Kanten.

Eine wilde Mischung

Insgesamt umfasst das MAS heute 470.000 Objekte, zusammengetragen aus dem Ethnografischen Museum, dem Völkerkundemuseum, dem Nationalen Schifffahrtsmuseum, dem Kunsthandwerksmuseums Vleeshuis sowie aus der Sammlung präkolumbianischer Kunst Paul und Dora Janssen. Als Draufgabe gibt es zurzeit eine temporäre Ausstellung mit Werken von Peter Paul Rubens, Jan Brueghel, Jan van Eyck und Konsorten. Wilde Mischung.

Der Clou jedoch: Die Exponate sind nicht nach ihrer kulturellen und ethnischen Zugehörigkeit sortiert (Ausstellungskonzept B Architecten), sondern nach übergeordneten, abstrakten Themen wie Leben, Tod und Stadt. Da kann es schon einmal passieren, dass ein angegammeltes Totem neben einer hochglanzpolierten Schiffsschraube hängt. „Wir wollen nicht einfach nur Dokumente in die Vitrine legen und Bilder an die Wand nageln“, sagt Direktor Depauw. „Es geht uns um den Kontext. Wir suchen nach Konnotationen und Analogien.“

„Ja, ja, stimmt schon, alles Geschichte, alles sehr wichtig. Aber da, schauen Sie nur raus auf die Stadt!“ Architekt Willem Jan Neutelings spricht eine andere Sprache. „Schauen Sie sich nur dieses wunderbare Panorama und diese betrunkenen, tanzenden Kirchtürme an! Ist das nicht großartig?“

Neutelings ist nicht wegzukriegen von hier, lehnt an der Glasfassade, immer noch, deutet hinüber zur Liebfrauenkathedrale, deren Turm in den bauchigen Wölbungen hin- und herschwabbelt, mal dicker, mal dünner wird, sich doppelt und dreifach vermehrt. „Wenn das nicht barock ist!“

Tatsächlich ist dieser Bereich das Herzstück des neuen Museums aan de Stroom, nur wenige Meter von der Schelde entfernt, eingeklemmt zwischen die beiden Docks aus der Zeit von Napoleon Bonaparte und König Willem I. „Das MAS ist mehr als nur ein Museum. Es ist der Versuch, den wunderschönen, aber lange Zeit vergessenen historischen Hafen am Rande der Altstadt zu neuem Leben zu erwecken“, sagt Neutelings. Längst ist das Hafentreiben in den Norden abgewandert. Am Horizont türmen sich Container. Hafenkrane tanzen Walzer in Zeitlupe.

„Die große Frage lautete: Wie macht man ein kunsthistorisches Museum für die breite Masse attraktiv? Wie bringt man die Bevölkerung in so ein Haus hinein? Wir haben uns entschieden, die Geschichte mit der Gegenwart zu kombinieren“, erklärt der Architekt. „Wir haben uns entschieden, kulturelle Bildung und städtisches Leben zu vereinen.“

Ein Speicher der Geschichte

Die Jahrhunderte alten Exponate liegen in tageslichtlosen, übereinander gestapelten Boxen, die wie Container in alle Himmelsrichtungen weisen. Die roten Steinplatten aus Indien sollen in ihren vier unterschiedlichen Farbtönen an die alten, geziegelten Speicher erinnern. Neutelings: „Das ist eine Hommage an den Hafen. Nur werden hier nicht mehr Kaffee und Kartoffeln gelagert, sondern Kunst und Kultur.“

Während der eigentliche Ausstellungsbereich des MAS nur 20 Prozent der Gesamtfläche einnimmt, besteht der Großteil des Gebäudes aus einem öffentlichen Boulevard, der sich hinter einem riesigen Glasvorhang in den zehnten Stock hochschraubt. Flanieren und Rolltreppenfahren ist angesagt. Der Weg bis zur Dachterrasse dauert rund fünf Minuten.

Die sogenannte „Straße“ ist täglich von 9 bis 24 Uhr öffentlich zugänglich,und zwar ohne Ticket. Museumsdirektor Carl Depauw versichert, dass das auch so bleibt. „Wir wünschen uns, dass die Leute hierherkommen, auf die Stadt blicken und sich womöglich doch noch für die Kunst entscheiden. Das ist ein Lockmittel. Dafür kassieren wir kein Geld.“

Noch fehlen Sitzgelegenheiten, doch die sollen demnächst nachgereicht werden. „Bis dahin können die Leute ja eine Decke mitnehmen und sich auf den Boden setzen“, erklärt Depauw. Unter dem Steinboden verlaufen Heizungs- und Kühlungsschläuche, die mit dem Wasser aus den Docks temperiert werden.

Es ist wohl das erste Museum weltweit, in dem die Stadtbevölkerung aktiv dazu eingeladen wird, ihren eigenen Picknick-Korb mitzunehmen, Zeitung zu lesen und zu schmusen (O-Ton des Direktors). „Wenn das kein Ort zum Picknicken und Verlieben ist! Nur Barbecue ist verboten. Sie werden verstehen.“ Auch so kann kunsthistorisches Museum sein.

14. Mai 2011 Der Standard

Unglaublich, das ist so richtig Achtzigerjahre

Wohngespräch

Die Wiener Fotografin Margherita Spiluttini lebt in einem verwinkelten Biedermeier-Dachgeschoß, das 1983 umgebaut wurde. Wojciech Czaja musste den Kopf einziehen.

Das ist ein typisches, total verwinkeltes Biedermeierhaus, 1768 erbaut und 1856 umgebaut. Nach dem Krieg waren die Häuser in der Schönlaterngasse ziemlich verfallen, aber die Stadt Wien hat das gesamte Grätzel Anfang der Siebzigerjahre revitalisieren lassen. Ich habe die Wohnung mit meinem damaligen Mann Adolf Krischanitz 1983 übernommen.

Früher war das ein Architekturbüro mit einer notdürftigen Heizung und einem Klo. Für Wohnzwecke war das zu wenig. Wir haben dann Wände eingezogen, und hofseitig haben wir ins Dach eine ganz kleine Terrasse eingeschnitten. Für die Handwerker war das eine Katastrophe, weil es hier keinen einzigen rechten Winkel gibt.

Wo es ging, haben wir damals auch die Wärmedämmung ausgebessert. Mit der Zeit - und das hat mich selbst überrascht - rutscht die Mineralwolle nämlich nach unten. Das hat zur Folge, dass das Dach im Bodenbereich super gedämmt ist, während die Dachkonstruktion oben komplett hohl ist. Im Winter ist es kalt, im Sommer ist es heiß. Und manchmal pfeift der Wind durch das Dach. Dann gibt es in der Wohnung ein eisiges Lüfterl. Energieschonendes Wohnen schaut anders aus.

Die Farbgestaltung hier oben stammt vom Wiener Künstler Oskar Putz. Er hat die Holzbalken dunkelblau gestrichen, die Wandflächen sind hellblau, eierschalenfarben und weiß. Unglaublich, das ist so richtig Achtzigerjahre! Ich mag es, wenn man einer Sache den zeitlichen Stempel so ansieht. Auch die Möbel sind bunt. Das meiste ist ein Sammelsurium. Die Couch ist von Anna-Lülja Praun, das Bücherregal ist ein Entwurf von Michael Loudon, und die zwei Bugholzstühle sind von Josef Frank. Na ja, da liegen meistens die Katzen drauf.

Wissen Sie, wenn man lange genug an einem Ort lebt, sammelt sich aus verschiedenen Lebensstationen so einiges an. Die Wohnung ist wie ein Dokument der Zeit. So etwas lässt sich nicht planen - das entsteht. Am Anfang war die Wohnung ganz schlicht, heute quillt sie über mit Kunstwerken und kleinen Sachen. Oben im Gebälk zum Beispiel hängt das Geweih eines Wolpertingers. Früher war da noch ein Hasenkopf dran, aber den haben die Motten aufgefressen. Schade, der Gag ist weg.

1995 wurde bei mir Multiple Sklerose diagnostiziert. Am Anfang konnte ich noch gehen, mit der Zeit wurde das aber immer schwieriger. Mein Lebensgefährte Gunther Wawrik, Architekt natürlich, hat dann einige der Möbel für mich adaptiert. Bei der Stahlrohrliege im Wohnzimmer hat er die Beine mit einem Staubsaugerrohr verlängert. Die Lösung ist gut. Nur waren die Proportionen früher etwas eleganter, heute schaut die Liege skurril aus. Als meine Erkrankung 2006 so fortgeschritten war, dass ich nicht mehr gehen konnte, mussten wir umbauen: Teppiche raus, Badewanne raus, stattdessen eine barrierefreie Dusche zum Reinfahren, Türen verbreitert, eine Rampe zum Rausfahren auf die Terrasse und Liftverlängerung ins Dachgeschoß.

Wir haben zwar viel verändern müssen, aber gleichzeitig schaut die Wohnung genauso aus wie früher. Das einzige wirkliche Handicap, das ich habe: Ich komme an die Bücher im Regal nicht mehr heran. Doch zum Glück habe ich viele helfende Hände, unter anderem zwei Pflegerinnen aus der Slowakei: Mirka Mihalcinova und Eva Klimova.

Ich lebe wahnsinnig gerne hier. Das ist eine ruhige Insel mitten in der Innenstadt. Nur am Abend ist es manchmal laut, aber das ist der Lärm des Nachtlebens, und das ist ein süßer Lärm. Überall rundherum würde ich den Biedermeier nicht aushalten, aber hier, auf 120 Quadratmetern, ist er wunderbar. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, dann gehe ich raus in die Normalität.

7. Mai 2011 Der Standard

Stadt im Bild

Gestern, Freitag, wurde der Europäische Architekturfotografie-Preis 2011 vergeben. Eine Stadtbetrachtung durch das dritte Auge.

„Die Fotografie ist der Todfeind der Malerei, sie ist die Zuflucht aller gescheiterten Maler, der Unbegabten und Faulen“, sagte einst der französische Schriftsteller Charles Baudelaire. Ja sogar der passionierte Maler und Fotograf Henri Cartier-Bresson, verstorben 2004, banalisierte die Lichtmalerei durch die Linse, als er meinte: „Viele wollen daraus eine Kunst machen, aber wir sind einfach nur Handwerker, die ihre Arbeit gut machen müssen.“

Dass weitaus mehr dahinter steckt, beweist der Europäische Architekturfotografie-Preis, der gestern Abend, Freitag, im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main bereits zum neunten Mal vergeben wurde. Motto des diesjährigen Wettbewerbs: „Dazwischen, in between.“ „Besonders tragisch in der Riege der Fotokunst ist das Schicksal der Architekturfotografie“, sagt Wilfried Dechau, Vorsitzender und Gründer des Vereins architekturbild e.v. „In der Regel wird sie von Architekten und Redaktionen als reine Dokumentation ihrer Bauwerke in Auftrag gegeben.“

Das oberste Gebot dabei lautet: Menschen verboten. Unendliche Leere. Eine Litanei der rechten Winkel. Die Architekturmagazine sind voll davon. Dechau: „Dass ein Architekturfoto auch eine künstlerische Auseinandersetzung mit der gebauten Umwelt sein kann, wird leider allzu oft vergessen.“

Fenster, Eisenstäbe, abgeschlagener Putz an der Wänden. Großstadt pur. Und dazwischen immer wieder abgeblätterte, grüne Farbe, die um die Aufmerksamkeit der Autofahrer und Passanten hascht: Bäume, Sträucher, Wiesenglück. Ein Staccato verzweifelter Wiederbelebungsversuche.

„Südkorea ist voll von diesen Naturabbildungen“, sagt der deutsche Fotograf Nils Clauss. Der 35-Jährige, der seit 2005 in Seoul lebt, ging unter 269 Teilnehmern als Sieger hervor. „Als ich hierhergezogen bin, waren die Städte noch deutlich grüner. Doch je größer die Siedlungsgebiete werden und je mehr die unbebaute Landschaft rundherum schrumpft, desto größer wird die Sehnsucht nach den verschwundenen ländlichen Räumen. Das merkt man vor allem an den vielen grünen Wandmalereien in der Stadt.“

Es ist dieser nostalgische Blick der Bewohner und Stadtplaner, aufgepinselt auf Mauern und Fassaden, der Clauss zu seinem Fotoprojekt Urban Nature animierte. „Am schlimmsten ist die Situation im Korridor zwischen den beiden größten Städten des Landes, Seoul und Busan“, erklärt der Fotograf. „Auf einer Länge von rund 300 Kilometern reiht sich eine Stadt an die andere, und obwohl wir uns hier mitten in einer grünen und hügeligen Landschaft befinden, ist von der umliegenden Natur kaum etwas zu sehen.“

In den Sechzigerjahren hatte Seoul rund 2,5 Millionen Einwohner. Seit damals bemüht sich die Regierung darum, die Landflucht einzudämmen. Dezentralisierung lautet das Schlagwort. Vergeblich. Mittlerweile ist die Metropolitanregion Seoul auf mehr als zehn Millionen angewachsen. Damit ist das einer der größten Ballungsräume der Erde.

„Mit der weiteren Verstädterung Südkoreas wird die Sehnsucht nach Natur noch weiter steigen“, ist Nils Clauss überzeugt. „Ich kann mir vorstellen, dass die Darstellungen an den Hausfassaden und Mauern entlang der Straßen in Zukunft vermehrt zu finden sein werden.“

Die Katastrophe vor der Linse

Von einem solchen Boom kann Detroit nur träumen. „Der Verfall der Stadt hat bereits in den Fünfzigerjahren begonnen“, sagt der Berliner Fotograf Dawin Meckel (34). Mit seiner Arbeit Down Town hat er beim Architekturfotografie-Preis den 2. Platz belegt (ex aequo mit dem Schweizer Paul Duri Degonda). „Doch seit der Ölkrise und seit der letzten Finanzmarktkrise bietet sich in Detroit ein Bild der Zerstörung wie noch nie.“

Zwischen 1950 und 2000 ist die Bevölkerung, einst 1,9 Millionen Einwohner, um 50 Prozent geschrumpft. Heute hat die ehemalige Automobil-City rund 720.000 Einwohner, Tendenz weiterhin fallend. „Die meisten Häuser in der Downtown sind vernagelt und stehen leer, aus den Asphaltritzen wächst Gras, und manchmal ist weit und breit niemand zu sehen“, so Meckel. Der Zustand der Stadt ist erschreckend, die Stimmung ist bedrückend. Für die Linse jedoch sind die Motive perfekt.

„Detroit ist eine Stadt im Dazwischen“, erklärt Meckel. „Bis heute ist ihr der Sprung von der einstigen Wirtschaftsmetropole zur US-amerikanischen Durchschnittsstadt noch nicht geglückt.“ Ein rigoroses Umdenken sei unausweichlich: „Detroit wird sich neu erfinden müssen. Die Industrie hat hier keine Zukunft. Nun liegt es an den Bewohnern, nicht länger beim Verfall zuzusehen, sondern die bestehenden Flächenressourcen und Chancen möglichst intelligent zu nutzen.“ Wer weiß, vielleicht wird Detroit eines Tages jene grüne Stadt werden, von der Seoul nur träumen kann?

Wie sagte doch Henri Cartier-Bresson? „Fotografieren, das ist eine Art zu schreien, sich zu befreien ... Es ist eine Art zu leben.“

[ Die Ausstellung „Europäischer Architekturfotografie-Preis 2011“ ist im DAM in Frankfurt/Main bis 19. Juni zu sehen. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog erschienen (avedition Verlag, Ludwigsburg 2011), € 24,80. ]

23. April 2011 Der Standard

Schwammerl drüber

Der „Metropol Parasol“ in Sevilla spaltet die Gemüter. Doch eines ist sicher: Architekt Jürgen Mayer H. gelingt damit die Wiederbelebung eines totgeglaubten Platzes.

Der Plastikchristus sieht müde aus. Über ihm wackeln die Zweige eines abgesägten Olivenbäumchens. Im Hintergrund weint Maria viele, viele Tränen aus Pappmaché. Und überall Kandelaber, Kandelaber, Kandelaber.

Sevilla ist im Ausnahmezustand. In der Karwoche verwandelt sich die Hauptstadt Andalusiens in eine Bühne für leidenschaftliche Passionsspiele. Tausende sogenannter Nazarenos marschieren durch die Innenstadt, eingehüllt in spitz zulaufende Maskenhüte aus Samt, und tragen schwere, schwarze Kreuze auf den Schultern.

Am späten Nachmittag, gegen 15.30 Uhr, erreicht der religiöse Konvoi die Plaza de la Encarnación. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Während sich über den Platz der ganze Pathos römisch-katholischen Glaubens ergießt (Weihrauch überall), ragen darüber sechs überdimensionale narrische Schwammerln in den Himmel. Metropol Parasol nennt sich das futuristische Gebilde, das in rund 30 Metern Höhe schwerelos zwischen den Häusern wabert.

Carmen sitzt im Straßencafé, blickt gebannt auf die vorbeiziehenden Nazarenos und schiebt sich Oliven und Anchovis in den Mund. „Ich mag die Aussicht. Der Umzug ist dieses Jahr wieder ziemlich gelungen, aber die Parasole dahinter sind der Wahnsinn.“ Den Nachnamen und das Alter will die rund 70-jährige, rüstige Dame nicht verraten. „Was glauben Sie denn! Wenn meine Freundinnen und Bekannten lesen, dass mir die neue Platzgestaltung gefällt, dann werde ich noch an sozialer Vereinsamung zugrunde gehen!“ Zwei Oliven später: „Ja, ja, die neuen Parasole ... Man liebt sie oder man hasst sie. Ich liebe sie.“

Entstanden ist die Idee zur Neugestaltung der Plaza de la Encarnación bereits in den Achtzigerjahren. Die alte, heruntergekommene Markthalle aus dem Jahr 1842 war längst abgerissen und sollte durch einen Neubau ersetzt werden. Geplant war ein voluminöses Investorenprojekt mit Garage und Büros. Eines Tages wurden zu allem Überdruss die Marktstände aus den Plänen ausradiert. Die Bevölkerung tobte.

Als man in den Neunzigerjahren im Zuge der Fundamentarbeiten plötzlich auf ungeahnte archäologische Funde aus der Römerzeit stieß, war das für die Stadtregierung die Chance, ihren Fehler rückgängig zu machen und das unappetitliche Megaprojekt zu stoppen. 2003 wurde ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben. Bürgermeister Alfredo Sánchez Moteseirín wünschte sich eine moderne Markthalle und ein zeitgenössisches Wahrzeichen für die ganze Stadt.

Holzpilze aus einem Guss

Unter den rund 800 Teilnehmern ging Jürgen Mayer H. als Sieger hervor. Der Berliner Architekt nahm die Ausschreibung sehr wörtlich und entwickelte mit seinem Team eine organische Struktur, die sich in geschwungenen Linien nach oben entwickelt und zu einem 5000 Quadratmeter großen Dach zusammenwächst. Um das Ding nicht nur leichter, sondern auch baubar zu machen, wurde die gesamte Struktur in 1,50 mal 1,50 Meter große Pixel aufgelöst.

Die größte Überraschung ist das Material. Entgegen ihrer Anmutung sind die karierten Pilze zum überwiegenden Teil nämlich nicht aus Stahl, sondern aus Holz. Rund 3000 Kubikmeter finnischer Fichte wurden in den sechs Strünken und Dächern verbaut. Anschließend wurden die Bauelemente mit einer Schicht aus cremefarbenem Polyurethan (PU) überzogen. Das monochrome PU dient nicht nur dem Witterungsschutz, sondern auch der Optik: Metropol Parasol wirkt wie aus einem Guss.

„Holz ist für uns ein praktischer Werkstoff mit vielen Vorteilen, nicht mehr und nicht weniger“, erklärt Projektleiter Andre Santer im Gespräch mit dem Standard. „Wir glauben nicht, dass man den Baustoff um jeden Preis in den Vordergrund rücken muss. Das ist ein Denken, wie es in der Moderne vorgeherrscht hat. Doch die Moderne ist lange vorbei.“

Viel wichtiger war es, die Skulptur und den dadurch neu entstandenen Stadtraum zu inszenieren. „Ganz ehrlich: Wir sind mit vielen Details, wie sie von der spanischen Baufirma ausgeführt wurden, sehr unzufrieden“, meint Santer. „Aber wir haben erkannt, dass es bei diesem Projekt nicht nur um Architektur geht. Wir reden hier von anderen Maßstäben. Hier geht es vor allem um neue Chancen für die Bevölkerung.“

Und die ist mit dem schattigen Schwammerl-Ensemble mehr als zufrieden. „Wissen Sie, Sevilla ist eine tolle Stadt, aber es gibt hier nicht viel Platz für Neues“, sagt Antonia Gonzales, Metzgerin im neuen Markt im Erdgeschoß, Stand 28. „Endlich gibt es ein Projekt, das das historische Stadtviertel nicht nur für Touristen interessant macht, sondern auch wieder für uns Einheimische. Und glauben Sie mir! Das Leben auf der Plaza de la Encarnación hat sich in den letzten Wochen dramatisch verändert.“

Und der Obst- und Gemüsehändler Domingo Alcantarilla, Stand 22, meint: „Die Neugestaltung der Plaza de la Encarnación war ein jahrzehntelanges Politikum. Ewig lang wurde diskutiert und gestritten. Und dann sieht so der Kompromiss aus? Was will man mehr!“ - Ein paar Erdbeeren auf die Waage. - „Aber ich kann nachvollziehen, dass die Parasole nicht allen gefallen.“

Demokratie in 30 Meter Höhe

Immer noch marschieren Bauarbeiter über den Platz. Während in der Markthalle und auf der darüberliegenden Plaza bereits reges Treiben herrscht, sind die Innenräume noch weitestgehend Baustelle. Die Baufirma Sacyr, die das Projekt die nächsten 40 Jahre betreiben wird, wirbt mit viel versprechenden Slogans: „A la altura de Sevilla“ und „Una nueva forma de ver Sevilla“ ist auf den Glasscheiben zu lesen. Nach Auskunft der Architekten ist ein Großteil der Geschäftslokale bereits vermietet. In wenigen Wochen wird eröffnet.

Das gilt auch für das archäologische Museum „Antiquarium“ und für das Restaurant in 30 Meter Höhe. Während man sich zum Studium der Antike in ein gläsernes Labyrinth ins Untergeschoß begibt, lockt der 400 Meter lange Skywalk auf dem Dach mit einem Rundumblick auf die ganze Stadt. Ursprünglich sollte hier ein Gourmet-Restaurant entstehen. Nun wird daraus eine riesige Tapas-Bar für Normalsterbliche. Auch das ist eine Form der Demokratie.

Rund 95 Millionen Euro ließen sich Baufirma und Stadtverwaltung den Spaß kosten. Ein Patzen Geld für so viele quadratische Löcher. „Das Projekt zieht Leute an, das Geschäft läuft wunderbar“, sagt José Guillén, der im Metropol Parasol eine kleine Bar betreibt. Künftig soll es noch mehr davon geben. „Die letzten 30 Jahre war dieser Platz ein Schandfleck im Herzen Sevillas. Endlich ist wieder was los.“

Kreuz auf die Schultern, Kapuze auf den Kopf, und weiter geht die Prozession. Die Regionalzeitung El Correo de Andalucía veröffentlichte am Dienstag eine Karikatur. Sie zeigt ein paar Nazarenos, eingewickelt in historische Roben, im Hintergrund ein kariertes Etwas aus einer anderen Welt. Die Zeichnung ist nicht besonders schmeichelnd. Doch sie beweist, dass in Sevilla die zeitgenössische Architektur wieder auferstanden ist. Ein Impuls für viele andere Städte. Der Rest ist Geschmackssache.

2. April 2011 Der Standard

Aus Liebe zur Architektur

Seit wenigen Tagen ist es bekannt: Der Pritzker-Preis 2011 geht an den portugiesischen Architekten Eduardo Souto de Moura. Ein Gespräch.

Standard: Vor wenigen Tagen haben Sie erfahren, dass Sie Pritzker-Preis-Träger 2011 sind.

Souto de Moura: Ja, ich habe einen Anruf erhalten. Und man hat mir mitgeteilt, dass man mir den Pritzker-Preis verleihen wird. Ich konnte es kaum glauben!

Standard: Hätten Sie je daran gedacht, eines Tages den Preis zu bekommen?

Souto de Moura: Doch, einmal. 2005 hätte ich beinahe den Mies-van-der-Rohe-Preis für Europäische Architektur bekommen. Ich war einer der Finalisten und habe den Preis nur knapp verfehlt. Damals dachte ich mir: „Verdammt, jetzt hätte ich aber schon gerne gewonnen! Vielleicht wird's ja noch was mit dem Pritzker!“ Doch die Hoffnung währte nicht lange.

Standard: Aber jetzt!

Souto de Moura: Ja, aber fragen Sie mich jetzt bloß nicht, warum ich glaube, dass der Preis ausgerechnet an mich geht. Ich habe keine Ahnung.

Standard: Das britische Webportal e-architect bezeichnet Sie und Álvaro Siza Vieira als „größte portugiesische Architekten des 20. Jahrhunderts“, während Büros wie etwa ARX, Embaixada, Arquitectos Anónimos oder Kaputt als Vorreiter des 21. Jahrhunderts genannt werden.

Souto de Moura: Ich bin entsetzt. Ich bin kein Architekt des vo- rigen Jahrhunderts. Ich bin ein Architekt des nächsten Jahrhunderts!

Standard: Was macht Sie zu einem derart modernen Menschen?

Souto de Moura: Ich arbeite gerne mit neuen Materialien und neuen Erkenntnissen in der Architektur. Ich setze mich gerne mit Räumen auseinander. Und ich genieße es, von einem Projekt zum nächsten neu dazuzulernen. Wissen Sie, ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich ein Architekt des nächsten Jahrhunderts bin. Wahrscheinlich gibt es Menschen, die der Zukunft näherstehen als ich. Aber wer nicht zumindest danach trachtet, in die Zukunft zu blicken, sondern stattdessen lieber in die Vergangenheit schaut, der ist für diesen Beruf nicht geeignet.

Standard: Die Pritzker-Jury bezeichnet Sie als einen Architekten voller Intelligenz und Ernsthaftigkeit. Da sei nichts offensichtlich, nichts frivol und nichts pittoresk.

Souto de Moura: Das klingt gut! Aber ich mag diese Kategorisierungen nicht. Immerzu wird man in eine Box gesteckt. Selbst wenn man zu einem Wettbewerb eingeladen wird, kann es passieren, dass der Auslober einem dann sagt: „Wir erwarten uns, dass Sie mit Stein arbeiten. So wie Sie das immer machen. Auf keinen Fall anders!“ Das kann ich nicht. Da bin ich der Falsche.

Standard: Wie einfach fällt es Ihnen, den ersten Strich zu setzen?

Souto de Moura: Ich entwerfe sehr gerne, aber manchmal brauche ich zehn Anläufe, bis mich ein Entwurf zufriedenstellt. Auf Anhieb klappt das meistens nicht. Ganz im Gegenteil: Ich bin einer, der ewig lang Vorteile und Nachteile gegeneinander abwiegt und relativ lange braucht, um eine Entscheidung zu fällen. Auf der Baustelle kommt es dann eh ganz anders.

Standard: Wie zum Beispiel?

Souto de Moura: Ein Beispiel: Beim U-Bahn-Bau in Porto mussten zwangsläufig einige Bäume gefällt werden. Es ging nicht anders. Daraufhin wurde ich von den Leuten als Baummörder bezeichnet. Bei meinem nächsten Projekt, dachte ich mir, werde ich das auf jeden Fall wiedergutmachen. Und so habe ich das Historische Museum Paula Rego in Cascais so konzipiert, dass durch den Bau des Gebäudes kein einziger Baum gefällt werden musste. Ich war sehr konsequent. Zu konsequent. Denn man hat vor lauter Bäumen vom Museum kaum noch etwas gesehen, und das, obwohl das Gebäude so rot ist! Also habe ich diese zwei charakteristischen Pyramidenstümpfe draufgesetzt. Das sind zwei kaminartige Lichtöffnungen, die wie Zipfelmützen auf dem Haus sitzen.

Standard: Und dann?

Souto de Moura: Nachdem das Projekt fertiggestellt war, kamen die Botaniker und haben befunden, dass all die Bäume, auf die wir mühsam Rücksicht genommen haben, importiert sind und in diesem wunderbaren Garten eigentlich nichts verloren haben. Sie haben gemeint, das sei eine ortsfremde Spezies. Daraufhin haben sie all die Bäume abgesägt. So weit reicht Fremdenhass! Schauen Sie sich einmal an, wie nackt das Haus heute dasteht. Der Entwurfsprozess ist in keinster Weise mehr nachvollziehbar. Unmöglich! Eigentlich ist die Geschichte ja eh ganz lustig.

Standard: Was lernen wir daraus?

Souto de Moura: Konzepte sind das eine, Resultate das andere. Manchmal haben Entwurf und Wirklichkeit nichts miteinander zu tun.

Standard: Sie mögen also keine Konzepte?

Souto de Moura: Nein, ich mag Konzepte ganz und gar nicht. Meinen Studenten auf der Uni sage ich immer: Leute, Konzepte sind zwar wichtig, aber sie interessieren mich nicht. Ich will fix-fertige und umgesetzte Ideen sehen.

Standard: Arbeiten Sie mit dem Computer oder mit Bleistift und Papier?

Souto de Moura: Immer mit Bleistift und Papier. Nein, das stimmt eigentlich gar nicht! Erst kürzlich habe ich mir ein iPad gekauft. Das ist ein wunderbares Ding, das für so Deppen wie mich entwickelt wurde. Ich habe mir eine App installieren lassen, bei der ich direkt auf dem Touchpad freihändig Skizzen machen kann. So kann ich die Zeichnung direkt ans Büro schicken, wo sie meine Mitarbeiter dann gleich umsetzen können.

Standard: Das ist effizient.

Souto de Moura: Effizienz ist ein wichtiges Thema geworden. Leider! Die wirtschaftlichen Zwänge im Bauen sind groß, und sie werden immer größer. Wenn ich mich an meine Anfänge zurückerinnere, da konnte man es sich noch leisten, langsam zu arbeiten und jedes einzelne Detail genau zu planen, da konnte man es sich noch leisten, eine Mauer aus Steinen aufzubauen. Diese Zeiten sind vorbei. Das kann sich heute niemand mehr leisten. In gewisser Weise ist das ein kultureller Verfall.

Standard: Was tun Sie dagegen?

Souto de Moura: Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder Sie bleiben sich selbst treu und lehnen dankend ab, aber dann werden Sie höchstwahrscheinlich verhungern. Oder aber Sie stellen sich der Situation, sind bereit, Kompromisse einzugehen, und machen das Beste daraus. Ich nenne diese Lösung gerne auch: Prostitution aus Liebe zur Architektur.

Standard: Zu welcher Gruppe gehören Sie?

Souto de Moura: Lassen Sie mich diese Frage mit einer Anekdote beantworten. Vor einiger Zeit kam ein Bauherr zu mir. Er wollte ein Grundstück im Norden Portugals bebaut haben. Und dann hat er gesagt: „Aber du musst schnell machen! In einer Woche kommt der Premierminister in diese Gegend, und da brauchen wir schon einen fix-fertigen Entwurf.“ Eine Katastrophe!

Standard: Sie haben zugesagt?

Souto de Moura: Natürlich! Ich liebe die Architektur.

Standard: Abschlussfrage: Wissen Sie schon, was Sie mit den 100.000 Dollar machen werden?

Souto de Moura: Das ist viel Geld. Ich habe noch keine konkrete Idee. Ich weiß nur eines: Ich werde die 100.000 Dollar sicher nicht auf die Bank legen, sondern werde mir dafür etwas Schönes kaufen, am liebsten etwas Physisches, ein Bild oder eine Skulptur. Irgendein Ding, das ich angreifen kann und das mir leise zuflüstern wird: Eduardo, das war das Geld vom Pritzker-Preis.

Eduardo Souto de Moura (58) studierte Architektur an der Escola Superior de Belas Artes do Porto. In seinen jungen Jahren arbeitete er bei Álvaro Siza Vieira. Neben einigen Wohnbauten und Einfamilienhäusern plante er u. a. das Kulturzentrum in Porto (1991), den portugiesischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover, das Fußballstadion in Braga (2003) sowie das Museum Paula Rego in Cascais (2009). Souto de Moura, nach Siza Vieira bereits der zweite ausgezeichnete Portugiese, wird am 2. Juni den mit 100.000 Dollar dotierten Pritzker-Preis in Washington, D. C., entgegennehmen.

21. März 2011 Der Standard

Die ewige Baustelle

Der Stephansdom ist im Lauf der Jahrhunderte stetig gewachsen - Die Ausstellung „Der Dombau von St. Stephan“ im Wien-Museum macht das anhand von Originalplänen sichtbar

Der Stephansdom ist einzigartig. Nicht nur der gebaute, sondern auch der gezeichnete. Von keinem anderen gotischen Dombau in Europa ist bis heute eine derart große Zahl an Plänen erhalten geblieben. Der Bestand, aufgeteilt auf Wien-Museum und Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste, umfasst 294 Pläne mit insgesamt 440 Zeichnungen. Meist wurden die wertvollen Pergamente auf beiden Seiten benützt.

So ein Reichtum will gefeiert werden. Erstmals wird ein Teil der Pläne im Wien-Museum in Form einer umfassenden Ausstellung zugänglich gemacht. Der Dombau von St. Stephan. Die Originalpläne aus dem Mittelalter zeigt die gesamte Entstehungsgeschichte des großen Domes auf - vom Entwurf der kleinen Kreuzblume hoch oben im Gewölbe bis hin zu Aufrisszeichnungen des 1433 fertiggestellten Südturms, der mit 137 Metern 300 Jahre lang das höchste Bauwerk Europas war.

„Die Planrisse waren ein ganz wesentliches Kommunikationsmedium zwischen Bauherrn und Baumeister“, sagen die Ausstellungskuratorinnen Michaela Kronberger und Barbara Schedl. „Sie dienten zur Vorlage bei Geld- und Auftraggeber, die maßgeblich am Erscheinungsbild des Baues beteiligt waren.“ Selbst das kleinste Ausstattungsgut des Gebäudes ist in den Plänen dargestellt.

Der größte bis heute erhaltene Plan ist rund fünf Meter lang. Er zeigt einen Aufriss des niemals fertiggestellten Nordturms, entstanden 1465. Während der Pergamentbogen so breit ist wie die größte damals erhältliche Kälberhaut, musste der Plan in der Länge mühsam gestückelt werden. Die Präzision des Zeichners, der mit Reißfeder und Zirkel die schwarze Tinte auf dem Pergament verewigte, kommt an die Akribie heutiger Tintenstrahldrucker heran. Gute Strichführung.

„Man könnte solche unschätzbar wertvollen Planzeichnungen aufgrund ihrer Schönheit heute als Kunstwerke betrachten“, meint Museumsdirektor Wolfgang Kos. Tut man auch. 2005 wurden die grafischen Quellen, aus denen man Rückschlüsse auf die Baugeschichte von St. Stephan ziehen kann, von der Unesco zum Weltdokumentenerbe erklärt.

Zum Repertoire der Ausstellung gehören neben den Plänen alte Zeichen- und Bauwerkzeuge, historische Fotografien sowie Fürstenfiguren und dämonische Wasserspeier als Kopie und Original. Letztendlich bemüht sich die Ausstellung um eine Rekonstruktion der einzelnen Bauetappen.

Es bleibt beim Versuch. Denn anders als etwa die meisten großen Kathedralen Frankreichs sei der Wiener Stephansdom nicht nach einem einheitlichen, bis zur Vollendung festgeschriebenen Plan errichtet, sondern das Ergebnis einer ewigen Baustelle, schreibt der deutsche Kunstgeschichte-Professor Johann Josef Böker im Ausstellungskatalog.

Bonus: Für Kinder wurde eine eigene Spielstation eingerichtet. Hinter dem Schild „Achtung Baustelle!“ kann man auch als junger Besucher nachvollziehen, wie es das Hebelgesetz ermöglichte, hunderte Kilogramm schwerer Steine in die Höhe zu befördern. Ein Hamsterrad zum Selbstversuch steht bereit.

19. März 2011 Der Standard

Die Stadt in den Wolken

Nächste Woche findet in Wien die MIT Europe Conference 2011 statt. Einer der Vortragenden ist der italienische Architekt Carlo Ratti, Direktor des Senseable City Lab am MIT. Ein Ausflug in die digitale Stadt von morgen.

Standard: Sind Sie Stadtmensch oder Landei?

Ratti: Eine schwierige Frage um sieben Uhr in der Früh. Keine Ahnung, ich glaube, ich bin beides. Ich gehe gerne in den Weinbergen von Asti spazieren. Das ist in Piemont, nicht weit von Turin entfernt. Oder ich fahre zum Skifahren nach Salt Lake City oder nach Vermont.

Standard: Und was ist das Interessante an der Stadt?

Ratti: Die Stadt ist ein Platz für Tausende von Möglichkeiten. Mir gefallen die zufälligen Begegnungen auf der Straße, im Café, im Supermarkt. Unglaublich, wie viele schöne Bilder man auf diese Weise einfangen kann! Der britische Autor Horace Walpole hat im 18. Jahrhundert einen sehr schönen Begriff dafür geprägt: Serendipität. Das bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas nicht Gesuchtem, das sich dann aber als überraschende Entdeckung erweist. Ich mag diese Abenteuer.

Standard: 2004 haben Sie am MIT das Senseable City Lab gegründet. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ratti: Das Senseable City Lab ist eine Gruppe von Forschern aus vielen Disziplinen, die darüber nachdenken, wie die Stadt von morgen aussehen kann. 30 Leute sitzen in Boston, zehn weitere in Singapur: Mathematiker, Physiker, Stadtplaner, Architekten, Designer, Soziologen und so weiter.

Standard: Und wie sieht sie aus, die Stadt von morgen?

Ratti: Es gibt drei Komponenten, die eine Stadt ausmachen: die menschliche, die räumliche und die technologische. Wichtig ist, dass sich alle drei Komponenten gleichmäßig und parallel weiterentwickeln. Nur dann können wir von einer funktionierenden Zukunftsstadt sprechen.

Standard: Das heißt, wir sprechen hier ausschließlich von hoch entwickelten Städten?

Ratti: Keineswegs! Es mag eigenartig klingen, aber es sind gerade die Städte in den Entwicklungsländern, die riesige technologische Sprünge durchmachen. Das Phänomen nennt sich Leap-Frogging (Bockspringen) und zeigt sich am besten in der Telekommunikation, in der eine Entwicklungsstufe einfach übersprungen wird. Zuerst hatten die Leute gar kein Telefon, heute haben sie ein Handy. Einen Festnetzanschluss kennen viele nicht einmal.

Standard: Heißt das, dass Städte in Entwicklungsländern für Forscher leichter zu handhaben sind?

Ratti: Auf jeden Fall! Es gibt weniger Variablen, die Systeme sind nicht so komplex, man kann besser planen.

Standard: Wie planen Sie?

Ratti: Le Corbusier hat von einer industriellen und mechanischen Revolution der Stadt gesprochen. Heute sind wir im Zeitalter der digitalen, technologischen und biotechnologischen Revolution. Es gibt Internet, es gibt Facebook, es gibt Twitter. Und all diese Kommunikationsformen beeinflussen die Stadtplanung und Gesellschaft mehr, als die meisten bereit sind zuzugeben. Wir müssen neue Wege des Zusammenlebens finden.

Standard: Ein Beispiel bitte!

Ratti: Ich vergleiche die Stadt von morgen gerne mit der Formel 1. Vor 20 Jahren haben Sie ein gutes Auto, einen guten Motor und einen guten Fahrer gebraucht, um zu gewinnen. Heute brauchen Sie auch ein gutes Überwachungssystem. Das gesamte Auto ist mit tausenden Sensoren ausgestattet, die in einer Zentrale kontrolliert werden und auf die Software und Mensch innerhalb weniger Sekundenbruchteile reagieren können. So ähnlich kann man sich das auch in der Zukunftsstadt vorstellen. Die moderne Großstadt wird mit unendlich vielen Sensoren ausgestattet sein. Sie wird funktionieren wie ein Formel-1-Wagen.

Standard: Digitale Beobachtung. Wollen wir das wirklich?

Ratti: Die Digitalisierung hat bestimmte Konsequenzen, und an die hat vor zwei Jahrzehnten noch niemand ernsthaft gedacht. Manche Leute rennen vor Streetview-Autos weg, weil sie mit ihrer Geliebten nicht gesehen werden wollen. Aber wir dürfen nicht vergessen: In der Senseable City geht es in erster Linie nicht um die Überwachung des Individuums, sondern um das Beobachten des Kollektivs und der dynamischen Ströme, um letztendlich eine intelligentere und besser funktionierende Stadt zu bauen.

Standard: Ein Aspekt ist die Mobilität.

Ratti: Das ist ein wichtiger Punkt! Im 20. Jahrhundert glaubte man an die Formbarkeit des Menschen durch das Auto. Heute sind wir klüger. Und trotzdem haben wir es noch immer nicht geschafft, zur Gänze auf öffentlichen Verkehr umzusteigen. Und warum nicht? Obwohl wir wissen, dass Massentransportmittel intelligenter, sauberer und vielfach auch schneller sind, können wir uns nicht zu 100 Prozent auf sie verlassen. Manchmal warten wir 20 Minuten auf einen Bus. Das macht uns nicht glücklich.

Standard: Was tun?

Ratti: Wir können diesem Problem mit „real time technologies“ zuvorkommen. Dabei wissen wir zu jedem Zeitpunkt ganz genau, wo sich der Bus oder die Straßenbahn gerade befindet. Je nach Verkehrssituation kann man die Route verlegen oder mit anderen Transportmitteln befahren. So könnte sich der öffentliche Verkehr die Vorteile des Individualverkehrs zunutze machen. Eine andere Möglichkeit sind Car-Sharing-Systeme und Mobility-on-Demand. Boston war die allererste Stadt, in der dieses Modell umgesetzt wurde. Mittlerweile gibt es die sogenannten Zipcars in vielen Städten in den USA. Jetzt sind auch Peking und Schanghai interessiert.

Standard: Mit „CO2GO“ kann man sogar den eigenen CO2-Verbrauch überprüfen. Funktioniert das?

Ratti: Viele Menschen besitzen ein Smartphone. Und jedes Smartphone ist gleichzeitig ein Bewegungssensor. Bei unserem jüngsten Projekt „CO2GO“ kann man am Ende des Tages sehen, wie viele Kalorien man aufgrund der unterschiedlichen Fortbewegungsmittel verbraucht hat und wie groß dabei der CO2-Verbrauch war. Damit kann man den ökologischen Fußabdruck eines Menschen im Alltag sehr leicht veranschaulichen. Die Grundstruktur ist bereits fertig. Nächstes Jahr soll „CO2GO“ auf den Markt kommen.

Standard: Eines der größten Projekte am MIT Senseable City Lab ist „The Cloud“ in London, die für die Olympischen Spiele 2012 entwickelt wurde.

Ratti: Die Idee war, für die Olympischen Spiele ein Symbol zu kreieren, das sowohl physisch als auch digital ist. „The Cloud“ ist ein Beispiel dafür, wie sich die digitale Welt, mit der wir uns am MIT beschäftigen, auch physisch manifestieren kann.

Standard: Und zwar wie?

Ratti: Die Wolke besteht aus Membranblasen aus dünner ETFE-Folie. Über einen Turm in Form einer spiralförmigen Rampe gelangt man zu Fuß nach oben, wo man durch die unterschiedlichen Blasen wandern kann. Diese wiederum sind eine Mischung aus physischer und digitaler Welt. Man kann einerseits auf die Stadt hinunterblicken, andererseits kann man sich über Augmented Reality auch in virtuelle Welten begeben. Das ist ein schönes Wechselspiel.

Standard: Das klingt wie Utopie!

Ratti: Ja und nein. Es ist unklar, ob das Projekt bis 2012 fertig sein wird. Ich fürchte, wir werden es erst bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro realisieren können. Sie haben schon recht: Natürlich wird die realisierte Wolke nicht 1:1 dem geplanten Entwurf entsprechen. Wir werden höchstwahrscheinlich eine reduzierte Variante um 10 Millionen US-Dollar errichten.

Standard: Das heißt, die Realität hinkt den Forscherplänen hinterher?

Ratti: Eine der wichtigsten Quellen des menschlichen Fortschritts ist die Forschung, ist das intellektuelle Denken über den Tellerrand hinaus. Wenn man zu dieser Entwicklung etwas beitragen will, dann muss man immer mit einem Traum anfangen.

16. März 2011 Der Standard

Meister mit Pinsel und Lineal

Großer Österreichischer Staatspreis für Heinz Tesar

Das schwarze Gewand macht ihn unverkennbar zu einem Teil des österreichischen Architektenkollektivs, das rote Halstuch hebt ihn genauso unverkennbar wieder heraus. Ähnlich verhält es sich mit seiner Kunst und Architektur. Heinz Tesar (71), Preisträger des Großen Österreichischen Staatspreises 2011, lässt sich mit seinem Tun und Schaffen schwer in vorgefertigte Schubladen stecken.

„Es hat viele Jahre gedauert, bis ich beim Bauen gelandet bin“, sagt der gebürtige Innsbrucker. „Ich wusste lange nicht, was ich studieren und machen sollte.“ Also zog er nach Beendigung der Bundesgewerbeschule für Hochbau in Innsbruck einige Jahre mit einem befreundeten italienischen Schriftsteller durch Italien, sammelte Eindrücke in Rom und Florenz, lernte die Kunst der Antike, der Renaissance und des Barock lieben.

„Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich Maler werden würde. Doch am Ende war mir klar, dass ich als Architekt mehr bewirken kann.“ Also studierte er Architektur bei Roland Rainer an der Akademie der bildenden Künste. Der Wechsel von der Leinwand zum Reißbrett fiel ihm schwer. Nach dem Studium setzte sich Tesar mit Embryobildern, Homotypen und sogenannten Weichmonumenten auseinander, 1970 folgte in der Galerie im Griechenbeisl die erste Kunstausstellung.

Doch letztlich siegte die Baukunst. Zu seinen bekanntesten Projekten zählen das Keltenmuseum in Hallein (1992), das Museum Sammlung Essl in Klosterneuburg (1999), der Umbau des Bode-Museums in Berlin (2005), das BTV-Stadtforum in Innsbruck (2006), die IST-Lecture-Hall in Maria Gugging (2009) sowie etliche Kirchen, etwa der römisch-katholische Würfel Christus, Hoffnung der Welt in der Donau-City in Wien, die Evangelische Kirche in Klosterneuburg und der kürzlich fertig gestellte Altartisch in der Salzburger Johannsspitalkirche.

Das Herumwandern zwischen Kunst und Architektur ist Tesar bis heute erhalten geblieben. Er ist ein Lichtbildhauer, seine Gebäude wirken wie Skulpturen, immer wieder taucht die Form des Kreises auf: „Im Kreis liegt die Unendlichkeit.“

Heinz Tesar, der seit zwölf Jahren verwitwet ist und einen Sohn hat, wird den mit 30.000 Euro dotierten Staatspreis am 27. Juli in Salzburg entgegennehmen. Er wird sich zu diesem Anlass wohl ein rotes Tuch um den Hals binden. „Ich habe keine andere Wahl“, sagt er: „Ich kann keine Krawatten binden. Das habe ich nie gelernt.“

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag