nextroom.at

Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

Karte

Artikel

5. Mai 2012 Der Standard

Hier lernt man den Lufthaken

Vor wenigen Wochen wurde in Ithaca, Upstate New York, die Milstein Hall von Rem Koolhaas feierlich eröffnet. So sieht Lernen aus.

Um sieben Uhr morgens sitzen bereits die ersten Studenten in der Halle, kleben Holz und Karton, bauen Kulissen aus Lego, spannen gelbe Gummiseile quer durch den Raum. Ein paar Meter weiter hört man Stichsäge und Bohrmaschine. Aus dem hintersten Eck dröhnt das Surren eines hörbar überforderten Elektromotors. Ein quietschendes Aufjaulen. Ein dumpfes Fauchen. Und Stille.

„Ich fühle mich hier wie in einem riesigen Traumlabor“, sagt José Tihgerina. Der 22-jährige Bachelor-Student aus Mexiko-Stadt, der Mann mit den gelben Seilen, absolviert in Ithaca bereits sein viertes Jahr. „Noch fühlt sich das Gebäude neu an, und es hat einige Zeit gedauert, bis die Studenten sich wirklich getraut haben, es wie ein Werkzeug zu benützen. Doch nun ist die Stimmung ziemlich perfekt. Einen besseren und lebendigeren Arbeitsplatz kann ich mir nicht vorstellen.“

Verantwortlich dafür ist der niederländische Architekt Rem Koolhaas. Nach einer ganzen Reihe namhafter Kollegen wie etwa Thom Mayne, James Stirling, Richard Meier und Ieoh Ming Pei, die auf dem Campus der Cornell University im hohen Norden des US-Bundesstaats New York bereits ihre Handschriften hinterließen, ist er der Jüngste in der Riege der Bauenden.

Gemeinsam mit seinem Büro OMA plante er diesen 2500 Quadratmeter großen Arbeitssaal für das AAP Institute (Architecture, Art and Planning), das vor wenigen Wochen feierlich eröffnet wurde, unterfütterte es im Erdgeschoß und Keller mit einem Hörsaal und einem riesigen Kuppelraum für Kritiken und Projektpräsentationen, platzierte das Raumprogramm millimetergenau zwischen die beiden denkmalgeschützten Backsteinbauten aus dem 19. Jahrhundert und hängte das gesamte Gebäude schließlich an einer erklecklichen Anzahl Siemens-Lufthaken auf.

Stützen und Säulen

Anders kann man sich das unangestrengt schwerelose Schweben, ohne sich dabei auf die alten Mauern zu stützen, kaum erklären. „Es ist schon lustig“, erinnert sich Shohei Shigematsu, der Chefarchitekt und Projektleiter in der New Yorker OMA-Dependance. „Eigentlich wollten wir Kosten sparen und haben das Gebäude zu Beginn auf Stützen und Säulen gestellt. So wie man sich das halt vorstellt. Es war der ausdrückliche Wunsch der Cornell University, auf diese Maßnahmen zu verzichten und das gesamte Bauwerk stattdessen nach allen Seiten stützenfrei auskragen zu lassen. Meistens ist es der Architekt, der vor dem Auftraggeber darum kämpft, seine Visionen umzusetzen. In diesem Fall war es umgekehrt.“ Die paar Millionen US-Dollar, um die sich das Projekt dadurch verteuerte, schienen die Universität und den ehemaligen Absolventen und Hauptsponsor des Projekts, Paul Milstein, nicht zu kratzen. Am Ende betrugen die Baukosten 37,6 Millionen Dollar (rund 28,5 Mio. Euro). Die Life-Cycle-Kosten mitsamt Nebenkosten, Honoraren und Betriebskosten belaufen sich über die ermittelte Lebenszeit des Hauses auf etwa 55,5 Millionen Dollar (rund 42 Mio. Euro). In der Miteinbeziehung dieses Kostenfaktors sind die Nordamerikaner den Europäern definitiv einen Riesenschritt voraus.

„Das war das Geld schon wert“, meint Kent Kleinman, Dekan der AAP-Fakultät. „Das ist ein intelligent und überaus konsequent geplantes pädagogisches Instrument, das viele verschiedene Formen des Lehrens und Lernens ermöglicht. 300 Studenten, die miteinander in einem Raum arbeiten, kann es etwas Schöneres geben?“ Kurze Pause. „Aber soll ich Ihnen etwas verraten? Am liebsten habe ich es, wenn ich im Hörsaal stehe und durch die große Glasfassade die Leute auf der Straße beobachten kann, wie sie unter der großen Halle auf den Bus warten und sich dabei mit großen Gesten über die Statik dieses Gebäudes unterhalten.“

Es habe sogar schon Anfragen von Orchestern gegeben, die im Hörsaal Kammermusik aufführen wollten. Erst unlängst sei eine Anfrage eines verlobten Paares am Institut eingetrudelt. Mann und Frau wollen sich unter der stützenfreien Auskragung der Milstein Hall das Jawort geben. Kleinman: „Das Gebäude ist schon weit über den Campus hinaus bekannt. Und die Reaktionen der Leute zeigen, dass das Haus mehr ist als nur ein Haus. Es ist ein Symbol für zeitgenössisches Bauen.“

So sieht das Gebäude im Detail aus: Das erste Obergeschoß besteht aus einer wuchtigen Stahlkonstruktion. Unverblümt knallt das Neue auf das Alte. Vor der historischen Backsteinfassade tanzen weiß lackierte Fachwerkträger auf und ab. Ihnen ist zu verdanken, dass die große Halle sowohl an der Süd- als auch an der Nordseite rund 16 Meter weit ins Nichts hinauszischt.

An der Fassade ist das Gebäude nicht etwa mit lackierten Paneelen verkleidet, wie man vermuten möchte, sondern mit Marmor aus der Türkei. Unscheinbar ist der Name des Sponsors in die Oberfläche gefräst. Das ist Understatement pur. „Der Stein stammt zwar aus der Natur, aber aufgrund der Barcode-Optik könnte man es leicht mit einem künstlich hergestellten Baustoff verwechseln“, erklärt der Projektleiter. „Ich finde diese Irritation sehr lustig.“

Skaten und studieren

Unter der Halle bäumt sich die Erde zu einer organisch geformten Stahlbeton-Landschaft auf. Der höhlenartige Massivbau dient einerseits als Sockel, andererseits als Aussteifung. Die Skater haben den Ort längst in Besitz genommen. Nur an der Akustik hapert's noch. Das kathedralische Echo im Innenraum eignet sich mehr für Konzerte denn als Präsentationsraum für Studenten. Nach Auskunft von OMA arbeite man bereits daran, den Mangel zu beheben.

Zu entdecken gibt es genug - etwa die historisierenden Deckenverkleidungen aus Lochblech, die bedruckten Vorhänge mit Zitaten aus der Baukunst, die Hörsaal-Bestuhlung mit seitlich ausklappbaren Tischchen zum Mitschreiben. Sogar an die Linkshänder wurde gedacht. All diese versteckten Hinweise, all diese architektonischen Details mit Schmunzelpotenzial machen die Milstein Hall zu einer würdevollen Visitenkarte für die Studienzweige Kunst und Architektur. Nicht zuletzt ist sie ein Vozeigebeispiel für einen modernen, unverkrampften Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz.

„Manche Leute finden das Haus echt eigenartig“, sagt Youngjin Yi. „Es gefällt nicht allen, aber alle reden darüber. An der Cornell University hat das Projekt jedenfalls einen Hype ausgelöst.“ Konzentriert schaut die 24-jährige Studentin in ihren Monitor, zeichnet ein paar Striche, blickt wieder auf. „Bis vor kurzem hatten wir unser Studio in ein paar kleinen Zimmern im Altbau. Jetzt sitzen wir hier zu dreihundert in diesem offenen und kommunikativen Raum und arbeiten uns gemeinsam durchs Studium. So stelle ich mir Lernen vor. Hast du schon den Typen mit den gelben Seilen interviewt? Der macht ein echt irres Projekt. Mit dem musst du reden!“

27. April 2012 Der Standard

Pioniere in der Krise

Am Donnerstag wurde an der TU Wien der Blue Award 2012 vergeben. Studenten aus aller Welt haben sich ihren Kopf über das Thema Nachhaltigkeit zerbrochen.

Der größte Widerstand liegt in den Köpfen der Menschen. „Mit Lehm will niemand bauen, weil das in Brasilien ein klassischer Arme-Leute-Baustoff ist“, sagt Gregor Fasching. „Und Bambus wächst hier ohne Ende, aber scheinbar ist noch niemand auf die Idee gekommen, die Pflanze als Baustoff zu nutzen.“ Seit einigen Jahren lebt der 33-jährige Architekturabsolvent der TU Wien mal in Österreich, mal in Brasilien. Gemeinsam mit seiner Kollegin Doris Großtessner-Hain plante er in Guarabira, Bundesstaat Paraíba, eine Schule, die diese beiden Unmöglichkeiten vereint: unten Lehmbau, und obendrauf ein Dach aus Bambusrohr. Demnächst ist Baubeginn.

Vorgestern, Donnerstag, wurde sein Projekt „Eine Schule für Anajô“ als eines von insgesamt drei Forschungsarbeiten im Kuppelsaal der TU Wien mit dem Blue Award 2012 ausgezeichnet. Ziel dieses Preises, der 2009 ins Leben gerufen und nun zum zweiten Mal vergeben wurde, ist die Hervorhebung besonderer akademischer Leistungen im Bereich nachhaltigen Planens und Bauens. 234 Studenten aus 38 Nationen nahmen heuer daran teil. Den Siegern winken 20.000 Euro Preisgeld.

„Die nominierten Projekte zeichnen sich durch eine sehr aufgeschlossene Herangehensweise aus“, sagt Françoise-Hélène Jourda, Initiatorin des Blue Award und Leiterin der Abteilung für Raumgestaltung und nachhaltiges Entwerfen der TU Wien. „Es ist erstaunlich, wie einfühlsam die meisten Studierenden auf die sozialen, kulturellen und ländlichen Gegebenheiten eines Ortes reagieren.“

Und der Londoner Architekt und Öko-Pionier Michael Hopkins, Ehrenpräsident des Blue Award, meint im STANDARD -Interview: „Die Studenten zerbrechen sich über Dinge den Kopf, an die nicht einmal die meisten Architekten denken. Doch Tatsache ist: Die Welt ändert sich. Und das haben wir selbst zu verantworten. Darauf nicht zu reagieren ist unverantwortlich. Insofern begrüße ich die eingereichten Projekte sehr.“

Zurück nach Anajô, wo Fasching bereits einen Zehn-Jahres-Plan entwickelt hat, der über den reinen Bau des Schulgebäudes weit hinausgeht. Sein Konzept beinhaltet nicht nur Entwurfs- und Detailpläne, sondern auch genaue Überlegungen zum Schulbetrieb. „In Brasilien herrscht Schulpflicht. Doch das größte Problem ist, dass die meisten Kinder nur am ersten und am letzten Schultag in der Klasse erscheinen. Das reicht, um das Schuljahr offiziell absolviert zu haben und ein positives Zeugnis in die Hand gedrückt zu bekommen. Leider wird diese Vorgehensweise in vielen Gegenden Brasiliens toleriert.“

Erst Mathe, dann Capoeira

In Zusammenarbeit mit der NGO Fundação Anajô arbeitete Fasching einen Plan aus, wie man diesem wenig zielführenden Trick der Kids entgegenwirken kann: Capoeira. „Das ist nicht nur traditionelle Kampfsportart, sondern auch ein unglaublicher Magnet, der viele Kinder und Jugendliche begeistert. Auf dieser Basis wollen wir aufbauen.“ Geplant ist, den Sport beziehungsweise die Sportausbildung in den täglichen Schulbetrieb miteinzubinden und den Schülern eine warme Mahlzeit pro Tag anzubieten. Als Gegenleistung für den Gratis-Capoeira-Kurs müssen sie die Schulbank drücken. Ein fairer Deal.

Während die Kosten für den laufenden Schulbetrieb mit zusätzlichen Privatsponsoren noch sichergestellt werden müssen, sind Grundstück und Gebäude mit 8000 Euro bereits komplett ausfinanziert. „Der Bau ist sehr billig“, erklärt Gregor Fasching. „Der Bambus wächst überall rundherum, und den Lehm bekommen wir vom Nachbarn zur Verfügung gestellt. Das einzig wirklich Teure an so einem Gebäude sind die Fenster und Türen.“

Die Lösung zum Problem: Die Türen sollen auf ein Minimum reduziert werden, und die Fenster werden gleich komplett weggelassen. Ein ordentlicher Dachüberstand soll die Wandlöcher in Zukunft vor starken tropischen Regenfällen schützen.

Ein Haus für Marmeladen

Den sozialen und ökonomischen Ungereimtheiten auf dem Land widmete sich auch Veronika Holczer, Siegerin in der Kategorie „Building in Existing Structures“. Die 28-jährige Absolventin der Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest übersiedelte am Ende ihres Studiums nach Markóc, einer kleinen Siedlung an der ungarisch-kroatischen Grenze. 66 Menschen leben hier, großteils Arbeitslose und Bauern. „Viele Gebäude in Markóc waren ungenutzt und längst verfallen“, erinnert sich Holczer. „Eines Tages hat mich der Bürgermeister gebeten, einen der Schuppen zu revitalisieren und für die Menschen wieder nutzbar zu machen.“

In monatelanger Arbeit wurde aus der kaputten Holzbaracke ein Gemeinschaftsraum für die Bevölkerung. Es gibt Lagerungsmöglichkeiten für Ackerwerkzeug und eine Küche, in der die Bauern und Bäuerinnen ihre Produkte zu eingelegtem Gemüse und Marmelade verarbeiten können. Noch ist der Arbeitsschuppen ungedämmt und kann daher nur im Sommer verwendet werden. Das Preisgeld des Blue Award soll nun in Fenster und Dämmung investiert werden.

„Meine Beobachtung ist, dass die Bevölkerung am Land zunehmend benachteiligt wird.“ In Zukunft, meint Holczer, werde sich Architektur vermehrt auf die Bauaufgaben abseits von Großstadt und Hochglanzzeitschrift konzentrieren müssen. „Die Städte wachsen und prosperieren, und im ruralen Raum bleiben die Menschen auf der Strecke. Wenn wir Architektinnen und Architekten diese Ungleichheit akzeptieren, dann haben wir unseren Beruf eindeutig missverstanden.“

Schließlich führt die Reise nach Indien. Nikhil Chaudhary von der CEPT University in Ahmedabad bekam für sein Projekt „Reverse Thrust: Restructuring the Urban Fringe along Ring Roads“ den 1. Preis in der Kategorie „Urban Development and Transformation“. In der Industriestadt Nagpur in der Mitte des Landes will Chaudhary den ignoranten Autobahnplanungen der Stadtregierung entgegenwirken.

„Es gibt viele Infrastruktur- und Verkehrsprobleme in Nagpur, und die Chefplaner glauben, diese durch eine weitere Ringautobahn lösen zu können“, erklärt der 26-jährige Student. „Aber das ist definitiv nicht der Fall, denn mit jeder neuen Autobahn begünstigt man lediglich die Zentren rund um die Auf- und Abfahrten, wo wie überall Hochhäuser entstehen. Das weite Land dazwischen, wo viele tausend Menschen leben, bleibt unberücksichtigt.“

Chaudharys Projekt sieht einen detailliert ausgearbeiteten Stufenplan vor, wie die vielen Slums und Agrarflächen an ein entsprechendes infrastrukturelles Netz angebunden werden können - von Wasser und Kanalisation über Feldbewässerung bis hin zum Mobilitätsnetzwerk mit Geh- und Radwegen.

„Autobahnen bauen, die Starken stärken und die Schwachen schwächen - so funktioniert Stadtentwicklung in Indien heutzutage“, kritisiert Nikhil Chaudhary. „Es ist dringend an der Zeit, nicht nur auf der primären Ebene zu planen und alles darunter zu vergessen, sondern sich auch mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen.“ Chaudhary hofft, dass sein Projekt ein Prototyp für strukturell geschädigte Großstädte in Indien werden könnte. Demnächst will er das Projekt der Stadtregierung zur Begutachtung vorlegen.

„Wie man anhand der siegreichen Projekte gut sieht, wächst unser Gespür für Nachhaltigkeit mit zunehmendem Maß an gesellschaftspolitischer und wirtschaftlicher Rezession“, sagt Blue-Award-Ehrenpräsident Michael Hopkins. „Das war schon immer so, und das wird auch immer so sein.“ So gesehen ist Krise eine große Chance für Neubeginn und Kreativität. Die Studenten, so scheint es, haben diese Lektion schneller begriffen als so mancher Architekt.

verknüpfte Auszeichnungen
- Blue Award 09

7. April 2012 Der Standard

Grüner als der Rasen

Dribbeln in der Wüste? Für die Fußball-WM 2022 plant Katar zwölf Stadien, die mit Sonnenenergie gekühlt werden sollen. Diese Woche fand dazu in Doha eine internationale Konferenz statt.

Frage an den Taxifahrer: „Sagen Sie, gibt es in Katar einen Nationalsport?“ Langes Zögern, Kratzen am Kinn, Runzeln auf der Stirn. Leise kommt es über die Lippen: „Falkenjagd. Und Kamelrennen vielleicht. Mehr fällt mir nicht ein.“ So oder so ähnlich gestaltete sich der letzte Spontandialog zwischen Gast und Einheimischem im Jahr 2005.

Sieben Jahre später ist alles anders. Frage an den Taxifahrer: „Sagen Sie, gibt es in Katar einen Nationalsport?“ Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ja klar, Leichtathletik und Fußball. Sie haben wohl wirklich keine Ahnung, was?“

Zur Fußball-WM in zehn Jahren ist es noch ein breiter Weg. Doch seitdem sich Katar mit einem sieben Kilo schweren Bieterbuch für den Fifa World Cup 2022 beteiligte und vor mehr als einem Jahr dafür den Zuschlag erhielt, liegt über dem kleinen Wüstenstaat am Persischen Golf eine Art verzückter Vorfreude. Und Handeln.

Am Mittwoch fand in der katarischen Hauptstadt Doha, quasi in der Aura des bestehenden Khalifa-Stadions, das bis 2022 um 20.000 Sitzplätze erweitert und energetisch aufgemotzt werden soll, der Coliseum Summit 2012 statt. Das Symposium befasste sich mit Planung und Bau von Sportstätten und Veranstaltungshallen. Das Hauptaugenmerk galt den Chancen und Herausforderungen des bevorstehenden Megaevents, in das Katar mehr als vier Milliarden US-Dollar investieren will. Insgesamt sollen zwölf Stadien errichtet beziehungsweise adaptiert werden.

„Die Kritik, die im Zusammenhang mit der WM 2022 am häufigsten zu hören ist, betrifft das Klima und die hohen Temperaturen“, sagt Veranstalter Michael Rennschmied. Der Deutsche lebt seit sechs Jahren in Katar, ist Chef der MJR Communication Group und betreibt einen eigenen Architekturverlag. Über die immer und immer wieder gehörten Vorurteile könnte er bereits ein Buch schreiben.

„Natürlich ist es im Sommer sehr heiß, aber die Weltmeisterschaften in Mexiko 1986 und in den USA 1994 waren auch nicht gerade von Hitze verschont. Und wenn ich mir anschaue, unter welchen Bedingungen jedes Jahr die Australian Open stattfindet und wie die Tennisspieler unter der Sonne brüten, dann frage ich mich, worüber wir hier eigentlich diskutieren.“

Kicken gegen die Hitze

Eines ist nach wenigen Vorträgen klar: Auf vorgefasste Meinungen, was Klima und Wetter betrifft, reagieren sowohl die Katarer als auch die weitgereisten Vortragenden aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus Brasilien, Australien und Südafrika mit Unverständnis und Ärger. Da hört sich der Spaß auf.

„Sport spielt in Katar schon seit langer Zeit eine große Rolle, und Fußball ist bei uns mittlerweile die Nummer 1“, meint Nasser al-Khater, Communication Director des Qatar 2022 Supreme Committee. „Und ja, die Temperatur in den Sommermonaten ist ein Faktum, das man nicht schönreden kann. Aber genau darin sehe ich eine große Chance für die Zukunft. Wir möchten uns mit diesem Problem ernsthaft auseinandersetzen und technische und infrastrukturelle Lösungen erarbeiten, die die Klimatisierung in den Golfstaaten nachhaltig verändern könnte.“

Was das genau heißt, erklärt Lee Hosking, Projektleiter bei Arup Associates und damit einer der federführenden Planer und Mitbieter für Katar 2022. „Wir haben der Fifa das Versprechen gegeben, dass wir die Stadien durch solare Kühlung ohne ein Gramm CO2-Emission auf ein akzeptables Maß runterkühlen können. Und dieses Versprechen werden wir auch halten.“ Ende 2010 stellte Arup ein kleines Showcase-Stadion für 500 Sitzplätze fertig. Der Prototyp beweist: Das Konzept funktioniert. Gekühlt wird mit der Sonne. Einerseits wird über eine 1400 Quadratmeter große Fotovoltaikanlage auf den Dachflächen und in der Nähe des Stadions Strom produziert, der ins öffentliche Netz gespeist und im Bedarfsfall wieder entnommen wird. So kann das Stadion temperiert werden. Andererseits wird durch die Sonneneinstrahlung Wärme gewonnen, die während des Tages in unterirdischen Wassertanks gespeichert wird. In sogenannten Absorptionskältemaschinen wird die Energie anschließend in Kälte umgewandelt. Das Prinzip ist nichts anderes als ein riesengroßer Kühlschrank XXL. Für den Notbetrieb stehen Generatoren auf Basis von Biosprit bereit. Hosking: „Natürlich ist ein Stadion für 80.000 Zuschauer etwas ganz anderes. Man muss dabei nicht nur den Maßstab und die Infrastruktur verändern, sondern auch andere Faktoren in die Planung miteinbeziehen, die bei einem 500-Mann-Gebäude nicht ins Gewicht fallen.“ Die größte Unbekannte in diesem System ist nicht die Sonne, sondern ausgerechnet der Wind. Sobald der Wüstenwind über das Stadion fegt, besteht die Gefahr, dass die Böe in die Arena gelangt und die mühsam abgekühlte Luft mit einem Stoß wieder rausschaufelt. Aus diesem Grund sollen die Stadien für den Fall eines Wetterumschwungs mit mobilen Dächern ausgestattet werden. „Wir müssen nicht erst warten, bis womöglich noch ausgereiftere und noch effizientere Technologien auf den Markt kommen. Es ist schon alles entwickelt.“ Zwei große Stadien, an denen Arup maßgeblich beteiligt ist, sind bereits in Planung. Die Details möchte man vorerst noch für sich behalten. Salah S. Nezar, Sustainability Director beim Projekt- und Baumanager QPM, erhofft sich durch Katar 2022 ein Umdenken in Sachen Energiehaushalt und Ressourcenverbrauch. „55 bis 60 Prozent des Energieverbrauchs in Katar werden für die Klimatisierung von Gebäuden verwendet. Und der Energiebedarf in den Golfstaaten wächst jedes Jahr um zwei Prozent. Das ist ein Wahnsinn.“ Man müsse effizienter werden, in erster Linie aber müsse man das Verhalten der Menschen ändern. „Ein World Cup mit so einem ambitionierten Programm ist sehr medientauglich. Damit kann man Probleme, Schwierigkeiten und Herausforderungen für die Masse leicht verständlich machen. Ich sehe darin eine enorme Chance.“ Mit etwas Glück, so Nezar, könnte Katar 2022 die Baukultur am Golf nachhaltig verändern. So steht es übrigens auch in der Masterstudie „Qatar Vision 2030“.

Und jetzt auch noch Olympia?

Dass man es mit der vielzitierten Nachhaltigkeit ernst meint, beweist die Tatsache, dass schon jetzt über Rückbau, Verkleinerung und Nachnutzungsmöglichkeiten diskutiert wird. Neun der insgesamt zwölf geplanten Stadien sollen nach der WM redimensioniert werden. Die modularen, nicht mehr benötigten Sitztribünen - 170.000 Sitzplätze insgesamt - will Katar nach der WM an ärmere Länder verschenken. Weiße Elefanten, die mitten im Wüstensand vor sich hinrotten, will man auf diese Weise vermeiden.

Nachhaltigkeit bedeutet aber vor allem, am Ball zu bleiben. „Im arabischen Raum gibt es schon fast alles“, sagt der Qatar-2022-Chef Nasser al-Khater zum Abschluss. „Aber auf Sport hat sich bisher noch kein Land und kein Emirat konzentriert. Das ist ein großes Manko in dieser Region. Wir holen das nach.“ Der World Cup 2022 ist noch nicht alles. Am 15. Februar hat sich Katar als Austragungsort für die Olympischen Sommerspiele 2020 beworben. Sportliche Ambitionen.

24. März 2012 Der Standard

Cineplex für Cineasten

Was die einen liebevoll als „Auster“ und die anderen noch liebevoller als „weißen Schwan“ bezeichnen, wurde von den Marketingleuten des Museums schlicht und nüchtern EYE genannt.

Szene eins. Hauptbahnhof Amsterdam, typische Feierabendhektik, am Ufer des Ij zischen Radfahrer und Bromfietser durchs Bild. Blick auf die Fähre. Die letzten Passagiere gelangen aufs Deck, die Rampe wird hochgeklappt, mit einem Ruck setzt sich das Schiff in Bewegung. Schwenk auf den leerstehenden Overhoeks Tower, besser bekannt als Shell-Hochhaus, die gesamte Fassade ist mit einem Werbebanner verhangen. Eine Möwe fliegt durchs Bild. Links davon taucht ein kantiges, weißes, hell beleuchtetes Ding auf. Abstrakte Erscheinung, dynamische Form, das Motiv macht neugierig. Und Schnitt.

Vorspann. EYE. Das neue Filmmuseum in Amsterdam. Ein Projekt des Wiener Büros Delugan Meissl Associated Architects (DMAA). „Die Erscheinung dieses Gebäudes fasziniert mich jedes Mal wieder“, sagt Architekt Roman Delugan, blickt genießerisch um sich, kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. „Es ist wie im Film. Es geht um bewegte Bilder. Doch in diesem Fall ist die Kamera nicht statisch, sondern befindet sich mitten in unserem Kopf und ist permanent in Bewegung. Und mit jedem Meter, den man sich bewegt, verändert sich der Bau, wird mal kräftiger und mal schlanker, mal höher und mal geduckter, mal offener und mal geschlossener.“

Vorgestern, Donnerstag, fand die Pressekonferenz für niederländische und deutschsprachige Medienvertreter statt. Während auf der Bühne große, pathetische Worte gesprochen wurden, waren im Hintergrund Bohrmaschine und Hammer zu hören. Noch muss ordentlich Hand angelegt werden. Die Arena aus Eichenparkett wird geschliffen, die letzten Blechpaneele werden montiert, Filmprojektoren und Videobeamer müssen millimetergenau kalibriert werden. Am 4. April wird das Bauwerk (Gesamtinvestitionsvolumen 30 Millionen Euro) in Anwesenheit von Königin Beatrix feierlich eröffnet.

Was die einen liebevoll als „Auster“ und die anderen noch liebevoller als „weißen Schwan“ bezeichnen, wurde von den Marketingleuten des Museums schlicht und nüchtern EYE genannt. Das Auge. Tatsächlich sind mit dem Blick in die Zukunft viele Hoffnungen verbunden. Einerseits soll der nationalen und internationalen Filmgeschichte endlich jener Respekt gezollt werden, der ihr gebührt. Andererseits soll damit ein längst in Vergessenheit geratenes Stadtviertel zu neuem Leben erweckt werden.

Ende der verbotenen Stadt

Jahrzehntelang machte sich hier der Mineralölkonzern Royal Dutch Shell breit, forschte und laborierte auf einem riesigen Areal, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Der charakteristische, 20-stöckige Overhoeks Tower war das einzig sichtbare Signal nach außen. Mit dem Umzug auf ein kleineres Firmengelände im Norden wurde das Shell-Territorium leer und muss nun sukzessive dem organischen Gefüge der Stadt einverleibt werden. Ein großes Unterfangen. Die Errichtung des Filmmuseums - Grundstück und Haus sind Eigentum der ING Real Estate und werden nun für die Dauer von 25 Jahren an das Filmmuseum vermietet - war die Initialzündung. Weitere Projekte, die meisten davon Wohn- und Bürogebäude, befinden sich in Bau.

„Dieses Gebiet war für die Amsterdamer ein richtiges Tabu“, erinnert sich Sandra den Hamer, Direktorin des neuen EYE. „So gesehen bin ich sehr froh, dass wir die Ersten sind, die dafür sorgen werden, dass Menschen hierherkommen und dieses Stück Stadt nun langsam in Besitz nehmen werden.“ Die Ersten sind dieser Einladung bereits gefolgt, sitzen mit Hund und iPod am Kai oder arbeiten am Laptop.

Bis vor kurzem befand sich das Filmmuseum in einer schmucken Villa im Vondel-Park mitten in der Altstadt. Schon früh hatte man begonnen, alte Filme auszugraben, zu restaurieren und dem Publikum zugänglich zu machen. Dieser Pionierarbeit verdankt das Filmmuseum, dessen Sammlung sich mittlerweile auf 40.000 Filme beläuft, seine internationale Bedeutung. Ende 2009 erfolgte die Zusammenlegung mit Holland Film, mit der Filmbank und mit dem Netherlands Institute for Film Education. Zu viel Programm für so eine kleine Villa.

„Die Situation ist heute ganz anders“, sagt den Hamer. "Wir haben vier Kinosäle, darunter einen Premierensaal für 350 Zuschauer, einen großzügigen Ausstellungsraum und diverse interaktive Zuschauerbereiche für Kinder und Erwachsene. Damit haben die Amsterdamer Cineasten ein neues Zuhause. Und wenn bis Ende des Jahres alle holländischen Kinos auf Digitalbetrieb umgestellt werden, wird das EYE das einzige Kino der Niederlande mit klassischen Projektoren für 35- und 70-Millimeter-Filme sein.

Doch der größte Erfolg von DMAA, die 2005 als Sieger aus einem internationalen Bewerbungsverfahren hervorgegangen sind, ist die hölzerne Arena mit Blick auf die Stadt. Café und Bar, hunderte Sitzkissen auf den Stiegen und die dramatischen Deckenlampen des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson sollen diesen Raum, der entgegen der ursprünglichen Ausschreibung von DMAA quasi als Bonustrack mitgeliefert wurde, schon bald zu einem Hotspot für Stadtflaneure und Cineasten machen. Sogar der nationale TV-Sender VPRO hat bereits Interesse bekundet und will hier Talkshows und Life-Debatten drehen.

Kein Popcorn, kein Cola

„Im klassischen Filmbetrieb kauft man Popcorn und Cola, sitzt dann zwei Stunden in einer Black- Box und wird nach der Projektion an der Rückseite des Gebäudes wieder auf die Straße entlassen“, erzählt Delugan. „Das ist deprimierend. Wir wollten daher bewusst einen Treffpunkt für die Bevölkerung schaffen, wo man sich danach auf ein Gin Tonic zusammensetzen und über den Film reden kann.“ Man hört bereits die Gläser klirren.

Genau das ist die Stärke dieses Hauses. Wäre das eine Filmkritik, würde hier nun stehen: Das Drehbuch ist spannend geschrieben und reagiert auf aktuelle gesellschaftliche und kulturpolitische Umstände, die Charaktere sind präzise ausgearbeitet, das Setting ist perfekt gewählt. Und die ersten Szenen sind vielversprechend. Doch in der zweiten Hälfte des Films geht den Protagonisten die Luft aus.

Kaum hat man die Arena verlassen und begibt sich in die Ausstellungs- und Filmvorführräume, wird es banal. Lange Gänge, rechteckige Kinoschachteln, VIP-Lounge ohne Herz und Charme. Von Film und Kino, von „Lichtmalerei“ und „räumlicher und architektonischer Illusion“, von der Roman Delugan gesprochen hat, von dieser für Delugan Meissl so typischen, geschmeidig geilen Raumflussarchitektur fehlt jede Spur. Räumliche Interaktion von Film und Architektur, die sehr spannend hätte werden können, sucht man vergeblich. Leider.

Es ist kein Zufall, dass der Architekt mehr über das neue Signal am anderen Ufer, mehr über die visuelle Erscheinung des Bauwerks, mehr über die Choreografie der Funktionen als über die Kinosäle und Ausstellungsräume spricht. Das ist schon okay. Um den kulturellen Erfolg des EYE braucht man sich ohnehin keine Sorgen zu machen.

Letzte Szene. „Das Filmmuseum an dieser neuralgischen Stelle gegenüber der Altstadt ist für mich vor allem ein Spiel mit Licht und Reflexion“, sagt Roland Delugan aus dem Off. Und beschreibt damit jene Stimmung, die man in den Innenräumen bisweilen vermisst. „Ich glaube, das hängt mit dieser speziellen Amsterdamer Lichtsituation und der hohen Luftfeuchtigkeit zusammen. Manchmal verschwindet das Gebäude im Dunst, und manchmal taucht es wie aus dem Nichts wieder auf.“ Abspann.

17. März 2012 Der Standard

Die Macht des Gummihandschuhs

Gegen Krisen ist kein Kraut gewachsen? Doch! Eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien widmet sich dem grünen Städtebau von unten.

Das Gärtnerische war immer schon ein seismografischer Indikator für Krise. In Drucksituationen widmen sich die Menschen dem Grünraum und beginnen, Obst und Gemüse anzubauen.

Chi-Ho Chung ist Mitte 30, trägt Mittelscheitel und Hemd. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Manager in der Wirtschaftsmetropole Hongkong. Doch der Schein trügt. Chi-Ho ist Designer, Aktivist und Nebenerwerbsbauer. In den New Territories, am nördlichen Stadtrand Hongkongs und direkt an der Grenze zu Shenzhen und Mainland China, steckt er täglich die Hände in die Erde, sät Samen, wühlt nach Gemüse und lehrt die lokale Bevölkerung, sich selbst zu versorgen.

„Wir leben in einer künstlichen Konsumwelt, werden mit jedem Tag abhängiger von der Nahrungsmittelindustrie und werden uns unser Leben in dieser Stadt bald nicht mehr leisten können“, sagt Chi-Ho. Die Ma Po Po Community Farm, ein wildromantisches Fleckchen Erde inmitten 40-stöckiger Wohnhochhäuser, soll Abhilfe schaffen. Bewohner aus der Umgebung lernen die Grundprinzipien des Ackerbaus kennen, können an der Farmschule einen Lehrgang absolvieren und treffen sich regelmäßig zur gemeinsamen Feldarbeit. Das geerntete Obst und Gemüse ist sowohl für den Eigenbedarf als auch für den Verkauf bestimmt.

Vor allem aber leisten die angehenden Hobbybauern einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung unserer Städte. Es ist genau diese Kraft an der Basis, die dem Turbokapitalismus und Neoliberalismus die lange Nase zeigt und sich den widrigen Machenschaften von Wirtschaft und Politik entzieht - oder es zumindest versucht. Diesen Menschen, diesen Initiativen und diesen Bottom-up-Bewegungen widmet das Architekturzentrum Wien (AZW) seit Mittwoch eine eigene Ausstellung. Hands-on Urbanism 1850-2012. Vom Recht auf Grün ist aber mehr als nur eine Ausstellung. Es ist eine inhaltlich dicht gespickte Forschungsreise durch Zeit und Raum, die beweist, dass die grüne Rebellion im Untergrund nicht erst eine Erfindung im Zeitalter der Globalisierung ist. Sie beweist, dass es informelle Stadtentwicklung schon seit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts gibt, dass sie immer wieder da war, immer wieder aufkeimte wie ein junges Pflänzchen und immer wieder verendete und verschwand.

Wo eine Krise, da ein Garten

„Das Gärtnerische ist ein weltweites Phänomen, das sich nicht nur in Hongkong oder New York manifestiert, sondern überall auf der Welt“, sagt die Kuratorin Elke Krasny. Gemeinsam mit der Szenografin Alexandra Maringer ist sie für die inhaltliche und optische Gestaltung der Ausstellung zuständig. „Am meisten fasziniert mich, dass das Gärtnerische immer ein seismografischer Indikator für Krise ist. In politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Drucksituationen widmen sich die Menschen vermehrt dem Grünraum und beginnen, eigenhändig Obst und Gemüse anzubauen.“

Die Ma Po Po Farm in Hongkong ist so ein Beispiel. Einst waren die New Territories eine wichtige Landwirtschaftsregion, die die Bewohner der Megalopole mit Nahrungsmitteln versorgte. Mitte der Neunzigerjahre ging die lokale Produktion zurück. Investoren erkannten den Wert der Grundstücke und begannen, sie durch Bebauung, Vermietung und Verkauf lukrativer zu verwerten. Und die Hongkonger Regierung rechnete sich aus, dass die Auslagerung der Agrarproduktion und der Nahrungsmittelimport aus China wesentlich billiger ist als Eigenproduktion in der teuren Sonderwirtschaftszone.

Kampf mit Sense und Hacke

„Ja, man braucht heute viel Vorstellungskraft, um mit der Metropole Hongkong Landwirtschaft zu assoziieren“, sagt Chi-Ho Chung. „Traditionelle Symbole wie Fischteiche und Reisfelder geraten nach und nach aus dem Blickfeld und werden zu Erinnerungen.“ Stattdessen gibt es Parkplätze, Lagerhallen und Schrotthändler. Die Entwicklung ist nicht zu stoppen.

Doch gerade jetzt, da der kanadische Baugigant Henderson Development der ansässigen Bevölkerung auf die Pelle rückt und Pläne für eine Neubebauung der letzten grünen Reserven präsentiert, gerade jetzt, da die Regierung mit Zwangsabsiedelung droht, formiert sich Widerstand. Im Juli 2010 wurde die Ma Po Po Farm gegründet, schon ein Jahr später standen die ersten Absolventen der Farmschule in Gummistiefeln auf dem Feld und wurden als Biobauern aktiv. Doch die Stunden von Ma Po Po sind gezählt.

„Es scheint eine allgemein verbreitete Strategie der privaten Developer zu sein, landwirtschaftlich genutzte Flächen zuerst brachliegen und verkommen zu lassen und dann bei der Regierung eine Umwidmung der Flächen zu beantragen“, meint Chi-Ho. „Wir bauen Salat, Kartoffeln, Bohnen und Karfiol an, und wir zeigen vor, wie nachhaltiges Wohnen aussehen kann, wie man auch mit wenig Einkommen ein schönes und hochwertiges Leben führen kann. Die ersten Zwangsabsiedelungen durch Henderson wurden bereits angedroht. Ich hoffe, dass wir das Blatt noch wenden können.“

Auch andernorts auf der Welt spornen Krisensituationen zu grünen Meisterleistungen an. Eine gängige Methode des informellen Städtebaus sind die sogenannten Gecekondus in Istanbul. Die meist mehrstöckigen Häuser werden ohne Baubescheid errichtet. Die Menschen leben in großer Dichte, betreiben ein bisschen Landwirtschaft rund ums Haus und halten Hennen für den täglichen Bedarf.

„Ganze Stadtteile in der Türkei wurden auf diese Weise errichtet, so gesehen ist das informelle Bauen ein wichtiger Faktor für die Entwicklung des Landes“, sagt Stephan Schwarz, Architekt und Forscher bei ISSS Research. „Doch seit 2004 ist die Errichtung von Gecekondus illegal. Vor allem im innerstädtischen Bereich Istanbuls sind viele Gecekondu-Viertel heute von Abriss und Neubebauung bedroht. Ich fürchte, dass damit Lebensqualität, aber auch ein Stück regionaler Baukultur verlorengehen wird.“

Die Reise zu den erkämpften Zonen einer sich immer stärker emanzipierenden Gesellschaft ließe sich ohne Ende fortsetzen. In Kuba entstand im Zuge des Zusammenbruchs des europäischen Kommunismus ein Engpass an Chemikalien und Treibstoffen; durch die Auflösung der UdSSR verlor das Land einen wichtigen Handelspartner und damit auch den Zugang zu wichtigen Ressourcen. Das Handelsembargo der USA setzte der Regierung in Havanna zusätzlich zu. Das war das Ende der großen Landwirtschaft - aber auch der Beginn der sogenannten Organoponicos. Auf den unbebauten Restflächen in der Stadt begannen die Menschen damals Ackerbau zu betreiben. Derzeit gibt es in Havanna rund 160 Kommunen für Agrikultur. Ein genaues Mapping der Gemeinschaftsgärten existiert bis heute nicht.

Die Oase, ein schuldiger Ort

„Das ist nichts anderes als der Beginn der Wiener Siedlerbewegung und der ersten Schrebergartensiedlungen in Österreich“, sagt Kuratorin Elke Krasny, die in der Ausstellung vor einem der Bauzäune Platz genommen hat, umgeben von Gänseblümchen, Veitschi und Lavendel. „Das kollektive Anbauen ist eine Möglichkeit, der Krise zu entkommen und Menschen zu begegnen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.“ Auch die Schrebergartenparzellen auf der Schmelz wurden einst als Kriegsgemüsegärten angelegt. Heute befindet sich hier eine der größten Kleingartensiedlungen Mitteleuropas.

„Der Garten ist kein unschuldiger Ort. Der Garten ist ein Topos, an dem sich Krisen manifestieren und an dem Menschen auf diese Krisensituationen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln reagieren.“ Hier wird Stadt von unten gemacht. Oder wie Krasny sagt: „Das Gärtnern bringt Handlungsmacht hervor.“

Die Ausstellung „Hands-on Urbanism 1850-2012. Vom Recht auf Grün“ ist bis 25. Juni zu sehen. Reichhaltiges Begleitprogramm in Form von Vorträgen, Workshops und Exkursionen. Architekturzentrum Wien. www.azw.at

Zur Ausstellung ist das Buch „Hands-on Urbanism“ im Verlag Turia + Kant erschienen. Zwei Ausgaben Deutsch und Englisch. Der 356-seitige, schön gestaltete Schmöker präsentiert Beispiele aus aller Welt.

3. März 2012 Der Standard

„Dass ich dich wiederseh!“

Zwei Jahre lang wurde die Villa Tugendhat saniert und restauriert. Am Mittwoch wurde das wohl berühmteste Einfamilienhaus der Moderne wiedereröffnet.

Es riecht nach Linoleum und frischem Lack. Die Türklinken sind poliert und funkeln, als hätte man sie gerade erst ausgepackt. Und die Badewannenarmaturen aus Chrom und Keramik, ein Entwurf des Bauhaus-Architekten Walter Gropius, sprühen vor einer derart zeitlosen Eleganz, dass man sich sofort die Kleider vom Leib reißen und ein Bad in der Geschichte dieses Hauses nehmen will.

Am Mittwoch wurde die Villa Tugendhat, eines der Schlüsselwerke des deutschen Architekten Ludwig Mies van der Rohe, errichtet in den Jahren 1928 bis 1930, wiedereröffnet. Nach zweijähriger Bauphase befindet sich das Juwel der Moderne, von dem aus man einen fantastischen Ausblick auf die Brünner Altstadt hat, endlich wieder in einem herzeigbaren Zustand. Insgesamt wurden rund 174 Millionen Kronen (knapp sieben Millionen Euro) in die Sanierung und Restaurierung investiert. Den Großteil davon steuerte die EU bei.

Der Architekt hätte sich ob dieses Bildes wohl köstlich amüsiert: „High Heels verboten“, hieß es auf der Einladungskarte. Journalisten und Fotografen kamen aus ganz Europa angereist, schlüpften daraufhin in hellblaue Überzieher und rutschten mit ihren raschelnden Plastikschuhen im Watschelgang über den frisch verlegten Gummiboden. Die Geräuschkulisse war spektakulär. Lediglich den Ehrengästen auf dem Podium, allen voran dem Brünner Bürgermeister Roman Onderka sowie den beiden Töchtern des Bauherrenehepaares, Daniela Hammer-Tugendhat und Ruth Guggenheim-Tugendhat, war es vergönnt, etwas festlicher aufzutreten. „Natürlich wird hier nie wieder der Zustand eines bewohnten und belebten Hauses einkehren“, sagte Daniela Hammer-Tugendhat, die heute als Kunsthistorikerin in Wien lebt. „Aber es ist gelungen, jenen Charakter wiederherzustellen, der das Haus zu dem macht, was es ist. Und das freut mich sehr, denn das ist in seiner Schönheit und meditativen Atmosphäre, wie ich sie sonst nur aus Kirchen kenne, einer der überwältigendsten Innenräume der Moderne.“ Ein Besuch vor Ort sei unumgänglich, erklärte die Tochter des Hauses. Allein anhand von Fotos und Grundrissen könne man sich von diesem Raum keinen Eindruck machen. Man müsse ihn in der eigenen Bewegung erleben, man müsse ihn physisch erkunden.

„Ein absolutes Highlight“

„Ich bin mit dem Resultat sehr zufrieden“, bestätigte auch Ana Tostões, Präsidentin von Docomomo International, die sich mit der Dokumentation und dem Erhalt von Bauwerken der Moderne beschäftigt. „Der Zustand des Hauses war eine Katastrophe, die Substanz war ziemlich zerstört, und das Projekt war extrem kompliziert. Aber man kann den Wissenschaftern und dem tschechischen Planungs- und Ausführungsteam nur gratulieren. Was diese Leute daraus gemacht haben, ist ein absolutes Highlight historischer Bestandssanierung.“

Rückblende. Noch vor wenigen Jahren drohte die Villa Tugendhat abzurutschen. Die Fundamente hatten dem Hangwasser nachgegeben, die Risse im Putz und in den seitlichen Außenwänden waren nicht zu übersehen. Hinzu kamen Beton- und Steinoberflächen, die im Laufe der Zeit durch den Eintritt von Wasser und anschließende Eisbildung regelrecht abgesprengt wurden. Das Mauerwerk war durchfeuchtet, die Anschlüsse zwischen Stahlbauteilen und Beton waren völlig korrodiert. Auch der Umstand, dass das Gebäude 1995 zum Nationalen Kulturdenkmal und 2001 zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde, konnte daran nichts ändern.

„Es ist erstaunlich, dass die Villa Tugendhat selbst in diesem ruinösen Zustand eine unglaubliche architektonische Qualität hatte“, erinnert sich Ivo Hammer, Gebäuderestaurator und Vorsitzender des Tugendhat House International Expert Committee (Thicom). „Aber der Zeitpunkt war längst überfällig. Wir mussten dringend etwas tun.“

Die ersten Gespräche mit der Stadt Brünn seien nicht besonders zufriedenstellend verlaufen, erinnert sich Hammer. „Am Anfang meinte der Finanzstadtrat, dass nur ein bestimmtes Sanierungsbudget zur Verfügung stehe und dass man auf jeden Fall damit auskommen müsse. Aber darauf wollten wir uns nicht einlassen. Entweder man macht es ordentlich, oder man lässt es gleich bleiben.“ Nach längerem Tauziehen fiel die Entscheidung zugunsten der umfassenden Sanierung - allerdings mit einem Wermutstropfen: „Leider wurde das Komitee erst nominiert, nachdem die Bauarbeiten schon längst im Gange waren“, so Hammer. „Aber immer noch besser zu spät als gar nicht.“

Wo ist die Ebenholzwand?

Ein Expertenbeirat aus acht ausländischen und sieben tschechischen Denkmalpflegerinnen und Kunsthistorikern beurteilte den Zustand des Hauses, dokumentierte jedes einzelne Detail, stöberte in Archiven nach Originalplänen und alten Fotografien, forschte in schriftlichen Aufzeichnungen zwischen Mies van der Rohe und dem Brünner Textilindustriellen Fritz Tugendhat sowie seiner Frau Grete, suchte nach alten Materialien in der ganzen Stadt, stöberte die berühmte gebogene Wohnzimmerwand aus Makassar-Ebenholz im Keller des ehemaligen Brünner Gestapo-Sitzes aus, ließ Möbeln nach alter handwerklicher Tradition rekonstruieren und experimentierte mit unterschiedlichen mineralischen Putzen, Spachtelmassen und Injektionen fürs Mauerwerk.

„Schauen Sie sich nur diese Wände aus Stuccolustro an“, sagt Ivo Hammer, als er nach der Pressekonferenz einsam und allein im alten Herrenzimmer steht und mit der Hand nachdenklich über die neu verputzte Wand streicht. „Wir haben ziemlich lang mit unterschiedlichen Sanden aus der Gegend geforscht, bis wir endlich eine ganz feine Körnung gefunden haben, mit der der Innenputz dann genauso schön matt und samtig geworden ist, wie wir das wollten.“ Die Holzoberflächen - Fingerzeig in Richtung Kastenwand - habe er sogar eigenhändig von alten Lackschichten befreit. Ein sogenannter pneumatischer Mikromeißel half dem Restaurator dabei.

Open-Air-Salon auf Knopfdruck

Freilich, all die Anstrengungen der letzten 24 Monate wird kaum ein Besucher dieses Hauses je wieder nachvollziehen können, geschweige denn mit bloßem Auge erkennen. Die Summe der vielen kleinen Miniaturen, die die Thicom in Zusammenarbeit mit dem Generalplaner Unistav a.s. mit großer Detailliebe kreierte, schlägt sich jedoch in einem perfekten, vielleicht sogar zu perfekten Gesamteindruck nieder.

Alles an diesem seinerzeit teuersten Einfamilienhaus der Welt funktioniert wie am ersten Tag. Die Gegensprechanlage ist wieder in Betrieb, die Klimaanlage bläst einwandfrei kühle Frischluft in die Aufenthaltsräume, der Speisenlift fährt fröhlich auf und ab, und die riesige Glasfassade im Wohnzimmer lässt sich auf Knopfdruck im Boden versenken. Innerhalb einer Viertelminute sitzt man in einem Open-Air- Salon der Moderne. Berauschend.

„Meine Eltern haben das Haus 1938 fluchtartig verlassen“, sagte Daniela Hammer-Tugendhat bei der Pressekonferenz. „Und ich erinnere mich, wie ich mit meiner Mutter das erste Mal nach der Emigration zur Internationalen Konferenz 1969 ins Haus hineingekommen bin. Das war für sie sehr emotionalisierend und aufregend.“ Sie sei zur berühmten sieben Zentimeter dicken durchscheinenden Onyxwand gegangen und habe sie gestreichelt wie man sonst nur einen Menschen streicheln kann. Mit einem tiefen Seufzer habe sie daraufhin gesagt: „Dass ich dich wiederseh!“ Letzten Mittwoch schlossen sich die Fachleute und Ehrengäste dieser Meinung an.

Die Villa Tugendhat befindet sich heute in Besitz der Stadt Brünn. Sie wird vom Museum der Stadt Brünn betrieben und ist ab sofort wieder öffentlich zugänglich.

3. März 2012 Der Standard

Österreich baut Raum mit Menschen und Avataren

„Reports from a city without architecture“, so lautet das Motto des österreichischen Beitrags für die kommende Architekturbiennale in Venedig, die am 28. August eröffnet werden wird. Gestern, Freitag, lud Kulturministerin Claudia Schmied (SP) zur Pressekonferenz. Vorgestellt wurden das Planungsteam rund um den österreichischen Kommissär Arno Ritter, Leiter des Innsbrucker Architekturhauses aut, sowie das inhaltliche Konzept. Oder zumindest eine vage Andeutung dessen.

„Wir wollen keine klassische Architekturausstellung mit Fotos, Plänen und Modellen machen“, erklärte Ritter. Stattdessen werde es auf der kommenden Biennale einen einzigen „charakteristischen und unverwechselbaren“ Beitrag an der Schnittstelle von Architektur, Kunst und Grafikdesign geben.

In Zusammenarbeit mit Architekt Wolfgang Tschapeller, dem Grafischen Büro Wien und den beiden Künstlern Martin Perktold und Rens Veltman entwirft Ritter das, was er als „Projekt zwischen Science und Fiction“ bezeichnet. Geplant ist, den Österreich-Pavillon in den Giardini mit Projektionsflächen, Spiegeln und einem „topografisch gestalteten Boden“ auszustatten. Die projizierten Trickfilme sollen interaktiv sein. Anhand der sich bewegenden Menschen im Raum sollen Figuren in Echtzeit und im Maßstab 1:1 animiert und in den Raum projiziert werden. „Wir bauen einen Raum mit realen menschlichen Figuren und ihren Avataren“, so Architekt Tschapeller.

Claudia Schmied ist überzeugt, man könne sich auf der kommenden Biennale in Venedig „auf etwas Außergewöhnliches einstellen“. Und Arno Ritter fasste zusammen: „Ich möchte einen Pavillon machen, den die Leute entweder fluchtartig verlassen, weil sie damit nichts anfangen können, oder aber darin bleiben, wie sie selbst ein Bestandteil dieser neuen Architektur der Zukunft werden wollen.“

Vorerst nichts als vage Anspielungen. Doch eines scheint fix: Nach den letzten vorsichtigen und pluralistischen Ansätzen in Venedig bekennt sich Österreich endlich zu Radikalität und bezieht Stellung.

7. Februar 2012 Der Standard

Geschenk namens Arbeit

Das Wiener Architekturbüro gaupenraub zeichnet sich nicht nur durch Projektgeschenke an Obdachlose aus

Begonnen hat alles mit einem Dachgeschoßprojekt in Wien. „Wir haben von Anfang an gemerkt, dass wir keine Gaupen machen wollen, dass wir uns mit diesen hässlichen Warzen auf dem Dach nicht anfreunden können“, sagt Alexander Hagner. Damit war der Büroname geboren. Gemeinsam mit Ulrike Schartner betreibt er in einem aufgelassenen Stadtbahnbogen an der Wienzeile seither das Büro gaupenraub.

Zu den bisherigen Projekten zählen Einfamilienhäuser, Wohnungs- und Büroumbauten, gewerbliche Bauten sowie ein Eiermuseum im Burgenland. Aktuell arbeiten die beiden an einer privaten Begräbnisstätte und an Möbelentwürfen für demenzkranke Menschen.

Doch das wichtigste und bisher größte Projekt ist die teilweise ehrenamtliche Arbeit für Obdachlose. „Als Kind habe ich mir immer gedacht: Wenn ich ein großer Architekt bin, dann baue ich ein Dorf für Obdachlose“, sagt Hagner, der vom Obdachlosenverein „Vinzenzgemeinschaft St. Stephan“ mittlerweile zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Ein ganzes Dorf wurde es noch nicht, doch dafür half Hagner bereits beim Umbau des Vinzirast-Hauses in Meidling mit.

„Die meisten Architekten verschenken ihre Arbeit, indem sie Monat für Monat unbezahlterweise an Wettbewerben teilnehmen, die sie nicht gewinnen“, sagt Hagner. „Wir haben uns gedacht, dass wir unsere Arbeit auch verschenken wollen, aber in eine Richtung, die sinnvoller ist und von der Leute direkt profitieren können.“

Am Montag war Baubeginn für ein Obdachlosenwohnhaus in der Währinger Straße. Bis Anfang des Jahres 2013 entsteht auf dem Eckgrundstück am Alsergrund ein Wohnheim für Obdachlose und Studenten mit dem angeschlossenem Café Mittendrin, Veranstaltungssaal und Beratungsstelle.

Das Projekt entsteht in enger Zusammenarbeit zwischen Vinzirast und der Universität Wien. Die Baukosten belaufen sich auf 2,5 Millionen Euro. Das Honorar ist diesmal nicht geschenkt, dafür aber mit 40 Prozent Preisnachlass.

4. Februar 2012 Der Standard

Der Mann mit dem grünen Glamour

Er hat grüne Haare und pflanzt grüne Wände. Ein Gespräch mit dem Pariser Landschaftskünstler Patrick Blanc.

Durch sein Atelier fliegen Kanarienvögel und Kolibris, aus dem Bücherregal lugen Geckos und Salamander hervor, und um Punkt zehn Uhr am Vormittag beginnt es hinter dem Schreibtisch zu regnen. Patrick Blanc, Botaniker und Künstler, wohnt und arbeitet in einem künstlich geschaffenen Urwald in einer ehemaligen Werkstatt am Rande von Paris. Das Grün sei nicht nur inspirierend für seine Arbeit, meint der 58-Jährige, sondern auch ein wichtiger Temperatur- und Feuchtigkeits-regulator.

Der „Mur Végétal“, der vertikale Garten, hat sich zu Blancs Markenzeichen entwickelt. Seit seinen ersten Projekten auf der Internationalen Gartenschau in Chaumont-sur-Loire (1994) und im Pariser Luxushotel Pershing Hall (2001) hat er bereits Dutzende Wände in aller Welt begrünt, darunter etwa die Fassade des Musée du Quai Branly von Jean Nouvel (2006), die Caixa Forum in Madrid von Herzog & de Meuron (2007), die Konzerthalle in Taipeh (2007) sowie das 2010 eröffnete Hotel Sofitel in Wien. Doch wie viel von alledem ist ein ernsthafter Beitrag zur Zukunft unserer Städte? Und wie viel ist nur Lifestyle und grüner Glamour? Zu Besuch in seinem Atelier in Ivry-sur-Seine.

STANDARD: Grüne Kleidung, grüne Haare und lange Fingernägel - Sie schauen aus, als könnten Sie sich nicht entscheiden, ob Sie Fauna oder Flora sein möchten.

Blanc: Fingernägel schneiden, das ist völlig unnatürlich. Wer von unseren Vorfahren hat sich schon die Nägel geschnitten? Niemand! Fingernägel braucht man, um sich zu kratzen und um in der Erde zu bohren. Und was die grünen Haare betrifft: Die habe ich schon seit 1985. Grün ist für mich Ausdruck von Natur, von Kraft, von Überlebensdrang, von wachsender Freude. Grün ist die schönste Wellenlänge auf Erden.

STANDARD: Wurmt es Sie nicht, dass Sie Blanc heißen - und nicht Vert?

Blanc: Überhaupt nicht! Im Weiß sind bereits alle Farbtöne des ganzen Farbspektrums vereint. Außerdem tröste ich mich mit der Tatsache, dass ich in der Clinique des Fleurs („Krankenhaus der Blumen“) zur Welt gekommen bin. Als hätte es die Hebamme geahnt!

STANDARD: Seit wann arbeiten Sie schon mit Pflanzen?

Blanc: Eigentlich schon immer. Als ich ein kleiner Bub war, habe ich ein Aquarium gehabt. Ich war fasziniert von den bunten Fischen im Wasser. Die Pflanzen waren zu Beginn nichts anderes als eine Notwendigkeit, um ein gewisses Gleichgewicht im Ökosystem herzustellen. Erst nach und nach habe ich gesehen, dass Pflanzen eine schöne und lebendige Materie sind. Eines Tages war dann klar, dass ich Biologie studieren werde. Ich habe mich dann auf tropische Botanik spezialisiert und habe während meines Studiums viele Monate meines Lebens im Dschungel verbracht - unter anderem in Malaysia, Thailand, Indonesien und Französisch-Guyana.

STANDARD: In Ihrem Brotberuf sind Sie Forscher und Botaniker. Wie sind Sie zu Ihren Kunstprojekten gekommen?

Blanc: Meine ersten Arbeiten waren 1986 im Pariser Museum für Wissenschaft, Technik und Industrie sowie 1994 auf der Internationalen Gartenschau in Chaumont-sur-Loire. Doch der wirklich große Durchbruch kam mit der begrünten Wand im Hotel Pershing Hall 2001. Ich kann mich gut erinnern: Andrée Putman hat mich angerufen und gesagt: „Patrick, du machst doch diese grünen Wände. Ich würde gerne mit dir zusammenarbeiten.“ Aber als ich dann auf die Baustelle gekommen bin, war ich total schockiert. Da ging es dann nicht mehr um Dimensionen von ein paar Metern, sondern um eine 30 Meter hohe Feuermauer. Das war ein großer Sprung in Richtung Architektur.

STANDARD: Auch in Wien haben Sie einen vertikalen Garten gepflanzt, und zwar in Jean Nouvels neuem Hotel Sofitel. In den unteren Stockwerken sieht der Garten in manchen Monaten allerdings dürftig aus. Ist es in Wien zu dunkel und zu kalt?

Blanc: Zu dunkel und zu kalt? Das kann ich mir kaum vorstellen. Wenn die Bewässerung und Beleuchtung funktionieren, dann sollte das Ökosystem eigentlich intakt sein. Ich glaube, das muss ich mir genauer anschauen. Danke für die Info.

STANDARD: Wie oft müssen die vertikalen Gärten gepflegt werden?

Blanc: Vielleicht drei-, viermal im Jahr. Das reicht absolut. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die Indoor-Gärten öfter und intensiver gepflegt werden. Erstens sind da die optischen Ansprüche höher, und zweitens hat das mit den Hygienevorschriften zu tun - etwa wenn es sich um ein Restaurant oder um eine Bar handelt.

STANDARD: Und wie viel kostet so eine grüne Wand?

Blanc: Das hängt von der Pflanzenvielfalt und von den Gegeben- heiten vor Ort ab. Aber in Summe kann man mit 400 bis 700 Euro pro Quadratmeter rechnen. Bei den meisten Projekten bewegen sich die Kosten bei 500 Euro pro Quadratmeter.

STANDARD: Das ist viel Geld für ein Stückchen Garten!

Blanc: Das stimmt. Und hinzu kommen noch die 20 Prozent für mein Honorar! Aber dafür hat ein vertikaler Garten gegenüber einer horizontalen Fläche einige Vorteile. Erstens können Sie auf der gleichen Fläche viel mehr Pflanzen unterkriegen. Zweitens ist die Methode sehr platzsparend und somit auch für enge Grundstücke in der Innenstadt geeignet. Und drittens geht es dabei um das Überraschungsmoment. Mit einem Gärtchen auf der ebenen Fläche können Sie heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Bei einem vertikalen Garten aber schauen die Leute auf, machen sich Gedanken über die ungewöhnliche Installation und denken ein bisschen über die Natur nach.

STANDARD: Und was sind die ökologischen Vorteile?

Blanc: Im unmittelbaren Bereich eines Gartens gibt es natürlich ein viel besseres Mikroklima. Die Luft wird gefiltert, Schimmelpilze und Bakterien werden bekämpft, und die Luft riecht und schmeckt deutlich frischer.

STANDARD: Und im städtischen Maßstab?

Blanc: Im größeren Maßstab hat ein einziger Garten keinerlei Auswirkung auf das Klima. Es wäre schön, wenn ich das Gegenteil behaupten könnte. Doch das wäre gelogen.

STANDARD: Worum geht es dann?

Blanc: Ich möchte gar nicht bestreiten, dass die vertikalen Gärten einen gewissen Lifestyle-Faktor haben. Viele Privatbau-herren, Hotels und Unternehmen schmücken sich mit so einem Projekt, aber das ist auch gut so, denn auf diese Weise werden die Menschen angeregt und für diese Thematik sensibilisiert. Wenn Sie so wollen: Es geht um Psychologie und Soziologie.

STANDARD: In welche Richtung soll's gehen? Wie sieht die Stadt der Zukunft in Ihren Augen aus?

Blanc: Als Kind habe ich gerne Comics gelesen. Mein Lieblings-comic war Flash Gordon. Und dieser Flash Gordon ist immer durch futuristische, grüne Städte gelaufen und geflogen. Genau das ist meine Vision. Und sie ist gar nicht so abwegig. In Skandinavien und in Japan sind begrünte Dachter-rassen bereits ein wichtiger Faktor und ein selbstverständlicher Teil des Stadtbildes. Und in manchen Städten wird bereits emsig Urban Gardening betrieben. Berlin ist so ein Beispiel. Die Stadt ist flächenmäßig sehr groß und bietet genügend Platz für kleine Parkanlagen und Nachbarschaftsgärten. Auch in Hamburg funktioniert das sehr gut. Und sogar im dicht bebauten Manhattan gibt es eine ganze Menge an kleinen grünen Parzellen, auf denen die Bewohner Obst und Gemüse anbauen und sich für eine Stunde auf die Parkbank setzen, ins Grüne schauen oder ein Buch lesen. Ich finde das toll.

STANDARD: Paris hat vor, von 2012 bis 2016 den Eiffelturm zu begrünen. Was halten Sie davon?

Blanc: Da bin ich ziemlich voreingenommen. Ich wurde damals um meine Expertise zu diesem Projekt gebeten.

STANDARD: Und? Was haben Sie gesagt?

Blanc: Ich habe den Leuten gesagt: Das ist ein riesengroßer Blödsinn! Da mache ich nicht mit.

STANDARD: Warum nicht?

Blanc: Der Pariser Eiffelturm ist ein schlichtes und elegantes Ingenieursbauwerk. Und es ist zu einem wichtigen Symbol für diese Stadt geworden. Reicht das nicht schon? Außerdem steht das Projekt in keiner Relation zu seinem Nutzen. Wenn man schon einen Beitrag zum Klimaschutz leisten will, denn das ist die Grundintention dieses Projekts, dann kann man 72 Millionen Euro auch sinnvoller investieren.

STANDARD: Dann schlagen Sie mal vor!

Blanc: Grünes Leben kann überall sein. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt heute bereits in Städten. Natürlich sehnt man sich in der Freizeit nach Grün, nach ein bisschen frischer Luft, nach einer ruhigen Stunde mit Vogelgezwitscher. Doch wenn alle Menschen, die diese Sehnsucht befriedigen wollen, am Abend oder am Wochenende ins Auto steigen und aus der Stadt rausfahren, dann führt das alle ökologischen Bemühungen, die wir bisher unternommen haben, ad absurdum. Das kann unmöglich die Zukunft unserer Städte sein. Wir müssen in klei-neren Maßstäben denken. Wir müssen den Menschen in der Stadt rund um ihre Wohn- und Arbeitsstätte ein gewisses natürliches Umfeld bieten. Das kann ein Mur Végétal sein, das kann eine kleine begrünte Restparzelle sein, das kann Urban Gardening mit Tomaten- und Kartoffelfeldern sein. Ich bin davon überzeugt, dass solche grünen Impulse das Leben in der Stadt nachhaltig verändern können. Und zwar nicht, weil sie per se grün sind, sondern weil sie Alternativen bieten und dazu beitragen, die Prinzipien urbanen Lebens zu überdenken. Es ist höchste Zeit.

Patrick Blanc, geb. 1953 in Paris, ist Botaniker und Künstler. Neben seiner Tätigkeit am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) sowie in der Forschungsgruppe Biodiversité Tropicale et Facteurs Environnementaux (Biotrop) befasst er sich vor allem mit der Begrünung von vertikalen Wänden im städtischen Umfeld.

21. Januar 2012 Der Standard

Welt retten? Watscheneinfach!

Seit mehr als 30 Jahren fährt Zwischenwasser ein ambitioniertes Baukultur- und Architekturprogramm. Auf Stippvisite in der Vorarlberger Gemeinde.

Vorarlberg, Gemeinde Zwischenwasser, Mai 1980. Kaum im Amt, veranlasst Neo-Bürgermeister Josef Mathis eine massive Reduktion der Baulandreserven und eine Rückwidmung in Grünland. Es geht um viele Hektar Land. Das Verfahren dauert einige Jahre und endet mit einer Klage des Landesvolksanwalts beim Verfassungsgerichtshof. Abgewiesen.

Mehr als 30 Jahre später ist Josef Mathis (ÖVP) immer noch im Amt. Und die Korrektur des Flächenwidmungsplans anno 1980 ist eine gern erzählte Anekdote, denn mit ihr kam alles ins Rollen. „Die Rückwidmung von Bauland in Grünland war ein Kraftakt der Sonderklasse“, erinnert sich der Bürgermeister. „Aber es hat sich ausgezahlt, und die Bevölkerung hat trotz anfänglicher Proteste verstanden, dass nicht die ganze Welt Bauland sein kann, dass man nicht immer nur zersiedeln darf, sondern auch einmal konzentrieren muss.“

In den nächsten Jahren führte ein Pilotprojekt zum nächsten. 1990 wurde eine neue Volksschule eröffnet. Das Gebäude von Hermann Kaufmann, Walter Unterrainer und Sture Larsen war die erste solarbeheizte Schule Österreichs. 1994 wurde der Frödisch-Saal errichtet, ein Mehrzweckgebäude mit Biomasseheizung. 1997 schließlich wurde eine der ersten Passivwohnhausanlagen des Landes besiedelt. Es folgten ein Musikproberaum, eine Friedhofskapelle, eine Altenpflegewohnheim sowie diverse Einfamilienhäuser, die allesamt mit Architekturpreisen zugehagelt wurden.

Ein Mekka für Architekturfans

Zwischenwasser, ein Zusammenschluss der drei Ortschaften Muntlix, Batschuns und Dafins, mauserte sich im Laufe der Jahre zum Architektur-Mekka und wurde 2009 vom Verein LandLuft als beste Baukultur-Gemeinde Österreichs ausgezeichnet.

Doch das Besprechungszimmer im Gemeindeamt ist noch viel redseliger. Die Wände sind mit dutzenden Urkunden und Auszeichnungen zutapeziert: Klimaschutz-Gemeinde 2010, Energieeffizienteste Gemeinde in Europa 2009, Climate Star 2007, Europäischer Dorferneuerungspreis 2004, European Energy Award Gold 2002, Greenpeace-Gemeinde für Klimaschutz 1993 und so weiter. Die gerahmten Trophäen nehmen kein Ende. Nicht zuletzt ist Zwischenwasser eine der ersten zertifizierten e5-Gemeinden Österreichs. Das ist eine Art AAA-Auszeichnung für Ressourcenschonung und Energieeffizienz.

Wo liegt das Geheimnis dieses Erfolges? „Es gibt kein Geheimnis“, meint Mathis, der beruflich mit einem elektrischen Mitsubishi i-MiEV geräuschlos durch die Gegend rollt. „Ich dachte mir damals nur: Wenn du die Gestaltung der Gemeinde nicht selbst in die Hand nimmst, dann machen das die anderen für dich.“ Die anderen - das seien in dem Fall die Baukonzerne und Fertighausfirmen, erklärt er. „Und die mag ich sowieso nicht, denn die machen alles nur kaputt.“

Damit es nicht so weit kommt, richtete Mathis 1992 einen Fachbeirat für Architektur ein. Die zweiköpfige Jury, die alle drei Jahre wechselt, beurteilt jedes einzelne Bauansuchen, segnet es ab oder gibt konkrete Verbesserungsvorschläge. Außerdem wird im Gemeindeamt eine kostenlose Planungsberatung für Bauwerberinnen und Bauherren angeboten. „Das erspart uns allen unangenehme Verzögerungen“, sagt der Zwischenwasser-Chef. „Planungsfehler können auf diese Weise schon im Vorfeld abgefedert werden.“

Nicht zuletzt gibt es in der Gemeinde Zwischenwasser zwei sogenannte „Kümmerer“. Das sind kompetente und fachlich ausgebildete Profis, die von der Bevölkerung als Gutachter beziehungsweise objektive Beratungsinstanz in Anspruch genommen werden können - falls man mal vom Dachdecker an der Nase herumgeführt wird oder nicht weiß, wen man am besten kontaktiert, wenn der Biomasse-Kessel wieder mal spinnt. Auch dieser Service ist kostenlos.

„Eigentlich ist Baukultur watscheneinfach“, meint Mathis. „In erster Linie hat es damit zu tun, dass man die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert und in die Projekte miteinbezieht.“ So geschehen beim Bau der Aufbahrungshalle in Batschuns 2002. Die Architekten Marte.Marte hatten ein einfaches, schönes Gebäude geplant, doch die arbeitsintensive Errichtung aus Stampflehm hätte das Budget der Gemeinde gesprengt. Eine Gemeinderätin hatte damals die Idee, im Ort nach freiwilligen Helfern zu suchen. 24 Leute meldeten sich zu Wort, schlüpften in den Blaumann und packten mit an. Manche nahmen sich sogar zwei Wochen Urlaub oder ließen sich karenzieren.

Und bei der Sanierung des Mitdafinerhuses in Dafins, in dem alte Menschen betreut werden, nahmen sich ein paar Bürger ein Herz, bauten das heruntergekommene Rheintalhaus zum modernen Wohnheim aus und vermieten die elf Kleinwohnungen nun an die Gemeinde zurück. Vis-à-vis befindet sich der Dorfladen „Sennerei“, der jede Woche an drei Halbtagen geöffnet hat. Die Miete übernimmt die Gemeinde, denn hier geht es nicht ums Geschäft, sondern um den sozialen Kontakt zur Bevölkerung. Im Geschoß darüber gibt es eine Notwohnung, die im Scheidungsfall oder bei familiärem Zoff Bedürftigen zur Verfügung steht.

Weniger Strom, weniger CO2

Geschichten wie aus dem Bilderbuch. Doch hinter den Elektromobilen, dem kleinen Greißler und den vielen Sonnenkollektoren auf den Dächern steckt ökologisches Kalkül. Der Stromverbrauch beträgt mit 3000 Kilowattstunden pro Kopf weniger als die Hälfte des restlichen Bundeslandes. Und während der CO2-Ausstoß der Haushalte inklusive Mobilität jährlich steigt, konnte er in Zwischenwasser in den letzten acht Jahren um 6,7 Prozent gesenkt werden.

„Davon brauchen wir mehr“, sagt Roland Gruber, Obmann des Vereins LandLuft, auf Anfrage des STANDARD. „In den Großstädten ist hochwertige Architektur längst eine Selbstverständlichkeit. Unser Ziel ist es nun, die Baukultur auch im ländlichen Raum zu fördern und den Bürgermeistern und der Bevölkerung zu beweisen, dass sie etwas ändern können.“ Zwischenwasser, meint Gruber, sei das beste Beispiel dafür, dass die Bemühungen der letzten Jahre Früchte trügen.

Am Nachfolge-Champion wird bereits gearbeitet. Die 17 Kandidaten für den Baukultur-Gemeindepreis 2012 befinden sich seit gestern, Freitag, in Begutachtung. Die Jury ist auf Achse und nimmt die Dörfer unter die Lupe. Im Herbst werden die Preisträger der Öffentlichkeit vorgestellt.

Am 2. Februar findet in Berlin die Fachtagung „Kommunale Kompetenz Baukultur“ statt; mit einem Vortrag von Josef Mathis. Zeitgleich startet die Ausstellung „LandLuft“; Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin.

Seit gestern, Freitag, ist in der Initiative Architektur Salzburg die Wanderausstellung „Wohn Raum Alpen. Zeitgenössische Wohnformen in den Alpen und ihre Perspektiven“ zu sehen. Bis 1. März. Infos unter www.initiativearchitektur.at

14. Januar 2012 Der Standard

Klosterfrau im gedämmten Habit

Das Hauptquartier von M.C.M. Klosterfrau Healthcare wurde umgebaut. Der Wärmebedarf konnte um mehr als 80 Prozent gesenkt werden. Vor kurzem wurde das Projekt mit dem Ethouse Award ausgezeichnet.

Noch vor zwei Jahren hat die Klosterfrau geschwitzt und gefröstelt. Doch die schlecht temperierten Zeiten im Hause Melissengeist sind vorbei. Seit rund einem Jahr sitzen die 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wiener Niederlassung der M.C.M. Klosterfrau Healthcare GmbH und ihres Tochterunternehmens Maria Galland im komplett sanierten Gebäude im Gewerbegebiet Oberlaa. Vor kurzem wurde das Projekt von der Qualitätsgruppe Wärmedämmsysteme mit dem Ethouse Award 2011 ausgezeichnet.

„Das alte Haus war zwar architektonisch aufregend, doch in seinem Entstehungsjahr 1977 waren Ökologie und Nachhaltigkeit noch keine besonders gefragten Themen“, sagt Arno Gradwohl, Leiter der Abteilung Medizin und Wissenschaft bei Klosterfrau. Er erinnert sich: Bei Minusgraden waren die Fenster voller Eisblumen, im Sommer herrschten im verglasten Foyer (kleines Foto) bis zu 45 Grad. Wirklich wohl fühlten sich hier nur die Kakteen, die seit der Sanierung im Palmenhaus Schönbrunn beheimatet sind.

„Der Bestand war in einem sehr schlechten Zustand“, erklärt Ulrike Schartner vom Architekturbüro gaupenraub. „Das Dach bestand aus ungedämmtem Wellblech, die Betonwände hatten eine drei Zentimeter dicke Wärmedämmung, und die Fenster waren Einglasscheiben in Stahlprofilen.“ Das war auch der Grund dafür, warum das relativ kleine Gebäude zur Beheizung mehr als 40.000 Liter Heizöl pro Saison versoff.

Der Umbau umfasst ein vergrößertes Bürogeschoß, ein komplett neues Heiz- und Kühlsystem sowie einen neuen Zugang mittels doppelter Rampe, die einmal um ein Halbgeschoß nach oben und einmal um ein Halbgeschoß nach unten führt. Die alte Betonfassade musste thermisch gedämmt werden. Diese wurde anschließend mit Stegplatten aus Polycarbonat verkleidet.

Niedrigenergie-Standard

Die Herstellungskosten belaufen sich auf drei Millionen Euro. Der wirtschaftliche Profit liegt vor allem in den Heizkosten: Der Wärmebedarf des Gebäudes konnte von 233 kWh/m2a - ungedämmte Bauten aus den Siebzigern liegen in der Regel bei 150 bis 200 - auf 39 kWh/m2a gesenkt werden. Das ist eine Einsparung von 83 Prozent und entspricht Niedrigenergie-Bauweise. Zugleich wurde das Haus ans Fernwärmenetz angeschlossen. Das heißt: Die Betriebskosten konnten trotz Verdoppelung der Büroflächen um mehr als 40 Prozent gesenkt werden.

Arno Gradwohl ist mit dem Resultat zufrieden: „Meist wird den Bauwerken aus dieser Zeit wenig Liebe und Aufmerksamkeit entgegengebracht. Dieser Umbau beweist, dass man auch mit schwieriger Bausubstanz hochwertige und adäquate architektonische Lösungen erzielen kann.“ Benefit für die Mitarbeiter: Der alte, charakteristische Schriftzug „Klosterfrau“ wurde von der Fassade entfernt und prangt heute in Form beleuchteter Buchstaben hinter einem Kräuterbeet auf der Pausenterrasse der Mitarbeiter.

14. Januar 2012 Der Standard

Wie näht man eine Moschee?

Zur Zukunft islamischer Architektur: Am Freitag hält Azra Aksamija, Professorin am MIT, einen Vortrag in Wien. Wojciech Czaja traf sie zum Gespräch.

Sie näht Moscheen und forscht auf dem Gebiet religiösen Bauens. Azra Aksamija, 36-jährige Professorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), beschäftigt sich seit Jahren mit dem religiösen Raum von Gebetshäusern. In ihrer Dissertation Our Mosques are Us: Rewriting the National History of Bosnia-Herzegovina through Religious Architecture untersucht sie, wie sich die Wahrnehmung und Bedeutung von Moscheen in ihrer Heimat durch den Krieg 1992 bis 1995 verändert hat. Die Zerstörung der Gebetshäuser, so lautet ihre These, sei ein integraler Bestandteil des Genozids und der ethnischen Säuberung gewesen. Kommenden Freitag hält Aksamija auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) einen Vortrag in Wien.

STANDARD: 2006 haben Sie eine sogenannte Dirndlmoschee genäht. Was kann man sich darunter vorstellen?

Aksamija: Das ist ein traditionelles österreichisches Dirndlkleid, dessen Kittel sich in einen Gebetsteppich für drei Personen entfalten und aufklappen lässt. Das Projekt reagiert einerseits auf meine Kultur und meine Ursprünge, andererseits aber auch auf die kulturellen Gegebenheiten im Salzkammergut. Ich war damals eingeladen, an einem internationalen Künstlersymposium in Strobl am Wolfgangsee teilzunehmen. Ich habe mich von dem Ort inspirieren lassen und habe schließlich eine Dirndlmoschee entworfen.

STANDARD: Wie waren die Reaktionen der Leute?

Aksamija: Sehr gut. Viele Leute waren sehr daran interessiert, was dieses Dirndl alles kann. Und einige haben sogar gelacht. Das ist genau das, was ich bezwecken will. Ich benütze meine Projekte, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Humor, Augenzwinkern und eine freundliche Provokation sind dabei sehr hilfreich. Außerdem zeigt das Projekt, wie wenige Dinge man braucht, um per Definition eine Moschee zu kreieren.

STANDARD: Was sind die Grundelemente einer Moschee?

Aksamija: Die genaue Architektur einer Moschee ist weder im Koran noch in den Überlieferungen definiert. Theoretisch kann man den Gebetsteppich im Islam als den kleinsten architektonischen Raum verstehen. Er vereint alles, was man zum Beten braucht: ein Symbol zur Kommunikation und Zusammenkunft, eine klare Ausrichtung nach Mekka und einen sauberen Ort, an dem man auch seinen Kopf ablegen kann. Mehr braucht man zum Beten nicht. Man sieht in der Architekturgeschichte islamischer Bauten sehr deutlich, dass sich die eigentliche Form der Moscheen abhängig von Ort und Zeit immer wieder verändert hat. Die Moscheearchitektur hat sich eigentlich erst durch die Assimilation von Elementen verschiedenster Kulturkreise weiterentwickelt.

STANDARD: Das ist eine klare Definition. Warum sind die Diskussionen über islamische Architektur in den westlichen Ländern dann so festgefahren?

Aksamija: Der primäre Konfliktpunkt ist heute die Repräsentation, also die Sichtbarkeit der Muslime im öffentlichen Raum. Manche Formen wie etwa Kuppel und Minarett, die für gewisse ethnische Gruppen identitätsstiftend sind, haben sich in der Geschichte stärker etabliert als andere. Viele Migranten hängen sich heute genau an diesen Symbolen auf, weil sie ihre religiöse und kulturelle Identität in ihrem neuen Umfeld aufrechterhalten wollen. Dabei wird die Architektur meist auf ein paar leicht erkennbare Symbole reduziert. Und das ist schade, denn das Formenrepertoire der islamischen Architektur ist viel umfangreicher als nur Kuppel und Minarett.

STANDARD: Ohne diese baulichen Elemente sind Moscheen als solche aber kaum noch erkennbar.

Aksamija: In Westeuropa und in den USA machen Muslime von ihren demokratischen Rechten zunehmend Gebrauch, indem sie die Moscheen in der Öffentlichkeit sichtbar machen. In den dominanten Gesellschaften jedoch werden ihre Symbole meist verworfen. Initiativen wie etwa „Cities against Islamisation“ („Städte gegen Islamisierung“) sowie diverse Demonstrationen gegen den Bau von Moscheen, wie wir das in einigen europäischen Städten gesehen haben, beweisen, wie sehr man sich in Europa mit den Prozessen der Globalisierung schwertut.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Architekturdiskussion in Österreich ein?

Aksamija: Ein Politikum! Wie überall sonst, ja vielleicht sogar ein bisschen stärker als in anderen Ländern. Wenn ich mir etwa die Moschee in Telfs oder die Moschee in Bad Vöslau ansehe, dann kann ich nur mit Bedauern feststellen, dass es sich dabei um politische Kompromisse handelt, die in beiden Fällen zu architektonisch ziemlich schwachen Lösungen geführt haben. In meinen Augen verbirgt sich hinter der Architekturdiskussion in Österreich oft eine versteckte und getarnte Ausländerfeindlichkeit. Was man mit dem Argument „Moscheen passen nicht ins lokale Umfeld“ eigentlich sagen will, ist: Wir wollen euch nicht!

STANDARD: Was hilft?

Aksamija: Mehr Bildung, und zwar bei allen Beteiligten.

STANDARD: Gibt es auch positive Beispiele in Österreich?

Aksamija: In Altach baut der Vorarlberger Architekt Bernardo Bader zurzeit einen islamischen Friedhof. Er ist zuständig für die Architektur, und ich mache eine künstlerische Gestaltung im Innenraum der Kapelle, also vor allem die Qibla-Wand und den Mihrab. Die Teppiche werden in Bosnien von Kriegsopfern gewebt. Die Eröffnung ist für Sommer geplant. In meinen Augen ist das ein gutes Beispiel für eine entpolitisierte Diskussion. Die Architekturqualität ist hoch. Sowohl die Bevölkerung vor Ort als auch die islamische Glaubensgemeinschaft wurden in den Planungsprozess intensiv miteinbezogen. Die Projektstelle für Zuwanderung und Integration „okay. zusammen leben“ hat in diesem Prozess eine tolle Mediationsarbeit geleistet.

STANDARD: Diese Kommunikation scheint in vielen anderen Projekten zu fehlen. Ich denke da nur an das Cordoba House im Süden Manhattans. Vor allem die Angehörigen der 9/11-Opfer fühlen sich durch dieses Projekt zu wenig respektiert.

Aksamija: Viele Muslime waren vor den Kopf gestoßen, wie die New Yorker auf den Entwurf dieser sogenannten Ground-Zero-Moschee reagiert haben. Es schockiert mich nach wie vor, dass so eine Debatte ausgerechnet in den USA stattfindet. Auch Muslime waren Opfer des Terrorismus von 9/11, und diese Debatte impliziert, dass Muslime, die diese Moschee bauen wollen, nun als Bedrohung gesehen werden. Es gibt sehr viele neue Moscheen in den USA, aber noch nie zuvor wurde ein Moscheebau so groß aufgeblasen wie in diesem Fall. Solche medialen Kampagnen sind gefährlich, weil sie die Gesellschaft polarisieren und Islamophobie salonfähig machen. Manche großen Ereignisse wie 9/11 können die Wahrnehmung und den kulturellen Stellenwert von Architektur nachhaltig verändern. Das ist auch das Thema meiner Dissertation Our Mosques are Us.

STANDARD: Sie beschäftigen sich darin mit der Auswirkung des Bosnienkrieges auf die Bedeutung von Moscheen. Was hat sich in den Jahren zwischen 1992 und 1995 verändert?

Aksamija: Früher waren Gebetshäuser primär ein Ort der Glaubensausübung. Im Krieg wurden diese Gebäude - und zwar Kirchen, Synagogen und Moscheen - von den nationalistischen Extremisten jedoch instrumentalisiert. Sie wollten die kulturelle und religiöse Koexistenz in Bosnien-Herzegowina, die bis dahin Jahrhunderte lang mehr oder weniger ganz gut geklappt hat, auseinanderbrechen und für immer zerstören. Allein in Bosnien-Herzegowina wurden 1200 Moscheen stark beschädigt oder sogar komplett zerstört. Die Art und Weise, wie das gemacht wurde, war ein integraler Bestandteil des Genozids und der ethnischen Säuberung. Durch die symbolische Kriegsführung wurden diese Gebetshäuser zum ethnischen Körper der Nation.

STANDARD: Wie ist die Situation in Bosnien heute?

Aksamija: Das kulturelle Erbe der Bosniaken wurde zerstört. Jetzt geht es darum, diese Identität wiederaufzubauen.

STANDARD: Wie sieht dieser Aufbau konkret aus?

Aksamija: Es gibt in Bosnien derzeit zwei ganz gegensätzliche Tendenzen. Auf der einen Seite wird der Krieg auf ziviler Ebene fortgesetzt, indem man die Kirchen und Moscheen in den Wettbewerb gegeneinander stellt. Es geht um Sichtbarkeit und territoriale Markierung. Die Gebäude müssen immer größer, immer höher, immer auffälliger sein. Auf der anderen Seite kann man allerdings beobachten, dass die Moschee zu einem Symbol für den Wiederaufbau sozialer Netzwerke wird.

STANDARD: Welche Rolle spielt dabei die Architektur?

Aksamija: Die religiöse Architektur ist paradoxerweise nicht nur ein Symbol für mentalen Krieg, sondern fungiert auch als pädagogisches Mittel. Die Probleme in Bosnien lassen sich zwar nicht mit hübschen Gebäuden lösen, aber die Architektur kann ein Medium sein, um Geschichte zu lernen und die kulturellen Codes der anderen zu begreifen.

Azra Aksamija, geboren 1976 in Sarajevo, lebt in Cambridge in den USA. Sie ist Assistenzprofessorin am MIT und unterrichtet an der Princeton University und an der Universität Graz.

Am Freitag, den 20. Jänner, hält sie auf Einladung der ÖGFA den Vortrag „National purification through religious architecture“ (Englisch), IG Architektur, Gumpendorfer Straße 63b, 1060 Wien, 19 Uhr.

4. Januar 2012 Der Standard

Hobby mit 120 Prozent

Die Salzburger Architekten hobby a. haben Spaß an der Arbeit. Ob Krokodilgrün oder modular zerlegbar - man sieht es an den frechen Projekten der letzten Jahre

Der Name ist Programm. „Wir haben bei all unseren Projekten unglaublich viel Spaß“, sagt Wolfgang Maul vom Salzburger Architekturbüro hobby a. Entstanden sei der „komische Name“ vor vielen Jahren aus der Not heraus. „Wir haben mit unserem damaligen Bauherrn wochenlang über die Errichtung eines zusätzlichen Hobbyraums in seinem Einfamilienhaus diskutiert. Und so wurden wir zu den Hobbyarchitekten. Dieses Hobby sind wir nie wieder losgeworden.“ Weil das Budget knapp war und besagter Bauherr beabsichtigte, mit seiner Familie maximal zehn Jahre in diesem Haus zu bleiben, wurde kurzerhand beschlossen, mit günstigen Materialien zu bauen und ein temporäres Bauwerk zu errichten, das per Definition ebenfalls zehn Jahre hält.

Fazit: Die Fassade ist mit einer Plastikfolie bespannt. Damit der dünne Werkstoff an den scharfen Kanten nicht reißt, wurden diese mit selbst gesägten und geschweißten, handelsüblichen Kanalrohren verkleidet. Auf diese Weise wurde der Radius vergrößert, und die Spannung konnte an den kritischen Stellen gleichmäßig verteilt werden. Nach neun Jahren zeigt das Haus noch immer keine Spuren von bevorstehender Selbstzerstörung. Die Frechheit von hobby a. ist nachhaltig. Für den Fertigteilproduzenten nomadhome entwickelten Wolfgang Maul und sein Partner Walter Schuster ein modular zerlegbares Haus, das im Mozartjahr 2006 sogar Ausstellungspavillon am Mozartplatz war. Aktuell steht ein solches Nomadenquartier als Restaurant neben Dietrich Mateschitz' Hangar 7 am Salzburger Flughafen.

Eines der jüngsten Projekte ist die Aufstockung und Erweiterung der Volksschule Köstendorf. Beinhart wurde dem Sechzigerjahre-Gebäude ein krokodilgrünes Etwas aufgesetzt. „Die umliegenden Felder sind im Sommer so grün“, erklärt der Hobbyarchitekt, „dass wir die Farben in der Architektur unbedingt fortsetzen wollten.“ Die Kinder lieben das Haus, und auch im benachbarten Altersheim haben die Bewohner ihre Freude. „100 Prozent zu geben ist zu wenig, wenn man den Beruf wirklich als Hobby sieht“, so Maul. „Da müssen es schon 120 Prozent sein.“

24. Dezember 2011 Der Standard

Als morgen noch übermorgen war

Die beiden Brüder Martin und Werner Feiersinger - der eine Architekt, der andere Künstler - haben sich auf die fotografische Jagd nach der Moderne begeben. Die Ausbeute von „Italo Modern“ ist nun zu bestaunen: als Buch und als Ausstellung.

STANDARD: Fliesen und Plüsch. Wie passt das zusammen?

Werner: Die Casa sotto una foglia hat uns selber überrascht. Das ist ein Projekt, das von außen in erster Linie durch sein blattförmiges, geschwungenes Dach auffällt. Der Rest des Gebäudes ist unscheinbar. Sobald man aber den Innenraum betritt, findet man sich in einer Welt aus weißen Fliesen und langhaarigem Plüsch wieder. Das sieht aus wie ein Playboy-Haus, in dem früher einmal wilde Partys gefeiert wurden.

Martin: Ich finde die Entstehungsgeschichte des Hauses sehr interessant. Der Entwurf stammt von Giò Ponti, also vom Gründer und Herausgeber der italienischen Architekturzeitschrift Domus. Was ganz ungewöhnlich ist: Er hat seinen Entwurf 1964 in der Ausgabe 414 veröffentlicht und seine Leser eingeladen, die Pläne zu übernehmen und das Ding einfach nachbauen. Das ist ein ziemlich freizügiger Umgang mit Copyrights, vor allem aber zeugt das von höchster Eitelkeit. Die Mailänder Designerin Nanda Vigo hat den Entwurf dann adaptiert und realisiert. Es ist das einzig gebaute Haus dieser Publikationsoffensive.

STANDARD: Wie gefällt Ihnen das Haus?

Martin: Man fühlt sich angezogen und irritiert zugleich. Gefallen ist nicht wirklich ein Kriterium für dieses Projekt. Es geht um Einzigartigkeit. Das ist ein Juwel der Moderne. Und obwohl das Gebäude dermaßen aus dem Rahmen fällt, sagt es einiges über die damalige Zeit aus.

STANDARD: Und zwar?

Martin: Es ist Inbegriff eines völlig durchgeknallten Spätsechziger-Lebensgefühls, es ist kompromisslose Architektur, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Zeitgeist zu realisieren, es ist eine Momentaufnahme von Vision und Utopie, ein Dokument davon, wie man sich damals Zukunft vorgestellt hat!

Werner: Im gleichen Jahr wurde in Mira die Casa Gialla fertiggestellt. Das ist ein Büro- und Geschäftshaus. Die beiden Architekten Iginio Cappai und Pietro Mainardis haben das Gebäude aufgrund seiner außergewöhnlichen Form als Mähdrescher bezeichnet.

Martin: Und die Farbe dieses Mähdreschers ist Knallgelb. Ende der Sechzigerjahre, muss man wissen, hatte man die ganz klare Vorstellung, dass Gelb die Farbe des Jahres 2000 sein würde.

STANDARD: Diese Bauten sind Beispiele für eine Architektur des 20. Jahrhunderts, wie sie nördlich der Alpen heute kaum noch anzutreffen ist. Warum hat sich die Architektur in Italien gehalten - und warum in Österreich nicht?

Werner: Der Unterschied liegt im Stellenwert und in der Interpretation des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. In Österreich und Deutschland war man in erster Linie um Wiederaufbau bemüht. Die Architektur ist entsprechend schlicht und nüchtern. In den seltensten Fällen wurden damit Emotion und Sinnlichkeit geweckt. In Italien jedoch wurde der Wiederaufbau in den Fünfzigern und Sechzigern dazu benützt, in die Zukunft zu blicken und Neues auszuprobieren. Das zeigt sich im Alltagsdesign von großen Firmen wie etwa Brionvega, Olivetti und Zanussi, aber auch in der Architektur. Manche Bauten zeugen von einer enormen Aufbruchstimmung. Einige davon schauen heute noch utopisch aus.

STANDARD: In welchem Zustand befinden sich die Bauwerke?

Martin: Das ist sehr unterschiedlich und hängt primär von der Typologie und Nutzung der Gebäude ab. Die Casa sotto una foglia ist ein Liebhaberprojekt. Der Bauherr - er ist mittlerweile 83 - lebt mit seiner Familie immer noch in diesem Haus und pflegt es mit größter Sorgfalt. Keine Fliese ist kaputt. Der Plüsch ist der gleiche wie vor 40 Jahren. Problematisch wird es im Massenwohnbau, also zum Beispiel bei großen Wohnsiedlungen, sowie bei Projekten im öffentlichen Raum. In vielen Fällen lässt der Zustand zu wünschen übrig. Einige Gebäude stehen leer. Und einige scheinen überhaupt dem Verfall preisgegeben zu sein.

STANDARD: Heißt das, dass die Architektur der Moderne auf Liebhaberei angewiesen ist?

Werner: Wahrscheinlich! Die noblen Wohnungen des gehobenen Bürgertums, das sich der Qualität dieser Gebäude durchaus bewusst ist, werden minutiös gepflegt und sind in einem sehr guten Zustand. In der normalen Alltagsarchitektur hingegen ist das Bewusstsein für die Moderne nicht stark genug. Oder anders ausgedrückt: Die Gesellschaft war und ist nicht so formbar, wie man sich das in der Moderne gewünscht hätte. Viele Konzepte gehen nicht auf. Das sieht man immer wieder, wenn man sich durch Innenhöfe, Gärten, Stiegenhäuser und auf Dachterrassen bewegt, die heute leer stehen und ungenutzt sind.

STANDARD: Stehen die von Ihnen porträtierten Gebäude unter Denkmalschutz?

Martin: Abgesehen von ein paar öffentlichen Bauwerken wie etwa Kirchen sind die Häuser in keinster Weise geschützt. Beim Istituto Marchiondi in Mailand bemüht sich das Politecnico di Milano derzeit um die Erhaltung des Komplexes. Das ist ein Kinderheim aus dem Jahr 1959, in dem das päd-agogische Konzept der damaligen Zeit baulich manifest gemacht wurde. Die Grundrisse sind ein Unikat. Für eine Unterschutzstellung ist es meines Erachtens aber viel zu spät. Das Haus, das seit vielen Jahren leer steht, ist mittlerweile einsturzgefährdet.

STANDARD: Wie geht es mit diesen gebauten Kulturgütern weiter?

Werner: Ich wünsche mir, dass das Bewusstsein für diese Materie zunimmt. Für mich als Bildhauer sind die Bauten der Moderne eine riesige Inspirationsquelle. In ganz anderer Hinsicht wiederum sind sie Zeitzeugen einer gelebten Kultur und Politik, die die damalige Auffassung von der Welt viel unmittelbarer baulich umgesetzt hat, als das heute der Fall ist.

Martin: Gleichzeitig kann man aus den Fehlern der Moderne lernen. Man kann sie als Warnung auffasen. Manche Visionen gehen auf, manche nicht. Nicht jede Utopie, nicht jedes Experiment eignet sich für die Umsetzung.

STANDARD: Und? Haben wir aus den Fehlern gelernt?

Martin: Wenn man sich die heutige Architektur so anschaut? Nein, viel zu wenig.

„Italo Modern. Architektur in Oberitalien 1946-1976“, Ausstellung im aut - architektur und tirol, Innsbruck. Zu sehen bis 18. Februar 2012. www.aut.cc

Zur Ausstellung ist das gleichnamige Buch „Italo Modern“ erschienen. 84 Projekte aus Norditalien werden vorgestellt. Mit Texten und Notizen von Otto Kapfinger. Springer-Verlag 2011. € 39,95 / 352 Seiten

17. Dezember 2011 Der Standard

Vom Supermarkt zum Supergrünmarkt

Die großen Ketten entdecken den ökologischen Lebensmittelmarkt als grüne Marketingchance. Erst kürzlich wurden in Österreich zwei besonders energieeffiziente Filialen eröffnet.

Die Ergebnisse der Klimaschutz-Konferenz in Durban sind enttäuschend. Im Schatten des zahnlosen Klimagipfels und der jahrelang unerfüllten Kioto-Ziele entstehen die wahren Pilotprojekte derzeit in der Wirtschaft, ausgerechnet im Bereich von Shopping und Gewerbe. In den letzten Tagen wurden in Österreich gleich zwei ökologische Muster-Supermärkte eröffnet: einer in Perchtoldsdorf (Billa) und einer in Graz (Spar).

Auf der ehemaligen Zirkuswiese, wenige Meter vom Kreisverkehr entfernt, errichtete die Rewe Group einen „Öko-Billa“, die ressourcenschonendste Filiale Österreichs. Nach nur viereinhalb Monaten Bauzeit konnte der Lebensmittelmarkt, der sowohl nach den Richtlinien von ÖGNI als auch nach jenen von ÖGNB zertifiziert wurde, vergangenen Dienstag eingeweiht werden.

„Die Anforderungen waren mehr als streng“, erinnert sich Architekt Andreas Hawlik vom Wiener Büro Huss Hawlik. „Erstens mussten wir schnell bauen, und zweitens lag unser Fokus auf dem Einsatz ökologischer Materialien und Bauweisen.“ Während der Hochbau nahezu ausschließlich aus Holz sowie aus verschiedenen Holzwerkstoffen besteht, wurden das Fundament und der Parkplatz aus sogenanntem Ökobeton gefertigt. Das heißt: Statt herkömmlichen Zements, der aufgrund seines Brennvorgangs sehr energieintensiv ist, kam ausschließlich chemischer, ungebrannter Zement zum Einsatz. Hawlik: „Der Öko-Beton ist zwar teurer als normaler Beton, aber der ökologische Fußabdruck ist deutlich geringer.“

Neben ein paar weiteren baulichen Details wie etwa außen liegender Verschattung, hocheffizienter Wärmedämmung und einer 150 Quadratmeter großen Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach ist der grüne Supermarkt mit einer tageslichtabhängigen LED-Beleuchtung und einer Betonkernaktivierung ausgestattet. Dank einem Wetterprognosesystem - die Anlage wird mit Daten des Wetterdienstes gespeist - kann die ansonsten träge Heizung frühzeitig auf Wetterumschwünge reagieren. Unterm Strich sinkt der Energieverbrauch in diesem als TQB (Total Quality Building) ausgezeichneten Haus auf unter 50 Prozent.

Gekühlt wird hinter Glas

„Wie man sich vorstellen kann, benötigt ein Supermarkt für Beleuchtung, Lüftung und Kühlung - und hier vor allem für die Kühlung von leicht verderblichen Produkten - sehr viel Strom“, erklärt Peter Breuss, technischer Direktor von Rewe International. „Wir haben erstmals nicht nur bei den Tiefkühltruhen, sondern auch bei Fleisch, Wurstwaren und Convenience-Produkten Kühlmöbel mit Glastüren verwendet.“ Durch die thermische Schließung des Kühlapparates könne man gegenüber offenen Regalen mehr als zehn Prozent an Kühlenergie einsparen. Umgelegt auf den gesamten Stromverbrauch des Lebensmittelmarktes mache das etwa zwei Prozent aus.

Einziger Wermutstropfen: Evaluierungen der letzten Jahre hätten ergeben, dass bei Kühlmöbeln mit Glastüren der Umsatz sinkt, weil die Kunden weniger oft und weniger spontan ins Regal greifen. Aus diesem Grund stehen die Milch- und Molkereiprodukte - im Fachjargon kurz „MoPro“ genannt - nach wie vor in offenen Stellagen. Breuss: „Wir wären wir schon längst in der Lage, alle Möbel mit Türen zu versehen. Aber ich denke, dass man die Kundschaft nicht zu plötzlich, sondern nur nach und nach an die neue Technologie gewöhnen sollte.“

Beim Konkurrenten Spar ist man etwas offensiver. Im neuesten „Klimaschutz-Supermarkt“ in Graz, der am 6. Dezember eröffnet wurde, sind sogar Milch und Käse hinter Glas verstaut. „Ja, im Bereich MoPro verzeichnen wir derzeit Umsatz-Einbußen“, bestätigt Nicole Berkmann, Pressesprecherin Spar auf Anfrage des STANDARD. „Aber irgendwann muss man damit anfangen. Sobald sich die Kunden daran gewöhnt haben, wird sich das Kaufverhalten wieder normalisieren.“

Dank sensorgesteuerter LED-Beleuchtung, geschlossener Kühlmöbel und Eigenverschattung der Gebäudekubatur kann der Energieverbrauch um rund 60 Prozent gesenkt werden. Im Vorfeld wurde das Projekt mit ÖGNI Gold ausgezeichnet. Die Evaluierung steht noch aus.

Supermarkt mit Kraftwerk

Doch schon bald soll der Spar mehr Strom produzieren, als er verbraucht, und sich auf diese Weise selbst versorgen können. In Kooperation mit Energie Steiermark wird im angrenzenden Bach eine kleine Wasserkraftturbine errichtet. Im Frühjahr soll das Mini-Kraftwerk in Betrieb gehen.

Über die Baukosten des Spar schweigt man sich aus. Bei Billa hingegen werden die Gesamtinvestitionskosten auf 2,6 Millionen Euro beziffert. Allein 400.000 Euro davon entfallen auf die ökologische Mehrausstattung. „Noch ist die Errichtung eines solchen Supermarktes sehr teuer“, meint Volker Hornsteiner, Vorstandssprecher der Billa AG. „Aber wir sehen das mehr als Trendsetter und Musterbeispiel für die Entwicklung der nächsten Jahre. Ich bin davon überzeugt, dass auf diesem Gebiet noch viel geschehen wird.“

Nicht alle verkaufen ihre grünen Ideen. Die Hofer KG, der dritte Supermarkt-Riese in Österreich, war für einen Stellungsnahme nicht zu gewinnen.

10. Dezember 2011 Der Standard

Angefangen hat alles mit einer Handtasche

Der Wiener Schriftsteller Friedrich Achleitner wohnt im Basiliskenhaus in der Innenstadt. Warum ihn der nächtliche Coladosen-lärm nicht stört, erzählte er Wojciech Czaja.

Ich kann mich erinnern, dass meine Frau Barbara vor Ewigkeiten, irgendwann 1969, in der Innenstadt spazieren war, als ihr der Henkel der Handtasche abgerissen ist. Sie hat nach einem Taschner gesucht und ist schließlich in diesem Haus gelandet. Und dann hat sie in ihrer direkten Berliner Art, die sie nun mal hat, gefragt: „Sagen Sie, ist da keine Wohnung frei in diesem Haus?“ So hat alles angefangen.

Kurze Zeit später sind wir dann eingezogen. In den ersten acht, neun Jahren haben wir im Hinterhaus im zweiten Stock gewohnt. Nachdem der Platz zu eng wurde, habe ich 1978 noch eine Schreibstube im Dachgeschoß dazugemietet. Das ist da, wo wir uns jetzt befinden. Ich vermute, dass das Dach erst nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebaut wurde. Jedenfalls waren das früher drei Kleinstwohnungen, besser gesagt zwei Wohnungen und ein kleines Goldschmiedatelier. Wir haben die Wände durchgebrochen und die Wohnungen miteinander verbunden. Viel konnten wir nicht machen, denn der Dachstuhl besteht aus durchgehenden Trämen, und die mussten wir erhalten. Wir haben jetzt 120 Quadratmeter.

Wir haben für den Umbau und die Sanierung von der Stadt Wien ein Darlehen bekommen, das wir innerhalb von 20 Jahren zurückzahlen mussten. Für Leute wie uns, die sich eingebildet haben, dass sie umbauen wollen, war das damals ein sehr faires Angebot. Aber es war auch viel zu tun. Wasser und WC waren draußen am Gang, Heizung gab es überhaupt nicht. Die gesamte Installation ist neu. Und in den Neunzigerjahren haben wir noch einen Aufzug eingebaut.

Was man nicht vergessen darf: Früher bestand die Wiener Innenstadt nicht nur aus feinen Residenzen wie heute, sondern zum großen Teil aus heruntergekommenen Wohnquartieren mit dunklen Gassen. Die Schönlaterngasse gehörte auch dazu. Die Grätzelsanierungen haben alle erst danach stattgefunden. Die Entscheidung, dass wir hier eingezogen sind, war ganz einfach: Unsere Arbeitsstätten waren fast alle in der Stadt. Wir konnten überall zu Fuß hingehen. Und zur „Alten Schmiede“ sind es nur wenige Schritte.

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich der erste Bezirk stark gewandelt, wobei dieses Grätzel von Touristen noch einigermaßen verschont geblieben ist. Immer öfter ziehen um vier in der Früh angeheiterte Gruppen vorbei und kicken eine Coladose durch die Schönlaterngasse. Aber was soll's. Das ist ein menschlicher Lärm. Wenn man das Leben in der Stadt mag, dann darf einen das nicht stören.

Viel beunruhigender ist, dass die Stadt nach und nach ausgetrocknet und ausverkauft wird. Die Investoren machen die ganze Innenstadt kaputt. In einigen Jahren ist alles hin. Und dabei wäre es ganz leicht, das zu verhindern. Die Stadt Wien müsste einfach nur verbieten, Garagen reinzubauen. Dann wären die Objekte für potenzielle Spekulanten schon weniger attraktiv, und viele würden die Finger davon lassen.

Die Raumhöhe im Dachgeschoß ist mit 2,60 Metern recht niedrig. Wenigstens ist das Dach unter Denkmalschutz nicht ausbaubar. Was die Einrichtung betrifft, ist vieles weiß. Wir haben einen riesigen Stuhl von Clemens Holzmeister aus dem Hotel Dreizinnen in Südtirol. Das ist ein sogenannter Kanadier. Der war ursprünglich Esche natur, aber das hat in dieser Wohnung so ziemlich alles erschlagen. Das haben wir nicht ausgehalten. Also haben wir ihn weiß lackiert. Und das drehbare Bücherregal ist aus England.

Der kleine Stuhl, in dem ich oft sitze, ist übrigens ein Kaminstuhl aus einem steirischen Schloss. Hier halte ich mich am allerliebsten auf. Mit Barbara gibt es jedenfalls keinerlei Platzstreitigkeiten. Sie ist groß und hat lange Beine und ist für dieses Sitzmöbelchen nicht geeignet.

WOHNGESPRÄCH

Friedrich Achleitner, geb. 1930 in Schalchen (OÖ), ist Architekturpublizist und Schriftsteller. Er war Mitglied der „Wiener Gruppe“. In den Jahren von 1965 bis 2010 arbeitete er an seinem Hauptwerk Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, einem umfassenden Architekturführer in fünf Bänden. Sein Archiv, das aus rund 150.000 Exponaten besteht, wurde 2000 von der Stadt Wien angekauft und wird nun im Architekturzentrum Wien verwaltet. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara Achleitner, Fremdenführerin mit dem Schwerpunkt Wiener Architektur, wohnt er im denkmalgeschützten Basiliskenhaus in der Wiener Innenstadt.

10. Dezember 2011 Der Standard

Per Hubschrauber ins Paradies

Am Gardasee baut René Benko eine Gated Community mit Villen von Richard Meier, David Chipperfield & Co. Sieht so der Garten Eden aus?

Auf der einen Seite die kürzlich verliehene Auszeichnung zum Immobilienmanager des Jahres, eine völlig umgekrempelte, fein herausgeputzte Luxus-Shoppingmeile in der Wiener Innenstadt sowie die sich anbahnende Übernahme des deutschen Warenhauses Kaufhof.

Auf der anderen Seite ein plötzlicher nächtlicher Großbrand im künftigen Hotel Park Hyatt Wien, bei dem denkmalgeschützte historische Bausubstanz beschädigt wurde, der jüngst aufgekommene Geldwäsche-Verdacht, den eine Luxemburger Bank äußerte und den die Staatsanwaltschaft bereits seit zwei Jahren untersucht, sowie der einschlägige, imagemäßig wenig schmeichelnde Satz: Es gilt die Unschuldsvermutung.

Der Tiroler Immobilien-Tycoon René Benko, der Mann mit den vielen Ferraris in der Garage, kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus. Der 34-jährige Selfmade-Man, der sein Familienunternehmen Signa Holding zusammen mit dem griechischen Reeder George Economou führt, katapultiert sich von einem Projekt zum nächsten. Die Baulose werden immer größer, die Transaktionen immer fetter.

Im Abseits der großen Milliardengeschäfte entsteht an den Hängen des Gardasees derzeit ein exklusives Villenprojekt mit einem geradezu bescheidenen Baubudget von rund 65 Millionen Euro. Namhafte Architekten aus aller Welt sind an diesem Neo-Paradies beteiligt: Richard Meier, David Chipperfield, Matteo Thun, das Innsbrucker Büro Sphere sowie der Schweizer Landschaftsplaner Enzo Enea. Der Name des luxuriösen Domizils: Villa Eden.

Der Bauzaun steht. Der Erdaushub ist längst erledigt. Und was offiziell als Baucontainer und Baubüro bewilligt wurde, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als nobel eingerichtetes Fertighaus von Matteo Thun, freistehende Badewanne inklusive.

„Offiziell handelt es sich dabei um eine Baubaracke, inoffiziell ist es eine Art Musterhaus“, wird ein Mitarbeiter Benkos später sagen. „Rein gesetzlich müssten wir das Haus bis Bauende wieder abbauen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Hoffentlich viele Interessenten und Käufer!“

Um die Vermarktung der Villen anzukurbeln, lud Benkos Unternehmen, die Signa Holding, vor ein paar Wochen österreichische und deutsche Pressevertreter zur Projektpräsentation ans norditalienische Wasser. Am Westhang des Gardasees, hoch über Gardone Riviera und nur einen Steinwurf vom denkmalgeschützten Vittoriale, dem einstigen Wohnsitz des italienischen Dichters Gabriele D'Annunzio, entfernt, kaufte Benko Anfang des Jahres eine 78.000 Quadratmeter große Hügelkuppe mit Blick auf den See. Die Journalisten, es war uns nicht zu verübeln, grunzten und glucksten vor visuellem Glück.

„Wir haben das Grundstück einem Investor abgekauft, der hier eine Anlage mit 130 Wohnungen errichten wollte“, erklärt der Signa-Chef. „Doch sein Konzept war das falsche. So ein Bauvorhaben wird einem Markt wie dem Gardasee nicht gerecht. Außerdem hätte er für die Wohnungen nur 4000 bis maximal 5000 Euro pro Quadratmeter erzielen können. Das ist für diese Lage zu wenig.“

Zehn Millionen Euro pro Villa

Benkos Konzept ist viel radikaler. Er lässt sieben Luxusvillen, vier Reihenhäuser und ein Clubhaus errichten. Die nötigen Attraktoren lauten: Landschaft, Luxus und Lifestyle-Architektur. Die Wohnflächen betragen je nach Objekt zwischen 500 und 1200 Quadratmeter. Und das bei einem Verkaufspreis von rund 10.000 Euro für jeden einzelnen davon. Die größten Villen im Garten Eden werden also zwischen zehn und 15 Millionen Euro kosten.

„Ja, das ist viel Geld, und aus diesem Grund richten wir das Angebot an eine entsprechend kaufkräftige Klientel - doch dafür bieten wir auch viel“, sagt Benko. Als Ausgleich für den hohen Preis werde es ein Clubhaus mit Swimmingpool und Wellness-Oase geben, ein Gourmet-Restaurant, Gärtnerei, Reinigungsdienst, einen 24-Stunden-Concierge, einen „Hubschrauber-Landeplatz und alles, was sonst noch so dazugehört“ (O-Ton Benko).

Doch irgendetwas schmeckt an diesem paradiesischen Menü nicht so, wie es sollte. Und das sind die Gänge, die die einzelnen Architekten auftischen. Richard Meier spult sein weiß kariertes Repertoire ab und errichtet wie schon seit Jahrzehnten einen Würfel mit Metallfassade und frei geführtem Edelstahlkamin. Matteo Thun konstruiert ein elegant geformtes Brückenbauwerk aus Beton und Glas, rundherum Oliven und Lavendel. Und Sphere wirft ein paar futuristische Klötze mit riesigen, bündig in der Fassade sitzenden Panoramafenstern ins Gelände.

Alles sehr schön. Nichts zu bekritteln. Und die Visualisierungen machen Appetit. Doch vom charakteristischen Lokalkolorit des Gardasees fehlt bei diesen Bauten jegliche Spur. Der Corriere della Sera schreibt sogar: „Das Projekt Villa Eden nimmt, um ehrlich zu sein, Anleihen an den Feriendörfern der Siebzigerjahre, die (...) für die lombardische Bourgeoisie errichtet wurden. (...) Mit dem großen Unterschied, dass die Villen hier ein Stückchen zeitgenössischer Architektur sind.“

Die einzigen beiden Protagonisten, die nicht gegen die Landschaft bauen, sondern mit ihr, sind David Chipperfield und Enzo Enea. Während Enea sämtliche Bäume dieses ehemaligen Olivenhains vor Baubeginn ausbaggern, in der Baumschule verarzten und anschließend wieder in den nach traditionellem Vorbild rekonstruierten terrassierten Garten einpflanzen will, orientiert sich Chipperfield an den für diese Gegend so typischen Orangerien, an den sogenannten Limonaie.

„Die Landschaft ist geprägt von diesen unverwechselbaren steingemauerten Gewächshäusern, in denen seit Jahrhunderten Zitrusfrüchte gedeihen“, erklärt David Müller, Projektleiter bei Chipperfield. „Wir haben uns entschieden, diese Typologie zu übernehmen und in zeitgenössische Architektur zu übersetzen.“ Was gut ist für die Zitronen, ist auch gut für die Menschen: Luftzirkulation, Beschattung im Hochsommer sowie speicherfähige Masse, die untertags Wärme aufnimmt und bei Nacht wieder abgibt.

Der Ausverkauf des Gardasees

Clevere und feinfühlige Konzepte hin oder her, ein fahler Nachgeschmack bleibt. Schon jetzt bietet der Gardasee, der wegen seines milden, submediterranen Klimas zu den beliebtesten Destinationen der europäischen Hautevolee zählt, kaum noch ein Stück frei zugänglicher Fläche. Das Ufer ist fast zur Gänze privatisiert.

Benko, der durch den Verkauf der Villen einen Gewinn von rund 60 Millionen Euro machen dürfte, errichtet zwar für ein paar Dutzend Bewohner einen Garten Eden, doch gleichzeitig verbaut er die letzten noch intakten Quadratmeter einer vom Ausverkauf bedrohten Kulturlandschaft.

Die Fertigstellung des 65-Millionen-Euro-Projekts, das zur Bewilligung der ökologischen und landschaftlichen Verträglichkeit nach Auskunft der Signa alle Instanzen bis Rom durchlaufen musste, ist für 2013 geplant.

30. November 2011 Der Standard

Denn die Farbe hat keinen Maßstab

Die Purpur-Architekten träumten davon, Wohnungen eigenständig zu errichten. Heute entwickeln sie ihre Projekte selbst

Das Steckenpferd des Wiener und Grazer Architekturbüros Purpur sind Apotheken. Zahlreiche Medizingeschäfte zwischen Neusiedler See und Wachau sind in den letzten Jahren entstanden - und eines fescher als das andere. „Wir sind aber keine Apothekenspezialisten“, sagt Thomas Längauer, Chef der Wiener Niederlassung. „Wir reagieren einfach auf die Anforderungen und Wünsche der Gesellschaft. Und das mit Leib und Seele.“

Heute ist Purpur vor allem im Wohnbau tätig. Jüngster Spross im Portfolio ist eine Wohnhausanlage in Graz-Geidorf, bestehend aus drei unterschiedlichen Bauteilen mit insgesamt 65 Wohneinheiten. Angeboten wird ein wilder Mix aus Wohnungen zwischen 40 und 200 Quadratmetern. Geplant sind große Fahrradabstellräume, ein zusammenhängender Garten, Balkone mit überdimensionalen Blumenkisten und Terrassen mit Hochbeeten. In wenigen Monaten rollt der erste Bagger an.

Freiheit statt Kompromisse

In den meisten Fällen ist Purpur jedoch nicht nur für die Planung zuständig, sondern auch für Projektentwicklung und Verkauf. Der Aufgabenbereich umspannt die gesamte Projektgenese - vom ersten Strich auf der Serviette bis zum fertigen Kaufvertrag. Zu diesem Zweck gründeten die Architekten eigens die Stabulum Projektentwicklungs- und Errichtungs GmbH. „In der Zusammenarbeit mit Bauträgern und Investoren haben wir es immer wieder mit Kompromissen zu tun gehabt“, erinnert sich Längauer. „Wir konnten nie unser gesamtes Repertoire ausspielen, wir waren immer nur im Wettbewerb. Mit dem eigenen Unternehmen haben wir uns eine gewisse Freiheit im Denken zurückerobert. Wir können im Wohnbau nun das anbieten, was wir für richtig halten.“ Mit Erfolg.

Zwei Projekte sind bereits fertiggestellt, vier weitere befinden sich gerade in Planung. Und warum Purpur? „Erstens hat Farbe keinen Maßstab, zweitens ist Purpur für uns ein Ausdrucksmittel für die Vielfalt von Aufgaben und Lösungen, die sich in der Architektur auftun.“

19. November 2011 Der Standard

Bahnhof. Verstehen?

Kommenden Mittwoch wird in Wien der neue, alte Westbahnhof eröffnet. Eisenbahnkultur war gestern. Der Zug ist abgefahren. Zu schnell.

„Ich kann mich erinnern“, sagt Architekt Eric Steiner. „Als Kind bin ich damals zum Westbahnhof gefahren und habe mich in diese helle, strahlende Kathedrale des Lichts gestellt. Das war ein leuchtendes Symbol für den Wiederaufbau Wiens nach dem Weltkrieg.“

Heute, 60 Jahre später, ist alles anders. Die Kathedrale des Lichts ist zwar immer noch da, doch aus dem Leuchten des Himmels wurde ein Blinkspiel von Neonreklamen, und aus dem Symbol für den Wiederaufbau wurde ein Symbol für die unstillbare Gier der Immobilienwirtschaft. Wie eine Schraubzwinge klemmen die beiden Blechkonserven die alte Halle zwischen sich ein und quetschen ihr das letzte Stück Reiseabenteuer und Grandezza aus. Flächenmaximierung nennt sich diese Form der Adipositas. Melancholie! „Wir hätten uns links und rechts mehr Spielraum rund um die alte Bahnhofshalle gewünscht“, sagt Steiner, Projektverantwortlicher im zuständigen Büro Neumann & Steiner. „Auch für meinen Geschmack rücken die beiden Neubauten etwas zu nahe an den Bestand.“

Kein Wunder. Die neue BahnhofCity Wien West hat einen Flächenumfang von mehr als 73.000 Quadratmetern, aufgeteilt auf Büroflächen, Shoppingcenter und Hotel. In den Ausschreibungsunterlagen waren es noch mehr. Steiner: „Ursprünglich war das Gesamtprojekt noch größer dimensioniert. Wir haben das Bauvolumen gegenüber den Wünschen der ÖBB bereits um 25 Prozent verkleinert. Die Argumentation war nicht einfach, doch ich bin froh, dass es uns letztendlich gelungen ist, diese stadtverträgliche Größe zu erreichen.“

Das sehen nicht alle so. „Die äußere Erscheinung des Westbahnhofs finde ich in seinem Gesamtkontext nicht zuträglich“, meint etwa Richard Wittasek-Dieckmann vom Bundesdenkmalamt, Abteilung für technische Denkmale. „Die Halle als denkmalgeschütztes Objekt wird von den Neubauten stark in Beschlag genommen.“ Robert Kniefacz, Oberstadtbaurat der Stadt Wien, Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung (MA19), ortet eine „generelle Wiener Schwierigkeit, Bahnhöfe richtig zu zelebrieren“ und nennt als Grund: „Die Stadt Wien hat einen enormen Druck der ÖBB, das macht großzügige Lösungen zunichte. Der Bahnkunde ist nur noch ein Mittel zum kommerziellen Gewinn.“

Der Wiener Stadtplaner Reinhard Seiß erklärt auf Anfrage: „Die Neubauten zeigen deutlich, worum es geht. Das ist nichts weiter als ein banales Immobilienprojekt mit Gleisanschluss. Man wird sehen, wie sich der Standort weiter entwickelt, wenn 2015 der Hauptbahnhof in Vollbetrieb genommen und der Westbahnhof nur noch von Regionalzügen angefahren wird. Das wird die erste große Nagelprobe sein.“ Wenn in den Medien im Zusammenhang mit dem neuen, alten Westbahnhof also die Rede von „mutwilliger Zerstörung“ und „Stadtungeheuer“ ist, dann mag das zwar auch an der Qualität der Architektur liegen, in erste Linie jedoch an den unverträglichen und uneinsichtigen Wünschen der Bauherrschaft.

Es hätte noch schlimmer kommen können. Die Ausschreibung der ÖBB war eine Einladung, den Westbahnhof mit Hochhäusern einzukesseln. Einige der 54 Wettbewerbsteilnehmer nahmen das unmoralische Angebot auch an. „Das kam für uns nicht infrage“, erinnert sich Architekt Eric Steiner. „Vorne am Eck zur Mariahilfer Straße, wo so ein Symbol am ehesten Sinn ergeben hätte, war die Errichtung eines Hochhauses aufgrund der Statik nicht möglich. Das gesamte Grundstück ist von der U-Bahn unterhöhlt. Hinten an der Felberstraße wäre eine derartige städtebauliche Geste völlig übertrieben gewesen. Ich stehe zu unserer Lösung.“

Acht Geschoße links, acht Geschoße rechts. Eingehüllt sind die beiden Neubauten in ein Kleid aus Aluminiumblech. Mal natur, mal dunkel eloxiert, mal gelocht und als Schattenspender dienend. Das Resultat ist eine leicht verspielte und überaus clever konstruierte Fassade, die jedes Gewerbegebiet zwischen Kagran und Stadlau immens aufwerten würde. So eine Architektur wäre in den Fachmarktzentren und Büroclustern am Stadtrand mehr als wünschenswert. An einem neuralgischen Punkt wie hier scheint die Geste billig und misslungen. Von der Qualität als Hintergrund für die Architektur der Fünfzigerjahre gar nicht erst zu sprechen.

Im letzten Stockwerk zischt zudem eine Art fliegende Eckbank aus dem Gebäude und verleiht der BahnhofCity ihr unverwechselbares Äußeres. Die einen sprechen von „Wolkenbügel“ (in Anlehnung an den visionären Entwurf des russischen Konstruktivisten El Lissitzky, O-Ton Neumann & Steiner), die anderen von „Provinzmini-Rem“ (in Anlehnung an die kantigen Gebäude des niederländischen Architekten Rem Koolhaas, O-Ton Wolf Prix). In jedem Fall handelt es sich um einen auffälligen Sockel für den zweckdienlichen Schriftzug „BahnhofCity Wien West“, denn vom eigentlichen Hauptprotagonisten ist, von der Mariahilfer Straße kommend, kaum noch was zu sehen.

Weitaus geglückter als der Neubau ist die behutsame und historisch angemessene Sanierung der historischen Halle, dereinst geplant von Robert Hartinger, Sepp Wöhnhart und Franz Xaver Schlarbaum. Hier stellten Neumann & Steiner ihre Fähigkeiten unter Beweis: Akribie, Detailverliebtheit und technische Konstruktion. In einem aufwändigen Verfahren wurde die gesamte Halle untergraben und neu fundamentiert. Nicht die geringste Setzung, nicht der geringste Riss im Mauerwerk, keine einzige Scheibe in der mehr als elf Meter hohen Glasfassade kam während der ganzen Bauarbeiten zu Schaden.

Die neuen bauphysikalischen und haustechnischen Maßnahmen treten in den Hintergrund. Bis auf die leuchtenden Schriftzüge der Kebab-Stände und Proviantstationen ist kaum eine Änderung zu sehen. Um die schadhaften oder zerstörten Platten an den Säulen zu ersetzen, wurde eigens der längst schon stillgelegte Salzburger Steinbruch in Adnet wieder in Betrieb genommen. Mit einem Wort: Hier regiert jene Subtilität, die man sich auch für die Ausschreibung und Planung der Neubauten gewünscht hätte.

„Der Denkmalschutz ist bei diesem Projekt vorbildlich angewandt worden, und die historische Halle hat einen neuen Rahmen erhalten“, verteidigt Claus Stadler, Geschäftsführer der ÖBB Immobilienmanagement GmbH das 200-Millionen-Euro-Projekt. Und fügt stolz hinzu: „Die BahnhofCity Wien West ist das allererste Bauvorhaben im Portfolio der ÖBB, bei dem es uns gelungen ist, ein Infrastrukturprojekt zur Gänze mit einem Immobilienprojekt zu finanzieren.“ So versteht man den Bahnhof der Zukunft. Klare Bilanz.

16. November 2011 Der Standard

Frau der Schwerelosigkeit

Im Gegensatz zu anderen Architekten muss sich Barbara Imhof nicht mit der Schwerkraft herumplagen: Sie plant für Astronauten

Mit der Schwerkraft konnte die 42-jährige Architektin noch nie etwas anfangen. Viel wohler fühlt sich die Wienerin Barbara Imhof im schwerelosen Raum. „Ich beschäftige mich schon seit meinem Studium mit Weltraumarchitektur“, sagt die Absolventin der Universität für angewandte Kunst. „Am meisten interessiert mich die Frage, wie wir in Zukunft leben werden, in welcher Umgebung und in welchem gesellschaftlichen System. Wenn man auf diesem Gebiet weiterdenkt, landet man eines Tages notgedrungen im Weltraum.“

Besonders interessiert sich Imhof, die in Wien das Büro Liquifer betreibt, für die Planung von autarken Systemen. In einer Raumkapsel sind die Ressourcen limitiert, Verbrauch und Produktion müssen sich die Waage halten. „Die Bauwerke im Weltraum sind eng, monoton und funktional“, erklärt die Architektin. „Wie kann man diese Räume dann trotzdem so gestalten, dass man als Astronautin mit Kollegen auf engstem Raum nach 200 Tagen nicht völlig durchdreht?“

Steigbügel für künftige Projekte

Solche Fragestellungen, ist Imhof überzeugt, werden uns in Zukunft auch auf der Erde beschäftigen. „Schwerelose Weltraumarchitektur ist wie ein Steigbügel für künftige Projekte in Ballungsräumen, in denen Platz entweder sehr teuer oder kaum noch vorhanden ist.“ Auf lange Sicht seien Städte ohne autarke Energieversorgung, ohne Abfallwirtschaftskonzept und ohne umfassende Infrastruktur nicht existenzfähig. Hier könne man sich an Stationen wie MIR, ISS und der Übungseinheit Mars 500 ein Beispiel nehmen. Imhof plante zuletzt Simulationsmodule, Kapseln, Mondfahrzeuge und Hilfsgegenstände. Die Ausstellung Raumstation Skylab 5 war 2005 im Zoom-Kindermuseum zu sehen.

12. November 2011 Der Standard

Das Jahrhunderthaus

Am Dienstag wird das neue 21er Haus eröffnet. Spaziergang durch eine wiederbelebte Ikone der Moderne.

Die Bauarbeiter knien am Boden und klopfen die letzten Pflastersteine in den Kies. An der Fassade des kleinen Büroturms müssen noch ein paar Blechpaneele montiert werden. Und im großen Ausstellungsraum stehen Ausstellungsmonteure und Künstler ratlos in der Gegend herum und kratzen sich am Kopf. Bis kommenden Dienstag, so wird versichert, soll alles fertig sein. Dann nämlich wird das 20er Haus im Schweizer Garten als so genanntes 21er Haus zum dritten Mal eröffnet.

Rückblick: Begonnen hatte alles als Ausstellungspavillon auf der Expo 1958 in Brüssel. Aus einem Architekturwettbewerb, an dem etwa auch Oswald Haerdtl, Otto Niedermoser und Erich Boltensterin teilgenommen hatten, ging der erst 39-jährige Karl Schwanzer als Sieger hervor.

Lediglich 35 Millionen Schilling kostete der Österreich-Pavillon damals. Ein Bruchteil dessen, was andere Nationen für ihre gebauten Visitenkarten ausgaben. Der Grund: Leichtbauweise aus Stahl, Heraklith, Kunststoff, Holz und Glas, modulare Konstruktion, Aufbau und Abbau in nur wenigen Wochen. Die zeitgenössische, clevere Konstruktion brachte dem Österreich-Pavillon am Ende den Grand Prix 1958 ein.

Nach Ablauf der Weltausstellung sollte das Gebäude in Wien aufgestellt und als Museum moderner Kunst weitergenutzt werden. Infrage kamen drei Grundstücke in der Innenstadt: Freihausviertel beim Naschmarkt, Schottentor und Albertina. Doch schließlich landete das neu aufgebaute 20er Haus im Schweizer Garten, im Abseits zwischen Südbahnhof und Arsenal.

Zwei Jahre dauerte der Wiederaufbau, den Schwanzer selbst betreute. Das Holz wurde gegen Beton getauscht, der Kunststoff gegen Klinker, das Heraklith gegen Glas. Bei der Eröffnung am 21. September 1962 jubelten die Medien und titelten von einem Einbruch in die Wiener Museumstradition, von einer neuartigen Atmosphäre, als begäbe man sich auf exterritorialen Boden. Die darauffolgenden Ausstellungen - von Schüttaktionen bis zum Riesenbillard von Haus-Rucker-Co - bestätigten das 20er Haus als Hort für Visionen.

Doch dann war Schluss. 2001 musste das marode 20er Haus aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Gefahr in Verzug. Seitdem gammelte das Juwel der Moderne vor sich hin. Der Stahlbau rostete. Der Beton schimmelte. Im Innenraum standen die Pfützen. 2003 beschloss die Burghauptmannschaft, das Museum zu revitalisieren, und schrieb einen EU-weiten Wettbewerb aus. Der Wiener Architekt Adolf Krischanitz, selbst ein Schüler Schwanzers, konnte das Verfahren für sich gewinnen.

„Das Haus hat eine bewegte Geschichte hinter sich“, meint Krischanitz. „Ich bin froh, dass sich die Eigentümer dazu überwinden konnten, das längst schon baufällige Haus zu sanieren. Ich glaube, in dieser Form hat es eine Revitalisierung der Moderne noch nie zuvor gegeben.“

Recht hat er. Minutiös machten sich Architekten, Denkmalpfleger und Restauratoren an die Dokumentation des Gebäudes, protokollierten jeden Türgriff, nahmen Maße an Fensterprofilen, Glasfassaden und Steinbelägen, fotografierten Oberflächen und Details und extrahierten ganze Wandteile und Stahlknoten, um diese - Millimeter für Millimeter - im Bundesdenkmalamt wieder aufzubauen und für Studienzwecke zu archivieren.

Eine Ode an das Original

„Die Lebensdauer des Hauses war längst erreicht“, erinnert sich Martina Griesser-Stermscheg, wissenschaftliche Institutsmitarbeiterin im Fachbereich Objektrestaurierung, Universität für angewandte Kunst. „Trotzdem waren einige bauliche Originaldetails Schwanzers in einem sehr guten Zustand. Und diese Teile galt es zu erhalten und nach Möglichkeit wieder einzubauen.“

Obwohl das 20er Haus zum Höhepunkt der Umbauarbeiten nur noch ein nacktes Gerippe aus einigen wenigen Stahlpylonen war, konnten viele Bauteile wiederverwendet werden. Andere wurden originalgetreu nachgebaut. Wiederum andere wurden in Anlehnung an Schwanzers Pläne und Skizzen neu konstruiert und so detailliert, dass sie zwar optisch dem Original entsprechen, brandschutztechnisch und bauphysikalisch jedoch die neuesten Stückln spielen.

Nebenbei wurde die Nutzfläche durch unterirdische Archive, Restaurant und neue Büroräumlichkeiten, die in einem separaten, sechsstöckigen Türmchen (siehe Foto) neben dem 20er Haus untergebracht sind, vervierfacht.

„Leicht war der Umbau nicht“, blickt Luciano Parodi, Projektleiter im Büro Krischanitz, auf die Baustelle zurück. „Wir mussten ziemlich stark in die Bausubstanz eingreifen, aber ich würde sagen, dass uns eine gute Balance gelungen ist.“ Und rechnet vor: „Wir konnten rund 60 Prozent des baulichen Bestandes, dafür aber rund 95 Prozent der Atmosphäre und räumlichen Qualität erhalten.“

In gewohnter industrieller Rohheit erstrahlt der neue Innenraum. Stahl blieb Stahl. Stein blieb Stein. Gummiboden blieb Gummiboden. Wo früher eine Fassade mit bauphysikalischen Horrorwerten montiert war, prangt nun eine selbstentwickelte Thermofassade aus Kathedralglas. Dank Vlies und Kapillaranlage wird der Lichteinfall von allen Himmelsrichtungen diffus gestreut. Besser kann die Lichtstimmung in einem Museum nicht sein. Parodi: „Die Wirkung ist genau so, wie wir uns das erhofft haben.“

Details wie diese schlummern zuhauf im neuen 21er Haus, wie das Museum von nun an heißen wird. Und der Architekt kommt gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus, wenn er von der Widerstandsheizung in den Stahlträgern, von den zersägten und neu zusammengefügten Profilen in der Fassade und von den neuen Brandschutzmaßnahmen erzählt.

So fällt im Brandfall etwa ein feuerfester Stahlvorhang von der Decke, der das Untergeschoß von der Galerie trennt und so einen Brandüberschlag verhindert. Ein Glücksgriff. Denn einzig und allein aufgrund dieses innovativen Produkts, das erst kürzlich zertifiziert und für den Markt zugelassen wurde, konnte die Qualität des offenen Ausstellungsraumes erhalten werden. Krischanitz: „Ich bin froh, dass das gelungen ist, denn nur in einem Milieu der Leichtigkeit und Luftigkeit kann Kunst artgerecht atmen.“

Raum schwierig zu bespielen

Diese Meinung teilt auch die zuständige Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco. „Das ist ein Ein-Raum-Museum, und es ist, was es ist. Es ist ein hervorragend saniertes Denkmal der Moderne. Und ich bin mir dessen bewusst, dass es eine Herausforderung sein wird, diesen reizvollen Raum zu bespielen.“

Rund 32 Millionen Euro wurden in die Revitalisierung von Karl Schwanzers Ikone investiert. Aus dem einst notdürftig adaptierten Provisorium ist ein vollwertiges Museum des 21. Jahrhunderts geworden. Ob der visionäre Charakter der Fünfziger- und Sechzigerjahre auch auf Ebene der Ausstellungen weitergetragen werden wird, bleibt abzuwarten. Doch wie schrieb einst Schwanzer in seinem Buch Architektur aus Leidenschaft? „Im Risiko liegt die Bejahung der Entwicklung.“

21. Oktober 2011 Neue Zürcher Zeitung
12. Oktober 2011 Der Standard

Planen mit weichen Faktoren

Studie will bauliche Investitionen objektivierbar machen

Stadtplaner und Projektentwickler berücksichtigen bei ihrer Arbeit eher Verkehrsachsen und Bebauungslinien als die sogenannten weichen Standortfaktoren wie beispielsweise soziale Infrastruktur und Freiraumqualität. So jedenfalls lautet die Kritik der Wiener Architekten Martin Kunath und Birgit Trenkwalder. Mit ihrer eben erschienenen Forschungsarbeit „Smart Studies. Architektur als soziales Gefüge“, die kommende Woche veröffentlicht wird, wollen sie dem ein Ende bereiten. Die Studie wurde vom Austria Wirtschaftsservice (AWS) und Departure gefördert.

Unachtsamkeit bringt Flops

„Es passiert leider allzu oft, dass Bauträger und Investoren Projekte entwickeln, die an den eigentlichen Bedürfnissen einer Gemeinde komplett vorbeizielen“, sagt Trenkwalder. „Meistens werden ganz banale Dinge wie Gebäudeleerstand, Nahversorgungsdichte oder etwa der Bedarf an Bildungseinrichtungen, Spielplätzen, Arztpraxen, Pflegewohnplätzen und barrierefreien Wohnungen nicht berücksichtigt.“ Die Folge dieser Unachtsamkeit sind oft unverwertbare Miet- und Eigentumsflächen. Mit einem Wort: Flops. Mit der nun vorliegenden Publikation sollen derartige „kostspielige Unfälle“ vermieden werden. Mithilfe eines umfangreichen Fragenkatalogs, der zum Teil nach einem Punktesystem ausgewertet wird, können sich Bürgermeister, Geldgeber und Projektentwickler ein objektives Bild über die Sinnhaftigkeit neuer baulicher Investitionen machen. Eine Analyse vor Ort, die je nach Umfang zwischen drei und zehn Tagen in Anspruch nimmt, komplettiert die Arbeit.

„Das größte Problem ist, dass es in der Entwicklungsphase niemanden gibt, der ganz objektiv an die Sache herangeht und das Projekt betrachtet, ohne dabei die rosarote Brille aufzuhaben“, erklärt die Studienautorin. „Mit einer rechtzeitigen Abfederung von Fehlentwicklungen beziehungsweise mit objektiven Empfehlungen, die aus der Analyse resultieren, kann man nicht zuletzt private wie auch öffentliche Gelder einsparen.“ Die ersten Gemeinden, in denen der Fragekatalog bereits angewandt wurde, sind Neudegg, Gars am Kamp und Wien-Gerasdorf. Nach Auskunft der Architekten hat ein Bundesland bereits Interesse bekundet, die Studie in Zukunft flächendeckend einzusetzen.

verknüpfte Publikationen
- Smart Studies

5. Oktober 2011 Der Standard

Auf jeder Feuermauer ein Paradiesgarten

Architekt Michael Wallraff plant vertikale Erholungsgärten. Hört sich utopisch an, ist es aber nicht. Das erste Projekt ist in Bau

In der Regel beschäftigt er sich mit Wohnungsumbauten, Bürorevitalisierungen und Ausstellungsgestaltungen. Auch der neue Mak-Shop stammt aus seiner Feder. Das Rohe liegt ihm. Doch nebenbei erforscht der Wiener Architekt Michael Wallraff (43) schon seit vielen Jahren die Möglichkeiten vertikaler Begrünung in der Stadt.

„In vielen Ballungsräumen, vor allem in den historisch gewachsenen Städten, sind öffentliche Freiräume ein seltenes Gut“, sagt Wallraff: „Horizontale Freiflächen sind knapp, und in der Ebene ist meist zu wenig Platz, um hochwertige Erholungsräume zu schaffen.“ Also weicht er in die dritte Dimension aus, führt den klassischen Stadtplan ad absurdum und erfindet jene Planungssparte, die er so treffend als „vertikalen öffentlichen Freiraum“ bezeichnet: Pflanzen wandern steil bergauf.

Erstes Projekt in Graz in Bau

Die Feuermauern werden zum aufgeklappten Garten Eden. An der Schnittstelle zwischen Boden, Wand und Decke verschwimmen die Grenzen zu einem diffusen Hybrid zwischen Flora und Beton. Die Dramatik der Kulissenentwürfe lässt erahnen, dass Wallraff nicht nur Architektur, sondern auch Bühnenbild studiert hat.

Das erste Projekt mit steilem Freiraum befindet sich bereits in Bau. Im Landesberufsschulzentrum St. Peter in Graz, einem Landesimmobilienprojekt, plant Wallraff in Zusammenarbeit mit Hans Lechner einen Neubautrakt. Über den Hallen und an den Fassaden der umliegenden Bauteile entsteht ein vertikaler Garten.

Schon bald könnten Projekte in Hongkong folgen, wo Wallraff plant, vor periphere Wohnhochhäuser eine zweite Hülle in Form von Balkonen und Pflanzengerüsten vor die Fassade zu stellen.

4. Oktober 2011 deutsche bauzeitung

Federvieh auf drei Beinen

Eiermuseum in Winden am See

Wie baut man eiergerecht? Diese Frage hatten sich anfangs nicht nur die Architekten in Bezug auf die Form des Eiermuseums gestellt, sondern auch die Bauingenieure, die ein schwingungsfreies Gebäude errichten sollten. Durch die enge Zusammenarbeit der Planer entstand im Burgenland ein Stück Architektur, das in konstruktiver Hinsicht und aufgrund seiner beeindruckenden Gestalt selbst schon ein Kunstwerk ist.

Die meisten schlagen sie sich in die Pfanne und machen daraus ein schmackhaftes Gericht. Der österreichische Bildhauer Wander Bertoni will sie nicht essen, er sammelt sie viel lieber: Eier. »Das Ei ist eine faszinierende Skulptur«, erklärt er. »Die geometrisch einfachste und perfekteste Form, die in der Natur vorkommt, ist die Kugel. Sobald man eine gewisse Kraft ausübt und sie einmal verformt, erhält man ein Ei.«

Rund 4 500 dieser Urskulpturen hat Bertoni in den letzten Jahrzehnten angesammelt. Hühnereier, Enteneier, Straußeneier, ja sogar Dinosauriereier, manche perlenbesetzt, manche handbemalt, manche mit ruhiger Feile millimetergenau geschnitzt. Doch nur die wenigsten Eier sind echt. Die meisten sind aufwendig hergestellte Artefakte aus vielen unterschiedlichen Kulturkreisen, sie sind aus Stoff, aus Stein oder aus Porzellan, sie kommen aus dem Nachbardorf oder von weit her. Die längste Zeit wurden sie in irgendwelchen Kartons gehortet, aufgeteilt auf mehrere Ateliers, verstreut in ganz Österreich. Vor ein paar Jahren wurde es Bertoni zu viel: Er beschloss, für seine ungewöhnliche Sammlung ein Eiermuseum zu errichten.

Kanten als Kontrast zum Ei

Der Architekt Johannes Spalt (1920-2010), der auf dem friedvollen Anwesen in Winden am See, nur einen Steinwurf vom Neusiedler See und damit von einem der begehrtesten Ausflugsziele der Wiener entfernt, schon eine Werkstätte und ein Ateliergebäude für Bertoni geplant hatte, war für diese Bauaufgabe damals schon zu alt. Er empfahl den Bauherrn daher an seine ehemaligen Schüler Alexander Hagner und Ulrike Schartner vom Wiener Architekturbüro gaupenraub. Prompt machten sich die beiden Eierdebütanten an die Arbeit, studierten Spalts bisherige Bauten auf dem Gelände, recherchierten sich durch die Welt der Eier und kamen schließlich zu dem Schluss, dass 4 500 Eier bereits genug sind. Da muss nicht noch ein weiteres in Funktion eines Gebäudes her: »Natürlich liegt der Gedanke nahe, dass man ein Eiermuseum in Eierform macht«, so Hagner. »Aber so ein Bau wäre nicht nur ziemlich einfallslos und plump gewesen, sondern würde auch in Konkurrenz zur Eiersammlung und zu den vielen organischen Arbeiten in Bertonis Skulpturengarten stehen. Für uns war bald klar, dass wir nicht amorph, sondern eckig arbeiten müssen.« ›

Form folgt Tageslicht

Das Resultat dieser Überlegungen ist ein quadratischer Pavillon mit einer Grundfläche von 10 x 10 m. Wer glaubt, es handle sich dabei um einen schnöden Eierkarton, der irrt. Über einem voll verglasten EG schwebt ein kupferbekleideter Baukörper mit im Bodenbereich abgeschrägtem Fensterband und steil geböschten Wänden. Die eigenwillige Form folgt nicht nur der Funktion, sondern auch der Belichtung: Während von unten indirektes Tageslicht ins OG dringt, können auf Augenhöhe die Eier bestaunt werden.

»Die Aufteilung der 4 500 Ausstellungsstücke folgt einem klaren Prinzip«, erklärt Hagner. Im transparenten EG – man steht quasi mitten in der Natur – sind die etwas robusteren Ausstellungsstücke zu sehen. Ei vor landschaftlichem Hintergrund. Die von der Decke abgehängten Vitrinen tricksen einmal mehr die Schwerkraft aus. Im lichtgeschützten OG hingegen kann Bertoni die etwas lichtempfindlicheren, großteils historischen oder handbemalten Eier zur Schau stellen. Eigens entwickelte Holzvitrinen, die mal wie ein Bauchladen in den Raum ragen, mal kopfüber in die schräge Außenwand eingebaut sind, bergen einen Großteil der Unikate. »Eigentlich ist die Aufteilung ganz logisch«, meint Hagner. »Schwierig war nur die Berechnung der tatsächlich benötigten Fläche. Kein Mensch kann einem sagen, wie viel Platz man für 4 500 Eier braucht. Das steht auch in keiner Neufert Bauentwurfslehre.«

Das eierlegende Haus

Doch der tatsächliche Clou dieses Gebäudes ist sein Tragwerk. Wie ein Federtier auf zwei Beinen balanciert das Museum auf zwei geneigten Stahlsäulen, einzig gestützt durch den ebenfalls tragfähigen Treppenlauf. »Ein übliches Traggerüst mit Stützen und Platte kam für uns nicht in Frage«, so gaupenraub. »Wir haben uns von der Natur inspirieren lassen und gesehen, dass die meisten eierlegenden Tiere auf zwei Beinen durchs Leben gehen. In der Natur ist das ganz einfach. In der Architektur aber ist das eine ziemliche Challenge.« Und das sieht man auch. Beim Besichtigungstermin vor Ort streift ein burgenländischer Bauingenieur durch das Museum. »Haben Sie das etwa geplant? Wahnsinn! So eine schlanke Konstruktion habe ich ja noch nie gesehen!« Ein Schulterklopfen unter Kollegen. Hagner grinst.

Doch ohne das Statikbüro werkraum wien, das im Hintergrund die diffizilen Berechnungen anstellte, wäre das Projekt niemals realisierbar gewesen. »Es ist ein kleines, aber sehr komplexes Bauwerk«, erklärt der zuständige Tragwerksplaner Peter Bauer. »Unsere Computer waren oft einen halben Tag lang ausgelastet. Das passiert uns sonst nur bei Großprojekten.« Durch die dreibeinige Konstruktion wäre das Gebäude zwar stabil gewesen, nicht aber resistent gegen Schwingungen durch Windkräfte und trampelnde Besuchergruppen. »Der Bauherr wünschte sich für seine Eier ein komplett schwingungsfreies Gebäude, also mussten wir sämtliche Nutzlastverteilungen in die Berechnung miteinbeziehen und die Konstruktion so weit vorspannen, dass im Alltag keinerlei Schwingungen auftreten.«

Konkret sieht das so aus: Die beiden geneigten Stahlstützen haben einen Durchmesser von 400 mm, ihre Wanddicke beträgt je nach Belastung 20 bzw. 50 mm. Gemeinsam mit der diagonal in den Raum gestellten, einläufigen Treppe, die als Kastenträger ausgebildet ist (zusammengeschweißt aus einzelnen Blechen), entsteht ein stabiles Dreibein. Darüber befindet sich, gleich einer gigantischen Obstschale, ein Rahmenwerk aus Stahlträgern, das an den Rändern aufgekantet ist und auf diese Weise gleichzeitig als Unterkonstruktion für die »Nurverglasung« im Bodenbereich dient. Der Rest des Gebäudes besteht aus einer hinterlüfteten Holzkonstruktion aus Kreuzlagenholz (KLH), eingepackt in ein abschließendes Kleid aus Kupferblech.

Torsion und Schüsselung

Im Rohbau musste die gesamte Konstruktion leicht gewölbt und mit einer Überhöhung von 60 mm ausgeführt werden. Der Stahlbau hat sich, wie man in Österreich so schön sagt, nach oben »geschüsselt«. Das war Absicht. Erst durch die insgesamt 27 Zugstangen im EG, die im Innenraum ein paar Zentimeter vor der Glasebene schweben, wird das OG nach unten gezogen. In jeder einzelnen Zugstange stecken 5 t Zugkraft. Durch die asymmetrische Positionierung des Dreibeins hat sich das Gebäude während des Spannvorgangs um 5 cm um die eigene Achse gedreht. Auch diese Torsion musste von Anfang an berücksichtigt werden.

»Das Ganze ist ein gewaltiger Kraftakt, doch dank dieser Vorspannung ist das gesamte Eiermuseum nun erschütterungsfreie Zone«, erklärt Peter Bauer. Der letzte Trick liegt in der 30 cm dicken Fundamentplatte. »Normalerweise müsste man die Zugkraft in entsprechend großen Punkt- oder Streifenfundamenten aufnehmen. Wir haben stattdessen die Fundamentplatte entsprechend stark bewehrt, und zwar nicht oben, wo sich die Zugzone üblicherweise befindet, sondern an der Untersohle. Der Kräfteverlauf ist in diesem Projekt eben komplett auf den Kopf gestellt.«

Das Unmögliche möglich

Ungewöhnlich in diesem durch und durch eierspezifischem Projekt – sogar die selbstverständlich weiß lackierten Scheinwerfer weisen eine ovoide Form auf – ist nicht zuletzt das Haustechnik-Konzept. Die Verglasung ist einfach, es gibt weder Wärmedämmung noch Kühlung und Beheizung. Horizontale Fugen im EG sorgen für Frischluft, abgesaugt wird die verbrauchte Luft schließlich im höchsten Punkt unter Dach. Das war’s. »Die Eier sind ziemlich resistent, also herrscht im Museum das ganze Jahr über mehr oder weniger Außentemperatur«, erklärt Hagner. Und verweist auf einen Bonuspunkt dieses minimalistischen Konzepts: »In den meisten Projekten muss man sich mit komplizierten Details herumschlagen und mühsam Wärmebrücken vermeiden. Hier konnten wir archaische und ganz simple Stahldetails verwenden, wie man sie heute kaum noch sieht. Das war ein seltener Genuss.«

Keine Frage, das Eiermuseum in Winden am See ist eine konzeptionelle Hirngeburt. Es gibt kein einziges nachvollziehbares Argument, das den Einsatz von 18 t Stahl rechtfertigt, nur um ein paar Eier in den Himmel zu heben. Und billig dürfte das Haus auch nicht gewesen sein. Die Bausumme wird geheim gehalten. Fragile Angelegenheit. Letztlich aber fügt sich Bertonis ungewöhnlicher Eierpalast perfekt in das gesamtkünstlerische Konzept seines Wohn- und Arbeitsreichs und beweist, dass das Unmögliche möglich ist, wenn man es nur will. So gesehen ist das Museum mehr Kunst als Architektur. Und zwar Kunst sowohl im Sinne konzeptionellen Arbeitens als auch im Sinne handwerklichen Talents.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag