Bauwerk

Freibad »’s Bad«
Kauffmann Theilig & Partner - Waldkirch-Kollnau (D) - 2016

Gewinnen durch verzichten

Die Kleinstadt Waldkirch hat ihr Freibad komplett ­umgestaltet. Ein skulpturales Eingangsbauwerk mit ­Liegewiese auf dem Dach modelliert die Landschaft und harmoniert mit den nahegelegenen Hängen des Schwarzwalds. Die hohe Qualität der Architektur ließ sich nur dank einer klugen Entscheidung des ­Gemeinderats verwirklichen.

5. Dezember 2016 - Christian Schönwetter
Ein wenig irritiert schauen mich die beiden Damen im Bikini an. Wie ich mit Sonnenbrille vor dem Zaun stehe und von außen das Freibadgelände mustere, muss in der Tat einen befremdlichen Anblick bieten. Dabei war es wirklich nur die eigenwillige Architektur, die meine Aufmerksamkeit geweckt hat, als ich auf einer Radtour entlang des Flüsschens Elz zufällig hier vorbeigefahren bin. Damit die beiden Frauen sich wieder entspannen, drehe ich mich weg und werfe einen Blick aufs Smartphone; es verrät mir, dass die Anlage erst vor Kurzem von den Architekten Kauffmann Theilig & Partner fertiggestellt worden ist. Also nach Hause, Badesachen holen und wiederkommen.

Zwei Stunden später stehe ich vor dem Eingangsbauwerk. Im Grunde ist es kein Gebäude, sondern ein Stück modellierter Landschaft. In sanftem Schwung wölbt sich das Gelände zu einem begrünten Hügel empor, der den Vorbereich mit Fahrradständern und Parkplätzen von den Liegewiesen und Becken trennt. Er nimmt die Kasse auf, aber auch Umkleiden, Duschen, Toiletten, Bademeisterraum und natürlich die Technikzentrale. Der Zugang für die Badegäste führt in einer weiten Kurve durch den Hügel, beinahe wie ein Tunnel – eine Assoziation, die durch den Boden aus betongrauem Guss­asphalt noch unterstrichen wird. Da dieser Belag sich bis in die Duschen ­hineinzieht, verwischen die Grenzen zwischen innen und außen. Bei einem unbeheizten, ungedämmten Bauwerk ohne Aufenthaltsräume leuchtet mir dieser Gestaltungsansatz ein, zumal er sich in einem solchen Fall ohne baukonstruktive Klimmzüge verwirklichen lässt.

Spätestens wenn man das Badegelände betritt, wird klar, dass das Verschmelzen von Landschaft und Bauwerk hier kein entwerferischer Selbstzweck ist, sondern v. a. dazu dient, zusätzliche Liegewiesen auf dem begrünten Dach zu erzeugen. An einem flirrend heißen Sonntag im August, an dem sich die Gäste Handtuch an Handtuch drängen, werden diese Flächen in der Tat dringend benötigt.

Keine halben Sachen

Inzwischen habe ich mich in der Lokalpresse über die Vorgeschichte des ­Projekts informiert. 2008 waren die beiden Freibäder Waldkirchs so marode, dass jeweils eine aufwendige Sanierung anstand. Beide stammten aus der Nachkriegszeit, waren aber über die Jahre immer wieder verändert worden und ­boten keinen besonderen Reiz. Nach einigem Hin und Her beschloss die Stadt, nicht zwei halbherzige Modernisierungen durchzuführen, sondern das eine Bad ganz aufzugeben und die Mittel zu bündeln, um bei dem anderen Bad einen richtigen Neuanfang zu ermöglichen. Durch diesen Verzicht ­konnte bei der verbleibenden Anlage aus dem Vollen geschöpft werden: Sie bietet jetzt alles, was 2016 zu einem ordentlichen Spaßbad gehört: gleich drei verschiedene Wasserrutschen, einen Strömungskanal mit integrierten Sitzbänken, eine Sprudelanlage, Massagedüsen, Nackenduschen und diverse Wasserspiele. Aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen wurden vom Bestand aus dem Jahr 1968 das vorhandene 50-m-Becken und das Kinderplanschbecken weitergenutzt. Sie erhielten eine Auskleidung aus Edelstahl über den vorhandenen Fliesen, sodass sich aufwendige Abbrucharbeiten erübrigten. Neu sind das Sprung- und das Nichtschwimmerbecken.

Unikat mit Charakter

Durch die Konzentration auf nur ein Freibad ließ sich auch eine anspruchsvolle Gestaltung umsetzen. Das große »Spaßbecken« in Form dreier sich schneidender Kreise reagiert auf die weichen Rundungen des Grundstücks, das sich in eine Kurve der Elz schmiegt. In freiem Schwung legen sich Wege und die Badeplatte um die Becken und setzen deren geometrisches Spiel im Detail fort: Das kleinteilige Betonpflaster folgt den Rundungen ebenso wie der Besenstrichbeton, den das Bauunternehmen nicht mit der üblichen parallelen, sondern mit einer leicht radial zulaufenden Rillenstruktur versehen hat. Hut ab vor dieser handwerklichen Leistung! Die Oberflächen fühlen sich barfuß zudem äußerst angenehm an, v. a. im Kontrast zu dem rauen 70er-Jahre-Knochensteinplaster im Freibad der Nachbargemeinde, das mir am Vortag ein fakirhaftes Lauferlebnis beschert hat.

Auch die Sprungtürme sind nicht von der Stange, sondern wurden eigens nach einem Entwurf der Architekten gefertigt. Die Projektleiterin holte testweise von der Rohbaufirma ein Angebot ein, das glücklicherweise nicht höher lag als die Angebote von Standard-Schwimmbad-Ausstattern. Also konnte man individuelle Türme verwirklichen, die sich in Form und Material harmonisch in das Gesamtkonzept integrieren. Besonders elegant wirken die Stufen aus schwarz durchgefärbtem Sichtbeton.

Das Gelände ist nach allen Seiten außenräumlich gefasst. An den Eingangs­hügel im Norden schließt westlich eine Struktur aus senkrechten Holzlamellen an, die als Abgrenzung zum benachbarten Sportareal dient. Im Südwesten geht sie in die sogenannte Lounge über: Diese überdachte Konstruktion ist über Holzdecks errichtet, die einen geschützten Aufenthalt im Freien ermöglichen. Nach außen mit Wänden geschlossen, in Richtung Becken aber geöffnet, schirmt sie an kühleren Tagen den Westwind ab, spendet an heißen Schatten und bietet bei Regenschauern einen Unterstand. Gleichzeitig sorgt sie für den nötigen Schallschutz zum angrenzenden Wohngebiet. Nach Südosten und Osten schließlich erhebt sich der Elzdamm, dessen frisch angelegte ­Hecken in einigen Jahren neugierige Blicken von außen verhindern werden. Umgekehrt werden zwei kleine Holzdecks, die die Pflanzung unterbrechen, dann nur noch punktuell Ausblick auf das Flüsschen gestatten. Ansonsten aber blendet die durchgängige Einfassung des Badeareals die ­direkte Umgebung weitgehend aus. Stattdessen stärkt sie den Bezug zur Landschaft im Hintergrund, indem sie den Blick stets nach oben auf die grünen Hänge des Schwarzwalds lenkt.

Beliebt oder beliebig?

Die Liegewiesen profitieren außerordentlich vom alten Baumbestand, an ­dem die Landschaftsplaner zum Glück festgehalten haben. Seinen Schatten suchen v. a. Familien und Senioren. Auf dem Eingangshügel, dessen Dach sich für ­das Anpflanzen von Bäumen nicht eignet, tummelt sich dagegen hauptsächlich die sonnenhungrige Jugend. Aus den Smartphones scheppern die Sommerhits. Dass diese erhöhte Liegefläche vom Rest des Geländes schwer ein­zu­sehen ist, dürfte ihrer Beliebtheit bei den Teenagern nicht gerade abträglich sein.

Ich verlasse das Bad mit dem Eindruck, dass die Stadtväter die richtige Entscheidung getroffen haben. Der zunächst sicher unpopuläre Schritt, eines der beiden Freibäder für immer zu schließen, hat sich offensichtlich gelohnt, wenn die neue Einrichtung quer durch die Generationen so gut angenommen wird. Als funktionalistisch geschulter Architekt kommen mir manche Details zwar etwas verspielt vor und ich frage mich bei der ein oder anderen freien Form, wie sie sich wohl begründen lässt. Aber insgesamt erzeugen sie eine heitere, beschwingte Atmosphäre – für die Bauaufgabe »Freizeit- und Erlebnisbad« scheint das eine angemessene Architektursprache zu sein.

teilen auf

Für den Beitrag verantwortlich: deutsche bauzeitung

Ansprechpartner:in für diese Seite: Ulrike Kunkelulrike.kunkel[at]konradin.de

Akteure

Architektur

Bauherrschaft
Stadt Waldkirch

Tragwerksplanung

Landschaftsarchitektur