'Ciudad de la Cultura de Galicia‘
Eisenman Architects - Santiago de Compostela (E) - 2000

Die Stadt der Pilger und der Zukunft

Santiago de Compostela setzt auf neue Architektur

von Klaus Englert

Mit dem Centro Gallego de Arte Contemporáneo von Alvaro Siza wagte Santiago de Compostela 1994 einen ersten Schritt in die architektonische Gegenwart. Nun will die Stadt mit der von Peter Eisenman entworfenen «Ciudad de la Cultura de Galicia» den baukünstlerischen Monumenten von Bilbao und San Sebastián antworten.

Bis vor wenigen Jahren galt Santiago de Compostela, die Stadt des heiligen Jakob und der Pilgerströme, nicht eben als Hort der Moderne. So musste der portugiesische Architekt Alvaro Siza Vieira, als er 1988 den Auftrag zum 1994 vollendeten Centro Gallego de Arte Contemporáneo erhielt, seinen Museumsneubau völlig in den urbanistischen Kontext des am Rand der historischen Altstadt gelegenen Klosters San Domingos de Bonaval integrieren, damit die Touristen, die ihren Blick entlang der Stadtmauern und über die historischen Monumente schweifen lassen, nicht von einem avantgardistischen Bauwerk verschreckt werden. Mittlerweile hat sich Santiago an sein Museum gewöhnt; und Siza durfte sogar den angrenzenden Garten des Klosters umgestalten.


Ein baukünstlerischer Donnerschlag

Als in den späten neunziger Jahren Santiagos Vorbereitungen zur Europäischen Kulturstadt 2000 liefen, dämmerte es den Ratsherren, dass das immergleiche Touristenprogramm von Kathedralen-, Kirchen- und Klosterbesichtigungen durch zeitgenössische Bauten noch attraktiver gemacht werden könnte. Deshalb machte man sich nach Sizas Centro Gallego an den Bau der vor einem Jahr eröffneten Journalismus-Fakultät, eines Lichtblicks in einem sonst eher trostlosen Universitätscampus. Im vergangenen Jahr ertönte dann ein architektonischer Donnerschlag, der Santiago ins Scheinwerferlicht der spanischen Medien versetzte: die Präsentation von Peter Eisenmans Projekt einer «Ciudad de la Cultura de Galicia», einer «Kulturstadt Galicien», die das bisher eher verschlafene Santiago ins dritte Jahrtausend befördern sollte. Nachdem Frank Gehry in der Industriemetropole Bilbao das Guggenheim-Museum wie ein schimmerndes Gletschermassiv aus den Fluten der Ría hatte aufsteigen lassen und Rafael Moneo im bürgerlichen San Sebastián das «Kursaal»-Auditorium wie einen Felsen in die Meeresbrandung gestellt hatte, sehnte sich auch die galicische Hauptstadt, die bisher jeden Stein als Bestandteil eines riesigen Museums ehrte, nach einem zukunftsträchtigen Symbol. Da ihr aber die Zukunft doch nicht ganz geheuer war, entschloss sie sich, die «Kulturstadt Galicien» etwa 15 Kilometer südlich von Santiago auf dem Monte Gaias zu errichten.

Dennoch will man heute vom Versteckspiel früherer Jahre nichts mehr wissen. Zu dem prätentiösen Wettbewerb hatte man ausser Eisenman eine Handvoll renommierter Architekten geladen: die Spanier Manuel Gallego, César Portela, Ricardo Bofill und Juan Navarro Baldeweg, das Zürcher Büro Gigon Guyer, den Amerikaner Steven Holl, das Office for Metropolitan Architecture von Rem Koolhaas aus Rotterdam, den in Berlin lebenden Daniel Libeskind sowie Jean Nouvel und Dominique Perrault aus Paris. Sie wurden gebeten, Pläne für ein Auditorium, eine Bibliothek, ein Zeitungsarchiv, ein Medienzentrum, eine Oper und ein Museum für Geschichte zu entwerfen. Untergebracht werden sollten diese Bauten in einem architektonischen Ensemble, das die Hügelformation des Monte Gaias gestalterisch einbezieht.

Auf diese Vorgaben haben die Architekten sehr unterschiedlich reagiert. Annette Gigon und Mike Guyer setzten auf die Bergspitze vier steinerne Kuben, die einen Platz begrenzen. Offenbar stiessen sich die Juroren an der losen Gruppierung der durch unterschiedliche Patios ausgezeichneten Solitäre auf dem Plateau. Daniel Libeskind, der am Rande der Autobahn einen riesigen, durch Spalten aufgerissenen Block entwarf, der neben den programmatischen Bereichen auch Gärten einschliesst, setzte auf sein vom Berliner Jüdischen Museum her bekanntes dekonstruktivistisches Vokabular. Für mehr Überraschung sorgte Steven Holl, der eine «Verzweigung» prismatischer Fragmente vorstellte. Durch das Auseinanderdriften der Baukörper auf dem Monte Gaias, dem «Berg der Verzweigung», setzte sich Holl auf originelle Weise mit dem Ort auseinander. Dominique Perrault hingegen wollte ein riesiges gläsernes Prisma in den Berg einführen, dessen raffiniert angeordnete Spiegel Licht in die entferntesten Winkel der künstlichen Kaverne leiten sollten.


Eisenmans Entwurf

Peter Eisenman kommt Perraults experimentellem Ansatz nahe, wenngleich die Unterschiede unübersehbar sind. So möchte der New Yorker die gesamte Hügelformation nutzen, um die einzelnen Gebäudeteile in die Erde einzugraben. Dabei versenkt er allerdings den Gebäudekomplex nicht unter die Erdoberfläche, sondern passt ihn dem Verlauf der Landschaft an. Sein Konzept hat Eisenman als Projektbeschreibung publiziert, die mit einem vorangestellten Baudrillard-Zitat Eisenmans Vorliebe für die französische Philosophie manifestiert. Im Text selbst kommt einmal mehr seine Auseinandersetzung mit Jacques Derrida und Gilles Deleuze zum Ausdruck. Grundlegend ist Eisenmans Wunsch, die Architektur vom cartesianischen Raum abzulösen, sie also nicht mehr als Umgrenzung des Raumes oder als eine Reihe von Rasterpunkten aufzufassen. Bereits im Frankfurter «Rebstockpark»-Projekt versuchte er die Architektur vom dominierenden Raumbezug zu befreien und als «Objekt-Ereignis» zu inszenieren. Durch das konstruktive Prinzip der Falte wurde ein zeitlicher Veränderungsfaktor eingeführt, der sich als kontinuierliche Variation der Formen manifestiert.

Dieses Interesse für zeitliche Modulationen zeigt auch der Entwurf für die «Kulturstadt Galicien». Der Ausgangspunkt bildet hier die Überlagerung räumlicher und zeitlicher Schichten, die Eisenman mit dem Aufbau des Unbewussten vergleicht. Der computergenerierte Grundriss der Kulturstadt soll wie ein Palimpsest lesbar sein. Als «Fundament» dient ihm der Grundriss von Santiagos Altstadt, auf den er die neue urbanistische Struktur und abschliessend die Oberfläche der geriffelten Jakobsmuschel projiziert. Man sieht, auch hier bemüht der Theoretiker Eisenman den Begriff der «Falte», desgleichen den Gegensatz des «Geriffelten» und des «Glatten», den er von Deleuze entlehnt. Dieser ganze theoretische Apparat soll auch diesmal das cartesianische Raummodell, das Denken von Figur und Grund, ausser Kraft setzen und so eine neue Architektur ermöglichen: Laut Eisenman besteht das Projekt nicht aus unterscheidbaren Gebäuden, «denn die Bauwerke des Zentrums sind in den Grund eingeschnitten; und demnach verwandeln sich beide, Bauwerke und Landschaft, zu Figuren».


Metaphorischer Überschwang

Doch kann, was derart wortmächtig daherkommt, auch als gebaute Architektur überzeugen? Die Jurymitglieder jedenfalls waren vom Modell begeistert, das sich wie eine bruchlose Erweiterung der natürlichen Umgebung ausnimmt: als eine wellenförmige, künstliche Landschaft, in der die einzelnen Gebäude mit ihren verschiedenen Funktionen kaum erkennbar sind. Dass diese Verwandlung des Monte Gaias schwerlich mit traditionellen architektonischen Kriterien zu bewerten ist - dessen ist sich beispielsweise Fernando Távora, der Grandseigneur der portugiesischen Architektur, bewusst, wenn er das Ensemble als ein Spiel zwischen künstlichen und natürlichen Gestalten versteht. Im Übrigen waren von den befragten Juroren nur Allgemeinplätze zu vernehmen. Angel Sicart, Generaldirektor der galicischen Denkmalbehörde, wiederholte unablässig die einzigartige Verbindung zwischen Tradition und Zukunft, während der Kritiker Luís Fernández-Galiano die Überzeugung vertrat, nun würden wir endlich Zeuge von Eisenmans krönendem Meisterwerk, seinem «Zauberberg».

Von derlei metaphorischem Überschwang distanzierte sich Wilfried Wang, der als einziges Jurymitglied gegen Eisenman votierte. Im Gespräch bewertete es Wang denn auch als einen Skandal, dass sein Votum ignoriert wurde und die Pressemitteilung der Jury von einem «einstimmigen Urteil» sprach. Seine Kritik zielt auf ein massstabsloses und überteuertes Projekt, dessen Hülle zwar prima vista originell anmutet, aber «eine Raumaufteilung aufweist, die ins 19. Jahrhundert gehört». Doch die spanischen Juroren waren offenbar der Überzeugung, Santiago brauche den amerikanischen Stararchitekten, um als galicische Kulturmetropole für das neue Jahrtausend gewappnet zu sein. Den Nutzen wird, nach Meinung Wangs, vor allem der einstige Franco-Minister und heutige Präsident der galicischen Regierung, Manuel Fraga Iribarne, haben, der sich durch das Nationalmonument verewigen will. - Auf dem Monte Gaias ist Santiago de Compostela nun unübersehbar in der Zukunft gelandet. Der Wettstreit mit den Stadtsymbolen von Bilbao und San Sebastián, dem Guggenheim-Museum und dem «Kursaal», ist zwar aufgenommen. Aber es bleibt abzuwarten, ob nach der anfänglichen Euphorie nicht doch die Ernüchterung folgt.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung, 02.02.2001

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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