Bauwerk

Stadterweiterung auf den Docks Borneo und Sporenburg
West 8, de Architekten Cie - Amsterdam (NL) - 2000
Stadterweiterung auf den Docks Borneo und Sporenburg
Stadterweiterung auf den Docks Borneo und Sporenburg
Stadterweiterung auf den Docks Borneo und Sporenburg
Stadterweiterung auf den Docks Borneo und Sporenburg

Meteorit im Häusermeer

Holländische Architekten sind bekannt für ihre unkonventionelle Baukunst.

01. Februar 2001 - Roderick Hönig

Holländische Architekten sind bekannt für ihre unkonventionelle Baukunst. Doch gibt nicht nur ihre frische Architektursprache zu reden, auch im Städtebau hat Holland die Nase vorn: Die Umnutzung zweier ehemaliger Hafen in zentral gelegene Wohngebiete in Amsterdam und Rotterdam gehört derzeit zu den wohl interessantesten Projekten europäischer Stadtplanung.

Das Beispiel Amsterdam fasziniert durch die ungewöhnliche Strategie und das Tempo seiner Realisierung. Im östlichen Hafengebiet ist dort seit Ende der achtziger Jahre unter der Leitung von holländischen - und auch ausländischen - Architekten und Urbanisten eine komplette neue Stadt entstanden. Auf den ehemaligen Docks Entrepot-West, KNSM Island, Java Island sowie Borneo und Sporenburg, wo früher Frachter aus den ehemaligen Kolonien ihre Ware löschten, wohnen heute mehr als 15 000 Menschen in rund 6000 Häusern und Wohnungen.

Wohnen im alten Hafen von Amsterdam hat mehrere Vorteile: Alle Häuser und Wohnungen liegen nahe des Zentrums - mit dem Schifftaxi sind es nur 15 Minuten bis zum Hauptbahnhof. Zudem herrscht fast nur Anwohnerverkehr, und die meisten Häuser gewähren den Blick aufs heute eher ruhige Hafenbecken, falls sie nicht sogar daran anstossen. Städtebaulich einzigartig ist die noch nicht vollständig abgeschlossene Stadterweiterung auf den Docks Borneo und Sporenburg. Die Planung dafür begann 1993. Die Vorgabe der städtischen Projektgruppe war einfach und klar: In diesem neuen Wohngebiet sollen insgesamt 2150 Wohneinheiten gebaut werden. Das ergibt eine sehr hohe Bebauungsdichte von 100 Häusern pro Hektar. Damit wollte die Projektgruppe die Wirtschaftlichkeit, aber auch das städtische Flair dieses neuen Wohngebiets garantieren.

Man lud drei Planungsbüros zu einem Wettbewerb ein. Die Teams arbeiteten Vorschläge aus, wo und wie diese immense Zahl Häuser bzw. Wohnungen auf den beiden langgezogenen rechteckigen Halbinseln gebaut werden könnte. Überzeugt hat die Juroren die Vision des Architekten Adriaan Geuze, Spiritus rector des Rotterdamer Architektur- und Landschaftsarchitekturbüros West 8. Er schlägt in seinem Masterplan ein weites und flaches Häusermeer vor, in das drei Meteoriten, so nennt er die gewaltigen Wohnbauten, einschlagen.

Heute ist Geuzes Idee belebte und bei den Bewohnern beliebte Realität geworden: Schier endlose Reihen von schmalen, maximal dreigeschossigen Reiheneinfamilienhäusern - sie sind teils nur vier Meter breit und bis zu 15 Meter tief sind - überziehen die beiden über 1000 Meter langen Docks. West 8 erreicht mit der Reihenhausstrategie eine Dichte von rund 70 Wohneinheiten pro Hektar, und dennoch besitzt fast jede Wohneinheit eine eigene Türe zur Strasse. Verglichen mit konventionellen holländischen Reihenhaussiedlungen, stehen auf den ehemaligen Docks rund doppelt so viele Häuser auf gleicher Fläche. Um den strengen Rhythmus und die doch spürbare Dichte aufzulockern - und um die verlangten 100 Wohneinheiten pro Hektar zu erreichen -, stellte der Architekt drei Superblocks mit je 150 bis 214 Wohnungen in seine Häuserlandschaft.

Der zweite der drei geplanten Meteoriten ist nach nur zweijähriger Bauzeit im Dezember vergangenen Jahres fertiggestellt worden. Die von Fenstern durchlöcherte und silbern schimmernde Wohnskulptur des Amsterdamer Architekturbüros de Architekten Cie. ist bis jetzt der schrillste bauliche Akzent in diesem Architekturbiotop. 150 Sozialwohnungen und 64 nicht finanziell geförderte Wohnungen finden im umgerechnet 24 Millionen Franken teuren Bau Platz. Unübersehbar ragt der kantige Wohnbock mit seiner hellen Haut aus Zinkschuppen aus dem dunklen Backstein-Häusermeer und zieht alle Blicke auf sich. Am eindrücklichsten wirkt er, wenn man unverhofft in eine der engen Wohnstrassen einbiegt und sich an deren Ende die gewaltige Mauer aus Fenstern und Metall aufbaut.

Erst beim Näherkommen aber nimmt man die riesigen Dimensionen und die bizarre Form ganz wahr. An den Schmalseiten ist der bis zu zehngeschossige Hofbau jeweils um einige Meter vom Boden aufgestützt - die Dachlinien folgen diesem Knick. Dieser kleine Eingriff in die sonst eigentlich konventionelle Form hat grosse Wirkung auf unsere Wahrnehmung: Aus dem im Grundriss rechteckigen Wohnblock wird sofort eine autonome Skulptur. Auch ist damit klar, wo die Eingänge sind, und zudem fällt viel Licht in den von West 8 gestalteten begrünten Innenhof.

Fährt man mit einem der an den Ecken gelegenen Lifte zu den Wohnungen hinauf, ist die Überraschung komplett: Die innere Fassade hat keinen flächigen Charakter mehr, sondern ist alle zwei Geschosse von langen, tiefen horizontalen Schlitzen aufgeschnitten. Diese mit Lärchenholz ausgefütterten und gelb beleuchteten Einschnitte sind die Laubengänge, die zu den einzelnen Wohnungen führen. Sie erinnern an Blockhüttenelemente und geben damit dem grossmassstäblichen Bau eine gewisse Intimität zurück. Metallverkleidete Feuerleitern sind an der Innenfassade befestigt und verbinden im Brandfall die einzelnen Gänge miteinander.

Die Wohnungen selbst sind brauchbar, aber eher konventionell geschnitten: Es sind schmale Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen, die sich jeweils über die ganze Tiefe des Baus erstrecken. Sie bestehen aus einem breiteren Wohn- und einem schmaleren Servicestreifen mit WC, Bad und Waschküche. Alle Wohnungen besitzen eine grosszügige Loggia gegen Süden. Die staatlich geförderten Wohnungen kosten rund 525 Franken pro Monat für 75 Quadratmeter Wohnfläche beziehungsweise 700 Franken für 95 Quadratmeter.

Am schönsten sind die Dachwohnungen. Hier haben die Architekten mit der Deckengeometrie und -höhe gespielt und teilweise Wohnräume mit grosszügigen Raumhöhen oder elegante Maisonettewohnungen gestaltet. Von dort aus geniessen die Bewohner einen prächtigen Blick über das Häusermeer, manche sogar bis hin zur geschwungenen Glashalle des Hauptbahnhofs, die nachts wie ein Glühwurm leuchtet.

Das Amsterdamer Beispiel zeigt eindrücklich, wie und in welcher Geschwindigkeit heute Städtebau gemeistert werden kann. Noch fehlt dem neuen Stadtteil zwar ein befriedigender Anschluss an den öffentlichen Verkehr. Ist auch dieses Problem noch gelöst, wird der alte Hafen als Wohnquartier noch attraktiver werden.

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Für den Beitrag verantwortlich: NZZ-Folio

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