Bauwerk

Gelbes Haus
Baumschlager Eberle - Schaan (FL)

Eine gelbe, kubische Provokation im Ländle

Die Vorarlberger Architekten Baumschlager & Eberle haben in Schaan ein Manifest für moderne Bauskulptur gebaut. Ein Fingerzeig, dass sich die Baukultur auch im Ländle bewegt.

29. November 2000 - Christoph Allenspach

Die Denkmalpflege des Landes Liechtenstein fasste mutig den Entschluss, am diesjährigen Tag des Denkmals die auffälligste Villa der Region zu besichtigen. Das Haus - eine Skulptur aus aufgetürmten Kuben in gelb gefärbtem Beton - war eben erst bezogen worden. Erhielt es damit bereits die Weihe eines Baudenkmals? Es ist zumindest ein Manifest der zeitgenössischen Baukultur. Achtzig Leute standen zur Visite davor und wollten wissen, ob so was zu bewohnen sei.

Angezogen hat sie auch der klingende Name der Architekten, Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle aus Lochau (Österreich). Sie sind die Aushängeschilder Vorarlbergs, das sich wie einst in den 70er-Jahren das Tessin aus dem Nichts zur Architekturregion gemausert hat. Die neue Baukultur wird immer wieder mit den minimalistischen Tendenzen in der Schweiz verglichen, und nicht ganz zufällig ist Dietmar Eberle Professor für Entwurf an der ETH Zürich. Wer mit Baumschlager & Eberle baut, nimmt bewusst das Risiko auf sich, auffällig zu sein. Auch wenn die Architekten versichern, sie hätten nicht die Provokation gesucht: Das gelbe Haus in Schaan unterscheidet sich deutlich von all diesen gewöhnlichen bis banalen Wohnhäusern der Umgebung. Es muss provozieren in einem Land, wo in den letzten zwanzig Jahren der Schlösslistil in seinen wildesten Blüten die Fantasie anregte.

Besucher können sich allerdings davon überzeugen, dass in der spektakulären Form ein ausgefeiltes und raffiniertes Raumkonzept steckt. Das Haus steht auf einem kleinen Grundstück von lediglich 700 Quadratmetern als Insel in sich gekehrt. Vier Geschosse, so zählt man nach einigem Hin und Her, sind aufeinander geschichtet. Sie definieren sich alle in überraschender Weise und trotzdem überaus funktional. Der Raumfluss und die Bezüge nach draussen sind vom Keller bis zum Dach überzeugend entworfen.

So ist das Wohngeschoss winkelförmig angelegt, damit ein kleines Schwimmbecken integriert werden konnte. Der gemauerte Sockel mit den Garagen verbirgt ein Atrium mit anliegenden Gästezimmern. Die beste Aussicht ins Rheintal geniesst man von der Dachterrasse im ersten Obergeschoss und nicht etwa vom verwegen auskragenden Balkon darüber. Dort verbirgt sich ein kleines Reich für die Kinder. "Wir wollten das Haus nicht gegenüber der näheren Umgebung öffnen, da diese nicht besonders erbaulich ist", sagt Carlo Baumschlager zu seinem ungewöhnlichen Konzept.

Baumschlager & Eberle haben in Vaduz bereits eine spektakuläre Villa gebaut und arbeiten dort zurzeit an einem grossen Verwaltungsbau. Zusammen mit dem neuen Kunstmuseum von Morger & Degelo (siehe TA vom 10. November) scheint in die Baukultur Liechtensteins Bewegung gekommen sein. Der kürzlich erschienene Band "Bauen für Liechtenstein" liefert einen Überblick über die Bautätigkeit im Land.


[ Bauen für Liechtenstein. Ausgewählte Beispiele zur Gestaltung einer Kulturlandschaft. Hochbauamt / Denkmalpflege, Vaduz 2000. 350 S. ]

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Für den Beitrag verantwortlich: TagesAnzeiger

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