Bauwerk

Zentralstellwerk SBB
Herzog & de Meuron - Basel (CH) - 1999

Expressiver Minimalismus

Eine gebaute Plastik von Herzog & de Meuron in Basel

07. Januar 2000 - Lutz Windhöfel

Die Strecke von Frankfurt über Basel nach Mailand ist eine der wichtigsten Achsen Westeuropas. Der Güterumschlag vom Wasser und von der Strasse auf die Schiene hat an der schweizerisch-deutschen Grenze ein riesiges Geleisefeld entstehen lassen. Hier kann man im kleinen das Wachstum und die Veränderungen Europas beobachten. Die Deutsche Bahn und die Schweizerischen Bundesbahnen, die hier ineinandergreifen, legen dialogisch Infrastrukturen still, reaktivieren diese oder bauen sie neu. Die Architekturen, die für den Güterumschlag in Richtung Italien gebraucht werden, baute bisher das Basler Büro Herzog & de Meuron. Beim Bahnhof SBB hat es nun ein Stellwerk errichtet.

Bereits 1994 realisierten die Architekten einen analogen Bau für die gleiche Bauherrschaft. Mit seiner eigenwilligen Hülle aus Kupferbändern fand er sogleich international Beachtung. Doch dieses erste Stellwerk steht auf einem Geleisefeld, das selbst für Basler nicht immer leicht zu finden ist. Das neue Stellwerk hingegen erhebt sich neben dem Kopf einer stadtnahen Brücke über die Geleise. Die Fassade hat nach Süden drei kleine Fensterbänder, sonst aber ist sie völlig geschlossen und wiederum mit Kupfer verkleidet. Gegenüber dem Vorgänger hat das neue Stellwerk mit seinen 26 Metern markant an Höhe gewonnen. Fast möchte man es als ein kleines Hochhaus bezeichnen. Der Grundriss auf Gleisniveau entspricht einem unregelmässigen Trapez; doch an der Traufkante der flachgedeckten Kubatur ist er zu einem Rechteck geworden. Die Architekten näherten die beiden Grundformen rhythmisch über die Stockwerke einander an, was zu einer leicht konvexen, wellenartigen Fassade im Norden und Westen führte. Der Bau, der ohnehin wie ein exotischer Findling wirkt, hat auf diese Weise einen expressiven Charakter erhalten. Da er sonst nach minimalistischen Regeln erstellt wurde, entstand eine seltene ästhetische Symbiose. - Mit seiner monolithischen Form wird dieses Stellwerk zu einem plastischen Körper mit der Präsenz eines Kunstwerks. An einem Ort mit verwirrender verkehrstechnischer Infrastruktur wirkt diese Architektur beruhigend: Sie lässt eine neue Mitte entstehen. Im Zusammenhang mit diesem Stellwerk muss auch das neue Institut für Spitalpharmazie erwähnt werden, das zur gleichen Zeit wie jenes ebenfalls von Herzog & de Meuron fertiggestellt wurde und eine ähnliche Mischung aus Stadtreparatur und Skulptur darstellt. Der viergeschossige Baukörper ist vollständig mit Glas verkleidet, dem im Siebdruckverfahren flaschengrüne Punkte aufgesetzt wurden.

Das kaum zu übersehende Haus präsentiert sich als Solitär, denn die Umgebung besteht einerseits aus Wohnhäusern des Barocks, anderseits aus dem universitären Klinikum im Stil des Neuen Bauens und verunmöglichte deswegen ein kontextuelles Planen. So hat das verwinkelte Grundstück am Rande der Innenstadt mit dem grünen Glasschrein einen Neubau erhalten, der der Geschichte dient und die Zeitgenossenschaft präsentiert.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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