Forum 2004
Herzog & de Meuron - Barcelona (E) - 2004
Forum 2004, Foto: Monika Nikolic / ARTUR IMAGES
Forum 2004, Foto: Monika Nikolic / ARTUR IMAGES
Forum 2004, Foto: Monika Nikolic / ARTUR IMAGES

Künstlicher Kristall über der Infrastruktur

Das markante dreieckige Forumsgebäude bildet den Kristallisationspunkt der jüngsten Stadterweiterung von Barcelona. Fünf Kilometer von der Innenstadt entfernt, ist ein ehemals von Infrastrukturbauten beherrschtes Terrain neuen Nutzungen zugeführt worden. Ob das ambitionierte Vorhaben gelingt, kann erst nach Fertigstellung des gesamten Areals entschieden werden.

von Hubertus Adam

Der Plan von Ildefons Cerdà aus dem Jahr 1859, die Erweiterungsgebiete zwischen der zuvor von Mauern und Wällen umgebenen Altstadt von Barcelona, den Bergen und dem Meer mit einer Struktur aus identischen, an den Ecken abgeschrägten quadratischen Blöcken aufzufüllen, kann als eine der grossen urbanistischen Inventionen der Neuzeit gelten. Der Reiz der Struktur des «Eixample» besteht allerdings nicht allein in der potenziellen Unendlichkeit, mit der sich der Raster der Cerdà-Blöcke in alle Richtungen fortschreiben liesse, sondern zugleich in seiner Störung durch Elemente, die sich der radikalen Orthogonalität widersetzen. Dies sind vornehmlich Strassenzüge, und unter diesen ist es allen voran die Avinguda Diagonal, die wie ein Rückgrat – gemeinsam mit der Avinguda Meridiana – den Körper der Stadtgestalt durchschneidet und zugleich zusammenhält. Über lange Zeit, so zeigt es schon Cerdàs Originalplan, begann und endete die Diagonal gleichsam im Nichts; und während sie an ihrem westlichen Ende seit geraumer Zeit mit dem Autobahnring verknüpft ist und als Ausfallachse dienen kann, führte sie im Osten bis vor kurzem in ein wenig attraktives und zugleich historisch belastetes Areal. Nahe der Mündung des Flusses Besòs, wo zu Beginn der francistischen Diktatur mehr als 1000 Widerstandskämpfer hingerichet worden waren, entstanden in den Siebzigerjahren all jene Orte, die eine Stadt zum Funktionieren benötigt: eine Grosskläranlage, ein Kraftwerk, eine Müllverbrennungsanlage. Das nordöstliche Ufer galt lange Zeit als Abseite, bis die Gegend mit den grossen Umstrukturierungsmassnahmen anlässlich der Olympischen Spiele 1992 erstmals wieder ins Blickfeld geriet: Mit der Anlage des Olympischen Dorfes und des Olympischen Hafens wurden nahezu drei Kilometer Küstenlinie zwischen dem Hafenquartier Barceloneta und dem Park Poblenou neuen Funktionen zugeführt. Der Erfolg dieser Massnahme, die gleichwohl durch die Absiedelung der vorher dort siedelnden einkommensschwachen Bevölkerung erkauft werden musste, bewog die Stadtplaner, in einem nächsten Schritt auch den anschliessenden Küstenbereich bis hin zur Besòs-Mündung zu transformieren. Dabei erstreckt sich die urbanistische Aktivität nicht allein auf die ufernahen Bereiche, sondern auch auf die Diagonal, nördlich der durch die Plaça Glòries Catalanes markierten Kreuzung mit der Meridiana, sowie das jenseitige Ufer des Besòs.

Die wichtigsten Entscheidungen zur Transformation des Areals fielen zu Beginn des Planungsprozesses. Zum einen wollte man weitere zwei Kilometer bisher industriell genutzter Küstenlinie öffentlich zugänglich machen. Zum anderen gab es logistisch und auch finanziell keine Spielräume, die bisher hier bestehenden infrastrukturellen Komplexe zu verlagern. Und schliesslich sollte die Diagonal in sinnvoller Weise mit dem Meer verbunden werden. Das Fórum Barcelona 2004, eine Art von Weltausstellung im kleinen Massstab, bildete den Zielpunkt, zu dem das Vorhaben umgesetzt wurde; natürlich aber bot dieser Event letztlich nur den äusseren Anlass, um jenen zeitlichen Druck zu generieren, der das Vorhaben politisch umsetzbar werden liess.

Flaues Dreick

Wer das Gelände heute, nachdem die temporären Bauten abgetragen worden sind, besucht, sieht sich in grossen Teilen noch mit einer Baustelle konfrontiert. Die beiden Parkanlagen, der Parque de los Auditorios von Foreign Office Architects diesseits und der um das Kraftwerk und die Müllverbrennungsanlage gruppierte Ecopark von Abalos y Herreros jenseits des Flusses Besòs, sind noch nicht betretbar, ganz zu schweigen von dem erst geplanten Meereszoo und einem neuen Universitätscampus. Fertig gestellt hingegen ist der Kernbereich rund um das von Herzog & de Meuron entworfene Forumsgebäude. Dieses bildet nicht nur die topografische, sondern auch die konzeptionelle Mitte des neuen Quartiers.

Denn der urbanistische Think Tank, dem neben dem Stadtplaner Josep Acebillo auch Enric Miralles, Josep Lluís Mateo und Edward Bru angehörten, entschied sich dafür, die an altem Ort neu errichtete Kläranlage sowie den Meer und Stadt trennenden Autobahnring Ronda Litoral mit einer gewaltigen Platte zu überdecken – der von den Architekten Martínez Lapeña y Torres gestalteten Esplanade. Die gewaltige Platte nimmt dort ihren Ausgang, wo die Diagonal in einem Kreisel auf den eine frühere Eisenbahntrasse ersetzenden Passeig Taulat trifft, wölbt sich dann in einer sanft geschwungenen Hügellandschaft über die Infrastruktureinrichtungen und verliert schliesslich in der vorgelagerten Park- und Marinalandschaft ihre Kompaktheit, zergliedert sich.

Das Obergeschoss des dreieckigen Forumsgebäudes, dessen westliche Spitze direkt auf den Kreisel zielt, zeichnet die räumlichen Begrenzungen nach: die Achsen der Diagonal und der durch den Cerdà-Raster bestimmten Rambla Prim sowie den unterirdischen Lauf der Ronda Litoral. Die Architekten entwarfen ein dreigeschossiges Volumen mit einem unter die Esplanade abgesenkten Basement und einem kompakt wirkenden, über einem aufgelösten Obergeschoss gleichsam schwebenden Obergeschoss von 183 _ 188 _ 177 Metern Seitenlänge. Ein Hochhaus wäre hier durchaus möglich gewesen, doch bewusst entschied man sich für ein horizontales Volumen, das beinahe wie eine durch seismische Kräfte über der Esplanade in die Höhe gestemmte Platte wirkt. Das breit gelagerte Volumen, im wahrsten Sinne die Spitze der Stadt, leitet die Passanten Richtung Meer, und es ist zugleich eine kristallisierte Form vorgegebener städtebaulicher Parameter. So wie Kohle unter Druck zum Diamanten werden kann, so ist es Herzog & de Meuron gelungen, aus der bestehenden Situation eine expressive Kunstform zu generieren.

Strategien der Veredelung bestimmen auch die Fassaden des Obergeschosses, bei denen simpler Spritzbeton, wie er sonst für den Brandschutz eingesetzt wird, durch die tiefdunkle Farbigkeit zu einem lebendigen Element wird. An das nahe Meer soll die belebte Oberfläche erinnern, und diesem Zweck dienen die (auch zur Kühlung des Gebäudes genutzte) Wasserfläche, die das gesamte Dach überdeckt, und die Deckenuntersicht des Obergeschosses. Hier verwendeten die Architekten einen Raster aus dreieckigen Platten aus spiegelndem Inox-Stahl, der mit einem teils durchbrochenen, teils lediglich durch ein Pressverfahren geprägtem Muster versehen ist, das an Schaum oder Wasserperlen erinnert und nicht zuletzt den in weiten Teilen offenen Bereich zwischen Obergeschoss und Plaza aufhellt.

Hybrider öffentlicher Raum

Ziel von Herzog & de Meuron war es, den Platz unter dem auskragenden Volumen des Obergeschosses frei zugänglich zu lassen, so dass die Esplanade unter dem Gebäude hindurchfliesst. Die Erdgeschossebene bildet einen hybriden Raum, einen zeitgenössischen Marktplatz, der rings um den auf dieser Ebene mit Fensterscheiben versehenen Körper des Auditoriums in verschieden materialisierten Boxen unterschiedliche Angebote für die Besucher bereithält. Drei polygonale Glasboxen sind mit Treppen ausgestattet und führen in die unterschiedlichen Nutzungsbereiche: hinunter in das Auditorium und hinauf in die Ausstellungsbereiche des Obergeschosses oder das geplante Restaurant. Hinter den mit spiegelnden Stahlplatten verkleideten kleinen Boxen verbergen sich Fluchttreppen. Und dann gibt es an der Nordspitze noch eine mit vergoldeten Platten ausgekleidete kleine Kapelle sowie ein in den Boden vertieftes Bassin, das sich mit vom Dach herunter laufendem Wasser füllt. Zu diesen Elementen treten diverse das Obergeschoss perforierende Lichtschächte oder auch -höfe, die mal mit Glas und mal mit Spiegelscheiben, mal mit Stahlplatten und mal mit Spritzbeton ausgekleidet sind und auch die Fassade beleben. Immer wieder entstehen neue Ausblicke, ergeben sich durch Spiegelung visuelle Irritationen, welche den eigentlich niedrigen Zwischenbereich grosszügiger erscheinen lassen als er in Wirklichkeit ist.

Die Innenbereiche wurden farblich kontrastierend gestaltet: Hell zeigen sich die räumlich etwas problematischen Foyerbereiche im Untergeschoss sowie der unterirdische, von auf Platzebene als Pavillons ausgebildeten Lichtschächten seitlich akzentuierte Durchgang zum Kongresszentrum von den Mateo, dunkel dagegen das Innere des Auditoriums mit seinen 3200 Plätzen und die weitläufigen Ausstellungsbereiche im Obergeschoss. Auch hier kam Spritzbeton zur Anwendung, allerdings nicht dunkelblau, sondern schwarz gefärbt.

Ohne Zweifel ist das von Herzog & de Meuron vorgeschlagene Konzept einer künstlichen Landschaft, die zwischen fest gefügter Stadt und dem Meer vermittelt, faszinierend und auch überzeugend umgesetzt. Ob es sich im Alltag bewährt, kann indes noch nicht recht entschieden werden. Nach dem Ende des Forums 2004 wirkt das gesamte Areal eher verödet. Zwar finden ab und an im grossen Saal Veranstaltungen statt, das Obergeschoss aber ist zwischenzeitlich geschlossen, ein Pächter für das Restaurant noch nicht gefunden. All das mag sich ändern, wenn die Parkanlagen fertig gestellt sind und der Küstenstreifen zugänglich ist. Denn wenn die ebenso ambitionierte wie grossmassstäbliche Stadterweiterung funktionieren soll, bedarf es vor allem öffentlichen Lebens. Das Forumsgebäude ist neben den Parks das Angebot der Stadt in einem weitgehend von Investoreninteressen gesteuerten neuen Quartier. Je mehr unterschiedliche Nutzungen hier vesammelt werden, desto besser. Und so bleibt nur zu hoffen, dass auch der Universtitätscampus in Zukunft realisiert wird. Und dass es gelingen möge, die benachbarten Wohnquartiere in ihrer Struktur zu verbessern, ohne sie indes vollständig zu gentrifizieren. Was sich wohl als wenig realistisch erweisen dürfte.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese, 15.02.2005

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Hannes Mayer

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