Rathauserweiterung
Rafael Moneo - Murcia (E) - 1998
Rathauserweiterung, Foto: Duccio Malagamba
Rathauserweiterung, Foto: Roland Halbe
Rathauserweiterung, Foto: Duccio Malagamba
Rathauserweiterung, Foto: Duccio Malagamba

Die Fassade als Spiegel der Stadt

von Roman Hollenstein

Die Auseinandersetzung mit dem Ort, seiner Geschichte und Kultur ist Ausgangspunkt von Rafael Moneos baukünstlerischer Recherche. Deshalb lassen sich die meist von einem spannungsvollen Dualismus bestimmten Bauten des 62jährigen Pritzker-Preis-Trägers - die vom Atocha-Bahnhof in Madrid über das Miró-Museum auf Mallorca bis zum gläsernen Kursaal von San Sebastian die unterschiedlichsten Erscheinungsbilder zeigen - weder stilistisch noch formal leicht schubladisieren. In ihnen vereinigen sich Anklänge an den italienischen Rationalismus mit einem Formgefühl, das Moneo seinem Lehrmeister Jørn Utzon verdankt. Dieser nordische Akzent, der sich in den Proportionen und der Materialwahl manifestiert, trug ihm 1991 den Auftrag für das Moderna Museet in Stockholm ein. In diesem Meisterwerk der zeitgenössischen Museumsarchitektur führte er das Bauen im geschichtlichen Umfeld, mit dem er sich seit dem Archäologischen Museum in Mérida intensiv befasste, zu einem neuen Höhepunkt.

Nun durfte der Grossmeister der Einfühlung an einem der stimmigsten Plätze Iberiens, der Plaza Cardenal Belluga in Murcia, auf das «Geflüster des Ortes» antworten. Die räumlich enge, architektonisch aber prachtvolle Anlage im Herzen der südspanischen Provinzhauptstadt, an der es einen Erweiterungsbau des klassizistischen Rathauses zu errichten galt, wird bestimmt durch die vor 250 Jahren von Jaime Bort errichtete Barockfassade der Kathedrale und den erzbischöflichen Palast. Schon als Moneo 1993 seinen Entwurf erarbeitete, klaffte an der Stelle des geplanten Neubaus ein Loch, das vom spekulativen Abbruch eines Stadthauses herrührte.

Fasziniert vom urbanistischen Potential des geschundenen und zum Verkehrskreisel degradierten Stadtraums, schlug Moneo neben dem Neubau auch eine Umgestaltung der Plaza vor, die wieder zum Zentrum der Altstadt werden sollte. Für Moneo ist daher der Platz der Schlüssel zum Entwurf. War doch im eleganten Kreis der Barockbauten ein Gebäude gefragt, das sich weder aufspielt noch duckt, weder mit High-Tech-Spielereien vordrängt noch mit postmodernen Maskeraden anbiedert, das aber gleichwohl seine Position diskret und mit Bestimmtheit zu behaupten weiss.

Nicht nur diese anspruchsvollen Voraussetzungen erfüllte Moneo. Er ermöglichte der rückwärtigen Erweiterung des auf den Segura-Fluss ausgerichteten Rathauses zudem einen würdigen Auftritt am bisher ganz von der klerikalen Macht geprägten Cardenal-Belluga-Platz. Dem barocken Pomp antwortete er mit einer zur Plaza hin rational gestrafften Bauplastik und hielt mit der ihr wie ein riesiges Bild vorgesetzten Hauptfassade dem Gotteshaus einen Spiegel vor.

Der Anbau wächst aus einem gekurvten Graben empor. Der zeichnet den Grundriss des einstigen Stadtpalais nach und distanziert das neue Haus ein wenig von der historischen Umgebung. Die massiven, mit rosafarbenem Muschelkalk aus Cavila verkleideten Mauern geben sich unten burgartig, öffnen sich im Piano nobile jedoch zu einem diaphanen Wandsystem. Moneo deutete dabei die Säulen und Skulpturen der Kathedrale geschickt in kantige Pfeiler um, die die Stirnwand musikalisch rhythmisieren. Hinter ihnen glänzen blaue Fensterbänder, während eine Öffnung im Belvedere ein Stück Himmel rahmt.

Auch wenn Moneo gerne auf die Verwandtschaft seiner Schaufassade mit dem gigantischen neugotischen Retabel der Kathedrale hinweist, gibt es für sie in Murcia noch ein anderes Vorbild: den unter Franco errichteten Palast der Provinzabgeordneten am Segura. Das Fassadenraster und der zum Himmel hin transparente Belvedere gemahnen ausserdem an Terragnis Casa del Fascio in Como. Das heisst nun aber nicht, dass der Rathausanbau mit herrischer Geste weltliche Macht am kirchlich geprägten Platz zur Schau stellen wollte. Vielmehr vermeidet der asymmetrische Rhythmus alles Monumentale und verleiht der Fassade jene individuelle Note, dank deren sie sich abhebt von den neutralen Seitenfluchten, die in ihrer kubistischen Plastizität an Moneos Barceloneser Bürohaus erinnern.

Die Dynamik des trapezförmigen, von Moneo mit einer dunklen Pflästerung aus Piedra gris, hellen Travertinstreifen und einer Reihe Orangenbäume gestalteten Platzes fand Eingang im Grundriss des Neubaus. Aus dessen unregelmässigem Baukörper ist die Fassade so herausgedreht, dass sie der Kirche die Stirn bieten kann. Dadurch entsteht eine tief ins Gebäude eingekerbte Bruchzone, an der sich der Haupteingang befindet. Der führt in eine kleine Halle, die ebenerdig den Vortragssaal und über eine enge Treppe die vier Obergeschosse mit je einem sich nach Norden öffnenden Grossraum- und mehreren nach Süden orientierten Einzelbüros erschliesst. Im zweiten Stock befindet sich - dem Piano nobile des Bischofspalastes entsprechend - der doppelgeschossige Empfangssaal mit dem grossen, auf den Platz und die Kathedrale ausgerichteten Fenster. Der spektakuläre Blick von hier auf das barocke Architekturtheater bleibt der Bevölkerung verborgen, und auch der Belvedere ganz zuoberst ist unzugänglich, obwohl dort der ideale Platz für jene Bar gewesen wäre, die sich nun im gekurvten Graben versteckt. Doch viel entscheidender als dieses Detail ist, dass Moneo mit seinem Bau die schönste Platzanlage Murcias wiederbelebt hat.

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Für den Beitrag verantwortlich: NZZ-Folio, 01.08.1999

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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