Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin
Foster and Partners - Berlin (D) - 2005
Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin, Foto: Nigel Young / Foster + Partners
Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin, Foto: Jürgen Henkelmann / ARTUR IMAGES

Die Bücherwelle

Norman Fosters Bibliothek für die Freie Universität Berlin

von Claudia Schwartz

Wie eine wohlgenährte Zecke hält sich Norman Fosters neue philologische Bibliothek am Hauptgebäude der Freien Universität (FU) im Berliner Südwesten fest. «The Berlin Brain» haben die Bauverantwortlichen ihre neue Bibliothek für die Geisteswissenschaften getauft, von der man sich auch einen Imagewechsel erwartet: Fosters asymmetrisches Schuppentier aus Glas und Aluminium soll am Berliner Wissenschaftsstandort ein Zeichen setzen. Denn die im Jahr 1948 mit Hilfe der Amerikaner gegründete Bildungsstätte ist etwas ins Abseits geraten, seit mit dem Mauerfall die traditionsreiche Humboldt-Universität wieder ins Zentrum der Stadt rückte. Kommt hinzu, dass die FU-Institute in Dahlem in unzähligen Gebäuden etwas anonym über das schönste Berliner Villenviertel verstreut sind.

Der Überraschungseffekt

Norman Foster hat der Stadt mit der gläsernen begehbaren Reichtagskuppel schon einmal ein effektvolles Symbol beschert, und an diesen Erfolg soll der Neubau offensichtlich anknüpfen. Auch die Bibliothek lebt weniger von einem dezidierten baukünstlerischen Statement als vom Überraschungseffekt, den seine organische Blob- Architektur inmitten eines Stadtteils mit bürgerlichen Wohnhäusern darstellt. Bedauerlicherweise wurde sie aus finanziellen Gründen nicht als Solitär auf dem Areal des weitläufigen Campus placiert, sondern in einen eigens geschaffenen Innenhof des bestehenden Hauptgebäudes gestellt. Dieses ist, auf Le Corbusiers Modulor-System zurückgehend, zwar durchaus auf Flexibilität, auf Rück- und Weiterbau angelegt. Aber der aufgeblähte Bücherwurm blinzelt dadurch zur Strasse hin nur ein wenig über den Rand des Althergebrachten hinaus und wirkt beengt. Ein Bau mit Signifikanz ist es trotzdem geworden: Die futuristisch anmutende, auf optische Eigenständigkeit bedachte Bibliothek nimmt die Siebziger-Jahre- Patina des Campus samt seiner Idee einer offenen, demokratischen Architektur wie selbstverständlich mit ins 21. Jahrhundert.

Das als «Rostlaube» in die Architekturgeschichte eingegangene Hauptgebäude eignet sich heute nicht mehr als Vorzeigeobjekt, obschon die Architekten Georges Candilis, Alexis Josic und Shadrach Woods bei dessen Eröffnung 1973 einen strukturalistischen Wurf landeten. Statt in Schönheit zu verwittern, rostete die Stahlfassade durch. Mit dem Auftrag für den Bibliotheksneubau ging deshalb jener für die Sanierung des Überlieferten einher. Foster hat den etwas unübersichtlichen Universitätsbau sanft in seine heitere, leichte Funktionalität zurückgeführt.

Die neue Bibliothek, die elf Institutsbüchereien vereint, besteht aus einem kompakten fünfgeschossigen Kernbau. Er empfängt im Foyer mit zwei geschwungenen, von luftigen Galerien umspielten Flügeln, die man über eine offene Treppe vom Zentrum her erreicht. Über das Ganze spannt sich ein frei schwebendes Dach. Die wabenartige Stahl-Glas-Aluminium-Konstruktion sieht man im Inneren wie durch den Weichzeichner, da sich eine zweite Haut aus Glasfaser über den Kernbau wölbt. Die Bibliothek wird durch zwei tunnelartige Übergänge von der Rostlaube her erschlossen. Ihr etwas angestrengt knallig-gelber Anstrich verleiht dem Foyer Plastizität und bietet eine Orientierungshilfe, wirkt im Aussenbereich in Verbindung mit der herben Architektur der Rostlaube dagegen wie eine Baustellen-Markierung. Abgesehen von diesem ästhetischen Ausrutscher hat Foster eine in kühlem Grau und Weiss gehaltene, benutzerfreundliche Bücherhalle geschaffen, die das hier gesammelte Wissen in respektvoller Distanz präsentiert.

Sonne und Schatten

An den über 600 Leseplätzen entlang der wellenartigen Galerien arbeitet man ungestört vom Gestöber zwischen den Bücherregalen. Wer sich hier vergräbt, dem wird die Aussenwelt allerdings sehr fern. Denn nur das natürliche Spiel von Sonne und Schatten dringt durch das weisse Dach ins Innere. Fragt sich, ob Benutzer diese erzwungene Atmosphäre der Abgeschiedenheit auf Dauer als angenehm empfinden. Die Universitätsverantwortlichen haben die Isolationsfalle offenbar schon erkannt und setzen in ihrer Broschüre zum Neubau auf den «Flirtfaktor», den die an Sichtbezügen reiche Architektur biete.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung, 24.09.2005

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