'Möbius-Haus'

Wohnen in der Endlosschleife

Ein zweifach umschlungener Torus als Basisstruktur: In seinem Möbius-Haus modelliert Ben van Berkel die Bewegung und das fließende Ineinander von Lebensbereichen im Tagesablauf. Zum Raum kommt hier die Zeit.

von Franziska Leeb

Das Einfamilienhaus kann ein hervorragendes Experimentierfeld für Architektur sein: Neue Ideen und Strategien sind hier schneller und einfacher umzusetzen als im großen Maßstab. Auch das jüngste Einfamilienhaus des niederländischen Architekten Ben van Berkel ist ein eindrucksvolles und anschauliches Kompendium von Arbeitsweise und Entwurfsphilosophie des 41jährigen, der nach zehnjährigem Bestehen der Bürogemeinschaft mit Kunsthistorikerin Caroline Bos im Vorjahr eine neue Bürostruktur unter dem Namen UN Studio etablierte. (UN = United Net for Architecture, Urbanism and Infrastructure; ein international orientiertes Netzwerk interner und externer Spezialisten aus den Bereichen Architektur, Graphic Design, Konstruktion, etc. mit Sitz in Amsterdam)

So wie für jedes der Projekte - egal welcher Größe - wurde auch für dieses eine eigene Entwurfsstrategie entwickelt. Am Beginn stehen oft Diagramme, die den architektonischen Entwurf von Sprache und Interpretation befreien und dadurch präzise Aussagen über funktionale Anforderungen ermöglichen, aus denen eine Struktur gebildet werden kann.

Das Haus liegt auf einem vier Hektar großen Grundstück außerhalb von Amsterdam, in einer für Holland ungewöhnlich hügeligen und bewaldeten Gegend. Als Bauplatz wurde die Schnittstelle gewählt, an der unterschiedliche landschaftliche Qualitäten des von einem kleinen Fluß durchschnittenen Areals sich treffen. Die funktionalen Bedürfnisse der Bauherren bestanden darin, daß sämtliche Aktivitäten eines ausgefüllten Tagesablaufes Raum finden sollten. Ein Haus also, das mehr zu bieten hat als das heute übliche Durchschnittseinfamilienhaus, in dem nur die Nacht und Teile der Freizeit verbracht werden.

Als erste Annäherung wurde der Tagesablauf der Familie und ihre Bewegung im Haus innerhalb eines 24-Stunden-Zyklus in ein Diagramm übertragen. Überlagert von der Idee, die Landschaft im Haus erfahr- und erwanderbar zu machen, begab Van Berkel sich auf die Suche nach einer Struktur, die Raum, Zeit und Bewegung gleichermaßen zu verknüpfen vermag. Grafisch und mathematisch veranschaulicht wird die Idee der Endlosigkeit von Raum und Zeit im Möbius-Band, einem Band, dessen um 180 Grad verdrehte Enden miteinander verbunden werden.

Raumprogramm, Erschließung und Struktur gehen nahtlos ineinander über. Die unterschiedlichen Abläufe des Berufsalltags, des gesellschaftlichen Lebens, des Familienlebens und der privaten Ruhezeit sind innerhalb der Schleifenstruktur miteinander verwoben. Die Bewegung durch diese Schleife folgt dem Ablauf eines aktiven Tages, einem Schema, nach dem die Familie unter einem Dach zusammen leben, aber auch getrennte Wege gehen kann, um sich dann wieder an verschiedenen Punkten, an denen die Wegschleifen wiederum zu Räumen werden, zu treffen.

Herzstück des Erdgeschosses ist die Garage, die eher als Wohnzimmer für das Auto bezeichnet werden kann - eine Referenz an die Unverzichtbarkeit des PKWs in der abgelegenen Nobelgegend. Der fußläufige Zugang führt als schmaler Schotterweg hinab zum versteckten Eingang im untersten Geschoß, über dem das Hauptgeschoß weit auskragt.

Die Idee zweier Einheiten, die ihre eigene Bahn verfolgen, manche Momente aber teilen, eventuell an manchen Punkten umdrehen, ist auf die Materialisierung des Gebäudes und seine Konstruktion ausgedehnt. Die Möbiusstruktur erlaubt nahezu stützenfreie Räume, die das barrierefreie Ineinanderfließen der Bereiche ermöglicht. Diese Bewegung ist auf die zwei Hauptmaterialien übertragen: Glas und Beton bewegen sich aneinander vorbei und tauschen Platz. Das Außen kehrt sich nach Innen und umgekehrt, und im Inneren wächst aus dem Band die Infrastruktur in Form von Tischen oder Regalen. Die hybride Betonkonstruktion erweitert sich zur Möblierung, und die Glasfassade wendet sich als Trennwand nach innen. Besteht der Boden aus Beton, befindet sich darüber eine Decke aus rötlichem Holz, ist der Boden aus Holz, schließt eine Decke aus Sichtbeton den Raum ab. Die äußere grüne Beschichtung der raumhohen Doppelverglasung filtert das rote Licht von draußen und entmaterialisiert scheinbar die Grenzen zur - von den Rotterdamer Landschaftsarchitekten West 8 gestalteten - Landschaft.

Türen und Geländer aus hellem Sperrholz wirken wie eine weiche innere Haut parallel zur harten Hülle. Van Berkel legte Wert auf hohe taktile Qualität der Oberflächen, betrachtete das Haus als zweite Bekleidung. Es ist ein Porträt der umgebenden Landschaft wie auch seiner Bewohner, die sehr stark in die Planung involviert waren, aber nie eine Wunschvorstellung vom Aussehen ihres Hauses hatten.

Ben van Berkel löste sich damit weitgehend von prädeterminierten Konzepten über Form und Funktion eines Hauses. Fassade, Decken, Dach, Fenster, Möbel existieren hier nicht mehr im herkömmlichen Sinn. Es gibt kaum fixe Funktionszuordnungen, die einzelnen Bereiche fließen nahtlos ineinander über. Bloß zwei Büros, Schlafzimmer und die Zimmer der Kinder sind abtrennbare Räume.

Fotografisch dokumentiert wurde das Möbius-Haus nicht nur mit den Mitteln konventioneller Architekurfotografie. Damit allein wäre es nicht gelungen, die Bewegung durch das Haus, die schließlich strukturbildendes Prinzip ist, abzubilden. Details hervorzuheben oder bestimmte Bereiche idealisierend wiederzugeben würde den architektonischen Prinzipien, auf denen das Haus basiert, widersprechen. Um die Imagination aller an der Entstehung Beteiligten zu transportieren, schien es geeigneter, Fotografien auch in Form von Film-Stills (s.o., 3. Bild) zu produzieren. Stylisten und Models wurden engagiert, die einen Tagesablauf im Haus inszenierten und simulierten. Ein Architektur- und ein Modefotograf - Christian Richters und Ingmar Swalue - näherten sich dem Möbius-Haus, um die Idee der Bewegung ebenso darzustellen wie einem bestimmten Lebensstil einen passenden Hintergrund zu verleihen.

Unser aller Vorstellungen beinhalten auch die verschwommene, halb unbewußte Beschäftigung mit kollektiven Visionen, wie dem Glamour der Hochglanzmagazine, Sex, Werbung oder Ruhm: Für Ben van Berkel keine Veranlassung, sich ausgerechnet als Architekt krampfhaft davon zu lösen und seine Produkte als erhabene, unberührte Objekte zu präsentieren: Auch Architekten dürfen Anteil an den gewöhnlichen Träumen der Gegenwart nehmen.

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Für den Beitrag verantwortlich: Der Standard, 08.05.1999

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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