IBM Schweiz, Foto: Walter Mair
IBM Schweiz, Foto: Walter Mair
IBM Schweiz, Foto: Walter Mair

Modular, nicht monoton

Ein Granitblock mit Lochfassade in Zürich, ein Hochhaus mit Glas-Metall-Fassade in Frankfurt – die beiden von Max Dudler erbauten Geschäftshäuser sind auf den ersten Blick komplett unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen der Bezug zum urbanen Umfeld, die Anknüpfung an traditionelle Bautypen der europäischen Stadt und die Interpretation der Fassade als plastisches Element.

von Judit Solt

Zur Zeit seiner Entstehung vor rund hundert Jahren war das Bürohochhaus ein fast ausschliesslich von wirtschaftlichen Zwängen, Pragmatismus und technischen Errungenschaften geprägter Bautypus. Das Wachstum des Sekundärsektors und die durch Spekulation angeheizte Explosion der Bodenpreise im Stadtzentrum führten im Chicago des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu Versuchen, in die Höhe zu bauen. Technische Neuerungen wie die feuersichere Verkleidung der Strukturelemente beim Stahlskelettbau, die Windversteifung und schwimmende Fundamente ermöglichten die Erstellung erster Hochhäuser. Die für den Benutzer wohl spektakulärste Innovation, der ab 1857 von Elisha Otis eingesetzte Personenaufzug, prägte denn auch den Namen der neuartigen Bauten, die vorerst als elevator buildings bezeichnet wurden; der auf den visuellen Eindruck bezogene Begriff skyscraper kam erst später auf. Louis H. Sullivan beschrieb die eilig hochgezogenen Zweckbauten als «sterile, grobe, rohe, brutale Haufen» mit der «starren, widerspenstigen Fratze ewigen Kampfes»(1).
Dennoch gab es von Anfang an Bestrebungen, das Hochhaus als auch architektonisch befriedigendes urbanes Gebäude auszubilden. Entscheidende gestalterische Themen waren – und sind bis heute – die Wirkung des hohen Baukörpers im urbanen Umfeld, die Kombination von öffentlichem Erdgeschoss, gleichförmigen Büroetagen und Dachabschluss sowie das Verhältnis zwischen Tragstruktur und vorgehängter Fassade.

Mit diesen Themen setzen sich auch die beiden Hochhäuser auseinander, die Max Dudler dieses Jahr in Zürich beziehungsweise Frankfurt am Main fertig gestellt hat. So unterschiedlich die zwei Bauten auf den ersten Blick erscheinen – der eine hat eine skulptural wirkende Granitfassade, der andere eine Glas-Metall-Haut –, die ihnen zu Grunde liegenden Überlegungen sind die gleichen. Im Zentrum steht der Bezug zum Kontext der europäischen Stadt: die Wahrnehmung aus der Ferne und der Nähe, die verschiedenen Abstufungen von Öffentlichkeit, angemessene Formen der Repräsentation. Eingangsbereich und Fassade, denen in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zukommt, sind mit grosser Aufmerksamkeit gestaltet. Bei der Gliederung der Bauten hielt sich Dudler als Antwort auf die Heterogenität der modernen Stadt bewusst an klassische Prinzipien. Die Teilung in Sockel, Schaft und Attika knüpft an die Tradition des florentinischen Palazzo und des städtischen Geschäftshauses an. Vertraute Elemente wie Vorplatz und Eingangshalle erleichtern die Orientierung; der Kräfteverlauf ist nachvollziehbar, die Proportionen ruhig, die Architektursprache reduziert, die Details perfektioniert. Doch trotz dieses Willens zur Kontinuität und trotz formaler Zurückhaltung sind die beiden Bauten nicht zu übersehen: Ihre beeindruckende Präsenz verdanken sie ihrer kompakten Volumetrie und nicht zuletzt auch der Ausbildung der Fassade, die Dudler in beiden Fällen als dreidimensionales Element interpretiert.

IMB Schweiz, Zürich

Der in der Nähe des Bahnhofs von Zürich-Altstetten gelegene IBM-Hauptsitz geht auf einen im Auftrag der Technologiefirma durchgeführten eingeladenen Wettbewerb zurück, den Max Dudler im Jahr 2000 für sich entscheiden konnte. 2002 verabschiedete der Zürcher Gemeinderat den von IBM eingereichten Gestaltungsplan. Errichtet wurde der Neubau indes von der als Totalunternehmerin fungierenden Allreal Generalunternehmung; Bauherrin und Besitzerin ist die Allreal Vulkan AG. Die IBM selbst, die das Generalmandat ausschrieb und einen Investor für das Bauvorhaben suchte, ist Mieterin für mindestens zehn Jahre. Aus dieser Konstellation folgt, dass das Gebäude einerseits ästhetisch und funktional auf die Bedürfnisse der IBM auszurichten war, anderseits aber auch flexibel genug sein musste, um potenziell für weitere Nutzer attraktiv zu sein.
Der im Mai 2005 fertig gestellte Neubau besteht aus einem siebengeschossigen Hofgebäude, das sich nach Westen als Zeile fortsetzt und auf der Südostseite in einem fünfzehngeschossigen Turm kulminiert. Zusammen mit dem Obsidian-Hochhaus von Baumschlager & Eberle Architekten (archithese 1.2005) bildet das Gebäude gleichsam ein Tor an Zürichs westlicher Einfallsachse. Von weitem betrachtet wirkt es fast abstrakt – ein massiver Granitkubus mit unzähligen, rigoros orthogonal angeordneten identischen Fenstern, die rahmenlos und tief in den Stein gebohrt zu sein scheinen und lediglich im obersten und in den beiden untersten Geschossen von jeweils einem Band liegender, bündig zur Steinoberfläche verglaster Öffnungen kontrastiert werden. Im Kontext der grossen Dienstleistungsbauten, die das Gebiet zwischen Schienen und Autobahn füllen und die bei weitem nicht alle gut altern, wirkt der Neubau zeitlos.

Bemerkenswerterweise relativiert sich beim Nähertreten die Monumentalität, die dem Gebäude auf Distanz eigen ist. Der feinkörnige, mit Wasserhochdruck behandelte Granit der Fassade erzeugt eine sinnliche Oberfläche. In den Regelgeschossen halten sich der Glas- und Steinanteil die Waage, ebenso wie die horizontal und vertikal angeordneten Steinplatten, welche jeweils gleich bemessen sind; das Gebäude strahlt eine archaische Gelassenheit aus. Zudem zeigen sich Variationen der strengen Gestaltungsregeln: So sind die Öffnungen im Erdgeschoss etwas weniger breit als diejenigen im darüber liegenden Mezzanin, was den unteren Sockelbereich gefühlsmässig stabiler macht. Der Rhythmus der tief in die Laibung zurückversetzten Fenster, die tektonische Anordnung der Platten und die geschlossenen Fugen erhöhen die plastische Wirkung der Fassade.

Man betritt das Gebäude durch einen zentral angelegten, zweigeschossigen Eingang am Fuss des Turmes. Die ebenso hohe Eingangshalle ist – als Fortsetzung des öffentlichen Aussenraums nach innen – am Boden, an der Basis der Stützen und an den Wänden mit dem gleichen Granit verkleidet wie die Fassaden. Der geschliffene, nur leicht spiegelnde Stein und die baldachinartige, von sechs weissen Pfeilern getragene Lichtdecke verleihen dem Raum gediegene Eleganz. Von hier aus gelangt man über einen niedrigeren Bereich mit Garderoben in den ebenfalls zweigeschossigen, gedeckten Innenhof, die so genannte Markthalle. Auch diese ist von weissen Pfeilern gegliedert – so vielen und so dicken Pfeilern, wie sie statisch kaum gebraucht würden, wie sie aber räumlich nötig sind, um eine Art Säulenhalle zu erzeugen. Die weisse Kassettendecke mit quadratischen Oberlichtern und kubischen blauen Leuchten wirkt in ihrer Regelmässigkeit leicht und erhaben zugleich. Auch hier ist der Boden mit Granit gefliest; doch im Gegensatz zur Eingangshalle bildet der Stein nur noch niedrige Leisten an der Basis der Stützen und fehlt an den Wänden ganz: Die subtilen Abstufungen des Öffentlichkeitsgrades spiegeln sich im differenzierten Einsatz der Materialien.

Während die Markthalle für grosse Veranstaltungen vorgesehen ist, sind um sie herum die für ein breiteres internes Publikum bestimmten Räume angeordnet: Auditorium, Verkaufsräume, Sitzungszimmer, Cafeteria. Erschlossen werden sie von einem offenen, eingeschossigen Gang, dessen mit heller Eiche verkleideten Wände und das Parkett aus Räuchereiche signalisieren, dass eine neue Grenze überschritten wurde. Das Restaurant wiederum, das sich im nordwestlichen Gebäudeteil befindet, vermittelt mit seinem Granitboden, den Einbauten aus Eiche, einzelnen ochsenblutroten Elementen und den quaderförmigen, eigens entworfenen orangefarbenen Leuchten sowohl Geborgenheit als auch elegante Distanz.

In den Bürogeschossen – der Neubau bietet 1250 Arbeitsplätze für rund 2200 Mitarbeitende – herrscht zurückhaltende Funktionalität vor. Auch hier wurde auf formale Reduktion geachtet: Die speziell entwickelten Leuchten mit integrierten Sprenklern sind in die Deckenelemente eingelassen, der graue Teppich gleicht sich dem Farbton der Fassade an. Hier verschwindet der steinerne Charakter des Gebäudes fast ganz; die geschosshohen Kastenfenster beherrschen den Raum, der Blick öffnet sich auf den Innenhof und die Stadt.

Bürohochhaus Ulmenstrasse, Frankfurt am Main

Beim Ende 2005 fertig gestellten Hochhaus in der Frankfurter Innenstadt handelt es sich um einen Umbau. Entstanden ist dennoch ein neues Gebäude: Zwar blieb der Rohbau – ein scheibenförmiges Hochhaus und ein orthogonal dazu stehendes, sechsgeschossiges Nebengebäude – weitgehend erhalten, doch die Fassade, der Innenausbau und die Erschliessung wurden vollständig ausgetauscht. Zudem wurde das bestehende Hochhaus auf 17 Etagen aufgestockt.
Wie beim IBM-Hauptsitz fokussiert der Entwurf auch hier auf das Zusammenspiel von Stadt und Gebäude. Die städtebauliche Situation war indes keine einfache: Das wilde Nebeneinander von Gründerzeitvillen, bescheidenen Mehrfamilienhäusern der Nachkriegszeit und in die Jahre gekommenen Bürotürmen bot kaum übergreifende Ansatzpunkte. Um dennoch Kontinuität herzustellen, konzentrierte sich Dudler auf wenige, traditionelle Prinzipien. So befindet sich der Eingang des Hochhauses nun in der Mitte von dessen Hauptfassade, und auch jener des Nebenbaus, der vorher im Gelenk zwischen den beiden Volumina eingeklemmt war, wurde verschoben. In der Eingangshalle des Hochhauses findet sich der gleiche Granit wieder, der auch auf dem Vorplatz verwendet wurde – im Erdgeschoss ist eine Cafeteria geplant.

Feine Differenzierungen der Aussenhaut verleihen dem Gebäude Kraft und Gestalt. Die modular aufgebaute, tiefe Glas-Metall-Fassade – eine Reverenz an Mies van der Rohes Seagram Building – betont die Gebäudeecken und strahlt trotz ihrer offensichtlich nicht-statischen Funktion Stabilität aus. Sie zieht sich nahtlos um die beiden Volumina – und überdeckt beim Hochhaus auch zwei bestehende, extern angeordnete Aussteifungsmauern: Wo «konstruktive Ehrlichkeit» zu einer Aufteilung der Fassade in unterschiedlich materialisierte Bereiche geführt hätte, hat sich Dudler gegen die Flächencollage und für kompakte Körper entschieden. Weiter fällt auf, dass die Eingangshallen, die sich hinter den beiden zweigeschossigen Eingängen befinden, lediglich eingeschossig sind und dass die Überhöhe der Eingänge somit «nur» repräsentativen Zwecken dient – und natürlich auch dazu, den durch die vertikale Halbierung des Fenstermasses in Erd- und Mezzaningeschoss angedeuteten Sockelbereich zu betonen. Eine weitere Halbierung des Fenstermasses auf der Schmalseite des Turmes unterstreicht – ganz entgegen der sonst angestrebten Regelmässigkeit – die Kanten des Gebäudes und hebt dessen Höhe hervor. Im Anschlussbereich der beiden Trakte wurden Sondermasse in Kauf genommen. Und schliesslich führte die (gegebene) Höhe des Nebenbaus dazu, dass Dudler auf eine konsequente Gliederung in drei Hauptteile verzichtet hat: Das Attikageschoss fehlt, was angesichts der Tatsache, dass nur noch zwei Regelgeschosse über dem zweigeschossigen Sockel übrig geblieben wären, durchaus Sinn ergibt. Beim Turm dagegen setzt sich die Dreiteilung ganz im Sinne von Sullivans Tripartite-Theorie fort: Zwischen Sockel und Attika, die in diesem Fall von den beiden obersten Geschossen gebildet wird, stapeln sich die Bürogeschosse, «eine Etage wie die andere, ein Büro wie das andere – jedes Büro eine Wabe in einem Bienenstock, nur eine Zelle und nichts weiter» (2). Die beiden Bauten in Zürich und Frankfurt zeigen, wie viel Sorgfalt und Sensibilität es braucht, bis dieses «nichts weiter» zu einem städtischen Geschäftshaus wird.

Anmerkungen:
(1) Louis H. Sullivan, «Das grosse Bürogebäude, künstlerisch betrachtet», in: Paul Sherman, Louis H. Sullivan – Ein amerikanischer Architekt und Denker, Berlin 1963.
(2) Ebd.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese, 05.03.2006

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Hannes Mayer

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