Bauwerk

CCTV-Tower
OMA - Peking (VRC) - 2008
CCTV-Tower, Foto: Christian Richters / ARTUR IMAGES
CCTV-Tower, Foto: Christian Richters / ARTUR IMAGES

Wider die Architecture Parlante

Unübersehbar schreibt sich schon jetzt das CCTV Building in den Himmel über Peking ein. Die Architekten setzen nicht auf die Höhe, sondern auf eine Form, die aus der Interpretation des Raumprogramms resultiert. Es stellt sich aber auch die Frage nach Form und Bedeutung.

19. August 2008 - Hubertus Adam

Zu Beginn des Jahres 2002 erhielt das Office for Metropolitan Architecture die Einladung, an zwei prominenten internationalen Wettbewerben teilzunehmen: an dem für den Wiederaufbau von Ground Zero in New York – und dem für das Headquarter des chinesischen Staatsfernsehens CCTV (Central China Television) in Peking. Am Ende erschien den Rotterdamer Architekten um Rem Koolhaas das Wagnis, das weltgrösste Fernsehgebäude im boomendsten Staat der Erde zu konzipieren, interessanter zu sein, als einige trotzig in den Himmel ragende Hochhäuser auf dem Footprint des zerstörten World Trade Centers zu errichten.

Ist CCTV bislang an der Kreuzung von Chang’an Avenue (also der zentralen West-Ost-Achse) und 3. Ring Road im Westen der Stadt ansässig, so stand für den kompletten Neubau von Produktions- und Sendeanlagen ein Gelände exakt in gleicher Lage – also der Kreuzung von Chang’an Avenue und 3. Ring Road – im Osten der Metropole zur Verfügung, inmitten des im Entstehen begriffenen Central Business District. Das 1959, als das Fernsehen in China eingeführt wurde, errichtete, bisherige Sendegebäude gibt sich als hermetische Festung, nun aber wünschten sich die für den Neubau verantwortlichen Planer einen Komplex, der sich einladender geben sollte. Von den gewünschten 600000 Quadratmetern Nutzfläche sollten 120000, also ein Fünftel, öffentlich sein – und das, so Ole Scheeren, der für CCTV verantwortliche Partner von OMA, sei als Zeichen des Wunsches nach Öffnung ein entscheidender Punkt gewesen, den Auftrag anzunehmen. In Gesprächen betont Scheeren, dass die Diskreditierung des CCTV als monopolisierte staatliche Propagandamaschine die Realität nur noch bedingt trifft: Zum einen finanziert sich das chinesische Fernsehen mittlerweile zu 90 Prozent aus Werbeeinnahmen und nur noch zu 10 Prozent aus staatlichen Mitteln, hat sich folglich eine potenzielle Autonomie geschaffen; zum anderen entstammten diejenigen, die das Neubauprojekt betrieben und auch durchsetzen konnten, einer jungen Generation der 30- bis 45-Jährigen, die sich in ihrem beruflichen Selbstverständnis an Sendern wie der BBC orientiere und mit der Ära der Apparatschiks nichts mehr zu tun habe. Finanziert wird das auf 5 Milliarden RMB veranschlagte Gebäude übrigens vom Sender selbst und nicht durch staatliche Mittel. Die Bereiche ausserhalb der 2. Ring Road, welche dem Verlauf der kaiserzeitlichen Stadtmauer folgte, waren unter Mao mit Hochdruck industrialisiert worden. Inzwischen sind die Fabriken verlagert, und das einst mit Produktionshallen bebaute Gelände bot den Anblick einer Tabula rasa, als OMA mit der Planung begann. Von Seiten der Stadtplanung bestand die Vorstellung, das planierte Areal von 200 Hektar – von denen das Grundstück des CCTV 24 Hektar beansprucht – vollständig mit Hochhäusern zu bebauen. Tatsächlich schiessen inzwischen auch überall neue Türme aus dem Boden. Koolhaas indes, der sich seit Delirious New York kontinuierlich mit Highrise Buildings und deren Potenzialen beschäftigt hat, schien es an dieser Stelle ungeeignet, sich auf das Potenzgerangel um die höchste Spitze einzulassen. Einerseits kann man diesen Kampf nicht gewinnen, weil stets der Nachbar noch etwas höher baut.

Andererseits, und diese Erkenntnis wiegt schwerer, sieht Koolhaas die Typologie des Hochhauses im Zeitalter ihrer Stagnation. Hatte ihn am Beispiel des New York der Jahre um 1900 die Hybridisierung von Funktionen in einer Architektur der bigness interessiert, so muss man konzedieren, dass in den letzten Jahrzehnten die meisten Hochhäuser monofunktional als Büro- oder Wohnhäuser errichtet werden. Das gilt insbesondere für Asien, das inzwischen hinsichtlich der Zahl der Wolkenkratzer Europa und Amerika übertrifft.

OMAs erste Festlegung bestand darin, die öffentlichen Bereiche von dem Produktionszentrum abzutrennen. Das bedeutete das Errichten zweier Gebäude: Das CCTV Building steht im Süden des Areals, direkt an der Kreuzung von Chang’an Avenue und 3. Ring Road. Etwas weiter nördlich befindet sich das TVCC (Television Cultural Center) Building. Für das Hauptgebäude wurde sodann ein Funktions- und Raumprogramm entwickelt. Um der im alten Produktions- und Sendegebäude charakteristischen Vereinzelung der Produktionseinheiten und überdies der klassischen Hierarchie im Hochhaus zu begegnen, entwickelten Koolhaas und sein Team das Konzept eines continuous loop – sämtliche Räume sind in einem einzigen, ringförmigen Volumen zusammengefasst. Anders als Peter Eisenman bei seinem Max-Reinhardt-Haus für Berlin entwarf OMA aber kein tordiertes Gebäude, das verdreht zur Basis zurückgebogen ist. Vielmehr kann man den Bau in Peking als Hochhaus verstehen, das mehrfach geknickt wurde. Oder auch als Arrangement aus sechs angeschrägten Volumina: Zwei bilden als winkelförmige Formation den Sockel, zwei stehen vertikal, zwei kragen – gegenläufig zum Sockel – als Wolkenbügel aus. Neben dieser additiven (plastischen) Lesart ist auch eine subtraktive (bildhauerische) möglich: Dann wäre das CCTV Building das Überbleibsel einer Pyramide, die durch Absägen und Aushöhlen modifiziert wurde. Das Gebäude hat insgesamt 48 Geschosse und erreicht eine Höhe von gut 200 Metern.

Die eigentliche Herausforderung bestand für die Architekten und Ingenieure darin, das Gebäude, das auf einer Höhe von 162 Metern mit dem 37. Geschoss 74 Meter auskragt, zu berechnen und eine statisch tragfähige Lösung zu finden. Dies um so mehr, als Peking in einer erdbebengefährdeten Zone liegt. Schliesslich entschied man sich dafür, die Tragwerkstruktur an die Fassade zu legen. Das gesamte Gebäude ist umhüllt von einer netzartigen Käfigstruktur aus Stahl, welche die Druck- und Zugkräfte aufnimmt. Wo erforderlich, wurde das Netz dichter gespannt, wo weniger Kräfte auftreten, zeigt es sich grobmaschiger. Am 8. Dezember 2007 konnten die beiden separat gebauten Türme mit dem ersten Stahlträger verbunden werden. Die Fassade besteht aus mehrschichtigem Glas, in die eine gitterartige Struktur als Sonnenschutz eingelassen ist.

Gegenüber der konstruktiven Komplexität des CCTV Building erforderte das TVCC weniger Aufwand. Es besteht aus einem viergeschossigen Sockel, der Raum bietet für Aufnahmestudios, Kinosäle, Ausstellungsbereiche, die Hotellobby sowie einen Ballsaal. Über dem Sockel ragt der Hotelturm auf. Auf der Nord- und Südseite flankieren Scheiben aus Hotelzimmern ein 100 Meter hohes Atrium. Die Fronten der Zimmer bilden im Norden eine glatte verglaste Fassade, während sie im Süden vor- und zurückspringen, sodass die Wirkung eines Pixelrasters entsteht. Ein gefalteter Überwurf aus Titanzinkblech überzieht das gesamte Volumen und verbindet Sockel und Turm zu einer einheitlichen Form.

Während das TVCC – das Fünfsternehotel wird von Mandarin Oriental betrieben – zu den Olympischen Spielen eröffnet werden soll, wird sich die Fertigstellung des CCTV Headquarter noch etwa um ein Jahr verzögern; auch in China war der ehrgeizige Zeitplan nicht einzuhalten. Insofern lässt sich das Projekt auch nicht abschliessend beurteilen. Das betrifft insbesondere das Innere, in dem ungefähr 10000 Menschen arbeiten und Inhalt für bis zu 250 Fernsehkanäle produziert werden sollen. Zu dieser gigantischen Menge an Beschäftigten kommen die Besucher. Neben professionellen Gästen wird das Gebäude auf Initiative von OMA auch vom breiten Publikum besucht werden können. Die Idee eines visitor’s loop, der den Besuchern auf einem der Form des Gebäudes folgenden Rundgang das Fernsehmachen – und natürlich auch die Architektur – vor Augen führen will, entstand während der Planungsphase, wurde aber von den Auftraggebern – so Scheeren – umstandslos akzeptiert. Besonders eindrücklich dürfte der Besuch im 37. Geschoss sein, wo durch verglaste kreisförmige Aussparungen im Boden der Blick 160 Meter in die Tiefe fällt.

Besser beurteilen lässt sich die Wirkung im Stadtraum, seitdem die Rohbaustruktur mehr oder minder fertiggestellt ist. CCTV ist zu einer Ikone im Stadtbild geworden, und trotzdem das Gebäude von anderen Bauten überragt wird, wirkt es aufgrund seiner ungewöhnlichen Form markant und daher unübersehbar. Koolhaas und Scheeren betonen gerne, die ausladene Geste der elf auskragenden Geschosse sei eine Geste der Öffnung zur Stadt: CCTV umarme die Öffentlichkeit. Welche Anmutungsqualität aber der von Petra Blaisse (Inside/Outside) entworfene öffentliche Park unter dem geknickten Wolkenbügel hat, auch das wird man abwarten müssen. Bemerkenswert ist auf jeden Fall, dass sich das CCTV Building gängigen Kategorisierungen entzieht. Es wirkt, je nach Standort und Lichteinfall, mal leicht und mal massiv, mal monumental und mal fragil. In einem Zeitalter, in dem das Fernsehen in sein digitales Zeitalter eintritt, hat OMA der Versuchung widerstanden, mit einer flirrenden Medienfassade den konstruktiven Charakter der Architektur zu überspielen. Im Gegenteil, mit der Offenlegung des Kräfteverlaufs an den Fassaden zeigt es deutliche physische Präsenz – und wirkt doch wieder mitunter auch labil. Mit dieser bewussten Ambivalenz könnte das CCTV Building paradigmatisch für eine neue Architektur stehen, die sich der Eindeutigkeit verweigert. Sie ist konstruktiv und zeichenhaft zugleich – aber keine architecture parlante im klassischen Sinne. Es handelt sich, semiotisch gesprochen, um einen Signifikanten, der nicht mehr auf ein Signifikat zielt. Also um ein Zeichen ohne explizite Bedeutung. Sinn muss somit stets neu konstituiert werden. Das, so will man hoffen, kann ein Potenzial sein.

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