Bauwerk

Mensa in Karlsruhe
Jürgen Mayer H. - Karlsruhe (D) - 2007
Mensa in Karlsruhe, Foto: Karin Heßmann / ARTUR IMAGES
Mensa in Karlsruhe, Foto: Roland Halbe / ARTUR IMAGES
Mensa in Karlsruhe, Foto: Roland Halbe / ARTUR IMAGES

Lob der Elastizität

Die neue Mensa in Karlsruhe ist ein markantes, unübersehbares Gebäude. Das Prinzip der Elastizität, aus dem der Architekt die Ursprungsidee entwickelt hat, bestimmt auch den Umgang mit Konstruktion und Materialität. Nicht zuletzt oszilliert das Werk zwischen Kunst und Architektur.

03. April 2007 - Hubertus Adam

Seit 1890 wurde in Karlsruhe Fussball gespielt – der aus England importierte Sport gab einem zuvor unbenannten Platz einen Namen; er hiess nun Engländerplatz und gilt als einer der ersten Bolzplätze Süddeutschlands. Lokalen Überlieferungen zufolge fand hier 1899 ein frühes «Länderspiel» gegen eine Auswahl aus England statt. Der Engländerplatz liegt westlich des Schlosses der einstigen badischen Residenzstadt, zwischen den radial vom Schlossturm als dem geometrischen Zentrum der barocken Idealstadt ausstrahlenden Strassenachsen Moltkestrasse und Knielinger Allee. Damit ist er Teil einer porösen Stadtkante: Hier prägt nicht mehr eine kompakte Blockstruktur die Bebauung, sondern ein lockeres Ensemble zumeist öffentlicher Bauten, darunter die Sporthalle der Pädagogischen Hochschule, das Haus der Jugendverbände, die Jugendherberge und die aus der Fachhochschule hervorgegangene Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft. Nach Norden vermittelt der Engländerplatz zu den Park- und Grünbereichen, welche das Schloss auf der Nordseite umgreifen und sich im ausgedehnten Forst des Hardwalds fortsetzen.

Von der Stütze zur Fläche

Im südlichen Bereich des Engländerplatzes ist jetzt eine neue Mensa entstanden, die sich zur Moltkestrasse hin orientiert, vom Studentenwerk betrieben wird und vor allem der nahe gelegenen Hochschule für Technik und Wirtschaft, aber auch der Pädagogischen Hochschule sowie der Akademie der bildenden Künste dient. Anfang 2004 hatte der junge Berliner Architekt Jürgen Mayer H. den offenen Realisierungswettbewerb mit einem Konzept gewonnen, das die Jury unter Vorsitz von Arno Lederer als «eigenwillige, kraftvolle, architektonische Antwort» eingestuft hatte. Skepsis herrschte indes hinsichtlich der Kosten: «Der unkonventionelle Ausdruck ist nicht mit ganz gewöhnlichen Bauteilen zu realisieren, und das Mass der Aufwändungen dadurch schwer einschätzbar.»

Ein Videoclip auf der Homepage von Jürgen Mayer H., der 2002 mit dem Stadthaus Scharnhauser Park auf den Fildern bei Stuttgart bekannt wurde, illustriert die Grundidee, die den Ausgangspunkt für das Konzept des Bauwerks in Karlsruhe darstellt. Zwei Platten liegen aufeinander und sind durch eine zähe, klebrige, elastische Masse miteinander verbunden. Hebt man die obere Platte dieser Sandwichkonstruktion an und neigt sie nach vorne oder hinten, so ergeben sich elastische, fadenartige Gespinste, welche die Kanten der beiden Platten miteinander verbinden. Mayer H. übertrug diese Vorstellung in den grossen Massstab: Die Mensa, die nicht unterkellert ist, ruht auf einer leicht trapezoiden Bodenplatte von ungefähr vierzig Metern Breite und 55 Metern Tiefe. Die beiden Längsseiten stehen parallel zueinander, die Vorderfront dazu im rechten Winkel. Aus dem orthogonalen Gefüge schert allein die Rückseite aus – der Architekt thematisiert auf diese Weise die unterschiedliche Ausrichtung der beiden Strassenachsen, zwischen denen sich der Engländerplatz aufspannt.

Die Dachfläche fällt von Süden – also der Front zur Moltkestrasse – Richtung Norden ab. An der Vorderfront beträgt die Höhe des Gebäudes zehn Meter, an der Rückfassade sind es nur noch sechs. Verbunden werden die beiden Ebenen durch unterschiedlich geneigte Stützen, die zum Teil zu V-, Y-, H- oder A-förmig anmutenden Konfigurationen verbunden sind. Jürgen Mayer H. interessiert sich seit langem für Datensicherungsmuster, übereinander gedruckte Buchstaben- und Zahlenkolonnen, die sich zum Beispiel in Briefumschlägen für Kontoauszüge finden. Das Verhältnis von offenen und geschlossenen Flächen wandelt sich an der Mensa sukzessive: Vorne sind die Stützen hoch und umschliessen grosse Freiräume, nach hinten wird, entsprechend dem Absenken des Dachs, der Anteil von Durchbrüchen geringer, die Stützen verdichten sich zu Wänden. Diese Verschiebung der Proportionen verweist auf die interne Logik des Gebäudes, in dem sich ein Publikums- und ein Produktionsbereich miteinander verschneiden. Der Publikumsbereich gliedert sich in verschiedene Zonen: Auf den loggiaartigen Aussenraum folgt die zwei Geschosse übergreifende Mensahalle, die sich in den eigentlichen Speiseraum auf der Ostseite und eine Café-Lounge auf der Westseite gliedert. Hinter einer offenen Stützenschicht schliesst sich ein weiterer Speisesaalbereich an, der sich in einen Erdgeschoss- und einen Emporenbereich gliedert, schliesslich folgt die Speiseausgabe im Zentrum des Gebäudes, die dreiseitig von den Produktionsbereichen umgeben ist. Dazu gehören auf der einen Seite die Küche und auf der anderen Seite die Spülräume, aber auch Lagerräume, Umkleiden und – ganz im nordwestlichen Zwickel – das Büro. Insgesamt bietet die Mensa 480 Sitzplätze. Bei dreifachem Wechsel können somit täglich bis zu 2000 Studierende mit Essen versorgt werden.

Einen besonderen Reiz stellt bei gutem Wetter die in das Dach eingeschnittene Aussenterrasse dar, die von den Sitzbereichen auf der Galerieebene aus zu erreichen ist. Man kann von hier aus auf die zum Teil bepflanzten Dachflächen blicken, aber dank der Neigung des Dachs auch nach Norden, also in Richtung Park.

Materialwechsel

Ursprünglich war es geplant, das gesamte Gebäude in Beton auszuführen. Als das sich als nicht finanzierbar erwies, schwenkte Jürgen Mayer H. auf Stahl um. Weil aber auch eine derartige Konstruktion die Kosten gesprengt hätte, wurde die Mensa schliesslich als Holzbau realisiert. Jürgen Mayer H. geht es nicht um die heute ohnehin nicht mehr konsequent verfolgbare Materialgerechtigkeit, sondern um ein optisch-räumliches Konzept, das auch bei einer anderen Konstruktionsweise konstant bleiben konnte. Wände und Stützen bestehen aus präfabrizierten, mit Mineralwolle gefüllten Hohlkastenelementen, die im Publikumsbereich sechzig, im Produktionsteil indes dreissig Zentimeter stark sind und vor Ort mit einer zwei Millimeter starken Haut aus Polyurethan versehen wurden. Diese Schicht verleiht dem Gebäude eine homogene Oberfläche und verbirgt die Materialität. Indem die konstruktiv-tektonische Fügung visuell eliminiert wird, gewinnt das Volumen eine skulpturale Qualität und wirkt letztlich massstabslos. Vergleiche mit der Soft-edge-Ästhetik der Siebzigerjahre drängen sich auf, was nicht zuletzt am artifiziellen Gelbgrün (RAL 1000) des Polyurethan liegt. Das Gebäude irritiert: Es wirkt visionär und retrospektiv zugleich, eine Mischung aus Futurismus und Gotik, und es oszilliert zwischen Architektur und Plastik. Dabei simulierte Jürgen Mayer H. Unterzüge als gliedernde Elemente selbst dort, wo sie konstruktiv nicht nötig waren. Die Elastizität bestimmt mihin nicht nur die Ausgangsidee des Gebäudes, sondern auch den Umgang mit Material und Konstruktion sowie seine kategoriale Verortung.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese

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