Bauwerk

Wolkenturm
tnE Architects - Grafenegg (A) - 2007
Wolkenturm, Foto: Lukas Schaller
Wolkenturm, Plan: tnE Architects
Wolkenturm, Foto: Pez Hejduk

Wolkenturm – Freiluftpavillon Schlosspark Grafenegg

02. September 2007 - Az W

Der 31 Hektar große Park des Schlosses Grafenegg ist – wie das im 19. Jahrhundert im Stil des romantischen Historismus errichtete Schloss selbst – eine Attraktion für Gäste aus der ganzen Welt. Schon seit rund 30 Jahren lockt zudem ein engagiertes Kulturprogramm zahlreiche Besucher an diesen reizvollen Ort im niederösterreichischen Weinviertel. Mit der Gründung der Grafenegg Kulturbetriebs GesmbH (eine Hervorbringung der Familie Metternich-Sandor mit der Niederösterreichischen Kulturwirtschaft GesmbH) möchte sich das Schloss Grafennegg nun international als Kulturstandort etablieren – und hat dafür sowohl in baulicher als auch personeller Hinsicht die besten Voraussetzungen geschaffen. Unter der künstlerischen Leitung von Rudolf Buchbinder wurde am 23. 08. 2007 das Musik-Festival Grafenegg und damit der neue Freiluftpavillon "Wolkenturm" von the next ENTERprise architects mit einem gebührenden Festakt eröffnet, im Frühjahr 2008 erlangte auch der Konzertsaal (für rund 1200 Zuschauer) der Dortmunder Architekten "schröder schulte-ladbeck" in Kooperation mit Dieter Irresberger Bühnenreife (siehe gesonderten Eintrag).

Der gemeinsam mit den Lanschaftarchitekten "Land in Sicht" konzipierte Freiluftpavillon, der auf den ersten Blick an das Weimarer Denkmal für die Märzgefallenen von Walter Gropius gemahnt, lässt sich als akustisch optimiertes Gehäuse, aber in gewissem Sinn auch als "land art"-Projekt rezipieren. The nextENTERprise verstehen den "Wolkenturm" als Teil eines größer angelegten Bezugsfeldes, das die bestehenden Elemente der Anlage wie Schloss, Reitschule, schwarzes Tor und "große Senke" neu kontextualisiert. Auch der weitläufige Landschaftsgarten mit seinen jahrhundertealten Baumriesen stellte für die topografische Positionierung des Pavillons eine wichtige Bezugsgröße dar. "Der Wolkenturm interpretiert ", so die Architekten "in seiner topographischen Ausformung wesentliche Gestaltungsmerkmale des Landschaftsgartens - das Spiel mit Perspektive und Blickbeziehungen, mit Enge und Weite, mit Raumabschluss und Raumöffnung."

Mit einer Höhe von 23 Metern blitzt die Spitze der Stahl/Glaskonstruktion des Bühnendaches von vielen Blickpunkten des Parks immer wieder zwischen den Baumkronen hervor und verschafft sich in der "Schneise" zwischen Reitschule und schwarzem Tor maximale Präsenz. Ausgehend von den akustischen Grundregeln für eine Bühne im Freien (1670 Tribünenplätze, 300 Rasenplätze) wurden "Affinitäten zwischen perspektivischem und akustischem Raum untersucht". Durch starkes Modellieren des Geländes neben der bereits vorhandenen "Senke" wurde der Zuschauerraum in ein Becken eingesenkt, das trotz seiner geometrischen Raumgrenzen wie selbstverständlich in der Wiese liegt und für beste Sicht- und Klangbedingungen sorgt. (Aber auch außerhalb der Konzertsaison und ohne Bestuhlung wird man sich in diesem "Freiluftbecken" vermutlich gerne aufhalten.) Im Inneren des Wolkenturms sind hinter der 228 qm großen Klangmuschel der Bühne die Aufenthalts- und Sanitärräume der Künstler, ein Klavierdepot, Technikräume und Akustikschleusen angeordnet, ein geräumiger Bühneneingang ist dem separaten Auf- und Abtritt der Künstler gewidmet und ermöglicht den reibungslosen An- und Abtransport der Instrumente. Das Bühnenbauwerk wurde in Stahlbeton errichtet, die Bühnentrennwand in doppelschaliger Leichtbauweise, die Tribüne aus Betonfertigteilen.

Überhöht von einem Bühnendach aus Stahl und Glas steigert der Pavillon nicht nur das akustische Empfinden der Zuhörer, sondern wohl auch deren Augensinn. Die bewegte Skulptur über vollem Orchester lässt dann vielleicht eine Metapher Arthur Schopenhauers anklingen, in der Architektur bekanntlich als "gefrorene Musik" bezeichnet wird. Wo könnte diese Metapher besser passen als hier? (Text: Gabriele Kaiser)

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Für den Beitrag verantwortlich: Architekturzentrum Wien

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Martina Frühwirthfruehwirth[at]azw.at