Bruder-Klaus-Kapelle
Peter Zumthor - Wachendorf (D) - 2007
Bruder-Klaus-Kapelle, Foto: Walter Mair
Bruder-Klaus-Kapelle, Foto: Walter Mair
Bruder-Klaus-Kapelle, Foto: Walter Mair
Bruder-Klaus-Kapelle, Plan: Peter Zumthor

Turm und Höhle

Zwei Welten treten in einer privaten Kapelle in der Eifel zu­einander: ein stereo­metrischer, rotockerfarbener Körper und ein organisch ausgebildeter, tief­dunkler, bergender Innenraum, der sich zum Himmel öffnet. Der Prozess einer gemeinschaftli­chen Erstellung des Gebäudes ist das Band, das beide Welten verbindet.

von Hubertus Adam

Von der dicht besiedelten Peripherie Kölns aus geht die Fahrt Richtung Südwesten, vorbei an den Braunkohlekraftwerken, welche die Metropole umzingeln, vorbei an den endlosen Äckern der Kölner Bucht. Wälder und leichte, sehr leichte Hügel zeugen vom Übergang zur Eifel. Es ist eine alte Kulturlandschaft; aus der Gegend des idyllisch im Erftal gelegenen Bad Münstereifel leiteten die Römer das Wasser nach Köln. Wachendorf liegt unweit des Städtchens, gehört aber – wie eine Reihe anderer früher selbstständiger Dörfer – zu Mechernich. Zunächst fällt der Blick auf ein Schloss, wenn man Wachendorf ansteuert; mächtige Bastionen aus der Zeit des Dreissigjährigen Krieges zeugen von kriegerischer Vergangenheit, doch das Gebäude selbst wurde im Historismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts neu errichtet. Die heutigen Besitzer vermieten die Säle, im Turm betreiben Buddhisten einen Zen-Tempel. Es ist ruhig in Wachendorf. Mit dem öffentlichen Verkehr gelangt man nur sporadisch hierher, und wer eine Gaststätte sucht, wird auf das benachbarte Lessenich verwiesen.

Ein schmaler Fahrweg, im Terrain leicht ansteigend, führt von Wachendorf aus Richtung Süden. Nach den letzten Häusern beginnen die Äcker, die sich den sanften Hang hinauf bis zum Waldrand erstrecken. Inmitten der Landschaft steht ein von Weitem rätselhaftes, rotockerfarbenes Gebilde. Eine Vertikale inmitten des Feldes, ein Nutzbau vielleicht, man könnte an ein Silo denken. Bewegt man sich im weiten Radius um das Gebilde, so verändert es sein Aussehen: Mal wirkt es spitz und expressiv, mal erscheint es als Quader, mal reduziert es sich zur vertikal emporragenden Fläche. Es erscheint massstabslos, auch wenn es die Gegend keinesfalls dominiert; erst wenn man sich nähert, wird eine horizontale Streifenstruktur erkennbar. Dass es sich um eine Kapelle handelt, gibt das numinose Gebilde nicht sofort zu erkennen. Nur die spitze, dreieckige Öffnung, mit einem Tor verschlossen, kann als Zeichen verstanden werden. Ansonsten ruht das Gebäude, sprachlos, stumm.

Bauen in Gemeinschaft

Wegekreuze und Kirchen sind im katholischen Kölner Umland keine Seltenheit, aber eine Kapelle wie diese ist ungewöhnlich. Und ungewöhnlich ist auch die Art, wie es zu ihrer Entstehung kam.

Der heute siebzigjährige Landwirt Hermann-Josef Scheidtweiler, der in Wachendorf den Heidehof bewirtschaftet, ist ein gläubiger Mensch. Über Jahrzehnte engagierte er sich in der Katholischen Landvolkbewegung – schon in den Fünfzigerjahren amtierte er als Diözesanvorsitzender der ­Katholischen Landjugend. Patron dieser Gruppierung ist ­Bruder Klaus – der Schweizer Einsiedler, Asket und Mystiker Niklaus von Flüe. Einer Obwaldner Bergbauernfamilie entstammend, beendete er 1467 im Alter von fünfzig Jahren seine weltliche Karriere als Bauer und Ratsherr und lebte als Einsiedler. Nach einer Vision im Windental liess er sich nahe seinem Heimatort in einer Klause in der Ranftschlucht nieder. Bekannt wurde Bruder Klaus, der 1487 starb – selig gesprochen wurde er 1669, heilig erst 1947 –, durch seine mystischen Visionen, in Flüeli-Ranft bei Obersachseln (Kanton Obwalden) sind sein Geburtshaus und die Eremitenklause in der Schlucht viel besuchte Pilgerorte.

Um seiner Verehrung für den heiligen Bruder Klaus Ausdruck zu verleihen, entschloss sich Hermann-Josef Scheidtweiler schon 1998, auf seinem Grund und Boden eine Kapelle zu errichten. Durch Zufall stiess er später in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf einen Bericht über den ihm seinerzeit nicht bekannten Peter Zumthor, der gerade den Wettbewerb für den Neubau des Diözesanmuseums in Köln gewonnen hatte. Der Eifelbauer fragte bei dem Architekten an, ob er sich vorstellen könne, für ihn eine kleine Kapelle zu planen, und liess sich auch nicht entmutigen, als Zumthor ihm sagte, dass es eine ungewöhnliche, eine zeitgenössische Kapelle werde. Dass Bruder Klaus der Lieblingsheilige von Zumthors Mutter ist, mag ein günstiges Vorzeichen gewesen sein.

Im Mai dieses Jahres wurde die Kapelle geweiht. Sie ist gewissermassen die Kulmination im Lebenswerk des Bauherrn, und so hat Zumthor ein Konzept entwickelt, das dieser speziellen Bedeutung gerecht wird. Denn das Gebäude wurde nicht anonym durch eine Baufirma errichtet, sondern in Tagwerken durch den Bauherren, seine Familie und Freunde. Auf der Betonplatte des Fundaments liess der Architekt unter Leitung eines Zimmermeisters eine zeltartige Struktur aus 112 Baumstämmen errichten, die im Stadtwald von Bad Münstereifel gefällt worden waren. Um diese Konstruktion herum wuchs der Betonkörper in die Höhe. In 24 Tagwerken, zwischen September 2005 und Oktober 2006, erstellte die Baugemeinschaft 24 Schichten aus Stampfbeton; jede Lage ist fünfzig Zentimeter stark und besteht aus weissem Zement, der mit Flusskies und rötlich-gelbem Sand versehen wurde. Als der Bau im Herbst 2006 die abschliessende Höhe von zwölf Metern erreicht hatte, konnte das aus Baumstämmen bestehende Lehrgerüst entfernt werden. Dazu wurde ein Feuer entfacht, das in dem hermetisch abgeriegelten Innenraum über drei Wochen schwelte, die anschliessend eliminierten Stämme verkohlte und den Beton im Inneren tiefschwarz färbte.

Komplementäre Dualität

Tritt man durch das dreieckige Portal, das die Zeltstruktur des Inneren an der Fassade abbildet, in das Gebäude, so eröffnet sich eine andere Welt. Das Licht von aussen, das zunächst noch die durch die Abdrücke der Stämme gebildete Wandstruktur des nach links schwingenden Ganges modelliert, weicht dem zenital einfallenden Licht im Hauptraum der Kapelle. Man nimmt diesen als Zentralraum wahr, auch wenn es sich tatsächlich um einen eher lungenförmigen Grundriss handelt. Der Wechsel aus konkaven Vertiefungen und dazwischenliegenden Graten, lässt, konturiert durch das Licht, eine eindrucksvolle Bewegung in die Vertikale entstehen, der man sich nicht zu entziehen vermag. Dazu treten als Lichtpunkte die mit mundgeblasenen Glaszapfen versehenen Bundlöcher, welche das dunkle Zelt wie einen gestirnten Umhang erscheinen lassen. Die Innenausstattung ist auf wenige Elemente reduziert: eine Bank, einen Kerzenbehälter, ein Sakramentshaus, einen weiblichen Kopf von dem Bildhauer Hans Josephson und das doppeltriadische Rad aus Messingguss, das Meditationszeichen des Niklaus von Flüe. Der Boden wurde mit einer schimmernden Schicht aus mit dem Handlöffel aufgetragenem Zinnblei versehen.

Für die Verehrung eines katholischen Mystikers hat Peter Zumthor einen kongenialen Ort geschaffen. Im Zusammenspiel aller Beteiligten ist ein Bau der Gemeinschaft entstanden, der das per aspera ad astra sinnlich erfahrbar macht. Die Bruder-Klaus-Kapelle ist ein archaisches Gebilde aus gotischem, aus expressivem Geist, bei dem die klar definierte äusserer Form und der organische Hohlraum des Inneren durch den Herstellungsprozess streng logisch verknüpft sind. Turm und Höhle, Körper und Geist finden in komplementärer Dualität zueinander.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese, 24.08.2007

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Hannes Mayer

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