Bauwerk

HafenCity Hamburg - Freiräume Magellan- und Marco-Polo-Terrassen
EMBT arquitectes, BB+GG Arquitectes - Hamburg (D) - 2010
HafenCity Hamburg - Freiräume Magellan- und Marco-Polo-Terrassen, Foto: HafenCity Hamburg GmbH

Die Barcelona-Fraktion

Freiraumplanung in der Hafencity

Ruppiges Hafenambiente contra mediterrane Verspieltheit: Mancher vermisst in der HafenCity einen Hauch ihrer industriellen Vergangenheit. Doch wurde bei der Gestaltung der Freiräume bewusst die zukünftige Funktion als Wohn- und Geschäftsquartier in den Vordergrund gestellt. Mit EMBT und BB GG prägen zwei katalanische Architekturbüros die ersten fertigen Freiräume in den westlichen Quartieren und rund um und den Magdeburger Hafen.

07. Juli 2008 - Thies Schröder

Auf dem Vorplatz des Kaispeichers B sind die ersten braunen und rötlichen Granitsteine in Streifen verlegt und mit Asphaltterrazzo zu einem Stadtplatz verbunden. Durch die Materialwahl der Designerin und Landschaftsarchitektin Beth Galí vom Büro BB GG wird die traditionsreiche Backsteinarchitektur des Kaispeichers, heute Ort des Internationalen Maritimen Museums Hamburg, in hervorragender Weise ergänzt. Es sind diese Feinheiten, die den öffentlichen Raum der HafenCity auszeichnen. Keine Hamburg-Folklore! Darum ging es den Verantwortlichen der Stadt. Keine Fortschreibung des Themas Klinker in Anlehnung an die nahe Speicherstadt, sondern eine Betonung des Images der Hansestadt als »Tor zur Welt« wurde erreicht. Die Einladung an Landschaftsarchitekten aus ganz Europa zu einem Wettbewerb für die Freiräume der westlichen HafenCity und eine Entscheidung zugunsten des Entwurfs der Landschafts- und Hochbauarchitekten EMBT aus Barcelona sind erster Ausdruck dieser Haltung.

Noch ist dieser neue Stadtraum erst an einigen Orten im Bereich des Sandtorkais und an den Kopfenden der beiden westlichen Hafenbecken, auf den Magellan- sowie den Marco-Polo-Terrassen zu erleben. Gerade angesichts der Magellan-Terrassen war die Skepsis anfangs groß. So gar nicht hanseatisch kühl und zurückhaltend inszenierte Benedetta Tagliabue von EMBT, Partnerin des 2000 verstorbenen Enric Miralles, die Freiflächen um den zukünftigen Museumshafen. Stattdessen mediterrane Farbstimmungen und eine expressive Verwendung der Materialien Beton und Klinker. Die Klinker in Mustern akzentuieren die Warftwände entlang der Uferpromenaden, eine Idee, mit der die Hamburger fremdeln. Dennoch wurden die Terrassen zum ersten Treffpunkt inmitten der HafenCity-Baustelle.
Die Marco-Polo-Terrassen, die, anders als die Magellan-Terrassen, für ruhige Entspannungsmomente konzipiert sind, laden mit Grasinseln und Holzdecks in einer schrägen Betonsteinfläche sowie mit Vegetationsakzenten aus Amberbäumen, Sumpfzypressen und Weiden zum schattigen Sitzen am Wasser ein. Auf den erfolgreichen Wettbewerbsentwurf gehen auch die Dalmannkaitreppen und die vor Kurzem mit Kirschen bepflanzte Dalmannkaipromenade zurück, die auf 400 Metern Länge bis zur Elbphilharmonie führt. Für die Promenade entwarf EMBT die Sitzmöbelfamilie »lungomares«, die Beton in individuellen und organischen Formen anbietet. Zum Liegen, mehr noch: zum sich liegend Drapieren. In Hamburg.

Spiel mit Ebbe und Flut

Zentrale Konzeptidee für die Freiraumentwürfe von EMBT ist das Wechselspiel von Ebbe und Flut. Die Terrassen inszenieren den Übergang von Wasser zu Land, indem sie auf eine klare Kaikante verzichten. Ein Teil der Flächen liegt unterhalb der hochwassersicheren Marke von 7,50 Metern und wird so bei hoch auflaufender Flut überschwemmt. Die 5600 m² große Pontonanlage für den Traditionsschiffhafen, die im September 2008 eröffnet wird, vermeidet rechte Winkel. Bald werden hier historische Schiffe liegen, die die überbordende Geste der expressiven Laternen auf den Magellan-Terrassen relativieren.
Es ist das allerorten erlebbare Wasser und es sind diese Plätze, die sich als Charaktermerkmale der HafenCity einprägen. Gefeiert wird ein Fest der Formen, nach der langjährigen Dominanz der schieren Funktionalität in diesem Hafenareal. Dazu trägt neben der eigenständigen Formensprache aber auch die differenzierte Materialverwendung bei. Beton wird mit großer Selbstverständlichkeit mit Naturstein kombiniert. Leider korrespondiert die Experimentierfreude der Landschaftsarchitekten nicht an jeder Stelle mit der Architektur, was allerdings kein Mangel der Landschaftsarchitektur ist. Die Freiräume prägen bisher das Bild stärker als die Bauten.
Es wird der Landschaftsarchitektur ganz offensichtlich zugetraut, den Charakter dieses neuen Stadtteils zu prägen. Dies ist eine für Landschaftsarchitekten ungewohnte Verantwortung. Entsprechend zurückhaltend blieben die meisten der Entwürfe beim zweiten internationalen Wettbewerb für die Freiräume der zentralen HafenCity rund um den Magdeburger Hafen im Jahr 2006. Schließlich setzten sich auch in diesem zweiten großen Freiraumwettbewerb mediterrane Einflüsse durch. Allerdings ist der prämierte Entwurf Beth Galís, der derzeit rund um den Magdeburger Hafen realisiert wird, zurückhaltender als die Assoziationsfülle von EMBT. Das katalanische Büro legt ebenfalls großen Wert auf die verwendeten Materialien, setzt diese aber nicht im Kontrast, sondern in Ergänzung zur unmittelbar benachbarten Speicherstadt ein.

Mediterrane Hafenatmosphäre

Das größtenteils eigens für die HafenCity entworfene Stadtmobiliar weist auf eine Bedeutung des Freiraums hin, wie wir sie bisher vor allem aus den Mittelmeerländern kannten. Was im Sonnenhamburg anzieht, muss aber auch im Regenhamburg überzeugen. Und hier ist die Detailschärfe der ausgebildeten Designerin Beth Galí ein Qualitätsmerkmal. Keine Schönwetterplanung, sondern detaillierte Stadtraumgestaltung durch eine überlegte Materialwahl und eine sehr sorgfältige bauliche Ausführung. Selbst die Deckel der Abwasserschächte wurden durch Beth Galí veredelt.
Nun geht es darum, die weiteren zu gestaltenden öffentlichen Räume nach diesem Vorbild fortzuschreiben oder aber starke Gegengewichte zu setzen. Für den Lohsepark wird voraussichtlich 2009 ein weiterer landschaftsarchitektonischer Wettbewerb folgen. Dort entsteht der eigentliche zentrale Stadtpark, der vielerlei Ansprüche erfüllen soll: Wohnen im Grünen, Sport und aktive Erholung, die Idee eines Chinagartens, aber auch das Gedenken an die einst von diesem Hafenplatz ausgegangenen Transporte vieler Hamburger Juden, Sinti und Roma in die Konzentrationslager.
Eine andere Herausforderung bietet der Kreuzfahrtkai: Im sogenannten »Nicht-Operationsfall« lässt sich hier auf der öffentlichen Promenade entlang der Elbe spazieren gehen. Wenn aber, was immer häufiger der Fall sein wird, ein Kreuzfahrtschiff anlegt, sind Sicherheitsanlagen zu aktivieren, die denen an Flughäfen in nichts nachstehen. Die Uferpromenaden, die östlich des Magdeburger Hafens entstehen, sollen die Innenstadt vorbei am Kaispeicher B und der späteren HafenCity Universität mit der Elbe verbinden. Nach 2012 werden sie sich auch im Bereich Baakenhafen fortsetzen – wo sie allerdings vorwiegend von Wohnbauten begleitet werden.
Zuvor werden der Grasbrookpark mit einem maritimen Spielplatz und am Strandkai die Bereiche entlang der Elbe gestaltet. Kleinere Plätze und Höfe entstehen für Spiel und wohnungsnahe Erholung. Um auf den privaten Flächen die Qualität zu erreichen, die den öffentlichen Promenaden und Plätzen eigen ist, bietet die HafenCity Hamburg GmbH privaten Entwicklern die Entwurfsplanung für die Freiflächen durch die Landschaftsarchitekten an, die auch für den öffentlichen Raum verantwortlich sind. So plant EMBT auch die Außenanlagen auf den privaten, öffentlich nutzbaren Flächen des Unilever-Gebäudes mit der charakteristischen Verbindung zur Elbe, und die Hamburger Landschaftsarchitekten WES setzen ihren souveränen Entwurf für die Promenade am Brooktorkai auf den Flächen fort, die von der Spiegel-Verlagsgruppe entwickelt werden.

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Für den Beitrag verantwortlich: deutsche bauzeitung

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Ulrike Kunkelulrike.kunkel[at]konradin.de

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