Bauwerk

Schwimmbad in Le Havre
Jean Nouvel - Le Havre (F) - 2008
Schwimmbad in Le Havre, Foto: Roland Halbe / ARTUR IMAGES
Schwimmbad in Le Havre, Foto: Roland Halbe / ARTUR IMAGES

Cinéma nouvel

Keine Therme wie in Vals oder Bad Aibling, sondern ein einfaches Familienbad, das auch dem Schulsport und Wettkämpfen dient – das war Nachholbedarf in Le Havre. Dass man dafür Frankreichs Stararchitekten gewinnen konnte, kam zwar nicht allzu günstig – doch seine klare, reduzierte Architektursprache, die das Element Wasser ganz schlicht und einfach »eintaucht« in das Weiß der Decken, Wände und Böden, lädt nicht nur zum Sport, sondern auch zum Wohlfühlen und Entspannen ein. Und durch die Übergabe an einen professionellen Betreiber scheint der Bauherr gut beraten.

01. März 2009 - Wilhelm Klauser

Le Havre – am Meer. Wo sonst? Wer aus dem Zug steigt, blickt über leer-gefegte Docks. Kein Schiff am Pier. In der Ferne irgendwo die Schornsteine der Fähren. Der neue Hafen ist längst ostwärts aus der Stadt hinausgewandert. Man hatte es erst gemerkt, als die Brachflächen und leer stehenden Speicher in der Innenstadt nicht länger zu übersehen waren. Eigentlich ist es verwunderlich, dass es die Stadt nicht geschafft hat, früher vom Boom der Globalisierung zu profitieren. Andere Hafenstädte sind förmlich explodiert und selbst die ostdeutschen Häfen verzeichnen Stabilität, wenn nicht gar Wachstum. Das alles ist an Le Havre vorbeigegangen. Grund also für eine Aufholjagd und eine großangelegte urbanistische Intervention.

131 Luftangriffe im Krieg zerstörten die Substanz gründlich. Nach Plänen von Auguste Perret wurde die Stadt zwischen 1954–64 wieder aufgebaut. Das Ergebnis überzeugt auch heute noch in seiner Maßstäblichkeit. Die Geometrie der Hafenbecken, die langen Linien der Kaimauern, die Fassaden und die Kolonnadengänge … Dann zwei Türme, die das spirituelle und das administrative Zentrum markieren: St. Joseph und das Rathaus. Im Jahr 2005 wurde die Innenstadt zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Die Stadt stellt sich selbstbewusst dem Meer und der Landschaft und noch nicht dem Diktat wachsweicher Finanzdaten oder wetterwendischer Investoren. Sie kommt aus einer anderen Zeit. Aber jetzt sucht sie den Anschluss an die Zukunft. In den kommenden Jahren sollen an den alten Hafenbecken zwischen Innenstadt und Bahnhof Hochschulen, Büroflächen, Wohnungen und ein Segelhafen entstehen. Eine Straßenbahn soll es geben, ein Fußballstadion, Bibliotheken, ein Casino … – das Schwimmbad ist nur der Vorbote.

Neoprenanzug

Die Bains des Docks liegen nur sechs Fußminuten vom Bahnhof entfernt. In den leeren Flächen des Hafens steht das öffentliche Bad verloren. Schwarzer Asphalt auf dem umgebenden Parkplatz, in den einige Pflanzbeete mit salzresistentem Bewuchs eingeschlossen sind wie Intarsien. Nach außen macht das Gebäude nichts her. Eine rigide, wohlproportionierte Betonkiste auf einem leer geräumten Kai, in die unregelmäßig Löcher eingeschnitten sind. Manchmal verglast – und manchmal fällt der Blick auch einfach durch diese Öffnung hindurch und man schaut in den Himmel. Die anthrazitfarben gestrichene Betonfassade ist abweisend dunkel und schimmert leicht, die Farbe hat reflektierende Einstreuungen aus Emaille: Eine dünne Haut, die sich um das Bad legt wie ein feuchter Neoprenanzug. In den Aluminiumlaibungen reflektiert das Blau der Becken. Das also ist das Ergebnis eines hochkarätig besetzten Wettbewerbs? Das Projekt braucht Erklärung, denn es geht nicht nur um das Bad. Im Wettbewerb, den die Stadt 2004 ausgeschrieben hatte, ging es auch um ein Meereszentrum. Es soll gegenüber, auf der anderen Seite des anliegenden, nicht länger genutzten Hafenbeckens, spielerisch Wissen vermitteln über das »feuchte Element«. Nouvel hat im Wettbewerb über das zukünftige Meereszentrum einen 120 Meter hohen Aussichtsturm gestellt. Er verstand es als einziger Teilnehmer, die Stadt und die Juroren mit einer einfachen und überzeugenden Idee zu fangen: Ihr wollt ein neues urbanistisches Projekt? Dann braucht Ihr einen neuen Turm, einen Turm des Wissens! Nur so werdet Ihr sichtbar, nur so gibt es den »Bilbao-Effekt« und nur so könnt Ihr dem Übervater Auguste Perret die angemessene Reverenz erweisen. Nouvel ist ein Meister klarer Konzepte. Seine »Ateliers«, das Hauptbüro in Paris, beschäftigt zurzeit 150 Mitarbeiter und ist damit eines der größten Büros in Frankreich. Nouvel ist für die kreative Seite der Arbeit verantwortlich, während sein Partner Michel Pelissie den kaufmännischen Teil übernimmt.

Geht es nach dem Willen des Bürgermeisters, wird ab 2011 auch das Meeresmuseum gebaut. Das Bad ist ein erster Schritt und jetzt steht es erst einmal allein auf dem Dock. Und es ist kantig und eckig und passt sich gut in die Hafenlandschaft ein. Bravo!

Labyrinthisches Inneres

Unspektakulärer Eintritt, eine steile Treppe führt hinauf zum Empfang. Der Innenraum ist strahlend weiß. Der Besucher betritt eine andere Welt. Das Gebäude inszeniert: Eingang – Ticket kaufen – Richtungsänderung – Schuhe ausziehen und erster Blick auf die Becken – Richtungsänderung – Umziehen, Duschen – Richtungsänderung und Blick auf das fünfzig Meter lange Außenbecken. Der Raum tritt in den Vordergrund und bestimmt die Atmosphäre. Die Wand mit ihren Rücksprüngen, Ruhebänken und integrierten Duschen ist eine mächtige Fassung. Die Öffnungen rahmen gezielt Ausblicke. Überwältigend ist für den Schwimmer der Himmel, der sich großzügig über diesem Becken spannt und eine Ahnung von der Weite gibt, die an den Stränden Frankreichs möglich ist.

Die nach außen einfältige Kiste hat einen raffiniert ausgehöhlten Innenraum. Vorsprünge, Rücksprünge, Nischen, Absenkungen, Aufbauten – ein Negativ-Positiv-Spiel in einem Schuhkarton. Die Betonträger des Daches sind in unterschiedlichen Höhen angebracht, Deckenhöhen verspringen, die Konstruktion ist versteckt. Die Becken sind so angelegt, dass für den Besucher niemals das Bad in seiner Gesamtheit wahrzunehmen ist. Manchmal durchschreiten andere Badegäste das Blickfeld wie in einem Film: Hier ist er wieder, der cinematische Blick des Architekten, der sich durch all seine Gebäude zieht. Die Arbeit von Jean Nouvel lebt immer aus einer unerhörten, visuellen Vielfalt, die auch dieses Bad trägt. Der Besucher befindet sich in einer labyrinthischen Wasserlandschaft mit Becken unterschiedlichster Dimension, eine Landschaft, die größer erscheint, als sie eigentlich ist. Mit einem ganz einfachen Mittel wird eine klare Orientierung gewährleistet: Blickbeziehungen erfolgen ausschließlich über die Diagonale, und in der Mitte der Anlage stehen das Kinderplanschbecken und ein Trockenbad für Kleinkinder – das sind Matratzen in Rot, Orange- und Gelbtönen – die einzigen, grellen Farbtupfer im Inneren. Zenitlicht fällt auf die Becken und reflektiert sich in den kleinen weißen Mosaikfliesen, es entsteht eine mediterrane, heitere Atmosphäre.

Der Gast betritt hier eine Badewelt, die das Thema »Wasser« ernst nimmt. Das ist anders als die Wasserbespaßung, die sonst grassiert, und sehr wohltuend. Zum Teil ist diese Ernsthaftigkeit dabei auch dem Wunsch des Bauherrn geschuldet, die chronische »Unterausstattung« der Region mit Badeanstalten zu beseitigen. Das neue Bad tritt folglich nicht in Konkurrenz zu bestehenden Einrichtungen, denen es mit spektakulären Angeboten Gäste abjagen muss. Es sollte einfach auch für Schulsport und Wettkämpfe geeignet sein und brauchte deswegen ein Fünfzig-Meter-Becken. Schon dieses Bekenntnis zum Notwendigen könnte als ökologisches Statement verstanden werden, das Bad produziert keinen Überschuss, sondern erfüllt Grundbedürfnisse.

In professionellen Händen

Diese Überlegung wird den Architekten allerdings wohl weniger bewegt haben, denn die Bains des Docks waren teuer: 22,3 Millionen Euro. Rund zwei Millionen Euro trugen diverse, kombinierte Förderprogramme der EU, den Rest brachten die Stadt und das Umland auf. Doch es gibt keinerlei Ansätze im Raumprogramm, die helfen könnten, das Defizit, das ein öffentliches Badehaus in jedem Fall anhäufen wird, wenigstens in Teilen aufzufangen. Es gibt keine Restauration, keine Kegelbahn, kein Beautysalon, die zusätzliche Einnahmen generieren könnten. Die Bains des Docks – das sind Umkleiden und elf Becken, die über sieben Filteranlagen verfügen, um das Wasser wiederaufzubereiten: Zwei Außenbecken, acht Innenbecken, ein Planschbecken, eine kleine Balneo- und Kardeotherapie, für Massage und Wassergymnastik, und dann noch zwei wenig spektakuläre Fitnessräume. Der Eintritt kostet fünf Euro, die Aufenthaltsdauer ist unbegrenzt. Die ausgedehnten Öffnungszeiten, täglich von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, werden von 39 Angestellten bewältigt. Ein Team von fünf Bademeistern muss die Becken beobachten, denn die mäandrierenden, unübersichtlichen Wasserflächen sind nur schwer zu überwachen.

Maximal können ungefähr 1400 Personen täglich das Bad benutzen. An einem Wochenende im Januar waren es 860. Das ist nicht schlecht. Fünf Monate nach der Eröffnung stellen sich die Stammgäste ein. Das Bad ist gut angenommen. Noch allerdings gibt es Anlaufschwierigkeiten. Eine Aussage über die endgültigen Betriebskosten ist nicht möglich. »Wenn wir gut sind«, so der Betreiber, »können wir zukünftig mit fünfzig bis achtzig Liter Wasser je Besucher rechnen. Jetzt sind wir bei 180 Liter, angefangen haben wir bei 360 Liter!«

Energietechnisch wurden keine Raffinessen vorgesehen. »Wir ziehen nachts eine Abdeckung über das Außenbecken, um eine zu starke Auskühlung zu verhindern. Und wir bemühen uns, Wasser wiederaufzubereiten.« Ist das nun Steinzeit oder avanciert? Der energische junge Mann jedenfalls weiß, wovon er spricht. Die Stadt Le Havre hat den Betrieb der Anlage an die professionelle Betreibergesellschaft »Verte Marine« gegeben, die nichts anderes macht, als Bäder zu bewirtschaften. 69 Bäder bespielt das Unternehmen: Wassergymnastik, Babyschwimmen aber auch Besucher-Abonnements werden professionell vermarktet und der Betreiber übernimmt die umfassende, haustechnische Steuerung der Gesamtanlage. Das reicht von der Sauberkeit bis zum Wasserverbrauch und zur Regulierung der Duschtemperatur. In der Professionalität des Angebots und in der Konsequenz der Darreichungsform ist ein klarer Unterschied zum kommunalen Mühen.

Fünf Jahre hat die Gesellschaft nun Zeit zu beweisen, dass sie mit diesem Bad Geld verdienen kann – und die Kommune hat die Sicherheit, dass das einkalkulierte Defizit über diesen Zeitraum fix ist. Einsparungen oder Zusatzeinnahmen, die das Unternehmen erwirtschaftet, gehen an den Betreiber. Dies ist der Anreiz, das Bad energetisch und gebäudetechnisch optimal zu steuern. Um zu wenig Gäste scheint der Betreiber sich zumindest keine Sorgen machen zu müssen, »die Gäste lieben das Bad«, erklärt er. »Dass wir 15000 Quadratmeter gläserne Mosaikfliesen entlang der vielen Kanten gewissermaßen mit der Zahnbürste putzen, trübt das Vergnügen ein wenig.« Eine gefaltete Badelandschaft wie in Le Havre hat also auch Nachteile. Aber dafür ist es eben ein echter Jean Nouvel.

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Für den Beitrag verantwortlich: deutsche bauzeitung

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Ulrike Kunkelulrike.kunkel[at]konradin.de

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