Bauwerk

Plaza de España
Herzog & de Meuron - Santa Cruz (E) - 2008
Plaza de España, Foto: Roland Halbe / ARTUR IMAGES
Plaza de España, Foto: Roland Halbe / ARTUR IMAGES

Konstruktion und Eruption

Tenerife Espacio de las Artes / Plaza de España, Santa Cruz de Tenerife

Ein Kulturzentrum und eine Platzgestaltung konnten die Architekten aus Basel in diesem Jahr auf Teneriffa fertigstellen. An die Tradition tinerfeñischen Bauens der letzten Jahrzehnte anknüpfend, zeigen sie, wie Kunst- und Naturformen in der Natur zusammenfinden.

10. Februar 2009 - Hubertus Adam

Einer der ersten, der die eigenartige Natur Teneriffas entdeckte, war der Naturforscher Alexander von Humboldt. 1799 brach er zusammen mit dem Botaniker Aimé Bonpland von La Coruña aus zu seiner später legendären, fünfjährigen Forschungsreise nach Südamerika auf. Erster Zwischenstopp der beiden Wissenschaftler war Teneriffa, wo sie sich eine Woche aufhielten und unter anderem den Vulkan Teide bestiegen. Es sei die schönste Insel, die er je gesehen habe, vertraute Humboldt seinem Tagebuch an.
Heute schätzen Urlauber die Kanarischen Inseln vor allem wegen ihres ganzjährig milden Klimas. Seitdem Teneriffa nicht mehr vom spanischen Überseehandel profitiert, ist der Tourismus zur Haupteinnahmequelle avanciert und hat eine Infrastruktur geschaffen, die seit den Sechzigerjahren mit Schnellstrassen, Feriensiedlungen und Apartmentblocks die bestehende Natur- und Kulturlanschaft rabiat überformt hat. Playa de Las Américas und Los Cristianos heissen die Stranddestinationen im Südwesten, welche mit ihren Megaresorts das Hauptaufkommen der Pauschaltouristen abfangen. So bizarr ein Spaziergang durch Las Américas auch anmutet: Wenn Massentourismus sich auf wenige Quadratkilometer konzentriert, hat das für den Rest der Insel Vorteile. Zu den temporären Besuchern kommen allerdings auch Legionen von Neusiedlern – Europäer zumeist, die im milden Klima der Kanaren ihren Lebensabend verbringen wollen und, sofern sie noch nicht dauerhaft hier wohnen, zumindest schon einmal ein Domizil erworben haben. Für das Archipel ist diese Entwicklung ambivalent: Wachsender Reichtum wird erkauft mit Verkehrsinfarkt und raumgreifender Zersiedelung.

Attraktionen für eine Stadt

Der Inselhauptort Santa Cruz de Tenerife hat sich als Hafenort und Verwaltungszentrum rasch entwickelt und teilt sich abwechselnd mit Las Palmas auf Gran Canaria die Hauptstadtfunktion der autonomen spanischen Region Canarias. Gemeinhin wenig attraktiv auf Besucher wirkt die Stadt, die ihren Namen von dem Kreuz erhielt, das der Konquistador Alonso Fernández anlässlich seines Siegs über die Ureinwohner, die sogenannten Guanchen, einst in den Strandboden gerammt hat. Historische Stadtensembles findet man in der erhöht im Landesinneren gelegenen Kolonialstadt La Laguna oder in La Orotava oberhalb der Nordküste, einen Badestrand erst wieder einige Kilometer weiter nordöstlich in Las Teresitas.
Santa Cruz zeigt einen wilden, vielleicht gar charmanten Mix aus Kolonialbauten, Ensembles aus Jugendstil, Art déco und Moderne sowie hemmungslos in den Stadtorganismus gerammten Spekulationskomplexen, doch besteht der entscheidende touristische Nachteil darin, dass die Stadt durch eine breite Strassenachse sowie vorgelagerte Industrie- und Hafenareale vom Meer abgetrennt ist.

Seit den Neunzigerjahren versucht man, diesen Defiziten zu begegnen und damit die Attraktionskraft von Santa Cruz gegenüber den viel frequentierten Touristenorten im Süden zu stärken. Prominent in das Stadtgefüge eingeschrieben haben sich das Messe- und Kongresszentrum (1995) von Santiago Calatrava, das von den Einheimischen seiner lang gestreckten Form wegen den Spitznamen cucaracha (Küchenschabe) erhalten hat, und vor allem das von dem selben Architekten nach langer Planungszeit erst acht Jahre später vollendete Auditorium. Segelartig sich aufwölbend, ist der gleissende Bau, der aussen mit weiss glasierten Keramikscherben verkleidet wurde, zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt – und Teneriffas insgesamt – geworden. Daran schliesst sich direkt der Parque Marítimo an, eine aus dunklen Lavabrocken, weiss gestrichenem Beton und blauen Wasserbecken organisch arrangierte künstliche Badelandschaft. Ausgeführt wurde diese 1992 nach Plänen des Künstler-Architekten César Manrique, dem das Verdienst zukommt, die Tourismusarchitektur auf den Kanarischen Inseln seit den späten Sechzigerjahren von seinem Wohnsitz auf Lanzarote aus revolutioniert zu haben. Mögen Manriques Synthesen aus Kunst, Natur und Architektur – wie auch die Schöpfungen Calatravas – eine Tendenz zum Geschmäcklerisch-Gefälligen mitunter nicht verleugnen können, so ist es ihm doch gelungen, eine von den landschaftlichen Charakteristika der Kanaren inspirierte Formensprache zu entwickeln, die als Alternative zu den banal-modernen Allerweltsarchitekturen der Ferienkomplexe neue Wege eröffnet. Für den expressiven Gestus in der kanarischen Architektur steht besonders Fernando Menis – früher einer der Partner des Büros Artengo Menis Pastrana –, der mit seinem Kongresszentrum Magma (2005) in Adeje, also im Südwesten der Insel, gleichsam ein funktionales Pendant zu Calatravas Bauten in Santa Cruz geschaffen hat (archithese 6.2005). Auch Menis setzt auf Expressivität, aber auf jene der Lava, der Felsen, der bizarren Mond- und Kraterlandschaft des Teide. Calatravas weisses Auditorium schwingt sich mit Wucht empor, wirkt wie Welle und Segel, Menis’ Volumen dagegen ist aus erdigen Betonblöcken geschichtet, wie ein insulares Stonehenge. Das zeigt sich auch am Regierungspräsidium, das oberhalb des Auditoriums liegt und gleichsam die Grenze zur Stadt markiert. Geht man von hier aus weiter, so erreicht man nach gleicher Distanz das neue Kulturzentrum Tenerife Espacio de las Artes, kurz TEA, das am 31. Oktober 2008 eröffnet wurde.

Wege durch ein Gebäude

Am Hang gelegen, grenzt der TEA, der eine Nutzfläche von 20600 Quadratmetern besitzt, im Süden an das Museo de la Naturaleza y el Hombre, für welches das in klassizistischen Formen errichtete Antiguo Hospital Civil in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre durch María Febles Benítez und Agustín Cabrera Domínguez umgebaut wurde; nordwestlich schliesst sich der maurisch insprierte Mercado Nuestra Señora de África an, eine stets belebter, ummauerter Marktplatz, um den herum sich am Sonntagmorgen ein Flohmarkt ausbreitet. Das bestimmendste Element allerdings ist das zumeist ausgetrocknete Flussbett Barranco de Santos, das den historischen Altstadtkern mit der markanten Iglesia Nuestra Señora de la Concepción von der westlichen Stadterweiterung abtrennt und im Norden des TEA von der General-Serrador-Brücke überquert wird.

Das Ziel des Neubaus war ein doppeltes: Zum einen sollte das vernachlässigte Ufer des Flusses zugänglich gemacht werden, zum anderen wollte man einer Bündelung kultureller Institutionen einen öffentlichen Ort schaffen, der das ramponierte Image der Stadt weiter aufzupolieren hilft. Dass nach den Bauten von Calatrava erneut auswärtige Entwerfer mit einem Prestigeprojekt betraut wurden, fand seitens lokaler Architekten nicht nur Zustimmung. Doch Herzog & de Meuron, die mit Virgilio Guti-érrez als ortsansässigem Partner zusammenarbeiteten, ist es gelungen, sich auf intelligente und nachgerade ideale Weise in das Gefüge der Stadt einzuschreiben. Das 160 Meter lange und bis zu 65 Meter hohe Gebäude, das mit der nach Süden hin abschüssigen Calle San Sebastián im Westen an Höhe zunimmt und mural in Erscheinung tritt, zeigt sich von der General-Serrador-Brücke aus als plastisch differenzierte, in deutlich voneinander getrennte Trakte gegliederte Konstruktion. Die aus Dreiecken und Rechtecken zusammengesetzte Form des Grundrisses wird durchschnitten von der Diagonalen des öffentlichen Weges, der durch das Volumen hindurchführt. Dieser tritt an der torartig ausgebildeten, der Plaza del Mercado zugewandten Nordwestecke neben dem separaten Museumsshop in das Gebäude ein und weitet sich zu einem lang gestreckten dreieckigen Hof. Rechts befindet sich der Eingang zum Museum, links durchsticht die Diagonale eine Mauerecke und führt in ausgreifendem Schwung entlang der Ostfassade hinunter zur durch eine Stützmauer terrassierten Uferzone des Barranco de Santos.

Auch Herzog & de Meuron suchen nach einer Verbindung von Natur- und Kunstform: Der schwarz durchgefärbte Beton der Gebäudehülle lässt die vulkanische Topografie Teneriffas anklingen, man mag gar an eine erstarrte Lavamasse denken, die sich das Tal hinuntergewälzt hat, oder, dank der stachelartig aus dem Dach herausragenden Lichtkanonen, an ein versteinertes urweltliches Tier.

Es geht jedoch nicht um eine Imitation der Natur, sondern sozusagen um eine Analogiebildung, bei der Natürlichkeit aus Artifizialität resultiert. Fragmentierte Geometrien treffen aufeinander und werden unter dem Druck der Topografie zusammengeschweisst. Das Oszillieren zwischen Rationalismus und Organik zeigen am deutlichsten die in die Wände der äusseren Längsseiten eingelassenen Glaselemente. An der Aussenseite basieren diese auf einem Quadratraster: Aus der Addition entstehen Linien unterschiedlicher Länge, U-, S- oder T-förmige Gebilde und schliesslich komplexe Formen, die in der Höhe aus bis zu fünf Reihen bestehen. Um Negativformen zu erzeugen, wurden gefräste Positivformen in die Schalung eingelegt. Diese waren konisch geformt, um ein späteres Entfernen zu erleichtern. So enstand nach innen hin ein abgerundeter Umriss, der wirkt, als habe Säure die orthogonale Form ausgefressen.

Der Haupteingang in das Gebäude befindet sich im dreieckigen Innenhof. Die Museumsräume sind auf zwei Ebenen und in zwei parallelen Trakten organisiert: Ein schmalerer, leicht konisch zugespitzter ist nach Westen orientiert, ein breiterer, streng orthogonaler nach Osten. Eine Wendeltreppe vor einem schmalen keilförmigen Lichthof führt nach oben oder unten. Die ungewöhnlichsten Ausstellungsbereiche liegen im Obergeschoss: Das Tageslicht dringt von oben in den Raum ein – vermittels der voluminös ausgebildeten Lichtkanonen, welche die satteldachförmige Deckenstruktur perforieren.

Demgegenüber folgen die Ausstellungsräume im Untergeschoss dem Prinzip des white cube und sind flexibel durch Trennwände unterteilbar. Genutzt werden die Museumsbereiche vom Instituto Óscar Domínguez, das neben einer hervorragenden Kollektion des kanarischen Surrealisten Kunst der Moderne und Gegenwart umfasst, sowie vom Centro Fotográfico.

Den eindrucksvollsten Raumbereich des TEA bildet aber zweifellos die Bibliothek, die sich im Untergeschoss nördlich an die Museumszone anschliesst. Hier wird die gesamte Höhe des Gebäudes erlebbar, denn die öffentliche Passage schneidet in die Decke ein und trennt den westlichen vom östlichen Lesesaal. Weisses Mobiliar und weisse Wände treten zu den teils grauen, teils schwarz gestrichenen Decken; Tageslicht tritt über grosse Glasflächen, die sich nach aussen, zu einem westlich vorgelagerten Lichthof sowie zum öffentlichen Weg hin orientieren, in die eindrucksvollen Räume. Dank der Faltungen und Verzahnungen ergeben sich verschiedene Durchblicke, Innen und Aussen sind auf suggestive Weise miteinander verbunden.

Vom Platz zum Meer

Wenige Monate vor dem TEA konnten Herzog & de Meuron den ersten Teil der seit zehn Jahren geplanten Ufergestaltung fertigstellen. Seit 1998 arbeiten sie an dem Konzept,
die Innenstadt mit den Hafenmolen zu verknüpfen (archithese 2.2002). Wichtigstes Element ist dabei ein schmales, geknicktes und gefaltetes Bauwerk, das brückenartig die trennende Verkehrsmagistrale überspannen soll. Bei der jetzt realisierten ersten Phase handelt es sich um die Plaza de España, den wichtigsten Platz von Santa Cruz, mit dem als Turm aufragenden francistischen Mahnmal für die Toten des Bürgerkrieges. Ein kreisförmiges Wasserbecken bildet den neuen Mittelpunkt. Die mit Meerwasser gespeiste Fontäne ist exzentrisch am tiefsten Punkt des Beckens positioniert, der Wasserspiegel ändert sich analog zu den Gezeiten. Rings um das Becken wurden, die dreieckige Form des Platzes nachzeichnend, Bäume gepflanzt, doch das auffälligste Element bilden mehrere kleine, aus schrägen Flächen gebildete Pavillons, von denen zwei direkt den Beckenrand berühren.

Aufgrund ihrer schwarzen Oberfläche kontrastieren sie mit dem hellen Boden des Beckens – etwas von dem Geist Manriques weht durch das Konzept. Nach einem Konzept des französischen Botanikers Patrick Blanc sind die imaginären Lavahügel mit typischer Vegetation der Kanaren bewachsen.

Integriert in die Gesamtanlage der Plaza de España wurden auch historische Reminiszenzen, so der rekonstruierte historische Säuleneingang Alameda, aber auch die unter dem Becken zugänglichen Überreste des Castillo de San Cristóbal. Der Verlauf seiner Mauern ist im Becken als Linie angedeutet. Bleibt zu hoffen, dass – wie geplant – die Verbindung des Platzes mit der Mole und den Anlegestellen in den kommenden Jahren umgesetzt werden kann.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese

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