Gläsern oder steinern?

Ein Neubau von Norman Foster im Zentrum Warschaus

von Hubertus Adam

Wer das Zentrum Warschaus besucht - die Altstadt, die Neustadt und die «Königliche Route» um die Prachtstrasse Krakowskie Przedmiecie -, vermag kaum zu glauben, dass nahezu alle Gebäude nach der planmässigen Zerstörung durch die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs wieder aufgebaut worden sind. Farbe und Putz blättern bei den älteren Rekonstruktionen, und auf den ersten Blick ist oft kaum zu erkennen, dass es sich bei den «historischen» Bauten um neue Bausubstanz handelt.

Einer der Orte, an denen die Wunden des Zweiten Weltkriegs unmittelbar spürbar werden, ist der heute völlig überdimensionierte Pilsudski- Platz. An seinem nördlichen Rand liegt das im Kern klassizistische Nationaltheater, im Süden ein Hotel aus den siebziger Jahren; im Osten führt eine Strasse zur barock geprägten Krakowskie Przedmiecie. Im Westen hingegen öffnet sich die schier endlose gepflasterte Platzfläche zu den «Sächsischen Gärten». Diese Parkanlage entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts, nachdem August der Starke zum König von Polen gekrönt worden war. Ursprünglich begrenzten der Sächsische Palast (1713-45) und das Palais Brühl (1756/57) die Parkanlage zur Stadt, doch nach Zerstörung und Abriss zeugt nur noch das Fragment einer Kolonnade mit dem Grab des Unbekannten Soldaten von dem barocken Bauensemble. Der Wiederaufbau ist nur noch eine Frage der Zeit und des Geldes.

Dass auch ein Neubau sehr wohl Stadtreparatur leisten kann, beweist den Warschauern nun das «Metropolitan» genannte Gebäude an der Nordseite des Platzes, direkt hinter dem Nationaltheater. Mit Norman Foster fand die in Houston ansässige, seit einigen Jahren verstärkt nach Europa expandierende Developerfirma Hines für das 110 Millionen Dollar teure Prestigeprojekt einen Architekten, welcher der sensiblen städtebaulichen Situation gerecht wurde, indem er die Platzkante wiederherstellte, allerdings in zeitgenössischen Formen. Drittklassige Investorenarchitektur wäre von Seiten der Denkmalpflege für das hier errichtete Bauvolumen mit seinen insgesamt 38 000 Quadratmetern Nutzfläche nicht akzeptiert worden.

Foster entwarf einen sechsgeschossigen Komplex, der sich um einen kreisförmigen Innenhof von 50 Metern Durchmesser gruppiert; das Erdgeschoss ist zu grossen Teilen der Nutzung durch Einzelhandelsunternehmen und Restaurants vorbehalten. Aus vermietungstechnischen Gründen, aber auch, um das Volumen stadtverträglich zu gliedern, teilt sich der Komplex in drei Einzelbauten. In der Mitte jedes Gebäudes sind die Eingänge, zwischen ihnen die Durchgänge angeordnet. Der Gesamtumriss des Hauptbaus, der sich - wie auch die Gebäudehöhe - an der früher hier bestehenden Wohnbebauung orientiert, wird durch Kurven und Krümmungen bestimmt.

Die überzeugende Idee Fosters aber bestand darin, die umlaufende Glasfront durch senkrecht aus der Fassade heraustretende Granittafeln zu gliedern. Diese vertikalen brise-soleil verhindern nicht nur den direkten Lichteinfall der tief stehenden Sonne, sondern lassen das Gebäude zum Chamäleon werden: Blickt man frontal auf die Fassade, so wirkt sie offen und transparent; in der Schrägsicht hingegen schliesst sich das Volumen optisch, wirkt körperhaft und steinern.

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung, 08.08.2003

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