Bauwerk

Kindergarten Rohrendorf
GABU Heindl Architektur - Rohrendorf bei Krems (A) - 2008
Kindergarten Rohrendorf, Foto: Lisa Rastl

Welche Räume sind uns die Kinder wert?

16. März 2010 - Franziska Leeb

Wohl kaum zuvor war das Thema der Kinderbetreuung im Vorschulalter auf der politischen Agenda Österreichs so präsent wie in den vergangenen anderthalb Jahren. Ab 2009 bzw. 2010 ist der Kindergartenbesuch in Österreich für alle Fünfjährigen verpflichtend 1 und halbtags gratis, wobei der Föderalismus eifrig gepflegt wird und in den Bundesländern unterschiedliche Regelungen gelten, ab welchem Alter und in welchem Ausmaß Kostenfreiheit gewährt wird. Allein in Niederösterreich sind bereits 400 neue Kindergartengruppen in Betrieb gegangen, stolze 250 Millionen Euro wurden investiert.

Im Zuge der stark ideologisch geführten Debatte um die Rahmenbedingungen der Betreuung von Kindern im Vorschulalter trat die Frage nach adäquaten Räumen bloß am Rande in Erscheinung und wurde im Wesentlichen nur in der Architekturpresse 2 thematisiert. Nüchtern betrachtet sollten sich aus den politischen Initiativen für einen raschen Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen zwei Annahmen ableiten lassen:

Annahme eins: Wenn die Beteuerungen, der Kindergarten sei keine Aufbewahrungsanstalt, sondern eine pädagogisch hochwertige Bildungseinrichtung, ernst gemeint sind, dann muss dies auch in baukultureller Hinsicht gelten.

Annahme zwei: Die flotte Umsetzung neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen führt zu einer raschen Umsetzung der Bauten. Effiziente Bauweisen, mit denen sich auch in ästhetisch anspruchsvoller Weise und den Kriterien der Humanökologie und Nachhaltigkeit entsprechend arbeiten lässt, müssten demzufolge Hochkonjunktur haben. Eine tolle Chance für Holzbauweisen!

Ernüchterung macht sich breit Die Suche nach ambitionierten Kindergartenbauten aus der jüngsten Zeit endet aber rasch in Ernüchterung. Jene Bauten, die unter dem Siegel „architektonisch wertvoll“ subsumiert werden können, kann selbst ein Vorschulkind an seinen zehn Fingern leicht abzählen. Österreich unternimmt endlich eine Nachjustierung an seinem Bildungssystem und löst damit ein so enormes Bauvolumen aus, wie man es eher in einem Katastrophengebiet als in einem der reichsten Länder der Welt vermuten würde. Ungefähr hundert Kindergartengruppen sollen allein in Niederösterreich bereits in adaptierten Metallcontainern untergebracht sein.

Mobile Kindergärten, kurz „Mobiki“, nennen sich diese auf den ersten Blick attraktiven Lösungen: Die Baukosten sind niedriger als jene fixer Bauten (wobei manche Fachleute daran zweifeln), die Errichtungszeit ist kürzer. Später kann die Gemeinde den vom Land bis zu hundert Prozent geförderten Container anderweitig einsetzen und kommt so kostenlos zu Sportplatzumkleiden oder anderen kommunalen Infrastrukturen. Auf einer Serviceseite der Oberösterreichischen Landesregierung findet sich sogar eine Liste mit dem Titel „Auswahl Container-Firmen die Kindergärten-Lösungen anbieten“ (sic!) 3. Diese erleichtern mit einer Reihe von Serviceangeboten zur einfacheren Abwicklung den Kindergartenerrichtern die Entscheidung. Die Pädagoginnen bemühen sich redlich, das unwirtliche Ambiente dieser Container freundlich zu gestalten. Grundsätzliche Mängel lassen sich damit aber nicht beheben, wie z. B. nicht kindgerechte Parapethöhen, suboptimale klimatische, akustische und atmosphärische Bedingungen.

Lösungen sind vorhanden – aber in Vergessenheit geraten

Beispielhafte Lösungen in Holz, die man allenfalls adaptieren müsste, wären vorhanden. In Wien hat, ermuntert von den Behörden, die sich statt eines Provisoriums ein rasch errichtbares System in Holzbauweise wünschten, das Architekturbüro Schluder/Kastner ein solches entwickelt. Diese Kindertagesheime in der Anton-Schall-Gasse (1992, in Kooperation mit Dietrich/Untertrifaller), in der Schrebergasse (1999) und der Andersengasse (2000) haben bewiesen, dass die Bauweise für die Bauaufgabe ohne qualitative Einbußen funktioniert. Aus derselben Zeit stammt auch das in Holzleimbinder-Konstruktion errichtete Kindertages heim in der Gschweidlgasse (1995) von Geiswinkler & Geiswinkler Architekten. Es wehte in Wien also bereits einmal ein für Holzbauweisen günstiger Wind. Nachfolgeprojekte sind dennoch nicht in Sicht. Es mag an der Uninformiertheit der Zuständigen liegen, dass man an diese Erfahrungen nicht anknüpft. Man kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass es die Holzbaubranche verabsäumt hat, das Thema für sich zu besetzen. Immerhin wird das aus einem offenen Wettbewerb hervorgegangene Kindertagesheim in der Schukowitzgasse von Clemens Kirsch in Holzbauweise errichtet; prototypisches Potenzial hat dieses Projekt allerdings wenig. Das vorrangige Argument für den Holzbau war der Zeitdruck. Auch in Niederösterreich sind offene Wettbewerbe dünn gesät. Immer wieder stößt man auf Planungsauswahlverfahren, die nicht dazu angetan sind, Qualität hervorzubringen. Trotzdem kommt es singulär zu herzeigbaren und sogar vorzüglichen Ergebnissen.

Kindergarten mit Vorbildfunktion Eines der herausragenden ist der von Gabu Heindl geplante Kindergartenzubau in Rohrendorf bei Krems. Mit puren, ungekünstelten Materialien schuf sie ein anregendes Umfeld. Dass es kein reiner Holzbau wurde, ist dem Umstand zu schulden, dass die Planungszeit extrem kurz war und aufgrund des angrenzenden Bestandes sehr kontextspezifisch, also wohl auch mit einigem Improvisationstalent zu agieren war. Planung und Bau liefen zum Teil parallel und boten keine Chance für einen Holzsystembau. Die Sheddächer bestehen aus einer Leimbinderkonstruktion. Der Ziegelbau ist in eine Lärchenholzfassade gehüllt. Heindl machte sich die leichte Manipulierbarkeit des Holzes zunutze und integrierte nicht nur Abstellräume in die Fassade. Sie bildete daraus Nischen, Bänke und Sitzgelegenheiten. Hier können die Kinder unter dem auskragenden Dach witterungsgeschützt die Jahreszeiten erleben und haben Gelegenheit, taktile Erfahrungen zu machen und Prozesse der Alterung nachzuvollziehen. Tiefe, breite Fensternischen stehen auch im Inneren als Rückzugsorte mit Gartenblick zur Verfügung. Zusätzliches Licht kommt von oben durch die Sheds oder durch „Lichtkamine“ in den Nebenräumen, die zu beliebten Räumen für das In-den-Himmel-Schauen wurden. Auch bei der Ausstattung wurde Wert auf Qualität gelegt: Geöltes Eichenparkett und – zwar nicht von der Architektin geplante, aber von der Tischlerei Lechner aus Gföhl eigens angefertigte – Vollholzmöbel und Aufbewahrungsboxen aus verschiedenen Holzarten zeugen von Respekt vor den Bedürfnissen der Kinder und der Pädagoginnen. Viel gestalterische Energie floss in das Bemühen, sinnliche Erlebnisse zu stimulieren und dem Kindergartenalltag eine robuste Struktur zur Verfügung zu stellen.

Der Kindergarten ist ein öffentliches Gebäude und hat Vorbildfunktion. Wenn die Kindergartenoffensive auch einen bildungs- und kulturpolitischen Auftrag erfüllen will, darf die gestalterische Qualität der Kindergärten nicht ignoriert werden – egal in welchem Baustoff. Für Holz sind jedenfalls die Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft.

(1) in Kärnten, Niederösterreich und Oberöster-
reich ab September 2009, in allen anderen
Bundesländern ab 2010
(2) Christian Kühn: Ja nur kein Licht ins All, in:
Die Presse, Spectrum, 28.12.2009; Franziska
Leeb: Dem Kind gerecht, nicht kindlich, in:
Die Presse, Spectrum, 24.04.2009;
Elke Krasny: Aufbauend!, www.architektur-bauforum.at/ireds-91723.html
(3) www.ooe-kindernet.at

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AnsprechpartnerIn für diese Seite: Kurt Zweifelzweifel[at]proholz.at

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