Perry Street Condominium Towers
Richard Meier - New York (USA) - 2002

Der Luxus des Blicks in Manhattan

von Roderick Hönig

In New York ist Wohnen ein Dauerthema. Wie wohl nirgends auf der Welt geht es in dieser Stadt darum, zur richtigen Zeit im richtigen Quartier an der richtigen Strasse zu wohnen. Da aber fast jede Woche ein neues Quartier zum neusten Trendquartier wird, ist die eigene Wohnlage - ehe man sich's versieht - schon wieder out. Im fiebrigen Immobilienpoker gibt es trotzdem zwei feste Werte: erstens die zentrale Lage, das heisst Manhattan, noch genauer, alles, was südlich der Mitte vom Central Park liegt.

Der zweite sichere Wert ist der unverbaubare Blick: am besten natürlich auf den Central Park oder auf die Flusslandschaften des East River oder des Hudson River. Denn wer seinen Tag in den tiefen und schattigen Strassenschluchten Manhattans verbringt, weiss, wie wertvoll der weite Atem einer Wohnung mit Aussicht sein kann.

Wenn nun der Blick auf die Flusslandschaft und die New Jersey Skyline sogar vom beliebten Wohnquartier West Village aus möglich ist, dann ist das finanzielle Risiko für den Investor eines Bauprojekts an dieser Lage klein: Reiche New Yorker - oder solche, die sich hier eine Zweitwohnung leisten - zahlten zwischen 2,4 und 4,5 Millionen Dollar für eine Wohnung in den zwei von Richard Meier und Partner entworfenen Glastürmen an der Perry Street.
Das lauschige West Village ist wegen seiner gemütlichen Kleinstadtatmosphäre, seiner edlen Restaurants, der kopfsteinbepflasterten und alleengesäumten Seitenstrassen beliebt. Das Quartier stösst auf der Westseite an den Hudson River. Dessen Uferpromenade wird derzeit mit viel Aufwand in einen über zehn Kilometer langen Park umgebaut, der sich von Midtown bis an die Südspitze Manhattans erstrecken wird. Der sogenannte Hudson River Park hat nun bereits vor seiner Fertigstellung mit dem Bau von Richard Meier einen markanten Referenzpunkt erhalten: Die beiden Glastürme liegen ziemlich genau in der Mitte der langgezogenen Parkanlage und ragen mit 57 Metern Höhe unübersehbar aus dem vorwiegend viergeschossigen Quartier heraus.

Für den amerikanischen Stararchitekten Richard Meier, der seit 1963 ein eigenes Büro in Manhattan hat, sind die Glastürme ein spätes Heimspiel. Denn Meier hat fast überall auf der Welt schon seine typisch weiss strahlenden Lichtkathedralen errichtet, doch noch nie in New York. So hat der Architekt beispielsweise in Los Angeles - sich immer treu an der klassischen Moderne orientierend - das Getty Center, in Barcelona das Museum für zeitgenössische Kunst oder an der Viaduktstrasse beim Bahnhof Basel ein weiss leuchtendes Bürohaus entworfen. Umso programmatischer ist sein erstes Projekt, das er für seine Heimatstadt von Grund auf realisieren konnte.

In ihrer Sowohl-als-auch-Bauweise haben die beiden Türme in der hiesigen Architekturszene für Diskussionsstoff gesorgt. Denn bis anhin gab es in New York eigentlich nur zwei Typen von Wohnhochhäusern: zum einen den weit verbreiteten, behäbigen Backsteinbau. Dort liegt die massive Tragstruktur hinter der schweren, meist dunklen Backsteinwand, in die kleine Lochfenster eingeschnitten sind. Zum anderen den eleganteren, aber auch teureren Curtain-Wall-Bau, wie man ihn von den Bürohochhäusern aus dem Financial District her kennt. Bei dieser transparenten «Leichtvariante» sind Tragstruktur und Glashaut sichtbar voneinander getrennt.

Die Türme von Meier sind eine Mischform der beiden Fassadensysteme. Gegen den Fluss hin sowie im Norden und Süden sind sie von einem filigranen, feingewobenen Glasvorhang eingekleidet. Schmale Aluminiumschwerter fassen die geschosshohen Scheiben rundherum ein. Auf der Flussseite betont ein weiss gestrichener Stahlrahmen die Geschosseinteilung. Wer genauer hinsieht, sieht hinter der transparenten Fassade die runden weissen Pfeiler des Stahlbetonskeletts, die eigentliche Tragstruktur. Die Gläser haben einen Pazifikblaustich. Die ausgewogene Hellblau-Weiss-Komposition verleiht den Häusern einen mediterranen Charme - und das mitten in Manhattan.

Auf die flussabgewandte Seite hat Meier den massiven Erschliessungskern mit Treppen und Liften gesetzt. Es ist ein scharf geschnittener, dunkelgrauer Sichtbetonturm, der dem luftigen Glasturm den Rücken zu stärken scheint. Auf dem Dach liegt jeweils eine zweigeschossige Glasbox - darin untergebracht ist der Maschinenraum, der nachts wie ein Leuchtturm strahlt. Die elegante Mischung aus Beton, Aluminium und Glas hebt das Projekt aus der Masse der schweren Backsteinbauten hervor.

Alle Wohnungen gehen über ein ganzes Stockwerk. Es sind grosse, aber unspektakuläre Lofts, in deren Mitte sich die Küche und die Bäder befinden. Neben dem offenen Wohn-und-EssBereich gibt es ein bis zwei Schlafzimmer, die jeweils gegen den anderen Turm, der nur 13 Meter entfernt ist, orientiert sind. Die Raumhöhe ist mit rund 3 Metern für New Yorker Verhältnisse sehr grosszügig.

Der nördliche, schlankere Turm misst im Grundriss rund 16 auf 12 Meter, seine Apartments sind rund 170 Quadratmeter gross. Im südlichen Turm (21 auf 16 Meter) haben sie mit 350 Quadratmetern fast doppelt so viel Fläche. Die Wohnungen sind individuell gestaltet, denn sie werden nicht - wie in der Schweiz üblich - fertig ausgebaut, sondern im Rohbau verkauft. Die Türme sind zwar seit letztem Jahr fertiggestellt, doch viele Käufer sind derzeit noch daran, sich ihre Traumwohnung von ihrem eigenen Innenarchitekten schneidern zu lassen.

Einzigartig ist der spektakuläre Ausblick aufs Wasser, den Meier mit seiner reduzierten Architektur in Szene setzt. Tagsüber fahren Kreuzfahrtschiffe vorbei, nachts verschwindet der Fluss, und die New Jersey Skyline beginnt zu leuchten.

Der weite Atem hat wahrscheinlich auch Nicole Kidman darüber hinweggetröstet, dass die beiden Türme an der achtspurigen West Street liegen. Die australische Schauspielerin hat sich gleich mehrere übereinanderliegende Etagen gekauft, die sie sich derzeit von Richard Meier ausbauen lässt.

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Für den Beitrag verantwortlich: NZZ-Folio, 01.11.2003

AnsprechpartnerIn für diese Seite: officenextroom.at

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