Bauwerk

Mut zur Lücke Doppelhaus
STUDIO LOIS - Innsbruck (A) - 2018
Mut zur Lücke Doppelhaus, Foto: David Schreyer
Mut zur Lücke Doppelhaus, Foto: David Schreyer
7. März 2019 - newroom
In Tirol sind Bauplätze rar, im Stadtzentrum von Innsbruck fast unauffindbar. Vier Freunde wollten als Nachbarn gemeinsam leben und ballten Ihre Kraft zur Realisierung einer Wohnmöglichkeit. Nach 4 Jahren langwieriger Suche gefunden: ein Grundstück.

Schmal L-förmig, mit eingeschränkter Zufahrt mitten im Stadtgebiet, Grundstückstiefen von 10 bzw. 12 Metern und gemäss Bebauungsplan mit offener Bauweise nach Tiroler Bauordung eigentlich nicht bebaubar! Die Nachbarschaft: von Archivgebäude, Supermarkt, alter Fabrik und romantischen Villen mit Gärten umgeben. Der Hindernislauf mit den gesetzlichen Parameter war zugleich Herausforderung wie auch indirekter Formgeber für das Bauwerk.

Entstanden ist ein monolithisches Gebäude, das mit seinem asymmetrisch aufgesetzten Dach und der dunkel lasierten Fassade robust wirkt, sich aber nicht in den Vordergrund drängt.
Das Doppelhaus fügt sich auf dem nur 400 m² grossen Gründstück zwischen die gebaute Nachbarschaft in eine Lücke ein. Das Gebäude wird durch Auffalten, Vor- und Rücksprünge so ausformiert, dass nicht ein grosser Baukörper massiv in Erscheinung tritt, sondern zwei kleine selbständige Häuser sichtbar werden. Innen fügen sich die Räume durch eine Hierarchisierung des Tagesablaufes in der Entwurfsidee von unten nach oben, jeder Quadratmeter ist genutzt und passt zur Lebensweise der Bewohner. Gezielte Öffnungen bieten Blick über das (teilweise Nachbars-) Grün. Das Einfügen eines Atriums im Wohngeschoss lässt beide Wohnungen alle Tageszeiten spüren, eine gemeinsame Kommunikationsebene wird geschaffen und eine alte Mauer als Zeuge von Vergangenem belassen. Fenster im Atrium sind so gesetzt, dass ein Wahrnehmen der Nachbarn gut spürbar ist, jedes Haus aber seine Privatsphäre behält. Ausschnitte in der Dachlandschaft erzeugen Aussenräume mit dem Blick auf die imposante Bergwelt rund um Innsbruck

Im Eingangsgeschoss befinden sich jeweils Diele, Wirtschaftsraum, Schlafen, Schrankraum und Badezimmer. Die Holztreppen sind in beiden Häusern als benutzbare Oberflächen in Form von Regalen gebaut. Das erste Obergeschoss ist ein offener, teilweiser zweigeschossiger Wohnraum mit Glasfront, Loggia und grossem Sitzfenster für den Blick in den Garten. Die Galerien im Dachgeschoss sind zum Wohnraum offene Arbeits- und Chillbereiche. Einschnitte im Dach bilden kleine Terrassen aus.
Die Konstruktion in Massivholz und Beton wurde mit Sichtoberflächen belassen, es gilt der Grundsatz: Es ist, was es ist.
Das Erdgeschoss ist aufgrund der umliegenden Bestandsbauten der Nachbarn nur teilunterkellert und aus diesem Grund teilweise aus Betonwänden gebaut. Auch der Beton wurde als Sichtoberfläche belassen und als „Schwartlingsschalung“ ausgeführt um die Analogie zum restlichen Holzbau herzustellen. Alle Decken und aufgehenden Wände sind aus verleimtem Massivholz gebaut, die Oberflächen weiss lasiert. Die Dachflächen mit ihrer Neigung und Höhenentwicklung stellen das Hohlraumprofil der Bauvorschriften dar. Aus diesem Profil ergeben sich 13 Dreiecksflächen, welche als stabiles Dachformwerk sich gegenseitig aussteifen. Auch die Dachflächen sind im Innenbereich wie der restliche Holzbau auf Sicht, was für die Handwerker beim Bau eine grosse Herausforderung darstellte. Die Einrichtung aus einfachen Fichteholzplatten ist in den Holzbau integriert mitgebaut worden. Die Fassade aus riftgeschnittenen Lärchenbrettern wurde dunkel geölt. Diese Fassadenbretter ziehen sich über Dach und erscheinen für die höheren Stadthäuser als weitere Fassade des Gebäudes. Innen Holz, aussen Holz

Der Titel „Mut zur Lücke“ leitet sich von der eigentlichen „Unbebaubarkeit“ des Grundstücks ab. Die Bauvorschriften betrachtend war eine Bebauung der Lücke zu Wohnzwecken im Prinzip nicht möglich. Intensives und genaues Studieren der Raumordnungsdefinitionen, Neuinterpretation von gesetzlichen Bedingungen und die Erstellung von einigen Gutachten führten zur Wohnnutzung des Grundstückes. Und mitten im Haifischbecken der gewerblichen Bauträger musste die Entscheidung zum Kauf von der privaten Bauherrengemeinschaft binnen weniger Tage gefällt werden – ganz schön mutig! (Text: Architektin)

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