Villa Garbald - Erweiterung
Miller & Maranta - Castasegna (CH) - 2001

Landhaus und Wohnturm

Die von Gottfried Semper entworfene Villa Garbald in Castasegna wird seit vergangenem Sommer von der ETH als Tagungszentrum genutzt. Sanierung und Umnutzung des Baudenkmals sowie die Errichtung eines Ergänzungsgebäudes lagen in den Händen der Basler Architekten, die für diese vielfältigen Aufgaben souveräne Lösungen fanden.

von Mathias Remmele

Gottfried Semper selbst war nie in Castasegna. Der berühmte Architekt und ETH-Professor hatte, soweit man weiss, auch nur sehr ungefähre Vorstellungen von jenem kleinen Grenzdorf im Bergell, wo nach seinen Plänen in den Jahren 1863/64 ein Wohnhaus für den Zollbeamten Agostino Garbald und dessen Frau Johanna entstand. Vom fernen Zürich aus und überzeugt, damit sowohl für die ländliche Lage als auch für die bürgerliche Bauherrschaft eine adäquate Lösung gefunden zu haben, entwarf er den schlichten Bau in formaler Anlehnung an den Typus eines italienischen Landhauses. Die Frage nach einem speziellen Ortsbezug stellte sich dabei weder für Semper noch für die Garbalds. Wahrscheinlich wäre sie ihnen schlichtweg absurd erschienen. Kein Wunder, denn die Idee des Regionalismus und die damit einhergehende Diskussion um das Bauen in den Bergen, die uns heute so selbstverständlich vorkommt, wurde erst Jahrzehnte später geboren.

Wie es zu Sempers Bau im abgelegenen Castasegna kam, wie seine Urheberschaft zunächst in Vergessenheit geriet und dann durch Zufall wieder entdeckt wurde, wie und warum sich schliesslich die ETH Zürich dazu entschloss, die Villa Garbald in ein Tagungszentrum zu verwandeln, ist eine lange Geschichte, die an anderer Stelle in gebührender Ausführlichkeit dargelegt ist.1 Jedenfalls wurde 2001 ein Studienwettbewerb unter sechs eingeladenen Büros ausgeschrieben, der sowohl die Restaurierung und Umnutzung des Semper-Baues als auch die Planung eines neuen Ergänzungsgebäudes mit Seminarraum und Gästezimmern umfasste. Mit ihrem Projekt Roccolo konnten Paola Maranta und Quintus Miller die Konkurrenz für sich entscheiden. Aufgrund ihrer bisherigen beruflichen Praxis und Erfahrung schienen sie für die aussergewöhnlich vielfältige Bauaufgabe bestens gerüstet.

Restaurierung

Bei der Sanierung der Semper Villa ging es vor allem darum, möglichst viel von der Substanz und dem Geist des Semper- Baus zu erhalten und das Haus gleichzeitig den neuen Nutzungsanforderungen und heutigen Bedürfnissen anzupassen. Dabei kamen Miller&Maranta ihr profundes bauhistorisches Wissen, ihre respektvolle Haltung gegenüber dem Bestand sowie ihr sicheres Gespür für Material- und Farbzusammenklänge zu Gute. Für das Kardinalproblem der Sanierung, den Einbau moderner Sanitäranlagen, fanden sie eine überzeugende Lösung. In den Obergeschossen wurden zu diesem Zweck jeweils die beiden östlich gelegenen Zimmer zu Bädern umfunktioniert. Das führt zwar dazu, dass die Gästezimmer mit den Bädern nicht direkt verbunden sind und die Sanitärbereiche im Verhältnis ungewöhnlich viel Fläche beanspruchen. Doch dafür blieb die grundlegende Struktur des Hauses unangetastet. Um auf den nachträglichen Einbau der Bäder zu verweisen, platzierten Miller&Maranta Duschen und Waschtische wie Möbel in die farblich fein differenzierten Räume. Statt hyperfunktionalen Nasszellen schufen sie im Altbau damit charakterstarke Sanitärräume, in denen Mo- dernität und eine gewisse Nostalgie auf gelungene Weise verbunden sind.

Eine Zäsur innerhalb des Altbaus markieren die Küche und der direkt anschliessende, auf den Hof hinter der Villa ausgerichtete Essraum, der in seiner aktuellen Gestalt neu geschaffen wurde. Sie bilden innerhalb des gesamten Ensembles gleichsam eine Übergangszone vom historischen Teil der Anlage zum benachbarten Neubau, auf den sie hinsichtlich Materialisierung, Farbigkeit und formaler Gestaltung bezogen sind. Die atmosphärisch dichte, klösterlich schlichte Anmutung dieser Räume ist eine geschickte Einstimmung auf den nur wenige Schritte entfernten, im Garten der Villa errichteten Ergänzungsbau.

Neubau

Direkt an der Grundstücksgrenze an der Stelle des früheren Heustalls situiert, will der Neubau zwar einerseits seine respektvolle Unterordnung gegenüber der Semper-Villa demonstrieren, andererseits aber gewinnt er durch die Distanz an Autonomie und Gewicht. Denn so bescheiden sich Miller& Maranta beim Altbau im Hintergrund hielten, so entschieden versuchten sie beim Neubau ganz eigene Akzente zu setzen. Und das gelang unter anderem, weil sie sich, im Gegensatz zu Semper, intensiv mit dem Ort beschäftigten und als gute Analoge nach Anknüpfungspunkten suchten.

Der polygonale Baukörper des Neubaus, dessen Grundriss sich einem unregelmässigen Fünfeck annähert, beeindruckt zunächst durch seine schlanke, turmartige Gestalt. Während die Form des Grundrisses durch den Verlauf der Grundstücksgrenze und der Gartenmauer angeregt wurde – wie das etwa an älteren Ökonomiegebäuden auf dem Areal der Villa Garbald beobachtet werden kann – ist das Turmmotiv durch die in Norditalien verbreiteten, Roccoli genannten Vogelfangtürme inspiriert. In der kristallinen Erscheinung des Baukörpers, zu der auch die bald ansteigende, bald abfallende Dachkante wesentlich beiträgt, sind, freilich in geläuterter Form, auch das Bild eines Felsbrockens und die oft komplexe Geometrie eines alten Engadiner Hauses enthalten. Die auffällig raue Oberflächenstruktur der mit Hochdruck ausgewaschenen Betonfassade offenbart die lokalen Zuschlagstoffe. In Textur und Farbigkeit unterscheidet sich der Neubau damit markant vom Semper-Bau, gleichzeitig integriert er sich jedoch in seine unmittelbare Nachbarschaft.

Zu den besonderen Kennzeichen des Turmes zählt die keiner erkennbaren Regel folgende Verteilung der quadratischen, in den Betonkörper eingeschnittenen Fensteröffnungen. Sie erschwert es, die Dimensionen des Baues richtig einzuschätzen, und sie gibt einen deutlichen Hinweis auf die unkonventionelle Stockwerkseinteilung im Inneren. Nebenbei ist sie als formale Anknüpfung an die ebenso prägnante wie malerische Architektur alter Engadiner Häuser lesbar.

Das innere Organisationsprinzip des Neubaus, dessen Erdgeschoss vom Seminarraum dominiert wird, scheint denkbar einfach, seine räumliche Verwirklichung aber ist erstaunlich komplex. Um eine zentrale, spiralförmig (aber nicht gerundet) angelegte Treppe, die von zahlreichen Podesten unterbrochen wird, gruppieren sich die zehn Gästezimmer mit den jeweils angegliederten Sanitärräumen – fast jedes davon auf einer eigenen Höhenebene. Ganz oben weitet sich das Treppenhaus zu einem gemeinschaftlich nutzbaren Turmzimmer, dessen herausgehobene Stellung durch die einmalig grosse, gen Westen ausgerichtete Fensteröffnung, auch von aussen ablesbar ist. Der eigentümliche, bisweilen fast expressiv wirkende Zuschnitt der Innenräume korrespondiert mit der Geometrie der Gesamtform und variiert von Zimmer zu Zimmer. Auch die verwinkelte Anlage der Treppe bietet eine Vielzahl überraschender räumlicher Konstellationen, die unwillkürlich die Erinnerung an altes Gemäuer transportieren.

Luxese

Mit Böden aus Hartbeton (in den Zimmern versiegelt) und roh belassenem Gips-Kalk-Putz an den Wänden und Decken gibt sich der Neubau im Inneren betont spartanisch. Ein Eindruck, zu dem auch die minimalistische, von den Architekten entworfene Möblierung der Gästezimmer beiträgt. Angesichts der elaborierten High-Tech-Gadgets, mit denen das Haus von der ETH ausgestattet wurde, und in Anbetracht des gestalterischen und handwerklichen Aufwandes, der bei der Realisierung dieses Projektes betrieben wurde, wirkt die demonstrative Askese hier freilich etwas forciert. Diese Art von luxuriöser Einfachheit, für die Matthias Horx den trefflichen Ausdruck Luxese prägte, mag man in erster Linie als Geschmackssache begreifen, tatsächlich ist sie auch eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Zweifellos aber ist Miller&Maranta in Castasegna mit scheinbar leichter Hand das Meisterstück gelungen, einen dezidiert zeitgenössischen Neubau zu schaffen, der sich ohne Anbiederung in seine Umgebung fügt, der sich zu bescheiden weiss und gleichzeitig eine selbstbewusste Eigenart ausstrahlt. Die zahlreichen Bezüge, die sich zwischen dem Gebäude und seinem konkreten Ort herstellen lassen, der reflektierte Umgang mit regionalen Bauformen, der in diesem Projekt zum Ausdruck kommt, beweist einmal mehr die Vielfalt und Tiefe ihrer architektonischen Recherche.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese, 15.06.2005

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Hannes Mayer

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