Bauwerk

Gründerzentrum - Pavillon I
Barkow Leibinger - Grüsch (CH) - 2001
Gründerzentrum - Pavillon I, Foto: Margherita Spiluttini

Stille Grösse

Das Gründerzentrum in Grüsch von Barkow Leibinger

2. November 2001 - Andres Lepik
Am Eingang zum Prättigau liegt unweit von Landquart in der Talsohle bei Grüsch ein auf Lasertechnologie spezialisierter Industriebetrieb, eines der wenigen saisonunabhängigen Unternehmen in dieser Gegend. Sein Besitzer regte vor einiger Zeit die Schaffung eines sogenannten Gründerzentrums auf dem Firmengelände an. Es soll jungen, innovativen Firmen der Region durch die Bereitstellung von Räumen für Büros und Fertigung, aber auch mit dem gezielten Angebot von Seminaren eine erste Anlaufstelle und das geeignete Umfeld bieten. Die Idee fiel bei den örtlichen Behörden auf fruchtbaren Boden und mündete über die Gründung einer Stiftung und durch die Beteiligung des Kantons Graubünden und einer Bank schon bald in die konkrete Planung. Der Entwurf für den neu zu findenden Bautyp, der eine hohe Funktionalität und Flexibilität bieten sollte, wurde dem Berliner Büro Barkow Leibinger übertragen, das für den gleichen Auftraggeber bereits in den Vereinigten Staaten und in Stuttgart gebaut hat.

Selbstbewusste Attitüde

Schon von weitem hebt sich der Neubau selbstbewusst von seiner landschaftlichen Umgebung und den benachbarten Werkshallen der Mutterfirma ab. Ein mit rot lasiertem Holz verkleideter Kubus, längs zum Tal gerichtet und nach beiden Seiten offen, reckt sich über einen quer gelagerten, unverkleideten Betonkubus hinaus. Der untere Baublock kragt an einem Ende weit über das leicht abfallende Gelände aus und liegt in seinem Hauptteil wie eine Brücke über einer künstlichen Geländevertiefung, die sich unter dem Gebäude hindurchzieht und an beiden Seiten von schrägen Waschbetonmauern gefasst ist. Erst durch die Bewegung um den Bau herum wird die räumlich komplexe Struktur erkennbar. Das Hineinsehen und Durchsehen von aussen sowie die im Obergeschoss weit aufgerissenen stockwerkhohen Fenster deuten darauf, dass dieser Bau kein in sich gekehrtes, abgeschottetes Labor, sondern einen Ort der Offenheit, der forschenden Neugier und Kommunikation bilden soll.

Die breiten Fensterbänder, mit Vor- und Rücksprüngen plastisch durchgegliedert, lassen weite, stützenfreie Innenräume erkennen. Die Statik des Gebäudes sticht bald ins Auge: Die beiden übereinander gelagerten Baukuben schneiden sich über Eck, und der untere ist an den Stellen weit geöffnet, wo man eine tragende Wand erwarten würde. Der Churer Ingenieur Jürg Conzett, unter anderem durch den Traversiner Steg über die Via Mala bekannt, wurde von Frank Barkow und Regine Leibinger von Beginn der Planung an einbezogen. Die architektonische Idee des Gebäudes wurde mit Conzett gemeinsam zu einer differenzierten baulichen Struktur entwickelt und verdichtet, in der Form und Funktion untrennbar verzahnt sind. Über ein System von Betonscheiben und vorgespannten Dachterrassen konnten daher enorme stützenfreie Räume bei gleichzeitig weiter Öffnung nach aussen erreicht werden.

Im Inneren zeigt sich mehr noch als von aussen, dass dieser Bau alle vordergründigen Repräsentationsgesten und jede zeichenhafte Rhetorik vermeidet. Hauptzugang, Lobby, Treppen sowie Verkehrs- und Büroflächen sind in ihren Dimensionen wohlbemessen; hier gibt es weder demonstrative Verschwendung noch peinliche Knauserei. Das Raumangebot übertrifft insgesamt jedoch die Erwartung. Die Kantine im Tiefparterre, die sich durch den unteren Baukubus zwischen den Geländerampen ganz hindurchzieht, ist der grösste offene Raum des Hauses und besitzt mit seinen Dimensionen und seiner unaufgeregten Ausstattung doch exakt jene Atmosphäre, die das gemeinsame Essen zu einem positiven Erlebnis werden lässt. Die Arbeits- und Büroräume in den oberen drei Geschossen öffnen sich an wenigstens einer Seite zur umgebenden Berglandschaft. Die Umgebung tritt dabei in so unmittelbaren, fast nahtlosen Bezug zum Innenraum, dass wohl nicht ganz zufällig an Ideen Mies van der Rohes gedacht werden darf. Wie bei Mies sind auch hier die Materialien und architektonischen Details präzis, edel und von distinkter Zurückhaltung. Farbe ist fast immer die Farbe des Materials: Holz, Beton und Stahl. Sowohl bei den makellosen Sichtbetonflächen der offengelegten, tragenden Wände wie den Terrazzoböden im Untergeschoss, aber auch bei den schlichten, handgeschmiedeten Handläufen und den massgeschneiderten, hölzernen Fensterrahmungen zeigt sich einmal mehr, dass allein handwerkliche Qualität einer derart reduzierten Formensprache zu einem schlüssigen Eindruck verhilft. Die Kontaktarchitekten Ricoh Vogel und Wolfgang Natter aus Chur haben hier beachtliche Resultate erzielt. Der Anspruch, den dieser Bau an die Präzision der Räume und Details legt, könnte ebenso wie das Konzept der Offenheit und Kommunikation für Jungunternehmer eine ideale Basis bieten.

Verfrühte Publikation

Ein jüngst erschienener Werkbericht über die Arbeiten von Barkow Leibinger enthält neben dem Bau in Grüsch und der ebenfalls in diesem Jahr eröffneten Biosphärenhalle auf der Bundesgartenschau in Potsdam weitere seit 1993 entstandene Projekte. Obwohl das Büro in Berlin tätig ist, hat es dort bisher fast nicht gebaut - der einführende Text von George Wagner lässt die Gründe dafür ahnen. Leider kommt dieses Büchlein offenbar zu früh, denn einige der inzwischen fertiggestellten Projekte sind darin nur mit Modellfotos und Baustellenansichten gezeigt. Sein Informationsgehalt liegt nicht zuletzt auf Grund sehr reduzierter Werkerläuterungen und der oft nur allzu klein reproduzierten Pläne um einiges hinter den Möglichkeiten.

[Weiterführende Literatur: George Wagner: Barkow Leibinger. Werkbericht 1993-2001. Birkhäuser-Verlag, Basel 2001. 128 S., Fr. 68.-. ]

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Für den Beitrag verantwortlich: Neue Zürcher Zeitung

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