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Profil

Studium der Architektur, ETH Zürich (1985–1991), Kurze Engagements in Architekturbüros in Zürich, Aufenthalt in Moskau (1992–1994) mit kurzem Engagement in Innenausbaufirma, Redaktor für Architektur bei Hochparterre, der Schweizer Zeitschrift für Architektur, Planung und Design (seit 2001), Co-Geschäftsleiter seit 2019, Verwaltungsrat seit 2021.

Lehrtätigkeit

Informelle Assistenz am Moskauer Architekturinstitut MArchI, Diplomklasse Ewgenij Ass (1993–94), Assistent an der Professur für Architektur Helmut Spieker (1994–1998).

Publikationen

Warschau – Phönix aus der Asche (Böhlau-Verlag, Köln 2005), Moskau – Metropole im Wandel (Böhlau-Verlag, Köln 2007), Bern baut (Edition Hochparterre, 2009), Bahnhof Bern 1860–2010 (Scheidegger & Spiess, Zürich 2010), Bahnhofstrasse Zürich. Geschichte – Gebäude – Geschäfte (Edition Hochparterre, 2015), Zürich Hauptbahnhof (Scheidegger & Spiess, Zürich 2015), Architekturführer Warschau (Co-Autor, Dom Publishers, Berlin 2015), Architekturführer Zürich (Edition Hochparterre, 2020)

Veranstaltungen

Schweizergeschichten – Architekturgeschichten (Staatliches Architekturmuseum Moskau, 2002), zahlreiche Vorträge und Führungen

Artikel

12. Dezember 2005 hochparterre

Marke im Bildungsquartier

«Das Projekt ‹mark› besticht durch eine städtebaulich überzeugende Ausformung des Gebäudevolumens und eine spannende Materialisierung sowie ein für eine moderne Berufsschule adäquates Gepräge», stand 1997 im Wettbewerbsbericht. Und der fertige Bau? Das Gebäude, bestehend aus fünf Unterrichtsgeschossen und fünf aufgetürmten Sporthallen, steht selbstbewusst am Sihlquai und markiert das ‹Bildungsquartier› im Kreis 5 (HP 5/05). Die laut Bericht ‹spannende Materialisierung› hat sich gewandelt: Nicht dunkelgrau verputzt sind die Aussenwände, sondern sie bestehen aus Sichtbetonelementen. Deren Struktur diktierte den Architekten den Rhythmus der Öffnungen, gab ihnen aber insbesondere am Turmbau auch die Freiheit, Fenster dort anzuordnen, wo sie benötigt wurden, ohne dass der Bau in Fragmente zerfallen würde. Beton prägt auch das Innere an Stützen und Wänden und als Kunststein auch am Boden. Damit folgten die Architekten «der Zürcher Tradition der zwinglianischen Bescheidenheit», wie sie einer Zeitung sagten. Und der rote Turm auf dem Dach? Er ist die Kunst und setzt einen virtuosen Kontrapunkt zum massiven Betonturm.

20. November 2005 hochparterre

Auch ein Appenzellerhaus

Im Dorfkern von Teufen gibt es schöne Appenzellerhäuser und Fabrikantenhäuser zeugen von der Weberei und dem Textilhandel. Wenig unterhalb des Bahnhofs haben die Architekten Covas Hunkeler Wyss im engen Korsett, das ihnen eine Zivilschutzanlage und die Grenzabstände vorgaben, ein Haus mit sechs Wohnungen errichtet. Die geknickten Fassaden und das gefaltete Dach brechen die grosse Form und nehmen den Massstab der Umgebung auf. Die Architekten interpretierten traditionelle Elemente auf eine frische Art. Dies zeigt sich bei der Dachlandschaft, die ein Motiv der zusammengebauten Altbauten der Umgebung zeigt, aber auch bei der hölzernen Fassade und den Fenstern, die sich teilweise mit Schiebeläden schliessen lassen. Die unterschiedlichen Fenster weisen darauf hin, dass sich unter dem Dach nicht einfach cremeschnittenartig aufeinander gestapelte Geschosse befinden. Jede der sechs Wohnungen besitzt einen überhohen Wohnraum und in der einen Dachwohnung scheinen die Winkel und Treppen kein Ende zu nehmen, bis man schliesslich die prächtige Dachterrasse erreicht. Rechte Winkel gibt es im Grundriss kaum und wer den Schnitt sieht, der staunt, dass am Ende alles zusammenpasste.

20. November 2005 hochparterre

Drei für Fünf

In drei Etappen haben die Waadtländer Gemeinden Denens, Lussy, Saint-Prex, Villars-sous-Yens und Yens ihr Sekundarschulhaus in Saint-Prex gebaut: 1978 entstand Cherrat I, 1984 die Turnhalle, 1991 Cherrat II, im April 2005 Cherrat III. Dieser erhöht die Kapazität von 260 auf 400 Schüler und gibt der Schule ein Gesicht. Im Erdgeschoss hält der Neubau die Flucht des Altbaus mit seiner beigen Betonelementfassade und den braun eloxierten Fenstern ein.
Die Obergeschosse kragen jedoch kühn aus und überdecken den Pausenplatz. Dieser niedrige Aussenraum weitet sich im Innern zu einer doppelgeschossigen Halle, aus der eine Treppe ins 1. Obergeschoss führt. Der weitere Weg nach oben führt durch einen Durchgang zur Treppe im etwas heruntergekommenen Altbau, in dem bunte Dreiecke über den Türen freundlich wirken wollen. Da bleibt man lieber im Neubau, geht den Korridor entlang und entdeckt am Ende eine schmale Treppe, die in den 2. und 3. Stock führt. Dort sind 12 Klassen- und fünf Spezialzimmer untergebracht, im kleineren Bau Musiksäle und Bibliothek. Dass die Jugend aus fünf Gemeinden die Schule von Saint-Prex besucht, zeigt sich an der komfortabel ausgefallenen Vorfahrt für die Schulbusse.

16. September 2005 hochparterre

Der Radtempel wird zur Arena

Das bald siebzigjährige Hallenstadion in Zürich-Oerlikon hat eine Verjüngungskur hinter sich, die aus dem einstigen Radtempel eine zeitgemässe Veranstaltungshalle machte. Das denkmalgeschützte Haus blieb erhalten, Zusatznutzungen haben in einem Vorbau Platz gefunden. Eine Würdigung des neuen Hallenstadions als Match in drei Dritteln samt Schlusspfiff.

1. Drittel: Der Altbau

Die 1912 errichtete offene Radrennbahn in Oerlikon war der Stolz der damals noch selbstständigen, reichen Industriegemeinde vor den Toren Zürichs. Doch häufig vergällte der Regen das sonntägliche Vergnügen, und so tat sich 1932 ein Initiativkomitee zusammen, um eine gedeckte Rennbahn zu erstellen. 1938 – Oerlikon gehörte nun zur Stadt Zürich – war aus dem Initiativkomitee die Aktiengesellschaft Hallenstadion geworden, die dank Beiträgen von Bund, Stadt und Kanton Zürich im Frühling 1938 mit dem Bau des Hallenstadions beginnen konnte. Am 4. November 1939 eröffnete ein Fest ‹unter dem Protektorat des Stadtzürcherischen Verbandes für Leibesübungen› den von Architekt Karl Egender, den Ingenieuren Ernst Rathgeb und R. A. Naef erstellten Bau.

Dieser besteht aus zwei Teilen: der massiven ‹Schüssel› mit Rennbahn, Tribünen und Garderoben und dem stählernen ‹Deckel›. Die Schüssel ist als Betonrahmenstruktur konstruiert, an der die nur gerade acht Zentimeter dicken Betonplatten von einer Zeit zeugen, in der die Arbeit billig und das Material kostbar war. Unabhängig von der Schüssel steht, als Meisterleistung der Ingenieure, die Stahlkonstruktion des Daches auf vier Stützen an den äusseren Ecken der Tribüne. Zwei mal zwei Hauptbinder, je zehn Meter hoch, spannen ein Rechteck auf, in das vier weitere Binder eingehängt sind. Darauf liegt die 10 000 Quadratmeter grosse Dachfläche aus Holzsparren, Schalung und Kiesklebedach. Um das zu beheizende Volumen zu reduzieren, hängte man auf halber Höhe der Hauptträger eine Decke aus Eternitplatten an ein Holzgebälk. Die darin ‹versinkenden› Fachwerkträger der Haupttragebene haben den Raumeindruck geprägt.

Durch die zwischen die Schüssel und den Deckel gespannte Glashaut strömte viel Licht in die Halle, doch war diese lichte Atmosphäre nur noch auf alten Fotos zu bewundern. Längst waren die Glasflächen hinter grossen Vorhängen verschwunden, die das Tageslicht aussperrten. Denn obschon die Radrennen zunächst den Kalender dominierten, war das Hallenstadion von Beginn weg als Mehrzweckhalle geplant. So gab es Boxkämpfe, Reitwettbewerbe, Opernaufführungen oder Zirkusvorstellungen, und schliesslich erlebte das Hallenstadion am 18. November 1950 seinen ersten Eishockeymatch: ZSC gegen Arosa.

Zwischenresultat des 1. Drittels: Bei seiner Eröffnung war das Hallenstadion eine der grössten Veranstaltungshallen Europas. Die ‹Schildkröte›, wie das sechseckige Gebäude mit seinem nur minimal geneigten Dach genannt wurde, ist zu einem Wahrzeichen Oerlikons geworden. Seit der Eröffnung hat man es stets in Schuss gehalten, repariert, was nötig war, und hier und dort kleinere Umbauten durchgeführt. Doch mit den Jahren machten sich die Altersbeschwerden bemerkbar; das alte Haus genügte den Ansprüchen nicht mehr. So musste die Beleuchtung für jeden Anlass separat an der Decke befestigt werden, und in einer Zeit, wo die grossen Stars ihr Equipment in 40-Tönnern antransportieren, konnte bloss ein Gabelstapler von aussen ins Hallenstadion fahren. Zudem büsste der Radrennsport seine Bedeutung ein und die Rennbahn stand den meisten Veranstaltungen im Weg. Nach Aufgabe des Sechstagerennens war der Weg frei für eine zeitgemässe Mehrzweckhalle.

2. Drittel: Die Sanierung

In einer Bauzeit von nur einem guten Jahr haben Pfister Schiess Tropeano Architekten, Meier + Steinauer Partner und der Totalunternehmer Karl Steiner den Bau gründlich saniert und aufgerüstet. Die innere Betonstruktur, die Fassaden samt Fenster und Türen waren beim Umbau tabu, denn das Hallenstadion steht unter Denkmalschutz. Hingegen hat man die nicht mehr benötigte Radrennbahn ent-fernt und den Hallenboden mit dem Eisfeld um 1,50 Meter abgesenkt. Das erlaubte, eine Zu- und Wegfahrt für grosse Lastwagen durch die beiden seitlichen Tribünen in die Halle zu führen und an Stelle der einstigen Radrennbahn eine ansteigende Bestuhlung mit guten Sichtverhältnissen einzubauen.

Rund 13 000 Plätze zählt das Hallenstadion auf – je nach Rang – mehr oder weniger gepolsterten, blauen Sesseln; 19 verschiedene Varianten für die Bespielung des Raumes sind ausgearbeitet und feuerpolizeilich abgeklärt. Der markanteste Eingriff in der Halle ist der dreigeschossige Bau in der Südkudve, der zwanzig Logen und die Kabinen für Regie, Dolmetscher und Sprecher aufnimmt. Von hier aus können Gäste der Logenmieter (250 000 Franken pro Jahr) das Geschehen aus bester Perspektive verfolgen.

An der imposanten Stahlkonstruktion des Daches mussten die Ingenieure Walt + Galmarini sorgfältig rechnen, um den heutigen Vorschriften zu genügen. So brachte die Entfernung der abgehängten Decke die nötige Gewichtsersparnis, um die Dachfläche zu isolieren und neu einzudecken und um Videowände, Sprinkler und Beleuchtungseinrichtungen an die Stahlkonstruktion zu montieren. Den Veranstaltern steht eine Tragkraftreserve von 20 Tonnen zur Verfügung, die sie für eigene Installationen nutzen können. Die Dachkonstruktion, die 65 Jahre lang zur Hälfte verborgen war, ist nun sichtbar. Da fast alle Veranstalter eine dunkle Umgebung verlangen, ist die Decke dunkelblau und selbstverständlich sind Verdunkelungsvorhänge eingebaut. Immerhin lassen sich diese nun automatisch zuziehen.

Dunkelblau ist auch ein breites Betonband, das sich über den grossen Glasflächen der Deckenkante entlangzieht. Was auf den ersten Blick wie ein unverständliches Tragelement aussieht, ist der seinerzeit in fünf Zentimeter dickem Ortbeton erstellte Zuluftkanal. Diesen haben die Haustechniker zum Abluftkanal umgepolt und die Zuluft unter die Sitze verlegt. Die umfangreichen Lüftungsaggregate, welche die Halle im Normalbetrieb stündlich mit 200 000 Kubikmeter Luft versorgen, sind in Türmen untergebracht, die an den Längsseiten ausserhalb des Hallenstadions stehen und mit den neuen Fluchttreppen kombiniert sind. Die zunächst geplante Versenkung der Lüftung unter den Hallenboden scheiterte bald an Kosten und Terminen.

Zwischenresultat des 2. Drittels: Nach dem Umbau spielt das Hallenstadion wieder in der ersten Liga mit. Die geschwungene, weiss gestrichene Betonwand inmitten der Sitzreihen erinnert an die einstige Rennbahn und das Logenbauwerk setzt sich als eigenständiges Element vom Alten ab. Ein Wermutstropfen bleibt: die Decke. Nach Entfernung der Zwischendecke ist zwar die Stahlkonstruktion in ihrer ganzen Pracht zu sehen. Doch gerade die eigentümliche Zwischendecke war charakteristisch für den Raumeindruck. Als Ersatz hat man einen Gitterrost geprüft, musste die Idee aber wegen des Gewichts und der Kosten fallen lassen.

Nun fehlt im Mittelteil dieses Element völlig – und in den Randbereichen ist bloss der Holzrost übrig geblieben. So interessant die Konstruktion ist, die einheitliche dunkelblaue Farbe verunklärt deren Lesbarkeit. Zwar untersuchten die Architekten zusammen mit der Denkmalpflege verschiedene Farbvarianten, doch setzte sich der von der Bauherrschaft verlangte einheitliche dunkle Farbton durch. Der dunkelblaue Anstrich der Dachkonstruktion verwischt aber auch den ansonsten deutlichen Kontrast zwischen Alt und Neu: Mit ihrer Farbe verbindet sich die alte Stahlkonstruktion optisch mit der neuen Bestuhlung und setzt sich von der alten Betonstruktur ab.

3. Drittel: Der Vorbau

Bereits in ihrem Projekt von 1937 hatten die Architekten Egender und Müller vor dem Hallenbau ein viergeschossiges, konkav geschwungenes Gebäude mit Eingangshalle und Restaurant vorgeschlagen. Weil damals die Mittel für die Realisierung nicht vorhanden waren, fehlten dem Hallenstadion seither ein Foyer und ein richtiges Restaurant. Jetzt stand dieser Platz zur Verfügung, um Kassen, Restaurants, Konferenzräume und Büros zu erstellen. Die Architekten entwarfen einen viergeschossigen Riegel, der an die beiden seitlichen, weit vorstehenden Treppenhäuser des Altbaus andockt. Ein Knick in der Fassade markiert die Längsachse des Stadions und lässt den Bau gegenüber dem Portikus der benachbarten Messe etwas zurückweichen.

Gegen aussen verschliesst sich der Vorbau weitgehend. Nur die Kassen und Imbissstände im Erdgeschoss und einzelne Räume in den Obergeschossen öffnen sich zur Strasse hin. Weil das verbleibende Trottoir für grosse Menschenmassen zu schmal ist, führt der Hauptzugang nicht mehr frontal auf den Bau zu, sondern die beiden Haupteingänge liegen an den Stirnseiten des Vorbaus. Aus einer offenen Vorzone gelangt man über einen niedrigen Bereich, dessen Raumhöhe von der Kote des ersten Ranges im Altbau bestimmt ist, ins hohe, von Oberlichtkuppeln erhellte Foyer. Dieses ist die Überraschung des Umbaus und die Drehscheibe, die dem Stadion bis anhin fehlte. Vom Foyer aus führen die Treppen auf die Ränge oder in das grosse Restaurant im 1. Stock, das sich mit breiten Schiebetüren zum Foyer hin öffnen lässt. Die Besucher der VIP-Lounges gelangen via separaten Eingang direkt ins 2. Obergeschoss. Dort steht ihnen ein eigenes Restaurant zur Verfügung.

Damit der ehrgeizige Terminplan überhaupt einzuhalten war, wurde die gesamte Betonkonstruktion vorfabriziert und auf der Baustelle montiert. Ausgefacht ist die Tragstruktur aber nicht mit Backstein wie am Altbau, sondern mit Tafeln aus verzinktem Blech, die einen ähnlichen industriellen Touch vermitteln. Dazu gesellt sich der homogene Boden aus schwarzem Gummigranulat mit eingestreuten Aluminiumspänen, der sich durch das Foyer, über die Treppen und durch die Räume zieht.

Zwischenresultat des 3. Drittels: Ein Foyer, ein anständiges Restaurant, Konferenzsäle, ein VIP-Bereich sowie angemessene Räume für die Verwaltung – das ist für das Hallenstadion kein Luxus. Diese Räume haben bis anhin gefehlt und es ist nahe liegend, sie dort unterzubringen, wo die Architekten bereits vor fast siebzig Jahren ein Gebäude vorgesehen hatten. Mit ihrer Materialwahl haben die Architekten den Charakter des alten Hallenstadions aufgenommen, ohne sich mit einer simplen Übernahme der Materialpalette anzubiedern oder gar den Eindruck zu erwecken, der Vorbau habe schon immer hier gestanden. Als Folge des neuen Vorbaus ist aber das Hallenstadion als ‹Landmark› – das Rund der Südspitze über dem von den Treppenhäusern gefassten Platz – aus dem Stadtbild verschwunden. Ein Wiedersehen mit dem vertrauten Bau gibt es erst im Foyer. Doch da die Architekten aus Kostengründen kein Glasdach einbauen konnten, zerschneidet eine Betondecke den Blick auf die Fassade. Nur deren unterer Teil ist zu sehen – das Aha-Erlebnis bleibt in der Hälfte stecken.

Obschon der Neubau im grossen Ganzen das bereits von Egender vorgesehene Volumen umfasst, wirkt er zu klein. Denn die Umgebung des Hallenstadions hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert – insbesondere mit der benachbarten Messe und ihrem kolossalen Vordach. Haben sich vor dem Umbau des Hallenstadions die beiden Bauten zu einem grossmassstäblichen Ensemble verbunden, bringt nun der Vorbau einen kleineren Massstab ins Spiel. Dieser wird den beiden Hallenbauten, aber auch dem Hallenstadion allein und seiner Bedeutung nicht gerecht. Die Architekten hatten dieses Problem erkannt und gegenüber dem Amt für Hochbauten der Stadt Zürich die Ansicht vertreten, ein zusätzliches Geschoss wäre eine adäquate Antwort gewesen. Zu Recht, wie der fertige Bau zeigt.

Schlusspfiff

Den Schönheitsfehlern zum Trotz: der Umbau des Hallenstadions ist gelungen. Man mag es bedauern, dass der spröde Charme von einst dem zeitgemässen Komfort und der Effizienz hat Platz machen müssen. Doch muss man bedenken, dass das Hallenstadion, wie es war, keine Zukunft gehabt hätte. 2005 ist nicht 1939 und zeitweise stand sogar der Abbruch des Egender-Baus zur Debatte. Jetzt hat Zürich wieder eine Veranstaltungshalle, die auf der Höhe der Zeit ist und dennoch die Vergangenheit spüren lässt. Denn die Architektur des Altbaus hat unter dem Umbau kaum gelitten; das Gebäude mit seinen grossen Glasflächen blieb erhalten und die neuen Zutaten zerstörten vom Alten nur wenig. Nichts hindert künftige Generationen daran, die Stahlkonstruktion dereinst anders zu streichen, wieder eine Zwischendecke einzubauen, den Vorbau abzureissen – oder ihn aufzustocken, damit er das Gewicht erhält, das er an dieser Stelle braucht.

[ Zur Eröffnung ist ‹Das Hallenstadion – Arena der Emotionen›, herausgegeben von Heiner Spiess erschienen. Das Buch erzählt auf 282 Seiten und in 300 Bildern 65 Jahre Hallenstadion-Geschichte und schildert ausführlich den Umbau. CHF 78.– ]

16. September 2005 hochparterre

Wie die SBB die Früchte ernten

«Mir faared mit der SBB im schöne Schwyzerland», textete Walter Wild vor siebzig Jahren, und wir tun dies – meist – in guten Zügen ab gelungenen Bahnhöfen. Dies bestätigen die Brunel Awards, die Architektur- und Designpreise der Bahnen, immer wieder. 2005 mit besonders vielen Preisen.

Was für die Filmwelt die Oscars, das sind für die Welt der Bahnarchitektinnen und -designer die Brunel Awards. Seit 1985 zeichnet eine Jury alle paar Jahre die besten Werke in den Kategorien ‹Architektur›, ‹Grafik, In-dustriedesign und Kunst›, ‹Technische Infrastruktur und Umwelt› sowie ‹Rollmaterial› aus. Ein Preisregen geht in diesem Jahr auf die ohnehin Brunel Awards verwöhnten SBB nieder: Drei Awards, fünf Anerkennungen und den Spezial-preis der Jury dürfen sie von der Preisverleihung in Kopenhagen mit nach Hause tragen. Ein schöner Erfolg für Johannes Schaub, den Leiter der Abteilung Architektur der Infrastruktur SBB, der die Brunel Awards als Aufruf an die Sorgfalt versteht. «Damit möchte ich auch die von meinem Vorgänger Uli Huber begründete Tradition fortsetzen.»

Veranstalterin des Wettbewerbs ist die Watford-Gruppe, eine Vereinigung von Architekten und Designerinnen von 50 Eisenbahnverwaltungen aus 15 Ländern. Der Schwerpunkt der 1963 im südenglischen Watford gegründeten Vereinigung liegt in Europa, doch gehören ihr auch Eisenbahngesellschaften aus den USA, Kanada und Japan an. Namenspate der Auszeichnung ist der britische Ingenieur und Eisenbahnpionier Isambard Kingdom Brunel (1806–1859). Der Preis sollte in erster Linie ‹nach oben› wirken und die Bedeutung von Architektur und Design in die Chefetagen der Bahngesellschaften tragen. «Die Brunel Awards sollten auch ein Ansporn sein, den Wettstreit unter den Gestaltern der Bahnen zu fördern», erinnert sich Uli Huber. Zumindest bei den Schweizerischen Bundesbahnen erfüllen die Brunel Awards diese Absichten durchaus, wie Johannes Schaub feststellt: «Das Management sieht, dass sich die Leute engagieren, und mit den Preisen erhalten sie die Bestätigung für diese Leistungen.»

Ein Spezialpreis für die SBB

In diesem Jahr haben die SBB zwanzig Projekte auf je einer A0-Tafel in Bild und Text dokumentiert. Die Jury traf sich im Gastgeberland Dänemark, um aus den insgesamt 157 Eingaben die Auszeichnungen und die Anerkennungen zu bestimmen. Jurymitglied Uli Huber (der sich bei den SBB-Eingaben der Diskussion und Abstimmung enthielt) schildert die Eigenheiten der diesjährigen Brunel Awards: Obschon die letzte Preisverleihung bereits vier Jahre zurückliege – üblich war früher der Zwei- oder Dreijahresrhythmus –, wurden diesmal weniger Projekte eingereicht. In ihrem Bericht hält die Jury denn auch fest, sie vergebe diesmal weniger Preise. Für Uli Huber ist dies eine Folge des Neoliberalismus und der überhand nehmenden Kommerzialisierung: «Die British Rail, die früher eine Vorbildfunktion ausübte, gibt es nicht mehr, und ihre Nachfolgegesellschaften haben gar keine Projekte eingereicht.» Auch die Bahnleute aus Norwegen, die in früherern Jahren «so tolle Sachen» gemacht hätten, stellten nur eine Brücke vor.

Das ernüchternde Fazit der Jury traf auf die Schweizer Eingaben offenbar nicht zu. Denn für die «auf allen Stufen konsistenten, aber im Design vielfältigen Wettbewerbseingaben» erhielten die SBB den Spezialpreis der Jury. «Die SBB haben während Jahrzehnten ihren hohen Qualitätsstandard beibehalten und arbeiten mit den besten Architektinnen zusammen», heisst es dazu im Bericht. Erst zum fünften Mal überhaupt – und davon schon das zweite Mal an die SBB – vergibt die Jury diesen Spezialpreis. Das freut Johannes Schaub besonders: «Wie andere Bahngesellschaften wurden auch die SBB in mehrere Einheiten mit je eigener Bilanz aufgeteilt. Doch ich habe den Eindruck, dass in der Schweiz das System- und Verbunddenken noch immer vorhanden ist.» So haben die SBB-Architektinnen und -Designer ihre Objekte gemeinsam eingereicht, die Designabteilung hat die Eingaben gestaltet. «Die Zusammenarbeit funktioniert gut, auch wenn die Architekten zur Infrastruktur und wir zum Personenverkehr gehören», hält Ueli Thalmann, der Leiter der Designabteilung fest.

Städtebaulicher Beitrag der Bahn

Genugtuung herrscht ob dem Preissegen auch in der obersten Chefetage. Generaldirektor Benedikt Weibel freut sich, dass die SBB «einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Sensibilisierung für Architekturfragen leisten kann.» Bahn-Architektur müsse eben nicht allein rein funktionalen Kriterien genügen, sie könne auch einen nicht unwesentlichen städtebaulichen Beitrag leisten. Weibel weiter: «Seit jeher geniessen Architektur und Design bei uns einen hohen Stellenwert. Diese Haltung wurde mit den Awards auf internationalem Parkett einmal mehr von Spezialistenseite bestätigt. Auf nationaler Ebene schlug sie sich mit dem Erhalt des diesjährigen Wakkerpreises nieder.»

Besonders hell leuchten bei den diesjährigen Brunel Awards Zug und seine Stadtbahn: Als «sehr erfolgreiches architektonisches Projekt, in dem die Funktionalität und die räumliche Form zu einer wunderschönen Einheit finden», darf sich der Bahnhof Zug (HP 1-2/04) mit einem Award schmücken, zu dem sich gleich noch ein weiterer für James Turrells Lichtkunst gesellt – eine «konsequente, moderne und auf Raum, Architektur und Struktur bezogene Gestaltung», die den «Dialog mit dem städtischen Umfeld eröffnet». Den ‹Flirt›-Pendelzug, den auch die Zuger Stadtbahn einsetzt, würdigt die diesjährige Brunel-Jury in der Kategorie ‹Rollmaterial› als einzige Eingabe überhaupt mit einer Anerkennung für das «saubere, spielerische und inte-ressante Interieur». Als weiterer Bahnhof erhält die neue S-Bahn-Station Bern-Wankdorf einen Award für die «grosse skulpturale und künstlerische Qualität, die in Richtung einer neuen Typologie für Bahnhöfe weist». Zwei weiteren kleinen Stationen – Muntelier-Löwenberg und Längenbold – zollt die Jury ihre Anerkennung.

Überhaupt keine Awards gab es diesmal für ‹Rollmaterial› sowie für ‹Technische Infrastruktur und Umwelt›. Dafür dürfen sich die SBB mit zwei Anerkennungen schmücken: Die eine für die Landschaftsgestaltung Brunnmatten bei Langenthal entlang der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist, die andere für das Unterhaltszentrum in Genf. Dieser Bau wurde zum zweiten Mal eingereicht, was bei den Brunel Awards ausdrücklich erlaubt ist. Es kann also durchaus sein, dass Bauten, die diesmal keine Gnade fanden, etwa die Sanierung der Perronhalle in Lausanne oder die Passerelle und die Sanierung des Bahnhofs Basel, von der nächsten Jury als preiswürdig befunden werden.

Augenmerk auf Regionalbahnhöfe

Trotz des guten Abschneidens in diesem Jahr kann sich die Bahn nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Mit Sorge verfolgt Schaub die Folgen der Unternehmensreform: «Es besteht die Gefahr, dass jeder Bereich – Infrastruktur, Personenverkehr, Immobilien und Güterverkehr – seine eigenen Ziele verfolgt und der Blick aufs Ganze verloren geht. Darunter würde die Marke SBB leiden.» Mit der gemeinsamen Eingabe versuchen Johannes Schaub und Ueli Thalmann Gegensteuer zu geben, und sie legen Wert darauf, dass der ‹Flirt›-Pendelzug inmitten der baulichen Projekte gebührende Beachtung findet! Eine negative Folge des Auseinanderdividierens zeigt sich für Johannes Schaub auch bei den verwaisten Aufnahmegebäuden neben den gemäss Konzept ‹Faceliftung Stationen› umgestalteten Stationen: Für den eigentlichen Zugang zur Bahn ist die Infrastruktur zuständig, für die leer stehenden alten Bahnhöfe der Bereich Immobilien – für letztere sind sie Kostenfaktoren. Sie suchen nach Vermarktungsmöglichkeiten. Aber an vie-len abgelegenen Orten altern die Bahnhöfli dahin. «Dieses Problem ist noch nicht gelöst», stellt Johannes Schaub fest. «Immerhin macht man nichts kaputt», tröstet er sich und hofft auf Besserung. So werden die SBB in Zusammenarbeit mit der ETH untersuchen, welche vernetzten Möglichkeiten im ‹Bahnhof› noch stecken.

Generaldirektor Benedikt Weibel geht noch weiter: «Die Brunel Awards helfen uns, die Bahnhöfe weiterhin attraktiv und lebendig zu erhalten und ermöglichen so überhaupt erst eine gut durchmischte Mieterstruktur. So können Bahnkunden ihre Einkäufe während sieben Tagen in der Woche in den Stadtzentren tätigen.»

Die Verleihung des Wakkerpreises und der Brunel-Preis-segen bestätigen, was Bahnreisende immer wieder feststellen: Das gestalterische Niveau bei den SBB ist hoch. Das Augenmerk liegt hierzulande nicht nur bei den grossen Bahnhöfen und den schnellen Zügen, sondern auch bei den kleinen Stationen und den Regionalzügen. Wer kann da noch mithalten? «Dänemark», sagen Johannes Schaub und Uli Huber unisono.

7. August 2005 hochparterre

Häuser für hohe Ansprüche

Die Stadt Zürich baute das Werd-Hochhaus, in dem früher die Bankgesellschaft ihre Wertschriften verwaltete, zum Verwaltungszentrum für das Finanz- und Sozialdepartement um. Wie lässt sich ein Hochhaus aus den Siebzigerjahren den aktuellen Bedürfnissen anpassen? Diese Frage stellte sich auch den Planern in St.Gallen und Winterthur.

Der ‹Mond von Aussersihl›, die Leuchtreklame am 18.Stock des Bürohauses Werd der Schweizerischen Bankgesellschaft, strahlte hell über dem Zürcher Stadtkreis 4. Der Bau von 1975 stammt von den Architekten Sauter und Dirler und beherbergte die Wertschriftenabteilung der Grossbank. In Kombination mit dem Turm der benachbarten Peter-und-Paul-Kirche diente das hellblau verspiegelte Haus ab und zu als Symbol für den Wirtschaftsstandort Zürich, ansonsten fristete der Bürokomplex ein Schattendasein. Zutritt hatten einzig die Bankgesellen und ausserhalb der manchmal im Kulturpavillon veranstalteten Ausstellungen wäre es kaum jemandem in den Sinn gekommen, die edle, marmorbelegte Plattform zu betreten. Anders als die Grossbank in Zürich hatte die Firma Sulzer an ihrem Hochhaus in Winterthur eine Leuchtschrift gar nicht nötig.

Als der Büroturm in den Sechzigerjahren als höchstes Haus der Schweiz in den Himmel wuchs, war es in der Stadt jedermann klar, das solch ein Bau nur ‹de Sulzere› gehören konnte: Mehr als 14000 Winterthurer standen damals auf der Gehaltsliste des Industriekonzerns – ein Viertel aller Arbeitsplätze in der Stadt Winterthur. Das war Sulzer und die Zeiten waren so zukunftsgläubig, dass nebenan gar ein Zwilling entstehen sollte. Ein Symbol des Aufbruchs der Sechzigerjahre wuchs – leicht verspätet – auch neben dem St.Galler Hauptbahnhof in den Himmel. Der goldbronzene Turm des Rathauses – einst als Hotel geplant – setzte 1976 den Schlusspunkt unter die baulichen Veränderungen am Bahnhofplatz, die Mitte der Fünfzigerjahre mit dem Brand des Hotels ‹Walhalla› angefangen hatten.

Die Stadt im Bankenturm

So unterschiedlich die Bürohäuser in ihrer Grösse und Lage sind, eines haben sie gemeinsam: Alle drei wurden zu Sanierungsfällen. Schon in den Achtzigerjahren bereitete die Rathausfassade den St.Gallern Sorge, als die metallbedampften Scheiben oxidierten und sich in den Büros trübes Nebelwetter einstellte. Sanierungsvarianten wurden geprüft und verworfen, bis ein Brand in der Tiefgarage das Hochhaus mit Rauch füllte und die Planungen beflügelte. In Zürich und in Winterthur waren es Besitzerwechsel, die die Sanierung der Hochhäuser auslösten. Die zur UBS fusionierte Bankgesellschaft verkaufte das Werd-Hochhaus an die Stadt Zürich, die den Komplex zum Verwaltungszentrum für das Finanz- und das Sozialdepartement umbaute. Die Stadt konnte die Standorte der Verwaltung reduzieren und prestigeträchtige Liegenschaften verkaufen oder im Baurecht Gewinn bringend an Private abgeben. Der Sulzer-Konzern – oder was davon übrig geblieben war – verkaufte sein einstiges Symbol an ein anderes Winterthurer ‹Symbol›, an Bruno Stefanini. Der öffentlichkeitscheue Immobilienkönig gründete zu diesem Zweck die Wintower AG, die wiederum Stefanins Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte gehört, zu der unter anderem eine der bedeutendsten Sammlungen von Schweizer Kunst gehört.

Alte Hülle, neuer Kern in Zürich

Bei der Sanierung eines Bürohauses aus den frühen Siebzigerjahren denkt jeder zuerst an die Fassade: eine Energieschleuder, technisch jenseits jedwelcher Norm und auf jeden Fall zu ersetzen. Davon gingen auch die Planer der Umbaustudie für das Werd-Hochhaus aus. Doch eine neue Fassade hätte einen grossen Teil der zur Verfügung stehenden Mittel verschlungen. Zudem waren BurkhalterSumi Architekten mit dem Äusseren des zweiteiligen Hochhauses durchaus zufrieden und hatten nicht das Bedürfnis, diesem Turm nachträglich ihre Handschrift aufzuzwingen. So beschränkte man sich darauf, die Fenstergläser zu ersetzen und die Brüstungen zusätzlich zu dämmen.
Jenes Geld, das nicht für die Fassade ausgegeben werden mus-te, stand für den Umbau des Innern zur Verfügung. Hier hat man das Haus auf den Rohbau zurückgeführt. Hatte die Bank ihre Büros beidseitig eines Mittelganges angeordnet, sind nun gemäss der städtischen Verwaltungsreform die Arbeitsplätze zu Gruppen zusammengefasst. Dadurch liess sich der Flächenbedarf pro Platz von 15,2 auf 12,5 Quadratmeter reduzieren. Besprechungszonen oder Einzelbüros wurden zusammengefasst und als raumgliedernde Elemente eingefügt. Der raumprägende Entscheid ist der Verzicht auf eine abgehängte Decke. Die Räume wurden um 50 Zentimeter höher und es entstand Atelierstimmung. Die Architekten liessen die Betondecke dunkelgrau streichen und die Haustechniker montierten daran die Installationen für Heizung und Kühlung. Ihre Aufgabe war verzwickt. Zwar konnten die neuen Gläser und die zusätzliche Dämmung den Wärmedurchgang der Fassade verbessern, Werte einer neuen Konstruktion sind damit aber nicht zu erreichen und an kalten Wintertagen kann sich der Kaltluftabfall bemerkbar machen. Die grösste Knacknuss war das Abführen der Wärme: Eine Klimaanlage, wie einst, sollte nicht wieder installiert werden, ein äusserer Sonnenschutz, der die Hitze aus den Räumen fern gehalten hätte, liess sich nicht montieren. Nun sorgen thermoaktive Bauteilsysteme, so genannte TABS, für die richtige Temperatur.

Jedes der im Rhythmus des Fassadenrasters an die Decke geschraubten TABS-Module erfüllt drei Aufgaben: es kühlt, es heizt – und es schluckt den Schall. Die am Verwaltungszentrum Werd eingesetzten Module sind eine Neuentwicklung, die die Betondecke als thermoaktives Element nur zur Kühlung nutzt, die Wärme aber direkt abstrahlt. Dadurch kann die Trägheit eines solchen Systems bei plötzlicher Sonneneinstrahlung besser beherrscht werden. Blieben bei den Bankern die Fenster wegen der Klimatisierung geschlossen, so können die städtischen Angestellten jetzt die Fenster einen Spalt breit öffnen, um Luft in den Raum zu lassen und das Gefühl des Eingeschlossen-Seins zu vertreiben.

Bürgerstolz in St.Gallen

Am St.Galler Rathaus stand der Erhalt der Fassade nie zur Diskussion, sie hatte die Sanierung ja ausgelöst. Mit der Fassade stand auch die Erscheinung des Hauses zur Disposition. Insbesondere in den hochhauskritischen Achtziger- und Neunzigerjahren hätten wohl viele St.Galler gerne einen radikal veränderten Turm am Bahnhof gesehen. Doch Boltshauser Architekten wählten im Wettbewerb von 2001 eine andere Strategie. Sie versuchten, die Qualitäten des Baus besser zur Geltung zu bringen – und hatten damit Erfolg. Sie schlugen vor, dem Turm drei Geschosse aufzusetzen und ihn mit einer vertikal strukturierten Fassade zusätzlich in die Höhe zu ziehen. Anbauten beruhigen den gestaffelten Sockelbau und binden ihn besser in seine Umgebung ein. Wenn auch die drei geplanten Zusatzgeschosse zu einem überhohen Attikageschoss zusammenschrumpften, so wird das St.Galler Rathaus nach der Sanierung doch eindeutiger als vertikales Element am Bahnhofplatz stehen und zusammen mit dem Bahnhof und der Hauptpost ein Ensemble öffentlicher Grossbauten bilden.
Das Innere des Rathauses wird wie das Werd-Hochhaus bis auf den Rohbau ausgeräumt. Im Sockelbau werden wie bis anhin die Abteilungen mit Publikumsverkehr logieren, in den Hochhausgeschossen die Büros. Hier gestatten grossräumige Strukturen statt Einzelbüros eine höhere Ausnutzung der Geschosse – wobei grossräumig relativ ist: Allein die Staffelung des Turms in zwei Teile sorgt für überblickbare Einheiten. Die Fassade ist als zweischichtige Kastenfassade ausgebildet. Die dazwischenliegende Luftschicht wirkt als Klimapuffer und nimmt die Lamellenstoren des Sonnenschutzes auf. Die inneren Fenster werden sich öffnen lassen, die äussere, nicht luftdicht geschlossene Glasschicht ist fix. Im überhohen Attikageschoss sind Konferenz- und Sitzungszimmer untergebracht.

Hin und her in Winterthur

Die jüngste Geschichte des Sulzer-Hochhauses liest sich wie ein Krimi. Per 1.Januar 1999 verkaufte Sulzer das Haus für in der Presse geschätzte 15 bis 20 Millionen Franken an die zunächst noch unbekannte WintowerAG. Bald war klar, dass hinter der Käuferin Bruno Stefanini steht, der die baldige Sanierung versprach. Ende 2002 zog der letzte Mieter aus, und im Jahr drauf kündigte Stefanini an, am Fuss des Hochhauses ein Museum für die Sammlungen seiner Stiftung zu bauen. Da sich kein Mieter für den Büroturm finden liess, rottete er vor sich hin, und im Februar 2004 wurde das leerstehende Haus von Linksautonomen besetzt.

Obschon das in ‹Wintower› umbenannte Sulzer-Hochhaus noch immer nicht vermietet ist, hat die Unirenova mit der Sanierung begonnen. Wie am Werd-Hochhaus bleibt die Fassade erhalten, lediglich die Fenster werden ersetzt. Im Bereich der Brüstungen und der tragenden Fassadenpfeiler wird von innen eine zusätzliche Dämmung aufgebracht. Ob die Sanierung nur die gesetzlichen Normen erfüllen wird oder darüber hinausgeht, ist nicht entschieden. Da die Nutzer der Räume noch nicht feststehen, beschrän-ken sich die inneren Arbeiten auf einen Grundausbau: Lifte, Liftvorplätze, WC-Anlagen, Eingangshalle. Ein zusätzlicher Lift wird die beiden obersten Geschosse erschliessen, die bislang nur über eine Treppe zu erklimmen waren. Zudem entsteht ein zurückgesetztes Attikageschoss mit Sitzungszimmern. Die Büros werden mit Radiatoren ausgestattet. Ob die Räume belüftet oder klimatisiert werden, werden die künftigen Mieter entscheiden.

Die Mieter, das könnten durchaus die städtischen Ämter sein, denn auch in Winterthur ist die Verwaltung über zu viele Standorte verteilt – und die Stadt liebäugelt mit einem Umzug in den Büroturm. Wie das Werd-Hochhaus und das St.Galler Rathaus wäre dann auch der Wintower nicht mehr bloss ein bauliches Wahrzeichen, sondern auch ein weit herum sichtbares Symbol für die städtische Gemeinschaft. In Zürich hat der Mond von Aussersihl dem Stadtwappen Platz gemacht. Vielleicht lässt auch Winterthur seine roten Löwen am Hochhaus spazieren.

16. Juni 2005 hochparterre

Vermittelnd eigenständig

Die Hafenstrasse in Romanshorn könnte sich überall und nirgendwo in der Schweiz befinden: Zweigeschossige Wohn- und Gewerbehäuser mit Satteldächern zeugen von der fernen Vergangenheit, Wohnblocks setzen ein Zeichen der Hochkonjunktur und eine Überbauung aus den Neunzigerjahren illustriert den Versuch einer Verdichtung. Kurz: Es gibt alles, doch nichts passt zusammen. Zu dieser heterogenen Umgebung gehörte auch die Hälfte eines alten Riegelhauses mit einer grossen Parzelle als Baulandreserve. Der Architekt Peter Felix hat den Altbau renoviert und daneben einen Neubau erstellt. Der Neubau kam zwischen das alte Haus und ein hart an der Grenze stehendes 08-15-Mietshaus aus den Sechzigerjahren zu stehen. Wie sollte der Architekt also reagieren? Den Massstab des alten Hauses aufnehmen oder sich dem grossen Geschossbau anlehnen? Peter Felix hat beides getan: Gegen die Strasse ragt der Neubau viergeschossig in die Höhe, zum Garten hin ist er ein Stock niedriger. Das dunkel verputzte Haus mit den unregelmässig gesetzten Fensteröffnungen schiebt sich als schmale Scheibe zwischen seine beiden ungleichen Nachbarn. Es bildet den Hintergrund, vor dem sich das alte Haus in seiner Pracht präsentiert.

Versucht der Neubau mit seinem Volumen zwischen den Nachbarn zu vermitteln, so nimmt er mit seiner Ausrichtung Partei: Er wendet sich dem renovierten Riegelhaus zu. Gegen den Sechzigerjahre-Block gibt es nur wenige kleine Öffnungen – dessen aufdringlich hellbau gestrichene Fassade ist nicht jedermanns Sache. Die Wohnungen im Erd- und im 1.Obergeschoss sind praktisch identisch: Entlang eines Gangs sind drei Zimmer und die Nasszellen aufgereiht, am Ende liegt der Wohn- und Essbereich mit der verglasten Küche. Die oberste Wohnung ist zweigeschossig, mit einem Zimmer mit Dachterrasse im 4.Stock, die ausserdem über eine Aussentreppe direkt mit dem darunter liegenden Wohnraum verbunden ist. Zugang zu grossen Aussenräumen haben auch die beiden anderen Wohnungen: Aus der Erdgeschosswohnung tritt man einfach in den Garten, aus dem ersten Stock geht man über eine Aussentreppe nach unten. So ist dafür gesorgt, dass die Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur in den Wohnungen sitzen, sondern auch vom Garten profitieren können.

Ist das Innere des Neubaus geprägt von weissen Wänden und Decken, Parkettböden und dunkelgrauen Küchen, tritt man im Altbau in eine andere Welt. Die raumhohen Täferungen, niedrige, schiefe Decken, ein Kachelofen und alte gestemmte Türen zeugen von der Geschichte des Hauses. Peter Felix hat eine neue Schicht hinzugefügt, um im Haus zwei komfortable Wohnungen unterzubringen. Die eine belegt das Erd- und das erste Obergeschoss, die andere führt vom Eingang über drei Geschosse bis unters Dach, wo voll verglaste Dachgauben Licht in den mächtigen Dachraum mit den alten Balken bringen.

Mit dem Neubau und dem renovierten Altbau hat der Architekt an der Hafenstrasse einen Blickfang gebaut, der seine Aufmerksamkeit auf sich zieht und die Umgebung spielend in den Hintergrund rücken lässt.

Publikationen

2015

Architekturführer Warschau

Warschau ist eine der dynamischsten Hauptstädte unseres Kontinents, hier wurde in den vergangenen zehn Jahren mehr gebaut als in jeder anderen europäischen Metropole. Die pulsierende Stadt an der Weichsel bietet jedoch gute Architektur aus allen Epochen der neueren Geschichte. Hier finden sich neben
Autor: Werner Huber, Hans Wolfgang Hoffmann
Verlag: DOM publishers

2010

Bahnhof Bern 1860–2010
Planungsgeschichte, Architektur, Kontroversen

Der Bahnhof Bern wurde vor 150 Jahren eröffnet – richtig glücklich wurde Bern damit allerdings lange nicht. Der Kopfbahnhof mit vier Gleisen war bald zu klein, 1891 wurde er deshalb in einen Durchgangsbahnhof umgebaut. Seitdem kämpfte er stets mit den gleichen Problemen: Der Platz zwischen der Altstadt
Hrsg: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, SBB-Fachstelle für Denkmalschutzfragen
Autor: Werner Huber
Verlag: Scheidegger & Spiess

2009

Bern baut
Ein Führer zur zeitgenössischen Architektur 1990–2010

Das neuste Buch in der beliebten Reihe von Hochparterre-Führern widmet sich der schweizerischen Hauptstadt: Bern baut ist ein Architekturführer durch Bern und seine Nachbargemeinden – mit Architekturkritiken, Fotos und Plänen. Der Hauptteil präsentiert rund 80 wichtige Bauten, die zwischen 1990 und
Hrsg: Werner Huber, Hochparterre AG
Verlag: Scheidegger & Spiess

2007

Moskau - Metropole im Wandel
Ein architektonischer Stadtführer

Das Buch Moskau - Metropole im Wandel erscheint zum 860. Geburtstag der Stadt, die 1147 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Moskau das Zentrum des russischen Reiches und Staates ist eine russische Stadt, die sich gegenwärtig rasant zu einer internationalen Metropole entwickelt. Der Stadtführer
Autor: Werner Huber
Verlag: Böhlau Verlag Köln