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Artikel

15. Dezember 2005 Neue Zürcher Zeitung

Architekturspektakel im Heiligen Land

Baukünstler aus aller Welt entdecken Israel

Nach der Cymbalista-Synagoge von Mario Botta und dem Palmach-Museum von Zvi Hecker beweist Tel Aviv mit zwei formal ambitionierten Neubauten einmal mehr, dass qualitätvolle Architektur in Israel auf Interesse stösst. Es handelt sich dabei um Daniel Libeskinds Wohl Center der Bar-Ilan-Universität und Moshe Safdies Rabin Center.

Mit der für das Jahr 2008 geplanten Eröffnung von Frank O. Gehrys Museum der Toleranz in Jerusalem soll der «Bilbao-Effekt» auch in Israel zur Wirkung kommen. Aber bereits heute ist das Heilige Land ein beliebtes Tätigkeitsfeld für Baukünstler aus aller Welt. Das beweisen nach der Cymbalista-Synagoge von Mario Botta und dem Palmach-Museum von Zvi Hecker zwei weitere Projekte in Tel Aviv, die jüngst fertiggestellt worden sind: das Rabin Center von Moshe Safdie und das Wohl Center von Daniel Libeskind.

Ausländische Mäzene

Das Ende Oktober feierlich eingeweihte Wohl Center ist Libeskinds erstes Gebäude in Israel. Es steht auf dem neuen Nord-Campus der religiösen Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan, einem längst mit Tel Aviv zusammengewachsenen Vorort der Mittelmeermetropole. Mit seinem «Stimmen und ihre Echos» genannten Entwurfskonzept wollte Libeskind die beiden Komponenten der als Bauherrin auftretenden Universität verbinden: das Säkulare und das Religiöse. Zugleich sollten mit architektonischen Mitteln «die Dynamik des Wissens und die vereinheitlichende Rolle des Glaubens ausgedrückt werden», wie es der Architekt mit der für ihn typischen Eloquenz nennt. Das 900 Sitze bietende Auditorium kragt weit über den Eingang des wie zersplittert erscheinenden Wohl Center aus. Ebenso spektakulär wie die dramatischen Bauformen sind die Fassaden mit ihren golden schimmernden Metallstreifen und expressiv gezackten Fenstern. Damit erinnert das von der Maurice and Vivienne Wohl Charitable Foundation gestiftete Gebäude unweigerlich an Libeskinds Jüdisches Museum Berlin, das bis anhin - nach seinem Misserfolg bei der Wiederaufbauplanung für Ground Zero in New York - das bedeutendste Werk des Architekten darstellt.

Ebenfalls ausländischem Mäzenatentum ist der zurzeit am hitzigsten diskutierte Neubau in Israel zu verdanken: das Yitzhak Rabin Center for Israel Studies, das unlängst anlässlich des 10. Jahrestags der Ermordung des einstigen israelischen Premierministers in Tel Aviv eingeweiht werden konnte. Entworfen wurde es von dem in Boston tätigen Moshe Safdie, der lange schon zu den einflussreichsten Architekten in Israel zählt. Als ehemaliger Freund Rabins wurde er von dessen Witwe mit der Planung und dem Bau des Zentrums beauftragt, nachdem er zuvor schon das Doppelgrab der Rabins entworfen hatte.

Safdies Neubau befindet sich am Rande eines Militärgeländes im nördlich der Innenstadt gelegenen Vorort Ramat Aviv. Durch seine Lage an Israels wichtigster Autobahn kann er täglich von Hunderttausenden von Verkehrsteilnehmern gesehen werden. Unter dem Hanggrundstück im Ha-Yarkon-Park, wo er sich erhebt, war in den fünfziger Jahren ein geheimes Notkraftwerk gebaut worden. Dieses lange schon aufgegebene unterirdische Kraftwerk liess Safdie nun mit einer monumentalen Sandsteinwand verkleiden. Das Rabin Center selbst besteht aus zwei Seitentrakten, die von weissen, organisch geformten Dächern bekrönt werden, und einer zweistöckigen Arkade, hinter der sich das Museum und das Forschungszentrum befinden. Die Schalendächer erinnern an die Flügel einer Friedenstaube und bestehen aus Schaumstoff, der durch einen mit Glasfasern verstärkten Überzug aus Polyester verkleidet wurde. Zu Füssen der Seitentrakte liegen der Clinton- und der Hussein-Garten.

Mit der Lea-Rabin-Halle auf der einen und der Bibliothek auf der anderen Seite verbindet das Zentrum «Erinnerung und historische Aufarbeitung, um Leben und Vermächtnis von Rabin als Soldat, Staatsmann, Sozialreformer und Visionär darzustellen». Im unteren Teil des Baus kommt Rabin als Kämpfer, im oberen aber als Diplomat und Vermittler zu Ehren. Räumlich am interessantesten ist das Rabin-Museum, das in der Form einer spiralförmigen Rampe konzipiert wurde. Mehrere Galerien gruppieren sich wie ein Schneckenhaus um diese Spirale und führen den Besucher fast wie im New Yorker Guggenheim Museum in die Tiefe, wo eine archaisch-schwere, säkulare «Klagemauer» an den grossen Politiker erinnert.

Fehlende Architekturtradition

Anlässlich der Eröffnung des Rabin Center kritisierte Safdie, dass es in Israel keinen respektvollen Umgang mit wichtigen Bauwerken gebe und diese auch nicht gepflegt würden. Das liege daran, dass die israelische Nation noch jung sei und den meisten Leuten ein Interesse an Denkmalschutz fehle. Er hoffe aber, dass sich Israel auf die Zeiten zurückbesinnen werde, als das Land ein blühendes Zentrum der mediterranen Moderne gewesen sei. Gute Bauherren sind Safdies Meinung nach in Israel schwer zu finden. Umso wichtiger sei daher das Engagement von ausländischen Gönnern und Stiftungen. Zu diesen zählt das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles: Das von ihm in Auftrag gegebene Museum der Toleranz wird von Gehry nahe der Altstadt von Jerusalem aus lokal vorkommendem Kalkstein und blauen Titanplatten errichtet - mit spektakulär geschwungenen Bauteilen, in denen Theater, Konferenzzentrum und Bildungsräume ineinander verkeilt werden. Für das umstrittene Projekt ist allerdings bis jetzt erst ein Drittel der Baukosten gespendet worden.

10. September 2005 Neue Zürcher Zeitung

Philosophie der «Symbiosis»

Der japanische Baukünstler, Theoretiker und Architekturphilosoph Kisho Kurokawa im Gespräch

Als einer der führenden Vertreter der Metabolisten wurde der 1934 in Nagoya geborene Kisho Kurokawa Anfang der sechziger Jahre mit Kapseltürmen und Entwürfen wie der «Helix City» international bekannt. Kurokawa, der noch immer weltweit als Architekt tätig ist, versteht sich als Denker. Seine Philosophie der «Symbiosis» strebt nach dem Ausgleich der Gegensätze. Mit Kurokawa sprach Ulf Meyer in Berlin.

Interessieren sich junge japanische Architekten noch für Ihre metabolistischen Stadtideen, mit denen Sie berühmt geworden sind, oder ist der Metabolismus aus Sicht der zweiten Moderne schon eine abgeschlossene Architekturrichtung?

Die beiden wichtigsten Architekten der Generationen nach mir sind Toyo Ito und Tadao Ando. Während Ito versucht, das Paradigma der Moderne zu verändern, ist Ando ein reiner Handwerker. Die Vertreter der jüngeren Generation sind zwar ästhetisch sehr sensibel, aber sie fürchten sich vor dem sozialen Aspekt der Architektur. Sie sind nicht so hungrig, wie wir einst waren, und gehen harten Diskussionen lieber aus dem Weg. Der Metabolismus lebt also vielleicht weniger als Stil weiter denn als Geisteshaltung.

ARCHITEKTONISCHE UTOPIEN

Bisher haben Sie im deutschsprachigen Raum nur die aus den dreissiger Jahren stammende japanische Botschaft in Berlin zum Japanisch- Deutschen Zentrum umgebaut, in dem heute wieder die japanische Botschaft residiert. Haben Sie Interesse an neuen Herausforderungen hier?

Ich habe unlängst dem Berliner Senatsbaudirektor vorgeschlagen, meine «Helix City» in Berlin zu bauen, und er sagte: «Wir brauchen keine städtebaulichen Träume mehr. Ihre Visionen haben hier keine Chance.»

Ihre Utopien entstanden während des japanischen Booms der sechziger und siebziger Jahre. Aber die Zeiten haben sich geändert. Viele europäische Städte wachsen kaum noch, und in Deutschland gilt es noch immer eher, die Kriegswunden zu heilen, als neue Utopien zu kreieren.

Die japanischen Städte waren auch verwundet, wurden aber rasend schnell wieder aufgebaut. Wenn man ständig neu baut und wieder abreisst, ist das ein sehr verschwenderischer Umgang mit den Ressourcen. Meine Kapseltürme und Megastrukturen sind rezyklierbar. Während beispielsweise in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg sehr qualitätvolle Wohnungsbauprogramme gestartet wurden, ist die Nachkriegsarchitektur in Japan jetzt schon abbruchreif. Und in China baut man heute noch viel weniger nachhaltig. Nach zehn oder fünfzehn Jahren werden die Gebäude schon wieder abgerissen. Meine metabolistischen Ideen sind für eine hohe Baudichte ausgelegt. Denn Japan besteht zu 80 Prozent aus Bergen, und die über 100 Millionen Einwohner müssen auf den verbleibenden 20 Prozent der Fläche wohnen.

Entgegen dem Klischee ist Tokio sehr flach bebaut; die meisten Häuser sind nur zweistöckig.

Ja, aber wenn die städtische Wucherung so weitergeht wie beispielsweise in Los Angeles und sich die Metropolen in die Landschaft ergiessen, kann man diese mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr erschliessen, weil die Dichte zu gering ist. Meine kompakte Stadt hingegen sucht eine «Symbiosis» mit der Natur. Die «Helixstadt» wird über dem Meer oder einem See gebaut, so dass sie kein Land verbraucht, und kann an das U-Bahn-Netz angeschlossen werden. Stattdessen wird die Bucht von Tokio immer kleiner durch die zunehmende Landgewinnung. Für die Politik ist es einfacher, wenn die Städte sich ins Land oder Meer hinaus ausbreiten. Es ist sehr schade, dass meine Ideen nicht umgesetzt wurden.

Haben Sie als Chefplaner von Astana, der neuen Hauptstadt von Kasachstan, einige Ihrer Ideen der siebziger Jahre umsetzen können, oder haben Sie sich selbst von diesen distanziert?

In Astana ging es in erster Linie darum, die bestehende Stadt aus niedrigen, einfachen Bauten zu erhalten. Ich habe die Neustadt am anderen Flussufer vorgesehen und verbinde die Strassennetze der alten und neuen Stadt miteinander. Hier geht es um Städtebau und nicht um Architektur, denn die meisten Gebäude werden von Russen und Osteuropäern gebaut. Ich habe nur den neuen Flughafen entworfen. Sonst stammen lediglich die Infrastruktur und der neue Zonenplan von mir. Das Sumpfgebiet um die Stadt herum wird bei der Schneeschmelze regelmässig überschwemmt. Deshalb musste zuerst der Fluss befestigt werden. In meinem Plan wird er zum Zentrum der Stadt.

BAUENDER DENKER

Sie entwerfen eine neue Millionenstadt in China mit demselben leichten Strich wie ein Baudetail. Sind Architektur und Städtebau für Sie eins?

Die Prinzipien der «Symbiosis» sind universell und können gleichermassen auf Kunst, Gesellschaft oder Politik angewendet werden. Ich bin kein Sozialreformer oder Geschäftsmann, aber in meiner Profession, der Architektur, habe ich in fünfzig Jahren Praxis meine Philosophie ausgedrückt.

Sind Sie ein philosophierender Architekt oder ein entwerfender Philosoph?

Letzteres. Ich bin nie zufrieden mit meinem gebauten Werk, auch wenn ich viel Anerkennung dafür bekomme. Ein Gebäude kann in fünfzig Jahren schon abgerissen sein, aber Bücher bleiben. Der Zweite Weltkrieg hat bewiesen, wie vergänglich Architektur ist.

Bedeutet es Ihnen viel, dass Ihr «Kurokawa- Manifest», das 1987 erstmals auf Japanisch erschien, nun auf Deutsch vorliegt?

Ja, denn das Deutsche ist die Sprache von Immanuel Kant. Die Moderne in Europa und Amerika, die wir heute geniessen, basiert auf Kants Denken: Wissenschaft, Logik, Technik und der Mensch als Mittelpunkt beherrschen unser Weltbild. Aber in der Zukunft wird es andere Werte geben. Unsere Städte sind modernisiert, aber sind wir glücklich damit? Ich denke anders. Wir brauchen zwar auch zukünftig Metropolen, aber auch grosse Städte sind nur Gruppen von kleinen Städten. Städte werden in Zukunft immer stärker verschiedene Kulturen inkorporieren und dezentral werden. Wir leben jetzt in einer zunehmend grenzenlosen Gesellschaft, und das wirft viele Sicherheitsfragen auf, wie jüngst die U-Bahn-Attentate in London bewiesen haben. Die Schweiz zum Beispiel ist ein schönes und touristisch attraktives Land, aber was sie für mich interessant macht, ist der Zivilschutz. Unsere Verfassung schreibt uns ebenfalls vor, neutral zu sein - aber wenn ein anderes Land eine Rakete auf Japan abschiesst, können wir uns nicht verteidigen, bevor die Bombe eingeschlagen ist. Dennoch gibt es keinerlei Zivilschutz in meiner Heimat.

Auf Japanisch verwenden Sie für «Symbiosis» das Wort «Kyo-sei». Haben Sie es erfunden?

Ja, und sogar Bill Clinton und der Papst haben es aufgegriffen. In Japan wird das Wort von Politikern, Künstlern oder Geschäftsleuten schon sehr viel verwendet, auch wenn sie manchmal nicht seine volle Bedeutung kennen. Es ist einfach, die Welt in Ja und Nein, Ost und West, kapitalistisch und kommunistisch einzuteilen. Aber wie charakterisieren wir ein Land wie China? Wirtschaftlich ist China ein Paradebeispiel für «Symbiosis». Es ist weder noch. Mein Manifest wird gerade ins Chinesische übersetzt. Meine Philosophie versucht, nicht nur den einseitigen Rationalismus, sondern auch die Vorherrschaft der westlichen Kultur zu überwinden.

7. Juni 2005 Neue Zürcher Zeitung

Bunte Tourismuswelt

Architektonische und gestalterische Aspekte der Expo 2005 in Japan

Die neuste Weltausstellung, die derzeit in der japanischen Präfektur Aichi stattfindet, ist eine skurrile Mischung aus Jahrmarkt und ernsthaften Anliegen. Dabei wurde das Thema der Expo, «die Weisheit der Natur», von fast allen Teilnehmern ignoriert.

Mit dem Ausruf «Sugoi!» (etwa: super!) reagieren Japaner auf alles, was ihre Aufmerksamkeit erregt. Diesen «Sugoi-Faktor» möglichst oft zu erzeugen, ist Ziel der internationalen Aussteller auf der neusten Weltausstellung, die Ende März in der nahe Nagoya auf halbem Weg zwischen Tokio und Osaka gelegenen japanischen Präfektur Aichi eröffnet wurde. Wie ihre Vorgängerinnen ist auch diese Expo eine Mischung aus Jahrmarkt und ernsthaften Anliegen. Das Thema der Expo, «die Weisheit der Natur», wurde von fast allen Teilnehmern hartnäckig ignoriert. Der «Menschenzoo» der Nationalpavillons, der vor Anbruch des Zeitalters des Massentourismus traditionell die Hauptattraktion einer Weltausstellung war, ist auch in Aichi noch zentral: Die 120 Länderpräsentationen sollten nach Wunsch der Veranstalter eine «interkulturelle Symphonie» ergeben, kommen tatsächlich jedoch kaum über das Niveau einer Tourismusmesse hinaus. Der nordische Gemeinschaftspavillon zum Beispiel entspricht den Erwartungen der Besucher, indem er mit Wasser, hellem Holz und skandinavischem Design eine unaufdringliche, aber dennoch unverkennbar nordische Atmosphäre verbreitet. Die Niederlande haben ihren Pavillon mit riesigen blau-weissen Fliesen und orangefarbenen Blumen geschmückt. Da fehlen nur noch Holzschuh und «Kaaskunst» als nationale Stereotypen.

Dekorierte Schuppen

Das Zeitalter der Weltausstellungen als beendet zu erklären, wäre dennoch voreilig, auch wenn die Expo 2000 in Hannover gemessen an den Erwartungen der Veranstalter ein Flop war und daraufhin die für 2004 in Paris geplante Weltausstellung kurzerhand abgesagt wurde. Die wichtigste Attraktion der Expo in Hannover vor fünf Jahren, die nationale Selbstdarstellung durch Architektur, kommt in Aichi jedoch zu kurz, denn die «Nationenpavillons» sind bei kleineren, thematischen Weltausstellungen, zu denen Aichi zählt, jeweils nicht mehr als «dekorierte Schuppen». Das liegt daran, dass hier - wie etwa 1998 in Lissabon - die einzelnen Länder sich in vorfabrizierten Hallen einrichten mussten. Diese konnten sie lediglich innen und aussen gestalten. Dadurch wurden manche Aussteller dazu verleitet, die Besucher rein medialen Reizen auszusetzen.

So präsentiert die Schweiz eine Bergwelt, in deren Innerem die mit Taschenlampen ausgestatteten Besucher auf Entdeckungsreise durch die Mythenwelt gehen und schliesslich einen Blick aufs Matterhorn erhaschen können. Zeitgenössische Schweizer Gestaltungskunst findet sich nur im Café, einem Musterbeispiel für den weltweit anerkannten Schweizer Minimalismus. Auch Österreich dienen hohe Berge als Erkennungszeichen. Trecolore Architects haben einen hölzernen Rodelberg gebaut mit Walzertanzsaal und Wiener Kaffeehaus. Deutschland demonstriert zusammen mit Frankreich in einem grossen Doppelpavillon deutsch-französische Freundschaft, wobei im französischen Teil mittels eines Haus- im-Haus-Konzepts mit Fassaden aus hinterleuchteten Salztafeln ein eindrucksvoller Raum präsentiert wird. Andere Nationen setzten stärker auf Architektur: So hat Alejandro Zaera-Polo den spanischen Pavillon mit einer farbenfrohen und geometrisch raffinierten Fassade aus Keramik- Hexagonen fotogen verkleidet. Denn das Wichtigste für die Japaner sind möglichst exotisch wirkende Fotosujets. Die Besucher lassen sich denn auch gerne mit grossen Sombreros vor dem mexikanischen Pavillon oder neben Vertretern der kanadischen Gendarmerie in ihren schmucken, roten Uniformen ablichten.

Das Privileg, eigene Pavillons bauen zu dürfen, blieb den japanischen Konzernen und Gebietskörperschaften vorbehalten, und die haben regen Gebrauch davon gemacht: Der japanische Nationalpavillon wurde in Form einer halben Erdnussschale vollständig aus kompostierbaren Materialien - Bausteinen aus Biomasse und Bambusgras - gebaut. Überdacht ist der Pavillon von einfachen Bambusmatten. Der Turm, den die Stadt Nagoya nebenan errichtet hat, will hingegen nicht als ökologisches Vorzeigeprojekt, sondern als Spielerei punkten: In ihm befindet sich ein riesiges Kaleidoskop, das mit optischen Effekten verführt.

Neue Roboter

Richtig «sugoi» sind für das japanische Publikum die omnipräsenten Roboter. Bereits arbeitet man an Maschinen, die zukünftig in der schnell alternden japanischen Gesellschaft die Betagten pflegen sollen. Noch aber verursachen die Roboter mehr Arbeit, als sie dem Menschen abnehmen: Die überall auf dem Expogelände herumschwirrenden Menschmaschinen werden von Hostessen begleitet, die zwischen ihnen und den Neugierigen vermitteln. Der Traum von den bienenfleissigen und anspruchslosen Helfern wird in Japan allerdings schon seit Generationen geträumt: Bereits auf der ersten japanischen Expo, die 1970 in Osaka stattfand, waren sie ein grosses Thema. Eine klare Aussage wie damals, als Japan zur wirtschaftlichen Supermacht aufstieg, fehlt der Weltausstellung von Aichi. Bis zum Ende der Expo am 25. September werden dennoch 15 Millionen Besucher in Aichi erwartet, die hier Technik, Design und Architektur bewundern werden.

Nach Osaka waren 1970 allerdings 65 Millionen Neugierige geströmt. Die Expo 70 war nicht nur die erste ausserhalb der westlichen Welt. Sie war darüber hinaus auch für die Entwicklung einer eigenständigen japanischen Architekturmoderne zentral. Auch die Auftritte der Schweiz und anderer europäischer Länder konnten damals weit ambitionierter gestaltet werden, da es sich um eine grosse, umfassende Weltausstellung handelte. Die nächste Gelegenheit zu einer wirklichen architektonischen Selbstdarstellung werden die Länder der Welt erst wieder in fünf Jahren haben. Dann wird in Schanghai eine Weltausstellung «erster Klasse» eröffnet. Und die aufstrebende chinesische Wirtschaftskapitale ist heute schon «sugoi» - nicht nur in Japan.

18. März 2005 Neue Zürcher Zeitung

Steingewordene Geschichte

Moshe Safdies neues Holocaust-Museum in Jerusalem

Je weniger Menschen sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch persönlich vom grössten Völkermord des 20. Jahrhunderts berichten können, desto wichtiger wird es, die Erinnerung an ihn den nachwachsenden Generationen weiterzugeben. Deshalb wurde in Yad Vashem ein neues Holocaust-Museum von Moshe Safdie errichtet.

Wie ein Pfeil durchbohrt das neue Jerusalemer Holocaust-Museum den Har Hasikaron, den Berg des Gedenkens, und duckt sich unter Tag, um das tröstlich wirkende Grün von Yad Vashem bestmöglich zu erhalten. Nur Anfang und Ende des überwiegend unterirdischen Gebäudeprismas ragen wie schwebend aus dem Hügel heraus und bilden Ein- und Ausgang des neuen Museums. Das im Schnitt dreieckige Gebäude wird durch ein 175 Meter langes, den Hügel durchschneidendes Oberlichtband natürlich belichtet. Mit ihm ist die 1953 eröffnete Gedenkstätte Yad Vashem nach zehn langen Jahren des Planens und Bauens um einen Ort des Erinnerns erweitert worden. Entworfen wurde der ungewöhnliche, 56 Millionen Dollar teure Neubau von dem 1938 in Haifa geborenen Moshe Safdie, der Architekturbüros in Boston, Toronto und Jerusalem unterhält und bereits das Kindermahnmal und das Transport Memorial in Yad Vashem gebaut hat.

Von der Finsternis zum Licht

Der vor drei Tagen in Anwesenheit von Politikern aus aller Welt feierlich eingeweihte Neubau (NZZ 16. 3. 05) ersetzt das bestehende Holocaust- Museum von Yad Vashem, das in den letzten Jahren zunehmend als etwas «altbacken» kritisiert wurde: Zu streng chronologisch und zu abstrakt war vielen Besuchern die Präsentation geworden - besonders nachdem das in Washington eröffnete Holocaust-Museum neue Standards für das Holocaust-Gedenken in der Museumsdidaktik gesetzt hatte: Modernste Technik und authentische Exponate anstelle von zweidimensionalen Fotos und Dokumenten machen dort das Erlebnis der Museumsbesucher persönlicher und plastischer. Mit dem neuen Konzept des Jerusalemer Museums ist deshalb auch die Hoffnung verbunden, in der Öffentlichkeit wieder mehr Anteilnahme am unermesslichen Leid zu wecken, das von den Todeslagern ausging. Hatten 1999 noch über zwei Millionen Menschen Yad Vashem besucht, war diese Zahl drei Jahre später auf unter 570 000 gefallen und ist seitdem nur geringfügig angestiegen, obwohl Yad Vashem nach wie vor ein Muss für jeden israelischen Schüler und Soldaten sowie für jeden Staatsgast und Touristen ist. Es ist bis heute das beeindruckendste Areal weltweit, das dem Gedenken an den Holocaust gewidmet ist.

Weil immer weniger Zeitgenossen eigene Erinnerung an die Vernichtungslager der Nazis haben, weil immer mehr Überlebende sterben, sollen den jüngeren und nachwachsenden Generationen die Lebensgeschichten der Opfer des Holocausts in Safdies Neubau möglichst lebendig erzählt werden. Das millionenfache Schicksal wird beispielhaft anhand von Tagebüchern und Videoaufzeichnungen erzählt. Diese sehr persönlichen Berichte, aus denen auch geschichtlich Bewanderte neue Informationen ziehen können, berühren emotional aufs Stärkste. Dazu kommt, dass der Weg durch das neue Museum einer eindrücklichen architektonischen Dramaturgie folgt: von der dunklen Vergangenheit in Europa zur lichten Zukunft in Israel. Schon vom Eingang aus blicken Besucher entlang des Gebäudes mit seinen Oberflächen aus rohem Sichtbeton zum Licht am Ende des Pfades, steigen hinab in die düstere Geschichte bis 1945 und anschliessend wieder empor. Unpassierbare Furchen im Betonboden des Mittelgangs, die für Wendepunkte in der Geschichte der Shoah stehen, zwingen die Besucher in dem mit 4500 Quadratmetern auf mehr als die dreifache Ausstellungsfläche angewachsenen neuen Haus dazu, einen Zickzackweg durch die unterirdischen Kabinette zu beschreiten: Die Wendepunkte der Geschichte müssen begangen werden, weil der Weg geradeaus versperrt ist. Denn so linear, wie der prismatische Zentralraum des Museums auf den ersten Blick glauben machen könnte, verlief die Geschichte nicht.

Räumlich und inhaltlich am beeindruckendsten ist die kreisrunde «Halle der Namen» am Ende des narrativen Pfades durch das neue Museum: In einem abgehängten Kegelstumpf aus Glas hängen hinterleuchtete Fotos von fast 600 ermordeten Juden und blicken auf die Besucher hinab. Darunter befindet sich eine spiegelbildliche, trichterförmige Aushöhlung, die elf Meter tief bis hinunter auf den Fels reicht und mit Wasser gefüllt ist. In dessen Oberfläche spiegeln sich die Halle und mit ihr die Gesichter aus dem Kegel darüber, während sich vor den eigenen Füssen ein Abgrund auftut. Die fotografierten Gesichter repräsentieren die bekannten, die unheimliche Grube aber die unbekannten Opfer des Massenmords. Rundherum stehen grosse schwarze Regale, in denen Millionen von Dokumenten der namentlich bekannten Opfer des Judenmords stehen, die in Yad Vashem gesammelt wurden.

Krönung von Safdies Werk in Israel

Der Weg der Museumsbesucher führt schliesslich zu einem grossen Balkon im Freien mit herrlichem Ausblick auf die Hügellandschaft Jerusalems. Zwei grosse seitliche Betonflügel - für deren Ausführung eine Ausnahmegenehmigung eingeholt werden musste, weil die Gebäude Jerusalems sonst mit dem örtlichen Kalkstein verkleidet sein müssen - rahmen trichterförmig den Blick auf das Gelobte Land. Hier also tritt man aus dem Dunkel der Geschichte hinaus ans Licht. Dieses Licht am Ende des Tunnels steht für die jüdische Heimkehr nach Israel. Anschliessend gelangt man vom Aussichtsbalkon aus zum neuen Museum für Holocaust-Kunst, zur Synagoge und zu einer grossen Galerie für Sonderausstellungen.

In seiner Wirkung als Abbild der jüdischen Existenz zwischen Shoah und hoffnungsvoller Zukunft kommt dem neuen Holocaust-Museum in Israel nationale Bedeutung zu. Nicht zuletzt deshalb stellt es die Krönung dar von Safdies Werk in Israel, wo der Architekt schon seit über 35 Jahren baut. Nach einem glänzenden Karrierestart mit der modularen Wohnanlage Habitat auf der Weltausstellung von 1967 in Montreal kehrte Safdie nach dem Sechstagekrieg zeitweise wieder zurück in seine Heimat. Denn nachdem Israel sich 1967 die Kontrolle über die Altstadt von Jerusalem erkämpft hatte, konnte Safdie umfangreiche Pläne für die Neugestaltung des jüdischen Viertels und für den Vorplatz der Klagemauer entwerfen, die zwar nur teilweise realisiert wurden, für ihn aber zum Auftakt einer Karriere in Israel wurden. Seitdem hat Safdie Jerusalem wie kein zweiter zeitgenössischer Architekt geprägt. Der Campus des Hebrew Union College wurde zum Höhepunkt der monumentalen, neoorientalistischen israelischen Postmoderne, und Safdies Architektursprache emanzipierte sich zusehends vom Strukturalismus und von den Geometrien seines einstigen Lehrmeisters Louis Kahn.

Das Kindermuseum von Yad Vashem, das nach Safdies Plänen 1987 fertiggestellt wurde, nahm bereits zwei wichtige Elemente des Entwurfs für das neue Holocaust-Museum vorweg. Ein unterirdischer Gedenkraum öffnet sich auch dort mit einem grossen Trichter zur Aussenwelt. Was der New Yorker Architekturkritiker Paul Goldberger über diesen kleinen Vorläufer des Museums sagte, nämlich es sei «bewegend, ohne melodramatisch» zu sein, gilt auch für dessen grossen Bruder in Yad Vashem.

Publikationen

2023

Gewers Pudewill
Tailor Made Architektur

Neue Bauten seit 2019 des vielfach ausgezeichneten Berliner Büros Gewers Pudewill
Hrsg: Ulf Meyer
Verlag: Park Books

2023

Urban building by Tadao Ando
weisenburger headquarters in Karlsruhe

Der Bürokomplex in Karlsruhe gilt als Tadao Andos erster urbaner Entwurf in Deutschland. Die Publikation gibt exklusive Einblicke in die Entstehung und Planung des Bauwerks. Architekturfotografien und Gebäudepläne zeigen Andos gestalterische Formel: die Reduktion auf das Wesentliche, Sichtbeton im Maß
Autor: Ulf Meyer
Verlag: avedition GmbH

2018

Oslo Architectural Guide
Architectural Guide

„The alternating cultural centres, bustling commercial quarters, and tranquil residential complexes all make cycling along Oslo’s new harbour promenade the ultimate urban experience.“ Falk Jaeger Once known only for its natural surroundings, Oslo is now firmly on the map for its architecture. Contemporary
Autor: Ulf Meyer, Henning Nielsen
Verlag: DOM publishers

2018

Helsinki Architekturführer
Bauten und Projekte von 1917 bis heute

Die nördlichste Pilgerstätte für die Anhänger guter Gestaltung bietet eine hohe Dichte an kreativem Potenzial, so dass auch die finnische Architektur in den vergangenen Jahren ihre internationale Bedeutung ausbauen konnte. Darüber hinaus trägt das immer wieder preisgekrönte finnische Design dazu bei,
Autor: Ulf Meyer
Verlag: DOM publishers

2018

Tokio
Architekturführer

Der erste Architekturführer Tokio in deutscher Sprache präsentiert in seiner zweiten, erweiterten Auflage knapp 300 der interessantesten und spektakulärsten Gebäude, die in den vergangenen 100 Jahren in Tokio entstanden sind. Kenntnisreich wird die faszinierende zeitgenössische Baukunst der japanischen
Autor: Ulf Meyer
Verlag: DOM publishers

2015

JSWD Architekten
Portfolio

Das Kölner Architekturbüro JSWD macht vor, wie nachhaltig das Bemühen um eine internationale Aufstellung belohnt werden kann: In Italien, Luxemburg, Belgien, der Schweiz und Österreich bearbeiten JSWD Architekten derzeit – zum Teil mit europäischen Partnern – große Projekte. Dabei steht das Verständnis
Autor: Ulf Meyer
Verlag: JOVIS

2012

Architekturführer Taiwan

Die kreative Architektur-, Design- und Stadtkulturszene Taiwans hat im Ausland bisher nicht die ihr gebührende Aufmerksamkeit erfahren. Als Band der bei DOM publishers herausgegebenen Reihe Architekturführer widmet sich dieses Buch der Architektur und Stadtkultur in der Inselrepublik Taiwan. Vorgestellt
Hrsg: Ulf Meyer
Verlag: DOM publishers

2010

CBA Christian Bauer

Luxemburg hat sich in den letzten Jahren zu einer Hochburg zeitgenössischer Baukunst gemausert. Neben den Arbeiten prominenter internationaler Architekten, sticht das Œuvre des Luxemburger Büros christian bauer & associés architectes heraus. Der Wirkungskreis des Büros reicht mit seinen Projekten – seien
Autor: Ulf Meyer
Verlag: JOVIS