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7. Oktober 2023 Der Standard

Zerlumpter Gürtel, wilder Rand

Die Kleingartensiedlungen Wiens sind heiß begehrt, nicht nur bei Politikern. Doch viele von ihnen haben eine illegale Vergangenheit. Zwei Forscher der TU Wien haben die komplizierte Zähmung dieses widerspenstigen Siedelns analysiert.

CHAOTISCHER STADTRAND: DAS GROSSE ORDNUNGSPROBLEM“ stand in anklagenden Großbuchstaben auf einem der Plakate der Ausstellung Die Stadt von Heute und Morgen und ihr Umland . Man schrieb das Jahr 1956, und beim XXXIII. Kongress für Wohnungswesen und Städtebau in Wien zerbrachen sich Stadtplaner die Köpfe darüber, wie man den wilden Stadtrand bändigen könnte. In den Donauauen des Ostens, an den Wienerwaldhängen des Westens, auf den Äckern des Nordens und Südens wuchsen die illegalen Siedlungen heran, meist abseits der Infrastruktur und in völliger Ignoranz aller Ideen der Stadtplanung für Wiens Zukunft.

Schon 1952 bilanzierte der Magistrat nach einer Ortsbeschau in der Siedlung Oberlisse, man habe eine „unwirtschaftliche Längslage der Parzellen an Wegen, die zu geringen Abstand zueinander haben“ vorgefunden. Der Versuch, das Formlose mit ordentlichen Straßen und Plätzen in Form zu bringen, scheiterte. Der Rand scheint sich jeder Ordnung zu widersetzen.

Die Causa um die Grundstückserwerbe von SPÖ-Persönlichkeiten wie Ernst Nevrivy in der Gartensiedlung Breitenlee haben diesen Rand wieder ins Bewusstsein gerückt. Auch die derzeit für Schlagzeilen sorgende Siedlung am Gewässer mit dem naturidyllischen Namen „Krcalgrube 2“ war bis in die 1970er-Jahre eine Gstätten, mit illegal errichteten Selbstbauten im Grünland. Es folgte ein Pingpong-Spiel aus Umwidmungsansuchen und wildem Bauen, ein Ringen um nachträgliche Legalisierung. Bis heute. Das ist kein Einzelfall – im Gegenteil.

Denn im Wien des 20. Jahrhunderts lebten zeitweise bis zu 100.000 Menschen in illegalen oder halblegalen Siedlungen, erzählen Andre Krammer und Friedrich Hauer vom Institut für Städtebau der TU Wien, die seit Jahren intensiv über den „wilden Stadtrand“ Wiens forschen. Eine Geschichte, die unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg beginnt, als die Siedlerbewegung dem Notstand auf eigene Faust trotzte.

„Es gab 1919 und 1921 große Demonstrationen am Ring und vor dem Rathaus, wo von über 100.000 Leuten die Rede ist,“ erzählen die beiden Forscher im ΔTANDARD-Gespräch. „Das heißt, es gab eine Masse und einen sozialen Druck, mit dem man irgendwie umgehen musste. Eine Tabula-Rasa-Politik der Räumung wäre politisch nicht durchsetzbar gewesen. Man hatte damals den Armen schließlich auch nichts anzubieten, weder Sozialwohnungen noch ausreichend Nahrung.“

Eine Reporterin des National Geographic , die 1922 investigativ den Wiener Stadtrand durchstreifte, nannte diesen einen „zerlumpten Gürtel“, und Adolf Loos diagnostizierte in der bürgerlichen Presse der „Schrebergärtnerei“ 1921 eine „Psychose“. Die Siedlerbewegung ist gut recherchiert und gilt in der Geschichtsschreibung als Vorläufer zum Gemeindebau des Roten Wien, der alles in schöne Ordnung brachte. Doch das, stellten Hauer und Krammer fest, stimmt nicht ganz. Denn Ordnung und Chaos existierten jahrzehntelang nebeneinander her.
Brettldorf vs. Bruckhaufen

Die beiden Forscher analysierten die Siedlungen und reihten sie nach Grad der Illegalität. Die Ackersiedlungen entstanden auf Parzellen, die von Bauern verpachtet wurden, in den Gemengesiedlungen vermischte sich reguläres und irreguläres Siedeln, und am wildesten ging es vor allem an steilen Wienerwaldhängen und im Schwemmland der Donau zu, wo sich die Siedlungen Brettldorf, Biberhaufen und Bruckhaufen breitmachten. Doch auch hier gab es feine soziale Unterschiede, sagen die Forscher: „Die Siedlung am Bruckhaufen lag etwas höher und war weniger hochwassergefährdet als das benachbarte Brettldorf, das zudem Schritt für Schritt der städtischen Mülldeponie weichen musste. Die Bruckhaufner haben dann schon auf die Brettldorfer heruntergeschaut.“

Auch die Wiener Sozialdemokratie wusste nie so recht, wie sie sich zum anarchischen Acker-und-Sumpf-Proletariat verhalten sollte und pendelte unschlüssig zwischen strengem Ermahnen und Laissez-faire. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Hochphase der großen Stadtplanungsideen, versuchte man mit dem Aufstellen von Plakaten, mit Radioansprachen und Werbefilmen gegen das wilde Siedeln zu kampagnisieren. Ohne viel Erfolg.

„Also beschloss die Magistratsdirektion 1965 eine Art Generalamnestie“, so die beiden Forscher. „Damals arrangierte man sich mit dem, was da war, und von den tollen Ideen im Planungsdiskurs aus den 20 Jahren davor hörte man von da an nichts mehr. Man strebte nach einem langwierigen Prozess der Legalisierung von oben.“ Eine Politik der Konfliktvermeidung und österreichischen Lösungen, womit man bisweilen auch die eigenen Beamten zur Verzweiflung trieb. „1982 wendet sich ein Beamter an die höhere Verwaltungsebene und berichtet, dass ihre Erhebungen viele Objekte ergeben haben, für die man den Abbruch anordnen musste, was dann aber oft durch Weisungen und Berufungsverfahren verschleppt wurde“, erzählen die Forscher. Von den 1700 Abtragungsaufträgen illegal errichteter Bauten seit 1974 waren bis 1982 nur 620 umgesetzt worden. Der Beamte wies darauf hin, dass man sich entscheiden müsse, ob man den Regeln folgt oder die Regeln den Zuständen anpasst.
Aufgepimpte Favelas

Man entschied sich für Letzteres. Die Novelle 1992 erlaubte erstmals das ganzjährige Wohnen im Kleingarten, und die grünen Erholungsgebiete wurden zu aufgepimpten Nobel-Favelas mit schmalen Rasenstreifen zwischen Thujenhecke und Einfamilienhaus mit über 100 Quadratmeter Wohnfläche. Trotzdem waren die Magistratsabteilung 21 und das „Referat zur Bekämpfung des wilden Bauens“ bis zur Jahrtausendwende immer noch damit beschäftigt, das wilde Siedeln zu zähmen. „Man könnte die These aufstellen, dass man in Wien auch deswegen so konziliant mit dem wilden Siedeln umgegangen ist, weil man über acht Jahrzehnte kaum Wachstumsdruck hatte“, vermuten Hauer und Krammer.

Das hat sich geändert. Seit 2009 ist Wien um die Größe von Graz gewachsen, und das vor allem an den Rändern. In der Seestadt Aspern, in Floridsdorf und Liesing wird hochverdichtet gebaut, und in Rufweite der ehemals illegalen Siedlung Rustenfeld (heute in Niederösterreich) wird bald mit Rothneusiedl ein komplett neuer Stadtteil auf dem Acker entstehen.

Die Gartensiedlung an der Krcalgrube 2 liegt heute direkt neben der U2- und Schnellbahnstation Aspern Nord und bald auch an der umstrittenen Stadtstraße. 2021 wurde sie vom Erholungsgebiet in eine Kleingartensiedlung mit ganzjähriger Nutzung umgewidmet. Die Gstätten wurde zur Prime Location, und der ehemalige Rand der Stadtgesellschaft ist heute von den Mächtigen der Stadt besetzt. Aber wirklich städtisch wurde er nicht.

9. September 2023 Der Standard

Situationselastische Architektur

Das umstrittene Heumarkt-Projekt steht bei der Unesco-Sitzung erneut auf dem Prüfstand. Wienerisches Laissez-faire kollidiert dabei mit klaren Positionen, und nach zehn Jahren des Verschiebens von Kubaturen ist die Architektur selbst zur Nebensache geworden.

Wenn an diesem Sonntag im saudischen Riad die 45. Sitzung des Unesco-Welterbekomitees eröffnet wird, wird eine Abordnung aus Wien mit Architekturplänen als diplomatische Mission vor Ort sein. Denn die nie endende Saga des umstrittenen Hochhausprojekts am Wiener Heumarkt geht in die nächste Verhandlungsrunde. 2013 beschäftigte sich die Unesco bei ihrer Sitzung in Phnom Penh damit, 2015 in Bonn, und 2016 in Istanbul. 2017 in Krakau wurde Wien auf die Strafbank der Roten Liste gesetzt, dort blieb es auch während der Sitzungen 2018 in Bahrain, 2019 in Baku und 2021 in Fuzhou sitzen. Jetzt hofft die Wiener Delegation auf Lob für ihr vermeintliches Entgegenkommen. Der Koalitionspartner Neos hat sich vorsichtshalber schon vom Projekt distanziert, um sich nicht wie vormals die Grünen in die Abgründe der Verantwortlichkeit zu manövrieren.

Denn laut dem Resolutionsentwurf (Draft Decision) der Unesco wird Wien auf der Roten Liste bleiben. Konsequent, denn das Entgegenkommen der Stadt ist überschaubar. Seit 2012 hält das World Heritage Committee (WHC) an der Gebäudehöhe des bestehenden Hotel Intercontinental als Obergrenze fest. Diese wurde von verschiedenen Seiten mal mit 43, 44 oder 45 Metern beziffert, beträgt ohne Dachaufbauten aber in Realität 38 Meter. Keine der bisherigen Bebauungsvarianten hält dieses Limit auch nur annähernd ein. Das Ignorieren der Unesco ist der Geburtsfehler des Investorenprojekts. Die Auszeichnung Weltkulturerbe Historisches Zentrum heftete sich Wien wie einen imperialen Orden an die Brust. Dann merkte man, dass ein Weltkulturerbe kein Werbegeschenk ist, sondern ein völkerrechtlicher Staatsvertrag, mit dem Pflichten einhergehen, die sperrige Namen wie Heritage Impact Assessment oder Managementplan tragen.

Projektionsfläche Unesco

Aus Sicht der Stadtregierung wurde so die Unesco zur Projektionsfläche mit wechselndem Programm: mal die liebe Gönnerin, mal die gestrenge Mutter, die zur Erledigung der Hausaufgaben mahnt, mal ein Konglomerat irgendwie lästiger Ausländer, die unserem souveränen Österreich in seine Privatangelegenheiten hineinreden wollen. Mal wurde der Unesco vorgeworfen, keine klaren Vorgaben zu machen, mal, dass sie zu starr und unflexibel sei, oft von denselben Personen.

Dabei ist der Standpunkt der Unesco nicht schwer zu verstehen, aber schon beim kooperativen Verfahren 2012 und beim Architekturwettbewerb 2013 verkündeten Stadt und Investor Wertinvest, man werde sich schon einigen, später dann, irgendwann. Noch 2019 bekundete Ernst Woller, das WHC werde schon nicht auf dem „lächerlichen“ Höhenlimit bestehen. Tat es aber. Kurz vor der Abreise nach Riad klagte er, die Unesco solle nicht immer sagen, was sie nicht wolle, sondern was sie wolle, obwohl sie genau das seit nunmehr zehn Jahren in aller Klarheit tut. Aber Klarheit und Konsequenz sind keine Grundbausteine der Wiener Mentalität. Hier schätzt man die Situationselastizität des „Schaun-mer-mal-geht sich-eh-aus“ und kollidiert so seit zehn Jahren in endloser Wiederholung mit der ganz und gar unwienerischen Unnachgiebigkeit der Unesco.

Die Gestaltwandlungen, die der Entwurf des Architekten Izay Weinfeld durchmachte, sind das Abbild dieses Herumlavierens. Die eigentlich steinerne, kantige Kubatur wird zu einer weichen, formbaren Masse, zum situationselastischen Hochhaus. Die Stationen dieser Verformung: beim Wettbewerb noch bestehendes Intercont-Hotel und neuer 73-Meter-Turm. Nach der von der Stadtregierung verkündeten „Nachdenkpause“ im Jahr 2016, die deckungsgleich mit dem Zeitraum zwischen zwei Bundespräsidenten-Stichwahlen war, schrumpfte der Turm auf 67 Meter, die Hotelscheibe schwoll dafür auf einen verbreiterten Neubau mit 48 Metern an. Dieser bleibt, leicht verändert, bei der bislang letzten Überarbeitung 2023 erhalten, dafür wurde der Turm zu einem langgestreckten „Wohnriegel“ mit 56,6 Meter Höhe gedrückt und gedehnt, immer noch stattliche 21,6 Meter über der Hochhausgrenze der Wiener Bauordnung.

Dafür wurde in den Visualisierungen die bislang steinerne Rasterfassade überbordend begrünt, was aussieht, als sei ein Gen-Experiment mit Petersilie furchtbar schiefgelaufen. Wen das besänftigen soll, ist nicht ganz klar. Jede Änderung von Kubatur und Fassade bleibt eine rein defensive Reaktion auf die gleichbleibende Position der Unesco. Architektur und Stadtbild und deren Kriterien wie Proportion, Angemessenheit und Raumbeziehungen gerieten dabei komplett aus dem Blickfeld. Es zählen nur die Machbarkeit und die Bruttogeschoßfläche.

Kritik der Architekten

Viele Architekten, Architektinnen und Architekturinitiativen formulierten damals scharfe Kritik und tun es bis heute. Im August 2013 mahnte die Architektenkammer, das Fehlen einer klaren Positionierung der Stadt Wien zum Weltkulturerbe Innere Stadt und dasjenige klarer Angaben zur Gebäudehöhe berge die Gefahr, dass die Höhenentwicklung einiger Wettbewerbsvorschläge nicht mit den Vorgaben der Unesco korreliere. Genau so sollte es dann auch kommen.

Kurz vor dem Start in Riad wenden sich jetzt die Architekturstiftung Österreich, Bauten in Not, Docomomo Austria, die IG Architektur, die Österreichische Gesellschaft für Denkmalpflege und Ortsbildschutz und die Österreichische Gesellschaft für Architektur an das World Heritage Committee: „Seit 2013 weisen wir darauf hin, dass das WHC die Rahmenbedingungen unmissverständlich festgelegt hat: Eine Neubebauung auf dem Areal solle möglichst niedrig und dürfe keinesfalls höher ausfallen als der Bestand. Diese Vorgabe deckt sich mit unserer wiederholt dargelegten Expertise zum Regelwerk der Bauhöhen im historistischen Bestand der Ringstraßenanlage und zu den gründerzeitlichen und barocken Blickachsen, die den Projektstandort unmittelbar betreffen.“

Die Initiativen fordern daher das World Heritage Committee auf, Wien auf der Roten Liste zu belassen. Falls in Riad keine Überraschungen im Wiener Diplomatengepäck auftauchen, dürfte das auch geschehen. Und wenn die Stadt Wien nicht, wie schon angeklungen, versucht, das lästig gewordene Welterbe wieder loszuwerden, wird sich das situationselastische Hochhaus wohl weiter verbiegen und verformen, bis in alle Ewigkeit.

29. Juli 2023 Der Standard

Last Exit Kreisverkehr

Eine Gemeinde im steirischen Speckgürtel sucht ihre fehlende Mitte und will dabei die Zersiedelung und die Abhängigkeit vom Autoverkehr einbremsen. Mit Engagement, Expertise und Transparenz. Ein Ortsbesuch in Hart bei Graz.

Schön ist anders. Bewegt man sich durch den südlichen Speckgürtel von Graz, streiten sich im Kopf die Botschaften „Augen zu und durch“ und „Augen auf die Fahrbahn!“. Es gibt sehr viele Fahrbahnen im südlichen Speckgürtel von Graz, wo sich in der Murebene die Verkehrswege von und nach Wien, Slowenien und Kärnten verschlingen, ein ausgebreiteter Nudelauflauf aus Abbiegespuren, dazwischen Shoppingcenter, Baumärkte, Autohäuser, Parkplätze. Nach vielen Abbiegespuren, am Rand des Hügellands: ein Ort namens Hart bei Graz.

Ein Ort, dem bis vor kurzem etwas fehlte, was man von Orten gewohnheitsmäßig erwartet: die Mitte. Noch vor 20 Jahren bestand Hart aus willkürlich verteilten Häusern zwischen Bahn, Pacher-Hauptstraße und Südautobahn, irgendwo dazwischen ein Supermarkt, am Ortsrand ein Logistikunternehmen mit 4000 Mitarbeitern. Wie viele Speckgürtelkommunen in Österreich ist Hart eine reiche und schnell wachsende Gemeinde, in den letzten 30 Jahren hat sich die Einwohnerzahl fast verdoppelt.

Und inzwischen hat Hart dort, wo vor wenigen Jahren nur eine Wiese war, auch so etwas wie eine Ortsmitte. Ein Geschäftszentrum in schnittigem Rot, ein Hotel in Cremeweiß, ein überdimensionierter Wohnbau in Lila, ein besser dimensionierter Wohnbau in Blassgrün, in den auch das Gemeindeamt eingezogen ist. All dies mit viel Gestaltungslust umgesetzt, mal kantig-schnittig, mal gekurvt, ein Freiluftmuseum aller architektonischen Moden der letzten 25 Jahre. Zwischen all dem: ein Kreisverkehr, der jeden Tag von 10.000 Fahrzeugen umkurvt wird. Eine Umfrage unter den Bewohnerinnen und Bewohnern, was sie als Ortszentrum definieren, ergab zwei Antworten: erstens Kreisverkehr, zweitens Parkplatz.

Café statt Parkplatz

Das, sagt Bürgermeister Jakob Frey im Besprechungsraum des blassgrünen Gemeindeamts, muss sich ändern. Seit der Gemeinderatswahl 2015 ist er im Amt, seit 2020 ist seine Bürgerliste Lebenswertes Hart bei Graz stärkste Fraktion. Ihre wichtigste Mission: dem Ort ein Zentrum zu geben, und zwar ein richtiges. Zu Beginn stand ein Bürgerbeteiligungsprozess, der erste Ziele lieferte: die Zersiedelung bremsen, kurze Wege per Fuß und Rad fördern, die parkenden Autos möglichst von der Oberfläche entfernen, dafür eine Bäckerei, ein Café und ein Wirtshaus hinzufügen. Das heißt auch: weg mit dem Kreisverkehr!

„Wir wissen, dass das ein langwieriger Prozess ist“, sagt Frey. „Aber wir wollen den Fatalismus, dass hier nichts mehr zu machen ist, nicht akzeptieren. Wir wollen ein Zentrum mit Aufenthaltsqualität.“ Das heißt auch: die Mitte baulich verdichten, anstatt an den Rändern auszufransen. Die Baulandreserven in Hart sind enorm, und anstatt sorglos noch weitere auszuweisen, hat man sich selbst eine Sperre auferlegt. „Die Frage ist, wie wir den Leuten vermittelt, dass wir im Ortszentrum noch dichter und vielleicht höher bauen und dass ein weiteres Einwohnerwachstum nicht mit mehr Belastung gleichzusetzen ist“, weiß der Bürgermeister. Das Risiko ist real: sein Vorgänger wurde als „Zubetonierer“ betitelt und abgewählt.

Rat von Experten

Andere hätten hier zurückgesteckt, doch in Hart tat man das Gegenteil: Man holte sich Rat von Expertinnen und Experten in Form eines städtebaulichen Wettbewerbs. „Wir brauchen einen gebildeten, aufmerksamen Blick und eine Kultur, die anerkennt, dass Architektur einen Wert darstellt, so wie es in anderen Ländern wie der Schweiz ganz selbstverständlich ist“, sagt Robert Gölles, Projektleiter bei der Gemeinde und selbst Architekt.

Acht Büros inklusive Landschaftsplaner wurden geladen, im April wählte die mit den Architektinnen Silja Tillner und Aglaée Degros (TU Graz) hochkarätig besetzte Jury das Projekt „Stadtterrassen“ von Volker Giencke aus Graz aus, den mit Abstand landschaftlichsten aller Entwürfe, der den Kreisverkehr durch eine terrassierte Grünfläche mit zwei Stadtplätzen und Begegnungszone ersetzt und so die stilistisch wild wuchernde Architektur aus dem ersten Zentrumsversuch der frühen Nullerjahre in einen Zusammenhang bringt. „Der Wettbewerb war ein wirklich wegweisendes Verfahren, das alle Themen beinhaltet, die uns im Moment beschäftigen: Verkehr, Klimaresilienz, Freiräume, Nachverdichtung, leistbarer Wohnraum“, so Silja Tillner. „Das Siegerprojekt gibt eine Antwort auf die Frage, wie wir mit unseren Ballungszentren umgehen: Muss alles urban werden? Oder schaffen wir lieber gute Freiräume und versiegeln den Boden nur dort, wo es unbedingt sein muss?“

Beispielhaft transparent

Beispielhaft ist neben der Tatsache, dass sich eine 5400-Einwohner-Gemeinde einen solchen Wettbewerb leistet, auch die Transparenz des Prozesses: Die Ergebnisse wurden öffentlich ausgestellt und sind alle auf der Gemeindewebsite einsehbar, ein Vorbild für jene Gemeinden, Magistratsabteilungen, Bundesländer oder Ministerien, die noch der Meinung sind, zu viel Information würde die Bevölkerung beunruhigen oder gar, Gott bewahre, für Diskussionen sorgen. Vor Diskussionen hat man in Hart bei Graz keine Angst. Auch Volker Giencke stand den Hartern während der Ausstellung Rede und Antwort und resümiert zufrieden: „Es gab sehr viele Fragen, und wir haben sie auch beantworten können. Es herrscht eine sehr gute Stimmung in der Gemeinde.“

Noch steht man am Anfang, und die Verlegung der Landesstraße aus dem Ort heraus, ohne die sich eine Begegnungszone nicht umsetzen lässt, ist noch nicht in trockenen Tüchern. Aber der Mut, mit dem hier versucht wird, das Wachstum des Stadtrandes in verträgliche Bahnen zu leiten, zeigt, dass es auch anders geht als etwa im niederösterreichischen Grafenwörth, das derzeit aufgrund des in jeder Hinsicht fragwürdigen, vom dortigen Bürgermeister betriebenen „Sonnenweiher“-Megaprojekts in der Diskussion steht. Und es ist eine Mahnung an die höheren Entscheidungsebenen, die im Juni aufgrund von Zaghaftigkeiten und Befindlichkeiten vorerst gescheiterte österreichische Bodenstrategie wieder anzugehen. Damit man jene Gemeinden mit guten Ideen, wie Hart bei Graz, nicht allein kämpfen lässt.

27. Mai 2023 Der Standard

Fluchtpunkt Architektur

Wir alle sind auf der Suche nach Schutzräumen, vor Krisen, vor dem Alltag. Wir stellen fünf von ihnen mit den dazugehörigen Psychogrammen vor. Alle Personen sind frei erfunden, doch die Räume, in die sie sich zurückziehen, sind es nicht.

Von der Stadt in den Bunker

Schon Jahre vor dem Ausbruch der Pandemie hatte Markus (44) mehrere Survival-Magazine abonniert. Terrorismus, Stromausfall, elektromagnetische Impulse, ungünstig einfallende Meteoriten, darauf wollte er vorbereitet sein. Corona bewies ihm, dass er recht hatte: Man lebte ganz offensichtlich in Endzeiten. Kein Ort auf der Erde war sicher, aber manche waren sicherer als andere, und man konnte sie sicherer machen, wenn man Abonnent mehrere Survival-Magazine war. Nach langer Suche fand er auf Willhaben die passende Immobilie für den Aufbau seines Prepper-Paradieses:

Einfamilienhaus aus den 1970er-Jahren, 300 Quadratmeter Wohnfläche, gerichtliche Zwangsversteigerung, hinteres Waldviertel, also günstig. Dass der Grundriss, den sich die Vorbesitzer hatten bauen lassen, so unbrauchbar war wie die Heizkosten des viel zu großen Hauses astronomisch, stört Markus nicht. Für ihn zählten andere Werte: großer Keller, abgelegenes Grundstück, einsehbare Zufahrt. Schritt für Schritt füllt sich der Keller an: Goldbarren gegen die Inflation, selbstgebauter Kompass, Fluchtrucksack („Bug-Out Bag“) für den Notfall, für den Tag X, an dem die Welt untergeht. Der bayerische Komiker Gerhard Polt, der 1982, am Höhepunkt des Kalten Krieges, in einem Fernsehsketch die Zuseher stolz durch seinen atomsicheren Bunker führte, würde sagen: Reschpekt.

Vom Land ins Dorf in der Stadt

Das handwerkliche Talent haben Harald und Sonja (beide Anfang 30) aus ihrer oberösterreichischen Heimat mitgebracht. Dort hat jeder zwei rechte Hände, man greift ohne Umschweife zu Säge, Hammer, Schlagbohrer und zimmert sich aus Holz etwas zusammen. Zuerst die Küche in der kleinen Wiener Wohnung, und bald auch auf der Gasse. Dank ihrer fröhlich-ruralen Direktheit haben die beiden schnell Freunde in der Nachbarschaft im vierten Bezirk geschlossen, vom Magistrat einen Stellplatz für eine Grätzloase genehmigt bekommen, die nun umgehend und kompetent aus alten Holzpaletten zusammengeschraubt wird.

Ein paar gebrauchte Blumenkisten lassen das Urban Gardening erblühen, bald trifft man sich zum Grätzlstammtisch, und das Dorf in der Stadt ist fertig, noch perfekter als das Dorf, aus dem man kommt. Der US-Soziologe Richard Sennett dachte in den 1970er-Jahren über die Frage nach, wie dörflich die Stadt sein sollte, und beantwortete sie mit: nicht so sehr. „Die Stadt ist das Instrument nichtpersonalen Lebens, die Gussform, in der Menschen, Interessen, Geschmacksrichtungen in ihrer ganzen Vielfalt zusammenfließen und erfahrbar werden. Die Angst vor der Anonymität zerbricht diese Form.“ Aber, lieber Richard: Von Greenwich Village über Berliner Kieze bis zu den stillen Gassen von Tokio hat jede Stadt ihre dörflichen Inseln. Und wenn die Krise kommt, weiß man, von wem man sich das Werkzeug borgen kann.

Von der Katastrophe in die Wüste

Vorige Woche standen in Venedig 23 Architekten und eine Architektin stolz wie eine in dunkelblau und schwarz gewandete Fußballmannschaft vor der Kamera. Große Namen wie Jean Nouvel, Ben van Berkel und Massimiliano Fuksas waren darunter. Um „World-Leading Architects, Designers und Future Thinkers“ handle es sich hier, stand unter dem Foto auf der Website des Megaprojekts Neom: The Line in der saudischen Wüste. Dessen Auftraggeber hatte anlässlich der Eröffnung der Architekturbiennale einen Palazzo gemietet, um mit allen visuellen Mitteln für das 140 Kilometer lange, verspiegelte Bauwerk zu werben, kurz vor der geplanten Hinrichtung dreier Stammesangehöriger, die gegen den Bau protestierten.

„Zero Gravity Urbanism“ werde hier entstehen, so Neom-CEO Nadhmi Al-Nasr, und auf Videos turnt tatsächlich eine junge Frau fast schwerelos durch lichtdurchflutete und grünberankte Canyons. Doch so luftig und ökologisch ist The Line nicht. Es ist kein Modell für die Zukunft, sondern das Aufbäumen der Vergangenheit, denn wenige Meter vor dem Abgrund der Klimakatastrophe ist ja eh schon alles egal, oder?

Es ist das letzte Aufkeuchen einer Architekturgeneration, die einmal noch mit großen Formen und Gesten spielen möchte. Sollte The Line tatsächlich fertig werden, können die 24 Future-Thinkers ihren Fünftwohnsitz im Fluchtpunkt des Canyons beziehen und dort in der eigenen Monografie blättern, während draußen bei 50 Grad die Karawane der Klimaflüchtlinge vorbeizieht.

Von der Stadt in den Speckgürtel

Aus dem Autoradio singt Andreas Gabalier seinen Song Bügel dein Dirndl gscheit auf, als Angelika (36) gerade von der A5 auf die S1 einbiegt, um dann die Ausfahrt zum G3 Shopping Resort Gerasdorf zu nehmen.

Nach dem Nachtdienst in der Klinik braucht sie etwas Zeit, um runterzukommen, bevor sie nach Hause fährt. Die große Einkaufsmall ist perfekt dafür. Manchmal kauft sie Gewand, meistens nur einen Americano in Large zum Mitnehmen, den sie dann auf dem hektargroßen Parkplatz im Auto trinkt, so langsam, dass er kalt wird. Dann startet sie den SUV, eine halbe Stunde braucht sie nach Hause, über Schnellstraße, Kreisverkehr, Bundesstraße, Kreisverkehr, Landstraße, Kreisverkehr, Kreisverkehr, Kreisverkehr, Siedlung. Vorbei an Gewerbegebieten, Logistikparks, Umspannwerken. Lagerhaus, Bauhof, Kläranlage. Das große Freiheitsversprechen des amerikanischen Westens, hineingefaltet ins kleine Österreich.

Eine Weltflucht am Feierabend auf gewohnten Pfaden, mit Wegweisern, die zeigen, wo es langgeht. Und durch die Windschutzscheibe kann man ins Land einischaun. Heimat.

Von heute in die Vergangenheit

Inzwischen hat Reinhold (65), pensionierter Lehrer, mit dem Ansammeln von neuem Wissen weitgehend abgeschlossen. Er weiß schließlich sehr, sehr viel. Genug, um daraus einen fugenlosen Kokon zu bauen, in dem er Meinungen ausbrüten kann, an denen er die Welt gerne teilhaben lässt.

Die Stadt, die sich Reinhold erträumt, ist ein Amalgam aus Erinnerungen seiner Jugend und der Stadt des 19. Jahrhunderts. Die Fassaden der Gründerzeit, kombiniert mit der vollmotorisierten Stadt der 1980er-Jahre, in der man überall parken konnte und in der er noch Lederjacke tragen konnte, ohne peinlich auszusehen, damals mit 30.

Reinhold ist Administrator der Facebook-Gruppe „Pro Stadtbild“; dort fordert er eine Rückkehr zur „klassischen Architektur“, obwohl er nicht weiß, was das ist. Irgendwie alt eben. Gerne postet er dazu Bildpaare: Links Barock, rechts Beton, 70 Prozent der Befragten finden das linke Bild besser, also Betonklotz weg, und alles wird wieder schön.

Diese Schönheit, hm, was mag das sein? Ausgewogenheit, Harmonie und Proportion? Oder eher ein warmes Gefühl der Vertrautheit? Was hinter den neo-neohistoristischen Fassaden seiner Traumstadt passiert, ist Reinhold weniger wichtig als eine Kulisse ohne Störfaktoren, perfekt für die Weltflucht in eine Vergangenheit, in der nicht so viele Radler auf der Straße fuhren und nicht gegendert wurde. Das war schön, damals, denkt Reinhold.

13. Mai 2023 Der Standard

Spuren menschlichen Lebens

Diese Woche wurde in Deutschland der Europäische Architekturfotografie-Preis verliehen. In Zeiten, da Bilder von künstlicher Intelligenz generiert werden, bietet das den Anlass für Standortbestimmungen und für die Blickwechsel einer neuen Zeit.

Ein Radweg in rotrosa Pflasterung, darüber quergeschwungen zwei parallele gelbe Linien. Eine provisorische Umleitung, deren Umleitungsanlass schon wieder aus dem Bild und der Welt verschwunden ist. Das passiert jeden Tag in irgendeiner Stadt, aber aus der Vogelperspektive und in menschenleerem Zustand erscheint die aus der Pragmatik entstandene Linienführung zart, elegant, absichtsvoll skizziert. Provisorium lautet der Titel der Bildserie des Hamburger Fotografenduos Nicole Keller und Oliver Schumacher. „Uns interessieren vor allem die absurden, irritierenden, komischen Provisorien“, sagen sie. „Es sind erfrischende Brüche in der sonst so perfekten Welt. Sie machen Unmögliches möglich. Zugleich zeigt sich da auch etwas Unschuldiges, als hätten Kinder ihre Hand im Spiel.“

Die Provisorien der Hamburger wurden an diesem Freitag mit dem Europäischen Architekturfotografie-Preis ausgezeichnet, der seit 2003 vom deutschen Verein Architekturbild in Kooperation mit dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) und der Bundesstiftung Baukultur verliehen wird. „Der zarte Humor, der bei jedem Motiv mitschwingt, und das subtile Farbspiel binden die Aufnahmen trotz aller Verschiedenheit zu einer intellektuell-ästhetischen Serie zusammen“, lobt die Juryvorsitzende Dea Ecker.

Architektur als Hintergrund

Gesucht und honoriert wird hier nicht jene Fotografie, die den Auftrag hat, Architektur zu bewerben und im besten Licht darzustellen. Stattdessen halten die Bilder im Idealfall eine Spannung zwischen dokumentarischem Reportagegestus und der Architektur als Schauplatz oder Hintergrund, ohne in hübsche Gefälligkeit abzugleiten. Sie lenken den Blick auf das, was stört und irritiert, aber wahrhaftig ist, auf die Kollision mit dem Alltag, auf den Gegensatz zwischen dem Geplanten und dem Geschehenen und auf die Komik, die aus dieser Fallhöhe resultiert. Sie rücken das, was sonst retuschiert oder ausgeblendet wird, wieder ins Bild. Reparaturen, Behelfsmäßiges, Workarounds. Spuren menschlichen Lebens.

Zwei weitere Preise gingen an Katharina Roters und an Hiepler, Brunier (alle aus Berlin). Roters zeigt in Schwarz-Weiß Hinterhofwände aus Armenien, über die Jahrzehnte zu einem Fleckerlteppich gewachsen, darauf in weißer Kreide markiert große und kleine Fußballtore, Spuren des Homo ludens. David Hiepler und Fritz Brunier hielten in der Serie Gap Stop neue Wohnbauten am wachsenden marokkanischen Stadtrand fest, die fast nur aus Rückseiten bestehen. Abstrakte Geometrien in der Terra incognita, in Sandbeige und Terrakottarot, wie surreale Bausteine einer Stadt, die noch nicht zusammengesetzt ist, verstreutes Lego. Wohnen hier schon, oder noch, Menschen?

Andere dokumentieren subtil Brüche in der Gesellschaft und Spuren von Katastrophen, die in den Alltag eingebrochen sind. Besonders eindrücklich: Matthias Jungs nächtliche Szenen von schlammigen Ruinen, umgekippten Bahntrassen, halbierten Häusern, wie aus einem David-Lynch-Albtraum auftauchend. Sie wirken zeitlos, sind aber hochaktuelle Ruinen aus der Flutkatastrophe im Ahrtal im Sommer 2021, über die schon niemand mehr redet, die aber einen Landstrich zerfurcht und Wohnraum unbewohnbar gemacht hat, eine Zerstörung, die noch lange nicht repariert ist.

Thomas Kummerow wiederum widmet sich in Makeshift Life ganz anderen, weniger heiteren Provisorien: den Selbstbau-Unterkünften von Wohnsitzlosen in Madrid. Es sind rührend präzise angefertigte Schutzräume für Privatheit und Würde, in Nischen, auf Parkplätzen und auf Terrassen. Hier ein ordentlich platzierter Besen. Dort ein Aktenkoffer als Nachttisch, ein gelber Farbkübel als Trittstufe vor einem Betonpodest.

Kunst oder KI?

Die Preisverleihung 2023 fällt genau in eine Zeit des Umbruchs, was Preisverleihungen für Fotografie betrifft. Im April gab der deutsche Künstler Boris Eldagsen bekannt, dass er jenes Bild, für das er den Sony World Photography Award bekommen hatte, von künstlicher Intelligenz hatte generieren lassen, um auszutesten, ob die Jury es bemerken würde. Sie bemerkte es nicht, Aufruhr und Selbstreflexion folgten.

1935 publizierte Walter Benjamin sein einflussreiches Werk über das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit und beschrieb den Verfall der Aura des Einzigartigen, die epochale Veränderung der Malerei durch die Fotografie – den anderen Blick des 20. Jahrhunderts. Fast ein Jahrhundert später könnte der nächste Umbruch anstehen: das Kunstwerk im Zeitalter seiner Transhumanität.

Kann eine Maschine so kreativ sein wie ein Mensch, möglicherweise sogar noch kreativer? Der Sänger Nick Cave beantwortete das im Jänner auf Anfrage eines Fans, der ihm einen Nick-Cave-artigen Song aus KI-Feder geschickt hatte, mit einem passionierten Nein. „Einen guten Song zu schreiben ist nicht Mimikry, sondern das Gegenteil.“ Ein Werk zu schaffen, das transportiere die Künstlerin über ihre eigenen Grenzen, an ihre Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. Das mag für manche zu viel des Pathos sein, doch für die Fotografie lässt sich die Frage auch weniger dramatisch beantworten.

Denn wenn gerade die Fotografen, die ihren Blick zur leicht konsumierbaren Clickbait-Marke machen, jene sind, die sich gerade dank ihrer Unverwechselbarkeit am leichtesten von einer KI reproduzieren lassen, wird der überraschende Blick, das Hinschauen dorthin, wo der algorithmische Durchschnitt eben nicht hinschaut, um vieles wertvoller. Das Unerwartete, das Inkongruente, den gelben Kübel, der als Trittstufe vor dem Behelfslager eines Wohnsitzlosen dient, all das werden Midjourney und andere vielleicht weniger überzeugend nachahmen. Vielleicht können sie es doch, und vielleicht ist es dann gar nicht erschütternd, einzugestehen, dass Datenbanken schöpferisch tätig sein können. In jedem Fall werden wir den Blick auf die Spuren menschlichen Lebens noch weiter schärfen und justieren müssen.

2. Mai 2023 Der Standard

Welcome to Musklândia!

Elon Musk baut vielleicht eine neue Stadt für seine Angestellten. Damit ist er nicht der Erste. Firmenstädte gab es immer wieder, mal utopisch, mal realistisch – und oft gescheitert. Eine Weltreise zu den Corporate Cities der Geschichte.

Es ist ja nicht so, dass Elon Musk in den Nachrichten zu wenig vorkäme. Doch im März berichtete das Wall Street Journal Überraschendes vom verhaltensauffälligen Milliardär: Dieser plane seriösen Quellen zufolge, in Texas eine neue Stadt namens Snailbrook neben dem Sitz seiner Firmen Space X und Boring zu bauen. Die ersten Fotos und Pläne waren eher unvisionär und ähnelten einer Barackensiedlung aus dem Bergbaumilieu. Musk dementierte per Twitter, doch die texanischen Nachbarn waren bereits nervös. Eine Utopie hinter ihrem Gartenzaun, sagten sie, fänden sie nicht so reizvoll, denn Utopien seien in der Menschheitsgeschichte schon oft schiefgegangen.

Vielleicht war die Aufregung umsonst und Snailbrook nur eine der vielen Tageslaunen des kindlichen Raketenkaisers. Doch er wäre nicht der erste Firmenboss, der sich zum Stadtgründer aufschwingt. Denn wenn Chefs zum Glauben kommen, dass ihre „Firmenphilosophie“ tatsächlich eine Philosophie ist, wird es gerne utopisch. Und was ist visionärer als eine Stadt, erschaffen aus dem Nichts?

Gummi und Stiefel

Das wohl berühmteste Scheitern einer solchen Hybris ist im brasilianischen Dschungel zu besichtigen. Hier wollte Autogigant Henry Ford in den 1920er-Jahren eine Alternative zum britischen Kautschukmonopol aufbauen und gründete für die Plantagenarbeiter die Stadt Fordlândia mit Kraftwerk, Schwimmbad, Kino, Feuerwehr und Krankenhaus. Brasilianische Zeitungen lobten Henry Ford als „Jesus Christus der Industrie“, doch das Vorhaben war von Anfang an ein Desaster. Das Land war für Kautschuk-Anbau völlig ungeeignet, Gelbfieber und Malaria grassierten, die Arbeiter rebellierten gegen Fords strengen Puritanismus (kein Alkohol, keine Damenbesuche) und das amerikanische Essen und schlugen die Stechuhren in Stücke.

Erfolgreicher als die Stadt des Gummis sollte die Stadt der Schuhe werden. Im mährischen Zlín ließen die Brüder Tomáš und Jan Antonín Baťa in den 1920er-Jahren von Architekten wie dem Otto-Wagner-Schüler Jan Kotěra eine Werksiedlung für ihr Schuh-Imperium errichten, die die Ideale der Moderne umsetzte: Licht, Luft, und Sonne, Funktionstrennung und Rundumversorgung. Es wurde zum Aushängeschild des Hightech-Lands Tschechoslowakei und zum Mekka für Architekten. „Zlín ist ein leuchtendes Phänomen. Ich bin viel durch die ganze Welt gereist, und dennoch fühle ich mich hier wie in einer neuen Welt,“ jubelte Le Corbusier bei seinem Besuch 1935. Heute noch zu besichtigen ist das legendäre Direktorenbüro, das sich Jan Antonín Bat’a in den Aufzug des Verwaltungshochhauses bauen ließ.

Von der Moderne zur Postmoderne: Die heimelig-sauberen Kleinstadtideale des New Urbanism fanden in den 1990er-Jahren ihre Gestalt in Celebration, der Traumstadt der Walt Disney Company in Florida. Ein Truman Show -Traum in Weiß und Pastell, in dem das Aussehen von Haus und Garten ebenso wie das Verhalten der Bürger vertraglich bis ins Detail festgelegt ist. Von Kritikern wurde Celebration wegen mangelnder Diversität gegeißelt, doch die Gegenwart hat einen Plot-Twist parat, denn im Konflikt mit Floridas protofaschistischem Gouverneur Ron DeSantis wird Disney plötzlich zur Enklave der Freiheit inmitten der bücherverbietenden Repression.

Smarte Tech-Bros

Eine wahre Stadtgründungseuphorie erfüllte die Welt im Zuge der digitalen Revolution im 21. Jahrhundert. Viele Tech-Konzerne fanden in der informationsbasierten Smart City die perfekte Form für ihre Forschung und Entwicklung und können sich so Einfluss in jenen Städten und Staaten sichern, in denen sie Steuern zahlen (oder auch nicht). Nicht immer funktioniert das. Als der Alphabet-Konzern 2015 das Konzept Sidewalk Labs vorstellte, sollte Toronto zum 300-Hektar-Pilotprojekt werden. Leider wollten die Bürger von Toronto partout nicht die Daten ihres Alltags in die Hände von Alphabet legen, 2020 wurde das Projekt begraben. Möglicherweise, weil viele Tech-Bros sich nicht für Soziologie, Geschichte und Architektur interessieren und eine naive Vorstellung davon haben, wie Menschen zusammenleben wollen.

Für ähnlich smart hält sich die Autofirma Toyota, die im Februar 2021 die Stadt Woven City am Fuße des Fuji-san gründete. Praktischerweise auf Firmengrund, daher musste man sich nicht mit lästigen Bewohnern herumschlagen. Woven City soll eine Art Teststrecke für Mobilität in Stadtform werden: Straßen für Fußgänger, für Selbstfahrer und für Automated Driving werden miteinander verflochten, aus all dem werden Echtzeitdaten ausgelesen, die künstliche Intelligenz wird weiterentwickelt. Mit 360 Bewohnern ist das Starter-Kit für eine echte Stadt eher bescheiden, doch für die gibt es genaue Pläne: In Kooperation mit Nissin Foods wird ein Ernährungsprogramm entwickelt, das auf jeden Bewohner individuell zugeschnitten ist. Henry Ford lässt grüßen.

Mit dem Menschen beginnen

Die Hauptzielgruppe Toyotas dürften jedoch weniger die Bewohner sein als andere Firmen. Diese sollen gelockt werden durch die Stadtbilder des dänischen Architekten Bjarke Ingels, dessen „Hey Leute, wir schaffen das!“-Ausstrahlung das Komplizierte ganz leicht erscheinen lässt, auch wenn es sich danach wieder als kompliziert herausstellt.

Ingels’ Büro BIG liefert auch die Visualisierungen für Telosa, die Fünfmillionenstadt in der amerikanischen Wüste, die sich der US-Milliardär Marc Lore ausgedacht hat. Sie verbindet kalifornisches Laissez-faire mit Diversität und Ökologie und nicht uninteressanten Konzepten der Open-Source-Demokratie. „Stadtneugründungen waren bisher immer Immobilienprojekte“, sagt Lore. „Sie beginnen nie mit dem Menschen.“ Das will er anders machen und von vornherein Immobilienspekulation verhindern.

Erstaunlich progressiv für einen Milliardär, doch die Frage, wo eigentlich in der Wüste das Wasser für fünf Millionen Menschen herkommen soll, wird nur vage beantwortet. Manche sprachen von einem grüngewaschenen Las Vegas, noch drastischer urteilte die US-Kritikerin Jessa Crispin, die grundsätzlich infrage stellt, ob ein einzelner Mann entscheiden soll, aus welchen Teilen eine Stadt zusammengebaut ist. „Was würde eine Gesellschaft besser machen? Wolkenkratzer in der Wüste? Oder wäre es vielleicht am besten, wenn Milliardäre weniger Einfluss hätten auf das Funktionieren der Gesellschaft?“

8. April 2023 Der Standard

Der Regisseur des Raums

Vor 300 Jahren starb der Barockarchitekt Johann Bernhard Fischer von Erlach. Eine Gelegenheit, an das virtuos dreidimensionale Denken dieses weltoffenen Globalisten und raffinierten Kombinierers zu erinnern.

Bei diesem Anblick muss es schwer gewesen sein, Atheist zu werden: Mitten in der Natur des unregulierten Wienflusses stehend wie eine Fata Morgana, eine große Kuppel, davor ein Portikus, flankiert von zwei hohen Säulen, wie zum Gebet erhobene Hände. Ganz in Weiß und genau in der Sichtachse der alten Römerstraße, die heute noch als Herrengasse an der Wiener Hofburg vorbeiführt. Die Karlskirche, das späte Meisterwerk des Barockarchitekten Johann Bernhard Fischer von Erlach.

Längst ist sie von der Masse der Stadt eingeholt worden, doch die „Primadonna“, wie sie der Architekt Boris Podrecca einmal nannte, dominiert den Raum um sie herum noch heute. Ihre Fassadenfront ziert Reiseführer, lugt über die Köpfe zahlloser Selfies. Das perfekte zweidimensionale Bild lässt oft vergessen, welch euphorisierendes Erlebnis es ist, die Karlskirche aus der Bewegung her wahrzunehmen, wenn sich ihre Kanten und Kurven wie Theaterkulissen dramatisch dreidimensional vor- und hintereinanderschieben.

Fischer von Erlach, der vor 300 Jahren, am 5. April 1723, starb, war alles andere als ein Purist, er war Bühnenbildner, Bildhauer und Weltreisender der Architektur. „Er kombinierte reine geometrische Formen und brachte den menschlichen Körper in die Architektur“, sagt Andreas Nierhaus, Kurator am Wien-Museum, der gemeinsam mit Peter Husty die Ausstellung konzipierte, die diese Woche im Salzburg-Museum eröffnet wurde und 2024 im Wien-Museum zu sehen sein wird. Wien und Salzburg sind zweifellos die Schauplätze seiner großen Werke, die Urquelle seines Schaffens lag jedoch in Rom, wo er im Alter von 14 Jahren das Schauen lernte. Die Ewige Stadt war im Barock Europas Architekturmekka, ein Konzentrat aus Seh-Sucht und Spektakel, Stein und Licht, Sinnlichkeit und Geometrie. Der Hohepriester dieser magnificenza war Bernini, und Fischer von Erlach kam mit dem Siegel seines Segens zurück nach Österreich.

Weltreise ohne Scheuklappen

Doch er war noch virtuoser und verspielter in seiner Auflösung der Grenzen zwischen Architektur und Bildhauerei. Perforationen und Durchdringungen, Konkaves und Konvexes in lustvollem Dialog, aufgeladene Leere. Kanalisierte Blicke in die Ferne, verstohlenes Lugen in steinerne Faltenwürfe. Beim Hofmarstallportal in Salzburg balancierte er seine muskulösen Atlanten auf stilettohaft scharfen Pfeilern, die nach unten spitz zulaufen. Im Raum verankerte Amalgame von Religion und Körperlichkeit, wie sie auch Madonna Louise Ciccone knapp 300 Jahre später in ihrem Musikvideo zu Like a Prayer anstreben sollte.

Fischer von Erlachs Lebenswerk kulminierte in seinem 1721 herausgegebenen Prachtband Historische Architektur, eine Weltreise ohne Scheuklappen in assoziativ kombinierten Bildtafeln, von Stonehenge über chinesische Pagoden bis zu Moscheen. Ein frischer Wind der Toleranz in absolutistischen Zeiten kurz vor der Aufklärung. Seitdem wird Fischer von Erlach stets wiederentdeckt, ob von Otto Wagner als Türöffner der Moderne oder als Regisseur des fließenden Raums bei den Architekturschaffenden von heute. Einige von ihnen hat der Standard zur Würdigung anlässlich seines 300. Todestags gebeten.

Volle Breitseite

„In meinen ersten Studienjahren ging ich täglich auf dem Weg zur Angewandten an einer bemerkenswerten Situation vorbei: Über einer Baulücke thronte die Kuppel der Karlskirche. Jeder hat das Bild ihrer Kuppel vom Karlsplatz aus im Kopf, aber ich sah zu jeder Tages-, Nacht- und Jahreszeit ihre volle Breitseite! Ich entwickelte als Projekt ein Studentenheim genau a n dieser Stelle. Das Bild der halben Kuppel würde die dort Studierenden hoffentlich ebenso faszinieren wie mich. Leider wurde die Baulücke rasch mit einer Bausünde verbaut, und das ungewohnte Bild der Kuppel für immer aus dem Stadtbild verbannt.“

Christoph Pichler,
Pichler & Traupmann Architekten

Die Königin des Karlsplatzes

„Unser Ansinnen war es, einerseits das Wien-Museum auf Augenhöhe zu den anderen am Karlsplatz situierten Gebäuden zu bringen und andererseits die als Dominante den Platz prägende Karlskirche und ihre überregionale Bedeutung zu respektieren. In diesem Sinne weiß der Ausblick aus dem Fugengeschoß des neuen Museums, dass er von einer Hauptdarstellerin lebt und nicht zuletzt für sie inszeniert wurde.“

Roland Winkler,
Winkler Ruck + Certov,
Architekten des Wien-Museum neu (Eröffnung Ende 2023)

Kirche gegen Pest und Krieg

„Die Wiener Karlskirche ist nicht nur einer der wichtigsten Bauten des Grazer Architekten, sondern auch einer der komplexesten auf der Ebene seiner Symbolik. Als Votivkirche, die gegen Pest und Krieg errichtet wurde, zeugt die Karlskirche von der Allmacht Gottes, in die Geschichte lindernd einzugreifen, wenn die Menschen es nur wollen. Die Ereignisse der letzten Jahre zeigen für uns auch nach 300 Jahren die gesellschaftliche Relevanz dieses Hauses als Ort der lebendigen Tradition.“ Marek Puèalík O. Cr.,

Kreuzritterorden,
Kirchenrektor der Karlskirche

Mit Fischer in die Zukunft

„Als die ehemaligen Hofstallungen 2001 zum Museumsquartier wurden, haben wir ein fiktives Interview mit Fischer von Erlach geführt. Sinngemäß hat er sich damals über die ablehnende Haltung der Gesellschaft gegenüber neuer Architektur beschwert. Die Gegenwart hat für Zukunftsdenken noch weniger Platz. Aber wir werden die kommenden Jahre nur überstehen, wenn wir uns von umweltschädigenden Gewohnheiten lösen und grundsätzlich neu denken. Wir müssen uns nicht davor fürchten. Im Gegenteil, wir hätten schon vor Jahrzehnten handeln sollen. Wir hätten uns eventuell die Klimakatastrophe erspart, wenn wir ein bisschen auf Fischer von Erlach gehört hätten.“

Anna Popelka,
PPAG Architects

Alles im Fluss

„Wenn man von der Lust an der Raumgestalt der Bauwerke des Barocks ausgeht – was für ein Wahnsinn, tonnenschwere Kuppeln zu bauen, um sie dann mit Himmelsmalereien zum Entschwinden zu bringen! –, dann wird sichtbar, dass die Gestalt des komplexen Raumes und nicht die simplifizierte Box eine besondere Fähigkeit der österreichischen Architekten darstellt. Fischer von Erlach wusste, wie er Gebäude monumental in die (Stadt-)Landschaft setzt. Auf jeden Fall ist die barocke Architektur als Vorbild für starke Architektur zu sehen, denn sie zählt nicht die additiven Funktionen, sondern ist Ausdruck für eine fließende Raumgestaltung.“

Wolf dPrix,
Coop Himmelb(l)au

1. April 2023 Der Standard

Bitte gehen Sie weiter!

Die Diskussion um Hitlers Geburtshaus in Braunau ist seit dem Wettbewerb 2019 verebbt. Doch damals blieben viele kritische Fragen unbeantwortet. Eine junge Initiative hat sie jetzt wieder vor den Vorhang geholt und eine „alternative Kommission“ zur Debatte geladen.

Seit Jahren steht das Haus Salzburger Vorstadt 15 in Braunau leer. Zutritt streng verboten. Dabei sollten hier schon die Umbauarbeiten im Gange sein. Doch die Baukosten sind von geplanten fünf auf 20 Millionen gestiegen, jetzt soll es im Herbst so weit sein, heißt es. Es ist nicht irgendein Haus, sondern eines, das Historiker, Architekten, fünf Innenminister und die Öffentlichkeit beschäftigt hat, das Geburtshaus Adolf Hitlers. Seit dem Architekturwettbewerb 2020 ist diese Beschäftigung ebenso wie das Haus wieder aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Haus mit Gesichts-OP

2016 hatte die vom damaligen Innenminister Wolfgang Sobotka beauftragte Expertenkommission „eine tiefgreifende architektonische Umgestaltung“ empfohlen, die den „Wiedererkennungswert und die Symbolkraft des Gebäudes dauerhaft unterbinden“ sollte, was nach Abschluss des aufwendigen Enteignungsprozesses in die Ausschreibung des Wettbewerbs übernommen wurde, in der die Wörter „Hitlers Geburtshaus“ kein einziges Mal vorkamen. „Durch die zukünftige Nutzung des Hauses durch die Polizei soll ein unmissverständliches Zeichen dafür gesetzt werden, dass dieses Gebäude für immer einer Erinnerung an den Nationalsozialismus entzogen ist“, so Sobotka-Nachfolger Wolfgang Peschorn damals. Der Siegerentwurf von Marte Marte Architekten versuchte, diesem Wunsch zu entsprechen, mit der Idee, die Zeit zurückzudrehen ins Jahr 1750. Der ursprüngliche Doppelgiebel soll rekonstruiert, die Umbauten aus der NS-Zeit entfernt und die Fassade weiß getüncht werden.

Das alles blieb damals nicht ohne Kritik, von der Initiative Denkmalschutz über das Mauthausen-Komitee bis zu den Braunauern selbst wurde argumentiert, einen solchen Ort könne man nicht einfach neutralisieren. Wie ein Teilnehmer berichtet, wussten auch die Architekten anfangs nicht, was genau unter „Neutralisierung“ zu verstehen sei. Ein Haus mit Gesichts-OP und neuem Namen, eine Architektur im Zeugenschutzprogramm? Die Architektur wurde alleingelassen mit der Anweisung, was das Gebäude nicht sein sollte. Wie geht man damit konstruktiv um, und wie sinnvoll ist die Herstellung einer vagen Art von Normalität? Würde sich ein Neonazi aus Bautzen oder Wiener Neustadt von der Pilgerreise nach Braunau wirklich durch die Tatsache abhalten lassen, dass das Haus nun zwei Giebel hat? So bauhistorisch sensibel sind die Wiederbetätiger nicht, und auch nicht so naiv.

„How to Hitlerhaus“

Sicher, es gibt hier keine einfache Lösung, die auf der Hand liegt, und ein Geburtshaus ist kein Täterort wie viele, viele andere. Aber viele Fragen blieben offen, die Diskussion auf breiter Ebene auch durch den fragwürdigen und recht österreichischen Umgang mit den Wettbewerbsergebnissen, die 2020 ohne Ankündigung für drei Tage jeweils ein paar Stunden in Braunau ausgestellt wurden: „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“, schien hier das unausgesprochene und zur geplanten polizeilichen Nutzung passende Motto.

Jetzt wurden diese unbeantwortet gebliebenen Fragen wieder in die Öffentlichkeit geholt von den jungen Architektinnen Laura Amann, Teresa Klestorfer, Daniela Mehlich, Linda Lackner, Anna Paul und Sophia Walk, die 2020 den Verein DA – Diskurs Architektur gegründet hatten. Unter dem dezent provokanten Titel „How to Hitlerhaus“ sollte bewusst der schöne Frieden gestört werden. Die Gruppe führte dafür Interviews mit Jurymitgliedern und Architekten, die am Wettbewerb beteiligt waren, die Wettbewerbssieger Marte Marte und das Innenministerium lehnten die Beteiligung ab. Diese Gespräche und eine exzellent aufbereitete Quellenrecherche und Chronologie wurden in einer online verfügbaren Publikation zusammengefasst, um so „Transparenz in einen intransparenten Prozess zu bringen“.

Präsentiert wurde diese Publikation im Rahmen einer Debatte im Wiener Mak am 15. März, die als „nachgeholte Öffentlichkeit“ fungierte und zu der die Architektinnen eine „alternative Kommission“ aus Historikern, Kuratorinnen und Architekturforscherinnen aufs Podium luden: Elke Krasny (Akademie der bildenden Künste Wien), Florian Kotanko (Verein für Zeitgeschichte Braunau), Laura Langeder (Haus der Geschichte Österreich), Inge Manka (TU Wien), Nora Sternfeld (HFBK Hamburg) und Florian Wenninger (Institut für Historische Sozialforschung, Universität Wien). Auch hier hatte das Innenministerium die Einladung ausgeschlagen.

Dies sollte die „offizielle“ Kommission nicht diskreditieren, sondern die Fachdiskussion in die Öffentlichkeit tragen. Das funktionierte als Aufklärungsarbeit sehr gut, gerade weil man sich nicht immer einig war. Würde eine auffällige Architektur oder Nutzung des Hauses die Überhöhung des in ihm Geborenen reproduzieren? Gibt es nicht andere Orte, an denen das Erinnern an Hitlers österreichische Jahre noch dringender nötig wäre? Oder lässt sich der Personenkult gerade in Braunau besonders gut kontern? Abgeschlossen könne Erinnerungsarbeit jedenfalls per se nicht sein, in welcher Form und mit welchem Thema sie auch immer stattfindet.

Keine einfache Lösung

Ob eine Polizeistation wirklich die ideale Nutzung ist, auch dazu gingen die Meinungen auseinander, eine Öffnung des Hauses wurde aber empfohlen, da eine Nichtzugänglichkeit die Aura des Geheimen eher noch überhöhte. In den über 30 Jahren, in denen eine soziale Einrichtung im Haus untergebracht war, sei dessen Offenheit nie ein Problem gewesen, so Kotanko. Und die Architektur? Ist die „Weißwaschung“ der Fassade in ihrer Fotogenität zu schön, um unauffällig zu sein? Ist die Architektur, wie es in einem schönen Bonmot heißt, zu wichtig, um sie den Architekten zu überlassen, bräuchte es stattdessen eine fachliche Vielstimmigkeit?

Am Ende bekundete ein etwas ratloser Architekt aus dem Publikum, er hätte sich vom Abend eine konkrete Lösung erwartet. Doch die kann auch eine alternative Kommission nicht aus dem Hut zaubern. Das Fazit der Initiatorinnen? „Es ist bei der Diskussion wieder klar geworden: So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben“, sagt Anna Paul.

„Eine breite öffentliche Debatte ist jetzt dringend notwendig, um die geplante bauliche Verdrängung abzuwenden“ – kurz: Es geht um einen Projektstopp. Vielleicht ist die Diskussion nicht zu Ende, sondern überhaupt erst am Anfang. Vielleicht darf sie auch nie enden.

11. März 2023 Der Standard

Werkzeuge zur Weltrettung

Das Architekturzentrum Wien würdigt in einer großen Ausstellung die pakistanische Architektin Yasmeen Lari, die seit Jahrzehnten traditionelle Bautechniken fürs postfossile Zeitalter weiterentwickelt.

Die Zahlen sind kaum vorstellbar: Rund 33 Millionen Menschen wurden durch die Flutkatastrophe des letzten Sommers in Pakistan obdachlos, viermal die Einwohnerzahl Österreichs. Während damals die ersten nationalen und internationalen Hilfsaktionen langsam anliefen, war eine über 80-jährige Frau sofort zur Stelle. Die Architektin Yasmeen Lari gab per täglicher Videobotschaft konkrete Anleitungen an die Bevölkerung, wie sie sich eigenständig Schutzbauten errichten konnte.

Das Video vom Sommer 2022 ist am Anfang der Ausstellung zu sehen, die diese Woche im Architekturzentrum Wien eröffnet wurde. Es ist weltweit die erste über Yasmeen Lari, kuratiert von AzW-Direktorin Angelika Fitz und Elke Krasny, die schon 2019 ihre Schau Critical Care – Architecture and Urbanism for a Broken Planet lokalen Strategien gegen globale Katastrophen gewidmet und den Blick über den Rand des westlichen Kanons hinaus gerichtet hatten. Wie der Untertitel Architektur für die Zukunft schon andeutet, wird hier in einer Parallelmontage die Biografie Laris ebenso erzählt wie die sich ändernden Vorstellungen des Bauens in ein imaginiertes Danach, vom Optimismus bis zum Krisenmodus.

1941 als Tochter einer wohlhabenden Familie geboren, studierte sie in Oxford und gründete nach der Rückkehr ihr eigenes Büro. Für sie selbst sei das, sagt sie, ganz logisch gewesen. Aber eine selbstständige Frau Architektin, das war damals nicht nur in Pakistan, sondern weltweit ungewöhnlich. Ihre ersten Jahre waren geprägt von der Aufbruchsstimmung des jungen, soeben von der britischen Kolonialherrschaft befreiten Staates, und die dazu passende Architektur war modern wie ihr 1973 entworfenes eigenes Wohnhaus in Karatschi, ein luftiges Betongebilde, in dem sie heute noch lebt und arbeitet.

Für Reich und Arm

Doch gleichzeitig entdeckte sie gemeinsam mit ihrem Mann auf vielen Exkursionen die Baugeschichte ihres Heimatlandes neu. Die Erkenntnisse wurden erstmals 1975 in ihrem sozialen Wohnbau in Karatschi realisiert, einem Labyrinth aus Ziegeln und Terrassen, das genau auf die Bedürfnisse seiner Bewohnerinnen reagierte. Bauen für die Reichen und die Armen: Diesen Spagat setzte Lari in den 1980er-Jahren fort, als sie mit prestigeträchtigen Bauten wie der Konzernzentrale von Pakistan State Oil und dem Financial Trade Center zur bekanntesten Architektin des Landes wurde – ein Berufszweig, den sie erst etablieren musste, gegen den Widerstand von Ingenieuren und Bauindustrie. Gleichzeitig engagierte sie sich für den Denkmalschutz und entwickelte erste Selbstbausysteme.

Nach diesen erfolgreichen Jahrzehnten hatte sie genug davon, Auftragnehmerin zu sein, und wandte sich der Theorie und der Forschung zu. So hätte sich eine Architektinnenbiografie mit einem akademischen zweiten Akt schön abrunden lassen, doch dann kam es 2005 in Kaschmir zu einem der verheerendsten Erdbeben in Südostasien. Es signalisierte für Yasmeen Lari eine sofortige Rückkehr zur Praxis, es war die Gelegenheit, all das, was sie über Jahrzehnte gelernt hatte, zum Vorteil vieler Menschen anzuwenden.

Ihr System aus vorgefertigten Bambusbauteilen, die von jedem mit vor Ort vorhandenen Materialien wie Lehm und Stroh selbstständig ergänzt werden konnten, verstand sie als bewusstes Gegenmodell zur schwerfälligen Nothilfearchitektur der internationalen Hilfsorganisationen, die, wie sie sagt, eng mit der Bauindustrie verbunden sind.

Demut statt Ego

„Ich glaube nicht an Geld,“ sagt Lari. „Zu viel Geld ist destruktiv und verhindert das kreative Denken. Mir geht es darum, in die Fähigkeiten der Menschen zu investieren. Baustoffe wie Lehm kann jeder verwenden, zudem sind es Baustoffe, aus denen keine korrupte Schattenwirtschaft entstehen kann.“ Dabei geht es ihr nicht darum, traditionelle Bauweisen zu kopieren, sondern sie für das 21. Jahrhundert zu adaptieren. 2016 gründete sie das Zero Carbon Cultural Centre, ein Forschungs- und Entwicklungslabor für eine klimaschonende Bauwirtschaft und ein Ausbildungszentrum für die Bevölkerung. Eine Weiterbildung, die für die Architektin keine Einbahnstraße ist, wie sie im ΔTANDARD-Gespräch betont. „Ich wurde wie alle Architekten zum Egoismus ausgebildet, aber ich konnte das Ego und die Kontrolle abgeben. Man kann so viel von anderen lernen, vor allem in der Zusammenarbeit mit Frauen.“

Es sei natürlich kein Zufall, dass die Ausstellung am Internationalen Frauentag eröffnet wurde, sagt Angelika Fitz. „Uns geht es um eine Erweiterung der männlich und westlich dominierten Architekturgeschichte, um Dekolonialisierung und Dekarbonisierung.“ Die luftige Ausstellungsarchitektur aus lokalem Holz und Leinen spiegelt mit ihrem geringen CO2 -Fußabdruck diese Haltung wider und bildet einen unaufdringlichen Hintergrund für die Fülle an Material, das hier erstmals gezeigt wird. Den beiden Kuratorinnen, die 2022 eine Recherchereise nach Pakistan unternahmen, hatte die Architektin ihr gesamtes Archiv zur Verfügung gestellt.

Es ist eine Ausstellung, die die Frage, was Architektur ist und kann, wieder von Neuem stellt: Wann ist ein Obdach nur ein Obdach, und wann ist es Architektur? Eben dann, wenn, wie hier, technisches, baukulturelles und klimatisches Wissen, soziale Kompetenz, Organisation und Infrastruktur mit bestmöglicher Wirkungsbreite angewendet werden. „Das Bauen trägt massiv zur Klimakrise bei, aber es kann auch Teil der Lösung werden“, sagt Angelika Fitz. „Auch wir müssen uns fragen, wie eine lokale Bauwende aussehen könnte.“

Der Schlusspunkt der locker chronologisch erzählten Ausstellung ist von absichtlicher Undramatik. Eine Auswahl des von Yasmeen Lari optimierten Grundzubehörs fürs Leben und Überleben. Ein Herd, eine Toilette, fließendes Wasser. Kluge Systeme, schnell und vielfach multiplizierbar. Ein Survival-Kit für das Jahrhundert der beschleunigenden Klimakatastrophen, das Handwerkszeug für eine Architektur des 21. Jahrhunderts, die die eigenen Fehler des 20. Jahrhunderts korrigieren kann und muss. „Wir haben zu viel konsumiert, zu viele Ressourcen verbraucht“, sagt Yasmeen Lari. „Jetzt ist es an uns Architekten, das zu reparieren.“ In Zeiten, da eine 180-Kilometer-Stadt in der saudi-arabischen Wüste mit einer machohaft auftrumpfenden Architektur der Verschwendung ernsthaft als Idee für die Zukunft diskutiert wird, weist Laris schwarmintelligente Zero-Carbon-Ideenfabrik den Weg zur postfossilen Hoffnung.

[ Yasmeen Lari Architektur für die Zukunft, Architekturzentrum Wien, bis 16. August 2023; der Katalog zur Ausstellung in englischer Sprache ist bei MIT Press erschienen ]

18. Februar 2023 Der Standard

Der Trost der Mosaike

Seit fünf Jahren präsentiert Dmytro Soloviov auf seinem Instagram-Account die Bauten des Sozialismus in seiner ukrainischen Heimat. Doch seit der russischen Invasion ist diese Architektur zwischen neue politische Fronten geraten.

Sein architektonisches Erweckungserlebnis, sagt Dmytro Soloviov, fand nicht in seiner ukrainischen Heimat statt, sondern in Polen. Im Jahr 2014 stand der junge Philologe vor dem stalinistischen Kulturpalast in Warschau und sagte: Wow! Es war der Start einer Entdeckungsreise, die ihn quer durch alle Baustile von Frankreich, Portugal und Lettland über Russland und zurück führte. 2017 zog er nach Kiew und legte sich fest: Die Moderne mochte er am liebsten, und er würde ihre Bauten in der Ukraine dokumentieren. Ein Jahr später startete er den Instagram-Account @ukrainianmodernism .

Heute hat er 94.000 Follower, mehr als die Hälfte davon international, und zeigt auf über 660 Postings die ganze Bandbreite des architektonischen Schaffens von den 1960er- bis in die frühen 1990er-Jahre. Ein prachtvolles Panorama tut sich auf: bunte, riesige Wandmosaike, mal abstrakt, mal mit Arbeiter-und-Bauern-Motiven. Die mondän-schwungvolle Urlaubsarchitektur der Sanatorien auf der Krim. Die Schindeldächer der regional-ländlichen Variante der Moderne in den westukrainischen Karpaten. Die rotgoldenen Kurvenschwünge der Metrostationen von Charkiw. Das popbunte Interieur des in den 1980er-Jahren renovierten Kinos der Jugend in Kiew. Die erstaunlich vielen spielerischen Details der als monotone Plattenbauten geschmähten Großsiedlungen. Die vielen Bildungsbauten wie die ikonische und inzwischen denkmalgeschützte Ufo-Schüssel des Technischen Instituts in Kiew, die Architekt Florian Juriew 1971 keck auf einem Flachdach balancierte.

Geometrische Schönheit

Soloviov ist nicht der Einzige, der die sozialistische Architektur der Nachkriegszeit zelebriert. Mehrere lokale Varianten dessen existieren in den sozialen Medien, das New Yorker MoMA widmete 2018 eine ganze Ausstellung den Beton-Utopien Jugoslawiens, das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt rief 2017 „SOS Brutalismus“, und das Architekturzentrum Wien feierte bereits 2012 in einer seiner meistbesuchten Ausstellungen die Sowjetmoderne. Die AzW-Online-Datenbank wurde für Soloviov eine wichtige Recherchegrundlage – ein Kulturtransfer retour über Bande.

Was fasziniert den 1990 Geborenen ausgerechnet an dieser Ära, die er selbst nur aus Erzählungen kennt? „Es ist schwieriger, mit reiner Geometrie Schönheit zu erzeugen anstatt mit exzessiven Ornamenten, daher bewundere ich die Leistung jener Architekten um so mehr“, sagt er. Seine Botschaft: Die Bauten des Sozialismus stammten nicht von anonymen Kollektiven, sondern von Individuen, die ihr Bestes gaben. Seine Methode: Anders als viele Brutalismus-affine Accounts fotografiert er seine Objekte nicht in düsterem Schwarz-Weiß, sondern lässt Farbe und Licht spielen.

Das freudige Suchen nach den Schätzen dieser Architektur und die Führungen, die Dmytro Soloviov organisiert, hätten noch lange so weitergehen können, doch dann kam der 24. Februar 2022. Auch auf Instagram wird der Bruch sichtbar: Bilder mit Rauch und Ruinen prägten @ukrainianmodernism in den ersten Monaten des Angriffskriegs. „Am Anfang wollte ich zeigen, was hier in der Ukraine passiert“, erzählt Soloviov im Gespräch per Zoom. Der ΔTANDARD erreicht ihn beim Familienbesuch in seiner Heimatstadt Saporischschja, nach einer Nacht unter Bombenalarm, die akute Erschöpfung mischt sich in seinen ungebrochenen Enthusiasmus.

Nach dem ersten Schock im Frühjahr 2022 wurden die Bilder, die er postete, zunehmend wieder bunter: „Ich wollte nicht auf Dauer zum Kriegsreporter werden, das können andere besser.“ Bald begann er wieder mit Führungen vor Ort, seine internationalen Follower konnten ihn auf mehrstündigen Exkursionen per Zoom begleiten. Heute fokussiert er sich wieder auf Begehungen für Einheimische. „Für viele ist das eine Art Stresstherapie. Sie können sich mit Architektur vom Alltag des Krieges ablenken, sich mit anderen treffen.“ Sie finden Trost im farbenfrohen Optimismus der Mosaike und Freude an futuristischen Formen.

Dramatischer Kontext

Nicht nur die Vermittlung sozialistischer Architektur geriet durch den Krieg in einen dramatischen neuen Kontext, auch die öffentliche Meinung über sie wurde erneut politisiert. „Vor dem Krieg galt es einfach als sowjetische Architektur, die durch ihre Geschichte stigmatisiert war und oft den Interessen von Investoren zum Opfer fiel“, sagt Soloviov. Doch seit Kriegsbeginn sei alles noch schlimmer geworden. Jetzt gelte alles Sowjetische als russisch, und das gefährde diese Bauten noch mehr. „Dabei merken die Leute nicht, dass sie damit Putin in die Hände spielen, der Russland als legitimes Erbe der Sowjetunion propagiert. Sie vergessen, dass die moderne Architektur ein internationales Phänomen war und die meisten der Bauten von ukrainischen Architektinnen und Architekten entworfen wurden.“ So gerät das bauliche Zubehör des zivilen Alltags im Kalten Krieg, all die Wohnsiedlungen, Schulen, Kinos und Denkmäler, heute zwischen die Fronten eines neuen, heißen Krieges.

So erzählt die scheinbar harmlose Sammlung schön anzuschauender Fotos von 50 Jahre alter Architektur auf Instagram einiges über Gegenwart und Zukunft. Denn wie auch immer der Krieg endet, der Wiederaufbau ist bereits jetzt ein Thema, und globale Architekten wie Norman Foster kreisen schon so gönnerhaft wie geierhaft über den Ruinen und bieten ihre Dienste an. Dabei hat die Ukraine auch heute ausreichend eigene talentierte Architektinnen und Architekten.

„Ich brauche keine eingeflogenen Stars, ich will nicht, dass die Ukraine zu einem Dubai mit gesichtslosen Hochhäusern wird“, sagt auch Soloviov. Vor allem will er dagegen kämpfen, dass seine Landsleute ihr eigenes Erbe zerstören. „Wenn wir alle Spuren des 20. Jahrhunderts beseitigen, was werden zukünftige Generationen denken? Dass wir in jener Zeit gar nichts getan haben?“ So wird er weiter mit friedlichem Enthusiasmus dazu einladen, zu schauen, zu berühren und zu erleben und die Nuancen zu entdecken. Die nächste Tour ist schon angekündigt. Treffpunkt: Lwiw.

28. Januar 2023 Der Standard

SOS Gründerzeit, Teil 2

Nicht nur in Wien wird über den Abbruch historischer Bausubstanz debattiert. Auch in anderen Städten und auf dem Land fällt sie oft der Baggerschaufel der Partikularinteressen zum Opfer.

Architekt Gunter Breckner hat in diesen Tagen eine Art Déjà-vu. Das Gebäude, das, wie er sagt, „wie ein Kind für mich ist“, braucht wieder seine Hilfe. Beim ersten Mal, in den 1980er-Jahren, ging es darum, das Haus überhaupt zu retten, es war vergessen, durch Aufbauten entstellt, stand leer, sein Interieur geplündert.

Es ist eine der Ikonen österreichischer Architekturgeschichte: das ehemalige Sanatorium in Purkersdorf im Wienerwald von Josef Hoffmann aus dem Jahr 1906, ein kubisch-kühles Bauwerk an der Schnittstelle der Eleganz des 19. und der Rationalität des 20. Jahrhunderts. Der Harvard-Architekturhistoriker Eduard Sekler schrieb 1986, das Sanatorium stehe „gleichwertig neben den besten zeitgenössischen Architekturschöpfungen“ und sei zu Recht international als Meisterwerk anerkannt.

Als Sekler dies schrieb, war das Sanatorium in desolatem Zustand, nicht zuletzt dank des Engagements von Gunter Breckner wurde es gerettet, in den 1990er-Jahren restauriert und steht unter Denkmalschutz. Warum ist 2023 wieder eine Rettungsaktion nötig? Nicht weil hier Abbruchbagger drohen, sondern weil die Gemeinde zwischen Sanatorium und Straße einen Kindergarten bauen will. Dieser sei wichtiger als die Sichtachse durch den Sanatoriumspark, der ja sowieso nicht öffentlich sei.

Das sehen nicht alle so. Auch der Garten gehöre zum Denkmalschutz, betont Markus Landerer von der Initiative Denkmalschutz, die gemeinsam mit der Aktionsgruppe Bauten in Not und der Zentralvereinigung der Architekten in Purkersdorf Protest eingelegt hat. „Es ist das übliche Spiel der Politik. Nutzungen für den „guten Zweck“ werden für geplante Verbauungen in sensiblen Natur- und Kulturräumen als Argument vorgeschoben, im Wissen, dass man deren Verbauung anders schwer begründen kann.“

Asphalt statt Park

Wie es aussieht, wenn man einem bauhistorischen Einzelstück mit der Sensibilität eines Sumoringers naherückt, lässt sich ein paar Wienerwaldkilometer weiter nachprüfen: 2012 erwarb die Gemeinde Pressbaum die Theophil-Hansen-Villa, erbaut vom Architekten des Parlaments, inklusive Park. Die Nutzung gestaltete sich schwierig, bis man auf die Universalfüllmasse des Wohnbaus zurückgriff: Im Juni 2022 wurden 48 geförderte Wohnungen übergeben, die sich unmittelbar hinter die kleine Villa drängen. Da zwei Stellplätze pro Wohnung vorgeschrieben sind, verwandelte sich der Park in ein Meer aus Asphalt. Drive-in-Wohnen, mit einer Villa als bezugslosem Pförtnerhäuschen.

Um diesen traurigen Zustand herzustellen, brauchte es gar keinen bösen Willen, denn oft steckt eigentlich gut Gemeintes hinter schlechten Ergebnissen. Die Wohnbauförderung in Niederösterreich begünstigt das Bauen im Ortskern – an sich eine gute Sache, denn so wird Zersiedelung am Rand vermieden. Nachteil ist, dass alte Wohn- und Wirtshäuser, die früher das Leben im Ortskern ausmachten, oft diesen Sachzwängen weichen müssen.

So drehen sich die gewohnten Rädchen bewährter Abläufe, die auf heute fragwürdig erscheinenden Wertvorstellungen beruhen. Für Reparatur statt Neubau, Mikroklima statt Hitzeinseln, Sonderlösungen statt Standardware ist wenig Platz und noch weniger Geld. Doch so werden Realitäten geschaffen, die Jahrzehnte bleiben, und Teile der gebauten und gewachsenen Umwelt zerstört, die nicht wiederkommen.

Keine Schutzzonen

Diskussionen gab es auch in St. Pölten, wo das nicht denkmalgeschützte Alte Presshaus mit seiner Sgraffitofassade 2018 abgebrochen und mit Maximale-Kubatur-hineinstopf-Architektur ersetzt wurde. Eine Schutzzone, die auch bei fehlendem Denkmalschutz die Abbruchlust hätte bremsen können, gab es damals ebenso wenig wie bei der 1899 erbauten Hüfner-Villa beim Bahnhof Grieskirchen. Diese ist seit dem 15. Mai 2022 Geschichte – „schweren Herzens“, so der Geschäftsführer der Firma Lagerhaus, die das Haus erworben hatte.

Gründerzeitvillen und Ikonen: Sind die Klagen über die Abrisse nur Zeichen einer feudalen Nostalgie oder Konfliktzone für Denkmalpflegenerds? Das greift zu kurz, denn auch wenn nicht jedes Einfamilienhaus eines k. u. k. Fabrikanten kunsthistorisches Gold ist, gilt heute der sorglose Abriss an sich schon als Problem, allein aufgrund der Klimabilanz. Wurde früher die Behauptung, etwas sei baufällig, abbruchreif oder „in die Jahre gekommen“, brav abgenickt, kommt man heute nicht mehr so einfach damit durch.

Zerstörte Arbeitersiedlung

Nicht nur das, auch um historische Bauten für die Arbeiterklasse wird gekämpft. In Villach formierte sich eine engagierte Initiativgruppe für den Erhalt der Kanaltalersiedlung aus den 1940er-Jahren, nachdem sie 2015 aus der Zeitung erfahren hatte, dass die Landeswohnbau Kärnten (LWBK) den Komplettabriss plante. Die Gruppe erarbeitete ein alternatives Sanierungsprojekt und erstellte einen Leitfaden „Quartier & Wir“, der nachvollziehbar argumentierte, dass eine Sanierung eine bessere Ökobilanz hat als Abriss und Neubau. Doch für den Anlassfall selbst war es ein Optimismus mit Ablaufdatum. In diesem Winter fräsen sich die Bagger durch die Siedlung, die LBWK-Neubauten werden als „Reconstructing“-Projekt tituliert. Das kann man ohne viel Mühe als Zynismus lesen.

In Linz wird seit vielen Jahren um die von 1927 bis 1931 erbaute Hafenarbeiter-Siedlung an der Sintstraße gerungen, 2020 wurde das Areal mit seinen denkmalgeschützten 18 Kleinhäusern vom stadteigenen Wohnbauträger GWG an die private Strabag verkauft. „Kein Ideenwettbewerb, keine städtebauliche Ambition, kein Wille, aus dieser Perle ein Vorzeigeprojekt mit leistbarem Wohnen für junge Familien zu machen“, sagt Lorenz Potocnik, Stadtentwickler und Kommunalpolitiker der Bürgerliste Linzplus, und fürchtet einen Teilabriss des Gartenstadtensembles.

Alles Einzelfälle oder Zeichen einer beschädigten Baukultur? Sensibler ist der Umgang mit Altbauten nicht geworden, sagt Architekt Ernst Beneder, Mitglied in vielen Gestaltungsbeiräten, derzeit in Salzburg und St. Pölten. „Abbrüche geschehen auch dort, wo es bis vor kurzem niemand vermutet hätte. Es trifft die Altstädte im Kern genauso wie deren Passepartout, die Zonen unscheinbarer baulicher Substanz, die allerdings erst dem Stadtbild seinen Rahmen, also den topografischen und sozialen Kontext, geben. Und es geschieht merkbar häufiger.“

„Der schmerzlichste Verlust ist dabei nicht die Bildwirkung, sondern die identitätsstiftende räumliche Komplexität, im Inneren und in der stadträumlich wirksamen Stellung der Häuser zueinander. Der Ersatz durch spekulative Neubauten bietet diesen vielfach nicht.“

14. Januar 2023 Der Standard

Kein Solostück

Der Kärntner Günther Domenig galt als störrischer Rebell der Architektur. Eine Ausstellung korrigiert jetzt das Klischee des einsamen Genies und erzählt sein Leben über die Biografien seiner Weggefährten neu.

Das Bild des einsamen, vorzugsweise männlichen Genies will und will nicht aus unseren Vorstellungen über Architektur verschwinden. Erst recht nicht, wenn jene sich besonders künstlerisch aufführt, und erst recht nicht im patriarchalen Österreich. Der 1934 in Kärnten geborene und 2012 verstorbene Günther Domenig bot dafür die perfekte Projektionsfläche. Störrisch, widerborstig, cholerisch und schwärmerisch die Person, expressiv in den Raum schießend und organisch zerfließend die Architektur. Und Herr Professor war er auch noch.

„Dimensional – von Gebäuden und Gebilden“, der große Reigen an Events, der im letzten Jahr in Kärnten anlässlich des zehnten Todestags des Architekten stattfand, kratzte nicht an diesem Heiligenbild, sondern verstärkte es nur noch mehr. Mit Literatur und Tanz im Begleitprogramm wurde Architektur als Kunst interpretiert, entsprungen aus einem singulären Gehirn. Es erstaunte dennoch, dass trotz des astronomischen Ausstellungsbudgets von rund einer Million Euro vieles fehlte, nämlich das Umfeld des Meisters. All die Mitarbeiterinnen, Partner, Auftraggeber, Ideengeberinnen und Ideenumsetzer, die es in der Architektur nun eben gibt, und die so oft ausgeblendet werden, weil sich Heldengeschichten besser erzählen lassen. Doch jetzt gibt es eine zweite Ausstellung, auf neutralem Boden zwischen Wien und Graz, nämlich im Kunsthaus Mürz, die beweist, wie packend man die Lebens- und Schaffensgeschichte eines Mannes erzählen kann, wenn man über alle anderen redet außer über ihn selbst. „Das Wort Wir existierte in Günther Domenigs Sprachgebrauch nicht“, sagt Michael Zinganel, der die Idee zu dieser Gegenausstellung zu den Domenig-Festspielen hatte und sie folgerichtig Wir Günther Domenig nannte. Da weiß man sofort: Hier wird eine Selbstmythologisierung dekonstruiert.

Zinganel, selbst eine Zeitlang Mitarbeiter im Büro Domenigs, konnte einfach nicht anders, sagte er. Einige Weggefährten des Architekten, die für die große Domenig-Schau in Kärnten nicht oder zu spät angefragt wurden, hätten sich an ihn gewandt. Sie waren an der richtigen Adresse, denn Zinganel ist nicht nur ein profunder Kenner von allem, was hinter den Kulissen österreichischer Architektur passiert, sondern auch ein großer Geschichtenerzähler.

Mythos Domenig

Geschichten gibt es wahrlich genug, wenn man die Biografie Domenigs in dutzende parallele Einzelbiografien auffächert. Da wären natürlich die offiziellen Partner Eilfried Huth, Hermann Eisenköck und Gerhard Wallner, mit denen Domenig im Laufe der Jahrzehnte seine Büros führte. Da wären Generationen von Architektinnen, die in seinem Büro oder am Institut der TU Graz, das er von 1980 bis 2000 leitete, mitarbeiteten.

Da wären die Auftraggeber, die ihm wohlgesonnen waren, obwohl er sich als von ihnen unverstanden und unterdrückt inszenierte. Da wären die Politiker, die ihn mal förderten, mal vor dem Konkurs retteten, und die Kulturindustrie, die den Mythos Domenig begeistert verstärkte.

Domenigs Karriere entstand nicht aus dem Nichts, sie wurde von gütigen Geistern begleitet. Den Grundstein legte die Beton-Symphonie der Pfarrkirche in Oberwart (1969, gemeinsam mit Eilfried Huth), die von den brutalistischen Gotteshäusern des Schweizer Architekten Walter Förderer inspiriert war und, ebenso wie das organische Walgerippe des Mehrzwecksaals der Grazer Schulschwestern (1977), ermöglicht wurde durch aufgeschlossene Vertreter einer vom Zweiten Vatikanischen Konzil befreiten Kirche.

Nicht nur bei der Kirche, auch bei der Politik profitierte Domenig von der Ära einer Aufbruchsstimmung. „Hätte der damalige Landeshauptmann Josef Krainer nicht den progressiven Wolf-Dieter Dreibholz in die Bauabteilung des Landes geholt, hätte es das Modell Steiermark nicht gegeben, keine Offensive in den Bildungsbauten des Bundes, keine Professionalisierung des Wettbewerbswesens, kein HDA (Haus der Architektur)“, sagt Zinganel. „Die Karriere Günther Domenigs hätte sich ganz anders entwickelt.“

Kultureller Olymp

Als Turbobeschleunigung des Domenig-Ruhms, so Zinganel, fungierte schließlich die Ausstellung im Wiener Mak 1987, die sich allein dem weit von der Fertigstellung entfernten Steinhaus widmete, ermöglicht vom damaligen Mak-Direktor Peter Noever, dem das Zelebrieren virilen Künstler-Draufgängertums nicht gerade fremd ist. Eine Ausstellung über ein einziges, nicht einmal fertiges Haus, die eine heute kaum denkbare Medienresonanz in Funk und Fernsehen hervorrief.

Domenig war somit in den kulturellen Olymp des Landes aufgenommen worden. Eine wichtige Rolle übernahm dabei die ORF-Journalistin Krista Fleischmann, die den rhetorisch unberechenbaren und eher instinktiven als intellektuellen Domenig zähmte und ihm kohärente Interviewaussagen entlockte, die für die Wiener Gesellschaft akzeptabel waren.

Die vielfach verästelten und sich überschneidenden Einzelbiografien kommen mal im O-Ton zu Wort, mal werden sie in knappen, aber aussagekräftigen Worten umrissen. Manche, wie etwa Volker Giencke, wurden später selbst Professoren, für andere endete der gemeinsame Weg abrupt und im Streit. Mit ihnen überwarf sich der zänkische Architekt, mal wollte er Mitarbeiter aus Trotz nicht bezahlen, mal ihre kreative Beteiligung nicht anerkennen.

So erzählt die mit einer Fülle an Plänen, Fotografien, Zeichnungen und Modellen angereicherte und trotzdem übersichtliche Ausstellung ein episches Stück kärntnerisch-steirisch-österreichischer Kulturgeschichte. Eine Reise durch das Sonnensystem des Wir, die das große Ich in seiner Mitte immer nur touchiert, dabei aber trotz aller Ego-Korrektur ausgesprochen fair bleibt und jede posthume Abrechnung vermeidet.

Schließlich, so Zinganel, ginge es ihm nicht darum, ein Idol vom Sockel zu stoßen, sondern um die Darstellung der Prozesse, die Architektur möglich machen. Am Schluss ist man um vieles klüger, und wenn man das Wir subtrahiert, bleibt immer noch reichlich Domenig übrig.

Eine unterhaltsame und dringend notwendige Korrektur, die man sich am liebsten gleich auch für viele andere mit dem furchtbaren Begriff „Stararchitekt“ gebrandmarkte Personen wünscht.

17. Dezember 2022 Der Standard

Nichts wegwerfen!

Sie haben soeben eine riesige Eishockeyhalle gebaut, aber eigentlich wollen Adam Caruso und Peter St John keine Neubauten, sondern nur noch Umbauten machen. Ein Besuch bei den Pionieren des Adaptierens in Zürich.

An der Wand hängt das gerahmte Bild einer fein handgezeichneten Fassade. Auf dem Boden davor liegen ein blauer Gymnastikball und ein Sprungseil. Hinter der Tür links türmen sich große Architekturmodelle, hinter der Tür rechts sind Umkleidekabinen in Punschkrapferl-Rosa zu sehen. Gegenüber: ein großer Raum, der wie die Bauhaus-Variante eines Flashdance -Aerobic-Videos aussieht. Breite Glasfront, großer Spiegel, ein abstraktes Arrangement aus Edelstahlstangen. Hinter der Spiegelwand: der Arbeitsalltag des Büros Caruso St John Architects.

Nein, das, was hier auf einer Büroetage in Zürich zusammenkommt, ist nicht die veredelte Version der Tischfußball-Tischtennis-Grundausstattung angestrengt kumpelhafter Start-up-Firmen, sondern das kreative Ergebnis eines kontrollierten Downsizings. Caruso St John Architects, 1990 in London gegründet, haben ihre 2010 gegründete Schweizer Filiale halbiert, und es geht ihnen dabei sehr gut.

Bekannt geworden sind Adam Caruso und Peter St John mit zwei feinen Galeriebauten im London der 1990er-Jahre, bevor sie mit Bauten wie der Zürcher Europaallee und der Bremer Landesbank in großem Maßstab auftraten. Ihre Bauten sind weder vom Hochglanz des absolut Neuen überstrahlt noch nostalgisch verklärend, sie erschließen sich erst nach längerem Hinschauen. Einen besonderen Ruf haben sich Caruso St John im Umgang mit historischer Bausubstanz erarbeitet, vom Londoner Sir John Soane’s Museum bis zu einer barocken Klosterkirche in St. Gallen.

Eishockey-Palast

Im Herbst 2022 haben sie eines ihrer größten Projekte eröffnet: die Swiss Life Arena, Heimat des Zürcher Eishockeyvereins ZSC Lions. 33 Meter hoch und mit 12.00 Sitzplätzen sitzt sie breit und ausladend zwischen Bahnstrecke, Kleingärten, Abfallverwertung und Bürocampus im Limmattal. Sie sieht nicht aus, wie man sich eine Eishockey-Arena vorstellt. Keine wuchtige Stahlhalle, sondern ein rätselhafter Palast aus weißem Sichtbeton, der sich weich wie ein Vorhang um runde Bullaugenfenster faltet. Man assoziiert die feierliche Wucht Londoner Art-déco-Kinos der 1920er-Jahre, doch inspiriert wurden Caruso St John unter anderem von Nomadenzelten in der arabischen Wüste. Im hochdotierten Wettbewerb für die Arena hatten sie Stars wie David Chipperfield und Bjarke Ingels ausgestochen. Ein Karrieresprung in die globale Kongresszentrum-in-Baku-Liga also? Nein.

„Eigentlich wollen wir gar keine Neubauten mehr machen“, sagte der gebürtige Kanadier Adam Caruso, als er im November die voluminöse, in senffarbenes Leinen gebundene Monografie präsentierte, die das Werk der ersten 15 Jahre Caruso St John versammelt. Die Präsentation des Buchs fand passenderweise auch nicht vor dem Zürcher Geldadel in der VIP-Lounge der Swiss Life Arena statt, sondern auf einem Sofa in einer kleinen Hinterhofwerkstatt im Viertel Wiedikon, umringt von junger Kunst-Crowd. Dem unscheinbaren Hinterhaus an der Erikastraße haben Caruso St John soeben einen kecken silbernen Dachgupf aufgesetzt, die Räume darunter aufs Minimalste umgebaut, die Werkstatt blieb fast unberührt.

Fast fühlte man sich in das London von 1990 transportiert, als Caruso St John im Umfeld der Young British Artists wie Damien Hirst ihre Karriere starteten, in einer vom Thatcherismus verwüsteten Stadt, die reichlich leerstehende Fabrikhallen bot. „Die jungen Künstler haben uns ihren Blick auf die Stadt beigebracht“, erinnert sich Caruso. „Wir lernten von ihnen, das Schöne im Zerfall zu sehen und aus den Materialien und Resten etwas Neues, Wertvolles zu machen.“

Dem sind die beiden bis heute treu geblieben. Keine scheinbar geniale, aus dem Nichts inspirierte Serviettenskizzenarchitektur, sondern ein Arbeiten mit dem, was man vorfindet. Eine Haltung, die heute aktueller denn je ist, vor allem aus ökologischen Gründen. Am 19. September forderten deutsche Architekten in einem offenen Brief an Bundesbauministerin Klara Geywitz ein Abrissmoratorium. Die Bauwirtschaft ist für rund 40 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich, und das, so der dringende Appell, könne so nicht weitergehen.

Kultur und Klima

Für Adam Caruso ist die Frage „Kultur oder Klima?“ kein Entweder-oder. „Wenn der Abbruch eines Hauses so viel kosten würde, wie er die Umwelt wirklich kostet, würde kein Investor mehr abreißen. Aber das Technische ist nie ein Hindernis für das Formale und Gestalterische.“ Doch auch Caruso St John haben sich immer mehr einer Art Abrissmoratorium angenähert, sagt er. „Noch vor drei oder vier Jahren hätte ich beim Umbau eines bestehenden Gebäudes gesagt: Diese oder jene Bauteile sind nicht so gut, die werfen wir weg. Heute denke ich: Ich will überhaupt nichts mehr wegwerfen. Ich mag die Herausforderung, in jedem Ding einen Wert zu sehen. Das ist auch unsere Verantwortung als Architekten, denn wir legen diesen Wert fest.“

Das funktioniert auch im großen Maßstab: In Brüssel adaptieren Caruso St John derzeit gemeinsam mit Bovenbouw Architectuur den ehemaligen Firmensitz der Versicherung Royale Belge aus dem Jahr 1970, ein Gebirge aus Spiegelglas und Beton, das noch vor wenigen Jahren wohl jeder Investor gesprengt hätte, nicht zuletzt aufgrund der schlechten Energiebilanz von 70er-Jahre-Fassaden. Doch die lässt sich auch ohne Abriss reparieren.

Kein Wunder, dass Caruso, der seit 2011 als Professor an der ETH Zürich lehrt, diesen Wertewandel auch an die nächste Generation weitergibt. Während woanders noch der große Entwurf auf dem leeren weißen Papier gelehrt wird, bekommen Carusos ETH-Studierende schon seit Jahren nur noch Umbauten als Hausaufgabe. Das funktioniert sehr gut, sagt er. „Bei Ihnen in Wien wird der Umbau fast gar nicht gelehrt. Das finde ich unglaublich in einer Stadt, wo so viele großartige Bauten der Architekturgeschichte im Grunde Umbauten sind.“ Wie sagte schon Hermann Czech vor 50 Jahren: „Alles ist Umbau“. Heute mehr denn je.

Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung der Architekten.

10. Dezember 2022 mit Wojciech Czaja
Der Standard

„Alles ist so ernst geworden“

Am 13. Dezember feiert Wolf Prix seinen 80. Geburtstag. Dem ΔTANDARDerzählt er, wofür er heute brennt, warum er es für blödsinnig hält, die Bauwirtschaft als CO2 -Sünderin hinzustellen, und wie es ist, für Autokraten zu bauen.

STANDARD: In Ihren jungen Jahren haben Sie gesagt: „Architektur muss brennen.“ Muss sie das, wenn man 80 ist, immer noch?

Prix: Freilich! Die meisten glauben, dass wir wirklich Feuer legen wollen, aber das wollen wir natürlich nicht. Im übertragenen Sinne muss Architektur aber auf jeden Fall Emotionen erzeugen.

STANDARD: Was wurde aus den „jungen Wilden“, wie Sie sich damals genannt haben? Wird man zu einem alten Wilden? Oder doch zu einem jungen Gemäßigten?

Prix: Heute bin ich gelassener. Ich ärgere mich nicht mehr über unsere Fehler und die Fehler der anderen, sondern ich ärgere mich gar nicht mehr, ich lache gerne. Allerdings wurde früher mehr gelacht, die Architekten waren lustiger und frecher, die Medien waren provokant, die Gesellschaft war offener. In den letzten Jahren ist alles ernst geworden, man versteht keinen Spaß mehr. Vielleicht liegt das auch an den Architektenverträgen, die immer dicker und umfangreicher werden.

STANDARD: Die Rolling Stones galten früher als Rebellen, heute füllen sie Stadien für die ganze Familie. Auch Sie waren ein frecher Rebell, heute bauen Sie für Zentralbanken und Regierungen. Sehen Sie hier Parallelen?

Prix: Kann sein, dass es hier tatsächlich Parallelen gibt. Auch die Karriere eines bauenden Architekten wandelt sich mit der Zeit. Stellen Sie sich vor, ich würde heute das Gleiche planen wie 1968, als wir mit unseren Gedankenräumen eine neue Lebensweise wecken wollten. Das ist heute unvorstellbar! Beim Bauen und Realisieren und mit dem Älterwerden geht man mit der Kraft ökonomischer um. Um diese Erfahrung kommt man nicht herum.

STANDARD: Gemeinsam mit Ihren Zeitgenossen – mit Zünd-Up, Missing Link und Haus-Rucker-Co – haben Sie in den 1960er-Jahren an der Verbesserung der Welt gearbeitet. Was wurde aus den damaligen Visionen?

Prix: Ich sage gerne, dass wir verloren haben. Die Idee der optimistischen Gedankengebäude war nicht durchsetzbar. Der Unterschied ist nur, dass wir damals das zukünftige Leben völlig neu definiert haben! Heute ist die Lebensqualität einer Stadt nichts anderes als ein neues Biedermeier: Rückzug in die Ego-Privatheit, Rückzug aus dem öffentlichen Raum, Rückzug in die Gemütlichkeit, auf dem grünen Balkon im Liegestuhl sitzend, mit einer Flasche Bier in der Hand, die romantische Scheinrealität einer grünen Stadt. Wo sind die zukünftigen innovativen Lebenskonzepte?

STANDARD: Heute reden wir über Ressourcenschonung. Die Bauwirtschaft steht als CO2 -Sünderin am Pranger.

Prix: Oje, schon wieder diese blödsinnige Feststellung.

STANDARD: Wissen Sie, wo der Stahl für Ihre Museen und Konferenzzentren herkommt?

Prix: Nein, das weiß ich nicht. Muss ich auch nicht. Aber ich mag diese Diskussionen nicht. Denn wenn wir von Materialverschwendung sprechen, dann müssen wir schon die Architekturindustrie mit der Waffenindustrie vergleichen. Wir bauen Waffen aus Unmengen von Stahl, die nur einen einzigen Zweck haben: Zerstörung. Und wir bauen Kampfflugzeuge, wovon eines so viel kostet wie das Musée des Confluences in Lyon, und nach spätestens fünf Jahren wird es abgeschossen. Das müssen wir vergleichen! Vergleichen wir doch den CO2 -Ausstoß des Kriegs in der Ukraine mit dem CO2 -Ausstoß von unseren Kulturbauten auf der Krim. Darüber müssten wir sprechen!

STANDARD: Ihre größten und wichtigsten Projekte haben Sie stets im Ausland realisiert, zuletzt vor allem in China. Aktuell bauen Sie in Russland und auf der Halbinsel Krim. 1998 haben Sie in einer Rede in Wien gesagt: „Autoritäre Systeme vertragen keinen Ungehorsam.“ Wie verträgt sich das?

Prix: Es kommt nicht darauf an, für wen oder wo wir bauen, sondern was wir bauen. Was Russland betrifft, so habe ich alles Relevante schon im Spiegel -Interview gesagt. Außerdem sind wir jetzt von der EU sowieso sanktioniert. Wir dürfen nicht mehr für Russland arbeiten – ein demokratisches Arbeitsverbot. Alle Aufträge, die wir in Arbeit haben, Hochhäuser, Theater, Schulen und Kulturzentren, können wir wegwerfen. Toll!

STANDARD: Auf der Krim nach 2014 zu bauen dient der Legitimierung einer völkerrechtswidrigen Annexion. Sehen Sie das anders?

Prix: Wir hatten auf der Krim nie ein Arbeitsverbot, denn Kulturbauten waren von den Sanktionen ausgenommen. Aber ja, nun müssen wir auch dieses Projekt stoppen. Ein Freund von mir hatte auf der Krim eine Fabrik für Maschinenteile und wurde ebenfalls sanktioniert. Wer, glauben Sie, hat diese Lieferungen übernommen? Ein Amerikaner! Also hören Sie mir auf mit den moralischen und angeblich politischen Darstellungen ...

STANDARD: Die meisten und größten Ihrer Aufträge kommen von autokratischen Regimen. Was macht das mit Ihnen?

Prix: Gar nix. Gegenargument: Ich habe Sympathie für eine Gesellschaft, demokratisch oder autokratisch, die sich erlaubt, auf einen Schlag in sieben Städten Kulturzentren zu bauen. Bei uns heißt es nur: Brauchen wir nicht! Es wird gerne vergessen, dass auch ein François Mitterrand autokratisch entschieden und zahlreiche Großprojekte beauftragt hat. Und ganz ehrlich: Es macht keinen Unterschied, ob man für Autokraten oder für Turbokapitalisten baut. Für Autokraten ist es sogar etwas angenehmer, weil sie nicht jeden Cent berechnet haben wollen, um zu wissen, wie viel sie mit einem Projekt verdienen.

STANDARD: Welche Auswirkungen haben die Russland-Sanktionen auf Ihr Büro?

Prix: Wir arbeiten nun für einen anderen Autokraten und sitzen mit all jenen, die gesagt haben, dass sie für Russland nicht mehr arbeiten wollen, Schulter an Schulter in Saudi-Arabien. Dort planen wir alle an der 170 Kilometer langen Linearstadt Neom. Das ist eine der radikalsten Stadtplanungsideen, eine Mischung aus Le Corbusier und Superstudio.

STANDARD: Im Rückblick auf mehr als 50 Jahre Schaffen: Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?

Prix: Auf drei Dinge: auf den Dachbodenausbau in der Wiener Falkestraße, auf das Musée des Confluences in Lyon und auf das Mocape-Museum in Shenzhen, weil ich bei diesem Projekt Piranesi am nächsten gekommen bin.

STANDARD: Am 13. Dezember werden Sie 80. Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

Prix: Weiß ich nicht. Das ist ein Tag wie jeder andere. Das ganze Drumherum ist mir völlig egal. Aber ich weiß, dass ich nicht noch weitere 80 Jahre vor mir habe. Und dass ich gewisse Dinge nicht mehr erleben werde, von denen ich als junger Architekt dachte, ich würde sie noch erleben. Zum Beispiel die Projekte in Russland. Oder dass ich noch lerne, Keith Richards Riff in Gimme Shelter spielen zu können.

STANDARD: Gibt es einen Wunsch für die Zukunft?

Prix: Ich habe immer noch den Wunsch, dass wir die großen Probleme der Welt mit Wissen und Optimismus lösen können – und dabei nicht vergessen zu lachen.

STANDARD: Wofür brennt Wolf Prix heute?

Prix: Für die Möglichkeit, Architektur zu bauen, die beweist, dass wir mit manchen Aussagen recht gehabt haben könnten. Und trotzdem: Jeder hat recht, aber nichts ist richtig.

Wolf Dieter Prix, geboren am 13. Dezember 1942 in Wien, gründete 1968 mit Helmut Swiczinsky und Michael Holzer das Büro Coop Himmelb(l)au, das er seit 2001 allein leitet. Er zählt zu den wichtigsten Vertretern des Dekonstruktivismus.

19. November 2022 Der Standard

Weltstadt oder Wienerwald?

Der Neue Markt in Wien ist wiedereröffnet. Mit Tiefgarage unten und viel Gewächs oben. Ein ökologischer Widerspruch, ein gestalterisches Durcheinander, aber auch Indiz für einen Wandel von der grauen zur grünen Stadt.

Struppige Stauden in eckigen Trögen. Große Platanen in teils runden, teils gerade abgesägten Betonumfassungen, von Schanigarten-Umzäunungen eingekeilt. Niedrige Gräser und kleine Bäume im Kies, gehalten von einem dünnen Band aus Stahl. Zwei amöbenförmige Abluftinseln aus Beton drängeln sich vor den Eingang zur Kapuzinergruft wie muskulöse Türsteher, auch diese Schwergewichte werden rankend begrünt. Zwischen all dem: das Wiener Magistratsmobiliar des öffentlichen Raums, die blechernen Mistkübel schmiegen sich an die Laternenmasten aus der K.-u.-k.-Zeit an, wie zeitreisende Roboter, denen die Batterie ausgegangen ist. Inmitten dieser vielstimmigen Vollmöblierung steht etwas verloren der restaurierte Donnerbrunnen herum. Der neu gestaltete Neue Markt, einer der ältesten Plätze Wiens, ist ein Durcheinander.

Bestückte Leere

Wie es dazu kam, ist eine lange, bekannte Geschichte, und sie beginnt im Untergrund. Pläne für den Bau einer Tiefgarage gab es schon lange, 2003 wurde ein Wettbewerb für den dann autofreien Platz ausgelobt, den Paul Katzberger gewann mit einem Entwurf, der den Platz weitgehend freiräumte, die Außengastronomie auf je ein Feld an beiden Enden einhegte und eine „Großzügigkeit vor der Kapuzinergruft“ vorsah.

Es folgten intensive Debatten zwischen Tiefgaragengegnern und -befürwortern, das Projekt pausierte eine Weile, bis schließlich die ersehnte Garage mit 364 Plätzen vier Etagen in die archäologisch bedeutsame Tiefe gegraben wurde. Autofrei ist der Platz trotz der Autos unter ihm nicht geworden, aber immerhin autofreier als zuvor. Die Leere des Stadtraums mit seinen historischen Fassaden wurde während der Planung sukzessive mit immer mehr Bepflanzung bestückt, jetzt, nach Fertigstellung, erinnert der Platz ein wenig an eine Gartenbauausstellung.

Muss eine Weltstadt zum Wald werden? Vielleicht muss sie das in der Tat. Zwar gilt immer noch der Grundsatz: Ein Platz ist kein Park, und auf einen Markt gehört keine Wiese. Doch die Begrünung versiegelter Plätze ist ein internationaler Trend, der Laien und Fachwelt gleichermaßen erfasst hat. Galten bis vor wenigen Jahren noch die steinernen Piazze von Venedig bis Siena als urbanistisches Ideal, auf deren hartem Pflaster sich mediterrane Lebensart quasi von selbst einstellt, denkt man heute, einige Hitzesommer später, anders.

„Es gibt in der Tat einen Shift von der Versiegelung hin zu mehr Grün, aus ökologischen Gründen wie auch aus psychologischen und ästhetischen“, bestätigt auch Lilli Lièka, Landschaftsarchitektin und Professorin an der Boku Wien. „Die Architekten haben lange dafür gekämpft, dass ein leerer Platz als Ultima Ratio gilt, aber heute realisiert man, dass sich befestigte Flächen viel zu stark aufheizen.“ Bei 40 Grad ohne Schatten schafft es eben auch der härteste Flaneur nicht mehr, mit der Espressotasse in der Hand italienische Sprezzatura zu performen.

Urbaner Dschungel

Dieser Wandel hat auch die Städte des Mittelmeerraums selbst erfasst. In Barcelona wird das Raster von Ildefonso Cerdàs Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts, bis heute der heilige Gral der europäischen Stadtbaukunst, mit der Erfindung der „Superblocks“ zu einem grünen Ökotop umgedeutet, die Straßen und Plätze zu einem urbanen Dschungel aufgeforstet. Renommierte Landschaftsplaner wie SLA aus Kopenhagen haben ebenfalls die Wende vom harten Boden zum Ökotop vollzogen. Nicht nur in Wien bestellen Stadtverwaltungen heute eiligst so viele „XL-Bäume“, wie das Budget hergibt.

„Die Produkte der Landschaftsarchitektur brauchen immer Zeit, um zur Geltung zu kommen, man muss dem Grünraum Zeit geben zu wachsen“, sagt Lilli Lièka. „Aber heute gibt es immer öfter den Wunsch, dass alles schnell gehen soll. Ältere Bäume haben den Vorteil einer sofortigen klimatischen Wirkung, weil sie Schatten erzeugen und Staub binden. Man darf aber die Frage nicht außer Acht lassen, wo diese Bäume herkommen. Wenn sie per Lkw durch halb Europa gekarrt werden, stimmt die Ökobilanz nicht mehr.“

Bilanz in Schieflage

Diese ist beim Neuen Markt sowieso in starker Schieflage, denn was hilft der Staubfilter 20 Jahre alter Platanen, wenn sich täglich Kfz-Kolonnen zwischen Oper und Albertina durchfädeln, um in der Garagengruft neben Kaiserin Sisi einparken zu können? Ein ärgerlicher Anachronismus, konstatiert Renate Hammer, Geschäftsführerin des Institute of Building Research and Innovation: „Hier ist ein technisch hochaufwendiges Tiefbauvorhaben für den motorisierten Individualverkehr umgesetzt worden. Das erschließt sich einem weder in Hinsicht auf das deklarierte Ziel der Stadt nach effektivem Klimaschutz noch auf die angestrebte Reduktion der Einfahrten in die Innenstadt um 30 Prozent. Stattdessen wäre es dringend notwendig, die Stadt langfristig lebensfreundlich zu erhalten und durch blau-grüne Infrastrukturen an den Klimawandel anzupassen. Das braucht Platz, der hier offenbar vorhanden gewesen wäre. Es sind in diesem Sinne alle lang geplanten Projekte vor ihrer Umsetzung kritisch zu evaluieren.“

Anstatt mit einer Tiefgarage einen Attraktor für den motorisierten Verkehr zu schaffen, sagt auch Lilli Lièka, solle man die Mobilitätswende zum Anlass nehmen, den öffentlichen Raum aufzuwerten, der in der Wiener Flächenwidmung nur als Verkehrsfläche definiert ist: „Dazu gibt es mehrere von Steuergeld bezahlte, aber nie veröffentlichte Studien in den Schubladen des Magistrats.“ Dann klappt es vielleicht auch mit der Ästhetik besser, denn diese stellt ihre Ansprüche ans Grün und ans Grau in gleichem Maße. „Beim Neuen Markt sehe ich in der Gestaltung viele Krücken und Notbehelfe, wie etwa die nachträgliche Begrünung der Abluftschächte.“

Die Neugestaltung eines 800 Jahre alten Platzes um den Anachronismus einer Tiefgarage herum zu konstruieren – darauf wird man vermutlich schon in wenigen Jahren mit ungläubiger Ratlosigkeit zurückblicken. Unter den Platanen und Nebelduschen wurden Fakten geschaffen, und die beiden Zufahrtsrampen werden bis auf weiteres als plumpe Skulpturen des fossilen Zeitalters zwischen Albertinaplatz und Neuem Markt die Straße versperren. Eine Tiefgarage kann man nicht abreißen und nur schwer umnutzen. Vielleicht als Cooling-Bunker, wenn es an der Oberfläche nach dem prognostizierten Scheitern der globalen Klimaziele trotz Nebelduschen und XL-Bäumen zu heiß geworden ist.

5. November 2022 Der Standard

Wert schöpfen

Der österreichische Bauherrenpreis 2022: Vier Gewinnerprojekte sind Umbauten, alle fünf sind Musterbeispiele für einen Wertewandel vom kurzsichtigen Gewinn hin zum dauerhaften Bestand.

Sie kennen das: Man steht vor einem Gebäude und fragt sich, warum es so aussieht, wie es aussieht. Eine Antwort ist immer richtig: Das Verhältnis von Bauherren und Bauendem, oder auf Geschäftsdeutsch: die Bestellqualität. Über diese kann man viele Geschichten erzählen. Viele davon beginnen hoffnungsfroh und enden mit Ernüchterung, wenn sich der Wert des Gebauten nur daraus bestimmt, was unter dem Strich steht, und was gestrichen werden kann.

Zum Beispiel die (verbürgte) Geschichte eines Großwohnbaus in einem von Wiens Neubaugebieten. Sie geht so: Die Architekten wollen mehr als den üblichen Putz auf Wärmedämmung. Sondern Vor- und Rücksprünge, vielleicht Lisenen aus Stein. In vielen Jours fixes zerschellen die schönen Ideen an den Excel-Listen. Stein zu teuer. Zwei verschiedene Putzarten wenigstens? Klick, klick: Nein. Zwei verschiedene Farben, das sei das Höchste, was sich unterm Strich ausginge.

Andere Geschichten erzählen von Gebäuden, deren Bauherren schneller wechseln als das Wetter. Schon während der Planung wird an den nächsten Investor verkauft, und dann nach der Fertigstellung gleich noch einmal. Deren Excel-Listen flimmern auf Bildschirmen in Luxemburg, und was da in Wien rechts und links des Renditeobjekts steht, ist für den Wert nicht relevant.

Happy End mit Wein

Aber es gibt auch Geschichten mit Happy End. So wie diese: Ein 29-jähriger steirischer Weinbauer kommt bei einem WG-Essen mit einer 28-jährigen Berliner Architektin ins Gespräch. Er hat noch nie bauen lassen, sie hat noch nie gebaut. Es folgte eine gemeinsame Expedition in die Welt südoststeirischer Bautraditionen, und heute steht in Pichla bei Radkersburg ein 50 Meter langes perfektes Handwerkstück: Kühlhaus, Weinkeller, Buschenschank reihen sich unter einem Dach aneinander, dessen Konstruktion alleine zu genussvollem Seufzen herausfordert. Lukas Jahn und Mascha Ritter sind sich einig: Das war es wert. „Neun von zehn Winzern errichten ihre Weingüter und Buschenschanken ohne Architekten“, sagt Lukas Jahn. „Ich wollte es anders machen.“

Der Weinhof Locknbauer ist einer der fünf Preisträger beim Bauherrenpreis 2022, der gestern, Freitag, in Salzburg von der Zentralvereinigung der Architekten (ZV) verliehen wurde. Aus den insgesamt 86 Einreichungen wurden 18 Projekte in allen Bundesländern vorausgewählt. Daraus ermittelte die Hauptjury, bestehend aus dem ΔTANDARD-Architektur-Journalisten Wojciech Czaja, dem Schweizer Architekten Armando Ruinelli und Michaela Wolf (bergmeisterwolf Architekten, Südtirol), die finalen Preisträger.

Keine Abrisse mehr

Fünf von 86 von Zehntausenden. Aussagekräftig, oder heißer Tropfen auf den eiskalten Stein der betongewordenen Excel-Listen? Ja und nein. Denn erstens kalkulieren auch die ausgezeichneten Bauherren – private wie öffentliche – nicht mit dem Filzstift. Und zweitens lassen sich hier Schwerpunktverschiebungen in der heimischen Architekturlandschaft kartieren. Allen voran jene vom sorglosen Abriss und Neubau hin zur Bewahrung des Bestands. Konservativ im bestwörtlichen Sinne des Bewahrens, in einer Zeit, da sich das politisch „Konservative“ der kurzsichtigen Destruktion der Lebensgrundlagen verschrieben hat.

Vier von fünf Preisträgern sind Umbauten, zwei davon Bildungsbauten. In Salzburg fanden der Bauherr Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) und Riccione Architekten aus Innsbruck zusammen. Die BIG hatte im Wettbewerb für die Erweiterung der pädagogischen Hochschule die Entscheidung zwischen Abbruch und Neubau oder Sanierung und Erweiterung den Teilnehmern überlassen.

Die beiden Architekten sahen den Wert im Bestehenden und arbeiteten sich mit großer Freude und Zuneigung durch die spröd-graue Substanz aus den späten 1960er-Jahren. Sie entkernten hier, addierten dort ein Foyer und ein Audimax, fügten Farbtupfer hinzu, bis sich Alt und Neu in einem Dialog auf Augenhöhe wiederfanden. „Die Hochschulleitung war zunächst überrascht, nahm die Rohheit und Prozesshaftigkeit der Architektur dann aber sogar in ihr pädagogisches Konzept auf: Der Unterricht hat sich seitdem verändert, hat heute einen offenen, werkstattartigen Charakter“, sagt Wolfgang Mairhofer, Projektsteuerer bei der BIG.

Mehrwert durch Respekt

Der zweite Bildungsbau ist die Schule in Nüziders. Von der Architektengemeinschaft C4 in der Blütezeit der Vorarlberger Baukünstler erbaut, wurde sie 1967 mit dem allerersten Bauherrenpreis überhaupt ausgezeichnet. 2002 bis 2004 wurde das feingliedrige Ensemble von Architekt Bruno Spagolla erweitert, einige Jahre später wurde der Raumbedarf erneut dringlich. Unter dem Juryvorsitz von Bruno Spagolla wurde im Wettbewerb der Entwurf von Fink Thurnher Architekten gekürt, die den bauhistorischen Schichten eine neue hinzufügten: Mehr Wert durch Addition, Mehrwert durch Respekt vor den Vorgängern.

Auch im Wohnbau funktioniert die Formel, nach der Wertvolles dort entsteht, wo man scheinbar wertlos Altem einen Wert zugesteht. Eine Wohnhausanlage aus dem Jahr 1985 in Salzburg. Der gemeinnützige Bauträger Heimat Österreich entschied sich, das renovierungsbedürftige Ensemble nicht abzureißen. Gemeinsam mit dem Salzburger Institut für Raumordnung und Wohnen wurde ein Forschungsprojekt aufgestellt, das Möglichkeiten untersuchte, im Wohnbau den Bestand zu ertüchtigen. Zusammen mit den Architekten Christoph Scheithauer und Stijn Nagels wurde eine Lösung gefunden, die den Zuwachs fast ikonisch darstellt: Eine Aufstockung aus Holzhybridkonstruktion klettert über die Zickzacksilhouette der alten Dächer. Technische Intelligenz trifft ökologische Vernunft, unter dem Strich stehen 24 Wohnungen mehr als zuvor, und mehr Wohnlichkeit für alle.

Auch der Neubau muss nicht leer ausgehen. Den Preis Nummer fünf durften querkraft Architekten und Ikea Österreich mit nach Hause nehmen, deren stahlumgitterter weißer Riese des City-Ikea am Wiener Westbahnhof nicht nur architektonisch, sondern auch in puncto Mobilität in die Zukunft weist. Die Regale und Teelichter im Inneren mögen preisgünstig sein, doch der Wert des Gebäudes ist von Dauer. Man muss es eben nur wollen.

15. Oktober 2022 Der Standard

Auslage in Arbeit

Die Ausstellung „Verhüllung und Verheißung“ am HDA Graz entführt in die vermeintlich schöne Welt der Baustellenwerbung. Hinter den bunt-banalen Tafeln lauern so manche Abgründe und eine stattliche Portion Systemkritik.

Es wäre nicht Graz, wenn es zur Eröffnung keine Kunstperformance gegeben hätte. Eine Skulptur aus Kunststoff, die langsam aufgeblasen wird, während Zitate aus der Immobilienwelt vorgelesen werden. Die Skulptur des Künstlers Sven Borger, die den Raum des Grazer Hauses der Architektur (HDA) seit Ende September füllt, trägt den jenseits der Sperrigkeit angesiedelten Namen NEOLOGISM UnUpsub*Arc, man darf aber auch „Immobilienblase“ dazu sagen.

Rund um die Blase: Ein Baustellen-Arrangement aus gelben Schalungsplatten, darauf montiert in einer Art Metareferenz Fotos von Baustellenzäunen. Verhüllung und Verheißung ist der Name der Ausstellung, die sich die Immobilienwerbung im öffentlichen Raum vorgenommen hat und sich so auch inhaltlich an der Schnittstelle von dreidimensionaler Blase und zweidimensionaler Tafel bewegt.

Sie ist damit eine von sechs Ausstellungen an acht Grazer Institutionen zum Thema Grafikdesign im Spannungsfeld von Kunst und Werbung. Das gemeinsame Projekt „Kunst der Verführung“ wurde koordiniert durch die Creative Industries Styria im Rahmen des Steirischen Herbsts ’22.

Fallhöhe und Kollision

„Grafikdesign ist an sich keine Disziplin der Architektur, aber ich bin schon seit Jahren fasziniert von Plakaten an Baustellen und ihrer Machart“, erklärt HDA-Leiterin Beate Engelhorn, die auch die Ausstellung kuratiert hat. „Man bleibt daran hängen, weil immer irgendetwas nicht stimmt. Es ist eher eine Art Antidesign.“

Nun könnte man sagen: Baustellenschilder gab es schon immer, und wenn Architektur mit Bildern beworben wird, wo ist das Problem? Zum Beispiel in der Fallhöhe, die aus der Kollision zweier Realitäten resultiert: Werden Bauten auf Messen, in Broschüren und online angepriesen, strahlen die schönen Visualisierungen unbehelligt von der Realität – vor Ort sieht die Sache schon anders aus. „Auf den Bildern ist meistens schön viel Grün zu sehen, das es dann aber nicht gibt“, sagt Beate Engelhorn. „Ausblicke aus dem Penthouse bei schönem Wetter, aber nie aus der Erdgeschoßwohnung. Die Interieurs sehen geräumig aus, aber wenn die Wohnung dann möbliert wird, geht die Tür nicht mehr auf. Es sind Luxusobjekte, die immer zum Verkauf angeboten werden und nicht zur Vermietung.“

Das alles ist kein Graz- und kein Österreich-Phänomen, sondern ein globales, dementsprechend wird die Ausstellung durch eine Serie des Architekturfotografen HG Esch illustriert, der verheißende Verhüllungen in Mailand, Rom und Tokio festgehalten hat, die mal wie noch von Christo und Jeanne-Claude verpackte Geschenke aussehen, mal als Schild im Gebüsch am Stadtrand von zukünftiger Zersiedelung und Zerstörung künden: „Hier entsteht ...“

Betonturm wird Betongold

Dort, wo sich der freie Markt besonders ungehindert im Immobiliensektor austoben darf, wie etwa in London, ist die Fallhöhe am drastischsten. Jüngstes Beispiel: der Balfron Tower, 1967 vom ungarischen Emigranten Ernő Goldfinger als Versprechen einer besseren Welt ins noch verslumte Londoner East End gestellt – um zu testen, ob seine Idee des vertikalen Wohnens funktioniert, zog Goldfinger samt Gattin Ursula selbst hier ein. 2022 wurde der für die Generalsanierung leergeräumte Balfron Tower wieder bezogen. Keiner der vorigen Mieter durfte wieder einziehen, stattdessen warten sechs kuratierte „Heritage“-Apartments mit Original-Interieur für Mid-Century-Modern-Hipster – hier können, wie der Architekturkritiker Olly Wainwright im Guardian schrieb, „Brutalismus-Fans den Alltag von Herrn und Frau Goldfinger cosplayen“. Früher von vielen als hässlichstes Haus Londons verdammt, wird der Betonturm jetzt zum Betongold. Der Markt hat gesprochen, der Markt hat immer recht. Extraprise entlarvender Zynismus: Auf dem Bauzaun prangten während der Renovierung Zitate des Architekten, der sich gegen die Elitisierung des Egalitären sicher mit Händen und Füßen gewehrt hätte. Fallhöhe zwischen Werbung und Realität: 84 Meter.

Die Systemkritik, die hier hinter den Schildern lauert, bringt Reinier de Graaf, langjähriger Partner und strategischer Zweitkopf von Rem Koolhaas im Rotterdamer Büro OMA, in der Publikation zur Grazer Ausstellung auf den Punkt, wenn er, sich auf den französischen Wirtschaftswissenschafter Thomas Piketty berufend, in recht düsteren Tönen die optimistische Moderne als kurze Episode rahmt. Deren Traum des sozialen Aufstiegs für alle, den de Graaf selbst im niederländischen Wohlfahrtsstaat erlebt hat, sei im Neoliberalismus, wo Reichtum aus Reichtum entsteht und nicht aus Arbeit, verdampft: „Ein Gebäude ist nicht mehr etwas, das man benutzt, sondern etwas, das man besitzt. Die Bewertung von Architektur und von „architektonischem Stil“ wird dem Markt überlassen. Architektur ist so viel wert, wie andere dafür bezahlen wollen. Dies ist der Moment, in dem Architektur und Marketing ununterscheidbar werden. Das Bild kommt zuerst, die Substanz später.“ So wird das banale Baustellenschild zum Zeichen eines Machtwechsels.

Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, dass de Graafs Büro OMA sich auf genau diesem Feld selbst betätigt, etwa beim immer noch provisorisch KaDeWe betitelten Kaufhaus des Investors Signa Holding an der Wiener Mariahilfer Straße, für das das Möbelhaus Leiner auf die Schutthalde wanderte. Hier versucht man zwar, ein Old Europe mit bürgerlichen Kaufhäusern hinter steinernen Arkaden heraufzubeschwören, um der Zirkulation von Architektur als Verschubmasse von Finanzgeschäften eine Konstante abzuringen, einen Wert, der nicht beim nächsten Wiederverkauf wieder in die Schuttmulde wandert, doch auch hier kommt das Bild vor der Substanz. Mit zeitgemäßer Variation: Am Bauzaun an der Mariahilfer Straße prangen neben den verführerischen Renderings Daten und Zahlen, die die ökologische Nachhaltigkeit des Projekts beteuern. Während hinter den Brettern die nächste Blase emporwächst.

24. September 2022 Der Standard

Leben im Traum eines Königs

Die Kleinstadt Poundbury in Südengland wurde exakt nach den Plänen des Prince of Wales und jetzigen Königs Charles erbaut. Ein dörfliches Ideal-England, von der Architekturwelt belächelt. Ein Besuch an einem surrealen Ort.

Alexandra Wilson-Jones ist entrüstet. Ihre über hundert Topfpflanzen hinter dem Haus müssen weg. Also fast alle, bis auf vier oder fünf. Die Hinterhöfe, sagt ihr Hausverwalter, seien in erster Linie für Fußgänger und Fahrzeuge gedacht. Nicht für Grün. „Aber Pflanzen sind doch sein Ding“, sagte Mrs Wilson-Jones der BBC. „Er würde das nie wollen!“

Er, das ist jene Person, die über der Hausverwaltung steht und seit kurzem auch über allen anderen Mitbürgern von Frau Wilson-Jones. Charles Windsor, vormals Duke of Cornwall und Prince of Wales, seit einer Woche King Charles III. Als solcher ist er – obwohl das Gärtnern in der Tat sein „Ding“ ist – nicht mehr für Pflanzen in Hinterhöfen zuständig. Dies ist nun die Aufgabe des neuen Prince of Wales, Sohn William.

Der fragliche Hinterhof befindet sich in Englands Süden, im Städtchen Poundbury bei Dorchester. Eine Stadt, die es ohne Charles nicht gegeben hätte. Zum einen, weil das gesamte Land der Duchy of Cornwall also bis soeben ihm gehört. Zum anderen, weil er hier seine Idealstadt realisierte, deren Idee er 1989 in sein Buch A Vision of Britain hineinschrieb. Zu viele Architekten, klagte er, würden die Wünsche der normalen Menschen ignorieren. Und diese wünschten sich traditionelle Bauten und Städte anstatt hässlicher Wohnblocks aus Beton.

Dass ein astronomisch reicher Monarch sich als Fürsprecher normaler Menschen gerierte, entbehrte nicht einer gewissen Ironie, und die Architekturwelt reagierte mit genervtem Augenrollen auf die royale Kritik. Doch Charles verfolgte sein Hobby beharrlich weiter. Praktischerweise verfügt die Duchy of Cornwall im Vereinigten Königreich über 550 Quadratkilometer Grund und Boden, kein Problem also, eineinhalb davon für die Realisierung eines Thronfolgertraumes auszuwählen.

Strenge Regeln

Den idealen Partner fand Charles im Luxemburger Architekten Leon Krier. Dieser hatte eine eher ernste Spielart der Postmoderne verfolgt und sich mit Respektsbekundungen für Nazi-Baumeister Albert Speer an den ideologischen Rand manövriert. Für Charles plante er eine Art Dorf-Sadt direkt neben der Kleinstadt Dorchester in der Grafschaft Dorset. Ein Aquarell von Krier zeigte das Ideal: behaglich alt aussehende Häuser, Fußgänger und Fahrradfahrer in Tweed und Röcken, ein Auto im Hintergrund als einziger Hinweis auf die Gegenwart. Ein alternatives England, in dem Weltkrieg, Industrialisierung und Beatlemania nicht stattfanden und das Empire noch heil war. Eine Welt, so weiß wie die Royal Family vor Meghan Markle.

Heute ist Poundbury nahezu fertig und sieht, abgesehen von der Mode, exakt so aus wie das Aquarell von Leon Krier. Ein Stilmix aus Mittelalter und 18. Jahrhundert, garniert mit antiken Säulen. Eine saubere Welt ohne Werbetafeln, Straßenschilder und privates Alltagszubehör. Alles folgt konsequent dem Masterplan, mit strengen Gestaltungsregeln. Für die Haustüren sind nur ausgewählte „heritage colours“ gestattet. Der Coffeeshop am Buttermarket, dem Mittelpunkt des South West Quadrant, residiert in einem achteckigen Türmchen, das Interieur eine präzise kuratierte Welt des Retro-Hipstertums. Diese kleinen Einsprengsel von Gegenwart lassen die omnipräsente Vergangenheit noch surrealer wirken. Das alles ist so nice, dass es beunruhigt, so sicher, dass man sich unsicher fühlt. So perfekt, dass man Erleichterung über ein von einem unachtsamen Autofahrer zerbeultes Absperrgitter empfindet. Ist das eine Stadt oder eine Stadt-Simulation? Eine königliche Truman-Show?

Besuch beim Boss

Ein Besuch im Büro der Duchy of Cornwall, mitten in Poundbury, noch zu Lebzeiten der Queen. Leon Kriers Aquarell hängt gerahmt an der Wand, gegenüber ein Porträt von Charles, lächelnd. Seine Mitarbeiter hier, erfährt man, nennen ihn einfach „The Boss“. Estates Director Ben Murphy erklärt die handfeste Realität der seltsamen Traumstadt. Vor allem junge Familien zögen hierher, aber auch Ältere schätzten die geringen Gehdistanzen. 35 Prozent der Wohnungen sind „affordable“. Viele Jungunternehmer haben hier blühende Betriebe aufgebaut. Man ist fußgängerfreundlich und autofreundlich zugleich. Geschwindigkeitsbegrenzungen gebe es keine, doch alle hielten sich trotzdem daran. Geheizt wird mit erneuerbarer Energie aus Biomethan. Es gibt ein reges Vereinsleben.

Wenn man von der Retro-Ästhetik absieht, klingt das alles zeitgemäß und vernünftig – und die Bauweise ist, mit wenigen Ausnahmen wie den bizarren Palastversatzstücken, bei denen sich die Architekten Quinlan Terry und Ben Pentreath austoben durften, von handwerklicher Sorgfalt, die man in England sonst selten findet. Vielleicht hatte Dietmar Steiner, langjähriger Direktor des AzW, doch recht, als er in seinem Vermächtnis Steiner’s Diary Lobeshymnen auf Poundbury sang und damit für konsternierte Reaktionen bei den architektonischen Zeitgenossen sorgte?

Architektur ist sein Hobby

Oder haben die Kritiker recht wie der britische Architekturpublizist Douglas Murphy, der Charles’ immer wieder neu formulierte architektonische Manifeste als reaktionären Unfug bezeichnete? „Wenn Charles die moderne Architektur verdammt, dann verdammt er die historischen Prozesse, die mit der industriellen Revolution begannen, und beklagt den Verlust der königlichen Macht in dieser Welt. Seine Träume von traditionellen Städten sind die Träume einer Welt, in der den Menschen ihr unverrückbarer Platz in der Gesellschaft zugewiesen wird.“

Man solle doch, sagen die Befürworter der royalen Retro-Ästhetik, den Leuten geben, was sie wollen, und sie nicht erziehen wollen. Doch die Gestaltungsregeln in Poundbury sind weit strikter als in den geschmähten Betonwohnblocks der Moderne, die das bessere Leben für alle zumindest anstrebten. Möchte man wirklich im Traum eines Fürsten leben, der sich Architektur als Hobby leistete, um eine Aufgabe im Leben zu haben?

Ein nächtlicher Spaziergang durch Poundbury. Die Straßen sind menschenleer wie nach der Zombie-Apokalypse. Auf dem Queen Mother Square ragt die überlebensgroße Statue von Charles’ Großmutter als düstere Silhouette in den Himmel. An der Bushaltestelle ist das elektronische Display defekt und sagt: „No real time info available.“ Poundbury existiert in seiner eigenen Zeitzone. Für manche ein Traum, für andere ein Albtraum.

10. September 2022 Der Standard

Der Fiat 500 der Architektur

Mit dem universal kompatiblen Kiosk K67 schuf der slowenische Designer Saša Mächtig in den 1960er-Jahren eine Design-Ikone. Jetzt erfand er ein Update für das 21. Jahrhundert. Eines steht seit heute in Wien.

Trafik, Imbissstand, Empfangsgebäude, Parkscheinautomat, Bienenkorb. Rot, Grün, Weiß, Gelb, Blau. Slowenien, Montenegro, Polen, Japan, Neuseeland. Meistens einzeln, manchmal zu zweit oder zu dritt. Mal auf Hochglanz poliert, mal schief und etwas zerbeult im Eck. Die Materialien: Fiberglas, Stahl, Glas. Ein kleines Ding, circa drei mal drei mal drei Meter groß, freundlich abgerundete Ecken, vier gleiche Seiten, eine davon meistens mit einem kecken Vordach ausgestattet.

Modulare Einheit

Der Pavillon mit dem Namen K67 war vor allem im östlichen Europa jahrzehntelang Bestandteil des Alltags. Entworfen wurde er 1966 in Ljubljana vom slowenischen Designer und Architekten Saša Mächtig, im Alter von gerade mal 25 Jahren. Es war eine Zeit des weltweiten Aufbruchs und Optimismus, in der das blockfreie Tito-Jugoslawien für eine Weile versprach, so etwas wie das Beste beider Welten zu werden: Wohlstand und Sozialismus für alle. Der zum Kleinunternehmertum einladende, immergleiche und doch verschiedene Kiosk war das perfekte Symbol dafür: Er verband das Individuum und das Kollektiv in gleichem Maße.

Dass Mächtig zu seinem Auftrag kam, war ein Glücksfall, erinnert sich der heute 81-Jährige. „Noch als Student hatte ich für die Terrasse des berühmten Hotel Europa in Ljubljana ein wolkig-leichtes Dach aus transluzentem Polyester entworfen. Die Granden der Stadt mochten es, wir saßen oft zu viert zusammen bei Whisky und Kaffee, und irgendwann spätabends klagte der Stadtplanungschef Marko Šlajmer, dass es in Ljubljana an praktischen und schönen Kiosken fehle.“

Mächtig wusste, was er zu tun hatte. Der Geistesblitz kam schnell, er baute ein paar Mock-ups, die Herren waren begeistert, der Rest ist Geschichte. Die Idee einer modularen Einheit, die sich theoretisch endlos aneinanderfügen ließ, war inspiriert vom Geist der Zeit: Die japanischen Metabolisten schraubten Türme aus Raumkapseln zusammen, die Briten von Archigram erträumten wandelnde Plug-in-Städte.

Revolutionäre Ideen, die nie ganz zur Umsetzung kamen. Der K67 dagegen wollte keine Revolution, erklärt Saša Mächtig. „Als Student wollte auch ich unbedingt etwas Großes entwerfen. Aber dann kam ich darauf, dass es besser ist, nicht in großem Maßstab, sondern in großen Stückzahlen zu denken.“ Mehr Auto als Architektur, mehr Fiat 500 als Monument. Klein, wendig, freundlich, benutzbar. „Ein kleiner Pavillon steht nicht in visuellem Konflikt mit der gebauten Umgebung, weil man ihn nicht als Architektur wahrnimmt. Er kann überall stehen.“

Besseres Leben für alle

Und ähnlich wie der kleine Cinquecento, der als „Polski Fiat“ den Osten eroberte, ließ sich auch der K67 von keinem Eisernen Vorhang aufhalten. „Damals bin ich per Anhalter durch ganz Europa gereist“, sagt Mächtig. „Ich habe mich immer als Teil von Europa gefühlt. Slowenische Architektur und Design waren in den 1960er-Jahren sehr beeinflusst von Skandinavien.“

„Es gab viele Parallelen in der Denkweise: die Liebe zur Qualität, zum gut gemachten Detail und zum besseren Leben für alle.“ Bald sollte der Designer auch über Europa hinaus reisen. Im Jänner 1971 stand Mächtig in Manhattan auf der 53rd Street. Neben ihm ein dunkelroter K67, den das Museum of Modern Art soeben für seine Sammlung angekauft hatte.

Kein Wunder, dass auch der Fall des Eisernen Vorhangs dem K67 nichts anhaben konnte. Bis der Hersteller 1999 in Konkurs ging, wurden 7500 Exemplare produziert. In Polen wurde der kleine Pavillon sogar erst nach der Wende populär.

Als der Wildwuchs an Straßenhändlern Anfang der 1990er-Jahre dort zunahm, stellten ihnen die Behörden ein Ultimatum: Sie durften ihre anarchisch-kapitalistischen Aktivitäten fortführen, aber nur in einem ordentlichen K67. Um die Jahrtausendwende wurde der K67 von einer neuen Generation wiederentdeckt, und 2004 startete der deutsche Designer Helge Kühnel sein Projekt „The Kiosk Shots“, das die Verteilung und die Variationen des K67 sammelte und kartierte.

Biomorphes Update

Saša Mächtig hatte sich da schon längst auf andere Pfade begeben. Mit den K67-Produzenten trennte er sich im Streit, um in den 1980er-Jahren den Studiengang für Design in Ljubljana aufzubauen, wo er auch die Professur übernahm. Nach seiner Pensionierung kam er wieder auf sein Lebensthema zurück – jedoch nicht zurückschauend, sondern voraus. Er entwarf einen neuen Pavillon namens K21, der die modularen Prinzipien des Vorgängers mit computergenerierter Formfindung verbindet. Organisch, biomorph und deutlich leichter als der solide Sixties-Pavillon. An eine Autokarosserie erinnert er noch immer, nur eben nicht an einen Fiat 500.

„Das System K21 kann einzeln oder kombiniert werden, als Infostand, Kiosk, Marktstand, Café oder auch als Wohneinheit“, sagt Mächtig. „Man könnte ihn sogar stapeln zu einem Haus.“ Als Sonderausstattung gegenüber dem Vorgängermodell werden Photovoltaikzellen zur energetischen Autarkie mitgeliefert.

Mit wachen, listigen Augen steht der 81-Jährige vor einem brandneuen, soeben installierten leuchtend roten K21 – an unerwartetem Ort, nämlich ausgerechnet im suburbanen Patchwork von Wien-Floridsdorf. Wie das kam? Die hervorragende und sehr gut gealterte Siedlung Gerasdorfer Straße feiert ihr 40-jähriges Bestehen mit der Eröffnung eines neuen Grätzelzentrums, und ihr Architekt Viktor Hufnagl (von dem auch die Wohnanlage Schöpfwerk im Wiener Süden stammt) wäre dieses Jahr 100 geworden.

Eine Ausstellung der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) zu Ehren des Architekten eröffnet kommende Woche am Franz-Josefs-Kai 3 im Stadtzentrum, der Bauträger Sozialbau feiert seine Siedlung in Floridsdorf – mit einem raumkapselartigen Import aus Slowenien, der sich erstaunlich gut in Wien einfügt. Perfekt eingeparkt.

27. August 2022 Der Standard

Wie man Demokratie entwirft

Die Olympischen Spiele von München gelten als architektonischer Höhepunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein Marathon durch drei süddeutsche Ausstellungen, die an ihre Planer und Designer erinnern.

Im Restaurant Nord verspeisen Gruppen von Menschen ihr Schnitzel auf knallgelben Tischen, während sich Röhren aus orangenem und durchsichtigem Kunststoff über ihren Köpfen winden wie fliegende Würmer. Andere legen eine Pause ein im Restaurant in der Schwimmhalle, die aussieht wie eine halbfertige Mondstation in Popfarben, die sich in einer Strumpfhose verheddert hat.

Beides entworfen von den österreichischen Architekten Günther Domenig und Eilfried Huth, die sich richtig austoben durften, damals in München 1972. Draußen zieht sich die von Anita und Werner Ruhnau konzipierte Spielstraße durch die Wiese, die avantgardistisches Mitmach-Straßentheater bietet. Der revolutionäre Geist von 1968 weht an diesen Sommertagen durch die bayerische Hauptstadt.

36 Jahre nach den von den Nazis als Propaganda inszenierten Spielen von Berlin und 27 Jahre nach Kriegsende bekam die Bundesrepublik in München die Chance, zu beweisen, dass sie Demokratie gelernt hatte. Das funktionierte ziemlich gut. So gut, dass sich heute, 50 Jahre später, die Disziplinen Architektur und Design an eine Zeit des Optimismus erinnern. Gleich drei Ausstellungen tun dies im Synchronschritt.

Wiesengründe Topografie

Den Startschuss lassen wir in München ertönen, wo das Architekturmuseum an der Pinakothek der Moderne an die Olympiastadt München und seine Bauten erinnert. Als das Team um Günter Behnisch 1967 mit seinem Zeltdachmodell den Wettbewerb für das Olympia-Gelände gewann, entlockte das sogar dem knurrigen Franz Josef Strauß würdigende Äußerungen zur Architektur.

Die Idee überzeugt heute noch: Statt rationalen rechten Winkels eine „Architektur, die mit der Landschaft geht“, wie es Behnisch-Mitarbeiter Carlo Weber nannte. Ein bewusstes Gegenmodell zum streng axialen Olympia-Areal in Berlin. Aus einem Trümmerberg am Oberwiesenfeld wurde die wiesengrüne Topografie eines neuen, quasi geschichtslosen Deutschlands gezaubert.

Eingefügt darin: Die zipfelige Landschaft des Zeltdachs, inspiriert vom deutschen Pavillon der Expo Montreal 1967. Die Aufgabe in München erwies sich jedoch als komplex, und die Wettbewerbsjury bezweifelte, dass sich dieses Experiment realisieren ließ. Aber schon im revolutionären Mai 1968 hatte der Ingenieur Frei Otto die konstruktive Lösung gefunden. Aus Sicht des schwerfälligen Deutschlands von heute mit seiner heruntergewirtschafteten Infrastruktur ging der Formfindungs- und Bauprozess geradezu in Sprintgeschwindigkeit von dannen.

Die Ausstellung nimmt Olympia und München stets gemeinsam ins Blickfeld, denn der Sportevent wurde zum Infrastrukturbooster, mit Stadtautobahnen, U-Bahn-Bau und Großwohnsiedlungen. Das Olympia-Areal wurde zum Experimentierfeld der Architektur, mit Space-Age-Modulbauten und mit neuen Wohnkonzepten im olympischen Dorf. Dieses wurde am schwarzen 5. September zu einem weltweiten Bild des Grauens, mit dem körnigen Foto des maskierten palästinensischen Geiselnehmers auf dem Balkon.

Nächste Station des Olympia-Marathons: Das HfG-Archiv auf dem Kuhberg in Ulm. Die Hochschule für Gestaltung ist ein weiteres Beispiel deutscher Demokratisierung. Eröffnet 1953 vom Schweizer Architekten Max Bill, Inge Aicher-Scholl, der Schwester von Hans und Sophie, und ihrem Mann, dem Designer Otl Aicher (1922–1991). Jener wird derzeit zum 100. Geburtstag mit der Ausstellung 100 Plakate geehrt, und er war es auch, dessen Gestaltungskonzept das Bild der „heiteren Spiele“ von 1972 prägte. National konnotierte Farben wie Rot und Gold wurden explizit vermieden, stattdessen prägten Blau, Silber, Grün und Orange das Corporate Design, das sich bis in die Details wie Parkscheine und Polizeiuniformen erstreckte.

Auch Aichers Olympia-Plakate zeigten keine grimmigen Lorbeerkranz-Siegerposen wie 1936, sondern Menschen in Bewegung. Sportliche Wettbewerb nicht als Triumph, sondern als gemeinsames Erlebnis. Bis heute prägend für die gesamte Designwelt: Aichers ikonische Piktogramme, für die er die Bildtafeln weiterentwickelte, die Masaru Katzumi für Tokio 1964 entworfen hatte.

Akrobatisches Mikado

Dritte Station auf der Ausstellungslangstrecke: Stuttgart. Im selben Jahr geboren wie Aicher und somit ebenso ausstellungswürdig ist Günter Behnisch, dem eine große und ausgezeichnet aufgearbeitete Retrospektive gewidmet ist. Das olympische München war für den dezidierten Teamplayer die Initialzündung für ein reichhaltiges Werk, das eine direkte Abkürzung von den experimentierfreudigen 1960er-Jahren in die High-Tech-80er nahm und den schwerfälligen Bauwirtschaftsfunktionalismus der 1970er-Jahre links liegen ließ. Dabei war seine Idee von Technik stets spielerisch und kulturbewusst, wie sein Hysolar-Institut in Stuttgart (1987), ein akrobatisch ausbalancierter Mikado-Haufen, zeigt. „Die Möglichkeiten für formale Ordnungen sind tendenziell unbegrenzt“, schrieb er 1996. „Fortwährend können wir Neues entdecken.“

Popbuntes Deutschland

Zentral für Behnischs Architektur- und Demokratieverständnis, dem jeglicher Pomp fremd war, stehen zwei Bauten aus den 1990er-Jahren. Der Plenarsaal für den Bonner Bundestag, an dem er fast 20 Jahre lang plante, wurde 1992 fertig, kurz nachdem der Beschluss zum Umzug nach Berlin gefasst wurde. Als die Abgeordneten das nach allen Seiten gläsern offene Haus schon 1999 wieder verließen, war das auch das Ende einer süddeutsch-liberal geprägten Architekturära.

Seit dem einst futuristisch imaginierten Jahr 2000 dominieren die steinern-preußische Humorlosigkeit und die Verklärung des 19. Jahrhunderts, verkörpert durch den Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der Berlin eine Lochfassaden-Einheit verordnete. Nur Behnischs Akademie der Künste neben dem Brandenburger Tor widersetzte sich gläsern diesem Diktat, was für heftige Feuilletondebatten sorgte. Heute hat Berlin eine neofeudale Schlossattrappe, und die Demokratie ist weltweit auch dort, wo man sie am sichersten glaubte, im Rückzugsgefecht. So mischt sich in die Erinnerung an Behnisch, Aicher und die Bilder eines popbunten Deutschlands von den Hügeln am Oberwiesenfeld 1972 auch ein wehmütiges Was-wäre-wenn.

Die Olympiastadt München
Architekturmuseum München, bis 8. Jänner 2023

Otl Aicher: 100 Plakate
HfG Archiv Ulm, bis 8. Jänner 2023

Bauen für eine offene Gesellschaft – Günter Behnisch 100
Theaterpassage Stuttgart, bis 3. Oktober 2022

16. Juli 2022 Der Standard

Kalte Dusche für heiße Bauwut

Eine Diskussion über den freien Zugang zu den Seeufern in Kärnten wurde zum Startpunkt für eine Entwicklung, die das Bundesland zum Baukultur-Musterschüler machte. Eine besondere Rolle spielen dabei die Gestaltungsbeiräte.

Der Neusiedler See hat in diesen Tagen eine gute und eine schlechte Nachricht für uns. Die gute zuerst: Das umstrittene 100-Millionen-Euro-Hotelprojekt in Fertőrákos mit 800 geplanten Parkplätzen wurde jetzt begraben. Die schlechte: Der Wasserstand ist durch die klimakatastrophale Hitzewelle auf Niedrigniveau. Was haben diese beiden Nachrichten außer dem Ort gemeinsam? Einiges.

„Am Neusiedler See gab es immer einen schwankenden Wasserstand“, sagt Nikolaus Gartner, stellvertretender Obmann des Architekturhauses Architektur Raumburgenland. „Das Problem ist aber, dass sich der Tourismus, je mehr am Ufer gebaut wird, immer mehr in Abhängigkeit vom Wasserhaushalt des Sees begibt. Dann drohen weitere Eingriffe in die Naturlandschaft, deren Auswirkungen wir nicht abschätzen können. Das Ziel sollte eher sein, den Tourismus in die Orte zu verlagern, wo er auch zur Stärkung der historischen Ortskerne beitragen kann.“

Erweitert man das Spannungsfeld Seeufer und Tourismus um die Baukultur, versteht man, warum die Architektenkammer kürzlich zum zweiteiligen Treffen „Bauwut versus Baukultur: Seenlandschaft“ am Neusiedler See und am Attersee bat. Klimakrise, Pandemie und Krieg haben die Österreicher ins Auszeit-Cocooning mit Heimatfilmkulisse getrieben. Urlaubend, zweitwohnsitzend und investierend. Die Worte „exklusiver Seezugang“ sind der Diamantbesatz auf dem Developer-Betongold. Das setzt auch die Seegemeinden unter Druck.

Wie man sich dessen erwehren kann? Beispiele dafür liefert Kärnten, das sich in den letzten Jahren zum baukulturellen Musterschüler unter den Bundesländern entwickelt hat. Dort fanden 2018 und 2019 fünf Seenkonferenzen statt, die von Raffaela Lackner, Leiterin am Architektur Haus Kärnten und Elias Molitschnig, grüner Gemeinderat in Klagenfurt und für die Raumordnung und kommunales Bauen bei der Kärntner Landesregierung zuständig, konzipiert wurden.

Vorbild Velden

Handlungsbedarf war geboten, denn Kärnten hat zwar viele schöne Seen, aber auch die wenigsten öffentlichen Zugänge dazu. 76 % des Ossiacher-See-Ufers und 82 % des Wörtherseeufers sind in privater Hand. Wer hier ans Wasser will, muss sich durch enge Lücken quetschen. „Am Anfang stand die Frage, was man überhaupt noch ausrichten kann“, erinnert sich Elias Molitschnig. „Aber die Bevölkerung hat viele Impulse und Wünsche geliefert: Gestaltung, Förderung, klare Regeln.“ Auch die Gemeinde Velden, die früh mit radikalen Baustopps und Rückwidmungen auf die Bremse trat, erwies sich als Vorbild. Am Ende des mit breiter Beteiligung angelegten Konferenzreigens stand ein Handbuch mit klar formulierten Empfehlungen wie etwa der wiedereinzuführenden Zweckwidmung der Motorbootabgabe für den Ankauf von Uferflächen.

Die Renaissance des Gemeinsinns, die an den Seen begann, hat sich inzwischen aufs ganze Bundesland ausgeweitet. Denn auch hier war viel zu tun, wie Elias Molitschnig sagt: „Der Seeuferbereich ist der sensibelste, aber wir gehen auch sonst zerstörerisch mit Landschaftsräumen um.“ So wurde Kärnten das erste und bisher einzige Bundesland, das die ambitionierten baukulturellen Leitlinien des Bundes von 2017 in erweiterter Form auf Landesebene beschlossen hat. Heute ist man dabei, sie umzusetzen, und hat der Zersiedelung an Kreisverkehr und Umfahrungsstraße den Kampf angesagt.

Distanz und Transparenz

„Wichtig ist neben der gezielten Förderung die Unterstützung der Zuständigen in den Gemeinden“, so Molitschnig. „Viele Bürgermeister wissen gar nicht, welche Instrumente sie eigentlich in der Hand haben, und geben den Investoren nach, aus Angst, Rechtsbruch zu begehen. Dabei hat die Gemeinde immer die Planungskompetenz. Wir haben an der Verwaltungsakademie einen Lehrgang und drei Crashkurse eingerichtet, und das Interesse war enorm. Auf Landes- und Gemeindeebene merken wir, dass die Baukultur kein Randthema mehr ist.“

Als baukulturelle Motoren haben sich hier die Gestaltungsbeiräte bewährt, die erstmals 1993 in Salzburg eingeführt wurden: Fachleute, die Bauvorhaben beurteilen und Bürgermeistern und Öffentlichkeit klare Pro- oder Kontra-Argumente liefern. Wichtig dabei: Die beteiligten Architekten sollten keine Eigeninteressen am Ort haben, und es sollte Transparenz herrschen – wie in Salzburg, wo die Sitzungen öffentlich sind. In Vorarlberg hat fast jede Gemeinde einen Beirat, im Burgenland fast keine. Wien hat einen Fachbeirat, dessen Mitglieder eifrig bauen und dessen Entscheidungen nicht öffentlich sind.

Dabei ist die persönliche Distanz der Mitglieder zur Gemeinde elementar, betont Architekt Ernst Beneder, der seit 1994 in verschiedenen Gemeinden beratend tätig ist. „So garantiert man die wirtschaftliche Unbefangenheit, kann aber auch eine strategische Naivität einsetzen, die mit Blick von außen scheinbar Selbstverständliches hinterfragt. Aus diesem Grund braucht es auch einen regelmäßigen Wechsel der Mitglieder.“ Was heute immer wichtiger werde, so Beneder, ist, das gesamte Umfeld eines Projekts ins Auge zu fassen. Dadurch ließen sich sowohl Gefahren als auch Chancen von Bauvorhaben besser beurteilen.

Dabei müssen die Architekten keineswegs als Lehrmeister auftreten, vielmehr werden die Gemeinderäte durch die dauerhafte Beschäftigung mit dem Thema selbst zu Experten. Die Kärntner Orte, die die einen Gestaltungsbeirat haben, sagt Elias Molitschnig, würden die Uhr nie wieder zurückdrehen wollen. „Denn die Bürgermeister sagen heute nicht mehr „Jo, werma scho schauen“, wenn ein Investor kommt, sondern: Dies und jenes sind unsere Kriterien.“

Inklusiv statt exklusiv

Zusätzlicher Booster fürs Selbstbewusstsein ist die Vernetzung der Beteiligten untereinander – so waren neben Architekten auch Bürgermeisterinnen beim Doppelmeeting an Neusiedler und Attersee zugegen. Ein guter Impuls zum Weiterarbeiten, resümiert Daniel Fügenschuh, Sektionsvorsitzender der Architekten in der Bundeskammer. „Ein Gestaltungsbeirat setzt sich für die Anliegen der Bevölkerung und der politischen Verantwortlichen ein. Es geht darum, das öffentliche Interesse zu wahren, die Qualität zu steigern, auch über den konkreten Bauplatz hinaus. Auch die Projektwerber profitieren davon. Private Investoren lassen sich zwar ungern etwas sagen, aber sie verstehen alle, dass die Projekte durch den Beirat besser werden. Es kann sich auch ergeben, dass ein anderer Bauplatz besser geeignet wäre.“ Eine Chance, um die erhitzte Bauwut abzukühlen – mit Seeufern, die nicht exklusiv sind, sondern inklusiv.

4. Juli 2022 Der Standard

Die Welt als Baustelle

Der Lehrgang BASEhabitat bringt Studierende der Kunstuniversität Linz mit Akteuren vor Ort in Bangladesch, Thailand oder Südafrika zusammen. Ein interkontinentaler Import und Export von Wissen über Techniken und Material. Eine Ausstellung schaut zurück und voraus.

Meterstab, Schraubenzieher, Zange, Sonnenmilch, Heftpflaster, Medikamente. Ein oranger Hartschalenkoffer, der offensichtlich schon viel erlebt hat. Pass, Impfpass, T-Shirts, Zahnbürste, Flachmann. Alles, was man für eine Fernreise braucht, und nicht mehr.

So beginnt die Ausstellung des Vorarlberger Architekturinstituts vai, die derzeit an der Kunstuniversität Linz zu sehen ist und die sich dem 2004 von Architekt Roland Gnaiger gegründeten Projekt BASEhabitat widmet. Hier schließt sich ein Kreis zwischen West- und Ostösterreich, denn der Vorarlberger Gnaiger hatte den gleichnamigen Lehrgang während seiner Professur in Linz initiiert. Ziel dieses Lehrgangs war und ist es, Studierende vor Ort mit der Bevölkerung planen und auch tatsächlich bauen zu lassen. Vor Ort, das heißt: Indien, Thailand, Südafrika, Ecuador.

Kontinent in der Schublade

24 Projekte sind schon als bunte Punkte auf der Weltkarte verzeichnet, acht davon werden in der Ausstellung vorgestellt. Acht hölzerne Werkzeugkisten, in deren Schubladen sich ein Kontinent eröffnet. Ein Wohnprojekt im Lepradorf Sunderpur an der indisch-nepalesischen Grenze aus Lehmziegeln, gebrannten Ziegeln und Bambus, das sich leicht mit lokalen Baustoffen nachbauen lässt. Eine Grundschule auf dem Ithuba-Campus südlich von Johannesburg. Feldforschung über Bambusbauten in Ecuador.

„Es geht darum, junge Leute in Berührung zu bringen mit den Dingen, die sie planen“, erklärt Sigi Atteneder, dessen weitgereistes T-Shirt die Ausstellung ziert und der, vor 15 Jahren selbst BASEhabitat-Student, heute als Nachfolger des 2019 emeritierten Roland Gnaiger das BASEhabitat-Studio professoral leitet. „Es geht nicht um Entwicklungshilfe und erst recht nicht um Stararchitektur, sondern darum, zu lernen, dass es auch andere Bauwelten gibt.“

Mehr als ein Projekt wurde dabei von den Studierenden selbst initiiert, andere kamen durch Kontakte mit NGOs zustande. Allen gemeinsam ist, dass sich die Arbeit im Laufe der Zeit professionalisiert hat und man nicht mehr versucht, alles selbst zu machen. Neben einer Summer-School gibt es inzwischen auch ein Master- und Postgraduate-Studium, weil viele explizit „BASEhabitat studieren“ wollten.

Denn einer der vier Grundsätze von BASEhabitat ist Teilhabe und Kooperation vor Ort – denn entschieden wird auf der Baustelle. „Die soziale Komponente ist sehr wichtig, dazu gehören auch Genderfragen. Es macht einen großen Unterschied, wenn Frauen auf der Baustelle sind und das Geld nach Hause bringen.“ Dies war die Erkenntnis, die die bayerische Architektin Anna Heringer – langjährige Dozentin bei BASEhabitat und so etwas wie das Gesicht des Social Turn in der Architektur – bei ihrer Pionierarbeit in Bangladesch erlebte.

Kluge Kühe, dumme Büffel

Genderaspekte der Tierwelt gehörten ebenfalls dazu: Denn zum Stampfen von Lehm sind Kühe nicht geeignet, weil sie intelligent sind und in ihre eigene Hufstapfen treten. Nur männliche Wasserbüffel sind stupide genug, mühsam quer durch den Gatsch zu treten.

Der Erfolg von BASEhabitat ist auch Zeichen eines Denkwandels in der Architektur. Jahrzehntelang galt das Bauen auf der Südhalbkugel im Studium als anthropologisches Nischeninteresse liebenswerter, aber versponnener Exoten, während sich die „richtigen“ Architekten am heiligen Kanon der westlichen Welt von Corbusier bis Mies abarbeiteten.

Heute wird das Bauen mit Lehm und Bambus nicht mehr belächelt. Lehm hat auch in Mitteleuropa eine lange Tradition und wurde insbesondere vom Vorarlberger Pionier Martin Rauch wiederentdeckt. Zum anderen wird heute, wo das globale Materialkarussell ins Stocken gerät und sich die Preisspiralen immer wilder drehen, vielen klar, dass man ein Haus auch anders bauen kann als mit tausenden Komponenten, die aus 78 Ländern herbeigeschafft werden. Traditionelle Bauweisen und -materialien dagegen sind perfekt auf Mikroklima, kurze Transportwege und leichte Reparierbarkeit hin optimiert. Und trotz vieler Vorurteile – auch in den BASEhabitat-Ländern – müssen sie auch nicht ärmlich aussehen.

„Der Lehmbau hat sich inzwischen in Europa professionalisiert, beispielsweise mit Vorfertigungssystemen“, erklärt der vai-Ausstellungskurator und ehemalige BASEhabitat-Studiomanager Clemens Quirin. „Der Vorteil ist, dass der Baustoff auch bei steigenden Gas- und Strompreisen nicht teurer wird, weil sehr wenig Energie für seine Herstellung aufgewendet werden muss. Und aus der Erde einer Baugrube kann man gut zehn Häuser bauen!“ Kein Wunder, dass sich schon mehrere Interessenten außerhalb des Hochschulbetriebs bei BASEhabitat gemeldet haben, um das angesammelte Wissen zu nutzen – bis hin zum Häuslbauer.

Überhaupt ist die Erkenntnis aus 18 Jahren BASEhabitat, dass Wissenstransfer keine Einbahnstraße ist. Die Studierenden kommen mit handfestem Wissen und Selbstvertrauen zurück, und auch in Österreich wurden Projekte realisiert, wie der schmucke Holzpavillon im Botanischen Garten Linz und der Umbau eines 200 Jahre alten Hauses in Vorarlberg. Mehrere Generationen von Studierenden, die durch die Schule BASEhabitat gegangen sind, haben ihr Berufsleben gestartet, manche sind Lehmbauspezialisten, andere gründeten klassische Architekturbüros wie Sandra Gnigler und Gunar Wilhelm vom Linzer Büro mia2, die die oberösterreichische Kultur des Machens verfeinern und ins Städtische transferieren.

Lernen von woanders

So schaut die Ausstellung gleichzeitig stolz zurück auf angesammeltes Wissen und blickt nach vorn, in eine Ära global zugespitzter Krisen, in denen die Fähigkeit zur Improvisation ebenso an Wichtigkeit gewinnt wie das Wissen um regionale und klimaschonende Bautechniken. „Wir sehen es auch nicht als Aufgabe der Universität, den heutigen Markt zu bedienen, sondern in die Zukunft zu denken und Nachhaltigkeit umzusetzen“, so die Kunstuni-Rektorin Brigitte Hütter. Die Werkzeugkiste ist gepackt. Ein Survival-Kit für die gebaute Umwelt.

[ BASEhabitat – Architecture for Change, Kunstuniversität, Hauptplatz, Linz, bis 22. 7., www.basehabitat.org ]

29. Mai 2022 Der Standard

Kulturzentrum Mattersburg: Dialog mit Untertönen

Nach der Auseinandersetzung über den Umgang mit dem Erbe des Brutalismus wurde das Kulturzentrum Mattersburg eröffnet. Eine Mischung von Mit-, Neben- und Gegeneinander

Am Tag nach der Eröffnung habe niemand angerufen, sagt Sandra Ferstl. Das sei ein gutes Zeichen, denn die Leute riefen nur an, wenn sie sich beschweren wollten. Sandra Ferstl ist Leiterin der Veranstaltungsorganisation des Kulturzentrums (KUZ) Mattersburg, das am vorigen Sonntag wiedereröffnet wurde, auf den Tag genau 46 Jahre nach seiner ersten Eröffnung. Ein sehr schönes Haus sei das, freut sich auch Bürgermeisterin Claudia Schlager (SPÖ), die gerade das große Foyer durchquert. „Die Verbindung von Alt und Neu ist sehr gelungen!“

Fels und Quader

Auch am 22. Mai 1976 war hier Feiern und Freude angesagt. Das Kulturzentrum war schließlich der erste Teil der großen Burgenland bildungsoffensive von Unterrichtsminister Fred Sinowatz und Landesrat Gerald Mader. Die Kulturzentren sollten niederschwelligen Zugang zu Hoch- und Volkskultur bieten und der „freien Meinungs äußerung“ dienen. Jetzt stehen Sinowatz und Mader (mit dicker Seventies-Brille) als bronzefarbene Büsten im Gras vor der Waschbetonfassade des neuen Saals. Marlies Breuss und Michael Ogertschnig vom Wiener Büro Holodeck Architects stehen daneben. Die Fassade aus dezent unterschiedlich eingefärbten Betonplatten, sagen sie, ist eine Hommage an den Altbau, den Architekt Herwig Udo Graf 1976 im Stil des Brutalismus entworfen hatte: ein Ensemble aus expressiv geformtem Sichtbeton.

Jetzt stehen sich der alte und der neue Veranstaltungssaal gegenüber, verbunden durch ein neues Foyer mit einer etwas an die 1990er Jahre erinnernden Glasfront. Wo Grafs bildhauerischer Beton wirkt wie ein massiver Fels, ist der neue Saal ein schlichter Quader, hineingerückt in den Hang. „Wir wollten den alten Saal für sich stehenlassen und ihm ein ruhiges Pendant zur Seite stellen, mit einem transparenten Gelenk dazwischen“, erklärt Marlies Breuss.

Drei Teile, das klingt einfach, doch das darin unterzubringende Programm war komplex. Der bisherige Mix aus Veranstaltungssaal, Ausstellungsbereich, Literaturhaus und Volkshochschule wurde ergänzt um einen Teil des Landesarchivs und alle 140.000 Bände der Landesbibliothek. Dafür organisierten Holodeck die Gesamtanlage neu: Das Eingangsniveau wurde abgesenkt, um barrierefrei zu werden, Eingang und Vorplatz deutlich zur benachbarten Schule hin orientiert, um einen gemeinsamen Platz zu schaffen. Der Verbindungstrakt zur Schule wurde abgebrochen. Zugunsten einer neuen Verbindung zum Bahnhof, aber auch als architektonische Distanzierung. „Die Schule wurde 2003 saniert mit Wärmedämmung und weißem Putz. Ein Umgang mit der Substanz, der heute nicht mehr zeitgemäß ist – hier wurde der Brutalismus zerstört“, sagt Ogertschnig.

Über den Umgang mit der Substanz und dem Brutalismus wurde in Mattersburg lange debattiert; die Geschichte des Kulturzentrums war eine konfliktreiche. Ein Rückblick im Schnelldurchlauf: Bis auf den Einbau einer „Artbox“ 1998 war der Bau weitgehend im Originalzustand erhalten, bis er im September 2014 plötzlich vom Land Burgenland geschlossen wurde, es bestehe Gefahr im Verzug. In Reaktion darauf formierte sich die Plattform „Rettet das Kulturzentrum Mattersburg“, deren Petition für den Erhalt schnell 2000 Unterzeichner und ein breites mediales Echo fand.
Konfliktreiche Geschichte

Nach einem gemeinsamen Workshop kam vom Land Burgenland die Zusage, das KUZ „in seinen wesentlichen architektonischen Merkmalen“ zu erhalten, man benötige aber unbedingt einen Saal für 600 Personen. Das waren genau rund 51 Sitze mehr als vorhanden (der jetzt eröffnete Saal hat, nebenbei bemerkt, 410 Plätze). Im Juni wurde ein Architekturwettbewerb ausgelobt, im Mai 2016 Holodeck als Gewinner gekürt, doch die Wettbewerbsbeiträge nicht öffentlich präsentiert, man wollte die Diskussion nicht weiter anfachen, so der damalige Kulturlandesrat Helmut Bieler (SPÖ).

Doch genau das passierte, denn ein Bescheid des Bundesdenkmalamts (BDA) verkündete im November 2016 mithilfe einer dürren Filzstiftskizze die Teilunterschutzstellung der „Außenerscheinung des Nordtraktes“. Ein nicht ganz nachvollziehbarer Kompromiss, der eine Welle von Kritik in der Architekturwelt hervorrief. Es war eine kleine Skizze mit großen Folgen, denn sie bestimmte maßgeblich, was ab 2019 schließlich gebaut wurde.

Für den Umgang mit der Ära der Spätmoderne, deren Bauten jetzt ins Sanierungsalter kommen, gibt es hierzulande noch wenige Präzedenzfälle, in jüngster Zeit haben Ernst Beneder mit seiner behutsamen Sanierung des Rathauses Prinzersdorf von 1973 und Riccione Architekten mit der Erweiterung der Pädagogischen Hochschule Salzburg aus den 1960er-Jahren Highlights gesetzt. Auch die Mattersburger Lösung eines Gegenübers von Alt- und Neubeton mit einem Verbindungselement dazwischen klingt wertschätzend, und in der Tat darf der sorgfältig sanierte Sichtbeton des Saals von 1976 jetzt fast so rein wie damals strahlen.

Verräumte Räume

Und doch mischen sich im Detail immer wieder Untertöne in diesen Dialog. Der Bestand wurde genau so weit erhalten, wie vom BDA vorgeschrieben, aber keinen Zentimeter weiter. Die Freiluftarena, früher beliebter Treffpunkt im Freien, ist jetzt nur über den kleinen Lesesaal erreichbar, um dem neuen Vorplatz keine Konkurrenz zu machen. Dabei wäre eine Kombination von beiden über das Foyer hinweg durchaus reizvoll gewesen. Eine denkmalgeschützte Tür bekam im Inneren eine Stahlstiege quer vors Glas gestellt und wird unbenutzbar. Die Büroräume hinter der sanierten Fassade wurden niedriger, weil die neue Gastronomie darunter mehr Höhe brauchte. Sprich: Wenn hier im Dialog jemand nachgeben muss, ist es immer der Altbau.

Besonders deutlich im Inneren: Die Kontur des alten Saals, nach außen noch voll präsent, ist im Inneren nicht mehr wahrnehmbar, sondern angefüllt mit sich überlagernden Räumen, Wegen, Materialien, Oberflächen, verräumt in die Kubatur, die man zur Verfügung hatte. Fast hat man den Eindruck, dass sich die Architekten eigentlich lieber frei auf einer Tabula rasa entfaltet hätten, als sich an eine Filzstiftskizze zu halten und mit einem Felsbrocken von brutalistischer Kraft auseinanderzusetzen.

Herwig Udo Graf, der zur Eröffnung nicht eingeladen war, sagte schon 2016, man könne seinen Bau jetzt auch gleich ganz abreißen. Das allerdings wäre ein großer Verlust gewesen. Denn ein konfliktreicher Dialog ist immer noch besser als eine Tabula rasa. Im günstigsten Fall entsteht durch diese Reibungsflächen tatsächlich: Kultur.

30. April 2022 Der Standard

Selbst werden

Kämpferisch und stolz, euphorisch und vergänglich, privat und öffentlich, sichtbar und unsichtbar. Queer Spaces haben viele Gesichter und Definitionen. Ein undogmatisches Buch stellt sie jetzt in aller Breite vor.

Paul Goldberger, der langjährige Architekturkritiker der New York Times, ist alles andere als eine wilde Disco-Maus. Doch Arata Isozakis neuer Palladium Club in der East 14th Street bewegte ihn im Jahr 1985 zu einer jubelnden Eloge. Dies, schrieb er gönnerhaft, sei tatsächlich eine Diskothek, die architektonisch ernst zu nehmen sei, anders als das legendäre Studio 54, dessen Impresarios mit dem Palladium als Nachfolger die Clubkultur in die 1980er-Jahre katapultieren wollten.

Isozakis Raum war kein verschwitzter Keller, sondern eine luftige Kathedrale. Riesige Dimensionen, scharfe Kanten, und, damals Gipfel des Hightech, Dutzende Videobildschirme. Als gigantisches Altarbild über den Tanzenden ein Wandgemälde von Keith Haring.

Es war ein Neuanfang und ein Ende der queeren New Yorker Disco-Kultur, eröffnet in dem Jahr, als Aids vom Gerücht zur tödlichen Gewissheit wurde. Fünf Jahre später war Keith Haring tot, und die Pet Shop Boys besangen in Being Boring, dem wohl empathischsten und bewegendsten unter ihren Songs, „all the people I’ve been kissing, some are here and some are missing“.

Die Euphorie des Moments und die Melancholie der Vergänglichkeit sind ein Kontinuum der queeren Erfahrung, und sie ziehen sich als doppelter Leitfaden durch ein diese Woche erscheinendes Buch, das sich jenen Räumen widmet, in denen diese Erfahrungen stattfinden. Auch und gerade jenen, die nicht durch die Hand eines Stararchitekten veredelt wurden. Queer Spaces: An Atlas of LGBTQIA+ Places and Stories erscheint beim ehrwürdigen Royal Institute of British Architects (Riba), und die Herausgeber Adam Nathaniel Furman und Joshua Mardell öffnen darin mehr als nur eine Tür.

Alltäglich besonders

Es sind alltägliche und besondere Räume darunter, öffentliche und private. Manche sind statisch, manche sind in Bewegung wie der katalanische Nahverkehrszug, in dem Autorin Ailo Ribas auf dem Weg vom Familienbesuch als Sohn zurück nach Barcelona ihre Brüste anlegt und wieder sie selbst wird. Queer Space, schreibt sie, sei jeder Ort, an dem man das richtige Verhältnis zur Veränderung leben könne. Unter den Wohnhäusern sind solche, in denen die Architektur sich von allen Konventionen löst wie in jenem eines japanischen schwulen Paares, das sich von Osamu Ishiyama das Haus als fensterlosen Ein-Raum-Hangar entwerfen ließ, ebenso wie solche, die durch das Bewohnen zu etwas Besonderem wurden, wie das Haus im walisischen Plas Newydd, in dem Eleanor Butler und Sarah Ponsonby zwischen 1779 und 1829 gemeinsam lebten.

Wir sehen Badehäuser in Mexiko-Stadt, den seit 1966 bestehenden New Sazae Club in Tokio, ein Buchklub für Introvertierte in Bangkok, eine Dachterrasse in Dhaka, wo die in Bangladesch traditionell anerkannten genderfluiden Hijra eine selbstkonstituierte Familie bilden, ebenso das Hotel Gondolín, das seit den 1990er-Jahren den „travestis“ von Buenos Aires eine Heimat bietet.

Queer Spaces ist ein undogmatisches Kompendium, das auf akademischen Jargon und fußnotensatte Erklär-Essays verzichtet. Durchaus bewusst, sagt Adam Nathanial Furman: „Viele Architekten gehen auf eine Art Safari und nehmen dann das, was sie beobachtet und analysiert haben, in Besitz. Robert Venturi und Denise Scott Brown taten es in den 1960er-Jahren mit Las Vegas, und auch das queere Design wurde oft vereinnahmt. Unser Buch ist das Gegenteil davon. Wir wollen kein Label auf alles kleben.“

Ebenso wenig sollte das Buch eine kuriose Anekdotensammlung werden, denn das würde die Seriosität den Protagonistinnen und Protagonisten gegenüber vermissen lassen. Das Persönliche ist bekanntlich das Politische, und hier ist es auch Architektur. „Als Architekturstudent fand ich es geradezu erniedrigend, dass es keine Referenzen gab, mit denen ich erklären konnte, was ich wollte“, erinnert sich Furman. „Ich wollte das Buch machen, das mir damals geholfen hätte und hoffentlich jungen Menschen heute ein bauhistorisches Startpaket bieten kann.“ Mitherausgeber Joshua Mardell wiederum brachte die methodische Klarheit des Historikers und einen nordenglischen Working-Class-Hintergrund ins Spiel, der wichtige Erkenntnisse liefert. Denn auch Reihenhäuser und Pubs in Sheffield reihen sich unter die queeren Räume – nordenglische Stahlarbeiter waren keineswegs rein heterosexuell. Blickt man durch diesen Filter, ergibt ihre Buchnachbarschaft zu den überbordenden Traumschlössern des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. durchaus Sinn.

Mit ihrem Forschen über Queer Spaces außerhalb der Hochschulen sind Furman und Mardell nicht allein. Auch die österreichischen Architekten Christian Haid und Lukas Staudinger, die in Berlin das Büro für Stadtvermittlung Poligonal betreiben, erforschen das Thema seit längerem. Ihr Online-Archiv Queering Common Spaces versammelt ohne Hierarchie individuelle Geschichten aus Berlin und Tbilisi. „Die Idee war, mit einem Archiv für queere Praktiken im Stadtraum eine Sichtbarkeit herzustellen“, sagt Lukas Staudinger. „Wir würden uns nicht anmaßen, diese Geschichten aus zweiter Hand nachzuerzählen.“

O-Ton im Stadtraum

Dies gilt auch für ihr Projekt „Nothing that ever was changes. Disappearing queer spaces in Berlin“, für das Haid und Staudinger Interviews mit LGBT-Protagonistinnen der 1970er- und 1980er-Jahre wie Rosemarie Bijan, Besitzerin und Wirtin des Frauenladens Lipstick, führten, und dessen O-Töne via App und QR-Code abrufbar sind und sich mit dem Stadtraum überschneiden.

Dass dem Begriff „queer“, der sich nicht auf spezifische sexuelle Orientierungen bezieht, eine Beweglichkeit zu eigen ist, macht ihn in Zeiten umkämpfter Definitionsgrenzen ideal, um Räume zu öffnen. „Es lebt von den Praktiken, davon, dass Menschen in diesen Räumen etwas tun. Insofern kann an sich jeder Raum gequeert werden“, sagt Christian Haid, und das hat laut Staudinger auch Konsequenzen für die Architektur: „Es ist wichtiger, Netzwerke zu stärken und zu fördern als ein queeres Haus zu bauen – was auch immer das sein mag. Die Räume finden sich schon, wenn das Netzwerk stark genug ist.“

Vielleicht ist es das, was diese Räume so viele Geschichten erzählen lässt. Sie sind Orte des Handelns, des Feierns, des Werdens. Die Idee eines verborgenen Selbst, das sich unter den richtigen Bedingungen entfalten kann, wie es die britische Schriftstellerin Olivia Laing im Vorwort zu Queer Spaces perfekt zusammenfasst – mit einer Songzeile aus Being Boring: „I never dreamt that I would get to be the creature that I always meant to be.“

[ Adam Nathaniel Furman, Joshua Mardell, „Queer Spaces“. € 47,50 / 240 Seiten. Riba Publishing, 2022 ]

Publikationen

2017

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter? Die Ausstellung ist ein Plädoyer für den Fortschritt in Architektur, Wohnungsbau und Städtebau. Wie wir wohnen ist nicht unseren Genen geschuldet, wie wir wohnen ist ein über Generationen an gelerntes Verhalten, dessen Weiterentwicklung von der Dauerhaftigkeit
Hrsg: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell
Autor: Maik Novotny, Kristin Feireiss, Kaye Geipel, Anna Popelka, Georg Poduschka
Verlag: PPAG, Aedes Architekturforum

2014

PPAG: Speaking Architecture
Phenomenology / Phänomenologie

Ein Elefantenhaus, ein Wohnberg, ein Dorf am Dach. Eine offene Schullandschaft, ein barockes Parkhaus, ein silbern schimmernder Windkanal. Das Wiener Büro PPAG architects, 1995 von Anna Popelka und Georg Poduschka gegründet, denkt Architektur mit Scharfsinn, Lust und Erfindergeist immer wieder neu. Ihr
Hrsg: Maik Novotny
Autor: Anna Popelka, Georg Poduschka, PPAG
Verlag: Ambra Verlag

2007

Eastmodern
Architecture and Design of the 1960s and 1970s in Slovakia

Eastern modernist architecture of the 60’s and 70’s is moving away from the specialized focus of international architecture debates and becoming a subject of discussion within the broader context of general interest. The excellent photos in the book convey the flair of an era in which planning was obviously
Autor: Maik Novotny, Hertha Hurnaus, Benjamin Konrad
Verlag: SpringerWienNewYork