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16. April 2022 Der Standard

Der Atem der Geschichte

Ievgeniia Gubkina hatte den Architekturführer für ihre Heimatstadt Charkiw druckreif fertig. Dann kam der russische Überfall. Ein Gespräch über Baugeschichte, Krieg und die Architektur als emotionales Material.

Sie hat Führungen organisiert, Bücher publiziert, dissertiert, mehrere NGOs mitgegründet. Ein Leben für die moderne Architektur der ukrainischen Sowjetmoderne und ihren Erhalt. Dann musste die Architekturhistorikerin Ievgeniia Gubkina vor dem Krieg flüchten. Vorige Woche hielt sie in Wien auf Einladung der Initiative Claiming*Spaces der TU Wien und der IG Architektur einen Vortrag. der STANDARD traf sie zum Gespräch.

Standard: Sie sind vor kurzem aus Ihrer Heimatstadt Charkiw nach Lettland geflüchtet. Wie waren die letzten Wochen für Sie?

Gubkina: Der ukrainische Politiker und Aktivist Juri Gudymenko, der gerade kämpft, sagte: „Der Atem der Geschichte weht jetzt in die Seiten der Bücher.“ Und er hat recht. Es ist ein tragisches Gefühl, wenn man sich im Atem der Geschichte wiederfindet. Ich sagte diesen Satz zu meinen Teenagernichten, mit denen ich flüchtete, und sie verstanden es sofort und sagten: Genau so fühlt es sich an. Wie ein reales Ding, das atmet und das unheimlich und viel zu groß ist.

Standard: Hat Sie der Einmarsch überrascht?

Gubkina: Ich bin dieses Mal nicht in Tränen ausgebrochen, weil ich das schon vor acht Jahren getan habe. Als am 1. März 2014 der russische Föderationsrat die Armee zum Einmarsch in andere Staaten berechtigte, war mir klar, dass das Krieg bedeutet. Meine regimekritischen russischen Freunde sagten damals: Ach was, das sind doch nur Worte! Doch sie vergaßen die Kriege in Tschetschenien, Georgien und Syrien. Und sie glaubten die Worte nicht.

Standard: Sie halten dieser Tage Vorträge in Wien, Prag, Brno und Warschau über die Architekturgeschichte der ukrainischen Moderne. In einem langen Instagram-Post reflektierten Sie vorab darüber, warum man über Architektur reden kann, während Menschen umgebracht werden.

Gubkina: Wir denken, dass Kultur in diesen Zeiten nicht wichtig ist. Auch mir selbst ging das zeitweise so. Wenn man die Nachrichten aus Butscha liest, denkt man: Jetzt ist mir Kultur komplett egal. Das ist ein normaler Selbstschutzmechanismus. Aber es ist eine Illusion, dass wir die Wahl haben zwischen Kultur und Überleben, diese Entscheidung gibt es ja in der Realität nicht. Natürlich, eine Vortragsreise hält das Morden nicht auf. Aber wir müssen die Lage reflektieren, wir müssen weiterdenken. Eines Tages wird der Krieg vorbei sein, und worüber reden wir dann? Denn wenn wir dann keine Erklärungen haben für das, was passiert ist, wird es noch schmerzhafter sein.

Standard: In der Berichterstattung über den Krieg spielt Architektur eine Hauptrolle. Wir sehen Vorortvillen in Butscha, Plattenbauten in Mariupol, historistische Fassaden in Kiew. Auf absurde Weise erfahren wir so sehr viel über den Charakter dieser Städte, während dieser Charakter zerstört wird.

Gubkina: Aber in unserem Blick auf die Architekturgeschichte vergessen wir oft, dass all diese Gebäude eng mit dem Fleisch und Blut der Menschen verbunden sind, die in ihnen wohnen. Ihre Zerstörung ist ein Nachweis, dass gemordet wird. Ich habe ein Video gesehen, auf dem Raketen in einen 1970er-Jahre-Wohnblock in Charkiw einschlagen, und das war für mich nicht nur ein Schlag gegen alles, für das ich mich engagiere, sondern auch wie ein Schlag gegen meinen eigenen Körper, ein physischer Schmerz.

Standard: Wie ist die Situation in Charkiw derzeit?

Gubkina: Es ist wie ein Stadtplanungsbüro, in dem der Chef sagt: Heute kümmern wir uns um Krankenhäuser. Aber nicht um das Bauen, sondern um das Zerstören. Es ist Stadtplanung im Rückwärtsgang, es ist Anti-Architektur. Und sie ist systematisch geplant.

Standard: Sie beschäftigen sich besonders mit dem Konstruktivismus der 1920er-Jahre wie dem Derschprom-Komplex in Charkiw. Welche Rolle spielt diese Zeit im Spannungsfeld zwischen russischer und ukrainischer Sowjetarchitektur?

Gubkina: Ich habe dort viele Führungen geleitet, und die Leute wurden immer sehr emotional. Sie haben geweint vor Ergriffenheit! Sie wollten imperiale Architektur sehen, weil sie sich dann als Teil von etwas Großem fühlen konnten. Dann erzählte ich ihnen von der Neuen Ökonomischen Politik der 1920er und der Industrie in der Ukraine. Aber das hat die Zuhörer nicht interessiert. Sie wollten Stalin, sie wollten das Grandiose, und jede zusätzliche Information macht das Grandiose kleiner. Aber kleine Geschichten sind wahrhaftiger, und wenn man genauer hinschaut, sind sie auch gar nicht so klein. Wie bei David und Goliath. Die Davids sind viel interessanter als die Goliaths!

Standard: Sie hatten Ihren Charkiw-Architekturführer gerade fertiggestellt, als der Krieg begann. Was passiert jetzt mit dem Buch?

Gubkin: Das Buch hat eine lange Geschichte. Geplant war es seit acht Jahren, aber zuerst schrieb ich andere Bücher, und mein Charkiw-Buch wartete im Hintergrund. Im Dezember 2021 beschloss ich, es endlich fertigzustellen. Dann kam der Krieg. Etwa die Hälfte der Gebäude im Buch ist heute zerstört oder beschädigt. Jetzt haben der Verlag und ich beschlossen, dass die Realität des Krieges unbedingt in dieses Buch hineinmuss. Die SMS-Nachrichten von Freunden aus den ersten Tagen des Krieges. Die Geschichten von Menschen, die in diesen Gebäuden starben. Ich nenne es „emotionales Material“, und das gehört auch in solche Bücher.

Standard: Manche Ihrer Freunde sind in Charkiw geblieben. Pavel Dorogoy, der für Ihr Buch die Gebäude fotografiert hat, und die Konservatorin Kateryna Kublytska dokumentieren jetzt die Zerstörung der historischen Bausubstanz.

Gubkin: Auf der Flucht nach Lettland hatte ich das Gefühl, meine Handlungsmacht zu verlieren. Ich war das passive Objekt der Hilfe anderer Leute. Mir wurde klar, dass das mit Würde zu tun hat. Würde heißt, eine Wahl zu haben. Meine Freunde haben die sehr schwere Wahl getroffen, Helden zu sein. Helden des Denkmalschutzes, Helden der Architektur in einer Zeit der atmenden Geschichte.

Standard: Was ist Ihre Rolle? Was kann man aus der Distanz, aus dem Exil für Charkiw tun?

Gubikin: Für den konkreten Schutz der Gebäude kann ich nichts tun. Das war schwer zu akzeptieren. Muss ich alle verschwundenen Bauten zählen? Ich weiß nicht. Muss ich sie dokumentieren? Vielleicht. Aber vor allem sollte ich versuchen, zu begreifen, was passiert. Mit mir, mit der Ukraine, mit der Gesellschaft, mit der Architektur. Ich bin nicht dort. Ich bin keine Heldin. Ich denke nur nach. Das ist vielleicht kein großartiger Job während eines Krieges, aber jemand muss es tun. Irgendwer muss nachdenken.

Ievgeniia Gubkina ist Architektin, Architekturhistorikerin und Kuratorin aus Charkiw. 2015 erschien ihr Architekturführer zu Slavutych, 2019 „Soviet Modernism. Brutalism. Post-Modernism“. 2020 kuratierte sie das Onlineprojekt Ukrarchipedia.

2. April 2022 Der Standard

In der Scheune liegt die Kraft

Das Deutsche Architekturmuseum zeigt die beste Architektur auf dem Land, mit viel Lob für Österreich. Hierzulande wird inzwischen intensiver über den ländlichen Raum geforscht.

Das Ländliche ist in Deutschland ein seltsames Phantom. Es geistert durch die Berliner-Hipster-ziehen-nach-Brandenburg-Romane wie jenen von Juli Zeh, wo es schon aus Gründen der Erzähldramaturgie gerne als größtmöglicher Gegensatz zum Städtischen ausgemalt wird, als etwas, das man betrachtet wie ein faszinierendes, aber fremdartiges Insekt. Die reden komisch, fahren Traktor und haben zweifelhafte politische Ansichten! Auch in der ruralen Realität ist von Romantik wenig übrig zwischen niedersächsischem Schweinemast-Gulag und Allgäuer Milchwirtschaftsindustrie. Das Handwerkliche wurde, anders als in der Schweiz oder Österreich, mit deutscher Gründlichkeit wegindustrialisiert.

Doch das ändert sich, denn das Land ist nach gut 20 Jahren Abfeiern des Urbanen wieder in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit zurückgependelt. Höchste Zeit, denn immerhin rund 47 Millionen Deutsche leben nicht in Städten, sondern hier. Schön hier ist der Titel der soeben eröffneten Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums (DAM), die sich voll und ganz dem Ländlichen widmet. Schön ist es in der Tat am Ausstellungsort, einer 125 Jahre alten Scheune im Freilichtmuseum Hessenpark, der sowohl thematisch passt als auch als Ausweichquartier für das zurzeit renovierte DAM-Haupthaus in Frankfurt dient.

Das Schöne im Ländlichen ist heute nicht mehr nur in Freilichtmuseen zu finden. Es wurde wachgeküsst. Die Auswahl der insgesamt 70 gezeigten Bauten hat ganz klar einen architektonischen Schwerpunkt, es ist eine durchweg schön anzusehende Parade vorbildhafter Einzelbauten. Vorgestellt werden sie aus der Sicht ihrer Architekten und Bauherren, das heißt: von Bürgermeistern, Winzern oder der Leiterin eines Kindergartens. Denn auf dem Land, das zeigen auch die Erfahrungen in Österreich mit dem LandLuft-Baukulturgemeindepreis, könnten engagierte Einzelpersonen und Gruppen einen großen Unterschied machen.

Gestärkte Ortskerne

Die geografische Bandbreite mag dabei etwas gießkannenhaft erratisch wirken, sie reicht von der Bretagne über Lothringen bis nach Dänemark und Norwegen und damit weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Aber: „Es war uns wichtig, die enorme Vielfalt darzustellen; der Schwerpunkt Europa ergab sich aus dem Wunsch, in Deutschland von diesen Projekten lernen zu können“, erklärt Kuratorin Annette Becker.

Enger gefasst sind die vier Schwerpunktregionen, die mit Initiativen über das Einzelobjekt hinaus als Vorbilder dienen: Thüringen und der Schwarzwald in Deutschland, Valendas in der Schweiz und Krumbach im Bregenzerwald. Im Südwesten wurde 2020 die Initiative „Bauwerk Schwarzwald“ gegründet, das als „Kompetenzzentrum für Schwarzwälder Architektur, Handwerk und Design“ als Wissensvermittler und Vernetzer fungiert. In Thüringen, wo sich die Internationale Bauausstellung speziell dem Thema Stadt/Land widmet, siedelten sich die Architekten Studio Gründer Kirfel in einem Schloss an, das als Basis für die Arbeit an der regionalen Baukultur dient.

Es überrascht wenig, dass die Stärkung der Ortskerne als Gegenmodell zum neuen Einfamilienhausgebiet zwischen Kreisverkehr und Waldrand ein Leitmotiv der Ausstellung ist. Einerseits durch öffentliche Bauten wie Gemeindezentren, Kitas und Kulturzentren, andererseits durch feinfühlige Um- und Zubauten: der Kindergarten Unterach am Attersee von Hohengasser Wirnsberger, ein restauriertes Bruchsteinhaus im Westerwald von Heltwerk Architekten oder die Umgestaltung des Dorfkerns im schweizerischen Cressier von LVPH Architectes und viele mehr.

„Es ist wichtig, vom Neubau zum Umbau zu kommen,“ sagt Annette Becker. „Der Bestand an Gebäuden bietet so viele Möglichkeiten. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch sozial, wenn Sie an die Hofreiten denken, die eine neue Heimat für unterschiedlichste Familienkonstellationen bieten können.“ Für Interessenten, die den Weg in die hessische Provinz nicht wagen, wird die Ausstellung mit einem umfassenden Begleitprogramm ergänzt, darunter Online-Weiterbildungsseminare und Symposien, und danach auf Wanderschaft gehen, sechs Gemeinden haben sich bisher dafür gemeldet.

Die Architektur ist länderunabhängig von hoher Qualität, und doch fällt auf, wie oft von neuen deutschen Regionalinitiativen der alpine Raum fast ehrfürchtig als Vorbild gelobt wird. Besonders Vorarlberg und der Bregenzerwald sind zu einer Art Austro-Exportschlager geworden, der von Delegationen aus nördlichen Gebieten besucht wird.

Voneinander lernen

Das bestätigt auch der Architekt Roland Gruber, der mit seinem Büro Nonconform Ideenwerkstätten in Gemeinden beider Länder konzipiert und auch an der DAM-Ausstellung beteiligt ist. Was den ländlichen Raum angeht, können und sollen beide voneinander lernen: „Ich würde gerne die Lockerheit, mit der wir in Österreich schöne Gebäude errichten, nach Deutschland exportieren und die strengen Regelungen, wo überhaupt gebaut werden darf, von Deutschland nach Österreich. Denn die Zersiedelung können wir uns nicht mehr leisten.“ Bayern, wo auf Landesebene entschieden wird, wo gebaut werden darf, sei hier ein Vorbild.

Aber auch Österreich ruht sich nicht auf seinen ländlichen Lorbeeren aus. An der TU Wien wurde im April 2021 das Center für den Ländlichen Raum eingerichtet. „Es gibt sehr viel Wissen, aber bislang keine Stelle, die es gebündelt hat“, erklärt Isabel Stumfol, die das Center koordiniert. Geforscht wird beispielsweise zum Thema Einfamilienhaus, ansonsten ein Tabu an Architekturhochschulen. „Einfamilienhäuser sind ein Problem, aber es ist keine Lösung, mit dem Finger auf Bauherren zu zeigen, es gibt hier kein einfaches Schwarz und Weiß.“

Außerdem: eine Summerschool und ein Handbuch zum Leerstandsmanagement und die „Landuni“ Drosendorf, die diese Woche ihr erstes Semester startete. „Ich glaube, dass die Antworten für viele Zukunftsfragen im ländlichen Raum liegen, das geht aber nur interdisziplinär“, sagt Stumfol. „Das Bild des ländlichen Raums schwankt zwischen Schwarzmalerei und Romantisierung, aber beides stimmt nicht mit der Realität überein.“ Zeit für einen Reality-Check zwischen Acker und Scheune.

Schön hier. Architektur auf dem Land.

[ Deutsches Architekturmuseum (DAM) in Kooperation mit dem Freilichtmuseum Hessenpark bis 27. November 2022 ]

12. Februar 2022 Der Standard

Architektur in der Antarktis: Über und unter dem Eis

Ein Buch widmet sich der 100-jährigen architektonischen Geschichte der Antarktis. Eine Annäherung von Mensch und Natur in einer Welt aus Frost, Sturm und Finsternis

Werner Herzog hat vermutlich mehr gesehen im Leben als die meisten Menschen auf dem Planeten. Aber als sich das 25 Tonnen schwere Trumm in sein Blickfeld schob, dürfte auch der deutsche Filmveteran mit den Augen gerollt haben. „Ivan the Terra Bus“ stand weiß auf rot darauf gepinselt. Ein rührend unbeholfenes Wortspiel, irreführend noch dazu, denn das Gefährt stand nicht auf Erde, sondern auf meterdickem Eis.

Werner Herzog war soeben in der Antarktis gelandet, der rote Terra Bus war sein Shuttle zur größten Siedlung auf dem polaren Kontinent: McMurdo Station, 1258 Einwohner. Von der Architektur des Ortes war Herzog, wie er in seinem Film Encounters at the End of the World (2007) erklärt, etwas enttäuscht. „Ich hatte keine unbe rührte Landschaft erwartet, aber McMurdo sah aus wie eine hässliche Bergarbeiterstadt voller Bagger und Baulärm.“

Der Kontrast zwischen der kristallinen Reinheit des ewigen Eises und dem Chaos aus Containern und Gatsch ist typisch für die Geschichte menschlicher Besiedlung der Südpolarregion. Die Architekturgeschichte der Antarktis ist über ein Jahrhundert alt, dokumentiert wurde sie nie. Bis jetzt. Denn das kürzlich erschienene monumentale Buch Antarctic Resolution tut genau dies, und zwar in biblischer Breite.

Herausgeberin Giulia Foscari, Architektin und Leiterin des Thinktank-Büros Unless, hatte schon 2014 in Elements of Venice ihre Heimatstadt Venedig mit Präzision auseinandergenommen. Nach der lückenlosen Verdichtung menschlichen Kulturschaffens widmete sie sich nun dem weißen Nichts. Dabei liegt die Faszination der Antarktis auf der Hand. Sie ist der einzige Kontinent ohne eingeborene Bevölkerung, sie ist ein grausam schönes monochromes Monstrum, das jede menschliche Behausung verweht, zerdrückt, verschluckt.

Mit Klavier und Projektor

„Während wir versuchen, Wohnstrategien in Extremregionen zu verbessern, stößt die Antarktis alles, was wir auf dem Eis bauen, buchstäblich ab“, schreibt Foscari. Auch die Architekturgeschichte beginnt natürlich mit den Heroen Robert Scott und Roald Amundsen. Die britische Expedition errichtete in Cape Evans eine Art koloniale Holzhütte, in der sie 1911–1913 „in vorzüglichem Komfort“ gentlemanhaft residierte, mit Klavier, Grammofon und Filmprojektor. Die Norweger gingen einen anderen Weg: Ihre Station Framheim wurde ins Eis hineingebaut, technisch klug und effizient. Cape Evans steht heute noch, Framheim ist durch das Ross-Schelfeis auf den Boden des Ozeans gesunken, doch beide Stationen stehen als Prototypen bis heute für Architektur, die sich mit oder gegen die Naturgewalten stellt.

Bestes Beispiel: die mittlerweile sechs Generationen der britischen Halley Station. Die erste von 1956 war eine Holzhütte im Scott’schen Sinne, Halley II (1967) eine zehn Meter im Eis versenkte Stahlkonstruktion, die schon sechs Jahre später wieder aufgegeben wurde. Halley III hielt immerhin zehn Jahre, bis sie vom Eis verschluckt wurde, die zerquetschten Reste der Basis wurden später von der Besatzung eines Forschungsschiffs mitten in einer Eiswand gesichtet: Die Antarktis hatte den Stahl geradezu verdaut. Halley V versuchte, mit höhenjustierbaren Stelzen der Naturgewalt zu entkommen, Halley VI (2012), zweifellos eine der schönsten Stationen, erinnert mit ihren modularen blauen Space-Kapseln an die Zukunftsvisionen von Archigrams Walking Cities der 60er-Jahre.

Leichtbau-Träume

Die USA evozierten 1975 mit der geodäsischen Kuppel der Amundsen Scott South Pole Station Buckminster Fullers Leichtbau-Träume, das deutsche Team aus Bof Architekten und Ramboll-Ingenieuren verlieh 2012 der indischen Station Bharati eine schnittige Hülle, die an einen Sportwagen erinnert, und die Brasilianer Estudio 41 gaben der aerodynamischen Station Comandante Ferraz (2020) die Eleganz einer Bondbösewichtvilla.

Die Herausforderungen sind enorm: Temperaturen bis minus 89 Grad und Windgeschwindigkeiten bis 260 km/h. Baumaterial muss per Schiff und Helikopter angeliefert werden, der Transport ins Inland kann Wochen dauern, gebaut werden nur im antarktischen Sommer. Mangels antarktischer Infrastruktur übernehmen die Städte Kapstadt, Christchurch, Hobart, Punta Arenas und Ushuaia stellvertretende Rollen als „Polar Gateways“.

Auch das Innenleben der Forscherstationen muss sich den Extremen stellen. Schon 1898/99 konstatierte die erste Winterexpedition „Melancholie und Depression“ in den dunklen Monaten. Damals versuchte man, mit Kaminfeuern als Form der Lichttherapie gegenzusteuern, heute kommen Farbpsychologie und Zedernholz zum Einsatz, um der Sinnesverarmung durch das Umfeld zu begegnen.

Bei aller wissenschaftlichen Strenge sorgt das Leben in der Extremsituation für zahlreiche Kuriositäten: Die 1961 eröffnete Kegelbahn der McMurdo Station mit ausgestopften Pinguinen als Kegel, eine einsame sowjetische Lenin-Büste am Südpol der Unzugänglichkeit, die 2008 von der Künstlerin Anne Noble fotografisch festgehaltenen „Piss Poles“: gelbe Fahnen, die die Stellen fürs Urinieren markieren. Oder das argentinische Paar, das 1977, auf dem Höhepunkt der Rivalität mit Chile, in die Antarktis geflogen wurde, um dort das erste Baby des Kontinents zu bekommen. Trotz dieser geopolitischen Statements hat sich die Antarktis ein Stück grenzenloser globaler Utopie bewahrt: Im Antarktis -Vertrag, am 1. Dezember 1959 mitten im Kalten Krieg unterzeichnet, verpflichteten sich die Nationen zur friedlichen Nutzung des Kontinents.

Doch auf globaler Ebene hat sich das Machtverhältnis zwischen vergänglicher menschlicher Intervention und ewigem Eis umgekehrt. 1985 wurde das Ozonloch über der Antarktis entdeckt, 2021 sorgte der Doomsday Glacier für Schlagzeilen, denn der Thwaites-Gletscher, doppelt so groß wie Österreich, zeigt dramatische Auflösungserscheinungen. Sollte das gesamte Eis am Südpol schmelzen, würde der Meeresspiegel um rund 60 Meter steigen, Berlin, Paris und Peking würden sich in die Tiefe verabschieden wie Amundsens Framheim. Hier in der südlichen Unzugänglichkeit zeigt die Erde mehr als anderswo ihre fragile Hülle.

5. Februar 2022 Der Standard

Brennende Fragen

Das Architekturzentrum Wien eröffnet mit „Hot Questions – Cold Storage“ seine neue, überbordende Dauerausstellung, an deren Ende eine Frage steht: Wann bekommt Österreich endlich ein Architekturmuseum?

Und das hier, erklärt der bärtige Mann in roter Hose und roten Schuhen, ist ein Terrassenhaus. Jede Wohnung hat die gleiche Fläche als Garten vor dem Fenster, das sei elementar. Großer Applaus im Saal. Moderator Dietmar Schönherr schaut interessiert auf das große Architekturmodell. Minutenlang erklärt der farbenfroh gekleidete Friedensreich Hundertwasser an diesem 26. Februar 1972 in der Mainzer Rheingoldhalle den Millionen Fernsehzuschauern von Wünsch dir was seine Ideen.

Jetzt darf er das auch jahrelang auf einem Bildschirm im Wiener Architekturzentrum tun, während hinter ihm das Paneel einer mit photoaktiven Algen gefüllten Fassade (Splitterwerk Architekten) grün vor sich hin blubbert. Ja, sogar Hundertwasser, der Gottseibeiuns der Architekten, hat seinen Platz in der neuen Schausammlung, die diese Woche eröffnete. Denn bei aller Kritik am Dekokitsch seiner realisierten Häuser wird man wehmütig bei dieser Fernsehszenerie. Heute scheint es undenkbar, dass in einer Samstagabendshow ausführlich über Architektur gesprochen wird, noch dazu anhand eines Modells.

Hot Questions – Cold Storage heißt die Dauerausstellung, die die seit 2004 bestehende Vorgängerin a_schau ablöst. „Cold Storage“, das verweist auf das AzW-Depot in Himberg, in dem sich inzwischen die größte Sammlung zur österreichischen Architektur überhaupt befindet, die mit über 100 Vor- und Nachlässen auf Fabrikhallengröße angewachsen ist. Über 400 Exponate davon sind jetzt in Wien zu sehen, ins Archiv selbst bekommt man per Video einen Einblick.

Sowohl in ihrem Konzept als auch in ihrer Erscheinung markiert die Schau eine Zäsur. „Vor 17 Jahren sind wir den Meistererzählungen gefolgt und zeigten einzelne Projekte“, erklärt Kuratorin Monika Platzer, die damals gemeinsam mit Gabriele Kaiser die a_schau und jetzt die Nachfolgerausstellung konzipierte. „Heute verfügen wir über neue Erkenntnisse und stellen uns andere Forschungsfragen in den Bereichen Klima und Politik, oder der Genderthematik.“

„Wer spielt mit?“

Ein braves chronologisches oder biografisches Abhaken von Architekturgeschichte wird hier eindeutig nicht betrieben. Sieben titelgebende heiße Fragen bilden stattdessen das Ordnungssystem für die Antworten liefernden Exponate. Eine davon lautet „Wer spielt mit?“ und ist mit seiner selbstreflexiven Metaebene so etwas wie der Schlüssel des Ganzen. Denn hier geht es darum, wer bestimmt, welche Architektur und welche Architekten relevant sind. Dieser Kanon, das weiß und zeigt die Ausstellung, ist immer subjektiv. Hier verweist sie auf frühere Ausstellungen der Arbeitsgruppe 4 zu Wien um 1900 im Jahr 1964 und die von Hans Hollein konzipierte Blockbusterausstellung Traum und Wirklichkeit von 1985, die beide den (künstlerischen wie monetären) Wert jener in Vergessenheit geratenen Ära maßgeblich bestimmten.

Hier kommt auch das Thema Frauen in der Architektur zur Sprache, plakativ in Form von zwei Barbiepuppen aus der Serie „I can be“ – Frau Architektin, Frau Ingenieurin. „Erstaunlicherweise gab es 1938 schon über 200 registrierte Architektinnen in Österreich“, sagt Monika Platzer, „doch auf die erste Professorin an einer Architekturhochschule, Nasrine Seraji, musste man bis 1996 warten.“

Diese und die weiteren sechs Fragen wurden von den Ausstellungsarchitekten Michael Hieslmair und Michael Zinganel (Tracing Spaces) in regenbogenbunte Installationen zwischen Möbel und Wundermaschine gepackt, eine starke Geste, die durchaus gewollt ist, wie AzW-Direktorin Angelika Fitz betont. „Wir mischen uns hier in die Architekturgeschichte ein und können dabei keine neutrale Position einnehmen. Deshalb ist die Ausstellung auch kein White Cube. Wir wollten auch nicht einfach Objekte hinstellen, sondern sie befragen und zum Leben erwecken.“

Es ist ein wilder Ritt, der dennoch nicht überfordert, sondern dazu verführt, mehr wissen zu wollen. Die Frage „Wie entsteht Architektur?“ präsentiert die Werkzeuge des Architekten wie Skizzen, Modelle und Computer ebenso wie die Räume, in denen Architektur entsteht: die Ateliers zu Hause und die Reisen in die Ferne, die den stetigen Import und Export von Ideen von und nach Österreich illustrieren. „Wie wollen wir leben?“ widmet sich auf sehr kompaktem Raum mit ausgewählten Modellen dem Thema Wohnbau, „Wer sorgt für uns?“ sucht Antworten in Bauten für das Gemeinwohl, von Anton Schweighofers Stadt des Kindes über das Otto-Wagner-Spital bis zu Luigi Blaus serienmäßigem Mistkübel, der 4700-mal in Wien seinen Dienst tut.

Politik und Identität

„Wie überleben wir?“ schlägt den Bogen von Utopien der 1960er-Jahre über Solararchitektur der 1980er und das pragmatische Paradies der Donauinsel bis zum Social Turn von Projekten wie Vinzirast von Gaupenraub Architekten – und hier ordnet sich auch Hundertwassers Terrassenhausfernsehwerbung passend ein. Das politischste Kapitel „Wer macht Stadt?“ stellt kapitalistische und antikapitalistische Ansätze im Wohnbau gegenüber und bringt auch noch die Themen Migration, Emigration und Vertreibung unter, und „Wer sind wir?“ stellt die Frage nach der österreichischen Identität zwischen Wiener und Grazer Schule, zwischen Stadt und Land, zwischen Vorarlberger Neuem Bauen und Betonbrutalismus im Burgenland.

Diese weit ausholenden Antworten machen nicht nur klar, aus wie vielen Geschichten die österreichische Architekturgeschichte besteht, sondern vermitteln auch das Selbstverständnis, die Kompetenz und den Wissensspeicher des AzW. Wenn vieles hier nur angerissen wird, zum Bersten vollgestopft wirkt und Lust auf mehr macht, dann ist das logisch, denn weniger als ein Prozent der Sammlung fand hier Platz. Alles hier will größer sein, so vieles gäbe es noch zu zeigen, jedes der sieben Kapitel wäre eine eigene Ausstellung wert. Doch der Raum und das Budget, die das AzW zur Verfügung hat, sind skandalös klein. Hot Questions – Cold Storage ist ein Signal an die österreichische Kulturpolitik, dass dieses Land endlich ein richtiges Architekturmuseum braucht, und zwar jetzt. Denn die Fragen brennen unter den Nägeln.

24. Dezember 2021 Der Standard

Rhapsodie in Gelb

Meine drei Monate in einer Wundermaschine des Wohnens, zwischen Füchsen und Futurismus und mit sehr viel Glas. Das Leben in einem Haus von Richard Rogers.

Das Begrüßungskomitee kam über Nacht. Es hatte vier Füße und scharfe Zähne. Der Fuchs hatte die Schnürsenkel meiner Laufschuhe, mit denen ich gleich am ersten Tag die Weiten von Wimbledon Common erkundet hatte und die ich mit gatschverkrusteten Sohlen vor der Glasfront stehenließ, lustvoll zerfetzt. Später sollte ich von der Nachbarin erfahren, dass es nicht einer, sondern gleich drei Füchse waren, die hier ihr Revier hatten. Einer von ihnen habe vor Jahren ihren Schoßhund Pippa entführt, der schließlich nach drei Wochen im Fuchsbauexil zerzaust und verwirrt, aber an Lebenserfahrung reicher zurückgekehrt war.

Wimbledon Village ist ein Dorf, eines von vielen in London, mehr Land als Stadt, und Wimbledon Common ist weniger Park als 350 Hektar britische Wildnis, in der man jeden Moment erwartet, dem Personal eines Brontë-Romans oder einer Gruppe Hobbits zu begegnen. Mitten im Dorf, gegenüber der Wildnis: zwei knallgelb gerahmte, eingeschossige Boxen. Das Haus, das der junge Richard Rogers 1968 gemeinsam mit seiner Frau Su für seine Eltern baute, eines seiner ersten Projekte.

Zeitkapsel der Popkultur

Es muss damals ein Alien gewesen sein. Eine Reihe knallgelber Stahlträger, die Seitenwände eines Space-Moduls mit Türen aus dem Fahrzeugbau, dazwischen viel Raum, viel Farbe, und komplett verglaste Fronten zur Straße und zum Garten. Genau die verglaste Front, vor der sich meine Schuh-Fuchs-Konfrontation zutrug, damals im Frühjahr 2017. Drei Monate Stipendium in einer wundersamen Wohnmaschine, einer Zeitkapsel des Jahrzehnts von Popkultur und Zukunftsoptimismus.

Ein Haus, das auch nach über 50 Jahren frisch, frech und provokant inmitten der suburbanen Gediegenheit steht. Der Hügel, auf dem Wimbledon Village liegt, ist nicht nur ein topografischer. Hier wohnen die, die es nach oben geschafft haben oder die nie unten waren. Das galt damals wie heute. Bentleys parken vor Bioläden, es gibt Verkehrsinseln für Pferde, und vor den Cafés lassen sich auch am Wochentag die, die ihr Geld arbeiten lassen, die Sonne auf den Milchschaum scheinen. Währenddessen grassieren unten Wohnungskrise und Obdachlosigkeit – die Themen meiner Stipendiatenforschung. Lebt man drei Monate in dieser schizophrenen Balance, wird die obszöne soziale Ungleichheit dieser Stadt handfest spürbar.

Haus als Möbel

Man wunderte sich nicht, dass Prince Charles, der das schlammig-schweigsame Gummistiefel-England verkörperte und dem alles Südländische und Großstädtische immer fremd war, Rogers später zu seinem Erzfeind erkor, dem er mehrere Projekte dank royaler Intervention abschoss. Rogers, geboren in Florenz, war immer im Herzen ein Kontinentaleuropäer. Als er 1939 mit seinen liberal-kunstsinnigen Eltern ins ländliche Surrey zog, war dies für den Sechsjährigen, wie er später schrieb, „als sei das Leben von Farbe auf Schwarz-Weiß gewechselt“. Sein ganzes Leben und Schaffen ab diesem Zeitpunkt sollten darauf abzielen, dieses Trauma zu korrigieren und mediterranes Licht und Farbe ins graue Porridge-England zu bringen.

Was war beeindruckender in diesem Haus – die Farbe oder der Raum? Sie waren nicht zu trennen. Die Farbe war hier nicht, wie so oft in der Architektur, eine nachträgliche Behübschung, sondern von vornherein Teil des Ganzen. Schiebetüren und Schränke in Orange und Grün. Die gelbe, zehn Meter lange Küchenzeile, mit der man eine stattliche Party versorgen konnte. Was man landläufig „Zimmer“ nennt, gab es nicht, alles war potenziell offen. Gleichzeitig war das Haus selbst ein Möbel, eine Barockkommode in Pop-Farben, mit zahllosen Türen und Schubladen. Es dauerte Tage, bis sie alle erkundet waren, manchmal entdeckte man einen Schrank, manchmal ein ganzes Badezimmer darin.

Drei Monate Leben in einem Glashaus, das verändert das eigene Verhalten. Man wird plötzlich viel ordentlicher und disziplinierter. Die Bettdecke wird schon am Vormittag ordentlich glattgestrichen, und man beginnt zum ersten Mal im Leben, farbig abgestimmte Obstschalen im exakten Abstand „schön“ zu arrangieren. Wohnen im Schaufenster wird automatisch zur Performance. Sind draußen die Bauarbeiter dabei, letzte Hand an die Sanierung des denkmalgeschützten Hauses zu legen, bemüht man sich bei der Forschungstätigkeit im Inneren, mit ostentativ konzentriertem „Ich arbeite übrigens auch“-Gesichtsausdruck in den Bildschirm zu schauen. Man wohnt innen und außen zugleich, man wohnt mit dem Garten und dem Wetter, bekommt jede Veränderung der aufblühenden Frühlingsmonate mit, und spät abends sieht man unter den gelben Vinyl-Jalousien einen der drei Füchse vorbeihuschen.

Als Rogers sich selbst die Ehre gab, um sein in neuem Glanz erstrahlendes Frühwerk zu besichtigen, begriff man sofort, dass er Teil des Hauses und das Haus Teil von ihm war. Leuchtend pink und grün gekleidet, tiefe Lachfalten im Gesicht, noch im hohen Alter eine sonnige Freundlichkeit ausstrahlend. Dieses Haus, das hatte er immer betont, war ein Schlüsselwerk, es war das Scharnier zwischen seiner Familiengeschichte und seiner Karriere. Hier hatten drei Rogers-Generationen gelebt und gearbeitet, und die doppelte Box hatte sich weich und wandelbar an alle Änderungen angepasst.

Hightech-Blaupause

Es war, wie Rogers sagte, die Blaupause (ja, okay, Gelbpause) für das mit Renzo Piano entworfene, 1977 eröffnete Centre Pompidou und für das, was noch folgen sollte und bald Hightech-Architektur genannt wurde. Ein nie ganz passender Begriff, denn so hochtechnologisch war das alles nicht und wollte es auch nicht sein, eher handfest zusammengeschraubt und -geschweißt. Wie bei der Kulturmaschine in Paris wird auch im Haus in Wimbledon die Technik nicht als Maschinenästhetik zelebriert, sondern dient als Ermöglicherin eines von aller Massivität befreiten Innenraums. Alles ist Piazza, könnte man mit dem kulturellen Italiener und leidenschaftlichen Urbanisten Rogers sagen. Man ist nicht Bewohner, sondern Bürger eines Hauses.

Das Centre Pompidou und das Rogers House haben bis heute nichts von der Kraft ihres Versprechens verloren. Sie erzählen von einem Optimismus, der uns heute unerreichbar scheint. Und das graue London ist, nicht zuletzt dank ihm, heller und freundlicher geworden.

11. Dezember 2021 mit Anne Isopp
Der Standard

Wahr, gut und schön

Gerade wurde der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit verliehen. Die Preisträger und Nominierten sind Zeichen eines Paradigmenwechsels vom Neubau zum Umbau.

Das neue Bildungszentrum in Frastanz-Hofen schaut aus wie eine kleine Stadt. Lauter gleich anmutende Häuser mit Satteldach liegen versetzt zueinander und bilden dazwischenliegende begrünte Höfe. Für einen Ortsfremden sieht das alles wie neu gebaut aus. Der Ortskundige könnte auf den ersten Blick meinen, dass nur das alte Schulhaus neu gestrichen wurde. Tatsächlich stand hier schon immer eine Schule, die nun saniert und erweitert wurde. Es ist genau dieses Spiel aus Bekanntem und Unbekanntem, das den Schulbau so interessant macht. Am ungewöhnlichsten ist die Farbgebung: Von der Fassade über die Markisen bis hin zum Vorplatz ist alles in einen erdigen rot-braunen Farbton getaucht.

„Die Farbe polarisiert“, sagt Robert Hartmann, Bauamtsleiter der Marktgemeinde Frastanz. „Wir haben uns das getraut, weil wir finden, dass ein öffentliches Gebäude ruhig auffallen darf.“

Die Gemeinde wollte den Schulbau aus den 1950er-Jahren erhalten. Die Bausubstanz war gut, auch die Grundrisse mit den breiten Fluren und hohen Räume eigneten sich hervorragend für das neue Konzept, das die Pädagogen der Schule erarbeitet hatten. Doch die Ergebnisse des Architekturwettbewerbs waren ernüchternd. Die Jury bat vier der teilnehmenden Architektenteams um eine Überarbeitung, zwei von ihnen durften danach noch ein drittes Mal antreten. Pedevilla Architekten bekamen den Auftrag, ihr Entwurf ging am meisten auf den Bestand ein.

Rückblickend sagt Armin Pedevilla, der das Südtiroler Büro gemeinsam mit seinem Bruder Alexander führt: „Der mehrmalig geäußerte Wunsch des Bürgermeisters, das bestehende Schulhaus mit seinem Satteldach zu erhalten, lässt das Gebäude zu dem werden, was es heute ist. Anders gesagt: Das Umgesetzte spiegelt den Geist der beteiligten Menschen wider.“ Auch Pedevilla Architekten hatten am Anfang ein Haus mit Flachdach entworfen und erst im Zuge der Überarbeitung das Satteldach als Gestaltungselement für sich entdeckt. Warum diese Dachform eine so große Bedeutung hat, erkennt man vor Ort. Die Schule passt sich in Form und Höhe gut in die dörfliche Struktur ein. Die Dachform dient mit der Farbgebung als Wiederkennungsmerkmal.

Emotional nachhaltig

Vierhundert Volksschüler, achtzig Kindergarten- und vierzig Kleinkinder gehen hier täglich ein und aus. „Wir sind nach wie vor von der neuen Schule begeistert“, sagt der Bauamtsleiter. „Jedes Mal, wenn ich dort bin, sehe ich, wie glücklich die Lehrer und Eltern sind.“ Wenn man das Gebäude betritt, meint man, in eine eigene Welt einzutauchen. Die Räume strahlen ein tiefes Wohlbehagen aus.

Wie kann das sein? Die Wände sind mit einem rot-braunen Kalkputz überzogen, der Fußboden ist aus sägerauer Weißtanne, Türrahmen und Mobiliar aus hellem Holz und die Akustikdecke aus einfachen Holzfaserplatten. Große Fenster holen viel Licht ins Innere. Die Räume im Obergeschoss erstrecken sich bis unter die spitz zulaufenden Dachfirste. Man bekommt Lust, über die Oberflächen zu streichen. Es ist eine Schule der Raumwahrnehmung und Sinnesschärfung, und das ganz ohne Zwang.

„Wir konzipieren jedes Projekt mit dem Anspruch, dass dem fertigen Gebäude eine Kraft innewohnt, die uns das Gefühl gibt, es erhalten zu wollen, weil wir es wertschätzen und es uns emotional berührt. Das ist für uns Nachhaltigkeit“, sagt Armin Pedevilla. Einen wesentlichen Anteil an dieser Wohnzimmeratmosphäre hat auch die Schulmöblierung. Anstelle einer Standardmöblierung, wie man sie von vielen Schulen kennt, entwickelten die Architekten gemeinsam mit einem Vorarlberger Tischler Möbel aus Ahornholz. Tische und Stühle gibt es in drei Größen, sie sind robust und leicht, sodass auch die Kinder sie anheben und verschieben können.

Der Gemeinde und den Architekten ist es gemeinsam gelungen, den Bestand weiterzuentwickeln und dabei seine Identität zu bewahren. Alle, die hier früher in die Schule gegangen sind, können den alten Schulbau im neuen wiederkennen. Genau darum geht es beim Weiterbauen.

20. November 2021 Der Standard

Archäologien der Zukunft

Diese Woche wurde der renommierte Schelling-Preis verliehen. Alle drei nominierten Architekten arbeiten mit regionalem Handwerk und schlagen Brücken in die Zukunft. Ausgezeichnet wurde die in Beirut geborene Lina Ghotmeh, die ihrer verwundeten Heimatstadt eine Therapie aus Stein verordnete.

Splitterndes Glas, verbogener Stahl, binnen Sekunden verwüstete Stadtviertel. Die Explosion im Hafen von Beirut am 4. August 2020 teilte die jüngste Geschichte der libanesischen Hauptstadt in ein Davor und ein Danach. Mitten in der apokalyptischen Szenerie ragte ein Gebäude empor, dreizehn Geschosse hoch, sandgelb und massiv, mit tief eingeschnittenen Öffnungen, solide wie ein Fels, und nahezu unbeschädigt. Ein Fremdkörper in der Skyline Beiruts, die von schnellem Geld und Spekulation geprägt ist, wo Spiegelglas für Penthousemehrwert steht. Ein Überlebender.

Stone Garden ist der Name dieses Gebäudes, das zum Zeitpunkt der Explosion gerade ein Jahr alt war. Seine Architektin ist Lina Ghotmeh, 1980 in Beirut geboren, seit 2016 führt sie ihr Büro in Paris. Die Erfahrung ihrer Kindheit in einer Stadt des Bürgerkriegs, die einen scheinbar ewigen Zyklus von Zerstörung und Wiederaufbau durchlebt, hat sie stark geprägt. Wenn man damals durch die Stadt ging, sagt sie, wusste man nie genau, ob ein Loch in einer Fassade ein Fenster oder Resultat einer Detonation war.

Als sie den Auftrag für ein Hochhaus in ihrer Heimatstadt bekam, entschied sie sich nicht für Eskapismus, sondern für Konfrontationstherapie. Auch die tiefen Öffnungen in der rauen Fassade des Stone Garden erinnern an Einschusslöcher. Archäologie der Zukunft nennt Lina Ghotmeh, die als Kind nicht Architektin, sondern tatsächlich Archäologin werden wollte, ihre Herangehensweise. „Für mich ist Architektur ein Graben in der Vergangenheit, die in die Zukunft projiziert wird“, sagt sie. „Eine Archäologie, die die verschüttete Geschichte freilegt, von den Phöniziern über die Römer bis zur Explosion von 2020. Stone Garden ist tiefverwurzelt in dieser Erde. Im Herzen trägt das Gebäude die besondere melancholische Euphorie dieser Stadt.“

Therapeutische Wucht

Auch der Prozess des Bauens, sagt sie, war eine Art therapeutische Heilung für alle Beteiligten. „Die Handwerker, die die Haut des Gebäudes von Hand meißelten, entwickelten einen eigenen Kamm als Werkzeug. Die Passanten berührten den Stein. Wir alle spürten eine starke emotionale Bindung zu diesem Gebäude. Es ist wie eine Erweiterung unserer Körper. Ich glaube, der Raum an sich ist nicht nur einfach Raum, er ist ein Teil von uns. Durch die Explosion 2020 nahm dies eine dramatische Dimension an. Was passiert mit uns, wenn der Raum, in dem wir uns befinden, zusammenbricht? Auch wenn wir körperlich unversehrt sind, spüren wir diese Verletzung intensiv und sind von ihr gezeichnet.“

Nicht alle ihre Bauten sind von solch therapeutischer Wucht, doch alle erzählen sie Geschichten über den Ort, an dem sie stehen. Das estnische Nationalmuseum in Tartu, ihr erster großer gewonnener Wettbewerb, taucht als zarter Hangar aus dem Beton einer alten Flugzeuglandebahn hervor, wird immer höher und leichter, bis er sich in Schleiern aus Glas auflöst.

41 Jahre alt ist Lina Ghotmeh, für eine Architektenkarriere ist das sehr jung, und doch wurde sie bereits mit zahlreichen Preisen gewürdigt. Jetzt darf sie sich einen neuen ins Regal stellen, und keinen kleinen: Diese Woche wurde ihr (mit einem Jahr Covid-bedingter Verspätung) der mit insgesamt 30.000 Euro dotierte Schelling-Architekturpreis 2020 verliehen. Die 1992 in Karlsruhe von Trude Schelling-Karrer und Heinrich Klotz gegründete Schelling-Stiftung und ihre Jury haben sich stets als zuverlässiger Indikator für Talent und späteren Ruhm erwiesen, man darf sich also noch vieles von Lina Ghotmeh erwarten.

Mallorca und China

Doch auch die anderen beiden Nominierten, die in ganz anderen Weltregionen ein einer Art Architekturarchäologie arbeiten, sind längst keine Unbekannten mehr. Irene Pérez und Jaume Mayol vom Büro TEd’A Arquitectes in Palma de Mallorca zum Beispiel. Ihre Bauten auf der Insel sind fern vom weiß getünchten Finca-Bild der Tourismusbroschüren, sondern greifen weit in die Geschichte und ihre lokalen Handwerkstraditionen. Sie wirken rau, archaisch, fast römisch. Ziegelwände, unverputzt, manchmal halb fertig wirkend, kombiniert mit Sichtbeton, dazwischen viel Raum für zirkulierende Luft. Dazu kommt eine an die Antike erinnernde Vorliebe für Bögen und Halbkreise, mal als Tonnengewölbe oder Apsiden. Von außen wirken ihre Bauten oft wie monolithische Felsen, innen sind sie ausgehöhlt und perforiert, Wunderkammern voller Nischen, Atrien, Patios und Gärten, die das Haus durchwuchern.

Handwerk als Heilungsprozess und Träger von Baukultur: Das kennzeichnet auch die Arbeit von Xu Tiantian, die 2003 ihr Büro DnA in Peking eröffnete. Auf ihre Initiative geht der Wiederaufschwung der ländlichen Region Songyang in der Provinz Zhejiang zurück, der weltweit Beachtung fand.

Die 400 Dörfer waren durch Landflucht fast entvölkert, dann wurde der Region neues Leben eingehaucht. Eine kleine Fabrik zur Zuckeraufbereitung, ein Gemeinschaftshaus, ein Bambuspavillon, ein Museum für die Kultur des Hakka-Volks und eine Brücke zwischen zwei Dörfern.

Geplant und gebaut von der Architektin, gemeinsam mit lokalen Handwerkern, mit Bauleitung teilweise via Smartphone aus Peking. Das gebaute Ergebnis ist weder ein Zufallsprodukt noch ruraler Kitsch, sondern bis ins Detail durchdacht und auf Dauerhaftigkeit angelegt. Auch hier wird die architektonische Brücke geschlagen von der Archäologie der Vergangenheit in die Zukunft.

17. November 2021 Der Standard

Das Wohnhaus als Kraftwerk

Die Neue Heimat Tirol will bis 2030 klimaneutral werden. Ein Meilenstein auf dem Weg: die weltgrößte Passivhaus-Plus-Anlage in der Marktgemeinde Rum nordöstlich von Innsbruck.

Fünf Wohnblöcke auf einer Wiese im Inntal, kompakte Kuben in freundlichem Weiß, fünf bis acht Geschoße. Auf den ersten Blick nicht so ungewöhnlich für eine verdichtete Wohnanlage, wie sie heute in Österreich an vielen Orten errichtet wird. Doch die Baustelle in Rum bei Innsbruck ist anders. Hier entsteht bis 2022 der größte Passivhaus-Plus-Wohnbau der Welt.

Moment: Passivhaus Plus, was ist das nun wieder? Ein weiteres von vielen mal mehr, mal weniger seriösen Nachhaltigkeitslabeln, mit denen sich Investoren gern schmücken? Nicht ganz, denn dieses stammt ganz offiziell vom Passivhausinstitut Darmstadt, das 2015 seine Klassifizierung ausgeweitet hat. Während der bisherige Standard zum Passivhaus Classic umgetauft wurde, muss ein Passivhaus Plus mindestens so viel Energie erzeugen, wie es verbraucht.

Eine gute und seriöse Sache also, und auch der Bauherr in Rum setzt die fünf Häuser mit insgesamt 132 Wohnungen nicht aus Geltungssucht in die Wiese. Die Neue Heimat Tirol (NHT) definiert sich stolz als „Motor der Energiewende im Wohnbau“, baut seit 2012 ausschließlich im Passivhausstandard. Schon 2015 setzte man einen Meilenstein mit dem Netto­Null­Gebäude in Innsbruck, bei dem die gesamte Energie für die Haustechnik inklusive Heizung und Warmwasser im und am Haus produziert wird. In der Südtiroler-Siedlung in Wörgl wurde erstmals ein System implementiert, das Strom aus Photovoltaikanlagen in Salzwasserbatterien speichert, eine Technologie, die auch in Rum zur Anwendung kommt.

Abwärme aus den Kliniken

Dort wird der Passivhausstandard mittels Wärmedämmung, Dreifachverglasung, luftdichter Gebäudehülle und Komfortlüftung erreicht, auf eine minimale Eigenverschattung der fünf Bauteile wurde schon beim Architekturwettbewerb geachtet (Sieger: Scharmer Wurnig Architekten aus Innsbruck). Die Beheizung der Anlage erfolgt über einen Anschluss an das Abwärmenetz der Tirol-Kliniken sowie mehrere Wärmepumpen, die Stromversorgung kommt von der Photovoltaikanlage auf dem Dach, die Energie wird in Kooperation mit der Tiwag als Mieterstrommodell zur Verfügung gestellt. Insgesamt investiert man hier rund 20 Millionen Euro.

Auch beim Wohnungsbestand ist die NHT in Richtung Klimaneutralität unterwegs, diese soll bis 2030 erreicht werden, dann sind die fossilen Brennstoffe Vergangenheit. Insgesamt 124 Wohnanlagen werden binnen zehn Jahren auf erneuerbare Energien beziehungsweise „grüne“ Fernwärme umgerüstet.

„Mit fast 3500 Wohnungen im Portfolio zählen wir zu den größten Passivhausbauträgern in Europa“, sagt NHT-Geschäftsführer Hannes Gschwentner. „Das Passivhaus ist der führende Standard im energiesparenden Bauen. Die Bewohnerinnen und Bewohner profitieren von niedrigen Betriebskosten, zusätzlich leisten wir mit unseren hochenergieeffizienten Gebäuden einen nachhaltigen Beitrag zur Reduzierung unseres CO2-Fußabdrucks.“ Damit die vielen Tausend Tiroler Passivhausbewohner keine tägliche Gebrauchsanweisung fürs Benutzen ihrer Häuser benötigen, hat man sich bei der NHT ein Motto auferlegt: „Gute Hülle, wenig Technik, einfach zu bedienen“.
Keine Kosten für Bewohner

Kein unwesentlicher Faktor, denn die Haustechnik ist, wie viele Bauträger klagen, in den letzten Jahren zu einem enormen Kostenfaktor geworden, oft vollgestopft mit wartungsintensiver Sensorik. Ein Kostenaufwand, der letztendlich meist auf die Bewohner abgewälzt wird – nicht jedoch in Rum, sagt die NHT.

Hier belohnt die Passivhaustechnologie mit Heizkosten von durchschnittlich zwölf Euro pro Monat für eine 50-Quadratmeter-Wohnung; 30 Wohneinheiten werden als Fünf-Euro-Wohnmodell angeboten (Miete inklusive Heizkosten fünf Euro pro m² ). Künftig, so Geschwentner, will man alle neuen Wohnanlagen im Passivhaus-Plus-Standard errichten.

17. November 2021 Der Standard

Das Speicherdorf am Mühlgrund

Thermische Bauteilaktivierung macht die Wohnanlage MGG22 in Wien-Donaustadt zum Gamechanger

Transdanubien wird zur Großstadt: eine Entwicklung, die nicht alle freut. Doch hier am Mühlgrund dürfte sich niemand über „Monsterbauten“ erregen, denn die Wohnanlage MGG22 wirkt mit ihren Gassen, Durchgängen und Plätzen fast dörflich. Doch dieses Dorf hat es in sich – und unter sich. 150 Meter bohren sich 30 Tiefensonden in Mühlgrund. Sie sind gekoppelt mit Wärmepumpen, die wiederum mit Windüberschussstrom betrieben werden. All das bedingt durch das Heiz- und Kühlsystem, das hier erstmals im geförderten Wohnbau angewendet wurde: die thermische Bauteilaktivierung (TBA).

Diese macht sich die Speichermasse von Betondecken und -wänden zunutze, durch die je nach Bedarf kaltes oder warmes Wasser geleitet wird. Dank der großen Übertragungsfläche genügen schon geringe Temperaturunterschiede, um effektiv zu heizen oder zu kühlen. Noch dazu wird die so produzierte Strahlungswärme vom Menschen als besonders angenehm empfunden. Besonders vorteilhaft: TBA lässt sich ideal mit erneuerbaren Energieträgern wie Wind, Sonne und Photovoltaik kombinieren. Je öfter diese erneuerbaren Energieträger zur Anwendung kommen, desto höher sind Fluktuation und zeitweise Überschüsse, und genau davon profitieren hocheffiziente Bauten wie das MGG22 .

Um so beachtenswerter, als das Projekt eine ungewöhnliche Genese hatte. Drei Bauplätze mit kompliziertem Zuschnitt, darauf sieben Häuser, zwei Bauträger, drei Architektenteams, und doch alles aus einem Guss. Denn hier tat jeder das, was er am besten konnte. Architekt Norbert Mayer und seine M2plus Immobilien übernahmen 40 freifinanzierte Wohnungen, die Gemeinnützige Wohngenossenschaft Neues Leben weitere 120 Wohnungen, teils freifinanziert, teils gefördert. Die Architekten Thaler Thaler, Alfred Charamza sowie Sophie und Peter Thalbauer und die Freiraumplaner Rajek Barosch koordinierten ihre Ideen ganz uneitel zu einem Gesamtwerk, das technische Knowhow kam von FIN – Future is Now.

Ein Pilotprojekt in Teamarbeit, das von der Internationalen Bauausstellung IBA Wien 2022 als „Gamechanger“ ins Programm aufgenommen wurde und zeigt, wie Wien zur „Speicherstadt“ werden kann.

30. Oktober 2021 Der Standard

Beim Gehen verstehen

Lustenau in Vorarlberg hat architektonisch viel zu bieten, aber der Verkehr ist ein Dauerproblem. Also lud man den Londoner Wahlwiener und passionierten Zufußgeher Eugene Quinn ein – und ging mit ihm spazieren.

Und das da oben“, sagt Urs Lenz, und 30 Augenpaare verfolgen den prachtvollen Vogel mit seinen breiten Schwingen, „ist ein Rotmilan.“ Urs Lenz ist Rietmeister der Schweizer Gemeinde Au und steht an diesem sonnigen Septembernachmittag auf einem Feldweg zwischen Wiesen, Röhricht und Bäumen. Störche staksen durchs Gras, Hasen hoppeln ins Gebüsch, im Osten und Westen rahmen Berge die Ebene des Rheintals. Die Wiese befindet sich im Auer Ried in Lustenau, und dass der Rietmeister aus der Schweiz kommt, liegt daran, dass das Feuchtgebiet zwar in Österreich liegt, aber einer Schweizer Gemeinde gehört. Ein Faktum, das sich bestens fürs Geschichtenerzählen eignet, und genau deswegen ist die Gruppe hier. Es ist der Auftakt für die „Luschnouer Spaziergäng“ in diesem Herbst.

Wie lange der Rotmilan hier noch in Ruhe seine Kreise ziehen kann, ist offen, denn das Naturidyll ist seit Jahrzehnten Kandidat für eine Umfahrungsstraße. Das Problem mit dem Verkehr wird bei allen Spaziergängen umkreist, denn man kommt ihm nicht aus.

Ort als Omelette

Lustenau, mit knapp 24.000 Einwohnern die einwohnerreichste Marktgemeinde Österreichs, ist ein seltsamer Ort. Eine Art ausuferndes Omelette, durchzogen von gekrümmten Straßen, die alle ähnlich aussehen, mit Häusern, die selten hässlich sind, die aber keinen Bezug zueinander haben. Als hätte man einen Bausatz „Kleinstadt“ auf einem Teppich ausgekippt, ohne ihn danach zusammenzubauen. Ein Typ Stadt, den man eher in Ohio erwarten würde als im Rheintal.

Eugene Quinn steht im Auer Ried und hält einen Zettel mit bunten Diagrammen in die Höhe. „Das ist der Modal Split von Lustenau. 52 zwölf Prozent gehen zu Fuß“. Fraktionsobfrau Christine Bösch-Vetter (Grüne) und Mobilitätsgemeinderat Mathias Blaser (ÖVP) nicken, sie kennen die Zahlen. Zustimmung auch bei einer Mitspaziererin. „Wir gehen in Lustenau nicht.“ Der Spaziergang ist eine Ausnahme.

Um festzustellen, dass hier etwas im Argen liegt, reicht es, anstatt im Ried durch den Ort selbst zu spazieren, am besten an einem Montagmorgen. Eine lückenlose Pkw-Karawane zieht sich durch das, was man annähernd als Ortsmitte bezeichnen kann, während sich auf der Reichsstraße, wie die B 203 hier heißt, die Lkws kilometerlang vor dem Nadelöhr des Grenzübergangs zur Schweiz stauen. Als Fußgänger hat man wenig Freude. Die Gehsteige sind schmal oder inexistent, die Distanzen lang.

Dies ist einer der Gründe, warum der in London geborene Wahl-Wiener Eugene Quinn sich heute am westlichen Ende Österreichs wiederfindet. Der Erfinder der „Vienna Ugly Tour“, Gründer der Wiener Initiative Whoosh und der Vienna Walking Week wurde von der Gemeinde eingeladen, um den Lustenauern Beine zu machen, ihnen en passant den Spiegel vorzuhalten, ihnen Fragen zu stellen und sie zum Reden zu bringen.

Schon im Jahr zuvor war auf dem Rad-Festival Festivelo 2020 die für das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt in Kooperation mit dem Vorarlberger Architekturinstitut (vai) konzipierte Ausstellung Fahr Rad! Die Rückeroberung der Stadt gezeigt worden. Die „Luschnouer Spaziergäng“ sind so etwas wie die fußläufige Fortsetzung dieser Strategie.

Einen Tag später, kurz vor Mitternacht, es regnet in Strömen, marschiert die nächste Spaziergruppe durch den Ort. Dieses Mal geführt von Lustenauer Jugendlichen, die ihre beliebtesten Treffpunkte und Graffiti-Liebesbekundungen zeigen, von Berufswünschen erzählen (Steuerberater) und von der Polizei, die sie regelmäßig kontrolliert und vom offiziellen Jugendtreff verscheucht, obwohl sie dort nur sitzen und reden. Triefnass und glücklich bilanziert der leidenschaftliche Regenschirmverweigerer Eugene Quinn: „Es ist erstaunlich, wie bereitwillig die Jugendlichen Auskunft geben, und auch sie sind erstaunt und stolz, dass sich jemand für sie interessiert.“

Ganz en passant wird jeder Spaziergang auch zur Architekturexkursion, einfach, weil Lustenau eine so hohe Dichte an qualitätsvoller Architektur aufzubieten hat. Die Wohnsiedlung Hasenfeld, ein frühes und gut gealtertes Werk von Baumschlager Eberle, der neue Kindergarten am Engelbach von Innauer Matt, die spacige Bushaltestelle am Engel-Kreisverkehr von Albrecht Bereiter Architekten, der neue Bahnhof von Ostertag Architekten.

Was ist nun das Besondere an einer nun doch schon seit einiger Zeit existierenden Praxis wie dem Gehen? Sehr viel, sagt Eugene Quinn. „Gehen ist rebellisch, weil es langsam und wirtschaftlich ineffizient ist, aber beim Gehen löst man Probleme, und man sammelt Geschichten fürs Leben. Das geht im Auto nicht. Walks wie die in Lustenau haben das Potenzial, Menschen und Geschichten auch in der eigenen Stadt ans Tageslicht zu bringen.“

Ein großes Angebot

Dieser Trend lässt sich nicht nur in Lustenau beobachten. Stadtspaziergänge haben längst das Territorium rein touristischer Fremdenführer verlassen, heute wenden sich Spaziergänge mehr an Einheimische, die hinter die Kulissen ihrer eigenen Stadt schauen wollen. In Wien bietet Petra Unger im Rahmen der von ihr konzipierten Frauen* Spaziergänge insgesamt 50 verschiedene Routen durch die Stadt an, und in Eugene Quinns Geburtsstadt London gibt es inzwischen auch für das schrulligste Thema genügend Interessierte, um einen Spaziergang zu ermöglichen.

Die „Vienna Ugly Tour“, die Eugene Quinn zur lokalen Berühmtheit machte, ist inzwischen ein Bestandteil von vielen in einem fast unüberschaubaren Fußgängerprogramm: Mitternachts-Walk, Schwimm-Walk, Weinbau-Walk, Rooftop-Walk, Falco-Tour. Wichtig ist sie Quinn aber trotzdem, vor allem, weil sie missverstanden wird. „Es geht nicht darum, sich lustig zu machen. Es ist ein ernsthafter Liebesbrief an die stylishe Melancholie Wiens, eine interaktive Debatte über den öffentlichen Raum.“

Einmal wird Eugene Quinn dieses Jahr noch die Reise ins Rheintal antreten. Der letzte „Luschnouer Spaziergang“ dieses Jahr wird sich im November ganz der Architektur widmen, Spaziergangspartnerin ist die Lustenauer Architektin und Publizistin Marina Hämmerle, frühere Direktorin des Vorarlberger Architekturinstituts. Nächstes Jahr, wenn der Modal Split wieder gemessen wird, wird man wissen, wie viele Lustenauer sich vom Spazierengehen zum Dauerlaufen haben bewegen lassen.

2. Oktober 2021 Der Standard

Raus aus dem Wartesaal!

Für junge Architekten sind Umbau und Reparatur keine Ausnahme. Sie haben keine Geduld für Masterpläne, sondern packen an. So wie Chybik + Kristof, die sich um einen heruntergekommenen Busbahnhof in Brno kümmerten.

O-N-R-B in großen Buchstaben, dahinter die Silhouette aus Festung Spielberg, Kathedrale St. Peter und Paul, Bürohochhäusern. Die Rückseite von Brno. Ein Plateau aus Betonplatten, ein Stück hinter dem Bahnhof. Architekt Michal Kristof steht auf dem Oberdeck des Busbahnhofs Zvonařka, den er mit seinem Büropartner Ondřej Chybik renoviert hat.

Ehrlich gesagt sieht man von dieser Veränderung auf dem Oberdeck nicht viel – früher reine Abstellfläche für Reisebusse, dürfen heute auch Normalbürger hier parken. Kein bahnbrechender Unterschied, sagt Kristof, aber eine kleine Verbesserung, denn jetzt kann man von hier erstmals das Stadtpanorama von Süden sehen. Sechs Meter tiefer tut sich schon mehr. Auch wenn man für dieses Vorher-Nachher-Bild das „Vorher“ kennen muss.

Die Geschichte des Busbahnhofs Zvonařka ist eine Geschichte des Wartens. Sie beginnt mit dem Warten auf einen neuen Hauptbahnhof, das damals schon Jahrzehnte angedauert hatte. Der 1839 eröffnete Brno hlavní nádraží ist zwar nahe an der Altstadt, aber dementsprechend beengt. In den 1970er-Jahren gab es wieder einmal Pläne, Bahnhof und Stadtzentrum nach Süden zu verschieben, also fing man in der ruinösen Gegend schon einmal mit einem Parkplatz für Reisebusse an.

Von 1981 bis 1985 bekam der Parkplatz sein ausladendes, rund 10.000 Quadratmeter großes Dach. Architekt Radúz Russ konzipierte es als filigrane Stahlkonstruktion, deren schlanken Stützen man kaum zutraut, die schweren Busse auf dem Oberdeck tragen zu können. Außen ist es kranzartig eingerahmt mit Betonelementen, eine Kombination, die wirkt, als trüge die kurz vor dem Durchbruch stehende Hightech-Architektur der 1980er-Jahre noch eine brutalistische Frisur aus den 1970er-Jahren, die sie eigentlich lieber abrasieren wollte. So statisch raffiniert war das Stabtragwerk, dass Ingenieure aus ganz Europa anreisten, um sich die Tricks abzuschauen.

Insel im Nichts

Wer hier ankam und abfuhr, waren vor allem Pendler aus den umliegenden Dörfern und Städten, die in der mährischen Industriemetropole arbeiteten, aber auch Fernreisende aus der Ukraine oder Bulgarien. Noch heute benutzen täglich 17.000 Passagiere die Zvonařka, 820 Verbindungen starten von hier.

„Ich bin jahrelang von hier nach Hause gefahren“, sagt Michal Kristof, gebürtiger Slowake. „Immer ein besonderes Erlebnis.“ Aber kein schönes. Denn der neue Hauptbahnhof kam nie, und der Busbahnhof blieb eine Insel in einem unwirtlichen Nichts. Für Passagiere ein mühsamer Hürdenlauf: Hatte man die vierspurige Straße überwunden und die Fastfood-Pavillons umrundet, die die Busbahnsteige bald umwucherten, musste auf dem Weg zum Ticketschalter auch noch der ganze Busbahnhof durchquert werden. Dessen orange-blaues Stahlgerüst war schwarz geworden, die Halle in ewige Finsternis getaucht. „In den 1990er-Jahren galt Zvonařka als der dunkelste Ort der Republik“, sagt Michal Kristof, „und wurde mehrmals zum hässlichsten Ort in Brno gewählt.“

An diesem Punkt der Geschichte kommen Chybik und Kristof ins Spiel. 2010 hatten sie ihr Büro in Brno gegründet und sahen schnell, dass unter dem dunklen Dach etwas zu tun war. „Wir fragten bei der Stadt nach, was hier geplant war, die verwies uns an den Eigentümer.“

Dieser hatte das Areal in den 1990er-Jahren gekauft, auf eine Stadtentwicklung spekulierend, die sich nicht eingestellt hatte. Eine weitere lange Episode des Wartens. Was bedeutete, dass der Eigentümer kein Geld hatte, um die heruntergekommene Halle zu modernisieren.

Andere Architekten hätten sich an dieser Stelle abgewandt, doch Chybik + Kristof nahmen die Finanzierung selbst in die Hand und sammelten Fördergelder, bis vier Millionen beisammen waren. Nicht viel, aber genug für erste Schritte. Die Hälfte des kleinen Budgets ging in die Reinigung des Stahltragwerks, das weiß lackiert wurde, um die Dunkelheit zu vertreiben. Die Pavillons an der Straße wurden beseitigt, jetzt sieht man den Busbahnhof, wenn man von der Stadt kommt.

Ein verglaster Bauteil mit Ticketschalter, Wartesaal und Café, dessen leuchtender Rahmen sich beidseits wie ein roter Teppich zu Boden schwingt, wurde stadtseitig unter das Dach geschoben.

Anstatt sich auf dem Weg zum Fahrschein zwischen Bussen und Abgasen durchzuschlängeln, wird man jetzt mit einer Willkommensgeste begrüßt. In der Halle selbst wurden die Bussteige verbreitert, die Beleuchtung verbessert, ein breiter barrierefreier Fußweg angelegt. Die alten Sitzbänke wurden gereinigt aber belassen, weil ihr Design so einfach wie effektiv war. „Da gab es nichts zu verbessern“, sagt Kristof.

Die Diskussion über den Umgang mit Spätmoderne und Brutalismus ist seit Jahren im Gange, zahlreiche herausragende Bauten der Zeit wurden und werden immer noch demoliert. Vielleicht ist Brno anders, denn kaum eine europäische Stadt hat ein so gut gepflegtes Erbe aller Spielarten der Moderne. Sie gehört hier zur Identität, sagt Kristof. „Wenn Kinder ein Haus zeichnen, hat es meistens ein Satteldach. Kinder aus Brno zeichnen ein Flachdach.“ Auch das Vorurteil, dass Bauten aus dem Sozialismus weniger wert seien, ist für die junge Architektengeneration irrelevant. „Jeder Architekt versucht, das Beste aus der Zeit, in der er lebt, zu machen.“

Neuer Hauptbahnhof

Zehn Jahre Planung, kleines Budget. Geld verdient man als Architekt damit nicht. Warum tut man sich das an? „Uns war es wichtig, den ersten Schritt zu setzen. Das ist vielleicht typisch für unsere Generation“, sagt der Mittdreißiger. „Wir wollen nicht im Wartesaal sitzen bleiben, sondern jetzt etwas verbessern. Architektur ist permanenter Umbau. Man muss sich um Bausubstanz kümmern, sie pflegen und reparieren.“ Generation Ungeduld.

Was auf lange Sicht mit der Zvonařka passiert, weiß niemand, aber es sieht so aus, als ob sie nach 40 Jahren doch noch ins Zentrum des Geschehens rücken könnte. Denn im Juli wurde der Wettbewerb für den neuen Hauptbahnhof Brno entschieden, der nach 100 Jahren nun aber wirklich den alten ersetzen soll, an einem Standort direkt neben dem Busbahnhof. Der siegreiche Entwurf der Niederländer Benthem Crouwel und West 8 sieht über den Gleisen ein flaches filigranes Stahlgeflecht vor, das man fast als heimliche Hommage an Radúz Russ interpretieren kann. Eröffnet werden soll das 1,8-Milliarden-Euro-Projekt zwischen 2032 und 2035. Eine lange Wartezeit. Bis es so weit ist, wird die Generation Ungeduld schon längst viel weiter sein.

18. September 2021 mit Wojciech Czaja
Der Standard

20 Jahre Museumsquartier: Oase mit einem Quäntchen Mut

Vor 20 Jahren wurde das Wiener Museumsquartier eröffnet, die Geburtsstunde eines der größten Kulturbezirke Europas. Doch wie hat sich das MQ in zwei Jahrzehnten gemausert?

Plus
Wojciech Czaja

600Pferde und 200 Karossen, sagt Wikipedia, sollen in den ehemaligen Hofstallungen, errichtet 1713 nach Plänen des Barockbaumeisters Johann Bernhard Fischer von Erlach, Platz gefunden haben. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jedoch war von der einstigen Pracht nicht mehr viel zu spüren. Der sogenannte Messepalast verlor zusehends an Charme, und auch die letzten Ausstellungen Wunderblock oder Von der Natur in der Kunst , die wir mit unseren Vätern gesehen haben, glichen mehr einem Hindernisparcours durchs Gruselkabinett als einer kunst- und kulturwürdigen Ausstellungsstätte.

Im September 2001, vor genau zwei Jahrzehnten, wurde das Areal als saniertes und erweitertes Museumsquartier wiederbelebt – mit Mumok, Kunsthalle, Leopold-Museum, Architekturzentrum Wien, Zoom Kindermuseum, Tanzquartier Wien und ohne 67 Meter hohen Leseturm. Zugegeben, die Architektur im gesamten MQ ist mäßig spannend und endenwollend innovativ. Alles ist zu plump, zu niedrig, zu nichtssagend. Und die mindermittelmäßigen Kompromisse zwischen Kronen Zeitung , Bürgermeister Helmut Zilk und Denkmalschutzexperte Manfred Wehdorn haben mehr politischen als baukulturellen Aussagewert. Ja eh.

Und doch ist das Museumsquartier selbst nach 20 Jahren einer der spannendsten Orte Wiens. Wer weiß, vielleicht gerade deshalb – weil es keinen Leseturm gibt, weil der Fischer-von-Erlach-Trakt nie aufgerissen und zur Stadt hin geöffnet wurde, weil das MQ als architektonisch dermaßen langweilige Insel inmitten einer dichtbebauten Stadt schlummert, die außerhalb der MQ-Konturen einem stetigen stadtpolitischen und marktwirtschaftlichen Wandel unterworfen ist.

Michel Foucault hat in den 1960er-Jahren den Begriff der „Heterotopie“ geprägt, eines Ortes also, der in seiner Abgeschiedenheit nach speziellen gesellschaftlichen Codes funktioniert. „Die Heterotopie vermag an einem einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Platzierungen zusammenzulegen, die an sich unvereinbar sind“, schrieb der französische Philosoph 1967. „Die Heterotopien setzen immer ein System von Öffnungen und Schließungen voraus, das sie gleichzeitig isoliert und durchdringlich macht.“

Das MQ als isolierte und doch durchdringliche urbane Heterotopie ist zu einem unverzichtbaren öffentlichen Freiraum Wiens geworden – mit bunten Enzis, die in ihrer Kleinheit und Genialität die Welt erobert haben, von Bayreuth über Moskau bis ins ferne Kanada, mit komischen Libellen, die unlängst auf dem Leopold-Dach gelandet sind, um doch noch einen neuen Society-Ort zu schaffen, und einem Unterhaltungsprogramm samt Stinkepunsch, Eisstockschießen und prokrastinativem Enzi-Bobolümmeln. Wien ohne MQ?

Unvorstellbar.

Minus
Maik Novotny

Vielleicht ist es eines der Geheimrezepte für Wiens Spitzenplatz in den Lebensqualitätsrankings, dass man in dieser Stadt das Sich-Arrangieren mit dem Kompromiss perfektioniert hat. Jede Empörung gleitet nach einer Zeit zuverlässig in einen Zustand des „Passt eh“ hinüber, ab dann ist jede Kritik ein Sudern, das die Gemütlichkeit stört. Ja, das gilt auch für das Museumsquartier. Sicher, 20 Jahre nach seiner Eröffnung gilt es als Erfolgsgeschichte, und das nicht ohne Grund. Der Innenhof funktioniert als Stadtraum perfekt für Einheimische und Touristen. Die kulturellen Highlights sind beeindruckend.

Aber dabei wird vergessen, dass der Kulturbezirk sich mit bleiernen Schuhen von der Startlinie schleppte: Er war im Stadtraum unsichtbar. So verzweifelt waren die Macher, dass der damalige Mumok-Direktor Edelbert Köb 2002 vorschlug, einen gigantischen Spiegel an einen Heißluftballon zu hängen, um den Hof von außen sichtbar zu machen.

Das lag daran, dass das MQ dank gewisser Kräfte (Gott habe Hans Dichand selig) gar nicht im Stadtraum sichtbar sein sollte. Der Leseturm wurde geculturecancelt, die Museen Leopold und Mumok mussten sich hinter die niedrigen Hofstallungen ducken, der Vorplatz an der Zweierlinie erinnert mit seinen Wiesen und Hecken an einen leblosen Kleingarten. An diesen Kinderkrankheiten laboriert man bis heute.

Der Weg zur Kunst ist ein Hindernislauf. Hat man es durch die maulwurfsartigen Durchschlupfe endlich in den Hof geschafft, heißt es, steile Stiegen emporzuklettern und sich durch niedrige Portale zu quetschen, bis man das Museumsinnere erreicht, das ebenfalls von drückender Enge ist, was immer wieder für kuratorisches Kopfzerbrechen sorgte. Die Kunsthalle mit ihrem Klinkerfassaden-Look à la Stadtbücherei Wolfenbüttel wurde gleich komplett in den Lieferantenhof verräumt, ihr labyrinthisches Foyer ist eine Farce. Die Höfe seitlich der weißen und schwarzen Würfel sind in ihrer Übriggebliebenheit bis heute leblose Quasi-Sackgassen, an deren Ende Muschelkalk und Basaltlava unmotiviert mit der sakrosankten barocken Putzfassade kollidieren.

Es musste viel nachgebessert werden (die Rampe zum nicht auffindbaren Restaurant im Mumok, das Wegeleitsystem), die Rettung des MQ kam mit den Sitzmöbeln der Enzis, weil man vergessen hatte, dass sich Menschen im öffentlichen Raum gerne hinsetzen. Schöne Kulisse und hochkarätiges Kulturprogramm – das konnte Wien schon immer. Aber das verdeckt bis heute die Tatsache, dass die Architektur und die Zugänglichkeit immer noch nicht funktionieren. Es hätte so viel besser sein können, wenn man es von Anfang an zugelassen hätte und den Kräften der Kulturlosigkeit nicht nachgegeben hätte. So bleibt ein schön scheinender Kompromiss.

11. September 2021 Der Standard

Bau dir deine Stadt!

Dieses Wochenende findet zum achten Mal das Festival Open House Wien statt. Dabei geht es nicht um schöne Fassaden, sondern um Resilienz, Energie und Empowerment.

Ein Schild warnt „Vorsicht, Krötenwanderung“. Eine Katze schleicht gemächlich über den Asphalt. Rechts wuchernde Hecken, Äcker im Sprühnebel, links vernagelte Fenster, leere Gärtnereien. Am Horizont hinter den Feldern die Skyline der Donauplatte. Die Nordmanngasse im Wiener Donaufeld ist eine verzauberte Welt für sich – und eine Welt im Umbruch. Die Großstadt scheint hier noch weit weg, doch sie steht buchstäblich schon auf der Fußmatte. Hier wird bald ein neues, verdichtetes Wohnquartier emporwachsen und die Lücke zwischen Floridsdorf und Kagran schließen, eine Bürgerinitiative kämpft dagegen.

Hinter einem Bauzaun ist schon etwas gewachsen: ein kleiner kantiger Turm aus Holz, mitten im Nichts. Drei Kisten unten, darauf zwei, darauf eins, rechts und links kippt keck eine Diagonale heraus. Freundlich auch sein Name: Vivihouse. Innen stehen drei junge Architekten zwischen Holzplatten, Bohrern und Staub. Michael Fürst, Nikolas Kichler und Paul Adrian Schulz sind wie so oft auf der Baustelle. Sie haben das Baukastensystem erdacht, das zu 90 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, entwickelt wurde es an der TU Wien mit Professorin Karin Stieldorf, entworfen und gebaut wurde es von 150 Studenten, angeleitet von niederösterreichischer Holzbauexpertise. Vier Jahre lang wuchs das Projekt heran, jetzt stehen seine Türen offen. Das Vivihouse ist eines von fünfzig Häusern, die an diesem Wochenende beim 8. Open House Wien besichtigt werden können.

„Unser Ziel war es, ein System zu finden, das einen einfachen Selbstbau für jeden ermöglicht und an viele Orten produziert werden kann“, sagt Nikolas Kichler. Die Grundbausteine, die das Tragwerk aus Holz bilden, sind für sechs Geschoße dimensioniert, denn es soll keine Einfamilienhaus-Spielerei sein, sondern in der Stadt seinen Platz finden, als Wohnhaus, Bürohaus oder Mischung aus beidem. „Der Prozess war sehr intensiv, dabei war uns wichtig, dass wir das Wissen der Handwerker auf dem Land und der Akademiker und Studenten in der Stadt zusammenbringen, damit beide voneinander lernen“, erklärt Paul Adrian Schulz. Nach erfolgreichem Lern- und Bauprozess kamen die optimierten Bauteile in sechs Sattelschlepper-Ladungen ins Donaufeld. Das Grundstück wurde über die IBA_Wien 2022 bereitgestellt, mindestens vier Jahre wird das Vivihouse hier stehen und als Infopavillon und Diskussionsort für die Stadtentwicklung dienen.

Voneinander lernen

Vom idyllischen Stadtrand mitten ins Verkehrsgewühl an den Hernalser Gürtel. Auch hier hat ein Pilotprojekt Gestalt angenommen, auch wenn es nicht gleich erkennbar ist. Dazu muss man am besten ins Kellergeschoß des Gründerzeitblocks an der Geblergasse hinabsteigen, wo ein meterdickes Bündel aus Kabeln und Rohren das Gewölbe durchstößt wie die Finger eines Techno-Aliens. Eine Ringleitung, die die benachbarten Häuser zu einem neuen Ganzen verbindet, denn der Smart Block Geblergasse wird durch sie zur Energiegemeinschaft. Unsichtbar darunter: 120 Meter tiefe Bohrpfähle, die die sommerliche Sonnenenergie für den Winter speichern.

Initiiert wurde der Smart Block in einem Forschungsprojekt der Architektinnen Jutta Wörtl-Gössler und Ulrike Machold, umgesetzt von Architekt Johannes Zeininger, mit dem Ziel, das gründerzeitliche Potenzial der dichten Stadt für das „gute Leben“ im 21. Jahrhundert nutzbar zu machen, wie es stolz heißt. Ein ganzer Block wird dank eines dezentralen Anergienetzes (nein, das ist kein Schreibfehler) autark, und das, ohne dass die Häuser ersetzt werden müssen. „Bei den meisten privaten Hausbesitzern liegen zurzeit die Errichtung und der Betrieb eines liegenschaftsübergreifenden Energienetzes außerhalb ihres Wahrnehmungsfeldes,“ sagt Zeininger. „Durch das Contracting-Modell können aber die höheren Anfangsinvestitionskosten dieser nachhaltigen Alternative für die Nutzer gleichmäßig auf die gesamte Laufzeit des Vertrags aufgeteilt werden.“

Auch der Smart Block Geblergasse gehört zum Open-House-Programm, das sich in diesem Jahr besonders auf das Thema Resilienz konzentriert. Konsequenterweise geht es also um mehr, als in die Räume hinter schönen Fassaden zu schauen. Es geht um Energienetze, Contracting-Modelle und Holzbau-Knotenverschraubungen. Komplexe Zusammenhänge, die nicht auf den ersten Blick verständlich und im Vorbeigehen konsumierbar sein mögen, doch genau das ist der Punkt, sagen die Open-House-Macherinnen.

„Einen niederschwelligen Zugang ermöglichen, Dinge anstoßen, Begeisterung auslösen, das ist das Ziel von Open House, und so funktioniert das Lernen ganz automatisch“, sagt Ulla Unzeitig. Dinge anstoßen, das ist so etwas wie die heimliche Mission des Besichtigungsformats, denn zwischen Erklärern und Besuchern – oder auch zwischen Besuchern untereinander – ergeben sich oft unerwartete Synergien, sagt Iris Kaltenegger aus der Erfahrung bisheriger Events. „Empowerment ist uns wichtig. Deshalb haben wir Orte im Programm, die gratis zugänglich sind und an denen man voneinander lernen, Wissen teilen und gemeinsame Projekte starten kann.“

Eines dieser partizipativen Projekte ist die Garage Grande, ein auf den ersten Blick abweisend wuchtiges Beton-Trumm in Ottakring. Die ehemalige Parkgarage war für heutige Autos zu eng geworden, jetzt wird sie für drei Jahre zwischengenutzt. Bienen fliegen aus und ein, Pflanzen ranken empor, drinnen finden Nachbarschaftsinitiativen Raum – ein Open House im wahrsten Sinne und eines von vielen Projekten, das zur postpandemischen Aktivität und Solidarität ermutigt. Stadt zum Selbermachen.

Das Festival Open House Wien findet am 11. und 12. September statt, ist kostenlos und ohne Anmeldung (aber mit 3G) zu besuchen. Ein Teil der insgesamt 50 Bauten wird zu drei thematischen Trails kombiniert (Holzbau, gemeinschaftliches Miteinander sowie MINT für Forschung und Experiment). Wer den Andrang scheut, darf sich von der Couch zu Hause zwölf Kurzfilme anschauen, die extra produziert wurden.

10. Juli 2021 Der Standard

Ein Haus kommt nach Hause

Die Villa Beer in Wien-Hietzing hat einen neuen Besitzer. Nach jahrelangem Hin und Her wird Josef Franks Meisterwerk der gemäßigten Moderne endlich für die Öffentlichkeit zugänglich werden. Ein wohnliches Raumwunder wartet darauf, entdeckt zu werden.

Großer Schlüsselbund, kleines Auto, kurze Hose, T-Shirt. Lothar Trierenberg wirkt auf den ersten Blick nicht wie jemand, der gerade eine 650-Quadratmeter-Villa im noblen Hietzing erworben hat. Aber Lothar Trierenberg ist auch kein Käufer wie jeder andere. Hier geht es nicht um Investment und Rendite. Hier geht es um ein Stück Architekturgeschichte, die 1929–1930 von Josef Frank und Oskar Wlach entworfene Villa Beer in der Wenzgasse.

Jahrzehntelang war das Haus in zwei Einheiten geteilt, jahrelang durch einen Rechtsstreit blockiert. 2008 war eine Hälfte am Markt, es gab Interessenten für eine Wohnnutzung, Bund und Land standen mehrmals vor dem Kauf, Museen und Architekturinstitutionen petitionierten, warnten vor Zerfall und entstellenden Umbauten.

Lothar Trierenberg schließt die bescheidene Tür auf, hinter der das Frank’sche Raumwunder sich zu entfalten beginnt. „Als das Haus im November 2020 auf dem Markt war, hatte ich sechs Wochen Bedenkzeit, aber eigentlich war die Entscheidung schon gefallen.“ Die Motivation war, sagt er, eine „mäzenatenhafte“: Die Villa soll für die Öffentlichkeit zugänglich sein. „Ich wollte verhindern, dass das Haus falsch genutzt und erhalten wird.“ Vor über 20 Jahren gründete Trierenberg Das Möbel, ein Café und Geschäft; nach dem Verkauf des Letzteren war Zeit für Neues. Seine Begeisterung für Einheit von Architektur, Design und Möbeln fand in Josef Frank einen idealen Resonanzkörper.

Gemütliche Moderne

Jener ist im Pantheon des 20. Jahrhunderts noch immer eine unterschätzte Figur. Er war beteiligt an der Weißenhofsiedlung in Stuttgart und der Werkbundsiedlung in Wien, doch er distanzierte sich schon damals deutlich von den Funktionalisten, für die Gemütlichkeit der Gottseibeiuns war. Er dachte nicht in industriellen Normen, er dachte das Wohnhaus vom Wohnen her. War bei Mies van der Rohe alles teutonisch präzise, forderte Frank eine gewisse Unordnung geradezu heraus und ließ seinen Bauherren mehr Freiheit als sein Landsmann Adolf Loos, dessen Villen bis ins kleinste Detail durchmöbliert sind. Franks Häuser wollen benutzt und bewohnt werden, ohne dass man dazu eine Gebrauchsanweisung benötigt oder ein falscher Sessel das edle Ensemble zerstört.

„Ein gut angelegtes Haus gleicht jenen schönen alten Städten, in denen sich selbst der Fremde sofort auskennt und, ohne danach zu fragen, Rathaus und Marktplatz findet“, schrieb er 1931 in seinem Essay Das Haus als Weg und Platz. Die Villa Beer verkörpert diese Haltung, man erwandert sie wie ein Flaneur. Sobald man eine Tür öffnet, um eine Ecke geht, sich umdreht, passiert etwas beglückend Unerwartetes. Räume sind größer, kleiner, niedriger oder höher als erwartet, Fenster und Türen nicht dort, wo man sie heute platzieren würde, aber in Summe sind all diese Dinge genau richtig. Sackgassen gibt es ebenso wenig wie Baudetails, die aufdringlich ihre geniale Geplantheit verkünden.

Jeder Besucher wird hier eine Lieblingsstelle entdecken, die ihn für das Haus einnimmt. Die hohe und doch gemütliche Wohnhalle, deren hoher verglaster Erker sich in den Garten hinausstülpt, der diagonale Blick durch das gesamte Erdgeschoss, der intime Teesalon mit seinem ostasiatischen Fenster oder der kleine Windfang, in dessen Mitte ein runder Fußabstreifer den Besucher diskret diagonal durch den Raum zur richtigen Tür lenkt. Oder, für sozialgeschichtlich Interessierte, die für die damalige Zeit luxuriösen Räume der Dienstboten, deren rundbogengekrönter Eingang nobler als der Haupteingang wirkt.

Schönheit für alle

Weder die jüdische Fabrikantenfamilie Beer noch Frank hatten viel Zeit, sich am Haus zu erfreuen, sie alle emigrierten schon 1934, Frank nach Schweden in die Heimat seiner Frau, wo er für das Kaufhaus Svenskt Tenn weiter am Ideal der „Schönheit für alle“ arbeitet und heute als geistiger Vater von Ikea verehrt wird.

Als die Nachricht vom Verkauf der Villa im April bekannt wurde, lief eine Welle des aufgeregten Raunens durch die Architekturszene. Kein Wunder, denn Architekt und Haus sind bestens erforscht, die versammelte Fachexpertise über dieses Haus ist enorm. 2001 publizierte Maria Welzig ihre grundlegende Frank-Monografie, 2017 beauftragte das Mak eine exakte Aufnahme der vorgenommenen Veränderungen gegenüber dem Ursprungszustand, das AzW organisierte Führungen durchs Haus – mit enormer Resonanz. „Meine Erfahrung aus den Besichtigungen ist, dass sich hier jeder sofort wohlfühlt, egal ob Laie oder Fachpublikum“, sagt Direktorin Angelika Fitz. „Man imaginiert sich selbst wohnend in den Räumen, anstatt in Ehrfurcht zu erstarren. Das Schwierigste ist, die Leute danach wieder aus dem Haus zu bekommen, weil sie so verzaubert sind.“

Kann, darf, soll ein Wohnhaus zu einem Ausstellungsstück werden? Natürlich. Gerade die Moderne ist schon vielerorts musealisiert, vom Corbusierhaus in Stuttgart über Mies van der Rohes Villa Tugendhat in Brünn bis zu den Bauhaus-Meisterhäusern in Dessau, manchmal in einen klinischen Neuzustand hineinsaniert. Dass Lothar Trierenberg, der bereits mit allen wesentlichen Experten und Institutionen im Gespräch ist, einen solchen nicht anstrebt, ist ganz im Sinne Josef Franks. „Das Haus soll leben, mit Möbeln, die man benutzen kann.“ Erste Beseitigungen späterer Einbauten erfolgen schon jetzt, ansonsten ist Besonnenheit angesagt. Bis September 2022 soll das Ausstellungskonzept stehen und ein Betreiber gesucht werden. Freuen darf man sich schon jetzt.

23. Juni 2021 Der Standard

Hürdenlauf zur Ziellinie

Das Projekt seebogen:aktiv in der Seestadt Aspern wollte Wohnen und Arbeiten passgenau ineinanderfügen. Dabei lernte man viel darüber, was funktioniert und was nicht, und weiß heute, dass es vor allem eines braucht: viel Geduld.

Am Anfang stand die Bewegung. „Le Lac Sportif“ lautete der Titel des Projekts auf dem Baufeld G12A der Seestadt Aspern beim Bauträgerwettbewerb 2017. Der frankophile Name erwies sich bald als etwas zu speziell und wurde in seebogen:aktiv umbenannt, doch es blieb sportlich. In der Disziplin Weitsprung zum Beispiel mussten die beiden Bauträger – die Neues Leben Gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft und die Gemeinnützige Siedlungs-Genossenschaft Altmannsdorf und Hetzendorf – ihren Mut zusammennehmen und die Sprungdistanz von 20 Prozent Nicht-Wohn-Anteil erreichen.

In der Disziplin Teamsport wurde ein solides Konzept für diesen Anteil erarbeitet: 17 Büros, Ateliers und Geschäftslokale, zwei Sportstätten, ein WienXtra-Multifunktionsraum, eine Stadtbibliothek. Die restlichen 80 Prozent: 94 geförderte Mietwohnungen, 47 Smart-Wohnungen mit Superförderung, 50 geförderte Eigentumswohnungen und 45 freifinanzierte Wohnungen. Aufgeteilt ist das Baufeld zwischen den wohnbauerfahrenen Planerteams Einszueins Architektur und Tillner Willinger. Die Wohnungsübergabe erfolgte in diesen Juniwochen.

IBA als Vermittler

Dreh- und Angelpunkt der Bewegung war und ist die Vergabe der Gewerbeflächen. Hier kommt die Internationale Bauausstellung IBA Wien 2022 „Neues soziales Wohnen“ ins Spiel, die in den letzten Jahren oft eine wichtige Vermittlerrolle bei der Quartiersentwicklung gespielt hat. Mit der Initiative „Wohnen und Arbeiten passgenau“ sollten frühzeitig die idealen Nutzer gefunden werden, die im selben Haus sowohl wohnen als auch arbeiten. Ein mutiges Experiment in der Disziplin Synchronschwimmen.

„Wir haben über Veranstaltungen und unsere Website Interessenten gesucht, die spezielle Vorstellungen von der Kombination Wohnen und Arbeiten haben, die wir dann in die Grundrissplanung integrieren können,“ sagt Andrea Breitfuss vom Ingenieurbüro Kontext, die das Projekt im Auftrag der Bauträger organisierte. Rund 20 bis 25 Interessierte kamen zu den Workshops und ließen sich von den Architekten beraten; übrig blieb letztendlich nur eine einzige Familie.

Woran lag das? „Es müssen sehr viele Parameter erfüllt sein, damit die passgenaue Kombination Wohnen und Arbeiten funktioniert“, sagt Breitfuss. „Man muss drei Jahre vorher wissen, was man braucht, es muss ein Gewerbe sein, das sich für den Ort eignet, und man muss gleichzeitig dort wohnen wollen.“

Was sich schon bei ähnlichen Projekten in Wien, etwa im Sonnwendviertel, abzeichnete, wurde auch hier deutlich: Der Zeithorizont von Wohnen und Gewerbe unterscheidet sich gravierend. Klein- und Mittelunternehmer können im seltensten Fall drei Jahre vorausplanen. „Gewerbeflächen gehen in der Regel erst dann weg, wenn das Haus schon steht. Die Vergabe beginnt hier ein halbes Jahr nach dem Einzug, während die Vergabe der Wohnungen schon zwei Jahre vor dem Einzug stattfindet. Noch dazu scheuen sich Gewerbetreibende oft davor, sich in einem Stadtentwicklungsgebiet einzumieten, das gerade erst bebaut wird.“

Ein lohnendes Experiment

Der hohe Aufwand für die Workshops lohnte sich also nur bedingt. Auch IBA-Koordinator Kurt Hofstetter zieht ein ähnliches Resümee: „Die Planungs- und Entwicklungsdauer eines Wohnbaus ist für die Nichtwohnnutzung einfach zu lange, außerdem ist die gleichzeitige Suche nach Wohnung und Arbeitsmöglichkeit eher die Ausnahme. Viele Anfragen für die Arbeitsnutzung sind auch gar nicht auf dauerhafte, sondern auf stundenweise Nutzung ausgerichtet. Das ist für Bauträger im Rahmen ihrer eigenen Verwaltungen aber einfach nicht abbildbar.“ Trotzdem sei die Initiative ein lohnendes Experiment gewesen, aus dem viel gelernt wurde.

Wie kann nun die Architektur auf diese unterschiedlichen Bedürfnisse von Wohnen und Arbeiten reagieren und sie aufeinander passgenau abstimmen? Als interessant erwiesen sich, auch beim seebogen:aktiv, die Flächen über dem Erdgeschoß, sagt Katharina Bayer von Einszueins Architektur. Diese sind zur Straße hin weniger sichtbar und werbewirksam und daher der typische Standort für Arztpraxen. Ein weiterer Vorteil sei deren Pufferwirkung zwischen Erdgeschoß-Gewerbe und Wohnen, was den Schallschutz betrifft. Dieser wurde bei seebogen: aktiv etwa bei der Boulderhalle sorgfältig getestet. Für spätere Veränderungen wurde hier ebenfalls vorgesorgt: Dank Stahlbetonskelettbaus mit Mauerwerk lassen sich später ohne großen Aufwand Fenster in die dunkle Halle einbauen.

Was die kleineren Gewerbeeinheiten betrifft, empfiehlt Bayer die Disziplin Langstreckenlauf. „Man braucht Geduld und darf die Nerven nicht verlieren. Bei kleinteiligen Flächen muss man immer damit rechnen, dass Interessenten wieder abspringen. Da muss man dranbleiben und das Raumangebot immer wieder nach außen sichtbar machen. Wir haben bei anderen Projekten die Erfahrung gemacht, dass sich oft ein Bedarf an Arbeitsflächen innerhalb des Hauses ein oder zwei Jahre nach dem Einzug ergibt.“ Eine Durststrecke, die es durchzustehen gilt, bevor man die Ziellinie überquert.

Umwandlungswünsche

„Die Bauträger wissen heute, dass sie Geduld haben müssen, bis das Umfeld bezogen ist“, sagt auch Breitfuss. „Es kann auch passieren, dass es von deren Seite den Wunsch gibt, kleinere Büroeinheiten irgendwann doch wieder in Wohnungen umzuwandeln. Das ist verständlich, und vielleicht ist ein Nicht-Wohn-Anteil von 20 Prozent in manchen Fällen auch zu hoch angesetzt.“

Die Chance auf ein Erreichen der Ziellinie sei jedoch nicht so schlecht, denn gerade die Pandemie habe den Bedarf für Arbeitsplätze in Wohnungsnähe erhöht, viele Unternehmen werden künftig auf Hybridformen zwischen Präsenz und Homeoffice setzen. Wie man im Fußball weiß: Geht ein Spiel in die Verlängerung, wird es erst richtig spannend.

29. Mai 2021 Der Standard

Jeder Tag ist Friday

Die Vienna Biennale im Mak nimmt sich des Klimawandels an. Auch die Architektur spielt eine Schlüsselrolle. 100 Projekte aus aller Welt zeigen Lösungen für das kommende kritische Jahrzehnt, von Graz bis Medellín.

Elf Uhr an einem der wenigen sommerlichen Tage in diesem kühlen Frühling. Der sehr schöne und sehr steinerne Freiheitsplatz in der Grazer Altstadt glüht schon auf mittlerer Herdstufe. Der ganze Freiheitsplatz? Nein. Eine kleine Oase aus Holz, umhüllt von weißen Tüchern, steht mitten auf dem Platz, mehrere gefühlte Grad kühler. Die Klimaanlage ist ein Stück Mischwald aus rund 600 Pflanzen, bedampft von Sprühnebel. Zwitschernde Vögel schwirren zwischen den Blättern umher, Bienen summen.

Der Klima-Kultur-Pavillon wurde im April eröffnet, und nicht nur die Grazer Fauna, auch die Bürger haben ihn sofort in Beschlag genommen, freut sich Architekt Andreas Goritschnig.

„Wir wollen der großen Herausforderung Klimawandel einen öffentlichen Raum geben, der motiviert und informiert.“ Goritschnig bildet gemeinsam mit Karl-Heinz Boiger, Lisa-Maria Enzenhofer, Markus Jeschaunig und Bernhard König das Breathe Earth Collective, das den Pavillon konzipiert hat. Er ist das Nachfolgeprojekt das Pavillons breathe.austria, dessen Wald-Biosphäre auf der Expo 2015 in Mailand für Aufsehen sorgte.

Installation statt Lösung?

Klima-Kultur ist der nächste Schritt, hinein in die Stadt und den Alltag. „Die 2020er-Jahre gelten nach Klimaforschern als das Jahrzehnt, in dem wir das Steuer noch herumreißen können“, sagt Andreas Goritschnig. „Wir Architekten müssen daher vor allem Transformation gestalten, nicht nur Objekte, denn das dauert zu lang.“

Anfang dieses Monats war das Grazer Kollektiv im Wiener Mak zu Gast, eine Art kühles Warmlaufen für die dortige Vienna Biennale, die vorgestern unter dem Motto „Planet Love – Klimafürsorge im digitalen Zeitalter“ eröffnet wurde (siehe Bericht im Kulturteil) . Ihr Programm umfasst gleich mehrere Ausstellungen und ein Symposium, das Thema der Klimakatastrophe wird hier von Kunst, Design und Architektur gleichermaßen eingekreist.

Fridays for Future im geschützten musealen Rahmen, passt das zusammen? Wenn Architekten sich ums Klima kümmern, das hat man bei der soeben eröffneten Biennale in Venedig gesehen, kann es mühsam werden: Zu oft versuchen sie, selbst Künstler zu spielen und die globale Dringlichkeit in aufwendigen Installationen zu ästhetisieren, anstatt Lösungen anzubieten.

Hier soll es genau ums Gegenteil gehen, sagt Hubert Klumpner, Professor für Städtebau an der ETH Zürich und gemeinsam mit Anab Jain, Marlies Wirth und Mak-Direktor Christoph Thun-Hohenstein Co-Kurator der Hauptausstellung Climate Care . „Die Bilder, die uns Menschen im Krisenmodus zeigen, sind allen bekannt. Ich habe mich mit meinen Kollegen bewusst entschieden, Lösungsansätze und real existierende Projekte zu zeigen.“ Plakativ gesagt: Empowerment statt artsy-fartsy.

Ein Teil der Hauptausstellung beschäftigt sich unter dem Titel Imaginaries mit der Rolle von Architekten und Planern an der Front im Kampf gegen die Katastrophe. Allein dies sprengt schon fast die Grenzen des Mak: 100 Pilotprojekte aus aller Welt, dicht an dicht gehängt, von technologischen über soziale bis zu landschaftlichen Ansätzen ist alles dabei.

Die Revitalisierung der 3500 Jahre alten Stadt Lod bei Tel Aviv, ein Ökologieprojekt an der US-mexikanischen Grenze, Permakultur in Frankreich, essbare Flechten, essbare Pilze, ein Wasserpark in Shenzhen, die Great Green Wall, die versucht, das Wachstum der Sahara einzudämmen, und die wiederbegrünten Straßenräume der Corredores Verdes im kolumbianischen Medellín. Dazwischen Etabliertes wie die Lehmbauten des Vorarlbergers Martin Rauch und die verkehrsberuhigten Superblocks in Barcelona.

Damit nicht genug, wurden diese 100 Werksanleitungen zur Weltrettung von Studierenden der TU Wien, der Universität der angewandten Kunst und der ETH Zürich auf Orte in Wien übertragen. Eine Schau am Rande der kompletten Überforderung, deren Informationsflut aber auch ermutigt: Ideen gibt es genug – und sie kommen vor allem von der Südhalbkugel.

Lernen vom Süden

„Die Moderne ging davon aus, dass wir in Europa und Nordamerika dem Rest der Welt erklären, was zu tun ist“, sagt Hubert Klumpner. „Das funktioniert nicht mehr. Heute gilt es, von Ländern zu lernen, die den Umgang mit Krisen gewohnt sind und Resilienz entwickelt haben.“ Das heißt: keine perfekten Lösungen, sondern ein permanentes Verhandeln, Ausprobieren, Kooperieren. Das heißt auch: Aktivismus statt Resignation. „Der Begriff des Anthropozän, also des vom Menschen beeinflussten Erdzeitalters, wird heute vorwiegend als negativer Einfluss auf die Umwelt gedeutet. Das hat zu einer Lähmung der kreativen Szene geführt. Diese Schockstarre gilt es zu überwinden“, so Klumpner.

Denn wenn Architektur, Kunst und Design ihre Elfenbeintürme verlassen und sich mit der Wissenschaft zusammentun, kann es nur besser werden. „Die Klimafrage ist noch nicht ausreichend in den Köpfen und Herzen der Menschen angekommen, weil deren katastrophale Auswirkungen nicht sichtbar sind“, erklärt Christoph Thun-Hohenstein. „Wir wollen keine Verzichtsdiskussion führen, sondern zeigen, dass jeder die Zukunft mitgestalten kann.“ Denn wenn wir No Future vermeiden wollen, gilt spätestens jetzt: Jeder Tag ist Friday.

17. April 2021 Der Standard

Fenster zur Freiheit

Das neue Atelierhaus C21 im Wiener Sonnwendviertel wirft die Regeln der Immobilienwirtschaft zugunsten des reinen Raums über Bord und eröffnet dabei ganz neue Welten zwischen Wohnen und Arbeiten.

Werner Neuwirth ist so etwas wie das Phantom der Wiener Architektenszene. Keine Werbung, keine Porträtfotos, wenige öffentliche Auftritte. Seine Web-Adresse ist kein Name, sondern eine vierstellige Zahl. Er denkt und baut hintergründig, nicht vordergründig, das heißt auch, er baut langsam. Jetzt ist wieder ein Haus fertig geworden, sein siebentes in 20 Jahren. Es ist sein ungewöhnlichstes und vielleicht sein essenziellstes. Begleitend zum Bau des Hauses hat er ein in graues Leinen gebundenes Buch publiziert. Beworben wird es nicht. Werner Neuwirth nennt es „ein Büchlein“ und sagt: „Wen es interessiert, der wird es finden.“

Ein typisch Neuwirth’scher Satz. Auch auf das Gebäude selbst, das Atelierhaus C21, benannt nach seinem Bauplatz im Sonnwendviertel Ost, trifft er zu. Es hat seine Interessenten gefunden. Es ist ein in vieler Hinsicht einzigartiges Haus, das sich jeder Kategorie entzieht.

Es fängt damit an, dass das Grundstück, auf dem es steht, eigentlich gar nicht existieren sollte. Ein übrig gebliebener Rest zwischen Straße und Bahngleisen, das Resultat mehrerer Masterpläne für das Sonnwendviertel beim Wiener Hauptbahnhof. Der erste von Architekt Albert Wimmer sah eine klare Trennung vor: Gewerbe an der Bahn, dann eine breite Straße, dann Wohnen, dann Park. Das war auf eine Weise logisch, jedoch auf eine Weise, für die „Bahn“ etwas ist, neben dem man auf keinen Fall wohnen darf, als wären wir noch im 19. Jahrhundert, als Lokomotiven dampften und Kessel explodierten. Das Wohnen an einer lauten Durchgangsstraße schien hingegen seltsamerweise unproblematisch zu sein. Nachdem sich herausstellte, dass der Bedarf an Wohnraum den an Gewerbe weit überstieg, wurde im Zuge eines kooperativen Verfahrens ein neuer Masterplan unter Leitung von Max Rieder erstellt, mit kleineren Baufeldern und einer autofreien Promenade in der Mitte. Übrig blieb ein schmaler Rest zwischen einer Brückenauffahrt, den Bahngleisen und dem neuen Mistplatz. Vorgesehen war er, eher aus Ratlosigkeit, für Gewerbe.

Einfach Raum

Ein Ort also, der aus Investorensicht nahezu wertlos war. Für Werner Neuwirth war es ein Stück Freiheit. Die Freiheit, ein Haus aus Räumen zu bauen, die einfach nur das sind: Räume. Statt der Funktionszuschreibungsversessenheit der modernen Architektur einfach nur: Luft, umschlossen von Materie. Keine durchgenormten Wohnzimmer, Schlafzimmer, Büroarbeitsplätze, keine mit Technik- und Konsumzubehör vollgeräumten, bis zum Anschlag optimierten Ausstattungsmaschinen. Stattdessen: einfach Raum zur Verfügung stellen und dann abwarten. Sobald man von den kaum hinterfragten Gewohnheiten abweicht, sagt Neuwirth, entstehe eine gewisse Unruhe, denn nicht jeder kann mit dieser Freiheit umgehen.

Künstler und Freiberufler können das vielleicht am ehesten, dachte man sich, und so fand der Raum seinen Nutzen als Atelierhaus. Auch dieser Begriff steht in keiner Norm und keiner Bauordnung, er ist die frei interpretierbare Version einer gewerblichen Nutzung. 78 Ateliers, zwei Galerien und ein Café füllen das Volumen. Was von außen wie ein einfacher Quader aussieht, ist im Inneren ein fast M.-C.-Escher-haftes dreidimensionales Puzzle. Das lange ausgetüftelte System kombiniert einen Raum mit 5,70 Meter Höhe mit einem niedrigen, 2,70 Meter hohen Bereich zu drei Grundmodulen, die mit geometrischer Präzision ineinandergreifen. Eine vorgefertigte Sanitäreinheit ist das einzige Zugeständnis an Funktion. Ein großes Fenster, ein kleines Fenster. Wände aus Sichtbeton. Was weiter passiert, ist künstlerische Freiheit.

Das muss man sich antun

Selbst das Erd- und Untergeschoß folgen mit demokratisch-geometrischem Purismus demselben System. Je nachdem, ob das Puzzleteil unten, oben, am Eck oder in der Mitte zum Liegen kommt, ergibt sich ein unterschiedlicher Charakter. Durch den Zusammenschluss zweier oder mehrerer Puzzleteile, horizontal oder vertikal, multiplizieren sich die Möglichkeiten. Selbst wenn man sich auf eine Einheit beschränkt, lassen sich durch den Einbau von Galerien die Quadratmeter erhöhen und eine Annäherung von so etwas wie Zimmern erzeugen.

Ein Haus, das nicht einfach im Effizienzrausch Regelgeschoße aufeinanderstapelt: Das muss man sich antun. „Ich weiß nicht, wie lange wir getüftelt haben, bis wir die Installationsschächte durchgefädelt hatten“, sagt Werner Neuwirth. Auch Polier und Elektriker kamen ins Schwitzen, weil die Logik ihrer Kabelverlegungen ungewohnte Höhen- und Seitensprünge bekam.

„Wir haben mit diesem Projekt wirklich bei null begonnen“, sagt Robert Hahn, Architekt und Geschäftsführer der C.21.a Projektentwicklungs- und Errichtungsgesellschaft. „Zuerst das räumliche Konzept zu entwickeln, dann erst die Nutzer zu suchen, das muss man sich zutrauen. Es gibt hier nicht die quantifizierbaren Parameter, die in der Immobilienbranche üblich sind.“ Gerade für Freiberufler passt das Atelierhaus allerdings exakt in eine Marktlücke, sagt Hahn. „Wir haben viele Homeoffice-Flüchtlinge, die gemerkt haben, dass ihre Wohnungen auf Dauer nicht als Arbeitsplatz funktionieren, der Büroimmobilienmarkt ihnen aber auch nichts in dieser Größe anbietet.“ Wenn dank der Corona-bedingten Homeoffice-Pandemie heute über neue Kombinationen von Wohnen und Arbeiten diskutiert wird, rückt das schmale Atelierhaus auf dem Randgrundstück plötzlich exakt ins Zentrum unseres heutigen Raumbedarfs.

Dem Leben sein Raum

Bis auf eine Einheit im Souterrain sind alle Ateliers verkauft. Manche sind noch leer, in anderen stehen schon Leinwände und Farbtöpfe, die ersten Galerieeinbauten sind schon eingezogen. Die anfangs gleichen betongrauen Grundmodule sind auf dem Weg in die Individualität. Auch oben wird das Puzzle nicht einfach horizontal abgeschnitten, sondern formt einzelne Dachterrassen mit denselben Fensterformaten, die hier ganz in Weiß rechteckige Blicke auf Wien zu Bildern rahmen. Nach Norden über Bahngleise, das Arsenal bis zum Kahlenberg und nach Transdanubien, nach Süden bis zum Schneeberg. „Ein verlängerter Canaletto-Blick“, sagt Robert Hahn und lacht. Wie heißt es so schön in der Inschrift auf dem Gebäude der Sezession: Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit. Man könnte hinzufügen: Dem Leben sein Raum.

10. April 2021 mit Wojciech Czaja
Der Standard

Ranken oder Ränkespiele? Pro Kontra

Für die einen sind begrünte Fassaden ein wunderbares, innovatives Bauelement im Großstadtdschungel, für die anderen ist der Saum an der Wand nicht nur Chlorophyllkosmetik, sondern auch Architekturhölle. Auch wir sind uns nicht wirklich einig.

Wojciech Czaja: Pro

Mit dem Glauben an das Automobil und neuen Entwicklungen in der Beton-, Glas-, Stahlindustrie hat die späte Moderne unsere Städte komplett verändert. Und jetzt haben wir den Salat. Oder auch nicht, denn genau dieser ist aus den Betonwüsten zum überwiegenden Teil völlig verschwunden. Die Folgen davon sind fatal: Überhitzung der Städte, katastrophale Luftqualität und in vielen grünlosen Vierteln noch dazu kalorische Anti-Oasen unter dem fast schon euphemistischen Titel Urban-Heat-Islands. Die einzig konsequente Möglichkeit, um aus diesem betonierten Schlamassel wieder rauszukommen, ist die offensive, ja fast schon aggressive Begrünung unserer Städte. Die einen machen das mit Parks, Wiesen, Blumenbeeten, Gemüserabatten und Urban-Gardening-Flächen, die anderen greifen dazu auf die etwas dichtere Variante mit Büschen, Stauden, Sträuchern und Bäumen aller Art zurück. Wenn es sein muss, nicht nur der horizontalen Fläche.

Einer der Meister der vertikalen Begrünung ist der Pariser Botanikkünstler Patrick Blanc, der unter anderen auch Jean Nouvels preisgekröntes Hochhaus One Central Park in Sydney begrünte (siehe Foto) . Auch andere vertikale Flächen wie Feuermauern, Innenhöfe, Altbaufassaden, Tunneleinfahrten und meterhohe Mauern sind vor seinem grünen Daumen nicht sicher – ob das nun Madrid, Miami oder Kuala Lumpur ist. Und dann gibt es ja noch den vertikalen Waldmeister Stefano Boeri mit seinen millionenfach geinstagramten Türmen in Mailand.

Ja klar, vieles davon ist Fassadenkosmetik und Behübschung von eigentlich naturkatastrophalen Problemen. Außerdem braucht man Metallkonstruktionen, Bewässerungsanlagen und manchmal auch allerlei sensorische Hard- und Software. Doch der mikroklimatische Effekt infolge von Verschattung, Verdunstungskälte, Feinstaubabsorption und nicht zuletzt CO2 -Speicherung ist enorm. Studien haben ergeben, rechnet die niederländische Stadtplanerin Helga Fassbinder vor, dass man mit zehn Prozent mehr Grün die sommerlichen Höchsttemperaturen in der Stadt um bis zu drei Grad Celsius senken kann. Mit der Wiener Klimakarte, die die ehemalige Planungsstadträtin Birgit Hebein im September letzten Jahres vorgestellt hat, gibt es nun auch hierzustadt eine echt heiße Planungs- und Nichtverbauungsgrundlage.

Ganz ehrlich? Viele Fassadenbegrünungen zwischen Sydney, Biotope-City und MA 48 am Margaretengürtel sind klimatischer und ökologischer Schmonzes. Muss das wirklich sein? Ja, es muss! Auf rationaler und wissenschaftlicher Ebene wissen wir schon viel, aber damit erreicht man weder Otto Normalverbraucher und Monika Mustermann noch irgendwelche ökonomisch getriebenen Investorenherzen. Bis der Baustoff Grün in der Stadtplanung und im Städtebau nicht wieder absolute Selbstverständlichkeit wird, ist jedes grüne Mittel recht. Her mit den grünen Fassaden!

Maik Novotny: Kontra

Über nichts reden die Wiener lieber als über Fassaden jeder Art. Die Stadt ist eine Bühne, jedes Haus eine Kulisse, alles ist schöner Schein, alles ist Oberfläche. Darüber lässt sich auch viel schöner streiten als über banale Fakten und über die Mechanismen hinter den Kulissen. Kein Wunder also, dass auch der Kampf gegen die Überhitzung und für die klimagerechte Stadt recht schnell zu einem zweidimensionalen Fassadenthema wurde.

Um es gleich klarzustellen: Der Kampf gegen die Klimakatastrophe ist der wichtigste, den es gibt, und hier ist jedes Mittel recht. Wenn es der Kühlung dient, dass es hier und da vertikal emporrankt: Nur her damit! Es wird schon nicht, wie von vielen befürchtet, der ganze kulturelle Reichtum der Architektur hinter Efeu und Knöterich verschwinden.

Aber die Fassadenbegrünung kaschiert mehr als erwärmtes Gemäuer, sie ist eine Ablenkungsstrategie. Sie verlagert das Schlachtfeld der Klimakatastrophe vom Öffentlichen ins Private, von der Ebene in die Senkrechte. Fragt man Landschaftsplaner nach den besten Mitteln gegen urbane Hitzeinseln, bekommt man fast immer dieselbe Antwort: Nichts ist besser als der richtige Baum am richtigen Ort. Bäume sind nahezu perfekt. Sie sind langlebig, kümmern sich weitgehend um sich selbst, spenden im Sommer Schatten und im Winter nicht. Es gäbe noch reichlich Platz für mehr Bäume, doch an diesem Platz stehen heute tonnenschwere Klumpen aus Metall dumm herum. Weil man sich – von homöopathischen Pflanzprojekterln und kurzen „Kühlen Meilen“ abgesehen – nicht traut, hier jemandem etwas wegzunehmen, weicht man aus. Sollen sich die Hausbesitzer ums Klima kümmern! Während Paris, Amsterdam und New York die Autos radikal verbannen, bleibt in Wien alles beim Alten, im scheinheilig schönen Schein des „Genug gestritten!“.

Doch nicht nur in Wien werden Ränkespiele mit dem Geranke getrieben. Seit Architekt Stefano Boeri 2014 in Mailand die baumbestandenen Doppeltürme seines Bosco Verticale einpflanzte, übertrumpfen sich Investoren weltweit in der Begrünung ihrer Wolkenkratzer. Wurscht, wenn für den Beton ganze Sandstrände über Nacht verschwinden: Was von außen so schön grün aussieht, kann nur ökologisch sein! Ist es nur eben fast nie.

Von Fallwinden gerüttelt und von Böen zerzaust, kämpft das zum Symbol überhöhte bemitleidenswerte Gestrüpp im 29. Stockwerk einen aussichtslosen Kampf, dabei möchte es doch so gerne einfach nur in Ruhe zwischen seinen Artgenossen am Boden stehen. Zwar macht die Bewässerungstechnik große Fortschritte, und es verdorrt nicht mehr alles sofort, wenn der Hausbesorger im Sommerurlaub ist, doch der Aufwand steht ab einer gewissen Höhe in keinem Verhältnis zum energetischen Ergebnis. Also: Vorsicht bei den grünen Tapeten und Fassaden: Oft steckt nicht mehr dahinter als Chlorophyllkosmetik.

13. Februar 2021 Der Standard

Aus dem Häuschen

Deutschland ist in Aufregung, weil ein Hamburger Stadtbezirk keine neuen Einfamilienhäuser zulässt. Kaum eine Wohnform wird so leicht zum Spielball der Weltanschauungen wie das Eigenheim.

Als Michael Werner-Boelz vor genau einem Jahr Leiter des Bezirksamts Hamburg-Nord wurde, kündigte er als Erstes seinen Dienstwagen. Eine programmatische Ansage für den grünen Politiker, und nicht die einzige. Denn der grün-rote Bezirkskoalitionsvertrag vom Oktober 2019 kündigte an, die „wertvolle Ressource Boden effizient zu nutzen“ und in neuen Bebauungsplänen keine Einfamilienhäuser mehr auszuweisen. Was auf heftigen Widerspruch der bürgerlichen CDU stieß: „Einfamilienhäuser kategorisch auszuschließen ist weder nachvollziehbar noch vertretbar“, so deren Abgeordneter Jörg Hamann. Stattdessen solle man Hamburgs Familien „endlich den Traum vom Eigenheim ermöglichen“.

So weit, so normal. Wo sich Bezirks-, Partei- und Wohnbaupolitik begegnen, ereignen sich solche Diskussionen jeden Tag. Doch für Medien, die man früher konservativ nannte, ist das Wort „Verbot“ wie ein Schrank voller Süßigkeiten: zu verlockend, um nicht immer wieder zuzugreifen. Auch wenn das Haltbarkeitsdatum der Zuckerln schon lange überschritten ist.

Die Tageszeitung Welt aus dem Hause Springer langte vor zwei Wochen als Erste zu und blies die Bezirkspolitik zum landesweiten Erregungsanlass auf. Nicht überraschend, führt doch Ulf Poschardt, Welt -Chefredakteur und neoliberales Twitter-Rumpelstilzchen, seit Jahren eine Kampagne gegen die „spaßfeindliche Verbotspartei“ der Grünen und spielt bei seinen Attacken gegen die „Moraldiktatur“ der „Ökos“ verbal auf der bewährten Trump-Klaviatur. Da werden Pappkameraden als ideologische Feindbilder aufgestellt, auf die man dann, „Venezuela! DDR! Nordkorea!“ schreiend, deuten kann. Der Hamburger Fall wurde so zur Drohkulisse: Bald würde in ganz Deutschland kein einziges Einfamilienhaus mehr erlaubt sein! DDR!

Neoliberale Beißwut

Erstaunlicher schon, dass sich auch der Hamburger Spiegel vom Sog der Empörung mitreißen ließ und dräuend raunte: „Das neue grüne Wohnideal kommt aus dem Osten!“ Denn, so wird suggeriert, aus dem Osten kam ja noch nie etwas Gutes. „Das neue grüne Wohnideal sieht demnach so aus: Raus aus dem Townhouse mit Pelletheizung, rein in die sanierte Plattenbausiedlung.“ Zugegeben, das bundesgrüne Programm „Bauwende“ sieht in der Tat einen radikal neuen Umgang mit Ressourcen vor, aber damit liegt es exakt auf der Linie des von Ursula von der Leyen (CDU) 2020 propagierten „European Bauhaus“. Für das Wutbürger-Kommentariat jedoch gilt: Alles, was größer als ein Einfamilienhaus ist, wurde von Stalin höchstpersönlich in die Welt gesetzt.

Das kann man lächerlich finden, ist aber eine gefährliche Diskursverschiebung. Denn jene, die andere der Ideologie anklagen, sind genau die, die das Wohneigentum als Bollwerk der Freiheit gegen den „sozialistischen“ Massenwohnbau in Stellung bringen. Was der Realität keine Sekunde standhält. In Singapur, einem des Kommunismus unverdächtigen Staat, sind rund 80 Prozent aller Wohnungen staatlich, und im Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit existierten Einfamilienhausglück und Großwohnsiedlung prächtig nebeneinander. Auch die Drohkulisse des Plattenbaus ist statisch instabil. Heutige Wohnsiedlungen verwenden im Wesentlichen dieselben Bautechnologien wie Einfamilienhäuser, und Plattenbauten sind in der Regel nicht darunter.

„Es werden Bilder auf beiden Seiten aufgebaut, die mit der Realität nichts zu tun haben,“ sagt der Wiener Stadtforscher Robert Temel. „Geschoßwohnbau wird als Käfighaltung und Plattenbau tituliert, die Einfamilienhäuser werden mit Townhouses gleichgesetzt, um die es aber gar nicht geht. Das wahre Gegenbild zum Einfamilienhaus ist auch nicht die Großsiedlung der 1970er, sondern das urbane Wohnen. Aber das eignet sich eben weniger gut als Feindbild.“

Pawlow’sche Erregung

Auch die Pawlow’sche Erregervokabel vom „Verbot“ wird durch die Wiederholung nicht wahrer. „Die meisten gesetzlichen Maßnahmen sind Verbote oder Gebote. Warum das eine böse ist und das andere nicht, ist eine rein politische Bewertung“, sagt Temel. Es geht schließlich einfach um einen Bebauungsplan, der macht, was jeder Bebauungsplan macht: Er legt fest, wie gebaut werden darf und wie nicht. Auch die Seestadt Aspern und die Gründerzeitstadt in Wien sehen keine Einfamilienhäuser vor, trotzdem wirft ihnen niemand eine Verbotsideologie vor. Außerdem betrifft die Regelung in Hamburg-Nord ausschließlich Neubaugebiete. Wer bisher im Einfamilienhaus lebte, wie vermutlich ein Großteil der empörten hanseatischen Einstecktuchbrigade, darf das auch weiterhin tun. Nebenbei entsteht im Süden der Stadt gerade das Wohngebiet Vogelkamp Neugraben, ein Folgeprojekt der IBA Hamburg mit 1500 Wohneinheiten, fast alle davon in Einfamilienhäusern.

Bodenverschwender

Also alles nur ein Sturm im Waterkant-Wasserglas? Nein, denn natürlich sind Einfamilienhäuser ein Problem. Nur eben nicht alle. In traditioneller dörflicher Form sind sie flächensparend und intelligent, erst das freistehende Einfamilienhaus, das in großem Maßstab erst in den 1950er-Jahren auftrat, ist der große Bodenverschwender. Im Rahmen der (seit dieser Woche wieder zu besichtigenden) Ausstellung „Boden für alle“ am Architekturzentrum Az W wurde anhand statistischer Daten die Problemlage visualisiert. „Wenn wir alle Einwohner Österreichs auf die bereits existierenden Ein- und Zweifamilienhäuser aufteilen, kommen wir auf durchschnittlich 4,16 Bewohner pro Wohneinheit. Das deutet darauf hin, dass es in diesem Bereich eine hohe Unterbelegung und eine beachtliche Leerstandsrate gibt. Und trotzdem werden statistisch gesehen jede Stunde in Österreich 1,74 neue Ein- oder Zweifamilienhäuser gebaut. Aber eigentlich müssten wir kein einziges neues Haus bauen!“, sagen die Kuratorinnen Karoline Mayer und Katharina Ritter.

Alternativen dazu gibt es genug. So entwickelte die Architektin Julia Lindenthal in ihrem Forschungsprojekt Rehabitat Möglichkeiten, bestehende Einfamilienhäuser für mehr Menschen zu nutzen: Das Eigenheim steht eben nicht nur für junge Familien im Bausparglück, sondern auch für einsame 80-jährige Witwen in nicht barrierefreien 300 Quadratmetern Wohnfläche am Ortsrand. Auch der von Roland Rainer ab den 1960er-Jahren realisierte verdichtete Flachbau brachte Heim und Garten in platzsparende Form. Es geht also viel, ganz ohne Verbot. Das ist auch bis zur höchsten Ebene vorgedrungen: Nach der Veröffentlichung des WWF-Bodenreports versprach Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger vergangenen Mittwoch „eine große Raumordnungskonferenz mit Bundesländern und Gemeinden“ für den Herbst. Ganz unideologisch.

6. Februar 2021 Der Standard

Ungeplant normal

Eine Ausstellung am Haus der Architektur Graz beschäftigt sich mit den Rändern der Stadt und findet dort Antworten auf den Umgang mit einer plötzlich unsicher und unberechenbar scheinenden Zukunft.

Zoom-Fenster auf, herzlich willkommen. Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass das Online-Tool alle physischen Events aufgesaugt hat, die anfangs üblichen Erklär-Satzbausteine wie „in diesen besonderen Zeiten“ sind nicht mehr nötig. Es ist, um einen vielgeschmähten Begriff zu verwenden, die neue Normalität.

Auf diese heute normale Art wurde vorige Woche auch eine Ausstellung am Grazer Haus der Architektur (HDA) eröffnet, nämlich online, mit einem Jahr Verspätung und irgendwie nicht ganz. Aber in diesem Fall passte das sehr gut, denn die Normalität ist das Thema der Schau, und das Wesentliche passiert hier auch nicht im geschlossenen Museum, sondern draußen – und zwar weit draußen, am Grazer Stadtrand.

Nicht neben Kunsthaus-Blob und Altstadtwelterbe, sondern zwischen Ausfallstraße und Acker, zwischen Shoppingcenter, Einfamilienhaus und Gewerbegebiet. Normal – direkter Urbanismus x 4 lautet auch der Name der Ausstellung, der sich den unspektakulären Rändern widmet. Das Grazer Kulturjahr 2020, das wie viele Kulturveranstaltungen pandemiebedingt ins Jahr 2021 hineindriftet, hat unter dem Motto „Wie wir leben wollen“ speziell die Stadtentwicklung zum Thema gemacht. Die Ausstellung hatte ihren Titel schon 2019 bekommen, und dieser fand im Jahr der neuen Nicht-Normalität zu ganz neuen Bedeutungszusammenhängen.

Surreales Nebeneinander

Die Idee für NORMAL kommt von Barbara Holub und Paul Rajakovics vom Wiener Büro Transparadiso, die damit den Call der Stadt Graz gewannen. „Wir wollten den Begriff normal infrage stellen, weil wir selten darüber nachdenken, wie wir ihn genau definieren“, sagt Barbara Holub. Die realexistierende Normalität lokalisierten Transparadiso am Stadtrand, dessen scheinbar planloses Wuchern im Grunde ein Abbild rein ökonomischer Interessen ist. „Graz wächst stärker als Wien, und gerade an den Rändern geschieht das meistens durch anlassbezogene Umwidmungen“, sagt Paul Rajakovics. Das geschieht nicht immer konfliktfrei. Dieser Tage streitet man sich in Graz um die geplante Ansiedlung eines Amazon-Logistikcenters mit vierstöckiger Parkgarage am Südrand der Stadt. Ist diese Art des Stadtwachstums normal?

In den 1960er-Jahren propagierten die französischen Situationisten das Prinzip des „dérive“, des ungeplanten, neugierigen Bewegens durch die Stadt. Damals waren es die Straßen von Paris.

Heute würden sie vermutlich die zu touristischen Destinationen aufpolierten Stadtzentren meiden und sich am Stadtrand herumtreiben, mit seinen Brüchen und Widersprüchen, seinem surrealen Nebeneinander von Dingen, die nichts miteinander zu tun haben. „Die meisten Architekten interessieren sich nicht für die Peripherie, weil sie so unspektakulär ist, aber genau das fasziniert uns“, sagt Barbara Holub. „Sie ist ein Ort, an dem man etwas entdecken kann.“

Also recherchierten die beiden mit ihrem Partner Michael Petrowitsch in alle vier Himmelsrichtungen der steirischen Hauptstadt und luden Architektur- und Künstlerkollektive ein, sich jeweils einen Bezirk auszusuchen.

Die Gruppe Orizzontale aus Rom übernahm passenderweise den Stadtteil Liebenau im Süden und entwickelte einen schwimmenden Archipel am Ufer der Mur und fragte mit der Unbefangenheit der Außenseiter bei den Grazern nach, was ihnen der Fluss bedeutet.

Das Londoner Kollektiv Public Works nahm sich den darbenden Hauptplatz im nördlichen Andritz vor, näherte sich dem Ort zuerst künstlerisch über collagenartig-assoziative Aquarellzeichnungen und und richtete dann eine „School for Civic Action“ ein, um Ideen zu mobilisieren.

Der deutsche Künstler Georg Winter suchte sich ein Feld am westlichen Stadtrand in Wetzelsdorf aus, um in Kooperation mit der dort ansässigen Landwirtschaftlichen Fachschule Grottenhof einen TanzPflanzPlan zu entwickeln, eine Mischung aus Gemüseanbau und Bewegungsperformance.

Klingt zunächst esoterisch, ist aber ganz anders gemeint, sagt Georg Winter. „Wetzelsdorf hat mich sofort fasziniert, weil dort das Städtische auf das Ländliche trifft. Urbanisten und Architekten propagieren immer die Verdichtung, was aber auch auf eine Dominanz gegenüber dem Land hinausläuft.“

Stattdessen wurde der Boden über Monate gärtnerisch-tänzerisch aufgelockert und dabei handfest-nachweisbar verbessert, eine Qualitätssteigerung durch Entdichtung sozusagen. Eine eigens entwickelte Samenmischung („Wetzelsdorfer Mischung“) wurde an 800 Haushalte verteilt, ein anschauliches Mittel, um die Frage zu diskutieren, wie man Gemüseanbau, Selbstversorgung und Wohnviertel zusammenbringen kann. Kein kurzfristiger Aktionismus, denn gerade für den Stadtrand sind solche „weichen“ und ländlichen Methoden wie Bodenauflockerungen und ephemere Tanzperformances besser geeignet als das schwere Gerät städtisch-bürokratischer Planungsmaschinerien.

Aktionismus statt Konsens

Das östliche Waltendorf schließlich übernahmen Transparadiso selbst. Hier werden sie den (mittlerweile dritten) „Congress of missing things“ veranstalten, schon jetzt sammeln sie dafür Einsendungen von Anwohnern, die das benennen, was hier fehlt. „Vielen fehlt hier ein richtiges Zentrum, denn Waltendorf hat in der Tat keines“, sagt Barbara Holub. „Wir sichern aber nicht nur konkrete, sondern auch poetische Qualitäten, die hier fehlen.“

Diskutiert wird dies dann im Juli vor Ort, allerdings, betonen Transparadiso, sei das nicht als Partizipationsprojekt zu verstehen. „Bürgerbeteiligung will immer den Konsens, darum geht es hier nicht. Wir verstehen es mehr als stillen Aktionismus mit künstlerischen Methoden, durch die auch andere Dinge zur Sprache kommen.“ Hier knüpft man an den Begriff der Wunschproduktion an, der 1995 vom semianarchischen Kollektiv Park Fiction in Hamburg als Methode der Stadtentwicklung verwendet wurde.

Selbst wenn das Ergebnis ist, dass es einfach mehr Spaß macht als gewöhnliche Bürgerbeteiligung, ist schon viel erreicht, und sei es nur ein Ventil für den Dauerdruck unserer Ausnahmesituation. „Ein Jahr lang war Angst vor Krankheit und Jobverlust das einzige Thema“, sagt Barbara Holub. „Aber welche Qualitäten machen wirklich unser Leben aus? Wie kommt man mit der Angst vor dem Nicht-Planbaren zurecht?“

„Wenn wir aktiv werden, können wir die Hilflosigkeit überwinden. Kunst und Kultur können uns dabei helfen.“ Dies sollen sie auch über das Kulturjahr hinaus. In allen vier Ecken von Graz sollen die Ideen Wurzeln fassen. Bei der geplanten Stadtrandwanderung rund um Graz darf man sich davon ein Bild machen. Außer natürlich, die Normalität ändert sich wieder.

12. Dezember 2020 mit Wojciech Czaja
Der Standard

Der Fall Loos

Dieser Tage jährt sich der 150. Geburtstag von Adolf Loos. Architekt, Designer, Theoretiker, Dandy, aber auch Verurteilter in einem Sexualprozess. Wir haben sechs Experten gebeten, die umstrittene Persönlichkeit unter die Lupe zu nehmen.

Sehnsucht nach Sinnlichkeit

Man muss sich lediglich in die Raumwelten des Adolf Loos hineindenken. Man nimmt in seinen Sofas Platz und sitzt an seinen Tischen. Man bestaunt die fließend ineinander übergehenden Räume und Zonen. Man ist versucht, den kühlen Marmor zu betasten, edle Hölzer zu befühlen und den Flausch seiner Teppiche unter nackten Füßen zu spüren. Alles wird angemessen sein. Gemütlich, doch edel. Praktisch, doch schön.
Was Adolf Loos seiner überladenen Epoche entgegengesetzt hat – nämlich die entschlackte Symbiose aus den drei elementaren Zutaten Qualität, Komfort und Eleganz –, macht heute ebenso Sinn wie zu seiner Zeit und ist geradezu wegweisend. Er arbeitete mit Sinnlichkeit, Raffinesse und Emotionen, nach denen wir uns heute heimlich sehnen. Seine Interieurs geben die richtigen Anstöße in einer Welt des unsinnlich Glatten und rein Funktionalen, in der kaum je ist, was es zu sein scheint.
Billiger Nachbau oder Original? Letztlich egal. Adolf Loos’ Idee der warmen, wohnlichen Räume, kleidsam in jeder Situation, doch nicht zu gefällig, sodass man eine Zeit braucht, um sie für sich zu erobern, wären einfach ins Heute zu transponieren. Wir müssen wieder wohnen lernen. (Gregor Eichinger, Architekt und Interiorgestalter, Büro für Benutzeroberfläche)

Sexueller Klassenkampf

Der Beschuldigte darf vor Gericht alles zu seiner Verteidigung Dienliche vorbringen. Wahr muss es nicht sein. Er darf daher behaupten, dass „verderbte“ Mädchen von sexuellen Übergriffen fantasieren – oder sich das sogar wünschen, entsprechend Sigmund Freuds Zurücknahme seiner Inzestentdeckungen, dass Symptome oft sexuelle Traumata symbolisieren. Wenn er ein „nobler Herr“ war wie Adolf Loos, wurde ihm geglaubt, wurde er doch a priori als moralisch höherstehend bewertet. Und es wurde ihm verziehen, selbst wenn die Beweislast und die Absurdität seiner abenteuerlichen Rechtfertigungsargumente unübersehbar waren.
Diese Denkweise wird noch immer propagiert: Noch immer sehen sich solche Sozialdarwinisten mit finanziellem, künstlerischem, wissenschaftlichem, network-basiertem oder nur medialem Prestige als Wohltäter à la „Sie hat durch mich doch Vorteile gehabt!“. Der Skandal des Marquis de Sade bestand nicht in den „perversen“ Aktivitäten, die er seiner Klägerin zumutete, sondern darin, dass eine Bürgerliche einen Adeligen vor Gericht brachte. Und eine „Unter-Frau“ einen „Ober-Mann“. (Rotraud A. Perner, Juristin, Psychotherapeutin und evangelische Theologin)

im himmel mit loos

ich wollte immer in den architektenhimmel, auch um mit adolf loos über einige dinge zu sprechen. aber seit der neuen moralisierung von kunst und architektur bin ich mir nicht mehr sicher, ob sich das ausgeht oder was ich tun müsste, um auch gewiss in die hölle zu kommen. adolf loos scheint einen zentralen nerv des wiener kulturverständnisses getroffen zu haben, bis heute. ginge es nur um ästhetische empfindungen, würde darüber amüsiert und kennerhaft diskutiert werden. es scheint aber mehr zu sein, was dem zum barock-dekorativen, zu gefälligkeit neigenden wiener architekturverständnis so widerstrebt. wenige kennen die texte von loos oder haben seine bauwerke erlebt und begriffen. architektur ist in wien nur verdaulich, wenn sie spektakulär inszeniert oder geschmacklich aufgeladen oder als politisches mittel, befreit von anspruch und substanz, mit infantilität und niederschwelligkeit als „sozial“ inszeniert wird.
architektur bleibt in wien verdächtig. meine hoffnung: es gibt im architektenhimmel auch eine abteilung für moralisch zweifelhafte architekten, sonst könnte es dort einsam werden. bis dahin gibt es zum trost die texte und bauwerke von adolf loos. (Werner Neuwirth, Architekt)

Moderne Moden für freie Menschen

Die Mode befindet sich hoffentlich gerade in einem Paradigmenwechsel, für dessen Gelingen eine Besinnung auf den modernen Standpunkt von Loos definitiv nützlich wäre. Wenn Modeunternehmen von Philistern geleitet werden, die im Rausch von Kosteneffizienz und Margenerhöhung die Qualität ihrer Produkte zugrunde richten, wenn durch eine Wohlstandskluft dem von Klein- und Mittelbetrieben getragenen Handwerk die Lebensgrundlage entzogen wird, während einem besinnungslosen Luxuspöbel jegliche Sensibilität und geschmackliche Kompetenz fehlt, dann ist die Rückbesinnung auf handwerkliche Tradition nicht konservativ – sondern progressiv.
Modernes Design heißt letztlich, dass seine Formensprache Sinn machen muss und dass ästhetische Qualität auf dem soliden Fundament einer lebendigen Handwerkskultur stehen sollte, die jene Sensibilität für Material und Form hervorbringt, die Loos vorexerziert hat. Seine einfache, aber gute Kleidung entspricht dem bürgerlichen Ethos. Ihre Rolle ist aber nicht das Bewahren einer erstarrten Gesellschaft, vielmehr schafft sie durch subtile Perfektion den Rahmen für souveräne und freie Individuen. (Wilfried Mayer, Modedesigner)

Respekt vor der Tradition

Eine Auseinandersetzung mit Adolf Loos ist kunsthistorisch in vielerlei Hinsicht lohnend. Seine pointierten Essays zeugen von einem umfassenden Kulturbegriff, dem ein profundes Wissen der Kunst- und Baugeschichte zugrunde liegt. Bekanntlich ließ er nur zwei Bauaufgaben als Kunst gelten – das Grabmal und das Denkmal. Alle anderen, auch das Haus, seien zweckgebunden und deshalb aus dem Bereich der Kunst auszuschließen. In seinen Interieurs bezieht sich Loos auf verschiedene Quellen, antike oder angelsächsische, die er in die Moderne transferiert und modifiziert.Der Respekt vor der Tradition und die Ablehnung des Modischen oder des Imitats sind auch aus heutiger Sicht mehr als zeitgemäß. Seine Wegeführungen, die Verwendung edler Materialien, die raffinierte Lichtregie und Farbgebung begeistern nicht nur Studierende der Architekturgeschichte. Retrospektiv betrachtet besteht die internationale Relevanz von Loos in der Entwicklung des „Raumplans“, womit er einen revolutionären, alternativen Beitrag zu den Raumkonzepten der Moderne leistete. (Sabine Plakolm-Forsthuber, Professorin an der TU Wien, Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege)

Seid ja nicht groß wie Loos!

Unsere Aufregung über den Fall Adolf Loos verrät mehr über uns selbst als über Loos. Von Loos werden wir wohl nie wissen, ob er tatsächlich schwerere Vergehen begangen hat als die nachweislichen, für die er verurteilt wurde. Bezeichnend für unsere Gegenwart aber ist, dass wir dazu neigen, es zu glauben und allein darum schon Konsequenzen zu fordern. Jede Anschuldigung erscheint uns wahr, und jeder Verdacht begründet.
Denn wir möchten die Großen fallen sehen – insbesondere diejenigen, die es gewagt haben, aufzubegehren. Ihnen wollen wir sofort, wie Matthias Dusini im Falter gefordert hat, eine „Abgleichung“ im Namen von – uns auffällig willkommenen – Ohnmächtigen entgegenhalten. Größe, so meinen wir nämlich, kann immer nur auf Kosten von Kleinen erkauft worden sein. Diese Wunschfantasie bildet die aktuelle Schwundstufe einer einst antiautoritären politischen Haltung. Die Guten können nun nur noch die Kleinen sein. In ihnen sehen wir unser ideales Selbst. „Klein bleiben!“, lautet darum die Maxime postmoderner Selbstverzwergung. (Robert Pfaller, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz)

18. November 2020 Der Standard

Gut Holz!

Bauen kann ein großer CO2 -Verursacher sein. Deswegen geht es in der Energiewende auch um Nachhaltigkeit in dieser Branche – dabei spielt immer öfter Holz eine große Rolle. Maik Novotny

Es ist eine Krux mit der Nachhaltigkeit. Der Begriff hat sich durch Übernutzung fast entleert. Trotzdem sind die Ideen, auf denen er basiert, immer noch gültig. Erst recht im Bauwesen, einer der CO2 -Verursacher und Materialverschwender.

Warum das wichtig ist, erfahren Studierende der FH Campus Wien im Studiengang „Green Building Master“. Martin Aichholzer, Architekt und Studiengangleiter, lehrt hier unter anderem die Geschichte des nachhaltigen Bauens. Was bedeutet nun das N-Wort eigentlich? „Überspitzt gesagt: Nachhaltig bauen heißt, nicht zu bauen“, sagt Aichholzer. „Wichtig ist auch, die Säulen der Nachhaltigkeit genau zu betrachten. Die Ökologie ist hier die Basis, und wenn die nicht stimmt, funktionieren auch Wirtschaft, Kultur und Soziales nicht.“ Man versuche, jungen Menschen zu vermitteln, dass man mit einem Gebäude immer einen Impact schafft, und dass es Mittel gibt, diesen Impact zu minimieren. So sei es etwa wenig hilfreich, wenn man ein energiesparendes Bauwerk plant und dieses mit Kunststofffenstern und Wärmedämmverbundsystemen ausstattet, die man nur schwer entsorgen kann.

Der Studiengang umfasst mehrere Forschungsprojekte, die sich verschiedenen Aspekten des klimaschonenden Bauens widmen. Zum einen das Projekt „Nach.Plan.Bauen“, das sich als Wissensdrehscheibe versteht. „20 Absolventen pro Jahr sind nicht sehr viel, daher gehen wir auch mit Fortbildungsangeboten in die Architekturbüros“, erklärt Aichholzer. Ein weiteres Projekt ist „Holzbau 4.0“. „Darin denken wir den ganzen Bauprozess neu, mit schlankerer, gesamthafter Planung.“ Man schaut auch auf die Strukturen der Produzenten: Österreich hat sehr viele kleine Zimmereibetriebe, die keine großen Projekte anbieten können. Aber mit digitalen Planungshilfen wie BIM (Building-Information-Management) sind Kooperationen möglich.

Internationale Vernetzung

Ein drittes Projekt schließlich ist die internationale Vernetzung mit Hochschulen aus Finnland, Lettland, Litauen und Polen, mit dem Ziel, mögliche Kooperationen bei der Lehre im Holzbau zu finden. „Österreich ist, was das Wissen über Holzbau angeht, auf relativ hohem Niveau und in den Hochschulen breit aufgestellt, die Weltführer sitzen aber woanders, hier ist etwa die TU München sehr weit vorn“, so Aichholzer.

In der Tat ist die TU München schon seit Jahren im Bereich des Umbaus und der Wiederverwertung von Baustoffen aktiv. Unter dem Motto „reused“ haben sich elf Professuren und Lehrstühle sowie als externe Partner das Fraunhofer-Institut für Bauphysik und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege zusammengeschlossen, die sich mit Umbau, Restaurierung, Instandsetzung oder Ertüchtigung in der Forschung auseinandersetzen.

Dies führt zu besonderen Entwurfsaufgaben, etwa der Erweiterung einer Häuserreihe in München mit einem Bestand aus relativ anspruchslosen Bauten der 1950er-Jahre. „Für Studierende, die am liebsten der nächste Architekturstar sein wollen, ist das auf den ersten Blick natürlich wenig attraktiv“, so Architekt Andreas Hild, Professor für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege an der TU München kürzlich beim Symposium „Stoffwechsel“ der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA). „Sobald sie sich aber genauer mit dem Bestand auseinandersetzen, ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten.“

Eine Aufstockung von Wohnbauten aus den 1960er-Jahren war auch die Aufgabe der proHolz Student Trophy 2020, die proHolz Austria in Kooperation mit der Stadt Wien und Wiener Wohnen durchführte und deren Preise im Oktober verliehen wurden. Das Potenzial für Aufstockungen von Wiener Gemeindebauten ist enorm: Laut einer gemeinsamen Studie von Stadt Wien könnten hier bis zu 7600 neue Wohnungen realisiert werden. „Holz ist als leichtes Baumaterial mit hohem Vorfertigungsgrad prädestiniert für Aufstockungen. Es wächst nach und bindet CO2 dauerhaft. Damit liefert Holz Antworten auf Klimaschutz und Ressourcenschonung gleich mit“, sagt Richard Stralz, Obmann von proHolz Austria. Die drei Preisträgerteams rekrutieren sich von der FH Joanneum Graz, der TU München und der Universität für Angewandte Kunst Wien; für die Studierenden der FH Campus Wien gab es eine Anerkennung.

Beton verursacht CO2

Auch Martin Aichholzer schreibt dem Holz die besten Eigenschaften für eine nachhaltige Zukunft zu. „Regenerativ zu bauen heißt: Beton nur dort, wo er wirklich nötig ist. Bei Infrastrukturbauten, Tunnels, bei allem, was unterirdisch ist. Zement ist momentan der drittstärkste CO2 -Produzent, und wenn die Zementindustrie in der Werbung behauptet, Beton speichere CO2 , stimmt das zwar, aber zu diesem Zeitpunkt hat er bereits enorm viel CO2 verursacht. Der Holzbau ist das Einzige, was Beton im großen Maßstab ersetzen kann.“

Eines dieser Leuchtturmprojekte wurde diesen Sommer fertiggestellt und befindet sich auf dem Campus einer anderen Wiener Hochschule: das neue Seminarzentrum der Boku. Der würfelförmige Bau am Rande des Parks beinhaltet Seminarräume, Bibliothek und Institutsräume. Auch bei diesem verwendete das Planerteam aus SWAP Architekten und Delta Projektconsult den Beton nur dort, wo unbedingt nötig. Beachtliche 980 Kubikmeter Holz gleichen dessen ungünstige CO2 -Bilanz aus. Der Lohn: Das Gebäude wurde von Klimaaktiv, einer Initiative des Klimaschutzministeriums, mit Gold zertifiziert.

Eine Nachhaltigkeit, die hier auch digital verstärkt wurde: Jedes Holzelement wurde vom finnischen Hersteller Stora Enso mit Sensoren ausgestattet, die den Transport „vom Wald bis zur Baustelle“ überwachten und jetzt den Feuchtigkeitsgehalt des Holzes im fertigen Gebäude messen; die Planung erfolgte mittels des von den Architekten entwickelten digitalen Tools IVAN. „Das Bauwerk ist dreidimensional in der Cloud und per Virtual Reality darstellbar“, so Christoph Falkner von SWAP. „Der Vorteil ist, dass alle Abstimmungen schon frühzeitig in der Planungsphase passieren und aufwendige spätere Korrekturen vermieden werden“.

7. November 2020 Der Standard

Baustelle Berg

Der Constructive Alps Award zeichnet Bauten aus, die sich um Dauerhaftigkeit in Berg und Tal verdient machen. Fassadenkosmetik ist dabei nicht gefragt. Diese Woche wurde er zum fünften Mal verliehen.

Vom Infektionshotspot Ischgl im März über die sommerliche Corona-Atempause an Seen und auf Almen bis zum Bibbern um den Wintertourismus im Herbst: Die Alpen sind dieses Jahr mehr denn je in den globalen Nachrichten. Ganz abgesehen von den gesundheitlichen Aspekten wurde einmal mehr deutlich, dass die Berge alles andere als abgelegen und einsam sind. Sie sind eingebunden in ein dichtes transnationales Netzwerk: Züge, Flüge, Warentransporte, Informationen, Viren.

Die Alpen waren schon immer eine Produktionsmaschine, eine Region des Wirtschaftens. Oben werden dem Berg und der Witterung Erträge abgerungen, unten pulsiert der Transit. Das Inntal, die Lombardei und die halbe Schweiz sind städtische Agglomerationen mit Outlets und Office-Parks. Das Romantische und Unberührte der alpinen Landschaft war schon immer ein Konstrukt eines Tourismus, der selbst zur Industrie wurde. Dröhnend und millionenschwer walzt sie schröcksnadelig, kitzlochhaft und unbeirrt weiter, allen Ökolabels zum Trotz. Währenddessen rutscht die Erde, zerbröselt der Stein, schwinden die Gletscher dahin.

Dauerhaft und intelligent

Es ist dieses Spannungsfeld, in dem vor etwas mehr als zehn Jahren die Notwendigkeit für den Constructive Alps Award konstatiert wurde, der gestern, Freitag, zum fünften Mal verliehen wurde. 2009 hatten die Staaten der Alpenkonvention – Slowenien, Österreich, Deutschland, Liechtenstein, Schweiz, Italien, Monaco und Frankreich – beschlossen, die Alpen zu einer Modellregion des Klimaschutzes zu entwickeln. Der mit 50.000 Euro dotierte „Internationale Preis für nachhaltiges Sanieren und Bauen in den Alpen“ versteht sich als Beitrag zu diesem Klimaplan. Er zeichnet das Dauerhafte und Intelligente aus – was nicht bedeutet, dass es nicht auch um Schönheit gehen darf.

Konstruktive Alpen: Das ist an sich schon fast ein Pleonasmus. Denn alpine Bautraditionen entstanden aus konstruktiven Anforderungen heraus. Häuser und Stadel mussten Schnee, Eis, Feuchtigkeit, Wind, Kälte und Hitze widerstehen, es musste darin und rundherum gewohnt und vor allem gearbeitet werden. Trockene Tiere, trockene Menschen, trockenes Heu. War etwas schadhaft, wurde es sorgfältig instandgesetzt. Kein Zufall also, dass das Sanieren eine zentrale Kategorie des Preises ist. „Würde, was in den Alpen an Gebäuden steht, so repariert, wie es das breite und bunte Panorama der Sanierungsprojekte zeigt, wäre das halbe Fuder Heu schon im Schober“, schrieb der Schweizer Publizist Köbi Gantenbein, Miterfinder und Juryvorsitzender des Preises, anlässlich der Verleihung 2015. „Klimaschützendes Leben ist machbar, es ist schön, es ist lebensfroh, und es ist auch zahlbar.“

Für die Jury dürfte die Auswahl der Preisträger ein Luxusproblem darstellen, denn der alpinen Baukultur geht es so gut wie lange nicht, die Qualität ist in nahezu allen Regionen stetig angestiegen, nicht nur im Musterland Vorarlberg mit seiner stets weiter perfektionierten Handwerkskultur. Auch die Bauaufgaben haben sich in Richtung Konstruktion und Reparatur diversifiziert: die Wiederbelebung ausgestorbener Dorfkerne, die Restaurierung von Stadeln in präziser Kleinarbeit, Orte für sanften Tourismus – und immer wieder: Stätten der Produktion.

Stadel, Scheune, Hochhaus

Auch die 328 Einreichungen des Jahrgangs 2020 decken die ganze Bandbreite ab, 28 von ihnen schafften es auf die Shortlist. Ein Kindergarten in Südtirol und eine Kulturhalle in Frankreich als neue Bausteine der Dorfkerne. Ein Stadel in Hohenems, eine Scheune in Slowenien, ein Bauernhaus in Bayern wurden – in einer Zeit, da solche Bauten immer noch oft gedankenlos abgeräumt werden – mit Detailkenntnis restauriert, im Tessiner Ort Mosogno Sotto platzierten Buchner Bründler Architekten in einem ruinös-archaischen Landhaus wenige punktuelle Eingriffe, eine wuchtige Arte Povera von felsiger Härte. Das eine Ende des Spektrums, zumindest was die landschaftliche Lage und den Maßstab betrifft, markiert das zwölfgeschossige Wohnhaus Le Solaris in der französischen Großstadt Grenoble mit 38 Wohnungen, Schafwolledämmung und Holzfassade (Roda Architectes). Das andere die vergleichsweise winzige Kapelle Kendlbruck im Lungau, ein schlichtes, heuschoberhaftes Dreieck, errichtet in Selbstbauweise und entworfen vom Salzburger Architekturbüro Dunkelschwarz, das bereits auf Erfahrung mit Alpinem, Hölzernem und Preisgekröntem verweisen kann.

Elf dieser Nominierten wurden schließlich ausgezeichnet: drei Hauptpreise, sieben Anerkennungen und erstmals ein Publikumspreis. Auf dem Siegerpodest landete ein Bau, der die Alpen als produktive und technische Landschaft perfekt widerspiegelt: das Landwirtschaftliche Zentrum Salez im Kanton St. Gallen von Architekt Andy Senn. Ein ruhiges Ensemble aus Schule und Werkhof, langgestreckt im Talboden liegend. Ein Gebäude, das überzeugt, so die achtköpfige Jury, „weil es das Prinzip Low-Tech, eine möglichst einfache Bauweise für lange Lebensdauer, konsequent und intelligent durchzieht“.

Der zweite Preis ging an einen etablierten und wichtigen Akteur des österreichischen Holzbaus: die Zimmerei und Tischlerei Kaufmann im vorarlbergischen Reuthe, genau gesagt an die von Johannes Kaufmann geplante Montagehalle, eine Kombination aus Betonstützen und Holzfachwerk – sie „steht für höchste Holzbaukunst aus den Alpen“, so die Jury. Den dritten Preis vergab die Jury an die Sanierung eines Gasthauses des Glarner Architekten Hans Leuzinger von 1931, eine Ikone der Moderne in den Alpen auf 1772 Metern Seehöhe.

Auf den ersten Blick mag einigen dieser Bauten das Spektakuläre fehlen, doch wäre dieses auch nicht im Sinne der Preiserfinder. Es sind solide und durchdachte Bauten, bei denen es nicht um Fassadenkosmetik geht. Ihre Schönheit liegt in der Dauerhaftigkeit. Der Berg ist eben kein Museumsdorf, sondern eine ewige Baustelle, geprägt von elementaren Kräften und wirtschaftlichen Interessen. Das verlangt von der Architektur eine Widerstandsfähigkeit, die den Klimawandel aushält, die dessen Schäden begrenzt und die die Landschaft respektiert. Und die vermutlich auch den Wintersport in seiner jetzigen Form überleben wird.

31. Oktober 2020 Der Standard

Nicht genug gestritten

Die Architektin Gabu Heindl hat untersucht, wie sich Demokratie und Gerechtigkeit planen lassen, und plädiert in ihrem Buch „Stadtkonflikte“ für offene Räume und gegen den Neoliberalismus.

Sie plant, baut, lehrt und forscht, und nicht nur das: Gabu Heindl ist seit Jahren eine der politisch aktivsten Architektinnen in Wien, die sich in zahlreichen Debatten zu Wort meldet. Jetzt hat sie Forschung und Haltung in einem Buch mit dem programmatischen Titel Stadtkonflikte gebündelt.

ΔTANDARD: Ihr Buch teilt sich in die Kapitel Politik, Planung und Popular Agency. Um welche Konflikte geht es dabei?

Heindl: Es geht um Konflikte in der Stadtplanung, die bestehen, und solche, die geführt werden müssen. Konflikte um Wohnen, öffentlichen Raum und Teilhabe. Die drei Kapitel sind eine bewusste Anspielung auf den Begriff „PPP“ (Public Private Partnerships), der für die Kapitalisierung von Stadtraum, die im Zusammenhang zum Rechtsruck steht, den wir zurzeit erleben. Der Neoliberalismus behauptet, es gebe keine Konflikte und keine Alternative. Dem setze ich entgegen: Doch, es gibt immer eine Alternative.

ΔTANDARD: Auch in der Ära der rot-grünen Wiener Stadtplanung wurden Public Private Partnerships eingeführt: die städtebaulichen Verträge zwischen Stadt und Investoren.

Heindl: Diese Verträge, bei denen die Investoren eine Gegenleistung für eine Widmung oder ein Grundstück erbringen, sind quasi situationselastisch – und nicht einmal öffentlich. Das Problem ist auch, dass sie an den Ort gebunden sind, an dem der Investor baut. Man baut drei Hochhäuser und überplattet dafür den Donaukanal mit einem Park.

Das kostet den Investor Geld, aber der Park macht auch sein Gebäude lukrativer. Würde man das in Form einer Steuer regeln, könnte die Stadt sagen: Mach dir deinen Park selbst, aber wir verwenden das Steuergeld an einem Ort, an dem niemand investiert. Oft hat man den Eindruck, dass man noch dankbar sein muss, dass man einen Park geschenkt bekommt. Man kann das fast nur als Neofeudalisierung bezeichnen. Und mit SPÖ-Neos würde die Liberalisierung der Wohnungsvorsorge und allgemein der Ausverkauf öffentlicher Güter in Wien noch mehr zunehmen – dann feiern wir eher 50 Jahre Thatcher als 100 Jahre Rotes Wien.

ΔTANDARD: Das Rote Wien kommt ebenfalls im Buch vor, und sie haben es Ihrer ehemaligen Nachbarin, der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, gewidmet.

Heindl: Ja, mir geht es um ein kritisches Erbe des Roten Wien, ohne nostalgische Brille. Ich frage mich: Was steckte da an gleichheitlicher Utopie drinnen? Aber auch ganz pragmatisch: Was wurde realisiert? Und was davon kommt uns heute wie eine Utopie vor? Nicht nur im Wohnbau und der Infrastruktur, von denen die Stadt heute noch profitiert, sondern auch in der politischen Haltung, die sich in den Fassadeninschriften des Roten Wien zeigt: „Erbaut von der Gemeinde Wien aus den Mitteln der Wohnbausteuer“. Das ist radikal, denn wer traut sich heute, eine Umverteilungssteuer zu erfinden und das auch noch stolz auf die Häuser zu schreiben? Welche Steuer wäre das heute, und welche Häuser wären das heute und morgen?

ΔTANDARD: Zurück zu den Konflikten: Man hat oft den Eindruck, dass in Wien eine gewisse Harmoniesucht herrscht und Bürgerbeteiligung oft eher ein Feigenblatt ist. Sie nennen das im Buch „Particitainment“. Ist Wien zu konfliktscheu?

Heindl: Ich glaube nicht, dass das nur ein Wiener Phänomen ist. Dieses „genug gestritten, vielleicht finden wir einen schönen Kompromiss, es können doch alle irgendwie etwas davon haben“ ist ein postpolitisches Phänomen. Und es stimmt eben nicht, dass alle etwas davon haben! In Zukunft wird es einen wirklichen Streit geben um die Verteilung von Raum, weil der Raum so ungerecht verteilt ist. Corona hat das schon gezeigt – die, die es sich leisten können, sagen: Es heißt, wir brauchen jetzt einen Garten, also gut, dann kaufe ich mir einen. Die anderen in der Kleinstwohnung ohne Balkon sind die Verlierer. Man muss sich auch trauen zu sagen: Wenn wir hier Gerechtigkeit wollen, werden manche, die sehr viel haben, am Ende etwas weniger haben als jetzt. Anders wird diese Verteilung nicht stattfinden. Das ist eine große Konfliktansage.

ΔTANDARD: Als Architektin und Theoretikerin nähern Sie sich dem Thema Stadtkonflikte von beiden Seiten. Kann man Konflikte überhaupt planen, und wenn ja, wie?

Heindl: Planung ist natürlich per se etwas Ordnendes, und dieser Widerspruch lässt sich nie ganz auflösen. Man kann Konflikte nicht planen, aber man kann in Konfliktkonstellationen und in Bündnisse mit sozialen Bewegungen und politischen Initiativen eintreten. Ich plädiere für eine Haltung, die ich „strittige Setzung“ nenne. Darin ist der Konflikt schon enthalten. Konflikte sind da, und man muss sich zu ihnen positionieren, auch als Architektin. Das kann bedeuten, dass man der Forderung eines potenziellen Auftrags widerspricht oder dass man sich auf die Seite einer Streitpartei stellt und sie mit der eigenen Expertise unterstützt. Aber ich habe da auch keine Allheilmethode. Man macht sich immer die Hände schmutzig. Es gibt kein Schwarz und Weiß, keine Idealsituationen – aber man kann trotzdem nicht „draußen“ bleiben.

ΔTANDARD: Architekten und Theoretiker beschäftigen sich schon seit Jahrzehnten mit der Frage, wie man fair planen kann. Welche dieser Ideen könnte man heute wieder aufgreifen und verwenden?

Heindl: Formen von partizipativer Planung sind schon seit den 1970er- Jahren immer wieder versucht worden. Das Problem bei diesen Beteiligungsprozessen ist, dass nie alle da sind, die da sein sollten. Nicht die kommende Generation, nicht die zukünftigen Bewohner und nicht die, die keine Zeit und keine Ressourcen haben, abends in einer Infoveranstaltung oder einer Baugruppe mitzudiskutieren. Aber es gibt Methoden, die sicherstellen, dass auch diese Leute später Räume vorfinden, in denen sie ihren Vorlieben und Interessen nachgehen können.

ΔTANDARD: Wie kann dieses Freihalten funktionieren, wenn der Raum und der Grund und Boden so viel wert sind?

Heindl: Damit ein städtischer Raum offenbleibt, muss er minimal besetzt sein. Sonst sagt der Investor: Da ist ja gar nichts außer Hundstrümmerln. Er stellt also rhetorisch einen Wertverlust des Orts her, um dann als Retter der Situation aufzutreten. Um so eine minimale Besetzung geht es bei der Donaukanalpartitur, die ich 2011 mit Susan Kraupp für die Stadt Wien geplant habe und bei der wir mehr öffentliche Infrastruktur geplant und zugleich Flächen festgelegt haben, die von kommerzieller Nutzung frei bleiben sollten.

ΔTANDARD: Man hat in letzter Zeit oft den Satz „We have had enough of experts“ gehört. Welche Rolle spielt die Expertise von Architekten und Planern noch, wenn es nur noch um das Freilassen geht?

Heindl: Architektinnen brauchen sich nicht dafür zu schämen, dass sie Expertinnen für etwas sind, sie müssen aber Platz lassen und Andockpunkte für Allianzen mit anderen Arten von Wissen und mit Initiativen, die auf gerechtere Verhältnisse in der Stadt hinarbeiten. Ich verwende dafür den Begriff „just architecture“ im doppelten Wortsinn: Es geht um „gerechte Architektur“, aber nicht als große Meisterdisziplin, denn es ist ja einfach nur Architektur. It’s just architecture.

Gabu Heindl ist Architektin, Stadtplanerin und Aktivistin in Wien. Studium in Wien, Tokio und Princeton, Doktorat in Philosophie. Sie führt das Büro GABU Heindl Architektur in Wien und lehrt an der Akademie der bildenden Künste Wien, an der Architectural Association London und ist Visiting Professor an der University of Sheffield. Ihr Buch „Stadtkonflikte – Radikale Demokratie in Architektur und Stadtplanung“ erschien soeben im Mandelbaum-Verlag.

17. Oktober 2020 mit Wojciech Czaja
Der Standard

Kühler Kopf im Fieberwinter

Sinkende Temperaturen, steigende Ansteckungszahlen: Wie wollen wir den städtischen Freiraum für die kommenden Monate wintertauglich machen? An welchen Städten können wir uns ein kulturelles Beispiel nehmen? Und wie können wir technisch nachhelfen? Viele Fragen, zwei Meinungen.

Wojciech Czaja: Grölendes Singen und Saufen, man riecht den Jägermeister, der mit Bier, Schweiß und teuersten Champagner-Jahrgängen vermischt die Ischgler Après-Ski-Hütte in ein strapazierendes Aerosolgewitter hüllt, förmlich aus dem Foto aufsteigen. 26 Jahre lang hat Lois Hechenblaikner das Postwedel-Treiben im Skigebiet Ischgl festgehalten und damit den visuellen Beweis zum lokalen Tourismus-Slogan geliefert: „Relax. If you can ...“ Im Juni, wenige Monate nach dem Tiroler Wintergate in 1400 Meter Seehöhe, erschien im Steidl-Verlag sein schockierendes Fotobuch Ischgl.

„Das alpine Geschäftsmodell des Après-Ski ist ein schlitzohrig diabolisches, denn es baut darauf auf, dass jemand nicht mehr ganz bei sich ist, sondern ganz außer sich, um in diesem Zustand die Tourismusmaschine am Laufen zu halten“, sagt der Tiroler Fotograf, der selbst im Gastgewerbe aufgewachsen ist. „Man darf aber auch den Gast nicht aus der Verantwortung entlassen. Er ist ein Komplize, den man ins Kitzloch oder in die Schatzi Bar nicht erst mit einer Peitsche eintreiben muss.“

Nun ist die Großstadt mitnichten eine Piste. Dennoch darf man sich davon inspirieren lassen, dass der Homo sapiens offensichtlich kein Problem damit hat, sich der sozialen Interaktion in winterlicher Frische hinzugeben. Die Verlängerung der Schanigartensaison ist ein guter erster Schritt, um den uns bevorstehenden Corona-Winter gesundheitlich und volkswirtschaftlich möglichst unbeschadet zu überstehen. Fragt sich nur: Was tun, wenn die erste Schneeflocke fällt?

Dass wir, wenn die urbane und gesellschaftliche Kultur nur entsprechend gepflegt wird, kein Problem damit haben, bei winterlichen Minustemperaturen auszuharren, beweist ein Blick in traditionell kalte Gefilde: In Berlin, Oslo, Stockholm, Edinburgh und Tromsø sind Gastgärten seit Jahren schon ganzjährig in Betrieb. In Warschau, Moskau und St. Petersburg gibt es selbst bei minus 30 Grad Flohmärkte, auf denen man vereiste Würstel und eingeschneite Transistorradios kaufen kann. Und in Detroit hat sich nach dem Zusammenfall der Automobilindustrie und der städtischen Verkehrsinfrastruktur eine neue urbane Fahrradkultur entwickelt, die sogar den eisigen Winden des Lake Erie trotzt.

Ja eh, trotz Klimakrise und immer milder werdender Winter ist’s auch in Wien bisweilen etwas ungemütlich an der frischen Luft. Und ja eh, Heizschwammerln sind böse, böse, böse. Aber vielleicht kann man im Krisenjahr 2020, in dem CO2 - und Stickstoffdioxid-Emissionen deutlich geringer ausfallen als sonst, ja ausnahmsweise einmal die Stadtluft mitheizen und uns auf diese Weise dazu anspornen, Menschengruppen in Innenräumen zu meiden. Und Woll- und Polyesterdecken austeilen. Ganz viele Decken.

Appell an die Stadtplanungspolitik: In Zukunft in Masterplänen und Fachkonzepten nicht nur auf sommerliche Faktoren wie Urban Heat Islands, Frischluftschneisen, Coole Straßen, Verschattungskonzepte und plätschernde Brunnen setzen, sondern auch die Eiszapfenzeit mitdenken!

Maik Novotny: Das Unangenehme zuerst: Weihnachtsmärkte sind das Letzte. Sie blockieren wochenlang Gassen und Plätze mit Bretterbarrikaden und mit Menschen, die von einem Bein aufs andere treten und Tassen mit klebrig-süßen Heißgetränken umklammern wie kleine Kinder, die nach Hause wollen. Weihnachtsmärkte sind eine Fehlentwicklung. Kühle Getränke in warmen Räumen sind heißen Getränken bei eisigen Temperaturen immer vorzuziehen.

Einerseits. Andererseits heißt das nicht, dass sich die Stadtbevölkerung im Winter komplett nach innen verziehen sollte. Erst recht nicht in diesem kommenden, mit Bangen und Sorge erwarteten Winter. Wenn im Innenraum Infektionsgefahr und Vereinsamung drohen, muss der Außenraum einen Ausgleich schaffen, und das nicht nur zu Konsumzwecken. Die Verlängerung der Schanigartensaison ist eine gute Sache, denn sie besetzt den Straßenraum auf Dauer und macht ihn zum Möglichkeitsraum. Bedauerlich allerdings, dass die Wiener Grätzeloasen, also Schanigärten ohne gastronomischen Bezahlzwang, nicht in die Wintersaison verlängert wurden. Hier hätte sich die Gelegenheit für Experimente geboten. Straße und Platz im Winter sollten mehr anbieten können als Schnitzel unterm Heizpilz.

Warum nicht von anderen Städten lernen, die den öffentlichen Raum winterfest gemacht haben? Das kanadische Edmonton (Durchschnittstemperatur im Jänner: stramme 10,4 Grad unter null) fragte sich vor zehn Jahren: Warum immer übers kalte Wetter sudern? Warum nicht stolz sein auf Schnee, Eis und Wind? Anstatt sich in beheizte Shoppingmalls zurückzuziehen, wurde eine Winter City Strategy aufgestellt und seitdem draußen das Beste aus der Saison gemacht. Eislaufen, Schlittenfahren, Festivals, auch Modetipps für den Unter-null-Dresscode liefert die Stadtverwaltung. Sogar das Radfahren im Winter wird gefördert. Nicht nur in Kanada: Rotterdam richtete 2015 Schlechtwetterampeln für Radfahrer ein, die bei Regen schneller grün werden.

Skandinavische Städte machen das Draußen winterfest: Kopenhagen verlängert unter dem Marketing-Label CopenHot mit Outdoor-Badewannen die Freizeitsaison, in Helsinki sind die öffentlichen Saunas ganz ohne Wellness-Sprech schon immer rund ums Jahr in Betrieb, und das Meer gibt es fürs Winterschwimmen gratis dazu. „Die Temperatur ist egal, wenn die Sonne scheint und der Wind zahm ist, gilt das in nordischen Ländern als schöner Tag,“ schrieb der dänische Stadtplaner Jan Gehl.

Was die nordischen Breitengrade können, sollte auch im wintermilden Wien kein Problem sein. Warum nicht aus der Not eine Chance machen, aus dem Winter ein Experiment, aus dem Stadtraum ein Ideenlabor? Wer weiß, vielleicht haben wir im März Lösungen, die mehr bieten als Party und Punschkonsum und auf Distanz zum grölenden Ischglismus gehen? Zwischen den Heizpilzen ist noch viel Platz für ein stilles Winter Wonderland in kühler Frischluft. Denn die Weihnachtsmärkte allein werden uns nicht trösten.

Publikationen

2017

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter? Die Ausstellung ist ein Plädoyer für den Fortschritt in Architektur, Wohnungsbau und Städtebau. Wie wir wohnen ist nicht unseren Genen geschuldet, wie wir wohnen ist ein über Generationen an gelerntes Verhalten, dessen Weiterentwicklung von der Dauerhaftigkeit
Hrsg: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell
Autor: Maik Novotny, Kristin Feireiss, Kaye Geipel, Anna Popelka, Georg Poduschka
Verlag: PPAG, Aedes Architekturforum

2014

PPAG: Speaking Architecture
Phenomenology / Phänomenologie

Ein Elefantenhaus, ein Wohnberg, ein Dorf am Dach. Eine offene Schullandschaft, ein barockes Parkhaus, ein silbern schimmernder Windkanal. Das Wiener Büro PPAG architects, 1995 von Anna Popelka und Georg Poduschka gegründet, denkt Architektur mit Scharfsinn, Lust und Erfindergeist immer wieder neu. Ihr
Hrsg: Maik Novotny
Autor: Anna Popelka, Georg Poduschka, PPAG
Verlag: Ambra Verlag

2007

Eastmodern
Architecture and Design of the 1960s and 1970s in Slovakia

Eastern modernist architecture of the 60’s and 70’s is moving away from the specialized focus of international architecture debates and becoming a subject of discussion within the broader context of general interest. The excellent photos in the book convey the flair of an era in which planning was obviously
Autor: Maik Novotny, Hertha Hurnaus, Benjamin Konrad
Verlag: SpringerWienNewYork