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10. Oktober 2020 Der Standard

„Hamma alles durchvisualisiert?“

Vor der Wien-Wahl ist der öffentliche Raum eines der wichtigsten Spielfelder im Wahlkampf, die Parteien überbieten sich in Visualisierungen begrünter und behübschter Straßen und Plätze. Wie kommt so etwas zustande? Eine szenische Spekulation.

Die Mariahilfer Straße machte den Anfang. Die anfangs umstrittene Verkehrsberuhigung wurde zur Blaupause für eine ganze Reihe an Fußgänger- und Begegnungszonen. Doch niemand hätte vor fünf Jahren erwartet, dass im Wahljahr 2020 unter nahezu allen Parteien ein Ideenwettstreit um die Umgestaltung von Straßen und Plätzen entbrennt, der in einer wahren Flut sich verdächtig ähnelnder Visualisierungen kulminiert. Wir haben hinter die Kulissen dieser Bildproduktion geschaut, heimlich gelauscht und ein nicht vollständig ernstes Dramolett mitgeschrieben.

Parteizentrale 1. Konferenzraum.

Chef, die neuen Visualisierungen sind da!

Sehr gut, das macht das wöchentliche Dutzend voll. Was hamma da? „Superblock“? Was is des?

Ein Konzept aus Barcelona. Dort werden mehrere Blocks zusammengefasst und verkehrsberuhigt.

Und die, die am Rand wohnen, haben dann noch mehr Verkehr vor dem Haus?

Äh, ja, aber …

Egal, die Büdln san gut, und „Barcelona“ hat einen guten Sound: mediterran, Lebensfreude, passt. Aber „Block“ wird die Message-Control nicht mögen, das klingt zu hart. Nicht vergessen: Wir brauchen nicen Content, um unsere Target-Group zu embracen! Harmonie ist unser Key-Asset!

Was, wenn wir Katzen, Schafe oder Hunderln reinvisualisieren? Wir haben noch die Bilddatenbank „Sympathische Tiere“ von der Nationalratswahl 2013.

Tiere sind over! Wir nennen es nicht Superblock, sondern Supergrätzl! Und macht’s schön viele Bäume in die Renderings. Und dann gebt’s das gleich runter an die Instagram-Abteilung!

Parteizentrale 2. Thinktank.

Depperte Pop-up-Radwege, depperte! Da hamma den Leuten jahrzehntelang das Auto als Gipfel des Wohlstands versprochen, und jetzt solln’s mit’m Radl umanand fahren?

Eh, aber unsere strategischen Kommunikationsberater sagen, wir brauchen mehr Grün. Die Initiative „Platz für Wien“ ist mit ihren Forderungen nach mehr Platz für Fußgänger und Radler so populär, dass wir unsere Strategy adapten müssen. Wir brauchen mehr Public-Space-Content mit Visual Impact!

Na servas. Entsiegelung und Cooling machen wir eh auch, und tägliche Fotos von der Stadträtin auf der Gasse und auf dem Feld, was wollen’s denn noch?

Die Partei 1 haut zehn Renderings pro Woche ausse. Wir müssen reagieren! Wozu haben wir denn ein Werbebudget von (draußen fährt ein abbiegeassistentenfreier Lkw vorbei und übertönt die Zahl) Millionen?

Na gut. Was hamma denn im Archiv?

Die Idee für die Markthalle am Naschmarkt 2014, an die erinnert sich niemand mehr.

Passt, schieb ma sie zum Flohmarkt rüber, dort, wo die Partei 1 ihren Park machen will. Aber wir brauchen noch was Internationales, a Referenz. Die anderen haben grad mit Barcelona vorgelegt. Was gibt’s bei Markthallen?

Hm. Es gibt den Borough Market in London, da wo die Hipster immer hingehen. Der ist aber keine freistehende Markthalle, sondern ein Gewurl zwischen alten Häusern und Bahnbrücken.

Wurscht, des googelt niemand. Borough Market! London! Weltstadt! Rendering!

Wie viele? Eins?

Drei! Fünf!

Und die Halle? Den gleichen Entwurf wie damals?

Nein, was Neues, mit Stahl, und Glas! So wie von dem Dings, wie heißt der, Calatrava. Und vergesst’s mir net des Grün! Die Leute wollen Bäume! Kletterpflanzen! Sprühnebel! Und Photovoltaik, die geht immer.

Parteizentrale 3. Nebenzimmer.

Partei 1 hat schon 36 Renderings, Partei 2 zieht nach, nur wir haben noch nix!

Na ja, ein Bild nur mit Parkplätzen schaut halt net guat aus. Die Leute wollen Grün!

Da hamma a Problem.

(langes grübelndes Schweigen)

Und was, wenn wir Autos UND Grün…?

Und Radanlagen!

Und E-Mobility zwengs der Innovation!

Win-win für alle!

Ruf wen an, der uns da a Büdl macht! Und dann rein damit ins Facebook!

Parteizentrale 4. Strategiesitzung.

Beim Thema öffentlicher Raum underperformen wir noch. Wir brauchen Bilder!

Schwierig.

Warum?

Wir haben schon 2017 die Flut von Visualisierungen in der Stadtplanung kritisiert. Wir müssen da dranbleiben für die Credibility!

Aber der öffentliche Raum!

Wir setzen full auf Personality. Fotos des Spitzenkandidaten, der Wasser aus einem Eimer auf eine Gasse kippt.

Wos? Wie?

Bäche statt Nebelduschen! Bam, Oida!

„Bam, Oida“ sagt doch heute niemand m…

Sitzung beendet, an die Arbeit! Wir brauchen einen Eimer!

Parteizentrale 5. Hinterzimmer.

Durch dicke Rauchschwaden ist die Kopie eines Kupferstichs zu sehen, die auf dem Tisch liegt („Die Türken vor Wien, 1683“). Daneben Schere, Klebstoff, eine Packung Fingerfarben. Vor dem Fenster quält sich ein SUV in eine Parklücke.

Parteizentrale 1. Wahlkampfbüro.

So, hamma alles durchvisualisiert?

Gumpendorfer Straße, Zollergasse, Pilgramgasse, Wollzeile, Supergrätzl Volkertmarkt, Supergrätzl Margareten, Josefstädter Straße, Pfeilgasse, Naschmarkt, Alserbachstraße, Nussdorfer Straße, Laxenburger Straße …

Und im Südwesten?

Den Maurer Hauptplatz.

Bissl zu wenig. Gibt’s nicht in Liesing noch irgendeine Verkehrsinsel, die wir zur Bezo machen können?

Schon, aber … vielleicht machen wir mal etwas anderes? Andere Möbel, andere Farben, anderer Straßenbelag? Kunst im öffentlichen Raum?

Nix da! Der Look and Feel ist fix festgelegt: Begegnungszonen-Pflasterung, Bäume, glückliche Menschen, Grünzeugs im Nebel.

Aber … gibt es wenigstens eine Gesamtstrategie für die Stadt? Einen Plan?

Strategie? Plan?

Na, so wie Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris mit ihrem Plan Vélo für die Radwege und ihrer Stadt der 15 Minuten, oder die „20 minute neighborhoods“ in Portland. Wir könnten das in Diagrammen …

Die 15-Minuten-Stadt hatten wir schon im Februar lanciert, aber das hat den Public Interest nicht geflasht. Strategie ist unsexy, Pläne macht keine Insta-Story. Wir müssen das als Produkt verpacken, jede Straße für sich, dann gibt’s für jede Straße ein Eröffnungsfestl mit Insta-Story und Werbekampagne und Bäumen und Nebel. Irgendwas müssen die 178 Leute in der Social-Media-Abteilung ja tun!

19. September 2020 Der Standard

Schwarz auf weiß

Er ist der spröde Bruder der schicken Computer-Renderings – und das Gegenmittel zu ihrer Augenwischerei. Er ist abstrakt, aber genau darin liegt seine Schönheit. Eine Liebeserklärung an den Grundriss.

Herr N. (Name der Redaktion bekannt) freute sich besonders, als ihn neulich eine Bekannte aus Schulzeiten zum Wiedersehenskaffee einlud – nicht nur, weil er sie seit mehr als 20 Jahren nicht gesehen hatte, sondern auch aus einem besonderen Grund: Er erinnerte sich noch von früher, dass ihr kleines Haus einen der schönsten Erdgeschoßgrundrisse überhaupt hatte – was sich beim erneuten Besuch bestätigen sollte: ein großer Vorraum mit Esstisch, eine rundum benutzbare Küche, ein Wohnzimmer zur Gartenfront, Fenster an den richtigen Stellen, keine Zwickel, keine Engstellen, Türen von jedem Raum direkt in den anderen. „Wenn Kinder zu Besuch kommen, lieben sie es, im Kreis zu rennen“, sagte die Bekannte. Zeichnet man den Grundriss auf, ist er von fast banaler Einfachheit, aber man sieht sofort: Hier stimmt alles.

Will man herausfinden, ob eine Wohnung wirklich gut funktioniert oder nicht, ist die Fotografie nur wenig hilfreich. Sie verzerrt die Proportionen, sie zeigt nur einen Ausschnitt oder lenkt den Blick auf Details: Sofa, Vase, Gummibaum. Ein Grundriss jedoch zeigt den Grad der Wohnlichkeit auf den ersten Blick, auch wenn man gerade einem guten Grundriss nicht ansieht, wie viel Arbeit in ihm steckt. Auch ein schlechter Grundriss ist unschwer zu diagnostizieren: falsche Proportionen, fehlende Fenster, absurde Umwege, ein Zuviel an Gängen. Auch ein Übermaß an 45-Grad-Winkeln ist in der Regel ein gutes Indiz, dass sich hier etwas nicht ausgegangen ist und hineingewurschtelt werden musste.

Plan als Bettlektüre

Die schwarzen Striche sind eine eigene Sprache, in der die Grundrisse die Geschichten von Generationen und ihren Denkweisen erzählen. Eine Sprache, die auch kulturelle Unterschiede sichtbar macht: Amerikanische Wohngrundrisse etwa lassen sich durch ihre absurde Menge an Schrankräumen und Badezimmern und ihre Besessenheit mit riesigen „Master Bedrooms“ sofort identifizieren.

Manche Grundrisse sind in ihrer schwarz-weißen Klarheit wie abstrakte Kunstwerke, manche möchte man sich, wenn man der Idee des Tätowierens nahesteht, am liebsten unter die Haut stechen lassen.

Werkzeug der Nerds

Der Souterraingrundriss der Wiener Staatsoper in seiner wohlgeordneten Symmetrie. Die Grundrisse gotischer Kirchen, feinziseliert wie Brüsseler Spitze. Die Grundrisse von Burgen mit ihren dicken Mauern wie Art-Brut-Pinselstriche. Die Grundrisse von Gebäuden, die mehrfach umgebaut wurden, einmal ordentlich aneinander addiert, ein andermal chaotisch überlagert oder beides zugleich, wie im schwindelerregend labyrinthischen Erdgeschoß der Bank of England in London. Eine Wiener Architektin, bekennender Grundriss-Fan, liest sich sogar abends vor dem Schlafengehen besonders schöne Pläne durch – zur Beruhigung. Recht hat sie.

Und doch haftet dem Grundriss etwas altmodisch Tintenhaftes an, das in der Ära verführerischer Computervisualisierungen aus der Zeit gefallen scheint. „Für jüngere Architekten scheinen Pläne so unwichtig zu sein, dass sie sie gar nicht mehr veröffentlichen“, konstatierte der amerikanische Architekt und Theoretiker Aaron Betsky 2017, „stattdessen zeigen sie uns fotorealistische Renderings und konzentrieren sich auf das Dreidimensionale.“

Dieses Dreidimensionale hat in Architektur und Bautechnik als selbstverständliches Werkzeug den Grundriss längst ersetzt. Ein Bauwerk von Zaha Hadid oder Frank Gehry ließe sich auch gar nicht im Grundriss entwerfen. Für Aaron Betsky ist das kein Grund zum Wehklagen: „Der Plan ist das ultimative Werkzeug der Nerds, und es ist kein Schaden, dass die heutigen Architekten seine Zweidimensionalität hinter sich gelassen haben.“

Ja – und nein. Denn gerade dieses Schattendasein macht den Grundriss zum idealen Gegenmittel zur visuellen Augenwischerei. Als der britische Guardian im Juli kritisch über den Hochhausboom in der Stadt Leeds berichtete, entzündete sich der Furor vieler Leser ausgerechnet am Grundriss eines Wohnhochhauses: Der gierige Drang, so viele Wohnungen wie möglich in ein Geschoß zu quetschen, resultierte in absurd langen, holzwurmartigen schmalen Korridoren. „This plan can fuck right off!“, fauchte ein Kommentator auf Twitter.

Architektonischer Detektiv

Auch hierzulande lohnt sich oft ein Blick in die spröden Pläne. Beispiel: ein mit allen PR-Wassern gewaschener Ausbau eines Gründerzeithauses in Wien, keck aufgesetzter Dachgupf, verlockend visualisiert. In den Grundrissen jedoch tauchen Wohnungen auf, die aus zwei Schlafzimmern und zwei Küchen bestehen, zwei Eingänge haben und zu zwei winzigen Lichthöfen orientiert sind. Wurde hier die Tür zu einer späteren Einteilung in zwei finstere, aber lukrative AirBnB-Absteigen offengelassen? Kein Zweifel: Im Kontrast zu den schönen Visualisierungen entlarvt der Grundriss wie ein architektonischer Detektiv effektiv und gnadenlos die wahren Intentionen hinter der Fassade.

Der Faszination schöner und weniger schöner Grundrisse sind heute nicht nur Architekten erlegen, sie sind populärer, als man annehmen würde. Der Instagram- Account @terriblefloorplans (der Name erklärt sich selbst) hat 7000 Follower, die Sammlung ausschließlich dreieckiger Grundrisse @triangularspaces hat 11.000 und @the_beauty_of_plan 23.000. Andere Nerds zeichnen in liebevoller Kleinarbeit die Grundrisse von Wohnungen aus Fernsehserien oder der Weltliteratur auf.

Wenn der kommende Herbst und Winter ampelorange und ampelrot leuchtet und wir, wie schon im Frühjahr, täglich mit un- seren Wohngrundrissen eingesperrt sind, werden wir mehr als sonst ihre Stärken und Schwächen am eigenen Leib spüren. Und, wer weiß, vielleicht gewinnt der Grundriss dann noch mehr Fans, die vor dem Schlafengehen die beruhigende Wirkung der schwarz-weißen Schönheit der Pläne zu schätzen lernen.

14. August 2020 Der Standard

Neonvillen und Curryhäuser

Warum sind eigentlich so viele Häuser in Österreich gelb? Eine scheinbar banale Frage, deren Antworten viel über die Kulturgeschichte und die Missverständnisse von Farben und Fassaden erzählen. Eine Spurensuche in den Pigmenten.

Ein Running Gag in Folge 33 der Serie Monty Python’s Flying Circus aus dem Jahr 1972 ist, dass immer wieder jemand plötzlich und zusammenhanglos die Frage stellt: „Lemon Curry?“ Eine Frage, die man sich auch bei einem Spaziergang durch Österreich immer öfter stellt. Denn Österreich, so der subjektive Eindruck, wird immer gelber, vor allem in den östlichen Bundesländern. Ein Dorf im Mostviertel, mittendrin ein Bauernhof in nachtleuchtenden Farben, oben Zitrone, unten Orange. Eine Villa am Hang nahe Wien, übersät mit weißen Ornamenten in Zuhälterbarock, der Putz in kreischendem Neongelb. Ein warnwestenfarbenes neues Haus am Ortsrand im Weinviertel, kilometerweit sichtbar. Eine Siedlung im Südburgenland, hinter der Thujenhecke eine Wand in Textmarker-Neon. Aber auch Wien ist nicht verschont: Auswurfgelb in Aspern, Eidottergelb am Nordbahnhof, ein gigantischer Käse in Liesing. Lemon Curry?

„Ich beobachte das Phänomen auch schon länger,“ sagt Architekt Erich Bernard vom Wiener Büro BWM, das sich in ihren Bauten intensiv mit Farbe beschäftigt, von der sorgfältigen Fassadenrestaurierung des Karl-Marx-Hofes bis zum schwarzgetünchten 25 Hours Hotel. „Das Gelb ist allerdings nicht das Hauptproblem, sondern die Helligkeit und der Kontrast.“ Dies sei auch bei weißen Häusern der Fall, wenn sie an Stellen auftauchen, wo sie nicht hinpassen. „Vor einem dunklen Hintergrund wie einem Wald springt das Weiß überdeutlich hervor. Die Moderne wird ebenso unreflektiert übernommen wie früher das Schönbrunner Gelb.“ In der Tat eiferte der Adel schon im frühen 19. Jahrhundert dem Hof nach und ließ sich schönbrunnfarbene Palais errichten, das Bürgertum Ende des 19. Jahrhunderts tat es ihm mit seinen Sommerfrischevillen gleich, während der Landadel selbst das Gegenteil tat und traditionell-bäuerliche Bauformen übernahm.

Feudale Mimikry

Ist die Vergelbung also eine Langzeitfolge dieser feudalen Mimikry? Imitiert man heute noch Farbe und Form der Herrschenden, um sich auch ein bisschen wie ein Fürst zu fühlen, mit einem Schloss im Westentaschenformat? „Da ist sicher etwas dran“, sagt Michael Maxian, Universitätslektor und bis zu seiner Pensionierung 40 Jahre lang federführend in der Raumordnung beim Land Niederösterreich zuständig. „Farben sind immer Moden unterworfen, heute mehr denn je. Früher gab es eine gemeinsame Tradition, die sich aus der Funktion ergab. Heute wählt man vielleicht aus dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung heraus sogar eine Farbe, die man gar nicht mag, weil man eben auffallen will.“

Neongelb also als Signalfarbe dafür, dass man es zu etwas gebracht hat? „Niemand baut absichtlich schiach“, konstatiert Michael Maxian. „Aber erstens gibt es heute keinen Konsens mehr, was schön ist, und zweitens geht es beim Ortsbild auch nicht um Schönheit, sondern um Angemessenheit. In der heutigen individualisierten Gesellschaft will sich kaum noch jemand an ein Ortsbild anpassen.“

Dabei hat jedes Bundesland Paragrafen zum Schutz des Ortsbildes beschlossen und den Gemeinden als Werkzeug in die Hand gegeben. Einige machen Gebrauch davon und verordnen in ihren Bebauungsbestimmungen, welche Fassadenfarben zulässig sind. „Die Farbgebung der Fassaden hat in pastellenen Farbtönen zu erfolgen“ (Paternion). „Nicht zulässig sind für Fassaden grelle Farbtöne“ (Übersaxen). „Signalfarben (z. B. grelles Gelb, Orange, Rot, Grün etc.) sind nicht zulässig“ (Feldbach). Doch erstens ist die Auslegung Sache der Gemeinde, zweitens verzichten viele Bürgermeister auf solche Einschränkungen, weil sie froh sind, wenn „die jungen Leute“ überhaupt bauen und nicht abwandern.

Haus als Konsumobjekt

Doch woher kommt das Gelb überhaupt? Denn irgendjemand muss es ja anbieten. „Es stimmt, rein quantitativ betrachtet sind Gelbtöne die meist nachgefragten Farbtöne in Österreich“, bestätigt Herwig Oberguggenberger von Sto, macht dabei jedoch einen bemerkenswerten Unterschied: „Kundschaft, die sich von ausgebildeten Farbberatern beraten lässt, folgt den Trends hin zu Naturfarbtönen. Kundschaft, die durch uns nicht beraten wird, folgt eher der traditionellen Volksarchitektur und greift gerne zum Gelb.“

Wilfried Spanring, Farbberater und „Mr. Color“ bei Baumit, bestätigt den Gesamttrend Richtung Schlammfarben, verweist aber auch auf die schiere Größe des Angebots: „Als ich vor 33 Jahren in der Firma anfing, gab es 25 Farben. Heute sind es 900, und selbst damit kommen wir nicht aus.“ Dank der technischen Fortschritte sind heute auch grelle Töne auf Fassaden möglich, ohne gleich auszubleichen. Ganz glücklich ist Spanring nicht damit: „Es kommen auch Kunden zu uns mit Farbfächern für Lacke, die auf Putz gar nichts zu suchen haben.“ Häuser seien heute zu konfigurierbaren Konsumobjekten geworden, und angesichts des Farbangebots seien viel Häuslbauer schlicht überfordert.

Auch die Farbexpertin Monika Heiss, die Farbkonzepte für Gemeinden, Bauherren und Architekten erstellt, seufzt bei der Frage nach dem Gelb. „Es tut mir wirklich weh, wenn ich sehe, wie einige Maler mit Farbe umgehen. Heute kommen sie oft auf die Baustelle mit einem kleinen Farbfächer, und in zehn Minuten entscheidet man die Fassadenfarbe für 30 Jahre. Furchtbar! So etwas muss man direkt auf der Fassade und auf Farbtafeln prüfen, bei unterschiedlichen Tageszeiten und Lichtverhältnissen, aus der Nähe und aus der Ferne.“ Noch dazu würden heutige Produkte dank Titandioxid aggressive Farbtöne ermöglichen, während traditionelle erdbasierte Pigmente weich, transparent und natürlich wirken.

Kalk gegen Silikat

Liegt die Schuld also beim Handwerk der verbreiteten Ignoranz, dass Farbe eine Substanz ist, und nicht nur Oberfläche? Dass ein gedrucktes Gelb auf dem Farbfächer etwas völlig anderes ist als ein Gelb auf Vollwärmeschutz, und dies wieder anders als ein Gelb auf Putz? Eine Geschichte der Missverständnisse? Apropos: Was ist denn nun eigentlich das Schönbrunner Gelb?

Darüber weiß kaum jemand besser Bescheid als Manfred Koller, Dozent für Technologie und Konservierung und langjähriger Leiter der Restaurierwerkstätten des Bundesdenkmalamtes. „Vor vielen Jahren fragte mich ein deutsches Bauamt nach dem genauen Rezept von Schönbrunner Gelb“, erinnert er sich. „Meine einfache Antwort lautete: Es gibt keines.“ Das in Kalktechnik gestrichene Gelbocker bekommt seine Farbigkeit aus den Orten, wo es abgebaut wird, mit vielen Variationen. Noch dazu war Schönbrunn zu Maria Theresias Zeiten keineswegs gelb, sondern teilweise rosa. „Als Farbmode ist das Gelbocker relativ jung und wurde erst mit dem Umbau von 1815 üblich“, sagt Koller. Doch selbst Schönbrunn ist heute nicht mehr schönbrunngelb, wie Koller bedauernd anmerkt. „In den 1980er-Jahren stellte die Verwaltung auf Silikatanstrich um. Dadurch wirkt die Farbe heute zu schwer und kompakt.“

Abschließende Diagnose: Österreich wird vielleicht nicht komplett gelb, aber immer schriller. Die Ursachen: Konsumtrends, Missverständnisse, Auffallen um jeden Preis. Was ist zu tun? „Man bräuchte eine Institution für Farbe. Nicht, um den Leuten etwas vorzuschreiben, sondern um ihnen zu erklären, wie Farbe funktioniert“, plädiert Monika Heiss. „Es geht dabei nicht um persönlichen Geschmack, sondern um Wahrnehmung. Wir sind heute von visuellen Eindrücken überflutet. Es wäre schön, wenn sich die Menschen mehr Zeit nehmen für das Schöne, für die Natur, für das Detail.“

11. Juli 2020 Der Standard

Das Werk der Hände

Der Bregenzerwälder Bernardo Bader hat in jungen Jahren schon eine Fülle von Architekturpreisen gesammelt. Er baut lokal, aber sein Ruhm reicht weit über Land und Ländle hinaus. Warum ist das so? Ein Hausbesuch in Vorarlberg.

Hand aufs Holz. „Schau diese schönen Schindeln an!“, ruft Bernardo Bader. „Die sind über 50 Jahre alt und funktionieren noch tadellos!“ Bernado Bader ist sicher schon zahllose Male an diesem alten Bauernhaus vorbeigegangen, aber er ist immer noch begeistert wie ein kleiner Junge.

Geht man von diesem Haus ein Stück über die Wiese, sieht man ein spitzes, steiles Satteldach, eine fast abstrakte Kirchensilhouette, die die sanft talwärts abfallende Baumreihe auf dem Bergrücken wie eine Buchstütze abschließt. Die kleine Kapelle Salgenreute, sie wurde 2016 anstelle der früheren Kapelle errichtet. Auch sie ist mit Holzschindeln verkleidet, die sich inzwischen schon je nach Himmelsrichtung verfärbt haben. Entworfen von Bader, ist sie das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit von Bewohnern und Handwerkern, die das Gotteshaus mit minimalem Budget realisierten.

Dennoch ist es alles andere als ein gebauter Kompromiss, es trägt eine klare, entschlossene Handschrift. „Ich muss überzeugt sein, dass es ein starkes Ding ist“, sagt Bader. „Dann versuche ich, das umzusetzen. Aber um der Provokation willen jemandem etwas aufzudrängen interessiert mich nicht. Für mich hat Architektur mit Akzeptanz zu tun.“ Wenn er einen Kindergarten baut, sagt Bader, erklärt und erzählt er vor der Übergabe an die Benutzer diesen noch einmal das Haus. Wie man sorgsam mit ihm umgeht, und dass man durchaus einen Nagel ins Holz schlagen darf, wenn man weiß, wo das Holz das verträgt.

Ein Haus am Moor

Drei Kurven und zwei Hügel weiter steht das eigene Haus des Architekten. 37 Meter lang, am Rande eines Moors. Täuschend einfach von außen, im Inneren warmes, weiches Holz und kühler Beton. Nur zwei Bäume wurden für den Holzboden verwendet, dafür aber komplett. Da ist es von Vorteil, wenn man weiß, was eine Holzliste ist, denn eine solche braucht der Holzfäller, um die Bäume im Wald richtig abzulängen. Bader weiß, was eine Holzliste ist, und das sagt viel über seine Wertschätzung für das Material. Er hält es, sagt er, kaum aus, wenn andere Architekten dauernd über Handwerker schimpfen.

Man redet viel über Wertschätzung, wenn man mit Bader unterwegs ist, und darin spiegelt sich sein Charakter und jener der Gegend. Der Bregenzerwald ist nicht vom Tourismus dominiert wie Tirol. Er ist eine produktive Landschaft des Machens und Herstellens, in osmotischer Beziehung zum Rheintal, eine Synthese von Industrie und Handwerk. Wenn ein Bursche oder Mädchen hier, sagt Bader, eine Stelle in einem Betrieb annimmt, sei das kein Zeichen, dass es zum Studieren nicht reicht, sondern werde mit Anerkennung belohnt. Man denkt an das britische Arts and Crafts Movement, das im 19. Jahrhundert das Handwerk als Gegenmittel zur Entfremdung der industriellen Produktion propagierte. Der Bregenzerwald lässt ahnen, wie jener Traum aussehen könnte, wenn er sich durchgesetzt hätte.

Ein Turm in Schruns

Hand auf Stein. Das neue Alpinsportzentrum im Zentrum von Schruns. Eine raue, archaische Steinfassade, breite, grob verputzte Fugen. Ein viergeschossiger Turm, zwei Seiten leicht konkav, zwei Seiten leicht konvex geknickt. Geschosshohe Fenster, scheinbar zufällig verteilt, gerahmte Blicke. Innen duftet es angenehm nach Holz, die Proportionen der Räume sind genau richtig, man fühlt sich darin geborgen.

„Das Montafon ist besonders“, sagt Bader. „Es ist touristischer, hier baut man so, wie es die Gäste gern mögen, Event und Spektakel sind wichtig. Uns Bregenzerwäldern ist das eher fremd.“ Also recherchierte der Bregenzerwälder die Montafoner Geschichte, von den Hotelarchitekten der 1970er-Jahre bis zu Maurern, die früher aus Italien kamen. Beim Alpinsportzentrum kamen ebenfalls italienische Maurer zum Zug. Eine Wertschätzung, die nicht an der Grenze aufhört.

Denn auch wenn Baders Bauten in einem kleinen Radius entstehen, haben sie nichts mit Heimattümelei zu tun. Bestes Beispiel: der islamische Friedhof in Altach (2012), ähnlich wie die Kapelle Salgenreute ein Resultat gemeinsamer Kraftanstrengung. Hier begegneten sich verschiedene kulturelle Traditionen und Interpretationen in Holz und rotem Beton. Wertschätzung eben.

Beton in Bregenz

Eine Wertschätzung, die 2013 mit dem Aga Khan Award ausgezeichnet wurde, einem von vielen Preisen, die der 1974 geborene Bader schon gesammelt hat. Neu hinzugekommen: Die spanische Architekturmonografieserie El Croquis widmete ihm als erstem Österreicher überhaupt eine Ausgabe. Deren Auswahlkriterien: kontinuierliche Haltung und Qualität über mindestens zehn Bauten hinweg. Das kommt in der österreichischen Architektur zwar öfter vor, doch wenn man Bader zuhört, erkennt man den roten Faden klar: die Welt als Wille und Wertschätzung.

Hand auf Beton. Auf einem Restgrundstück in Bregenz, das sonst niemand wollte, steht seit 2019 ein dunkelgrauer Quader, darin Bernado Baders Büro. Kantig, monolithisch, zweifellos ein „starkes Ding“. Wo sich andere Architekten (Hallo, Schweiz!) mit einer Übung in kaltem Purismus begnügt hätten, macht Bader etwas anderes. Die großen, hohen Büroräume sind umlaufend mit weiß lasiertem Holz ausgekleidet, wie eine bergende Geste. Man spürt das Werk der Hände.

27. Juni 2020 Der Standard

Wohnen macht Stadt

Seit 25 Jahren gibt es in Wien das Instrument der Bauträgerwettbewerbe. Von der Öffentlichkeit wenig beachtet, produziert es Wohnbauten mit hoher Qualität, aber auch viel guten Durchschnitt und immer mehr Masse.

Der Beruf des Stadtplaners ist ein Phantom. Landläufig, Pardon: stadtläufig stellen sich viele immer noch einen singulären Masterplaner vor, der nach Gutdünken aufzeichnet, wie hoch ein Häuserblock sein und wo ein Mistkübel stehen darf, woraufhin diese Zeichnung von wieselflinken Stadtbaufirmen genau so umgesetzt wird. Das ist natürlich falsch. Stadtplanung ist ein kompliziertes Geflecht aus Politik, Verwaltung, Fachplanern und Öffentlichkeit. Gerade die schönsten Städte verdanken ihre Gestalt vor allem strengen Baugesetzen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Das Rote Wien wäre ohne die Wohnbausteuer nie realisiert worden. „Form folgt Paragraf“, wie es die gleichnamige Ausstellung im Wiener AzW 2017 formulierte.

Stadt folgt Paragraf

Kein Wunder, dass der gesetzliche Mechanismus, der seit inzwischen 25 Jahren das Wiener Stadtbild prägt, über die Fachwelt hinaus kaum bekannt ist: der Bauträgerwettbewerb. Seit 1995 wird ein solcher vom wohnfonds_wien ausgelobt, wenn städtische Liegenschaften mitbebaut werden. Das Besondere: Wie der Name besagt, reichen Bauträger und Architekten als Teams ein, es ist also kein reiner Architekturwettbewerb, denn der Sieger bekommt schließlich das Grundstück.

Beurteilt werden die Projekte vom Grundstücksbeirat, anfangs nach den Kriterien Architektur, Ökonomie und Ökologie – 2009 kam die soziale Nachhaltigkeit als vierte „Säule“ hinzu. Oft werden Wettbewerbe mit speziellen Themen wie Generationenwohnen, Wohnen für Frauen, Alleinerziehende oder ohne Auto ausgelobt. Ob Sonnwendviertel, Nordbahnhof oder Seestadt Aspern: Die meisten größeren Wohnbauten und Stadtviertel der letzten 25 Jahre basieren auf Bauträgerwettbewerben. Stadt folgt Paragraf.

Das erzeugt viel Qualität, aber von Beginn an auch Kritik. Vor allem daran, dass in Wien der traditionell mächtige Wohnbau den Städtebau quasi en passant mit erledigt. Dieser „Baufeld-Urbanismus“, bei dem Block für Block mit Wohnbau aufgefüllt wird, ist ein Produkt der Bauträgerwettbewerbe. Was dabei unter den Tisch fällt: das Wohnumfeld, die Gestaltung von Straßen und Plätzen und alles, was eben nicht Wohnen ist – Handel, Gewerbe, Kultur, Zwischennutzungen, Freiräume. Was eine Stadt braucht, geht eben über das hinaus, was ein Bauträger liefern kann.

Dies zumindest beginnt sich zu ändern – mit der Einführung zweistufiger Wettbewerbe 2014 und der Vermittlungsarbeit der IBA_Wien 2022, die die Bauträger beim Stadtentwicklungsgebiet Berresgasse dazu brachte, ihre Erdgeschoße zu koordinieren. „Das Prozessuale ist wichtig, der Dialog und die Koordination über die Bauplatzgrenzen hinweg“, sagt Wohnfonds-Geschäftsführer Gregor Puscher. „Das Gebiet ,In der Wiesen Süd‘ hat auch aus diesem Grund zu Recht den Wohnbaupreis 2019 verliehen bekommen. Dort sind die Bauplätze nicht mehr als solche erkennbar, und das ist gut so.“

Auch Zwischennutzungen und Provisorien – ein Feld, auf dem sich Wien immer schwertat – finden erstmals ihren Weg in die Wettbewerbe, so Puscher: „Als ich vor knapp zwei Jahren zum wohnfonds_wien gestoßen bin, dachte ich, wir machen nur Wohnbau, aber heute bin ich auch Experte für Mehrfach- und Zwischennutzungen: Die Remise Wolfganggasse, der Haschahof, die Sargfabrik, das West im Sophienspital – das bedeutet viel neue Entwicklungsarbeit, macht aber auch viel Spaß, und ist enorm wichtig bei der Vorbereitung der Quartiersentwicklung, weil hier wichtige Identifizierungspunkte erhalten und entwickelt werden.“

Guter Durchschnitt

Auch die Wiener Architektenschaft feiert ein Jubiläum: Seit 25 Jahren ist sie zwiegespalten, was die Bauträgerwettbewerbe angeht. Zum einen bündelt sich in ihnen ohne Zweifel ein enormes Maß an Wohnbau-Expertise. Der große Vorteil des Systems, dass schon im Wettbewerb viele Faktoren genau festgelegt werden und Projekt so schneller und zuverlässiger realisiert werden können, birgt auch den Nachteil, dass der Spielraum für Innovationen und Ungewöhnliches beschränkt bleibt. Schon 2008 förderte eine umfassende Studie der MA 50 die Meinung zutage, „dass sich im Lichte einiger Highlights ein guter architektonischer Durchschnitt etabliert hat“ und Themenwettbewerbe oft „nur irgendein Mascherl umgehängt bekommen haben“ und „oft nicht sehr viel Innovatives herausgekommen ist“.

Architekten, die nicht namentlich genannt werden wollen, erzählen auf Anfrage des ΔTANDARD von Fällen, bei denen vorab „durchsickerte“, wer den Wettbewerb wunschgemäß gewinnen solle, weil er jetzt „an der Reihe“ sei. Stimmt es, dass bei den Bauträgerwettbewerben immer dieselben Architekten zum Zuge kommen? „Nein, keineswegs“, sagt der stellvertretende Wohnfonds-Geschäftsführer Dieter Groschopf. „Das Kernteam aus Bauträgern und Architekten hat nicht zu einer Konzentration, sondern zu einer Vielfalt geführt. Es ist bei fast jedem Bauträgerwettbewerb ein neues, junges Architektenteam dabei. Es ist auch nicht so, dass sich immer dieselben Teams zusammenfinden, im Gegenteil: Wir sehen immer wieder neue Kombinationen.“

Das mag sein, doch kämpfen junge wie alte Architekten heute vor allem damit, die steigenden Kosten im Bausektor mit steigenden Qualitätsansprüchen zusammenzubringen. Damit das Wohnen leistbar bleibt, werden Masse und Bebauungsdichte immer weiter hochgeschraubt. Manche Architekten sahen deswegen schon von einer Teilnahme am Wettbewerb ab. Die jüngst gekürten Projekte auf dem Areal des ehemaligen Sophienspitals und an der ehemaligen Badner-Bahn-Remise in der Wolfganggasse kratzen mit elf Geschoßen an der 35-Meter-Grenze, die in der Wiener Bauordnung ein Hochhaus definiert.

Maximale Masse

„Diese Obergrenze hat sich schon eingeschlichen“, stimmt Gregor Puscher zu. „Wichtig ist aber, wie das Quartier und das Umfeld funktionieren. Dichte in der Höhe zu produzieren ist gut, wenn sie den Fußabdruck reduziert und damit größere Freiräume ermöglicht.“ Dabei hätte man, anders als der freie Wohnungsmarkt, der auf maximale Rendite zielt, gar nicht den Zwang, alle Grenzen auszureizen. Zumal der wohnfonds_wien noch über Flächenreserven verfügt, nämlich 3,2 Millionen Quadratmeter in ganz Wien. „Diesen Vorrat wollen wir wie bisher kontinuierlich dem geförderten Wohnbau zuführen und durch Grundstückserwerb wiederaufbauen,“ so Puscher. Eines der größten Areale darunter ist Rothneusiedl, wo der Wohnfonds bereits 70 Prozent der Flächen besitzt. Hier im Wiener Süden kann bald eine zweite Seestadt Aspern entstehen. Der Wohnbau produziert Stadt, weiter und weiter. Eine Wiener Tradition.

13. Juni 2020 Der Standard

Die Stadtbaumaschine

Eine halbe Million Wohnungen errichtete der Konzern Neue Heimat in den 1950er- bis 1970er-Jahren in der BRD. Sein skandalöses Ende bedeutete auch das Ende des sozialen Wohnbaus in Deutschland. Eine Ausstellung in Frankfurt macht sich jetzt an eine Neubewertung.

Das Jahr 1982 hatte nicht gut begonnen für die bundesdeutsche Sozialdemokratie. Der Koalitionspartner FDP sprach SPD-Kanzler Helmut Schmidt zwar noch am 3. Februar das Vertrauen aus, doch die Liberalen rebellierten gegen die rote Wirtschaftspolitik, der Kalte Krieg und die infolge stationierten US-Raketen spalteten die Partei von Schmidt. Der Anfang vom Ende des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaats begann wenige Tage später, am 8. Februar. „Neue Heimat. Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen“ titelte das Magazin Der Spiegel an jenem Montag.

Die gewerkschaftseigene Wohnbaugesellschaft Neue Heimat war die mächtigste der Bundesrepublik, sie hatte nicht nur rund eine halbe Million Wohnungen errichtet, sondern auch Schwimmbäder, Krankenhäuser und Kongresszentren. Entstanden in den 1920er-Jahren, bekam sie in der NS-Zeit ihren Namen und wurde 1954 als Großkonzern neu gegründet. Zwar immer noch gemeinnützig, hatte sie über die Jahre ein Geflecht aus gewinnorientierten Nebenfirmen etabliert. Wie der Spiegel aufdeckte, hatten der NH-Vorstandsvorsitzende Albert Vietor („King Albert“) und andere Funktionäre sich über Strohmänner schamlos an Grundstückskäufen und an den eigenen Mietern bereichert. Der Schaden: mehrere Hundert Millionen Mark. Gewerkschaftlich-solidarisches Ethos sah anders aus.

Eine Woche später wurde Vietor fristlos entlassen. Im September 1982 wechselte die FDP die Seiten, am 1. Oktober begann unter Helmut Kohl die sogenannte „geistig-moralische Wende“. Die Neue Heimat wurde 1986 für einen symbolischen Euro an einen Berliner Bäcker verkauft und 1990 aufgelöst. Die Titanic des deutschen Nachkriegswohnbaus war gesunken. Die Steuerreform 1988 besiegelte das Ende der Gemeinnützigkeit in Deutschland. Der Wohnbau wurde weitgehend dem freien Markt überlassen, auch von Sozialdemokraten: Noch 2004 verscherbelte die Berliner SPD unter Rechts-außen-Finanzsenator Thilo Sarrazin die Wohnungsbaugesellschaft GSW mit 65.000 Wohnungen an ein US-Konsortium. Heute versucht Berlin, seine Wohnungen wieder zurückzubekommen. Der soziale Wohnbau in Deutschland erholte sich nie wieder von diesem Skandal.

Sozialdemokratische Utopie

Eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM) macht sich jetzt an eine Neubewertung der Neuen Heimat. „Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“ lautet der Untertitel, es ist die dritte Station der Schau nach München und Hamburg. „Mit dem Niedergang der Neuen Heimat schwand auch der Glaube an soziale Wohnbaupolitik und an Gemeinwirtschaft“, erklärt Kuratorin Hilde Strobl, die die Ausstellung konzipiert hat und sich selbst als Kind der 1970er-Jahre mit deren Großsiedlungen bezeichnet. Die Fülle an Originalmaterial, von Plänen über Fotos bis zu Modellen und – ein besonderes Highlight – den von Zeitkolorit durchtränkten popkulturbunten Werbefilmen und Publikationen der Neuen Heimat, verdankt man der Hamburger Architektenkammer, die das Archiv der Neuen Heimat in letzter Sekunde vor dem Mistkübel rettete und sorgfältig katalogisierte.

Dabei werden einige Vorurteile gegen die „Stadtbaumaschine“ Neue Heimat infrage gestellt. Denn sie reagierte dank ihres mit Wohnbaufachwissen ausgestatteten Personals höchst sensibel auf gesellschaftliche und architektonische Strömungen. Nachdem der Soziologe Alexander Mitscherlich 1965 in seinem vielbeachteten Pamphlet Die Unwirtlichkeit unserer Städte die Anonymität des modernen Städtebaus gegeißelt hatte, machte ihn die Neue Heimat kurzerhand zum Berater für ihr neues Stadtviertel Heidelberg-Emmertsgrund, und in München-Neuperlach, mit 80.000 Einwohnern eine der größten Siedlungen der Nachkriegszeit überhaupt, durfte der spröde Intellektuelle eine Woche Probe wohnen. Sein Fazit: gar nicht so schlecht.

„Die Neue Heimat holte sich gerade in den Anfangsjahren auch die Avantgarde der Architektur ins Haus, viele Bauten zeichnen sich durch kluge Grundrisse und gute Ausführungsqualität aus“, sagt Hilde Strobl. Auch Großbauten wie das Klinikum Aachen oder das spacige ICC Berlin lieferte die Neue Heimat – Motto: „Wir machen alles“ – meistens pünktlich. Zwar verzichtet die Ausstellung bewusst auf einen chronologischen Aufbau, dennoch ist offensichtlich, wie die Neue Heimat die Geschichte der Nachkriegsarchitektur spiegelt. Fast surreal muten heute die Pläne von 1966 für das Alsterzentrum Hamburg an, ein gigantischer Komplex mit 200-Meter-Hochhäusern, der das marode Gründerzeitviertel St. Georg komplett ersetzen sollte. Damals von Stadtvätern und Bevölkerung mehrheitlich begrüßt, blieben die megalomanen Pläne letztlich in der Schublade.

Anfang vom Ende

Der Anfang vom Ende begann im Jahr 1973, wie Hilde Strobl erklärt: „Es war gleichzeitig der Höhepunkt der Wohnbauproduktion und das Jahr der Ölkrise, die zu starken Sparmaßnahmen führte. Das heißt, viele Wohnsiedlungen wurden danach zwar fertiggebaut, aber wichtige Infrastruktur wie Arbeitsplätze, Kindergärten und U-Bahn-Anschlüsse nicht. Daran leiden viele Stadtviertel bis heute.“ So ist das Zentrum von München-Neuperlach bis heute eine grüne Wiese. Als der akute Wohnbedarf in den 1970er-Jahren nachließ, man die Leistung des Supertankers Neue Heimat aber nicht drosseln wollte, verlegte man sich mit der „Neue Heimat International“ auf den Wissensexport und baute rund um die Welt, insbesondere in Entwicklungsländern. Reibungsverluste und Missmanagement bei diesen Projekten resultierten in einem Verlustgeschäft, das mitverantwortlich für das Kentern war.

„Die Ausstellung ist nicht historisch, sondern hochaktuell“, betont DAM-Direktor Peter Cachola Schmal. „Sie zeigt, dass es eine Zeit gab, in der man es schaffte, neue Stadtviertel zu bauen, die funktionieren. Heute traut sich das niemand mehr zu.“ Auch die Lektionen für eine vom Wohnungsmangel gebeutelte Gegenwart liegen auf der Hand, so Schmal. „Der soziale Wohnbau wurde in Deutschland abgeschafft. Heute müssen wir ihn neu erfinden. Wir erkennen, dass wir nach dem Neue-Heimat-Skandal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben.“

Tu felix Austria, möchte man da ausrufen, denn in Österreich, wo die um 1980 einsetzende Privatisierungswelle nie ganz Fuß fasste und wo Gemeinnützigkeit und kommunaleigene Wohnungen bis heute weitgehend erhalten blieben, hat man die Stigmatisierung und Zerstörung des sozialen Wohnbaus vermeiden können. Im hiesigen Februar 1982 war Bruno Kreisky noch Kanzler, Falcos Kommissar war Nummer eins in den Charts, in Wien wuchs Block C des Wohnparks Alt-Erlaa in die Höhe, und die Kommunen pflegten ihre Gemeindebauten und dachten nicht an Verkauf. Zugegeben: In Wien hatte kurz zuvor der Prozess zum AKH-Skandal für Aufsehen gesorgt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

[ Die neue Heimat (1950–1982). Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, bis 11. Oktober ]

17. Mai 2020 Der Standard

Forschungsprojekt: Die moderne Architektur Kärntens

Die Architektur der Nachkriegszeit wird nach und nach wiederentdeckt, aber Kärnten blieb bisher ein weißer Fleck. Ein Forschungsprojekt dokumentiert nun die Ära der Süd-Moderne

„Alles Leben ist abgewandert in Baukästen, / neue Not mildert man sanitär, in den Alleen / blüht die Kastanie duftlos.“ Eine Architektur der trostlosen Sauberkeit beschreibt Ingeborg Bachmann 1957 in ihrem Gedicht Große Landschaft bei Wien.

Klinisch reine Kästen, ein Vorurteil, mit dem die Bauten, mit denen der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg vonstattenging, heute noch oft konfrontiert werden. Dabei war das nicht immer so. Auch nicht in Ingeborg Bachmanns Heimat Kärnten. Klagenfurt und Villach waren im Krieg stark zerstört worden, Villach war sogar nach Wiener Neustadt die am stärksten betroffene Stadt Österreichs. Es gab viel zu tun, viele Wunden zu schließen. In den Städten entstanden Verwaltungsbauten, Wohnbauten, Schulen, Gemeindezentren und Kirchen, außerhalb der Städte Seilbahnstationen und Kraftwerke.

„Wenn man die Berichte in den Lokalzeitungen der 1950er- und 1960er-Jahre liest, sind sie oft euphorisch“, erklärt der junge Architekturforscher Lukas Vejnik. „Öffentliche Bauten konnten in Kärnten nicht modern genug sein, von Traditionalismus keine Spur!“ Vejnik hatte sich seit langem mit dem Hotel Obir in seinem Heimatort Bad Eisenkappel beschäftigt, ein 1977 eröffnetes rotbraunes Stück Adria-Moderne mitten im Ortszentrum, seit langem leerstehend. „Ich habe mich gefragt, ob es ähnliche Bauten in der Region gibt und ob sie überhaupt dokumentiert sind.“

Große Lücken

Die Antworten auf diese beiden Fragen fanden sich schnell: Die erste: Ja. Die zweite: Nein. „Nicht nur werden die Bauten heute kaum wertgeschätzt, es klafft hier auch eine große Lücke in der Architekturgeschichtsschreibung“, sagt Lukas Vejnik. Im Dezember 2018 bekam er für sein Projekt Architektur. Kultur. Landschaft. Nachkriegsmoderne im Alpen-Adria-Raum das Kärntner Architekturstipendium verliehen. Danach forschte er ein Jahr lang intensiv: in einem Seminar an der Universität Klagenfurt gemeinsam mit Simone Egger und Studierenden, kooperativ unterstützt vom Architektur Haus Kärnten und dem Landesmuseum Kärnten (LMK).

Es wurde in Archiven gestöbert, Friedrich Achleitners kritische Bestandsauf nahmen wurden konsultiert und bisweilen infrage gestellt, schließlich auf eigenen Exkursionen durch das ganze Bundesland den alten Fotos und Plänen nachgespürt. Oft folgte Ernüchterung, wenn das gesuchte Gebäude dann übermalt, umgebaut oder komplett verschwunden war. Oder auf einen seltsamen Torso reduziert, wie der ehemalige Sprungturm des Terrassenfreibads im Ort Klein St. Paul, der heute, seiner Sprungbretter beraubt, als rätselhaftes Monument in den Himmel ragt.

Denn manchmal bröckelte der moderne Enthusiasmus schon früh, oder die Traditionalisten behielten die Oberhand. So wie im Falle der Kirche von Kötschach-Mauthen, für die der große Roland Rainer einen Entwurf geliefert hatte, der ein Flachdach vorsah, was dem Bauausschuss der Gemeinde eindeutig zu weit ging. Die Eröffnung des schließlich spitzdachgekrönten Gotteshauses 1966 fand ohne den indignierten Wiener Architekten statt.

Dennoch deutet die Forschung von Lukas Vejnik nicht mit dem Zeigefinger auf die Stellen, an denen die Moderne scheiterte, sondern holt die Fälle ans Licht, bei denen sie funktioniert hat. „Die Bauten haben natürlich ihre Fehler, ihre Brüche, Ecken und Kanten, aber man kann lernen, damit zu leben.“ Und man lebt in Kärnten schon ein halbes Jahrhundert mit ihnen: In Klagenfurt mit der Universität, den Sternhochhäusern, dem Kelag-Hochhaus und dem eleganten Ruderverein Nautilus. Der wuchtigen Betonskulptur der Berg- und Talstationen der Ankogel-Seilbahn in Mallnitz und dem freundlichen Ferienheim der Wiener Sängerknaben in Sekirn.

Berühmte Namen sind dabei die Ausnahme. „Bei der Auswahl war es mir wichtig, dass nicht nur Stars wie Roland Rainer und Clemens Holzmeister dabei sind, sondern auch die vielen Unbekannten, die gute Architektur gemacht haben“, sagt Lukas Vejnik. Namen wie die Kirchenbauer Elisabeth Baudisch und Eberhard Klaura, Ferdinand Brunner und seine Bildungsbauten oder Adolf Bucher, der sich unter anderem als landschaftlich sensibler Bäderarchitekt profilierte.

Einige von ihnen sind selbst in Kärnten heute vergessen, wie Vejnik feststellen musste: „Es ist interessant, dass wir in der Region mehr über Baumeister aus dem Mittelalter wissen als über die eigene Großelterngeneration.“ Ein einheitlicher Stil einer „Kärntner Moderne“ lässt sich jedoch nicht ausmachen, zu verschieden waren die Einflüsse der damaligen Architektengeneration. Über die Karawanken kam der frische Wind der jugoslawischen Adria-Moderne, mit ihrer hohen Qualität, Produktivität und ihrem Ideenreichtum.

Andere Architekten hatten in der Schweiz und in Deutschland gearbeitet und brachten Ideen von dort mit. Dokumentiert sind die Bauten jetzt in Text und Plan sowie in den gestochen scharfen zeitgenössischen Schwarz-Weiß-Fotos des Fotografen Hans-Jörg Abuja (1919–2002), dessen Nachlass das Landesmuseum Kärnten 2018 angekauft hatte und dessen Fotos nun von den Studierenden um Lukas Vejnik und Simone Egger gesichtet wurden.

Als gegenwärtiges Gegenüber fungieren die Bilder des Fotografen Gerhard Maurer, der die Bauten in der soliden Alltäglichkeit ihres heutigen Zustands in allen Maßstäben vom Türknauf über den Handlauf bis zum Landschaftspanorama festhält, in lakonischer Präzision, weder ihre Einzigartigkeit zelebrierend noch ihren Verschleiß anklagend.
Frischer Wind

Diese Dokumentation ist jetzt in Buchform erschienen, die dazugehörige Ausstellung sollte eigentlich bereits Ende April eröffnet werden, sie wurde jedoch aufgrund der Corona-Pandemie verschoben. „Das Gute daran ist: Man kann sich in der Zwischenzeit die Gebäude an der frischen Luft anschauen“, sagt Lukas Vejnik.

Eröffnet wird die Ausstellung dann im April 2021, in Adolf Buchers Haus der Begegnung in Klagenfurt. Pointierterweise genau an dem Ort, an dem früher der Ingeborg-Bachmann-Lesewettbewerb stattfand. Ein kleines Zeichen der Versöhnung – und wer weiß, vielleicht hätte die Patina der Jahrzehnte die Dichterin mit den damals so klinisch reinen „Baukästen“ der Moderne versöhnt. Denn ob man sie mag oder nicht, sie sind längst Teil des Alltags in Stadt und Landschaft.

verknüpfte Publikationen
- Land der Moderne

9. Mai 2020 Der Standard

Der Zimmermann im Betonzeitalter

Ein überzeugter Europäer und ein virtuoser Bildhauer der Spätmoderne: Der gefeierte und auch umstrittene slowakische Architekt Vladimír Dedeèek ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

Vladimír Dedeèek war es nicht mehr gewohnt, Gäste zu empfangen. Dabei war der fragile, kleine Herr ausgesprochen höflich, geradezu galant, aber das Innere seines von ihm selbst entworfenen Reihenhauses am Stadtrand von Bratislava war leer und still, auf dem Esstisch stand ein extra für die Gäste aus Wien gekaufter Kuchen, der etwas verloren aussah.

Für uns, zwei Architekten und eine Architekturfotografin, war es ein großer Moment, an diesem Wochenende, damals im Jahr 2007. Ihn treffen zu wollen, sei chancenlos, hatte es monatelang geheißen. Er sei krank und verbittert, wolle niemanden mehr sehen. Irgendwie gelang es dann doch, und Vladimír Dedeèek erwies sich vom Moment, als er die Tür öffnete, als ein liebenswerter Mann mit listigen Augen, der ein schönes Deutsch sprach und mit seiner zu großen Armeejacke wie ein greiser südamerikanischer General aussah.

Wir waren gekommen, um mehr über seine spektakulären Bauten aus den 1960er- und den 1970er-Jahren zu erfahren, und lernten schnell, dass nichts so einfach ist, wie man denkt. Dass das Planen im Sozialismus nicht von gleichgeschalteten Arbeitsbienen erledigt wurde, sondern von Individuen und Teams, die sich in Wettbewerben beweisen mussten, die debattierten und stritten und genau wussten, welche Theorien ihre Kollegen jenseits des Eisernen Vorhangs gerade entwickelten. „Es gibt keine sozialistische Architektur“, sagte Dedeèek mit Nachdruck. „Das ist Unfug! Nur die Fehler waren sozialistisch. Es gibt nur eine europäische Architektur, die sich aus denselben kulturellen Traditionen speist.“

Missverständnisse wie diese verfolgten ihn mehr als seine Kollegen, da er sich mit seinen Großaufträgen auch mehr als sie exponierte. Seine wuchtigen Bauten wie das Nationalarchiv, eine Schule für Parteikader oder der Oberste Gerichtshof waren staatstragende Gebäude im Auftrag des Regimes gewesen, was ihm – auch wenn er kein Parteibuch hatte – den Ruf eines regimetreuen Architekten eintrug und ihn nach der Wende 1989 lange zur Persona non grata der slowakischen Architektenszene machte.

Leichtfüßige Moderne

Doch auf den zweiten Blick offenbart seine Architektur eine Vielzahl von Bezügen, die weit über jedes politische System hinausreichten. Sein frühes Meisterwerk, der Campus der Landwirtschaftlichen Hochschule in Nitra (1960–66), eine elegante Komposition aus Scheiben, langen Glaspassagen, keck gekippten Hörsälen und einer Ufo-artigen Aula, erinnert an Oscar Niemeyers leichtfüßig-brasilianische Moderne und an Pier Luigi Nervis Palazzetto dello Sport in Rom, den Dedeèek auf einer seiner vielen Auslandsreisen besuchte. Auch dies eine Überraschung für die Besucher aus Wien: „Natürlich konnten wir in den Westen reisen, zumindest in den freien 1960er-Jahren“, sagte er – auf Exkursionen nach Italien, Deutschland und sein geliebtes Frankreich, wo er kurz wegen Spionageverdachts festgenommen wurde. „Aber ich war natürlich kein Spion“, sagte er. Und lächelte listig.

Heute, da „Socialist Modernism“ zum Coffee-Table-Trend und als Soc-Mod durch die Blogs gereicht wird, haben seine ikonenhaften und fotogenen Bauten neue Bewunderer gefunden – aber auch neue Missverständnisse erzeugt. Mit dem heute oft wahllos verteilten Label „Brutalismus“ haben sie kaum etwas zu tun, denn rohen Beton verwendete er äußerst selten. Die für ihn typischen Vor- und Rücksprünge, oft in den slawischen Farben Rot und Weiß akzentuiert, haben einen ganz anderen Ursprung: den traditionellen slowakischen Holzbau. „Ich bin ein Zimmermann im Zeitalter des Betons“, so beschrieb sich Dedeèek selbst, und besser kann man es nicht sagen. Was zunächst seltsam klingt, ist offensichtlich, wenn man es weiß: Die virtuos und skulptural ineinandergeschobenen Volumen seines kubisch in einem grünen Hang thronenden Slowakischen Nationalarchivs (1971–83) sind im Grunde ein übergroßes 3D-Puzzle aus Holzklötzen. Nur eben nicht aus Holz.

Sein berühmtester und zweifellos umstrittenster Bau liegt unübersehbar am Donauufer: die Erweiterung der Slowakischen Nationalgalerie (1962–79), deren Ausstellungstrakt als 70 Meter lange Brücke einen barocken Hof überspannt. Schon zu Entstehungszeiten als Fremdkörper kritisiert, ist sie genau das Gegenteil: eine Komposition aus Plätzen, Höfen und individuellen Gebäudetrakten, die sich genau in die Stadt einpasst. Ihr Fluch und Unglück war, dass sie ein Torso blieb und nur zur Hälfte realisiert wurde. Denn wie viele Bauten der Spätmoderne entstammten die Ideen dem freien Geist der 1960er-Jahre, der mit dem sowjetischen Einmarsch in Prag endete, und wurden in den 1970ern oder noch später fertiggestellt. Die ewigen Baustellen im Stadtzentrum machten sie bei den Bürgern nicht gerade beliebt.

Internationale Bewunderer

Ironischerweise ist es gerade die Nationalgalerie, die ihm die ersten und die meisten internationalen Bewunderer beschert hat: Architekten wie Ben van Berkel und Wolf D. Prix lobten den Bau als europäisches Meisterwerk. Nicht zuletzt dank dieser Aufmerksamkeit entging der lange vernachlässigte Bau nach endlosen Debatten dem Abriss.

Auch in der Slowakei wandelte sich die Ablehnung später in Anerkennung: 2015 wurde ihm der Emil-Belluš-Preis für sein Lebenswerk verliehen, die höchste Auszeichnung der slowakischen Architektur. 2018 erschien Monika Mitášovás monumentale Monografie Vladimír Dedeèek: Interpretations of his Architecture . „Ihn zeichneten die großen Formen aus, die er durch kluge Aufteilung und Wiederholung ent-monumentalisierte“, so Mitášová in ihrem Nachruf. „Er hatte das Talent, Elemente der Antike wie Amphitheater und Atrien mit strukturalistischen Tendenzen zu kombinieren. Er lässt sich in keinen Ismus einordnen. Er verweigerte sich der Klassifizierung genauso wie dem Parteiapparat“.

Es ist eine Tragik der Architekten aus ehemals sozialistischen Ländern, dass sie bis heute von der Geschichtsschreibung ignoriert werden. Einer, der sich unermüdlich für Dedeèek einsetzte, ist der Wiener Architekturkritiker Jan Tabor, der 2015 das Happening „Dedeèek for Pritzker Prize“ veranstaltete. „Ich habe immer wieder Architekten in seine Nationalgalerie geschleift, und alle waren begeistert“, sagt Tabor. „Er war schlicht und einfach der beste tschechoslowakische Architekt.“

Ein Architekt, der das Humane über das Totalitäre stellte. Der das Individuelle im Kollektiven suchte und fand. Der das Monumentale, das Urbane und das Landschaftliche ebenso miteinander versöhnte wie das Industriell-Moderne mit dem Handwerklich-Archaischen. Vorige Woche ist Vladimír Dedeèek im Alter von 90 Jahren gestorben, daheim in seinem stillen Haus.

2. Mai 2020 Der Standard

Move over, Motorstadt

Weltweit nutzen Städte die Corona-Krise, um den öffentlichen Raum neu zu ordnen. Nicht nur die nötige physische Distanz zwingt die Autos zum Ausweichen. Doch wie sieht das im gallischen Dorf der Fahrspurfetischisten aus? Ein Bericht aus der Autometropole Stuttgart.

Es grenzt an ein Wunder, dass dieser Platz noch nie zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Deutschland und Österreich geführt hat. Eine mehrgeschoßige Betonkrake aus Rampen, Abbiegespuren, Parkplätzen und einem Kreisverkehr, laut, dreckig und für Fußgänger unüberquerbar. Der Österreichische Platz in Stuttgart, 1961 im Zuge der „autogerechten Stadt“ errichtet, ist zweifellos der hässlichste der Stadt. Das will etwas heißen, denn hier sieht fast jeder größere Platz so aus. Während Düsseldorf und Hannover ihre Hochstraßen der Nachkriegszeit längst abgebrochen haben, regiert in der Heimat von Daimler und Porsche bis heute das Auto.

Während sich Protestierende weinend an Bäume ketteten, die für das Bahnprojekt Stuttgart 21 weichen mussten, wurde am Stadtrand ohne großen Widerstand hektarweise Grünland für Ortsumfahrungen und für Umfahrungen von Ortsumfahrungen (ja, das gibt es) geopfert. Selbst Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, betonte im Dezember, die Autoindustrie sei der „Pfeiler des Wohlstands“ und man müsse alles tun, „damit wir Autoland bleiben.“

Zwar kündigte Stuttgarts ebenfalls grüner Oberbürgermeister Fritz Kuhn 2019 vorsichtig an, den Autoverkehr um 20 Prozent zu reduzieren, doch immer noch wirkt die Stadt auf den Besucher wie ein gallisches Dorf des Brummbrumm. Sehr viele, sehr neue, sehr riesige Autos auf sehr vielen Fahrspuren, als sei die Stadt in erster Linie eine Teststrecke für die in ihr hergestellten Fahrzeuge. Während andere Städte weltweit den Raum fürs Automobil seit langem radikal beschneiden, wird hier laut aufgeschrien, wenn jemand zaghaft vorschlägt, eine Fahrspur zu opfern. Der Verkehrsfluss! Die Schlüsselindustrie! Der Standort!

Stimmen im Lärm

Doch langsam werden im Lärm auch andere Stimmen hörbar. Da ist zum einen die 2017 gegründete Initiative „Aufbruch Stuttgart“, die sich aus dem kulturaffinen Bürgertum rekrutiert und mit Werner Sobek und Arno Lederer zwei namhafte Architekten zu ihren Mitgliedern zählt. Sie widmet sich vor allem der „Kulturmeile“ zwischen Schloss, Staatsgalerie, Landesbibliothek und Oper, die von einer achtspurigen Stadtautobahn durchschnitten wird. Wiener Leser können sich das in etwa so vorstellen, als müsse man zwischen Staatsoper, Parlament und Museumsquartier die Südosttangente überqueren.

Jünger, frecher und auffälliger ist der Verein Stadtlücken, der sich 2016 im finsteren Niemandsland unter der mächtigsten Betonbrücke des Österreichischen Platzes breitmachte, diesen dauerhaft mit Freiluftkino, Diskussionen und Partys bespielte und offensiv Fragen stellte. Zum Beispiel: „Wo ist eigentlich dieser Österreichische Platz?“ Kern der Gruppe sind vor allem Absolventen aus Kreativberufen. „Wir haben uns gefragt, warum unsere Städte eigentlich so aussehen, wie sie aussehen“, so die Stadtlücken-Initiatoren auf Anfrage des ΔTANDARD. „Wer trifft Entscheidungen? Wer gestaltet unsere alltägliche Umgebung und mit welchem Interesse? Und wem gehört das alles eigentlich?“

Die fröhliche Annexion des Unortes war erfolgreich: „Gemeinsam mit Stadtverwaltung, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft wurden bis Ende 2019 verschiedene Nutzungskonzepte ausprobiert, um herauszufinden, wie der Ort nachhaltig funktionieren kann. Mit dem Beschluss des Gemeinderats zum Doppelhaushalt 2020/2021 wurden 1,4 Millionen Euro für die Weiterentwicklung des Ortes hin zum Kooperativen Stadtraum bewilligt. Yeah!“

Gute Nachrichten für den Österreichischen Platz. Doch reicht das für eine ganze Stadt? Andere Metropolen übertreffen sich schließlich zurzeit, bedingt durch den Faststillstand durch die Corona-Krise, im Tagesrhythmus mit Plänen für die Neuordnung des öffentlichen Raumes während und nach der Pandemie.

Offene Straßen

Brüssel führte ein Tempolimit von 20 km/h in der gesamten Innenstadt ein. Mailand präsentierte vorige Woche den Plan „Strada Aperte“, der Fahrradstraßen und Tempolimits vorsieht und schon diesen Sommer 35 Kilometer Straßen umgestalten will. „Bisher haben wir für 2030 geplant. Jetzt planen wir für 2020, für die Gegenwart“, so der stellvertretende Bürgermeister Pierfrancesco Maran. Auch Paris, unter Anne Hidalgo eine der offensivsten Städte bei der Befreiung des Stadtraums vom Auto, beschleunigt seinen Plan für die Einrichtung mehrerer Radschnellwege mitten durch die Stadt.

Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wiederum schuf seit dem 25. März stattliche 8,2 Kilometer temporäre Radwege, um Verkehrsteilnehmern, wie man Menschen im Straßenraum immer noch nennt, die nötige physische Distanz zu ermöglichen. Weitere Radwege sollen folgen, alle waren schon länger in der Planung und werden jetzt umgesetzt.

New Yorks Bürgermeister kündete am Montag sogar an, 100 Straßenmeilen zu „Open Streets“ zu deklarieren, in denen sich Fußgänger frei bewegen können. 40 davon sollten unverzüglich eingerichtet werden.

Die litauische Hauptstadt Vilnius denkt über den Verkehr hinaus: Sie will die Innenstadt in einen riesigen Schanigarten verwandeln, um die gefährdete Gastronomie zu retten. 18 Plätze wurden bereits für Restaurants und Cafés geöffnet, weiter sollen folgen. Wien wirkt dagegen mit seinen vorerst bis Mai befristeten temporären Begegnungszonen vergleichsweise zaghaft, und Initiativen wie „Platz für Wien“ fordern deutlich radikalere Maßnahmen. Zu Recht. Denn nicht nur beim öffentlichen Raum zeigt die Corona-Krise, dass manches sehr schnell gehen kann, wenn man nur will. Wer einmal in Fahrbahnmitte eine Straße entlangspaziert ist, möchte diese Freiheit nicht so schnell wieder aufgeben.

Die Frage ist: Bleiben die jetzigen Maßnahmen bestehen, oder werden sie postpandemisch wieder zurückgefahren? „Dass alles wieder so werden kann, wie es zuvor war, möchten wir bezweifeln“, sind die Optimisten von den Stuttgarter Stadtlücken überzeugt. „So schlimm die Corona-Krise für uns alle ist: Je länger sie dauert, desto mehr Zeit haben wir, vom Beschweren und von der Angst ins aktive Ändern und Handeln zu kommen. Provisorische Übergangslösungen eröffnen die Möglichkeit, überprüft zu werden und sich als sinnvoll beweisen zu können. Denn vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, gewisse Routinen, Systeme und Prozesse infrage zu stellen. Wie wollen wir uns in Zukunft fortbewegen, und wie können wir dies räumlich gestalten?“ Wer weiß, vielleicht dürfen österreichische Besucher eines Tages mitten auf dem Österreichischen Platz in Ruhe einen Kaffee trinken.

6. März 2020 Der Standard

Körner-Kasernen-Areal: Hausschlapfen statt Heeresstiefel

In Wien-Breitensee werden rund 1000 Wohnungen entstehen. Der Versuch einer Balance zwischen Verdichtung und Grün in Zeiten städtischer Überhitzung

Besonders kriegerisch sieht sie nicht aus, die General-Körner-Kaserne an der Spallartgasse in Wien-Penzing. Ursprünglich Teil der um 1900 angelegten umfangreichen Breitenseer Kasernen, war das ummauerte Areal mit seinen Bäumen und Tennisplätzen eher ein Offizierseldorado als ein staubiger Exerzierplatz. Doch jetzt wird es staubig, zumindest für knapp zwei Jahre. Denn ab 2022 werden hier rund 2000 Menschen wohnen.

Städtebaulicher Wettbewerb

Ein Konsortium rund um den oberösterreichischen Projektentwickler Consulting Company hatte das 4,1 Hektar große Areal 2015 für 30,3 Millionen Euro erworben. Die Sivbeg, die bis zu ihrer Auflösung 2016 die Liegenschaften des österreichischen Bundesheeres verwaltete, hatte den Mindestkaufpreis mit 26,8 Millionen Euro fixiert. Gemeinnützige Bauträger und grüne Politiker kritisierten damals, dass ein so hoher Preis leistbares Wohnen gar nicht zuließe. Doch es sollte anders kommen.

Aus einem städtebaulichen Wettbewerb im Herbst 2016 ging ein Entwurf des Wiener Büros Driendl Architects ZT als Gewinner hervor. Ähnlich wie am Nordbahnhof wird hier die Bebauung an den Rändern konzentriert und türmt sich teilweise zu elf Geschoßen. Zum Ausgleich darf die Mitte grün bleiben – insgesamt 15.000 Quadratmeter des Gesamtareals. Dies wurde in der Flächenwidmung festgeschrieben: Seit 1892 war das Areal als reines Bauland ausgewiesen, auch wenn es danach großteils grün blieb. Jetzt hat es einen unverbaubaren grünen Fleck in der Mitte. Platz zum Atmen.

Spatenstich vor einer Woche

Auch die Befürchtung, hier würde mitten im vorstädtischen Breitensee ein Reichenghetto entstehen, hat sich nicht bewahrheitet: Rund 600 der insgesamt etwa 1000 Wohnungen, die in den nächsten Jahren hier entstehen, werden geförderte Mietwohnungen sein. Vorigen Donnerstag luden die fünf Bauträger zum Spatenstich. Den größten Anteil mit rund 470 Wohnungen errichtet die Immo 360grad GmbH, eine Tochter des Österreichischen Siedlungswerks (ÖSW AG), auf den Bauplätzen 5, 6 und 7 unter dem Projektnamen THEOs (Architekten: Driendl und BWM), hier entsteht ein Mix aus freifinanzierten Eigentums- und geförderten Mietwohnungen. Auf dem Bauplatz 4 wird die im Verbund der Sozialbau befindliche Volksbau mit Driendl Architekten 224 geförderte Mietwohnungen errichten.

Auf der Eckparzelle Nummer 3 folgen die Bauträger Eisenhof und Frötscher Lichtenwagner Architekten mit 71 geförderten Mietwohnungen, auf den Bauplätzen 1 und 2 schließlich errichtet die WBV-GPA mit den Architekten Frötscher Lichtenwagner und Gangoly Kristiner 224 geförderte Mietwohnungen. Auch hier ließ man sich bei der Namensgebung von der Geschichte inspirieren, die beiden Bauten heißen Theodor und Rosalie. „Im Bauteil Theodor werden drei Wohnungen und das Leitsystem speziell für sehbehinderte Menschen adaptiert,“ sagt WBV-GPA-Geschäftsführer Michael Gehbauer. „Im Bauteil Rosalie wird die Baugruppe Vorstadthaus Breitensee ein komplettes Stockwerk besiedeln und neun Wohneinheiten anmieten. Damit wird neben den üblichen geförderten Wohnungen das Angebot in Richtung Vielfalt und Inklusion ausgeweitet.“

Die Miete beträgt je nach Bauteil zwischen 8,72 und 9,10 Euro pro Quadratmeter, insgesamt 174 Wohnungen auf dem Gesamtareal werden im Rahmen des Smart-Wohnbauprogramms zu Sonderkonditionen vergeben. Hinzu kommen ein Büro- und Geschäftslokal, ein Nahversorger, ein „Mobility Point“, Gemeinschaftsräume und ein Kindergarten. Die Fertigstellung ist für Herbst 2021 bis Frühjahr 2022 vorgesehen.

Wohnqualität durch Bäume

„Wir schätzen uns glücklich, gemeinsam mit unseren Projektpartnern dieses neue Wohnquartier realisieren zu dürfen“, so Michael Pech, ÖSW-Vorstandschef. „Die Erhaltung des alten Baumbestands bietet eine außerordentliche Wohnqualität, die allen Bewohnern des Quartiers und der Umgebung zugutekommt.“ Sozialbau-Generaldirektor Josef Ostermayer lobt das „verkehrsgünstig gelegene Wohnquartier mit grüner Naherholungsqualität.“

Apropos grün: Auch wenn Bauland nach 128 Jahren teilweise in Grünland umgewidmet wird, bedeutet das eine Umverteilung des realen Grüns. Die 141 Bäume, für deren Rodung Ende 2019 eine Bewilligung erteilt wurde, sind laut Ansicht einer Breitenseer Bürgerinitiative zu viel des Guten. Bei den Bauträgern wirbt man um Verständnis: „Nahezu 70 Prozent der vorhandenen Bäume können erhalten werden“, heißt es auf STANDARD-Anfrage bei der Immo 360grad. „In Abstimmung mit der zuständigen Behörde und dem Baumschutzkonzept folgend werden vielfach Bäume gerodet, die aus pflegerischen Maßnahmen (Altersgrenze erreicht, Schadsymptome, zu nahe bei wertvollerem Baum gepflanzt, Gefahr für Menschen) zu entfernen sind.“ Wenn der Staub sich legt, bleibt als Ergebnis: ein erstmals öffentlich zugänglicher Park und Wohnen im Grünen für 2000 Menschen. Kein schlechter Kompromiss für eine verdichtete Stadt in heißen Zeiten.

26. Januar 2020 Der Standard

Architekt Hofer: „Bei Neubaugebieten in Wien bekomme ich Styropor-Allergie“

Der Schweizer Architekt Andreas Hofer spricht über Wohnungskrisen und Minimalwohnungen

Der Schweizer Architekt Andreas Hofer ist Intendant der Internationalen Bauausstellung IBA 27 StadtRegion Stuttgart. Ein Gespräch über das Erbe der Moderne, Lösungen für die Wohnungskrise und über seine Wiener Styropor-Allergie.

Die Region Stuttgart ist eine der reichsten der Welt. Doch wie andere deutsche Städte wurde auch sie von der Wohnungskrise erwischt. Lösungen für diese und andere Fragen erhofft man sich von der Internationalen Bauausstellung IBA 2027 StadtRegion Stuttgart. Deren Intendant, der Schweizer Architekt Andreas Hofer, wurde in Zürich mit innovativen Wohnmodellen bekannt. Diese Woche war er auf Einladung der TU in Wien, einer Stadt, die mit der IBA Wien_2022 ebenfalls eine Internationale Bauausstellung plant.

STANDARD: Wozu braucht man heute überhaupt eine Internationale Bauausstellung? Was ist die Aufgabe einer IBA?

Hofer: Eine IBA muss eine eigene Geschichte erzählen können. Manche sagen, das Bauen ist gar nicht so wichtig, wir machen nur Partizipation und Prozesse. Das reicht aber nicht. Das B in IBA ist ganz elementar. Man muss schon etwas bauen! Sonst wäre es ja auch absurd, mit so vielen Ressourcen über so eine lange Zeit zu arbeiten.

STANDARD: Sie sind selbst Architekt. Sind IBAs eine Möglichkeit für Architekten, ihre innovativen Ideen zu zeigen?

Hofer: Es geht nicht darum, den Architekten eine Plattform zu bieten, wo sie ihre Architektur zeigen können. Es geht darum, Architektur zu den Leuten zu bringen, sich dem öffentlichen Diskurs zu stellen. Die Stuttgarter Weißenhofsiedlung auf der Werkbundausstellung 1927 war heftig umstritten, die Leute haben sich gegenseitig beschimpft!

STANDARD: Es ist kein Zufall, dass die jetzige IBA zum 100-Jahr-Jubiläum der Weißenhofsiedlung stattfindet. Birgt die Moderne noch uneingelöste Versprechen?

Hofer: Wir befinden uns seit mehreren Jahrzehnten in einem pubertären Prozess der Ablösung von der Moderne, und Stuttgart ist einer der spannendsten Orte, wenn es um die postindustrielle Gesellschaft geht. Für mich ist die Auseinandersetzung mit der Moderne als Lebensstil und Architektur zentral. Die Weißenhofsiedlung selbst ist sehr widersprüchlich. Eigentlich ist sie eine Puppenstube mit teilweise winzigen Wohnungen. Die Konzepte der Minimalwohnung und der Ressourcen waren damals und sind heute noch sehr relevant.

STANDARD: Stichwort Minimalwohnung: In Stuttgart sind die Mieten astronomisch, Wien baut kleine Smart-Wohnungen. Müssen wir die Wohnfläche reduzieren, um das Wohnen wieder leistbar zu machen?

Hofer: Ich würde die Frage noch viel radikaler stellen. Ergibt es Sinn, dass wir für jede Person den x-fachen Flächenbedarf bauen? Wohnen, Büro, Schule, Freizeit, Sport, das sind alles riesige Flächen. Dieser Luxus ist auch ökologisch ein Irrsinn. Er ist das Produkt einer Wachstumsgesellschaft, in der alles immer größer wird, vom Auto bis zum Fernseher. Fragen wir uns doch: Was passiert, wenn es in zehn Jahren vielleicht Arbeit und Wohnen so wie heute nicht mehr gibt?

STANDARD: Lassen sich die Erfolgsgeschichten der Zürcher Genossenschaftswohnmodelle nach Deutschland exportieren?

Hofer: Ich bin offen für bessere Modelle als das genossenschaftliche, aber ich habe noch keines gefunden. Aber ich bin vorsichtig mit dem Begriff des Exportierens. Das hat so etwas Koloniales. Aber die Diskussion über gemeinwohlorientierten Wohnungsbau muss in Deutschland geführt werden, und das wird sie auch.

STANDARD: Von neoliberaler Seite heißt es immer, man müsse den freien Markt nur ganz viel bauen lassen, und die Wohnungskrise wäre gelöst.

Hofer: Ja, und alles deregulieren! Das ist reine Ideologie. Wohnungsmärkte funktionieren nicht über Angebot und Nachfrage wie Schokolade. Prozesse wie die Globalisierung der Kapitalströme können nicht über das Bauen aufgefangen werden. Da kommt nicht einmal der Immobilienmarkt hinterher. Also muss man das System stabilisieren. Sinnvoll wäre, wenn so wie in Zürich etwa ein Drittel der Wohnungen nicht den spekulativen Kräften unterworfen ist. Man muss sie dem Markt, aber auch der Politik entziehen.

STANDARD: Deutsche Städte haben ihren kommunalen Wohnbestand verscherbelt und versuchen ihn jetzt um ein Vielfaches wieder zurückzukaufen. Wien hat genau das nicht getan. Ist Wien ein Vorbild?

Hofer: Das sind eindrückliche Resultate, und die Qualität ist überdurchschnittlich. Andererseits sind Wohnen und Politik hier stark verflochten. Da eine Dynamik ins System zu bekommen ist nicht einfach. Und wenn ich mir die Neubaugebiete in Wien anschaue, bekomme ich irgendwann eine Styropor-Allergie.

STANDARD: Es heißt dann, man müsse beim Wohnbau eben sparen.

Hofer: Früher bekam ich in Deutschland immer zu hören: Jaja, ihr reichen Schweizer könnt euch die schönen Fassaden leisten, wir müssen um 1600 Euro pro Quadratmeter bauen. Heute baut man in Stuttgart um 4000 Euro, das ist teurer als in der Schweiz! Aber wenn wir an Ressourcen denken, spielen diese Kosten eine viel geringere Rolle. Wir müssen langfristig denken und dauerhaft bauen. Wir reißen heute 30 Jahre alte Häuser ab, das ist eine riesige Kapitalvernichtung.

STANDARD: Stuttgart kennt man international vor allem wegen seiner Autoindustrie und Stuttgart 21. Welche Bedeutung haben Verkehr und Mobilität für die IBA?

Hofer: Wir sind keine Mobilitätsausstellung. Das können andere besser. Wir denken aber darüber nach, wie die zukünftige Stadt in anderen Mobilitätsszenarien aussieht. Was, wenn sich Arbeiten und Wohnen anders mischen? Warum nicht in einem Hafen wohnen, oder neben einer Fabrik? Ich habe die Leute von Porsche gefragt, wie sich deren Produktion verändert, und sie haben gesagt: Unser einziges Problem mit Emissionen sind die Autos, mit denen unsere Angestellten zur Arbeit fahren.

STANDARD: Können Sie sich als Schweizer in Stuttgart eher erlauben, unangenehme Wahrheiten auszusprechen, als es lokale Architekten könnten?

Hofer: Es ist nicht meine Art, als Besserwisser aus der Schweiz zu kommen, der erzählt, wie es richtig geht. Aber die Stuttgarter haben sich nach langen Diskussionen entschieden, jemanden von außen zu engagieren. Daher kann ich ihnen sagen: Ihr wolltet ja jemanden, der euch hilft, aus dem Trott auszubrechen und zukunftsfähig zu werden. Und das verstehen die Leute auch.

28. Dezember 2019 Der Standard

Die Bausteine der Dekade

Die Zehnerjahre gehen zu Ende. Weltpolitisch und ökologisch waren sie eine Katastrophe. Konnte die Architektur uns wenigstens Hoffnung geben? Wir blicken zurück auf zehn Trends, die das Jahrzehnt prägten.

Architektur ist eine langsame Kulturtechnik. Aufgeregte Jahrestrends wie in der Mode und im Design zu konstatieren (Trendfarbe 2020: Classic Blue! Wichtige Information!) wäre albern, wenn zwischen Idee und Umsetzung oft Jahre liegen. Eine Dekade lässt sich da schon besser diagnostizieren. Was hat die Architektur zwischen 2010 und 2019 geprägt, und wie hat sie die Welt verändert? Hier sind die retrospektiven Top Ten der Tens.

1. Das Ende der Stars Schon seit Frank Gehrys Guggenheim Bilbao (1997) will jede Stadt ihr Megamuseum oder ihre Philharmonie, am besten von einem Pritzkerpreisträger. Alle wollten die Stars haben, und alle wollten Stars werden. Für den Wettbewerb des Guggenheim Helsinki 2014 wurden 1715 Beiträge eingereicht, eine Gruselparade aufgeregter Eyecatcher. Am Ende wollte Helsinki gar kein Guggenheim. Die Stararchitektur wirkte in den Zehnerjahren alt und müde. Zaha Hadid starb 2016, ihr Büro kopiert sich seitdem selbst. Daniel Libeskind, der einst welthistorische Tragik in seinem Jüdischen Museum Berlin verräumlichte, baut heute Einkaufszentren in Düsseldorf. Rem Koolhaas ist scharfsinnig wie immer, doch seine Bauten wurden immer lustloser. Neue Stars wie Bjarke Ingels und Thomas Heatherwick feierten zwar mit ihrer leicht konsumierbaren Architektur Erfolge, doch das wirklich Neue war woanders zu finden.

2. Wohnen wird zur Ware Die Immobilienhaie waren die Mitschuldigen am Finanzcrash 2008, und die Immobilienhaie sollten am meisten von ihm profitieren. Wohnungen wurden zum idealen Anlageobjekt, zum Betongold, Mieter sind dabei nur im Weg. In New York, Berlin und Seoul grassiert die Wohnungskrise, während auf Immobilienmessen ganze Stadtviertel auf den Markt geworfen werden. Städte wie Wien, die ihren kommunalen Besitz nicht verscherbelt haben, sind im Vorteil. Doch der Druck steigt, denn die Gier nach Betongold ist noch nicht gestillt. Aber der Markt allein hat noch nie eine Wohnungskrise gelöst.

3. Hoch, höher, Hochhaus Das Wohnhochhaus war jahrzehntelang tabu, aber in den Zehnerjahren war es plötzlich überall. Über 500 neue Türme in London, dürre Pencil-Skyscrapers in New York mit den teuersten Penthouses der Welt. Towers in Linz, Türmchen in Graz, die unendliche Heumarkt-Debatte in Wien. Trend innerhalb des Trends: Hochhäuser mit Bäumen. Stefano Boeris Bosco Verticale in Mailand war der Anfang, seitdem dekorieren Investoren von Kapstadt bis Kagran ihre Turm-Visualisierungen mit scheinökologischem Gestrüpp. Der Beweis, dass dies mehr als ein Marketingscherz ist, steht noch aus.

4. Öffentlicher Raum Tahrir, Taksim, Maidan, Zuccotti Park. Plätze in Städten wurden in den Zehnerjahren zu Chiffren für politischen Wandel und Protest. Was vorher nur als Infrastruktur galt, bekam neue Bedeutung, der öffentliche Raum wurde wieder öffentlich. In Wien debattierte man über Fuzos und Bezos, in New York wurde der High Line Park zum unerwarteten Erfolg, den andere Städte sofort zu kopieren versuchten. Diese wiedererwachte Aufmerksamkeit führte zu einem Qualitätsschub für Plätze, Straßen, Parks und Spielplätze – und für den Beruf der Landschaftsarchitekten, der endlich die ihm gebührende Wertschätzung erfährt.

5. Die Wiederentdeckung des Ländlichen Countryside, The Future lautet der pompöse Titel einer Ausstellung, die Rem Koolhaas zurzeit für das New Yorker MoMA konzipiert. Neu ist das nicht, in Österreich weiß man schon lang um die Bedeutung des Regionalen. Der Land-Luft-Baukultur-Preis zeigt, was engagierte Bürger in kleinen Gemeinden leisten können, und viele der besten Bauten des Jahrzehnts standen nicht in Wien, sondern in Spitz an der Donau, Hittisau oder Fließ. Dass sich der überwunden geglaubte Stadt-Land-Gegensatz gleichzeitig vergrößerte (siehe die Wahlergebnisse von Österreich bis USA) und alte Vorurteile gegen Städte aus der politischen Mottenkiste geholt wurden (No-go-Zones in Wien? Geh bitte!), war eines der großen Paradoxa der Zehnerjahre.

6. Digitale Sackgassen Jedes Jahrzehnt hat seine Nerv-Vokabel. In den Nullerjahren gab es nichts, was nicht nachhaltig war, in den Zehnern war alles smart. Smart-Wohnungen, Smart Cities, Smart Homes, very smarter US-Präsident. Die Technologisierung des Raums wurde vollmundig als Revolution angekündigt, das Internet der Dinge stünde uns ins Haus, sofort, gleich, schon morgen! Aber auch 2019 befüllen wir unsere Kühlschränke noch selbst. Auch der Hype um Häuser aus dem 3D-Drucker verhallte schnell im Start-up-Getöse. BIM (Building Information Modelling) wurde von Architekten wahlweise als Rettung, Untergang, praktisches Werkzeug oder als „brauch ma ned“ bewertet. In den 2020er-Jahren werden wir wissen, wer recht hatte.

7. Instagram Click, wow, click, wow, click. Architektur eroberte die Social Media. „Instagrammable“ wurde zum Bewertungskriterium für Bauten und Blogs wie ArchDaily, Dezeen oder Designboom multiplizieren jene Architektur, die genug Durchscroll-Aufmerksamkeit generiert. Die über Nacht hingeschluderten Quatsch-Renderings für den Wiederaufbau von Notre-Dame waren so etwas wie der finale Grabstein dieser Clickbait-Architektur. Doch es war nicht alles schlecht: Fast Vergessenes wie der Brutalismus wurde dank seiner Fotogenität wiederentdeckt.

8. Holzbau Jahrzehntelang ein Material des ländlichen und alpinen Bauens, kam das Holz in den Zehnerjahren mit Macht vom Berg ins Tal und in die Städte. Vom Holzhochhaus HoHo Wien bis zu Holzhochhäusern in Norwegen und Japan, eine Holz-Moschee in Cambridge, und dank besseren Brandschutzes auch Holz im Geschoßwohnbau. Gut so, denn Holz wächst nach, während der CO2-Sünder Beton zu globalem Sandmangel führt. Und der Holz-Standort Österreich exportiert seine Expertise in die Welt.

9. Belgien Jedes Jahrzehnt hat seine Länder, auf die die Architekturwelt besonders schaut. Waren es in den 1990er-Jahren die Schweiz und die Niederlande und in den Nullerjahren Japan, soist es in den Zehnerjahren vor allem das flämische Belgien. Architekten wie De Vylder Vinck Tailleu aus Gent kombinierten spröden Witz, konstruktiven Ideenreichtum und belgischen Surrealismus. Das Kollektiv Rotor arbeitet mit konstruktivem Recycling und ist damit nachhaltiger als so manches Öko-Label. Umbau statt Neubau: ein Trend, der die 2020er-Jahre mit Sicherheit prägen wird.

10. Common Ground Das Ich ist auf dem Rückzug, das Wir macht sich breit. Baugruppen in Wien und Berlin experimentieren mit gemeinschaftlichem Wohnen, und die Stadtplanung griff die alte Idee des „Commons“ wieder auf. Die Kuratoren zweier Venedig-Biennalen, Alejandro Aravena und David Chipperfield, vollführten den programmatischen Move zu einer Architektur, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, und am Architekturzentrum Wien ging es um Critical Care für die Welt. Ein Hoffnungsschimmer für die 2020er-Jahre. Denn mit Ich-AG und Stararchitektur retten wir den Planeten nicht.

18. Dezember 2019 Der Standard

Die Macht der Masse

Ein neues Energiekonzept macht das Haus zum Energiespeicher. In Salzburg er forscht man, wie Heizen und Kühlen so effizienter funktionieren können. Klar ist: Der Bau und der Energiesektor rücken in Zukunft zusammen.

Es war kein Zufall, dass Wiens Vizebürgermeisterin Birgit Hebein im heißen Juli die Wohnanlage in der Wiener Mühlgrundgasse auswählte, um die neuen städtischen Maßnahmen der Energieraumplanung zu verkünden. Es ist vor allem ihr Energiekonzept, das die Anlage mit dem Namen MGG22 besonders macht: die thermische Bauteilaktivierung.

Diese basiert auf dem Prinzip des Kachelofens, das heißt: Die Baumasse, die ein Gebäude sowieso hat, wird als Speichermasse zum Heizen und Kühlen verwendet, dafür werden Leitungen in Wand oder Decke verlegt. Der Vorteil ist, dass hier schon geringe Temperaturunterschiede höchst wirksam sind und die Technik ideal mit erneuerbaren Energieträgern wie Wind, Sonne und Photovoltaik kombiniert werden kann.

Die thermische Bauteilaktivierung ist keine neue Erfindung. Im Kompetenzzentrum Bauforschung in Salzburg forscht man schon seit Jahren daran. Die Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ) hat bereits 2011 dort den Bau eines Simulationsraums initiiert. Was versprach man sich davon? „Wir haben zu Beginn geschaut, wie wir als Bauwirtschaft einen positiven Beitrag zu den Klimazielen leisten können, und Wind- und Solarenergie als Potenzial identifiziert“, sagt Gunther Graupner, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Bauforschung.

Bis zu sechs Tage ohne Energiezufuhr

Klar war, dass das Thema Speicherung für die Energieeffizienz zentral war. „Die Bauteilaktivierung ist hier ideal, weil massive Gebäude von sich aus eine hohe Speicherfähigkeit haben. Ich komme zwei bis sechs Tage ohne Energiezufuhr aus und liege in den Vorlauftemperaturen auch weit unter denen einer Fußbodenheizung“, erklärt Graupner. Die Solarbranche habe bereits erkannt, dass hier auch für Heizung und Kühlung Potenziale liegen, denn man könne schon bei zwei Grad Unterschied zwischen Kollektor und Raumtemperatur sinnvoll speichern. Eine Grundvoraussetzung ist dabei, dass die Gebäudehülle möglichst dicht und gut gedämmt ist.

Ein weiteres Pilotprojekt ist zurzeit in Wolfsbrunn in Bau. Der Wohnpark Sommerrein wird der erste mehrgeschossige soziale Wohnbau Niederösterreichs mit thermischer Bauteilaktivierung sein, den Strom für die Wärmepumpen mit Erdwärmetiefensonden liefert die EVN aus dem benachbarten Windpark. Die Frage ist: Wird die Bauteilaktivierung über die Pilotprojekte hinaus mehrheitsfähig? Auf jeden Fall, sagt Graupner, denn das Thema Kühlung wird angesichts des Klimawandels immer wichtiger. Der Energieaufwand für ein Grad Kühlung ist dabei viermal so hoch wie der für ein Grad Erwärmung. Jede Technik, die hier sparsam und effizient agiert, ist also höchst willkommen. „Wenn ein Gebäude eine gewisse Eigentemperatur hat, kann die Außentemperatur um 20 Grad schwanken, das interessiert das Haus nicht. Für Klimaresistenz ist das eine gute Voraussetzung. Ein weiterer Vorteil der Gebäudemasse als Speicher ist, dass man so die aktive Kühlung mit Klimasplitgeräten vermeiden kann, die erstens laut sind und zweitens durch ihre Abwärme die Außenluft noch mehr erwärmen.“

Nicht nur im Neubau, auch in der Sanierung wird mit Bauteilaktivierung experimentiert. Bei einem Altbaupilotprojekt in Hallein wurden die Rohre auf der Wandinnenseite ins Mauerwerk eingelegt. Ebenfalls in Hallein wurde ein Nachkriegswohnbau bauteilaktiviert, hier jedoch an der Außenseite. Vorteil: Die Mieter konnten so während der Sanierung wohnenbleiben. Graupner sieht hier Potenzial, etwa bei Gründerzeitwohnungen. Bedingung ist die ausreichende Speichermasse, weswegen die hohlen Betonsteine, die man vor allem in den 1970er-Jahren oft verwendete, sich nicht für die Bauteilaktivierung eignen.

Technologien für Klimaziele

Auch im Gewerbebau ist die Speichermethode schon länger im Testlauf. „Im Grunde haben wir dort mit der Bauteilaktivierung angefangen und die Erkenntnisse im Wohnbau umgesetzt“, sagt Graupner. „In Büros gibt es aufgeständerte Böden und abgehängte Decken, aber selten beides gleichzeitig. Zum Kühlen sind Decken zwar besser geeignet, aber beim Heizen funktionieren Boden und Decke gleich gut.“

Bleibt die Frage, ob und wann sich die Bauteilaktivierung auf breiter Front durchsetzen wird. „Es ist jetzt schon ein Paradigmenwechsel zu bemerken“, konstatiert Graupner. „Die Bauwirtschaft und die Energiewirtschaft rücken enger zusammen, weil Gebäude direkt auf die Spitzen im Tagesablauf reagieren können. Man kann über die Bauteilaktivierung Überschüsse aus dem Stromkreislauf einspeisen und genau die alternativen Energien verwenden, die am jeweiligen Ort gut funktionieren.“ Die VÖZ und die Arge Bauteilaktivierung waren 2018 mit dem Projekt „Energiespeicher Beton“ immerhin für den Staatspreis Umwelt- und Energietechnologie nominiert.

Wenn man die Klimaziele noch erreichen wolle, so Graupner, werde die Politik nicht umhinkommen, einen fixen Anteil alternativer Energien vorzuschreiben – so wie es Wien mit der Energieraumplanung beabsichtigt. „Dann wird die Bauteilaktivierung richtig spannend.“

23. November 2019 Der Standard

Die digitale Bauhütte

Die Zeit des Betons ist vorbei, sagt der französische Architekt Arthur Mamou-Mani. An seiner statt kommt eine Kombi aus Technologie und Handwerk, eine Architektur ohne Arroganz – und Emotion in 3D.

Sieht so ein Architekturbüro aus? Eine fünfzehnjährige Cosplayerin druckt sich Teile eines Game of Thrones-Kostüms aus. Jemand schneidet per Laser Muster aus einem Perserteppich, bis er aussieht wie Brüsseler Spitze. Ein Nachbar kommt vorbei und baut sich ein neues Regal. Der FabPub im Londoner Stadtteil Hackney ist eine lustige Mischung aus Roboterlabor, Werkstatt und Volkshochschule.

Und ja, er ist Teil eines Architekturbüros, nämlich des Büros von Arthur Mamou-Mani. „Ich finde es großartig, wenn ich morgens zur Arbeit komme, und irgendjemand stellt gerade etwas her“, erzählt der 36-jährige Franzose, der seit 2003 in London lebt und vorige Woche zu einem Vortrag in Wien gastierte. „Wir haben heute die Verbindung zur physischen Welt verloren. Hier lernt man wieder, den Wert der Dinge zu schätzen.“

Für ihn ist das Nebeneinander von Arbeit und Werkstatt das ideale Architekturbüro des 21. Jahrhunderts. „Als ich vor acht Jahren FabPub gründete, war es mehr ein Nebenprojekt. Viele ermahnten mich, ich solle jetzt bald mal anfangen, richtige Architektur zu machen und Projekte zu akquirieren.“ Tat er aber nicht. Denn was richtige Architektur ist, bestimmt man immer noch selbst.

Mamou-Mani, der einige Jahre im Büro von Zaha Hadid arbeitete, wusste vor allem, was er nicht wollte. Nicht Tische voller Computerbildschirme hinter geschlossenen Türen, sondern Robotik, 3D-Druck und offene Türen. Man kann es als konstruktiven Versuch sehen, die Deutungshoheit über das digitale Entwerfen seinem früheren Arbeitgeber zu entreißen.

Kein Tech-Bro

Denn die von Hadids notorisch egomanem Büropartner Patrik Schumacher propagierte parametrische Architektur litt schon immer an einem offensichtlichen Widerspruch: Sie lehnt sich mit großer Geste an Formen der Natur an und suggeriert fluide Veränderbarkeit, doch am Ende werden diese Formen mit enormem Material- und Kostenaufwand in Stahl und Beton gegossen, erstarrt in Ewigkeit. Mamou-Mani will dem eine andere Art parametrischen Denkens entgegensetzen. Eine, die sich tatsächlich an natürlichen Prozessen orientiert.

„Mich interessiert eine nichtpermanente Architektur,“ betont er. „Eine, die wieder verschwinden kann, auch wenn das natürlich eine Bedrohung für das Ego des Architekten ist. Es kann auch schön sein, die Kontrolle abzugeben.“ Sagt er und lächelt jungenhaft, als hätte er nicht soeben das Geschäftsmodell seiner Ex-Chefs für null und nichtig erklärt. „Beton ist natürlich verführerisch, weil man ihn skulptural formen kann“, fügt er noch, wie nebenbei, hinzu. „Aber das Zeitalter des Betons geht definitiv zu Ende.“

Mamou-Mani ist keineswegs der Einzige, der sich die Frage stellt, wie sich Architektur im digitalen Zeitalter verändert. Das vernetzte Building-Information-Modelling (BIM) ist bereits auf dem Vormarsch, was Architekten entweder mit Begeisterung oder mit Angst quittieren. Und der Hype um 3D-Drucker wird seit Jahren von zahllosen Start-ups befeuert, von denen man dann bald nichts mehr hört.

Doch ein ins Digitale vernarrter Tech-Bro will Mamou-Mani gar nicht sein, trotz seiner Begeisterung für Robotik. „Seit Jahren wird behauptet, man könne jetzt bald ein Haus auf Knopfdruck aus dem 3D-Drucker lassen. Aber wer will das denn? Das ist ja ein Albtraum!“

Für ihn liegt die Chance darin, Hightech und Handwerk zu fusionieren, und er bevorzugt den Begriff „digital fabrication“. Architekten, sagt Mamou-Mani, müssten die Maschinen verstehen lernen, ihre Hardware und Software. Eine hat er schon selbst gebaut: den Polybot, ein spinnenartiges Ensemble aus Kabeln und kleinen Kisten. „Er ist ein Schritt zur Verwirklichung meines Traums einer universellen Baumaschine. Eine, die man choreografieren kann, die Bauteile wie eine Bricolage zusammenstellt. Spannend wäre es auch, wenn die Maschine einen Rückwärtsgang hätte und Bauten wieder auseinandernehmen könnte!“ Eine Vorstellung, bei der die Architekten des 20. Jahrhunderts vor Entsetzen erblassen würden.

Noch mehr Entsetzen? Bitte schön: „Viele der heute etablierten Architekten wie Rem Koolhaas oder Bjarke Ingels arbeiten mit starken Konzepten, aber sie denken kaum daran, wie furchtbar die Menschen ihre Gebäude auch finden könnten. Als Notre-Dame brannte, war es unglaublich, zu sehen, wie emotional die Menschen reagiert haben, und ich finde es wichtig, dass emotional auf Architektur reagiert wird.“

Aufgelöste Grenzen

Mamou-Mani dagegen will die Grenzen zwischen Architekten, Ingenieuren, Baustelle und Benutzer auflösen. Eine Fusion der Technik von morgen mit dem mittelalterlichen Modell einer Kathedralenbauhütte. Stellt sich die Frage: Ist es nicht ein Widerspruch, mehr Handlungsmöglichkeiten für Architekten zu eröffnen, um sie dann zu großen Teilen an andere abzugeben?

Ja, sagt Mamou-Mani. Das sei ein Widerspruch, den er auch nicht auflösen könne. Auch manche seiner Projekte sind noch reine Laborexperimente oder Installationen im geschützten Rahmen zahlungskräftiger Finanziers wie zum Beispiel seine luftige Raumskulptur Conifera für das Modelabel Cos bei der Mailänder Design Week 2019. Doch lieber schwärmt er vom Wissen, das er gerade eben von Bauarbeitern aus Bangladesch gelernt hat, mit denen er in Saudi-Arabien neue Formen aus Sand konstruiert.

Happy End in der Wüste

Eine Bauhütte im Sand und die Bündelung seiner Idee von einer Architektur, die entsteht und wieder zerfällt, wurde kollektiv unter seiner Leitung in Nevada errichtet: Galaxia, der Tempel des Burning-Man-Festivals, das mit seiner jährlichen Tabula rasa inzwischen als eine Art Labor für neue Ideen der Architektur und Stadtorganisation gilt.

Dabei war Mamou-Mani anfangs kein Fan dieses nicht ganz unesoterischen Neo-Hippie-Events. „Als ich das erste Mal dort war, war ich noch befremdet, fand es zu verrückt, zu oberflächlich. Dann bemerkte ich, wie ehrlich emotional die Leute dort auf die temporären Tempel reagieren, und das hat mich sehr bewegt.“ 2018 durfte er selbst den Tempel planen: eine aus 3D-gedruckten Holzmodulen zusammengesetzte Spiralform, die sich aus einzelnen Nischen zu einem kollektiven Zentralraum auftürmt.

Für ihn ist dies die perfekte Kombination aus Technologie und Spiritualität – auch wenn sie ihn einige Nerven gekostet hat. „Es war eine enorme Belastung, für ein globales Team verantwortlich zu sein, ohne finanzielles Backing. Aber ich habe von allen Teilnehmern enorm viel gelernt.“ Es wurde ein mehrfaches Happy End: Nicht nur wurde der Tempel plangemäß fertig, der Architekt heiratete darin auch gleich seine Freundin. Emotionen in 3D.

23. Oktober 2019 newroom

Was macht den Kern der heimischen Architektur aus?

Architektur: 33 Interviews mit vornehmlich österreichischen Architekten bieten eine gute Bestandsaufnahme

Internetjahre sind wie Hundejahre, und für eine Website sind 23 Lebensjahre ein Zeichen für Pioniergeist und Durchhaltevermögen. Exakt so lange, seit 1996, gibt es die von Jürg Meister gegründete Online-Architekturdatenbank nextroom. Seitdem ist sie organisch gewachsen, unaufgeregt, professionell und übersichtlich. Wer sich online schnell ein Bild von aktueller österreichischer Architektur machen will, findet kaum eine bessere Adresse. Seit 2017 sind hier auch Interviews mit Architektinnen zu lesen. Jetzt erscheinen 33 davon als Buch, editiert von der Architekturpublizistin Martina Pfeifer Steiner. Alle folgen dem gleichen Schema mit denselben fünf Fragen, und gerade diese Stringenz ergibt ein breites Bild des heutigen Architekturschaffens.

Es beginnt mit einer zu oft vernachlässigten Frage: „In welchen Bürostrukturen arbeiten Sie?“ Denn wie Architekten ihre Arbeit organisieren, in welchen Räumen sie arbeiten und wie sie mit Mitarbeitern umgehen, hat unmittelbaren Einfluss auf ihre Bauten und lässt sich auch an diesen ablesen. Etwas verwunderlich auf den ersten Blick ist, dass auch drei Schweizer Büros unter den Gesprächspartnern sind. Peter Zumthor als Promi-Zuckerl mag noch verständlich sein, aber angesichts der überaus reichen Schweizer Architekturszene wirkt die Auswahl minimal. Allerdings ist die Auswahl, wie die Herausgeber im Vorwort vermerken, „intuitiv und subjektiv“ erfolgt, und auch die vorgestellten Österreicher sind nicht als „Best of“ zu verstehen. Man kann es als Reise durch die Räume von nextroom sehen, man liest so, wie man sich durch die Website klickt, von Zimmer zu Zimmer. Bedauerlicher, aber leider immer noch bezeichnend für den Berufsstand, ist das Verhältnis von 50 Männern zu 14 Frauen.

Weiter zu Frage drei: „Was begrenzt die Verwirklichung Ihrer Visionen?“ Es überrascht kaum, dass hier meist die Flut an Normen und Regulierungen genannt wird. Andere stellen den Begriff der Vision in Frage, denn deren unbegrenzte Verwirklichung ist nicht immer das, was Architekten anstreben. „Sind es schlussendlich nicht die Einschränkungen, die die Kreativität auslösen?“, fragt Andreas Cukrowicz (Cukrowicz Nachbaur Architekten). Die Frage „Welches Ihrer Projekte möchten Sie hervorheben?“ liefert die am wenigsten ergiebigen Antworten, denn Architekten antworten auf diesen Interview-Standard fast ausnahmslos mit „das neueste“ oder „alle“.

Die letzte Frage schließlich öffnet zahlreiche Türen in neue Räume. „Worüber sollten Architektinnen einen Diskurs anzetteln?“ holt die Interviewten hinter dem Arbeitstisch hervor und in die Gesellschaft hinein, in der sie ihren Platz einnehmen und ihre Rolle deklarieren. Auch ein Begriff, der von Architekten gerne nervös umschifft wird, kommt zur Sprache, wenn Georg Bechter sagt: „Wir denken, dass Schönheit nicht argumentierbar ist, dabei hat Schönheit sehr viel mit Angemessenheit zu tun.“

Ebenso stringent wie die Reduktion auf fünf Fragen ist der Verzicht auf Abbildungen der Architektur. Stattdessen werden die Architektinnen in Porträtfotos von Lukas Hämmerle in Szene gesetzt. Diese sind so etwas wie die Seele des Buchs, weil sie die Personen in ihrem Wesen exakt treffen. Manche ungezwungen bei der Arbeit oder im Gespräch miteinander, andere in einstudierter „Kunden aus Amerika, bitte ruft uns an!“-Pose, Zumthor in typisch salbungsvoller „Ich kultiviere das Bild des einfachen Baumeisters, aber eigentlich bin ich ein Priester“-Haltung.

Den notorisch uneitlen, aber eloquenten Wiener Architekten Werner Neuwirth dagegen sieht man nur als Schatten hinter einer Milchglastür: im nächsten Zimmer. „Die Architektenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten so stark mit allen möglichen Rändern beschäftigt, dass die Substanz der Architektur anderen überlassen wird“, sagt er. „Wir sollten darauf achten, dass wir beim Kern der Architektur bleiben.“ Dieses Buch liefert 33 Antworten auf die Frage, wo dieser sich Kern befindet.

verknüpfte Publikationen
- 33 Interviews zur Architektur

17. September 2019 Der Standard

Luigi Colani 1928–2019

Der Design-Star und Provokateur starb mit 91 Jahren

Luigi Colani galt als Weltmeister der futuristischen Form und entwarf Autos und Flugzeuge ebenso wie Brillen, Möbel, Fernseher oder Polizeiuniformen. Seine Kunden hießen BMW, VW, Fiat, Canon ... Seine Kritiker schimpften ihn Großmaul, für seine Fans war er einer, der sich niemals anpasste. In den 1970er- und 1980er-Jahren stieg er zum Superstar der Designszene auf, am Montag ist er im Alter von 91 Jahren in Karlsruhe an einer schweren Krankheit gestorben.

„Die Idioten von heute können kein Design mehr machen, die westliche Designwelt ist verkalkt. Es geht nur um Gewinn-Absahne und kurzzeitiges Denken“, sagte Colani dem STANDARD einmal.

Colani, der unter anderem Aerodynamik sowie Analytische Philosophie in Paris studierte, respektierte keine Grenzen, weder in seiner Formensprache, noch im Umgang mit ganzen Branchen. Schon sein Vater, ein Schweizer Filmarchitekt kurdischer Herkunft, habe ihm geraten, in der Natur Antworten zu suchen.

Seine Kugelküche von Poggenpohl, die er im Jahre 1968 entwarf, sieht wie das Gegenteil der heute glattgebügelten Küchenwelten aus. Die Provokation in Form und Wort sah er als Werkzeug, wachzurütteln. Für eine Zeit mag dies funktioniert haben, nach seinen erfolgreichen Jahrzehnten gab er sich von den Entwicklungen enttäuscht. Er verlagerte seine Arbeit überwiegend in den Fernen Osten, wo er unter anderem ein Designstudio eröffnete. Auf die Frage, warum er Europa den Rücken kehre, antwortete er: „Weil da drüben die Sau abgeht!“

Colani, 1928 in Berlin geboren – seine Mutter war als Souffleuse bei Max Reinhardt tätig –, wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Visionary Design Award des Pasadena Art Center College für sein Lebenswerk. Bis ins hohe Alter wollte Colani jungen Menschen Mut machen, Dämme aufzubrechen und sich nicht von einer „Designmafia“ vereinnahmen zu lassen.

Schon länger war es legitim, diesen großen Entwerfer als einen der letzten großen Dinosaurier seiner Zunft zu bezeichnen. Was für Dinosaurier gilt, soll nun auch für Colani Gültigkeit haben. Nur weil sie ausgestorben sind, heißt das nicht, dass man sie vergessen hätte. Womit der Visionär im Bereich Design selbst nie rechnete? „Mit dem iPod!“, sagte er im Jahre 2009.

31. August 2019 Der Standard

Konstruktion oder Destruktion?

Die Architektur hat Umwelt und Klimawandel schon lange im Fokus ihres Handelns. Aber kann die langsame Architektur etwas gegen die Klimakatastrophe tun? Oder ist es schon zu spät? Vermutlich ja.

Dieser Text sollte eigentlich davon handeln, was die Architektur zum Thema Klimawandel zu sagen hat. Es sollte darauf hingewiesen werden, dass der Umweltaspekt nichts Neues ist, und in der Architektur erst recht nicht. Das ökologische Bauen, wie wir es heute verstehen, datiert schließlich mindestens in die 1970er-Jahre zurück, mit ihrer Infragestellung des Fortschrittsdogmas und der Industrialisierung. Man kann den Anfang auch in Buckminster Fullers Biosphäre ansetzen, der fast entmaterialisierten geodätischen Kuppel, die er auf der Expo 67 präsentierte.

Die Architekten, könnte man sagen, haben es schon immer gewusst, schließlich sind die Umwelt und jegliche Eingriffe in diese ihr Metier. Doch die Architektur ist per se langsam, und die Bauindustrie ist noch langsamer als die Ideen der Architekten. Weswegen auch heute noch, 50 Jahre nach Fuller, in Beton und Stahl gebaut wird. Weswegen heute 13 Milliarden Tonnen Sand pro Jahr verbraucht werden und illegaler Sandabbau zum Geschäft für organisierte Kriminalität geworden ist, mit enormen Schäden für Mensch, Tier und Natur.

Es sollte in diesem Text um Ausnahmezustände wie diesen gehen, aber auch um Architektur, die den entgegengesetzten Weg einschlägt. Zum Beispiel um die Wohnanlage MGG22 in Wien-Stadlau, die zurzeit fertiggestellt wird. Hier wird erstmals im sozialen Wohnbau die thermische Bauteilaktivierung zum Heizen und Kühlen mit Windenergie eingesetzt, ein Schritt in Richtung einer CO2-neutralen Stadt. Auf dieser Baustelle war es auch, wo Planungsstadträtin Birgit Hebein Ende Juli pressewirksam die Festlegung von Klimaschutzgebieten in Wien verkündete, in denen ab 2020 Öl- oder Gasheizungen im Neubau untersagt sein werden.

Feigenblatt

Es wäre hier sicher auch kritisch darauf eingegangen worden, ob Maßnahmen wie die Begrünung von Fassaden, das Versprühen von Wasser und das Verlegen von Kunstrasen sinnvolle Schritte im Kleinen sind, oder, wie Sabine Pollak im ΔTANDARD-Architekturblog schrieb, nur die Symptome und nicht die Ursachen behandeln (dies wäre bejaht worden). Ob man nicht einige Nummern größer denken müsse und, wie die spanische Stadt Pontevedra, den Autoverkehr aus den Innenstädten entfernen sollte, ohne mit noch dem letzten unbelehrbaren Stellplatzlobbyisten eine Grundsatzdiskussion anzufangen (auch dies wäre bejaht worden).

Es wäre mit Sicherheit die Frage der Raumordnung zur Sprache gekommen, die einen weit größeren Hebel bei der Korrektur der Auswirkungen des Klimawandels böte als Nebelduschen in Ottakring. Mehr als nur die Begrünung von Dächern und Fassaden, die Daniel Fügenschuh, Bundesvorsitzender der Architekten- und Vizepräsident der Ziviltechnikerkammer, zu Recht als „Feigenblattpolitik“ bezeichnete. Trotz leichten Rückgangs ist Österreich immer noch Meister der Bodenversiegelung und Zersiedelung.

Es wären auch die Architekten nicht ungeschoren davongekommen, die zu oft daran glauben, dass es für jedes Problem der Welt eine architektonische Lösung gibt, dass man einfach immer nur etwas entwerfen, planen und bauen muss, um die Welt besser zu machen. Gigantische Projekte gegen den steigenden Meeresspiegel wie die „Seawall Jakarta“ oder das „Big U“ in New York City, geboren aus Wie-cool-ist-das-denn-Optimismus und Machbarkeitseuphorie, dargeboten in der gleichen aufgeregt-bombastischen Sprache wie jene ressourcenverschwendenden Großprojekte, die den ganzen Mist mit angerichtet haben.

Der Text hätte dann übergeleitet zu jenen, die Architektur anders denken. Wie die Kuratorinnen der Osloer Architekturtriennale, die im September eröffnet wird und sich unter dem Motto „Degrowth“ dem Dogma des ewigen Wachstums entgegenstellt. Nicht im Sinne von Rückzug und Stagnation, sondern im Sinne neuer Arten, die Gesellschaft zu organisieren.

Sorge tragen

Es wäre nachdrücklich die noch bis September gezeigte Ausstellung Critical Care im Wiener Architekturzentrum empfohlen worden, die 21 Projekte vorstellt, die Handlungsmöglichkeiten für einen Planeten in der Krise aufzeigen und eben keine schaumgeborenen Science-Fiction-Träumereien sind, sondern Realität. Projekte, die das „Sorgetragen“ umsetzen, einmal in der Stadt, einmal auf dem Land. Projekte, die verbessern und reparieren, was es schon gibt, mit Fähigkeiten, die es schon gibt und die nur besser verteilt werden müssen. Ein „Sorgetragen“, dessen weibliche, feministische Konnotationen kein Zufall sind und die schon 1990 von Joan Tronto und Berenice Fisher in Toward a Feminist Theory of Caring analysiert wurde. Der Text wäre dann zu einem vorsichtig optimistischen Schluss gekommen.

Doch jetzt brennt der Urwald am Amazonas, und beim G7-Gipfel in Biarritz bezeichneten die US-Delegierten den Klimawandel als „Nischenthema“, über das zu diskutieren sie keine Lust hätten. War die Entwaldung in Brasilien seit 2008, auch dank der Umweltpolitik der damaligen Ministerin Marina Silva, leicht zurückgegangen, fürchten Fachleute jetzt den baldigen Kollaps. Ökosystem und Zivilisation stehen kurz vor der irreversiblen Kippe, die Worst-Case-Szenarien werden im Flug von der Realität eingeholt. Wenn Psychopathen wie Jair Bolsonaro (und, ja, es sind fast alles Männer) auf globaler Ebene ihr Zerstörungswerk im Fast-forward-Modus vollenden, was kann das Sorgetragen auf lokaler Ebene noch ausrichten? Wenn das, was konstruktiv in der Stadt, im Dorf, in der Region aufgebaut wird, mit der Dampfwalze niederplaniert wird? Wenn die Welt brennt, hilft auch keine Nebeldusche mehr.

17. August 2019 Der Standard

„Ändern wir die Potenziale!“

Wie viel Einfluss haben Architekten wirklich auf der Welt? Sie planen Einzelstücke, während die gebaute Masse von Normen, Logistik und Unternehmensberatern produziert wird, unökologisch und ausbeuterisch. Die US-Architekturtheoretikerin Keller Easterling hat Lösungen dafür: die subversive Manipulation.

Ihr Forschungsgebiet sind nicht erhabene baugeschichtliche Details, sondern die neuen Formen der Gegenwart. Nicht das einzelne Baudenkmal, sondern das, was überall ist: Flughäfen, Siedlungen, Infrastruktur. Ihr Forschungsmaterial sind Werbefilme für Businessparks. Die Architekturtheoretikerin Keller Easterling, Professorin an der Yale University, erklärt im Gespräch mit dem ΔTANDARD, wie man Shoppingmalls subversiv unterwandert, warum Zwischenräume wichtiger sind als die Dinge und was Architekten vom Billardspielen lernen können.

Standard: Es ist wohl eher ungewöhnlich, dass eine Architekturtheoretikerin sich mit Werbevideos für Sonderwirtschaftszonen beschäftigt. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen?

Easterling: Jedes Land will Investoren aus dem Ausland anlocken, und diese Werbevideos sehen alle exakt gleich aus. Ein Schwenk aus den Wolken hinunter zu Skylines, identischen Villen, Golfplätzen, untermalt von donnernder Musik. Die urbane Epidemie der Free Zones.

Standard: Wo finden sich diese Zonen?

Easterling: Es gibt verschiedene Spezies, aber alle mit derselben Sehnsucht nach der glitzernden Skyline. Die Modelle Hongkong, Singapur und Dubai haben fast alle anderen infiziert, aber auch China hat ein ähnliches Gesamtpaket anzubieten.

Standard: Was kennzeichnet diese Gebiete? Sind sie extraterritorial, oder beeinflussen sie die Stadt, in der sie sich befinden?

Easterling: Es geht in erster Linie um Jobs. Einer Stadt mit 30 % Arbeitslosigkeit kann man diese Möglichkeit auch schwer verweigern. Aber ihnen sind dadurch die Hände gebunden: Entweder sie bieten den Firmen ein Umfeld, wie es alle anderen auch tun, oder sie verlieren. Oft bröselt ihre eigene Infrastruktur, aber anstatt in diese zu investieren, bauen sie daneben eine neue.

Standard: Manche würden jetzt sagen: Neue Jobs, strahlende neue Hochhäuser, was ist daran so schlimm?

Easterling: Es ergibt einfach wenig Sinn, dass das gesamte Geld in diese Enklaven fließt. Für diese Länder wäre es besser, wenn sie Investoren in ihre schon bestehenden Städte locken. Nehmen Sie Kenia zum Beispiel: Man könnte den Investoren ein Gegengeschäft anbieten, damit diese den öffentlichen Verkehr oder das Mobilfunknetz ausbauen. Aber das Schlimmste an diesen Zonen ist, dass sie die Arbeit und die Umwelt ausbeuten. Es gelten dort überhaupt keine Regeln. Menschen werden exportiert wie Maschinen, sie gehen verloren in juristischen Zwischenräumen, man kann den Missbrauch an ihnen nicht mehr nachverfolgen.

Standard: Es scheint, Sie sehen sich vor allem als Erforscherin der aktuellen Gegenwart, nicht der Architekturgeschichte?

Easterling: Die Geschichte ist ganz wesentlich. Aber ich habe Methoden entwickelt für die Analyse der Architektur der Gegenwart, für die es kein Archiv gibt. Also durchsuche ich Nachrichtenkanäle und Werbematerialien. Die Welt produziert jeden Tag tausende Hektar neuen Raum. Ich frage mich: Wenn das Raum ist und er die globalisierte Welt radikal verändert, könnte es doch sein, dass wir Architekten mehr darüber wissen als ein McKinsey-Berater, der globale Entscheidungen trifft. Ich frage mich, wie wir diesen Raum, der für uns außer Reichweite ist, in den Griff bekommen.

Standard: Welche Methoden gäbe es, das zu erreichen?

Easterling: Ich beschäftige mich zum Beispiel mit architektonischen Elementen, die ich „Repeatable Spatial Products“ nenne. Das sind Formeln für kommerziell geprägte Orte wie Golfplätze, Ferienanlagen, Einkaufszentren, Flughäfen. Das eigentliche Gebäude ist nur ein Nebenprodukt des logistischen Apparats, in dem Faktoren wie Lageflächen, Parkplätze und Just-in-time-Logistik zählen. Ich versuche herauszufinden, wie Architekten diesen Apparat manipulieren können, um mehr Wirkung zu erzielen.

Standard: Es geht also gar nicht mehr darum, ein einzelnes Gebäude zu entwerfen?

Easterling: Architekten entwerfen normalerweise ein Haus oder einen Wolkenkratzer, aber es wäre eventuell besser, Multiplikatoren zu entwerfen. Wenn man im Rezept für einen Vorort oder eine Shoppingmall nur eine Zutat ändert, dann ändert man mit einem Schlag Millionen von Räumen. Die amerikanischen Suburbs des 20. Jahrhunderts sind reine Serienprodukte: 17.000 Häuser mit 17.000 Dächern darauf und 17.000 Fernsehern darin. Wenn man dann das Verkehrssystem ändert, wie wir es zurzeit tun, was passiert dann mit den 17.000 Garagen?

Standard: Den von Ihnen entwickelten Begriff Medium-Design beschreiben Sie mit: ist nicht neu, hat nicht recht, funktioniert nicht immer. Das wird Architekten, die davon überzeugt sind, dass ihre Pläne die Welt verbessern, sehr nervös machen. Was ist gut daran, nicht recht zu haben?

Easterling: Es ist völlig in Ordnung, Einzelobjekte zu entwerfen. Aber ich denke, wir können mehr. Was, wenn wir auch die Regeln entwerfen, denen die Objekte unterworfen sind? Wir folgen stets dem Narrativ des Neuen und des Rechthabens. Aber recht zu haben hilft nicht gegen totalitäre Tyrannen. Denn diese haben die inflationäre Lüge perfektioniert. Wir haben ja im Moment in den USA ein perfektes Beispiel, an dem wir das beobachten können. Vernünftige Politik wird von der Politik der Unvernunft problemlos zerstört. Wir brauchen also mehr als vernünftige Ideen. Es ist wie beim Billardspielen: Dabei geht es nie um die eine richtige Lösung. Man reagiert auf wechselnde Bedingungen. Genau darum geht es in Medium- Design: die Potenziale zu ändern.

Standard: Wie zum Beispiel?

Easterling: Ich untersuche gerade UN-Habitat-Projekte, die in wuchernden Stadträndern mittels Selbstfinanzierung Werte für die Bewohner generieren. Ich arbeite an Strategien für dichtbesiedelte Gebiete, die von Überflutungen bedroht sind. Strategien, die die Dynamik der Developer-Maschinerie umdrehen. Und mein Projekt „Many“ versucht, befristete Deals zwischen Migranten und Städten auszuhandeln, die die Frage der Staatsbürgerschaft zu umgehen versuchen und von denen beide profitieren. Wir müssen die finanziellen und politischen Konstrukte der physischen Welt manipulieren.

3. August 2019 Der Standard

Ein Land im Blindflug

Britische Architekten sehen durch den Brexit die Zukunft von Bauwirtschaft und Kreativindustrie gefährdet. Boris Johnsons Verständnis von Architektur dürfte das Problem eher noch verschlimmern.

„Eine erniedrigende Erfahrung“, anders könne sie das nicht beschreiben. So das resignierte Urteil der südafrikanischen Stadtforscherin Zahira Asmal. Was war passiert? Die Urbanistin war von der britischen Architecture Foundation zu einem Vortrag im September nach London geladen worden, scheiterte aber an den Visum-Schikanen der britischen Behörden. „Man wird nicht als Gast behandelt, sondern als Kriminelle“, schrieb sie, und Phineas Harper von der Architecture Foundation klagte: „Die Feindseligkeit des Innenministeriums gegenüber ausländischen Besuchern gefährdet die gesamte Kreativindustrie.“ „Hostile Environment“ gegenüber illegalen Ausländern lautete die Strategie, die die damalige Innen- und spätere Premierministerin Theresa May 2012 ausgegeben hatte, und die daraus resultierende passiv-aggressive Inkompetenz der Bürokratie hat sich im Zuge des Brexit-Chaos zur Feindseligkeit gegenüber allen Ausländern ausgewachsen.

Noch dazu geht der inzwischen drei Jahre andauernde Schwebezustand britischen Architekten immer mehr auf die Nerven. Im Oktober 2018 unterzeichneten mehr als 1000 von ihnen, darunter Norman Foster, Richard Rogers und David Chipperfield, einen offenen Brief an Theresa May, in dem sie davor warnten, dass der Brexit „verheerend“ für ihren Beruf wäre. Der Erfolg der britischen Architektur wäre ohne die Mitgliedschaft in der EU niemals zustande gekommen. Auch Rem Koolhaas äußerte in einem Interview im Mai dieses Jahres sein Unverständnis. „Ich habe hier gelebt, als das Land EU-Mitglied wurde, und selbst erfahren, wie es zu einem besseren Ort wurde.“

Seitdem der eigentliche Brexit-Termin am 29. März verstrich, die Regierung der Wirtschaft auch weiterhin keine Klarheit über die Zukunft verschaffen konnte und die Gefahr eines ein No Deal stieg, werden auch die Reaktionen der Architekten deutlicher. Im Juni schlossen die Büros Foster und Rogers nicht aus, dass die Firma das Land verlassen könnte, falls es nicht mehr möglich sei, hochqualifizierte Mitarbeiter aus dem Ausland einzustellen. Sollte es zu einem No Deal kommen, entfällt über Nacht die gegenseitige Anerkennung der Berufsqualifikation zwischen Großbritannien und der EU. Für EU-Ausländer im Vereinigten Königreich müsste man ein neues System entwickeln. Davon ist aber noch nichts zu sehen.

Keine Klarheit

Auch die britische Immobilienwirtschaft richtete an den neuen Premierminister Boris Johnson den dringenden Wunsch nach einem geordneten Brexit. Man dürfe den Wohnungsmarkt nicht vergessen, hier müssten dringend 25 Prozent mehr Wohnungen gebaut werden. Ein No Deal, so Ben Derbyshire, Präsident des Royal Institute of British Architects (RIBA), wäre eine Katastrophe für die Bauindustrie.

Dabei hatte Boris Johnson in seiner Amtszeit als Londoner Bürgermeister durchaus eine Nähe zur Architektur. Allerdings vor allem für bombastische Protzprojekte, die kurzfristig gute PR garantieren, aber bald zur Altlast wurden. Etwa der Emirates Cable Car, der von nirgendwo nach nirgendwo über die Themse gondelt, und das meistens ohne Passagiere. Der Arcelor Mittal Orbit neben dem Olympiastadion, ein Turm, der aussieht wie ein schlimmer Auffahrunfall aus roten Baukränen. Eine Idee, die Johnson mit dem Stahlmilliardär Lakshmi Mittal ausgeheckt hatte, deren Umsetzung mehr Geld kostete und weniger Besucher anlockte als geplant und heute umgerechnet 10.000 Euro Betriebskosten pro Woche verschlingt. Das Projekt der Garden Bridge, als rein privates Investorengeschenk an die Londoner angekündigt, wurde von Skandalen begleitet und 2017 gecancelt.

Übrig blieb eine Rechnung von umgerechnet 47 Millionen Euro an den britischen Steuerzahler für eine nicht existente Brücke. Es scheint, als sei Architektur für Johnson wie ein Spielzeug, das kurz glitzert und dann achtlos zur Seite gelegt wird.

Dabei gäbe es viel zu tun, denn die Zustände abseits der Glitzerprojekte sind beschämend. Der im Frühjahr veröffentlichte Bericht des Uno-Sonderbotschafters Philip Alston offenbarte ein Land, das sich den viktorianischen Zuständen in den Romanen von Charles Dickens annähert. In der fünftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt leben 14,3 Millionen Menschen in Armut, 1.5 Millionen sogar in extremer Armut, vor allem dank der Austeritätspolitik der Tories seit 2010. Prognosen zufolge werden 2021 etwa 40 Prozent aller britischen Kinder in Armut leben. Die Obdachlosigkeit ist dramatisch angestiegen, die Gelder für soziale Dienste, Bibliotheken und Jugendzentren wurden ausgedünnt.

Destruktive Konservative

Die Reaktion der Regierung war so erwartbar wie deprimierend: Er akzeptiere den Uno-Bericht nicht, und das mit der Armut sei Nonsens, so der damalige Finanzminister Philip Hammond. Keine Frage: Es interessiert die Konservativen schlicht und einfach nicht, und Johnsons Horrorkabinett, in dem die Desaster-Kapitalisten die Oberhand haben, ist ohnehin kaum noch als konservativ zu bezeichnen. Hier wird nichts mehr bewahrt, eine Umbenennung in Destructives wäre nur konsequent.

„Die Wohnungsnot wird im Falle des Brexits nur noch schlimmer werden, denn dieser ist von Grund auf ein Projekt der Rechten“, so David Madden, Professor für Stadtsoziologie an der London School of Economics, zum STANDARD: „Das erwartbare Wirtschaftschaos wird nur zu noch mehr Austerität und mehr Deregulierung des Wohnungsmarkts führen.“

Auch Eugene Quinn beobachtet sein Heimatland mit Sorge. Der in Wien ansässige Brite, der mit der Vienna Ugly Tour bekannt wurde, organisierte im März eine Brexit-Tour, pünktlich zur neuen Deadline im Oktober steht die nächste an. „Ich war überrascht und enttäuscht, dass wir das erste Land sind, das der Populismuswelle zum Opfer fällt. In diesen globalen Zeiten kleiner werden zu wollen ist ein peinlicher historischer Fehler. Aber inzwischen hoffe ich sogar, dass der Brexit bald passiert, weil ich weitere fünf Jahre chaotischer Unsicherheit und Fortschrittslosigkeit einfach nicht mehr aushalten würde.“ Seine Brexit-Tour, so Quinn, sei auch eine Art von Therapie. Sie endet, natürlich, in einem Pub.

20. Juli 2019 Der Standard

Ein Land auf der roten Liste

Das Kulturzentrum Mattersburg, eine Ikone des Brutalismus, ist Geschichte. Auch andere Bauten der Moderne im Burgenland werden dem Erdboden gleichgemacht. Warum tut sich das Bundesland mit der Baukultur so schwer?

Alle Hilferufe und Appelle haben nichts geholfen: Letzte Woche begannen die Bohrer, sich in den dicken Stahlbeton des Kulturzentrums (KUZ) Mattersburg zu fräsen. Bis auf ein kleines Stück Fassade wird der im Mai 1976 eröffnete Bau des Architekten Herwig Udo Graf Geschichte sein, und mit ihm ein Zeugnis der burgenländischen Kultur- und Bildungsoffensive der Nachkriegszeit.

Seit 2014 stand der Bau leer, unter nicht gänzlich transparenten Umständen wurde von der BELIG (Beteiligungs- und Liegenschafts GmbH), die die landeseigenen Immobilien verwaltet, und vom damaligen Kulturlandesrat Helmut Bieler (SPÖ) auf Neubau anstatt Sanierung entschieden. Eine engagierte Plattform wurde gegründet, die sich für den Erhalt aussprach. Nationale und internationale Experten setzten sich für den Erhalt des wuchtigen Ensembles ein.

Im November 2016 verordnete der Bescheid des Bundesdenkmalamts eine Teilunterschutzstellung der Nordfassade. Warum ausgerechnet eine dünne Fassade geschützt wurde, wo doch das zugrundeliegende Gutachten die für den Brutalismus typischen skulpturalen Gesamtqualitäten explizit gewürdigt hatte, blieb offen. „Den Mauerzug eines Bauwerks als potemkinsches „Denkmal“ stehen zu lassen hat sich schon in den 1970er- und 1980er-Jahren als fachliches No-Go erwiesen, ist sachlich verpönt und nicht State of the Art“, so die fachliche Stellungnahme von Docomomo Austria.

Einsturz, Brand, Gefahr

Es folgten zahlreiche Schreiben der Plattform, der Initiative Bauten in Not und von Privatpersonen an den Bieler-Nachfolger und heutigen Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil, die alle unbeantwortet blieben. Noch im Mai 2019 wandte sich der 79-jährige KUZ-Architekt Herwig Udo Graf mit Alternativvorschlägen an Doskozil, vergeblich. Jetzt könne man den Bau auch gleich ganz wegreißen, anstatt ein „Feigenblatt“ stehen zu lassen, urteilte er resigniert.

Es ist nicht das einzige seiner Werke, von dem er sich verabschieden musste. 2018 wurde sein Kindergarten in Mattersburg zum Abbruch freigegeben, eine missglückte Feuerwehrübung am 22. September ließ den leerstehenden Bau in Flammen aufgehen. Sein Seerestaurant Breitenbrunn, eine einfache, rustikal-elegante, in die Schilflandschaft gesetzte Holzkonstruktion, quasi ein Dach als Haus, wurde von den Eigentümern Esterhazy Immobilien aufgrund angeblicher Einsturzgefährdung im Frühjahr 2019 abgebrochen. Ein Gegengutachten der Gemeinde und die Tatsache, dass kaum eine Geometrie einsturzsicherer ist als ein auf dem Boden stehendes Dreieck, änderten nichts daran.

Baufällig, sanierungsanfällig, thermisch unzureichend: Das sind die Standardargumente, mit denen den Bauten der 1970er-Jahre gerne zu Leibe gerückt wird. Argumente, die oberflächlich besehen glaubwürdig wirken und daher selten genaueres Nachfragen zeitigen. Die Zukunft des Krankenhauses in Oberwart, 1976–82 von Matthias Szauer und Gottfried Fickl erbaut, mit seiner Kombination aus Sichtbeton und zeittypisch poppigen grün-orangenen Leitfarben, ist offen. Mit dem Neubau unmittelbar daneben soll nach jahrelangem Hin und Her 2020 begonnen werden. Für den Altbau sieht es düster aus.

So auch beim Hallenbad Neusiedl am See (Architekten Rüdiger Stelzer und Walter Hutter, 1977), das die Zeit fast unbeschadet überstanden hat. Dieses befand ein Gutachten des BDA im September 2018 als schutzwürdig, ein Bescheid ging Anfang Juli an die Gemeinde. Diese hat aber kein Interesse an dem Schutz und erhob einstimmig Einspruch. Man befürchtet Mehrkosten bei der Sanierung und stellte infrage, ob der Brutalismus ein schützenswerter Baustil sei. Gesunder Menschenverstand gegen Expertise.

Die Baukultur eines Landes hat viele Maßeinheiten. Eine ist der Respekt vor Experten (die natürlich kritisiert werden dürfen). Die Transparenz ist eine weitere. Ein Architekturwettbewerb wie der für das KUZ Mattersburg, dem die Architektenkammer die Unterstützung verweigerte und dessen Ergebnisse weder öffentlich ausgestellt noch bekanntgemacht wurden, stellt dem Burgenland auch hier kein gutes Zeugnis aus. Man wolle die Diskussion nicht noch weiter befeuern, hieß es damals.

Mangelnde Transparenz

Drittens: Baukultur ist eine politische Kultur. Im Burgenland scheint vonseiten der Politik eine Haltung vorzuherrschen, die man als „offensives Desinteresse“ bezeichnen könnte. Ende April lud die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) in Eisenstadt Experten zur (vom ORF aufgezeichneten) Podiumsdiskussion „Anlassfall Nachkriegsmoderne“. Also vor der Haustür der Landesregierung, die es trotz Einladung nicht für nötig befand, einen Vertreter zu schicken.

Eine Podiumsdiskussion, bei der Klaus-Jürgen Bauer, Kurator des Architekturhauses Architektur Raum Burgenland, seinen mangelnden Einsatz für die Nachkriegsarchitektur damit begründete, man habe sich zum einen 1993 als Gegenpol zu den dominanten Persönlichkeiten der Architektengeneration der 1970er-Jahre gegründet, und zum anderen wolle man sich öffentlich nicht zu kontrovers äußern, da sonst eventuell eine Kürzung der Fördergelder durch die Landesregierung drohe. Ein fachliches und ethisches Selbstverständnis, zu dem man vieles sagen könnte, zu dem man aber eigentlich nichts mehr sagen muss.

Denn es geht hier nicht darum, ob man den Brutalismus nun gut findet oder nicht. Nicht alles, was in den 1960er- und 1970er-Jahren entstand, hat dieselbe Qualität. Doch wenn man das Gespräch darüber verweigert, verhindert man auch den Konsens darüber, was schützenswert ist und was nicht. Der Umgang mit den Bauten dieser Ära ist ein Indiz für den Umgang mit Architektur an sich. In der Schweiz, zweifellos ein Land mit hochentwickelter Baukultur, werden Betonbauten ebenso gepflegt wie alte Bauernhöfe oder Kirchen. Wer die Nachkriegsmoderne zerstört, ohne sich der gesellschaftlichen Debatte zu stellen, dem ist jegliche Architektur wurscht.

13. Juni 2019 Der Standard

Brücken bauen überm Bonsai

Wie Junge, Familien und Senioren in einem Haus zusammenleben können, ohne einander auf die Nerven zu gehen, zeigt die Wohnanlage „Generationenband“ in Wien-Kagran.

Eine letzte Gärtnerei hält noch die Stellung an der Tokiostraße in Wien-Kagran. Rechts und links der Gewächshäuser zieht sich fugenlos die Reihe neuer Wohnbauten entlang. Was früher flaches Donaufeld war, ist heute sechsgeschossig oder noch höher – und hochverdichtet noch dazu. Zum Ausgleich für die mitunter schluchtenartige Höfe bietet in zweiter Reihe der Kirschblütenpark Luft zum Atmen, er bildet in Verbindung mit der Tokiostraße und der kleinen Bonsaigasse einen zumindest namentlichen Japan-Schwerpunkt im 22. Bezirk.

Wer die Bonsaigasse in Richtung Kirschblüte durchmisst, taucht bald unter einer Brücke durch, die im dritten Geschoss zwischen zwei Häusern klemmt. Genau gesagt sind es insgesamt drei Brücken zwischen vier Häusern, gemeinsam bilden sie das sogenannte Generationenband. Dies war die Idee des Architekturbüros Blaich Delugan, das mit dem Bauträger Eisenhof auf vier relativ kleinen Restbauplätzen eine eigene soziale Mischung kombinierte.

Junges Wohnen, Familienwohnen und Seniorenwohnen (in der offiziellen, weniger geriatrischen Wortwahl: Wohnen 55+), verteilt auf 75 Mietwohnungen, 41 Smartwohnungen und sechs Wohngemeinschaften. Die 55+-Bereiche kombinieren drei „Cluster“ aus je vier Smartwohnungen mit jeweils eigenem Gemeinschaftsraum.

Das ist zwar in Wien nicht einzigartig, aber das Besondere an der Bonsaigasse ist, dass die Generationen hier auf Häuser verteilt wurden, auch um sich lärmbedingt nicht zu sehr in die Quere zu kommen.

„Die Wohngemeinschaften für Studenten und junge Menschen sind in einem eigenen Trakt angeordnet, dadurch werden Nutzungskonflikte mit anderen Bewohnern vermindert“, erklärt Eisenhof-Geschäftsführer Peter Roitner. „Im Zentrum der Anlage ist das Angebot für die ältere Generation situiert, die Familienwohnungen befinden sich vornehmlich in Ruhelage im nördlichen Bauteil. Die Smart- und Standardwohnungen sind frei verteilt und fördern dadurch die soziale Durchmischung.“ Sprich: Jeder darf seine Ruhe haben, aber niemand muss vereinsamen.

Das Generationenband verbindet diese Häuser miteinander; an diesem Weg, der sich in der Höhe durch die Anlage schlängelt, sind auch alle Gemeinschaftsräume, Kinderspielräume, Jugendraum, Gemeinschaftsterrassen angeordnet. „Räume also, die für gewöhnlich eher im Erdgeschoss untergebracht werden, doch hier sind sie auch deshalb in die Höhe gewandert, weil sich das Erdgeschoss mit seiner Lage am Park gut fürs Wohnen eignet“, erklärt Architekt Dieter Blaich. Als klare Grenze zwischen privater Terrasse und öffentlicher Kirschblüte dienen weiße, halbhohe Mauern mit schmalen Öffnungen. Eine willkommene Abwechslung zu den sonst in Wien üblichen Maschendrahtzäunen, die sofort nach Einzug mit Eigenbausichtschutz aus Thujen oder Baumarktbastmatten verunstaltet werden.

Sorgfältige Wohnungsvergabe

Damit das Band nicht nur konstruktiv, sondern auch ideell funktioniert, wurde bei der Wohnungsvergabe auf die richtige Zuordnung von Bewohner und Wohnung geachtet. Das Soziologieteam Realitylab informierte die Interessenten umfassend. Dabei galt das Motto „Haus vor Wohnung“ – das heißt: eine bewusste Entscheidung für das Gesamtprogramm. Das Büro Realitylab hilft seit der Vergabe Ende 2018 auch beim Einstieg in die Praxis des Zusammenlebens und der Nutzung der Gemeinschaftsräume.

Damit das Generationenband den „Raum für alle Lebensphasen“ auch langfristig zusammenhält, sollen die heutigen Bewohner auch, soweit förderrechtlich möglich, in Zukunft bei der Vergabe frei werdender Wohnungen bevorzugt werden, sagt Roitner. Das soll die langfristige Verankerung in der Nachbarschaft gewährleisten. Mit etwas Glück wird die dichte Stadt am Donaufeld so zu einem Netzwerk aus Häusern und Dörfern, und der Bonsai zum Baum.

18. Mai 2019 Der Standard

Dem Monster auf der Spur

Ist Wohnen Spekulationsobjekt oder Menschenrecht? Warum werden Städte von New York bis Berlin unleistbar teuer? Der Dokumentarfilm „Push“ zeigt, wie eine UN-Botschafterin die Hintergründe einer globalen Krise aufdeckt – und zum Handeln aufruft.

Toronto. Kleine Wohnung, kleine Küche. Das Fenster schließt nicht, das Wasser leckt. Reparaturen: Fehlanzeige. Die neuen Besitzer des Hauses sind anonym, niemand hat sie gesehen. „Könnte Frosty, der Schneemann sein“, sagt der Mieter mit traurigem Sarkasmus. Doch sie haben Spuren hinterlassen: ein halbes Dutzend Überwachungskameras – und eine drastische Mieterhöhung.

Berlin. Der bullige Kiez-Bäcker im Dialog mit dem jungen Baustadtrat Florian Schmidt. Die Miete für den Laden ist drastisch erhöht worden. Der Stadtrat versucht, Hoffnung zu wecken. Der Bäcker sieht keine Chance. Aber er will trotzdem kämpfen. Seoul. Ein Mann berichtet, wie sie kamen, ihn verprügelten und seine Frau traten, um sie aus ihrem Haus im Stadtzentrum zu vertreiben. London. Die Brandruine des Grenfell Tower. Viele Überlebende sind fast zwei Jahre später immer noch ohne dauerhafte Bleibe. Wenn sie eine bekommen, wird sie vermutlich nicht mehr hier sein. Das multikulturelle Viertel, in dem man sich vom Sehen kannte, ist heute Premium-Lage. „Sie haben gesagt, wer sich London nicht leisten kann, soll halt woanders hinziehen“, schnaubt der Londoner, der sich gerade über seine Motorhaube beugt. „Die spinnen wohl!“ Es ist in allen Städten dasselbe Phänomen: Der sicher geglaubte Lebensraum wird den Menschen unter den Füßen weggezogen.

Eine kleine Frau mit wachen Augen hört diesen Menschen zu, macht sich Notizen, fragt nach. Ihr Name ist Leilani Farha. Die Kanadierin ist UN-Sonderbotschafterin für angemessenes Wohnen. Push heißt der Dokumentarfilm des schwedischen Regisseurs Fredrik Gertten, der sie dabei begleitete. Farha versucht zu verstehen, was hier passiert, warum es überall gleichzeitig passiert und was dahintersteckt.

Also fragt sie Experten wie den Nobelpreisträger Joseph Stiglitz oder die Soziologieprofessorin Saskia Sassen. „Dass die Mieten steigen, ist ein Mechanismus, den jeder versteht“, sagt sie. „Aber dann kommt jemand anderer ins Spiel: Ein Monster, das niemand sieht, dessen Sprache niemand versteht. Also fragt man sich: Wer ist dieses Monster?“

Jenseits von Chai Latte

Das Monster: Das ist die Finanzialisierung des Wohnsektors, das sind die globalen Fonds, die seit der Krise 2008 massiv in Immobilien investieren. Sassen stellt unmissverständlich klar: Mit Gentrifizierung hat das nichts mehr zu tun. Es geht um mehr als um das Chai-Latte-Stübchen, das den alteingesessenen Handwerker ersetzt. Es geht um ganze Stadtviertel, die auf Immobilienmessen gehandelt werden, als Anlageobjekte, Assets, Parkplätze für Geld.

Die Bewohner sind da nur im Weg. Aber wenn nicht einmal der Krankenpfleger, die Polizistin, der Feuerwehrmann sich das Wohnen leisten können, funktioniert dann die Stadt überhaupt noch? Ganz zu schweigen von der enormen psychischen Belastung, wenn das vertraute Netzwerk aus Freunden und Nachbarn zerstört wird.

Leilani Farha versucht, diesem Monster auf die Spur zu kommen, dem Anonymen ein Gesicht zu geben. Zum Beispiel das Gesicht von Stephen Schwarzman, CEO des weltweit operierenden Fund Blackstone Group. Farhas (letztendlich vergeblicher) Versuch, einen Termin mit Schwarzman zu bekommen, zieht sich als roter Faden durch den Film. Eine David-und-Goliath-Konstellation, die rührselig sein könnte, aber ganz in sachlicher Eindringlichkeit inszeniert wird. Denn das Monster sind auch die Pensionsfonds, die das Geld ihrer Kunden weltweit in Immobilien anlegen. Sind die Bösen also wir alle? Oder das System?

„Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus an sich das Problem ist“, sagt Leilani Farha im Film. „Aber wenn Wohnen zur Handelsware wird, ist das etwas anderes, als wenn Gold Handelsware ist. Gold ist kein Menschenrecht, Wohnen schon.“

Allianzen für den Wandel

Auch die Wiener Stadtforscherin Elke Rauth vom Fachmagazin Dérive sieht die Dringlichkeit des Films. „Die Wohnungsfrage ist die soziale Frage unserer Zeit. Push zeigt eindringlich auf, wie bedroht das Menschenrecht auf Wohnen weltweit bereits ist. Ein Immobilienmarkt, der Wohnraum nur noch als Ware und Möglichkeit zur Geldvermehrung sieht, muss zum Schutz des Gemeinwohls reguliert werden. Dazu braucht es eine Allianz zwischen Zivilgesellschaft, gemeinnütziger Bauwirtschaft und Politik.“

Eine solche Allianz hat auch Leilani Farha ins Leben gerufen: die Initiative „Shift“, die sich für Wohnen als Menschenrecht einsetzt. Sie sitzt auch am Tisch, wenn sich Bürgermeister europäischer Metropolen zum Strategieaustausch treffen. Es ist einer der anrührendsten Filmmomente, als Farha bei diesem Meeting auf Ada Colau, die Bürgermeisterin von Barcelona, trifft, die selbst eine Bewegung gegen Immobilienspekulation gegründet hatte. Wenn diese zwei Frauen einander vertraut begrüßen und sich fast überrascht ihrer gar nicht so geringen Macht in diesem Moment bewusst werden, spürt man: Hier ist eine Veränderung möglich.

Dass Anfang Mai der sensible, ganz ohne Delogierungen auskommende Umbau eines Sozialwohnblocks in Bordeaux von Lacaton Vassal Architectes mit dem Mies van der Rohe Award der Europäischen Kommission ausgezeichnet wurde, ist ein weiteres Hoffnungszeichen – und kein Zufall, wie Jurymitglied Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums Wien, betont: „Der Mangel an leistbarem Wohnraum, wie wir ihn zurzeit in vielen Städten erleben, stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. Es ist also nur konsequent, dass unter den fünf Finalisten gleich zwei kollektive Wohnprojekte waren.“

Es sind kleine Stiche gegen das immer noch übermächtige Monster. Push zeigt, wie fragil die Formen des Zusammenlebens sind und wie schnell sie zerstört werden können. Es ist der richtige Film zur richtigen Zeit.

„Push“ startet in Wien im August in den Kinos.

11. Mai 2019 Der Standard

Bunte statt weißer Elefanten

Das soeben eröffnete Tottenham Stadium in London soll das beste der Welt sein. Sagen jedenfalls dessen Architekten. Warum sich Stadien heute an Einkaufszentren orientieren, erklärt Tom Jones vom Büro Populous.

Für die Tottenham Hotspurs wurde es leider auch in dieser Saison nichts mit der Meisterschaft in der Premier League. Daran änderte auch der 2: 0-Sieg am 3. April gegen Crystal Palace nichts. Trotzdem war das Spiel für den 1882 gegründeten Nordlondoner Traditionsklub ein Meilenstein: Es war das erste im neuen Tottenham Stadium.

Der Vorgänger, die berühmte White Hart Lane aus dem Jahr 1899, war immer wieder adaptiert worden, bis Präsident Daniel Levy beschloss, ihn komplett zu ersetzen – nicht mit einem Neubau am Stadtrand, sondern am selben Ort, mit Platz für exakt 62.062 Zuschauer.

Zwar werden Stadien immer wieder neu gebaut, erst recht in England, wo Oligarchen und Milliardäre besonders viele Oligarchenmilliarden in ihre Vereine pumpen. Da wird gerne mit Superlativen um sich geworfen. Dennoch kommt es nicht jeden Tag vor, dass ein Architekt behauptet, dieses sei das beste Stadion der Welt. Noch dazu, wenn Christopher Lee, der diese Aussage zur Eröffnung tätigte, Partner beim Büro Populous ist, das weltweit (Stand heute) 1325 Stadien in 34 Ländern geplant hat, darunter das Olympiastadion 2012 in London.

Was aber macht ausgerechnet das Spurs-Stadion zur neuen Benchmark? Diese und andere Fragen beantwortete Populous-Architekt Tom Jones, federführend beim Tottenham-Stadion, vor kurzem in Wien auf einer Fachtagung der Internationalen Vereinigung Sport- und Freizeiteinrichtungen (IAKS) und des Österreichischen Instituts für Sportstättenbau (ÖISS).

„Unser Ziel war es, das Stadionerlebnis neu zu definieren,“ erklärt Tom Jones im ΔTANDARD-Gespräch. Ein Balanceakt dabei: sowohl eingefleischte Fans als auch zahlungskräftige, aber wenig am Mitfiebern interessierte VIPs zufriedenzustellen – eine Kundschaft, für die man bei Manchester United den wenig schmeichelhaften Begriff der „Prawn Sandwich Brigade“ erfand.

Bier und Sandwich

„Viele Stadien sind einfach ein Oval, in dem verschiedene Bereiche übereinandergeschichtet sind. Wenn die VIPs nach der Pause in ihren Lounges bleiben, hat man einen leeren Streifen auf der Tribüne“, so Tom Jones. „Wir haben uns an älteren Stadien orientiert, bei denen jede Tribüne einen eigenen Charakter hatte. Eine wichtige Tradition im englischen Fußball.“ Also bekam Tottenham eine durchgehende Südtribüne für die Fans: 17.500 Sitze, maximal mögliche 35 Grad steil, die erste Reihe nur 4,3 Meter vom Spielfeld entfernt. „Die Südtribüne erzeugt die Atmosphäre“, erklärt der Architekt.

„Dabei spielt die Akustik eine große Rolle. Harte Oberflächen im Dach sorgen dafür, dass die Tribüne wie ein Megafon funktioniert – und die Fans des Gästeteams sitzen nicht irgendwo im Eck, sondern nahe am Tor.“ So ergeben sich die in England typischen Gesangsduelle quer über das Spielfeld hinweg.

Apropos Spielfeld: Eigentlich sind es zwei Spielfelder – unter dem Fußballrasen verbirgt sich ein Feld für American Football. Wird die Sportart gewechselt, schiebt sich der obere Rasen auf Schienen unter die Tribüne. Kein technisches Sperenzchen, sondern Kalkül: Sportstätten dieses Kalibers müssen heute, um profitabel zu sein, rund um die Woche in Betrieb sein. Als Vorbild dafür gelten die Vereinigten Staaten, wo Arenen längst zum rundumbespaßten Ausflugsziel geworden sind, eingerahmt von Themengastronomie, um die Besucher auch vor und nach dem Event am Ort zu halten. Auch in Tottenham sollen die Fans nicht nach dem Schlusspfiff in Richtung Pub verschwinden, sondern sich unter der Tribüne an Craft-Beer aus der eigenen Brauerei laben.

„Wenn es darum geht, Stadien als Destination zu etablieren, orientieren wir uns heute eher an multifunktionellen Einkaufszentren mit ihrer Vielfalt an diversen Angeboten, um zu verstehen, was die Fans wirklich wollen“, erläutert der Architekt. „Die Konkurrenz für Tottenham sind nicht die Arenen anderer Vereine, sondern die Hauptstraßen mit ihren Bars und Restaurants.“ Dennoch soll das Stadion kein Alien, kein „weißer Elefant“ sein, der als Fremdkörper in der Stadt herumsteht. Das Tottenham Stadium liegt schließlich mitten im Stadtviertel, ein öffentlicher Platz und Nebengebäude, die sich an der niedrigen Bebauung der Umgebung orientieren, sollen hier integrierend wirken.

Bunte Elefanten statt weißer Elefanten: Dieser Trend wird sich, meint Populous, fortsetzen. Sportstätten werden zu Alleskönnern, Grenzen zum Entertainment verschwimmen. „Es wird interessant sein, zu beobachten, ob Arenen und Theater zu einer Art Supertheater verschmelzen. Heute gibt es Stadien für 50.000 und Veranstaltungshallen für 10.000 bis 15.000 Zuschauer. Vielleicht gibt es in Zukunft Arenen für 40.000 Zuschauer, die beides verbinden.“ Wien, wo manche von einem neuen Stadion als Nachbar oder Ersatz des Praterstadions träumen und man den Bau einer Eventhalle an der Südosttangente anstrebt, sollte hier gut aufmerken (und sich die Kalkulation der verlautbarten 250 Millionen Euro noch einmal durch den Kopf gehen lassen).

Temporäre Bauten

Was das Vermeiden von weißen Elefanten angeht, haben Populous Erfahrung. Das Stadion für die Olympischen Spiele 2012 war mit seiner relativ unspektakulären, leichten Architektur auch als Gegensatz zu bombastischen Vorgängern wie Herzog und de Meurons „Vogelnest“ in Peking konzipiert, welches nach dem Ende der Spiele am Stadtrand verstaubte. In London wurden Sportstätten, die nach Olympia nicht mehr nötig waren, als temporäre Bauten zu errichtet. Mit Erfolg – auch wenn das Olympiastadion aufgrund politischer Entscheidungen nicht wie geplant verkleinert wurde.

Für den Masterplan der Spiele in Paris 2024 geht man bei Populous noch einen Schritt weiter: Dort soll nicht ein abgegrenzter Park, sondern die ganze Stadt als Austragungsort fungieren: Beachvolleyball unterm Eiffelturm. Eine Offenheit, deren Umsetzung angesichts der immer aufwendigeren Sicherheitsmaßnahmen während Großevents sehr anspruchsvoll sein dürfte. Bleibt die Frage: Hat der Fußballstadienarchitekt einen Lieblingsverein? Tom Jones lächelt. Hat er, aber das ist Betriebsgeheimnis.

20. April 2019 Der Standard

Panoramablick in Beige

Mit den Parkapartments Belvedere bekommt Österreich den ersten Bau des Großmeisters Renzo Piano. Doch von dessen Architektur der raffinierten Leichtigkeit ist in dieser gebauten Wertanlage wenig zu spüren.

Stararchitekt? Ein furchtbarer Begriff!“ Renzo Piano verzieht das Gesicht, macht eine abwehrende Geste. Dann greift er in seine Jackentasche und zieht einen Bleistift heraus. „Das hier ist unser Instrument. Architekt zu sein ist ein ernsthafter Beruf. Es geht darum, Orte für Menschen zu schaffen. Architektur ist nicht nur einfach eine Geste. Star – das hat etwas Frivoles, und das hat mit dem Planen von Gebäuden nichts zu tun. Ich hoffe, der Begriff Stararchitekt verschwindet bald!“

Ganz so bald wird der Begriff nicht verschwinden, denn der Investor des Gebäudes, in dem der italienische Architekt sitzt, wirbt selbst damit: „Was entsteht, wenn in zentrumsnaher Lage einer Metropole ein internationaler Stararchitekt Wohnraum entwirft? Etwas Einzigartiges! Ein traumhafter Blick über die Dächer von Wien. Sogar bis zum Horizont – bei den exklusiven SELECTION-Wohnungen der PARKAPARTMENTS AM BELVEDERE.“ So das enthusiastische Intro einer Hochglanzbroschüre, die potenzielle Käufer der 342 Apartments anspricht.

Wald aus Säulen

85 Prozent der Wohnungen sind bereits verkauft. Neben State-of-the-Art-Ausstattung wie Waschsalon, Fitnessraum, Digital Concierge und Gemeinschaftsraum mit Terrasse dürfte hier wohl vor allem die Lage den Ausschlag gegeben haben: zwischen Hauptbahnhof, Arsenal, Schweizergarten und dem namensgebenden Belvedere gelegen, mit entsprechendem Fernblick. Das heißt: Nicht ganz, denn die unteren Geschoße fehlen, stattdessen balancieren die Apartments auf einem Wald aus dünnen Säulen. Eine Hommage an die Bäume des Schweizergartens, wie es heißt. Dass sich Apartments in Augenhöhe mit einer vielbefahrenen Bahnstrecke wohl weniger gut verkaufen lassen, dürfte den Verzicht auf diese Geschoße eventuell erleichtert haben.

Geheimnis des Ortes

„Es geht darum, das Geheimnis des Ortes zu finden“, erklärt Renzo Piano. „Architektur ist Wissenschaft, Konstruktion, Technologie, Gemeinschaft. Sie ist auch Poesie, mit einem Sinn für Licht und Leichtigkeit. All das braucht Zeit – wie ein Wald, ein Fluss oder eine Stadt.“ Zeit brauchte es auch, bis der heute 81-jährige sein erstes Bauwerk in Österreich eröffnen durfte, nämlich gut zehn Jahre. Anfangs vom Bauträger Seeste Real Estate GmbH entwickelt, wurde das Projekt 2014 für 200 Millionen Euro an René Benkos Signa Holding verkauft. Ein gutes Investment: 2015 wurde der Quadratmeterpreis mit 4000 bis 5000 Euro beziffert, für die letzten freien Wohnungen muss man heute in etwa das Doppelte hinblättern.

Dass Renzo Piano den Begriff des Stars, allen Werbebroschüren zum Trotz, von sich weist, wirkt durchaus glaubwürdig. Schließlich war der Pritzker-Preisträger des Jahres 1998 in der Liga der Weltberühmten schon immer einer der Integersten, eine Mischung aus Gentleman und Tüftler-Ingenieur. Seine Bauten vermeiden das Vordergründige und Modische. Er zerlegt sie in ihre Bestandteile – Säule, Wand, Dach, Fenster – und fügt sie dann wieder zu einem Ganzen zusammen. Das mit Richard Rogers entworfene Centre Pompidou, das ihn 1977 berühmt machte, vermittelte bunten Spaß an der Technik, hippieske Träume von freien Räumen trafen hier auf die Intelligenz des Ingenieurs. Ein Sieg der Leichtigkeit über das Schwergewichtige, und diese prägt seine Bauten bis heute .

Sicher, das gelingt mal besser, mal weniger gut. Dort, wo die Auftraggeber nach dem Ikonischen verlangten, wie der Staat Katar beim 2012 fertiggestellten Wolkenkratzer The Shard in London (lokaler Spitzname: „Mordor“), ließ auch die Leichtigkeit zu wünschen übrig.

Dafür sind seine zu Recht gerühmten Museumsbauten wie das Menil in Houston oder die Fondation Beyeler in Basel von zeitloser Eleganz und Freundlichkeit, und Projekte wie das zurzeit in Bau befindliche Gesundheitszentrum in Uganda mit seiner Lehmfassade und seinem Fotovoltaik-Dach zeugen von einem Glauben an den Beitrag von Architektur zu einem besseren Leben. Der geplante Neubau der 2018 eingestürzten Autobahnbrücke Ponte Morandi in Genua zeugt von ungebrochener Lust am Konstruktiven und von Loyalität zu seiner Heimatstadt an der ligurischen Steilküste, wo er heute noch – neben Paris und New York – seinen Bürositz hat.

Sein Büro nennt sich Renzo Piano Building Workshop, was auf das Kollektive der dortigen Arbeitsprozesse verweist. „Kreativität ist wie ein Wunder“, sagt Piano. „Wenn wir uns im Büro zusammensetzen, ist es am Ende unmöglich zu sagen, wer die ausschlaggebende Idee hatte. Wir debattieren, argumentieren und zeichnen, und am Schluss steht ein komplexes Ergebnis, das der Realität des Ortes so nahe wie möglich kommt. So etwas macht man nie allein.“

Grau-beiger Durchschnitt

Wie nahe kommen die Parkapartments nun der Wiener Realität? Vor allem von Westen gesehen wirken die vier Türme (drei für Apartments, der dritte für ein Hotel) wie eine hohe, geschlossene Wand, eine grau-beige Steilküste. Ein Farbton, der an das Interieur amerikanischer Hotelketten erinnert.

Es ist ein Grau-Beige des globalen Durchschnitts, das niemandem wehtut. Eine Fassade für die Immobilienmessen, mit dem marktimmanenten Widerspruch aus behaupteter Einzigartigkeit und tatsächlicher Austauschbarkeit: Sie passt zum Stadtrand von Moskau, zum Themse-Ufer in London oder nach Hongkong. Grau-Geige lässt sich, anders als Grün oder Terrakottarot, auch noch in 20 Jahren ohne Renditeverlust weiterverkaufen. Es ist eine marktstabile Fassade.

Dass von Renzo Pianos südlicher Verspieltheit und Feingliedrigkeit hier wenig zu spüren ist, dass die glasbewehrten Balkone wie nachträglich addiert wirken, dürfte den Wert nicht mindern. Ohnehin ist die Fassade das geringere Asset: Die Parkapartments prunken vor allem mit ihrem in der Tat großartigen Ausblick auf Wien. Die Unverbaubarkeit dieses Ausblicks schafft Vertrauen in die Wertanlage und macht dieses eigentlich kaum bebaubare Zwickelgrundstück zwischen Bahngleisen und Straße zu einer Premium-Lage.

Bleibt die Frage: Wenn die Stadt als Kulisse den Mehrwert für ein Gebäude schafft, was gibt das Gebäude im Gegenzug der Stadt zurück? „Die Transparenz des freien Erdgeschoßes!“, antwortet Renzo Piano. „Zugegeben: Der Raum ist nicht öffentlich, aber der Blick und das Licht sind es. Wir haben den Investor sogar überzeugt, etwas Geschoßfläche einzusparen, damit abends die Sonne unter dem Gebäude bis in den Schweizergarten scheint. Hätten wir den Bau bis zum Boden gezogen, würde er eine Barriere bilden.“

Ob diese Offenheit des Erdgeschoßes die noch bestehende Barriere der Bahntrasse nebenan ausgleicht, darf allerdings bezweifelt werden. Die Käufer der Wohnungen werden es – auch dank schallisolierter Fenster – verschmerzen. Wien darf sich nun mit dem ersten Renzo-Piano-Bau schmücken. Dass es genau dieser geworden ist, darf man diskret bedauern.

30. März 2019 Der Standard

Piranesi statt Kramuri

Das Besucherzentrum für die NÖ-Landesausstellung in Wiener Neustadt kombiniert die alten Kasematten mit sorgfältigen neuen Zubauten zu einer Landschaft aus kühler Dezenz.

Seine weißen Sneakers stecken im Erdreich, doch das scheint Matija Bevk nicht zu stören. Der slowenische Architekt steht gerade auf seinem eigenen Gebäude. Genau gesagt befindet sich der Großteil dieses Gebäudes unter dem Erdreich, und das ist bis zu drei Meter tief. Noch genauer gesagt, ist das meiste von dem, was sich unter der Erde verbirgt, nicht neu, sondern über 500 Jahre alt.

Die Kasematten von Wiener Neustadt, auf denen Matija Bevk steht, sind Teil der massiven Stadtbefestigung, die ab 1531 errichtet und ständig adaptiert und erweitert wurde. Im Mittelalter war die kleine Flachlandmetropole eine der am stärksten befestigten Städte Europas. Heute ist sie längst über die Mauern hinausgewachsen und endet weit draußen in einem Amalgam aus Kreisverkehren und Gewerbegebieten.

Die Kasematten selbst gerieten in Vergessenheit, verschwanden unter Zubauten und Schutt. Bis sie für die Niederösterreichische Landesausstellung, die am heutigen Samstag eröffnet wird, wieder zum Leben erweckt wurden. Die 1951 etablierte und seit 2001 im Zweijahresrhythmus stattfindende Schau ist konzentriertes Regionalmarketing, eine Finanz- und Aufmerksamkeitsspritze für den Ort, an dem sie stattfindet, und Anlass zur Erneuerung der Markenidentität im Städtewettbewerb. „Die Landesausstellung 2019 ist die Trägerrakete, um Wiener Neustadt wieder auf die Überholspur zu führen,“ verkündete Bürgermeister Klaus Schneeberger im Oktober 2016, als der Architekturwettbewerb für das Besucherzentrum in den Kasematten entschieden wurde.

Die Wettbewerbssieger Bevk Perović Arhitekti mit Sitz in Ljubljana waren da schon keine Unbekannten. 1997 von Matija Bevk und Vasa Perović gegründet, verweisen sie heute auf realisierte Projekte aller Art in halb Europa, wurden 2007 mit dem Mies van der Rohe Award ausgezeichnet und gewannen 2018 den Wettbewerb für ein Wohnhochhaus auf dem Wiener Nordbahnhofareal. Anfang März dieses Jahres präsentierten sie ihren Kasematten-Entwurf beim renommierten TURN ON Architekturfestival in Wien.

Spuren der Geschichte

Jener war zweifellos auf den ersten Blick der unspektakulärste der zehn Wettbewerbsbeiträge. Während andere Architekten teils aufdringlich auffällig Neubauten auf den Hügel setzen wollten, hielten sich die Slowenen zurück und konzentrierten sich auf die Kasematten selbst.

Wie ein Termitenbau durchlöchern die Gänge und Gewölbe den Hügel. Mal niedrig, mal kathedralenartig hoch, mal in geheimnisvollen Sackgassen endend, zeigen sie überall Spuren der Geschichte. „Ein Raumgefüge wie bei Piranesi!“, schwärmt Bevk und erinnert an den italienischen Architekten aus dem 18. Jahrhundert, berühmt für seine fantastischen Zeichnungen von licht- und endlosen Abgründen. Ganz so finster ist es hier nicht, denn die Wände wurden mit Kalkfarbe strahlendweiß getüncht. Ein Raumerlebnis, das die Entscheidung, das Höhlensystem zum Kern des Besucherzentrums zu machen, ohne Zweifel legitimiert. Man hat sich aber nicht aufs Restaurieren beschränkt.

Vom Stadtzentrum oder Bahnhof kommend, führt ein flach geneigter Vorplatz auf das Niveau der Ausstellungsebene, ein Eingangsbau lässt die Besucher unter einer Sichtbetonwand ins Innere eintauchen. Auf der anderen Seite taucht man in einer mit perforiertem Aluminiumblech verkleideten Ausstellungshalle wieder auf, die zur Hälfte im Gelände steckt und ihre wahre Höhe nur im Inneren offenbart. Rundherum türmen sich die freigelegten und (in Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt) vom Kramuri der Jahrhunderte bereinigten Mauern zu einer wilden Topografie, die ein wenig an Ausgrabungsstätten in Ägypten oder Griechenland erinnert.

„Es war uns wichtig, diese Substanz zu befreien,“ bekräftigt der Architekt. „Wir wollten nicht einfach ein Museum als Box hinstellen, sondern ein Ensemble schaffen, das Teil der Stadt und des Parks wird.“ Was auch erklärt, warum man am höchsten Punkt des Areals eben auf drei Metern Erdreich steht: eine Landschaft aus historischen Schichten anstatt, wie sonst üblich, eines ikonischen Mini-Guggenheims, das sich aus dem Nichts materialisiert.

Banner oder Beton?

So logisch diese aus dem Ort entwickelte Entscheidung ist, trifft sie doch dort auf Konflikte, wo die Gewohnheit des Stadt- und Eventmarketings das Auffällige erwartet. Manchen dürfte die schlichte Zurückhaltung von Vorplatz und Betonwand zu wenig des Guten zu sein. So wurde kurzfristig beschlossen, die gesamte Wand mit einem Banner zu kaschieren, damit die Ausstellung als solche erkennbar ist und niemand aus Versehen vorbeispaziert.

Für die Architekten ist das ein Wermutstropfen. Schließlich war die schlichte Sichtbetonwand schon von Anfang an Teil des Entwurfs – und die Architektur kennt seit jeher Werkzeuge, um einen Eingang als Eingang erkennbar machen, ohne dass dies weiterer Erklärungen bedarf. „Dieses Projekt zu realisieren und die Kasematten zu revitalisieren ist eine große Leistung der Stadt, ihren Entscheidungsträgern und der Landesausstellung. Das Projekt gibt der Stadt hier einen neuen Platz und mit den Kasematten die Wiederentdeckung von etwas, das verloren war. Hier entsteht eine Koexistenz von Geschichte und neuem Leben“, sagt Bevk. „Darauf können die Bürger stolz sein, und das braucht unserer Meinung nach kein Sahnehäubchen obendrauf.“ Bei der Projektleitung der Landesausstellung heißt es auf Anfrage, das Banner sei nur für die Dauer der Ausstellung vorgesehen und werde danach demontiert.

Bleibt zu hoffen, dass weder der Beton noch die erfolgreiche austro-slowenische Kooperation dauerhaften Schaden nimmt. Eine einladende Geste dürfte auf jeden Fall Bestand haben: ein Ahornbaum, der auf den Vorplatz gepflanzt wurde. Ein Zeichen, dass Historie, Neubau und Landschaft zusammenfinden können, und ein gutes Argument gegen das Vorurteil, Architekten würden nur als Betonierer auftreten.

[ Niederösterreichische Landesausstellung 2019: „Welt in Bewegung! Stadt. Geschichte. Mobilität“. Kasematten und ehemaliges Kloster St. Peter an der Sperr, Wiener Neustadt. Bis 10. 11. 2019 ]

Publikationen

2017

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter? Die Ausstellung ist ein Plädoyer für den Fortschritt in Architektur, Wohnungsbau und Städtebau. Wie wir wohnen ist nicht unseren Genen geschuldet, wie wir wohnen ist ein über Generationen an gelerntes Verhalten, dessen Weiterentwicklung von der Dauerhaftigkeit
Hrsg: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell
Autor: Maik Novotny, Kristin Feireiss, Kaye Geipel, Anna Popelka, Georg Poduschka
Verlag: PPAG, Aedes Architekturforum

2014

PPAG: Speaking Architecture
Phenomenology / Phänomenologie

Ein Elefantenhaus, ein Wohnberg, ein Dorf am Dach. Eine offene Schullandschaft, ein barockes Parkhaus, ein silbern schimmernder Windkanal. Das Wiener Büro PPAG architects, 1995 von Anna Popelka und Georg Poduschka gegründet, denkt Architektur mit Scharfsinn, Lust und Erfindergeist immer wieder neu. Ihr
Hrsg: Maik Novotny
Autor: Anna Popelka, Georg Poduschka, PPAG
Verlag: Ambra Verlag

2007

Eastmodern
Architecture and Design of the 1960s and 1970s in Slovakia

Eastern modernist architecture of the 60’s and 70’s is moving away from the specialized focus of international architecture debates and becoming a subject of discussion within the broader context of general interest. The excellent photos in the book convey the flair of an era in which planning was obviously
Autor: Maik Novotny, Hertha Hurnaus, Benjamin Konrad
Verlag: SpringerWienNewYork