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16. März 2019 Der Standard

Die Welt atmet Landluft

Eine Ausstellung am AzW erzählt die Erfolgsgeschichte einer Wiederentdeckung des Ländlichen in China. Auch anderswo entwickelt man Strategien für „progressive Provinzen“.

Land Countryside – Future of the World“lautet der Arbeitstitel der Ausstellung, die der Architekt Rem Koolhaas anno 2020 am New Yorker Moma 2020 eröffnen wird. Die neue Ära des Ländlichen wurde bereits lange vorher mit apodiktischem Deutungsgetöse angekündigt, als habe der niederländische Architekt nach 40 Jahren Beschäftigung mit der Stadt plötzlich entdeckt, dass es da noch etwas anderes gibt. Selbst Zukunftsforscher Matthias Horx hat den Trend aufgespürt und ihn mit dem, zugegeben cleveren, Label „progressive Provinz“ belegt.

All das ist keineswegs neu, am wenigsten in Österreich, wo sich der Verein LandLuft schon seit 20 Jahren mit dem Regionalen beschäftigt und den LandLuft-Baukulturgemeinde-Preis auslobt, mit dem Gemeinden wie Zwischenwasser und Hinterstoder für ihre beispielhafte Baukultur preisgekrönt wurden. Eine Baukultur, die im ganzen alpinen Raum, von Südtirol über Vorarlberg bis Graubünden, einen enormen Aufschwung genommen hat. Deutschland wiederum grübelt seit 20 Jahren über seine schrumpfenden Regionen nach, nicht nur im Osten. Heute, da Berlin immer voller und teurer wird, ziehen immer mehr Menschen nach Brandenburg und Sachsen-Anhalt, intellektuell unterfüttert mit Landleben-heute-Romanen wie Unterleuten von Juli Zeh.

Dass nach 20 Jahren globaler Landflucht das Pendel jetzt zurückschlägt, ist logische Folge der Verstädterung, die irgendwann einen Gegentrend hervorrufen musste. China, wo die Urbanisierung rapide und massiv verlaufen ist und das als Synonym für gesteigerten Wohlstand gilt, erst recht. Dort bluten die Provinzen aus, werden zum Pensionistenreservat, die Flächen für die Landwirtschaft schrumpfen bedenklich. Erste Strategien für das Land wurden von der Zentralregierung bereits vor zehn Jahren entwickelt, jedoch nicht umgesetzt, stattdessen wucherten die Megacitys ungehindert weiter.

Lokale Akupunkturen

Es brauchte eine Initiative aus der Provinz selbst, um eine Veränderung anzustoßen: die Region Songyang in der Provinz Zhejiang. 240.000 Einwohner, 400 Dörfer, ein abgelegenes Idyll ( der STANDARD berichtete im Dezember). Dort hat die Architektin Xu Tiantian und ihr Pekinger Büro DnA Design and Architecture seit 2014 gemeinsam mit engagierten Lokalpolitikern und der Bevölkerung eine Strategie von architektonischen Akupunkturen entwickelt, die nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch handfesten Erfolg bringt: kleine Zuckerrohr-, Tee- und Tofu-Fabriken, Ferienwohnungen in renovierten Dorfhäusern, Museen für lokale Kulturgeschichte. Hier ein Neubau, dort eine Renovierung, eine neu überdachte Brücke über den Fluss, und all das angereichert mit öffentlichen Räumen und Treffpunkten für die Dorfgemeinschaft.

Nachdem das Berliner Architekturforum Aedes auf Xu Tiantian aufmerksam wurde und ihr Werk Anfang des Jahres 2018 mit einer Ausstellung würdigte, macht Songyang jetzt am Wiener AzW Station. „Was Xu Tiantian dort angestoßen hat, ist weit über China hinaus relevant, weil man hier sieht, was man mit Architektur erreichen kann, nämlich viel mehr als nur ein tolles Gebäude“, lobt AzW-Direktorin Angelika Fitz. Auch sie hält ein Verschieben des Fokus weg von der Stadt für dringend geboten. „Es wird ständig davon geredet, dass knapp über 50 Prozent der Weltbevölkerung heute in Städten leben. Aber kaum jemand erwähnt, dass knapp 50 Prozent immer noch auf dem Land leben.“

Ihre Architektur sei nicht als Selbstzweck, sondern als Anstoß für einen langen Prozess der Erneuerung im Mikromaßstab zu verstehen, betont auch Xu Tiantian. „Wir entwickeln unsere Strategie der Akupunktur ständig weiter“, erklärt sie. „Zum einen in Bezug auf dörfliche Wirtschaft und Produktion, die Interaktion zwischen Land und Stadt mittels touristischer Einrichtungen, zum anderen auf die Frage, wie man in den Dörfern, wo hunderte Häuser leerstehen, in Zukunft wieder wohnen kann.“

Tourismus ist nicht alles: eine Lektion, die man auch woanders beherzigen sollte. Was können wir also von Songyang lernen? „Dass es um Strategien auf vielen Ebenen geht“, so Angelika Fitz, „von der Architektur über Infrastruktur bis zum Breitband-Internet. Und gerade was die Zersiedelung betrifft, können wir in Österreich noch viel lernen.“

Aufs-Land-Semester

Einen Trend zur progressiven Provinz beobachtet auch Architekt Roland Gruber, Gründer des Vereins LandLuft, dessen Büro Nonconform bis heute rund 100 Dörfer und Gemeinden in Österreich und Deutschland betreut und die alle zwei Jahre stattfindende Leerstandskonferenz für Strategien in Schrumpfregionen mitinitiiert hat. Eine Erfolgsgarantie für eine Renaissance darbender Landstriche sei dieses Plus an Aufmerksamkeit aber keineswegs. „Es hängt sehr von den handelnden Personen und dem Gesamtumfeld der Region ab. Kompakte, dichtbebaute Orte haben es leichter als kleine Dörfer und zersiedelte Gegenden. Es braucht einen gewissen Grad an Dichte und Urbanität.“ Österreich sei, was die Stärkung der Dörfer betrifft, Pionier im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Bayern und Südtirol.

Zum 20. Geburtstag belohnt sich der Verein LandLuft mit einem zehntägigen Symposium namens „Landluft Universität“. Dazu kooperiert man mit der TU Wien, wo das Rurale aus der Lehre verschwunden ist, seit der Lehrstuhl fürs Bauen im ländlichen Raum aufgelöst wurde. Höchste Zeit, dass sich das ändert, so Roland Gruber, dass wieder gelernt wird, wie Entscheidungsprozesse im Dorf funktionieren und was Architekten dort tun können – nämlich, wie auch das Beispiel Songyang zeigt, sehr viel.

„Unser großer Wunsch wäre es, dass Studierende in Zukunft nicht nur ein Auslandssemester, sondern auch ein Aufs-Land-Semester verbrächten.“ Die Ausschreibung für den nächsten Baukulturgemeinde-Preis erfolgt Ende 2019. Gelegenheit für alle potenziellen Austro-Songyangs, sich ins Rampenlicht zu stellen.

16. Februar 2019 Der Standard

Im Haus der 10.000 Dinge

Eine Ausstellung im Wien-Museum widmet sich dem übersehenen Phänomen des Selfstorage und zeigt, was die „Häuser für Dinge“ über unser Leben erzählen und wie sie dabei die Stadt verändern.

Was würde Marie Kondo wohl zu dieser Ausstellung sagen? Die zarte Japanerin, die auf Netflix als Entrümpelungsengel und Declutteringdiktatorin reinigend durch vollgestopfte Haushalte schwebt, würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und w. o. geben. Denn die Schau Wo Dinge Wohnen – das Phänomen Selfstorage, die diese Woche im Wien-Museum eröffnet wurde, widmet sich dem Einlagern und Horten von Besitz.

Durchschnittlich 10.000 Dinge besitzt jeder Mensch in der westlichen Hemisphäre, und Marie Kondos Wegwerfkampagnen zum Trotz wollen sich die meisten Menschen einfach nicht von diesen Dingen trennen. Also verstaut man Wintersportausrüstung, Modelleisenbahn und Vinylsammlungen in Dachböden und Kellerräumen – und immer öfter in extern angemieteten Selfstorage-Abteilen.

Der Bautyp des Selfstorage entstand in den 1960er-Jahren in den USA, als die Konsumgesellschaft immer mehr Besitz anhäufte, sich gleichzeitig festbetonierte Familienkonstellationen aufzulösen begannen und man den Besuchern lieber ein aufgeräumtes Interieur als überquellende Kisten und Kästen präsentieren wollte. Es dauerte Jahrzehnte, bis der Trend nach Europa überschwappte, aber heute sind die „Häuser für Dinge“ überall etabliert. 1999 wurde das erste Selfstorage in Österreich errichtet, und ist seitdem zur Erfolgsgeschichte geworden: 2018 gab es in Wien 16.000 Abteile mit 95.000 Quadratmeter Lagerfläche. Rund die Hälfte davon in meist eigens errichteten Lagerhäusern im Stadtgebiet, 37 Prozent in Garagen und Containerlagern an der Peripherie.

Keller als Haus

Was macht diesen Trend zum externen Auslagern so erfolgreich und relevant, dass er nun zu musealen Ehren kommt? „Selfstorage erzählt uns viel über heutige Stadt- und Wohnraumentwicklung“, erklärt Kuratorin Martina Nußbaumer. „Europaweit boomt es vor allem dort, wo die Leute oft umziehen. 20 Prozent der Wiener ziehen jedes Jahr um. Dabei werden Dinge immer mehr.“ Noch dazu sinkt seit 2011 erstmals die durchschnittliche Wohnfläche pro Person. Wohnraum wird teuer, und die seit 2012 in Wien etablierten Smart-Wohnungen haben in ihrer Reduktion aufs Minimum den Stauraum fast komplett eliminiert, lukrative Dachgeschossausbauten lassen Dachböden verschwinden, Kellerräume sind oft Mangelware.

Selfstorage ist sozusagen zum Haus gewordener Keller. Wie sich diese Architektur als neues Phänomen im Stadtraum manifestiert, sagt in der Tat einiges über Stadt und Gesellschaft aus. Da sind zum einen die großen Lagerbauten, die sich in Baulücken breitmachen und dort mal aufdringlich selbstbewusst agieren wie die My-Place-Filiale am Gaudenzdorfer Gürtel, mal ungelenk-rührende Anpassungsversuche unternehmen und sich mit entsprechender Fassadenaufteilung als Büro- oder Wohngebäude tarnen.

Nicht nur in Wien: Schon 2013 unternahm die deutsche Fachzeitschrift Bauwelt eine Analyse von Selfstorage-Bauten. „Als Lückenfüller im Wohngebiet zeigt sich der Bautyp in seiner unangenehmsten Form: Satteldach, Sockelgeschoss, Fenster und die Ausbildung enger Höfe simulieren ein städtisches Wohnhaus, sind aber bereits von Weitem als Fake zu erkennen“, so das kritische Urteil damals.

Neonschrille Rache

Eine relativ neue Erscheinung sind kleine Lagerabteile in Erdgeschosslokalen, hier haben sich allein in den letzten zwei Jahren 20 Anbieter in Wien etabliert. „Diese werden oft von Stadtforschern kritisiert,“ so Kurator Peter Stuiber. Kein Wunder: Die mit grellen Farben zugeklebten Schaufenster sind nicht gerade eine Augenweide. Doch wer den Stauraum aus dem unmittelbaren Wohnumfeld wegoptimiert, darf sich eben nicht wundern, wenn er woanders in der Stadt wieder aufploppt: die neonschrille Rache der Smart-Wohnung.

Architekten haben sich dieser Bauaufgabe bisher interessanterweise nicht angenommen, obwohl in dieser neuen Typologie gestalterisch meilenweit Luft nach oben wäre. Lediglich in Einzelfällen haben lokale Baubeamte den billigen Blechkisten einen etwas höheren kulturellen Anspruch abgerungen – die My-Place-Filiale in Nürnberg verzichtete auf das Corporate-Identity-Rot zugunsten eines diskreten Champagnerbeige.

Blick durchs Schlüsselloch

Wie Selfstorage-Architektur aussieht und wie sie sich im Wiener Stadtraum präsentiert, zeigt die Ausstellung in kristallklaren Fotografien von Klaus Pichler. Dieser Außenansicht gegenübergestellt sind ausgewählte Einzelbiografien von Lagerabteilen und ihren Mietern, die die oft bewegend persönlichen Geschichten erzählen, die sich hinter den anonymen Blechtüren und in den Containern verbergen.

Eine Dame, die ihr Abteil als begehbare Garderobe für Opernball-Kleider benutzt, oder die Modedesignerin, die ihre Schnittmuster lagert. Der Sammler von Alltagsgegenständen aus der DDR und die liebevoll gehorteten Familienandenken mehrerer Generationen: Fotos der Großeltern, Schultüten der Kinder. Geradezu herzzerreißend: sieben kleine Teller und eine Schale aus Keramik, gestapelt in einer Plastikkiste. Sie gehören Herrn B., seit dem Jahr 2017 wohnungslos, der mithilfe der Caritas seinen Besitz eingelagert hat, bis er wieder eine Bleibe gefunden hat.

Ein Blick durchs Schlüsselloch, der reichlich soziologische Erkenntnisse liefert: Nicht immer geht es ums reine Ansammeln, oft ist das Auslagern Indiz für eine Übergangsphase im Leben in Zeiten von wechselhaft-flexiblen Arbeitssituationen und verpatchworkten Familien. Die durchschnittliche Mietdauer eines Lagerabteils in Wien beträgt gerade zehn Monate. „Man mietet nicht nur Raum, man kauft sich auch Zeit“, so Peter Stuiber. „Man vertraut darauf, die Dinge später noch von Nutzen sein werden. Diese Räume sind wie eine Schleuse, durch die Dinge hindurch müssen, um in Zukunft woanders sein zu können.“ Man kann es auch als Zeichen eines Wohlstandsüberhangs der heutigen Generationen deuten, die das üppige Erbe ihrer Eltern verstauen, aber viel weniger Platz dafür haben als jene.

Nicht zuletzt verdeutlicht der Erfolg von Selfstorage auch, dass physische Gegenstände auch in Zeiten des digitalen Auslagerns einfach nicht wegzubekommen sind. „Don’t trust the cloud“, so der freche Werbeslogan des amerikanischen Anbieters Manhattan Mini Storage im notorisch beengten New York. Auch wenn der Platz in der Stadt immer enger wird: Die Dinge verschwinden nicht. Pech für Marie Kondo.

Trösten dürfte sie zumindest die Tatsache, dass die Ausstellung fern jeden Messietums sehr aufgeräumt und übersichtlich geraten ist. Sie macht nicht nur ein meist ignoriertes Phänomen anschaulich sichtbar, sondern kommt auch fürs Wien-Museum zur richtigen Zeit: Dieses hat sich, während das Haus am Karlsplatz umgebaut wird, sozusagen selbst ausgelagert. Während die Sammlung ins Depot wandert, sind die Ausstellungen im Übergangsdomizil Musa neben dem Rathaus untergebracht. Auch Museen haben heute bewegte Biografien.

[ „Wo Dinge wohnen – Das Phänomen Selfstorage“, Wien-Museum Musa, Felderstraße 6–8, 1010 Wien, bis 7. April 2019 ]

28. Januar 2019 Der Standard

Generation Solidarität

Die Zeit der Einzelkämpfer und der Meisterarchitekten ist vorbei. Österreichs junge Architekten sind gemeinsam stark. Der Beweis dafür: ausgerechnet ein Format namens Fight Club.

Die blutigen Gesichter von Edward Norton und Brad Pitt. Geheime Treffen im Keller, die in einen Kampf gegen die Langweile der Kommerzgesellschaft münden. Der Film Fight Club von David Fincher schien 1999 perfekt in eine nervöse Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert zu passen.

Zehn Jahre später wird in Wien ein Fight Club gegründet. Blut fließt keines in den Treffen des Fight Club in Wien. Es fliegen keine Fäuste, der gesellschaftliche Umsturz steht nicht auf der Tagesordnung. Es wird schlicht und einfach diskutiert. Eine lose Gruppe junger Architekten trifft sich an jedem letzten Freitag im Monat, um ihre Entwürfe und Pläne der schonungslosen Kritik der Kollegen auszusetzen.

Warum tut man so etwas? „Als wir begannen, uns selbstständig zu machen, waren wir zu dritt“, erinnern sich die Urmitglieder Erwin Stättner und Robert Diem, die im Jahr 2009 das Büro Franz gründeten. „Unsere Partnerin war fast immer einer anderen Meinung als wir beide. Das war anstrengend, aber es hat uns weitergebracht. Als sie sich beruflich veränderte, hat uns das Korrektiv gefehlt. Also haben wir es woanders gesucht.“ Bald fanden sich Gleichgesinnte, man traf sich mal im einen, mal im anderen Büro, die Abende dauerten nicht selten bis fünf Uhr früh, eine rituelle Schnapsflasche auf dem Tisch.

Ehrliche Meinung

„Die Grundregeln sind: Ehrliche, ungeschönte Meinungen. Keine Bauten, die schon fertig sind. Jeder bringt ein eigenes Projekt mit und teilt nicht nur aus“, erklärt Stättner. Mit Erfolg: „Alleine das Erklären eines Projektes hat oft schon einen Denkprozess in Gang gesetzt. Man merkt selbst schnell, wenn was nicht stimmt.“

So konnte es kommen, dass aufgrund der Fight-Club-Kritik eine Wettbewerbsidee in letzter Minute umgeworfen wurde, nicht selten mit Erfolg: Im Wettbewerb zur Volksschule in Landeck war freigestellt, den Bestand zu sanieren oder einen Neubau zu planen. „Wir wollten eigentlich lieber abbrechen und neu bauen, aber nach intensiver Diskussion haben wir uns dann für die Sanierung entschieden und gewonnen,“ sagt Robert Diem.

Der Fight Club besteht bis heute, er feierte kürzlich sein zehnjähriges Bestehen. Das Kernteam blieb, manche Architekten kamen später dazu, manche waren nur sporadisch dabei. Allein die Nächte wurden kürzer, schließlich haben viele inzwischen Familie gegründet. Aufnahmeprüfungen gibt es keine. „Wie in jeder anderen Berufsgruppe merkt man auch bei den Architekten, wem es um Inhaltliches geht“, sagt Architekt Juri Troy. „Unter diesen Kollegen tauscht man sich auch gerne aus – auch oder gerade wenn man nicht einer Meinung ist.“

Was den Kampf im Titel trägt, ist nichts anderes als gelebte Solidarität. Das ist ein Zeichen eines Generationenwechsels in der österreichischen Architektenszene. Noch in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren das Bild und Selbstbild der Architekten geprägt vom Klischee des Einzelgenies: Hut, Schal, auffällige Brillenmode (Männer), Yamamoto-Gewand und auffällige Frisuren (Frauen).

Dass hinter ihnen Büros mit Dutzenden und Hunderten von Mitarbeitern standen, die daran tüftelten, die schnell hingeworfenen Skizzen in Fundament und Tragwerk, in Stahl, Stein und Holz umzusetzen und die Ideen der Baupolizei zu erklären, wurde gerne verschwiegen. Architektur ist eine Mannschaftssportart. Niemand baut alleine ein Haus.

Goodbye, Genies!

Pünktlich zur Jahrtausendwende mehrten sich die Zeichen, dass die Zeit der Genie-Architekten zu Ende ging. In Österreich war die nächste Generation am Start, genervt von der postmodernen Eitelkeit ihrer Vorgänger und Professoren. Sie traten als Teams auf, zu dritt, zu viert, zu fünft, und gaben sich lustige Namen. Manche nannten sie die Generation Boygroup (trotz des gestiegenen Frauenanteils). Das Architekturbüro wurde zur Popgruppe, in der jedes Mitglied seine Fähigkeiten einbrachte. Entwurf, Baustelle, Ausführungsplanung und Auftreten in der Öffentlichkeit als Äquivalente zu Komposition, Arrangement, Schlagzeug, Gesang.

Die Gründung der IG Architektur im Jahr 2001 als Korrektiv der in administrativer Trägheit erstarrten Architektenkammer war das deutlichste Zeichen für diesen Wechsel. Der massiv angekurbelte Wohnbau, für den sich die alten Genies sowieso nie interessiert hatten, und eine oft fragwürdige Wettbewerbskultur verlangten andere Handlungsweisen.

20 Jahre später sind die Popgruppen etabliert und erfolgreich, während die Arbeit der Architekten noch schwieriger geworden ist. Sie haben sich mit Sparzwang, Übernormierung und überhitzter Baukonjunktur herumzuschlagen. Die Antwort der nächsten Architektengeneration ist: mehr Solidarität. Sichtbar wurde dies 2015, als die Stadt Wien beschloss, ihre Schulbauten künftig als Public-private-Partnership-Modelle (PPP) auszuschreiben. Die Architekten befürchteten, zu reinen Entwerfern degradiert zu werden, ohne Einfluss auf das gebaute Ergebnis.

Eine Flut von Rundmails unter Fight-Club-Mitgliedern führte zu einer radikalen Aktion: Auf 51 der 84 abgegebenen Plakate im Wettbewerb für den Campus Berresgasse waren keine Pläne, sondern Protestslogans zu sehen: „Ich will nicht in die Investorenschule“. Eine Solidarität, bei der der eigene wirtschaftliche Erfolg dem höheren Zweck geopfert wurde. Das war neu.

Gut vernetzt

„In Zeiten von Kosten- und Termindruck, Honorardumping und Qualitätsverzicht ist Solidarität immer wichtiger“, sagt Marion Gruber vom Büro PLOV. Heute hilft man sich nicht nur bei der Entwurfsidee, sondern vor allem in der Alltagspraxis. „Wir sind gut vernetzt, greifen schnell zum Handy, stellen Fragen und bekommen schnelle Antworten. Wir tauschen Detailpläne aus und unterstützen einander in vertraglichen Dingen“, sagt Markus Bösch von YF Architekten. „Wir halten zusammen, wenn es darum geht, dass Wettbewerbe gut vorbereitet und fair ablaufen.“ Michael Aigner vom Büro Steinkogler Aigner konstatiert: „Dass sich Architekten treffen und Projekte offen und ehrlich diskutieren, ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Aber es zeichnet sich schon eine Entwicklung vom Architekten als Einzelkämpfer über Architekturkollektive hin zum Architektenschwarm ab.“

Nicht genug Worte

Manche fanden sogar über den Kampf zur Liebe. Im Jahr 2017 fusionierten die Fight-Club-Mitgründer Franz und Sue Architekten zu Franz&Sue. In diesen Wochen beziehen sie gemeinsam mit anderen Architekten ihr eigenes Haus – das Quartiershaus „Stadtelefant“ im Wiener Sonnwendviertel. Andere Städte folgen dem Beispiel: 2018 wurde NEXT Generation gegründet, eine Gruppe junger Architekten in Salzburg. „Die erste Regel des Fight Club: Ihr verliert kein Wort über den Fight Club“, so das berühmteste Zitat aus dem Film. Hier gilt das Gegenteil: Man kann gar nicht genug Worte verlieren.

12. Januar 2019 Der Standard

Schönheit als Kampfzone

Der Wiederaufbau von Teilen der Frankfurter Altstadt sorgte für heftige Debatten: Werden Fragen von Architektur, Stadtbild und Rekonstruktion europaweit von rechtsextremen Kräften instrumentalisiert?

„Kulturelles Verbrechen“, „Schandmal“, „Bitte veröffentlicht die Namen der Stadträte, die damals dafür gestimmt haben!“ – eine Auswahl der ausnahmslos wütenden Kommentare auf der Facebook-Seite der Initiative Stadtbild Deutschland e.V. im August 2018. Was erregte die Gemüter so sehr? Ein Foto des alten Kölner Hauptbahnhofs von 1894 und seines modernen Nachfolgerbaus von 1957. Ersterer wuchtig und historistisch, der zweite von bescheidener Leichtigkeit, mit großer Glasfassade zum Dom. Über beide ließe sich Gutes wie Schlechtes sagen, doch es war ausschließlich das moderne, auch schon 61 Jahre alte Bahnhofsgebäude, dem der schnaubende Zorn galt.

„Wir kämpfen gegen den Brutalismus“, verkündet Stadtbild Deutschland e.V., nur eine von vielen ähnlichen Initiativen, für die früher immer besser und die gesamte Nachkriegsarchitektur ein Sündenfall ist. Warum das so sein soll, wird selten begründet, aber immer wieder als selbstverständliche Tatsache behauptet.

Aggression und Polarisierung sind in sozialen Medien gang und gäbe, doch die Debatte über Stadtbild und Rekonstruktion entwickelte voriges Jahr eine Dynamik, die weit darüber hinausging. Der Anlass: die seit 2005 betriebene und 2018 vollendete Rekonstruktion von Teilen der Frankfurter Altstadt, auch „Dom-Römer-Projekt“ genannt. Auf dem fast komplett kriegszerstörten Areal war 1974 das Technische Rathaus errichtet worden, das 2010 abgerissen wurde. Nach mehreren Architekturwettbewerben wurden bis September 2018 auf dem 7000 Quadratmeter großen Areal insgesamt 35 Häuser errichtet, die die früheren Straßenzüge nachbildeten. 20 davon sind Neubauten, 15 sind Rekonstruktionen nahe am Original („schöpferische Neubauten“).

Rechtes Naheverhältnis

Im April 2018 veröffentlichte Stephan Trüby, Professor an der Uni Stuttgart, einen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in dem er nachwies, dass die Initiative für die Rekonstruktion auf zwei Personen mit Naheverhältnis zur Neuen Rechten zurückging. „Es gibt einen falschen Konsens darüber, dass Architektur und Altstädte unpolitisch sind. Ich behaupte, dass hinter der Rhetorik einer angeblichen Schönheit, einer angeblichen Tradition einer angeblichen europäischen Stadt durchaus auch eine rechtsradikale Kultur- und Architekturpolitik stehen kann, die wir nicht unterschätzen sollten“, sagte Trüby im Deutschlandfunk. Zwar betonte er, dass es ihm keineswegs darum gehe, Rekonstruktionen als solche zu skandalisieren, doch die wüsten Reaktionen waren davon unbeeindruckt.

In einem rechtsgerichteten Blog schrieb Wolfgang Hübner, einer der von Trüby genannten Initiatoren, brutalistische Bauten wie das Technische Rathaus seien Teil eines „Schuldkults“ und einer „Sühnearchitektur“ der Nachkriegszeit. Zwar war der etwas überdimensionierte Bau in seiner beamtenhaften Sachlichkeit kein architektonisches Glanzstück, und den weltweit etablierten Brutalismus als deutsche Strategie zur Selbstbestrafung für den Holocaust zu bezeichnen ist lächerlich – doch Theorien wie diese finden viel Resonanz.

Trübys Aussage, Architektur sei immer politisch, wurde somit ausgerechnet durch seine Kritiker bestätigt. Allerdings lässt sich die neue Altstadt kaum als Geheimprojekt von Rechtsextremen bezeichnen, sondern vielmehr als respektables Ergebnis eines über zehn Jahre andauernden breit diskutierten demokratischen Prozesses, der Forderungen nach einer komplett originalgetreuen Rekonstruktion aller 35 Bauten eine Absage erteilte. Die Resonanz auf neue Altstadt fällt überwiegend positiv aus, auch unter den Architekten wandelten sich einige Kritiker zu Befürwortern.

Trotzdem ist der Hinweis auf die Schnittmenge von rechter Politik und Stadtbilddebatten nicht unbegründet. Initiativen, die alles vor 1945 Gebaute in einen Topf mit „gut“ und alles danach in einen Topf mit „böse“ werfen, gibt es nicht nur in Frankfurt. Sie sind wesensverwandt mit der Idee eines Rückzugs in die Festung Europa, in die vermeintliche Homogenität einer Vergangenheit.

Markus Miessen, Architekt und Professor an der Uni Göteborg, Mitherausgeber des soeben erschienenen Sammelbandes Para-Platforms – On the Spatial Politics of Right-Wing Populism, untersucht seit längerem reale und virtuelle rechte Räume. „Die völkisch-autoritäre Strategie der Neuen Rechten inklusive ihrer Formalleuchttürme wie der AfD resultiert in sorgfältig geplanten Plattformen, die physisch und virtuell die Entwicklung von nationalistischen und populistischen Aktivitäten unterstützen. Dieser politische Kampf geht Hand in Hand mit der Aneignung von Räumen, ob symbolisch, virtuell oder in Hektaren“, so Miessen.

Alte Vorurteile

Schönheit als architektonische Kategorie wird nicht nur in Deutschland instrumentalisiert. Im November 2018 etablierte die britische Regierung die Kommission „Building better, building beautiful“, die sich um die ästhetische Qualität zukünftiger Wohnbauten kümmern soll. Zum Vorsitzenden der Kommission wurde der erzkonservative Philosoph Roger Scruton ernannt, der die moderne Architektur schon mehrmals in Bausch und Bogen verdammt hat.

Dass die Tories ausgerechnet beim Wohnbau rein ästhetisch argumentieren, ist nicht ohne Zynismus – schließlich hatten sie den sozialen Wohnbau abgeschafft, alles weitere dem freien Markt überlassen und damit die heutige Wohnungskrise erst ermöglicht. Zahlreiche Architekten kritisierten die Ernennung Scrutons scharf. „Es ist seltsam, dass die konservative Regierung den architektonischen Kulturkampf der 1980er-Jahre von vorne beginnen will“, sagt der Architekturtheoretiker Owen Hatherley, „erst recht, zumal die Architektur der letzten Jahre von Ziegelfassaden und Neoklassizismus dominiert wird.“ Sprich: Die alten Vorurteile gegen moderne Architektur – eckig, glatt, irgendwie „kalt“ – sind immer noch abrufbar, auch wenn die gebaute Umwelt heute ganz anders aussieht.

Mit dem Argument „Die Menschen wollen das so“ lässt sich heute Zuspruch gewinnen, ob in der Architektur oder der Politik. Doch die populistische Instrumentalisierung von Geschmacksfragen wird dann gefährlich, wenn es um Lebensraum geht. Der Mensch braucht Schönes, aber er braucht auch leistbare Wohnungen, eine faire Bodenpolitik, gute Innenräume, benutzbare Städte für alle, die mehr sind als ein Schaustück. Mehr als nur historische Fassaden, hinter denen der Wohlfahrtsstaat in Trümmern liegt.

„Die immer neue Altstadt – Bauen zwischen Dom und Römer seit 1900“. Ausstellung am Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM), bis 12. Mai 2019

5. Januar 2019 Der Standard

Was das Holz will

Auch so geht alpine Gemütlichkeit: Drei Ferienhäuser im Nadelwald auf 1700 Meter Seehöhe, aus Holz und Beton und mit viel Liebe zum Detail. Für die Zusammenarbeit von Investor und Architekten gab es zu Recht den Bauherrenpreis.

Jedes Kind, das seine Nase in der Welt von Harry Potter vergräbt, weiß, dass es eigentlich keine Zauberakademien und kein Gleis 9 ¾ gibt. Dem Lesevergnügen schadet das keineswegs. Suspension of disbelief nennt man in Literatur und Film die Tatsache, dass eine Fiktion für die Dauer des Konsums als glaubwürdige Realität akzeptiert wird. Wer schunkelnd vor den Darbietungen der volkstümlichen Schlagermusik sitzt, ahnt vermutlich, dass die Musik auf der Bühne trotz Trachtenjankerls, Ziehharmonika und Gitarre in einem Studio zwischen zwei Jagertees aus Standardversatzstücken am Sequenzer zusammengeschraubt wurde und weder Quetschen noch Gitarre zur Anwendung kommen. Man weiß es, aber man will es nicht wissen. Grad jetzt, wo’s so gmiatlich ist!

Die alpine Architektur kennt dieselbe willentliche Blindheit gegenüber der schönen Fiktion. Baumassen aus Beton, die in Volumen einem mittelgroßen Hochhaus kaum nachstehen, werden in enge Täler gezwängt und mit Walmdach und Holzbalkon dekoriert, bis sie aussehen wie ein Auffahrunfall aus halbfertigen Bauernhäusern, während im Inneren hochtechnisierte Wellnesslabyrinthe und Großgastronomien, die jedes Bauernhaus sprengen würden, ihre eigene Welt simulieren, mit im Takt von Tourismusmessen wechselnden Möbeln.

Auch der Fremdenverkehrsort Turracher Höhe an der Grenze zwischen Kärnten und der Steiermark ist nicht frei von solchen Hotelgebirgen im Rustikalpanzer. An der Bundesstraße reihen sich Großparkplätze aneinander, am Hang lärmen die Schneekanonen die ganze Nacht. Doch seit kurzem hat sich hier, in der Heimatregion des schlagervolkstümlichen Nockalm-Quintetts, ein architektonisches Trio angesiedelt, das eine Gemütlichkeit erzeugt, die ganz ohne Zaubertrick und Pappkulisse auskommt. Keine raumfressenden XXL-Bauten unter ausladenden Dächern, stattdessen drei kleine Häuser am Hang, in einem lichten Wald aus Zirben und Lärchen. Schwarz gefärbter Sichtbeton und zum Blockhaus gestapeltes Holz. Drei nadelschlanke Türmchen, quer davor an der Straße eine Scheune mit Garage.

Das, was es ist

Nichts ist hier Verkleidung, alles ist das, was es ist. Holz ist massives Holz, Sichtbeton ist massiver Sichtbeton. In diesem Purismus einen Königsweg zur Gemütlichkeit zu erkennen ist charakteristisch für die Bauherren Robert und Petra Hollmann. Der frühere Schauspieler Hollmann hatte sich in Wien auf die Hotellerie verlegt, dann mit seiner Frau in Sri Lanka ein Feriendorf errichtet, bis die Familie wieder zurückkehrte. Buchstäblich – denn Hollmann war als Kind im väterlichen Anwesen „auf der Turrach“ aufgewachsen. „Ich hatte immer eine Hassliebe zu dieser Gegend. Wir hatten das schiachste Haus am schönsten Grund“, erinnert er sich, „und ich habe mich als Kind immer furchtbar gelangweilt hier oben.“

Dennoch blieben die Hollmanns auf der Suche nach der nächsten Großaufgabe hier hängen. Ein Grundstück am Ortsrand wurde gekauft, eine Planung für eine Ferienhaussiedlung gab es bereits: Sechs Reihenhäuser, der Wald hätte dafür daran glauben müssen. „Eine solche Tsunamisiedlung wollten wir auf keinen Fall“, so Hollmann. „wir wollten drei Häuser, jedes unterschiedlich, die zusammen wie ein gewachsenes Dorf ausschauen.“ Ein Dorf mit schwarzem Sichtbeton? „Dadurch gleicht es den Felsen und verschwindet optisch im Hang. Wenn das Holz über die Jahre ausbleicht, bleibt der Kontrast zum Beton so erhalten.“

Ein Investor, der sich über ausbleichendes Holz Gedanken macht und ein lukratives Baugrundstück nur zur Hälfte ausnutzt, dürfte eine Ausnahme sein. Nicht die Ausnahme ist es, dass gerade solche Bauherren mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnet werden, der jährlich von der Zentralvereinigung der Architekten vergeben wird.

Es sind Glücksfälle des Zusammentreffens von Investoren und Architekten. In diesem Fall Roland Winkler und Klaudia Ruck vom Klagenfurter Büro Winkler+Ruck, deren Bauten ein sorgfältiger Umgang mit Materialien auszeichnet, und die gemeinsam mit Ferdinand Certov den internationalen Wettbewerb fürs Wien-Museum gewinnen konnten. „Normalerweise drücken Bauherren vorsichtig auf die Bremse, aber hier sind wir von Anfang an losgeprescht“, erinnert sich Roland Winkler.

Kein Design

Konsens herrschte von Anfang an darüber, was man nicht wollte: Ferienhäuser von der Stange und eine Urlaubsarchitektur, die das Label „Design“ offensiv vor sich herträgt. „Wir haben sogar bewusst versucht, jede schnelle Idee zu vermeiden, und haben stattdessen intensiv am Material und am Ort gearbeitet“, so Winkler. Was man wollte: den Zauber des Orts erhalten. Das hieß: so wenige Bäume wie möglich fällen. Am Ende waren es ganze drei.

„Wir haben die Häuser aus den Bäumen konstruiert. Das Material gab den Raum vor. Ein Blockhaus, das so lang und breit ist, wie die Baumstämme lang sind.“ So ergibt sich von allein die Größe einer Stube. Ganz traditionell. Die Konstruktion, nicht die Kulisse, erzählt hier die Geschichte. Details sollten fast auf null reduziert werden. Eine Anforderung, die den ausführenden Firmen alles abverlangte. „Das Handwerk ist heute an eine Kultur des Fehlerverdeckens gewohnt,“ sagt der Architekt. Hier verspachteln, dort Gipskarton. „Hier geht das nicht.“ Anders gesagt: Dort, wo es Fehler gibt, sind es schöne Fehler. Ehrliche, handgemachte Fehler, die ihren eigenen ästhetischen Wert haben.

Bergsteigen im Haus

Für eine Architektur, die die Idee und das Detail vermeidet, sind die drei Häuser – benannt nach den drei Hollmann-Kindern Franzi, Luki und Toni – von fast überbordender Lust an ideenreichen Details und Raumatmosphären gekennzeichnet. Von den Armaturen aus dem Industriesortiment bis zu den Fenstern, die so platziert wurden, dass sie das richtige gerahmte Bild von Wald, Himmel und Bergpanorama eröffnen. Die viergeschossigen Türmchen fordern sportliche Bewohner: Bergsteigen auch im Inneren. Der sakral anmutende Skiraum in der Scheune würde auch als Hauskapelle durchgehen.

Dass sowohl Bauherren als auch Architekten die Erfindung der mit dem Holz „vernähten“ frei verlegten Stromkabel für sich reklamieren, spricht für beide. Dass hier nichts unüberlegt oder zufällig scheint, spricht für Bauherren, Architekten und Handwerker – auch das ist nicht die Regel. „Die Firmen waren wirklich großartig“, lobt Winkler. „Sie haben mitten im Wald den Beton geschalt und sind nach der Arbeit noch auf den Berg gerannt.“

Es gibt preisgekrönte Architektur, die sich ihrer Preiswürdigkeit fast schon aufdringlich bewusst ist. Und solche, die im Anspruch, das zu sein, was sie ist, das höchste Gut sieht. Eine Stube, eine Eckbank, ein Ofen. Ein Haus im Wald. Gemütlichkeit ohne Fiktion.

1. Dezember 2018 Der Standard

Akupunktur für das Land

Die chinesische Region Songyang versucht, mithilfe von Architektur die Abwanderung in die Städte zu stoppen. Auf den Dörfern sucht ein radikal urbanisiertes Land seine verlorene Seele.

Über Songyang lässt sich eine Fülle von Geschichten erzählen. Zum Beispiel die Geschichte einer kleinen Stadt in der Provinz Zhejiang, 460 Kilometer südlich von Schanghai, inmitten einer Landschaft aus breiten Flüssen, schroffen Felsen und Teefeldern im Morgennebel, in ganz China bekannt für seine pittoreske Schönheit. Die Geschichte von rund 400 Dörfern, in denen nur noch Alte und Kinder leben oder die schon ganz entvölkert sind. Die Schattenseite der globalen Verstädterung, die sich in China besonders rapide entwickelte. Im Jahr 2016 lebten bereits 773 Millionen Chinesen in Städten und 589 Millionen auf dem Land.

Songyang ist auch die Geschichte eines Lokalpolitikers, der diesen Trend aufhalten will: Wang Jun, ein junger, ehrgeiziger und intelligenter Parteisekretär, der seine Heimat als „den letzten geheimen Garten“ bezeichnet und mit einer Rückbesinnung auf regionale Werte die verschlafene Landschaft wieder zum Leben erwecken möchte – um den Bevölkerungsschwund aufzuhalten und mit sanftem Tourismus die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Seine Geschichte ist eng verzahnt mit der von Xu Tiantian, die in Peking ihr Büro DnA Design and Architecture führt. 2015 fand sie eher zufällig den Weg ins abgelegene Songyang. Seitdem hat sie eine Vielzahl von Bauten in der Region realisiert. Eine kleine Fabrik zur Zuckeraufbereitung im Dorf Xing, das Gemeinschaftshaus im Dorf Pingtian, ein Teehaus, einen Bambuspavillon, ein Museum für die Kultur des Hakka-Volks im Dorf Shicang und eine Brücke über den Songyin-Fluss zwischen den Dörfern Shimen und Shimenyu. Geplant und gebaut gemeinsam mit der – zuerst noch skeptischen – Bevölkerung und mit lokalen Handwerkern.

Eine Architektur, die das Bestehende nicht in Grund und Boden planiert, sondern wie Akupunktur funktioniert. Eine Art des regionalen Bauens, die selten ist in einem Land, in dem Bautraditionen meist in Form von disneyfizierten Karikaturen reproduziert werden. Eine Wiederentdeckung von Materialien und Techniken, wie sie auch Pritzker-Preisträger Wang Shu praktiziert. Archaisch ging es auf der Baustelle jedoch keineswegs zu, erklärt Xu Tiantian. Da die junge Mutter nicht ständig aus Peking anreisen konnte, wurde die Bauleitung mit der in China omnipräsenten App Wechat erledigt. „Die Bauern haben alle Smartphones, das hat sehr gut funktioniert,“ sagt sie.

Die Geschichte von Songyang – das ist auch Rural Moves – The Songyang Story, der Titel einer Ausstellung, die im Frühjahr im Aedes-Architekturforum Berlin zu sehen war. Dort wurden die Bauten von Xu Tiantian erstmals im Westen präsentiert, kurz darauf waren sie auf der Architekturbiennale Venedig zu sehen, im Frühjahr 2019 macht die Ausstellung im Architekturzentrum Wien (Az W) Station. „Die Stadt ist ohne das Land nicht diskutierbar“, so Aedes-Direktorin Kristin Feireiss. „Das Land wurde viel zu lang als reine Ressource für die Stadt gesehen. Das ändert sich – wir beobachten heute weltweit ein neues ländliches Selbstvertrauen.“

Also beschloss man, sich just in Songyang mit weltweiten Experten über diesen Versuch eines neuen Gleichgewichts auszutauschen. Anfang November luden Aedes und die Region Songyang zur dreitägigen Konferenz „Regions on the Rise.“ Auch Vertreter der Regierung waren zugegen – in Peking beobachtet man das Experiment von Wang Jun mit erhöhter Aufmerksamkeit.

Herz der Kultur

Denn die Geschichte von Songyang ist auch die Geschichte eines Landes, das nach Jahrzehnten eines wilden Wachstumsrausches die Ahnung befällt, dass es seine Seele verloren hat. „Die alten Dörfer sind das Herz der chinesischen Kultur“, bekräftigte der Parteifunktionär Liu Yuzhu. Deswegen habe die Regierung Initiativen gestartet, um diese Dörfer zu schützen, bis Oktober 2018 seien 1,3 Milliarden Yuan in dieses Strukturprogramm für den ländlichen Raum investiert worden.

Der Wunsch nach emotionaler Bindung an die eigene Identität paart sich mit harten Fakten: Chinas Flächen für landwirtschaftliche Produktion sind durch die Urbanisierung an einem kritischen Minimum angelangt – es geht schlicht ums wirtschaftliche Überleben. Also hofft man, das Erfolgsmodell Songyang als Prototyp reproduzieren zu können.

Ein Wunsch, der auf der Konferenz auf Skepsis traf. Songyang sei mit seiner noch relativ unberührten Landschaft und den Bauern, die am überregional berühmten grünen Tee gut verdienen, ein privilegierter Sonderfall, urteilten Wirtschaftsprofessoren und Architekten. Ins ostchinesische Flachland mit seinen Autobahnen, Tierfabriken und verseuchten Böden und Gewässern wird sich nie ein Tourist verirren.

Wird die Geschichte von Songyang eine Erfolgsstory? Alles deutet darauf hin. In den sorgfältig restaurierten Gassen der Altstadt warten die ersten Vintageläden und gediegenen Edelteeshops auf zahlungskräftige Touristen. In den Dörfern eröffnen findige Kleinunternehmer die ersten Ferienhäuser in alten Gemäuern. Die neue Autobahn nach Songyang ist schon fertig, die Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke ist in Bau, ein Regionalflughafen ebenfalls.

Epilog: ein Samstagabend in der Zehn-Millionen-Stadt Hangzhou, drei Stunden nördlich von Songyang. Tausende von schick gekleideten Jungzwanzigern strömen durch die Straßen zwischen den Flagship-Stores von Gucci, Apple, Adidas und Versace, Einkaufstaschen in beiden Händen. Ob sich Chinas konsumfreudige Jugend dauerhaft wieder zurück aufs Dorf locken lässt? Eine Geschichte mit offenem Ende.

[ Die Reise nach China erfolgte auf Einladung von Aedes und der Regionalregierung Songyang. ]

17. November 2018 Der Standard

Krise macht erfinderisch

Das belgische Kollektiv Rotor wurde mit dem Schelling-Architekturpreis ausgezeichnet. Mit kritischem Realismus und subversiven Techniken weist es den Ausweg aus der Krise der Architektur.

Der seit 1992 vergebene, mit insgesamt 30.000 Euro dotierte Schelling-Architekturpreis honoriert kein Lebenswerk, sondern Architekten, die „das zukunftsträchtige Bedeutsame“ zu fördern. Alle zwei Jahre wird je ein Preis für Architekturtheorie und -praxis in Karlsruhe, dem Ort, an dem der namensgebende Architekt Erich Schelling wirkte, vergeben. Ersterer steht vorher fest, Letzterer wird live in einer Art Mini-Oscar-Zeremonie unter drei Nominierten gekürt. Nicht wenige von ihnen kamen später zu globalem Ruhm, etwa Zaha Hadid und Coop Himmelb(l)au. Als Wegweiser für die Architektur hat sich der Preis zweifellos bewährt.

Doch selten war die Richtung so eindeutig wie in diesem Jahr. Das „zukunftsträchtige Bedeutsame“ deutet heuer so weit weg von der ikonischen Stararchitektur, wie es nur möglich ist. Nicht nur das: In Zeiten, in denen Architekten – nicht zu Unrecht – ihre von Übernormierung und Claim-Management-verseuchten Projektabläufen eingeschränkten Handlungsspielraum beklagen, verweigern sich alle vier der Resignation. Sie tun dies mit einer Mischung aus Pragmatik und listiger Subversion, wie japanische Kampfsportler, die die Bewegung des Gegners (nennen wir ihn ruhig Spätkapitalismus) umlenken.

Der Preisträger, das 25-köpfige Kollektiv Rotor, wurde 2005 in Brüssel gegründet, als sich zwei Architekten nachts in einem leerstehenden Gebäude in Brüssel begegneten, und realisierten, welches Potenzial diesem innewohnte. Seitdem arbeiten Rotor konsequent an einer Architektur der Wiederverwertung, entgegen den immer schnelleren Zyklen von Komplettabriss und Komplettneubau. Sie sichten das Vorhandene, vom Gewerbebau bis zum Wandpaneel und zum Konferenztisch und setzen es neu zusammen. Gemäß der Aussage von Frei Otto: „Ökologisches Bauen heißt nicht bauen.“ So sieht Nachhaltigkeit aus, wenn man sie nicht als hohles Buzzword verwendet.

Als durch und durch politische Architekten tun sie dies nicht aus Lust und Laune, sondern als gesellschaftlichen Umbruch. Ihr subversiver Judo-Move ist, genau an dem Ende des Bauens anzusetzen, vor dem sich Architekten sonst scheuen: Normen und Gesetzen. Gemeinsam mit einer Juristin entwickelten sie einen Leitfaden für eine Wiederverwendung von Baumaterialien, der eine Untersuchung der legalen Rahmenbedingungen mit den praktischen Erfahrungen der Rotor-Mitglieder verbindet. Keine vermeintlich genialen Künstlerskizzen, keine Hochglanzrenderings, sondern magistratsgelbe Formulare und ein handfestes Arbeiten mit dem, was da ist.

Alles ist politisch

Bis hin zur Organisation des eigenen Büros: Rotor arbeitet, ähnlich wie Assemble in London, als Kollektiv. Ein bewusstes Kontra gegen die „Meisterarchitekten“, hinter deren schöner Fassade oft die Ausbeutung der Mitarbeiter steht. „Wir brauchen heute andere Modelle, wie Architekturbüros arbeiten,“ sagt Maarten Gielen von Rotor. „Wir entscheiden im Kollektiv, ob wir einen Auftrag annehmen oder nicht. Ausschlaggebend dafür ist: Können wir etwas verändern?“ So kann es vorkommen, dass man die Teilnahme an einer Architekturbiennale verweigert, weil diese von BP gesponsert wird.

„Alles ist politisch“, sagt auch Alexandre Thériot, der mit Stephanie Bru das Büro Bruther in Paris betreibt. „Die Gesellschaft ist instabil, sie verändert sich. Die Frage ist, wie man darauf reagiert. Uns geht es um Ideen, nicht um Dogmen. Dogmen sind 20. Jahrhundert. Das Starsystem ist vorbei.“ Dabei entsprechen Bruther selbst, auch wenn sie keine Stars sind, unter den Schelling-Kandidaten noch am ehesten dem klassischen Architektentypus. Sprich: Sie stellen neue Bauten her. Aber ihre Bauten wie das Kultur- und Sportzentrum in Paris, ein Laboratorium in Lausanne oder ihre Wohnbauten haben eine einprogrammierte Offenheit. Sie definieren nicht, sie ermöglichen.

Aristide Antonas wiederum fragte sich, wie man dem gebeutelten Athen wieder auf die Beine helfen kann, und entwickelte „Protokolle“, die wie Drehbücher oder Spielregeln funktionieren, um die „Stadt als sozialen Raum“, wie er sagt, wieder wirksam zu machen – zum Beispiel eine Bedienungsanleitung, sich Athens Dächer als Dachterrassen anzueignen. Antonas, der Philosophie in Paris studierte, ist Schriftsteller, Künstler und Architekt in einem. Sein Territorium sind die melancholischen, von der Infrastruktur zerfurchten Landschaften Griechenlands. Ein Haus, das er auf Hydra realisierte, und poetisch-düstere Entwürfe für Rückzugsorte an der Küste sind für ihn Orte des Denkens – nicht als Weltflucht, sondern als Umgang mit der Realität. „Die Arbeitsweise dieser drei Büros ist extrem pragmatisch“, sagt auch Keller Easterling, Schelling-Preisträgerin für Theorie. Easterling, die als Professorin an der Yale University lehrt, beschäftigt sich ebenfalls mit Infrastrukturen, vor allem solchen der Macht – für ihr Buch Extrastatecraft untersuchte sie so diverse Phänomene wie Werbevideos für Freihandelszonen, die Sprache von Normungsinstituten oder das Mobilfunknetz von Nairobi. Ein Versuch, herauszufinden, warum die Welt aussieht, wie sie aussieht, und warum sie an so vielen Orten genau gleich aussieht. Die Judo-Moves, die sie den Architekten vorschlägt: das anonyme Serienzubehör dieser globalen Anonymität zu manipulieren und nicht an das einzelne Objekt, sondern an das Dazwischen zu denken.

In Zeiten, da sich die Welt und der eigene Berufsstand in der Krise befinden, ist die Antwort nicht Resignation, sondern Erfindungsreichtum. Mit einem Realismus, der so pragmatisch ist, dass man ihn schon visionär nennen kann. Die Zukunft wird zeigen, ob der Schelling-Preis auch hier ein Indikator für eine neue Ära war.

3. November 2018 Der Standard

Ideen und Ideologien

Die Ausstellung „Roland Rainer – (Un)Umstritten“ eröffnet dank fundierter Recherche neue Erkenntnisse über die Rolle des österreichischen Architekturdoyens im „Dritten Reich“.

Autobiografien sind selten ein Hort der Objektivität. Erst recht nicht, wenn das erzählte Leben fast ein ganzes Jahrhundert umspannt. Bei Roland Rainer, einem der prägendsten österreichischen Architekten und Stadtplaner des 20. Jahrhunderts, ist das nicht anders. Zwar war seine spät entdeckte NSDAP-Parteimitgliedschaft noch zu seinen Lebzeiten bekannt geworden, über seine Tätigkeiten und seine Gesinnung während des „Dritten Reichs“ wusste man jedoch wenig. Er selbst blendete die Arbeiten von 1936 bis 1945 aus seinem Werkverzeichnis aus. Eine forschungsintensive Ausstellung im Wiener Architekturzentrum bringt jetzt mehr Licht in die Vergangenheit des Doyens der Nachkriegsarchitektur – nicht über private politische Äußerungen, von denen keine überliefert sind, sondern allein über das Werk.

„Das Phänomen der Selbsteditierung von Architekten ist nicht neu“, sagt Angelika Fitz, Direktorin des Az W. „Daher ist eine unabhängige Forschung umso wichtiger.“ 2015 hatte das Az W den Rainer-Nachlass übernommen, im gleichen Jahr widmete man sich (noch unter Dietmar Steiners Leitung) mit der Ausstellung Wien, die Perle des Reiches den NS-Planungen für Wien. Die damals begonnene Recherche mündete jetzt in der Ausstellung Roland Rainer – (Un)Umstritten und untersucht den Schaffenszeitraum von 1936 bis 1963.

Die drei Kuratorinnen Waltraud Indrist, Ingrid Holzschuh und Monika Platzer sichteten dafür rund 10.000 Akten, vor allem in Berlin, wo sich Rainer 1936 unter Angabe seiner Parteimitgliedschaft bei der Bau- und Finanzdirektion beworben hatte. Bis 1938 blieb er in der deutschen Hauptstadt, von 1940 bis 1945 leistete er Militärdienst und arbeitete im technischen Kriegsverwaltungsrat. In einer späteren Gegendarstellung sollte er diese Zeit als „Irrtum“ bezeichnen. Eine Schautafel in der Ausstellung listet Werke und Taten Rainers säuberlich auf – die von ihm freigelassenen Lücken im Lebenslauf sind in roter Schrift ergänzt. Es sind sehr viele Lücken.

Besonders aufschlussreich sind dabei die Schriften, die er im „Dritten Reich“ verfasste, und die später, ideologisch bereinigt, als jungfräuliche Werke veröffentlicht wurden: vor allem das Buch Die gegliederte und aufgelockerte Stadt, das er 1957 gemeinsam mit Johannes Göderitz und Hubert Hoffmann publizierte und an dem er, wie jetzt deutlich wird, schon vor 1945 arbeitete. Beide Ausgaben liegen in der Ausstellung fein säuberlich nebeneinander und laden zur vergleichenden Spurensuche ein.

Keine Stunde null

Dass Roland Rainer die Großstadt suspekt war, lange bevor er 1958 Stadtplaner von Wien wurde, ist hier bestens nachvollziehbar. Nur die Begründungen wechselten zwischen 1945 und 1957 den Tonfall. Wer genau hinsah, konnte die Genese aber schon aus der bereinigten Fassung herauslesen: „Je mehr die lebensstarke Landbevölkerung zurücktritt gegenüber der Bevölkerung der Großstädte, die ihre Volkszahl nicht aus eigener Kraft erhalten können, umso stärker muss sich der ungünstige Bevölkerungsaufbau dieser immer zahlreicher werdenden Großstädte in der Vergreisung des Volkes auswirken.“

Die NS-Pläne für den „Lebensraum im Osten“, die bandförmige, eher landwirtschaftliche als urbane Städte mit nicht mehr als 200.000 Einwohnern vorsahen, entstammten derselben Denkweise: Scholle, Heimat, Familie, vermeintliche Volksgesundheit. Doch war diese Lebensform keineswegs eine Neuerfindung. Schon die Gartenstadtbewegung um 1900 formulierte Utopien grüner, ländlicher und autarker Kleinstädte. Es sind diese Kontinuitäten des 20. Jahrhunderts, die die Ausstellung so lohnend machen: Man staunt, wie problemlos viele architektonische Ideen mit gegensätzlichen Ideologien kompatibel sind.

„Die Architektur im „Dritten Reich“ wird oft auf Führerstädte und Monumentalismus reduziert“, so Ingrid Holzschuh. „Dabei ist die Forschung schon viel weiter und widmet sich den Kontinuitäten: Vom Funktionalismus über die Neue Sachlichkeit bis zum Heimatstil war alles vertreten“. Der Nationalsozialismus war, wenn es ums Planen und Bauen ging, so widersprüchlich wie pragmatisch. Manchmal musste es bombastisch sein, manchmal musste es einfach nur schnell funktionieren. „Es gab im „Dritten Reich“ einen wahren Wettstreit von planerischen Leitmodellen“, erklärt Kuratorin Monika Platzer.

Biografische Verflechtungen vor, während und nach dem NS-Regime hatte schon Werner Durth in seinem im Jahr 1986 erschienenen Werk Deutsche Architekten nachgezeichnet. Etwa die von Hans Bernhard Reichow, während des Zweiten Weltkriegs Mitarbeiter am „Generalplan Ost“, der „Kolonisierung“ der besetzten Gebiete, der 1959 das einflussreiche Werk Die autogerechte Stadt veröffentlichte. Oder die von Ernst Neufert, der am Bauhaus studierte und 1936 erstmals seine bis heute als Standardwerk geltende Bauentwurfslehre veröffentlichte. Neufert, der mit der Speer’schen Gigantomanie nichts anfangen konnte, blieb zeitlebens der industrialisierten Moderne verpflichtet und war mit dieser in Diktatur und Republik gleichermaßen gut aufgehoben.

Nicht wenige Ideen gediehen eben in verschiedenen ideologischen Biotopen hervorragend. Auch das Einfamilienhaus, das Roland Rainer zeitlebens propagierte, war eine vom NS-Regime präferierte Wohnform. Rainer selbst begründete dies im Jahr 1944 damit, dass diese Wohnform überall dort vorherrsche, „wo die Fülle arischen Wesens konzentriert“ sei.

Dass Rainers Siedlungen wie die Gartenstadt Puchenau bei Linz trotz alldem zum Besten gehören, was im Wohnbau der Nachkriegszeit geleistet wurde, verleiht seinem Schaffen eine welthistorische Spannung. Das Einfamilienhaus an sich aufgrund dieser Vereinnahmungen zu verdammen, wäre jedoch vermessen. Die „Stunde null“ ist eben nicht nur in der Weltgeschichte, sondern auch in der Architekturgeschichte ein Mythos.

Muss nun der Roland-Rainer-Platz vor der Wiener Stadthalle umbenannt werden? Auf keinen Fall, so die Kuratorinnen. Es gehe nicht darum, die Geschichte zu bereinigen. Zu verdanken ist es der Schau, dass sie eine Fülle neuer Fragen aufwirft und zu weiterer Nachforschung einlädt.

3. Oktober 2018 Der Standard

Leistbare Mieten auf dickem Eis

Die Neubebauung am Eisring Süd startet nach langen Verzögerungen

Einen Winter lang dürfen die Läufer ihre Bahnen noch ziehen und die Eishockey-Cracks ihre Pucks schmettern. Dann rücken am Eisring Süd in Wien-Favoriten die Baukräne an. Eigentlich hätte der Baubeginn für die Wohnungen längst erfolgen sollen, doch langwierige Verhandlungen, Gerüchte über kontaminierten Boden und der Protest einer Bürgerinitiative verzögerten das Projekt.

580 Wohnungen werden hier entstehen, sowohl als Teil der seit 2011 laufenden Wiener Wohnbauinitiative als auch im Rahmen der Schiene „Gemeindebau neu“. Ewald Kirschner, Generaldirektor der Gesiba, die 276 geförderte Wohnungen für die Wohnbauinitiative errichtet, zeigt sich erleichtert: „Nach zwei Jahrzehnten an Planungen und Überlegungen ist es uns jetzt gelungen, eine Vielzahl an leistbaren Wohnungen und einen viergruppigen Kindergarten errichten zu können und durch die Generalsanierung nach zeitgemäßen Bedürfnissen auch den Eissport für den Stadtteil zu erhalten.“ Die Sanierung der alten Eissportanlage war Bedingung für den Wohnbau, eine neue Ballsporthalle wird das Angebot ergänzen.

Baustart im Herbst 2019

Die Generalsanierung der Sportstätte beginnt im Mai 2019, um die Sperre auf eine einzige Wintersaison begrenzen zu können, der Baubeginn für die Wohnungen startet im Herbst 2019. Für die Planung der bis zu neungeschoßigen Gesiba-Bauten ist die Arge Eisring Süd mit den Büros Podsedensek und Hermann & Valentiny verantwortlich; von Letzteren stammt auch der Masterplan für das Gesamtareal.

Geförderte Mietwohnungen seien für die von der Wien Holding verwaltete Gesiba mehr als nur das Kerngeschäft, so Kirschner. Zwar habe man in der Vegagasse im 19. Bezirk neben 60 Mietwohnungen (ebenfalls im Rahmen der Wohnbauinitiative) auch 40 freifinanzierte Wohnungen errichtet, das sei aber ein Ausnahmefall, so Kirschner. „Leistbarkeit ist einer unserer Grundsätze, daher decken Mietwohnungen 99,9 Prozent unseres Wohnangebots ab.“ Kein Wunder, dass auch das „beste Stück“ in diesen Prozentsatz fällt.

3. Oktober 2018 Der Standard

Testlauf in der Gasometer City

Beim Wohnbau im Gasometer bot die WBV-GPA 2002 erstmals die spätere Option für Eigentum an – ein „Zuckerl“, von dem viele Bewohner Gebrauch machten.

Als die Wiener Gasometer City im Herbst 2001 mit Fanfaren eröffnet wurde, galt sie als mutiges Neuland für die Stadterweiterung – ein Bürostandort mit Wohnungen in den vier denkmalgeschützten Zylindern als Kern. Bekannterweise kam es etwas anders. Die Shopping-Mall verdorrte, der Gewerbebau stockte, dafür werden demnächst Wohnhochhäuser in den Himmel ragen, vor 17 Jahren undenkbar.

Der Gasometer B von Coop Himmelb(l)au Architekten war mit seiner Kombination aus kreisförmiger Bebauung im Inneren und angelehntem 73 Meter hohen „Schild“ der auffälligste der vier. Doch er war auch auf eine Weise besonders, die nicht sofort ins Auge fällt. Denn die Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA) bot den Erstmietern damals die 256 Wohnungen (140 im Gasometer, 116 im „Schild“) mit Option auf späteres Eigentum nach zehn Jahren an.

„Für uns war das damals Neuland“, sagt WBV-GPA-Geschäftsführer Michael Gehbauer. „Es war sozusagen der Testlauf für den Mietkauf im geförderten Wohnbau.“ Man habe sich damals auch gefragt, ob das Wohnen in einem Gasometer im Industriegebiet am Stadtrand attraktiv genug sei.

Sprich: Das Eigentum war das Zuckerl für die Interessenten. Besonders versüßt wurde dieses Zuckerl durch den günstigen Kaufpreis – nicht zum Verkehrswert, sondern zum Herstellungswert. Ein Schnäppchen mit einem Mehrwert, der heute aufgrund der inzwischen geltenden Bestimmungen nicht mehr möglich wäre.

Im September 2001 waren die Wohnungen fertiggestellt, 2012 wurde die Eigentumsoption schlagend. Bis zum 31. 12. 2017 wurden 125 der 256 Wohnungen an ihre Erstmieter verkauft, also fast die Hälfte. Angesichts der Entwicklung der Immobilienpreise in Wien seit 2002 überrascht es nicht, dass viele davon gleich mit Gewinn weiterverkauft wurden.

Eigentum als Sprungbrett

„Ich war damals noch für die Vermietung zuständig und kannte die Mieter sehr gut“, erinnert sich Gehbauer. „Das war vor allem eine junge, urbane Klientel, viele davon Singles. Heute ist das ein etabliertes Mietersegment, aber vor knapp 20 Jahren war das ungewöhnlich, weil man damals vor allem für Familien plante.“ Inzwischen sind aus einigen Gasometer-Singles Familien geworden. Viele davon sind weitergezogen, mit der Eigentumswohnung als Sprungbrett.

Heute hat die WBV-GPA also einen Halb-halb-Wohnbau am Gasometer. Ist der Aufwand für die Hausverwaltung höher? „Natürlich. Eigentum und Miete haben eine komplett verschiedene rechtliche Stellung, die Wohnungen sind dementsprechend unterschiedlich zu behandeln, etwa wenn es um Sanierungen oder Reparaturen geht.“ Ein gelungener Testlauf und ein bestes Stück sei es aber auf jeden Fall – schon allein, weil man viel gelernt habe.

25. August 2018 Der Standard

#haus #wow #super

Mit Instagram ist die Architektur schließlich doch in den sozialen Medien angekommen. Verändert der schnelle Bildkonsum die Architektur? Müssen Räume heute „instagrammable“ sein?

Dürfen wir vorstellen: Norman Foster, Baron Foster of Thames Bank, Influencer. Ja, richtig, wir reden von Social Media. Was 17-jährige Kosmetikgirls können, nämlich Onlinegefolgschaft um sich sammeln, kann der 83-jährige Brite mit links. 237.000 Follower hat sein Instagram-Account @officialnormanfoster.

Als wäre er nicht schon berühmt genug und hätte eigentlich genug anderes zu tun, zum Beispiel ein paar Flughäfen fertigzubauen, räkelt sich der Architekt in einem aufblasbaren Einhorn auf einem Pool: „Time for the unicorn“ lautet seine lapidare Bildunterschrift dazu. 28.775 Instagrammern gefällt das.

Architekten und Social Media – das war bisher ein seltsames Verhältnis. Wie in einer ewigen Warteschleife kreiste man vorsichtig umeinander und kam doch nie zusammen. Architektur hat andere Zyklen als Twitter oder Facebook. Die atemlose Schnelligkeit eines Newstickers wird sie nie erreichen. Es wird eben selbst bei den leistungsstärksten Büros nicht alle zehn Minuten ein Haus fertig.

#hashtag #biennale

Bis jetzt. Denn mit der Quadratbilderhalde Instagram scheinen die Architekten ein Zuhause in den sozialen Medien gefunden zu haben. Zwischen den durch alle bereitgestellten Fotofilter gepeitschten Standardmotiven (Kaffeeschaum von oben, Avocadotoast von halb rechts, Selfies im Spiegel, Selfies im Fitnessstudio, Selfies im Spiegel vom Fitnessstudio) sind Fotos von Bauwerken aller Art omnipräsent. Gerne auch garniert mit dem üblichen Hashtag-Stichwortgewitter am Ende jedes Beitrags: #building #awesome #wow.

Ob französisches Palais im Patina-Close-up oder nach oben im Smog verschwindender High-Tech-Tower in Dubai: Hoher Kontrast, simple Formen, fertig ist der „wow“-Effekt beim Durchscrollen. Auch der Account @insta_repeat, der systemkritisch nahezu identische Instagram-Motive gruppiert, hat Architektur im Portfolio: Sehr populär sind etwa rote Holzhäuser vor dunkelgrünem Fjord.

Wer sich durch Architektur mit Wow-Content klicken will, kann entweder den aufstrebenden Stars wie Norman Foster folgen oder sich durch die Hashtags navigieren. 572.000 Fotos unter #instaarchitecture, 122.000 unter #instarchitecture, etwas mehr als zehn Millionen Fotos unter #archilovers, etwas weniger als zehn Millionen Fotos unter #architecturelovers.

Auch auf den wichtigen Events der Architekturwelt kommt man an Instagram nicht mehr vorbei: Auf der Biennale Venedig kann man schon am ersten Tag spekulieren, welche Pavillons und Installationen am meisten „instagrammable“ sind. Kleiner Tipp: Wenn sich die Architektur als schicker Hintergrund fürs Selfie eignet, stehen die Chancen gut. Die Anzahl der Spiegelflächen wird jedenfalls bei jeder Biennale mehr. 142.000 Beiträge unter dem Hashtag #biennaledivenezia geben Zeugnis davon.

Was keineswegs heißt, dass alle Architekten blindlings auf Instagram stürmen. Doch welche von ihnen es tun und welche dabei erfolgreich sind, ist aufschlussreich. Paradebeispiel: der dänische Architektur-Strahlemann Bjarke Ingels.

Neben den Bauten seines Büros BIG bietet der Account @bjarkeingels Einblick in den Alltag des gleichzeitig rastlos und relaxt wirkenden Architekturpopstars, der sich auf einer Art permanentem Urlaub zu befinden scheint. Mit dem Hundeschlitten durch Grönland, beim Burning-Man-Festival in Nevada oder auf griechischen Inseln, dabei einen Kometenschweif von „awesome“-Kommentaren seiner 458.000 Abonnenten hinter sich herziehend.

Ohne Zumthor

Die Architektur scheint ihm ganz selbstverständlich nebenher zu passieren. Passend zum Personenkult der sozialen Medien hat Ingels fast viermal so viele Follower wie @big_builds, der Account seines Büros. Die anderen aus der ersten Liga, Zaha Hadid (ZHA), Herzog de Meuron, Snohetta oder OMA, liegen in etwa gleichauf.

Dass man das Bilderportal auch anders nutzen kann als nur als erweitertes Projektportfolio, zeigt der britische Architekt David Adjaye. Sein Account @adjaye_visual_sketchbook ist, wie der Name schon andeutet, eben keine Sammlung seiner eigenen Bauten, sondern von Orten und Räumen, die ihm auffallen, eine Art architektonisches Skizzenbuch, nur eben mit der Handykamera statt mit dem Bleistift. Unter denen, die auf Instagram durch Abwesenheit auffallen, ist – wenig überraschend – der seit jeher dem Analogen und Physischen verpflichtete Schweizer Peter Zumthor.

#hook #verkaufen

Doch was macht nun genau Architektur „instagrammable“? Und vor allem, was macht der Wirtschaftsfaktor Instagram mit der Architektur? „Das Schaffen von Instagram-Momenten ist inzwischen ein Teil des Auftrags für Architekten geworden“, berichtete die Londoner Architektin Farshid Moussavi. Selbstverständlich tätigte Moussavi ihren viel beachteten Kommentar nirgendwo anders als auf ihrem eigenen Instagram-Account @farshidmoussavi.

Die Tendenz ist klar. Dort, wo Architektur etwas mit zu verkaufen hat, sprich in Hotels, Restaurants und im Retailbereich, funktioniert Instagram als billiger Multiplikator. Inzwischen frage sie jeden Kunden, was der „Hook“ sei, den er sich vorstelle, berichtete die Innenarchitektin Hannah Collins, die sich in San Francisco auf Restaurantinterieurs spezialisiert hat. Für das kubanische Restaurant Media Noche waren das: auffälliger Fliesenboden, Tapeten in knalligen Farben, viel Tageslicht. Wer auf Instagram nachforscht, sieht: Der Plan ist aufgegangen.

Dass die mediale Darstellung die Architektur beeinflusst, ist seit der Anfangszeit der Fotografie nichts Neues. Kassandrarufe, dass die räumliche Qualität zugunsten des Wow-Effekts beim zweidimensionalen Durchscrollen vor die Hunde geht, sind also verfrüht. Hört man sich unter österreichischen Architekten um, ist „instagrambar“ noch kein Faktor beim Großauftrag, und auch in den hiesigen Profilen wird ganz konventionell vom Wettbewerbsgewinn, vom Spatenstich oder dem jährlichen Büroausflug berichtet. Aber wer weiß, vielleicht ist das erste aufblasbare Einhorn schon bestellt.

11. August 2018 mit Wojciech Czaja
Der Standard

Volle Ladung, leeres Gut?

Billiger Wohnraum, stapelbares System, individuelles Einzelstück: Recycelte Schiffscontainer sind populär. Doch ist das Wohnen in der Stahlkiste wirklich eine gute Idee? Zwei Positionen.

Wojciech Czaja: Komm nur rein! Das ist mein Büro. Da schaust, was?“ Ho Kai Pong sitzt an seinem Schreibtisch, umzingelt von Aktenordnern und Gießkannen in allen möglichen Farben und Formen. Pong ist Projektleiter in der Urban Oasis, einer städtischen Biofarm im Norden von Hongkong, in der tausend Mitglieder aus der ganzen Stadt kleine Gemüseparzellen anmieten, auf denen sie Okra, Melanzani und Bittermelonen anbauen. „Ein klassisches Bürohaus kam für uns nicht infrage“, sagt der 33-Jährige. „Nicht hier in der Oase! Daher haben wir uns entschieden, ein paar alte Container anzukaufen. Das passt viel besser zu unserem ökologischen Gedanken, den wir hier pflegen.“

Das grün lackierte Bürohäuschen in der Urban Oasis ist nur ein Beispiel von mittlerweile Hunderten auf der ganzen Welt: ausrangierte Überseecontainer am Ende ihrer Lebenszeit, die, ihrer eigentlichen Funktion beraubt, ein Dasein als häusliche Hülle fristen – sei es zum Wohnen, zum Arbeiten oder für gewerbliche Zwecke. Die Liste an kreativen Lösungen findet kaum ein Ende.

In Zürich haben die Gebrüder Freitag vor vielen Jahren schon ein erstes Exempel statuiert, indem sie 19 alte Container zu einem Turm gestapelt haben, worin sie nun ihren Flagshipstore betreiben. In Johannesburg wurden 64 Container auf ein altes Getreidesilo gehievt und dienen nun als Boarding House. In Berlin besteht das Studentenheim Frankie & Johnny aus insgesamt 420 solcher Kisten. Und in den Pop-up-Dorms in der Seestadt Aspern wird ein alter, weitgereister Überseecontainer als Bar genutzt. Auf der Metallplakette ist noch deutlich die Aufschrift zu lesen: „Approved for transport under customs seal.“

Sexy, schicker Lifestyle-Faktor

In letzter Zeit kommt der Container vor allem bei Budget-Hotels sowie als bauliche Billiglösung für Flüchtlingsheime zum Einsatz. So geschehen in diversen Städten in Deutschland und in der Schweiz. In Leutschenbach errichtete die Asylorganisation Zürich (AOZ) ein Containerdorf für 250 Asylsuchende. Das dreigeschoßige Haus aus beigen, gelben und orangen Containern wirkt zwar billig und funktional, aber keineswegs unangenehm. Etliche Architektur- und Designblogs haben darüber berichtet.

Am Ende fragt man sich: Wozu der ganze Aufwand? Wozu 20 und 40 Fuß lange Kisten umbauen und mit größter Mühe technisch und funktional ertüchtigen? Das ginge doch viel einfacher! Die Antwort: weil der Container ein wichtiger Katalysator ist, um die breite Masse zum Nachdenken anzuregen – darüber, wie wir heute mit unseren materiellen Gütern umgehen und wie wir das in Zukunft zu tun gedenken.

Der Container als sexy, schicker Lifestyle-Faktor und Cradle-to-Cradle-Objekt XXL ist ein erster Schritt in Richtung Ressourcenschonung und Recycling. Denn Hand aufs Herz, davon ist die Baubranche allen Lobpreisungen zum Trotz in Wahrheit noch meilenweit entfernt.

Maik Novotny: Noch steht er da, wie ein Alien aus der Vergangenheit: der Nakagin Capsule Tower in Tokio, ein Stapel aus vorgefertigten Betonkisten mit kreisrunden Fenstern. 1972 von Kisho Kurokawa erbaut, ist er ein Überbleibsel der 60er-Jahre, als die Gruppe der japanischen Metabolisten von Gebäuden und Städten in ständiger Bewegung träumte. Elemente, die wie Container frei kombinierbar sind! Häuser, die sich den Bedürfnissen anpassen und weiterwachsen können! Ein Kosmos der unendlichen Flexibilität.

Es waren großartige und faszinierende Visionen. Dennoch ist der Metabolismus in der Praxis gescheitert. Häuser wachsen selten, und wenn, dann nicht nach vorgegebenem Plan. Der Mensch ist ein sesshaftes Wesen, er will einfach nicht flexibel werden. Trotzdem träumen Architekten heute noch von modularen Bauklotzsystemen, und in den Medien sind zu Wohnraum umgebaute Schiffscontainer präsenter denn je. Was ist an den Blechkisten so faszinierend?

Der Mensch ist keine Ware

Da hat sich die Menschheit über Jahrtausende Kulturtechniken angeeignet, um ihr Zuhause stabil, behaglich, hell, schön, raubtiersicher und wasserfest auszustatten. All dies soll stattgefunden haben, um dann auf ein willkürliches Standardelement aus dem Transportwesen zurückzugreifen, bei dessen Erschaffung diese Qualitäten gar keine Rolle spielten? Eine Box aus Stahl, 6,06 mal 2,44 mal 2,59 Meter groß: Das soll zivilisatorischer Fortschritt in der Architektur sein?

Sie seien halt so einfach und billig, heißt es. Doch wenn Container zu Wohnraum werden, dann nur mit enormem Aufwand. Fenster und Türen müssen hineingeschnitten werden, und damit man nicht friert oder verglüht, muss die Kiste gedämmt werden, wodurch der enge Raum noch enger wird. Am Ende ist das billige Standardprodukt zur teuren Stahlblechcollage geworden, zum aufwendigen Designer-Einzelstück mit einer Garnitur Industrieoptik. Eh nett. Aber Lösungen für den Wohnraummangel sind beim Basteln mit Containern nicht in Sicht.

Warum sollten sie auch? Man könnte auch fragen: Warum soll eigentlich etwas so Elementares wie Wohnen besonders billig sein? Wenn schon Schiffscontainer recyceln, warum nicht für eine Firmenzentrale oder ein Bankgebäude? Dazu würden die austauschbaren Kisten angesichts der Kurzlebigkeit des hyperflexiblen Finanzsektors doch viel besser passen.

Stattdessen wird bei Bankgebäuden kein Aufwand gescheut. Nach dem nächsten Merger oder der nächsten Pleite werden sie mit ebensolchem Aufwand umgebaut oder abgerissen. Währenddessen diskutiert man beim Wohnen über smarte Miniapartments, Tiny Houses und gestapelte Container, als wäre Wohnen etwas, das man am besten im Diskonter kaufen sollte, als wäre Wohnen nicht etwas Wertiges und Würdevolles, in das man alles Können und Wissen investieren sollte, das man hat. Der Mensch ist keine Ware. Deshalb: Lasst die Container dort, wo sie hingehören!

4. August 2018 Der Standard

Wermut im Weinglas

Steven Holls Loisium in Langenlois gilt zu Recht als architektonisches Meisterwerk. Doch der Ort rückt der Weinwelt immer näher. Ist die einzigartige Lage in den Reben durch Zersiedelung gefährdet?

E s war ein so seltenes Ereignis, dass man es auch eine Singularität nennen konnte: Fachwelt, Laien und Besucher waren sich einmal einig, dass man es mit einem besonderen und großartigen Stück Architektur zu tun hatte. Vielleicht sogar ein Wunder, auf jeden Fall eine glückliche Fügung. Zwei lokale Weinbauernfamilien hatten den amerikanischen Architekten Steven Holl in die kleine Gemeinde Langenlois gelockt, und was Holl dort skizzierte und dann von 2003 bis 2005 mit seinen hiesigen Partnern Franz Sam und Irene Ott-Reinisch baute, war gleichzeitig ungewohnt wie ein gelandetes Raumschiff und tief im Ort verwurzelt. Eine Komposition aus Architektur und Weinbau in drei Teilen, „under, in and over the ground“. Unter der Erde die Gewölbe der Weinkeller, in der Erde die Weinerlebniswelt als leicht verbeulter und zerschnittener Metallwürfel, und über der Erde das Hotel, dessen 82 Zimmer exakt über der Oberkante der Weinreben auskragen und in die sanfte Hügellandschaft des Kamptals blicken.

Heute ist das Loisium nicht nur ein überregionaler Besuchermagnet, es hat Langenlois auch einen kulturellen Schub versetzt – und spült nebenbei reichlich Gewerbesteuer in die Gemeindekasse. Fährt man heute durch den Ort, glaubt man gern, dass die Langenloiser glückliche Menschen sind. Eine für Weinbaugemeinden typische Grundzufriedenheit weht durch die Gassen, und selbst der sonst in Niederösterreichs Einfamilienhausgebieten grassierende grellfarbige Baumarktbarock ist hier kaum vertreten.

Doch jetzt kommt das Glück von Langenlois wie ein langsamer Bumerang zum Loisium zurück. Schon kurz nach dessen Eröffnung wurde ein Wohngebiet westlich des Hotels in die Weinberge gebaut. Wer heute aus den Hotelzimmern im Norden und Westen schaut, sieht zwar immer noch sanfte Hügel – aber auch viergeschoßige Wohnblöcke in Orange, Weiß und Grau, nur wenige Rebenreihen entfernt. Langenlois ist eine begehrte Wohnlage, ein Viertel der Erwerbstätigen pendelt ins nahe Krems. Während Krems praktisch kein neues Bauland ausweist, gibt Langenlois dem Druck nach. 2017 wurde das Gebiet Lange Sonne Nord umgewidmet: Viereinhalb Hektar Weinberg werden bebaut, einen Steinwurf vom Loisium entfernt. Für die Bebauung wurde ein Gutachterverfahren mit vier Büros ausgelobt, das Ergebnis wurde Ende Juni bekanntgegeben.

Drastischer Brief

Noch vor dem Ende des Verfahrens flatterte den Auslobern ein Brief von Erich Raith, Professor für Städtebau an der TU Wien, ins Haus. Die Worte waren mehr als deutlich. „Es ist für mich völlig unverständlich, wie man eine Verbauung der Lange Sonne Nord in Langenlois ernsthaft ins Auge fassen kann. Die beeindruckend stimmige Dramaturgie der Raumsequenz würde durch jede weitere Bebauung, die sich zwischen den Hotelbau und die anschließende offene Weinlandschaft schiebt, nachhaltig zerstört werden“, so Raith. „Es entsteht der Eindruck: Kaum gibt es in Niederösterreich ein zeitgemäßes Weltklasseprojekt, wird es von den Banalitäten einer alltäglichen Planungs- und Baupraxis eingeholt und in weiterer Konsequenz zerstört.“

In Langenlois sorgte der Brief für Irritation – und eine Einladung zur Ortsbeschau und Diskussion. Man tauschte unterschiedliche Positionen aus, die am Schluss unterschiedlich blieben. „Es war uns bewusst, dass die Bebauung zu Diskussionen führen würde“, sagt der für Raumordnung zuständige Gemeinderat Stefan Nastl (VP) zum STANDARD . „Deswegen haben wir Geld in die Hand genommen und mit Unterstützung des Landes Niederösterreich und Experten ein Gutachterverfahren gestartet.“ Man habe es sich nicht leichtgemacht, aber Langenlois sei eine Zuzugsgemeinde mit starkem Siedlungsdruck, die Baulandreserven seien begrenzt – und die viereinhalb Hektar als „letztmalige Erweiterung“ zu verstehen.

„Es war sicher ein Fehler, die Wohnblöcke so nahe ans Loisium zu lassen“, räumt auch Nastl ein. Für die Lange Sonne Nord will man daher niedrig bleiben: Einfamilienhäuser, Doppelhäuser, Reihenhäuser und Gartenhofhäuser sind geplant – auch um die Sichtkorridore des Loisium freizuhalten. Erich Raith wiederum bleibt im Gespräch mit dem STANDARD bei seiner Ablehnung: „Langenlois hat im Ortskern genug Potenzial zur Nachverdichtung. Man muss dafür kein neues Bauland ausweisen.“

20 Hektar Land werden jeden Tag in Österreich verbaut, damit ist man trauriger Europameister. Die 2017 beschlossenen baukulturellen Leitlinien des Bundes schreiben eine sparsame Flächenentwicklung vor. Sind die viereinhalb Hektar Neubauland in Langenlois also ein Anachronismus? Und ist das Loisium durch die herandrängende Wohnbaurealität in seiner Einzigartigkeit gefährdet?

An der Schmerzgrenze

„Ja, absolut“, sagt Architekt Franz Sam, der für das Land Niederösterreich in der Jury des Verfahrens saß und auch die Interessen der Betreiberfamilie des Loisium vertritt. „Viele Besucher aus dem Ausland kommen nur wegen der Architektur von Steven Holl nach Langenlois. Das ist noch nicht bei allen in der Gemeinde angekommen.“ Die jetzt geplante Bebauung kratze zwar nur am Sichtfeld des Loisiums, aber mit jeder weiteren Bautätigkeit im Sichtkeil wäre die Schmerzgrenze überschritten. „Ein Neubau an dieser Stelle muss zumindest eine hohe Qualität haben. Das ist bei den bisher entstandenen Wohnblöcken nicht der Fall.“ Wurden die Interessen das Loisium von der Gemeinde beim Verfahren berücksichtigt? „Ja, die Rahmenbedingungen waren in Ordnung“, sagt Franz Sam, „allerdings wird jetzt eine Mischung aus zwei Entwürfen umgesetzt, und niemand weiß genau, wie das aussehen wird.“

Stein des Anstoßes sind hier insbesondere die vorgesehenen Gartenhofhäuser – eine niedrige und kompakte Typologie, wie sie Roland Rainer in Siedlungen wie Puchenau bei Linz perfektionierte. Dieser „verdichtete Flachbau“, wie es im Fachjargon heißt, wird bis heute aufgrund seines sparsamen Platzverbrauchs immer wieder als Alternative zum freistehenden Einfamilienhaus vorgeschlagen. Laut Stefan Nastl soll etwa ein Drittel der Langen Sonne Nord mit Gartenhofhäusern bebaut werden. „Mir ist klar, dass viele sich einen höheren Anteil und mehr Innovation wünschen, aber wir werden als ländliche Gemeinde gesehen. Das heißt, es gibt eine gewisse Erwartung, was das klassische Einfamilienhaus betrifft.“ Zumindest habe man für die freistehenden Häuser die Grundstücksflächen auf ein Minimum von 500 Quadratmetern begrenzt. Der Verkauf der Grundstücke soll nach der Erstellung des Bebauungsplans voraussichtlich im Herbst beginnen. Danach klärt sich, ob das architektonische Niveau im Umfeld des Loisium nach oben oder unten korrigiert wird.

Noch kann man vom Hotelzimmer aus, wenn man in die richtige Richtung schaut, in die unberührte Weinbergidylle träumen und die niederösterreichische Realität am Rande des Sichtfeldes ignorieren. Noch ist der Wermut im Weinglas nur ein Tropfen. Die Frage, ob und wie ein Ort in Zeiten des Flächenfraßes wachsen darf und soll, muss dringend diskutiert werden – nicht nur in Langenlois.

14. Juli 2018 Der Standard

Lasst Berlin arbeiten!

Die deutsche Hauptstadt sucht händeringend nach Wohnraum. Das soeben zu Ende gegangene Make-City-Festival präsentierte drei Häuser, die ihre ganz eigene Berliner Mischung von Wohnen und Arbeiten entwickeln.

Berlin-Kreuzberg. Da assoziiert das Klischeegehirn sofort: Gegenkultur, Aufruhr, kulturelles Kunterbunt. Passt schon. Doch es gibt viele Kreuzbergs in diesem Bezirk. Es gibt die Partykieze. Die Gegend um das Kottbusser Tor, Brennpunkt im Guten wie im weniger Guten. Grüne Wohnsiedlungen, in denen das sympathisch-biedere Harald-Juhnke-Westberlin noch unberührt weiterlebt. Der Nordwestzipfel Kreuzbergs ist eine Mischung aus all dem. Hier hat die linksliberale Taz ihren Sitz, hier taumeln Touristen um den nicht mehr existenten Checkpoint Charlie herum, hier hat in den 1980er-Jahren die Internationale Bauausstellung (IBA) recht erfolgreich Stadtreparatur betrieben. Die breiten Furchen der verkehrsgerechten Stadt der 1960er und deren Wohnburgen stehen unvermittelt direkt daneben, dazwischen Daniel Libeskinds Jüdisches Museum. Typisch Berlin: Hier steht nebeneinander, was irgendwie zusammengehört.

Dazu gehört auch die kleine Werkstatt im sprichwörtlichen Hinterhof. Doch heute, wo Berlin händeringend nach Wohnraum sucht, besteht die Gefahr, dass die Mischung verlorengeht, die die Stadt ausmacht. Berlin Remixing, Stadt neu gemischt, war daher das Motto des Festivals Make City, das vom 14. Juni bis 1. Juli in ganz Berlin stattfand. Das von Francesca Ferguson initiierte und geleitete Festival für Architektur & Andersmachen zeigte eine Fülle von Beispielen, die die kleinteilige Mixtur der typischen Berliner Baublöcke und ihrer kleinen Höfe, die nach James Hobrechts berühmtem Bebauungsplan von 1862 entstanden, wiederaufleben lassen. Drei davon liegen direkt nebeneinander, um die ehemalige Blumengroßmarkthalle zwischen Jüdischem Museum und Checkpoint Charlie.

Seriöse Limonade

„Heute werden viele kleine Unternehmen rausgeworfen, sobald im Haus neue Luxuslofts entstehen. Diese Entwicklung war für uns schon vor zehn Jahren absehbar. Wir steuern auf eine Gewerberaumkrise zu, der Markt hier ist leergefegt“, erklärt Britta Jürgens, die gemeinsam mit Matthew Griffin das Architekturbüro Deadline führt. „Deswegen haben wir eine Initiative gegründet, die das bekannte Baugruppenmodell auf das Gewerbe anwendet.“ Baugruppen für das Wohnen sind in Berlin und in Wien längst etabliert, hier wurde das Prinzip erstmals für einen Gewerbeneubau angewandt. Der limonadenhaft-lustige Name Frizz 23 täuscht leicht über die Ernsthaftigkeit des Unternehmens und den enormen Aufwand hinweg, den diese Innovation mit sich bringt. Die 46 Gewerbeeinheiten, vier Wohn-Gewerbe-Einheiten, drei Wohnungen und 14 Minilofts der Baugruppe verteilen sich auf drei Grundstücke mit jeweils eigener Eigentümerstruktur, vom Verein bis zur Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Die Nutzer kommen alle aus dem Kreativbereich, vom Architekturbüro über die Redaktion bis zum Konzertpianisten. Alle Einheiten wurden individuell mit den Nutzern geplant, noch dazu mussten für jeden dieser Nutzer (und deren Anwälte) die Finanzierung verhandelt und komplett neue Vertragswerke entwickelt werden. Eine Mammutaufgabe, angesichts derer es umso mehr erstaunt, dass das Bauwerk, das im Herbst 2018 eröffnet werden soll, mit seiner ruhigen, schwarzen Holzfassade wie aus einem Guss wirkt. „Welche Kulturanbieter können sich heute Eigentum leisten? Nicht viele natürlich“, erklärt Jürgens bei der Führung durch den fast fertigen Bau. „Aber viele der Beteiligten kommen aus Kreuzberg und wollten unbedingt den Standort sichern.“

Dass eine Stadt nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten muss, sah auch der Berliner Senat. Für die Vergabe der städtischen Grundstücke um die ehemalige Blumengroßmarkthalle wurde daher ein sogenanntes Konzeptverfahren entwickelt. Das heißt: Nicht der Meistbietende erhält den Zuschlag, sondern derjenige, der das beste Konzept vorlegt. Architektur und Idee sind wichtiger als der Kaufpreis. Angesichts der notorisch klammen Berliner Stadtkasse ein bemerkenswert mutiger Schritt. 2011 waren alle Grundstücke vergeben, die Stadt verzichtete dabei auf rund eine halbe Million Euro, dafür können Baugruppen wie Frizz 23 sich die Räume leisten, die sie für ihre Idee brauchen.

Lebendiges Erdgeschoß

Eine weitere Idee, die die Stadt überzeugen konnte, wurde auf der anderen Seite der ehemaligen Markthalle realisiert. Auch hier wird Wohnen und Arbeiten kombiniert, zwar rechtlich und logistisch weniger aufwendig, dafür räumlich komplex. Unter dem Namen IBeB (Integratives Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt) entwickelten die beiden Architekturbüros Ifau und Heide & von Beckerath gemeinsam mit einer Selbstbaugenossenschaft eine Art Stadt in der Stadt. Nach außen ein simpler, eleganter Riegel, im Inneren führt ein Mittelgang als Straße mit fünf tageslichthellen Innenhöfen an Wohnungen vorbei, die teilweise auch gewerblich genutzt werden können. „Die zweigeschoßigen Studios, die wir Rohlinge nennen, erlauben den nachträglichen Einbau von Zwischengeschoßen“, erläutert Verena von Beckerath. Im Erdgeschoß werden sich Gastronomie und Creative Industries ansiedeln. „Die Wohnnachfrage hier ist enorm, gleichzeitig braucht der Bezirk dringend Gewerbesteuer. Wir wollen mit unserem Projekt Produktion und Wohnen versöhnen“, ergänzt Christoph Schmidt vom Büro Ifau.

Schön und gut, denkt sich da manch ein Besucher. Creative Industries, das ist zwar very Börlin, aber bedient das nicht wieder nur die Hipsterklientel, die den Ur-Kreuzbergern auf die Nerven geht? Diese Gefahr ist den politisch gewieften Architekten durchaus bewusst, und das dritte Projekt bemüht sich insbesondere darum, auch die Bewohner der umgebenden Kieze einzubinden. Das „Feld-fünf-Metropolenhaus am Jüdischen Museum“ öffnet sein Erdgeschoß nicht nur direkt zum brandneu gepflasterten, sonnigen Platz, sein Konzept ermöglicht durch Kofinanzierung auch eine sehr günstige Miete für dieses Erdgeschoß und seine 400 Quadratmeter Projekträume, die jedem zur Verfügung stehen, der eine Idee hat. Dafür leisten die Käufer der darüberliegenden Wohnungen einen anteiligen Beitrag. „Ein lebendiges Erdgeschoß ist das Grundparadigma, damit eine Stadt funktioniert“, erklärt Architektin Benita Braun-Feldweg vom Büro Bfstudio. „Wir wollen ein echtes Stadtteilzentrum werden und bemühen uns auch, über Kindergärten in Kontakt mit Migranten zu kommen.“ Jedes Haus eine Stadt in der Stadt, ein neues Zentrum von vielen für eines der vielen Kreuzbergs. Keine schlechte Berliner Mischung. Jetzt heißt es: An die Arbeit!

9. Juli 2018 Der Standard

Vorsorge-Regal am Wienerberg

Eine Architekturikone wird zur Wertanlage. Karl Schwanzers Philips-Haus von 1965 wird – außen fast unverändert – mit einem völlig neuen Konzept im Inneren wiedereröffnet. Ein Zeichen für den Wandel der Zeiten.

Die Aussicht ist spektakulär, keine Frage. Zwei Fensterreihen, zwölf Stockwerke über einem Bergrücken. Zur einen Seite Wien, zur anderen Seite der Speckgürtel und das Speckband entlang der Südautobahn, und eine Ahnung des ferneren Südens hinter dem Schneeberg. Es war ein langer Weg zu diesem Panorama. Das ehemalige Philips-Haus heißt schon „PhilsPlace“, doch der Schriftzug am Dach fehlt noch. Der zwölfte Stock heißt schon „Skyloft“, doch noch hängen ein paar Kabel von der Rohdecke.

Noch im März machte das Projekt Schlagzeilen, als eine Hausdurchsuchung bei den Investoren vermeldet wurde; zwei beteiligte Baufirmen hatten eine Klage mit Streitwert von fast zwei Millionen Euro eingebracht. Das sei Geschichte, winkt Norbert Winkelmayer auf Anfrage ab und bemüht sich mit strahlendem Optimismus, dem Namen seiner Firma gerecht zu werden: der Sans Souci Group, die auch das gleichnamige Luxushotel neben dem Volkstheater entwickelt hat.

Am Wienerberg tat man sich mit der Gruppe 6B47, unter anderem Investoren des Althan-Quartiers beim Franz-Josefs-Bahnhof, zusammen. Aus dem ehemaligen Bürobau, der nach dem Auszug des niederländischen Konzerns leer stand, wird nun ein sogenanntes „Vertical Village“ mit 135 komplett möblierten Full-Service- Apartments in den Obergeschoßen und kommerziellen Mietern in den unteren Etagen: zwei Supermärkte, ein Fitnesscenter, eine Bank und das heutzutage unvermeidliche Vapiano, hier in der Luxusvariante, entworfen von Designstar Matteo Thun.

Vertikales Dorf

Schön und gut, aber was lockt Investoren ausgerechnet an den Wienerberg? Ein Blick aus dem Skyloft auf das isolierte und charmelose Hochhausgehege um die Twin Towers: Nein, das generiert sicher keinen sexy Mehrwert. Ein Blick nach Süden auf die frischen Baugruben der Biotope City auf den ehemaligen Coca-Cola-Gründen: Da leuchten die Investorenaugen schon eher. Noch dazu wird direkt vor dem PhilsPlace ab 2028 die verlängerte U2 halten. Ergo: verheißungsvoll nach oben weisende Pfeile auf Flipcharts und Diagrammen.

Ein Schnäppchen war die Investition mit rund 60 Millionen dennoch nicht. Nicht zuletzt weil der Bau unter Denkmalschutz steht. Das Philips-Haus gilt zu Recht als Meilenstein der Wiener Nachkriegsmoderne und wird jetzt, pünktlich zum 100. Geburtstag seines Architekten Karl Schwanzer ( DER STANDARD berichtete), wiedereröffnet. Das 50 Meter hohe und 71 Meter breite Hochhaus, 1965 fertiggestellt, war einer der ersten Großbauten des Architekten nach seinem Pavillon auf der Weltausstellung Brüssel 1958, der als 20er-Haus nach Wien verpflanzt wurde.

Es ist ein unverwechselbarer Schwanzer: Das Material bis an die konstruktive Grenze aus- gereizt, der ganze Bau scheint unter Spannung zu stehen. Vier mächtige Pylonen, dazwischen die ehemaligen Bürogeschoße wie Regalbretter eingeklemmt und beidseitig 16 Meter auskragend, quer dazu ein Flachbau wie eine Schublade durchgesteckt. Eine Schwanzer’sche Symbiose aus rationaler Ingenieurstüftelei und katholisch-emotionalem Sinn für Dramatik: eine Großgeste der ausgebreiteten Arme für die von Süden nach Wien Kommenden auf dem Hügelgrat des Wienerbergs.

135 Vorsorgewohnungen, 31 bis 47 Quadratmeter groß, die kleinsten für 141.000 Euro, befüllen jetzt das Regal, etwa 100 sind bereits verkauft. Vorsorge, das klingt nach Fürsorge und 19. Jahrhundert, doch heute bedeutet es: Wohnung als Sparkonto. Das PhilsPlace ist ein gestapeltes Anlagedepot, sanft gekleidet in den Begriff Vertical Village, doch eine Dorfgemeinschaft mit Fest und Eckbankjause wird hier wohl eher nicht entstehen, die Bewohner werden hier schließlich nur ein paar Tage verbringen. Dafür prasseln den Wohnungseigentümern Mietkosten auf Hotelniveau in die Konten. „Durch die Vermietung an Wien-Touristen und Geschäftsreisende mit kurz- bis mittelfristigen Aufenthalten werden deutlich höhere Mieterträge erzielt als bei normalen Vorsorgewohnungen“, lockt das PhilsPlace potenzielle Käufer.

Sichtbare Statik

Das heißt nicht, dass hier nur aufs schnelle Geld gesetzt wurde. Dieses hätte man mit einem Neubau ohnehin noch schneller bekommen als mit einem aufwendigen Umbau. Man spürt die Bemühung, den Geist des Architekten leben zu lassen, auch in den kleinen Apartments wurde die Tragstruktur des Gebäudes sichtbar belassen. „Es war uns wichtig, die Schwanzer’sche Statik abzubilden“, erklärt Robert Huebser vom Architekturbüro Josef Weichenberger, das für den Umbau verantwortlich ist. „Wir haben sogar alte Statikpläne im Keller gefunden. Man merkt, dass damals Arbeitskraft billig und Material teuer war, denn der Beton wurde aufs absolute Minimum reduziert.“

„Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt war sehr positiv“, so Investor Norbert Winkelmayer zum STANDARD . „Sicher auch, weil wir einige spätere Umbauten entfernt haben, die nicht im Sinne Schwanzers waren.“ Die größte Herausforderung sei das Stiegenhaus gewesen, schließlich steht dieses neben der Fassade speziell unter Denkmalschutz. Die luftige Eleganz der auf einem Mittel- träger balancierenden Stufen musste in Einklang mit heutigen Baugesetzen gebracht werden. Die zwischen die Stiegenläufe gespannten zarten Metallgitter sind ein Kompromiss, mit dem auch Karl Schwanzer zufrieden sein dürfte.

Beim Design der Apartments wurde auf das allzu Naheliegende – ein überbordendes Abfeiern des Mid-Century Modern à la Mad Men – verzichtet und auf sachlich-elegantes Schwarz-Weiß gesetzt. Schließlich geht es um eine langfristige Wertanlage, da zählt die solide Ausführung, damit der Wert der Vorsorgewohnung nicht absackt, wenn sich einmal ein Hotelgast nach einem Absacker zu viel danebenbenimmt.

Von außen bleibt der Bau fast unverändert, nur vor dem Eingang wurden spätere Änderungen korrigiert und das südliche Untergeschoß zum Erdgeschoß, wodurch die „Schublade“ des Flachbaus klarer verständlich wirkt. Für die Stadt und die Architekturgeschichte ist der Erhalt des Baus ein Gewinn. Seine Nutzung als Wertanlagen-Wohnbox ist ein Statement der Gegenwart, genauso wie das Büroregal 1965 ein Statement der damaligen Gegenwart war.

5. Mai 2018 Der Standard

Mehr Gerechtigkeit für Betonmonster!

Das Architekturzentrum Wien rettet mit einer Schau die Ehre des Brutalismus der 1950er- bis 1970er-Jahre und liefert eine historische Einordnung. Mit dabei: bekannte und neu entdeckte Bauten aus Österreich.

Sie werden geliebt und gehasst wie kaum eine andere Architekturgattung. Bauten aus der Zeit des Brutalismus von 1953 bis 1979 stehen für viele exemplarisch dafür, was sie an Architektur nicht mögen: die „Selbstverwirklichung“ (was immer das sein mag), die Maßstabslosigkeit, die Menschenfeindlichkeit. Für manche sind sie in ihrer konsequenten Sichtbetonoptik schlicht und einfach hässlich.

Gleichzeitig hat diese Ära, die man jahrzehntelang nicht mit spitzen Fingern anfasste, in jüngster Zeit eine erstaunliche Wertschätzung erfahren. Nun wird jeder Stil nach etwa 40 Jahren aus Nostalgie, Neugier und Neutralität wiederentdeckt, und man kann die Uhr danach stellen, wann es bei der Postmoderne der 80er so weit sein wird. Vor allem aber sind brutalistische Bauten in ihrer fotogenen Ikonenhaftigkeit ideal für den schnellen Konsum auf Durchklick-Bilderhalden wie Instagram oder Tumblr. Sie springen einem mit mehr Wucht entgegen, als es eine Rasterfassade je könnte. Mal ähneln sie Maschinen, mal außerirdischen Wesen, evozieren archaische Tempel oder embryonale Höhlen. Rational und kühl sind sie selten.

Gegner beschimpfen sie als Monsterbauten und Betonklötze, aber dieses Vorurteil ist plumper als die Bauten selbst. Menschenfeindlichkeit ist materialunabhängig. Die globalen Guantanamos sind gesichtslos, die Türme der Profitmaximierung glasverspiegelt, der Neofeudalismus liebt den Naturstein. Weder das Glas noch der Stein noch der Beton können etwas dafür. Es kommt, wie der populäre Werbeslogan richtig sagt, darauf an, was man draus macht.

Was weltweit daraus gemacht wurde, ist jetzt in der Ausstellung SOS Brutalismus im Architekturzentrum Wien zu sehen, die Ende 2017 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt gezeigt wurde und jetzt vom AzW um zehn österreichische Beispiele ergänzt wurde. Was hier bei allem bildverliebten „Wow“ deutlich wird: Der Brutalismus war nicht nur mit höheren künstlerischen Ambitionen ausgestattet als mancher Bau von der Stange, sondern hatte auch mehr ehrenwerte Ideale im Gepäck.

Denn es waren vor allem öffentliche Bauten wie Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Verwaltungsbauten, die in diesem Stil entstanden. Eine globale Ära des Zukunftsoptimismus und der Gemeinschaftsbildung traf auf Architekten, die nach der rein rationalen Industriemoderne die Baugeschichte und den künstlerischen Gestus wiederentdeckten. So rollte der Brutalismus schon den monochromen Teppich für die farbenfrohe Postmoderne aus, die ihre historischen Bezüge offensichtlicher und bisweilen karikaturenhafter ausspielte.

Brutal global

Die Ausstellung liefert eine weitere Erklärung für die Faszination des Brutalismus: Es gibt einfach so viel davon, dass sich immer wieder Neues entdecken lässt. Er war ein durch und durch globales Phänomen, das sich um ideologische Grenzen nicht scherte. Westliche Wohlfahrtsstaatdemokratien, die kommunistische Sowjetmoderne, in die Unabhängigkeit startende afrikanische Staaten: Jede Haltung fand in der modellierbaren Masse des Betons ihre Form. Nicht selten wurden dem Beton lokale Besonderheiten beigemischt. In Zentralasien kamen Ornamente aus der islamischen Architektur dazu, in Japan wurde der Beton erdig-rau und sinnlich, in Taiwan feingliedrig wie Holz.

Auch unter den österreichischen Beispielen lässt sich einiges entdecken. Die Wiener Wotrubakirche (1976) ist hier als bekanntester Bau ein Fixstarter und gemeinsam mit der grandiosen Pfarrkirche in Oberwart von Eilfried Huth und Günther Domenig (1969) ein Beispiel dafür, wie sich bei sakralen Bauten das bildhauerische Element des Brutalismus besonders frei entfalten konnte.

Das Kongresshaus in Bad Gastein von Gerhard Garstenauer (1974) kann sich in seinem topografischen Wagemut ebenso mit den Großen messen wie Karl Schwanzers horizontal und vertikal perfekt austariertes Ensemble des Wifi St. Pölten (1972). Das Kulturzentrum Mattersburg von Herwig Udo Graf (1976) wiederum ist Ergebnis und Sinnbild einer sozialdemokratischen Kultur- und Bildungspolitik, die betont niederschwellig war. Programmatische Offenheit und geschlossene Betonwände waren nur ein scheinbarer Widerspruch.

„Die heutige Popularität des Brutalismus rührt sicher auch aus einer Nostalgie gegenüber dem starken Staat, der damals qualitätsvolle Architektur ermöglicht und Social Engineering betrieben hat“, vermutet Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum. Sonja Pisarik, Kuratorin am AzW, ergänzt: „Uns ist es wichtig, diese Bauten auch als kulturelles Erbe zu begreifen. Wenn die Architektur verschwindet, verschwinden auch die gesellschaftlichen Bezüge.“

Die Monster verschwinden

Dass die Gefahr des Verschwindens höchst akut ist, davon kündet der Hilferuf im Ausstellungstitel. SOS Brutalismus ist auch der Titel einer Onlinedatenbank, in der die Bauten wie Tierarten nach ihrem Gefährdungsstatus geordnet sind. Viele davon sind bereits abgerissen, wie das raumschiffartige Prentice Women’s Hospital in Chicago oder die Wohnanlage Robin Hood Gardens in London von den Brutalismus-Miterfindern Alison und Peter Smithson. Andere fallen der Geistlosigkeit der Wärmeschutzdogmatik zum Opfer und verschwinden mitsamt ihren bildhauerischen Fein- und Grobheiten unter totem Styropor oder werden, wie im mazedonischen Skopje, mit pseudohellenistischem Prunk verkleidet.

Auch in Österreich besteht Grund, SOS zu funken. Norbert Heltschls Internat Mariannhill in Landeck (1967), eine der überraschendsten Entdeckungen unter den zehn Österreich-Beispielen in der Ausstellung, wurde zu einer grotesk plumpen Kiste verunstaltet. Auch behübschende Pastellfarben können brutal sein. Gerhard Garstenauers Kongresszentrum steht seit 2007 leer. Die Zukunft des Kulturzentrums Mattersburg ist seit Jahren ungewiss, zurzeit wird der bereits beschlossene Radikalumbau nochmals geprüft. Hier hat sich eine Bürgerplattform für den Erhalt ausgesprochen. Karl Schwanzers Internatsturm in St. Pölten wiederum wurde Anfang dieses Jahrtausends ohne Aufsehen und Proteste abgerissen.

Für manche mag die Rettung zu spät kommen, doch die Anerkennung und historische Einordnung, um die sich die Ausstellung bemüht, kommt zur rechten Zeit. Sie lässt den Brutalismus mit riesigen Kartonmodellen und kleinen Betonmodellen berührbar werden und bringt ihn auf Augenhöhe. Es mögen Betonmonster sein, aber hinter der rauen Schale steckt ein guter Geist.

14. April 2018 Der Standard

Bürger-Meister an die Macht!

Der Munizipalismus erobert die Städte. Immer mehr Kommunen werden von Bürgerplattformen regiert und vernetzen sich global. Während Nationen den autoritären Rückwärtsgang einlegen, schauen Städte voraus – und lassen sich keine Angst einjagen.

I ch war mehr oder weniger durch Zufall in die einzige Gemeinschaft von nennenswerter Größe in Westeuropa gekommen, wo politisches Bewusstsein und Zweifel am Kapitalismus normaler waren als das Gegenteil. Theoretisch herrschte vollkommene Gleichheit, und selbst in der Praxis war man nicht weit davon entfernt. Viele normale Motive des zivilisierten Lebens – Snobismus, Geldschinderei, Furcht vor dem Boss und so weiter – hatten einfach aufgehört zu existieren.“ Es war eine so ehrliche wie erstaunte Begeisterung, mit der George Orwell in seinem 1938 erschienenen Buch Mein Katalonien das kurze Aufblühen eines pragmatischen Anarchismus während des Spanischen Bürgerkriegs schilderte.

Ein Hauch dieser Geschichte wehte, ganz unkriegerisch, am 13. 6. 2015 durch Barcelona. An diesem Tag wurde Ada Colau zur Bürgermeisterin gewählt. Colau kam ursprünglich von der „Plataforma de Afectados por la Hipoteca“ (PAH), die gegen Zwangsräumungen infolge der Finanzkrise mobilisierte, die Spanien besonders schwer getroffen hatte. Unter dem Motto „Change begins in the cities“ trat sie in der Folge mit der gemeinsamen Plattform Barcelona en Comú für den Marsch in die Institutionen und eine Öffnung der Stadtpolitik für die Bürger an.

Ihr Wahlprogramm entwickelte die Plattform in unzähligen Gesprächen mit der Bevölkerung und den Asambleas, den nachbarschaftlichen Versammlungen in den Stadtbezirken. Ihre Wahl zur Bürgermeisterin machte damals weit über Barcelona hinaus Schlagzeilen. Eine Bürgerbewegung an der Macht – und die Geburt eines neuen Begriffs: Munizipalismus. Dessen Ziele: Solidarität statt Neoliberalismus, Kommunen, die sich am Gemeinwohl orientieren, und vor allem: sich nicht in Gegnerschaft und Protest einzuigeln, sondern selbst in die Verwaltung zu gehen.

Chance für die Demokratie

Beim Urbanize-Festival, das im Oktober 2017 unter dem Motto DemocraCity in Wien stattfand, berichtete ein Oriol Cervelló, Aktivist von Barcelona en Comú, von den Erfahrungen der ersten zwei Jahre in der Stadtregierung. Dazu gehörten Engagement und internationale Vernetzung in der Flüchtlingsfrage, eine kritische Haltung gegenüber beiden Seiten im katalanischen Unabhängigkeitsstreit – und dazu gehört auch, dass man als Aktivist bisweilen an einer Demonstration gegen die eigene Stadtverwaltung teilnimmt, wenn man in einer speziellen Sachfrage mit ihr nicht einer Meinung ist. Kadergehorsam gehört beim Munizipalismus nicht zur Grundausstattung. Vielmehr geht es um Schnittmengen von Haltungen, die ausverhandelt werden. Elke Rauth, gemeinsam mit Christoph Laimer Herausgeberin der Zeitschrift für Stadtforschung dérive und Veranstalterin des Urbanize-Festivals, sieht großes Potenzial in der Bewegung: „Der Munizipalismus ist eine echte Chance für die Erneuerung der Demokratie. Eben weil er nichts Abstraktes ist, sondern an das alltägliche Zusammenleben in Städten gekoppelt ist. Er zeigt, dass man an der Macht teilhaben kann, ohne sich mit Haut und Haar zu verkaufen.“

Wie international und vernetzt der noch junge Munizipalismus ist, zeigte sich auf dem Kongress Fearless Cities, den Ada Colaus Bewegung im Juni 2017 in Barcelona veranstaltete und bei dem über 600 Vertreter aus über 150 Städten zusammenkamen. Fearless Cities – das konnte man auch als Kampfansage an die Angstmacherei lesen. Denn ob London, New York oder Wien: Städte werden von Politikern im Wahlkampfmodus und Boulevardmedien im Boulevardmodus immer öfter in absurder Realitätsverzerrung als Quasihöllen voller Messerstecher und No-go-Zones ausgemalt. Das alte Klischee der Stadt als Hure Babylon ist eben nie ganz tot. Es ist das Feindbild all jener, die es lieber einfach und monokulturell haben wollen.

Doch das lassen sich die Städte nicht gefallen. In den USA sind die über 300 Sanctuary Cities im Dauerclinch mit den Republikanern, was den Umgang mit illegalen Zuwanderern betrifft. In Spanien und Schweden koordinierten Städte untereinander ihre Flüchtlingskontingente, weil der Staat überfordert war. In Berlin arbeiten die rot-rot-grüne Regierung und die einflussreichen Stadtbezirke mit Bürgern und Experten gegen die Verdrängung durch explosiv steigende Mieten. Das seit 2008 leerstehende Haus der Statistik, ein riesiger DDR-Bau am Alexanderplatz, wurde 2017 von der Stadt dem Bund abgekauft. „Es soll ein Projekt mit Modellcharakter entstehen, indem neue Kooperationen und eine breite Mitwirkung der Stadtgesellschaft sichergestellt werden“, versprach der Koalitionsvertrag. Bis August 2018 wird verhandelt, wie die künftige Nutzungsmischung für Kunst, Soziales, Verwaltung und Wohnen aussehen soll, rund 150 Berliner waren an der ersten „Vernetzungsrunde“ beteiligt.

Südstaaten-Sozialismus

Nicht nur in Europa werden Städte „kommunalisiert“. In Jackson, Hauptstadt des erzkonservativen US-Bundesstaates Mississippi, versprach der gerade 34-jährige Bürgermeister Chokwe Antar Lumumba bei seinem Amtsantritt im Juli 2017, Jackson zur „radikalsten Stadt auf dem Planeten“ zu machen. Die Plattform Cooperation Jackson, mit der er zusammenarbeitet, plant, die Wirtschaft der Stadt zu demokratisieren und den Arbeitern mehr Kontrolle zu geben. Eine Stadt probt den Südstaaten-Sozialismus, während die Nation betäubt vom täglichen präsidialen Irrsinn darniederliegt.

Wer darin eine Links-rechts-Polarisierung diagnostiziert, liegt nicht ganz falsch. Stadtbürger wählen bekanntermaßen tendenziell eher links als Flächenstaatbewohner. Doch Stadtverwaltungen sind traditionell mehr pragmatisch als ideologisch. Sie lösen Probleme – parteiunabhängig. In den Worten von New Yorks legendärem Bürgermeister Fiorello la Guardia: „Es gibt keine demokratische oder republikanische Art, einen Abwasserkanal zu reparieren.“

Das Erstarken der Städte und ihrer Verwaltungen prophezeite der 2017 verstorbene Politikwissenschafter Benjamin Barber in seinem letzten Buch If Mayors Ruled the World . „Die vernetzte, multikulturelle Metropole ist es, die uns den Weg nach vorne zeigt.“ Solche Vernetzungen abseits von Staatenzugehörigkeit habe es schon immer gegeben, etwa die Hansestädte in Nordeuropa, so Barber, der für ein weltweites Parlament der Städte und Bürgermeister plädierte. „Weil sie von Natur aus zur Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit tendieren, sind die Städte unsere Hoffnung“, schrieb Barber. „Wenn Bürgermeister die Welt beherrschten, könnten die dreieinhalb Milliarden Stadtbewohner lokal teilhaben und global kooperieren. Pragmatismus statt Politik, Innovation statt Ideologie, Lösungen statt Staatsgewalt.“

11. April 2018 Der Standard

„Gibt es keine Stadtbaumeister mehr?“

Auf den Tag genau vor 100 Jahren ist Otto Wagner gestorben. Wir haben den wichtigsten Architekten des Fin de Siècle für einen Frühlingsspaziergang zum Leben erweckt: das heutige Wien durch den Zwicker des visionären Stadtplaners gesehen.

Gestatten, Otto Wagner, Architekt im Ruhestand, sehr erfreut. Danke für die Einladung zum Spaziergang durch Wien. Ich war seit 100 Jahren nicht mehr hier. Ich bin gespannt, was von meinen Werken und Visionen geblieben ist. Und natürlich auch von jenen meiner Mitstreiter.

Wir stehen hier inmitten der Stadt, vor der Hofburg, und ich muss sagen, ich hätte mir das anders vorgestellt. 100 Jahre sind vergangen, und Wien sieht immer noch aus wie damals. Hat sich nichts geändert? Warum sieht man hier in der Innenstadt so wenig neue Technologien? Neue Baustoffe? Leben die Wiener immer noch in der Vergangenheit? Das kenne ich. Was glauben Sie, wie ich angefeindet wurde, als ich meinen „Nutzstil“ propagierte.

Meinem Kollegen Adolf Loos erging es, wie sie sicher wissen, ähnlich mit seinem Haus hier am Michaelerplatz. Schön, dass es noch da ist, das Kaiserhaus scheint sich damit angefreundet zu haben. Was? Es gibt keinen Kaiser mehr? Allerhand. Sie wissen sicher, wie ich Franz Joseph verehrt habe. Ich habe Ausbaupläne für die Hofburg erstellt und mich 1896 selbst zum Hofburgarchitekten ernannt. Aber moderne Architektur und imperiale Repräsentation, das war dem Kaiserhaus dann doch zu viel.

Gehen wir zum Graben und auf die Kärntner Straße. Wie die Leute heute gekleidet sind. Ein erster warmer Frühlingstag, und sie laufen halbnackt herum! Die würden in meinem Atelier keinen Job bekommen. Wo bleibt die Würde? Aber reden wir lieber von Architektur. Hier, das Ankerhaus, Graben / Ecke Spiegel- und Dorotheergasse. Hat sich gut gehalten, nicht?

Den Kritikern war es damals zu wenig gediegen, zu unkünstlerisch. Das acht Meter hohe Schaufenster aus Eisen und Glas war eben funktionaler Hightech. Zweck, Material und Konstruktion als Einheit. Und eine gute Rendite für die Geschäfte! Ich habe ja wirtschaftlich gedacht. Ich war immer schon Investor, dank meiner Zinshäuser hatte ich ein gutes Auskommen und konnte es in Architekturentwürfe ohne Auftrag investieren. Publicity und PR nennt man es heute.

Was ist mit dem alten Haas-Haus passiert? Lustig schaut’ das neue ja aus, aber ich verstehe diese Architektur nicht. Wo ist der Sinn und Zweck? Aha, postmodern ist das. So etwas gab es im 19. Jahrhundert auch schon, da hieß es Historismus. Ich habe damals bald gemerkt, dass das eine Sackgasse ist. Was nicht heißt, dass man die Geschichte über Bord werfen soll, keineswegs. Die dorische Säulenordnung der Griechen habe ich schließlich in meiner ganzen Karriere verwendet.

Gehen wir zur Postsparkasse! Eines meiner besten Werke, leider auch eines meiner letzten. Am Ende konnte ich ja nicht mehr viel bauen, obwohl ich so viele Ideen hatte. Na, sieht doch noch prachtvoll aus. Sehen Sie die Bolzen in der Fassade? Da hat man sich gestritten, ob sie nur Dekoration oder konstruktiv waren. Dabei ist es doch offensichtlich. Alles muss seinen Zweck haben. Eine Fassade aus Steinplatten, die vorgehängt sind, muss man als solche erkennen. Was ich heute in Wien sehe, diese scheußlichen Natursteinplatten, die massiv aussehen, aber dann ist nichts als Styropor dahinter? Billige Augenwischerei.

Ach, und gegenüber am Ring steht noch das Ministerium. Ärgerlich! Ein eitles Monstrum, das die Verbindung vom ersten Bezirk zum Donaukanal versperrt. Mein Entwurf wäre besser gewesen! Damals hieß es Kriegsministerium. Als ich starb, war der Krieg noch im Gange.

Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus heißt es? Ernsthaft? Fangen Sie bloß nicht an, mir das zu erklären, dafür habe ich keine Zeit. Gehen wir den Ring entlang, kommen Sie! Ich will mir den Karlsplatz anschauen. Vielleicht hat in den letzten 100 Jahren jemand eine Idee gehabt, wie man ihn in den Griff bekommt. Ich habe es ja oft versucht, aber die intriganten Wiener haben es immer vereitelt.

Das Gesicht des Löwen

Na ja, so wie es aussieht, ist der Karlsplatz immer noch eine Gstätten. Was haben sie mit meinen Stadtbahnpavillons gemacht, die stehen ja völlig falsch! Aber immerhin, vor dem Wien-Museum: mein Name groß auf einem Foto vom Nussdorfer Wehr. Wissen Sie, dass das ein Lieblingsprojekt war? Einer der Löwen dort trägt meine Gesichtszüge. Sagt man. Ob’s stimmt? Ich sag nur: Genau diesen Löwen hab ich danach zu meinem Emblem gemacht. Aber Moment, ist das wirklich ein Museum? Etwas bescheiden für ein Stadtmuseum, finden Sie nicht? Das muss viel repräsentativer sein. Die Karlskirche braucht schließlich einen Rahmen!

Hier am Naschmarkt wäre der Anfang meines Wiental-Boulevards gewesen. Den „Broadway Wiens“ habe ich ihn genannt. Er sollte, wenn ich mich zitieren darf, „an imponierender Anlage die Ringstraße weit in den Schatten“ stellen. Ist auch nichts daraus geworden. Zum Flanieren lädt das ja nicht ein, das ist mehr eine Autobahn.

Wenigstens die Wienzeilen-Häuser durfte ich bauen. Sehen immer noch gut aus. Im Haus ums Eck hatte ich, wie in vielen meiner Häuser, eine Wohnung. Mit Glasbadewanne. Die hat die 100 Jahre nicht überlebt, leider. Die Touristen fotografieren natürlich nur das Majolikahaus, weil es so schön bunt ist. Gehen wir schnell weiter, sonst wollen die alle noch ein Selfie mit mir.

Fahren wir lieber mit der Stadtbahn! Mein größter Auftrag, Dutzende Leute in meinem Atelier haben daran gearbeitet, einige sind berühmt geworden. Ein Massenverkehrsmittel für die Großstadt des 20. Jahrhunderts. Funktioniert noch. Die schöne Haltestelle Meidling-Hauptstraße haben sie nur leider ruiniert. Wie geht’s meinem Spital am Steinhof? Geplant habe ich ja nur die Anlage, nicht die Pavillons, aber die Kirche ist eines meiner besten Werke – eine technisch ausgeklügelte Kirche, das war damals ein Novum.

Heute streitet man am Steinhof, die Bürgerinitiativen berufen sich gern auf mich. Das schmeichelt, wobei ich heute sicher kein Architekt wäre, der sich mit Bürgerinitiativen herumschlägt. Als k. u. k. Oberbaurat, Professor und, sagen wir es ruhig, Genie, weiß ich ja wohl selbst, was gute Stadtentwicklung ist. Und wenn das Spital aus- und eine Universität einzieht, muss man die Architektur eben der Nutzung anpassen. Am liebsten würde ich mich gleich daran setzen. Haben Sie Stift, Zeichenpapier? Nein? Schade.

Dann zeigen Sie mir wenigstens von hier oben, wie sich Wien entwickelt hat. Wo es die neuen Achsen gibt, wo die wichtigen Schneisen geschlagen wurden, wo die Großstadt groß geworden ist. Keine Boulevards? Stimmt, das sieht alles nach Kraut und Rüben aus. Alles verhüttelt! Gibt es keine Stadtbaumeister mehr? Keine Visionen?

Ich glaube, ich muss mich wieder hinlegen. Feiern Sie mich schön in meinem Jubiläumsjahr. Zum 200. Todestag machen wir dann wieder einen Spaziergang.

31. März 2018 Der Standard

Bausteine einer bunten Welt

Von Lagos bis L.A., von Mannheim bis Memphis: Architekten of Color sind global aktiv. Zahlenmäßig leider noch immer unterrepräsentiert, haben dennoch einige von ihnen den Durchbruch geschafft. Eine kleine Auswahl ihrer Biografien.

Der Pionier: Paul Revere Williams

Los Angeles, 1956. Frank Sinatra zeigt der amerikanischen Fernsehöffentlichkeit sein neues Haus. Kein protziges Anwesen, sondern einen bescheidenen, eleganten Bungalow. Die Raumteiler offenbaren japanischen Einfluss, die Farben der Möbel (Schwarz, Rot, Orange) ebenso, Sinatra muss sie den Zuschauern vor den Schwarz-Weiß-Fernsehern erklären. Noch Jahre später äußerte sich der Star begeistert über dieses Haus und dessen Architekten: Paul R. Williams. Jener blickte damals schon auf eine beeindruckende Karriere zurück und zählte eine Reihe Hollywoodstars zu seinen Kunden. Dabei hatte ein Lehrer ihm vom Studium abgeraten: Niemand würde einen schwarzen Architekten beauftragen. Williams tat es trotzdem. Mit 28 eröffnete er sein eigenes Büro. Er lernte, seine Skizzen verkehrt herum anzufertigen, wenn weiße Kunden ihm gegenübersaßen: Neben einem Schwarzen zu sitzen, das ging damals zu weit. „Ich wollte mir immer neue Fähigkeiten aneignen“, sagte er. „Ich wollte beweisen, dass mir, als Individuum, ein Platz in der Welt zusteht.“ Er hat es bewiesen. Neben 2000 Häusern zählen zu seinen Werken das klassizistische Music Corporation of America Building in Beverly Hills (1939) und das hyperelegante Raumschiff des Theme Building am Flughafen Los Angeles (1961).

Die Macherin: Norma Merrick Sklarek

23 Jahre nach dem Theme Building: Die Olympischen Spiele in L.A. stehen an, ein neuer Terminal am Flughafen musste her. Dass der 50-Millionen-Dollar-Bau pünktlich und budgetkonform fertig wurde, war vor allem einer Person zu verdanken: Norma Merrick Sklarek, der Projektleiterin. „Sie konnte alles. Sie war der komplette Architekt“, urteilte Marshall Purnell, der ehemalige Präsident des American Institute of Architects (AIA), voller Respekt. Dabei hatte auch sie keinen leichten Weg. Aber sie hatte einen eisernen Willen. 1926 geboren, war sie 1954 die erste Afroamerikanerin, die die Lizenz als Architektin erhielt. Danach führte sie ihr Interesse an Großprojekten zu Büros wie Skidmore, Owings and Merrill. Rassistische Vorurteile konterte sie mit Pragmatik. Als sich der weiße Kollege, der sie zur Arbeit mitnahm, ständig verspätete, aber nur sie dafür vom Chef gerüffelt wurde, kaufte sie sich ein Auto und fuhr selbst zur Arbeit. Sie sollte noch weitere Mauern durchbrechen: 1980 war sie die erste Afroamerikanerin mit einem Stipendium des AIA, und 1985 gründete sie mit zwei Kolleginnen das größte nur von Frauen geführte Architekturbüro der USA, Siegel Sklarek Diamond.

Der Botschafter der Leichtigkeit: Diébédo Francis Kéré

Eine ehemalige Kaserne in Mannheim, ein Stück Savanne in Westafrika, ein gepflegter Rasen im Londoner Hyde Park. Das sind nur drei der Bauplätze ein und desselben Architekten: des 1965 in Burkina Faso geborenen Diébédo Francis Kéré. Die Bauten, die er auf diesen Bauplätzen errichtet, haben eines gemeinsam: Sie sind einladend, freundlich, leicht. Auf den ersten Blick einfach, eröffnen sie bei genauerem Hinschauen neue Wege der Konstruktion und des Materials. Der heute ausgeleierte Begriff der Nachhaltigkeit strahlt hier in voller Frische. Berühmt wurde Kéré durch eine Schule aus Lehm in seinem Heimatort Gando. Als Sohn eines Häuptlings zwar mit Autorität ausgestattet, brauchte er allerdings einiges an Überzeugungsarbeit, den Bewohnern die als rückständig angesehene, aber ans Klima bestens angepasste lokale Bautradition zu vermitteln. Sein Serpentine Pavilion in London (2017) gilt als einer der besten in der langen Reihe, und zu Recht: Scheinbar mühelos verbinden sich das leichte, angehobene Dach und die freistehenden Wände aus leuchtend blauen Bausteinen zur einladenden Geste: Raum als Begegnung. In Kérés Worten: „Wir müssen vom Ich zum Wir finden.“

Der Global Player: David Adjaye

Das Haus, mit dem er bekannt wurde, war rabenschwarz. Das Dirty House, ein altes Lagerhaus, das David Adjaye 2002 im damals schon angehipsterten Londoner Stadtteil Shoreditch für befreundete Künstler zu einem Atelier umbaute, war mit dicker Bitumenfarbe angestrichen und so düster, dass es schon wieder fröhlich war. Auch einige der folgenden Häuser des 1966 in Tansania geborenen und in London aufgewachsenen Ghanaers kamen in Architektenschwarz daher. Das war sicher nicht der einzige Grund für seinen rapiden Aufstieg: Adjaye ist mehr als nur ein Markenzeichen. Das zeigte er beim spektakulären Smithsonian National Museum of African American History and Culture, das 2016 mitten in Washington eröffnet wurde: Die Lichteffekte der filigran-ornamentalen Fassade sind alles andere als finster. Auch dank dieses Prestigeprojekts ist Adjaye heute global unterwegs: Ein Museum in Riga, eine Kathedrale in Accra, ein Hochhaus in Manhattan stehen an. Zu Hause ist er längst ein Star: 2012 wurde er auf Platz eins der „most influential black people in the UK“ gewählt, und seit 2017 darf man ihn Sir David nennen.

Der Entwicklungshelfer: Kunlé Adeyemi

Ein Toblerone-förmiges Floß ging 2016 in Venedig vor Anker: Die dreieckige Konstruktion aus Holz war eines der meistbeachteten Projekte der Architekturbiennale und bekam den Silbernen Löwen verliehen. Die Makoko Floating School war ein neuer Prototyp für Schulen in prekärem Umfeld: Entworfen wurde sie von Kunlé Adeyemi für die Lagune der rapide wachsenden Metropole Lagos. Ökologisch durchdacht, aus einfachen Holzelementen binnen vier Tagen aufzubauen, war das Pilotprojekt seit 2013 in Lagos in Betrieb, 2016 wurde die optimierte Version MFS II vorgestellt. Adeyemi war damals gerade 40 und blickte schon auf eine respektable Karriere zurück: Nach mehreren Jahren als Projektleiter bei Rem Koolhaas gründete der Architektensohn aus Nigeria 2010 sein Büro NLÉ in Amsterdam – ein Name, der auf Yoruba so viel wie „zu Hause“ bedeutet und Programm ist: Wie sein Kollege Kéré baute er vorwiegend in seinem Heimatland, kultur- und klimagerecht. Auch wenn ihm das Klima einen Strich durch die Rechnung machte: 2016 brach die MFS II nach heftigen Regenfällen zusammen. Für Adeyemi Anlass, den Prototyp nochmals zu optimieren. „Unsere Motivation, uns mit Küstenstädten und Wasser zu beschäftigen, ist stärker als je zuvor.“

Architektur als Ort der Begegnung: Mit seinem temporären Serpentine Pavilion in London zelebrierte der Architekt Diébédo Francis Kéré im Sommer 2017 die Offenheit. Paul R. Williams David Adjaye Farbige Zukunft und Vergangenheit: Paul R. Williams’ spaciges Theme Building in L.A. (1961) und David Adjayes Smithsonian Museum in Washington (2016).

24. März 2018 Der Standard

Der Reichtum der Sparsamkeit

Weiterbauen statt Tabula rasa: Die deutschen Architekten Hans Döllgast und Rudolf Schwarz standen nach dem Krieg für eine „andere Moderne“. In Innsbruck kann man ihnen zurzeit in den Fotografien von Klaus Kinold nachspüren.

Was ist „moderne Architektur“? Eine breite Umfrage würde mit Sicherheit folgende Mehrheitsmeinung ergeben: Bauhaus, weiße Kuben oder solche aus Beton, global austauschbar. Das ist nicht ganz falsch. Doch was heute unter dem Begriff verstanden wird, ist keine historische Zwangsläufigkeit und wurde nicht per Plebiszit entschieden. Es ist das Ergebnis eines Streits um die Deutungshoheit.

Als der deutsche Architekt Rudolf Schwarz (1897–1961) im Jänner 1953 in der Zeitschrift Baukunst und Werkform den Artikel „Bilde Künstler, rede nicht“ veröffentlichte, in dem er mit Walter Gropius und der von ihm vertretenen Moderne scharf abrechnete, entbrannte eine Debatte, die später als „Bauhaus-Streit“ in die Geschichte einging. „Übertreibende ästhetische Technizisten, (...) unbrauchbare Ideologen sowie vorlaute und aufgeregte Terroristen“ seien die rationalen Funktionalisten, so Schwarz. Das Bauhaus habe das „abendländische Gespräch“ zum Verstummen gebracht.

Das Steuer der Deutungshoheit konnte Schwarz trotzdem nicht herumreißen. Gropius wird bis heute mit dem Bauhaus identifiziert, und dieses mit dem Begriff der Moderne – eine Personalunion, an der der PR-gewiefte Gropius seit den 1920er-Jahren aktiv mitgewirkt hatte. Die Bauhaus-Debatte ist heute weitgehend vergessen. Der konservative und zutiefst gläubige Rudolf Schwarz ist heute vor allem durch seine zahlreichen Kirchenbauten bekannt, die in ihrer reduzierten Strenge alles andere als unmodern sind. Darunter auch Kirchenbauten in Österreich wie St. Theresia in Linz (1962) St. Florian in Wien (1963), die nach seinem Tod von seiner Witwe, der Architektin Maria Schwarz, finalisiert wurden. Doch seine Rolle ging weit über das Sakrale hinaus: Von 1946 bis 1952 war er als Generalplaner für den Wiederaufbau von Köln zuständig und verfolgte dort sein Ideal einer geschichtsbewussten Rekonstruktion.

Architektur des Kontinuums

Während in den Zeitschriften die Bauhaus-Debatte tobte, stand in München ein anderer Architekt im Kreuzfeuer. Hans Döllgast (1891–1974) hatte sich gemeinsam mit seinen Studenten vehement gegen den geplanten Abriss der schwer beschädigten Alten Pinakothek gewehrt und für ein minimales Budget den Auftrag zur Rekonstruktion erhalten. Diese war so ungewöhnlich wie radikal: ein rohes Mauerwerk, das die Lücke in der Fassade vervollständigte, ohne die Zerstörung zu übertünchen. Eine Architektur des Kontinuums, die gleichzeitig massive Änderungen vornahm, wie die ergreifend schöne Hauptstiege an der Längsseite, die das Innere des Museums komplett umorganisierte.

Eine Architektur des Wiederaufbaus, die damals von allen Seiten angefeindet wurde: Die Denkmalschützer wollten das Original in alter Pracht, den Architekten war es zu wenig Architektur, und sichtbar belassene Einschusslöcher waren im Wirtschaftswunder-München der 50er-Jahre gar nicht gern gesehen. David Chipperfield, der ein halbes Jahrhundert später mit seiner Rekonstruktion des Neuen Museums in Berlin einen ebenso forensisch-peniblen wie erfindungsreichen Umgang mit geschichtsbeschädigter Bausubstanz verfolgte, dürfte sich Döllgasts Werk sehr genau angeschaut haben.

Hans Döllgast und Rudolf Schwarz stehen für die „andere Moderne“, eine, die zugleich zurück- und vorausblickt: Geschichtsbewusstsein statt Tabula rasa, raue Materialien statt Stahl und Glas, Humanismus statt Bauwirtschaftsfunktionalismus, Fragen statt Auftrumpfen. Eine Architektur, die, um Hermann Czech zu paraphrasieren, „nur spricht, wenn sie gefragt wird“, die auf den ersten Blick spröde wirkt und auf den zweiten Blick reichhaltig ist.

Eine Auswahl dieser Bauten ist zurzeit in einer Ausstellung des aut und des Archivs für Baukunst in Innsbruck zu sehen. Gezeigt werden sie in Bildern des deutschen Architekturfotografen Klaus Kinold. Ein Glücksfall: Nur selten passen Architektur und Fotografie so perfekt zusammen wie hier. Es mag daran liegen, dass Klaus Kinold selbst Architektur studierte: Seine Bilder wollen das Gebaute erklären, sie sind Dienstleistung am Objekt. So wie Hans Döllgast erst den Bauplatz skizzierte, bevor er zu entwerfen begann, studiert Kinold erst die die Baupläne und die Umgebung eines Gebäudes, bevor er es in wenigen wohlüberlegten und konsequent analogen Bildern festhält.

Bilder, die erklären

„Die Architektur darstellen, wie sie ist“, lautet sein Credo. Kein Weitwinkel, der Räume größer erscheinen lässt, als sie sind. „Es geht nicht um den Fotografen hinter der Kamera, sondern um die Architektur vor der Kamera“, sagt er zum STANDARD . „Es ist wie Pflicht und Kür. Ich muss das Wesentliche abbilden. Eingang, Stiegenhaus, die wichtigsten Räume. Dann erst kann ich mich, wenn es unbedingt sein muss, persönlich und künstlerisch verwirklichen.“

Die „Pflicht“ ist in Kinolds Fotografien schon so perfektioniert, dass es keine Kür mehr braucht. Hier wird nichts dramatisiert und zugespitzt. Es sind Bilder von objektiver Sachlichkeit, bei denen die Person des Fotografen nahezu verschwindet. Die meisten in Schwarzweiß, um, wie Kinold sagt, den Betrachter dazu anzuregen, das Fehlende im Kopf zu ergänzen. Es sind Bilder, die gelesen werden wollen, ebenso wie die Bauten, die sie abbilden. Manche sind bei aller sorgfältig austarierten Ruhe von einer enormen Informationsdichte, weil es ihnen gelingt, Material, Konstruktion und Licht in gleichem Maße in den Vordergrund zu holen.

„Döllgast und Schwarz haben sehr ähnliche Biografien“, sagt Arno Ritter, Leiter des aut, „beide waren kritische Geister innerhalb der Moderne.“ Beide stehen heute in Deutschland in zweiter Reihe der architektonischen Geschichtsschreibung, mehr noch als ihre österreichischen Äquivalente Josef Frank, Lois Welzenbacher und Clemens Holzmeister. Die Ausstellung sei jedoch keineswegs als rein historische Abhandlung zu verstehen, so Ritter, sondern als „Intervention zum heutigen architektonischen Denken“.

In einer Zeit, in der das Weiterbauen am Bestand sich still und leise zu einer der stärksten Tendenzen der Architektur entwickelt und in der gleichzeitig über Austerität und Sparsamkeit geklagt wird, sind die Anregungen der anderen Moderne mehr als willkommen.

17. Februar 2018 mit Wojciech Czaja
Der Standard

Franz Josephs Glück und Ende

Der Franz-Josefs-Bahnhof wird schon bald zur größten innerstädtischen Baustelle Wiens mutieren. Die kürzlich gezogene Notbremse im Widmungsverfahren gibt Anlass, die städtebaulichen Chancen dieses Megaareals zu überdenken. Zwei Szenarien.

Maik Novotny: Es hatte wohl so kommen müssen. Den Wienern ein 126-Meter-Hochhaus innerhalb des Gürtels schmackhaft zu machen, nachdem die jahrelange Heumarkt-Debatte alle Nerven blankgelegt hatte, war ein aussichtsloses Unterfangen. Kaum ein Jahr ist es her, dass die Stadt und die Investorengruppe 6B47, die das Gebiet 2015 für kolportierte 115 Millionen Euro erworben hatte, die Pläne für den Franz-Josefs-Bahnhof präsentierten. Althan-Quartier sollte das 2,4 Hektar große Areal heißen, Büro, Gewerbe und rund 750 Wohnungen sollten entstehen. Das Bahnhofsgebäude von 1978 sollte umgebaut, für das Areal dahinter ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben werden. Dazwischen, neun Meter über den Gleisen, ein Hochpark.

Doch schon bei der Präsentation vor den Bürgern hörte man laute Dissonanzen. Nicht nur das Hochhaus, auch die mangelnde Transparenz des Verfahrens wurde beklagt. Im Jänner lehnte die Bezirksvertretung die Umwidmung ab. Es sei „nicht Aufgabe der öffentlichen Hand, von öffentlichen Interessen abzurücken, um das Geschäftsrisiko von Privaten zu minimieren“, heißt es in der Stellungnahme.

Alles von vorn also. Das heißt auch: Jetzt ist Gelegenheit, die Sache grundlegend zu überdenken – warum nicht auch den Bahnhof? Seien wir ehrlich: Niemand mag ihn. Der romantische Reiz der Ferne ist hier längst verflogen, anstatt lichtdurchfluteter Halle mit Dampfzug nach Prag eine schummrige, fensterlose Haltestelle für Vorortezüge. Weg damit!

Darüber sieht es nicht viel besser aus. Denn bei aller Liebe zu den unterschätzten Qualitäten der Architektur der 1970er-Jahre: Die Bahnhofsüberbauung, ein Gemeinschaftswerk der Architekten Karl Schwanzer, Harry Glück und anderer, verbindet den städtebaulichen Fehler der Nachkriegszeit – das Verlegen der Fußgängerebenen in den Keller oder in die Höhe – mit der als luxuriös missverstandenen verspiegelten Allerweltsglätte der 1980er. Weg damit!

Welch ein Hindernis in der Stadt diese neun Meter sind, kann man jetzt schon beobachten. Der Traum, mit einem Hochpark den Erfolg des High Line Park in New York kopieren zu können, ist der Versuch, einen Zwang als Errungenschaft zu verkaufen. Der Alsergrund ist nicht Manhattan. Dabei wäre es dringend nötig, den bestens frequentierten Freiraum, den es schon gibt, nämlich den Donaukanal, besser erreichbar zu machen.

Dass der öffentliche Raum der Schlüssel zu einer erfolgreichen Stadtentwicklung ist, wird heute von niemandem angezweifelt. Städte wie Kopenhagen und Barcelona haben sich über ihre Straßen und Plätze auf Dauer revitalisiert. Will man das Althan-Quartier zu einem echten Quartier machen, liegt die Lösung buchstäblich auf der Straße. Daher: Begrabt Franz Joseph! Lasst die Gleise an der Spittelau enden, dort gibt es auch eine U-Bahn.

Zweitens: Repariert die Stadt! Das heißt nicht, dass man die Gründerzeit kopieren muss. Wenn man die bestehende Widmung mit 40 Metern ausnutzt, ist genug Raum für alles, was eine Stadt und ein Investor brauchen. Und wenn es unbedingt ein Hochhaus sein muss, dann ausnahmsweise ein einziges an der Spittelau – und sei es nur, um den vom Maler Hundertwasser dekorierten Schuppen der Müllverbrennungsanlage zu verbergen.

Wojciech Czaja: Der Franz-Josefs-Bahnhof ist ein Wal, ein großer, stinkender, gestrandeter Wal“, sagt Michaela Mischek-Lainer, Geschäftsführerin der JTP Projektentwicklungs GmbH, die sich in den nächsten Jahren um die Sanierung und städtebauliche Neuorganisation des Franz-Josefs-Bahnhofs, des gesamten Althan-Quartiers und des hier anschließenden, vorgelagerten Julius-Tandler-Platzes kümmern wird. 500 bis 600 Millionen Euro will der Grundstückseigentümer 6B47 dafür in die Hand nehmen. Die Assoziation mit dem Wal hat jedoch weniger architektonische Gründe, als vielmehr städtebauliche. Durch die Bahnführung in Hochlage entsteht zwischen Spittelauer Platz und Althanstraße eine schier unüberwindbare Barriere.

Natürlich könnte man diese topografische Hürde planieren und die S-Bahn unterirdisch verlegen oder schon in der Spittelau kappen. Ein Plan, den die Wiener Stadtplaner übrigens schon in den 1950er-Jahren hatten – und wieder verworfen haben. Doch wozu einen innerstädtischen Bahnhof aufgeben? Zumal in Zeiten von bevorstehender Taktverdichtung und immer lauter werdender Bekenntnisse zum öffentlichen Verkehr? Viel sinnvoller ist es, die bevorstehende Überbauung der Bahnanlagen und die Reorganisation des gesamten Areals als urbanes Experimentallabor zu nutzen.

Der durch die Gleisanlagen bedingte Höhenunterschied von neun Metern muss dabei nicht zwangsweise ein Knock-out-Kriterium sein. In Städten wie Lissabon, Porto und Genua hat man gelernt, mit der natürlichen Topografie zu leben. Und in Paris (Viaduc des Arts), Birmingham (Bull Ring), Atlanta (Underground Atlanta), New York (High Line und Hudson Yards) und Hongkong (Elevated Walkways in der Downtown) ist es sogar gelungen, Menschen auf künstlichem Wege zum Stiegensteigen zu bewegen. Warum also nicht auch in Wien?

Fix ist, dass Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) und Josef Weichenberger das monströse Kopfgebäude refurbishen, somit also auch die Spiegelfassade neu gestalten werden – und dass Querkraft Architekten für die Revitalisierung der gesamten Sockelzone verantwortlich zeichnen werden. Was die Überbauung und städtebauliche Eingliederung der Hochparkebene betrifft, so läuft derzeit ein offener, zweistufiger Wettbewerb (Juryvorsitz Florian Riegler und Hemma Fasch). Die erste Stufe wurde vor zwei Wochen entschieden. Acht Projekte sind noch im Rennen. Das endgültige Verfahrensergebnis wird Ende April präsentiert. Mit dem konkreten Resultat soll das Widmungsverfahren wieder neu aufgerollt werden.

Man darf sich an dieser Stelle vom Himmel wünschen, dass die sich hier auftuenden Chancen genutzt werden – mit neuen Bebauungsformen, innovativer Freiraumgestaltung, Einbeziehung der umliegenden Bevölkerung, vor allem aber mit einem gewissen Mut zum Risiko und Experiment. Am wichtigsten jedoch wäre es, auf den hier vorliegenden drei Hektar ein visionäres, zukunftsfähiges Exempel zu statuieren, wie Wien in Zukunft mit dem kontinuierlichen Bevölkerungswachstum und der längst überfälligen inneren Stadtverdichtung umzugehen gedenkt. Hier ist genug Platz für Neues. Das Letzte, was Wien braucht, ist ein weiteres Anti-Stadt-Fiasko à la Donauplatte oder TownTown.

10. Februar 2018 Der Standard

Darf Linz Frankfurt werden?

Oberösterreichs Hauptstadt erlebt einen ungekannten Hochhausboom. Das freut die Investoren und den Bürgermeister. Doch viele Bürger und Architekten wollen dem „Wildwuchs“ nicht tatenlos zusehen und fordern eine Pause – und ein Konzept.

Lorenz Potocnik springt vom Linzer Hauptbahnhof mit zwei, drei Sätzen über die Donau. Wenn der Stadtplaner und Neos-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat auf dem riesigen Luftbild, das den Foyerboden des Alten Rathauses bedeckt, alle geplanten Hochhausstandorte seiner Stadt zeigen will, ähnelt das einer akrobatischen Aufführung. Hier eins, drüben zwei, hinten noch zwei, eins mittendrin. Hochhäuser scheinen in Linz wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Genau das, sagt Potocnik, ist das Problem. „Hochhäuser sind zwar nicht grundsätzlich schlecht. Aber die Stadt hat kein Konzept.“

Dabei sind Hochhäuser für Linz nichts Neues. Den Wohntürmen der Nachkriegszeit folgte eine Pause, dann der erste Cluster um den Terminal Tower am Hauptbahnhof. Jüngster Zuwachs: der 81 Meter hohe Lux Tower. Seine Geschichte ist symptomatisch für den globalen Hochhausboom. Ursprünglich als Büroturm geplant, wechselten 2015 Eigentümer, Architekten und Name, nach seiner Fertigstellung wird er 126 Wohnungen beherbergen. Nicht aus Fürsorge in Zeiten der Wohnungskrise, sondern als Wertanlage in Zeiten schwankender Dow-Jones-Indexe. Eine Einzimmerwohnung ist für 4488 Euro pro Quadratmeter zu haben.

Auch südlich des Bahnhofs wird hoch gebaut, und sogar am Schillerpark am Rande der Altstadt soll es gerüchteweise Planungen für einen 130-Meter-Turm geben. Konkreter wird es in Urfahr: Am Mühlkreisbahnhof ist die Planung für den 75 Meter hohen Weinturm (Architekten Kleboth Lindinger Dollnig) weit fortgeschritten. Er soll in eine schmale Baulücke zwischen Wohnhäusern und einem Seniorenheim gequetscht werden. Wenig überraschend, dass die Anrainer entsetzt sind: „Das Bauwerk passt nicht in die Umgebung. Die erlaubte Verschattung wird um das Dreifache überschritten!“, protestierte im Dezember ein Nachbar. Der Vorwurf städtebaulicher Willkür ist schwer zu entkräften. Wenn jede Baulücke ein Hochhausstandort sein kann, gilt das Gesetz des Wilden Westens: Wer am schnellsten in die Höhe schießt, gewinnt.

Auch in der Linzer Fachwelt verursacht der Hochhausboom Sorgen. 2016 forderte die IG Architektur eine „Vision für die Stadt“. Die Initiative Arch.Pro.Linz geht noch weiter: „Das örtliche Entwicklungskonzept gilt bis 2023, „so die Vertreter zum STANDARD . „Vom Bürgermeister wird es aber punktuell aufgehoben. Derzeit ist in Linz auf jedem Grundstück mit politischer Unterstützung ein Hochhaus möglich.“ Zwar gebe es den Gestaltungsbeirat, doch sei dieser selbst besetzt mit „sogenannten Hochhausarchitekten“.

Immerhin kann der Gestaltungsbeirat seine Muskeln spielen lassen. Aus den 96 und 80 Meter hohen „Bruckner Towers“ wurde nach deren zweifacher Ablehnung ein schlanker 98 Meter hoher Einzelturm, den Architekturwettbewerb gewann das Team aus alleswirdgut Architekten (awg) und Gernot Hertl.

Als Orientierungspunkt in einem konfusen städtebaulichen Durcheinander zwischen Sparkasse und Gewerbegebiet scheint hier das Argument der „Aufwertung des Umfeldes“ glaubwürdiger. Die Fixierung der Debatte auf den Begriff sei nicht zielführend, so Gernot Hertl und Andreas Marth (awg) zum STANDARD . „Ab wann ist ein Haus ein Hochhaus? Sind fünf oder zwanzig Geschoße verträglich? Jede Bauaufgabe ist eine Veränderung des Ortes. Eine Beurteilung kann nur für den Einzelfall erfolgen.“

Währenddessen steht der nächste Tower schon an. Er soll den Kreativcluster der Linzer Tabakfabrik im Stadtbild verankern. Oder, um es mit den Entwicklern zu sagen: „eine neue Landmark im Westen, ein Scharnier zum aufstrebenden Linzer Hafenviertel“ sein. Das Nutzungskonzept für den 81-Meter-Turm (Architekten: Zechner & Zechner) sieht eine Mischung aus Studentenwohnheim, Budget-Hotel und Büros vor. Man darf sich fragen, ob eine Landmark noch eine solche ist, wenn die ganze Stadt zu einem Wald aus Landmarks geworden ist.

Darf Linz also Frankfurt werden? Die Stadt könnte zumindest mehr tun, als einfach zu warten, welche Ideen Investoren ihr auf den Tisch legen. Man muss ja nicht gleich einzelne Parzellen als Standorte festlegen. Aber es darf schon verwundern, wenn Stadtregierungen anno 2018 beteuern, für die Ausformulierung eines zukünftigen Stadtbildes nicht zuständig zu sein. An Instrumenten dafür fehlt es ebenso wenig wie an willigen und kompetenten Partnern.

3. Februar 2018 Der Standard

Matter Hüttenzauber

Das Austria House bei den Olympischen Winterspielen war immer wieder ein Aushängeschild für heimisches alpines Bauen. Im koreanischen Pyeongchang droht die Architektur des Österreich-Hauses leider im Event-Zinnober unterzugehen.

Ganz Ski-Österreich“ sei angepatzt, heulte es kürzlich aus dem Kleinformat, als die ungute Vergangenheit des Skiheroen Toni Sailer erneut ans Licht kam. Wo dieses mysteriöse „Ski-Österreich“ sich befindet (dort, wo sich Schneekanone und Pistenraupe gute Nacht sagen? Auf mehr als 1000 Metern Seehöhe? Bei weniger als null Grad?), wurde leider nicht erklärt. Wo immer es ist: Wenn am 9. Februar die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang eröffnet werden, sitzt Ski-Österreich vor dem Fernseher, ist Ski-Österreich vor Ort. Die räumliche Schnittmenge aus sofaknotzendem Hier und koreanischem Dort wird dann das Austria House sein. ORF-Studio, Medaillenfeiern, Medienzentrum, Hintergrundgespräche auf 1000 Quadratmetern inklusive „Gala-Raum“, „Kamin-Lounge“ und eigener Backstube für die Kornspitze eines ÖOC-Top-Partners.

Der Spatenstich für das Österreich-Haus erfolgte im Herbst 2017, hergestellt wird die Zeltkonstruktion von der deutschen Firma Losberger, die über einige Erfahrung in temporären Konstruktionen für Events aufweist. Aussehen wird sie – glaubt man den Visualisierungen – weniger wie ein Haus als wie eine Kollision mehrerer Messestände.

Ein schnittiger Kasten mit Bergpanorama, davor holziger Weihnachtsmarkt-Hüttenzauber, darin Klubatmosphäre mit Ledersessel am Kaminofen. „Schaffung eines Stücks Heimat mit Gastfreundschaft, Authentizität und exklusivem Flair für Österreicher und Freunde unseres Landes bei den Olympischen Spielen“ soll hier geboten werden.

Rustikale Markthalle

Schon klar, wenn am Rande des Sportevents im Punschdunst millionenschwere globale Skiliftaufträge ausgehandelt werden wollen, ist authentische Gmiatlichkeit sicherlich kein Hindernis. Auch gegen Kamine und Kornspitze ist nichts einzuwenden. Aber ein Austria House darf mehr sein als eine rustikal dekorierte Markthalle. Es ist ein Haus, also Architektur, und als solches nicht nur Botschafter von Ski-Österreich, sondern auch von Architektur-Österreich.

Genau das war es immer wieder, seit 1960 in Squaw Valley auf Betreiben der Wirtschaftskammer das erste Austria House errichtet wurde. Rund ein Dutzend Österreich-Häuser wurden seit damals gebaut, manche davon schafften den Spagat des doppelten Aushängeschilds für Sport- und Architekturkompetenz auf vorbildhafte Weise. Denn Österreichs alpine Bauten sind ebenso exportfähig wie seine Schanzenhüpfer und Slalomköniginnen.

Das Österreich-Haus in Nagano 1998 etwa wurde von einem der namhaftesten Vertreter der Vorarlberger Schule, Johannes Kaufmann, als feingliedriger und freundlicher Pavillon entworfen, exportiert, und prompt zu Hause mit dem Vorarlberger Holzbaupreis ausgezeichnet. Nach dem Ende der Spiele in Japan kam es zurück nach Österreich und fungiert heute als Heimat des Museums Lignorama in Riedau.

Das konstruktive, handwerkliche und gestalterische Know-how österreichischer Architekten und Baumeister, vor allem im Holzbau, ist seit Jahren weit über die Landesgrenzen geschätzt. Man darf zu Recht stolz darauf sein. Es sind alpine Bauten in bester Tradition, die ganz ohne Rambazamba auskommen. Noch dazu sind Holzkonstruktionen gerade für Bauten, die in Einzelteilen transportiert, auf- und abgebaut werden müssen, prädestiniert. Kein Wunder, dass viele Österreich-Häuser heute eine Zweitexistenz führen.

2006 durfte der Architekt Tom Lechner vom Büro LP Architektur aus Radstadt, der sich seit langem um lokale Baukultur bemüht, sein alpines Wissen bei den Winterspielen in Turin/Sestriere präsentieren. Sein Österreich-Haus war eine so einfache wie raffinierte Variation auf das Satteldach, die mit einladender Geste eine Freitreppe für die Gäste ausklappte.

Klimaschutz-Botschafter

Das größte Aufsehen schließlich erregte das Österreich-Haus 2010 in Whistler bei Vancouver. Aus der Initiative einer Gruppe Tiroler und Vorarlberger Unternehmer und Ingenieure entstanden, war es das erste Passivhaus unter den olympischen Ski-Botschaften und das erste Passivhaus auf kanadischem Boden überhaupt.

Entworfen wurde es vom klimatisch versierten Architekten Martin Treberspurg. Es passte perfekt zu den als erste „Green Olympics“ beworbenen Spielen in Vancouver. Es solle „nicht nur ein Publikumsmagnet und Kommunikationszentrum für Athleten, Betreuer, Journalisten, Sponsoren und Freunde Österreichs sein, sondern auch Botschafter österreichischer Spitzentechnologie für den Klimaschutz“, so der damalige Umweltminister Nikolaus Berlakovich.

Den Österreichern sei hier eine Art Magie gelungen, jubelte der Baumeister aus Whistler, der das Haus aus den in Österreich gefertigten Einzelteilen zusammenfügen durfte. „In Kanada verstehen wir die Technologie, aber die Österreicher haben eine Wissenschaft daraus gemacht.“ Eine intelligente Zauberhütte statt dekorierter Hüttenzauber. Das Haus steht heute noch am Platz, heißt „Lost Lake Passivhaus” und fungiert als Fortbildungszentrum für Passivhaustechnologie. Ein Stück echter Nachhaltigkeit, das der großen Energieverschwendungsmaschine Wintersport dringend nottat.

Wie stolz das kleine Ski-Österreich darauf sein kann, zeigt sich daran, dass die größte architektonische Anerkennung ausgerechnet vom größten Wintersportkonkurrenten, der Schweiz, kommt. Dort nahm man sich die Idee zum Vorbild und errichtet seit 1998 bei den Winterspielen das „House of Switzerland“. In Pyeongchang wird dieses ein zweistöckiger Pavillon aus Holz und Glas sein, dem es dank helvetischer Zurückhaltung gelingt, einladend, aber nicht marktschreierisch zu sein.

Eidgenössische Anerkennung auch abseits des olympischen Zirkus: drei der vier Preisträger des 2017 von der Schweizer Zeitschrift Hochparterre ausgelobten Constructive Alps Award waren Architekten aus Österreich. An potenziellen Partnern für hochwertige Austria Houses herrscht also kein Mangel.

Wenn 2022 die nächsten Spiele im nicht gerade als Speerspitze der Nachhaltigkeit bekannten Peking eröffnet werden, ergibt sich die nächste Chance, Österreichs Baukultur auf der Weltbühne zu präsentieren. Ski-Österreich muss davor keine Angst haben. Denn alpine Gmiatlichkeit funktioniert auch im schlichten Gewand.

20. November 2017 Der Standard

Dialog auf Augenhöhe

Seit 50 Jahren würdigt der Österreichische Bauherrenpreis die Zusammenarbeit von Auftraggeber und Architekt. Gestern wurden die Preisträger des Jahres 2017 gekürt – mit einem überraschend klerikalen Schwerpunkt.

Kommt man von Westen über den sanften Berggrat, für den die Geologie das erdig-klangvolle Wort Nagelfluhrücken bereithält, ist es nur ein helles, spitz überhöhtes Dreieck. Aus der Nähe besehen wird das Dreieck dreidimensional und taktil: Holzschindeln, eine Tür mit Metallbeschlag. Auch hinter der Tür dominiert das Holz: Bänke, Boden, steile Dachspanten. Ein weißer, trichterförmiger Ausguck auf den Waldrand, daneben eine Marienstatue. Die Lourdeskapelle in Krumbach im Bregenzerwald ist nicht nur ein Konzentrat der Ruhe, sondern auch ein Beispiel für die wichtigste Partnerschaft des Bauens: die zwischen Bauherr und Architekt.

Junge Paare, Großkonzerne, Ministerien, Mittelstandsbetriebe, Wohnbaugesellschaften, Vereine, oder auch die eigene Verwandtschaft. Sie alle sind potenzielle Bauherren und -herrinnen. In Krumbach sind es die Nachbarn, nämlich die Bewohner der Parzellen Au, Zwing und Salgenreute. Ihnen gehört gemeinschaftlich der Grund, auf dem seit über 150 Jahren eine Kapelle steht. Der Vorgängerbau war nicht mehr zu sanieren, also fragte man beim Architekten Bernardo Bader um einen Entwurf an. Budget: null Euro. Trotzdem sagte Bader zu, und das nicht nur, weil er selbst nur wenige Hundert Meter entfernt wohnt, sondern auch, weil ihm die Nachbarn vertrauten. Kein Honorar, aber dafür entwerferische Freiheit.

Freiheit und Vertrauen

Beim Bau halfen Handwerker aus der Gegend, der Bürgermeister vermittelte einen günstigen Kredit. Nachbar- und Partnerschaft haben den Prozess gut überstanden. „Wir reden heute noch miteinander“, lacht Bernardo Bader. Er darf sich freuen, denn eine Kirche, und sei sie nur 40 Quadratmeter groß, baut man nicht alle Tage. „Als Architekt braucht man Projekte, bei denen man nicht nur über das Funktionale redet. Bauen heißt auch, selbst denken zu können und nicht immer alles angesagt zu bekommen.“ Eine solche Freiheit braucht bauherrliches Vertrauen, und dieses Vertrauen wurde jetzt mit dem Bauherrenpreis belohnt.

Seit nunmehr 50 Jahren honoriert dieser Preis mutige Auftraggeber-Architekten-Gespanne, in einem aufwendigen Juryverfahren werden alle Bauherren persönlich angehört. „Vielen ist ihre besondere Leistung gar nicht bewusst“, sagt Martha Schreieck von Henke Schreieck Architekten, seit 2009 Präsidentin der Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs, die den Bauherrenpreis seit 1967 vergibt. „Es geht darum, den Bauherren eine gesellschaftliche Verantwortung abzuverlangen, die über die reine Funktion eines Gebäudes hinausgeht.“

Überraschend an der diesjährigen Juryauswahl: Von den sechs Preisträgern, die aus 82 Einreichungen ausgewählt wurden, sind gleich drei Sakralbauten. Die Kapelle in Krumbach ist darunter der einzige Neubau. Dazu gesellen sich die feinfühlige Sanierung der ältesten evangelischen Kirche Niederösterreichs in Mitterbach durch Ernst Beneder und Anja Fischer und die ebenso sorgfältigen Um- und Einbauten in der Basilika und im Geistlichen Haus des Wallfahrtsortes Mariazell durch das Grazer Büro Feyferlik Fritzer.

Das Besondere dort: Architekten und kirchliche Bauherren arbeiten schon seit 25 Jahren zusammen. „Dass es ein langer Weg wird, war uns von Anfang an bewusst“, so Wolfgang Feyferlik. „Wir haben uns daher besonders bemüht, alles zu Modische zu vermeiden.“ Nicht zuletzt waren die 25 Jahre Arbeit praktisch deckungsgleich mit der Wirkungsphase des zuständigen Paters Karl Schauer, bei dem alle Fäden zusammenliefen. „Wenn Bauherr und Nutzer eine Person sind, macht das vieles einfacher“, so Feyferlik. Selbst wenn jener immer wieder betont habe, er sei ja nur Gast im eigenen Haus. Ein Pater kann und muss schließlich selbst auf einen großen Bauherrn hinter und über sich verweisen. Ein solch langer Atem wirkt geradezu luxuriös in Zeiten, in denen Bauzeitenpläne und Normen das Bauen diktieren und Armeen von Anwälten wie Geier auf jeden Fehler warten.

Langer Atem

Doch auch die nicht-klerikalen Preisträger zeugen von der Wichtigkeit des Dialogs auf Augenhöhe: die fast vor Spannung knirschende, zwischen die Ufer der rauschenden Dornbirner Ache geklemmte Sägerbrücke in Dornbirn von der Architekturwerkstatt Dworzak-Grabher und der Cateringpavillon Wolke 7 in Grafenegg von The Next Enterprise Architects, der sein dünnes Betondach ganz leicht und unbeschwert fliegen lässt.

Demgegenüber wirkt der sechste Preisträger, der Erste Campus beim Hauptbahnhof in Wien, mit seinen 90.000 Quadratmetern Nutzfläche wie ein Mammutprojekt. Doch auch in großen Dimensionen gibt das Engagement des Bauherrn den Ausschlag für die Qualität des Gebauten. Dies beginnt schon bei der Ausschreibung: Dem Wettbewerb war ein 170-seitiges Kompendium beigelegt, in dem die Erste Bank eine Beschreibung des eigenen Selbstverständnisses lieferte. Man kann dies als Auswuchs einer Corporate-Identity-Selbstbezogenheit sehen, doch bezeugt ein solches Vorgehen auch einen Vertrauensvorschuss an die Architekten, eine solche Vorgabe umzusetzen.

Was nicht bedeutet, dass danach nur eitle Harmonie ohne offene Fragen herrscht. „Um Entwurfsaspekte wie das öffentliche Erdgeschoß haben wir lange gerungen“, erklärt Martha Schreieck, dieses Jahr in Bauherrenpreis-Doppelfunktion als Präsidentin und Preisträgerin. „Aber es war eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Architekten werden heute oft als reine Dienstleister angesehen. Schwierig ist es auch, wenn man beim Bauherren gar keinen konkreten Ansprechpartner hat und alles in einem Wust aus Facility-Managern untergeht. Deswegen ist der Bauherrenpreis auch nach 50 Jahren noch wichtig.“

Publikationen

2017

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter? Die Ausstellung ist ein Plädoyer für den Fortschritt in Architektur, Wohnungsbau und Städtebau. Wie wir wohnen ist nicht unseren Genen geschuldet, wie wir wohnen ist ein über Generationen an gelerntes Verhalten, dessen Weiterentwicklung von der Dauerhaftigkeit
Hrsg: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell
Autor: Maik Novotny, Kristin Feireiss, Kaye Geipel, Anna Popelka, Georg Poduschka
Verlag: PPAG, Aedes Architekturforum

2014

PPAG: Speaking Architecture
Phenomenology / Phänomenologie

Ein Elefantenhaus, ein Wohnberg, ein Dorf am Dach. Eine offene Schullandschaft, ein barockes Parkhaus, ein silbern schimmernder Windkanal. Das Wiener Büro PPAG architects, 1995 von Anna Popelka und Georg Poduschka gegründet, denkt Architektur mit Scharfsinn, Lust und Erfindergeist immer wieder neu. Ihr
Hrsg: Maik Novotny
Autor: Anna Popelka, Georg Poduschka, PPAG
Verlag: Ambra Verlag

2007

Eastmodern
Architecture and Design of the 1960s and 1970s in Slovakia

Eastern modernist architecture of the 60’s and 70’s is moving away from the specialized focus of international architecture debates and becoming a subject of discussion within the broader context of general interest. The excellent photos in the book convey the flair of an era in which planning was obviously
Autor: Maik Novotny, Hertha Hurnaus, Benjamin Konrad
Verlag: SpringerWienNewYork