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23. Oktober 2019 newroom

Was macht den Kern der heimischen Architektur aus?

Architektur: 33 Interviews mit vornehmlich österreichischen Architekten bieten eine gute Bestandsaufnahme

Internetjahre sind wie Hundejahre, und für eine Website sind 23 Lebensjahre ein Zeichen für Pioniergeist und Durchhaltevermögen. Exakt so lange, seit 1996, gibt es die von Jürg Meister gegründete Online-Architekturdatenbank nextroom. Seitdem ist sie organisch gewachsen, unaufgeregt, professionell und übersichtlich. Wer sich online schnell ein Bild von aktueller österreichischer Architektur machen will, findet kaum eine bessere Adresse. Seit 2017 sind hier auch Interviews mit Architektinnen zu lesen. Jetzt erscheinen 33 davon als Buch, editiert von der Architekturpublizistin Martina Pfeifer Steiner. Alle folgen dem gleichen Schema mit denselben fünf Fragen, und gerade diese Stringenz ergibt ein breites Bild des heutigen Architekturschaffens.

Es beginnt mit einer zu oft vernachlässigten Frage: „In welchen Bürostrukturen arbeiten Sie?“ Denn wie Architekten ihre Arbeit organisieren, in welchen Räumen sie arbeiten und wie sie mit Mitarbeitern umgehen, hat unmittelbaren Einfluss auf ihre Bauten und lässt sich auch an diesen ablesen. Etwas verwunderlich auf den ersten Blick ist, dass auch drei Schweizer Büros unter den Gesprächspartnern sind. Peter Zumthor als Promi-Zuckerl mag noch verständlich sein, aber angesichts der überaus reichen Schweizer Architekturszene wirkt die Auswahl minimal. Allerdings ist die Auswahl, wie die Herausgeber im Vorwort vermerken, „intuitiv und subjektiv“ erfolgt, und auch die vorgestellten Österreicher sind nicht als „Best of“ zu verstehen. Man kann es als Reise durch die Räume von nextroom sehen, man liest so, wie man sich durch die Website klickt, von Zimmer zu Zimmer. Bedauerlicher, aber leider immer noch bezeichnend für den Berufsstand, ist das Verhältnis von 50 Männern zu 14 Frauen.

Weiter zu Frage drei: „Was begrenzt die Verwirklichung Ihrer Visionen?“ Es überrascht kaum, dass hier meist die Flut an Normen und Regulierungen genannt wird. Andere stellen den Begriff der Vision in Frage, denn deren unbegrenzte Verwirklichung ist nicht immer das, was Architekten anstreben. „Sind es schlussendlich nicht die Einschränkungen, die die Kreativität auslösen?“, fragt Andreas Cukrowicz (Cukrowicz Nachbaur Architekten). Die Frage „Welches Ihrer Projekte möchten Sie hervorheben?“ liefert die am wenigsten ergiebigen Antworten, denn Architekten antworten auf diesen Interview-Standard fast ausnahmslos mit „das neueste“ oder „alle“.

Die letzte Frage schließlich öffnet zahlreiche Türen in neue Räume. „Worüber sollten Architektinnen einen Diskurs anzetteln?“ holt die Interviewten hinter dem Arbeitstisch hervor und in die Gesellschaft hinein, in der sie ihren Platz einnehmen und ihre Rolle deklarieren. Auch ein Begriff, der von Architekten gerne nervös umschifft wird, kommt zur Sprache, wenn Georg Bechter sagt: „Wir denken, dass Schönheit nicht argumentierbar ist, dabei hat Schönheit sehr viel mit Angemessenheit zu tun.“

Ebenso stringent wie die Reduktion auf fünf Fragen ist der Verzicht auf Abbildungen der Architektur. Stattdessen werden die Architektinnen in Porträtfotos von Lukas Hämmerle in Szene gesetzt. Diese sind so etwas wie die Seele des Buchs, weil sie die Personen in ihrem Wesen exakt treffen. Manche ungezwungen bei der Arbeit oder im Gespräch miteinander, andere in einstudierter „Kunden aus Amerika, bitte ruft uns an!“-Pose, Zumthor in typisch salbungsvoller „Ich kultiviere das Bild des einfachen Baumeisters, aber eigentlich bin ich ein Priester“-Haltung.

Den notorisch uneitlen, aber eloquenten Wiener Architekten Werner Neuwirth dagegen sieht man nur als Schatten hinter einer Milchglastür: im nächsten Zimmer. „Die Architektenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten so stark mit allen möglichen Rändern beschäftigt, dass die Substanz der Architektur anderen überlassen wird“, sagt er. „Wir sollten darauf achten, dass wir beim Kern der Architektur bleiben.“ Dieses Buch liefert 33 Antworten auf die Frage, wo dieser sich Kern befindet.

verknüpfte Publikationen
- 33 Interviews zur Architektur

17. September 2019 Der Standard

Luigi Colani 1928–2019

Der Design-Star und Provokateur starb mit 91 Jahren

Luigi Colani galt als Weltmeister der futuristischen Form und entwarf Autos und Flugzeuge ebenso wie Brillen, Möbel, Fernseher oder Polizeiuniformen. Seine Kunden hießen BMW, VW, Fiat, Canon ... Seine Kritiker schimpften ihn Großmaul, für seine Fans war er einer, der sich niemals anpasste. In den 1970er- und 1980er-Jahren stieg er zum Superstar der Designszene auf, am Montag ist er im Alter von 91 Jahren in Karlsruhe an einer schweren Krankheit gestorben.

„Die Idioten von heute können kein Design mehr machen, die westliche Designwelt ist verkalkt. Es geht nur um Gewinn-Absahne und kurzzeitiges Denken“, sagte Colani dem STANDARD einmal.

Colani, der unter anderem Aerodynamik sowie Analytische Philosophie in Paris studierte, respektierte keine Grenzen, weder in seiner Formensprache, noch im Umgang mit ganzen Branchen. Schon sein Vater, ein Schweizer Filmarchitekt kurdischer Herkunft, habe ihm geraten, in der Natur Antworten zu suchen.

Seine Kugelküche von Poggenpohl, die er im Jahre 1968 entwarf, sieht wie das Gegenteil der heute glattgebügelten Küchenwelten aus. Die Provokation in Form und Wort sah er als Werkzeug, wachzurütteln. Für eine Zeit mag dies funktioniert haben, nach seinen erfolgreichen Jahrzehnten gab er sich von den Entwicklungen enttäuscht. Er verlagerte seine Arbeit überwiegend in den Fernen Osten, wo er unter anderem ein Designstudio eröffnete. Auf die Frage, warum er Europa den Rücken kehre, antwortete er: „Weil da drüben die Sau abgeht!“

Colani, 1928 in Berlin geboren – seine Mutter war als Souffleuse bei Max Reinhardt tätig –, wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Visionary Design Award des Pasadena Art Center College für sein Lebenswerk. Bis ins hohe Alter wollte Colani jungen Menschen Mut machen, Dämme aufzubrechen und sich nicht von einer „Designmafia“ vereinnahmen zu lassen.

Schon länger war es legitim, diesen großen Entwerfer als einen der letzten großen Dinosaurier seiner Zunft zu bezeichnen. Was für Dinosaurier gilt, soll nun auch für Colani Gültigkeit haben. Nur weil sie ausgestorben sind, heißt das nicht, dass man sie vergessen hätte. Womit der Visionär im Bereich Design selbst nie rechnete? „Mit dem iPod!“, sagte er im Jahre 2009.

31. August 2019 Der Standard

Konstruktion oder Destruktion?

Die Architektur hat Umwelt und Klimawandel schon lange im Fokus ihres Handelns. Aber kann die langsame Architektur etwas gegen die Klimakatastrophe tun? Oder ist es schon zu spät? Vermutlich ja.

Dieser Text sollte eigentlich davon handeln, was die Architektur zum Thema Klimawandel zu sagen hat. Es sollte darauf hingewiesen werden, dass der Umweltaspekt nichts Neues ist, und in der Architektur erst recht nicht. Das ökologische Bauen, wie wir es heute verstehen, datiert schließlich mindestens in die 1970er-Jahre zurück, mit ihrer Infragestellung des Fortschrittsdogmas und der Industrialisierung. Man kann den Anfang auch in Buckminster Fullers Biosphäre ansetzen, der fast entmaterialisierten geodätischen Kuppel, die er auf der Expo 67 präsentierte.

Die Architekten, könnte man sagen, haben es schon immer gewusst, schließlich sind die Umwelt und jegliche Eingriffe in diese ihr Metier. Doch die Architektur ist per se langsam, und die Bauindustrie ist noch langsamer als die Ideen der Architekten. Weswegen auch heute noch, 50 Jahre nach Fuller, in Beton und Stahl gebaut wird. Weswegen heute 13 Milliarden Tonnen Sand pro Jahr verbraucht werden und illegaler Sandabbau zum Geschäft für organisierte Kriminalität geworden ist, mit enormen Schäden für Mensch, Tier und Natur.

Es sollte in diesem Text um Ausnahmezustände wie diesen gehen, aber auch um Architektur, die den entgegengesetzten Weg einschlägt. Zum Beispiel um die Wohnanlage MGG22 in Wien-Stadlau, die zurzeit fertiggestellt wird. Hier wird erstmals im sozialen Wohnbau die thermische Bauteilaktivierung zum Heizen und Kühlen mit Windenergie eingesetzt, ein Schritt in Richtung einer CO2-neutralen Stadt. Auf dieser Baustelle war es auch, wo Planungsstadträtin Birgit Hebein Ende Juli pressewirksam die Festlegung von Klimaschutzgebieten in Wien verkündete, in denen ab 2020 Öl- oder Gasheizungen im Neubau untersagt sein werden.

Feigenblatt

Es wäre hier sicher auch kritisch darauf eingegangen worden, ob Maßnahmen wie die Begrünung von Fassaden, das Versprühen von Wasser und das Verlegen von Kunstrasen sinnvolle Schritte im Kleinen sind, oder, wie Sabine Pollak im ΔTANDARD-Architekturblog schrieb, nur die Symptome und nicht die Ursachen behandeln (dies wäre bejaht worden). Ob man nicht einige Nummern größer denken müsse und, wie die spanische Stadt Pontevedra, den Autoverkehr aus den Innenstädten entfernen sollte, ohne mit noch dem letzten unbelehrbaren Stellplatzlobbyisten eine Grundsatzdiskussion anzufangen (auch dies wäre bejaht worden).

Es wäre mit Sicherheit die Frage der Raumordnung zur Sprache gekommen, die einen weit größeren Hebel bei der Korrektur der Auswirkungen des Klimawandels böte als Nebelduschen in Ottakring. Mehr als nur die Begrünung von Dächern und Fassaden, die Daniel Fügenschuh, Bundesvorsitzender der Architekten- und Vizepräsident der Ziviltechnikerkammer, zu Recht als „Feigenblattpolitik“ bezeichnete. Trotz leichten Rückgangs ist Österreich immer noch Meister der Bodenversiegelung und Zersiedelung.

Es wären auch die Architekten nicht ungeschoren davongekommen, die zu oft daran glauben, dass es für jedes Problem der Welt eine architektonische Lösung gibt, dass man einfach immer nur etwas entwerfen, planen und bauen muss, um die Welt besser zu machen. Gigantische Projekte gegen den steigenden Meeresspiegel wie die „Seawall Jakarta“ oder das „Big U“ in New York City, geboren aus Wie-cool-ist-das-denn-Optimismus und Machbarkeitseuphorie, dargeboten in der gleichen aufgeregt-bombastischen Sprache wie jene ressourcenverschwendenden Großprojekte, die den ganzen Mist mit angerichtet haben.

Der Text hätte dann übergeleitet zu jenen, die Architektur anders denken. Wie die Kuratorinnen der Osloer Architekturtriennale, die im September eröffnet wird und sich unter dem Motto „Degrowth“ dem Dogma des ewigen Wachstums entgegenstellt. Nicht im Sinne von Rückzug und Stagnation, sondern im Sinne neuer Arten, die Gesellschaft zu organisieren.

Sorge tragen

Es wäre nachdrücklich die noch bis September gezeigte Ausstellung Critical Care im Wiener Architekturzentrum empfohlen worden, die 21 Projekte vorstellt, die Handlungsmöglichkeiten für einen Planeten in der Krise aufzeigen und eben keine schaumgeborenen Science-Fiction-Träumereien sind, sondern Realität. Projekte, die das „Sorgetragen“ umsetzen, einmal in der Stadt, einmal auf dem Land. Projekte, die verbessern und reparieren, was es schon gibt, mit Fähigkeiten, die es schon gibt und die nur besser verteilt werden müssen. Ein „Sorgetragen“, dessen weibliche, feministische Konnotationen kein Zufall sind und die schon 1990 von Joan Tronto und Berenice Fisher in Toward a Feminist Theory of Caring analysiert wurde. Der Text wäre dann zu einem vorsichtig optimistischen Schluss gekommen.

Doch jetzt brennt der Urwald am Amazonas, und beim G7-Gipfel in Biarritz bezeichneten die US-Delegierten den Klimawandel als „Nischenthema“, über das zu diskutieren sie keine Lust hätten. War die Entwaldung in Brasilien seit 2008, auch dank der Umweltpolitik der damaligen Ministerin Marina Silva, leicht zurückgegangen, fürchten Fachleute jetzt den baldigen Kollaps. Ökosystem und Zivilisation stehen kurz vor der irreversiblen Kippe, die Worst-Case-Szenarien werden im Flug von der Realität eingeholt. Wenn Psychopathen wie Jair Bolsonaro (und, ja, es sind fast alles Männer) auf globaler Ebene ihr Zerstörungswerk im Fast-forward-Modus vollenden, was kann das Sorgetragen auf lokaler Ebene noch ausrichten? Wenn das, was konstruktiv in der Stadt, im Dorf, in der Region aufgebaut wird, mit der Dampfwalze niederplaniert wird? Wenn die Welt brennt, hilft auch keine Nebeldusche mehr.

17. August 2019 Der Standard

„Ändern wir die Potenziale!“

Wie viel Einfluss haben Architekten wirklich auf der Welt? Sie planen Einzelstücke, während die gebaute Masse von Normen, Logistik und Unternehmensberatern produziert wird, unökologisch und ausbeuterisch. Die US-Architekturtheoretikerin Keller Easterling hat Lösungen dafür: die subversive Manipulation.

Ihr Forschungsgebiet sind nicht erhabene baugeschichtliche Details, sondern die neuen Formen der Gegenwart. Nicht das einzelne Baudenkmal, sondern das, was überall ist: Flughäfen, Siedlungen, Infrastruktur. Ihr Forschungsmaterial sind Werbefilme für Businessparks. Die Architekturtheoretikerin Keller Easterling, Professorin an der Yale University, erklärt im Gespräch mit dem ΔTANDARD, wie man Shoppingmalls subversiv unterwandert, warum Zwischenräume wichtiger sind als die Dinge und was Architekten vom Billardspielen lernen können.

Standard: Es ist wohl eher ungewöhnlich, dass eine Architekturtheoretikerin sich mit Werbevideos für Sonderwirtschaftszonen beschäftigt. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen?

Easterling: Jedes Land will Investoren aus dem Ausland anlocken, und diese Werbevideos sehen alle exakt gleich aus. Ein Schwenk aus den Wolken hinunter zu Skylines, identischen Villen, Golfplätzen, untermalt von donnernder Musik. Die urbane Epidemie der Free Zones.

Standard: Wo finden sich diese Zonen?

Easterling: Es gibt verschiedene Spezies, aber alle mit derselben Sehnsucht nach der glitzernden Skyline. Die Modelle Hongkong, Singapur und Dubai haben fast alle anderen infiziert, aber auch China hat ein ähnliches Gesamtpaket anzubieten.

Standard: Was kennzeichnet diese Gebiete? Sind sie extraterritorial, oder beeinflussen sie die Stadt, in der sie sich befinden?

Easterling: Es geht in erster Linie um Jobs. Einer Stadt mit 30 % Arbeitslosigkeit kann man diese Möglichkeit auch schwer verweigern. Aber ihnen sind dadurch die Hände gebunden: Entweder sie bieten den Firmen ein Umfeld, wie es alle anderen auch tun, oder sie verlieren. Oft bröselt ihre eigene Infrastruktur, aber anstatt in diese zu investieren, bauen sie daneben eine neue.

Standard: Manche würden jetzt sagen: Neue Jobs, strahlende neue Hochhäuser, was ist daran so schlimm?

Easterling: Es ergibt einfach wenig Sinn, dass das gesamte Geld in diese Enklaven fließt. Für diese Länder wäre es besser, wenn sie Investoren in ihre schon bestehenden Städte locken. Nehmen Sie Kenia zum Beispiel: Man könnte den Investoren ein Gegengeschäft anbieten, damit diese den öffentlichen Verkehr oder das Mobilfunknetz ausbauen. Aber das Schlimmste an diesen Zonen ist, dass sie die Arbeit und die Umwelt ausbeuten. Es gelten dort überhaupt keine Regeln. Menschen werden exportiert wie Maschinen, sie gehen verloren in juristischen Zwischenräumen, man kann den Missbrauch an ihnen nicht mehr nachverfolgen.

Standard: Es scheint, Sie sehen sich vor allem als Erforscherin der aktuellen Gegenwart, nicht der Architekturgeschichte?

Easterling: Die Geschichte ist ganz wesentlich. Aber ich habe Methoden entwickelt für die Analyse der Architektur der Gegenwart, für die es kein Archiv gibt. Also durchsuche ich Nachrichtenkanäle und Werbematerialien. Die Welt produziert jeden Tag tausende Hektar neuen Raum. Ich frage mich: Wenn das Raum ist und er die globalisierte Welt radikal verändert, könnte es doch sein, dass wir Architekten mehr darüber wissen als ein McKinsey-Berater, der globale Entscheidungen trifft. Ich frage mich, wie wir diesen Raum, der für uns außer Reichweite ist, in den Griff bekommen.

Standard: Welche Methoden gäbe es, das zu erreichen?

Easterling: Ich beschäftige mich zum Beispiel mit architektonischen Elementen, die ich „Repeatable Spatial Products“ nenne. Das sind Formeln für kommerziell geprägte Orte wie Golfplätze, Ferienanlagen, Einkaufszentren, Flughäfen. Das eigentliche Gebäude ist nur ein Nebenprodukt des logistischen Apparats, in dem Faktoren wie Lageflächen, Parkplätze und Just-in-time-Logistik zählen. Ich versuche herauszufinden, wie Architekten diesen Apparat manipulieren können, um mehr Wirkung zu erzielen.

Standard: Es geht also gar nicht mehr darum, ein einzelnes Gebäude zu entwerfen?

Easterling: Architekten entwerfen normalerweise ein Haus oder einen Wolkenkratzer, aber es wäre eventuell besser, Multiplikatoren zu entwerfen. Wenn man im Rezept für einen Vorort oder eine Shoppingmall nur eine Zutat ändert, dann ändert man mit einem Schlag Millionen von Räumen. Die amerikanischen Suburbs des 20. Jahrhunderts sind reine Serienprodukte: 17.000 Häuser mit 17.000 Dächern darauf und 17.000 Fernsehern darin. Wenn man dann das Verkehrssystem ändert, wie wir es zurzeit tun, was passiert dann mit den 17.000 Garagen?

Standard: Den von Ihnen entwickelten Begriff Medium-Design beschreiben Sie mit: ist nicht neu, hat nicht recht, funktioniert nicht immer. Das wird Architekten, die davon überzeugt sind, dass ihre Pläne die Welt verbessern, sehr nervös machen. Was ist gut daran, nicht recht zu haben?

Easterling: Es ist völlig in Ordnung, Einzelobjekte zu entwerfen. Aber ich denke, wir können mehr. Was, wenn wir auch die Regeln entwerfen, denen die Objekte unterworfen sind? Wir folgen stets dem Narrativ des Neuen und des Rechthabens. Aber recht zu haben hilft nicht gegen totalitäre Tyrannen. Denn diese haben die inflationäre Lüge perfektioniert. Wir haben ja im Moment in den USA ein perfektes Beispiel, an dem wir das beobachten können. Vernünftige Politik wird von der Politik der Unvernunft problemlos zerstört. Wir brauchen also mehr als vernünftige Ideen. Es ist wie beim Billardspielen: Dabei geht es nie um die eine richtige Lösung. Man reagiert auf wechselnde Bedingungen. Genau darum geht es in Medium- Design: die Potenziale zu ändern.

Standard: Wie zum Beispiel?

Easterling: Ich untersuche gerade UN-Habitat-Projekte, die in wuchernden Stadträndern mittels Selbstfinanzierung Werte für die Bewohner generieren. Ich arbeite an Strategien für dichtbesiedelte Gebiete, die von Überflutungen bedroht sind. Strategien, die die Dynamik der Developer-Maschinerie umdrehen. Und mein Projekt „Many“ versucht, befristete Deals zwischen Migranten und Städten auszuhandeln, die die Frage der Staatsbürgerschaft zu umgehen versuchen und von denen beide profitieren. Wir müssen die finanziellen und politischen Konstrukte der physischen Welt manipulieren.

3. August 2019 Der Standard

Ein Land im Blindflug

Britische Architekten sehen durch den Brexit die Zukunft von Bauwirtschaft und Kreativindustrie gefährdet. Boris Johnsons Verständnis von Architektur dürfte das Problem eher noch verschlimmern.

„Eine erniedrigende Erfahrung“, anders könne sie das nicht beschreiben. So das resignierte Urteil der südafrikanischen Stadtforscherin Zahira Asmal. Was war passiert? Die Urbanistin war von der britischen Architecture Foundation zu einem Vortrag im September nach London geladen worden, scheiterte aber an den Visum-Schikanen der britischen Behörden. „Man wird nicht als Gast behandelt, sondern als Kriminelle“, schrieb sie, und Phineas Harper von der Architecture Foundation klagte: „Die Feindseligkeit des Innenministeriums gegenüber ausländischen Besuchern gefährdet die gesamte Kreativindustrie.“ „Hostile Environment“ gegenüber illegalen Ausländern lautete die Strategie, die die damalige Innen- und spätere Premierministerin Theresa May 2012 ausgegeben hatte, und die daraus resultierende passiv-aggressive Inkompetenz der Bürokratie hat sich im Zuge des Brexit-Chaos zur Feindseligkeit gegenüber allen Ausländern ausgewachsen.

Noch dazu geht der inzwischen drei Jahre andauernde Schwebezustand britischen Architekten immer mehr auf die Nerven. Im Oktober 2018 unterzeichneten mehr als 1000 von ihnen, darunter Norman Foster, Richard Rogers und David Chipperfield, einen offenen Brief an Theresa May, in dem sie davor warnten, dass der Brexit „verheerend“ für ihren Beruf wäre. Der Erfolg der britischen Architektur wäre ohne die Mitgliedschaft in der EU niemals zustande gekommen. Auch Rem Koolhaas äußerte in einem Interview im Mai dieses Jahres sein Unverständnis. „Ich habe hier gelebt, als das Land EU-Mitglied wurde, und selbst erfahren, wie es zu einem besseren Ort wurde.“

Seitdem der eigentliche Brexit-Termin am 29. März verstrich, die Regierung der Wirtschaft auch weiterhin keine Klarheit über die Zukunft verschaffen konnte und die Gefahr eines ein No Deal stieg, werden auch die Reaktionen der Architekten deutlicher. Im Juni schlossen die Büros Foster und Rogers nicht aus, dass die Firma das Land verlassen könnte, falls es nicht mehr möglich sei, hochqualifizierte Mitarbeiter aus dem Ausland einzustellen. Sollte es zu einem No Deal kommen, entfällt über Nacht die gegenseitige Anerkennung der Berufsqualifikation zwischen Großbritannien und der EU. Für EU-Ausländer im Vereinigten Königreich müsste man ein neues System entwickeln. Davon ist aber noch nichts zu sehen.

Keine Klarheit

Auch die britische Immobilienwirtschaft richtete an den neuen Premierminister Boris Johnson den dringenden Wunsch nach einem geordneten Brexit. Man dürfe den Wohnungsmarkt nicht vergessen, hier müssten dringend 25 Prozent mehr Wohnungen gebaut werden. Ein No Deal, so Ben Derbyshire, Präsident des Royal Institute of British Architects (RIBA), wäre eine Katastrophe für die Bauindustrie.

Dabei hatte Boris Johnson in seiner Amtszeit als Londoner Bürgermeister durchaus eine Nähe zur Architektur. Allerdings vor allem für bombastische Protzprojekte, die kurzfristig gute PR garantieren, aber bald zur Altlast wurden. Etwa der Emirates Cable Car, der von nirgendwo nach nirgendwo über die Themse gondelt, und das meistens ohne Passagiere. Der Arcelor Mittal Orbit neben dem Olympiastadion, ein Turm, der aussieht wie ein schlimmer Auffahrunfall aus roten Baukränen. Eine Idee, die Johnson mit dem Stahlmilliardär Lakshmi Mittal ausgeheckt hatte, deren Umsetzung mehr Geld kostete und weniger Besucher anlockte als geplant und heute umgerechnet 10.000 Euro Betriebskosten pro Woche verschlingt. Das Projekt der Garden Bridge, als rein privates Investorengeschenk an die Londoner angekündigt, wurde von Skandalen begleitet und 2017 gecancelt.

Übrig blieb eine Rechnung von umgerechnet 47 Millionen Euro an den britischen Steuerzahler für eine nicht existente Brücke. Es scheint, als sei Architektur für Johnson wie ein Spielzeug, das kurz glitzert und dann achtlos zur Seite gelegt wird.

Dabei gäbe es viel zu tun, denn die Zustände abseits der Glitzerprojekte sind beschämend. Der im Frühjahr veröffentlichte Bericht des Uno-Sonderbotschafters Philip Alston offenbarte ein Land, das sich den viktorianischen Zuständen in den Romanen von Charles Dickens annähert. In der fünftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt leben 14,3 Millionen Menschen in Armut, 1.5 Millionen sogar in extremer Armut, vor allem dank der Austeritätspolitik der Tories seit 2010. Prognosen zufolge werden 2021 etwa 40 Prozent aller britischen Kinder in Armut leben. Die Obdachlosigkeit ist dramatisch angestiegen, die Gelder für soziale Dienste, Bibliotheken und Jugendzentren wurden ausgedünnt.

Destruktive Konservative

Die Reaktion der Regierung war so erwartbar wie deprimierend: Er akzeptiere den Uno-Bericht nicht, und das mit der Armut sei Nonsens, so der damalige Finanzminister Philip Hammond. Keine Frage: Es interessiert die Konservativen schlicht und einfach nicht, und Johnsons Horrorkabinett, in dem die Desaster-Kapitalisten die Oberhand haben, ist ohnehin kaum noch als konservativ zu bezeichnen. Hier wird nichts mehr bewahrt, eine Umbenennung in Destructives wäre nur konsequent.

„Die Wohnungsnot wird im Falle des Brexits nur noch schlimmer werden, denn dieser ist von Grund auf ein Projekt der Rechten“, so David Madden, Professor für Stadtsoziologie an der London School of Economics, zum STANDARD: „Das erwartbare Wirtschaftschaos wird nur zu noch mehr Austerität und mehr Deregulierung des Wohnungsmarkts führen.“

Auch Eugene Quinn beobachtet sein Heimatland mit Sorge. Der in Wien ansässige Brite, der mit der Vienna Ugly Tour bekannt wurde, organisierte im März eine Brexit-Tour, pünktlich zur neuen Deadline im Oktober steht die nächste an. „Ich war überrascht und enttäuscht, dass wir das erste Land sind, das der Populismuswelle zum Opfer fällt. In diesen globalen Zeiten kleiner werden zu wollen ist ein peinlicher historischer Fehler. Aber inzwischen hoffe ich sogar, dass der Brexit bald passiert, weil ich weitere fünf Jahre chaotischer Unsicherheit und Fortschrittslosigkeit einfach nicht mehr aushalten würde.“ Seine Brexit-Tour, so Quinn, sei auch eine Art von Therapie. Sie endet, natürlich, in einem Pub.

20. Juli 2019 Der Standard

Ein Land auf der roten Liste

Das Kulturzentrum Mattersburg, eine Ikone des Brutalismus, ist Geschichte. Auch andere Bauten der Moderne im Burgenland werden dem Erdboden gleichgemacht. Warum tut sich das Bundesland mit der Baukultur so schwer?

Alle Hilferufe und Appelle haben nichts geholfen: Letzte Woche begannen die Bohrer, sich in den dicken Stahlbeton des Kulturzentrums (KUZ) Mattersburg zu fräsen. Bis auf ein kleines Stück Fassade wird der im Mai 1976 eröffnete Bau des Architekten Herwig Udo Graf Geschichte sein, und mit ihm ein Zeugnis der burgenländischen Kultur- und Bildungsoffensive der Nachkriegszeit.

Seit 2014 stand der Bau leer, unter nicht gänzlich transparenten Umständen wurde von der BELIG (Beteiligungs- und Liegenschafts GmbH), die die landeseigenen Immobilien verwaltet, und vom damaligen Kulturlandesrat Helmut Bieler (SPÖ) auf Neubau anstatt Sanierung entschieden. Eine engagierte Plattform wurde gegründet, die sich für den Erhalt aussprach. Nationale und internationale Experten setzten sich für den Erhalt des wuchtigen Ensembles ein.

Im November 2016 verordnete der Bescheid des Bundesdenkmalamts eine Teilunterschutzstellung der Nordfassade. Warum ausgerechnet eine dünne Fassade geschützt wurde, wo doch das zugrundeliegende Gutachten die für den Brutalismus typischen skulpturalen Gesamtqualitäten explizit gewürdigt hatte, blieb offen. „Den Mauerzug eines Bauwerks als potemkinsches „Denkmal“ stehen zu lassen hat sich schon in den 1970er- und 1980er-Jahren als fachliches No-Go erwiesen, ist sachlich verpönt und nicht State of the Art“, so die fachliche Stellungnahme von Docomomo Austria.

Einsturz, Brand, Gefahr

Es folgten zahlreiche Schreiben der Plattform, der Initiative Bauten in Not und von Privatpersonen an den Bieler-Nachfolger und heutigen Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil, die alle unbeantwortet blieben. Noch im Mai 2019 wandte sich der 79-jährige KUZ-Architekt Herwig Udo Graf mit Alternativvorschlägen an Doskozil, vergeblich. Jetzt könne man den Bau auch gleich ganz wegreißen, anstatt ein „Feigenblatt“ stehen zu lassen, urteilte er resigniert.

Es ist nicht das einzige seiner Werke, von dem er sich verabschieden musste. 2018 wurde sein Kindergarten in Mattersburg zum Abbruch freigegeben, eine missglückte Feuerwehrübung am 22. September ließ den leerstehenden Bau in Flammen aufgehen. Sein Seerestaurant Breitenbrunn, eine einfache, rustikal-elegante, in die Schilflandschaft gesetzte Holzkonstruktion, quasi ein Dach als Haus, wurde von den Eigentümern Esterhazy Immobilien aufgrund angeblicher Einsturzgefährdung im Frühjahr 2019 abgebrochen. Ein Gegengutachten der Gemeinde und die Tatsache, dass kaum eine Geometrie einsturzsicherer ist als ein auf dem Boden stehendes Dreieck, änderten nichts daran.

Baufällig, sanierungsanfällig, thermisch unzureichend: Das sind die Standardargumente, mit denen den Bauten der 1970er-Jahre gerne zu Leibe gerückt wird. Argumente, die oberflächlich besehen glaubwürdig wirken und daher selten genaueres Nachfragen zeitigen. Die Zukunft des Krankenhauses in Oberwart, 1976–82 von Matthias Szauer und Gottfried Fickl erbaut, mit seiner Kombination aus Sichtbeton und zeittypisch poppigen grün-orangenen Leitfarben, ist offen. Mit dem Neubau unmittelbar daneben soll nach jahrelangem Hin und Her 2020 begonnen werden. Für den Altbau sieht es düster aus.

So auch beim Hallenbad Neusiedl am See (Architekten Rüdiger Stelzer und Walter Hutter, 1977), das die Zeit fast unbeschadet überstanden hat. Dieses befand ein Gutachten des BDA im September 2018 als schutzwürdig, ein Bescheid ging Anfang Juli an die Gemeinde. Diese hat aber kein Interesse an dem Schutz und erhob einstimmig Einspruch. Man befürchtet Mehrkosten bei der Sanierung und stellte infrage, ob der Brutalismus ein schützenswerter Baustil sei. Gesunder Menschenverstand gegen Expertise.

Die Baukultur eines Landes hat viele Maßeinheiten. Eine ist der Respekt vor Experten (die natürlich kritisiert werden dürfen). Die Transparenz ist eine weitere. Ein Architekturwettbewerb wie der für das KUZ Mattersburg, dem die Architektenkammer die Unterstützung verweigerte und dessen Ergebnisse weder öffentlich ausgestellt noch bekanntgemacht wurden, stellt dem Burgenland auch hier kein gutes Zeugnis aus. Man wolle die Diskussion nicht noch weiter befeuern, hieß es damals.

Mangelnde Transparenz

Drittens: Baukultur ist eine politische Kultur. Im Burgenland scheint vonseiten der Politik eine Haltung vorzuherrschen, die man als „offensives Desinteresse“ bezeichnen könnte. Ende April lud die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) in Eisenstadt Experten zur (vom ORF aufgezeichneten) Podiumsdiskussion „Anlassfall Nachkriegsmoderne“. Also vor der Haustür der Landesregierung, die es trotz Einladung nicht für nötig befand, einen Vertreter zu schicken.

Eine Podiumsdiskussion, bei der Klaus-Jürgen Bauer, Kurator des Architekturhauses Architektur Raum Burgenland, seinen mangelnden Einsatz für die Nachkriegsarchitektur damit begründete, man habe sich zum einen 1993 als Gegenpol zu den dominanten Persönlichkeiten der Architektengeneration der 1970er-Jahre gegründet, und zum anderen wolle man sich öffentlich nicht zu kontrovers äußern, da sonst eventuell eine Kürzung der Fördergelder durch die Landesregierung drohe. Ein fachliches und ethisches Selbstverständnis, zu dem man vieles sagen könnte, zu dem man aber eigentlich nichts mehr sagen muss.

Denn es geht hier nicht darum, ob man den Brutalismus nun gut findet oder nicht. Nicht alles, was in den 1960er- und 1970er-Jahren entstand, hat dieselbe Qualität. Doch wenn man das Gespräch darüber verweigert, verhindert man auch den Konsens darüber, was schützenswert ist und was nicht. Der Umgang mit den Bauten dieser Ära ist ein Indiz für den Umgang mit Architektur an sich. In der Schweiz, zweifellos ein Land mit hochentwickelter Baukultur, werden Betonbauten ebenso gepflegt wie alte Bauernhöfe oder Kirchen. Wer die Nachkriegsmoderne zerstört, ohne sich der gesellschaftlichen Debatte zu stellen, dem ist jegliche Architektur wurscht.

13. Juni 2019 Der Standard

Brücken bauen überm Bonsai

Wie Junge, Familien und Senioren in einem Haus zusammenleben können, ohne einander auf die Nerven zu gehen, zeigt die Wohnanlage „Generationenband“ in Wien-Kagran.

Eine letzte Gärtnerei hält noch die Stellung an der Tokiostraße in Wien-Kagran. Rechts und links der Gewächshäuser zieht sich fugenlos die Reihe neuer Wohnbauten entlang. Was früher flaches Donaufeld war, ist heute sechsgeschossig oder noch höher – und hochverdichtet noch dazu. Zum Ausgleich für die mitunter schluchtenartige Höfe bietet in zweiter Reihe der Kirschblütenpark Luft zum Atmen, er bildet in Verbindung mit der Tokiostraße und der kleinen Bonsaigasse einen zumindest namentlichen Japan-Schwerpunkt im 22. Bezirk.

Wer die Bonsaigasse in Richtung Kirschblüte durchmisst, taucht bald unter einer Brücke durch, die im dritten Geschoss zwischen zwei Häusern klemmt. Genau gesagt sind es insgesamt drei Brücken zwischen vier Häusern, gemeinsam bilden sie das sogenannte Generationenband. Dies war die Idee des Architekturbüros Blaich Delugan, das mit dem Bauträger Eisenhof auf vier relativ kleinen Restbauplätzen eine eigene soziale Mischung kombinierte.

Junges Wohnen, Familienwohnen und Seniorenwohnen (in der offiziellen, weniger geriatrischen Wortwahl: Wohnen 55+), verteilt auf 75 Mietwohnungen, 41 Smartwohnungen und sechs Wohngemeinschaften. Die 55+-Bereiche kombinieren drei „Cluster“ aus je vier Smartwohnungen mit jeweils eigenem Gemeinschaftsraum.

Das ist zwar in Wien nicht einzigartig, aber das Besondere an der Bonsaigasse ist, dass die Generationen hier auf Häuser verteilt wurden, auch um sich lärmbedingt nicht zu sehr in die Quere zu kommen.

„Die Wohngemeinschaften für Studenten und junge Menschen sind in einem eigenen Trakt angeordnet, dadurch werden Nutzungskonflikte mit anderen Bewohnern vermindert“, erklärt Eisenhof-Geschäftsführer Peter Roitner. „Im Zentrum der Anlage ist das Angebot für die ältere Generation situiert, die Familienwohnungen befinden sich vornehmlich in Ruhelage im nördlichen Bauteil. Die Smart- und Standardwohnungen sind frei verteilt und fördern dadurch die soziale Durchmischung.“ Sprich: Jeder darf seine Ruhe haben, aber niemand muss vereinsamen.

Das Generationenband verbindet diese Häuser miteinander; an diesem Weg, der sich in der Höhe durch die Anlage schlängelt, sind auch alle Gemeinschaftsräume, Kinderspielräume, Jugendraum, Gemeinschaftsterrassen angeordnet. „Räume also, die für gewöhnlich eher im Erdgeschoss untergebracht werden, doch hier sind sie auch deshalb in die Höhe gewandert, weil sich das Erdgeschoss mit seiner Lage am Park gut fürs Wohnen eignet“, erklärt Architekt Dieter Blaich. Als klare Grenze zwischen privater Terrasse und öffentlicher Kirschblüte dienen weiße, halbhohe Mauern mit schmalen Öffnungen. Eine willkommene Abwechslung zu den sonst in Wien üblichen Maschendrahtzäunen, die sofort nach Einzug mit Eigenbausichtschutz aus Thujen oder Baumarktbastmatten verunstaltet werden.

Sorgfältige Wohnungsvergabe

Damit das Band nicht nur konstruktiv, sondern auch ideell funktioniert, wurde bei der Wohnungsvergabe auf die richtige Zuordnung von Bewohner und Wohnung geachtet. Das Soziologieteam Realitylab informierte die Interessenten umfassend. Dabei galt das Motto „Haus vor Wohnung“ – das heißt: eine bewusste Entscheidung für das Gesamtprogramm. Das Büro Realitylab hilft seit der Vergabe Ende 2018 auch beim Einstieg in die Praxis des Zusammenlebens und der Nutzung der Gemeinschaftsräume.

Damit das Generationenband den „Raum für alle Lebensphasen“ auch langfristig zusammenhält, sollen die heutigen Bewohner auch, soweit förderrechtlich möglich, in Zukunft bei der Vergabe frei werdender Wohnungen bevorzugt werden, sagt Roitner. Das soll die langfristige Verankerung in der Nachbarschaft gewährleisten. Mit etwas Glück wird die dichte Stadt am Donaufeld so zu einem Netzwerk aus Häusern und Dörfern, und der Bonsai zum Baum.

18. Mai 2019 Der Standard

Dem Monster auf der Spur

Ist Wohnen Spekulationsobjekt oder Menschenrecht? Warum werden Städte von New York bis Berlin unleistbar teuer? Der Dokumentarfilm „Push“ zeigt, wie eine UN-Botschafterin die Hintergründe einer globalen Krise aufdeckt – und zum Handeln aufruft.

Toronto. Kleine Wohnung, kleine Küche. Das Fenster schließt nicht, das Wasser leckt. Reparaturen: Fehlanzeige. Die neuen Besitzer des Hauses sind anonym, niemand hat sie gesehen. „Könnte Frosty, der Schneemann sein“, sagt der Mieter mit traurigem Sarkasmus. Doch sie haben Spuren hinterlassen: ein halbes Dutzend Überwachungskameras – und eine drastische Mieterhöhung.

Berlin. Der bullige Kiez-Bäcker im Dialog mit dem jungen Baustadtrat Florian Schmidt. Die Miete für den Laden ist drastisch erhöht worden. Der Stadtrat versucht, Hoffnung zu wecken. Der Bäcker sieht keine Chance. Aber er will trotzdem kämpfen. Seoul. Ein Mann berichtet, wie sie kamen, ihn verprügelten und seine Frau traten, um sie aus ihrem Haus im Stadtzentrum zu vertreiben. London. Die Brandruine des Grenfell Tower. Viele Überlebende sind fast zwei Jahre später immer noch ohne dauerhafte Bleibe. Wenn sie eine bekommen, wird sie vermutlich nicht mehr hier sein. Das multikulturelle Viertel, in dem man sich vom Sehen kannte, ist heute Premium-Lage. „Sie haben gesagt, wer sich London nicht leisten kann, soll halt woanders hinziehen“, schnaubt der Londoner, der sich gerade über seine Motorhaube beugt. „Die spinnen wohl!“ Es ist in allen Städten dasselbe Phänomen: Der sicher geglaubte Lebensraum wird den Menschen unter den Füßen weggezogen.

Eine kleine Frau mit wachen Augen hört diesen Menschen zu, macht sich Notizen, fragt nach. Ihr Name ist Leilani Farha. Die Kanadierin ist UN-Sonderbotschafterin für angemessenes Wohnen. Push heißt der Dokumentarfilm des schwedischen Regisseurs Fredrik Gertten, der sie dabei begleitete. Farha versucht zu verstehen, was hier passiert, warum es überall gleichzeitig passiert und was dahintersteckt.

Also fragt sie Experten wie den Nobelpreisträger Joseph Stiglitz oder die Soziologieprofessorin Saskia Sassen. „Dass die Mieten steigen, ist ein Mechanismus, den jeder versteht“, sagt sie. „Aber dann kommt jemand anderer ins Spiel: Ein Monster, das niemand sieht, dessen Sprache niemand versteht. Also fragt man sich: Wer ist dieses Monster?“

Jenseits von Chai Latte

Das Monster: Das ist die Finanzialisierung des Wohnsektors, das sind die globalen Fonds, die seit der Krise 2008 massiv in Immobilien investieren. Sassen stellt unmissverständlich klar: Mit Gentrifizierung hat das nichts mehr zu tun. Es geht um mehr als um das Chai-Latte-Stübchen, das den alteingesessenen Handwerker ersetzt. Es geht um ganze Stadtviertel, die auf Immobilienmessen gehandelt werden, als Anlageobjekte, Assets, Parkplätze für Geld.

Die Bewohner sind da nur im Weg. Aber wenn nicht einmal der Krankenpfleger, die Polizistin, der Feuerwehrmann sich das Wohnen leisten können, funktioniert dann die Stadt überhaupt noch? Ganz zu schweigen von der enormen psychischen Belastung, wenn das vertraute Netzwerk aus Freunden und Nachbarn zerstört wird.

Leilani Farha versucht, diesem Monster auf die Spur zu kommen, dem Anonymen ein Gesicht zu geben. Zum Beispiel das Gesicht von Stephen Schwarzman, CEO des weltweit operierenden Fund Blackstone Group. Farhas (letztendlich vergeblicher) Versuch, einen Termin mit Schwarzman zu bekommen, zieht sich als roter Faden durch den Film. Eine David-und-Goliath-Konstellation, die rührselig sein könnte, aber ganz in sachlicher Eindringlichkeit inszeniert wird. Denn das Monster sind auch die Pensionsfonds, die das Geld ihrer Kunden weltweit in Immobilien anlegen. Sind die Bösen also wir alle? Oder das System?

„Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus an sich das Problem ist“, sagt Leilani Farha im Film. „Aber wenn Wohnen zur Handelsware wird, ist das etwas anderes, als wenn Gold Handelsware ist. Gold ist kein Menschenrecht, Wohnen schon.“

Allianzen für den Wandel

Auch die Wiener Stadtforscherin Elke Rauth vom Fachmagazin Dérive sieht die Dringlichkeit des Films. „Die Wohnungsfrage ist die soziale Frage unserer Zeit. Push zeigt eindringlich auf, wie bedroht das Menschenrecht auf Wohnen weltweit bereits ist. Ein Immobilienmarkt, der Wohnraum nur noch als Ware und Möglichkeit zur Geldvermehrung sieht, muss zum Schutz des Gemeinwohls reguliert werden. Dazu braucht es eine Allianz zwischen Zivilgesellschaft, gemeinnütziger Bauwirtschaft und Politik.“

Eine solche Allianz hat auch Leilani Farha ins Leben gerufen: die Initiative „Shift“, die sich für Wohnen als Menschenrecht einsetzt. Sie sitzt auch am Tisch, wenn sich Bürgermeister europäischer Metropolen zum Strategieaustausch treffen. Es ist einer der anrührendsten Filmmomente, als Farha bei diesem Meeting auf Ada Colau, die Bürgermeisterin von Barcelona, trifft, die selbst eine Bewegung gegen Immobilienspekulation gegründet hatte. Wenn diese zwei Frauen einander vertraut begrüßen und sich fast überrascht ihrer gar nicht so geringen Macht in diesem Moment bewusst werden, spürt man: Hier ist eine Veränderung möglich.

Dass Anfang Mai der sensible, ganz ohne Delogierungen auskommende Umbau eines Sozialwohnblocks in Bordeaux von Lacaton Vassal Architectes mit dem Mies van der Rohe Award der Europäischen Kommission ausgezeichnet wurde, ist ein weiteres Hoffnungszeichen – und kein Zufall, wie Jurymitglied Angelika Fitz, Direktorin des Architekturzentrums Wien, betont: „Der Mangel an leistbarem Wohnraum, wie wir ihn zurzeit in vielen Städten erleben, stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. Es ist also nur konsequent, dass unter den fünf Finalisten gleich zwei kollektive Wohnprojekte waren.“

Es sind kleine Stiche gegen das immer noch übermächtige Monster. Push zeigt, wie fragil die Formen des Zusammenlebens sind und wie schnell sie zerstört werden können. Es ist der richtige Film zur richtigen Zeit.

„Push“ startet in Wien im August in den Kinos.

11. Mai 2019 Der Standard

Bunte statt weißer Elefanten

Das soeben eröffnete Tottenham Stadium in London soll das beste der Welt sein. Sagen jedenfalls dessen Architekten. Warum sich Stadien heute an Einkaufszentren orientieren, erklärt Tom Jones vom Büro Populous.

Für die Tottenham Hotspurs wurde es leider auch in dieser Saison nichts mit der Meisterschaft in der Premier League. Daran änderte auch der 2: 0-Sieg am 3. April gegen Crystal Palace nichts. Trotzdem war das Spiel für den 1882 gegründeten Nordlondoner Traditionsklub ein Meilenstein: Es war das erste im neuen Tottenham Stadium.

Der Vorgänger, die berühmte White Hart Lane aus dem Jahr 1899, war immer wieder adaptiert worden, bis Präsident Daniel Levy beschloss, ihn komplett zu ersetzen – nicht mit einem Neubau am Stadtrand, sondern am selben Ort, mit Platz für exakt 62.062 Zuschauer.

Zwar werden Stadien immer wieder neu gebaut, erst recht in England, wo Oligarchen und Milliardäre besonders viele Oligarchenmilliarden in ihre Vereine pumpen. Da wird gerne mit Superlativen um sich geworfen. Dennoch kommt es nicht jeden Tag vor, dass ein Architekt behauptet, dieses sei das beste Stadion der Welt. Noch dazu, wenn Christopher Lee, der diese Aussage zur Eröffnung tätigte, Partner beim Büro Populous ist, das weltweit (Stand heute) 1325 Stadien in 34 Ländern geplant hat, darunter das Olympiastadion 2012 in London.

Was aber macht ausgerechnet das Spurs-Stadion zur neuen Benchmark? Diese und andere Fragen beantwortete Populous-Architekt Tom Jones, federführend beim Tottenham-Stadion, vor kurzem in Wien auf einer Fachtagung der Internationalen Vereinigung Sport- und Freizeiteinrichtungen (IAKS) und des Österreichischen Instituts für Sportstättenbau (ÖISS).

„Unser Ziel war es, das Stadionerlebnis neu zu definieren,“ erklärt Tom Jones im ΔTANDARD-Gespräch. Ein Balanceakt dabei: sowohl eingefleischte Fans als auch zahlungskräftige, aber wenig am Mitfiebern interessierte VIPs zufriedenzustellen – eine Kundschaft, für die man bei Manchester United den wenig schmeichelhaften Begriff der „Prawn Sandwich Brigade“ erfand.

Bier und Sandwich

„Viele Stadien sind einfach ein Oval, in dem verschiedene Bereiche übereinandergeschichtet sind. Wenn die VIPs nach der Pause in ihren Lounges bleiben, hat man einen leeren Streifen auf der Tribüne“, so Tom Jones. „Wir haben uns an älteren Stadien orientiert, bei denen jede Tribüne einen eigenen Charakter hatte. Eine wichtige Tradition im englischen Fußball.“ Also bekam Tottenham eine durchgehende Südtribüne für die Fans: 17.500 Sitze, maximal mögliche 35 Grad steil, die erste Reihe nur 4,3 Meter vom Spielfeld entfernt. „Die Südtribüne erzeugt die Atmosphäre“, erklärt der Architekt.

„Dabei spielt die Akustik eine große Rolle. Harte Oberflächen im Dach sorgen dafür, dass die Tribüne wie ein Megafon funktioniert – und die Fans des Gästeteams sitzen nicht irgendwo im Eck, sondern nahe am Tor.“ So ergeben sich die in England typischen Gesangsduelle quer über das Spielfeld hinweg.

Apropos Spielfeld: Eigentlich sind es zwei Spielfelder – unter dem Fußballrasen verbirgt sich ein Feld für American Football. Wird die Sportart gewechselt, schiebt sich der obere Rasen auf Schienen unter die Tribüne. Kein technisches Sperenzchen, sondern Kalkül: Sportstätten dieses Kalibers müssen heute, um profitabel zu sein, rund um die Woche in Betrieb sein. Als Vorbild dafür gelten die Vereinigten Staaten, wo Arenen längst zum rundumbespaßten Ausflugsziel geworden sind, eingerahmt von Themengastronomie, um die Besucher auch vor und nach dem Event am Ort zu halten. Auch in Tottenham sollen die Fans nicht nach dem Schlusspfiff in Richtung Pub verschwinden, sondern sich unter der Tribüne an Craft-Beer aus der eigenen Brauerei laben.

„Wenn es darum geht, Stadien als Destination zu etablieren, orientieren wir uns heute eher an multifunktionellen Einkaufszentren mit ihrer Vielfalt an diversen Angeboten, um zu verstehen, was die Fans wirklich wollen“, erläutert der Architekt. „Die Konkurrenz für Tottenham sind nicht die Arenen anderer Vereine, sondern die Hauptstraßen mit ihren Bars und Restaurants.“ Dennoch soll das Stadion kein Alien, kein „weißer Elefant“ sein, der als Fremdkörper in der Stadt herumsteht. Das Tottenham Stadium liegt schließlich mitten im Stadtviertel, ein öffentlicher Platz und Nebengebäude, die sich an der niedrigen Bebauung der Umgebung orientieren, sollen hier integrierend wirken.

Bunte Elefanten statt weißer Elefanten: Dieser Trend wird sich, meint Populous, fortsetzen. Sportstätten werden zu Alleskönnern, Grenzen zum Entertainment verschwimmen. „Es wird interessant sein, zu beobachten, ob Arenen und Theater zu einer Art Supertheater verschmelzen. Heute gibt es Stadien für 50.000 und Veranstaltungshallen für 10.000 bis 15.000 Zuschauer. Vielleicht gibt es in Zukunft Arenen für 40.000 Zuschauer, die beides verbinden.“ Wien, wo manche von einem neuen Stadion als Nachbar oder Ersatz des Praterstadions träumen und man den Bau einer Eventhalle an der Südosttangente anstrebt, sollte hier gut aufmerken (und sich die Kalkulation der verlautbarten 250 Millionen Euro noch einmal durch den Kopf gehen lassen).

Temporäre Bauten

Was das Vermeiden von weißen Elefanten angeht, haben Populous Erfahrung. Das Stadion für die Olympischen Spiele 2012 war mit seiner relativ unspektakulären, leichten Architektur auch als Gegensatz zu bombastischen Vorgängern wie Herzog und de Meurons „Vogelnest“ in Peking konzipiert, welches nach dem Ende der Spiele am Stadtrand verstaubte. In London wurden Sportstätten, die nach Olympia nicht mehr nötig waren, als temporäre Bauten zu errichtet. Mit Erfolg – auch wenn das Olympiastadion aufgrund politischer Entscheidungen nicht wie geplant verkleinert wurde.

Für den Masterplan der Spiele in Paris 2024 geht man bei Populous noch einen Schritt weiter: Dort soll nicht ein abgegrenzter Park, sondern die ganze Stadt als Austragungsort fungieren: Beachvolleyball unterm Eiffelturm. Eine Offenheit, deren Umsetzung angesichts der immer aufwendigeren Sicherheitsmaßnahmen während Großevents sehr anspruchsvoll sein dürfte. Bleibt die Frage: Hat der Fußballstadienarchitekt einen Lieblingsverein? Tom Jones lächelt. Hat er, aber das ist Betriebsgeheimnis.

20. April 2019 Der Standard

Panoramablick in Beige

Mit den Parkapartments Belvedere bekommt Österreich den ersten Bau des Großmeisters Renzo Piano. Doch von dessen Architektur der raffinierten Leichtigkeit ist in dieser gebauten Wertanlage wenig zu spüren.

Stararchitekt? Ein furchtbarer Begriff!“ Renzo Piano verzieht das Gesicht, macht eine abwehrende Geste. Dann greift er in seine Jackentasche und zieht einen Bleistift heraus. „Das hier ist unser Instrument. Architekt zu sein ist ein ernsthafter Beruf. Es geht darum, Orte für Menschen zu schaffen. Architektur ist nicht nur einfach eine Geste. Star – das hat etwas Frivoles, und das hat mit dem Planen von Gebäuden nichts zu tun. Ich hoffe, der Begriff Stararchitekt verschwindet bald!“

Ganz so bald wird der Begriff nicht verschwinden, denn der Investor des Gebäudes, in dem der italienische Architekt sitzt, wirbt selbst damit: „Was entsteht, wenn in zentrumsnaher Lage einer Metropole ein internationaler Stararchitekt Wohnraum entwirft? Etwas Einzigartiges! Ein traumhafter Blick über die Dächer von Wien. Sogar bis zum Horizont – bei den exklusiven SELECTION-Wohnungen der PARKAPARTMENTS AM BELVEDERE.“ So das enthusiastische Intro einer Hochglanzbroschüre, die potenzielle Käufer der 342 Apartments anspricht.

Wald aus Säulen

85 Prozent der Wohnungen sind bereits verkauft. Neben State-of-the-Art-Ausstattung wie Waschsalon, Fitnessraum, Digital Concierge und Gemeinschaftsraum mit Terrasse dürfte hier wohl vor allem die Lage den Ausschlag gegeben haben: zwischen Hauptbahnhof, Arsenal, Schweizergarten und dem namensgebenden Belvedere gelegen, mit entsprechendem Fernblick. Das heißt: Nicht ganz, denn die unteren Geschoße fehlen, stattdessen balancieren die Apartments auf einem Wald aus dünnen Säulen. Eine Hommage an die Bäume des Schweizergartens, wie es heißt. Dass sich Apartments in Augenhöhe mit einer vielbefahrenen Bahnstrecke wohl weniger gut verkaufen lassen, dürfte den Verzicht auf diese Geschoße eventuell erleichtert haben.

Geheimnis des Ortes

„Es geht darum, das Geheimnis des Ortes zu finden“, erklärt Renzo Piano. „Architektur ist Wissenschaft, Konstruktion, Technologie, Gemeinschaft. Sie ist auch Poesie, mit einem Sinn für Licht und Leichtigkeit. All das braucht Zeit – wie ein Wald, ein Fluss oder eine Stadt.“ Zeit brauchte es auch, bis der heute 81-jährige sein erstes Bauwerk in Österreich eröffnen durfte, nämlich gut zehn Jahre. Anfangs vom Bauträger Seeste Real Estate GmbH entwickelt, wurde das Projekt 2014 für 200 Millionen Euro an René Benkos Signa Holding verkauft. Ein gutes Investment: 2015 wurde der Quadratmeterpreis mit 4000 bis 5000 Euro beziffert, für die letzten freien Wohnungen muss man heute in etwa das Doppelte hinblättern.

Dass Renzo Piano den Begriff des Stars, allen Werbebroschüren zum Trotz, von sich weist, wirkt durchaus glaubwürdig. Schließlich war der Pritzker-Preisträger des Jahres 1998 in der Liga der Weltberühmten schon immer einer der Integersten, eine Mischung aus Gentleman und Tüftler-Ingenieur. Seine Bauten vermeiden das Vordergründige und Modische. Er zerlegt sie in ihre Bestandteile – Säule, Wand, Dach, Fenster – und fügt sie dann wieder zu einem Ganzen zusammen. Das mit Richard Rogers entworfene Centre Pompidou, das ihn 1977 berühmt machte, vermittelte bunten Spaß an der Technik, hippieske Träume von freien Räumen trafen hier auf die Intelligenz des Ingenieurs. Ein Sieg der Leichtigkeit über das Schwergewichtige, und diese prägt seine Bauten bis heute .

Sicher, das gelingt mal besser, mal weniger gut. Dort, wo die Auftraggeber nach dem Ikonischen verlangten, wie der Staat Katar beim 2012 fertiggestellten Wolkenkratzer The Shard in London (lokaler Spitzname: „Mordor“), ließ auch die Leichtigkeit zu wünschen übrig.

Dafür sind seine zu Recht gerühmten Museumsbauten wie das Menil in Houston oder die Fondation Beyeler in Basel von zeitloser Eleganz und Freundlichkeit, und Projekte wie das zurzeit in Bau befindliche Gesundheitszentrum in Uganda mit seiner Lehmfassade und seinem Fotovoltaik-Dach zeugen von einem Glauben an den Beitrag von Architektur zu einem besseren Leben. Der geplante Neubau der 2018 eingestürzten Autobahnbrücke Ponte Morandi in Genua zeugt von ungebrochener Lust am Konstruktiven und von Loyalität zu seiner Heimatstadt an der ligurischen Steilküste, wo er heute noch – neben Paris und New York – seinen Bürositz hat.

Sein Büro nennt sich Renzo Piano Building Workshop, was auf das Kollektive der dortigen Arbeitsprozesse verweist. „Kreativität ist wie ein Wunder“, sagt Piano. „Wenn wir uns im Büro zusammensetzen, ist es am Ende unmöglich zu sagen, wer die ausschlaggebende Idee hatte. Wir debattieren, argumentieren und zeichnen, und am Schluss steht ein komplexes Ergebnis, das der Realität des Ortes so nahe wie möglich kommt. So etwas macht man nie allein.“

Grau-beiger Durchschnitt

Wie nahe kommen die Parkapartments nun der Wiener Realität? Vor allem von Westen gesehen wirken die vier Türme (drei für Apartments, der dritte für ein Hotel) wie eine hohe, geschlossene Wand, eine grau-beige Steilküste. Ein Farbton, der an das Interieur amerikanischer Hotelketten erinnert.

Es ist ein Grau-Beige des globalen Durchschnitts, das niemandem wehtut. Eine Fassade für die Immobilienmessen, mit dem marktimmanenten Widerspruch aus behaupteter Einzigartigkeit und tatsächlicher Austauschbarkeit: Sie passt zum Stadtrand von Moskau, zum Themse-Ufer in London oder nach Hongkong. Grau-Geige lässt sich, anders als Grün oder Terrakottarot, auch noch in 20 Jahren ohne Renditeverlust weiterverkaufen. Es ist eine marktstabile Fassade.

Dass von Renzo Pianos südlicher Verspieltheit und Feingliedrigkeit hier wenig zu spüren ist, dass die glasbewehrten Balkone wie nachträglich addiert wirken, dürfte den Wert nicht mindern. Ohnehin ist die Fassade das geringere Asset: Die Parkapartments prunken vor allem mit ihrem in der Tat großartigen Ausblick auf Wien. Die Unverbaubarkeit dieses Ausblicks schafft Vertrauen in die Wertanlage und macht dieses eigentlich kaum bebaubare Zwickelgrundstück zwischen Bahngleisen und Straße zu einer Premium-Lage.

Bleibt die Frage: Wenn die Stadt als Kulisse den Mehrwert für ein Gebäude schafft, was gibt das Gebäude im Gegenzug der Stadt zurück? „Die Transparenz des freien Erdgeschoßes!“, antwortet Renzo Piano. „Zugegeben: Der Raum ist nicht öffentlich, aber der Blick und das Licht sind es. Wir haben den Investor sogar überzeugt, etwas Geschoßfläche einzusparen, damit abends die Sonne unter dem Gebäude bis in den Schweizergarten scheint. Hätten wir den Bau bis zum Boden gezogen, würde er eine Barriere bilden.“

Ob diese Offenheit des Erdgeschoßes die noch bestehende Barriere der Bahntrasse nebenan ausgleicht, darf allerdings bezweifelt werden. Die Käufer der Wohnungen werden es – auch dank schallisolierter Fenster – verschmerzen. Wien darf sich nun mit dem ersten Renzo-Piano-Bau schmücken. Dass es genau dieser geworden ist, darf man diskret bedauern.

30. März 2019 Der Standard

Piranesi statt Kramuri

Das Besucherzentrum für die NÖ-Landesausstellung in Wiener Neustadt kombiniert die alten Kasematten mit sorgfältigen neuen Zubauten zu einer Landschaft aus kühler Dezenz.

Seine weißen Sneakers stecken im Erdreich, doch das scheint Matija Bevk nicht zu stören. Der slowenische Architekt steht gerade auf seinem eigenen Gebäude. Genau gesagt befindet sich der Großteil dieses Gebäudes unter dem Erdreich, und das ist bis zu drei Meter tief. Noch genauer gesagt, ist das meiste von dem, was sich unter der Erde verbirgt, nicht neu, sondern über 500 Jahre alt.

Die Kasematten von Wiener Neustadt, auf denen Matija Bevk steht, sind Teil der massiven Stadtbefestigung, die ab 1531 errichtet und ständig adaptiert und erweitert wurde. Im Mittelalter war die kleine Flachlandmetropole eine der am stärksten befestigten Städte Europas. Heute ist sie längst über die Mauern hinausgewachsen und endet weit draußen in einem Amalgam aus Kreisverkehren und Gewerbegebieten.

Die Kasematten selbst gerieten in Vergessenheit, verschwanden unter Zubauten und Schutt. Bis sie für die Niederösterreichische Landesausstellung, die am heutigen Samstag eröffnet wird, wieder zum Leben erweckt wurden. Die 1951 etablierte und seit 2001 im Zweijahresrhythmus stattfindende Schau ist konzentriertes Regionalmarketing, eine Finanz- und Aufmerksamkeitsspritze für den Ort, an dem sie stattfindet, und Anlass zur Erneuerung der Markenidentität im Städtewettbewerb. „Die Landesausstellung 2019 ist die Trägerrakete, um Wiener Neustadt wieder auf die Überholspur zu führen,“ verkündete Bürgermeister Klaus Schneeberger im Oktober 2016, als der Architekturwettbewerb für das Besucherzentrum in den Kasematten entschieden wurde.

Die Wettbewerbssieger Bevk Perović Arhitekti mit Sitz in Ljubljana waren da schon keine Unbekannten. 1997 von Matija Bevk und Vasa Perović gegründet, verweisen sie heute auf realisierte Projekte aller Art in halb Europa, wurden 2007 mit dem Mies van der Rohe Award ausgezeichnet und gewannen 2018 den Wettbewerb für ein Wohnhochhaus auf dem Wiener Nordbahnhofareal. Anfang März dieses Jahres präsentierten sie ihren Kasematten-Entwurf beim renommierten TURN ON Architekturfestival in Wien.

Spuren der Geschichte

Jener war zweifellos auf den ersten Blick der unspektakulärste der zehn Wettbewerbsbeiträge. Während andere Architekten teils aufdringlich auffällig Neubauten auf den Hügel setzen wollten, hielten sich die Slowenen zurück und konzentrierten sich auf die Kasematten selbst.

Wie ein Termitenbau durchlöchern die Gänge und Gewölbe den Hügel. Mal niedrig, mal kathedralenartig hoch, mal in geheimnisvollen Sackgassen endend, zeigen sie überall Spuren der Geschichte. „Ein Raumgefüge wie bei Piranesi!“, schwärmt Bevk und erinnert an den italienischen Architekten aus dem 18. Jahrhundert, berühmt für seine fantastischen Zeichnungen von licht- und endlosen Abgründen. Ganz so finster ist es hier nicht, denn die Wände wurden mit Kalkfarbe strahlendweiß getüncht. Ein Raumerlebnis, das die Entscheidung, das Höhlensystem zum Kern des Besucherzentrums zu machen, ohne Zweifel legitimiert. Man hat sich aber nicht aufs Restaurieren beschränkt.

Vom Stadtzentrum oder Bahnhof kommend, führt ein flach geneigter Vorplatz auf das Niveau der Ausstellungsebene, ein Eingangsbau lässt die Besucher unter einer Sichtbetonwand ins Innere eintauchen. Auf der anderen Seite taucht man in einer mit perforiertem Aluminiumblech verkleideten Ausstellungshalle wieder auf, die zur Hälfte im Gelände steckt und ihre wahre Höhe nur im Inneren offenbart. Rundherum türmen sich die freigelegten und (in Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt) vom Kramuri der Jahrhunderte bereinigten Mauern zu einer wilden Topografie, die ein wenig an Ausgrabungsstätten in Ägypten oder Griechenland erinnert.

„Es war uns wichtig, diese Substanz zu befreien,“ bekräftigt der Architekt. „Wir wollten nicht einfach ein Museum als Box hinstellen, sondern ein Ensemble schaffen, das Teil der Stadt und des Parks wird.“ Was auch erklärt, warum man am höchsten Punkt des Areals eben auf drei Metern Erdreich steht: eine Landschaft aus historischen Schichten anstatt, wie sonst üblich, eines ikonischen Mini-Guggenheims, das sich aus dem Nichts materialisiert.

Banner oder Beton?

So logisch diese aus dem Ort entwickelte Entscheidung ist, trifft sie doch dort auf Konflikte, wo die Gewohnheit des Stadt- und Eventmarketings das Auffällige erwartet. Manchen dürfte die schlichte Zurückhaltung von Vorplatz und Betonwand zu wenig des Guten zu sein. So wurde kurzfristig beschlossen, die gesamte Wand mit einem Banner zu kaschieren, damit die Ausstellung als solche erkennbar ist und niemand aus Versehen vorbeispaziert.

Für die Architekten ist das ein Wermutstropfen. Schließlich war die schlichte Sichtbetonwand schon von Anfang an Teil des Entwurfs – und die Architektur kennt seit jeher Werkzeuge, um einen Eingang als Eingang erkennbar machen, ohne dass dies weiterer Erklärungen bedarf. „Dieses Projekt zu realisieren und die Kasematten zu revitalisieren ist eine große Leistung der Stadt, ihren Entscheidungsträgern und der Landesausstellung. Das Projekt gibt der Stadt hier einen neuen Platz und mit den Kasematten die Wiederentdeckung von etwas, das verloren war. Hier entsteht eine Koexistenz von Geschichte und neuem Leben“, sagt Bevk. „Darauf können die Bürger stolz sein, und das braucht unserer Meinung nach kein Sahnehäubchen obendrauf.“ Bei der Projektleitung der Landesausstellung heißt es auf Anfrage, das Banner sei nur für die Dauer der Ausstellung vorgesehen und werde danach demontiert.

Bleibt zu hoffen, dass weder der Beton noch die erfolgreiche austro-slowenische Kooperation dauerhaften Schaden nimmt. Eine einladende Geste dürfte auf jeden Fall Bestand haben: ein Ahornbaum, der auf den Vorplatz gepflanzt wurde. Ein Zeichen, dass Historie, Neubau und Landschaft zusammenfinden können, und ein gutes Argument gegen das Vorurteil, Architekten würden nur als Betonierer auftreten.

[ Niederösterreichische Landesausstellung 2019: „Welt in Bewegung! Stadt. Geschichte. Mobilität“. Kasematten und ehemaliges Kloster St. Peter an der Sperr, Wiener Neustadt. Bis 10. 11. 2019 ]

16. März 2019 Der Standard

Die Welt atmet Landluft

Eine Ausstellung am AzW erzählt die Erfolgsgeschichte einer Wiederentdeckung des Ländlichen in China. Auch anderswo entwickelt man Strategien für „progressive Provinzen“.

Land Countryside – Future of the World“lautet der Arbeitstitel der Ausstellung, die der Architekt Rem Koolhaas anno 2020 am New Yorker Moma 2020 eröffnen wird. Die neue Ära des Ländlichen wurde bereits lange vorher mit apodiktischem Deutungsgetöse angekündigt, als habe der niederländische Architekt nach 40 Jahren Beschäftigung mit der Stadt plötzlich entdeckt, dass es da noch etwas anderes gibt. Selbst Zukunftsforscher Matthias Horx hat den Trend aufgespürt und ihn mit dem, zugegeben cleveren, Label „progressive Provinz“ belegt.

All das ist keineswegs neu, am wenigsten in Österreich, wo sich der Verein LandLuft schon seit 20 Jahren mit dem Regionalen beschäftigt und den LandLuft-Baukulturgemeinde-Preis auslobt, mit dem Gemeinden wie Zwischenwasser und Hinterstoder für ihre beispielhafte Baukultur preisgekrönt wurden. Eine Baukultur, die im ganzen alpinen Raum, von Südtirol über Vorarlberg bis Graubünden, einen enormen Aufschwung genommen hat. Deutschland wiederum grübelt seit 20 Jahren über seine schrumpfenden Regionen nach, nicht nur im Osten. Heute, da Berlin immer voller und teurer wird, ziehen immer mehr Menschen nach Brandenburg und Sachsen-Anhalt, intellektuell unterfüttert mit Landleben-heute-Romanen wie Unterleuten von Juli Zeh.

Dass nach 20 Jahren globaler Landflucht das Pendel jetzt zurückschlägt, ist logische Folge der Verstädterung, die irgendwann einen Gegentrend hervorrufen musste. China, wo die Urbanisierung rapide und massiv verlaufen ist und das als Synonym für gesteigerten Wohlstand gilt, erst recht. Dort bluten die Provinzen aus, werden zum Pensionistenreservat, die Flächen für die Landwirtschaft schrumpfen bedenklich. Erste Strategien für das Land wurden von der Zentralregierung bereits vor zehn Jahren entwickelt, jedoch nicht umgesetzt, stattdessen wucherten die Megacitys ungehindert weiter.

Lokale Akupunkturen

Es brauchte eine Initiative aus der Provinz selbst, um eine Veränderung anzustoßen: die Region Songyang in der Provinz Zhejiang. 240.000 Einwohner, 400 Dörfer, ein abgelegenes Idyll ( der STANDARD berichtete im Dezember). Dort hat die Architektin Xu Tiantian und ihr Pekinger Büro DnA Design and Architecture seit 2014 gemeinsam mit engagierten Lokalpolitikern und der Bevölkerung eine Strategie von architektonischen Akupunkturen entwickelt, die nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch handfesten Erfolg bringt: kleine Zuckerrohr-, Tee- und Tofu-Fabriken, Ferienwohnungen in renovierten Dorfhäusern, Museen für lokale Kulturgeschichte. Hier ein Neubau, dort eine Renovierung, eine neu überdachte Brücke über den Fluss, und all das angereichert mit öffentlichen Räumen und Treffpunkten für die Dorfgemeinschaft.

Nachdem das Berliner Architekturforum Aedes auf Xu Tiantian aufmerksam wurde und ihr Werk Anfang des Jahres 2018 mit einer Ausstellung würdigte, macht Songyang jetzt am Wiener AzW Station. „Was Xu Tiantian dort angestoßen hat, ist weit über China hinaus relevant, weil man hier sieht, was man mit Architektur erreichen kann, nämlich viel mehr als nur ein tolles Gebäude“, lobt AzW-Direktorin Angelika Fitz. Auch sie hält ein Verschieben des Fokus weg von der Stadt für dringend geboten. „Es wird ständig davon geredet, dass knapp über 50 Prozent der Weltbevölkerung heute in Städten leben. Aber kaum jemand erwähnt, dass knapp 50 Prozent immer noch auf dem Land leben.“

Ihre Architektur sei nicht als Selbstzweck, sondern als Anstoß für einen langen Prozess der Erneuerung im Mikromaßstab zu verstehen, betont auch Xu Tiantian. „Wir entwickeln unsere Strategie der Akupunktur ständig weiter“, erklärt sie. „Zum einen in Bezug auf dörfliche Wirtschaft und Produktion, die Interaktion zwischen Land und Stadt mittels touristischer Einrichtungen, zum anderen auf die Frage, wie man in den Dörfern, wo hunderte Häuser leerstehen, in Zukunft wieder wohnen kann.“

Tourismus ist nicht alles: eine Lektion, die man auch woanders beherzigen sollte. Was können wir also von Songyang lernen? „Dass es um Strategien auf vielen Ebenen geht“, so Angelika Fitz, „von der Architektur über Infrastruktur bis zum Breitband-Internet. Und gerade was die Zersiedelung betrifft, können wir in Österreich noch viel lernen.“

Aufs-Land-Semester

Einen Trend zur progressiven Provinz beobachtet auch Architekt Roland Gruber, Gründer des Vereins LandLuft, dessen Büro Nonconform bis heute rund 100 Dörfer und Gemeinden in Österreich und Deutschland betreut und die alle zwei Jahre stattfindende Leerstandskonferenz für Strategien in Schrumpfregionen mitinitiiert hat. Eine Erfolgsgarantie für eine Renaissance darbender Landstriche sei dieses Plus an Aufmerksamkeit aber keineswegs. „Es hängt sehr von den handelnden Personen und dem Gesamtumfeld der Region ab. Kompakte, dichtbebaute Orte haben es leichter als kleine Dörfer und zersiedelte Gegenden. Es braucht einen gewissen Grad an Dichte und Urbanität.“ Österreich sei, was die Stärkung der Dörfer betrifft, Pionier im deutschsprachigen Raum, gemeinsam mit Bayern und Südtirol.

Zum 20. Geburtstag belohnt sich der Verein LandLuft mit einem zehntägigen Symposium namens „Landluft Universität“. Dazu kooperiert man mit der TU Wien, wo das Rurale aus der Lehre verschwunden ist, seit der Lehrstuhl fürs Bauen im ländlichen Raum aufgelöst wurde. Höchste Zeit, dass sich das ändert, so Roland Gruber, dass wieder gelernt wird, wie Entscheidungsprozesse im Dorf funktionieren und was Architekten dort tun können – nämlich, wie auch das Beispiel Songyang zeigt, sehr viel.

„Unser großer Wunsch wäre es, dass Studierende in Zukunft nicht nur ein Auslandssemester, sondern auch ein Aufs-Land-Semester verbrächten.“ Die Ausschreibung für den nächsten Baukulturgemeinde-Preis erfolgt Ende 2019. Gelegenheit für alle potenziellen Austro-Songyangs, sich ins Rampenlicht zu stellen.

16. Februar 2019 Der Standard

Im Haus der 10.000 Dinge

Eine Ausstellung im Wien-Museum widmet sich dem übersehenen Phänomen des Selfstorage und zeigt, was die „Häuser für Dinge“ über unser Leben erzählen und wie sie dabei die Stadt verändern.

Was würde Marie Kondo wohl zu dieser Ausstellung sagen? Die zarte Japanerin, die auf Netflix als Entrümpelungsengel und Declutteringdiktatorin reinigend durch vollgestopfte Haushalte schwebt, würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und w. o. geben. Denn die Schau Wo Dinge Wohnen – das Phänomen Selfstorage, die diese Woche im Wien-Museum eröffnet wurde, widmet sich dem Einlagern und Horten von Besitz.

Durchschnittlich 10.000 Dinge besitzt jeder Mensch in der westlichen Hemisphäre, und Marie Kondos Wegwerfkampagnen zum Trotz wollen sich die meisten Menschen einfach nicht von diesen Dingen trennen. Also verstaut man Wintersportausrüstung, Modelleisenbahn und Vinylsammlungen in Dachböden und Kellerräumen – und immer öfter in extern angemieteten Selfstorage-Abteilen.

Der Bautyp des Selfstorage entstand in den 1960er-Jahren in den USA, als die Konsumgesellschaft immer mehr Besitz anhäufte, sich gleichzeitig festbetonierte Familienkonstellationen aufzulösen begannen und man den Besuchern lieber ein aufgeräumtes Interieur als überquellende Kisten und Kästen präsentieren wollte. Es dauerte Jahrzehnte, bis der Trend nach Europa überschwappte, aber heute sind die „Häuser für Dinge“ überall etabliert. 1999 wurde das erste Selfstorage in Österreich errichtet, und ist seitdem zur Erfolgsgeschichte geworden: 2018 gab es in Wien 16.000 Abteile mit 95.000 Quadratmeter Lagerfläche. Rund die Hälfte davon in meist eigens errichteten Lagerhäusern im Stadtgebiet, 37 Prozent in Garagen und Containerlagern an der Peripherie.

Keller als Haus

Was macht diesen Trend zum externen Auslagern so erfolgreich und relevant, dass er nun zu musealen Ehren kommt? „Selfstorage erzählt uns viel über heutige Stadt- und Wohnraumentwicklung“, erklärt Kuratorin Martina Nußbaumer. „Europaweit boomt es vor allem dort, wo die Leute oft umziehen. 20 Prozent der Wiener ziehen jedes Jahr um. Dabei werden Dinge immer mehr.“ Noch dazu sinkt seit 2011 erstmals die durchschnittliche Wohnfläche pro Person. Wohnraum wird teuer, und die seit 2012 in Wien etablierten Smart-Wohnungen haben in ihrer Reduktion aufs Minimum den Stauraum fast komplett eliminiert, lukrative Dachgeschossausbauten lassen Dachböden verschwinden, Kellerräume sind oft Mangelware.

Selfstorage ist sozusagen zum Haus gewordener Keller. Wie sich diese Architektur als neues Phänomen im Stadtraum manifestiert, sagt in der Tat einiges über Stadt und Gesellschaft aus. Da sind zum einen die großen Lagerbauten, die sich in Baulücken breitmachen und dort mal aufdringlich selbstbewusst agieren wie die My-Place-Filiale am Gaudenzdorfer Gürtel, mal ungelenk-rührende Anpassungsversuche unternehmen und sich mit entsprechender Fassadenaufteilung als Büro- oder Wohngebäude tarnen.

Nicht nur in Wien: Schon 2013 unternahm die deutsche Fachzeitschrift Bauwelt eine Analyse von Selfstorage-Bauten. „Als Lückenfüller im Wohngebiet zeigt sich der Bautyp in seiner unangenehmsten Form: Satteldach, Sockelgeschoss, Fenster und die Ausbildung enger Höfe simulieren ein städtisches Wohnhaus, sind aber bereits von Weitem als Fake zu erkennen“, so das kritische Urteil damals.

Neonschrille Rache

Eine relativ neue Erscheinung sind kleine Lagerabteile in Erdgeschosslokalen, hier haben sich allein in den letzten zwei Jahren 20 Anbieter in Wien etabliert. „Diese werden oft von Stadtforschern kritisiert,“ so Kurator Peter Stuiber. Kein Wunder: Die mit grellen Farben zugeklebten Schaufenster sind nicht gerade eine Augenweide. Doch wer den Stauraum aus dem unmittelbaren Wohnumfeld wegoptimiert, darf sich eben nicht wundern, wenn er woanders in der Stadt wieder aufploppt: die neonschrille Rache der Smart-Wohnung.

Architekten haben sich dieser Bauaufgabe bisher interessanterweise nicht angenommen, obwohl in dieser neuen Typologie gestalterisch meilenweit Luft nach oben wäre. Lediglich in Einzelfällen haben lokale Baubeamte den billigen Blechkisten einen etwas höheren kulturellen Anspruch abgerungen – die My-Place-Filiale in Nürnberg verzichtete auf das Corporate-Identity-Rot zugunsten eines diskreten Champagnerbeige.

Blick durchs Schlüsselloch

Wie Selfstorage-Architektur aussieht und wie sie sich im Wiener Stadtraum präsentiert, zeigt die Ausstellung in kristallklaren Fotografien von Klaus Pichler. Dieser Außenansicht gegenübergestellt sind ausgewählte Einzelbiografien von Lagerabteilen und ihren Mietern, die die oft bewegend persönlichen Geschichten erzählen, die sich hinter den anonymen Blechtüren und in den Containern verbergen.

Eine Dame, die ihr Abteil als begehbare Garderobe für Opernball-Kleider benutzt, oder die Modedesignerin, die ihre Schnittmuster lagert. Der Sammler von Alltagsgegenständen aus der DDR und die liebevoll gehorteten Familienandenken mehrerer Generationen: Fotos der Großeltern, Schultüten der Kinder. Geradezu herzzerreißend: sieben kleine Teller und eine Schale aus Keramik, gestapelt in einer Plastikkiste. Sie gehören Herrn B., seit dem Jahr 2017 wohnungslos, der mithilfe der Caritas seinen Besitz eingelagert hat, bis er wieder eine Bleibe gefunden hat.

Ein Blick durchs Schlüsselloch, der reichlich soziologische Erkenntnisse liefert: Nicht immer geht es ums reine Ansammeln, oft ist das Auslagern Indiz für eine Übergangsphase im Leben in Zeiten von wechselhaft-flexiblen Arbeitssituationen und verpatchworkten Familien. Die durchschnittliche Mietdauer eines Lagerabteils in Wien beträgt gerade zehn Monate. „Man mietet nicht nur Raum, man kauft sich auch Zeit“, so Peter Stuiber. „Man vertraut darauf, die Dinge später noch von Nutzen sein werden. Diese Räume sind wie eine Schleuse, durch die Dinge hindurch müssen, um in Zukunft woanders sein zu können.“ Man kann es auch als Zeichen eines Wohlstandsüberhangs der heutigen Generationen deuten, die das üppige Erbe ihrer Eltern verstauen, aber viel weniger Platz dafür haben als jene.

Nicht zuletzt verdeutlicht der Erfolg von Selfstorage auch, dass physische Gegenstände auch in Zeiten des digitalen Auslagerns einfach nicht wegzubekommen sind. „Don’t trust the cloud“, so der freche Werbeslogan des amerikanischen Anbieters Manhattan Mini Storage im notorisch beengten New York. Auch wenn der Platz in der Stadt immer enger wird: Die Dinge verschwinden nicht. Pech für Marie Kondo.

Trösten dürfte sie zumindest die Tatsache, dass die Ausstellung fern jeden Messietums sehr aufgeräumt und übersichtlich geraten ist. Sie macht nicht nur ein meist ignoriertes Phänomen anschaulich sichtbar, sondern kommt auch fürs Wien-Museum zur richtigen Zeit: Dieses hat sich, während das Haus am Karlsplatz umgebaut wird, sozusagen selbst ausgelagert. Während die Sammlung ins Depot wandert, sind die Ausstellungen im Übergangsdomizil Musa neben dem Rathaus untergebracht. Auch Museen haben heute bewegte Biografien.

[ „Wo Dinge wohnen – Das Phänomen Selfstorage“, Wien-Museum Musa, Felderstraße 6–8, 1010 Wien, bis 7. April 2019 ]

8. Februar 2019 Bauwelt

Ich bin Funktionalistin

Interview mit Denise Scott-Brown

Das Lebenswerk von Denise Scott Brown wird in einer großen Ausstellung im Architekturzentrum Wien gefeiert. Ein Gespräch über Stadt und Wildnis, Architektinnen, Manierismus und ihre joint creativity mit Robert Venturi.

28. Januar 2019 Der Standard

Generation Solidarität

Die Zeit der Einzelkämpfer und der Meisterarchitekten ist vorbei. Österreichs junge Architekten sind gemeinsam stark. Der Beweis dafür: ausgerechnet ein Format namens Fight Club.

Die blutigen Gesichter von Edward Norton und Brad Pitt. Geheime Treffen im Keller, die in einen Kampf gegen die Langweile der Kommerzgesellschaft münden. Der Film Fight Club von David Fincher schien 1999 perfekt in eine nervöse Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert zu passen.

Zehn Jahre später wird in Wien ein Fight Club gegründet. Blut fließt keines in den Treffen des Fight Club in Wien. Es fliegen keine Fäuste, der gesellschaftliche Umsturz steht nicht auf der Tagesordnung. Es wird schlicht und einfach diskutiert. Eine lose Gruppe junger Architekten trifft sich an jedem letzten Freitag im Monat, um ihre Entwürfe und Pläne der schonungslosen Kritik der Kollegen auszusetzen.

Warum tut man so etwas? „Als wir begannen, uns selbstständig zu machen, waren wir zu dritt“, erinnern sich die Urmitglieder Erwin Stättner und Robert Diem, die im Jahr 2009 das Büro Franz gründeten. „Unsere Partnerin war fast immer einer anderen Meinung als wir beide. Das war anstrengend, aber es hat uns weitergebracht. Als sie sich beruflich veränderte, hat uns das Korrektiv gefehlt. Also haben wir es woanders gesucht.“ Bald fanden sich Gleichgesinnte, man traf sich mal im einen, mal im anderen Büro, die Abende dauerten nicht selten bis fünf Uhr früh, eine rituelle Schnapsflasche auf dem Tisch.

Ehrliche Meinung

„Die Grundregeln sind: Ehrliche, ungeschönte Meinungen. Keine Bauten, die schon fertig sind. Jeder bringt ein eigenes Projekt mit und teilt nicht nur aus“, erklärt Stättner. Mit Erfolg: „Alleine das Erklären eines Projektes hat oft schon einen Denkprozess in Gang gesetzt. Man merkt selbst schnell, wenn was nicht stimmt.“

So konnte es kommen, dass aufgrund der Fight-Club-Kritik eine Wettbewerbsidee in letzter Minute umgeworfen wurde, nicht selten mit Erfolg: Im Wettbewerb zur Volksschule in Landeck war freigestellt, den Bestand zu sanieren oder einen Neubau zu planen. „Wir wollten eigentlich lieber abbrechen und neu bauen, aber nach intensiver Diskussion haben wir uns dann für die Sanierung entschieden und gewonnen,“ sagt Robert Diem.

Der Fight Club besteht bis heute, er feierte kürzlich sein zehnjähriges Bestehen. Das Kernteam blieb, manche Architekten kamen später dazu, manche waren nur sporadisch dabei. Allein die Nächte wurden kürzer, schließlich haben viele inzwischen Familie gegründet. Aufnahmeprüfungen gibt es keine. „Wie in jeder anderen Berufsgruppe merkt man auch bei den Architekten, wem es um Inhaltliches geht“, sagt Architekt Juri Troy. „Unter diesen Kollegen tauscht man sich auch gerne aus – auch oder gerade wenn man nicht einer Meinung ist.“

Was den Kampf im Titel trägt, ist nichts anderes als gelebte Solidarität. Das ist ein Zeichen eines Generationenwechsels in der österreichischen Architektenszene. Noch in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren das Bild und Selbstbild der Architekten geprägt vom Klischee des Einzelgenies: Hut, Schal, auffällige Brillenmode (Männer), Yamamoto-Gewand und auffällige Frisuren (Frauen).

Dass hinter ihnen Büros mit Dutzenden und Hunderten von Mitarbeitern standen, die daran tüftelten, die schnell hingeworfenen Skizzen in Fundament und Tragwerk, in Stahl, Stein und Holz umzusetzen und die Ideen der Baupolizei zu erklären, wurde gerne verschwiegen. Architektur ist eine Mannschaftssportart. Niemand baut alleine ein Haus.

Goodbye, Genies!

Pünktlich zur Jahrtausendwende mehrten sich die Zeichen, dass die Zeit der Genie-Architekten zu Ende ging. In Österreich war die nächste Generation am Start, genervt von der postmodernen Eitelkeit ihrer Vorgänger und Professoren. Sie traten als Teams auf, zu dritt, zu viert, zu fünft, und gaben sich lustige Namen. Manche nannten sie die Generation Boygroup (trotz des gestiegenen Frauenanteils). Das Architekturbüro wurde zur Popgruppe, in der jedes Mitglied seine Fähigkeiten einbrachte. Entwurf, Baustelle, Ausführungsplanung und Auftreten in der Öffentlichkeit als Äquivalente zu Komposition, Arrangement, Schlagzeug, Gesang.

Die Gründung der IG Architektur im Jahr 2001 als Korrektiv der in administrativer Trägheit erstarrten Architektenkammer war das deutlichste Zeichen für diesen Wechsel. Der massiv angekurbelte Wohnbau, für den sich die alten Genies sowieso nie interessiert hatten, und eine oft fragwürdige Wettbewerbskultur verlangten andere Handlungsweisen.

20 Jahre später sind die Popgruppen etabliert und erfolgreich, während die Arbeit der Architekten noch schwieriger geworden ist. Sie haben sich mit Sparzwang, Übernormierung und überhitzter Baukonjunktur herumzuschlagen. Die Antwort der nächsten Architektengeneration ist: mehr Solidarität. Sichtbar wurde dies 2015, als die Stadt Wien beschloss, ihre Schulbauten künftig als Public-private-Partnership-Modelle (PPP) auszuschreiben. Die Architekten befürchteten, zu reinen Entwerfern degradiert zu werden, ohne Einfluss auf das gebaute Ergebnis.

Eine Flut von Rundmails unter Fight-Club-Mitgliedern führte zu einer radikalen Aktion: Auf 51 der 84 abgegebenen Plakate im Wettbewerb für den Campus Berresgasse waren keine Pläne, sondern Protestslogans zu sehen: „Ich will nicht in die Investorenschule“. Eine Solidarität, bei der der eigene wirtschaftliche Erfolg dem höheren Zweck geopfert wurde. Das war neu.

Gut vernetzt

„In Zeiten von Kosten- und Termindruck, Honorardumping und Qualitätsverzicht ist Solidarität immer wichtiger“, sagt Marion Gruber vom Büro PLOV. Heute hilft man sich nicht nur bei der Entwurfsidee, sondern vor allem in der Alltagspraxis. „Wir sind gut vernetzt, greifen schnell zum Handy, stellen Fragen und bekommen schnelle Antworten. Wir tauschen Detailpläne aus und unterstützen einander in vertraglichen Dingen“, sagt Markus Bösch von YF Architekten. „Wir halten zusammen, wenn es darum geht, dass Wettbewerbe gut vorbereitet und fair ablaufen.“ Michael Aigner vom Büro Steinkogler Aigner konstatiert: „Dass sich Architekten treffen und Projekte offen und ehrlich diskutieren, ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Aber es zeichnet sich schon eine Entwicklung vom Architekten als Einzelkämpfer über Architekturkollektive hin zum Architektenschwarm ab.“

Nicht genug Worte

Manche fanden sogar über den Kampf zur Liebe. Im Jahr 2017 fusionierten die Fight-Club-Mitgründer Franz und Sue Architekten zu Franz&Sue. In diesen Wochen beziehen sie gemeinsam mit anderen Architekten ihr eigenes Haus – das Quartiershaus „Stadtelefant“ im Wiener Sonnwendviertel. Andere Städte folgen dem Beispiel: 2018 wurde NEXT Generation gegründet, eine Gruppe junger Architekten in Salzburg. „Die erste Regel des Fight Club: Ihr verliert kein Wort über den Fight Club“, so das berühmteste Zitat aus dem Film. Hier gilt das Gegenteil: Man kann gar nicht genug Worte verlieren.

12. Januar 2019 Der Standard

Schönheit als Kampfzone

Der Wiederaufbau von Teilen der Frankfurter Altstadt sorgte für heftige Debatten: Werden Fragen von Architektur, Stadtbild und Rekonstruktion europaweit von rechtsextremen Kräften instrumentalisiert?

„Kulturelles Verbrechen“, „Schandmal“, „Bitte veröffentlicht die Namen der Stadträte, die damals dafür gestimmt haben!“ – eine Auswahl der ausnahmslos wütenden Kommentare auf der Facebook-Seite der Initiative Stadtbild Deutschland e.V. im August 2018. Was erregte die Gemüter so sehr? Ein Foto des alten Kölner Hauptbahnhofs von 1894 und seines modernen Nachfolgerbaus von 1957. Ersterer wuchtig und historistisch, der zweite von bescheidener Leichtigkeit, mit großer Glasfassade zum Dom. Über beide ließe sich Gutes wie Schlechtes sagen, doch es war ausschließlich das moderne, auch schon 61 Jahre alte Bahnhofsgebäude, dem der schnaubende Zorn galt.

„Wir kämpfen gegen den Brutalismus“, verkündet Stadtbild Deutschland e.V., nur eine von vielen ähnlichen Initiativen, für die früher immer besser und die gesamte Nachkriegsarchitektur ein Sündenfall ist. Warum das so sein soll, wird selten begründet, aber immer wieder als selbstverständliche Tatsache behauptet.

Aggression und Polarisierung sind in sozialen Medien gang und gäbe, doch die Debatte über Stadtbild und Rekonstruktion entwickelte voriges Jahr eine Dynamik, die weit darüber hinausging. Der Anlass: die seit 2005 betriebene und 2018 vollendete Rekonstruktion von Teilen der Frankfurter Altstadt, auch „Dom-Römer-Projekt“ genannt. Auf dem fast komplett kriegszerstörten Areal war 1974 das Technische Rathaus errichtet worden, das 2010 abgerissen wurde. Nach mehreren Architekturwettbewerben wurden bis September 2018 auf dem 7000 Quadratmeter großen Areal insgesamt 35 Häuser errichtet, die die früheren Straßenzüge nachbildeten. 20 davon sind Neubauten, 15 sind Rekonstruktionen nahe am Original („schöpferische Neubauten“).

Rechtes Naheverhältnis

Im April 2018 veröffentlichte Stephan Trüby, Professor an der Uni Stuttgart, einen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in dem er nachwies, dass die Initiative für die Rekonstruktion auf zwei Personen mit Naheverhältnis zur Neuen Rechten zurückging. „Es gibt einen falschen Konsens darüber, dass Architektur und Altstädte unpolitisch sind. Ich behaupte, dass hinter der Rhetorik einer angeblichen Schönheit, einer angeblichen Tradition einer angeblichen europäischen Stadt durchaus auch eine rechtsradikale Kultur- und Architekturpolitik stehen kann, die wir nicht unterschätzen sollten“, sagte Trüby im Deutschlandfunk. Zwar betonte er, dass es ihm keineswegs darum gehe, Rekonstruktionen als solche zu skandalisieren, doch die wüsten Reaktionen waren davon unbeeindruckt.

In einem rechtsgerichteten Blog schrieb Wolfgang Hübner, einer der von Trüby genannten Initiatoren, brutalistische Bauten wie das Technische Rathaus seien Teil eines „Schuldkults“ und einer „Sühnearchitektur“ der Nachkriegszeit. Zwar war der etwas überdimensionierte Bau in seiner beamtenhaften Sachlichkeit kein architektonisches Glanzstück, und den weltweit etablierten Brutalismus als deutsche Strategie zur Selbstbestrafung für den Holocaust zu bezeichnen ist lächerlich – doch Theorien wie diese finden viel Resonanz.

Trübys Aussage, Architektur sei immer politisch, wurde somit ausgerechnet durch seine Kritiker bestätigt. Allerdings lässt sich die neue Altstadt kaum als Geheimprojekt von Rechtsextremen bezeichnen, sondern vielmehr als respektables Ergebnis eines über zehn Jahre andauernden breit diskutierten demokratischen Prozesses, der Forderungen nach einer komplett originalgetreuen Rekonstruktion aller 35 Bauten eine Absage erteilte. Die Resonanz auf neue Altstadt fällt überwiegend positiv aus, auch unter den Architekten wandelten sich einige Kritiker zu Befürwortern.

Trotzdem ist der Hinweis auf die Schnittmenge von rechter Politik und Stadtbilddebatten nicht unbegründet. Initiativen, die alles vor 1945 Gebaute in einen Topf mit „gut“ und alles danach in einen Topf mit „böse“ werfen, gibt es nicht nur in Frankfurt. Sie sind wesensverwandt mit der Idee eines Rückzugs in die Festung Europa, in die vermeintliche Homogenität einer Vergangenheit.

Markus Miessen, Architekt und Professor an der Uni Göteborg, Mitherausgeber des soeben erschienenen Sammelbandes Para-Platforms – On the Spatial Politics of Right-Wing Populism, untersucht seit längerem reale und virtuelle rechte Räume. „Die völkisch-autoritäre Strategie der Neuen Rechten inklusive ihrer Formalleuchttürme wie der AfD resultiert in sorgfältig geplanten Plattformen, die physisch und virtuell die Entwicklung von nationalistischen und populistischen Aktivitäten unterstützen. Dieser politische Kampf geht Hand in Hand mit der Aneignung von Räumen, ob symbolisch, virtuell oder in Hektaren“, so Miessen.

Alte Vorurteile

Schönheit als architektonische Kategorie wird nicht nur in Deutschland instrumentalisiert. Im November 2018 etablierte die britische Regierung die Kommission „Building better, building beautiful“, die sich um die ästhetische Qualität zukünftiger Wohnbauten kümmern soll. Zum Vorsitzenden der Kommission wurde der erzkonservative Philosoph Roger Scruton ernannt, der die moderne Architektur schon mehrmals in Bausch und Bogen verdammt hat.

Dass die Tories ausgerechnet beim Wohnbau rein ästhetisch argumentieren, ist nicht ohne Zynismus – schließlich hatten sie den sozialen Wohnbau abgeschafft, alles weitere dem freien Markt überlassen und damit die heutige Wohnungskrise erst ermöglicht. Zahlreiche Architekten kritisierten die Ernennung Scrutons scharf. „Es ist seltsam, dass die konservative Regierung den architektonischen Kulturkampf der 1980er-Jahre von vorne beginnen will“, sagt der Architekturtheoretiker Owen Hatherley, „erst recht, zumal die Architektur der letzten Jahre von Ziegelfassaden und Neoklassizismus dominiert wird.“ Sprich: Die alten Vorurteile gegen moderne Architektur – eckig, glatt, irgendwie „kalt“ – sind immer noch abrufbar, auch wenn die gebaute Umwelt heute ganz anders aussieht.

Mit dem Argument „Die Menschen wollen das so“ lässt sich heute Zuspruch gewinnen, ob in der Architektur oder der Politik. Doch die populistische Instrumentalisierung von Geschmacksfragen wird dann gefährlich, wenn es um Lebensraum geht. Der Mensch braucht Schönes, aber er braucht auch leistbare Wohnungen, eine faire Bodenpolitik, gute Innenräume, benutzbare Städte für alle, die mehr sind als ein Schaustück. Mehr als nur historische Fassaden, hinter denen der Wohlfahrtsstaat in Trümmern liegt.

„Die immer neue Altstadt – Bauen zwischen Dom und Römer seit 1900“. Ausstellung am Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM), bis 12. Mai 2019

5. Januar 2019 Der Standard

Was das Holz will

Auch so geht alpine Gemütlichkeit: Drei Ferienhäuser im Nadelwald auf 1700 Meter Seehöhe, aus Holz und Beton und mit viel Liebe zum Detail. Für die Zusammenarbeit von Investor und Architekten gab es zu Recht den Bauherrenpreis.

Jedes Kind, das seine Nase in der Welt von Harry Potter vergräbt, weiß, dass es eigentlich keine Zauberakademien und kein Gleis 9 ¾ gibt. Dem Lesevergnügen schadet das keineswegs. Suspension of disbelief nennt man in Literatur und Film die Tatsache, dass eine Fiktion für die Dauer des Konsums als glaubwürdige Realität akzeptiert wird. Wer schunkelnd vor den Darbietungen der volkstümlichen Schlagermusik sitzt, ahnt vermutlich, dass die Musik auf der Bühne trotz Trachtenjankerls, Ziehharmonika und Gitarre in einem Studio zwischen zwei Jagertees aus Standardversatzstücken am Sequenzer zusammengeschraubt wurde und weder Quetschen noch Gitarre zur Anwendung kommen. Man weiß es, aber man will es nicht wissen. Grad jetzt, wo’s so gmiatlich ist!

Die alpine Architektur kennt dieselbe willentliche Blindheit gegenüber der schönen Fiktion. Baumassen aus Beton, die in Volumen einem mittelgroßen Hochhaus kaum nachstehen, werden in enge Täler gezwängt und mit Walmdach und Holzbalkon dekoriert, bis sie aussehen wie ein Auffahrunfall aus halbfertigen Bauernhäusern, während im Inneren hochtechnisierte Wellnesslabyrinthe und Großgastronomien, die jedes Bauernhaus sprengen würden, ihre eigene Welt simulieren, mit im Takt von Tourismusmessen wechselnden Möbeln.

Auch der Fremdenverkehrsort Turracher Höhe an der Grenze zwischen Kärnten und der Steiermark ist nicht frei von solchen Hotelgebirgen im Rustikalpanzer. An der Bundesstraße reihen sich Großparkplätze aneinander, am Hang lärmen die Schneekanonen die ganze Nacht. Doch seit kurzem hat sich hier, in der Heimatregion des schlagervolkstümlichen Nockalm-Quintetts, ein architektonisches Trio angesiedelt, das eine Gemütlichkeit erzeugt, die ganz ohne Zaubertrick und Pappkulisse auskommt. Keine raumfressenden XXL-Bauten unter ausladenden Dächern, stattdessen drei kleine Häuser am Hang, in einem lichten Wald aus Zirben und Lärchen. Schwarz gefärbter Sichtbeton und zum Blockhaus gestapeltes Holz. Drei nadelschlanke Türmchen, quer davor an der Straße eine Scheune mit Garage.

Das, was es ist

Nichts ist hier Verkleidung, alles ist das, was es ist. Holz ist massives Holz, Sichtbeton ist massiver Sichtbeton. In diesem Purismus einen Königsweg zur Gemütlichkeit zu erkennen ist charakteristisch für die Bauherren Robert und Petra Hollmann. Der frühere Schauspieler Hollmann hatte sich in Wien auf die Hotellerie verlegt, dann mit seiner Frau in Sri Lanka ein Feriendorf errichtet, bis die Familie wieder zurückkehrte. Buchstäblich – denn Hollmann war als Kind im väterlichen Anwesen „auf der Turrach“ aufgewachsen. „Ich hatte immer eine Hassliebe zu dieser Gegend. Wir hatten das schiachste Haus am schönsten Grund“, erinnert er sich, „und ich habe mich als Kind immer furchtbar gelangweilt hier oben.“

Dennoch blieben die Hollmanns auf der Suche nach der nächsten Großaufgabe hier hängen. Ein Grundstück am Ortsrand wurde gekauft, eine Planung für eine Ferienhaussiedlung gab es bereits: Sechs Reihenhäuser, der Wald hätte dafür daran glauben müssen. „Eine solche Tsunamisiedlung wollten wir auf keinen Fall“, so Hollmann. „wir wollten drei Häuser, jedes unterschiedlich, die zusammen wie ein gewachsenes Dorf ausschauen.“ Ein Dorf mit schwarzem Sichtbeton? „Dadurch gleicht es den Felsen und verschwindet optisch im Hang. Wenn das Holz über die Jahre ausbleicht, bleibt der Kontrast zum Beton so erhalten.“

Ein Investor, der sich über ausbleichendes Holz Gedanken macht und ein lukratives Baugrundstück nur zur Hälfte ausnutzt, dürfte eine Ausnahme sein. Nicht die Ausnahme ist es, dass gerade solche Bauherren mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnet werden, der jährlich von der Zentralvereinigung der Architekten vergeben wird.

Es sind Glücksfälle des Zusammentreffens von Investoren und Architekten. In diesem Fall Roland Winkler und Klaudia Ruck vom Klagenfurter Büro Winkler+Ruck, deren Bauten ein sorgfältiger Umgang mit Materialien auszeichnet, und die gemeinsam mit Ferdinand Certov den internationalen Wettbewerb fürs Wien-Museum gewinnen konnten. „Normalerweise drücken Bauherren vorsichtig auf die Bremse, aber hier sind wir von Anfang an losgeprescht“, erinnert sich Roland Winkler.

Kein Design

Konsens herrschte von Anfang an darüber, was man nicht wollte: Ferienhäuser von der Stange und eine Urlaubsarchitektur, die das Label „Design“ offensiv vor sich herträgt. „Wir haben sogar bewusst versucht, jede schnelle Idee zu vermeiden, und haben stattdessen intensiv am Material und am Ort gearbeitet“, so Winkler. Was man wollte: den Zauber des Orts erhalten. Das hieß: so wenige Bäume wie möglich fällen. Am Ende waren es ganze drei.

„Wir haben die Häuser aus den Bäumen konstruiert. Das Material gab den Raum vor. Ein Blockhaus, das so lang und breit ist, wie die Baumstämme lang sind.“ So ergibt sich von allein die Größe einer Stube. Ganz traditionell. Die Konstruktion, nicht die Kulisse, erzählt hier die Geschichte. Details sollten fast auf null reduziert werden. Eine Anforderung, die den ausführenden Firmen alles abverlangte. „Das Handwerk ist heute an eine Kultur des Fehlerverdeckens gewohnt,“ sagt der Architekt. Hier verspachteln, dort Gipskarton. „Hier geht das nicht.“ Anders gesagt: Dort, wo es Fehler gibt, sind es schöne Fehler. Ehrliche, handgemachte Fehler, die ihren eigenen ästhetischen Wert haben.

Bergsteigen im Haus

Für eine Architektur, die die Idee und das Detail vermeidet, sind die drei Häuser – benannt nach den drei Hollmann-Kindern Franzi, Luki und Toni – von fast überbordender Lust an ideenreichen Details und Raumatmosphären gekennzeichnet. Von den Armaturen aus dem Industriesortiment bis zu den Fenstern, die so platziert wurden, dass sie das richtige gerahmte Bild von Wald, Himmel und Bergpanorama eröffnen. Die viergeschossigen Türmchen fordern sportliche Bewohner: Bergsteigen auch im Inneren. Der sakral anmutende Skiraum in der Scheune würde auch als Hauskapelle durchgehen.

Dass sowohl Bauherren als auch Architekten die Erfindung der mit dem Holz „vernähten“ frei verlegten Stromkabel für sich reklamieren, spricht für beide. Dass hier nichts unüberlegt oder zufällig scheint, spricht für Bauherren, Architekten und Handwerker – auch das ist nicht die Regel. „Die Firmen waren wirklich großartig“, lobt Winkler. „Sie haben mitten im Wald den Beton geschalt und sind nach der Arbeit noch auf den Berg gerannt.“

Es gibt preisgekrönte Architektur, die sich ihrer Preiswürdigkeit fast schon aufdringlich bewusst ist. Und solche, die im Anspruch, das zu sein, was sie ist, das höchste Gut sieht. Eine Stube, eine Eckbank, ein Ofen. Ein Haus im Wald. Gemütlichkeit ohne Fiktion.

1. Dezember 2018 Der Standard

Akupunktur für das Land

Die chinesische Region Songyang versucht, mithilfe von Architektur die Abwanderung in die Städte zu stoppen. Auf den Dörfern sucht ein radikal urbanisiertes Land seine verlorene Seele.

Über Songyang lässt sich eine Fülle von Geschichten erzählen. Zum Beispiel die Geschichte einer kleinen Stadt in der Provinz Zhejiang, 460 Kilometer südlich von Schanghai, inmitten einer Landschaft aus breiten Flüssen, schroffen Felsen und Teefeldern im Morgennebel, in ganz China bekannt für seine pittoreske Schönheit. Die Geschichte von rund 400 Dörfern, in denen nur noch Alte und Kinder leben oder die schon ganz entvölkert sind. Die Schattenseite der globalen Verstädterung, die sich in China besonders rapide entwickelte. Im Jahr 2016 lebten bereits 773 Millionen Chinesen in Städten und 589 Millionen auf dem Land.

Songyang ist auch die Geschichte eines Lokalpolitikers, der diesen Trend aufhalten will: Wang Jun, ein junger, ehrgeiziger und intelligenter Parteisekretär, der seine Heimat als „den letzten geheimen Garten“ bezeichnet und mit einer Rückbesinnung auf regionale Werte die verschlafene Landschaft wieder zum Leben erwecken möchte – um den Bevölkerungsschwund aufzuhalten und mit sanftem Tourismus die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Seine Geschichte ist eng verzahnt mit der von Xu Tiantian, die in Peking ihr Büro DnA Design and Architecture führt. 2015 fand sie eher zufällig den Weg ins abgelegene Songyang. Seitdem hat sie eine Vielzahl von Bauten in der Region realisiert. Eine kleine Fabrik zur Zuckeraufbereitung im Dorf Xing, das Gemeinschaftshaus im Dorf Pingtian, ein Teehaus, einen Bambuspavillon, ein Museum für die Kultur des Hakka-Volks im Dorf Shicang und eine Brücke über den Songyin-Fluss zwischen den Dörfern Shimen und Shimenyu. Geplant und gebaut gemeinsam mit der – zuerst noch skeptischen – Bevölkerung und mit lokalen Handwerkern.

Eine Architektur, die das Bestehende nicht in Grund und Boden planiert, sondern wie Akupunktur funktioniert. Eine Art des regionalen Bauens, die selten ist in einem Land, in dem Bautraditionen meist in Form von disneyfizierten Karikaturen reproduziert werden. Eine Wiederentdeckung von Materialien und Techniken, wie sie auch Pritzker-Preisträger Wang Shu praktiziert. Archaisch ging es auf der Baustelle jedoch keineswegs zu, erklärt Xu Tiantian. Da die junge Mutter nicht ständig aus Peking anreisen konnte, wurde die Bauleitung mit der in China omnipräsenten App Wechat erledigt. „Die Bauern haben alle Smartphones, das hat sehr gut funktioniert,“ sagt sie.

Die Geschichte von Songyang – das ist auch Rural Moves – The Songyang Story, der Titel einer Ausstellung, die im Frühjahr im Aedes-Architekturforum Berlin zu sehen war. Dort wurden die Bauten von Xu Tiantian erstmals im Westen präsentiert, kurz darauf waren sie auf der Architekturbiennale Venedig zu sehen, im Frühjahr 2019 macht die Ausstellung im Architekturzentrum Wien (Az W) Station. „Die Stadt ist ohne das Land nicht diskutierbar“, so Aedes-Direktorin Kristin Feireiss. „Das Land wurde viel zu lang als reine Ressource für die Stadt gesehen. Das ändert sich – wir beobachten heute weltweit ein neues ländliches Selbstvertrauen.“

Also beschloss man, sich just in Songyang mit weltweiten Experten über diesen Versuch eines neuen Gleichgewichts auszutauschen. Anfang November luden Aedes und die Region Songyang zur dreitägigen Konferenz „Regions on the Rise.“ Auch Vertreter der Regierung waren zugegen – in Peking beobachtet man das Experiment von Wang Jun mit erhöhter Aufmerksamkeit.

Herz der Kultur

Denn die Geschichte von Songyang ist auch die Geschichte eines Landes, das nach Jahrzehnten eines wilden Wachstumsrausches die Ahnung befällt, dass es seine Seele verloren hat. „Die alten Dörfer sind das Herz der chinesischen Kultur“, bekräftigte der Parteifunktionär Liu Yuzhu. Deswegen habe die Regierung Initiativen gestartet, um diese Dörfer zu schützen, bis Oktober 2018 seien 1,3 Milliarden Yuan in dieses Strukturprogramm für den ländlichen Raum investiert worden.

Der Wunsch nach emotionaler Bindung an die eigene Identität paart sich mit harten Fakten: Chinas Flächen für landwirtschaftliche Produktion sind durch die Urbanisierung an einem kritischen Minimum angelangt – es geht schlicht ums wirtschaftliche Überleben. Also hofft man, das Erfolgsmodell Songyang als Prototyp reproduzieren zu können.

Ein Wunsch, der auf der Konferenz auf Skepsis traf. Songyang sei mit seiner noch relativ unberührten Landschaft und den Bauern, die am überregional berühmten grünen Tee gut verdienen, ein privilegierter Sonderfall, urteilten Wirtschaftsprofessoren und Architekten. Ins ostchinesische Flachland mit seinen Autobahnen, Tierfabriken und verseuchten Böden und Gewässern wird sich nie ein Tourist verirren.

Wird die Geschichte von Songyang eine Erfolgsstory? Alles deutet darauf hin. In den sorgfältig restaurierten Gassen der Altstadt warten die ersten Vintageläden und gediegenen Edelteeshops auf zahlungskräftige Touristen. In den Dörfern eröffnen findige Kleinunternehmer die ersten Ferienhäuser in alten Gemäuern. Die neue Autobahn nach Songyang ist schon fertig, die Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke ist in Bau, ein Regionalflughafen ebenfalls.

Epilog: ein Samstagabend in der Zehn-Millionen-Stadt Hangzhou, drei Stunden nördlich von Songyang. Tausende von schick gekleideten Jungzwanzigern strömen durch die Straßen zwischen den Flagship-Stores von Gucci, Apple, Adidas und Versace, Einkaufstaschen in beiden Händen. Ob sich Chinas konsumfreudige Jugend dauerhaft wieder zurück aufs Dorf locken lässt? Eine Geschichte mit offenem Ende.

[ Die Reise nach China erfolgte auf Einladung von Aedes und der Regionalregierung Songyang. ]

17. November 2018 Der Standard

Krise macht erfinderisch

Das belgische Kollektiv Rotor wurde mit dem Schelling-Architekturpreis ausgezeichnet. Mit kritischem Realismus und subversiven Techniken weist es den Ausweg aus der Krise der Architektur.

Der seit 1992 vergebene, mit insgesamt 30.000 Euro dotierte Schelling-Architekturpreis honoriert kein Lebenswerk, sondern Architekten, die „das zukunftsträchtige Bedeutsame“ zu fördern. Alle zwei Jahre wird je ein Preis für Architekturtheorie und -praxis in Karlsruhe, dem Ort, an dem der namensgebende Architekt Erich Schelling wirkte, vergeben. Ersterer steht vorher fest, Letzterer wird live in einer Art Mini-Oscar-Zeremonie unter drei Nominierten gekürt. Nicht wenige von ihnen kamen später zu globalem Ruhm, etwa Zaha Hadid und Coop Himmelb(l)au. Als Wegweiser für die Architektur hat sich der Preis zweifellos bewährt.

Doch selten war die Richtung so eindeutig wie in diesem Jahr. Das „zukunftsträchtige Bedeutsame“ deutet heuer so weit weg von der ikonischen Stararchitektur, wie es nur möglich ist. Nicht nur das: In Zeiten, in denen Architekten – nicht zu Unrecht – ihre von Übernormierung und Claim-Management-verseuchten Projektabläufen eingeschränkten Handlungsspielraum beklagen, verweigern sich alle vier der Resignation. Sie tun dies mit einer Mischung aus Pragmatik und listiger Subversion, wie japanische Kampfsportler, die die Bewegung des Gegners (nennen wir ihn ruhig Spätkapitalismus) umlenken.

Der Preisträger, das 25-köpfige Kollektiv Rotor, wurde 2005 in Brüssel gegründet, als sich zwei Architekten nachts in einem leerstehenden Gebäude in Brüssel begegneten, und realisierten, welches Potenzial diesem innewohnte. Seitdem arbeiten Rotor konsequent an einer Architektur der Wiederverwertung, entgegen den immer schnelleren Zyklen von Komplettabriss und Komplettneubau. Sie sichten das Vorhandene, vom Gewerbebau bis zum Wandpaneel und zum Konferenztisch und setzen es neu zusammen. Gemäß der Aussage von Frei Otto: „Ökologisches Bauen heißt nicht bauen.“ So sieht Nachhaltigkeit aus, wenn man sie nicht als hohles Buzzword verwendet.

Als durch und durch politische Architekten tun sie dies nicht aus Lust und Laune, sondern als gesellschaftlichen Umbruch. Ihr subversiver Judo-Move ist, genau an dem Ende des Bauens anzusetzen, vor dem sich Architekten sonst scheuen: Normen und Gesetzen. Gemeinsam mit einer Juristin entwickelten sie einen Leitfaden für eine Wiederverwendung von Baumaterialien, der eine Untersuchung der legalen Rahmenbedingungen mit den praktischen Erfahrungen der Rotor-Mitglieder verbindet. Keine vermeintlich genialen Künstlerskizzen, keine Hochglanzrenderings, sondern magistratsgelbe Formulare und ein handfestes Arbeiten mit dem, was da ist.

Alles ist politisch

Bis hin zur Organisation des eigenen Büros: Rotor arbeitet, ähnlich wie Assemble in London, als Kollektiv. Ein bewusstes Kontra gegen die „Meisterarchitekten“, hinter deren schöner Fassade oft die Ausbeutung der Mitarbeiter steht. „Wir brauchen heute andere Modelle, wie Architekturbüros arbeiten,“ sagt Maarten Gielen von Rotor. „Wir entscheiden im Kollektiv, ob wir einen Auftrag annehmen oder nicht. Ausschlaggebend dafür ist: Können wir etwas verändern?“ So kann es vorkommen, dass man die Teilnahme an einer Architekturbiennale verweigert, weil diese von BP gesponsert wird.

„Alles ist politisch“, sagt auch Alexandre Thériot, der mit Stephanie Bru das Büro Bruther in Paris betreibt. „Die Gesellschaft ist instabil, sie verändert sich. Die Frage ist, wie man darauf reagiert. Uns geht es um Ideen, nicht um Dogmen. Dogmen sind 20. Jahrhundert. Das Starsystem ist vorbei.“ Dabei entsprechen Bruther selbst, auch wenn sie keine Stars sind, unter den Schelling-Kandidaten noch am ehesten dem klassischen Architektentypus. Sprich: Sie stellen neue Bauten her. Aber ihre Bauten wie das Kultur- und Sportzentrum in Paris, ein Laboratorium in Lausanne oder ihre Wohnbauten haben eine einprogrammierte Offenheit. Sie definieren nicht, sie ermöglichen.

Aristide Antonas wiederum fragte sich, wie man dem gebeutelten Athen wieder auf die Beine helfen kann, und entwickelte „Protokolle“, die wie Drehbücher oder Spielregeln funktionieren, um die „Stadt als sozialen Raum“, wie er sagt, wieder wirksam zu machen – zum Beispiel eine Bedienungsanleitung, sich Athens Dächer als Dachterrassen anzueignen. Antonas, der Philosophie in Paris studierte, ist Schriftsteller, Künstler und Architekt in einem. Sein Territorium sind die melancholischen, von der Infrastruktur zerfurchten Landschaften Griechenlands. Ein Haus, das er auf Hydra realisierte, und poetisch-düstere Entwürfe für Rückzugsorte an der Küste sind für ihn Orte des Denkens – nicht als Weltflucht, sondern als Umgang mit der Realität. „Die Arbeitsweise dieser drei Büros ist extrem pragmatisch“, sagt auch Keller Easterling, Schelling-Preisträgerin für Theorie. Easterling, die als Professorin an der Yale University lehrt, beschäftigt sich ebenfalls mit Infrastrukturen, vor allem solchen der Macht – für ihr Buch Extrastatecraft untersuchte sie so diverse Phänomene wie Werbevideos für Freihandelszonen, die Sprache von Normungsinstituten oder das Mobilfunknetz von Nairobi. Ein Versuch, herauszufinden, warum die Welt aussieht, wie sie aussieht, und warum sie an so vielen Orten genau gleich aussieht. Die Judo-Moves, die sie den Architekten vorschlägt: das anonyme Serienzubehör dieser globalen Anonymität zu manipulieren und nicht an das einzelne Objekt, sondern an das Dazwischen zu denken.

In Zeiten, da sich die Welt und der eigene Berufsstand in der Krise befinden, ist die Antwort nicht Resignation, sondern Erfindungsreichtum. Mit einem Realismus, der so pragmatisch ist, dass man ihn schon visionär nennen kann. Die Zukunft wird zeigen, ob der Schelling-Preis auch hier ein Indikator für eine neue Ära war.

3. November 2018 Der Standard

Ideen und Ideologien

Die Ausstellung „Roland Rainer – (Un)Umstritten“ eröffnet dank fundierter Recherche neue Erkenntnisse über die Rolle des österreichischen Architekturdoyens im „Dritten Reich“.

Autobiografien sind selten ein Hort der Objektivität. Erst recht nicht, wenn das erzählte Leben fast ein ganzes Jahrhundert umspannt. Bei Roland Rainer, einem der prägendsten österreichischen Architekten und Stadtplaner des 20. Jahrhunderts, ist das nicht anders. Zwar war seine spät entdeckte NSDAP-Parteimitgliedschaft noch zu seinen Lebzeiten bekannt geworden, über seine Tätigkeiten und seine Gesinnung während des „Dritten Reichs“ wusste man jedoch wenig. Er selbst blendete die Arbeiten von 1936 bis 1945 aus seinem Werkverzeichnis aus. Eine forschungsintensive Ausstellung im Wiener Architekturzentrum bringt jetzt mehr Licht in die Vergangenheit des Doyens der Nachkriegsarchitektur – nicht über private politische Äußerungen, von denen keine überliefert sind, sondern allein über das Werk.

„Das Phänomen der Selbsteditierung von Architekten ist nicht neu“, sagt Angelika Fitz, Direktorin des Az W. „Daher ist eine unabhängige Forschung umso wichtiger.“ 2015 hatte das Az W den Rainer-Nachlass übernommen, im gleichen Jahr widmete man sich (noch unter Dietmar Steiners Leitung) mit der Ausstellung Wien, die Perle des Reiches den NS-Planungen für Wien. Die damals begonnene Recherche mündete jetzt in der Ausstellung Roland Rainer – (Un)Umstritten und untersucht den Schaffenszeitraum von 1936 bis 1963.

Die drei Kuratorinnen Waltraud Indrist, Ingrid Holzschuh und Monika Platzer sichteten dafür rund 10.000 Akten, vor allem in Berlin, wo sich Rainer 1936 unter Angabe seiner Parteimitgliedschaft bei der Bau- und Finanzdirektion beworben hatte. Bis 1938 blieb er in der deutschen Hauptstadt, von 1940 bis 1945 leistete er Militärdienst und arbeitete im technischen Kriegsverwaltungsrat. In einer späteren Gegendarstellung sollte er diese Zeit als „Irrtum“ bezeichnen. Eine Schautafel in der Ausstellung listet Werke und Taten Rainers säuberlich auf – die von ihm freigelassenen Lücken im Lebenslauf sind in roter Schrift ergänzt. Es sind sehr viele Lücken.

Besonders aufschlussreich sind dabei die Schriften, die er im „Dritten Reich“ verfasste, und die später, ideologisch bereinigt, als jungfräuliche Werke veröffentlicht wurden: vor allem das Buch Die gegliederte und aufgelockerte Stadt, das er 1957 gemeinsam mit Johannes Göderitz und Hubert Hoffmann publizierte und an dem er, wie jetzt deutlich wird, schon vor 1945 arbeitete. Beide Ausgaben liegen in der Ausstellung fein säuberlich nebeneinander und laden zur vergleichenden Spurensuche ein.

Keine Stunde null

Dass Roland Rainer die Großstadt suspekt war, lange bevor er 1958 Stadtplaner von Wien wurde, ist hier bestens nachvollziehbar. Nur die Begründungen wechselten zwischen 1945 und 1957 den Tonfall. Wer genau hinsah, konnte die Genese aber schon aus der bereinigten Fassung herauslesen: „Je mehr die lebensstarke Landbevölkerung zurücktritt gegenüber der Bevölkerung der Großstädte, die ihre Volkszahl nicht aus eigener Kraft erhalten können, umso stärker muss sich der ungünstige Bevölkerungsaufbau dieser immer zahlreicher werdenden Großstädte in der Vergreisung des Volkes auswirken.“

Die NS-Pläne für den „Lebensraum im Osten“, die bandförmige, eher landwirtschaftliche als urbane Städte mit nicht mehr als 200.000 Einwohnern vorsahen, entstammten derselben Denkweise: Scholle, Heimat, Familie, vermeintliche Volksgesundheit. Doch war diese Lebensform keineswegs eine Neuerfindung. Schon die Gartenstadtbewegung um 1900 formulierte Utopien grüner, ländlicher und autarker Kleinstädte. Es sind diese Kontinuitäten des 20. Jahrhunderts, die die Ausstellung so lohnend machen: Man staunt, wie problemlos viele architektonische Ideen mit gegensätzlichen Ideologien kompatibel sind.

„Die Architektur im „Dritten Reich“ wird oft auf Führerstädte und Monumentalismus reduziert“, so Ingrid Holzschuh. „Dabei ist die Forschung schon viel weiter und widmet sich den Kontinuitäten: Vom Funktionalismus über die Neue Sachlichkeit bis zum Heimatstil war alles vertreten“. Der Nationalsozialismus war, wenn es ums Planen und Bauen ging, so widersprüchlich wie pragmatisch. Manchmal musste es bombastisch sein, manchmal musste es einfach nur schnell funktionieren. „Es gab im „Dritten Reich“ einen wahren Wettstreit von planerischen Leitmodellen“, erklärt Kuratorin Monika Platzer.

Biografische Verflechtungen vor, während und nach dem NS-Regime hatte schon Werner Durth in seinem im Jahr 1986 erschienenen Werk Deutsche Architekten nachgezeichnet. Etwa die von Hans Bernhard Reichow, während des Zweiten Weltkriegs Mitarbeiter am „Generalplan Ost“, der „Kolonisierung“ der besetzten Gebiete, der 1959 das einflussreiche Werk Die autogerechte Stadt veröffentlichte. Oder die von Ernst Neufert, der am Bauhaus studierte und 1936 erstmals seine bis heute als Standardwerk geltende Bauentwurfslehre veröffentlichte. Neufert, der mit der Speer’schen Gigantomanie nichts anfangen konnte, blieb zeitlebens der industrialisierten Moderne verpflichtet und war mit dieser in Diktatur und Republik gleichermaßen gut aufgehoben.

Nicht wenige Ideen gediehen eben in verschiedenen ideologischen Biotopen hervorragend. Auch das Einfamilienhaus, das Roland Rainer zeitlebens propagierte, war eine vom NS-Regime präferierte Wohnform. Rainer selbst begründete dies im Jahr 1944 damit, dass diese Wohnform überall dort vorherrsche, „wo die Fülle arischen Wesens konzentriert“ sei.

Dass Rainers Siedlungen wie die Gartenstadt Puchenau bei Linz trotz alldem zum Besten gehören, was im Wohnbau der Nachkriegszeit geleistet wurde, verleiht seinem Schaffen eine welthistorische Spannung. Das Einfamilienhaus an sich aufgrund dieser Vereinnahmungen zu verdammen, wäre jedoch vermessen. Die „Stunde null“ ist eben nicht nur in der Weltgeschichte, sondern auch in der Architekturgeschichte ein Mythos.

Muss nun der Roland-Rainer-Platz vor der Wiener Stadthalle umbenannt werden? Auf keinen Fall, so die Kuratorinnen. Es gehe nicht darum, die Geschichte zu bereinigen. Zu verdanken ist es der Schau, dass sie eine Fülle neuer Fragen aufwirft und zu weiterer Nachforschung einlädt.

3. Oktober 2018 Der Standard

Leistbare Mieten auf dickem Eis

Die Neubebauung am Eisring Süd startet nach langen Verzögerungen

Einen Winter lang dürfen die Läufer ihre Bahnen noch ziehen und die Eishockey-Cracks ihre Pucks schmettern. Dann rücken am Eisring Süd in Wien-Favoriten die Baukräne an. Eigentlich hätte der Baubeginn für die Wohnungen längst erfolgen sollen, doch langwierige Verhandlungen, Gerüchte über kontaminierten Boden und der Protest einer Bürgerinitiative verzögerten das Projekt.

580 Wohnungen werden hier entstehen, sowohl als Teil der seit 2011 laufenden Wiener Wohnbauinitiative als auch im Rahmen der Schiene „Gemeindebau neu“. Ewald Kirschner, Generaldirektor der Gesiba, die 276 geförderte Wohnungen für die Wohnbauinitiative errichtet, zeigt sich erleichtert: „Nach zwei Jahrzehnten an Planungen und Überlegungen ist es uns jetzt gelungen, eine Vielzahl an leistbaren Wohnungen und einen viergruppigen Kindergarten errichten zu können und durch die Generalsanierung nach zeitgemäßen Bedürfnissen auch den Eissport für den Stadtteil zu erhalten.“ Die Sanierung der alten Eissportanlage war Bedingung für den Wohnbau, eine neue Ballsporthalle wird das Angebot ergänzen.

Baustart im Herbst 2019

Die Generalsanierung der Sportstätte beginnt im Mai 2019, um die Sperre auf eine einzige Wintersaison begrenzen zu können, der Baubeginn für die Wohnungen startet im Herbst 2019. Für die Planung der bis zu neungeschoßigen Gesiba-Bauten ist die Arge Eisring Süd mit den Büros Podsedensek und Hermann & Valentiny verantwortlich; von Letzteren stammt auch der Masterplan für das Gesamtareal.

Geförderte Mietwohnungen seien für die von der Wien Holding verwaltete Gesiba mehr als nur das Kerngeschäft, so Kirschner. Zwar habe man in der Vegagasse im 19. Bezirk neben 60 Mietwohnungen (ebenfalls im Rahmen der Wohnbauinitiative) auch 40 freifinanzierte Wohnungen errichtet, das sei aber ein Ausnahmefall, so Kirschner. „Leistbarkeit ist einer unserer Grundsätze, daher decken Mietwohnungen 99,9 Prozent unseres Wohnangebots ab.“ Kein Wunder, dass auch das „beste Stück“ in diesen Prozentsatz fällt.

3. Oktober 2018 Der Standard

Testlauf in der Gasometer City

Beim Wohnbau im Gasometer bot die WBV-GPA 2002 erstmals die spätere Option für Eigentum an – ein „Zuckerl“, von dem viele Bewohner Gebrauch machten.

Als die Wiener Gasometer City im Herbst 2001 mit Fanfaren eröffnet wurde, galt sie als mutiges Neuland für die Stadterweiterung – ein Bürostandort mit Wohnungen in den vier denkmalgeschützten Zylindern als Kern. Bekannterweise kam es etwas anders. Die Shopping-Mall verdorrte, der Gewerbebau stockte, dafür werden demnächst Wohnhochhäuser in den Himmel ragen, vor 17 Jahren undenkbar.

Der Gasometer B von Coop Himmelb(l)au Architekten war mit seiner Kombination aus kreisförmiger Bebauung im Inneren und angelehntem 73 Meter hohen „Schild“ der auffälligste der vier. Doch er war auch auf eine Weise besonders, die nicht sofort ins Auge fällt. Denn die Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA) bot den Erstmietern damals die 256 Wohnungen (140 im Gasometer, 116 im „Schild“) mit Option auf späteres Eigentum nach zehn Jahren an.

„Für uns war das damals Neuland“, sagt WBV-GPA-Geschäftsführer Michael Gehbauer. „Es war sozusagen der Testlauf für den Mietkauf im geförderten Wohnbau.“ Man habe sich damals auch gefragt, ob das Wohnen in einem Gasometer im Industriegebiet am Stadtrand attraktiv genug sei.

Sprich: Das Eigentum war das Zuckerl für die Interessenten. Besonders versüßt wurde dieses Zuckerl durch den günstigen Kaufpreis – nicht zum Verkehrswert, sondern zum Herstellungswert. Ein Schnäppchen mit einem Mehrwert, der heute aufgrund der inzwischen geltenden Bestimmungen nicht mehr möglich wäre.

Im September 2001 waren die Wohnungen fertiggestellt, 2012 wurde die Eigentumsoption schlagend. Bis zum 31. 12. 2017 wurden 125 der 256 Wohnungen an ihre Erstmieter verkauft, also fast die Hälfte. Angesichts der Entwicklung der Immobilienpreise in Wien seit 2002 überrascht es nicht, dass viele davon gleich mit Gewinn weiterverkauft wurden.

Eigentum als Sprungbrett

„Ich war damals noch für die Vermietung zuständig und kannte die Mieter sehr gut“, erinnert sich Gehbauer. „Das war vor allem eine junge, urbane Klientel, viele davon Singles. Heute ist das ein etabliertes Mietersegment, aber vor knapp 20 Jahren war das ungewöhnlich, weil man damals vor allem für Familien plante.“ Inzwischen sind aus einigen Gasometer-Singles Familien geworden. Viele davon sind weitergezogen, mit der Eigentumswohnung als Sprungbrett.

Heute hat die WBV-GPA also einen Halb-halb-Wohnbau am Gasometer. Ist der Aufwand für die Hausverwaltung höher? „Natürlich. Eigentum und Miete haben eine komplett verschiedene rechtliche Stellung, die Wohnungen sind dementsprechend unterschiedlich zu behandeln, etwa wenn es um Sanierungen oder Reparaturen geht.“ Ein gelungener Testlauf und ein bestes Stück sei es aber auf jeden Fall – schon allein, weil man viel gelernt habe.

25. August 2018 Der Standard

#haus #wow #super

Mit Instagram ist die Architektur schließlich doch in den sozialen Medien angekommen. Verändert der schnelle Bildkonsum die Architektur? Müssen Räume heute „instagrammable“ sein?

Dürfen wir vorstellen: Norman Foster, Baron Foster of Thames Bank, Influencer. Ja, richtig, wir reden von Social Media. Was 17-jährige Kosmetikgirls können, nämlich Onlinegefolgschaft um sich sammeln, kann der 83-jährige Brite mit links. 237.000 Follower hat sein Instagram-Account @officialnormanfoster.

Als wäre er nicht schon berühmt genug und hätte eigentlich genug anderes zu tun, zum Beispiel ein paar Flughäfen fertigzubauen, räkelt sich der Architekt in einem aufblasbaren Einhorn auf einem Pool: „Time for the unicorn“ lautet seine lapidare Bildunterschrift dazu. 28.775 Instagrammern gefällt das.

Architekten und Social Media – das war bisher ein seltsames Verhältnis. Wie in einer ewigen Warteschleife kreiste man vorsichtig umeinander und kam doch nie zusammen. Architektur hat andere Zyklen als Twitter oder Facebook. Die atemlose Schnelligkeit eines Newstickers wird sie nie erreichen. Es wird eben selbst bei den leistungsstärksten Büros nicht alle zehn Minuten ein Haus fertig.

#hashtag #biennale

Bis jetzt. Denn mit der Quadratbilderhalde Instagram scheinen die Architekten ein Zuhause in den sozialen Medien gefunden zu haben. Zwischen den durch alle bereitgestellten Fotofilter gepeitschten Standardmotiven (Kaffeeschaum von oben, Avocadotoast von halb rechts, Selfies im Spiegel, Selfies im Fitnessstudio, Selfies im Spiegel vom Fitnessstudio) sind Fotos von Bauwerken aller Art omnipräsent. Gerne auch garniert mit dem üblichen Hashtag-Stichwortgewitter am Ende jedes Beitrags: #building #awesome #wow.

Ob französisches Palais im Patina-Close-up oder nach oben im Smog verschwindender High-Tech-Tower in Dubai: Hoher Kontrast, simple Formen, fertig ist der „wow“-Effekt beim Durchscrollen. Auch der Account @insta_repeat, der systemkritisch nahezu identische Instagram-Motive gruppiert, hat Architektur im Portfolio: Sehr populär sind etwa rote Holzhäuser vor dunkelgrünem Fjord.

Wer sich durch Architektur mit Wow-Content klicken will, kann entweder den aufstrebenden Stars wie Norman Foster folgen oder sich durch die Hashtags navigieren. 572.000 Fotos unter #instaarchitecture, 122.000 unter #instarchitecture, etwas mehr als zehn Millionen Fotos unter #archilovers, etwas weniger als zehn Millionen Fotos unter #architecturelovers.

Auch auf den wichtigen Events der Architekturwelt kommt man an Instagram nicht mehr vorbei: Auf der Biennale Venedig kann man schon am ersten Tag spekulieren, welche Pavillons und Installationen am meisten „instagrammable“ sind. Kleiner Tipp: Wenn sich die Architektur als schicker Hintergrund fürs Selfie eignet, stehen die Chancen gut. Die Anzahl der Spiegelflächen wird jedenfalls bei jeder Biennale mehr. 142.000 Beiträge unter dem Hashtag #biennaledivenezia geben Zeugnis davon.

Was keineswegs heißt, dass alle Architekten blindlings auf Instagram stürmen. Doch welche von ihnen es tun und welche dabei erfolgreich sind, ist aufschlussreich. Paradebeispiel: der dänische Architektur-Strahlemann Bjarke Ingels.

Neben den Bauten seines Büros BIG bietet der Account @bjarkeingels Einblick in den Alltag des gleichzeitig rastlos und relaxt wirkenden Architekturpopstars, der sich auf einer Art permanentem Urlaub zu befinden scheint. Mit dem Hundeschlitten durch Grönland, beim Burning-Man-Festival in Nevada oder auf griechischen Inseln, dabei einen Kometenschweif von „awesome“-Kommentaren seiner 458.000 Abonnenten hinter sich herziehend.

Ohne Zumthor

Die Architektur scheint ihm ganz selbstverständlich nebenher zu passieren. Passend zum Personenkult der sozialen Medien hat Ingels fast viermal so viele Follower wie @big_builds, der Account seines Büros. Die anderen aus der ersten Liga, Zaha Hadid (ZHA), Herzog de Meuron, Snohetta oder OMA, liegen in etwa gleichauf.

Dass man das Bilderportal auch anders nutzen kann als nur als erweitertes Projektportfolio, zeigt der britische Architekt David Adjaye. Sein Account @adjaye_visual_sketchbook ist, wie der Name schon andeutet, eben keine Sammlung seiner eigenen Bauten, sondern von Orten und Räumen, die ihm auffallen, eine Art architektonisches Skizzenbuch, nur eben mit der Handykamera statt mit dem Bleistift. Unter denen, die auf Instagram durch Abwesenheit auffallen, ist – wenig überraschend – der seit jeher dem Analogen und Physischen verpflichtete Schweizer Peter Zumthor.

#hook #verkaufen

Doch was macht nun genau Architektur „instagrammable“? Und vor allem, was macht der Wirtschaftsfaktor Instagram mit der Architektur? „Das Schaffen von Instagram-Momenten ist inzwischen ein Teil des Auftrags für Architekten geworden“, berichtete die Londoner Architektin Farshid Moussavi. Selbstverständlich tätigte Moussavi ihren viel beachteten Kommentar nirgendwo anders als auf ihrem eigenen Instagram-Account @farshidmoussavi.

Die Tendenz ist klar. Dort, wo Architektur etwas mit zu verkaufen hat, sprich in Hotels, Restaurants und im Retailbereich, funktioniert Instagram als billiger Multiplikator. Inzwischen frage sie jeden Kunden, was der „Hook“ sei, den er sich vorstelle, berichtete die Innenarchitektin Hannah Collins, die sich in San Francisco auf Restaurantinterieurs spezialisiert hat. Für das kubanische Restaurant Media Noche waren das: auffälliger Fliesenboden, Tapeten in knalligen Farben, viel Tageslicht. Wer auf Instagram nachforscht, sieht: Der Plan ist aufgegangen.

Dass die mediale Darstellung die Architektur beeinflusst, ist seit der Anfangszeit der Fotografie nichts Neues. Kassandrarufe, dass die räumliche Qualität zugunsten des Wow-Effekts beim zweidimensionalen Durchscrollen vor die Hunde geht, sind also verfrüht. Hört man sich unter österreichischen Architekten um, ist „instagrambar“ noch kein Faktor beim Großauftrag, und auch in den hiesigen Profilen wird ganz konventionell vom Wettbewerbsgewinn, vom Spatenstich oder dem jährlichen Büroausflug berichtet. Aber wer weiß, vielleicht ist das erste aufblasbare Einhorn schon bestellt.

11. August 2018 mit Wojciech Czaja
Der Standard

Volle Ladung, leeres Gut?

Billiger Wohnraum, stapelbares System, individuelles Einzelstück: Recycelte Schiffscontainer sind populär. Doch ist das Wohnen in der Stahlkiste wirklich eine gute Idee? Zwei Positionen.

Wojciech Czaja: Komm nur rein! Das ist mein Büro. Da schaust, was?“ Ho Kai Pong sitzt an seinem Schreibtisch, umzingelt von Aktenordnern und Gießkannen in allen möglichen Farben und Formen. Pong ist Projektleiter in der Urban Oasis, einer städtischen Biofarm im Norden von Hongkong, in der tausend Mitglieder aus der ganzen Stadt kleine Gemüseparzellen anmieten, auf denen sie Okra, Melanzani und Bittermelonen anbauen. „Ein klassisches Bürohaus kam für uns nicht infrage“, sagt der 33-Jährige. „Nicht hier in der Oase! Daher haben wir uns entschieden, ein paar alte Container anzukaufen. Das passt viel besser zu unserem ökologischen Gedanken, den wir hier pflegen.“

Das grün lackierte Bürohäuschen in der Urban Oasis ist nur ein Beispiel von mittlerweile Hunderten auf der ganzen Welt: ausrangierte Überseecontainer am Ende ihrer Lebenszeit, die, ihrer eigentlichen Funktion beraubt, ein Dasein als häusliche Hülle fristen – sei es zum Wohnen, zum Arbeiten oder für gewerbliche Zwecke. Die Liste an kreativen Lösungen findet kaum ein Ende.

In Zürich haben die Gebrüder Freitag vor vielen Jahren schon ein erstes Exempel statuiert, indem sie 19 alte Container zu einem Turm gestapelt haben, worin sie nun ihren Flagshipstore betreiben. In Johannesburg wurden 64 Container auf ein altes Getreidesilo gehievt und dienen nun als Boarding House. In Berlin besteht das Studentenheim Frankie & Johnny aus insgesamt 420 solcher Kisten. Und in den Pop-up-Dorms in der Seestadt Aspern wird ein alter, weitgereister Überseecontainer als Bar genutzt. Auf der Metallplakette ist noch deutlich die Aufschrift zu lesen: „Approved for transport under customs seal.“

Sexy, schicker Lifestyle-Faktor

In letzter Zeit kommt der Container vor allem bei Budget-Hotels sowie als bauliche Billiglösung für Flüchtlingsheime zum Einsatz. So geschehen in diversen Städten in Deutschland und in der Schweiz. In Leutschenbach errichtete die Asylorganisation Zürich (AOZ) ein Containerdorf für 250 Asylsuchende. Das dreigeschoßige Haus aus beigen, gelben und orangen Containern wirkt zwar billig und funktional, aber keineswegs unangenehm. Etliche Architektur- und Designblogs haben darüber berichtet.

Am Ende fragt man sich: Wozu der ganze Aufwand? Wozu 20 und 40 Fuß lange Kisten umbauen und mit größter Mühe technisch und funktional ertüchtigen? Das ginge doch viel einfacher! Die Antwort: weil der Container ein wichtiger Katalysator ist, um die breite Masse zum Nachdenken anzuregen – darüber, wie wir heute mit unseren materiellen Gütern umgehen und wie wir das in Zukunft zu tun gedenken.

Der Container als sexy, schicker Lifestyle-Faktor und Cradle-to-Cradle-Objekt XXL ist ein erster Schritt in Richtung Ressourcenschonung und Recycling. Denn Hand aufs Herz, davon ist die Baubranche allen Lobpreisungen zum Trotz in Wahrheit noch meilenweit entfernt.

Maik Novotny: Noch steht er da, wie ein Alien aus der Vergangenheit: der Nakagin Capsule Tower in Tokio, ein Stapel aus vorgefertigten Betonkisten mit kreisrunden Fenstern. 1972 von Kisho Kurokawa erbaut, ist er ein Überbleibsel der 60er-Jahre, als die Gruppe der japanischen Metabolisten von Gebäuden und Städten in ständiger Bewegung träumte. Elemente, die wie Container frei kombinierbar sind! Häuser, die sich den Bedürfnissen anpassen und weiterwachsen können! Ein Kosmos der unendlichen Flexibilität.

Es waren großartige und faszinierende Visionen. Dennoch ist der Metabolismus in der Praxis gescheitert. Häuser wachsen selten, und wenn, dann nicht nach vorgegebenem Plan. Der Mensch ist ein sesshaftes Wesen, er will einfach nicht flexibel werden. Trotzdem träumen Architekten heute noch von modularen Bauklotzsystemen, und in den Medien sind zu Wohnraum umgebaute Schiffscontainer präsenter denn je. Was ist an den Blechkisten so faszinierend?

Der Mensch ist keine Ware

Da hat sich die Menschheit über Jahrtausende Kulturtechniken angeeignet, um ihr Zuhause stabil, behaglich, hell, schön, raubtiersicher und wasserfest auszustatten. All dies soll stattgefunden haben, um dann auf ein willkürliches Standardelement aus dem Transportwesen zurückzugreifen, bei dessen Erschaffung diese Qualitäten gar keine Rolle spielten? Eine Box aus Stahl, 6,06 mal 2,44 mal 2,59 Meter groß: Das soll zivilisatorischer Fortschritt in der Architektur sein?

Sie seien halt so einfach und billig, heißt es. Doch wenn Container zu Wohnraum werden, dann nur mit enormem Aufwand. Fenster und Türen müssen hineingeschnitten werden, und damit man nicht friert oder verglüht, muss die Kiste gedämmt werden, wodurch der enge Raum noch enger wird. Am Ende ist das billige Standardprodukt zur teuren Stahlblechcollage geworden, zum aufwendigen Designer-Einzelstück mit einer Garnitur Industrieoptik. Eh nett. Aber Lösungen für den Wohnraummangel sind beim Basteln mit Containern nicht in Sicht.

Warum sollten sie auch? Man könnte auch fragen: Warum soll eigentlich etwas so Elementares wie Wohnen besonders billig sein? Wenn schon Schiffscontainer recyceln, warum nicht für eine Firmenzentrale oder ein Bankgebäude? Dazu würden die austauschbaren Kisten angesichts der Kurzlebigkeit des hyperflexiblen Finanzsektors doch viel besser passen.

Stattdessen wird bei Bankgebäuden kein Aufwand gescheut. Nach dem nächsten Merger oder der nächsten Pleite werden sie mit ebensolchem Aufwand umgebaut oder abgerissen. Währenddessen diskutiert man beim Wohnen über smarte Miniapartments, Tiny Houses und gestapelte Container, als wäre Wohnen etwas, das man am besten im Diskonter kaufen sollte, als wäre Wohnen nicht etwas Wertiges und Würdevolles, in das man alles Können und Wissen investieren sollte, das man hat. Der Mensch ist keine Ware. Deshalb: Lasst die Container dort, wo sie hingehören!

4. August 2018 Der Standard

Wermut im Weinglas

Steven Holls Loisium in Langenlois gilt zu Recht als architektonisches Meisterwerk. Doch der Ort rückt der Weinwelt immer näher. Ist die einzigartige Lage in den Reben durch Zersiedelung gefährdet?

E s war ein so seltenes Ereignis, dass man es auch eine Singularität nennen konnte: Fachwelt, Laien und Besucher waren sich einmal einig, dass man es mit einem besonderen und großartigen Stück Architektur zu tun hatte. Vielleicht sogar ein Wunder, auf jeden Fall eine glückliche Fügung. Zwei lokale Weinbauernfamilien hatten den amerikanischen Architekten Steven Holl in die kleine Gemeinde Langenlois gelockt, und was Holl dort skizzierte und dann von 2003 bis 2005 mit seinen hiesigen Partnern Franz Sam und Irene Ott-Reinisch baute, war gleichzeitig ungewohnt wie ein gelandetes Raumschiff und tief im Ort verwurzelt. Eine Komposition aus Architektur und Weinbau in drei Teilen, „under, in and over the ground“. Unter der Erde die Gewölbe der Weinkeller, in der Erde die Weinerlebniswelt als leicht verbeulter und zerschnittener Metallwürfel, und über der Erde das Hotel, dessen 82 Zimmer exakt über der Oberkante der Weinreben auskragen und in die sanfte Hügellandschaft des Kamptals blicken.

Heute ist das Loisium nicht nur ein überregionaler Besuchermagnet, es hat Langenlois auch einen kulturellen Schub versetzt – und spült nebenbei reichlich Gewerbesteuer in die Gemeindekasse. Fährt man heute durch den Ort, glaubt man gern, dass die Langenloiser glückliche Menschen sind. Eine für Weinbaugemeinden typische Grundzufriedenheit weht durch die Gassen, und selbst der sonst in Niederösterreichs Einfamilienhausgebieten grassierende grellfarbige Baumarktbarock ist hier kaum vertreten.

Doch jetzt kommt das Glück von Langenlois wie ein langsamer Bumerang zum Loisium zurück. Schon kurz nach dessen Eröffnung wurde ein Wohngebiet westlich des Hotels in die Weinberge gebaut. Wer heute aus den Hotelzimmern im Norden und Westen schaut, sieht zwar immer noch sanfte Hügel – aber auch viergeschoßige Wohnblöcke in Orange, Weiß und Grau, nur wenige Rebenreihen entfernt. Langenlois ist eine begehrte Wohnlage, ein Viertel der Erwerbstätigen pendelt ins nahe Krems. Während Krems praktisch kein neues Bauland ausweist, gibt Langenlois dem Druck nach. 2017 wurde das Gebiet Lange Sonne Nord umgewidmet: Viereinhalb Hektar Weinberg werden bebaut, einen Steinwurf vom Loisium entfernt. Für die Bebauung wurde ein Gutachterverfahren mit vier Büros ausgelobt, das Ergebnis wurde Ende Juni bekanntgegeben.

Drastischer Brief

Noch vor dem Ende des Verfahrens flatterte den Auslobern ein Brief von Erich Raith, Professor für Städtebau an der TU Wien, ins Haus. Die Worte waren mehr als deutlich. „Es ist für mich völlig unverständlich, wie man eine Verbauung der Lange Sonne Nord in Langenlois ernsthaft ins Auge fassen kann. Die beeindruckend stimmige Dramaturgie der Raumsequenz würde durch jede weitere Bebauung, die sich zwischen den Hotelbau und die anschließende offene Weinlandschaft schiebt, nachhaltig zerstört werden“, so Raith. „Es entsteht der Eindruck: Kaum gibt es in Niederösterreich ein zeitgemäßes Weltklasseprojekt, wird es von den Banalitäten einer alltäglichen Planungs- und Baupraxis eingeholt und in weiterer Konsequenz zerstört.“

In Langenlois sorgte der Brief für Irritation – und eine Einladung zur Ortsbeschau und Diskussion. Man tauschte unterschiedliche Positionen aus, die am Schluss unterschiedlich blieben. „Es war uns bewusst, dass die Bebauung zu Diskussionen führen würde“, sagt der für Raumordnung zuständige Gemeinderat Stefan Nastl (VP) zum STANDARD . „Deswegen haben wir Geld in die Hand genommen und mit Unterstützung des Landes Niederösterreich und Experten ein Gutachterverfahren gestartet.“ Man habe es sich nicht leichtgemacht, aber Langenlois sei eine Zuzugsgemeinde mit starkem Siedlungsdruck, die Baulandreserven seien begrenzt – und die viereinhalb Hektar als „letztmalige Erweiterung“ zu verstehen.

„Es war sicher ein Fehler, die Wohnblöcke so nahe ans Loisium zu lassen“, räumt auch Nastl ein. Für die Lange Sonne Nord will man daher niedrig bleiben: Einfamilienhäuser, Doppelhäuser, Reihenhäuser und Gartenhofhäuser sind geplant – auch um die Sichtkorridore des Loisium freizuhalten. Erich Raith wiederum bleibt im Gespräch mit dem STANDARD bei seiner Ablehnung: „Langenlois hat im Ortskern genug Potenzial zur Nachverdichtung. Man muss dafür kein neues Bauland ausweisen.“

20 Hektar Land werden jeden Tag in Österreich verbaut, damit ist man trauriger Europameister. Die 2017 beschlossenen baukulturellen Leitlinien des Bundes schreiben eine sparsame Flächenentwicklung vor. Sind die viereinhalb Hektar Neubauland in Langenlois also ein Anachronismus? Und ist das Loisium durch die herandrängende Wohnbaurealität in seiner Einzigartigkeit gefährdet?

An der Schmerzgrenze

„Ja, absolut“, sagt Architekt Franz Sam, der für das Land Niederösterreich in der Jury des Verfahrens saß und auch die Interessen der Betreiberfamilie des Loisium vertritt. „Viele Besucher aus dem Ausland kommen nur wegen der Architektur von Steven Holl nach Langenlois. Das ist noch nicht bei allen in der Gemeinde angekommen.“ Die jetzt geplante Bebauung kratze zwar nur am Sichtfeld des Loisiums, aber mit jeder weiteren Bautätigkeit im Sichtkeil wäre die Schmerzgrenze überschritten. „Ein Neubau an dieser Stelle muss zumindest eine hohe Qualität haben. Das ist bei den bisher entstandenen Wohnblöcken nicht der Fall.“ Wurden die Interessen das Loisium von der Gemeinde beim Verfahren berücksichtigt? „Ja, die Rahmenbedingungen waren in Ordnung“, sagt Franz Sam, „allerdings wird jetzt eine Mischung aus zwei Entwürfen umgesetzt, und niemand weiß genau, wie das aussehen wird.“

Stein des Anstoßes sind hier insbesondere die vorgesehenen Gartenhofhäuser – eine niedrige und kompakte Typologie, wie sie Roland Rainer in Siedlungen wie Puchenau bei Linz perfektionierte. Dieser „verdichtete Flachbau“, wie es im Fachjargon heißt, wird bis heute aufgrund seines sparsamen Platzverbrauchs immer wieder als Alternative zum freistehenden Einfamilienhaus vorgeschlagen. Laut Stefan Nastl soll etwa ein Drittel der Langen Sonne Nord mit Gartenhofhäusern bebaut werden. „Mir ist klar, dass viele sich einen höheren Anteil und mehr Innovation wünschen, aber wir werden als ländliche Gemeinde gesehen. Das heißt, es gibt eine gewisse Erwartung, was das klassische Einfamilienhaus betrifft.“ Zumindest habe man für die freistehenden Häuser die Grundstücksflächen auf ein Minimum von 500 Quadratmetern begrenzt. Der Verkauf der Grundstücke soll nach der Erstellung des Bebauungsplans voraussichtlich im Herbst beginnen. Danach klärt sich, ob das architektonische Niveau im Umfeld des Loisium nach oben oder unten korrigiert wird.

Noch kann man vom Hotelzimmer aus, wenn man in die richtige Richtung schaut, in die unberührte Weinbergidylle träumen und die niederösterreichische Realität am Rande des Sichtfeldes ignorieren. Noch ist der Wermut im Weinglas nur ein Tropfen. Die Frage, ob und wie ein Ort in Zeiten des Flächenfraßes wachsen darf und soll, muss dringend diskutiert werden – nicht nur in Langenlois.

Publikationen

2017

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter? Die Ausstellung ist ein Plädoyer für den Fortschritt in Architektur, Wohnungsbau und Städtebau. Wie wir wohnen ist nicht unseren Genen geschuldet, wie wir wohnen ist ein über Generationen an gelerntes Verhalten, dessen Weiterentwicklung von der Dauerhaftigkeit
Hrsg: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell
Autor: Maik Novotny, Kristin Feireiss, Kaye Geipel, Anna Popelka, Georg Poduschka
Verlag: PPAG, Aedes Architekturforum

2014

PPAG: Speaking Architecture
Phenomenology / Phänomenologie

Ein Elefantenhaus, ein Wohnberg, ein Dorf am Dach. Eine offene Schullandschaft, ein barockes Parkhaus, ein silbern schimmernder Windkanal. Das Wiener Büro PPAG architects, 1995 von Anna Popelka und Georg Poduschka gegründet, denkt Architektur mit Scharfsinn, Lust und Erfindergeist immer wieder neu. Ihr
Hrsg: Maik Novotny
Autor: Anna Popelka, Georg Poduschka, PPAG
Verlag: Ambra Verlag

2007

Eastmodern
Architecture and Design of the 1960s and 1970s in Slovakia

Eastern modernist architecture of the 60’s and 70’s is moving away from the specialized focus of international architecture debates and becoming a subject of discussion within the broader context of general interest. The excellent photos in the book convey the flair of an era in which planning was obviously
Autor: Maik Novotny, Hertha Hurnaus, Benjamin Konrad
Verlag: SpringerWienNewYork