Maximale Rotation
Am 23. Februar ist internationaler Tag der Waschmaschine. Eine Nebensache? Keineswegs, denn Waschküchen haben sich aus dem Keller ins Licht und aus der Wohnung in die Gemeinschaftsbereiche geschlichen. Wien ist im Waschprogramm ganz vorn mit dabei.
Das stattliche Haus am Londoner Portland Place, ehrwürdiger Sitz des Royal Institute of British Architects, dürfte in seiner 91-jährigen Existenz schon einiges an englischem Regen abbekommen haben. Aber im Sommer 2021 tropfte es nicht aus Wolken vor das Portal, sondern von einer Wäscheleine mit pitschnassen Hosen und Socken. Diese hatte das Architektinnenkollektiv EDIT aufgespannt, ein augenzwinkernd ernster Protest gegen die Unsichtbarkeit eines elementaren Bestandteils des Wohnens und Lebens: der Wäsche.
Denn viele britische Investoren und Hausverwaltungen verbieten das Aufhängen nassen Gewands auf Balkonen oder in Höfen. Sie assoziieren Wäscheleinen mit Working Class, und diese mit Wertminderung der Immobilie. „Keine Wäsche, wir sind doch kein Sozialbau“, wie es der Aushang eines Eigentümers formulierte. „Ironischerweise wird der Anblick sauberer Wäsche oft als schmutzig empfunden“, sagen Alberte Lauridsen und Marianna Janowicz von EDIT. Nicht nur Klassenfragen, sondern auch Geschlechterrollen werden sichtbar, je nachdem, wo die Wäscheklammer hinzwickt. Haushaltstätigkeiten wie Waschen seien immer noch als weiblich konnotiert, der öffentliche Raum als männlich, so Lauridsen und Janowicz. Und das Private soll bitte unsichtbar bleiben.
Zürichs längste Leine
Doch das ändert sich zusehends. Denn die Waschküche ist in den letzten Jahren heimlich vom lichtlosen Keller ins Tageslicht migriert. Vor allem bei gemeinschaftlichen Wohnprojekten werden die rotierenden Trommeln der Waschmaschinen dort platziert, wo sich Nachbarinnen und Nachbarn treffen. Beim Wohnprojekt Kalkbreite in Zürich (Müller Sigrist Architekten, 2014) residiert der Waschsalon gegenüber der Bibliothek – so lässt sich gemütlich schmökern, während nebenan die Ruderleiberl rotieren. Auf der Terrasse bietet Zürichs längste Wäscheleine reichlich Hängeplatz für die Wäsche der rund 250 Bewohnerinnen und Bewohner. Durch das Auslagern dieser Haushaltsaktivitäten konnten die Wohnungsgrundrisse knapp bemessen bleiben, was sich positiv auf den Mietpreis auswirkt.
Beim mehrfach preisgekrönten Wohnbau San Riemo in München von ARGE Summacumfemmer und Büro Juliane Greb (2020) strahlt eine ganze Batterie Waschmaschinen in leuchtendem Sonnengelb aus dem türkis gerahmten Foyer direkt auf die Straße. Dieses Foyer dient als Treffpunkt, Werkstatt und Experimentallabor für kooperatives Wohnen, in dem die Grenzen des Privaten neu gedacht werden. „Wir waren interessiert an Möglichkeiten, wie alltägliche Haushaltstätigkeiten ihren Weg aus der Wohnung hinaus finden können“, sagen Anne Femmer und Florian Summa.
Dieselbe Idee hatte das Planerkollektiv Lacol für das ebenfalls kollektive und gemeinsam mit den Bewohnern entwickelte Wohnprojekt La Borda in Barcelona (2018). Hier orientieren sich die Wohnungen um einen Lichthof, mit einer zweigeschossigen tageslichthellen Halle als Quasi-Wohnzimmer mittendrin. An der Stirnwand, fast wie ein Altar: fünf Waschmaschinen, ein Trockner, bunte Wäschekörbe. „Wir wollten die Waschküche nicht im Keller unterbringen, sondern dort, wo sie zu Interaktion und gegenseitigem Helfen anregt“, sagt Architektin Cristina Gamboa von Lacol.
In Wien hat die Wanderschaft des Waschens in die Räume der Interaktion schon früher eingesetzt. Bei der von Architektinnen geplanten Frauen-Werk-Stadt I wurden 1997 die Waschküchen in Penthouse-Position am Dach angeordnet, bei der Miss Sargfabrik von BKK-3 (2000) rotieren und pumpern sie an zentraler Stelle zwischen schiefen Ebenen, spitzen Winkeln und schrägen Verglasungen wie die Hintergrund-Inszenierung eines DJ-Clubs.
Beim Frauenwohnprojekt ro*sa in der Donaustadt von Köb & Pollak Architekten (2009) war das Teilen von Räumen und Tätigkeiten eine wesentliche Kernidee, auch hier wird mit Panoramablick gewaschen. Keine komplett neue Idee, wie Architektin Sabine Pollak betont. Denn schon im Einküchenhaus von 1911 im Wiener Heimhof wurde die Hausarbeit aus den privaten Wohnungen entnommen und von bezahltem Personal erledigt.
Feminismus auf Knopfdruck
Ein Befreiungsschlag, der beim Patriarchat (auch dem sozialdemokratischen) für Unwohlsein sorgte und der in den 1920er-Jahren still beendet wurde. „Gemeinsame Küchen in Mietshäusern sind abzulehnen, alles ist abzulehnen, was die seelischen Kräfte der Familie zerstört“, schrieb die rechtskatholische Reichspost 1925. Töne, die heute weltweit leider wieder öfter zu hören sind.
Vorstöße in die Gegenrichtung gab es jedoch immer wieder, etwa bei Frances Gabes „Self-Cleaning House“ von 1984 (Patentnummer 4428085), das mit sage und schreibe 68 Installationen nicht nur das Putzen, sondern auch das Waschen, Geschirrspülen und die Reinigung der Hundehütte automatisch erledigte. Das Haus als Waschmaschine, die Waschmaschine als Haus. Angewandter Feminismus auf Knopfdruck.
„Von diesen radikalen Wohnbau-Experimenten sind wir heute weit entfernt“, bedauert Sabine Pollak. „Was jedoch hilft, ist ein Sichtbarmachen. Je versteckter ein Waschraum positioniert ist, desto weniger ändern sich tradierte Rollenbilder. Die Waschküche am besten Platz im Haus kann schon vieles bewirken. Meine Utopie wäre eine Caring City, in der Care-Arbeit fair verteilt und bezahlt ist und alle Sorge tragen für ein besseres Leben in der Stadt.“
Noch sind wir nicht ganz so weit, doch das Sichtbarmachen ist heute im geförderten Wiener Wohnbau etabliert. Die Errichtung von Waschküchen in geförderten Wohnhäusern werde zwar nicht explizit eingefordert, aber bei Gebäuden mit über 50 Wohneinheiten erwartet und sei auch ein Kriterium für die Förderung eingereichter Projekte, heißt es auf ΔTANDARD-Anfrage beim zuständigen Wiener Wohnfonds. Es werde auch darauf geachtet, dass Waschküchen möglichst im Erd- oder Dachgeschoß situiert seien, in direktem Sichtkontakt mit Kinderspielräumen. Der unsichtbare Alltag wird sichtbarer. Gut so. Noch etwas besser wäre es, wenn nicht nur weibliche Care-Arbeit anerkannter wäre, sondern wenn auch mehr Männer zum Wäschekorb greifen würden.