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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

22. Mai 2021 Der Standard

Bauanleitung Weltuntergang

Heute, Samstag, wird die Architektur-Biennale in Venedig eröffnet. Das Motto des Kurators Hashim Sarkis lautet „How will we live together?“. Doch die Beantwortung dieser Frage ist so verstörend und dystopisch, dass es im Hirn wehtut.

Eine riesiges Trumm aus Edelstahl. Eine abstoßende, chirurgische Kälte. Alle paar Sekunden öffnen sich irgendwelche Laden, rollen hinaus wie in einem Leichenschauhaus, bleiben kurz stehen zur Betrachtung, werden mit einem blechernen Surren wieder eingezogen. Zwar liegen darauf keine toten Menschen, immerhin aber jede Menge ausgestopfter oder in Formaldehyd eingelegter Tiere: Wildschweine, Schwarzziegen, Bären, Reiher und Taranteln. Es sind jene Spezies, die in Israel in den letzten Jahrzehnten aus ihrem natürlichen Habitat verdrängt, ja manchmal sogar nahezu ausgerottet wurden.

„Die politische Situation in Israel ist dieser Tage besonders angespannt“, sagt Rachel Gottesmann. „Doch in diesem Land fügen nicht nur wir Menschen uns gegenseitig Schaden zu, unser Verhalten hat auch immense Auswirkungen auf Fauna und Flora.“ Eine der größten ökologischen Katastrophen mit weitreichenden Folgen für die Biodiversität Israels war die Trockenlegung des Hule-Sees und der umliegenden Sümpfe in den 1950er-Jahren, um damit Wasser für die Landwirtschaft zu gewinnen.

„Außerdem haben wir den Kampf zwischen den weißen und den schwarzen Ziegen erforscht“, erzählt die Kuratorin des israelischen Pavillons. „Die schwarzen, von jeher einheimischen Ziegen waren für die Palästinenser von Anbeginn an eine wichtige Quelle für Milch und Fleisch. Doch als die europäischen Juden nach Israel kamen, waren sie entsetzt, ein so karges, felsiges Land vorzufinden – und gaben kurzerhand den schwarzen Ziegen die Schuld daran.“

Schwarz und weiß

1934 wurde die Haltung von schwarzen Ziegen – ohne wissenschaftliche Fundierung und Verifizierung wohlgemerkt – stark reguliert, 1950 wurde sogar eine eigene Tötungsverordnung verabschiedet, die viele arabische Bauern in den existenziellen Ruin trieb. Stattdessen ließen die neu angesiedelten Juden weiße Ziegen aus Europa importieren. Erst 2018, nach knapp 70 Jahren, wurde das nicht nur absurde, sondern auch sozial und ökologisch desaströse Gesetz wieder rückgängig gemacht. „In diesem Land ist alles schwarz und weiß, voller Angst und voller Hass“, sagt Gottesmann. „Daher stellt sich unweigerlich die Frage: Werden wird es jemals schaffen, friedlich miteinander auszukommen?“

Der politisch zutiefst selbstkritische israelische Pavillon unter dem Titel „Land Milk Honey“ zählt zu den schrägsten und zugleich besten und einprägsamsten Beiträgen der Architektur-Biennale 2021. Zwar hatte der diesjährige Biennale-Kurator Hashim Sarkis, seines Zeichens Dekan der School of Architecture and Planning am Massachusetts Institute of Technology (MIT), mit der Frage „How will we live together?“ ein wirklich eindeutiges, unmissverständliches Motto vorgegeben, doch mit deren Beantwortung haben sich die Architekturschaffenden aller Frauen und Herren Länder sichtlich schwergetan.

Einige Kunst- und Architekturbeiträge fliehen statt in die Zukunft schnurstracks in die Vergangenheit und reproduzieren verklärte und romantische Bilder von Häuslichkeit, Gemütlichkeit und harmonischem Miteinander in Form von Großfamilien, Co-Housing-Modellen und ästhetisch durchorchestrierten Nachbarschaften. Andere Länder wiederum machen das Gegenteil, widmen sich der zunehmenden Digitalisierung und Virtualisierung unserer Umwelt und verzetteln sich – wie etwa Österreich, Uruguay und die Niederlande – in Theorien und Philosophien mit aberhunderten Film- und Soundinstallationen, bis einem die Augen tränen und die Ohren glühen. Das virtuelle Geschwurbel geht so weit, dass Kanada und Deutschland auf Materialität und bauliche Manifestation sogar komplett verzichten und ihre Pavillons mit QR-Codes tapezieren. Das stellt jede physische Präsenz in der Lagunenstadt infrage. Wirklich mühsam.

Echt jetzt?

Doch die größte Kritik muss man an jenen Kommissären und Kuratorinnen üben, die der aktuellen Covid-Pandemie verfallen sind und ihre Kernkompetenz hinter sich gelassen haben. Statt Wohnkonzepte, Zusammenlebensmodelle und innovative Architekturtypologien für morgen zu liefern, mutieren sie zu großen Kindern und überbieten sich in der Reproduktion von Aliens, Avataren, prothetischen Künstlichkeiten, in Schläuchen und Bubbles eingeschweißten Naturen und so dystopischen Bildern, dass man bisweilen das Gefühl hat, in einem Sci-Fi-Museum zu Matrix, Brazil und HR Giger zu stehen. How will we live together? Echt jetzt? Für Menschen, deren Job es ist, unsere bauliche Zukunft zu gestalten, ist diese Weltuntergangsmodenschau ein mehr als jämmerliches Armutszeugnis.

Umso erfreulicher, dass in dieser Biennale der kapitalen Themenverfehlungen einige Preziosen umso besser zur Geltung kommen. Irland beispielsweise zeigt sich auf dieser Biennale von einer in der Öffentlichkeit wenig bekannten Seite. Mit 63 Serverfarmen und Datenzentren allein in Dublin zählt die Insel zwischen Europa und Nordamerika zu den Data-Hotspots dieser Welt.

„Das sind mehr Einrichtungen als in jeder anderen Stadt in Europa“, sagen die beiden Kuratoren David Capener und Fiona McDermott. Viele weitere sind bereits in Bau. 2027, so die Prognose, werden die Serverfarmen ein Drittel der gesamten Energie Irlands verbrauchen.

„Das sind gigantische Mengen. Bis heute haben wir dafür kein Klimakonzept. Wenn wir von Klimaschutz und der Reduktion von CO₂ sprechen, dann müssen wir in Zukunft auch über Facebook, Twitter und Tiktok sprechen.“

Ökologisch desaströs

Eine superkonkrete Lösung für ein supergroßes CO₂-Problem liefern – Überraschung – ausgerechnet die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Der in Dubai stationierte Architekt und Kurator Wael Al Awar hat mit der University of Tokyo, der New York University in Abu Dhabi und der American University of Sharjah in den letzten drei Jahren einen neuen Beton entwickelt, bei dem statt Portlandzement zum Binden eine spezielle Salzverbindung, nämlich Magnesiumoxid (MgO), verwendet wird.

„Die Emirate sind der drittgrößte Entsalzer der Erde“, sagt Al Awar. „Bis heute wird die hochkonzentrierte Salzlösung, die am Ende des Prozesses übrig bleibt, ins Meer zurückgeschüttet. An einigen Stellen im Persischen Golf liegt die Salzkonzentration mittlerweile bei zehn Projekt. Das ist ökologisch desaströs. Stattdessen kommt das Abfallprodukt nun auf konstruktive Weise zum Einsatz.“ MgO bindet im Aushärtungsprozess nicht nur Kohlendioxid, sondern ersetzt zugleich klassischen Portlandzement, der wiederum zu den größten CO₂-Emittenten unserer denaturierten Zivilisation zählt.

„Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen“, so Al Awar. „Aber ich bin optimistisch, wir sind dran.“ In Tests weist der MgO-Beton eine ähnliche Druckfestigkeit auf wie klassischer Beton. Wenn alles gutgeht, könnte damit ein Drittel der Bautätigkeit in den VAE abgefedert werden, so der Kurator. Zukunftsmusik? Ja. Utopisch? Ja. How will we live together? Dafür aber liefert der Beitrag einen der wenigen konstruktiven Lösungsansätze dieser Biennale.

11. Mai 2021 deutsche bauzeitung

Wahlkampf mit urbanem Benefit

Außenraumgestaltung »Schwimmende Gärten« an der Kaiserbadschleuse in Wien (A)

Im Rekordtempo wurde an der Kaiserbadschleuse des ­Donaukanals der öffentliche Freiraum durch die »Schwimmenden Gärten« erweitert. Das Projekt ist nicht nur Resultat eines etwas provinziell wirkenden Wahlkampfs, sondern glücklicherweise auch einer strengen und zugleich überaus erfrischenden Handschrift der Wiener ­Landschaftsarchitektin Carla Lo. Der urbane Benefit ist enorm.

Ein sonniger Freitag Ende März. Der erste heiße Nachmittag dieses Jahres. Im gefühlt zehnten Corona-Lockdown wird die Kaiserbadschleuse, die bis vor Kurzem ungenutzte Betoninsel im Wiener Donaukanal, von Dutzenden ­Menschen belagert. Ohne T-Shirt, ohne Schuhe und ohne jede Hast, dafür aber mit dunklen Sonnenbrillen, in denen sich der wolkenblaue Frühlingshimmel spiegelt.

Carla Lo ist eine von ihnen. Die 44-jährige Landschaftsarchitektin, weites ­Leinenhemd, zerrissene Patchwork-Jeans, liegt inkognito inmitten der sich sonnenden Menge und freut sich über den sozialen Erfolg ihrer »Schwimmenden Gärten«. Nie hätte sie gedacht, dass ihr Büro dieses Projekt eines ­Tages wirklich realisieren würde, und meint: »Nun sitzen wir da, und ich bin froh darüber, dass dieser städtische Raum von den Wienerinnen und Wienern so gut angenommen wird.«

Angefangen hat alles im Jahr 2016. Kurz vor der Wiener Gemeinderatswahl wünschte sich die damalige Umweltstadträtin Ulli Sima als »Wahlzuckerl« ein paar coole Renderings, die auf stadtromantische Weise darstellen, wie man die Kaiserbadschleuse aus ihrem mehr als 100-jährigen Dornröschenschlaf reißen und endlich einer urbanen Nutzung zuführen könnte. Errichtet wurde das massive Bollwerk mit 125 m Länge und 10 m Breite ursprünglich anstelle des ehemaligen Kaiserbads in den Jahren 1904 bis1908 für die Schiffbarmachung und Regulierung des Donaukanals. In Betrieb genommen wurde die Schleuse, die sich gegenüber von Otto Wagners (1841-1918) berühmtem Schützenhaus befindet, allerdings nie.

»Also haben wir einen Entwurf gemacht und uns überlegt, wie wir die Insel mit Plattformen zugänglich machen und mit Pflanzentrögen und großen Holzdecks zum Sitzen und Liegen aufwerten würden«, erinnert sich Carla Lo. Mit einer Handvoll attraktiv gerenderter Visionen ging die Wiener SPÖ dann tatsächlich ins Rennen. Nach dem Wahlsonntag war dann allerdings jahrelang Funkstille. Das Projekt wurde auf Eis gelegt, bis wenige Monate vor der darauffolgenden Gemeinderatswahl. Aus den Medien erfuhr die Landschaftsarchitektin, dass die Schwimmenden Gärten nun tatsächlich umgesetzt werden sollten. Vom verbindlichen Anruf der Stadträtin bis zur geplanten Fertigstellung blieben wiederum genau sechs Monate. Ein straffer Zeitplan. Damit wurde das fiktive Wahlzuckerl von 2016 zu einem konkreten Wahlversprechen für 2020 aufgewertet.

Am Holzdeck neben uns liegt eine Gruppe Jugendlicher. Ein paar Dosen Bier werden gerade »aufgepoppt«. Es wird gelacht, getrunken, foto­grafiert. In den Mülleimern nebenan manifestiert sich der hohe Stellenwert des Projekts als buchstäbliche Zufluchtsinsel vor dem Virus und den damit verbundenen ­Sicherheitsmaßnahmen: Prosecco-Flaschen und Pizzakartons. »Es funk­tioniert«, sagt die aus Heidelberg stammende Landschaftsarchitektin, die in der Regel v. a. öffentliche und halböffentliche Freiräume im geförderten ­Wohnungsbau plant. »Mehr kann man sich nicht wünschen, oder?«

Kräftig dimensioniert

Im Zuge der Neugestaltung wurde die denkmalgeschützte Schleuseninsel über zwei breite Brückenbauwerke mit massiven T-Trägern aus Stahlbeton an den Uferweg des Donaukanals angebunden. Die Tragwerksplanung des ­Wiener Ingenieurbüros Gmeiner Haferl hat es mit der statischen Sicherheit dabei sehr genau genommen und orientiert sich weniger an sommerlicher Leichtigkeit als leider vielmehr an den brutalistischen Dimensionen talüberspannender Autobahnbrücken. Gut, dass sich die Blicke der Flaneure nur ­selten unterhalb des Wegeniveaus verirren.

Viel ansprechender ist da schon das urbane Leben darüber. Auf beiden Verbindungsplattformen eröffnet sich eine Gehlandschaft aus Beton mit Besenstrich-Oberfläche und daran angrenzenden Holzdecks, die sich mit eckig ­eingefassten Böschungen zu einer polygonalen Sitz- und Liegelandschaft auf zwei Ebenen hochentwickelt. Die Neigungen mit mal 45°, mal 60° sind ergonomisch gut gewählt, die Sitzhöhen könnten kaum komfortabler sein.

Mit 55 mm Dicke weisen die Eichenbohlen, die auf einer Unterkonstruktion aus Holz und Stahl montiert sind, einen im Zeitalter steigenden ökonomischen Drucks ungewöhnlich hohen Materialeinsatz auf. Dies ist der Lang­lebigkeit geschuldet: Bei Vandalismus durch Graffiti und motorische Beschädigungen, so der Plan, lässt sich das Holzpodest diverse Male abschleifen und sogar -hobeln.

Auf Kopfhöhe der Sitzenden, Liegenden und Lümmelnden entspinnt sich ein kleiner grüner Dschungel mit heterogener Bepflanzung. 15 verschiedene Pflanzenarten – darunter Gräser, Kräuter und Blumen – werden mit den nun ins Land ziehenden Sommermonaten dank automatischer Bewässerung stattliche Höhen erreichen und prächtige Farben entfalten. Dazwischen tauchen immer wieder mehrstämmige Bäume auf: Wildäpfel, Felsenbirnen und zart­rosafarbene Zierkirschen.

Grüner als entworfen

Carla Lo wirkt glücklich. Doch dann verändert sich die Laune ein wenig. In ihrem mitgebrachten Aktenordner finden sich Pläne, die dokumentieren, wie alles hätte aussehen sollen, bevor es so wurde, wie es heute ist. »Meine Vision war, dass wir die Schleuseninsel revitalisieren, sie aber in ihrer archaischen, nutzungsoffenen Erscheinung erhalten«, sagt Lo. Geplant war, die Kaianlage lediglich mit ein paar Ulmen zu bepflanzen und mit schlichten Stahlplatten, die die Kontur der historischen Insel säumen, zu belegen. Die restliche Fläche zwischen den riesigen »Vorlegeplatten« sollte ungeordnet gepflastert werden.

Doch die Wiener Umweltstadträtin wollte es grüner. Mehr Bäume, mehr Grasbeete, mehr bewachsene Pflanzentröge an den Kaimauern. Ein paar ­Bänke und punktuelle Sitzelemente mussten auch noch her. Und gusseiserne Einfassungen der grünen Grasrabatte, wie sie vom Stadtgartenamt klassischerweise in ganz Wien eingesetzt werden. Und selbstredend Mülleimer sowie gepflasterte Segmentbögen, um noch ein bisschen mehr italienischen Romantizismus hineinzubringen. Und am Ende ist alles so vollgestellt und vollgegrünt und mit notwendigen Verkehrswegen vor­definiert, dass kaum noch Platz bleibt, um in den warmen Sommermonaten irgendwo eine Picknick-Decke auszubreiten.

»Es hört sich eigenartig an, dass ausgerechnet ich als Landschaftsarchitektin so viele Monate gegen Grün gekämpft habe«, erklärt Carla Lo. »Aber tatsächlich ist die zur Verfügung stehende Sitz- und Liegefläche für die Menschen auf ein Minimum geschrumpft. Die alte Schleuseninsel ist nutzungstechnisch bis zum letzten Quadratmeter durchgeplant und durchmöbliert. Innovative Freiraumplanung sieht für mich anders aus.«

Absturzgesichert

Während der gesamte Donaukanal an seinen beiden Uferkanten auf vielen ­Kilometern Länge ohne Geländer auskommt, mussten die Schwimmenden Gärten rundherum auch noch eingezäunt werden. Der Grund – und damit erreicht der politische Zynismus seinen Höhepunkt: Aufgrund der vielen ­definierten Sitzelemente sei die Insel keine nutzungsoffene Verkehrsfläche mehr, sondern ein möblierter Stadtplatz, für den man nun entsprechende ­Absturzsicherungen vorsehen müsse. Glücklicherweise fand sich mit den schlanken Holmen und dem kaum sichtbaren Edelstahl-Netz eine sensible, ortsverträgliche Lösung.

Die Schwimmenden Gärten (Baukosten 3,5 Mio. Euro) sind ein durch und durch politisches Projekt. Sie zeigen auf, wie die Gestaltung öffentlichen Freiraums in dieser Stadt funktioniert. Für die meisten Menschen jedoch sind ­diese Anekdötchen und Provinzpossen unsichtbar und irrelevant. Übrig bleibt ein Projekt, das trotz aller Querelen und trotz des immensen Zeitdrucks zu den gelungensten und sym­pathischsten Freiraum-Oasen Wiens zählt. Zu verdanken ist dies wohl der krisenerprobten Handschrift einer Landschaftsarchitektin, die gelernt hat, selbst im ­geförderten Wohnbau unter enormem Kostendruck überaus ­passable Freiraumkonzepte zu realisieren.

»Ich glaube, das war die stressigste und zugleich schönste Baustelle meines Lebens«, sagt Carla Lo. „Die Stimmung vor Ort war ausgelassen, und die ­Brückenbauer, die üblicherweise Autobahnbrücken an irgendwelchen schwer erreichbaren Unorten errichten, haben sich gefreut, dass sich ihr Arbeitsplatz erstmals inmitten der Wiener Innenstadt befindet.« Die Freude am Prozess überträgt sich auf das Resultat. Die Sonne wird immer wärmer. Die Menschen werden mehr. Die Selfies nehmen zu.

10. April 2021 mit Maik Novotny
Der Standard

Ranken oder Ränkespiele? Pro Kontra

Für die einen sind begrünte Fassaden ein wunderbares, innovatives Bauelement im Großstadtdschungel, für die anderen ist der Saum an der Wand nicht nur Chlorophyllkosmetik, sondern auch Architekturhölle. Auch wir sind uns nicht wirklich einig.

Wojciech Czaja: Pro

Mit dem Glauben an das Automobil und neuen Entwicklungen in der Beton-, Glas-, Stahlindustrie hat die späte Moderne unsere Städte komplett verändert. Und jetzt haben wir den Salat. Oder auch nicht, denn genau dieser ist aus den Betonwüsten zum überwiegenden Teil völlig verschwunden. Die Folgen davon sind fatal: Überhitzung der Städte, katastrophale Luftqualität und in vielen grünlosen Vierteln noch dazu kalorische Anti-Oasen unter dem fast schon euphemistischen Titel Urban-Heat-Islands. Die einzig konsequente Möglichkeit, um aus diesem betonierten Schlamassel wieder rauszukommen, ist die offensive, ja fast schon aggressive Begrünung unserer Städte. Die einen machen das mit Parks, Wiesen, Blumenbeeten, Gemüserabatten und Urban-Gardening-Flächen, die anderen greifen dazu auf die etwas dichtere Variante mit Büschen, Stauden, Sträuchern und Bäumen aller Art zurück. Wenn es sein muss, nicht nur der horizontalen Fläche.

Einer der Meister der vertikalen Begrünung ist der Pariser Botanikkünstler Patrick Blanc, der unter anderen auch Jean Nouvels preisgekröntes Hochhaus One Central Park in Sydney begrünte (siehe Foto) . Auch andere vertikale Flächen wie Feuermauern, Innenhöfe, Altbaufassaden, Tunneleinfahrten und meterhohe Mauern sind vor seinem grünen Daumen nicht sicher – ob das nun Madrid, Miami oder Kuala Lumpur ist. Und dann gibt es ja noch den vertikalen Waldmeister Stefano Boeri mit seinen millionenfach geinstagramten Türmen in Mailand.

Ja klar, vieles davon ist Fassadenkosmetik und Behübschung von eigentlich naturkatastrophalen Problemen. Außerdem braucht man Metallkonstruktionen, Bewässerungsanlagen und manchmal auch allerlei sensorische Hard- und Software. Doch der mikroklimatische Effekt infolge von Verschattung, Verdunstungskälte, Feinstaubabsorption und nicht zuletzt CO2 -Speicherung ist enorm. Studien haben ergeben, rechnet die niederländische Stadtplanerin Helga Fassbinder vor, dass man mit zehn Prozent mehr Grün die sommerlichen Höchsttemperaturen in der Stadt um bis zu drei Grad Celsius senken kann. Mit der Wiener Klimakarte, die die ehemalige Planungsstadträtin Birgit Hebein im September letzten Jahres vorgestellt hat, gibt es nun auch hierzustadt eine echt heiße Planungs- und Nichtverbauungsgrundlage.

Ganz ehrlich? Viele Fassadenbegrünungen zwischen Sydney, Biotope-City und MA 48 am Margaretengürtel sind klimatischer und ökologischer Schmonzes. Muss das wirklich sein? Ja, es muss! Auf rationaler und wissenschaftlicher Ebene wissen wir schon viel, aber damit erreicht man weder Otto Normalverbraucher und Monika Mustermann noch irgendwelche ökonomisch getriebenen Investorenherzen. Bis der Baustoff Grün in der Stadtplanung und im Städtebau nicht wieder absolute Selbstverständlichkeit wird, ist jedes grüne Mittel recht. Her mit den grünen Fassaden!

Maik Novotny: Kontra

Über nichts reden die Wiener lieber als über Fassaden jeder Art. Die Stadt ist eine Bühne, jedes Haus eine Kulisse, alles ist schöner Schein, alles ist Oberfläche. Darüber lässt sich auch viel schöner streiten als über banale Fakten und über die Mechanismen hinter den Kulissen. Kein Wunder also, dass auch der Kampf gegen die Überhitzung und für die klimagerechte Stadt recht schnell zu einem zweidimensionalen Fassadenthema wurde.

Um es gleich klarzustellen: Der Kampf gegen die Klimakatastrophe ist der wichtigste, den es gibt, und hier ist jedes Mittel recht. Wenn es der Kühlung dient, dass es hier und da vertikal emporrankt: Nur her damit! Es wird schon nicht, wie von vielen befürchtet, der ganze kulturelle Reichtum der Architektur hinter Efeu und Knöterich verschwinden.

Aber die Fassadenbegrünung kaschiert mehr als erwärmtes Gemäuer, sie ist eine Ablenkungsstrategie. Sie verlagert das Schlachtfeld der Klimakatastrophe vom Öffentlichen ins Private, von der Ebene in die Senkrechte. Fragt man Landschaftsplaner nach den besten Mitteln gegen urbane Hitzeinseln, bekommt man fast immer dieselbe Antwort: Nichts ist besser als der richtige Baum am richtigen Ort. Bäume sind nahezu perfekt. Sie sind langlebig, kümmern sich weitgehend um sich selbst, spenden im Sommer Schatten und im Winter nicht. Es gäbe noch reichlich Platz für mehr Bäume, doch an diesem Platz stehen heute tonnenschwere Klumpen aus Metall dumm herum. Weil man sich – von homöopathischen Pflanzprojekterln und kurzen „Kühlen Meilen“ abgesehen – nicht traut, hier jemandem etwas wegzunehmen, weicht man aus. Sollen sich die Hausbesitzer ums Klima kümmern! Während Paris, Amsterdam und New York die Autos radikal verbannen, bleibt in Wien alles beim Alten, im scheinheilig schönen Schein des „Genug gestritten!“.

Doch nicht nur in Wien werden Ränkespiele mit dem Geranke getrieben. Seit Architekt Stefano Boeri 2014 in Mailand die baumbestandenen Doppeltürme seines Bosco Verticale einpflanzte, übertrumpfen sich Investoren weltweit in der Begrünung ihrer Wolkenkratzer. Wurscht, wenn für den Beton ganze Sandstrände über Nacht verschwinden: Was von außen so schön grün aussieht, kann nur ökologisch sein! Ist es nur eben fast nie.

Von Fallwinden gerüttelt und von Böen zerzaust, kämpft das zum Symbol überhöhte bemitleidenswerte Gestrüpp im 29. Stockwerk einen aussichtslosen Kampf, dabei möchte es doch so gerne einfach nur in Ruhe zwischen seinen Artgenossen am Boden stehen. Zwar macht die Bewässerungstechnik große Fortschritte, und es verdorrt nicht mehr alles sofort, wenn der Hausbesorger im Sommerurlaub ist, doch der Aufwand steht ab einer gewissen Höhe in keinem Verhältnis zum energetischen Ergebnis. Also: Vorsicht bei den grünen Tapeten und Fassaden: Oft steckt nicht mehr dahinter als Chlorophyllkosmetik.

8. April 2021 Der Standard

Ein Prototyp für die Protomoderne

Die Pläne für den Umbau des ehemaligen Wiener Otto-Wagner-Spitals sind enthüllt. Die Central European University wird in die denkmalgeschützten Pavillons einziehen

Das Konzept für Pavillon 4 auf dem Wiener Otto-Wagner-Areal in den Steinhofgründen: Die Pläne dafür stammen überraschenderweise vom global agierenden US-Architektenbüro Kohn Pedersen Fox Associates.
Das Konzept für Pavillon 4 auf dem Wiener Otto-Wagner-Areal in den Steinhofgründen: Die Pläne dafür stammen überraschenderweise vom global agierenden US-Architektenbüro Kohn Pedersen Fox Associates.

Schwarz-weiß gekachelte Böden, holzvertäfelte Wände in den Besprechungszimmern und Sitzbänke aus Bugholz ganz im Stile der Wiener Werkstätte. Im Freien geht das Lernen hurtig weiter: Vor einem der denkmalgeschützten Pavillons, im Halbschatten der ausgewachsenen Bäume, sitzen glückliche Studierende mit aufgeklapptem Laptop und unterhalten sich über die Zukunft zentraleuropäischer Bildungspolitik.

Gestern, Mittwoch, stellte die Central European University (CEU) ihre Pläne für die Sanierung und Revitalisierung des Otto-Wagner-Areals – besser bekannt unter dem Namen Steinhofgründe – der Öffentlichkeit vor. Geplant ist, zehn historische, denkmalgeschützte Pavillons, die früher Teil des weitläufigen Otto-Wagner-Spitals waren, für die Zwecke der CEU umzubauen. Das Jugendstiltheater, wahrscheinlich eines der schönsten und außergewöhnlichsten Häuser auf dem Areal, wird in Zukunft als Auditorium und Konferenzzentrum dienen.

Die größte Überraschung im bisherigen Prozedere ist die Auswahl der Architekten. Aus einem kleinen Wettbewerb unter insgesamt sieben internationalen Büros ging das weltweit agierende Büro Kohn Pedersen Fox Associates (KPF) mit 650 Mitarbeitern und Hauptsitz in New York als Sieger hervor. Zwar findet sich im Portfolio von KPF so manche historische Sanierung, und auch im Bildungsbereich in London, Oxford und Ann Arbor hat sich das Büro mittlerweile eine gute Expertise angeeignet, doch wirklich bekannt ist KPF für ein ganz anderes Kaliber – für die unzähligen Headquarters von Samsung, Amazon und Unilever sowie für seine 400 bis 600 Meter hohen Supertürme in New York, Seoul, Peking, Hongkong, Guangzhou und Schanghai.

„Die CEU hat bei der Gestaltung des neuen Campus nach einem innovativen Team gesucht, das die einzigartige architektonische Vision Otto Wagners erhalten, aber auch Antworten auf die Anforderungen einer Universität der Zukunft geben kann“, sagt Michael Ignatieff, Rektor der CEU. „Der neue Campus muss flexibel nutzbar sein, um auf die Bedürfnisse verschiedenster Disziplinen und Formen des Zusammenarbeitens und Lernens eingehen zu können, die die Zeit nach der Pandemie sicherlich prägen werden.“

Und James von Klemperer, Chefdesigner von KPF, zitiert seine österreichischen Vorfahren herbei und will Geschichte mit zeitgenössischer Architektur verbinden. Die Familie Kuffner war im Wiener Westen kulturell und wirtschaftlich umtriebig. Die Kuffner-Sternwarte zeugt davon. „Mit Gebäuden zu arbeiten, die von Otto Wagner, dem Meister der Protomoderne, und seinen Zeitgenossen entworfen wurden, ist eine immense Herausforderung, die viel Einfühlungsvermögen erfordert. Durch meinen familiären Hintergrund fühle ich mich motiviert, diese Verbindung herzustellen.“

Die Indoor- und Outdoor-Visualisierungen, die ein bisschen künstlich amerikanisch und Computerspiel-animiert wirken, machen zwar neugierig, dennoch ist die Wahl in Bezug auf KPF Associates aus baukultureller Sicht nur schwer nachvollziehbar. Die CEU selbst, die heute noch in einem Interimsquartier in der Quellenstraße in Wien-Favoriten untergebracht ist, begründet den Zuschlag für das 35.000-Quadratmeter-Projekt mit einem mehrstufigen Auswahlprozess, in den sogar Studierende und Fakultätsmitglieder eingebunden waren.

„Kein Grund zur Sorge“

Michaela Schüchner (SP), Bezirksvorsteherin von Penzing, und Selma Arapović, Sprecherin für Stadtplanung und Stadterneuerung bei den Neos, die sich schon seit Jahren für den Erhalt des Otto-Wagner-Areals einsetzt, zeigen sich mit dem Projektfortschritt zufrieden. Mit der CEU werde das ehemalige Krankenhaus revitalisiert und einer zeitgemäßen Nutzung zugeführt, sagen beide: „Wir haben auf einen Flächenwidmungsplan gepocht, der im Juni 2020 im Gemeinderat beschlossen wurde und ganz genau festsetzt, welche Änderungen erlaubt sind und welche nicht.“ Man werde das Projekt im Auge behalten, sehe allerdings keinen Grund zur Sorge.

Die CEU beziffert die Baukosten mit rund 180 Millionen Euro. Eigentümerin des künftigen Uni-Kerngebiets ist und bleibt die Wiener Wirtschaftsagentur, die der CEU im Juni letzten Jahres ein 100-jähriges Baurecht mit Verlängerungsoption eingeräumt hat. Im Jänner 2023 sollen die ersten Bagger anrollen. Geplante Fertigstellung: 2025.

20. Februar 2021 Der Standard

Eine Stadt schickt sich in die Wüste

Seit ein paar Wochen wirbt das Königreich Saudi-Arabien im deutschen Privatfernsehen recht aggressiv für seine utopische Stadt „Neom The Line“. Was ist dran an dem Versprechen? Ist es ein theokratischer Tagtraum? Oder gar eine Sackgasse?

Ein langsam sich ausdehnender Balken mit Windrädern, Palmenhainen, Onyx-Gazellen, bunten Korallenfischen und atemberaubenden Wadi-Steinformationen. Dazu eine rauchige, seriöse Stimme, die von Mensch, Natur und Revolution spricht. „It’s time. It’s time to draw the line. Neom.“

Doch was steckt hinter der visuell anregenden Werbung, die seit einigen Wochen in sämtlichen Foren und TV-Kanälen – darunter auch im deutschen Privatfernsehen – mit scheinbar unpackbarem Werbeetat in den besten Hauptabendstunden ausgestrahlt wird? Die Orient-Expedition eines Reiseveranstalters? Ein neues Online-Strategiespiel à la Sim City oder Forge of Empires , bei dem es gilt, eine futuristische Stadt zu errichten? Oder vielleicht ein Science-Fiction-Film wie dereinst Michael Bays Die Insel (2005) mit Scarlett Johansson und Ewan McGregor in den Hauptrollen?

Von Zukunft ist in der Tat die Rede, und zwar von jener, wie sie sich das Königreich Saudi-Arabien ausmalt. Im Nordwesten des Landes, Provinz Tabuk, will Seine Hoheit Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien und praktischerweise zugleich Vorstandspräsident der mit dem Bau befassten Neom Company, eine 170 Kilometer lange Idealstadt errichten, die sich vom Golf von Akaba über das 2500 Meter hohe Hedschas-Gebirge bis zu den im Binnenland vorzufindenden Wadis erstreckt. Der Name des Megaprojekts: „Neom The Line“. Im Jänner war Baubeginn.

„Wir wollen das Konzept einer konventionellen Stadt in das einer futuristischen Stadtvision verwandeln“, sagt bin Salman bei einem seiner vielen Konferenzauftritte. „Neom The Line besteht zu 95 Prozent aus Natur, eine Stadt ohne Autos, ohne Straßen, ohne CO2 -Emissionen, eine Stadt für eine Million Einwohner, die hier mit Hochgeschwindigkeitszügen, künstlicher Intelligenz und nachhaltiger Energiegewinnung aus Windkraft, Sonnenenergie und Wasserstoff-Kraftwerken ein Zuhause finden sollen.“

Wie eine Perlenkette

Neom The Line – der Name ist ein Kompositum aus dem lateinischen „neu“ und dem Initial von „mustaqbal“ (Zukunft) – ist ein einziger langer Strich, der in einem hochmodernen Hafen-Hub am Roten Meer seinen Anfang nimmt, ungeachtet von Berg und Tal schnurstracks durch die saudi-arabische Landschaft durchgaloppiert, um schließlich in einem neu zu errichtenden internationalen Flughafen abrupt zu enden. Angestrebt wird, so heißt es in den offiziellen Presseaussendungen, eine Mischung aus Dubai, Singapur und Silicon Valley.

Auf einer Breite von rund zwei Kilometern sollen an den wichtigsten neuralgischen Punkten Subzentren mit Wohnen, Büros, Schulen, Kindergärten, Geschäften, Apotheken und Freizeiteinrichtungen entstehen, die nach dem Konzept einer Fünf-Minuten-Stadt zu Fuß erreicht werden können. Die gesamte Infrastruktur wie Müllablagerung, Energie und Lieferlogistik liegt unterirdisch. Verbunden werden die wie Perlen an einer Perlenkette aufgefädelten Subzentren über eine High-Speed-Zugverbindung. Angestrebte Fahrzeit von Ost nach West: 20 Minuten. Das entspricht zwar einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 510 km/h, aber das ist schon okay.

So weit die wunderbaren Eckpunkte. Die Zukunft darf kommen. Was die Entwickler allerdings verschweigen: Für den Bau der neuen Linienstadt müssen laut The Guardian rund 20.000 Beduinen, die hier leben, vertrieben werden. Abdul Rahim al-Huwaiti, Mitglied des Howaitat-Stammes, machte in einem Video darauf aufmerksam, dass die saudischen Sicherheitskräfte ihn und seine Familie mit Gewalt verjagen wollen, und wurde kurz darauf ermordet aufgefunden. Eine Kugel im Kopf. Mit dem Attentat im April letzten Jahres legten Architekt Norman Foster und Daniel L. Doctoroff, CEO von Google Sidewalk Labs, ihre Funktion im wissenschaftlichen Neom-Beirat nieder.

Doch die künstliche Traumstadt, mit der die konservative und menschenrechtlich rückständige Monarchie (Platz 159 von 167 im globalen Demokratie-Ranking des Economist , Platz 170 von 180 im Pressefreiheit-Ranking von Reporter ohne Grenzen) ihr internationales Image aufpolieren und sich für die Zeit nach der Ölschwemme wappnen will, wirft nicht nur einen politischen Schlagschatten auf das Gesamtprojekt. Auch architektonisch, stadtplanerisch und in Hinsicht auf Nachhaltigkeit tauchen viele kritische Fragen auf.

„Die Idee der Bandstadt ist nicht neu, sondern wurde in der Architekturtheorie schon oft aufgegriffen“, sagt Vittorio Magnago Lampugnani, Professor für Städtebaugeschichte an der ETH Zürich sowie Autor der fast fünf Kilo schweren Urbanismusbibel Die Stadt im 20. Jahrhundert . „Aufgrund der langen Distanzen und der damit verbundenen Abhängigkeit von schnellem Verkehr jedoch hatten das Modell und die wenigen realisierten Beispiele wie etwa in Madrid keinerlei Auswirkung auf den heutigen Städtebau. Träume und Visionen sind wichtig, keine Frage. Aber die reale Verräumlichung der Bandstadt-Idee ist geschichtlich betrachtet nutzlos.“

„Biopolitische Sehnsucht“

Im konkreten Fall, meint Lampugnani, sei die Situation sogar um einiges absurder. „Das Projekt Neom The Line liegt mitten in der Wüste und verbindet nicht einmal zwei bestehende Punkte A und B, sondern endet nach 170 Kilometern im Nichts. Ich erkenne keine Legitimation für diese Stadt, sondern sehe nur das Kopieren eines historisch erfolglosen Modells. Das ist eine Sackgasse.“

Auch Charlotte Malterre-Barthes, Assistenzprofessorin für Stadtplanung an der Harvard Graduate School of Design in Boston, die sich schwerpunktmäßig mit Siedlungsstrukturen in Wüstengebieten beschäftigt, äußert sich im Gespräch mit dem ΔTANDARD überaus skeptisch: „Nachhaltigkeit wird bei diesem Projekt großgeschrieben, aber wie nachhaltig ist es, die Wüste mit einer U-Bahn zu untertunneln, Millionen Tonnen Beton durch die Natur zu transportieren und zigtausende Bauarbeiter auszubeuten?“

Die Linearstadt Neom, für die Saudi-Arabien in der ersten Tranche 500 Milliarden US-Dollar (412 Milliarden Euro) in die Hand nehmen will, ist für die Stadtforscherin eine „biopolitische Sehnsucht“, um – wie so oft bei autokratischen Top-down-Fantasien – über eigentliche Missstände und Probleme eines Systems hinwegzutäuschen. „Man könnte vermuten, dass sich hinter dem Projekt in erster Linie nationale und internationale wirtschaftliche Interessen verbergen.“

Nach Auskunft von Florian Lennert, Head of Mobility bei Neom, die ihr Headquarter vor wenigen Wochen von der Hauptstadt Riad in die Region Tabuk verlegte, sei man bereits mit namhaften Verkehrstechnologie-Unternehmen wie etwa Siemens, Alstom und Hyperloop im Gespräch. Auch andere Stakeholder wie beispielsweise der 5G-Anbieter stc oder der US-amerikanische Anlagenbauer Bechtel sind mit an Bord. Um weitere Investoren und Entwickler zu gewinnen, plant Kronprinz Mohammed bin Salman, die Provinz Tabuk – ähnlich wie etwa bei Hongkong, Shenzhen und Macau – zu einer autonomen Region mit eigener Verfassung und eigenen Steuer- und Wirtschaftsgesetzen zu erklären. Ob das reicht?

Neom ist das vielbeworbene Versprechen, eine neue Zukunft zu bauen. Aktuell deutet vieles darauf hin, alte, missglückte Vergangenheiten zu kopieren. Fertigstellung des ersten Bauabschnitts: 2025.

30. Januar 2021 Der Standard

„Die Stadt der Fußgänger war voller Türen“

Die Welt steht kopf: Dank Lockdowns und Onlinehandels verschwinden die klassischen Handelsstrukturen aus dem Stadtbild. Was tun? Ein Gespräch mit der Wiener Erdgeschoßforscherin Angelika Psenner.

Standard: Frau Psenner, wann war das letzte Mal, dass Sie an einem Erdgeschoß vorbeigegangen sind und sich bei dessen Anblick erfreut haben?

Psenner: In meiner Gasse gibt es einen Künstler, der im Erdgeschoß wohnt, in einer ehemaligen Tischlerei, und ich bin jedes Mal erfreut, wie er den Wohnort nutzt, wie er in Nicht-Corona-Zeiten Leute einlädt und kleine Ausstellungen veranstaltet.

Standard: Und wann waren Sie das letzte Mal so richtig entsetzt?

Psenner: Das passiert leider regelmäßig, mehrmals am Tag. Grund dafür sind die vielen Garagen und Storage-Räumlichkeiten, die dort entstehen, wo einst eine florierende Handelsstruktur war. Bei alledem, was wir heute schon über Erdgeschoße wissen, wundert es mich, dass diese gravierenden Fehler immer noch begangen werden.

Standard: Am Beispiel einer typischen innerstädtischen Wohngasse haben Sie erforscht, dass die Gastro- und Gewerbeflächen zwischen 1910 und 2018 – also in etwas mehr als 100 Jahren – um zwei Drittel geschrumpft sind. Gibt es ähnliche Zahlen für ganz Wien?

Psenner: Wie die Zahlen in Wien aussehen, müsste man erforschen. Aber ja, in unserem Forschungsgebiet, das wir untersucht haben, sind die Gewerbe- und Gastronomieflächen um fast 70 Prozent zurückgegangen. Spannend finde ich persönlich, dass es damals sehr viel produzierendes Gewerbe inmitten der Wohnviertel gab – beispielsweise Tischlereien, Waschwarenerzeuger, Korkwarenerzeugungsgewerbe, Krawattennäherinnen und Hemdennähereien, sogenannte Pfaidlerinnen. Vor allem aber gab es überraschend viele Gastronomiebetriebe, also etwa Zuckerbäckereien, Fleischereien, Brandweiner, Kaffeehäuser und Essensauspeisungen. Das Straßenbild war ein diametral anderes als heute.

Standard: Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Psenner: Die meisten Geschäfte und Essensausspeisungen waren klein und hatten direkte Zugänge von der Straße aus. Das heißt: Überall dort, wo wir heute im Erdgeschoß bestenfalls Fenster vorfinden, wenn diese nicht schon längst zugemauert und Garageneinfahrten zum Opfer gefallen sind, gab es große, gläserne Portale – oft sogar mit Markisen und Baldachinen. Die Stadt der Fußgängerinnen und Fußgänger war einst voller Türen!

Standard: Gab es in den letzten 100 Jahren einschneidende Ereignisse, die zum Geschäftssterben besonders beigetragen haben?

Psenner: Ich denke da vor allem an die Einführung der Straßenverkehrsordnung 1938 im Nationalsozialismus. Man kann es ja kaum fassen, aber in vielen Punkten geht die heutige StVO immer noch darauf zurück. In § 78 ist festgehalten, dass das unbegründete Stehenbleiben auf dem Gehsteig verboten ist. Ich bin mit jeder Novelle aufs Neue erstaunt, dass dieser Passus noch immer nicht gefallen ist. Genau diesem Aufenthaltsverbot auf Gehsteigen ist zu verdanken, dass ein Gassenverkauf heute oft verunmöglicht wird. Viele Anrainer und Anrainerinnen fühlen sich durch herumstehende Menschen belästigt und reichen, indem sie sich auf § 78 beziehen, Klage ein. Meistens mit Erfolg. Solange wir diesen Passus haben, bleibt das urbane, quirlige Stadtparterre, das wir regelmäßig auf Renderings neuer Stadterweiterungsgebieten präsentiert bekommen, eine Utopie.

Standard: Stadtparterre? Den Begriff haben Sie 2012 geprägt. Was verstehen Sie darunter?

Psenner: Der Begriff Stadtparterre umschreibt das Zusammenspiel von Erdgeschoßzonen, Fassaden, Portalen, Gehsteigen und Diffundierungsräumen zwischen drinnen und draußen. Das Stadtparterre umfasst auch die Innenhöfe der Gebäude, es ist also das Parterre der gesamten, öffentlichen Stadt.

Standard: Wie nehmen Sie das Stadtparterre im 21. Jahrhundert wahr?

Psenner: In vielen Fällen als eine Aneinanderreihung von Garageneinfahrten und folienbeklebten Schaufenstern, hinter denen sich neuerdings Self-Storage-Räume befinden. Urbane Vielfalt sieht anders aus.

Standard: Im Publikumsjargon hat sich der Begriff „Tote Augen“ etabliert. Stimmen Sie dem zu?

Psenner: Ja.

Standard: Mit dem zunehmenden Onlinehandel und den Pleiten im Zuge des Corona-Lockdowns wird das Geschäftssterben weiter zunehmen. Kann man diesen Prozess noch aufhalten?

Psenner: Nur mit sehr rigiden und mutigen Eingriffen seitens der Politik. Es gab in der jüngeren Vergangenheit schon zwei Wellen, die zum Geschäftssterben beigetragen haben – zum einen die Einführung des Euro 2002, zum anderen die Registrierkassenverpflichtung 2016. Mit dem zunehmenden Onlinehandel und der derzeitigen Corona-Krise überlagert sich nun ein langsamer, schleichender Prozess mit einem sehr akuten, dramatischen Phänomen. Der Einzelhandel wird unter den herrschenden Prämissen der globalen Wachstumswirtschaft definitiv noch weiter zurückgehen.

Standard: Was schlagen Sie vor?

Psenner: Das österreichische Mietrechtsgesetz veranlasst viele Hauseigentümer dazu, lieber einen Geschäftsleerstand im Erdgeschoß in Kauf zu nehmen und den Verlust durch alle anderen Mieteinnahmen zu kompensieren – anstatt sich ernsthaft nach einem passenden, vielleicht auch temporären Mieter umzuschauen. Eine Abhilfe wäre beispielsweise die Einführung einer Leerstandsabgabe. Unsere Studie zeigt zudem einen klaren Zusammenhang zwischen Leerstand, zu engen Gehsteigen und zugeparktem Straßenraum.

Standard: Wie können wir das Erdgeschoß in Zukunft effektiv nutzen?

Psenner: Es gibt so viele Ideen! Einerseits sehe ich eine gewisse Sehnsucht nach Kleinhandel, nach Repariergewerbe, nach Bäckereien, Gemüsegeschäften, Bio-Fleischereien. Andererseits ist es an der Zeit, das Stadtparterre neu zu denken und das klassische Erdgeschoß zugunsten neuer Funktionen zu öffnen. Infrage kommen Ateliers, temporäre Nutzungen, Wohnen oder etwa Kombinutzungen mit Wohnen und Gewerbe – wie dies in der Gründerzeit in den sogenannten G’wölben üblich war. Aber dazu müssen sich Politik, Kultur und Mentalität ändern. Und es bräuchte neue Gesetze – und zwar solche, die das 1938 induzierte Vorrecht des motorisierten Individualverkehrs wieder in stadtverträgliche Dimensionen zurückdrängen. Die in den Nullerjahren initiierte Restitution von Kunst- und Kulturgütern sollte nun endlich auch zur Restitution des öffentlichen Raums führen.

Standard: Wovon träumen Sie?

Psenner: Ich träume davon, dass Wien zu Tokio wird – dass das Parken von Autos aus dem öffentlichen Raum verschwindet. Und dass sich Wiens Gassen wieder mit Menschen füllen.

Angelika Psenner (53) studierte Architektur und Soziologie und ist im Bereich Stadtforschung tätig. Sie ist Associate Professor for Urban Structure Studies und lehrt an der TU Wien. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Auseinandersetzung mit Erdgeschoßzonen und öffentlichen Räumen.

11. Januar 2021 deutsche bauzeitung

Wogen im Wein

Weingut Lahofer in Dobšice (CZ)

Mit dem Weingut Lahofer in Dobšice u Znojma ist den tschechischen Architekten Chybík + Krištof die nahezu perfekte Welle gelungen. Das hyperbolisch geformte Dach, aufwendig in der Konstruktion, hält das heterogene Ensemble zusammen und taugt überraschenderweise sogar für so manch »maritimen« Moment.

»Komm, hier lang!«, sagt Ondřej Chybík, eilt voraus, die Stufen hochlaufend, nimmt eine starke Rechtskurve und begibt sich schließlich flotten Schritts ans Ende des Dachs. »Lehn dich an die Reling, und jetzt musst du die Arme ausbreiten, ja, genau so! Ist das nicht wunderbar? Man kann von hier oben sogar das Meer riechen. Wir nennen das den Titanic-Moment.« Allein, unter mir findet sich kein Salzwasser, sondern süßer Rebensaft in Tanks und Fässern, und ringsum grüne, streng durchlinierte Weingärten, so weit das Auge reicht. »Das macht nichts«, sagt Ondřej, und auch, dass er ja nicht Leonardo sei, sondern dass es um die Fantasie im Kopf ginge, die anzuregen seine Aufgabe als Architekt schließlich sei.

In Dobšice u Znojma, tiefstes Südmähren unweit der österreichischen Grenze, ist diese gedankliche Anregung auf dramatisch inszenierte Weise gelungen. Keine 5 km Luftlinie von der mittelalterlichen Kleinstadt Znaim entfernt, befindet sich das traditionelle Anwesen des in Tschechien landesweit bekannten Winzers Lahofer. Zu den besten Tropfen des Weinguts zählen Sauvignon Blanc, Müller-Thurgau und der so wunderbar im Ohr widerhallende Ryzlink rýnský. Der alte Produktionsstandort war vor geraumer Zeit schon zu klein geworden, und so hatte Lahofer an der Architekturfakultät in Brno (Brünn) einen Studentenwettbewerb ausgeschrieben, der dem Unternehmen jedoch nicht die erhofften Resultate bescherte.
»Wir haben davon in der Zeitung gelesen«, erinnert sich Ondřej. »Das hat uns neugierig gemacht. Wenn die Studenten nicht das abgeliefert haben, was Lahofer glücklich gemacht hätte, dann könnte uns das doch vielleicht gelingen! Also haben wir Lahofer angerufen und ihm direkt angeboten, dass wir das Projekt übernehmen könnten.« Gemeinsam mit seinem Partner Michal Krištof, mit dem er seit 2010 das Brünner Architekturbüro Chybík + Krištof leitet, untersuchte er diverse Logistik- und Produktionsabläufe und präsentierte dem Bauherrn in spe aus dem erarbeiteten Kompendium schließlich sieben verschiedene Varianten. Nach zwölf Stunden Besprechungsmarathon einigte man sich schließlich auf den letztlich nun auch realisierten Entwurf.

Vorne Chipperfield und hinten Hadid

Das architektonische Konzept ist in mehrfacher Hinsicht janusköpfig. Nach Süden hin, sichtbar von der Bundesstraße 53, präsentiert sich das Weingut wie eine flache, elegante Vitrine aus Glas und Beton. Mit den schlanken Pfeilern, den großen Glasflächen und der weit hinausragenden Dachkrempe, die für ein Minimum an Verschattung der Fassade darunter sorgt, wirkt das Haus auf den ersten Blick wie ein etwas geschrumpfter Flughafen-Terminal. Erst im maßstäblichen Vergleich mit den Weinstöcken vor der Fassade verflüchtigt sich dieses Bild, und übrig bleibt eine edle Anmutung mit warmen, schimmernden, aus dem Inneren herausleuchtenden Farben.

Im Bereich des Haupteingangs im Westen mutiert der streng rhythmisierte Glasriegel zu einer Art gerahmten Roulade, die im Gelände platziert ist, als hätte jemand eine Rehrücken-Backform aus fest gewordenem Stahlbeton über einen gläsernen Teig gestülpt. In der Achse des Eingangs entfaltet sich dann ein Bild mit fortlaufend hintereinanderliegenden, halbkreisförmigen Rundbögen, die den Eindruck erwecken, als würde das eben noch luftige Bauwerk – nun, nach einer Drehung des Betrachtungswinkels um 90 ° – etwas zunehmend Erdiges und Bodenständiges annehmen.

Gleichsam tonnenschwer und satt in die Topografie hineingeschmiegt, offenbart sich auf der Nordseite des Besuchereingangs eine flache, organisch modulierte Stufenlandschaft, die in weichen Kurven und mit Thermo-Wood bekleidet bis zum Dach hinauf ansteigt und dem Haus schon wieder eine neue Assoziation verleiht: Unweigerlich muss man an das 1995 fertiggestellte Yokohama Passenger Terminal von Foreign Office Architects (FOA) denken.
Und schließlich sind auf der Rückseite im Norden alle dienenden Bereiche des Weinguts untergebracht. Die Produktions- und Logistikflächen bieten zwar wenig Raum für Ästhetik, doch dafür umso mehr Flächeneffizienz und Funktionalität. Während die repräsentativen Bereiche wie Shop, Verkostungsraum und der Verwaltungstrakt mit raffiniert geformten, thermisch aktivierten Bauteilen aus perfektem Sichtbeton aufwarten, dominiert im technischen Kernstück des Weinguts eine rigide Fertigbauweise mit Betonpfeilern und -trägern, gedämmten Sandwich-Fassadenelementen sowie einem leichten Kaltdachaufbau mit Trapezblech und kiesbeschwerter Dämmung aus extrudiertem Polystyrol. Alles sehr praktisch. Die Sinnlichkeit liegt hier in den Stahltanks und Barrique-Fässern verborgen.

»Das Weingut hat zwar etwas Heterogenes und Fragmentarisches«, sagt Ondřej, »doch denke ich, dass wir den Auftrag und den Erfolg des Projekts genau diesem Umstand verdanken. Wir haben nichts im klassischen Sinne entworfen, sondern haben in jedem einzelnen Bauteil auf Basis der vielen, vielen Parameter die jeweils perfekte Lösung gefunden.« Oder, anders ausgedrückt: Lahofer, das ist vorne Chipperfield und hinten Hadid, im Abgang ein Hauch von Ando und Sejima.

Worüber Ondřej Chybík und Michal Krištof nicht sprechen: Durch die heterogene Ausgestaltung des Projekts ergeben sich natürlich auch entsprechend vielfältige fotogene Perspektiven auf das Gebäude. Der Verdacht liegt also nahe, dass hier nicht nur die funktionalen Parameter als formende Faktoren des Entwurfs dienten, sondern sehr wohl auch ein Gespräch zweier Marketing-Experten über Sexiness und Instagramability: Das Kate-Winslet-Deck auf dem Dach ist nur einer von vielen Hotspots, die in Blogs und sozialen Medien immer wieder auftauchen.

Der Reiz des Ungeplanten

»Die maritime Assoziation ist uns eigentlich bloß passiert«, sagt Ondřej, »aber das passt schon, denn mit den Brüchen und den unvorhersehbaren Entwicklungen kommt erst der Reiz.« Überraschend war auch die Entstehung der Innenraumgestaltung: Ursprünglich war geplant, das gesamte Interieur schlicht und ohne jegliche künstliche Verfremdung in den natürlichen Materialfarben von Holz, Beton und Terrazzo zu belassen. Doch als die Bagger zum ersten Mal anrollten und ihre Schaufeln in den fruchtbaren Boden gruben, wurden die asketischen Pläne wieder verworfen.

Die Farbe und Textur des Bodens empfanden die Architekten als so reizvoll, dass sie beschlossen, die ungewöhnliche Ästhetik auf den innen liegenden Ortbetonflächen zu zitieren. Der tschechische Künstler Patrik Hábl hat die zweiachsig gekrümmten Dachunterseiten zwischen den insgesamt 25 Querschotten als Leinwand verwendet und darauf seine Interpretation des lehmigen Weinbodens verewigt. Das Kunst-am-Bau-Projekt ist so subtil wie raffiniert und erinnert mit seinem ungleichmäßigen Farbauftrag und seinen teils bronzefarben glitzernden Camouflage-Flächen an eine aufgeschnittene und vielfach vergrößerte Korkplatte.

»Schön, wenn die Anstrengungen des Baus heute hinter der Oberfläche der Kunst verschwinden«, meint Michal Krištof, »doch tatsächlich war die Schalung und Ausbetonierung der zweiachsig gekrümmten Flächen, die Wand und Dach nahtlos miteinander verbinden, ein ziemlicher Kraftakt.« Um den flüssigen Beton daran zu hindern, sich im Schalungshohlraum unregelmäßig zu verteilen, konnte dieser in nur 20 bis 30 cm hohen Schichten eingefüllt werden, was sich als deutlich aufwendiger als angenommen herausstellte. Glücklicherweise war der Bauherr, der im Gesamtprojekt so viel Effizienz und Wirtschaftlichkeit erkannte, überzeugt, dass sich auch dieser technische und künstlerische Mehraufwand lohnen würde.

Fast alles an diesem Bauwerk scheint perfekt durchkomponiert und minutiös orchestriert. Über ein paar ganz wenige Ausnahmen, wie z. B. bei den Details an der Schnittstelle zwischen der wogenden Dachwelle und dem Innenausbau, kann man nach einer ausgiebigen Weinverkostung sicherlich getrost hinwegsehen. Stattdessen gibt es aufregende Wellenvariationen, veredelten Beton sowie schicke Eames- und Prouvé-Sessel zu entdecken. Davon können die deutschen und österreichischen Winzer mit ihrer zu Tode kopierten Cortenstahl- und Zigarrenclub-Ästhetik noch was lernen.

19. Dezember 2020 Der Standard

Monopoly für Politiker

Wollten Sie immer schon mal auf einen Sitz 16.000 Prozent Gewinn machen? Oder wollen Sie lieber nachhaltig agieren und g’scheite Bodenpolitik machen? Eine Ausstellung im AzW zeigt, wie es gehen kann.

Der 1970 errichtete Seoul-Station-Overpass überbrückt die zentralen Gleisanlagen, sodass man früher mit dem Auto vom Bahnhof aus bequem den traditionellen Namdaemun-Markt erreichen konnte. Nachdem Sicherheitsinspektionen im Jahr 2006 gravierende konstruktive Mängel aufzeigten, musste die Autobahnbrücke jedoch von einem Tag auf den anderen gesperrt werden – und löste damit einen jahrelangen Nachdenk- und Diskussionsprozess aus. Statt Abriss und Neubau entschied sich die Stadt dazu, das Bauwerk zu erhalten, die Betonstruktur zu sanieren und darauf einen tausend Meter langen Skygarden für Jogger und Flaneure anzulegen.

„Wo vor einigen Jahren noch pro Stunde tausende Autos über den Asphalt gefahren sind“, sagt Winy Maas vom niederländischen Architekturbüro MRVDV, „haben wir nun 24.000 Blumen, Büsche und Bäume gepflanzt – darunter mehr als 250 verschiedene Arten, die in diesen Breitengraden typischerweise zu Hause sind.“ Der Aufbau einer natürlichen Humusschicht war aus statischen Gründen nicht möglich. Daher entschied sich MVRDV, aus der Not eine Tugend zu machen und die Flora in 645 zylindrische Betontröge mit unterschiedlichen Durchmessern zu setzen. „Das Verständnis von städtischem Grund und Boden hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten radikal verändert“, so Maas. „Auf diese Weise konnten wir den Menschen einen wertvollen öffentlichen Freiraum zurückgeben.“

Best-Practice-Projekte

Die Entstehungsgeschichte des Seoullo 7017 Skygarden , seit rund drei Jahren in Betrieb, ist eines von rund 20 positiven, ja fast schon euphorischen Fallbeispielen, die zurzeit im Architekturzentrum Wien (AzW) zu sehen sind. Unter den weiteren Best-Practice-Projekten finden sich Kunstprojekte, Forschungsbauernhöfe, Initiativen zur Rettung von Grünland, Konzepte für ein schönes Leben ohne Rendite, gemeinschaftliche Quartiersentwicklungen, politische und steuerrechtliche Werkzeuge aus Kolumbien oder etwa die ENCI-Kalkgrube in Maastricht, die 2008 stillgelegt wurde und in den letzten Jahren in ein Naturreservat umgewandelt wurde. Ein Paradies für Badende, während im Hintergrund als Relikt einer vergangenen Zeit patinierte Kessel und Schornsteine in den Himmel ragen.

In diesem Teil der kürzlich eröffneten Ausstellung Boden für Alle empfiehlt es sich, länger zu verweilen und gute Energie zu tanken. Denn abgesehen davon wird man in den übrigen sechs Stationen der Ausstellung – eine Art österreichisches Bodenpolitik-Einmaleins für Gestalter und Entscheiderinnen – mit Zahlen, Daten, Fakten konfrontiert, die zum Teil so schockierend sind, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Die comichafte Gestaltung der Ausstellung (genial gelöst: Planet Architects, LWZ und Manuel Radde), die das Unfassbare in Sprechblasen, Denk-Bubbles und Krachbumm-Gewitterwolken packt, hilft einem, ob der recherchierten Statistiken nicht schreiend davonzulaufen.

Pro Minute werden in Österreich zehn Quadratmeter Straße gebaut. Im gleichen Zeitraum gehen 30 Quadratmeter Ackerfläche verloren. Allein in der Steiermark gibt es 157,5 Quadratkilometer gewidmete, unbebaute Baulandreserven. Das ist mehr als die gesamte Stadtfläche von Graz. Dadurch steigt der Wert von Bauland in Österreich um durchschnittlich 750 Euro pro Sekunde. Am stärksten ist der Wertzuwachs in Kitzbühel. Durch die Umwidmung von Grünland zu Bauland können Grundstückseigentümer im Tiroler Nobelsportort bis zu 16.000 Prozent Gewinn machen.

Aussicht auf Lösungen

„Raumplanung und Bodenpolitik sind ein sehr komplexes Thema, bei dem Bauwirtschaft, Gemeindepolitik und Immobilienspekulation eng miteinander verflochten sind“, sagt Katharina Ritter, die die auf den ersten Blick so sympathisch wirkende Ausstellung (außen hui, innen heftig) gemeinsam mit Karoline Mayer kuratierte. „Unser Ziel ist es, diese Verknüpfungen sichtbar zu machen und auch darzustellen, welche Rolle jeder Einzelne, jede Einzelne von uns in diesem großen Monopoly-Spiel einnimmt.“

Der klassische Traum des Österreichers ist immer noch das eigene Häuschen auf der grünen Wiese. Dass dieser Wunsch nicht ohne raumplanerischen Super-GAU in Sachen Versiegelung, Zersiedelung, Individualverkehr, Erschließungskosten und CO2-Belastung realisierbar ist, dürfte sich schon herumgesprochen haben. Neu ist die Erkenntnis, dass dieser Wunsch Herrn Otto Normalverbraucher und Frau Monika Mustermann unter den bestehenden Bedingungen mehr als leicht zu erfüllen wäre: Wollte man die städtischen Wohnungen entleeren und die gesamte österreichische Bevölkerung auf die in diesem Land bestehenden Ein- und Zweifamilienhäuser aufteilen, dann würde das einen Schlüssel von 4,16 Bewohnern pro Wohneinheit ergeben. Es ist also schon alles gebaut, was wir brauchen. Was wollen wir mehr?

Vorausgesetzt, man bringt die Zeit und Energie mit, sich durch das Kompendium durchzuarbeiten, bietet die Ausstellung Boden für Alle am Ende allen Frustes wunderbare Aussicht auf Lösungen: Da ist die Rede von der Mehrwertabgabe im Schweizer Kanton Basel-Stadt. Da ist die Rede von der überaus innovativen Contribución de Valorización in Manizales, Kolumbien. Und da ist die Rede vom Südtiroler Bauleitplan, demnach neues Bauland stets an bestehendes Bauland angrenzen muss. Es würde ja so leicht gehen!

Dieser Artikel ist ein Appell an die Bundes-, Landes- und Gemeindepolitik: Pflichtexkursion ins AzW! Dann erfährt man auch, warum Bayern einer der größten Bodenbesitzer in Österreich ist.

12. Dezember 2020 mit Maik Novotny
Der Standard

Der Fall Loos

Dieser Tage jährt sich der 150. Geburtstag von Adolf Loos. Architekt, Designer, Theoretiker, Dandy, aber auch Verurteilter in einem Sexualprozess. Wir haben sechs Experten gebeten, die umstrittene Persönlichkeit unter die Lupe zu nehmen.

Sehnsucht nach Sinnlichkeit

Man muss sich lediglich in die Raumwelten des Adolf Loos hineindenken. Man nimmt in seinen Sofas Platz und sitzt an seinen Tischen. Man bestaunt die fließend ineinander übergehenden Räume und Zonen. Man ist versucht, den kühlen Marmor zu betasten, edle Hölzer zu befühlen und den Flausch seiner Teppiche unter nackten Füßen zu spüren. Alles wird angemessen sein. Gemütlich, doch edel. Praktisch, doch schön.
Was Adolf Loos seiner überladenen Epoche entgegengesetzt hat – nämlich die entschlackte Symbiose aus den drei elementaren Zutaten Qualität, Komfort und Eleganz –, macht heute ebenso Sinn wie zu seiner Zeit und ist geradezu wegweisend. Er arbeitete mit Sinnlichkeit, Raffinesse und Emotionen, nach denen wir uns heute heimlich sehnen. Seine Interieurs geben die richtigen Anstöße in einer Welt des unsinnlich Glatten und rein Funktionalen, in der kaum je ist, was es zu sein scheint.
Billiger Nachbau oder Original? Letztlich egal. Adolf Loos’ Idee der warmen, wohnlichen Räume, kleidsam in jeder Situation, doch nicht zu gefällig, sodass man eine Zeit braucht, um sie für sich zu erobern, wären einfach ins Heute zu transponieren. Wir müssen wieder wohnen lernen. (Gregor Eichinger, Architekt und Interiorgestalter, Büro für Benutzeroberfläche)

Sexueller Klassenkampf

Der Beschuldigte darf vor Gericht alles zu seiner Verteidigung Dienliche vorbringen. Wahr muss es nicht sein. Er darf daher behaupten, dass „verderbte“ Mädchen von sexuellen Übergriffen fantasieren – oder sich das sogar wünschen, entsprechend Sigmund Freuds Zurücknahme seiner Inzestentdeckungen, dass Symptome oft sexuelle Traumata symbolisieren. Wenn er ein „nobler Herr“ war wie Adolf Loos, wurde ihm geglaubt, wurde er doch a priori als moralisch höherstehend bewertet. Und es wurde ihm verziehen, selbst wenn die Beweislast und die Absurdität seiner abenteuerlichen Rechtfertigungsargumente unübersehbar waren.
Diese Denkweise wird noch immer propagiert: Noch immer sehen sich solche Sozialdarwinisten mit finanziellem, künstlerischem, wissenschaftlichem, network-basiertem oder nur medialem Prestige als Wohltäter à la „Sie hat durch mich doch Vorteile gehabt!“. Der Skandal des Marquis de Sade bestand nicht in den „perversen“ Aktivitäten, die er seiner Klägerin zumutete, sondern darin, dass eine Bürgerliche einen Adeligen vor Gericht brachte. Und eine „Unter-Frau“ einen „Ober-Mann“. (Rotraud A. Perner, Juristin, Psychotherapeutin und evangelische Theologin)

im himmel mit loos

ich wollte immer in den architektenhimmel, auch um mit adolf loos über einige dinge zu sprechen. aber seit der neuen moralisierung von kunst und architektur bin ich mir nicht mehr sicher, ob sich das ausgeht oder was ich tun müsste, um auch gewiss in die hölle zu kommen. adolf loos scheint einen zentralen nerv des wiener kulturverständnisses getroffen zu haben, bis heute. ginge es nur um ästhetische empfindungen, würde darüber amüsiert und kennerhaft diskutiert werden. es scheint aber mehr zu sein, was dem zum barock-dekorativen, zu gefälligkeit neigenden wiener architekturverständnis so widerstrebt. wenige kennen die texte von loos oder haben seine bauwerke erlebt und begriffen. architektur ist in wien nur verdaulich, wenn sie spektakulär inszeniert oder geschmacklich aufgeladen oder als politisches mittel, befreit von anspruch und substanz, mit infantilität und niederschwelligkeit als „sozial“ inszeniert wird.
architektur bleibt in wien verdächtig. meine hoffnung: es gibt im architektenhimmel auch eine abteilung für moralisch zweifelhafte architekten, sonst könnte es dort einsam werden. bis dahin gibt es zum trost die texte und bauwerke von adolf loos. (Werner Neuwirth, Architekt)

Moderne Moden für freie Menschen

Die Mode befindet sich hoffentlich gerade in einem Paradigmenwechsel, für dessen Gelingen eine Besinnung auf den modernen Standpunkt von Loos definitiv nützlich wäre. Wenn Modeunternehmen von Philistern geleitet werden, die im Rausch von Kosteneffizienz und Margenerhöhung die Qualität ihrer Produkte zugrunde richten, wenn durch eine Wohlstandskluft dem von Klein- und Mittelbetrieben getragenen Handwerk die Lebensgrundlage entzogen wird, während einem besinnungslosen Luxuspöbel jegliche Sensibilität und geschmackliche Kompetenz fehlt, dann ist die Rückbesinnung auf handwerkliche Tradition nicht konservativ – sondern progressiv.
Modernes Design heißt letztlich, dass seine Formensprache Sinn machen muss und dass ästhetische Qualität auf dem soliden Fundament einer lebendigen Handwerkskultur stehen sollte, die jene Sensibilität für Material und Form hervorbringt, die Loos vorexerziert hat. Seine einfache, aber gute Kleidung entspricht dem bürgerlichen Ethos. Ihre Rolle ist aber nicht das Bewahren einer erstarrten Gesellschaft, vielmehr schafft sie durch subtile Perfektion den Rahmen für souveräne und freie Individuen. (Wilfried Mayer, Modedesigner)

Respekt vor der Tradition

Eine Auseinandersetzung mit Adolf Loos ist kunsthistorisch in vielerlei Hinsicht lohnend. Seine pointierten Essays zeugen von einem umfassenden Kulturbegriff, dem ein profundes Wissen der Kunst- und Baugeschichte zugrunde liegt. Bekanntlich ließ er nur zwei Bauaufgaben als Kunst gelten – das Grabmal und das Denkmal. Alle anderen, auch das Haus, seien zweckgebunden und deshalb aus dem Bereich der Kunst auszuschließen. In seinen Interieurs bezieht sich Loos auf verschiedene Quellen, antike oder angelsächsische, die er in die Moderne transferiert und modifiziert.Der Respekt vor der Tradition und die Ablehnung des Modischen oder des Imitats sind auch aus heutiger Sicht mehr als zeitgemäß. Seine Wegeführungen, die Verwendung edler Materialien, die raffinierte Lichtregie und Farbgebung begeistern nicht nur Studierende der Architekturgeschichte. Retrospektiv betrachtet besteht die internationale Relevanz von Loos in der Entwicklung des „Raumplans“, womit er einen revolutionären, alternativen Beitrag zu den Raumkonzepten der Moderne leistete. (Sabine Plakolm-Forsthuber, Professorin an der TU Wien, Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege)

Seid ja nicht groß wie Loos!

Unsere Aufregung über den Fall Adolf Loos verrät mehr über uns selbst als über Loos. Von Loos werden wir wohl nie wissen, ob er tatsächlich schwerere Vergehen begangen hat als die nachweislichen, für die er verurteilt wurde. Bezeichnend für unsere Gegenwart aber ist, dass wir dazu neigen, es zu glauben und allein darum schon Konsequenzen zu fordern. Jede Anschuldigung erscheint uns wahr, und jeder Verdacht begründet.
Denn wir möchten die Großen fallen sehen – insbesondere diejenigen, die es gewagt haben, aufzubegehren. Ihnen wollen wir sofort, wie Matthias Dusini im Falter gefordert hat, eine „Abgleichung“ im Namen von – uns auffällig willkommenen – Ohnmächtigen entgegenhalten. Größe, so meinen wir nämlich, kann immer nur auf Kosten von Kleinen erkauft worden sein. Diese Wunschfantasie bildet die aktuelle Schwundstufe einer einst antiautoritären politischen Haltung. Die Guten können nun nur noch die Kleinen sein. In ihnen sehen wir unser ideales Selbst. „Klein bleiben!“, lautet darum die Maxime postmoderner Selbstverzwergung. (Robert Pfaller, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz)

21. November 2020 Der Standard

So ein Mist!

So viel wie in den vergangenen Wochen wurde noch nie über Re-Use und Recycle diskutiert. Ein Best-Practice-Beispiel ist das Umar von Werner Sobek. Es besteht zu einem großen Teil aus, genau, Müll.

Badezimmerfliesen aus eingeschmolzenen Schneidbrettern? Ziegelsteine aus zertrümmerten Kloschüsseln? Trockenbauwände aus gepressten Tetra-Packs? Und Wärmedämmung aus geschredderten Jeans? „Ja, das geht, und es war ein unglaublich großer Aufwand, all diese Produkte am Markt zu finden beziehungsweise mit den Produzenten gemeinsam zu entwickeln“, sagt Roland Bechmann. „Aber die Recherche, die uns monatelang auf Trab gehalten hat, beweist, dass die Baubranche reif dafür ist.“

Auf dem Gelände der ETH Zürich in Dübendorf, ein paar Tramstationen von der Innenstadt entfernt, wurde vor einigen Jahren ein recht schmuckloses Betonhaus errichtet, das sich selbst als eine Art XXL-Regal für bautechnische Innovationen versteht und sukzessive mit neuentwickelten Modulen und neuen Elementen nachhaltigen Bauens gefüllt wird. Der jüngste Baustein, der im zweiten Obergeschoß mit einem Autokran zwischen die beiden Betondeckeln hineingeschoben wurde, hört auf den Namen Umar – das Akronym steht für „Urban Mining and Recycling“ – und ist ein Exempel für Bauen mit wiederverwendeten und wiederverwerteten Materialien aus der Bau- und Konsumgüterindustrie.

„Das Schöne an diesem Bau“, sagt Bechmann, Partner im Stuttgarter Architektur- und Ingenieurbüro Werner Sobek, der das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Institute of Technology (KIT) entwickelte, „ist zu sehen, dass man im nachhaltigen Bauen längst keine ästhetischen Kompromisse mehr eingehen muss. Früher war ökologische Architektur meist ein Synonym für Entsagung und Verzicht. Doch das ist vorbei. Re-Use und Recycling können richtig chic sein!“

Genutzt wird die rund 125 Quadratmeter große Showcase-Box am ETH-Campus übrigens als Studenten-WG für bis zu vier Personen. Bei Interesse müssen die hier Wohnenden die neugierigen Gäste in Empfang nehmen und ihnen eine Führung durch die Räumlichkeiten geben. Manche Dinge erklären sich ganz von allein, für die etwas versteckteren Werte hinter Wänden und Bodenaufbauten kann eine Broschüre zurate gezogen werden. 152 Seiten voller Aha-Erlebnisse.

Symposien und Konferenzen

Vielleicht liegt es an der mit Corona verbundenen Besinnung auf Natürliches, vielleicht auch auf unserer gesteigerten Sensibilität für die fortschreitende Klimakrise, dennoch ist es überraschend, dass in den letzten Wochen das Thema in Symposien und Konferenzen hierzulande gleich mehrfach beleuchtet wurde – beim Symposium Circular Strategies an der Universität für angewandte Kunst, beim Jahreskongress der IG Lebenszyklus Bau, beim ÖGFA-Symposium „Stoffwechsel“ sowie vorgestern, Donnerstag, beim ORTE-Online-Symposium „Von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft“. Und ja, Werner Sobeks Umar-Kiste flimmerte dabei nicht bloß einmal über die Zoom-Monitore.

„Wir beschäftigen uns schon lange mit der Triple-Zero-Thematik, also null fossile Energien, null Emissionen, null Müll“, sagt Bechmann. „In Bezug auf Müllvermeidung und Schonung materieller Ressourcen jedoch ist dies mit Abstand unser radikalstes und konsequentestes Projekt.“ Die Reise in die Welt des Recyclings war eine horizonterweiternde, bloß in einem Punkt, erinnert sich der Architekt, stoße die Kreislaufwirtschaft fast an Grenzen – im Bereich Elektro und Sanitär.

„So gut wie überall kann man Kleben durch Schrauben und Klemmen ersetzen, und so gut wie überall kann man auf Verbundbaustoffe verzichten, wenn man sich mit der Materie ein bisschen auseinandersetzt und die gewohnten Pfade verlässt. Doch bei elektrischen Verkabelungen und gedämmten, verklebt ummantelten muss man entweder aufgeben oder aber sich noch mehr anstrengen.“

Letztere Taktik jedenfalls hat sich gelohnt. Laut eigenen Angaben ist das zum überwiegenden Teil im Holzwerk vorgefertigte Umar nach Ablauf seiner Lebenszeit zu 98 Prozent wiederverwertbar. Der Sondermüll, der üblicherweise den Großteil der Baggerschaufel ausfüllt, beläuft sich auf zwei Prozent. Das ist – abgesehen von Lehmbauten, Blockhäusern und traditionellen Bautypologien – im zeitgenössischen Bauen Weltrekord.

Nicht mehr Utopie, sondern Alltag

Nicht nur in den Baustoffen, auch bei den Details erzählt das Umar eine schöne Geschichte von Vergänglichkeit und Ewigkeit: Die Kupferbleche an der Fassade, mit denen das Panoramafenster eingerahmt wurde, stammen von verschiedenen Bauwerken in der Umgebung und weisen daher auch unterschiedliche Oxidationsgrade auf. Und die Türknäufe, ein Entwurf des belgischen Designers Jules Wabbes, stammen aus einem Bankgebäude in Brüssel und kommen als leicht zerkratzte Vintageprodukte zum Einsatz.

„Bauen mit Recyclingbaustoffen und daher auch eine Eindämmung von Energieverbräuchen und CO₂-Emissionen“, sagt Roland Bechmann, „das ist ohne jeden Zweifel die Zukunft der Baubranche. Vielleicht dauert es noch acht, vielleicht zehn, vielleicht zwölf Jahre, bis die Bauindustrie das kapiert und reagiert und in die eigene Philosophie integriert hat. Aber es wird kommen.“ Noch bewegen sich Recyclingprojekte rund 15 Prozent über den üblichen Baukosten, was sowohl der aufwendigen Baustoff- und Produktherstellung als auch dem dünnen Vertriebsnetz geschuldet ist. Doch die Preisdifferenz hat ein Ablaufdatum.

„Mit 25 Euro pro Tonne ist die CO₂-Steuer derzeit noch ein nettes Feigenblatt“, sagt der Architekt. Das deutsche Umweltbundesamt beziffert einen ehrlichen CO₂-Preis, bei dem die Folgekosten nicht auf die Gesellschaft umgewälzt werden, mit 180 bis 205 Euro pro Tonne. „Spätestens dann wäre ein Haus wie das Umar mit einer konventionellen Bauweise kostengleich. Es ist eine Frage der Zeit und der Politik, bis dieses Projekt nicht mehr utopisch, sondern alltäglich ist.“

18. November 2020 Der Standard

„Wienerwald-Bäche liefern kühle Massen“

Bis 2040 muss Österreich CO₂-neutral werden. So sieht es der Green Deal vor. Um das zu schaffen, sagt die Bauforscherin Renate Hammer, braucht es auch die Renaturierung städtischer Flächen.

Bis jetzt hat Österreich – wie viele andere Länder auch – die in sämtlichen Klimaprotokollen festgehaltenen Emissionsziele meilenweit verfehlt. Viel Spielraum bleibt jetzt nicht mehr. Doch die Energieexpertin Renate Hammer ist davon überzeugt: Wenn es wo gelingt, aus der Trias von Gas, Öl und Kohle auszusteigen, dann im Betrieb unserer Wohn- und Bürohäuser. Mit ihrem Forschungsinstitut, das Ministerien, Behörden, Industrie, Privatwirtschaft und internationale Organisationen berät, untersucht sie, wie wir unsere gebaute Umwelt adaptieren und den Planeten retten können.

Standard: Der Green Deal sieht vor, dass Österreich bis 2040 CO₂-neutral werden muss. Ist das möglich?

Hammer: Im Gegensatz zum Verkehr oder zur Industrie beispielsweise, die zum Teil mit sehr hohen Temperaturen arbeitet, kommt der Gebäudebereich mit vergleichsweise geringen Energiedichten aus. Im Betreiben unserer Wohngebäude oder Büros brauchen wir selten mehr als 45 Grad Celsius für eine Niedertemperaturheizung und kaum mehr als 60 Grad Celsius für die Warmwasseraufbereitung. Und kochen tun wir mittlerweile mit Induktion. Wenn es uns hier nicht gelingt, die Ziele des Green Deal zu erreichen, dann ist uns eh nicht mehr zu helfen.

Standard: Aktuell werden in Österreich 142.000 Wohnungen mit Öl und 665.000 Wohnungen mit Gas betrieben. Die fossilen Brennstoffe sind noch sehr präsent in diesem Land.

Hammer: Das stimmt, aber unsere Studie „Raus aus Gas“, die wir im Auftrag der MA 20 erstellt haben, stimmt mich optimistisch. Wir haben sämtliche bestehenden Gebäudeformen unter die Lupe genommen, vom Einfamilienhaus über die Wohnbauten der Sechziger- und Siebzigerjahre und die Gemeindebauten des Roten Wien bis hin zum gründerzeitlichen Gebäudebestand in der dichtverbauten Stadt. Technisch ist die Umstellung auf erneuerbare Energien immer möglich. Wir konnten keine Konstellation finden, wo Gas, Öl oder Kohle alternativlos waren.

Standard: Gibt es Alternativen?

Hammer: Zum Beispiel Fernwärme, Solartechnik, Biomasse oder Wärmepumpen. In Gebäuden mit mehreren Wohneinheiten kann man im Keller oder auf dem Dach eine zentrale Wärmepumpe installieren, von der aus die Energie direkt in die Wohnungen weiterverteilt wird – idealerweise über die Kaminstränge, die dann ja nicht mehr benötigt werden. Man kann aber auch wohnungsweise umstellen, etwa mit Kleinstwärmepumpen, die der klassischen Gastherme optisch nicht unähnlich sind – was den Umstieg in gewisser Weise psychologisch erleichtert.

Standard: Welchen Stellenwert hat Geothermie?

Hammer: Geothermie zur Energiebereitstellung zu nutzen ist sinnvoll und zumeist auch machbar, aber mit erhöhtem technischem Aufwand verbunden. In vielen Häusern in dichtverbauten Gebieten kann man schwer in die Tiefe bohren – weil Tiefgarage, weil Abwasserkanal, weil U-Bahn-Schacht. Eine denkbare Alternative ist, diagonal dorthin zu bohren, wo grad kein Hindernis im Weg ist. Im Stadtentwicklungsgebiet Eurogate II im dritten Bezirk soll nun erstmals eine öffentliche Grünfläche für Geothermie genutzt werden. Das alles wirft allerdings Fragen sozialer und rechtlicher Natur auf, die im Rahmen des Green Deal diskutiert werden.

Standard: Die Handlungsspielräume in Bezug auf den Green Deal liegen nicht nur im Gebäudebereich, sondern auch auf städtebaulicher Ebene.

Hammer: Es geht darum, die zunehmend extremen klimatischen Bedingungen in der Stadt in den Griff zu bekommen. Im September hat die Stadt Wien eine neue Klimaanalysekarte vorgestellt, die sowohl die Urban-Heat-Islands definiert als auch die wichtigen Kaltluftschneisen ausweist, die zur natürlichen Kühlung genützt werden können. Die Karte ist sehr fein gerastert und bietet sehr detaillierte Informationen. Weitere Themen für die kommenden Jahre sind flexible Beschattung, die Entsiegelung von Straßen, Gassen und Plätzen sowie ein Neudenken von Natur in der Stadt – durch Bepflanzungen und Wasser.

Standard: Wasser ist ein gutes Kühlmedium mit einer hohen Wärmekapazität. Welche Rolle könnte es in der Stadtplanung spielen?

Hammer: Eine wichtige! Fließgewässer liefern kühle Massen ins städtische Gefüge. Verdunstungskälte, Begleitgrün und nicht zuletzt die Möglichkeit, an einem heißen Sommertag die Füße hineinzuhalten, zeigen deutliche Wirkung. Es gibt in Wien eine Vielzahl an Wienerwald-Bächen, deren ursprüngliche Verläufe durch dichtverbaute Gebiete führen. Wir befassen uns gerade mit der Frage, ob und wie die natürlichen Kühlpotenziale der ehemaligen Bäche als „nature-based solutions“ für die Stadt wieder nutzbar gemacht werden können.

Standard: Gibt es ein Beispiel?

Hammer: Unser Institut liegt am Tiefen Graben in der Wiener Innenstadt. Genau hier verläuft das ursprüngliche Bett des Ottakringer Bachs, was sich stadtmorphologisch noch sehr gut nachvollziehen lässt. Eine wesentliche Forschungsfrage für uns ist, welche klimatischen und stadträumlichen Vorteile sich aus einer Reaktivierung und Reintegration von Bachläufen für das urbane Mikroklima ergeben könnten. Eine Kombination mit dem Schwammstadtprinzip wäre sinnvoll.

Standard: Eines Tages könnte ein Bach durch die Innenstadt fließen?

Hammer: Warum nicht! Eine Renaturierung und damit völlige Umgestaltung von versiegelten Straßen klingt exotisch, aber wenn man sich den Cheonggyecheon-Kanal in Seoul oder die Wiederherstellung des Zhangjiagang in Suzhou, China, anschaut, wird man feststellen, wie viel Lebensqualität so entsteht.

Standard: Ins Hotel Orient wird man künftig mit der Gondel fahren? Hammer: Das wäre doch romantisch! Wir brauchen Utopien.

Standard: Welchen Zeithorizont gibt es?

Hammer: Mit einem erfolgreichen Pilotprojekt kann es schnell gehen. Ich nenne als Beispiel gern den Liesingbach. Die erfolgreiche Renaturierung eines Teilabschnitts hat zur Folge gehabt, dass aus einem ehemals wenig attraktiven, kanalähnlichen Gerinne heute ein belebter Erholungsraum geworden ist.

Standard: Was sind die drei wichtigsten politischen Handlungen in Hinsicht auf den Green Deal?

Hammer: Erstens: ein konsequenter Ausstieg aus der fossilen Abhängigkeit. Zweitens: eine Kostenwahrheitsverordnung für lokale und regionale Ressourcen. Mangos aus Übersee und chinesischen Marmor soll man nicht verbieten, aber sie müssen real und sozial gerecht bepreist und damit teurer sein als österreichische Birnen und heimischer Granit. Und drittens: ein Flächenverbrauchsnettonullgesetz. Das heißt: Jede Fläche, die wir heute neu in Anspruch nehmen, muss an anderer Stelle in gleichem Ausmaß wieder entsiegelt und renaturiert werden.

[ Renate Hammer (51) studierte Architektur, Solararchitektur und Urban Engineering in Wien, Krems und Tokio. Sie ist Vorstandsmitglied der Plattform für Baukulturpolitik. Seit 2013 ist sie Geschäftsführerin des Institute of Building, Research & Innovation ZT-GmbH., lehrt an der FH Campus Wien und an der Kunst-Uni Linz. ]

17. Oktober 2020 mit Maik Novotny
Der Standard

Kühler Kopf im Fieberwinter

Sinkende Temperaturen, steigende Ansteckungszahlen: Wie wollen wir den städtischen Freiraum für die kommenden Monate wintertauglich machen? An welchen Städten können wir uns ein kulturelles Beispiel nehmen? Und wie können wir technisch nachhelfen? Viele Fragen, zwei Meinungen.

Wojciech Czaja: Grölendes Singen und Saufen, man riecht den Jägermeister, der mit Bier, Schweiß und teuersten Champagner-Jahrgängen vermischt die Ischgler Après-Ski-Hütte in ein strapazierendes Aerosolgewitter hüllt, förmlich aus dem Foto aufsteigen. 26 Jahre lang hat Lois Hechenblaikner das Postwedel-Treiben im Skigebiet Ischgl festgehalten und damit den visuellen Beweis zum lokalen Tourismus-Slogan geliefert: „Relax. If you can ...“ Im Juni, wenige Monate nach dem Tiroler Wintergate in 1400 Meter Seehöhe, erschien im Steidl-Verlag sein schockierendes Fotobuch Ischgl.

„Das alpine Geschäftsmodell des Après-Ski ist ein schlitzohrig diabolisches, denn es baut darauf auf, dass jemand nicht mehr ganz bei sich ist, sondern ganz außer sich, um in diesem Zustand die Tourismusmaschine am Laufen zu halten“, sagt der Tiroler Fotograf, der selbst im Gastgewerbe aufgewachsen ist. „Man darf aber auch den Gast nicht aus der Verantwortung entlassen. Er ist ein Komplize, den man ins Kitzloch oder in die Schatzi Bar nicht erst mit einer Peitsche eintreiben muss.“

Nun ist die Großstadt mitnichten eine Piste. Dennoch darf man sich davon inspirieren lassen, dass der Homo sapiens offensichtlich kein Problem damit hat, sich der sozialen Interaktion in winterlicher Frische hinzugeben. Die Verlängerung der Schanigartensaison ist ein guter erster Schritt, um den uns bevorstehenden Corona-Winter gesundheitlich und volkswirtschaftlich möglichst unbeschadet zu überstehen. Fragt sich nur: Was tun, wenn die erste Schneeflocke fällt?

Dass wir, wenn die urbane und gesellschaftliche Kultur nur entsprechend gepflegt wird, kein Problem damit haben, bei winterlichen Minustemperaturen auszuharren, beweist ein Blick in traditionell kalte Gefilde: In Berlin, Oslo, Stockholm, Edinburgh und Tromsø sind Gastgärten seit Jahren schon ganzjährig in Betrieb. In Warschau, Moskau und St. Petersburg gibt es selbst bei minus 30 Grad Flohmärkte, auf denen man vereiste Würstel und eingeschneite Transistorradios kaufen kann. Und in Detroit hat sich nach dem Zusammenfall der Automobilindustrie und der städtischen Verkehrsinfrastruktur eine neue urbane Fahrradkultur entwickelt, die sogar den eisigen Winden des Lake Erie trotzt.

Ja eh, trotz Klimakrise und immer milder werdender Winter ist’s auch in Wien bisweilen etwas ungemütlich an der frischen Luft. Und ja eh, Heizschwammerln sind böse, böse, böse. Aber vielleicht kann man im Krisenjahr 2020, in dem CO2 - und Stickstoffdioxid-Emissionen deutlich geringer ausfallen als sonst, ja ausnahmsweise einmal die Stadtluft mitheizen und uns auf diese Weise dazu anspornen, Menschengruppen in Innenräumen zu meiden. Und Woll- und Polyesterdecken austeilen. Ganz viele Decken.

Appell an die Stadtplanungspolitik: In Zukunft in Masterplänen und Fachkonzepten nicht nur auf sommerliche Faktoren wie Urban Heat Islands, Frischluftschneisen, Coole Straßen, Verschattungskonzepte und plätschernde Brunnen setzen, sondern auch die Eiszapfenzeit mitdenken!

Maik Novotny: Das Unangenehme zuerst: Weihnachtsmärkte sind das Letzte. Sie blockieren wochenlang Gassen und Plätze mit Bretterbarrikaden und mit Menschen, die von einem Bein aufs andere treten und Tassen mit klebrig-süßen Heißgetränken umklammern wie kleine Kinder, die nach Hause wollen. Weihnachtsmärkte sind eine Fehlentwicklung. Kühle Getränke in warmen Räumen sind heißen Getränken bei eisigen Temperaturen immer vorzuziehen.

Einerseits. Andererseits heißt das nicht, dass sich die Stadtbevölkerung im Winter komplett nach innen verziehen sollte. Erst recht nicht in diesem kommenden, mit Bangen und Sorge erwarteten Winter. Wenn im Innenraum Infektionsgefahr und Vereinsamung drohen, muss der Außenraum einen Ausgleich schaffen, und das nicht nur zu Konsumzwecken. Die Verlängerung der Schanigartensaison ist eine gute Sache, denn sie besetzt den Straßenraum auf Dauer und macht ihn zum Möglichkeitsraum. Bedauerlich allerdings, dass die Wiener Grätzeloasen, also Schanigärten ohne gastronomischen Bezahlzwang, nicht in die Wintersaison verlängert wurden. Hier hätte sich die Gelegenheit für Experimente geboten. Straße und Platz im Winter sollten mehr anbieten können als Schnitzel unterm Heizpilz.

Warum nicht von anderen Städten lernen, die den öffentlichen Raum winterfest gemacht haben? Das kanadische Edmonton (Durchschnittstemperatur im Jänner: stramme 10,4 Grad unter null) fragte sich vor zehn Jahren: Warum immer übers kalte Wetter sudern? Warum nicht stolz sein auf Schnee, Eis und Wind? Anstatt sich in beheizte Shoppingmalls zurückzuziehen, wurde eine Winter City Strategy aufgestellt und seitdem draußen das Beste aus der Saison gemacht. Eislaufen, Schlittenfahren, Festivals, auch Modetipps für den Unter-null-Dresscode liefert die Stadtverwaltung. Sogar das Radfahren im Winter wird gefördert. Nicht nur in Kanada: Rotterdam richtete 2015 Schlechtwetterampeln für Radfahrer ein, die bei Regen schneller grün werden.

Skandinavische Städte machen das Draußen winterfest: Kopenhagen verlängert unter dem Marketing-Label CopenHot mit Outdoor-Badewannen die Freizeitsaison, in Helsinki sind die öffentlichen Saunas ganz ohne Wellness-Sprech schon immer rund ums Jahr in Betrieb, und das Meer gibt es fürs Winterschwimmen gratis dazu. „Die Temperatur ist egal, wenn die Sonne scheint und der Wind zahm ist, gilt das in nordischen Ländern als schöner Tag,“ schrieb der dänische Stadtplaner Jan Gehl.

Was die nordischen Breitengrade können, sollte auch im wintermilden Wien kein Problem sein. Warum nicht aus der Not eine Chance machen, aus dem Winter ein Experiment, aus dem Stadtraum ein Ideenlabor? Wer weiß, vielleicht haben wir im März Lösungen, die mehr bieten als Party und Punschkonsum und auf Distanz zum grölenden Ischglismus gehen? Zwischen den Heizpilzen ist noch viel Platz für ein stilles Winter Wonderland in kühler Frischluft. Denn die Weihnachtsmärkte allein werden uns nicht trösten.

5. September 2020 Der Standard

Mr. and Mrs. Instagram

Das Salzburger Architekturbüro Studio Precht pfeift auf Wettbewerbe. Dafür investieren Chris und Fei Tang Precht in fiktive Projekte, die sie in Blogs und Onlineportalen veröffentlichen – und kommen so an ihre Auftraggeber. Ein Besuch in den Bergen.

Um zehn Uhr fährt der Bauer aufs Feld raus, in seinem Anhängertank das konzentrierte Glück seiner ganzen Kuh- und Ziegensippschaft. Sobald der Hahn aufgedreht wird und die Düsen ihre Arbeit aufnehmen, wälzt sich der säuerlich duftende Sprühnebel über die Maierwiesen bis direkt vor die Haustür von Studio Precht, und manchmal sogar hinein bis zum Besprechungstisch. „Wenn wir Besuch von Bauherren und Investoren bekommen, die bei uns mit Münchner oder Berliner Kennzeichen vorfahren“, sagt Chris Precht, „dann lieben die diesen Moment, dann sind die plötzlich ganz verzückt über die unmittelbare Authentizität des Salzburger Landlebens.“

Gemeinsam mit seiner Frau Fei Tang betriebt der 36-Jährige ein Architekturbüro, irgendwo oben auf den Hängen über der Salzach, dessen Vornamen und Gesichter in der Öffentlichkeit fast gänzlich unbekannt sind, doch dafür wird der Name Studio Precht von sämtlichen Blogs und Onlinemagazinen zwischen New York und Schanghai im regelmäßigen Rhythmus auf- und abdekliniert. Auf Dezeen, Designboom, Archdaily, Architizer, Archolivers, aber auch auf asiatischen Plattformen wie etwa Gooood oder Designwire sind dutzende Einträge und hunderte schöne Bilder zu sehen. Manchmal handelt es sich um realisierte Bauwerke, meist jedoch um fiktive Projekte an fiktiven Standorten für fiktive Kunden. Die Renderings sind eine Wucht.

Ein Baumhaus namens Bert

„Die meisten Architekten buttern wertvolle Arbeitszeit in offene, internationale Architekturwettbewerbe, und wenn man sich anschaut, wie viele Teilnehmer es bei so manchem Projekt gibt, dann grenzt die Arbeit mit hoher Wahrscheinlichkeit an Gratiskreativität mit null Aussicht auf Realisierung“, sagt Precht. So wie damals im Juni 2014, als beim Wettbewerb für das Guggenheim in Helsinki plötzlich mehr als 1700 Projektentwürfe eintrudelten. Das Projekt wurde gestoppt, das finnische Guggenheim in den historischen Äther verbannt.

„Wir machen es anders. Wir investieren unsere Gratisarbeit stattdessen in fiktive Bauaufgaben, von denen wir überzeugt sind, dass sie einen wertvollen baulichen, konstruktiven, konzeptionellen Beitrag für die Welt von morgen liefern können.“ Ein Bausystem aus Bambus beispielsweise, an dem man zwei Jahre lang entworfen, getüftelt und mit Experten aus Bali Workshops gemacht hat, bei dem man 700 Bambusrohre bestellt und im Garten anschließend dreidimensionale Verbindungen zusammengeknotet hat. Ein Baumhaus namens Bert etwa, das ausschaut, als hätte jemand einen 15 Meter hohen Baumstamm mit ein paar abgesägten Ästen in den Wald gestellt. Eine vertikale Farm aus dreidimensionalen Holzmodulen, die je nach Belieben zu einem grün wuchernden Skyscraper hochgestapelt werden kann.

„Wir veröffentlichen diese Projekte, die zwar keinen Bauherren und keinen Standort haben, dafür aber bis zur letzten Schraube durchkonzipiert und millimetergenau durchgeplant sind, auf Instagram und beschicken damit einige auserwählte Redaktionen“, sagt der Herr mit dem breiten Grinser, „und dann nimmt alles seinen Lauf.“ Eine Viertelmillion Abonnenten hat @chrisprecht auf seinem Instagram-Account, meist kommen innerhalb weniger Stunden Anfragen von Blogs und Magazinen aus aller Welt. Und wozu das Ganze? „Um potenzielle Kunden anzusprechen.“

Mit Erfolg. Gegründet wurde Studio Precht 2010 in Peking. Chris und Fei Tang lernten einander in der chinesischen Büroniederlassung von Graft Architects kennen, jenen Sonnyboys, die für Brad Pritt und andere Stars und Sternchen tätig sind, und machten sich mit einer 5000 Quadratmeter großen, temporären Installation in Xiangyang, Provinz Hubei, selbstständig. In den sieben Jahren bis zu ihrem Umzug nach Österreich bauten sie sich ein Büro mit 20 Mitarbeitern auf und wickelten rund 100 Projekte ab, ein Drittel davon wurde realisiert.

„Doch wir haben festgestellt, dass Glück nicht skalierbar ist, dass mit dem immer größer werdenden Büro lediglich die Bürokratie und die kaufmännischen Herausforderungen zunehmen, nicht aber unsere persönliche Zufriedenheit“, sagt Precht. „Also haben wir das Büro aufgelöst, haben die Koffer gepackt und sind nach Österreich gezogen.“ Zwei Festangestellte haben die beiden heute – und die Qual der Wahl, welchen Projekten sie eine Abfuhr erteilen. „Im Leben als Architekt gibt es zwei Phasen. Jene, in der man immer Ja sagen muss, und jene, in der man beginnt, Nein zu sagen.“ Aufgrund der großen internationalen Publicity ist Studio Precht seit einigen bereits Jahren in Phase zwei.

Offene Wettbewerbe? Nix da!

Viele, viele Bauherren haben sich von der Magie der gerenderten Bilder und feinsäuberlich durchdetaillierten Projekte verzaubern lassen – darunter etwa ein Berliner Investor, der in Toronto ein Wohnhochhaus errichten will, ein indischer Hotelier, der in Hyderabad ein grünes Hilton bauen mag, Familie Reitbauer, die im Steirereck am Pogusch sechs Baumhäuser hinstellen möchte. Toronto ist on hold, Spatenstich Hyderabad ist im kommenden Frühjahr, am Pogusch sollen die Bauarbeiten im Oktober starten. Hinzu kommen diverse Shops, Lokale und Interiorprojekte, etwa ein Farm-to-Table-Restaurant in Riad, Saudi-Arabien, oder mobile Kiosks für die japanische Kette % Arabica in Schanghai, Hongkong, Bangkok, Dubai und Sofia.

„Unser Portfolio ist ganz klar strukturiert“, sagt Precht. „Auf der einen Seite haben wir klassische Auftragsarbeiten wie etwa Einfamilienhäuser, Wohnbauten und Hotelprojekte in der Umgebung. Auf der anderen Seite haben wir unsere selbst initiierten Träume und Visionen, die wir als Forschungs- und Vermarktungsmittel einsetzen. Das ist unser Kapital. Und ja, nicht alle, aber manche davon schaffen den Weg in die Realität.“ Nur eines ist im Studio Precht ein rotes Tuch. Offene Wettbewerbe. „Nie wieder!“

Elf Uhr. Das Telefon läutet. Das Interview muss für ein paar Minuten unterbrochen werden. „Entschuldige bitte, das muss ich annehmen.“ Am anderen Ende ist Edi Rama, Ministerpräsident von Albanien, eine Anfrage für ein Projekt in der Nähe von Tirana. Vielleicht wird Herr Rama ja bald Salzburger Berg- und Kuhluft schnuppern.

22. August 2020 Der Standard

Auf der anderen Seite der Mattscheibe

Wie plant man ein TV-Studio? Welche Regeln gelten im virtuellen Raum? Und warum dreht sich im neuen Studio von Servus TV die Moderatorin im Kreis? Zu Besuch im jüngsten Projekt der Wiener Architekten Veech X Veech.

Es ist 19.20 Uhr. Der News-Jingle wie jeden Abend. Die Einspielung der wichtigsten Themen aus aller Welt. Reisewarnung für Kroatien, Urlauber sollen heimkommen, US-Außenminister Pompeo in Wien. Und dann die Kamerafahrt quer durchs Studio, von rechts nach links im Uhrzeigersinn, beginnend mit einer Totalen, Servus Nachrichten , eine digitale Einblendung in leuchtenden Versalien, scheinbar über dem Rednerpult schwebend, ein Zoom in die Mitte des Studios, und dann in einer Einstellung von Kopf bis Knie endend, in einer sogenannten Amerikanischen, der Schwenk auf die heutige Moderatorin, Katrin Prähauser: „Schönen guten Abend!“

In den nächsten 15 Minuten bleibt nichts dem Zufall überlassen. Jede Anmoderation, jeder Kommentar, jede Begrüßung potenzieller Studiogäste, die Übergabe an Wetterfrosch Matthias Merkel zwölf Minuten nach Sendungsbeginn, ja sogar das Ende der Sendung mit dem scheinbar informellen Verlassen des Moderationsplatzes ist optisch und technisch perfekt durchchoreografiert. Dass sich im neuen TV-Studio von Servus TV in Mateschitz’ Medienimperium kein einziger Kameramann mehr aufhält und die Moderatorin in einem fast menschenleeren Raum arbeitet, ist für den Zuschauer im Wohnzimmer nicht zu erfassen.

Per Knopfdruck auf Sendung

„Früher stand hinter jeder Kamera ein Kameramann, und man war in ständigem Blickkontakt zueinander“, sagt Katrin Prähauser im Interview mit dem ΔTANDARD „Heute fahren die Kameras von alleine, und der Kameramann sitzt im Regieraum, wo er nur noch Feinjustierungen aus der Ferne vornimmt. Die einzigen Leute im Studio sind der Lichttechniker, der Aufnahmeleiter und die Visagistin. Es war eine vollkommen neue Studiosituation, auf die man sich erst einstellen musste. Aber dafür können wir – quasi per Knopfdruck – jederzeit auf Sendung gehen und liefern gleichbleibende Qualität.“

Hinter dem neuen Studio neben der Salzburger Red-Bull-Arena, das nach Auskunft von Servus TV und seiner Planer zu den derzeit modernsten TV-Studios der Welt zählt, steckt das Wiener Architekturbüro Veech X Veech. In der allgemeinen Öffentlichkeit kaum bekannt, zählen Stuart A. Veech aus Chicago und Mascha Veech-Kosmatschof aus Moskau zu den wenigen Experten weltweit, die sich auf die Gestaltung von Newsrooms und ganzer Rundfunk-Zentralen spezialisiert haben. Broadcast-Enviromnent nennt sich das im Fachjargon. Das neue Studio von Servus TV, das im Februar, nur wenige Wochen vor dem Corona-Lockdown, in Betrieb genommen wurde, ist nach Projekten für den ORF und für den arabischen Sender Al Jazeera mit Studios in Doha und im Londoner Shard Tower der jüngste Wurf von Veech X Veech.

„Klassisch betrachtet ist Architektur die Gestaltung unserer realen Wohn- und Lebensräume“, sagen die beiden. „Doch im Zeitalter der Digitalisierung und immer neuerer Kommunikationstechnologien verlagert sich unser Aufgabenfeld mehr und mehr in die virtuelle Welt.“ Die Gestaltung von Medienräumen ist dabei eine besonders komplexe Bauaufgabe – gilt es doch, Licht, Akustik und Medientechnik unter zeitlich und räumlich beengten Verhältnissen aufeinander abzustimmen und in eine architektonisch passende und für die breite Masse ansprechende Form zu gießen.

„Wie verhalten sich matte und glänzende Oberflächen im digital übertragenen Bild? Welche Spiegelungen sind visuell anregend, und welche sollte man lieber vermeiden? Und wie stimmt man Licht, Geometrien und Oberflächenmaterialien aufeinander ab, sodass es in der Wiedergabe der Bilder bei Spiegelungen und Überlagerungen gewisser Strukturen nicht zu Verfremdungen von Lichtfarbe und Lichttemperatur kommt? „All das“, sagt Stuart A. Veech, „müssen wir in der Planung millimetergenau berücksichtigen.“

Globus, Auto, Hohensalzburg

Dass es sich tatsächlich um Arbeit im Millimeterbereich handelt, beweist ein Blick auf die beiden LED-Videowalls im Hintergrund der Moderatorin, auf denen in den Sport- und Nachrichten-Sendungen sowie in den unterschiedlichen Talk-Formaten in den Abendstunden sogenannte Hintersetzerbilder gezeigt werden – mal ein dramatischer Globus, mal ein verschwommenes Formel-1-Auto, mal ein mozartkugelsüßer Blick auf die Festung Hohensalzburg. Damit es zwischen den beiden mobilen LED-Walls im Vordergrund und der großen, gekrümmten LED-Wall im Hintergrund aufgrund der Spiegelungen nicht zu ungewollten Moiré-Effekten kommt, wurden die LED-Pixel mit 1,2 und 1,5 Millimeter Durchmesser unterschiedlich groß dimensioniert.

„Woher man so was weiß? Harte Arbeit, viele Simulationen und jahrelange Erfahrungswerte“, sagt Veech. Für das 130 Quadratmeter große TV-Studio in Salzburg wurde zwischen Planungsende und Baubeginn sogar ein Mock-up im Maßstab 1:1 aufgebaut, um die räumliche Wirkung und die Geisterfahrten der vollautomatischen Robocams auf Herz und Nieren zu prüfen – bevor es finanziell ernst wird, aber darüber spricht man im Hause Red Bull nicht. Positives Ergebnis, grünes Licht für die Realisierung.

„Eine absolute Neuerung, die es in dieser Form noch nirgendwo gibt“, meint Alexander Guntersdorfer, Regisseur im neuen Studio, „ist das drehbare Moderationspult in der Mitte des Raumes. Die Kameras haben vorgegebene Fahrwege, durch die Drehung aber können wir den Moderator und die Studiogäste mal näher an die Linse bringen, mal etwas weiter in den Hintergrund drehen. Vor allem aber erlaubt uns die drehbare Bühne, mit nur einem Studio sehr viele unterschiedliche Konstellationen abzudecken.“ Das Spektrum reicht von Moderationen über Experteninterviews bis hin zu kleinen Talkrunden, sitzend, stehend, langsam sich im Kreise drehend.

„Der neueste Trend“, sagt Stuart A. Veech, der bereits an neuen TV-Projekten für TV Nova in Prag, für die BTV Media Group in Sofia sowie für einen deutschen Privatsender arbeitet, „sind TV-Studios mit Tageslicht und Bezug zum Außenraum. Hier kommen wegen der unterschiedlichen Wellenlängen zwischen künstlichem und natürlichem Licht noch riesige Herausforderungen auf uns zu.“ Doch auch diese technischen Probleme, sagt der Architekt, von Betriebsgeheimnissen sprechend, sind in den Griff zu kriegen. Es ist 19.34 Uhr. Katrin Prähauser: „Ihnen noch einen schönen Abend und auf Wiedersehen!“

1. August 2020 Der Standard

Das ist der Homo Urbanus

Mit dem Film-Dekathlon „Homo Urbanus“ ist den französischen Filmemachern Ila Bêka und Louise Lemoine ein wortloses Meisterwerk gelungen. Einblicke in die Alltagskultur zehn global bekannter Städte.

Perücke, Elfenohren, düster geschminkte Augen, Peace bis in die Fingerspitzen und über den Schultern ein textiles Hybrid aus Schulmädchen und Marineoffizier. So sieht er aus, der Homo Urbanus Tokyoitus. Der Homo Urbanus Shanghaianus wiederum sitzt auf einem Stuhl auf dem Gehsteig, vor ihm ein Spiegel um den Laternenmast gebunden, und bekommt gerade die Haare geschoren. Und der Homo Urbanus Rabatius liegt mit seinen Menschenkollegen mit Vorliebe auf der Hafenmole und trocknet seinen Körper, bevor er von anderen, weniger freundlichen Menschenkollegen ein paar Minuten später an Armen und Beinen geschnappt und in den Atlantik geschmissen wird.

Die Filmserie Homo Urbanus der beiden französischen Filmemacher Ila Bêka und Louise Lemoine ist alles andere als eine didaktische Analyse über die globale Lebenskultur im urbanen Raum. Sie ist vielmehr eine emotionale, feinstoffliche Collage aus Blicken und Momenten, eingefangen in zehn Städten weltweit, die mit großem Schmunzeln und herzerwärmender Neugier unterschiedliche Charakteristika urbaner Koexistenz sichtbar macht – vom grauen St. Petersburg im klirrend kalten Winter bis zum hitzebrütenden Doha, wo die im Film porträtierten Protagonisten mit größter Anstrengung die Lebensdauer jedes einzelnen Grashalms zu verlängern trachten.

Eine Ode an die Differenz

„Wir haben keinerlei wissenschaftlichen Anspruch, wir wollen die Dinge einfach nur so zeigen, wie sie sind“, sagt Louise Lemoine im Interview mit dem Standard, „charmant, chaotisch und manchmal auch haarsträubend irrational.“ Unter den bislang 30 Architektur- und Stadtdokumentationen finden vor allem ungeahnte, zum Teil liebevoll voyeuristische Blicke hinter die Kulissen des Bauens und Benützens von Bauwerken, dargestellt aus der Sicht von Putzfrauen, Kanalarbeitern und Feuerwehrmännern. „Unsere Filme sind niederschwellige Liebeserklärungen an die Differenz von Mensch, Stadt und Kultur. Sie richten sich an jeden, der gerne beobachtet und Details entdeckt.“

Zwischen Sakura und Vespa

Homo Urbanus, Resultat von drei Jahren Dreharbeit auf vier Kontinenten, nahm seinen Lauf auf der Agora-Biennale 2017 in Bordeaux. Seit letztem Monat, mit allen sichtbaren Spuren der globalen Corona-Pandemie gespickt, ist der letzte Film im Kasten. Aktuell ist das rund zehnstündige Werk – eine reine Videoausstellung ohne Plan, ohne Fotografie, ohne Architekturmodell – im Architekturzentrum Arc en Rêve in Bordeaux zu sehen. Im Herbst wird man die Filmserie im Rahmen der Ausstellung Living the City im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof genießen können.

Manche der insgesamt 571 Minuten sind dokumentarische Bestätigungen bereits bekannter Bilder. Etwa wenn der Homo Venetianus mit Koffern, Einkaufstaschen und neonpinken Überschuhen gegen die Acqua Alta am Markusplatz ankämpft. Wenn der Homo Kyotoitus inmitten von zartrosa Kirschblüten seine Picknickdecke ausbreitet und die alljährliche Sakura feiert. Oder wenn der Homo Neapolitanus mit der Vespa zwischen Kinderwagen hindurchmanövriert und wenig später die Füße einer traurigen Marienstatue küsst.

Andere Bildstrecken wiederum – und das macht Homo Urbanus zum sowohl wertvollen Filmdokument als auch sinnvollen Substitut für die heuer definitiv nicht stattfindende Fernreise – erzählen neue Details an der Schnittstelle zwischen Habitus und Mentalität: Wie geht man in Bogotá mitten in der Rushhour mit einem fehlenden Gullydeckel auf der Straßenkreuzung um? Wie werden in Seoul riesige Mengen von Schuhen und Klamotten durch die Gänge enger Indoormärkte transportiert? Und wie schafft man es in Schanghai, frischgewaschene Bettlaken zwischen parkenden Autos zum Trocknen auszubreiten?

„Es ist faszinierend, wie die Menschheit imstande ist, sich unterschiedlichen Kulturen und unterzuordnen und ihre ganz eigenen urbanen Codes zu entwickeln“, sagt Louise Lemoine, die mit ihrem Partner Ila Bêka an der Architectural Association (AA) in London unterrichtet. „Man ist kreativ, passt sich an und erfindet sich von Ort zu Ort neu.“ In den Filmen, die keinerlei Dialoge oder Off-Kommentare beinhalten, sucht man vergeblich nach Wertungen. Im Fokus liegt die „Poesie des Alltags“, wie dies die beiden Filmemacher ausdrücken.

Der andere Canal Grande

Einzig in Doha, Hauptstadt von Katar, sommerliche Höchstwerte jenseits der 45 Grad Celsius, schwingt zwischen den Szenen eine nonverbale, fast schon zermürbend zynische Kritik mit. Asiatische und afrikanische Gastarbeiter wässern den Rasen und reinigen die Straßen von herbeigewehtem Sand, als wollte man die Launen der Natur besiegen können. Wenn im künstlich angeschütteten Venedig und Pseudo-Murano wenig später italienische Klänge aus den Lautsprechern dringen, hier die Rialto-Brücke, dort eine elektrische Gondel, keine Menschenseele weit und breit, dann möchte man lachen und weinen zugleich. Louise Lemoine: „Die soziale Bühne namens Stadt hat eben viele Facetten.“

„Homo Urbanus. 10 films et 10 villes du monde“, im Architekturzentrum Arc en Rêve, Bordeaux. Zu sehen bis 11. Oktober 2020.

20. Juni 2020 Der Standard

Von Ecken und Engeln

Raimund Abraham war ein Zerrissener zwischen dem Willen zu bauen und dem Wunsch zu träumen. Letzterem widmet das Museum für angewandte Kunst eine Ausstellung: Architektur in Skizzen und Collagen.

Er setzte sich in den Fauteuil, blickte etwas schroff unter seiner Hutkrempe hervor und machte einen paffenden Zug mit seiner Zigarre. „Also, dann stellen Sie halt Ihre Fragen!“ Nach ein paar Minuten dann der erste große Widerspruch. „Nein, das sehe ich nicht so. Ich behaupte, dass Architektur nicht unbedingt gebaut werden muss. Papier, Bleistift und die reine Sehnsucht nach dem Raum reichen vollkommen aus, um Architektur zu machen. Das Bauen ist eigentlich nur der letzte Schritt im Prozess, das Gezeichnete zu übersetzen und die physische Benutzbarkeit zu ermöglichen. Man kann darauf aber auch gut verzichten.“

Genau diesem Herrn, der sich in der Öffentlichkeit mit stets grantigem Blick zeigte und nicht davor zurückscheute, die Architektenschaft lauthals zu beschimpfen und zu verfluchen, widmet das Museum für angewandte Kunst (Mak) nun seine erste Post-Corona-Ausstellung. Angles and Angels, wie die von Bärbel Vischer kuratierte Schau im Kunstblättersaal so eckig und engelhaft zugleich genannt wird, lässt die wenigen realisierten Bauwerke von Raimund Abraham nahezu links liegen, verzichtet auf Fotos und realistische Darstellungen und konzentriert sich stattdessen voll und ganz auf Abrahams wichtigstes Kommunikationswerkzeug – auf die Skizze, auf die Collage, auf die mitunter mannshohe, akribisch durchaxonometrierte Schnittzeichnung.

Abraham, 1933 in Lienz geboren, 2010 bei einem Verkehrsunfall in Los Angeles tödlich verunglückt, gehört trotz seiner wenigen realisierten Bauwerke zu den wichtigsten österreichischen Architekten des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Rudolf M. Schindler, Richard Neutra und Friedrich Kiesler zählt er zu jener Generation, die Österreich den Rücken kehrte, um sich im Amerika der Sechzigerjahre, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, eine Existenz ohne Zwänge und Einschränkungen aufzubauen. Er leitete ein eigenes Architekturbüro, unterrichtete an mehreren Hochschulen und führte ein hedonistisches Leben in New York, Los Angeles und Mazunte am mexikanischen Pazifik.

Demut vor der Natur

Was sofort auffällt: Während Abrahams spätes Werk vor allem eine Huldigung an Metrik, Materialität und Maschinenästhetik ist, die 2001 im 85 Meter hohen Austrian Cultural Forum in New York gipfelte, wirken seine frühen Skizzen, die den Schwerpunkt der Mak-Ausstellung bilden, wie die utopischen Träume von Hans Hollein, Archigram und Coop Himmelb(l)au. Da werden Bälle in der Landschaft platziert, da werden städtische Infrastrukturen in einer schlauchartig um sich greifenden Megabridge gebündelt, da werden die Funktionen des Bauens und Wohnens prototypisch auf ein einziges, kugelrundes Universal House reduziert.

„Nur die Augen sind in der Lage, unbekannte Landschaften zu durchdringen, Täler von verwundeten Bergen, trockene Ebenen, Wasserfälle aus flüssigem Erz, versteinerte Träume, die den Albträumen des Erbauers von bröckelnden, zu Staub zerfallenen Mauern zu entfliehen suchen“, schreibt Raimund Abraham 2001 in seinem Manifest Eyes Digging, als würden seine Augen das Vorgefundene durchsuchen und durchgraben wollen. „Kann ich jemals die Fesseln meines Schicksals aufbrechen, der ich zerrissen bin zwischen dem Willen zu bauen und dem Wunsch zu träumen?“

Genau in diesen träumenden Worten, sagt Christoph Thun-Hohenstein, einst Bauherr und Leiter des Austrian Cultural Forum in New York, heute Direktor des Mak, merke man Abrahams Philosophie und Demut vor der Natur. „Für Abraham ist jedes Gebäude ein gewaltiger Eingriff in die Natur. Er war der Meinung: Wenn man die Landschaft schon verletzt, dann muss das Gebaute umso besser, umso stärker sein, denn nur dann könne sich das Gebäude mit der Landschaft wieder versöhnen. Diese Balance herzustellen, meinte er, ist die Verantwortung jedes Architekten.“

Mit diesem Überbau versteht man nicht nur Abrahams Thesen und Manifeste, sondern begreift auch seine mal eckig aggressiven, mal vorsichtigen Striche. Im House with Curtains (1971) überlässt der Architekt die ultimative Formgestaltung dem Wind. Das House with Two Halves (1972), das er seinem Freund Walter Pichler widmete, ähnelt einem entzweiten Brotlaib, der sich respektvoll in die Erde gräbt. Und vor dem House with Flower Walls (1972) ist man als Betrachter ganz überrascht, wie dünn und fein die Bleichstrichskizze der Architektur ausfällt, wohingegen die kräftig rot kolorierten Blumenstränge und Wurzeln die Mauern wie blutdurchströmte Venen und Adern penetrieren.

Architekturen als Feste

Doch nicht alle teilen die Ansicht, dass Abraham stets mit Respekt und Vorsicht gegenüber der Natur gearbeitet habe. „Das war ein eigensinniger und manchmal auch ziemlich brutaler Architekt, den ich gerne zu den österreichischen Beton-Fundamentalisten zähle“, sagt Wolf Prix, Mastermind von Coop Himmelb(l)au, der 2005 anlässlich der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien die Laudatio auf seinen Freund und Kollegen Raimund Abraham hielt. „Ich schätze sein Talent, er war formal sehr begabt, aber mit Vorsicht hat das alles nicht viel zu tun.“ Wie brutal Abraham in Gedanken baute, zeigen seine in der Ausstellung präsentierten Entwürfe für städtebauliche Wohnquartiere in Venedig – ein Projekt, das glücklicherweise nie zur Realisierung angedacht war.

Und so scheiden sich, auch noch zehn Jahre nach Abrahams Tod, die Geister. In seiner Laudatio bezeichnete ihn Wolf Prix als „nicht den Architekten der schnellen Zukunft, sondern jenen einer dauerhaften Zukunft. Seine Architekturen sind Feste!“ Die Kuratorin Bärbel Vischer entdeckt in seinen Zeichnungen eine Sensibilität und Individualität des Bauens und Entwerfens, die in der heutigen CAD-Kultur längst verlorengegangen ist. Und Mak-Direktor Christoph Thun-Hohenstein sieht im Studium von Abrahams Werk eine Rückbesinnung auf wertvolle Fragen: „Wo stehen wir? Wovon träumen wir? Und welche Form von Fortschritt wollen wir haben?“ Gerade jetzt könnten die Antworten anders ausfallen als noch vor wenigen Wochen.

„Raimund Abraham. Angles and Angels“, zu sehen bis 18. Oktober 2020 im Mak. Im Rahmen der Ausstellung wird auch der Film „Scenes from the Life of Raimund Abraham“ (USA 2013, 365 Min.) von Jonas Mekas gezeigt: 25. August sowie 5., 22. und 26. September.

8. Juni 2020 deutsche bauzeitung

Happy Hour

Baugruppenprojekt Gleis 21 in Wien (A)

Hinter dem neuen Wiener Hauptbahnhof stehen viele uninspirierte Wohnkisten von gemeinnützigen und freifinanzierten Bauträgern. Im einheitlichen Häusermeer fällt ein Wohnprojekt jedoch erfreulich aus der Reihe: Das »Gleis 21« von einszueins architektur setzt Lebenslust eins zu eins in Baukultur um. Unser Wien-Korrespondent hat es bei einem seiner Stadtspaziergänge eingehend für uns erkundet.

Die Cafés und Restaurants sind seit Wochen geschlossen, auch hier im Sonnwendviertel hinter dem neuen Wiener Hauptbahnhof, wo in den letzten Jahren auf dem Areal der ehemaligen Fracht- und Verschubgleise ein ganzes Stadtviertel für fast 20 000 Einwohner aus dem Boden gestampft wurde. Die Gassen, Straßen, Fußgängerzonen wirken ausgestorben, wie dieser Tage fast überall auf der Welt. »Hinsetzen darfst dich nicht, aber zum Mitnehmen und Spazierengehen kann ich Dir gern ein frisches Semmerl mit Ziegenkäse ­machen, wennst magst«, sagt Sabine Anreiter, vor ihr eine Theke voller Köstlichkeiten aus Tirol, Kärnten, Oberösterreich. Der Greißlerladen »Bio Mio« in der Bloch-Bauer-Promenade ist nicht nur ein schönes, wohlriechendes Geschäftchen, sondern auch ein Ersatz für den Kaffeehaus-Tratsch, für das sogenannte Plauscherl.

»Weißt, ich wohne und arbeite im gleichen Bezirk, zehn Gehminuten voneinander entfernt«, sagt die 58-Jährige, »aber zwischen meinem Wohnort und meiner Arbeitsstätte liegen Welten. Man geht ein paar Blocks und ist plötzlich in einer vollkommen neuen Stadt. Im alten Favoriten leben viele Migranten, es geht wild und chaotisch zu. Im neuen Favoriten aber verwirklicht sich die gehobene Mittelschicht, bestehend aus Lehrern, Journalisten und Akademikern, und baut sich ihr kleines, feines Paradies. Noch fehlt mir die Lebendigkeit. Aber dafür bin ich beeindruckt, wie gut sich die Menschen hier vernetzen. Es ist, als würde über der Stadt, wie in einem kleinen Dorf, ein unsichtbares Spinnennetz von privaten und beruflichen Kooperationen liegen.«

Erfreulicher Einzelgänger

Ein Produkt genau solch feinmaschiger Netzwerkarbeit liegt wenige Meter weiter stadtauswärts. Am Nachbargrundstück befindet sich ein für diese Gegend untypisches Wohnhaus, das aus dem Häusermeer aus schicken, reduzierten, minimalistischen Einheitswohnbauten in Architekturweiß und Architekturgrau heraussticht: Das sogenannte Gleis 21, Produkt einer 66-köpfigen Baugruppe, macht mit seinem kanariengelben Sockel, seiner warmen Holzfassade, seinen blauen und türkisen Fenstern und seinem irgendwie zusammengestrickten Laubengang aus Sichtbeton und verzinktem Stahl auf den ersten Blick schon gute Laune.

»Der offene Laubengang ist wirklich etwas rough«, sagt Patrick Herold, der mit seiner Frau Birgit und dem zweijährigen Sohn Leo im ersten Stock wohnt, eine Eckwohnung am freistehenden Treppenhaus, ein Gespräch zwischen Straße und Balkon wie dereinst zwischen Romeo und Julia. »Aber dafür bietet er viel Fläche und Flexibilität. Der Gang ist so breit, dass man ihn selbst fast schon als eine Form solidarischen Wohnens bezeichnen könnte. Manche ­Bewohner parken hier ihre Kinderwagen, andere haben ein kleines Sofa draußen stehen, und es gibt sogar Leute, die am Abend ihren Esstisch hinausstellen und ihre Nachbarn auf ein paar Tapas einladen.« Nach einer Weile dann, keine Essenseinladung zwar, aber immerhin: »Magst raufkommen und dich etwas umschauen? Ich mach dir auf!« ›

Planen in der Baugruppe

Gleis 21, ein Kooperationsprojekt des Bauträgers Schwarzatal, des Kärntner Holzbauunternehmens Weissenseer und des auf Baugruppen und Partizipationsprojekte spezialisierten Wiener Architekturbüros einszueins, ist ein Holzhybridbau mit 34 Wohnungen auf insgesamt 4 000 m² Nutzfläche. Außerdem gibt es Bibliothek, Werkstatt, Saunahaus, Fitnessraum, eine großzügig verglaste Waschküche, eine Gemeinschaftsküche auf dem Dach, eine private Musikschule im Souterrain, ein paar anmietbare Mini-Apartments für Gäste und Flüchtlinge sowie ein leider noch schlummerndes Restaurant, für das man noch einen Betreiber sucht. Besonders stolz sind die Bewohner – 46 Erwachsene, 20 Kinder – auf den großen Veranstaltungssaal im EG, der u. a. vom Wiener Stadtkino bespielt und vom berühmten Burgtheater als Dependance und Off-Space genutzt wird. Vor der Corona-Krise gab es Lesungen, Filmvorführungen, Tanzveranstaltungen, zuletzt ein komplett ausverkauftes Jazzkonzert.

»Sowohl in der Planungsphase als auch jetzt im Betrieb«, sagt Patrick, »war die gesamte Baugruppe in kleine Projektgruppen unterteilt. Die einen haben sich um die Farben und Materialien gekümmert, die anderen um die Konzeption der Gemeinschaftsflächen, wiederum andere um das wirtschaftliche Finanzierungs- und Betriebsmodell.« Auch heute noch ist jeder erwachsene Hausbewohner angehalten, zehn bis 15 Stunden pro Monat in die Hausgemeinschaft zu investieren – so z. B. in die Vermietung und Bespielung des Veranstaltungssaals sowie in die Pflege der projekteigenen Webseite.

»Arbeitsstunde, haben wir uns gedacht, würde so ernst und mühsam klingen. Daher sprechen wir lieber von Happy Hour. Das passt gut zum Happy Feeling dieses Hauses.«
Auch die Architekten selbst, inzwischen zu regelrechten Meistern soziokratischer Baugruppen-Moderation herangereift, erinnern sich mit größtem Vergnügen an die Planungszeit zurück. »Der Aufwand ist enorm, und manchmal braucht man Nerven wie Stahlseile«, sagt Projektleiterin Annegret Haider. »Aber am Ende kriegt man mehr Energie zurück als man investiert hat. Die Zufriedenheit derer, für die man plant, ist eine der schönsten Befriedigungen, die man als Architektin erleben kann.« Die langjährige Erfahrung zeigt, dass die Wohnzufriedenheit in Baugruppenhäusern deutlich höher ist als in klassischen Miet- und Eigentumswohnungen, die am Markt erhältlich sind. Für die Projekte von einszueins, so hört man, so liest man, trifft das insbesondere zu.

»Das Schöne ist«, sagt Architekt Markus Zilker, einer von insgesamt drei Partnern im Büro, »dass wir mit Menschen arbeiten, die Wohnen nicht nur als Ware, sondern in erster Linie als sozialen Raum und als Lebenskultur verstehen. Das schlägt sich natürlich auch in der architektonischen Gestaltung, in den unterschiedlichen Nutzungselementen sowie im Einsatz von materiellen Ressourcen nieder. Einer der wichtigsten Eckpfeiler dieses Projekts von der allerersten Stunde an war die Entscheidung, dass das Haus konstruktiv und atmosphärisch als Holzbau bzw. Holzhybridbau errichtet werden soll.«
Die Wahl fiel auf einen massiven, vertikalen Betonkern, in dem die Küchen, Sanitärräume und aussteifenden Scheiben untergebracht sind sowie auf Geschossdecken und Fassaden aus vorgefertigten Holzmodulen. Das Anschlussdetail von Holzverbunddecke und Betonlaubengang mittels Isokorb, erzählt Zilker, war eine technische Entwicklung von einszueins und Weissenseer und kam in dieser Form weltweit erstmals zum Einsatz. Andere konstruktive Details hingegen, so wie etwa die Anschlusspunkte zwischen Unterzug, Geländer und Entwässerungsmaßnahmen würden eher den Weg in die Fibel der Herzen als ins Bauhandbuch für Ingenieure finden.

Noch einmal drei Stockwerke in die Höhe. Die luftige Erschließung macht die Begehung nicht nur coronatauglich, sondern sorgt auch für ein gewisses Urlaubsflair: Fahrräder, Blumenkästen, hölzerne Kisten mit selbstgenähten Sitzkissen. Und immer wieder stehen die Fenster offen, die Menschen in ihren Küchen, ein Hallo aus der Tiefe des Raums. Im letzten Stock, direkt unter der kollektiven Dachbibliothek wohnt der Wiener Radio- und Zeitungsjournalist Michael Kerbler.

»Das Gleis 21 wird nicht jedem gefallen«, sagt er. »Muss es aber auch nicht. Diejenigen, die genauer hinsehen, werden darin nicht nur ein fröhliches, berührendes Wohnhaus für 64 Individualisten und Gemeinschaftsmenschen erkennen, sondern auch die Erkenntnis haben, dass Architektur gleichermaßen aus materieller Hardware und sozialer Software besteht. Das Gleichgewicht der Kräfte in diesem Projekt ist einfach perfekt. Kann schon sein, dass sie mich hier im Holzpyjama raustragen werden. Aber jetzt geht es mal darum anzukommen, sich ein neues Grätzel anzueignen und ein Stückerl Stadt in den nächsten Jahren ordentlich zu beleben. Es ist viel zu tun. Warst schon ­unten beim Bio Mio?«

30. Mai 2020 Der Standard

Der Seeteufel von Mariahilf

Die Baustelle ist fast abgeschlossen, seit letzter Woche ist der Wasserzoo wieder in Betrieb. Der Zubau zum Haus des Meeres ist ein Produkt von Beratungsresistenz und unsensibler Bestellqualität auf Bauherrenseite.

Der Lophius piscatorius, auch Seeteufel genannt, ist keineswegs schön anzusehen. Er hat einen flachen, aalglatten, schuppenlosen Körper und einen breiten Kopf mit weit aufgerissenem Maul. Und er ist groß, ziemlich groß sogar. Ausgewachsene Exemplare können bis zu zwei Meter lang und 50 Kilogramm schwer werden. Ein ziemliches Trumm also. Kommende Woche, sagt Daniel Abed-Navandi, leitender Meeresbiologie am Haus des Meeres (HdM), werde man einen Seeteufel aus Valencia erhalten. Der Aqua-Terra-Zoo im Flakturm Esterházypark bekommt eine neue Attraktion.

Der sechste Bezirk, mitten im Herzen Mariahilfs, hat seine Attraktion bereits in den letzten Monaten verpasst bekommen. Seit den Fünfzigerjahren schon, damals noch als Provisorium gedacht, wird der ehemalige Feuerleitturm als Meeresmuseum genutzt. Mit dem gläsernen Rucksack-Zubau von Wilhelm Holzbauer, im HdM-Jargon liebevoll „Nase“ genannt, nahm der Untergang seinen Lauf. Es folgten eine Nasenkopie an der Ostseite, eine Boulderwand, ein Fluchtstiegenhaus, eine Restaurant-Aufstockung sowie nun, in den letzten Monaten errichtet, ein turmhoher Zubau, der sich „wie einst der Uhrturmschatten an den Grazer Uhrturm“ (O-Ton Stadt Wien) an den Flakturm schmiegt.

Nach knapp zwei Jahren Bauzeit entpuppt sich das um 3500 Quadratmeter erweiterte Haus des Meeres, was Architektur, Ortsbildverträglichkeit und vor allem den Umgang mit dem historischen Bestand betrifft, als baukulturelle Katastrophe. Journalistenkollegen anderer Medien haben das HdM mit einem „Autohaus in Bukarest“ und mit einer „Faschingsmaske mit Ohren“ verglichen und sprechen von einem „monströsen Körper“, der sich so massiv vor den Bestand schiebt, „dass man glauben könnte, der Flakturm hätte sich in Luft aufgelöst“. Doch um Eckhäuser tragischer noch als das Resultat dieser Baubegebenheit ist der Prozess. Der Seeteufel steckt im Detail.

„Nachdem es sich um ein so wichtiges Gebäude in so prominenter Lage handelt, haben wir dem Bauherrn gleich zu Beginn empfohlen, einen Wettbewerb auszuschreiben“, erinnern sich Andreas Machalek von Pumar Architekten und Ludwig Starz von Looping Architecture. „Das hat er abgelehnt. Zudem war das Korsett so eng, das Raum- und Funktionsprogramm so umfassend und die Schnittstellen mit anderen Planern und Gewerken in den Ausstellungsräumen, im Veranstaltungssaal und im Restaurant so undurchsichtig, dass wir ehrlich gesagt nur wenig Spielraum hatten. Das ist gewiss nicht unser stärkstes Projekt, aber im Rahmen der Möglichkeiten haben wir beste Arbeit geleistet.“

Auch die Stadt Wien, Abteilung Architektur und Stadtgestaltung, hat dem Bauherrn des Öfteren einen Wettbewerb ans Herz gelegt. „Jahrelang wurde das Haus des Meeres stückchenweise erweitert“, erklärt Abteilungsleiter Franz Kobermaier. „Jetzt wäre es an der Zeit gewesen, das Bauwerk in einem kompetitiven Prozess einem Gesamtkonzept zu unterziehen und eine optimale architektonische und stadträumliche Lösung zu finden. Bei aller Liebe zur Baukultur, aber ohne Umwidmungsverfahren können wir niemanden zu einem Wettbewerb zwingen.“

Eine enge Freundschaft

Dazu muss man wissen: Der Flakturm im Esterházypark steht nicht unter Denkmal- oder Ensembleschutz, hinter der Bauherrenschaft verbirgt sich keine öffentliche Institution, sondern ein privater Betreiber, und seitdem das Haus 2015 von der Stadt Wien für einen symbolischen Euro an ebenjenen verkauft wurde, hat auch die öffentliche Hand jedes Mitspracherecht daran verloren. Eine unglückliche Verkettung unglücklicher Umstände.

Nicht einmal der Fachbeirat für Stadtplanung und Stadtentwicklung konnte sich mit seiner Expertise und seiner wiederholten Forderung nach einem Wettbewerbsverfahren einbringen, denn als er die letztgültigen Pläne 2018 zur Begutachtung vorgelegt bekam, war das Projekt im Bezirksausschuss längst schon positiv beurteilt und befand sich bereits in der Einreichphase. „Wir sind ein empfehlendes Gremium, das sehr darum bemüht war, die für uns essenziellen Qualitäten einzufordern“, sagt Beiratsvorsitzende Elke Delugan-Meissl. „Doch leider haben die Rahmenbedingungen dies kurz vor Baustart nicht mehr zugelassen. Bei einem Projekt mit dieser Präsenz im Stadtgefüge ist das doppelt schmerzlich. Eine vergebene Chance!“ Friedrich Dahm indes, Wiener Landeskonservator im Österreichischen Bundesdenkmalamt und ebenfalls Mitglied der Jury, in seiner Stimme sickert ein Hauch Verzweiflung durch: „Ich kann und will mich zu diesem Projekt nicht äußern.“

Aus mehreren Quellen, die anonym bleiben möchten, ist zu vernehmen, dass das Haus des Meeres sämtliche Anbauten und Erweiterungen mehr oder weniger selbst entworfen haben soll, dass es zwischen dem HdM und einem ehemaligen hochrangigen Wiener Politiker eine enge Freundschaft geben soll und dass diese Bindung womöglich auch dazu benützt worden sein könnte, um auf die Projektrealisierung einen gewissen Druck auszuüben – nicht zuletzt auch mit den Geschützen des mit der SPÖ sympathisierenden Boulevards. Die Recherche zur Genese des HdM besteht aus zahlreichen Gesprächen off the record, die nur mit ausgeschaltetem Mikrofon zustande kommen.

Und was sagt das Haus des Meeres selbst zu alledem? „Mich wundern die Vorwürfe, denn wir stehen mit der Stadt Wien seit vielen Jahren permanent im Gespräch“, sagt Hans Köppen, Geschäftsführer der Haus des Meeres Betriebs GmbH, die in den Zubau rund 18 Millionen Euro investierte. „Wir haben das Projekt wie empfohlen realisiert. Natürlich gab es gewisse Freiheiten in der Umsetzung, aber die Grundvorstellung erfolgte immer in enger Abstimmung. Architektur ist und bleibt eine Geschmacksfrage. Das merkt man auch, wenn man sich anschaut, was an den Wiener Ausfallstraßen alles hingebaut wird.“

Der Vergleich hinkt. Weder liegt der Esterházypark in der Wiener Pampa, noch handelt es sich beim Flakturm um eine Möbelix-Kiste im Gewerbepark Stadlau. Doch genauso schaut er heute aus. Das Haus des Meeres, seit letzter Woche post Corona wieder in Betrieb, ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn erstens zu viele Kräfte und Mächte in einem Projekt mitmischen und zweitens der Bauherr eines so prominenten Bauwerks sich weigert, baukulturelle Verantwortung wahrzunehmen.

23. Mai 2020 Der Standard

Ein Baumeister, der das Leben feiert

Der Pritzker-Preisträger Balkrishna Doshi ist ein Kenner der Seele und Seismograf für gesellschaftliche Entwicklungen. Zu Besuch in der ersten Ausstellung nach Corona im Architekturzentrum Wien.

Wie ein Reptil mit gläsernen Glupschaugen und schimmernden Keramikschuppen ragen die panzergleichen Kuppeln in die Höhe und machen neugierig auf das, was sich wohl im Inneren verbergen mag. Umgeben von Büschen und Bäumen, eingebettet in den grünen Park der CEPT University im Westen Ahmedabads, steigt man sodann hinab in die Tiefen der Anlage und findet sich plötzlich in einer warmen, bunt ausgemalten, weitverzweigten Betonhöhle wieder. Dramatische Lichtkegel fallen von oben in den Raum.

„Wahre Architektur muss uns freudig und feierlich stimmen, sie muss uns im Innersten berühren“, sagt der indische Architekt Balkrishna Doshi, der für seinen Freund Maqbul Fida Husain, einen in Indien berühmten Bildhauer, die unterirdische Galerie Gufa aus 18 kreisrunden und elliptischen, miteinander verschnittenen Kuppeln und windschief im Raum stehenden Säulen entwarf. „Ein gutes Haus lässt sich nicht in Einzelelemente wie Licht, Flächen oder Tragstruktur zergliedern. Ganz im Gegenteil: Es lässt Böden, Wände und Decken zu einem zusammenhängenden Ganzen verschmelzen und erzeugt einen organischen Raum fast wie ein lebendes Wesen.“

Ein riesiges Drahtmodell dieses beeindruckenden Wesens im Maßstab 1:2 sowie viele weitere Projekte Doshis, der 2018 als erster indischer Architekt überhaupt mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, sind nun als Post-Corona-Premiere im Architekturzentrum Wien (AzW) zu sehen. Kommenden Freitag wird die Wanderausstellung eröffnet. Aufgrund des verspäteten Starts ist die Ausstellungsdauer diesmal auf einen Monat beschränkt, bevor die Exponate nach Chicago weiterverschifft werden müssen.

„Für Balkrishna Doshi ist Architektur die Feier des Lebens“, sagt Angelika Fitz, Direktorin des AzW, die die Ausstellung mit dem programmatischen Untertitel Architektur für den Menschen von der Vastushilpa Foundation und vom Vitra-Design-Museum übernommen hat. „Seine Bauten sind von der Überzeugung getragen, dass die gebaute Umwelt einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlergehen, auf das Zugehörigkeitsgefühl und auf den gesellschaftlichen Gemeinsinn hat. Zudem vereint seine Vorstellung von Nachhaltigkeit die soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Dimension.“ Schon 1956, als er sein eigenes Architekturbüro gründete, nannte er dieses Vastushilpa. Der Sanskrit-Begriff lässt sich am ehesten mit „Umwelt gestalten“ übersetzen.

Umwelt gestalten

Bis heute richtet der inzwischen 92-jährige Balkrishna Doshi – neben perfekter Lichtchoreografie, der Verwendung regionaler Materialien und der Einbeziehung lokaler Man- und Woman-Power – genau darauf den Fokus. Seine Bauten kommen ohne Klimatisierung aus, arbeiten mit natürlicher Belüftung und thermischen Strömungen im Innenraum und nutzen altbewährte Methoden stromloser Kühlung mittels gesammelten Regenwassers. Ins Tonnengewölbe seines 1980 errichteten Architekturstudios Sangath ließ er wie in vielen anderen Projekten Tonröhren einbauen, die bei Bedarf mit kaltem Wasser gefüllt werden und das Haus auf diese Weise kühlen. Damit hat er die heute in Europa gebräuchliche Bauteilaktivierung als Lowtech-Variante um Jahrzehnte vorweggenommen.

Doshi, der zu Beginn seiner Karriere für Le Corbusier, später auch mit Louis Kahn und Kenzo Tange arbeitete, war immer schon eine Art Seismograf für gesellschaftliche Entwicklungen. Für einkommensschwache Menschen, die in Indien als Economically Weaker Sections (EWS) bezeichnet werden, errichtete er 1989 in Indore, Zentralindien, die superkompakte Wohnsiedlung Aranya mit jeweils 30 Quadratmeter großen Einzelparzellen, die in einer Regierungslotterie an bedürftige EWS-Familien verlost wurden. Fundament, Grundmodul, Sanitärblock sowie Strom- und Kanalanschluss waren bereits fertiggestellt, den Rest der Häuser konnten die Bewohner nach eigenen Wünschen erweitern. Die möglichen Bebauungsvarianten stellte Doshi den Bewohnern in einem Formenkatalog sowie in 60 Musterhäusern zur Ansicht.

Flexibel, organisch, nah an der Natur

„Doshi hat hier sehr früh realisiert, was auf diversen Architektur-Biennalen in Venedig mit einigen Jahren Verspätung oft untersucht und durchdacht wurde“, sagt Fitz. „Das mit dem Menschen mitwachsende Minimalhaus ist aufgrund der knapper werden Grundstücksressourcen und den damit verbundenen hohen Bau- und Wohnkosten in den Großstädten heute aktueller denn je.“ Doch im Gegensatz zu den meisten Selbstbau-Projekten, die früher oder später wie eine Schrebergartensiedlung aussehen, gelingt es Doshi, die selbstbestimmten Überformungen so zu choreografieren, dass sie tatsächlich eine gestalterische, dörfliche Einheit bilden.

„Das Leben ist im Fluss“, sagt Doshi, der in der westindischen Stadt Ahmedabad lebt und arbeitet. „Ich wurde in eine Großfamilie mit 17 Menschen hineingeboren, die sich ständig wandelte und weiterentwickelte, und so kam mir in den Sinn, dass ein festes, statisches Gebäude diesen Veränderungen niemals gerecht werden kann. In meinem Leben ist Architektur etwas Flexibles, etwas Organisches, ganz nah an der Natur.“

Als Balkrishna Doshi vor zwei Jahren mit dem mit 100.00 US-Dollar dotierten Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, war sein sehnlichster Wunsch die Befähigung und Bevollmächtigung der Menschen. „Das geht nicht mit Ziegel und Beton. Das geht nur mit Bildung, Technologien und einem freien Geist in der Gesellschaft. Und vielleicht mit einem internationalen Preis, der mir nun eine gewisse kulturelle Macht verleiht – und die möchte ich als Werkzeug nutzen, um die indische Regierung zum Umdenken zu bewegen.“

[ „Balkrishna Doshi. Architektur für den Menschen“ im AzW im Museumsquartier. Zu sehen von 29. Mai bis 29. Juni 2020. ]

15. Mai 2020 Der Standard

Architekturtheoretiker Dietmar Steiner gestorben

Als Gründer und langjähriger Leiter des Architekturzentrums Wien prägte Steiner die Art, wie in Österreich über Architektur nachgedacht wird

Auf dem Cover seines 2016 erschienenen Buchs „Steiner’s Diary“ ist er, auf einem Holzgestell sitzend, direkt in die Kamera blickend, mit einer Zigarette im Mundwinkel zu sehen. Das Bild ist mehr als paradox, denn einerseits war „der Steiner“, wie ihn alle nannten, kaum eine Minute ohne sein Tabakmarkenzeichen zu sehen, andererseits jedoch hatte der zeitlebens Getriebene kaum je eine Minute Zeit, Ruhe und Muße zu finden. Am Freitag ist der in und für die Architektur lebende Dietmar Steiner an den Folgen einer Herzoperation, von der er sich in den letzten Monaten nicht mehr erholte, 68-jährig in Wien verstorben.

Steiner, 1951 in Wels geboren, träumte als Kind davon, Konstrukteur von Formel-1-Autos zu werden, studierte Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien und arbeitete viele Jahre bei Friedrich Achleitner und Rob Krier. Er leitete ein Büro für Architekturberatung und war Redakteur des internationalen Designmagazins „Domus“ in Mailand, bei dem er sich die Skills für eine sowohl scharfsinnige Beobachtung als auch scharfe Zunge aneignete, die auch seine späteren Texte im STANDARD, im „Profil“ sowie in zahlreichen Ausstellungskatalogen und Büchern prägte.

Pionier in heutigem Museumsquartier

Seine für Wien und Österreich größte Vermachenschaft jedoch geht auf das Jahr 1993 zurück. Gemeinsam mit der damaligen Kulturstadträtin Ursula Pasterk erarbeitete er ein Viersäulenmodell aus Präsentieren, Diskutieren, Publizieren und Archivieren, mietete sich im damals noch unsanierten Messepalast, dem heutigen Museumsquartier, ein und gründete das Architekturzentrum Wien. Bis heute ist das AzW, nunmehr unter der Führung von Angelika Fitz, die größte und wichtigste Architekturinstitution Österreichs.

„Es ist ein unglaubliches Glück, dass dieser Job und meine Person sich gefunden haben“, sagte Steiner 2016 in seinem Abschiedsinterview mit dem STANDARD. „Ich bin wirklich dankbar dafür, dass mir damals die Chance geboten wurde, dieses Haus zu gründen und ein Wissenszentrum mit einer umfangreichen Sammlung und einem mittlerweile wirklich fundierten Archiv zu etablieren, das mittlerweile weit über Österreich hinaus bekannt ist und sich internationale Reputation erarbeitet hat.“

„Wer heute Architektur macht, muss Jus studieren“

Steiner, der sich selbst als Fatalisten bezeichnete, erkannte in der österreichischen Baukultur der 90er-Jahre eine regelrechte Aufbruchstimmung, deren Rückenwind er sich als AzW-Direktor zunutze machte, während er die aktuelle Situation streng kommentierte: „Wer heute Architektur macht, muss von Jus und Wirtschaft mittlerweile mehr Ahnung haben als vom Bauen. Mit Architektur im klassischen Sinne hat das alles bald nicht mehr viel zu tun. Wo sind die Rebellen gegen das Imperium? Es braucht bitte mehr davon!“

„Steiner’s Diary“, eine Art 400-seitiger Rückblick auf die österreichische Architektur sowie auf seine Rolle als baukultureller Mentor und Katalysator, ist in „sieben Tage“ unterteilt. Vom Ruhen am siebenten Tag, an dem er in seiner Pensionierung sein Archiv sortierte und seinen umfassenden Vorlass vorbereitete, konnte keine Rede sein. Diese findet er nun, Rebell, wie er war, am achten Tag.

25. April 2020 Der Standard

Atemübungen für die Zukunft

In den letzten Wochen haben wir uns an dieser Stelle dem Thema Wohnen gewidmet. Doch wie wollen wir morgen und übermorgen eigentlich arbeiten? Das oberösterreichische Unternehmen Grüne Erde zeigt vor, wie es gehen könnte. Ein Besuch vor Ort.

Im Winter, wenn die erste Schneeflocke fällt“, sagt Maria Kainrad, „starren wir alle wie gebannt in unser bewaldetes Atrium, und jetzt in der Corona-Krise, wo wir in der Produktion ausnahmsweise Schichtbetrieb eingeführt haben, damit wir uns aus dem Weg gehen können und nicht so nah beisammensitzen müssen, sehen wir, wie sich die Laub- und Nadelbäume in den Abendstunden orangerot färben und wie die Sonnenstrahlen in den Glasscheiben reflektiert werden. Schaut einfach nur wunderschön aus.“

Kainrad, 55 Jahre alt, ist Teamleiterin in der Schneiderei. Gemeinsam mit ihren 20 Mitarbeiterinnen in der Abteilung sitzt sie zwischen Nähmaschinen, Dampfbügelgeräten und schrankgroßen, radgetriebenen Spulen, auf die Fäden, Garne und naturfarbene Baumwollstoffe aufgewickelt sind. Doch anders als in anderen Fabriken ist sie nicht Gefangene in irgendeiner gesichtslosen Industriehalle mit Dämmpaneelfassade und Trapezblechdecke, die einzig und allein dem Prinzip der Kosteneffizienz folgt, sondern arbeitet in einem mittlerweile preisgekrönten Holzbau – mit Blick auf eines von insgesamt 13 begrünten Atrien, die wie sinnliche Luft- und Pflanzenwürfel aus dem rund 9000 Quadratmeter großen Gebäude ausgestanzt sind.

Die Rede ist vom neuen Schauraum und Produktionsstandort des oberösterreichischen Unternehmens Grüne Erde. Hier, im abgeschiedenen Almtal, eine spazierende Viertelstunde vom Bahnhof Viechtwang entfernt, kann man nicht nur Möbel und Wohnaccessoires kaufen und nebenbei in der Geschichte der 1983 gegründeten Firma schmökern, sondern auch den insgesamt 50 Arbeiterinnen und Arbeitern in der Polster- und Matratzenproduktion bei ihren einmal feinstofflichen, einmal kräftezehrenden Handgriffen über die Schulter schauen.

„Der alte Produktionsstandort war viel zu klein und seit Jahren schon veraltet“, erinnert sich Reinhard Kepplinger, Geschäftsführer und Co-Eigentümer der Grünen Erde. „Daher war klar, dass wir früher oder später expandieren müssen. Auf diesem Grundstück in Pettenbach, auf dem sich einst die Fabrikationshalle eines Küchenherstellers befand und wo wir daher keinen einzigen Quadratmeter Land zusätzlich versiegeln mussten, fand sich die perfekte Gelegenheit. Das war die Geburtsstunde unserer neuen Homebase, die wir nun Grüne-Erde-Welt nennen.“

Daniel-Düsentrieb-Wahnsinn

Kepplinger, ein Gentleman-Lächeln im Gesicht, sieht aus, als wäre er einem Zegna- oder Jil-Sander-Katalog entsprungen, doch unter den edlen Tüchern schlägt sein Herz für Filz, Wolle, Ökolatex, bienengewachstes Holz und eigens gezüchtetes Kapok, dessen wolkig-flaumige Samenfasern als vegane Alternative zu Federn und Daunen verwendet werden. Hinzu kommt eine Portion Daniel-Düsentrieb-Wahnsinn, denn das gesamte Möbelprogramm von Grüne Erde kommt ohne ein einziges Stück Metall aus, ohne Schraube und ohne Scharnier, und besteht daher aus teils traditionellen, teils selbstentwickelten Steckverbindungen und mechanisch beweglichen Details.

„Diesen Geist“, sagt Architekt Klaus Klaas Loenhart, „galt es, in das Gebäude zu übersetzen.“ Loenharts Herz ist nicht minder grün beschaffen, ist er mit seinem Grazer und Münchner Büro Terrain doch derjenige, der auf der Expo 2015 in Mailand den mit 56 Bäumen und fast 13.000 Stauden bewaldeten Österreich-Pavillon Breathe.Austria entwarf und in Anlehnung daran das Grüne-Erde-Haus als Breathing Headquarters bezeichnet.

„Auf Metall kann man auf der Baustelle freilich schwer verzichten“, so Loenhart, „daher haben wir uns die Frage gestellt, wie wir die Radikalität und ökologische Kompromisslosigkeit dieses Unternehmens auf den Maßstab der Architektur übertragen können – und haben beschlossen, auf erdölbasierte Produkte zu 98 Prozent zu verzichten.“ Die einzigen zwei Ausnahmen sind die Heizschläuche im Boden und die Gummidichtungen in den Fenstern und Türen.

Das Resultat dieser ressourcenschonenden Bemühungen ist ein Holzbau mit hohen, aussteifenden und zugleich schallschluckenden Holzkassetten an der Decke sowie tragenden, weiß lasierten Fichtenstützen, die einem eigens entwickelten Algorithmus folgen und daher wie zufällig verteilt im Raum stehen. Die ehemalige Betonhalle des Küchenproduzenten wurde zermalmt und zermahlen und führt nun als recycelter Zuschlagstoff in der Fundamentplatte ein Weiterleben nach dem Tod. Das Dach ist mit einer Kautschukdichtung abgeschlossen, darüber befindet sich eine fast flächendeckende Fotovoltaikanlage, gekühlt und geheizt wird mittels Geothermie.

Die Zukunft der Arbeit

Die 13 Lichtatrien schließlich, die 13-mal unterschiedlich bestückt und bepflanzt sind und auf diese Weise die verschiedensten Rohstoffquellen der Grünen Erde sichtbar machen, sind nicht nur Lichtspender, sondern dienen auch zur sommerlichen Querlüftung. Große Öffnungsflügel machen die winzigen Miniaturwälder spür- und riechbar. „Es ist ein schöner Job an einem tollen Ort, aber den ganzen Tag lang zu arbeiten hat trotzdem etwas Ermüdendes“, sagt Maria Kainrad. „Wenn man dann plötzlich den Nadelwald und die blühenden Sträucher riecht, sobald man die Fenster aufmacht, ist das schon ziemlich lässig.“

Die Grüne-Erde-Welt, ein Kooperationsprojekt von Klaus Klaas Loenhart und dem Linzer Architekturbüro Arkade, wurde mit dem Oberösterreichischen Holzbaupreis 2019 ausgezeichnet. Mit einem Baubudget von rund 1100 Euro pro Quadratmeter ist es nicht nur gelungen, die Werte des Unternehmens, die sich sonst in flauschigen Alpakadecken, kirschkerngefüllten Kissen und handgestreichelten Massivholzmöbeln manifestieren, auf den Maßstab XXL zu übertragen (alles gutes Marketing, keine Frage), sondern auch Wertschätzung gegenüber Mensch und Natur zur Geltung und zum Ausdruck zu bringen.

„Wissen Sie, wir sind Arbeiterinnen. Und ich kann Ihnen ehrlich sagen, dass uns in der Gesellschaft da draußen nicht immer der größte Respekt entgegengebracht wird“, sagt Kainrad. „Hier arbeiten zu dürfen fühlt sich an, als würden wir in einem hellen Wohnzimmer mit Terrazzoboden und grünen Balkonen sitzen. Die Corona-Krise macht die anstrengenden Jobs, die die Gesellschaft am Laufen halten, plötzlich sichtbar – ob das nun Supermarktkassierinnen, Straßenarbeiter oder Fachkräfte in einem regionalen oberösterreichischen Unternehmen sind.“

Die aktuelle Ausnahmesituation auf der ganzen Welt bietet Gelegenheit, innezuhalten und die Werte unserer zum Teil uninspirierten und unmenschlichen Bauproduktion, die statt des Menschen oft nur die Moneten in den Mittelpunkt stellt, zu überdenken. Wie wollen wir in Zukunft wohnen, wie wollen wir lernen, wie wollen wir arbeiten? Zum Beispiel so.

18. April 2020 Der Standard

Wer zahlt die Krise?

In einem offenen Brief werden Vermieterinnen und Hauseigentümer zur Verantwortung gezogen. Sie sollen in Härtefällen Mietern unter die Arme greifen. Auch langfristige Wohnrechtsreformen werden gefordert. Ein Aufruf.

Die Corona-Krise konfrontiert uns mit einer Realität, die wir in dieser Form noch nie zuvor erlebt haben“, sagt Simon Andreas Güntner. Der deutsche Soziologe ist Professor an der TU Wien und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Raumsoziologie und Fragen des urbanen Zusammenlebens. „Entsprechend neu und ungewohnt ist die derzeitige Definition des Wohnens, das sich durch die Überlappung mit zusätzlichen Funktionen wie etwa Schule und Arbeit vollkommen verändert. Wir müssen uns damit arrangieren, dass die Wohnung nun mehr ist als bloß der Ort des persönlichen Rückzugs. Wir müssen das Wohnen neu lernen.“

Doch während die einen damit beschäftigt sind, ihre Wohnung umzubauen und coronatauglich zu machen (das Architekturzentrum Wien hat dazu sogar einen Instagram-Aufruf unter dem Hashtag #WieWirCoronaWohnen gestartet), fürchten die anderen schlichtweg um ihre Existenz. Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und der plötzliche Entfall von Umsätzen und selbstständigen Lebensgrundlagen führen in tausenden Fällen zu prekären Situationen.

Die Folge sind Mietrückstände, finanzielle Mittellosigkeit und manchmal sogar auslaufende Mietverträge, die laut dem viertem Covid-19-Bundesgesetz zwar in beiderseitigem Einvernehmen zwischen Mieter und Vermieter verlängert werden „können“ – aber eben nicht müssen. In Härtefällen kann der Vermieter den befristeten Vertrag beenden – und das in einer Zeit, in der Wohnungssuche, Übersiedelung und Möbelbeschaffung de facto unmöglich durchzuführen sind.

„Die kurzfristigen Maßnahmen und wirtschaftlichen Konsequenzen rund um die Corona-Krise machen die schon seit langem bestehende Problematik Wohnen jetzt umso deutlicher“, sagt die Wiener Architektin Gabu Heindl, die an der Architectural Association (AA) in London unterrichtet. „Mit den 1994 eingeführten Lagezuschlägen und Befristungen, die heute gang und gäbe sind und die die Mieterinnen alle drei Jahre vor potenzielle Wohnungslosigkeit stellen, wenn sie nicht den Mund halten und laufende Mieterhöhungen in Kauf nehmen, was wiederum zu Mietexplosionen am privaten Wohnungsmarkt führt, wurde das Mietrechtsgesetz mehr und mehr prekarisiert.“ Und das Problem ist kein geringes: Allein 2017 wurden 70 Prozent aller privaten Wiener Mietverträge befristet abgeschlossen.

Um auf die bestehenden Missstände hinzuweisen, die in der Corona-Krise mitunter zu Ausweglosigkeiten führen, verfasste Heindl gemeinsam mit Bettina Köhler, Stadtforscherin und Sozialwissenschafterin an der Universität Wien, einen offenen Brief mit dem Titel Wer zahlt die Krise? , der dieser Tage über mehrere Print- und Onlinemedien publikgemacht wurde. Mehr als hundert Wissenschafter, Architekturschaffende und Universitätsprofessorinnen haben sich dem Brief mit ihrer Unterschrift angeschlossen.

Problem Befristungen

Zu den darin geäußerten Forderungen zählen unter anderem die Stärkung der Mittel und Kapazitäten von Frauenhäusern, die Öffnung von Hotels, Airbnb-Apartments und leerstehenden Wohnungen für Wohnungs- und Obdachlose, die Aussetzung von Kündigungen und Mieterhöhungen während der Corona-Krise sowie klare Regelungen zu Mietzinsreduktionen und Mietenerlässen als Alternative zu den im Bundesgesetz dargestellten Mietstundungen, die mit bis zu vier Prozent verzinst werden dürfen und die die Mieter mittelfristig sogar noch stärker belasten.

„Wohnen ist wie Bildung, Arbeit und Gesundheit ein Menschenrecht, doch in der Corona-Krise ist dieses Menschenrecht noch stärker gefährdet“, sagen Heindl und Köhler. „Der Umstand, dass wir immer mehr Wohnraum in die Hände von Fonds, internationalen Konsortien und institutionalisierten, gewinnorientierten Großbesitzverwaltern übergeben, macht das Einfordern dieses Grundrechts nicht gerade einfacher, aber umso wichtiger.“

Auch Martin Orner, Obmann und Geschäftsführer des gemeinnützigen Bauträgers EBG, selbst Mitunterzeichner des Briefs, meint: „Wir haben in der Corona-Krise mit Ausfällen zu rechnen, und es stellt sich die Frage, wie wir diese finanziellen Lasten fair verteilen. Es kann nicht sein, dass die Verluste von den Schwächsten in der Gesellschaft getragen werden müssen, während die Gewinne bei den Reichsten unangetastet bleiben. Daher braucht es eine Regelung, wie auch Vermieterinnen und Grundstückseigentümer ihre soziale Verantwortung wahrnehmen.“ Für in Not geratene Vermieter schlagen die Autorinnen im offenen Brief die Errichtung eines Härtefonds vor.

„Die Corona-Krise macht nichts anderes, als schon lang bestehende Problemlagen zuzuspitzen“, kontert Barbara Ruhsmann, Obfrau des Forums Wohn-Bau-Politik. „Ich glaube allerdings nicht, dass es hilft, wenn jetzt alle in denselben Debattenmustern verbleiben wie in den letzten Jahrzehnten auch schon. Fruchtbarer wäre es, unsere Wohnpolitik überhaupt gründlich zu überdenken, das Mietrechtsgesetz zu reformieren und – wie im türkis-grünen Regierungsprogramm angekündigt – die Expertise der Bevölkerung in Form von Enqueten und Bürgerkonvents einzubeziehen.“

Selbstredend, dass der offene Brief auch in der Immobilienwirtschaft nicht nur auf Zustimmung stößt. „Gerade die privaten Immobilieneigentümer haben schon im Zuge der Regelungen der Gewerbemieten eine immense Belastung zu spüren bekommen“, sagt Sandra Bauernfeind, Vorstand des Österreichischen Verbands der Immobilienwirtschaft (ÖVI). „Daher sind wir um einen offenen Dialog zwischen Vermieter und Mieter bemüht – allerdings ohne weitere zusätzliche legistische Regelungen.“ Martin Prunbauer, Präsident des Österreichischen Haus- und Grundbesitzerbundes (ÖHGB), meint: „Private Immobilieneigentümer leisten einen großen Anteil an der Gesamtinvestitionssumme im Bau- und Baunebengewerbe und erweisen sich als stabiler Konjunkturmotor für die heimische Wirtschaft. Diesen Menschen jetzt noch mehr wegzunehmen ist eindeutig der falsche Weg.“

Die Diskussion ist eröffnet

Und Kaspar Erath, Obmann des Vereins zur Revitalisierung und architektonischen Aufwertung der Wiener Gründerzeithäuser, äußert sich auf Anfrage des ΔTANDARD: „Ernährung und Gesundheit sind auch ein Grundrecht. Niemand kommt auf die Idee, die Supermärkte und Apotheker zu attackieren und zu fordern, Lebensmittel und Arzneien im Härtefall kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Warum also beim Wohnen? Wenn das so weitergeht, dann können wir am besten gleich alle enteignen und eine riesengroße österreichische Kommune machen!“

Die Diskussion ist eröffnet. Der offene Brief mit Forderungen an die private Immobilienwirtschaft und längst überfälligen Fragen der Risikoverantwortung und Verteilung auf der einen Seite sowie die Ängste und Gegenwehrmechanismen der privaten Wohnungsvermieter und ihrer Interessensvertretungen auf der anderen Seite zeigen vor allem eines auf – dass die Bundesregierung in Sachen Wohnrecht und Mietrechtsgesetz in und nach Corona einige dringend anstehende Hausaufgaben zu erledigen hat.

„Wir müssen verstehen“, sagt Bernd Rießland, Vorstandsmitglied der Sozialbau AG und Obmann des Österreichischen Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen (GBV), „dass der österreichische Staat in der Corona-Krise kein Bösewicht ist, sondern lediglich in unser aller Interesse als Organisator und Manager mit entsprechenden Corona-Maßnahmen agiert, weil es ja auch unser aller Interesse ist, diese Pandemie so gut wie möglich zu überstehen. Daher ist es auch nötig, dass sich jeder mit seinen zur Verfügung stehenden Ressourcen in dieser Krise beteiligt – die Armen wie die Reichen, die Mieter wie die Vermieter, die Privaten wie die Gemeinnützigen.“

Wie lautet der so oft gehörte Corona-Slogan? „Gemeinsam schaffen wir das!“ Aus dieser notgedrungenen Arbeitsgemeinschaft ist niemand ausgenommen.

21. März 2020 Der Standard

Klimaschutznotverordnung 2021

Die rigorosen Maßnahmen gegen die Corona-Krise beweisen, dass wir in der Lage sind, unser Verhalten zu ändern. Was wäre, wenn sich die Bundesregierung der Klimakrise mit der gleichen Konsequenz entgegenstellte wie dem Coronavirus? Was, wenn eines Tages ähnliche Maßnahmen im Bauen und Wohnen getroffen würden? Ein Bericht aus der Zukunft.

Wien, 21. März 2021 – Heute zu Mittag haben Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) und die grüne Umweltministerin und CO2-Ausschuss-Vorsitzende Leonore Gewessler in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz die Klimaschutznotverordnung 2021 (KliNo) bekanntgegeben, die am 1. April 2021 in Kraft treten soll. Das Paket der türkis-grünen Regierung geht mit aller nötigen Konsequenz gegen die fortschreitende globale Klimakrise vor und erinnert mit seinen zum Teil harten Maßnahmen, die von Bund, Land, Gemeinde, Baupolizei, Klimamiliz und CO2-Ausschuss rigoros umgesetzt werden sollen, an das temporäre „Corona-Gesetz“, das vor genau einem Jahr als Reaktion auf die sich ausbreitende Krankheit Covid-19 vom Nationalrat verabschiedet wurde.

Neben diversen Konsumkontingentierungen von nicht täglich benötigten Gebrauchsgütern pro Kopf, drastischen Einschränkungen im privaten und beruflichen Luftverkehr sowie verschärften Vorschriften für Industrie und Logistik, die anhand eines 24-monatigen Stufenplans mithilfe von EU-Geldern aus dem kürzlich beschlossenen Förderpaket „ProClimActive“ Schritt für Schritt umgesetzt werden, betrifft eine ganze Reihe von Maßnahmen den Wohn- und Bausektor.

Vorbild für das Maßnahmenpaket ist unter anderem die sogenannte 2000-Watt-Gesellschaft – ein interdisziplinäres, energiepolitisches Modell der ETH Zürich, das in der Schweiz bereits seit mehreren Jahren Anwendung findet und das den Lebensstil und die durchschnittliche Pro-Kopf-Leistung bis 2050 von derzeit 2500 Watt (globaler Mittelwert) bzw. 6000 Watt (EU-Durchschnitt) auf 2000 Watt reduzieren soll. Hier die wichtigsten branchenbezogenen Punkte der KliNo 2021 im Überblick: –

Wirtschaftsumbau

Die Umstellung der österreichischen Betriebe der Baubranche auf Klimaneutralität verlangt eine umfassende Adaptierung von Sortimenten, Lieferketten, Produktionsprozessen, Arbeitsabläufen und eine alternative Schwerpunktsetzung bei den zu bewältigenden Bauaufgaben. Die Bundesregierung unterstützt diese Umstellung mit einer Milliarde Euro, die zusätzlich zu den Geldern aus dem EU-Fonds ProClimActive zur Verfügung gestellt werden.

Memorandum für Baulandwidmung

Mit sofortiger Wirkung werden in den nächsten zehn Jahren keine Baulandwidmungen mehr vorgenommen. Die Versiegelung in bestehenden Siedlungsgebieten ist auf das absolut notwendige Minimum zu reduzieren. Siedlungsgrenzen sind einzuhalten. Über Widmungen entscheidet ab sofort nicht mehr die bürgermeisterliche Instanz, sondern Bund und Land.

Versiegelungsstopp

Sofortiger Versiegelungsstopp im ländlichen Raum und in städtischen Grünzonen. Systemerhaltend notwendige Versiegelungen dürfen nur noch mit einer entsprechenden Ersatz-Entsiegelung in zumindest gleichem Flächenausmaß vorgenommen werden. Zur Bewertung von Ver- und Entsiegelungsansuchen wird ein unabhängiger Flächenbeirat eingerichtet.

Sanierung und Rückbau

Brachliegende Immobilien sind vom Grundeigentümer entweder zu sanieren und in Nutzung zu bringen oder aber bis zur Bodenentsiegelung rückzubauen. Rückbau- und Entsorgungskosten müssen bei Planung, Errichtung und Verkauf transparent kommuniziert und in die Lebenszyklusberechnung ohne Ausnahme miteinbezogen werden.

Reduktion von Neubau

Neubau ist auf das nachweislich Notwendige zu beschränken. Eine potenzielle Gebäudemindestnutzungsdauer von 100 Jahren sowie ein flexibles Nachnutzungskonzept sind nachzuweisen. Zugunsten künftiger Sanierungszyklen sind Gebäudestruktur, Fassade, Haustechnik und Interieur modular bzw. voneinander leicht trennbar auszuführen.

Verbot von Verbundbaustoffen

Sofern materielle und technische Alternativen am Markt verfügbar sind, ist der Einsatz von nichttrennbaren und nichtrecyclingfähigen Verbundbaustoffen im Hochbau verboten. Lokalen und ökologischen Baustoffen mit regionaler Wertschöpfungskette und leichter Demontage sowie Rezyklierbarkeit ist der Vorrang zu geben.

Vereinheitlichung der Bauordnung

Zugunsten der Praktikabilität der Umsetzung werden alle neun Landesbauordnungen – mit Ausnahme von boden-, wind- und niederschlagsrelevanten Faktoren – zu einer österreichischen Bauordnung (ÖBO) zusammengeführt.

Novelle Stellplatznachweis

Die Notwendigkeit der Errichtung eines Pkw-Stellplatzes ist nachzuweisen. Ohne entsprechenden Nachweis dürfen nur noch Stellplätze für einspurige Fahrzeuge und/oder Elektrofahrzeuge samt E-Ladeanschluss errichtet werden. Nichtbenötigte Stellplätze sind rückzubauen.

Grüne Infrastruktur

Im Sinne des Mikro- und Kommunalklimas (Kühlung, Luftqualität, Entlastung des öffentlichen Kanalnetzes etc.) sind Neubauten und neue Siedlungsquartiere mit grüner Infrastruktur auszustatten (grüne Fassaden, Dachbegrünung, „Schwammstadt“ etc.). Der Gebäudebestand ist dementsprechend nachzurüsten.

Verschattung

Je nach Bedarf und örtlicher Gegebenheit sind bauliche und/oder mechanische Verschattungsmaßnahmen vorzusehen. Bestehende Gebäude sollen im Zuge kommender Sanierungsmaßnahmen nachgerüstet werden. Bei gründerzeitlichen und denkmalgeschützten Bauten ist ein Schattengutachten bezüglich der Erhaltungswürde und des Verschattungsbedarfs nachzuweisen.

Heizen und Kühlen

Der gesamte Wärme-, Kühl- und Lüftungsbedarf für die Nutzung von Wohnen, Büro und Gewerbe ist im Niedertemperaturbereich bzw. verbrennungsfrei zu decken. Der elektrische Energiebedarf für diese Nutzungen ist erneuerbar und nach Möglichkeit lokal herzustellen.

Smart Grids

Um Bedarfsspitzen abzudecken und die Netze zu entlasten, wird die Errichtung von Smart Grids mit Mitteln von ProClimActive gefördert. Heterogene Nutzungszusammenschlüsse aus unterschiedlichen Assetklassen (Wohnung, Büro, Hotel, Gastgewerbe, Bildungsbau, Industrie, Infrastruktur) sind aus Effizienzgründen zu bevorzugen. Öffentliche und private Energieversorger müssen Einspeise- und Entnahmetarife angleichen.

CO2-Steuer

Wie im Bereich Konsum und Mobilität wird auch das Bauen und Wohnen CO2-versteuert. Fällig wird die CO2-Steuer (gestaffelte Steuerklassen) bei Neubaumaßnahmen, nichtklassifizierten und/ oder fossilen Energiequellen, bei über den festgesetzten Maximalwert hinausgehenden Energieverbrauchsmengen sowie im Erwerb und/oder Bewohnen von neu erbauten Einfamilienhäusern.

Energieverbrauch

Der jährliche Normenergieverbrauch wird abhängig von Haushaltsgröße, Warmwasseraufbereitung und Heiz- und Kühlbedarf auf einen entsprechenden Maximalwert festgesetzt. Darüber hinausgehende Verbrauchsmengen werden CO2-besteuert. Bis Jahresende müssen alle Haushalte und sonstige Miet- und Eigentumsverbände mit Smart Metern ausgestattet werden.

Miet- und Eigentumsrecht

Die Mietzinsrücklagenbildung umfasst ab sofort auch Maßnahmen zur thermischen und klimagerechten Sanierung. Eine qualifizierte Mehrheit an Gemeinschaftseigentümern reicht aus, um Verbesserungsmaßnahmen im Sinne des Klimaschutzes umzusetzen. Bei langfristigem Leerstand im Mietwohnbau (ab sechs Monaten) und lokalem Wohnbedarf fällt eine Leerstandsabgabe in der Höhe von 20 Prozent der marktüblichen Miete an. Die Leerstandsabgabe erhöht sich alle sechs Monate um weitere 20 Prozent.

Der Autor hat sich beim Verfassen der fiktiven Klimaschutznotverordnung von Expertinnen und Experten beraten lassen.

4. März 2020 Der Standard

Frauenduo gewinnt Pritzker-Preis

„Architektur-Nobelpreis“ für Yvonne Farrell und Shelley McNamara

Chicago – Na endlich! 1979 wurde der renommierte Pritzker-Preis, der jährlich mit 100.000 US-Dollar dotiert ist, ins Leben gerufen. In den ersten 40 Jahren seines Bestehens wurden erst drei Frauen damit ausgezeichnet, wobei Zaha Hadid 2004 die Einzige war, die den sogenannten „Nobelpreis der Architektur“ ohne männlichen Büropartner entgegennehmen durfte.

Nachdem die Kritik an der männlichen Dominanz des Preises immer lauter wurde, ist es umso logischer, dass mit Yvonne Farrell (69) und Shelley McNamara (68), die gemeinsam das Büro Grafton leiten, gleich zwei Chefarchitektinnen vor den Vorhang geholt werden. Nach ihrem Architekturstudium gründeten die beiden Irinnen 1978 in Dublin ihr eigenes Architekturbüro. Sie realisierten bereits Bildungsbauten und diverse Institutsbauten in Irland. 2008 stellten sie ihren ersten internationalen Auftrag fertig, der kurz darauf zum World Building of the Year 2008 erkoren wurde – die Università Luigi Bocconi in Mailand.

Es folgten weitere ausgezeichnete Universitätsbauten in Lima (Peru, 2015) und Toulouse (Frankreich, 2019) sowie großmaßstäbliche Projekte in Frankreich und Großbritannien. Derzeit in Bau befindet sich die London School of Economics and Political Science. Internationale Bekanntheit erlangten Farrell und McNamara vor zwei Jahren, als sie die Direktion der Architektur-Biennale 2018 in Venedig übernahmen. Am 6. 3. hält Farrell beim Turn-On-Festival in Wien den Festvortrag.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag