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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

15. Februar 2020 Der Standard

Im Wilden Wiener Westen

Eine Ausstellung des Wien-Museums wirft einen neuen Blick auf die kalifornischen Wohnhäuser des österreichischen Exilarchitekten Richard Neutra.

Für die fünf Kinder waren die beiden großen Granitblöcke im Garten „die zwei großen Zehen“. Richard Neutras Frau Dione hingegen bezeichnete die 90 Millionen Jahre alten Felstrümmer gerne auch als jene zwei Hände, die die Aufgabe hätten, das Haus und seine Bewohner, die Oylers, zu segnen und zu beschützen. Das Oyler House in Lone Pine, rund dreieinhalb Autostunden nördlich von Los Angeles gelegen, zählt zu den wenig bekannten und auch entsprechend selten publizierten Werken des österreichisch-kalifornischen Exilarchitekten Richard Neutra (1892–1970). Nun ist es als eines von insgesamt neun Neutra-Häusern – am liebsten möchte man in die himmelblau-salbeigrün-silbrig schimmernden Fotos hineinkippen und durch sie hindurchwandern – in einer Ausstellung im Wien-Museum zu sehen.

„Richard Neutra und Rudolph Schindler sind jene beiden Wiener Architekten, die gemeinsam mit John Lautner, Craig Ellwood, Gregory Ain und einigen anderen die kalifornische Moderne der 1930er- bis 1960er-Jahre maßgeblich geprägt haben“, sagt Andreas Nierhaus, Architekturthistoriker am Wien-Museum. „Doch während Schindler in Österreich regelmäßig publiziert und ausgestellt wird, gab es zu Neutra hierzulande vor knapp 40 Jahren die letzte Ausstellung. Es gibt also ordentlich Nachholbedarf.“

Gemeinsam mit dem Tiroler Architekturfotografen David Schreyer, seines Zeichens selbst ausgebildeter Architekt, machte sich Nierhaus im Sommer 2017 nach L.A. auf, um sich dort auf die Spuren jener Wohnhäuser zu begeben, die vor wenigen Jahrzehnten noch für 25.000 bis 100.000 US-Dollar in den Maklerbüros und Zeitungsinseraten erfolglos angeboten wurden. Mit dem Mid-Century-Hype, der rund um 2000 eingesetzt hat, und der Wiederentdeckung des kalifornischen Architekturfotografen Julius Shulman (1910–2009) durch den deutschen Taschen-Verlag, der seine Schwarz-Weiß-Fotografien zu riesigen Coffee-Table-Books zusammengebunden hat, die seitdem in keinem Kulturhaushalt mehr fehlen dürfen, sind auch die Bauten Richard Neutras in den Architektur- und Immobilien-Olymp aufgestiegen. „Das Spannende aber ist, dass Neutras Häuser bis heute vor allem in den Schwarz-Weiß-Fotos von Julius Shulman sichtbar sind“, sagt David Schreyer. „Die meisten Gebäude befinden sich in Privatbesitz, sind in der Zwischenzeit hinter Hecken, Büschen und Palmen verschwunden und wurden seit Shulman nie wieder professionell fotografiert.“ Mit den nun vorliegenden Farbfotos Schreyers, die innerhalb von vier Wochen zwischen Kakteen und Klapperschlangen geschossen wurden, wird erstmals ein zeitgenössischer Blick auf Neutras Architektur ermöglicht.

Zum Selberbauen

Zurück nach Lone Pine, die Sierra Nevada im Westen, den Death-Valley-Nationalpark im Osten. Ende der 1950er-Jahre kaufte der Beamte und Versicherungsmakler Richard F. Oyler genau hier ein Grundstück, um für sich und seine Familie ein Haus zu errichten. In der Ortsbibliothek stieß er auf Bücher über Richard Neutra und schrieb dem Architekten daraufhin einen Brief mit der Einladung zur Zusammenarbeit. Die beiden Grundvoraussetzungen waren die Einhaltung eines knappen Budgets sowie die Realisierung des Holzbaus in Selbstbauweise.

„Im Gegensatz zum medial überlieferten Bild, dass Neutra ein Star sei, hat er eigentlich sehr gerne für Klienten mit niedrigem Budget geplant“, sagen die beiden Kuratoren Nierhaus und Schreyer. „Er war beeindruckt von der urzeitlichen Landschaft des Ortes, wo später auch einige Hollywood-Western gedreht wurden, und entwarf ein Haus, das durch seine große Glasfassade im Osten die Natur in den Innenraum holte.“ Ein ausladendes Vordach spendet Schatten und schützt das Haus vor sommerlicher Überhitzung. Die tragenden Balken sind so dimensioniert, dass Oyler sie in seiner Freizeit eigenhändig zusägen und in Position bringen konnte.

Heute wird das 1959 errichtete Haus von der Schauspielerin Kelly Lynch und dem Filmproduzenten Mitch Glazer bewohnt. „Dieses Haus ist ein Kunstwerk und zugleich der beste Beweis dafür, dass so ein Kunstwerk nicht viel kosten muss“, sagt Lynch. „Mit seinem kompakten Grundriss, der Platz für eine siebenköpfige Familie bereitstellte, aber auch durch die natürlichen Baumaterialien könnte es zum Vorbild für heutige Wohnhäuser werden.“

Antwort auf die Klimakrise

Neben dem neuen Blick auf die kalifornische Moderne und der umwerfenden Schönheit der Häuser und ihrer Bilder erklärt sich damit auch eine nicht unwesentliche Mission dieser in Anlehnung an die Balloon-Frame-Bauweise in Szene gesetzten Ausstellung: „Neutra hat gerne experimentiert und sich für neue, innovative Konstruktionen interessiert“, so Nierhaus und Schreyer. „Seinem behutsamen Umgang mit dem lokalen Wüstenklima ist zu verdanken, dass die meisten seiner Häuser auch bei 50 Grad Celsius ohne Klimaanlage auskommen.“

Die kleine Größe der Bauwerke, die Selbstzufriedenheit des Low-Techs und die Langlebigkeit der hier gebauten Materie stellen den heutigen amerikanischen XXL-Lebensstil drastisch infrage und bieten eine nicht nur lokale Antwort auf die globale Klimakrise.

[ „Richard Neutra. Wohnhäuser für Kalifornien“, Wien-Museum Musa, Felderstraße 6–8, 1010 Wien. Bis 20. September 2020 ]

18. Januar 2020 Der Standard

Kinder des Kletterns

Wann wurde der Spielplatz erfunden? Wie hat sich dessen Architektur im Laufe der Zeit verändert? Warum schauen heute alle Spielgeräte gleich aus? Die Ausstellung „The Playground Project“ widmet sich diesem zu wenig beachteten Kulturthema.

Eine Höhle, eine Raumkapsel, ein kleiner Piratenschlupfwinkel: „Diese Volumina“, schreibt Xavier de la Salle, „sollten keine Abfolge von Raumkörpern mit festgelegten Funktionen sein, sondern eigenständige Räume mit einer eigenen plastischen und ästhetischen Wirkung. Da ihnen keine Gebrauchsanweisung beigefügt war, konnten die Kinder sie nutzen, wie sie wollten, entweder um sich zu bewegen oder unter dem Gesichtspunkt von Imagination und Projektion.“ Und manchmal, erinnert sich der französische Maler und Bildhauer zurück, wurden die Räume nicht nur von Kindern genutzt, sondern „zu anderen Stunden“ auch von Erwachsenen.

Gemeinsam mit dem polnischen Architekten Simon Koszel und dem britischen Designer David Roditi gründet Xavier de la Salle 1967 die Group Ludic. Die interdisziplinäre Truppe beschäftigt sich mit der Planung und Errichtung von Spielskulpturen aus Polyurethan und Polyester. Die weißen und bunten Kunststoffkugeln balancieren meist auf bekletterbaren Stahlkonstruktionen. Auf diese Weise entstehen Spielplätze in Paris, Le Havre, Biarritz, Korsika, Rotterdam, Eindhoven, Den Haag sowie in diversen französischen Feriencamps. 1969 wird eine solche Spielskulptur auch im Quartier de la Chapelle im Norden von Paris (Foto rechts) in Betrieb genommen.

„Das echte Terrain bestand für uns aus schwierigen Quartieren und Schlafstädten, aus Städten, wo das lebendige Straßentreiben dem Monofunktionalismus geopfert worden war, den viele Planer im Namen der Charta von Athen stumpfsinnig umgesetzt haben“, sagt de la Salle. „Es ging uns darum, in den Raum einzugreifen, um die Art, wie man ihn konstruiert, besetzt und für Kinder zugänglich macht. Dabei wurde das Warum zu einer der entscheidenden Komponenten – egal ob es um Bildung, Entwicklung, Erziehung, Wohlbefinden, Komfort, Entdecken oder etwas anderes ging.“

Spielplätze als kreatives Labor

Genau dieser in der Architekturdiskussion bislang wenig beachteten Thematik widmet sich die Wanderausstellung The Playground Project, die derzeit im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main haltmacht. „Zwischen 1950 und 1980 war der Spielplatz ein kreatives Labor, es gab eine sehr aktive Spielplatzbewegung, und in den Städten der Industrienationen sind viele innovative und verrückte Projekte entstanden, an denen sich Architekten, Künstlerinnen, Landschaftsarchitekten, aber auch Bürger, Aktivisten und Pädagoginnen beteiligt haben“, sagt die Kuratorin, Raumplanerin und Politikwissenschafterin Gabriela Burkhalter.

Die Bandbreite an Spielplätzen aus dieser Ära, das zeigt der fast 300-seitige Ausstellungskatalog mehr als deutlich, reicht vom naturbelassenen Robinson-Abenteuerspielplatz über mond- und kapselartige Zitate auf Raumfahrt, Futurismus und Metabolismus bis hin zu aktionistischen Interventionen, die auf semichoreografierte Weise Open-Air-Bühnenbilder mit dem spielenden Kind im Mittelpunkt in Szene setzten. Die Projekte der deutschen Gruppe KEKS (Kunst, Erziehung, Kybernetik, Soziologie), die in der Ausstellung dokumentiert sind, machen neidisch. Man will noch einmal Kind sein.

„Es war eine tolle, lebendige, mit vielen Konventionen brechende Zeit, in der vor allem die mitteleuropäische Architektenschaft ein neues Betätigungsfeld für sich entdeckt hat“, so Burkhalter. „Die Typologie war nicht nur eine Spielwiese für Kinder, sondern auch für planende Erwachsene, die hier ihre ersten beruflichen Gehversuche gemacht haben und zu einem Experimentierthema beigetragen haben.“ Oft schlossen sich Künstler, Museen und industrielle Betriebe dieser Bewegung an. Eines der populärsten Beispiele ist der orangefarbene Lozzi-Wurm (in Anlehnung an den Erfinder und Künstler Yvan Pestalozzi, Foto Mitte), der in Serienproduktion ging und die Schweiz eroberte.

Ersatz für Wald und Wiese

Doch die Ursprünge des Spielplatzes liegen viel weiter zurück. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die zunehmende Industrialisierung in Deutschland, Großbritannien und Nordamerika das Grün aus der Stadt mehr und mehr verdrängte, suchten Privatpersonen und Philanthropen nach einem möglichen Ersatz für Wald und Wiese und schufen so die ersten urbanen Sandspielflächen. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs entwickelte sich die städtische Spielkultur rasant und gipfelte um 1910 in ausladenden, oft abenteuerlich hohen Holzkonstruktionen.

Ob Industrialisierung, Arbeiterbewegung, zerbombte und kriegszerstörte Innenstädte, die Sehnsucht nach einem neuen Heimatgefühl in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, die sozialen Reformen in den Sechzigern oder der ungebremste Traum der Eroberung der Zukunft und des Weltalls: All diese gesellschaftlichen und politischen Tendenzen schlugen sich in formaler, stilistischer und nicht zuletzt pädagogischer Hinsicht in der Gestaltung von Spielplätzen nieder. Anfang der Achtzigerjahre jedoch ändert sich die Situation schlagartig.

„1980 beginnt in den USA die große Haftungsfrage und verändert damit die gesamte Gesellschaft“, sagt Burkhalter. „Plötzlich geht es nicht mehr um den sozialen, körperlichen, pädagogischen Wert von Spielorten, sondern darum, ob die Fallhöhe eingehalten ist und sich das Kind den Kopf einklemmen kann oder nicht. Von da an bestimmen jene Firmen den Markt, deren standardisierte Produkte die strengen Normen und Vorschriften erfüllen.“ Der Verlust ist unwiederbringlich. In der zunehmenden Konsum- und Digitalisierungsgesellschaft in der physische Bewegung und soziale Interaktion bedrohte Werte geworden sind, ist der Bedarf nach dem klassischen Spielplatz als drittem Pädagogen größer denn je.

[ Die Ausstellung „The Playground Project“ im DAM in Frankfurt am Main ist noch bis 21. Juni 2020 zu sehen. ]

3. Januar 2020 Der Standard

„Es wird vollg’stopft und vollg’stopft“

Sigrid Horn ist Sängerin. Mit dem Bauen hat sie nichts am Hut. Stattdessen beobachtet sie die Zersiedelung und Verhüttelung und versingt das Ganze zum Protestlied „Baun“. Eine Kampfansage und ein Wunschkatalog für 2020.

Standard: Vor einem Jahr haben Sie beim FM4-Protestsongcontest erstmals das Lied „Baun“ gesungen. Wissen Sie, wie oft darin das Wort Baun zu hören ist?

Horn: Keine Ahnung.

Standard: Insgesamt 119-mal.

Horn: Echt jetzt? Oh, mein Gott! Viel zu oft. So sehr zu oft, wie wir zu viel baun.

Standard: Haben Sie schon einmal gebaut?

Horn: Als Kind hab ich gern Sandburgen gebaut, am liebsten mit diesem nassen, batzigen Sand, wo man mit einer Hand runtertröpfelnde Stalagmiten baun konnte, herrlich! Das waren dann die sogenannten Batzlburgen. In den letzten Jahren hab ich immer wieder mal ein Zelt aufgebaut. Das fühlt sich manchmal an, als würd man ein Eigenheim baun. Für manche Menschen ist es das leider auch. Am liebsten aber bau ich Luftschlösser.

Standard: Sie sind im Mostviertel geboren und aufgewachsen. Inwiefern hat Sie Ihre Wohn- und Lebensumgebung geprägt?

Horn: Das Ybbstal ist eine echt wunderschöne Gegend! Aber mittlerweile sind alle Wiesn, wo ich als Kind g’spielt hab, auch die verwunschene Sumpfwiesn mit den Sumpfdotterblumen vorm Wald, Eigenheimsiedlungen geworden. Eh klar, die Leut wollen irgendwo z’haus sein. Stattdessen setzen s’ den Kindergarten zwischen Friedhof und Fernwärme, weil sich niemand was denkt dabei, und die Landschaft wird mehr und mehr verkreisverkehrt und verhüttelt mit Tankstellen, Drogeriemärkten und Fastfoodketten.

Standard: In Ihrem Song kritisieren Sie genau das – die Flächenwidmung, fehlende Raumplanung, die Zersiedelung der Landschaft. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Horn: Der Bauer will die Flächen umwidmen, weil der Anbau unrentabel geworden ist und weil er mit seinem Acker mehr Geld verdienen kann, wenn er es als Bauland verkauft. Dann gibt’s den Shoppingcenterbetreiber, der sagt, dass er Arbeitsplätze schaffen will, aber eigentlich nur daran interessiert ist, fette Mieteinnahmen zu haben. Und dann gibt’s den Bürgermeister, der mehr Menschen anlocken will, um seine Steuereinnahmen zu erhöhen, und der immer nur Ja sagt zu allen eing’reichten Häusln, um ja keinen Freund vorn Kopf zu stoßen, um ja die nächste Wahl nicht zu verlieren. Und so hat jeder sein partikulares Eigeninteresse.

Standard: Wie kommen wir aus dieser Spirale wieder raus?

Horn: Das fragen S’ ausgerechnet mich! Jedenfalls ist das ein total brennendes Thema am Land, und es brennt unter den Fingernägeln! Die Leut in den Dörfern haben’s kapiert, und es fuckt sie so richtig an, weil ihnen die Lebensqualität und die Naherholungsräume weggenommen werden. Wie g’sagt: Beim Realisieren seiner eigenen Partikularinteressen denkt keiner an die Folgen. Wie soll er auch? Woher sollen Bürgermeister und Beamte das wissen? Es gibt zwar Leut, die haben Visionen und kennen sich aus, keine Frage, aber die meisten sind mit Stadt- und Raumplanung heillos überfordert. Es braucht ein Gesamtkonzept. Die ganze Organisationsstruktur g’hört dringend umgebaut.

Standard: Wo ansetzen?

Horn: Beim Reden und Zuhören. Für alles auf dieser Welt gibt’s eine Ausbildung. Und für fast alles in Österreich brauchst einen Gewerbeschein. Aber dafür, wie wir mit unserer Natur und gebauten Umwelt umgehen, gibt’s in der Politik keinerlei Training – und leider auch zu wenig Beratung.

Standard: Ein großes Triebmittel für die Verhüttelung ist der Konsum. Wir stehen hier auf einem Kreisverkehr im Gewerbegebiet Stadlau. Wie sehr kann man diesen Reizen heute überhaupt noch widerstehen?

Horn: Gar nicht, fürcht ich. Ein jeder hat seinen Keller, damit er ihn vollräumen kann mit Glumpert, das er net braucht, und es wird vollg’stopft und vollg’stopft und vollg’stopft. Und auch ohne Glumpertsucht entkommst du den Gewerbegebieten und Konsumtempeln kaum, weil die meisten Dörfer am Land schon ausgestorben und die G’schäftln längst weggezogen sind. Und am Ende sperrt dann auch noch die Dorftankstelle zu, die Post, Greißler und Packerlabholstation in einem war.

Standard: Wie haben denn Bürgermeister, Behörden und Fachleute auf Ihren Song reagiert?

Horn: In der Raumplanungscommunity – ja, die gibt es wirklich! – ist das Lied ziemlich eing’schlagen. Es gibt sogar eine Architekturprofessorin, die den Song seitdem immer in ihrer ersten Vorlesung vorspielt. Sie meinte: „Du sprichst uns allen aus der Seele! Das sagen wir schon seit Jahren, aber den Architekten und Raumplanerinnen hört die Politik einfach nicht zu.“

Standard: Gibt es nationale oder internationale Beispiele, wo die öffentliche Hand das Ganze besser im Griff hat?

Horn: Mir sind keine bekannt. Eigentlich furchtbar, oder?

Standard: 2015 hat der deutsche Stadtplaner Daniel Fuhrhop ein Buch unter dem Titel „Verbietet dasBauen“ geschrieben. Die Stadt Velden hat 2016 eine zweijährige Bausperre über das Wörthersee-Ufer verhängt. Und die Niederlande haben vor einigen Jahren eine Gesamtinventur über leerstehende Baudenkmäler im ganzen Land gemacht. Ist das ein möglicher Weg?

Horn: Sehr coole Beispiele! Das macht Hoffnung! Eine Bausperre oder ein Buch mit so einem provokanten Titel sind auf jeden Fall mal der richtige Weg, um den Menschen die Augen zu öffnen. Ich sing im Lied: „Und se baun imma hecha, se widmen imma schnölla. Wo vorher a Wiesn woa, steht auf amoi a Kölla. Planiert is planiert und wird scho betoniert.“ Aber das Problem ist in Wahrheit noch viel größer. Ich persönlich bin ehrlich g’sagt am Verzweifeln, weil ich mich frag: Wann wachen wir endlich auf? Wann reißen wir endlich die Augen auf und werden uns dieses Wahnsinns bewusst, den wir da produzieren!

Standard: Zum Jahresbeginn können Sie sich etwas wünschen.

Horn: Zeit wird’s. Es brennt eh schon.

Standard: Wie lautet Ihr Appell an die Bauwirtschaft?

Horn: Weniger und nachhaltiger bauen!

Standard: Ihr Appell an die Politik?

Horn: Klare Regelungen schaffen und ein Supportsystem für die Entscheidungsträgerinnen am Land einführen!

Standard: Ihr Appell an die Bürgermeister?

Horn: Sich informieren und sich nicht so leicht von persönlichen Anliegen und Partikularinteressen verlocken lassen!

Standard: Ihr Appell an die Raumplanung?

Horn: Offensiver in die Öffentlichkeit hinausgehen und ihr Wissen breiter streuen!

Standard: Appell an die Architektinnen?

Horn: Günstiger werden, weniger g’scheit daherreden, damit sich mehr Leut einen Architekten leisten können und leisten wollen!

Standard: Appell an die Häuslbauer?

Horn: Sich genauer überlegen, wie viel Platz man wirklich braucht, und dringend damit aufhören, die Häusln mit Sondermüll zu dämmen!

Standard: Appell an uns alle?

Horn: Beteiligt euch alle am Diskurs!

Standard: Worum wird’s im neuen Album gehen?

Horn: Klimawandel bleibt ein Thema.

[ Sigrid Horn, Jg. 1990, studierte Musik und Spanisch und ist seit ihrem 16. Lebensjahr als Sängerin tätig. Im März erscheint ihr neues Album „I bleib do“. Liverelease am 29. Februar in der Elbphilharmonie Hamburg sowie am 18. März im Rabenhof-Theater in Wien. ]

21. Dezember 2019 Der Standard

Griechenland im Burgenland

Architektur mal anders: In der Nähe von Oberpullendorf verwirklichte sich Franz Schubaschitz, seines Zeichens Bankbeamter, ein Vierteljahrhundert lang seinen Traum von der Antike. Ein Besuch in Steinberg-Dörfl.

Man achte stets, sagte er, auf das richtige Verhältnis von Weißzement und Quarzsand. Man gieße den solcherart angemischten Beton in die selbstgebaute Negativgussform aus Kautschuk. Und dann, der wichtigste Schritt von allen, rüttle man die noch zähflüssige Masse so lange durch, bis alle Luftbläschen für immer entwichen sind. „Mit den Jahren“, so der Tempelbauer, „bin ich zur absoluten Erkenntnis gelangt, dass die Schönheit allein Rechtfertigung und Vorschlag genug ist, schön zu bauen.“

Das Resultat dieses 25 Jahre andauernden Schönheitsprozesses steht nicht auf Korfu, nicht in einem Wald in der Nähe von Thessaloniki, sondern mitten im Burgenland. In Steinberg-Dörfl, um genau zu sein, fünf Autominuten von Oberpullendorf entfernt. Und der Herr mit der gelben Kappe und den kräftigen, von jahrzehntelanger Arbeit gestärkten Unterarmen ist kein Architekt, kein Baumeister, kein Antike-Spezialist, sondern ein Lebensmittelkaufmann und Bankbeamter, Franz Schubaschitz sein Name, oder auch Schubaschitz-Franzl, wie sie alle im Dörfl sagten, der sich an einem helllichten Tage Anfang der Siebzigerjahre in den Kopf gesetzt hatte, einen Tempel zu errichten, und sich von diesem geplanten Wahnsinn bis zu seinem 80. Lebensjahr nicht mehr abbringen ließ.

„Wie viele andere auch habe ich ursprünglich ein Wohnhaus im herkömmlichen Sinne bauen wollen“, sagte Schubaschitz zu Lebzeiten in einem ORF-Dokumentarfilm aus der Reihe Unterwegs inÖsterreich, ausgestrahlt anno 1981. „Über die Zeit hinweg jedoch habe ich einen anderen Begriff von Schönheit erfahren, bin gewissermaßen auf den griechischen Baustil gestoßen und bin jetzt bestrebt, die Anlage mehr oder weniger originalgetreu auszuführen. Es sind ja Vorbilder zu Genüge vorhanden.“

Schubaschitz studierte die Wiener Börse, das Parlament, den Theseustempel im Volksgarten und entwickelte sich nach und nach zum Fan des Klassizismus-Architekten Theophil von Hansen. Noch lange vor Internet, Photoshop und all den heute nicht mehr wegzudenkenden CAD-Programmen stöberte er in Büchern über die griechische Antike und sammelte Zettel für Zettel Vorlagen für seine Friese, Plinthen, Voluten, Eierstäbe, Zahnschnitte, Metopen und Triglyphe zusammen. Die Muster für seine mal ionischen, mal korinthischen Kapitelle wurden im Kopierer so lange vergrößert, bis die richtige Dimension für einen ersten Rohling erreicht war.

„Unser Vater war in seinem Leben kein einziges Mal in Griechenland“, erzählen seine Tochter Eva-Sabine Stieber (57) und sein Sohn Klaus Schubaschitz (54), die in ihrer Kindheit und Jugend beim Mauern und Betonmischen mithalfen. „Und doch hat er sich so viel Sensibilität und Wissen über die Materie angeeignet, dass er in der Lage war, so ein Projekt zu stemmen.“ Dazu zählten auch regelmäßige Besuche des Theseustempels. „Eines Tages“, erinnern sich seine beiden Kinder, „war der Tempel eingerüstet, und der Vater war entsetzt, weil er plötzlich keinen Zugang mehr zu seinem Lieblingsgebäude hatte.“

Begonnen hat das burgenländische Epos mit dem Bau eines Einfamilienhauses an der Oberen Hauptstraße 162. Nachdem Schubaschitz nach 15 Jahren Baustelle durch das Stiegenhausloch zehn Meter in die Tiefe stürzte und fortan an auf den Gehstock angewiesen war, ließ er den halbfertigen Rohbau stehen und wich in den Garten aus. Die nächsten 25 Jahre widmete er dem Bau von mehreren griechischen Tempeln, die heute wie verwunschene Zeitzeugen in einem auch von ihm gepflanzten Nadelwäldchen zwischen moosbewachsenen Felsbrocken herumstehen. Eine Mischung aus Staunen und Entsetzen, aus Gänsehaut und Grinsen.

„Genau aus diesem Grund“, sagt Günter Renner, gebürtiger Steinberg-Dörfler, „habe ich der Familie Schubaschitz vor einigen Jahren das Grundstück abgekauft. Über die Sinnhaftigkeit dieser Anlage kann man denken, wie man will. Aber die Liebe, die Leidenschaft, diese Perfektion zum Detail ist wirklich atemberaubend. Ich wohne ein paar Grundstücke weiter, und der Tempelgarten ist unser Kraftort, an dem wir, aber auch unsere Apartment-Mieter und Seminargäste schöne Frühlings-, Sommer- und Herbsttage im Freien verbringen können.“

Sogar der österreichische Architekt Friedrich Kurrent, anno dazumal Professor an der TU München, attestiert dem Werk des 2015 verstorbenen, vielleicht wahnsinnigen, vielleicht geniehaften Tempelbauers ohne jeden Zweifel baukünstlerische Qualitäten: „Es geht um den Zwang, um ein gewisses Ordnungsgefüge, um die Millimeter-Details im Verhältnis zum großen Ganzen. Und hier kommt Franz Schubaschitz mit allen Fragen in Berührung, die für einen Karl Friedrich Schinkel nicht minder wichtig waren.“

19. November 2019 Der Standard

Gustav Peichl 1928–2019

In den Medien trat er als Zeichner „Ironimus“ auf, in seinem Hauptberuf prägte er die österreichische Baukultur des 20. Jahrhunderts wie kaum ein anderer. Am Sonntag ist der Architekt des kleinen Maßstabs in Wien gestorben.

I ch bin eine Art Pausenclown, und immer wenn ich den Mund aufmache, steht das sofort irgendwo in der Zeitung“, sagte Gustav Peichl einmal in einem Interview mit dem STANDARD. „Tatsächlich ist Ironie ein wichtiger Bestandteil der Architektur. Ironie ist mein Hang und Drang. Und am meisten taugt es mir, wenn meine Häuser Nicknames verpasst bekommen. Ich freue mich über jeden Spitznamen.“ Am Sonntag ist der Pausenclown, leidenschaftliche Karikaturist („Ironimus“) und Erbauer der Fledermaus-Schule, des Messe-Chamäleons und der vielen Peichl- und Bacher-Torten im Alter von 91 Jahren im Kreise seiner Familie in seinem Erstlingswerk in Wien-Grinzing verstorben.

Peichl, der am 18. März 1928 in Wien geboren wurde, die Bundesgewerbeschule in Wien-Mödling besuchte und zu Beginn als technischer Zeichner im Stadtbauamt in Mährisch-Trübau (heute Moravská Třebová) arbeitete, prägte die Architektur der Sechziger- und Siebzigerjahre auf eine Art und Weise wie kein anderer. Während seine Lehrer und Wegbegleiter wie etwa Clemens Holzmeister, Roland Rainer, Hans Hollein, Wilhelm Holzbauer und der Künstler Walter Pichler dem Großen, dem Futuristischen, dem Megalomanischen frönten, interessierte sich Peichl stets für den kleinen Maßstab, scheute sich nicht davor zurück, klein zu sein und winzige Türen und Fenster in seine Bauten zu setzen.

„Heutzutage ist alles viel zu groß und viel zu unproportioniert. Ich kann mit diesen großen Sachen nichts anfangen. Ich will für den Menschen bauen und nicht für irgendwelche technokratischen Machenschaften“, so Peichl. Die von ihm geplanten ORF-Studios in Eisenstadt, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck und Dornbirn (1969–1982), die aufgrund der runden Form oft auch als Torten für den ehemaligen ORF-Generalintendanten Gerd Bacher bezeichnet wurden, wirken heute immer noch ansprechend und modern. Kurze Wege, Wohlbefinden und Funktionalität bis zum letzten Millimeter waren die Prämissen seiner Arbeit.

Während eine kleine Volksschule auf dem Wienerberg aufgrund ihrer ungewöhnlichen Hauptfassade von den Schülern den Spitznamen „Fledermausschule“ verpasst bekam, lag dem Grundriss des neuen Messegebäudes im Wiener Prater ein langgestrecktes Chamäleon zugrunde. Der niedrige, gedrungene Turm mit Zipfelmütze daneben ist jedem Wiener ein Begriff. Es folgten der Zubau zum Frankfurter Städelmuseum (1991), die Bundeskunsthalle in Bonn (1992), der Wiener Millennium-Tower (1999, in Kooperation mit Boris Podrecca und Rudolf Weber), das Probengebäude der Münchner Kammerspiele (2001), das Karikaturmuseum Krems (2001) sowie ein paar wenige Wohn- und Bürobauten in Wien und Berlin, die jedoch längst nicht mehr die hohe Qualität von Peichls Frühwerk erreichten.

Mehr als auf die Architektur, scheint es, konzentrierte sich Peichl, dessen Büro direkt neben der Staatsoper lag, zuweilen auf das Zeichnen, auf das karikierende Kommentieren der Landes- und Bundespolitik. Als „Ironimus“ fertigte er viele Jahrzehnte lang Karikaturen für Die Presse und die Süddeutsche Zeitung an – oft täglich. „Er hat uns Innenpolitikjournalisten eigentlich überflüssig gemacht“, sagte Presse-Chefredakteur Rainer Nowak einmal in einer Laudatio. „Wenn man seine gezeichneten Bilder betrachtet, versteht man die Geschichte dazu.“ Unvergessen seine Karikaturen über Sinowatz, Waldheim und Kirchschläger, Schüssel, Klima oder Vranitzky, die er mit Liebe auf die Schaufel nahm.

Hobby als Zweitberuf

„Ich bin ein zeichnender Journalist. Bei mir kommt alles direkt vom Hirn über die Hand in die Zeichnung“, so Peichl, der bis zuletzt die Arbeit am Computer verweigerte und der sich selbst als Doppelgänger zwischen Bauen und Zeichnen bezeichnete. „Die Karikaturen waren ein Hobby, und erst im Laufe der Zeit ist das Hobby zum Zweitberuf geworden. Und der Peichl zum Ironimus.“

Das liebste Utensil war ihm immer der Bleistift, der mit der Zeit immer zittriger gezogen wurde. „Eine Zeichnung gibt Anregung, wie der Entwurf weitergehen soll. Das kann ein Computerbild gar nicht. Heute zeichnet ja niemand mehr. Die sind alle per Mausklick unterwegs.“ Als Schutz der Zeichnung führte die Akademie der bildenden Künste 2014 den Gustav-Peichl-Preis für Architekturzeichnung ein. „Wissen Sie, eitel wie ich bin, gefällt mir das meiste, was ich bisher fabriziert habe, im Großen und Ganzen sehr gut“, erzähle Gustav Peichl an seinem 85. Geburtstag im Gespräch. „Aber wirklich zufrieden bin ich nie. Ich wünsche mir, dass der Architektur generell mehr Respekt entgegengebracht wird, als das heute der Fall ist.“ Der Wunsch hat über seinen Tod hinaus Gültigkeit.

16. November 2019 Der Standard

Auf der Suche nach dem Rot im Himmelblau

Vergangene Woche wurde nach 15 Jahren Pause der erste neue Wiener Gemeindebau fertiggestellt. Wie viel hat der Barbara-Prammer-Hof in Oberlaa mit der einstigen Idee des Roten Wien zu tun? Ein Besuch vor Ort.

Eine Wohnung im zweiten Stock, durch das Küchenfenster am Laubengang dringen Licht und Bohrmaschinengeräusche nach außen. „Ein Reporter also? Das heißt, ich komme in die Zeitung? Na dann kommen Sie herein und machen Sie es sich bequem!“ Željka Mašin, gebürtige Kroatin, ist vor einer Woche eingezogen. Ihr Handwerker, ein Kollege ihres Sohnes, montiert gerade die Oberschränke in der Küche. „Das Haus gefällt mir super“, sagt die 63-jährige Reinigungskraft, „es ist ruhig und so hellblau angemalt, da kann man schlafen wie ein Baby. Vor allem aber ist die Miete billig. Ich zahle 265 Euro für 35 Quadratmeter. Das ist echt okay.“

Mašin ist eine der ersten Bewohnerinnen, die nach 15 Jahren kommunaler Bautätigkeitspause in Wien letzte Woche wieder einen Schlüssel in eine neu errichtete Gemeindewohnung in die Hand gedrückt bekommen hat. Ihre Adresse: Fontanastraße 3, ein paar Gehminuten von der U1-Endstation Oberlaa entfernt. Wie bei den meisten Gemeindebauten des Roten Wien handelt es sich auch hier nicht bloß um ein Wohnhaus, sondern um einen Hof, der nach einer österreichischen Persönlichkeit benannt ist, in diesem Fall nach der 2014 verstorbenen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Und wie schon damals prangen große rote Lettern über dem Eingang.

Der erste Gemeindebau in der Geschichte Wiens, der Metzleinstaler Hof in Margareten, wurde kurz nach dem Ersten Weltkrieg 1923 von Robert Kalesa und Hubert Gessner fertiggestellt. Der letzte Gemeindebau wurde 2004 in Liesing an seine Mieter übergeben. Von da an deckte die Stadt Wien ihren Bedarf an leistbaren Wohnungen für die breite Masse über die gemeinnützigen Bauträger ab. 2015 kündigte der damalige Bürgermeister Michael Häupl an, den Gemeindebau wieder zum Leben erwecken zu wollen. Die Gemeindewohnungen sind als Ergänzung zu den geförderten Bauträgerwohnungen gedacht – mit dem Unterschied jedoch, dass die Wohnungen im Eigentum der Stadt verbleiben und dass sich die Mieter dadurch den Eigenmittelanteil sparen, der bei manchen Bauträgerprojekten je nach Lage und Wohnungsgröße mitunter auf bis zu 40.000 Euro hochklettern kann.

„So viel? Ich glaube, das hätten wir uns nicht leisten können“, sagt eine Frau, die mit Mann und Tochter im dritten Stock wohnt und aus beruflichen Gründen anonym bleiben möchte. „Wir haben uns schon vor langer Zeit bei Wiener Wohnen um eine geförderte Wohnung beworben. Aufgrund unseres Haushaltseinkommens haben wir ganz gut ins Schema für den Gemeindebau gepasst. Wir zahlen knapp 620 Euro für 83 Quadratmeter. Die Wohnung ist extrem hell, und wir haben sogar eine Loggia und Terrasse.“ Aus ihrem Wohnzimmer blickt man in einen der drei Innenhöfe, um die herum die Anlage mit ihren insgesamt 120 Wohnungen gruppiert ist.

Wie viel Gemeinde im Bau?

„Mit circa 1350 Euro Baukosten pro Quadratmeter haben wir hier am denkbar untersten Budgetlimit gebaut“, sagt Saša Bradiæ, Partner im Wiener Büro NMPB Architekten. „Mehr als eine konventionelle Bauweise mit Stahlbeton, Wärmedämmung und Putzfassade ist da nicht drin. Das architektonische Spiel beschränkt sich auf das Himmelblau und auf ein paar Gestaltungsmittel wie etwa Fensterfaschen und schlossermäßige Balkongeländer.“ Nichts von alledem ist von umwerfender architektonischer Raffinesse, aber es zeugt von einer sozialen Sensibilität, dass NMPB die Energie nicht in technische Leitdetails hineinbutterte, sondern auf ein paar schöne Ideen wie etwa das gläserne Foyer und die drei Innenhöfe mit Parkbänken und Hochbeeten konzentrierte.

Für zwei Kunst-am-Bau-Projekte hat das Geld noch gereicht. Ingeborg Kumpfmüller steuerte eine baulich billige, aber visuell wirksame Arbeit bei, indem sie die Eingangsbereiche verflieste und mit Wortfragmenten aus dem Bereich der sozialen Nachhaltigkeit aufwertete: Erlebnis, Begegnung, Kommunikation, Gemeinschaft und Nachbarschaft. Und der italienische Keramikkünstler Elio Macoritto, ein Wunschkandidat der Stadt Wien, klatschte im Foyer eine feuerrote Hymne an Barbara Prammer von so unterirdischer Qualität an die Wand, dass man anfangen möchte, dem echten Roten Wien nachzuweinen.

Spätestens an dieser Stelle fragt man sich, während man an den Karl-Marx-Hof, an den Reumannhof, an den Sandleitenhof und an all die anderen expressionistischen Glanzlichter der Zwanziger- und Dreißigerjahre denkt, wie viel Gemeindebau im neuen Gemeindebau wirklich drinsteckt. „Ich sehe im Gemeindebau neu einen weiteren Mosaikstein am Wohnungsmarkt, der sich nicht maßgeblich vom bisherigen geförderten Wohnbau unterscheidet, dafür aber an eine spezielle Klientel gerichtet ist – und zwar unbefristet, kautionsfrei, komplett ohne Eigenmittel, und das alles um monatlich 7,50 brutto pro m2“, sagt Ewald Kirschner, Vorstandsdirektor der Gesiba und Geschäftsführer der neu gegründeten Wigeba, einer 100-prozentigen Tochter von Wiener Wohnen und Wien Holding.

Fazit: Mit der einzigartigen Gemeindebaukultur des vorigen Jahrhunderts teilt der neue Gemeindebau bestenfalls seinen Namen. Und seine roten Buchstaben über dem Portal. Ein Bekenntnis zum sozialen Gesamtkunstwerk wie anno dazumal wird man vergeblich suchen. Doch in Zeiten exorbitant steigender Wohnkosten, in denen sich die Einkommensschwächeren nicht einmal mehr den klassischen geförderten Wohnbau leisten können, ist der Gemeindebau neu immerhin ein Bekenntnis zum wirklich billigen Bauen – ganz okay und ohne jeden themenprogrammatischen Firlefanz. Die jungen Bewohner des Barbara-Prammer-Hofs wissen dieses Angebot zu schätzen. Mehr braucht es auch nicht.

9. November 2019 Der Standard

Ein Haus für Pegasus und Josephine

Gestern, Freitag, wurde der Österreichische Bauherrenpreis 2019 vergeben. Gewürdigt wurden dabei der Mut und die Bestellqualität der Auftraggeber. Einer der Preise ging an einen Wagyu-Stall im Hausruck.

Pegasus, freches G’schau, sechs Monate alt, jüngster Überflieger in der Kolonie, spaziert gemütlich durch die matschige Wiese, die Hügelkuppe ist seit den frühen Morgenstunden in eine feuchte Nebelsuppe getaucht, ändert nach ein paar Schritten seine Richtung, steuert schließlich schnurstracks auf seinen Bauern zu, auf den Reindl-Hubert, wie alle im Ort sagen, und auf den Journalisten, der mit Diktiergerät gewappnet direkt neben ihm steht, um dann, plötzlich, wie einen dritten Flügel seine neugierige Zunge durchs Gatter zu strecken und genüsslich das technische Gerät abzuschlecken. Wagyu-Rinder, erste Lektion an diesem Morgen, haben eine ewig lange, anthrazitgraue Zunge.

„Das ist eine der Besonderheiten dieser Rasse“, sagt Hubert Huemer. „Denn Wagyu-Rinder sind eine sehr alte Rasse, die in Japan über viele Jahrhunderte hinweg kaum gekreuzt wurden. Aus diesem Grund konnten sich einige physische Eigenschaften wie der schlanke Körperbau und das schwarze, flauschig glatte Fell erhalten.“ Vor allem aber ist das Japanische Schwarzrind, so der offizielle Name dieser Unterrasse, für sein fettes, reichlich marmoriertes Fleisch bekannt. In Japan werden die Filetsteaks der Kobe-Luxusrinder um bis zu 600 Euro pro Kilo gehandelt.

„Davon sind wir weit entfernt“, sagt der Nebenerwerbsbauer, der den Hof gemeinsam mit seiner Frau Diana und seinen sieben Kindern bewirtschaftet, „aber mit einem Kilogrammpreis von 229 Euro ab Hof ist das Filet auch bei uns kein Schnäppchen. Jedenfalls, wenn wir schon so ein hochwertiges Produkt halten und verkaufen, dann muss auch das Drumherum stimmen – und zwar nicht nur für die Kunden, die uns hier in Atzbach besuchen, sondern auch für uns selbst und nicht zuletzt für die Kühe.“ Eine goldrichtige Entscheidung. Gestern, Freitag, wurde der außergewöhnliche Stall als eines von insgesamt sechs Projekten im Architekturhaus Kärnten, Klagenfurt, mit dem Österreichischen Bauherrenpreis 2019 ausgezeichnet.

2010 kam mit Josephine, heute zehn Jahre alt, die erste Wagyu-Kuh auf den Hof. In der Zwischenzeit ist die japanische Rindertruppe auf gut 40 Stück angewachsen. Für genau diese Anzahl entwarf der Wiener Architekt Herbert Schrattenecker, eine Empfehlung von Freunden aus dem Hausruck-Kreis, letztes Jahr einen Stall, der dem noblen Vieh alle Ehre erweisen sollte. Schratteneckers Antwort auf die Bauaufgabe ist ein rund 25 mal 15 Meter großes und acht Meter hohes Stabwerk aus massiver Fichte, das in seiner außergewöhnlichen Konstruktionsweise die Charakteristika von japanischem Holzbau und historischen Dachstühlen aus dem Sakralbau, wie sie in Oberösterreich immer wieder zu finden sind, in sich vereint.

„Ich habe schon einige historische Kirchen in der Gegend saniert und habe mittlerweile eine große Expertise in dieser Holzbauweise“, sagt der Architekt. „Außerdem war mir wichtig, in Anlehnung an die Herkunft der Tiere, die japanische Holzbautradition in das Gebäude einfließen zu lassen.“ Aus diesem Grund besteht das Erdgeschoß wie in Japan aus vertikalen Stützen mit horizontalen Zangen ohne aussteifende Diagonalbalken, während die Heu- und Strohbühne im Obergeschoß in Dreiecke und aufgeklappte Vordächer aufgelöst ist und somit die europäische Holzbaukultur abbildet.

„Im Gegensatz zu den meisten Holzkonstruktionen, die heute aus industriellen Leimbindern gefertigt werden, haben wir hier bis zu neun Meter lange Vollholzbalken verwendet“, so Schrattenecker. Bis auf wenige ingenieurmäßige Knoten, wo besonders große Kräfte zusammenkommen, handelt es sich bei den meisten Verbindungen um zimmermannsmäßige Zapfen, Zangen, Stirn- und Fersenversatze und klassische Falzüberblattungen. Rundherum ist die offene Konstruktion, an der man sich nicht sattsehen kann, mit Schiebeläden verkleidet, die im Hochsommer zur Querlüftung komplett zur Seite geschoben werden können.

„Für den heurigen Bauherrenpreis wurden etliche Holzbauten nominiert“, erklärt Albert Kirchengast, Vorsitzender der Bauherrenpreis-Jury. „Bei diesem Projekt jedoch gehen Baustoff, Handwerk und die Liebe zum Tier eine besondere Symbiose ein. Das ist eine archaische Wohlfühlarchitektur, in der die hohe Bestellqualität der Bauherrenfamilie deutlich zu spüren ist.“ Der Bauherrenpreis wurde 1967 von der Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs (ZV) ins Leben gerufen und wird seitdem jährlich vergeben.

21. September 2019 Der Standard

Die Macht der toten Häuser

Endstation oder Baustelle? Thomas Windisch hat verlassene und gottverlassene Orte aufgespürt und diese mit der Kamera festgehalten. Der Verfall der Materie fasziniert aber nicht nur Fotografen, sondern auch Architekten.

A bgeblätterte Seidentapeten, durchgekrachte Parketts und Plafonds, Jahrhunderte in Schutt und Asche. „Mich zieht die Ästhetik dieser Orte magisch an, ich fühle mich darin auf eine gewisse Weise zu Hause“, sagt der steirische Fotograf Thomas Windisch. „Einerseits ist eine Ruine ein verlorener Ort, weil er vom Menschen aufgegeben, seiner Funktionen beraubt und von der Natur zurückerobert wurde. Andererseits aber wird die Ruine durch die Transformation zu etwas ganz Neuem – zu einem Zeitzeugen, zu einem Mahnmal, vielleicht sogar zu einer Vorwegnahme dessen, wie die Welt in hundert Jahren aussehen wird, wenn wir uns weiterhin so deppert anstellen und uns von diesem Planeten eigenhändig ausradieren.“

Windisch ist Autodidakt, fotografiert erst seit ein paar Jahren, seit er sich, wie er im ΔTANDARD-Gespräch erzählt, zu seinem 30. Geburtstag mit einer professionellen Spiegelreflexkamera beschenkt hat. Schon bald entdeckte er seine Leidenschaft für verlassene Villen, tote Krankenhäuser, niedergewirtschaftete Industrieareale. Was als romantischer Spaziergang durch die Zeit begann, entwickelte sich bald zu einer Abenteuersafari, die nicht nur durch Rost und Spinnennetze führt, sondern dem Fotografen mitunter körperliche Beherrschung und logistische Reiseplanung abverlangt.

„Eine Villa oder ein leerstehendes Fabrikgebäude ist relativ leicht zu fotografieren“, sagt der 36-Jährige, der schon mal drei Wochen in Tschernobyl und Prypjat verbrachte. „Schwieriger wird es bei Ruinen, die man sich erst mühsam erkämpfen muss.“ In einer aufgelassenen Mine in England stieß Windisch 2015 auf einen illegalen Schrottplatz, in dem alte Autowracks einfach in die Tiefe gestoßen wurden. Mit Lampen, Kletterausrüstung und aufblasbarem Schlauchboot gewappnet stieg er in die Tiefe hinab und hielt das atemberaubende Foto mitsamt hellblauem Range Rover für die Ewigkeit fest. Gänsehaut. Seite 50 in seiner soeben erschienenen, 200-seitigen Augenreise zu verlassenen Orten.

Nicht nur in der Fotografie, auch in der Architektur sind verlorene Orte ein bewährtes Fundament für lustvolle Spiele an der Schnittstelle von Schöpfung und Zerstörung. Schon in der Antike wurden Ruinen überbaut und Bausteine davon als sogenannte Spolien in anderen Bauwerken wiederverwendet. In der jüngsten Geschichte spielt der spanische Architekt Ricardo Bofill eine wichtige Rolle. 1973 kaufte er in Sant Just Desvern eine alte Zementfabrik aus dem Ersten Weltkrieg und baute diese zu „La Fábrica“ mit Wohn- und Atelierräumen um. In den letzten fünf Jahren erlebt die Revitalisierung von verrotteten Ruinen einen regelrechten Hype – und produziert Räume mit Demut vor der Zeit.

[ Thomas Windisch, „Wer hat hier gelebt? Augenreise zu verlassenen Orten“. Mit Texten von Thomas Macho und Ilija Trojanow. € 45,– / 216 S. Brandstätter, Wien. Präsentation am 30. September in der Buchhandlung Lia Wolf, Sonnenfelsgasse 3, 1010 Wien ]

21. September 2019 Der Standard

Ich und Postmoderne? Das hätte ich mir nie gedacht!

Architekt und Denkmalschützer Manfred Wehdorn wohnt überraschenderweise in einem Neubau am Rande des Wienerwalds. Die Wildschweine, sagt er, haben zum Glück schon andere Lieblingsgrundstücke gefunden.

Offenbar habe ich mich in all den Jahrzehnten zu viel mit der Denkmalpflege beschäftigt, sodass ich es bei meinem eigenen Wohnhaus bevorzugt habe, mich einem Neubauprojekt zu widmen. Der Wehdorn baut für sich neu! Kann man das glauben? Gewiss, ich bin zwar bekannter für die Sanierung denkmalgeschützter Objekte, aber wenn man nach Jahrzehnten merkt, dass die eigene Wohnhülle immer noch passt, obwohl sich die familiären Verhältnisse verändert haben, dann weiß man, dass man damals, Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre, wohl gar nicht so schlechte Arbeit geleistet hat.

Ich wohne hier mit meiner Frau Margaretha, in Hütteldorf, am Rande des Wienerwaldes. Das Schönste ist: Wir gehen durch die Haustür und sehen sofort in den Wienerwald hinein. Wenn wir durch das Hintertürl hinten rausgehen würden, wenn das die grüne Wildnis zuließe, dann könnten wir bis nach Mauerbach wandern.

Wir leben hier mit der Natur: Im Winter kommen immer noch Rehe und Füchse bis vors Haus. Die Wildschweine haben zum Glück schon andere Lieblingsecken gefunden. Als wir das Grundstück gekauft haben, stand hier übrigens eine einfache Siedlungshütte aus den Vierzigerjahren, und mein Wunsch war, dass das neue Haus sich diesem atmosphärischen Bild beugt. Daher haben wir unsere neu geschaffene Siedlungshütte vom ersten Tag an mit Kletterpflanzen, mit Glyzinien, überwuchern lassen. Modern war das damals nicht! Meine Kollegen haben sich gewundert.

Das Haus ist ein klassischer, zweischaliger Ziegelbau mit tragenden Holzdecken und hat auf diese Weise genügend speicherfähige Masse, was im Sommer für ein angenehm kühles, im Winter für ein warmes Raumklima sorgt. Außerdem habe ich ins Kupferdach wasserführende Leitungen integriert, sodass eine elegante, versteckte Solaranlage entstand, mit deren Hilfe wir im Sommer unseren Warmwasserbedarf decken können. Eigentlich lauter Selbstverständlichkeiten, würde man meinen. Heute sagt man dazu Nachhaltigkeit und biologisches Bauen im Einklang mit der Natur.

Ich gebe zu: Das Haus hat einen leichten Postmoderne-Stempel, und das ruft in meiner Seele ein gewisses Lächeln hervor, denn ich hätte mir nie gedacht, dass ich als Denkmalpfleger und Freund der Zeitlosigkeit jemals der Mode einer Stilfrage anheimfallen würde. Doch ich tat es – wiewohl aus wohlüberlegten Gründen, denn die postmodern anmutende, geschwungene Form des Wintergartens in Form eines Klaviers hat einzig und allein damit zu tun, dass ich die hundert Jahre alte Linde auf dem Grundstück erhalten wollte und daher mit dem Haus ausgewichen bin. 30 Jahre später kämpft man gegen den Nimbus der Postmoderne an. Soll sein.

Viele Häuser haben zu einer Scheidung geführt. Bei uns hat das Bauprojekt eigentlich gut funktioniert. Der eine hat etwas vorgeschlagen, der andere hat einen Gegenvorschlag gemacht, und dann gibt es halt einen Kompromiss, der beide ziemlich glücklich macht und beiden halt vielleicht auch ein bissl wehtut. Das bezieht sich auch auf die Einrichtung des Hauses. Und so kommt es, dass wir im Wohnzimmer einen runden Tisch mit originalen Plastikschalendrehstühlen aus den Sechzigerjahren haben, die auch im Museum of Modern Art in New York ausgestellt sind. Die beigen Ledersofas haben wir aus der Knödelhütte mitgenommen, einem Ausflugsrestaurant im Wienerwald, wo wir auch einige Jahre gewohnt haben. Hinzu kommen Souvenirs und Mitbringsel wie etwa Teppiche, Trommeln, Vasen und keramische Köderenten aus Kalifornien, Äthiopien, Aserbaidschan.

Alles in allem, würde ich sagen, ist unser Wohnen durch und durch wohnbar – also inkonsequent gemischt, jedoch geprägt von vielen persönlichen Erinnerungen, auf die wir nicht verzichten wollen. Das alles ist Teil des Lebens.

[ Manfred Wehdorn, geb. 1942 in Wien, studierte Architektur und Violine, er arbeitet heute als Architekt und Denkmalpfleger. Bis 2012 war er Vorstand des Instituts für Kunstgeschichte und Denkmalpflege an der TU Wien. Zu seinen bekanntesten Revitalisierungen zählen die Redoutensäle (1997), die Wiener Gasometer (2001) sowie das Stadtpalais Liechtenstein (2013). Demnächst wird er das denkmalgeschützte Gartenbaukino sanieren. Seine Frau Margaretha, geb. 1939 in Wien, ist Handelsfachfrau und arbeitete lange Zeit in seinem Büro mit. ]

14. September 2019 Der Standard

„Mich ziehen Katastrophen an“

Die pakistanische Architektin Yasmeen Lari hat bislang mehr als 100.000 Hütten für die Ärmsten der Armen gebaut. Ihr Büro schlägt sie überall dort auf, wo die Natur gewütet hat.

STANDARD: Wann auch immer man einen Text über Sie findet, heißt es jedes Mal: „Yasmeen Lari ist die erste Architektin Pakistans.“ Wie geht es Ihnen mit diesem Stigma?

Lari: Pakistan befindet sich gerade in einem Umbruch und in einem Prozess der Öffnung. Wir leben in einer Zeit der ersten Ärztinnen, der ersten Pilotinnen, der ersten Bergsteigerinnen. Ich bin halt die angeblich erste Architektin. Es ist Fluch und Segen zugleich.

STANDARD: Warum?

Lari: Segen, weil man zu Vorträgen in aller Welt eingeladen wird. Fluch, weil es so viele Vorträge sind, dass ich kaum noch mit meiner Arbeit nachkomme. Jetzt habe ich gelernt, Nein zu sagen.

STANDARD: Wozu sagen Sie Nein?

Lari: Zu Ruhm und Ehre. Da war ich schon einmal. Das brauche ich heute nicht mehr.

STANDARD: Sie haben viele Jahre für die Schönen und Reichen gebaut und gelten alsdie wichtigste Vertreterin der Moderne und des Brutalismus in Pakistan.

Lari: Oh ja! Die Sechziger- und Siebzigerjahre! Eine tolle Zeit! Le Corbusier war unser aller Guru. Er hat mich und uns alle massiv beeinflusst. Ich habe damals einige wunderschöne Projekte wie etwa Einfamilienhäuser, Luxusvillen und diverse Konzern-Headquarter geplant. Viele meiner Projekte wurden publiziert und gelten bis heute als Maßstab für den Brutalismus in unserem Land.

STANDARD: Vermissen Sie die Zeit?

Lari: Nein. Ich habe damals für das eine oberste Prozent Pakistans gebaut. Da wird das Ego schon ziemlich groß. Es gab eine Zeit, da fühlte ich mich, als wäre ich die Nachbarin Gottes. Ich wusste: So kann das nicht weitergehen. Also bin ich wieder herabgestiegen.

STANDARD: Wo sind Sie heute?

Lari: Am Boden. Ich fühle mich wohl und geerdet. Im Rahmen der Heritage Foundation of Pakistan, die ich gemeinsam mit meinem Mann Suhail Zaheer Lari gegründet habe, praktiziere ich das, was ich gerne als „Barefoot Architecture“ bezeichne.

STANDARD: Das heißt?

Lari: Es gibt viele Menschen, die sich tatsächlich keine Schuhe leisten können, geschweige denn ein einfaches Dach über dem Kopf. Diesen Menschen widme ich meine Arbeit, indem ich sehr einfache Hütten baue, die von Nachbarn und Freunden leicht kopiert werden können: Das Material ist billig und überall vorhanden, die Arbeitsweise simpel, die Bauweise robust. Und das Wichtigste: Meine Projekte kommen zu 100 Prozent ohne Beton aus, denn sobald Zement mit im Spiel ist, ist man auf die Großindustrie angewiesen und in einer Preisspirale gefangen.

STANDARD: Fundamente ohne Zement?

Lari: Ja. Die drei konstruktiven Baustoffe, die ich verwende, sind Lehm, Kalk und Bambus. In manchen Regionen kommen auch Stroh und Kuhdung zum Einsatz. Im richtigen Mischverhältnis schaffen sie ein robustes Fundament und Mauerwerk, das in Hochwasserregionen einer mittelgroßen Flut standhält. Die Langzeiterfahrung mit unseren Konstruktionen zeigt, dass sie sogar Erdbeben aushalten.

STANDARD: Wie ist das möglich?

Lari: Wir mischen Lehm und Kalk in einem speziellen Verhältnis und verwenden vorgefertigte, geschnürte Bambusmatten, die wir ins Mauerwerk setzen, als Bewehrung. Erdbebentests haben ergeben, dass unsere Häuser Erdbeben der Stärke 7 und 8 auf der Richterskala unbeschadet überstehen.

STANDARD: Ihr Büro wandert mit den alljährlichen Naturkatastrophen mit. Wo wohnen und leben Sie denn derzeit?

Lari: Mein Lebensmittelpunkt ist und bleibt Karatschi. Aber es stimmt, ich bin eine Nomadin. 2005: großes Erdbeben in Pakistan. 2010: Überschwemmungen im ganzen Land. 2011, 2012 und 2013: Flut in Sindh. 2013: Erdbeben in Belutschistan. 2014: Hochwasser in Punjab. 2015: Hochwasser und Erdbeben in Khyber Pakhtunkhwa. Erst kürzlich stand Sindh unter Wasser. Mich ziehen die Katastrophen an. Ich habe schon in jedem Desaster gearbeitet.

STANDARD: Wie können wir uns Ihre Arbeit vor Ort vorstellen?

Lari: Als ich 2005 erstmals in die betroffenen Erdbebenregionen aufgebrochen bin, hatte ich 500.000 Pakistanische Rupien in der Tasche, damals nicht einmal 10.000 Euro. Ich wusste: Das muss reichen, um den Menschen zu helfen. Ich entwickle mit den Leuten vor Ort einfache Behausungssysteme, die billig und schnell zu errichten, zugleich aber schöne, hochwertige Bauwerke sind. Das Problem ist nämlich: Architekten bilden sich immer ein, großartige Bauwerke erfinden und errichten zu müssen. Doch sobald sie für arme, bedürftige Menschen planen, degradieren sie ihre Architektur häufig zu etwas Kleinem und Hässlichem. Das macht mich wütend! Die armen 99 Prozent verdienen genauso schöne Häuser wie die wirtschaftliche Elite.

STANDARD: Wie finanziert man Schönheit, wenn die Mittel fast null sind?

Lari: Einspruch bei dieser Frage! Wenn eine internationale Hilfsorganisation in Pakistan ein einfaches Wohnhaus errichtet, dann gibt sie in der Regel 600 bis 800 Euro pro Gebäude aus. Im Durchschnitt werden dabei rund 5000 gebrannte Ziegel verbaut. Das ist teuer, geht am Bedarf der Menschen vorbei und respektiert in der Regel keinerlei lokale Ästhetik. Die Ein-Raum-Hütten, die ich mit lokalen Materialien baue, kosten zwischen 120 und 170 Euro pro Stück. Schönheit hat nichts mit Geld zu tun.

STANDARD: Sie haben letzte Woche einen Vortrag im Rahmen der Vienna Biennale for Change gehalten. Was muss sich ändern?

Lari: Wir müssen endlich anfangen, Barefoot Architecture als gleichberechtigte Disziplin zu verstehen. Das muss sich in der Schule, im Architekturstudium und nicht zuletzt auch in der Politik und Wirtschaft niederschlagen.

STANDARD: Wünsche für die Zukunft?

Lari: Ich bin eine permanent Lernende. Leider weiß ich bis heute nicht, wie man meine Arbeit so weit multiplizieren kann, dass wir damit all die Millionen Menschen erreichen, die keine Toilette, keine Küche, kein Dach über dem Kopf haben. Das muss ich noch lernen.

7. September 2019 Der Standard

Im Wuchtelwald

Morgen, Sonntag, wird nach medialen Kontroversen die Kunstinstallation „For Forest“ im Klagenfurter Wörthersee-Stadion eröffnet. Was will uns die Architektur aus 299 Bäumen sagen?

D ie ersten Vögel haben sich schon niedergelassen. Es zwitschert ganz leise aus dem Wald heraus. „Denn natürlich“, sagt Klaus Littmann, „ist das nicht nur ein Kunstprojekt, sondern auch ein temporärer Lebensraum für Fauna und Flora.“ Dass die Kunstinstallation For Forest derzeit ausgerechnet dem Menschen, insbesondere der dem Leder hinterherlaufenden Spezies, versperrt bleibt, ist angesichts des Wunders von Wolfsberg, da der Verein WAC im Mai mehr als überraschend in die Qualifikationsrunde der UEFA Europa League aufgestiegen ist und nun nicht einmal ein Heimstadion hat, in dem er seine Spiele austragen kann, sondern bis November ins Grazer Exil ausweichen muss, umso skurriler. „Fußballfeindliches Projekt!“, mokieren sich die Gegner.

Littmann, Schweizer Künstler seines Zeichens, geht mit der Idee, ein Stadion zu bewalden, schon seit fast 30 Jahren schwanger. Damals, 1990 war das, stieß er in einer Ausstellung in Wien auf eine Bleistiftzeichnung des Wiener Künstlers Max Peintner. Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur, so der Titel des 1970 erstellten und in die USA verkauften Werks, das derzeit in der Stadtgalerie Klagenfurt gastiert, wirft einen verstörenden, dystopischen Blick in die Zukunft.

In eine vielleicht gar nicht so ferne Zeit, wie sich auf geopolitischer Ebene zeigt, in der der Wald zum raren Spektakel geworden ist, das man nur noch im geschützten Rahmen im Stadion bewundern kann. Selbiges ist in Max Peintners Zeichnung, die hier Pate stand, im Gegensatz zum Klagenfurter Jörg-Haider-Vermächtnis, das seit der UEFA EM 2008 etwas karg dahinvegetiert, zum Bersten gefüllt, bis auf den letzten Sitzplatz ausverkauft. In den nächsten sieben Wochen bis 27. Oktober, so der Plan, soll es auch hier wieder etwas voller werden, im 33.000-Besucher-Stadion der 100.000-Einwohner-Landeshauptstadt.

„Ich habe jahrelang nach einem Stadion gesucht“, erinnert sich Littmann, „aber wenn ein Fußballclub einigermaßen erfolgreich spielt, ist so viel Geld involviert, dass es eigentlich unmöglich ist, sich für ein paar Monate mit einem Kunstprojekt einzumieten.“ Und dann kamen Klagenfurt und der österreichische Fußball. Dass das von ihm initiierte Megaprojekt derartige landesfürstliche Wunden aufreißen und zum Politikum werden würde, sagt er, hätte er nicht geahnt. Einige Wuchtelfans drohen damit, den Bäumen mit der Kettensäge an den Stamm zu gehen. Die Kunstszene ätzt indes, ob die ganze Angelegenheit überhaupt den Aufwand wert sei – und das obwohl nach Auskunft der Klagenfurter Bürgermeisterin Marie-Luise Mathiaschitz (SPÖ), wie sie betonet, „kein Euro Steuergeld von öffentlicher Hand in dieses Projekt geflossen ist“. Die kolportierten Investitionskosten, die zur Gänze aus privaten Sponsoren- und Mäzenengeldern stammen, belaufen sich auf vier Millionen Euro.

Was die CO2-Bilanz betrifft

Die Sonnenstrahlen arbeiten sich durch das Blätter- und Nadelwerk durch. Zwischen Pappeln und Platanen flattert ein verirrtes Täubchen umher. Insgesamt 299 große, ausgewachsene Bäume mit acht bis 16 Meter Höhe bis zu den Wipfeln wurden in den letzten Wochen ins Stadion verfrachtet. Ursprünglich wollte man die Bäume allesamt aus österreichischen Baumschulen ankaufen, doch daraus wurde nichts. Die Mischung aus 18 verschiedenen Baumspezies, mit der man den Kärntner Mischwald nachahmen will, sei in österreichischen Schulen in dieser Menge nicht verfügbar, hieß es. Und so musste man nach Italien, Belgien und Norddeutschland ausweichen. „Aus Sicht der Konzeptkunst war das schon ein ziemlicher emotionaler Knick“, sagt Enzo Enea. „Für mich als Landschaftsarchitekt aber ist der Transport von Bäumen quer durch Europa mein tägliches Geschäft. Bäume sind nie dort, wo man sie braucht. Was die CO2-Bilanz betrifft, so kann ich insofern beruhigen, als Bäume in diesem Alter und in dieser Wuchsgröße durchaus gute Kompensationsarbeit leisten. Ein solcher Baum produziert rund drei Millionen Liter Sauerstoff pro Jahr.“

Enea, der am Zürichsee sitzt, ein eigenes Baummuseum betreibt und von dort Privatgärten in der ganzen Welt konzipiert, errichtet und mit seinem insgesamt 220-köpfigen Team auch kontinuierlich betreut, ist derjenige, der das temporäre Projekt technisch überhaupt erst möglich machte. Seit vielen Jahren schon ist der Gärtner darauf spezialisiert, bedrohte Bäume zu retten, die Investoren, Verkehrsplanern und Stadtentwicklern im Weg stehen, ihre Wurzelballen zu beschneiden und die Bäume in das von ihm gegründete Museum nach Rapperswil zu transportieren, wo sie schließlich ein Leben nach dem Scheintod fristen.

„Genauso“, sagt Enea, „sind wir auch in Klagenfurt vorgegangen. Wir haben geschulte Bäume mit kleinen, kompakten Wurzelballen aufgekauft, denn aufgrund der bestehenden Rasenheizung im Klagenfurter Stadion, die wir keinesfalls beschädigen dürfen, mussten wir uns in der Höhe auf ein Minimum beschränken.“ Die kompakten Wurzelballen stehen auf einer simplen Unterkonstruktion aus Holzbalken und massiven Aluminiumplatten, an die sie aus Stabilitätsgründen mittels Zuggurten festgezurrt wurden. Am Ende wurde der 7000 Quadratmeter große Wald auf Zeit, der im Unterholz noch mit 6000 Gräsern und Gebüschen nachverdichtet wurde, mit Hackschnitzeln und Rindenmulch aufgeschüttet.

Es piepst und zwitschert im Gehölz. Und da ein Schmetterling! Am Ende der Installation, die in Klagenfurt in ein üppiges Rahmenprogramm und allerhand Merchandising-Produkte eingebettet ist, wird das Kunstwerk um einen Kilometer nach Westen übersiedeln. Auf dem Lakeside-Campus der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt sollen die 299 Bäume in der gleichen Konstellation dauerhaft eingepflanzt werden. Herzog & de Meuron werden einen kleinen Pavillon errichten, in dem das Projekt dokumentiert werden soll.

Temporäres Kunstwerk? Mega-Mahnmal? Aufgebauschtes Medienspektakel in der Klagenfurter Ikone für Korruption und sportliche Machenschaften? Die Frage stellt sich nicht. Zumindest nicht jetzt. Ein brasilianischer Psychopath fackelt den Amazonas ab. Und Max Peintner, Klaus Littmann und Enzo Enea liefern nach Jahrzehnten Vorarbeit eine so punktgenaue und realitätsnahe Glosse, dass einem bang wird.

24. August 2019 Der Standard

Bahnsteig mit Balkon

Das Wiener Architekturbüro Einszueins hat sich auf die Planung von Partizipationsprojekten spezialisiert. Das neueste Wohnhaus im Baugruppenportfolio wurde vor wenigen Wochen an seine Bewohner übergeben. Die Umzugskartons stehen noch herum. Ein Besuch.

Eigentlich“, sagt Julia, „wollte ich einfach nur eine schöne Wohnung mit Balkon. Das war mein ursprünglicher und vielleicht wichtigster Wunsch vor vier Jahren. Doch das, was wir heute haben, ist mehr, als ich je zu träumen gewagt hätte. Wir haben’s geschafft, aus dem Haus mehr zu machen als nur die Summe der Quadratmeter.“ Julia Hainz, mitten in der Karenz, den fünfmonatigen Maximilian im Arm, wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Kids auf Top 31, vierter Stock, 88 Quadratmeter. Den Balkon, den hat sie. Und ein ganzes Paket an Hausfreunden und nachbarschaftlichem Miteinander noch dazu.

Die 35-Jährige ist eine von insgesamt 22 Gründerinnen, die sich zwischen Winter 2014 und Frühjahr 2015 für die Baugruppe Gleis 21 im Wiener Sonnwendviertel starkgemacht haben. Wochen- und monatelang trafen sich die 22 künftigen Bewohnerinnen und Bewohner, um sich über ihre Werte, Wünsche, Wohnvorstellungen auszutauschen. Am Ende jedes Workshops, der von Mal zu Mal größer und umfangreicher wurde, ehe die Baugruppe schließlich auf 46 Erwachsene und 20 Kinder anwuchs, wurde diskutiert, debattiert und mit soziokratischen Widerstandspunkten abgestimmt.

Offen leben

„So ein Wohnprojekt in der Gemeinschaft hat nicht nur mit Architektur zu tun, sondern vor allem auch mit der eigenen Persönlichkeitsentwicklung“, sagt Julia. „Heute weiß ich, dass der Balkon ein nettes Feature ist. Aber es gibt wichtigere Dinge im Leben.“ Auch Kati Hellwagner und Sebastian Schublach, Top 25, dritter Stock, 104 Quadratmeter, sie wohnen aus dem Karton, die Küche ist noch immer nicht geliefert, auf dem Tisch steht ein Plastikkorb mit Äpfeln, Zwetschken, Bananen, sehen im Wohnen mehr als bloß die Hardware: „Die Wohnung ist wichtig, keine Frage, aber irgendwann checkt man, dass da mehr dahintersteckt, dass es um gelebte Nachbarschaft, dass es um eine ganz neue Form des alltäglichen Zusammenlebens geht.“

Es ist heiß heute, die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel. Die meisten Fenster zum Laubengang sind gekippt, manche komplett geöffnet, um Querlüftung zu ermöglichen, sogar die eine oder andere Wohnungstür, Top 13, erster Stock, Patrick Herold, ein 34-jähriger Architekt, steht mancherorts sperrangelweit offen und lässt Einblicke ins Wohnen zu. Auf der Bühne des täglichen Lebens wird gekocht, gespielt und telefoniert. „Man lebt hier offen und miteinander“, sagt Patrick, „und wenn man einmal von der nachbarschaftlichen Nähe die Nase voll hat, dann macht man halt die Türen und Fenster zu und ist allein. Das System funktioniert und wird von allen respektiert.“

Gleis 21 mit insgesamt 34 Wohnungen, ein paar Flex-Apartments für Gäste und Flüchtlinge, einer Gemeinschaftsküche auf dem Dach, einer Bibliothek, einem Saunahaus, einer Werkstatt, einem Fitnessraum, einer großzügig verglasten Waschküche, einem leider noch schlummernden Restaurant, einer privaten Musikschule und sogar einem öffentlich nutzbaren Veranstaltungssaal im Erdgeschoß, der unter anderem vom Stadtkino und vom Burgtheater bespielt wird, ist eines der radikalsten Wohnprojekte auf den neu bebauten Gründen des ehemaligen Südbahnhofs, vielleicht sogar in ganz Wien. Und es ist kein Einzelfall. Das planende Büro hinter diesem ungewöhnlichen Ding, Einszueins Architektur, hat sich den partizipativen Wahnsinn nicht zum ersten Mal angetan.

„Von Antun kann keine Rede sein“, sagt Projektleiterin Annegret Haider. „Partizipatives Planen macht die eigene Arbeit schöner. Die Zusammenarbeit mit den Menschen und die Zufriedenheit derer, für die man plant, sind eine der schönsten Befriedigungen, die man als Architektin erleben kann. So ein Prozess ist anstrengend und langwierig, aber am Ende kriegt jeder Einzelne mehr Energie zurück, als er investiert hat.“ Zu den bislang realisierten Baugruppenprojekten zählen das Wohnprojekt Wien (2013), der Seestern Aspern (2015) und das Wohnprojekt Hasendorf (2018). Fünf weitere partizipative Baugruppenhäuser in Wien und Niederösterreich, die „vom Städtebau bis zur Steckdose“ (O-Ton Einszueins) mit den Bewohnerinnen kooperativ geplant werden, sind bereits in Entwicklung.

Wohnen als Lebenskultur

„Wir arbeiten mit Menschen, die Wohnen nicht nur als Ware, sondern in erster Linie als Lebenskultur verstehen“, sagt Architekt Markus Zilker, „und das steht in einem großen Widerspruch dazu, wie Wohnraum heutzutage meist produziert wird.“ Gleis 21, ein Hybridbau aus Holz und Beton, ist mit Sicherheit nicht die günstigste Bauweise, die man auf die grüne Wiese stellen kann. Aber es ist die für diese Bewohnergruppe ethisch passendste. So manches konstruktive Detail würde eher den Weg in die Fibel der Herzen als ins Bauhandbuch für Ingenieure finden.

Entwickelt wurde das 4000 Quadratmeter große Haus mit dem Bauträger Schwarzatal, der es kurz nach Fertigstellung an den Verein Gleis 21 verkaufte, errichtet wurde es vom Kärntner Holzbauunternehmen Weissenseer. Finanziert wurde das Projekt über 20 Prozent Eigenmittel, 20 Prozent Wohnbauförderung und 60 Prozent Kredit. Die Bewohner selbst mieten sich über ein hochkomplexes, kooperativ designtes Entgeltsystem in die Immobilie ein. Nachdem für den Verkauf des Gesamtobjekts eine Vier-Fünftel-Mehrheit des Vereins nötig wäre, ist das Haus für die nächsten Generationen de facto dem spekulativen Immobilienmarkt entzogen.

Dieses Haus wird nicht allen gefallen. Genauso wenig wird die dahintersteckende Partizipationshacke jeden Geschmack treffen. Ist auch nicht nötig. In einem mehr und mehr von Mittelmaß und Belanglosigkeit geprägten Wohnungsmarkt aber stellt Gleis 21 die allerbesten Weichen in eine alternative, selbstwirksame Zukunft mit Zugkraft.

12. August 2019 deutsche bauzeitung

Die Offenheit der Tiefe

Unterwasserrestaurant »Under« Lindesnes-Båly (N)

An der südnorwegischen Küste wurde eine Betonröhre in die Nordsee gesenkt, um die Gäste eines gehobenen Restaurants mit einem Unterwasser-Erlebnis zu verwöhnen. Die ansprechend gestalteten Innenräume sind auf eine 25 cm dicke Acrylglasscheibe hin ausgerichtet, die den Gastraum von der offenen See trennt, und stellen gängige Vorstellungen von physischer Abgeschlossenheit und gefühlter Offenheit auf den Prüfstand.

Früher leitete der heute 32-jährige Chefkoch Nicolai Ellitsgaard den Gourmettempel Måltid im 70 km entfernten Kristiansand – bis ihn vor etwa zwei Jahren der Hotelbesitzer und Investor Stig Ubostad anrief, um ihm ein abgrundtief unmoralisches Angebot zu unterbreiten. »Als ich die Pläne und die ersten Visualisierungen gesehen habe, ist mir die Spucke weggeblieben. Alles, was ich herausbrachte, war: Wo muss ich unterschreiben?«

Seit wenigen Monaten ist die surreal wirkende, sich nach außen hermetisch abschottende Skulptur nun Wirklichkeit. Im Innern der betonierten Röhre, die wie eine umgekippte Stele im Fjord liegt, befindet sich das erste Unterwasser-Restaurant Europas und das größte seiner Art weltweit. Mit Superlativen hält man sich hier, am Fjord von Båly, rund 90 Autominuten vom nächsten Flughafen entfernt, keineswegs zurück: Der Name »Under« ist mit größter Programmatik und Medienwirksamkeit gewählt und bezieht sich nicht nur auf die hier zur Marke erhobene Lage unter der Wasseroberfläche, sondern ist zugleich auch das norwegische Wort für Wunder.

»Und an diesem Wunder haben wir wirklich intensiv gearbeitet«, erzählt Bauherr Stig Ubostad, der hier vor einigen Jahren ein mehr schlecht als recht funktionierendes Hotel mit 98 Zimmern geerbt hat. Das wunderbare Restaurant, so der Plan, sollte seine Herberge endlich aus den roten Zahlen hinauskatapultieren. »Wissen Sie, diese Region lockt nur einige norwegische Naturliebhaber an und ist international kaum bekannt. Daher habe ich beschlossen, in den Fjord eine Landmarke zu setzen. Ein architektonisches Bauwerk, das weltweit einzigartig ist. Mit wem realisiert man so ein Projekt – wenn nicht mit dem besten Architekturbüro Norwegens!«

Die Architekten von Snøhetta, die sich mit der Bibliothek von Alexandria und der Oper von Oslo bereits international einen Namen machen konnten, entwarfen ein Gebäude, das nicht nur den Faktor Standort neu denken lässt, ­sondern das auch neue Sichtweisen auf Land und Wasser, auf oben und unten, auf innen und außen, auf hell und dunkel, auf offen und geschlossen provoziert. Oder, wie Kjetil Trædal Thorsen, Gründungsvater und Partner von Snøhetta meint: »Dieses Bauwerk ist in jeder Hinsicht ein Hybrid, der mit scheinbar diametralen Positionen spielt und experimentiert. Doch dann merkt man plötzlich, dass dieses hybride Objekt weniger spaltet als vielmehr die vermeintlichen Kontraste und Differenzen in einer neuen, überraschenden Synthese vereint.«

Während der Zugang zur rund 35 m langen, unter 20 Grad versenkten Betonröhre über eine stählerne Gangway erfolgt und die kleine Terrasse vor dem Eingang noch ein wenig an eine mit hochglanzlackierten Eichenbohlen ausgelegte Luxusyacht erinnert, schließt sich die an einer Ecke wie mit einem feinen Skalpell amorph aufgeschabte Skulptur bald zu einem kastenförmigen XXL-Profil und verschwindet mit archaischer Wucht in den mal spiegelglatt ruhigen, mal wütend tosenden Tiefen des Meeres. Auffällig ist die leichte, konvexe Bauchung der Oberfläche, die sich nicht mit nackter, mathematischer Geometrie zufriedenzugeben scheint, sondern in ihrer Anspannung fast schon etwas männlich Muskulöses hat.

»Wir sind an einem besonderen Ort und müssen mit den Kräften der Natur arbeiten, die uns hier auf Schritt und Tritt begegnen und die das Projekt ­maßgeblich mitgeformt haben«, sagt Thorsen. »Die aquadynamische Bauchung haben wir in Simulationen errechnet. Sie garantiert, dass selbst bei stärksten Stürmen das Gebäude niemals wie eine Barriere wirkt. Die großen Wellen werden den Beton weich umspülen und über den Eingangsbereich schwappen.« Schade nur, dass an genau jener Stelle, an der die Gebäudeunterseite die Wasseroberfläche durchsticht, die Illusion der schräg lehnenden Betonröhre massiv gestört wird. Denn rund 30 cm über dem Wasser knickt die Gebäudekontur ab und setzt sich senkrecht nach unten fort. Der morphologische Kompromiss ist verhängnisvoll. »Der Knick war unter der Wasseroberfläche geplant, dann wäre er nicht mehr sichtbar gewesen. Wir haben lange gegen die Statik gekämpft. Schließlich mussten wir uns geschlagen geben.«

Betoniert wurde das Gebäude übrigens auf einem schwimmenden Ponton, der in der Nachbarbucht in 100 m Entfernung vor Anker lag. In einer eintägigen Reise wurde das 1600 t schwere Ungetüm nach monatelanger Aushärtungszeit im Juni 2018 mit Seilen und luftgefüllten Tarierballons an Ort und Stelle gezogen. Dort wurde der massive, doppelwandig betonierte und mit einer innenliegenden Wärmedämmung versehene Hohlkörper, der zu diesem Zeitpunkt bereits verglast und wasserdicht gemacht worden war, mit Gewichten belastet, z. T. mit Wasser geflutet und schließlich mit acht riesigen Ankerbolzen in 5 m Tiefe ans Fundament geschraubt.

5 000 Millimeter unter dem Meer

Auf der obersten Etage der Röhre befinden sich der Empfang mit Garderobe und Zugang zum Lift. Der Fußweg führt Stufe für Stufe in immer dumpfer, immer blauer werdende, sehnsüchtig in die Tiefe saugenden Gefilde hinab. Auf der nächst unteren Etage wartet die Bar mit dem sich elegant an die Fas­sade schmiegenden Lounge-Bereich. Das hier eingeschnittene Acrylglas­fenster, ein vertikaler, schmaler, bis ins 2. UG reichender Schlitz, offenbart die Lage direkt am Übergang zwischen Über- und Unterwasser; die Wellen tanzen an der Glasscheibe, oben fliegen Vögel, unten schwimmt ein Zwergseeskorpion durch das bläulich leuchtende Nass.

Mit dem Fensterschlitz offenbart sich bereits das lang gehütete Geheimnis der Offenheit und Verschlossenheit dieses Gebäudes, denn zu keiner Sekunde wirkt das Under eng oder gar klaustrophobisch, wie man an Land gemeinhin noch vermuten mag. Der Innenraum wirkt luftig und hell und im besten des Wortes in eine nordische Mystik getaucht. Erstaunlicherweise gibt nicht die Lichtmenge, sondern allein die Farbtemperatur Aufschluss über die Unterwasserlage: In den ersten 5 m unter der Wasseroberfläche werden nach und nach die Rotschwingungen aus dem Spektrum herausgefiltert, und je ­tiefer man hinabsteigt, umso bläulicher wird das Rundherum. Kleine LED-Spots im Plafond korrigieren die Wellenlänge und sorgen dafür, dass einem das Date vis-à-vis nicht wie eine blaulippige Wasserleiche erscheint.

Weitere perfekt bis zum letzten Millimeter verarbeitete Holztreppen führen schließlich hinab in die blauesten Tiefen. An der Decke und an den Wänden wird der Raum von sisal-artigen, mit bunten und naturfarbenen Fäden gewebten Paneelen gesäumt. Die akustisch wirksamen Platten sind eine Sonderanfertigung des dänischen Stoffproduzenten Kvadrat. Mittels eines Algorithmus wurde die Produktion der aus nicht brennbarem Trevira-Garn gewebten Matten so programmiert, dass sich mit jedem Tiefenmeter die Fadenfarbe verändert, dass sie von Rot zu Grün und Blau wechselt, dass sie über den gesamten Innenraum betrachtet ein lebendig changierendes Bild erzeugt. Die akustische Maßnahme ist bitter nötig, denn die Geräusche der selbst entworfenen Holzstühle auf dem mit einer Fußbodenheizung ausgestatteten Terrazzo wären ohne die hübschen Paneele wohl noch durchdringender.

Unten angekommen darf man für rund 225 Euro das 18-gängige Menü ge­nießen, das erklärtermaßen die Ressourcen vor Ort nutzt, das Meer und die Wiesen und Wälder rundherum.

Und plötzlich schwimmt wieder ein Zwergseeskorpion vorbei – die gesamte Gastgesellschaft lässt den zweiten Gang links liegen und strömt zum Fenster. Die 11 m breite und 3 m hohe Acrylglasscheibe musste wegen des hohen Wasserdrucks massiv und 25 cm dick (!) dimensioniert werden. Auf dem künst­lichen Riff davor haben sich in den letzten Monaten, zwischen den olivgrünen Kelpblättern Schutz suchend, Venusmuscheln und Seeigel angesiedelt. Am Abend wird es künstlich beleuchtet, worauf sich das Fenster vor den bis zu 40 speisenden Gästen in einen 33 m² großen Lampenschirm verwandelt.

»Das Wasser zu beleuchten klingt nach einem dramatischen Eingriff in die Natur«, erklären die beiden Meeresbiologen Trond Rafoss und Kim Halvorsen, die das Projekt von Anfang an begleitet haben und im Under nicht nur ein Restaurant, sondern auch eine maritime Beobachtungsstation sehen. »Aber die permanente Lichtverschmutzung in den Dörfern und Städten hat weitaus größere Auswirkungen als die sieben Scheinwerfer, die in den Abendstunden die paar Kubikmeter des Meeres ausleuchten. Viele Fische fühlen sich vom Licht angezogen. Und die anderen, die das Licht scheuen, ohnehin fernbleiben.« Ob sich das karge Bild mit dem irgendwie distanziert wirkenden Blick in die maritime Fauna und Flora dann inten­sivieren wird, darf man anzweifeln; die Nordsee ist nicht der Indische Ozean.

Mit rund 7,2 Mio. Euro, die in Forschung, Entwicklung und Errichtung flossen, soll das Unterwasser-Restaurant nicht zuletzt den internationalen Tourismus, der die norwegische Südküste auf dem Weg nach Stavanger, Bergen und auf die Hurtigruten bisher übersprungen hat, ankurbeln. Das Konzept könnte aufgehen – am 2. April wurde das Lokal, das nordischen Matadoren wie Noma (Kopenhagen) und Maaemo (Oslo) Konkurrenz machen soll, eröffnet. Die Tische sind bis November ausgebucht.

10. August 2019 Der Standard

Als die Zukunft noch orange war

Die Architektur der Siebzigerjahre wird oft unterschätzt. Das hat nun ein Ende. Der Wiener Architekturfotograf Stefan Oláh hat eine Liebeserklärung abgegeben – in Form eines bunten, brutalen, bisweilen berührenden Bildbands.

Es riecht nach Leder, Cognac und Club 2. Der ganze Saal ist mit edel furnierten, an den Enden leicht abgerundeten Holzplatten verkleidet. Über dem Eingangsbereich hängen Leuchtkästen für die sechs offiziellen Uno-Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch. Und in den Armlehnen der gesteppten Ledersessel befinden sich Steckdose, Lichtschalter und Lautstärkeregler. Sogar ein kleines Fach für die Kopfhörer ist geschickt in die Geometrie des an Komfort unüberbietbaren Sitzmöbels integriert. Man möchte sofort daran drehen und drücken und ein paar Minuten lang Sekretär spielen.

„Obwohl das Gebäude seit 40 Jahren in Verwendung ist, halten sich die Abnutzungsspuren im Rahmen. Vor allem aber fasziniert mich, dass die gesamte Architektur so konzipiert ist, dass sie bis heute die neuesten Licht- und Tontechniken aufnehmen kann, ohne etwas von ihrer Einzigartigkeit einzubüßen.“ Anneliese Heber ist Mitarbeiterin im Informationsdienst der Vereinten Nationen, und das seit dem allerersten Tag, als das Vienna International Centre, umgangssprachlich besser bekannt als Uno-City, am 23. August 1979 seinen Betrieb aufnahm.

Insgesamt hatten sich 183 Architekturbüros am 1970 ausgeschriebenen Wettbewerb beteiligt. Auf den ersten drei Plätzen rangierten Cesar Pelli (Los Angeles), BDP Building Design Partnership (London) sowie das deutsche Architekturbüro Novotny & Mähner. Nachdem sich die Vereinten Nationen jedoch nicht über das auszuführende Siegerprojekt einigen konnten, entschied sich der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky kurzerhand und sehr zum Leidwesen der ÖVP-Opposition und des Nationalrats, der sogar einen Untersuchungsausschuss einberief, dem Viertplatziertem den Zuschlag zu geben. Es sollte das größte und wichtigste Projekt des österreichischen Architekten Johann Staber (1928–2005) werden.

„Die Uno-City ist ein ikonografisches Gebäude auf exterritorialem Boden mit einer eigenen Postleitzahl“, so Heber. „Und obwohl die meisten das Bauwerk nur aus der Entfernung kennen, ist es dennoch jedem Wiener ein Begriff. Die wuchtigen Betonscheiben, die fast schwerelos dazwischen hängenden Geschoße und die beiden Farben Silber und Orange, mit denen sich der Architekt an den Silberpfeil-Wagons der Wiener U-Bahn orientierte, sind zutiefst einprägsam. Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jedenfalls wird die Atmosphäre dieses Hauses sehr geschätzt.“

Oder, wie Friedrich Achleitner in seinem Österreichischen Architekturführer anmerkt: „Dem Staber’schen Entwurf mit seinen sechs Y-förmigen Türmen wurde unter anderem ein dekorativer Städtebau mit einer für das Umfeld provokanten Maßstabslosigkeit vorgeworfen, andererseits konnte man der bizarren Konzeption gegenüber den anderen Projekten eine gewisse Zeichenhaftigkeit, Merkbarkeit und auch einen konstruktiven Elan nicht absprechen.“

Genau dieser Elan hat es dem Wiener Architekturfotografen Stefan Oláh angetan. Nachdem er sich in sehr schönen und zum Teil längst vergriffenen Büchern den Wiener Tankstellen, den Wiener Würstelständen, den Wiener Stadtbahnbögen und der österreichischen Architektur der Fünfzigerjahre gewidmet hatte, nahm Oláh diesmal die Architektur von Wickie, Slime und Paiper unter die Lupe. Sein Bildband Bunt, sozial, brutal ist eine Ode an die Aufbruchstimmung und die oft kompromisslose bauliche Manifestation dessen, wie man sich damals Zukunft vorstellte.

„In den 1970er-Jahren wurde viel Neues, teils auch Widersprüchliches ausprobiert“, sagt Oláh. „Es war eine Zeit voller technischer Innovationen und poppig-bunter Träume, aber auch eine Dekade mit Ölkrise, Konsumskepsis und einigen politischen Dämpfern. Das alles spiegelt sich auch in der Architektur wider.“ Allein die orange lackierten Liftkabinen und Stiegenhäuser in der Uno-City bezeichnet der Fotograf als einen Optimismus, den man heute kaum noch irgendwo vorfindet. „Ein Repräsentationsgebäude der Vereinten Nationen mit diesen Farben und einer Formensprache wie in Raumstationen und U-Booten … das muss man sich einmal vorstellen!“

Oláhs Bildsprache ist so reduziert und archaisch, dass nichts vom fotografierten Motiv ablenkt. Sein Werkzeug ist die Linhof Technika, eine klappbare Laufbodenkamera, bei der der Fotograf, damit er die Mattscheibe besser sehen kann, unter einem schwarzen Tuch verschwindet. „Ich behübsche nichts, ich retuschiere nichts weg, ich zeige jedes Objekt im Originalzustand mit all seinen Gebrauchsspuren.“ Im Zeitalter der Instagram-Bildinflation ist das fast schon eine Kampfansage.

„Mein Appell ist an die Wahrnehmung gerichtet“, sagt Oláh, der in seinem Bildband rund 30 Bauwerke aus ganz Österreich einfängt: Kirchen, Schulen, Villen, Wohnbauten, Konzerthäuser, Bürogebäude und Infrastrukturbauten in den entlegensten alpinen Regionen. Die Liebe zum Detail und zum Genius Loci ist bisweilen berührend. „Mein Ziel ist, die Wahrnehmung für das visuelle Bild zu schärfen, aber auch jene für den Wert des Gebauten. Die Architektur der Siebzigerjahre verdient es, liebevoll und wohlwollend betrachtet zu werden.“ Dieses Buch hilft dabei.

verknüpfte Publikationen
- Bunt, sozial, brutal

6. Juli 2019 Der Standard

Bauen für ein besseres Leben

Was haben eine alte Zugfabrik, eine stillgelegte Autobahn und ein Algengarten aus dem 3D-Drucker gemeinsam? Sie alle sind Zeugen einer lust- und genussvollen Zukunft – und sind derzeit in einer Ausstellung im Wiener Mak zu sehen.

Die alten Farb- und Lackschichten haften an den genieteten Stahlsäulen, mal rot, mal grün, mal magenta, und in der Luft, ist man fast geneigt zu glauben, liegt noch der Duft von Ruß und schwerem Maschinenöl, gerade so, als sei die letzte Lok vor wenigen Minuten erst aus der Halle geschoben worden. Aber das, sagt er Architekt, sei pure Absicht gewesen, denn wenn man schon die Möglichkeit habe, mit so einem Raum zu arbeiten, dann müsse man auch den Mut aufbringen, seinen unverwechselbaren Charakter, so gut es eben geht, zu bewahren.

„Die Lokomotivhalle wurde 1932 errichtet, und wahrscheinlich gibt es in ganz Tilburg keinen einzigen Einwohner, der nicht irgendjemanden kennt, der nicht irgendwann einmal hier gearbeitet oder sich zumindest mal nachts in die Werkstatt der Nederlandse Spoorwegen hineingeschlichen hat“, sagt Gert Kwekkeboom, Partner im holländischen Büro Civic Architects, das das Projekt gemeinsam mit Braaksma & Roos, Petra Blaisse, Mecanoo und Donkergroen auf Schiene gebracht hat. „Diese Halle ist ein emotionales Denkmal, das im kollektiven Gedächtnis dieser Stadt fest verankert ist. Schön, dass sich die Stadtregierung dazu entschieden hat, das Bauwerk zu erhalten und hier die neue Stadtbibliothek anzusiedeln.“

Wo einst Loks geflickt, geschweißt, geschraubt wurden, befindet sich nun eine Werkstatt des Netzwerkens und der Wissensvermittlung. Die vor wenigen Monaten eröffnete LocHal, so der offizielle Titel, beherbergt nämlich nicht nur die städtische Bücherei, sondern auch Café, Coworking-Spaces und anmietbare Event- und Konferenzräume. Im Zuge der Revitalisierungsmaßnahmen wurden die einst 5000 Quadratmeter mittels eingezogener Podeste, umlaufender Galerien und dramatischer Stiegenlandschaften zum Gehen, Sitzen, Lümmeln auf 11.000 Quadratmeter mehr als verdoppelt. „Es war ein sehr lustvolles Projekt, in dem wir intensiv mit Restauratoren und mit der Denkmalschutzbehörde zusammengearbeitet haben“, erinnert sich Kwekkeboom. „Die größte Herausforderung bei alledem war zweifelsohne die Haustechnik, denn so ein einst industriell genutztes Baudenkmal erlaubt es nicht, mit Wärmedämmung, Dreischeibenverglasung und gewohnten Klimakomfortvorstellungen zu agieren – zumindest nicht, wenn man den Genius loci nicht komplett umbringen will.“

Die Lösung: Der Großteil der Halle wurde als witterungsgeschützter Außenraum gedacht, in dem man im Sommer mitunter ins Schwitzen kommt, während einem der Kellner im Stadscafé im Winter bei Bedarf eine Wolldecke serviert. Temporäre Aufenthaltszonen wie etwa Lesebereiche, Bühne und Auditorium können mit riesigen, vom Stahlfachwerk herabhängenden Vorhängen abgetrennt und lokal beheizt oder gekühlt werden. Lediglich ständige Arbeitsbereiche wie etwa Coworking-Büros, Konferenzräume und der gesamte Verwaltungsapparat befinden sich in thermisch abgetrennten Haus-in-Haus-Zonen, die mit gewohntem Innenraumklima aufwarten. Kwekkeboom, lapidar: „Wer die Seele schützen will, muss Kompromisse eingehen.“

Das 18 Millionen Euro teure Bauwerk, das im Mai vom niederländischen Publikum zum „Besten Gebäude des Jahres“ gekürt wurde, ist eines von insgesamt 23 Projekten, die derzeit im Museum für angewandte Kunst (Mak) in der Ausstellung Space and Experience zu sehen sind. Ausgewählt wurden Architekturprojekte und Raumideen, die auf technische, ökologische oder auch soziale Weise innovativ sind und einen gewissen Mehrwert in die aktuelle Architekturdiskussion einzahlen.

„Das gute Leben umfasst leistbares Wohnen, einen anständigen Job und eine funktionierende Infrastruktur“, sagt die Kuratorin und Kulturwissenschafterin Nicole Stoecklmayr. „Aber was zeichnet ein besseres Leben aus? Die Antwort, die diese Ausstellung gibt, beinhaltet einen gewissen Lustfaktor und Abenteuerwert, der sich sowohl in der räumlichen Erfahrung als auch in der Forschung und Entwicklung von Architektur niederschlägt.“ Also eigentlich alles von Alpha bis Omega.

So gesehen ist es auch legitim, dass die Ausstellung mehr in die Breite als in die Tiefe geht. Gezeigt werden 3D-gedruckte Gartenskulpturen, die mit grünem Algengetier für ein besseres Raumklima sorgen sollen (H.O.R.T.U.S. XL Astaxanthin.g, ecoLogicStudio, Claudia Pasquero und Marco Poletto), stillgelegte Autobahnen, die das postfossile Zeitalter einläuten, indem sie zu grünen Parks umfunktioniert werden (Seoul Skygarden, MVRDV) sowie Gartenlandschaften, die von Robotern für Roboter geplant und gebaut werden (Robot Garden, University of Michigan, Ann Arbor, SPAN Architects). Die Zukunft kann und will und soll kommen. Eine abenteuerliche Reise.

[ Die Ausstellung „Space and Experience. Architektur für ein besseres Leben“ im Rahmen der Vienna Biennale im Mak ist noch bis 6. Oktober zu sehen. ]

17. Juni 2019 Der Standard

Wilhelm Holzbauer 1930–2019

Der Architekt prägte die 1970er- und 1980er-Jahre als wichtiger Visionär – von der Wiener U-Bahn bis zum Bankgebäude

Wir waren arme Schlucker, finanziell ist es uns am Anfang wirklich schlecht gegangen“, sagte er einmal über seine ersten Jahre als Architekt. „Doch jeder, der irgendwann einmal mit Architektur zu tun hat, weiß, dass am allerwichtigsten in diesem Job das Geldverdienen ist.“ Am Samstag ist Wilhelm Holzbauer, der sich selbst stets als Dienstleister und Geschäftsmann bezeichnet hat, im Alter von 88 Jahren in Wien gestorben.

Holzbauer wurde 1930 in Salzburg geboren. Er studierte Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien sowie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Seine ersten Berufsjahre waren von Visionen und Tatendrang geprägt. In der „arbeitsgruppe 4“ forschte er an Weltraumschulen und anderen utopischen Projekten und realisierte bald einige– vor allem sakrale – Bauten wie etwa die Pfarrkirche in Salzburg-Parsch oder das Seelsorgezentrum Steyr-Ennsleiten. Die rund 120 Projektentwürfe der arbeitsgruppe 4 gelten bis heute als Meilensteine der österreichischen Architekturgeschichte.

1964 gründete Holzbauer sein eigenes Architekturbüro. In den Jahren 1970 bis 1973 entwickelte er im Rahmen der Architektengruppe U-Bahn das Design und das bis heute aktuelle Architekturleitbild für die Wiener U-Bahnen, das so konsequent und ikonisch war, dass es zehn Jahre später von der kanadischen Stadt Vancouver übernommen wurde.

Er plante die Fußgängerzone in der Kärntner Straße, das Landhaus Bregenz sowie das Rathaus und die Oper von Amsterdam. Von 1987 bis 1991 war Holzbauer Rektor der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Auf dem positiven Höhepunkt seines Schaffens leistete sich der Hedonist sogar ein eigenes Restaurant. Das von 1979 bis 1989 bestehende Mattes in der Schönlaterngasse im ersten Wiener Gemeindebezirk mit Reinhard Gerer am Herd war das erste Haubenrestaurant Wiens.

In den 1990er-Jahren entwarf Holzbauer lukrative Projekte wie etwa die Ringstraßengalerien, den Andromeda-Tower auf der Donauplatte sowie etliche Bankgebäude entlang der Lassallestraße – und wechselte schließlich von der hellen auf die dunkle Seite der Macht. Bei einigen Wettbewerben wie etwa dem für das Konzerthaus in Konstanz oder das 2006 eröffnete „Haus für Mozart“ in Salzburg entpuppte er sich als schlechter Verlierer. Mit List, Kalkül und politischer Verbandelung gelang es ihm immer wieder, die erstplatzierten Sieger vom Sockel zu stoßen und als Nachrückender entgegen der Juryentscheidung den einen oder anderen Auftrag an Land zu ziehen. „Man muss sich eben wehren können“, sagte er ungeniert in einem STANDARD-Interview. „Das ist ja alles ein abgekartetes Spiel. Ich baue auch dann, wenn ich nicht gewinne. Aber dieses Freispiel hat es immer schon gegeben.“

Im Jahr 2000 wurde er mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. Er füllte in seinem Leben das gesamte Spektrum des Bauens aus – von konstruktiven Visionen zu Beginn seiner Karriere bis hin zu destruktiven Machenschaften in den letzten Jahrzehnten. „Das ist kein Beruf, in dem Freundschaften geboren werden“, sagte er. „Und ich habe mir ziemlich viele Feinde gemacht.“ Wilhelm Holzbauer war der prägende kontroversielle Kopf einer Epoche, die sich langsam dem Ende zuneigt. Er wurde 88 Jahre alt.

15. Juni 2019 Der Standard

Grundstücke am Firmament

Die Wiener Weltraumarchitektin Sandra Häuplik-Meusburger arbeitet mit ihren Studenten an Projekten für den Mond. Ihre Mission: neu denken. Denn das Bauland auf dem Erdtrabanten unterliegt anderen Rahmenbedingungen als hier unten auf der Erde.

D er Rover hat soeben den Mooncampus verlassen. In einer Stunde werden die Geologen den Rand des Shackleton-Kraters erreicht haben, wo sie Regolith-Staub einsammeln und zur chemischen Auswertung mitnehmen werden. Während der gesamten Mission werden sie in regelmäßiger Sprechverbindung mit der Mission-Control stehen. Diese befindet sich direkt unter der Kuppelschale, die im 3D-Druckverfahren aus Mondgestein hergestellt wurde und die die Kommandozentrale vor Weltraumstrahlung schützen soll.

Doch der eigentliche Mooncampus, erklären Baris Dogan und Iuliia Oblitcova, die das fiktive, aber detailliert durchdachte Projekt im Rahmen eines Mondsemesters an der TU Wien entworfen haben, befindet sich unterirdisch und umfasst auf insgesamt vier Ebenen Labore, Werkstätten und Wohnräume für bis zu 20 Wissenschafter. Hier sollen die Astronauten mehrwöchige Trainings und Auffrischungskurse über sich ergehen lassen und sich auf diese Weise nach und nach an die neuen Gegebenheiten auf dem Erdtrabanten gewöhnen.

„Wenn sich die Studierenden entschließen, ihr Projekt unter der Oberfläche des Mondes anzusiedeln“, sagt Sandra Häuplik-Meusburger, „können wir dann wirklich noch von unterirdischen Systemen sprechen? Oder müssten wir diese Form der Behausung nicht viel eher als untermondische Architektur bezeichnen?“ Am Mond ist eben alles ein bisschen anders. Und das bezieht sich nicht nur auf physikalische Aspekte wie etwa die deutlich geringere Schwerkraft und die starke, ungeschützt einwirkende Strahlung, sondern auch auf technische, materielle und vor allem logistische Fragen: Wie können wir auf dem Mond Häuser bauen?

Häuplik-Meusburger ist passionierte Weltraumarchitektin. 2011 interviewte sie neun Raumfahrer und analysierte insgesamt sechs Stationen – Apollo, Saljut, Skylab, Spaceshuttle, MIR und ISS – in Bezug auf die Lebensbedingungen außerhalb der Erdatmosphäre. Ihre Forschungsergebnisse sammelte sie in einem 300-seitigen Buch unter dem Titel Architecture for Astronauts. Heute arbeitet sie als Dozentin an der TU Wien und vermittelt Architekturwissen unter einem etwas anderen Blickwinkel. Die von ihr betreuten Mondprojekte sind nicht nur eine Reaktion auf das 50-Jahre-Jubiläum der Mondlandung, sondern beziehen sich auch auf eine dezidierte Vision der Europäischen Weltraumorganisation ESA.

„Alle sprechen von der Reise zum Mars, und das ist definitiv der nächste große Schritt“, sagt ESA-Generaldirektor Jan Wörner. „Doch wir müssen erst wieder zum Mond, um zu lernen und bessere Technologien zu entwickeln. Kein Mensch hat je die Rückseite des Mondes besucht. Und noch nie ist irgendwer in seine Polargebiete vorgedrungen, wo unbemannte Sonden vor einigen Jahren Wassereis im Boden entdeckt haben. All das gilt es zu erforschen. Erst danach können wir weiter zum Mars.“

2016 formulierte Wörner erstmals die Idee, ein Moon Village zu errichten. Dieses könnte nicht nur als Forschungsstation dienen, sondern auch als Zwischenstation für spätere Reisen zum Mars. „Unter Moon Village stelle ich mir aber keine Häuser, Straßen oder Kirchen vor“, so Wörner. „Ich denke dabei eher an das Grundgerüst eines Dorfs, in dem Menschen zusammen leben und arbeiten.“ Im internationalen und interglobalen Moon Village, so der Plan, sollen Know-how und Kompetenzen verschiedener Weltraumnationen wie etwa China, Russland, Indien, USA und ESA bewusst gebündelt werden. Zudem könnten die Protagonisten auf dieser permanenten Mondbasis in ganz unterschiedlichen Feldern aktiv sein – in Wissenschaft und Grundlagenforschung, aber auch im kommerziellen Bereich, etwa im Weltraumtourismus und in der Gewinnung von Rohstoffen.

Ein wichtiges Thema auf dem Mond ist die Grundversorgung mit Energie und Nahrungsmitteln. Alexander Garber und Katharina Lehr-Splawinksi (Foto links u.) haben ein Food Research Lab entworfen, in dem der Anbau von Nahrungsmitteln erforscht und praktiziert werden soll. Die ringförmige Konstruktion, die aus addierbaren Faltmodulen sowie aus aufblasbaren Unterkünften, sogenannten Inflatables, besteht, ist zugleich die Antwort auf eines der größten Probleme der Mondarchitektur – des Transports. Im komprimierten Zustand sollen die einzelnen Elemente in einen Raketenkopf passen.

Günes Aydar, Emirhan Veyseloglu und Gözde Yilmaz hingegen haben sich mit solarer Energiegewinnung beschäftigt und analysiert, welche Teile des Mondes am häufigsten und stärksten von der Sonne beschienen werden. Ihr mobiles Forschungsmodul Sundial Habitat (Foto rechts u.) ist so konzipiert, dass es in konzentrischen Bewegungen dem Sonnenverlauf über Stein und Geröll folgen und sich autark mit Energie versorgen soll.

„Natürlich ist das alles Zukunftsmusik, aber diese Zukunft wird nicht erst übermorgen eintreten“, meint Sandra Häuplik-Meusburger. „Daher müssen wir schon heute das Selbstverständliche unserer Erde verlassen und lernen, uns auf neue, ungewohnte Rahmenbedingungen einzulassen. Bevor wir den Mond besiedeln, müssen wir Fragen der Wasser- und Energieversorgung, des Materialtransports und vor allem des außerirdischen Bauens beantworten. Das sind die ersten Schritte dazu.“

Die Space-Architektin zögert ein wenig. Und spricht am Ende über Kindermärchen und Kunstgeschichte. „Fakt ist: Mit den ersten Moon Villages wird die Dunkelheit des Mondes für immer verschwunden sein. Dann werden wir auch bei Neumond leuchtende Städte und Dörfer im Himmel sehen. Wollen wir das?“

13. Juni 2019 Der Standard

Holzplektron mit sozialem Herz

Im Grazer Nobelviertel Rosenhain errichtete die Siedlungsgenossenschaft Ennstal einen Holzbau für vor allem einkommensschwächere Familien. Das gemütliche Atrium im Inneren soll die Bewohner zusammenführen.

Große Villen, üppig begrünte Grundstücke, ein Wäldchen mit kleinen Fischteichen: Rosenhain im Grazer Bezirk Geidorf zählt zu den nobelsten und teuersten Adressen der steirischen Landeshauptstadt. Kein Wunder, dass das Grazer Immobilienunternehmen Immo Circle in Zusammenarbeit mit dem Fertighaushersteller Griffner genau hier sieben luxuriöse Nobelvillen entwickelt, die um rund 6200 Euro pro Quadratmeter am Markt stehen. Geplante Fertigstellung: Sommer 2020.

„Rosenhain ist eine Wohngegend, in der üblicherweise gewerblicher Wohnbau mit Profitmaximierung entsteht“, sagt der Grazer Architekt Stefan Nussmüller. „Niemand hätte erwartet, dass sich die Stadt Graz entschließt, genau hier einen Übertragungswohnbau für sozial schwache Einkommensschichten zu errichten. Das Bekenntnis zur sozialen Durchmischung in dieser Konsequenz ist ein echter Glücksfall.“

Das Projekt, auf das der Architekt anspielt, befindet sich in der Max-Mell-Allee 6, ein paar Schritte nur vom Uni-Sportzentrum entfernt, und umfasst nach seinen Plänen insgesamt 38 kompakt geschnittene Wohnungen, die in ihrer cleveren Winzigkeit sogar die Wiener Smart-Wohnungen überbieten. Das Spektrum reicht von kleinen Garçonnièren bis hin zu Fünf-Zimmer-Wohnungen auf gerade mal 85 Quadratmetern Nutzfläche. Das Angebot richtet sich an einkommensschwächere, auch kinderreiche Familien, denen die Anzahl der getrennten Schlafzimmer finanziell bedingt wichtiger ist als ein komfortabel dimensioniertes Wohnzimmer. In manchen Wohnungen misst die Wohnküche kaum 20 Quadratmeter.

„Der Bedarf an solchen kompakten Wohnungen ist groß“, sagt Birgit Schauer, Projektleiterin in der gemeinnützigen Siedlungsgenossenschaft Ennstal, die das Projekt im Rahmen eines Bauträgerwettbewerbs mit nachgeschaltetem Architekturwettbewerb entwickelt hat. „Wir verwalten die Anlage nur. Sowohl das Grundstück als auch das Einweisungsrecht liegen nach wie vor in den Händen der Stadt Graz.“ Durch das Baurecht sowie durch behördliche Anreize wie etwa den Entfall der sogenannten Bauabgabe sei es möglich gewesen, die Mietkosten auf 7,85 Euro pro Quadratmeter zu reduzieren – inklusive Umsatzsteuer, Betriebskosten und eingebauter Küchenzeile.

Nicht alltäglich ist auch die Bauweise: Nachdem in der Steiermark 25 Prozent aller geförderten Wohnbauten in Holz errichtet werden müssen, fiel die Entscheidung für das Baumaterial nicht schwer. Die Wahl fiel auf massives Brettschichtholz für die Decken und Innenwände sowie auf eine Riegelkonstruktion mit innenliegender Wärmedämmung für die Außenwände. Durch den platzsparenden Wandaufbau konnten gegenüber einer klassischen massiven Außenwandkonstruktion bei gleichbleibendem Außenvolumen zusätzlich 50 verwertbare Quadratmeter gewonnen werden.

Das Holz kam nicht nur konstruktiv zum Einsatz, sondern prägt das Haus, das im Grundriss wie ein überdimensionales Plektron daherkommt, auch optisch: Jeder Wohnung ist eine breite Balkon- und Loggienschicht vorgelagert, die an der Fassade mit zueinander versetzten Lärchenholzrosten verkleidet ist. Die hölzernen, über zwei Geschoße reichenden Schattenspender dienen zugleich als Sichtschutz und Rankgerüst für Pflanzen. Die Freiräume sind bewusst groß dimensioniert und sollen die oft knappen Wohnflächen kompensieren.

Doch die wahre Besonderheit des Hauses liegt im Innenhof verborgen: Nachdem sämtliche Wohnungen von hier aus – entweder direkt über den Hof oder über einen Laubengang – erschlossen werden, entschied sich Architekt Nussmüller, diesen Flächen eine Zweitfunktion zu geben: „Es ist in Österreich brandschutzrechtlich verboten, brennbare Gegenstände auf den Gang zu stellen. Aber unsere Gänge sind so breit, dass für kleinere Sachen dennoch Platz ist. Wenn man heute durch die Anlage spaziert, sieht man bereits Schuhe, Kräutertöpfe, Sitzbankerln, und ich gehe davon aus, dass diese lebendige Bespielung in den kommenden Jahren noch deutlich zunehmen wird. Hier findet das soziale Leben statt.“

Trotz aller Qualitäten war das Objekt (Baukosten 4,4 Millionen Euro) schwieriger zu verwerten als vergleichbare Häuser in anderen Lagen: „Für einige Familien mit Migrationshintergrund war Rosenhain alles andere als eine begehrte Wohnlage im Grünen“, sagt Schauer, „vielmehr lediglich ein Bezirk mit zu wenig Infrastruktur und zu großer Entfernung zur Innenstadt und zu den vielen kleinen Geschäften in Gries und Lend.“

Und auch der Gemeinschaftsraum muss hier, damit er tatsächlich genutzt wird, von außen programmiert werden: Regelmäßig organisiert die SG Ennstal, die sogar eine eigene Mediationsabteilung hat, Frühstücke, Spielenachmittage und Nachhilfestunden für Kinder und Jugendliche.

18. Mai 2019 Der Standard

In das Wohnzimmer passt meine ganze ehemalige Wiener Wohnung hinein

Der Vorarlberger Architekt Lukas Böckle hat ein Herz für leerstehende Häuser. Seit letztem Sommer wohnt er in der Villa Müller in Feldkirch – und betreibt das Haus als Thinktank und öffentliche Kulturplattform.

Ich liege auf dem alten Samtsofa, in gefühlt 2,80 Metern Höhe über dem Fußboden. Unter mir befindet sich ein Sammelsurium an Möbeln. Und wie ich so nach unten durchs Fenster blicke und am Fuße des Berges die Altstadt von Feldkirch entdecke, denke ich mir: super Blickwinkel! Früher habe ich in Wien gewohnt und wollte nie wieder nach Vorarlberg zurückkehren. Trotzdem bin ich seit Sommer 2018 wieder da, in einer Mission wohlgemerkt, und bewohne vorübergehend eine 750 Quadratmeter große Villa mit einem Wohnzimmer, das so groß ist, dass hier meine ganze ehemalige Wiener Wohnung hineinpassen würde. Die Japaner würden es sogar schaffen, zwei oder drei Wohnungen in diesen Salon hineinzustopfen.

Wie es zu diesem Möbelberg gekommen ist? Letztes Jahr, kurz nachdem ich hierhergezogen bin, habe ich die Vorarlberger Künstlerin Nadine Hirschauer kennengelernt. Sie war gerade dabei, ein Projekt zum Thema Heimat zu planen, und war auf der Suche nach einer geeigneten Location dafür. Ich habe ihr die Villa Müller angeboten, denn genau für solche Aktionen ist dieser Ort konzipiert. Die Villa Müller ist ein Thinktank, ein Seminarort der Extraklasse, eine temporäre Wohn- und Arbeitslocation für Artists in Residence sowie eine Kunst- und Kulturplattform für Musik, Literatur und bildende Kunst.

Anfang des Jahres hat Nadine also begonnen, das Mobiliar im Wohnzimmer Stück für Stück zu inventarisieren und jedes einzelne Möbelstück minutiös aufzulisten – mit der Schreibmaschine, so wie damals. Sobald ein Objekt in die Inventarliste aufgenommen wurde, landete es in diesem Eck des Salons. Und so begab es sich, dass ich eines Tages nach Hause gekommen bin und diesen Möbelberg hier vorgefunden habe. Ich bin von dieser Installation sehr angetan, denn sie veranschaulicht die höchstmögliche Konzentration des Wohnens.

Zu vielen Möbeln gibt es keinen Zugang mehr, der Weg zu den eigenen Sachen ist versperrt, und so ist man plötzlich mit der Frage des Überflusses konfrontiert: Was brauche ich wirklich zum Wohnen? Wie viele Sessel? Wie viele Tische? Wie viele Stehlampen? Immerhin: Die Bar steht ganz vorne griffbereit! Ich selbst bewohne ein kleines Schlafzimmer mit 14 Quadratmetern Fläche und einem eigenen Bad mit grünen Oma-Fliesen an der Wand. Die Villa Müller wurde 1960 von Architekt Walter Bosshart errichtet, und zwar für die Familie Müller-Degerdon, die in Bludesch eine große Textilfärberei betrieb. Das Haus war für ein Ehepaar mit drei Kindern und Personal bemessen.

Vier Jahre lang stand die Villa nun leer. Seit letztem Jahr nutzen wir sie als Kulturlocation und Seminarhotel – und sammeln nebenbei auf empirische Weise Erfahrungen, um festzustellen, wie dieser Leerstand langfristig am besten nachzunutzen wäre. Bis Jahresende wollen wir eine Entscheidung getroffen und mit der Eigentümerfamilie – die uns übrigens mehr als positiv aufgenommen hat – die Zukunft besprochen haben. Ich bezeichne diesen Prozess als alternative Projektentwicklung.

Für mich ist dieser Ort mit all seinen eigenartigen, oft surrealen Momenten ein Zeitzeuge der Sechzigerjahre – und eine Erinnerung daran, mit unseren Ressourcen intelligent und nachhaltig umzugehen. Und nicht sofort alles wegzureißen, nur weil es nicht mehr schön oder funktional ist. Ich bin sehr glücklich hier und erkenne meine Heimat im Gastgeben, Netzwerken und Verknüpfen. Die Villa Müller ist mein ganz persönlicher temporärer Zustand. Der Rest wird sich weisen.

4. Mai 2019 Der Standard

Autofokus auf Schmäh und Schmach

Gestern, Freitag, wurde in Frankfurt der Preis für Europäische Architekturfotografie vergeben. Trotz des fröhlichen Generalmottos „Joyful Architecture“ ist einem nicht immer zu lachen zumute.

Ein Kletterseil ist empfehlenswert, ein Helm aufgrund des sich mitunter lösenden Gerölls absolute Pflicht, und dann kommt er, der sogenannte Stopselzieher, der kleine, schmale Felstunnel, durch den man durchkraxeln muss und der einem schließlich die letzte Passage auf die steil zulaufende Zugspitze offenbart. „Nach fünf bis sechs Stunden Fußmarsch ist man durchgeschwitzt und ausgepumpt“, sagt der Münchner Architekt Dirk Härle, „und dann steht man plötzlich vor dem diesem befremdlich anmutenden Objekt, bei dem man weder weiß, was es ist, noch, wann es errichtet wurde. Am liebsten möchte man anklopfen und sofort eintreten.“

Die Höhenstrahlungsstation in 2962 Meter Seehöhe wurde 1966 für das Fraunhofer-Institut errichtet und besteht aus massiven Aluminiumplatten. Dank der ungewöhnlichen Materialwahl können im Inneren der Station präzise, unverfälschte Messwerte gewonnen werden. Die an eine Mondkapsel erinnernde Form wiederum hat mit der Witterung zu tun und sorgt dafür, dass die enormen Schneemassen an den glatten Flächen spurlos abgleiten können. Die dreieckige Gaupe scheint ein schelmisch zwinkerndes Zitat an das Bauen im alpinen Raum zu sein.

Humorvolle Momente

„Ich habe, egal wohin ich gehe, immer eine klein Fuji-Kamera dabei und notiere damit all das, was ich witzig oder in irgendeiner Art und Weise im Kontext spannend finde“, so Härle. „Ob das nun ein Heimspiel meines Lieblingsvereins 1860 im Grünwalder Stadion in Giesing ist, eine überdimensionale Kupferkrone über der Garage eines Spenglereibetriebs in der Münchner Innenstadt oder eine alte Plastiksitzschale aus dem alten 1860er-Stadion, die sich plötzlich mitten im winterlichen Wald wiederfindet, und das sogar in Sichtweite zur neuen Allianz-Arena.“

Genau diese eigentümlichen, deplatzierten, ganz tief drinnen humorvollen Momente, die nicht unbedingt mit visueller Ästhetik als vielmehr mit der Wahl des Motivs zu tun haben, haben dem 47-jährigen Architekten gestern, Freitag, den Sieg beim Europäischen Architekturfotografie-Preis beschert.

Der biennal vergebene Preis, der vom deutschen Verein Architekturbild e. V. in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Baukultur und dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main ausgelobt wird und der heuer unter dem Motto „Joyful Architecture“ stand, hat die Aufgabe, das oft sperrige, oft menschenlose, oft schablonenhafte Medium der Architekturfotografie vor den Vorhang zu holen – und zu zeigen, dass es auch anders geht.

„Uns interessiert nicht die klassische Gebäudedokumentation, sondern die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur“, erklärt die Vereinsvorsitzende Christina Gräwe. „Architektur wird oft sehr ernst und seriös betrachtet. Daher haben wir uns diesmal ganz bewusst dafür entschieden, uns auf die fröhliche, genussvolle Komponente des Bauens zu konzentrieren.“ Zwar gebe es unter den insgesamt 105 eingereichten Fotoserien etliche Spielplätze und lustige Schnappschüsse aus der Welt des Bauens, doch die Mehrheit der Arbeiten, so Gräwe, offenbare hinter der oberflächlichen Fröhlichkeit eine durchaus kritische Tiefenschärfe.

Hässlichkeiten Österreichs

So auch die mit einer Auszeichnung prämierte Serie Bewegtbilder des Tullner Fotografen Rainer Friedl. Hinter den vier bunten, angenehm kolorierten und hübsch anzuschauenden Tableaus verbirgt sich eine der größten Hässlichkeiten Österreichs. „Die Lärmschutzwände entlang der Autobahnen sind eine ziemliche optische Herausforderung. Und je schöner man sie zu tarnen, kaschieren und behübschen versucht, umso schlimmer stemmen sich die hunderte Kilometer langen Trennwände gegen die Landschaft.“

Vor allem aber machen die Lärmschutzwände, die Friedl in den letzten Monaten auf der A1, A2 und A21 aus dem fahrenden Auto heraus fotografiert hat, anschaulich, wie wir in diesem Land mit Mobilität, Wohnraum und Baulandwidmung umgehen: „Wir rasen möglichst schnell irgendwohin, um Ruhe zu haben. Und auf dem Weg dorthin belästigen wir all jene, die sich ihren Traum im Grünen verwirklichen wollten, letztendlich aber der österreichischen Raumplanung und Zersiedelungspolitik zum Opfer gefallen sind, für die wir wiederum mit Steuergeldern akustische Schutzmaßnahmen errichten müssen.“ Ein verschwommenes Foto kann tausend Worte sagen.

[ Die Ausstellung „Joyful Architecture“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main ist bis 1. September 2019 zu sehen. ]

27. April 2019 Der Standard

Der Planet im Emergency-Room

Die Erde ist in einer Krise, und die Menschen und die Baubranche tragen Mitschuld daran. Wie man aus dieser globalen Misere wieder herauskommt, zeigt die Ausstellung „Critical Care“ in Wien.

Öffnungszeiten 9.00 bis 20.30 Uhr. Sonntags und feiertags ist das Freibad bis 17.30 Uhr geöffnet. 20 Real kostet der reguläre Eintritt, Mitglieder zahlen die Hälfte. Für die umgerechnet zwei bis vier Euro gibt es nicht nur eine nasse Abkühlung unter freiem Himmel, sondern auch einen ungetrübten Blick auf die Skyline von São Paulo. Und auf Wunsch sogar eine dermatologische Untersuchung. Die wahre Besonderheit des 25 mal 25 Meter großen Schwimmbeckens jedoch ist die Lage, denn die Piscina SESC 24 de Maio befindet sich nicht etwa in irgendeinem beschaulichen Wohnviertel am Stadtrand, sondern mitten im Zentrum, rund hundert Meter Luftlinie vom Stadttheater São Paulo entfernt, im 14. Stock eines ehemaligen, heruntergewirtschafteten Sechzigerjahre-Kaufhauses.

„Üblicherweise ist das Freibad auf dem Dach ein Systembild des globalen Reichtums und bedient das eine oberste Prozent der Menschen“, sagt die Wiener Stadtforscherin Elke Krasny, die das außergewöhnliche Projekt letztes Jahr besucht hat. „Doch in diesem Fall richtet sich der Swimmingpool mit Sonnenterrasse in der Tat an die 99 Prozent der städtischen Bevölkerung, die sich genau solche Einrichtungen üblicherweise nicht leisten können.“

Nachdem das Mesbla-Einkaufszentrum jahrelang leer gestanden war, wurde das Gebäude vom Serviço Social do Comércio (SESC) aufgekauft und komplett umgebaut. Die 1946 gegründete Non-Profit-Organisation, die in ganz Brasilien tätig ist und am ehesten mit einem Kammerfonds oder Wohlfahrtstopf zu vergleichen ist, versteht sich als Bildungs-, Kultur- und Freizeitnetzwerk für Arbeiter und Angehörige des handelnden Gewerbes. Allein in São Paulo betreibt die SESC rund 40 Einrichtungen dieser Art.

Das SESC-Zentrum an der Ecke Rua 24 de Maio und Rua Dom José de Barros, das seit zwei Jahren in Betrieb ist, zählt wahrscheinlich zu den schönsten und spektakulärsten und umfasst neben dem Outdoorpool auf dem Dach eine Zahnklinik für die SESC-Mitglieder sowie Theater, Bibliothek, Café, Restaurant, Tanzstudio, Fitnesscenter, Ausstellungsflächen und temporär anmietbare Wohn- und Arbeitsflächen. Verbunden wird die vertikale Ministadt von unzähligen Rampen, auf denen man Meter für Meter in die Höhe wandern kann. Die Planung dafür stammt vom brasilianischen Architekten und Pritzker-Preis-Träger Paulo Mendes da Rocha.

Allen Grund zur Sorge

Das SESC-Schwimmbad im Herzen des brasilianischen Megamolochs ist eines von insgesamt 21 Projekten, die in der neuen Ausstellung im Architekturzentrum Wien (AzW) zu sehen sind. Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise, so der offizielle Titel, wirft einen Blick auf innovative, intelligente und vor allem prototypische Impulse, die als architektonische und stadtplanerische Bedienungsanleitung für den leicht maroden Erdball zu verstehen sind. Kein Wunder also, dass in der englischen Übersetzung nicht bloß von „Krise“, sondern bereits von „broken planet“ die Rede ist. Der Hut brennt.

„Das Wetter wird immer radikaler, die ökologischen Werte geben allen Grund zur Sorge, und die Erderwärmung spüren wir mittlerweile am eigenen Leib“, sagt Angelika Fitz, Direktorin des AzW. Sie hat die Ausstellung gemeinsam mit der schwimmenden Elke Krasny kuratiert und in den letzten drei Jahren aus aller Welt zusammenrecherchiert. „Die Erde ist in der Notaufnahme. Der menschengemachte Klimawandel droht den Planeten unbewohnbar zu machen. Und diese Ausstellung ist – um im medizinischen Diskurs zu bleiben – eine Intensivstation, in der wir einige Medikationen präsentieren, wie mit dieser Situation umzugehen ist, denn Architektur und Urbanismus sind in diese Krise massiv verstrickt.“

Was tun? Die Reise, auf die man subtil-didaktisch entführt wird (diesmal nicht mit der üblichen Architekturbrille, sondern mit einem ganz anderen, differenzierten Blick voller Aha- und Oje-Momente), umspannt fast alle Kontinente und zeigt Best-Practice-Beispiele im sozialen, ökologischen und wirtschaftspolitischen Kontext. Manche Projekte sind bekannt und werden in der Fachwelt längst schon als heilig hin- und hergereicht. Andere sind neu und machen Gänsehaut.

Das Friendship Centre in Gaibandha, Bangladesch, ist ein Ausbildungszentrum mitten im Überschwemmungsgebiet des Brahmaputra. Während die meisten Bauten in der Region mit viel Erdmaterial teuer und ressourcenintensiv aufgeschüttet werden, um sie vor dem regelmäßigen Hochwasser zu schützen, wurde das Friendship Centre lediglich mit einem Wall umgeben. Mit dem Fluss ist die Anlage aus der Feder von Kashef Mahboob Chowdhury über kommunizierende Gefäße verbunden, die das Gebäude mit Nutzwasser für Toilettenspülung, Fischteiche und natürliche Ventilation versorgen.

In der Sindh-Region entwickelte die pakistanische Architektin Yasmeen Lari ein Lehmhaus, das dank massiv gemauerten Sockels ebenfalls hochwasserresistent ist und dessen Pläne und konstruktive Detaillösungen nun als Open Source zur Verfügung stehen. Das Projekt ist nicht zuletzt als nachhaltige Gegenposition zu den vielen Zelten und Containern internationaler NGOs zu verstehen. Im Gegensatz zu den importierten temporären Fremdbehausungen bleibt die Wertschöpfungskette in der Region. Rund 40.000 Häuser konnten auf diese Weise bereits errichtet werden.

Hinzu kommen großflächige Verkehrsberuhigungen in Barcelona, in dessen Zuge die Straßenblocks zu autofreien, dicht begrünten Superblocks zusammengefasst werden. In San Juan, Puerto Rico, wiederum wurde ein Community Land Trust eingerichtet, um die informellen Favela-Siedlungen am Rande des Financial Districts und somit auch seine Bewohner vor dem total Ausverkauf zu schützen. Und in Frankreich zeigen die Pariser Architekten Lacaton & Vassal schon seit vielen Jahren vor, wie sozial und ökonomisch clever man mit unliebsamen Wohnbauten aus den Sechziger- und Siebzigerjahren umgehen kann.

Einen der schrägsten und zugleich aber sinnvollsten und logischsten Beiträge in der Ausstellung Critical Care liefert die deutsch-indische Architektin Anupama Kundoo. In Pondicherry, Südindien, baute sie ein Kinderheim aus Lehmziegeln, das wie ein Cluster aus gemauerten Iglus um einen großen Innenhof herum gruppiert ist. Um die Festigkeit der Bauten zu erhöhen, wurden die Häuser nach Fertigstellung im wahrsten Sinne des Wortes angezündet und mutierten auf diese Weise vier Tage lang zu gebrannten Ziegelbauten. Zuvor wurden die „Brennöfen“ noch mit Ziegeln und allerlei Keramik- und Töpferware gefüllt.

„Sowohl Architektur als auch die Produktion von Keramik sind sehr energie- und ressourcenintensiv“, sagen die beiden Kuratorinnen Angelika Fitz und Elke Krasny. „Hier werden mit einem ungewöhnlichen Blick auf die Dinge Synergieeffekte geschaffen.“ Architektur ist nicht nur Schöpfung, als die sie von Medien und (männlichen) Stararchitekten immer wieder gepriesen wird, sondern mitunter auch schöpferische Reparatur an unserem Planeten. Pathos hin oder her: Wollen wir die Erde jemals wieder aus dem Emergency-Room hinausrollen, muss diese Erkenntnis milliardenfach zu den Stakeholdern und Entscheidungsträgern gelangen. Jetzt.

„Critical Care. Architektur für einen Planeten in der Krise“, Architekturzentrum Wien, bis 9. September 2019

13. April 2019 Der Standard

„Triff niemals einen Investor unter vier Augen!“

Matúš Vallo ist Architekt. Doch da er mit seiner Stadt unzufrieden war, beschloss er, in die Politik zu gehen. Seit drei Monaten ist er nun Bürgermeister von Bratislava. Ein Gespräch.

Standard: Wann haben Sie Ihr letztes Haus geplant?

Vallo: Das Timing war ziemlich perfekt, denn an meinem letzten Projekt Nádvorie in Trnava, für das wir schon mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurden, habe ich insgesamt sieben Jahre lang gearbeitet. Im Sommer 2018 war das Projekt zu Ende. Zu diesem Zeitpunkt ist der Wahlkampf in die heiße Phase gekommen.

Standard: Fehlt Ihnen Ihr Job als Architekt?

Vallo: Und wie! Ein Architekt ist ein Mensch, der der gebauten Welt kraft seiner Gestaltungsgabe eine Form gibt. Ich bin gerade dabei, mich damit abzufinden, dass ich als Bürgermeister nichts anderes tue. Ich gestalte die Welt. Nur sind meine Werkzeuge jetzt nicht mehr Ziegel und Beton, sondern Dialog, Stadtverfassung und politische Macht, die es sinnvoll einzusetzen gilt.

Standard: Im Büro Vallo Sadovský Architects taucht Ihr Name nach wie vor auf.

Vallo: Operativ habe ich mich bereits zurückgezogen. Nächstes Jahr wird sich dann auch der Büroname ändern. Wir arbeiten gerade am Ausstiegsszenario. Ich habe eine Träne im Auge.

Standard: Wie kommt man als Architekt auf die Idee, Politiker zu werden?

Vallo: Veränderungen sind etwas Schönes! Rem Koolhaas war ursprünglich Journalist und Filmemacher! In meinem Fall habe ich eines Tages erkannt, dass ich als Architekt nur bis zu einem gewissen Grad in der Lage bin, die Stadt zu planen und ihr Schönheit und Funktionalität zu verleihen. Dort, wo man die Politik und Wirtschaft berührt, stößt man an seine Grenzen. Mir persönlich haben diese Grenzen nie gefallen, denn sie haben verhindert, dass sich die Stadt Bratislava, in der ich aufgewachsen bin und die ich sehr liebe, so entfalten konnte, wie es ihr zusteht.

Standard: Das klingt schon fast nach Politikerjargon.

Vallo: Mag sein. Es ist die Wahrheit. Bratislava ist eine großartige Stadt mit vielen Problemen. Ich wünsche mir, dass sie eine großartige Stadt ohne viele Probleme wird. Und ich werde mir den Arsch aufreißen, damit das gelingt.

Standard: Im November 2018 wurden Sie mit einer deutlichen Mehrheit zum neuen Bürgermeister von Bratislava gewählt. Wie ist Ihnen das gelungen?

Vallo: Als der Wahlkampf ein Jahr zuvor anfing, war ich in Bratislava außerhalb der Architekturszene kaum bekannt. Ich hatte einen Bekanntheitsgrad von nicht einmal acht Prozent. Ich wusste: Damit würde ich nichts reißen. Also habe ich beschlossen, Plán Bratislava zu schreiben, darin meine Visionen für diese Stadt zu schildern und das Buch in der Bevölkerung bekannt zu machen. Am Ende habe ich 36,5 Prozent der Wählerstimmen bekommen. Plán Bratislava war, wenn Sie so wollen, mein Werkzeug zum Erfolg.

Standard: Das ist das Wie. Was ist das Was?

Vallo: Bratislava hat viel zu wenige Gemeindewohnungen, nämlich gerade einmal 900 Wohneinheiten. Damit beträgt die Wartezeit auf eine kommunal geförderte Wohnung sieben bis acht Jahre. Das ist zum Schämen. Hinzu kommt, dass Bratislava eine Stadt ist, die als unsicher empfunden wird und die in vielen Teilen in der Tat eine hohe Kriminalität aufweist. Einige besonders traurige Vorfälle haben in den letzten Jahren Schlagzeilen gemacht. Und nicht zuletzt lässt der öffentliche Nahverkehr zu wünschen übrig. Die Busse sind alt und dreckig, sie fahren zu selten und zu unregelmäßig, und es gibt keinen digitalen Echtzeitfahrplan. Mein Was beinhaltet im Wesentlichen die Optimierung dieser drei Bereiche.

Standard: Das klingt nach viel Geld.

Vallo: Es wird nicht von heute auf morgen gehen. Wir werden das Geld gezielt und intelligent einsetzen müssen. Beim Wohnbau werden wir Partnerschaften mit privaten Wohnbauträgern eingehen müssen. Und was den öffentlichen Verkehr betrifft: Wir wollen Park-and-ride-Anlagen errichten und eigene Busspuren schaffen, sodass die Busse an den Staus ungehindert vorbeifahren können.

Standard: Welche Rolle spielt der Fußgänger- und Radverkehr?

Vallo: Danke für diese Frage! Die Gehsteige sind ein Trauerspiel und gehören dringend renoviert. Und das Radwegnetz ist viel zu dünn. In den nächsten vier Jahren wollen wir daher rund 40 Kilometer Radwege bauen. Aber wissen Sie, was das größte Problem ist?

Standard: Was denn?

Vallo: Haben Sie auf dem Weg ins Rathaus alte Leute gesehen?

Standard: Wenige. Es gibt vor allem junge Leute auf der Straße.

Vallo: So ist es! Das Durchschnittsalter in Bratislava liegt bei 39 Jahren. Das ist nur minimal geringer als beispielsweise in Wien. Aber dennoch sind die alten Menschen in Bratislava kaum im Straßenbild präsent. Und wissen Sie, woran das liegt? An den fehlenden Parkbänken! Es gibt in Bratislava viel zu wenige Sitzgelegenheiten. Ein alter Mann, eine alte Frau braucht alle 300 Meter eine Möglichkeit, sich hinzusetzen und sich auszuruhen, ohne dabei gleich ein Cola bestellen zu müssen. Aus Untersuchungen wissen wir, dass viele alte Menschen aus diesem Grund nur selten ihre Wohnung verlassen.

Standard: Was werden Sie tun?

Vallo: In meiner Amtszeit werde ich 10.000 Bäume pflanzen und rund 1000 Parkbänke errichten. Wir werden demnächst einen Ideenwettbewerb starten und das Copyright des Siegerentwurfs ankaufen, sodass wir das Modell beliebig oft zur Ausführung in Auftrag geben können.

Standard: Angenommen, der Bürgermeister Matúš Vallo könnte dem Architekten Matúš Vallo einen Direktauftrag geben: Was für ein Projekt müsste das sein?

Vallo: Ein neues Kulturzentrum. Und tausende leistbare Wohnungen für all jene, die heute Wohnungsnot erleben. Aber das wird es nicht spielen, denn ich bevorzuge die Transparenz.

Standard: Das heißt?

Vallo: Mein Motto lautet: Triff niemals einen Investor oder einen Immobilienentwickler unter vier Augen! Sondern immer in einer größeren Gruppe mit Zeugen. Außerdem haben wir auf der Rathaus-Website eine eigene Rubrik eingerichtet, in der wir die Inhalte und Resultate jedes einzelnen Investorengesprächs protokollieren und öffentlich zugänglich machen.

Standard: Davon höre ich zum ersten Mal.

Vallo: Das ist das, was ich unter Politik verstehe. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass ich mir diese Offenheit und Freigeistigkeit bewahren kann und nicht nach ein paar Jahren zu einem Durchschnittspolitiker verkomme. Ich will den Menschen in Bratislava auch nach vier Jahren noch tief in die Augen schauen können.

Standard: In Wien sprechen die Politiker seit Jahren von der Twin-City Wien und Bratislava. Was halten Sie von diesem Konzept?

Vallo: Bullshit. Das ist ein rein politisches Gedankenkonstrukt. Seit 2006 gibt es den Twin-City-Liner, und das ist eine tolle Verkehrsverbindung auf der Donau. Doch abgesehen davon sind diese 45 bis 60 Kilometer dazwischen so trennend, wie sie nur trennend sein können. Ja, ich würde mir eine Twin-City wünschen. Aber das geht nicht, indem man einfach nur behauptet, dass es so ist. Das bedarf einer intensiven kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Zusammenarbeit. Das ist Zukunftsmusik.

Standard: Ein Architekt wird Bürgermeister. Und erst kürzlich wurde die liberale Juristin und Umweltaktivistin Zuzana Čaputová zur neuen Staatspräsidentin gewählt. Ist das ein neuer politischer Wind in der Slowakei?

Vallo: Wir sind leise Vorboten. Ob in diesem Land wirklich ein neuer Wind weht? Bei den Parlamentswahlen 2020 wird sich die Wahrheit über die Slowakei zeigen.

Standard: Haben Sie einen persönlichen, egoistischen Wunsch für die Zukunft?

Vallo: Derzeit arbeite ich 18 Stunden pro Tag. Ich wünsche mir, dass mir auch in Zukunft noch etwas Freizeit bleibt, um mit meiner Band Para auf Tour zu gehen. Denn ich bin nicht nur Architekt und Bürgermeister, sondern auch leidenschaftlicher Gitarrist.

6. April 2019 Der Standard

Supermann aus Leidenschaft

Karl Schwanzer hat es verstanden, Visionen mit Ziegel und Beton zu bauen. Zwei neue Bücher würdigen den Architekten auf ungewöhnliche Weise. Einmal als Comic, einmal als Sammlung heimlicher Blicke.

Seilergasse 16. Am Straßenrand parkt ein roter VW Bulli, die Gewista wirbt gerade mit Bruno Kreisky, im Hintergrund ist noch das alte Haas-Haus, Baujahr 1951, zu sehen. Drei Bilder später steht man bereits in seinem Büro mit grünen Wänden, orangem Teppichboden und Blick auf den Stephansdom. Der Architekt sitzt im Drehstuhl und lässt sich von der Sekretärin zu seiner Gattin durchstellen. „Hilde, ich werd’ am Wochenende ins Büro müssen. Es ist einfach so viel zu tun.“ Und dann wird der Telefonhörer aufgelegt. „Clic!“

Vielreisender, Workaholic, leidenschaftlicher Visionär: Karl Schwanzer, der Herr mit Anzug, Krawatte und gegeltem Seitenscheitel, zählt ohne jeden Zweifel zu den wichtigsten und innovativsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Unter den 300 realisierten Projekten finden sich so weltberühmte, teils unter Denkmalschutz gestellte Ikonen wie das Philips-Haus an der Triester Straße, das 20er Haus im Schweizergarten, der Ziegelzubau zur Universität für angewandte Kunst, die österreichische Botschaft in Brasília sowie der markante Vierzylinder-Turm der BMW-Zentrale in München, dessen kreisrunde Büroetagen auf Zugseilen von oben herabhängen. Allem hochwertigen Schaffen zum Trotz ist der Name Schwanzers außerhalb der Architektur- und Kulturszene jedoch nur wenigen geläufig.

Das dürfte sich nun ändern. Der Wiener Trickfilmer und Illustrator Benjamin Swiczinsky verewigte den Umtriebigen, der seine Disziplin stets als Gesamtkunstwerk betrachtete und sogar Sessel, Barhocker und Türklinken entwarf, in einer Graphic Novel mit 600 Illustrationen. „Wir haben gründlich recherchiert und weltweit gerade mal drei Comics über Architekten gefunden, und zwar über Alvar Aalto, Le Corbusier und Adolf Loos“, sagt der 36-jährige Zeichner. „Hinzu kommen Rem Koolhaas und Frank O. Gehry, die mal einen Gastauftritt bei den Simpsons hatten. Das war’s.“

Ziel dieses so lebhaften wie anekdotenreichen Comicbuchs, das nicht nur durch Schwanzers Berufsleben führt und seine Bauten und Projekte vorstellt, sondern auch Einblick in die einmal manische, einmal depressive Privatperson gewährt, ist die unmittelbare, niederschwellige Begegnung mit einem der einflussreichsten Architekten der Nachkriegszeit. „Ich wollte Schwanzer greifbar machen“, sagt Swiczinsky. „Und das geht nicht mit einem klassischen Architekturbuch mit menschenlosen Architekturfotos und viel zu theoretischen Architekturtexten. Das geht nur, indem man die Erwartungen bricht. Beispielsweise mit einem Comic.“

Initiator hinter dem ungewöhnlichen Projekt ist Karl Schwanzers Sohn, Martin Schwanzer, seines Zeichens Architekt und Immobilienentwickler. „Ursprünglich wollte ich einen Zeichentrickfilm über meinen Vater machen“, so Schwanzer, „aber das hätte Millionen gekostet. Das Comic, das man immerhin als eine Art Storyboard für den bislang nicht realisierten Film auffassen kann, war ein guter, wirtschaftlich machbarer Kompromiss.“ Erst im Mai letzten Jahres, zum 100. Geburtstag seines Vaters, richtete Martin Schwanzer einen Instagram-Account ein, auf dem ein Teil des Schwanzer-Archivs – Hochglanzfotos, Baustellendokumentationen und flüchtige Reiseschnappschüsse aus drei Jahrzehnten – nun öffentlich zugänglich ist.

Ein Perfektionist

„Mein Vater war ein Perfektionist und hat detailgenaue Bestandspläne anfertigen und jedes einzelne seiner Projekte professionell fotografieren lassen“, erinnert sich Martin Schwanzer. „Auf diese Weise hat er uns ein perfektes, fast lückenloses Archiv hinterlassen. Daher gelang es, das Comic sehr nah an der Realität anzusiedeln.“ Die Wahrheitstreue bezieht sich auf die Darstellung der Häuser und Protagonisten, aber auch auf so manch intimen Moment zwischen Einsamkeit und Wutausbruch. Das Comic beschönigt keinen Moment lang. „Mit der Lösung eines Problems ist man verkettet bis zur Selbstaufgabe. Man vergisst alles um sich herum, vergisst zu essen, zu schlafen, zu lieben.“ (Karl Schwanzer, Seite 80.)

Fast zeitgleich zur Graphic Novel erschien ein ebenso berührender, im Blick überraschender Bildband zu Schwanzers in Würde gealterten Bauten. Die Spurensuche des Wiener Fotografen Stefan Oláh macht die im Comic skizzierte Welt in realen Bildern noch greifbarer. Viele der Fotografien erzeugen neue, unentdeckte Sichtweisen auf sein Werk. Sie bestätigen Schwanzers Qualitätsanspruch, der heute mehr denn je als Notruf zu verstehen ist: „Architektur darf sich nicht davon entfernen, künstlerisches Werk zu bleiben. Wenn man sich entschlossen hat, Architekt zu sein, muss man den Mut aufbringen, Visionen erfüllen zu wollen.“

Benjamin Swiczinsky, „Schwanzer. Architekt aus Leidenschaft“. € 29,95 / 96 Seiten. Birkhäuser 2018

Ulrike Matzer und Stefan Oláh, „Karl Schwanzer. Spuren. Eine Bestandsaufnahme“. € 49,95 / 128 Seiten. Birkhäuser 2018

verknüpfte Publikationen
- Schwanzer – Architekt aus Leidenschaft

23. März 2019 Der Standard

5000 Millimeter unter dem Meer

An der Südküste von Norwegen liegt ein schräg am Felsen lehnender Betonprügel auf Grund. Im Inneren des archaischen Bauwerks schufen die Architekten von Snøhetta das größte Unterwasser-Restaurant der Welt. „Under“ macht Appetit.

Da pickt eine Nacktschnecke auf der Glaswand, vielleicht drei oder vier Zentimeter groß, lässt ihre an den Spitzen rot eingefärbten Kiemen im Rhythmus der Wellen hin und her wiegen. Auf dem künstlichen Riff vor dem Fenster haben sich in den letzten Monaten indes, zwischen den fetten, olivgrünen Kelpblättern Schutz suchend, Venusmuscheln und Seeigel angesiedelt. Und plötzlich schwimmt ein kleiner Zwergseeskorpion herbei – die gesamte Gastschaft lässt den zweiten Gang, Fischkopftatar mit Rogen und irgendwelchen cremigen Emulsionen, links liegen und strömt zum Fenster – und beschließt, ihre abendlichen Spazierrunden just vor versammeltem Gourmetpublikum zu drehen.

„Damit sind die drei wichtigsten Zutaten unseres Unterwasser-Restaurants offengelegt“, sagt Nicolai Ellitsgaard Pedersen mit einem breiten Lächeln im Gesicht. „Gutes Essen, spektakuläre Architektur und ein kleiner Einblick in die Weiten der Unterwasserwelt.“ Der 32-jährige Chefkoch, seine Jugend funkelt noch unschuldig in den Augen, leitete früher den Gourmettempel Måltid in Kristiansand, irgendwo an der südlichsten Spitze des fjordzerklüfteten Norwegen, ehe ihn der Hotelbesitzer und Investor Stig Ubostad anrief, um ihm ein abgrundtief unmoralisches Angebot zu unterbreiten. „Als ich die Pläne und die ersten Visualisierungen gesehen habe, ist mir die Spucke weggeblieben. Alles, was ich rausbrachte, war: Wo muss ich unterschreiben?“

Wie ein umgekippter, an den schroffen Felsen lehnender Betonprügel liegt das Gebäude im Wasser, verbindet die eine mit der anderen, die nasse mit der trockenen Welt und stemmt sich den Wogen und Witterungen mit trotzendem Gewicht in den Weg. Während der Zugang zur rund 35 Meter langen, unter 20 Grad versenkten Betonröhre über eine stählerne Gangway erfolgt, während das Portal und die kleine Terrasse vor dem Eingang noch ein wenig an eine mit hochglanzlackierten Eichenbohlen verlegte Luxusjacht erinnern, taucht man, sobald man das Foyer und die Garderobe hinter sich gelegt hat, Stufe für Stufe in immer dumpfer, immer blauer werdende, sehnsüchtig in die Tiefe saugenden Gefilde ab.

Der Name des ungewöhnlichen Restaurants, das wie ein Fisch- und Meeresfrüchtefernseher in den Fjord von Båly hineinragt, 90 Autominuten vom nächsten Flughafen entfernt, ist Programm: Under bezieht sich nicht nur auf die hier zur Marke erhobene Lage unter der Wasseroberfläche, sondern ist zugleich auch das norwegische Wort für Wunder: Es das erste Unterwasser-Restaurant Europas. Und es ist das größte seiner Art weltweit. Alles andere als verwunderlich also sind die optischen Assoziationen auf der Restaurant-Website, die trotz der geringen Tiefe von nur fünf Metern unter dem Meeresspiegel so stürmisch, so abenteuerlich, so aggregatzuständlich befremdlich anmuten, als würde man beim 18-gängigen Dinner Jules Vernes höchstpersönlich gegenübersitzen.

Ungewöhnliche Kräfte

„Die Planung und Errichtung dieses Bauwerks war für uns in der Tat ein kühnes Experiment, denn wir haben es hier mit Kräften zu tun, die in der Architektur nicht ganz alltäglich sind“, sagt Kjetil Trædal Thorsen. Der 60-Jährige ist Gründer und Partner im norwegischen Architekturbüro Snøhetta, das Ateliers in Oslo, Innsbruck, Paris, New York und San Francisco betreibt und schon so atemberaubende Projekte wie die Bibliothek von Alexandria, die Oper von Oslo und das wie funkelnde Blutsteine in den Wüstenhimmel ragende King Abdulaziz Center in Dhahran, Saudi-Arabien, realisierte. Erst vor wenigen Monaten wurde in Wattens, Tirol, die Swarovski-Manufaktur in Betrieb genommen.

„Und mit neuen, ungewöhnlichen Kräften meine ich nicht nur die Macht des Wassers, die uns hier auf Schritt und Tritt begegnet und das Projekt maßgeblich geformt hat, sondern auch statische und konstruktive Lösungen, bei denen wir komplett umdenken mussten.“ Betoniert wurde das Gebäude, dessen Oberfläche aus aquadynamischen Gründen leicht gebaucht ist, auf einem schwimmenden Ponton, der in der Nachbarbucht in gerade mal 100 Meter Entfernung vor Anker lag. In einer eintägigen Reise wurde das 1600 Tonnen schwere Ungetüm nach monatelanger Aushärtungszeit im Juni 2018 mit Seilen und luftgefüllten Tarierballons an Ort und Stelle gezogen.

„Normalerweise sind Fundamente auf Druck beansprucht, weil auf ihnen eine schwere Baukonstruktion lastet“, sagt Thorsen, „doch in diesem Fall war es umgekehrt. Nachdem sich das Restaurant aufgrund seiner inneren Leere wie ein Schiff verhält und ohne Verankerung sofort an die Wasseroberfläche aufschwimmen würde, mussten wir das Fundament auf Zug konstruieren.“ Acht oberarmdicke Schraubbolzen, die von Tauchern festgezogen wurden, sorgen dafür, dass das Restaurant dort bleibt, wo es seinem Namen alle Ehre zu erweisen imstande ist.

Über eine elf Meter breite und drei Meter hohe Acrylglasscheibe, die aufgrund des umgebenden Wasserdrucks massiv in 25 Zentimeter Materialdicke (!) dimensioniert werden musste, gelangt das natürliche Licht, das sich durch das nasse Medium den Weg nach unten kämpft, in den Innenraum. Am Abend wird das dem Restaurant vorgelagerte Riff künstlich beleuchtet, worauf sich das Fenster vor den bis zu 40 speisenden Gästen in einen 33 Quadratmeter großen Lampenschirm verwandelt. Kleine LED-Spots im Plafond korrigieren die Wellenlänge und bereichern das bläulich-grünliche Licht des Wassers um die nötigen Rotschwingungen, die in fünf Metern verlorengegangen sind. Eine ästhetisch überaus wichtige Maßnahme, denn sie sorgt dafür, dass einem das Date vis-à-vis nicht wie eine blaulippige Wasserleiche erscheint.

Bis Oktober ausgebucht

„Das Wasser zu beleuchten klingt nach einem dramatischen Eingriff in die Natur“, erklären die beiden Meeresbiologen Trond Rafoss und Kim Halvorsen, die das Projekt von Anfang an begleitet haben und im Under nicht nur ein Restaurant, sondern auch eine maritime Beobachtungsstation sehen. „Aber die permanente Lichtverschmutzung in den Dörfern und Städten hat weitaus größere Auswirkungen als die sieben Scheinwerfer, die in den Abendstunden die paar Kubikmeter des Meeres ausleuchten. Viele Fische fühlen sich vom Licht angezogen. Und die anderen, die das Licht scheuen, werden uns eh fernbleiben.“

Mit rund 70 Millionen norwegischen Kronen (7,2 Millionen Euro), die in Forschung, Entwicklung und Errichtung flossen, soll das Unterwasser-Restaurant nicht zuletzt den internationalen Tourismus, der die norwegische Südküste auf dem Weg nach Stavanger, Bergen und auf die Hurtigruten bisher übersprungen hat, etwas ankurbeln. Das Konzept könnte aufgehen. Am 2. April wird das Lokal, das nordischen Matadoren wie Noma (Kopenhagen) und Maaemo (Oslo) Konkurrenz machen soll, offiziell eröffnet. Trotz eines Menüpreises von 2250 Kronen (230 Euro) sind die Tische bis Oktober ausgebucht.

9. März 2019 Der Standard

Der Architekt mit dem Kärcher

Das slowakische Architekturbüro Gutgut sagt mit seinen Projekten klassischen Immobilieninvestoren und Developern den Kampf an. Das revitalisierte Zementwerk Mlynica in Bratislava wird heute bei einem Vortrag in Wien vorgestellt.

An den eckigen Pfeilern haftet noch die Patina der letzten Jahrzehnte: Kratzer, Löcher, Markierungen in Weiß und Neonpink. Die dicke Rippendecke erzählt Geschichten von schweren Lasten und rüttelnden Maschinen. Und die Kabeltrassen an den Wänden sind geführt, als wäre mitten im Betrieb das Geld ausgegangen. Schauplatz ist die sogenannte Mlynica, eine aufgelassene Zementfabrik in der Turbinová am nordöstlichen Stadtrand von Bratislava.

„Die Fabrik wurde Anfang der Siebzigerjahre in Betrieb genommen, als der Kommunismus in seiner Blüte war und der Wohnbedarf in der ČSSR traditionsgemäß mit Plattenbauten gedeckt wurde“, erzählt Architekt Štefan Polakovič. „In der Mlynica wurden Stein und Zement gemahlen. Die daraus gegossenen Betonplatten prägen bis heute das Stadtbild in vielen osteuropäischen Städten.“ Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde das staatlich geführte Werk mangels privater Investitionen geschlossen. Seit damals stand die Anlage leer. „Der Zustand, als wir uns das Werk vor ein paar Jahren angesehen haben, war erbärmlich. Doch dann kamen wir ins Spiel.“

Postkommunistische Zeitgeschichte

Im Auftrag des slowakischen Developers ISE, der offenbar keine Angst vor Abgefucktheit hatte, sollte die ehemalige Mlynica in eine Eventlocation mit vermietbaren Büroflächen und stylishen, rough belassenen Lofts umgebaut werden. „In der Regel werden solche Gebäude so lange renoviert, bis von der alten Atmosphäre fast nichts mehr übrig ist“, erzählt Polakovič. „Doch das ist langweilig. Das interessiert uns nicht. Wir wollten das Gebäude in seinem ursprünglichen Charakter erhalten und nur dort reparieren, konstruktiv verstärken und mit neuen architektonischen Implantaten befüllen, wo dies für die Funktion notwendig war. Ansonsten ist das Gebäude unverändert. Nicht einmal die Wände haben wir ausgemalt.“ Kurze Pause. „Ach ja, den Schmutz haben wir natürlich mit dem Kärcher abgewaschen.“

Das Resultat dieses ungewöhnlichen Ansatzes ist eine dreidimensionale Collage aus Stahl, Beton, Ziegel, Bauholz und Profilitglas, die mitten im Industrieviertel, umgeben von Baumärkten, Chemiewerken und dem zentralen Bratislavaer Heizkraftwerk, eine Art lesbare, nonverbal konsumierbare Lektüre postindustrieller, postkommunistischer Zeitgeschichte formiert. Zugleich ist das Projekt, das man in seiner Unverfrorenheit in Berlin, London, New York, gewiss aber nicht in der Slowakei erwarten würde, eine Kampfansage an Privatisierung und an die Unkultur gewerblicher Investoren und Developer, die das Stadtbild von Bratislava seit 1989 massiv verändert haben.

Heute, Samstag, hält Štefan Polakovič gemeinsam mit seinem Kollegen Tomaš Vrtek einen Vortrag im Rahmen des Architekturfestivals Turn on. Ziel des Kongresses, der zum 17. Mal im großen Sendesaal im ORF-Radiokulturhaus ausgerichtet wird, ist die Vernetzung von Architektur, Politik und Bauindustrie. „Architektur ist eine ästhetische Qualität, die sich auf unterschiedliche Weise manifestieren kann“, sagt die Initiatorin und Organisatorin Margit Ulama. „Das Festival präsentiert vielfältigste thematische Facetten, wie die gebaute Umwelt das Leben auf positive Weise beeinflussen kann.“ Zum Beispiel auch so.

„Historische Identität tut jeder Stadt gut“, sagt Polakovič, der mit seinem Partner Lukáš Kordík das Architekturbüro Gutgut in einem stillen Wohnviertel am Rande der Innenstadt leitet. „Aber im Fall von Bratislava, die zu den am schnellsten wachsenden und sich am stärksten verändernden Hauptstädten Europas zählt, sind Rettung und Erhalt der Geschichte anhand der von ihr produzierten Gebäude nicht nur eine Kür, sondern eine Pflicht. Das Immobilienspiel, das die Investoren und Projektentwickler hier spielen, ohne sich für räumliche und historische Qualität zu interessieren, ist ein rasantes und ein brutales. Dem müssen wir dringend etwas entgegensetzen. Das ist unsere Aufgabe als Architekten.“

Mehr als nur gut

Polakovič, der mit seinem Auftritt und seinem offenen, einsichtigen Arbeitsatelier in der Auslage eine neue, nonchalante Lockerheit verkörpert, tunkt sein Supermarktsemmerl in den Mayonnaisesalat und macht ein paar Bissen lang Pause. Die Architektur wird nicht wegrennen. Zumindest nicht in den nächsten paar Minuten. „Wir sind ein kleiner Fisch. Ein kleines Büro, das Projekte bis zu 5000 Quadratmetern Nutzfläche abwickelt. Aber immerhin, wir leisten unseren Beitrag.“ Warum das Büro Gutgut heißt? „Früher hießen wir Gelb, dann Rot, dann Blau. Aber dann haben wir gemerkt, dass wir auch Farbe bekennen können, ohne bunt zu sein. Und ganz ehrlich? Wir sind mehr als nur gut. Wir sind echt gutgut.“

Wie können Qualität und Innovation in der Architektur unser Leben verbessern? Das ist die Grundfrage des Architekturfestivals Turn on, das heuer zum 17. Mal stattfindet. Auf dem Programm stehen die Themen Wohnbau, Hotels, Kulturbauten, Gesundheitsimmobilien und Quartiersentwicklung. Einleitende Worte von Christian Kühn (Architekturstiftung Österreich) und der Wiener Frauen- und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál. Mit Vorträgen von Feld72, Einszueins Architektur, Baumschlager Hutter, Alison Brooks Architects, Robertneun, Hermann Czech, Königlarch, Werner Neuwirth, Pool Architektur, Bevk Perović Arhitekti, Fasch & Fuchs, Franz & Sue, Dietger Wissounig, Erich Strolz, Dietrich Untertrifaller, Walter Angonese und dem slowakischen Büro Gutgut. Ergänzt wird der Vortragsnachmittag von einer Podiumsdiskussion mit der Wiener Architektin Bettina Götz (Artec), Bernhard Steger, Abteilungsleiter der MA 21A, sowie dem ehemaligen Direktor des Amtes für Städtebau der Stadt Zürich, Patrick Gmür.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag