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Profil

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Innsbruck
1996 – 2003 freie Mitarbeiterin bei der Tageszeitung Der Standard
1998 – 2001 Chefredakteurin des Fachmagazins architektur
2003 – 2006 Geschäftsführerin von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich
seit 2006 freie Mitarbeiterin Spectrum/Die Presse
seit 2012 freie Mitarbeiterin bei architektur.aktuell
2015 – 2016 Chefredakteurin von KONstruktiv
seit 2019 Vorsitzende von ORTE Architektur Netzwerk Niederösterreich
arbeitet als freie Architekturpublizistin in Wien

Lehrtätigkeit

2003 – 2012 Abteilung für Wohnbau und Entwerfen am Institut für Architektur und Entwerfen der TU Wien

Mitgliedschaften

Zentralvereinigung der Architekt:innen Österreichs
ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich

Publikationen

Ordnung und Öffnung, in: Das österreichische Parlamentsgebäude - Facetten einer Erneuerung, Hrsg. Republik Österreich/Parlamentsdirektion, Park Books, Zürich 2023
ORTE – Architektur in Niederösterreich 2010-2020, Park Books, Zürich 2021 (mit Eva Guttmann und Gabriele Kaiser)
querkraft - livin' architektur/architektur leben, Birkhäuser Basel, 2019 (hrsg. mit Gabriele Lenz)
Architektur von Dietrich|Untertrifaller, Birkhäuser Basel, 2017 (hrsg. mit Gabriele Lenz)
Generationen Wohnen. Neue Konzepte für Architektur und soziale Interaktion | Alter(n)sgerechtes Planen und Bauen, Edition Detail, München 2015 (mit Christiane Feuerstein)
Walter Zschokke.Texte, Park Books, Zürich 2013 (hrsg. mit Gabriele Lenz und Claudia Mazanek)
ORTE – Architektur in Niederösterreich 2002-2010, Springer, Wien 2010 (mit Eva Guttmann und Gabriele Kaiser)
Wohnen, pflegen, leben – Neue Wiener Wohn- und Pflegehäuser, Bohmann Verlag, Wien 2009

Artikel

14. Oktober 2017 Spectrum

Grüner Block mit Balkonen

Im zwölften Wiener Gemeindebezirk gelang einer privaten Bauherrin gemeinsam mit dem Architekturbüro Gerner Gerner plus ein vorzüglicher Beitrag zur Stadterneuerung. Nachmachen erwünscht!

Die Wiener Wolfganggasse ist eine unspektakuläre, aber auffallend grüne Gasse, der eine Allee aus Ahornbäumen und gut gepflegten Grünstreifen eine angenehme Atmosphäre verleihen. Die Bebauung stammt mit wenigen Ausnahmen aus der Gründerzeit. Im Gebäudeblock nördlich der Flurschützstraße ist seit Jahrzehnten ein pharmazeutisches Unternehmen ansässig. Mit der Entscheidung, die Produktion zu verlagern und nur noch das Büro am Ort zu belassen, war das Firmenareal frei für eine neue Nutzung, womit nun in baugeschichtlicher Hinsicht auch die Gegenwart Einzug gehalten hat. Die Bauherrin lud fünf Architekturbüros zum Wettbewerb für einen ökologisch korrekten Wohnbau mit viel Frei- und Grünraum, den das Architekturbüro Gerner Gerner plus für sich entscheiden konnte.

Gegartelt wird in der Wolfganggasse schon länger, zunächst im Zuge eines 2009 von Jutta Wörtl-Gössler initiierten Kunstprojektes, aus dem der Verein „Garten Wolfganggasse“ hervorging, der sich zu einem weit über die Bezirksgrenzen beachteten Nachbarschaftsprojekt entwickelte und für die prächtigen Beete verantwortlich ist. Eine Idylle, die mit einem den gesamten Mittelteil des Blocks zwischen Wolfganggasse und Schallergasse umfassenden Neu- und Umbauprojekt durchaus hätte ins Ungleichgewicht geraten können. Zur Genüge kennt man die Neubau- und Sanierungsprojekte in den Gründerzeitvierteln mit ihren leblosen Erdgeschoßzonen, wo dann mit poppig aufgemotzten Fassaden versucht wird, der Tristesse irgendwie Herr zu werden.

Es geht auch anders, wie das jüngst fertiggestellte Ensemble von Gerner Gerner plus zeigt. Allerdings musste einiges an alter Substanz weichen, wie das aus den 1960er-Jahren stammende Bürohaus an der Wolfganggasse und auch ein parallel dazu gelegenes Gründerzeithaus an der Schallergasse. Beide wurden durch Neubauten, die formal die gleiche Sprache sprechen, ersetzt. Das Haus Schallergasse 42, das im Jahr 1913 als Wohn- und Fabrikshaus für die Spiegelglasfabrik Johann Arminger von Baumeister Jaroslav Bubik erbaut wurde, bildet nun mit den beiden Neubautrakten ein stimmiges Ensemble um einen abwechslungsreich gestalteten Innenhof.

Der „Wolfshof“, so wurde es getauft, gibt sich schon aus der Ferne zu erkennen. Unterschiedlich weit ausgezogenen Schubladen gleich, strecken sich Balkone aus Betonfertigteilen mit integrierten Pflanztrögen oder Pflanztröge allein mehr oder weniger tief in die Luft über dem öffentlichen Gut der Wolfganggasse, als würden sie nach den Baumkronen greifen wollen. Im Erdgeschoß öffnen sich die Büros raumhoch verglast zur Straße und erhalten Sichtschutz durch einen langen Pflanztrog. Die Fassade wurde nicht in ein Wärmedämmverbundsystem gepackt, erstens weil man mit möglichst natürlichen Materialien arbeiten wollte, und zweitens weil der zwölfte Bezirk ein Ziegelbezirk ist, wovon zum Beispiel noch die nahe Remise der Badner Bahn, mit der einst die Ziegelöfen im Süden Wiens mit dem Zentrum verbunden wurden, Zeugnis ablegt. Daher griff man zu einer Dämmung aus Mineralwolle und einer Hülle aus Tonziegelpaneelen. In einem ähnlichen Farbton wie die Balkone gehalten und einem Verlegemuster aus gerillten und glatten Elementen entsteht ein schönes Hell-dunkel-Spiel, das durchaus Verwandtschaften zu historischen Wiener Fassaden aufweist. Denn auchdie waren stets überwiegend monochrom und in diversen hellen, steinfarbenen Tönen verputzt ausgeführt, womit sich auch bei vonHaus zu Haus unterschiedlichen Dekoren und Stilen ein einheitliches harmonisches Stadtbild erzeugen lässt. Es bleibt ein Rätsel, warum in Wien außerhalb der Schutzzonen dem bunten Patchwork, das so viel visuelle Unruhe verursacht, nicht beizukommen ist. Die Gerners haben jedenfalls verstanden, worauf es ankommt.

Balkone sind auch ein Hauptthema im Hof, wo die Fassaden der Neubauten ebenso hochwertig wie an der Straße ausgeführt wurden. Die Wiener Stadtgestaltungsmaxime, dass Stadtbild nur das sei, was man von der Straße aus sieht, fand also nicht Anwendung. Aus dem früheren, mit diversen Nebengebäuden, Abstell- und Rangierflächen zugebauten Hof wurde eine Parklandschaft mit Hochbeeten, Wasserbecken, Liegeflächen sowie einer Sitzstufenanlage. Dazu kommen noch kleinere gestaltete Freiräume wie der Hof des Büros oder der „verborgene Garten“ im Lichthof zur Tiefgarage. Davon profitieren nicht nur die Mieter und Eigentümer des Wolfshofs, sondern auch jene der benachbarten Häuser, für die das neue Ensemble Aussicht, Ambiente und Mikroklima verbessert.

Die Altbautrakte wurden naturgemäß anders behandelt als die Neubauten, was der Harmonie keinen Abbruch tut. Vor die weißen Fassaden gestellte Stahl-Holz-Konstruktionen erweitern die Wohnungen großzügig ins Freie. Im Gegensatz zu den optisch wie haptisch härteren Neubaufassaden wirken sie wie Weichzeichner, was sich noch verstärken wird, sobald die Rankpflanzen hochgewachsen sind. Auch an der ruhigerenSchallergassenseite hat man sich bemüht, der Anlage keinen Hintaus-Charakter zu geben. Auskragende Balkone waren hier nicht möglich, dafür gibt es vorgehängte Pflanztröge, damit das Erdgeschoß nicht zu abgeschottet ist, öffnete es man mit einem großen horizontalen Fenster zur Straße.

Sorgfalt im Detail, aber ohne zu kapriziöszu werden, kennzeichnet auch das Innere. Die 70 Wohnungen sind hochwertig und solide ausgestattet. Von besonderem Flair sind die Lofts im Altbau, wo die Ast-Molin-Rippendecken freigelegt wurden und die Sanitärzellen als niedrigere in den Raum gestellte Boxen den Grundriss gliedern, ohne die Großzügigkeit des Raumflusses zu unterbinden. Erwähnt seien noch ein riesengroßer Fahrradabstellraum und der geräumige Kinderspielraum mit Küche und Sanitärbereich,die zusammen mit dem Hof ein Angebot an gemeinschaftlichen Einrichtungen bereitstellen, wie es im üblicherweise zunächst aufRendite bedachten frei finanzierten Wohnbau in solchem Umfang und solcher Qualität äußerst selten ist.

In nächster Nähe steht die Entwicklung des Areals um den aufgelassenen Betriebsbahnhof der Wiener Lokalbahnen, die ihre Anlagen nach Wien-Inzersdorf übersiedeln, an. Die professionellen Entwickler im Eigentum der Stadt sind gut beraten, sich am privaten Wolfshof ein Vorbild zu nehmen.

22. Juli 2017 Spectrum

Blick nach vorn zurück

Jabornegg & Pálffy in Altenburg

„Retroperspektive – Architekturprojekte im historischen Kontext“: In einer ersten Werkschau zeigen die Architekten Christian Jabornegg und András Pálffy ihre Auseinandersetzung mit historischer Bausubstanz. Zu besichtigen im Stift Altenburg, Niederösterreich.

„Retroperspektive“ übertiteln die Architekten Christian Jabornegg und András Pálffy ihre Ausstellung im Stift Altenburg. Der Blick nach vorn zurück war bereits 1997 das Leitmotiv von Catherine David für die Documenta X in Kassel, für die Jabornegg & Pálffy damals die Ausstellungsräume im Südflügel des Hauptbahnhofes und im Fridericianum umbauten: Mit besonnenen Eingriffen spielten sie die jeweilige Substanz von überflüssigen späteren Eingriffen frei, gestalteten einheitliche Oberflächen, schufen trotz – oder vielmehr gerade wegen – unaufdringlich im Hintergrund bleibender Interventionen eine angenehme Atmosphäre und sorgten auf funktionaler Seite zudem für ein gutes Ausstellungsklima und ausgezeichnete Orientierung für die Besucher.

Aufbauend auf der genauen Lektüre und Reflexion des Bestandes das Potenzial eines Eingriffes ausloten, dies kennzeichnet so gut wie alle Arbeiten des Wiener Architekturbüros, das sich seit 25 Jahren mit dem Weiterbauen historischer Bausubstanz beschäftigt. Die Ausstellungsräume für die Documenta X sind eines von 17 Projekten, anhand derer im Stift Altenburg die Logik ihrer Herangehensweise verständlich gemacht wird.

In drei Bauphasen waren sie bislang von 2002 bis 2012 im Benediktinerstift im Waldviertel tätig. Im Zuge der barocken Transformation der im 12. Jahrhundert gegründeten Klosteranlage lagerte Joseph Munggenast der über 200 Meter langen monumentalen Ostansicht eine Altane vor, die kurzerhand auf einer Beschüttung über dem mittelalterlichen Vorgängerbau errichtet wurde. Als aufgrund des Erddrucks entstandene Risse Untersuchungen notwendig machten, kamen wesentliche Teile der mittelalterlichen Bausubstanz zutage, und es stellte sich neben der Frage nach der statischen Sicherung des gesamten Bereiches auch jene nach einem adäquaten, für Besucher zugänglichen Schutzbau für die archäologischen Ausgrabungen. Jabornegg & Pálffy entschieden 2002 den dafür ausgelobten Wettbewerb für sich, womit eine äußerst fruchtbare Beziehung zwischen den klösterlichen Bauherren und den stets ein Gesamtkonzept und nicht nur die schnelle Reparatur im Auge habenden Architekten ihren Anfang nahm. Unter einer ausgefeilten Brückenkonstruktion aus Stahlbeton entstanden von oben und über freigelegte historische Fenster belichtete archäologische Schauräume; darüber wurde mit den Mitteln der Gegenwart die Altane als wesentlicher Bestandteil des barocken Hauptprospekts wiederhergestellt. Bedacht wurden damals schon die weiteren Ausbauschritte, die schließlich eine räumliche Verbindung vom Bereich unter der Altane zum barocken Kaiser- und Bibliothekstrakt herstellten. Der über zehn Jahre entstandene Parcours macht auf sehr intuitive Weise, die kaum weiterer didaktischer Erläuterungen bedarf, die Baugeschichte des Klosters nachvollziehbar und stellt Sichtbeziehungen sowohl innerhalb der Anlage als auch zur Landschaft her. Nun nutzen ihn Jabornegg & Pálffy, um in ihrer ersten großen Werkschau in Österreich ebenso eindrücklich Kontinuitäten in ihren Projekten aufzuzeigen. Dies geschieht anhand von 41 Modellen; der Bestand jeweils aus Holz gebaut, aus Edelstahl oder Aluminium jene Teile, die baulich neu sind. Raumressourcen im oder am Bestand finden, um darin erforderliche neue Nutzungen aufzunehmen, wenn möglich, den Bestand von nachträglichen Einbauten zu befreien und zugleich Orientierungshilfen zu schaffen – diese Vorgehensweise lässt sich parallel an den Modellen in den Ausstellungsräumen ablesen. Manche der gezeigten Projekte werden ungebaut bleiben, wie die Wettbewerbsbeiträge zum Umbau des Eastman Gebäudes zum Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel (2010) oder zur Erweiterung des Städel Museums in Frankfurt (2008) – andere harren noch der Umsetzung wie die Neugestaltung des Domplatzes in St. Pölten. In den Holz-Metall-Modellen wirken sie als Architektur bestechend real. Positioniert auf Tischen aus Stahlformrohren und maßgeschneiderten Podesten aus MDF-Platten, zeigen und verkörpern die sorgfältig gefertigten Architekturmodelle Methodik und Handschrift der Architekten. Keine farbigen Visualisierungen, keine Pläne, keine Texttafeln stören visuell die Konzentration auf die Baustrukturen. Zusätzliche Information bieten ein Leporello mit Fotos und Texten sowie ein Audioguide, sofern man ein geeignetes Smartphone besitzt.

Der Zeitpunkt für die Schau ist gut gewählt, startet doch diesen Sommer die Generalsanierung des österreichischen Parlamentsgebäudes. Diesem Großprojekt ist der Barockraum der Veitskapelle gewidmet. Anhand eines großen Grundrissmodells und zweier Schnittmodelle wird deutlich, wie sie kongenial zum architektonischen Konzept Theophil Hansens die ebenso komplexe wie rationale Struktur des Bestandes nutzen, um neue Funktionen und Strukturen präzise einzufügen.

„Man schaut in den Rückspiegel, wenn man nach vorn fährt, besonders wenn man schnell fährt“, so hat Catherine David einst ihr kuratorisches Konzept anschaulich erklärt. Und wie beim Autofahren der Blick nach hinten klugerweise besser an Fakten orientiert sein sollte, als sich auf Nebenschauplätzen zu verlieren, so sind auch beim Bauen im Bestand analytisches Denken und die Gabe, Zusammenhänge zu erkennen, gefragt. Denn nur so lassen sich geeignete Planungsstrategien entwickeln, die jenseits der Konservierung eines Status quo und damit der Musealisierung dazu geeignet sind, die Geschichte und Struktur eines Baudenkmals oder Ensembles fort- und nicht umzuschreiben. Ob Museumsgebäude, Bürohaus oder Platzgestaltung – dank des unsentimental-kritischen Blicks zurück gelingt es Jabornegg & Pálffy bei all ihren Bauten im historischen Kontext inhaltliches Programm, räumliche Qualität und konstruktive Logik in Einklang zu bringen.

Inwiefern dies beim ersten realisierten Kunstraum von Jabornegg & Pálffy, der Generali Foundation im denkmalgeschützten Habig-Hof in der Wiedner Hauptstraße, der seit Übersiedlung der Sammlung in das Museum der Moderne in Salzburg einer Nachnutzung harrt, gelingen wird, ist ungewiss. Denn wie András Pálffy, der sich selbstverständlich eine kulturelle Nutzung wünschen würde, berichtet, führt die Generali mit dem Bundesdenkmalamt seit Längerem intensive Verhandlungen über die Umwandlung in einen Supermarkt.

27. Mai 2017 Spectrum

Wohnen am Rand des Dschungels

Das urbane Wachstum kratzt zusehends an den letzten Flecken Wildnis am Rande der Großstadt. Patricia Zacek-Stadler gelingt es, Nachverdichtung und den Charme der Au in Einklang zu bringen. Besuch in Wien-Donaustadt.

Um zu erkennen, dass ein beachtlicher Anteil des Wiener Stadtwachstums im flächenmäßig größten Bezirk, der Donaustadt, stattfindet, muss man nicht die Statistiken studieren. Ab und zu eine Fahrt mit der U2 reicht, um die Dynamik des Wandels, der hier von einem besonderen Tempo ist, zu spüren. Ein Teil der Nachverdichtung findet auch dort statt, wo es noch versteckte Wildnisse entlang der Altarme der Donau gibt. Hier zu bauen ist verlockend, Ruhe und Naturnähe lassen sich vorzüglich vermarkten, und so knabbert die bebaute Stadt oft recht unsensibel an den Rändern des Landschaftsschutzgebietes.

Gelungen ist die Gratwanderung zwischen Verdichtung und Landschaftsgerechtigkeit am Otterweg, wo Patricia Zacek-Stadler für den Bauträger BUWOG eine Siedlung aus Reihenhäusern und Geschoßwohnungen geplant hat, die im vergangenen Jahr bezogen wurde und so schon Zeit hatte, sich zu bewähren. Es ist ja so, dass unsereins meist zu einem Zeitpunkt zur Besichtigung gebeten wird, wenn man die frische Wandfarbe noch riecht und die neuen Mieter und Eigentümer noch keine Zeit hatten, Spuren ihres Alltagslebens zu hinterlassen. Wie tatsächlich alles funktioniert, wieweit das Neue mit dem Bestehenden zusammengewachsen ist, und wie die Stimmung in der Anlage ist, erspürt man aber erst, wenn sie eingewohnt ist. Gut also, dass wir den Lokalaugenschein zu einem Zeitpunkt vornehmen, da Terrassen möbliert, Gärten bepflanzt unddie Menschen bereits im Siedlungsalltag angekommen sind.

Patricia Zacek-Stadler war schon in einer frühen Phase der Flächenwidmung an Bord und konnte Einfluss nehmen, dass die Neubebauung auf dem stark segmentierten, an den Rändern gezackten und stellenweise sehr schmalen Baufeld eine verträgliche Koexistenz mit dem Vorhandenen eingeht und die Dimensionen der einzelnen Bauvolumenebenso moderat bleiben wie die für den Pkw-Verkehr erschlossenen Flächen. Vorgefunden hat sie hier das Dickicht des Donau-Dschungels an der Uferzone des Schillochs, ein paar verstreute Einfamilienhäuser und Keuschen – ein Szenario, angesiedelt irgendwo zwischen romantischer Idylle und dem leichten Schauder der Abgelegenheit, wie man es inmitten der Großstadt kaum noch vermuten würde.

120 Wohneinheiten fanden Platz. Davon wurden 24 als frei finanzierte Reihenhäuser, acht als frei finanzierte Dachgeschoßwohnungen errichtet. Alle anderen sind Mietwohnungen nach den Konditionen der „Wiener Wohnbauinitiative“, die eine spezielle Variante des frei finanzierten Wohnbaus ist, bei der die Stadt günstige Darlehen an Bieterkonsortien vergibt, die sich im Gegenzug zu zehn Jahre gültigen Mietobergrenzen verpflichten, die unter den Marktpreisen im frei finanzierten Wohnbau und etwas höher als im geförderten Wohnbau liegen. Im konkreten Fall bedeutet dies eine Bruttomiete inklusive Betriebskosten von 8,50 Euro. Die Reihenhäuser fügte Zacek-Stadler in die kleinen engen Flecken im Norden des Bauplatzes und auf einer kleinen Fläche an der Kanalstraße im Süden. Sie flankieren den zentralen, weitläufigeren Bereich im Herzen der Anlage. Hier fanden acht Punkthäuser Platz, deren Baukörper auf unregelmäßigen kristallinen Grundrissen wie große Kreisel wirken, die sich maßgeschneidert auf die Gegebenheiten in das Grundstück hineindrehen. Durch dieses Vermeiden von geradlinigen Fassadenfluchten gelang es, jeder der über Eck gehenden Wohnungen und den ebenso wenig orthogonal geformten Balkonen mehrere Aussichten ins Grüne und in verschiedene Himmelsrichtungen freizuspielen.

Ein Merkmal aller Wohnanlagen von Patricia Zacek-Stadler sind attraktive, einladende Entrées. So auch hier. Durch die vom Untergeschoß bis oben offenen Stiegenhäuser wird die gesamte Haushöhe erfassbar und erhält selbst der Zugang zu den Lagerräumen im Untergeschoß noch Tageslicht. Das Verschwenken der oberen Stiegenläufe gegenüber dem im Erdgeschoß setzt die außen angekündigte Bewegung im Inneren fort, und dank breiter Verglasungen ist die Atmosphäre nicht nur lichtdurchflutet luftig, sondern stets auch der Blickbezug zur Nachbarschaft da. Die jeweilige Außenwandfarbe zieht sich an einer Stiegenhauswand ins Innere, ansonsten sind hier die Wände in einem hellen, warmen Grau gehalten. Das sind keine Spielereien, die unnötige Kosten verursachen, sondern wohlüberlegte Details, die das Ankommen und Verweilen in den gemeinschaftlichen Zonen angenehm machen. Es sei leider nicht alltäglich, so die Architektin, dass Bauträger derartige Farbkonzepte zulassen, selbst wennsie nur einen geringen Mehraufwand bedeuten, aber ganz wesentlich zur guten Atmosphäre beitragen.

In einem hellen Beige, akzentuiert von vertieft liegenden dunkleren Flächen, sind die Reihenhäuser gehalten. Drei verschiedene Typen hat Patricia Zacek-Stadler entwickelt und stets die Zeilen so gestaltet, dass auf den ersten Blick das Additive der einzelnen Häuser sich nicht abzeichnet, sondern sie eine Gesamtkomposition ergeben. Eine dem Eingang vorgelagerte Loggia schafft jeweils einen gedeckten Schwellenraum zum öffentlichen Raum, der Platz genug bietet, um ein Tischchen mit Stühlen zu platzieren oder Fahrräder nah am Eingang abzustellen. Manche Häuser haben zusätzlich einen ebenerdigen, von außen begehbaren Abstellraum und wie kleine Penthäuser wirkende Zimmer mit Bad mit Zutritt auf Terrassen im Dachgeschoß.

Auch im Freiraum finden sich etliche an sich unaufwendige, nur Denkarbeit in der Planung und Empathie für die künftigen Bewohner bedingende Elemente, die Freude machen. Dazu zählen die beiden runden, mit einem Baum bepflanzten Öffnungen in die Tiefgarage, die Frischluft und Tageslicht in die Tiefgarage bringen. Einige der üblichen Garagenlüftungsschächte erhielten einen Zusatznutzen als Sitzbank. Der große Spielplatz wurde in einer Mulde zur Au eingebettet und so ausgestattet, dass Kinder verschiedenen Alters animiert sind, Bewegungsfreude und Entdeckergeist zu entwickeln; nächst dem Kleinkinderspielplatz im Süden eine Art Gartenhaus mit Pergola-überdecktem befestigtem Vorplatz für Grillfeste und andere Aktivitäten.

Von hoher Alltagstauglichkeit und schön mit dem Umfeld verwoben, entstand ein Ensemble mit hübschen Plätzen und Wegen, das einem gar nicht mehr das Gefühl gibt, in einer entlegenen Gegend zu sein.

22. April 2017 Spectrum

Plus an Platz

Absamer Optimierungen

Ein Solitär, ein Tiefbau und ein Dachausbau: Für die Erweiterung der Volksschule in Absam, Tirol, verstanden es die Architekten Schenker Salvi Weber, Flächen- und Raumressourcen geschickt zu nutzen.

Von „solider Bauart und Einrichtung“ sei das Absamer Schulhaus, wussten die „Innsbrucker Nachrichten“ anlässlich der Einweihung des Gebäudes im Oktober 1905 zu berichten. Eine vorausschauende Einschätzung, denn noch immer ist im altehrwürdigen Gebäude, das am nordwestlichen Ortsrand mit etwas Abstand zum Friedhof errichtet wurde, die Volksschule Absam-Dorf untergebracht. In den Jahren 1978 bis 1980 wurde der alten denkmalgeschützten Schule ein neues Gebäude, das Kindergarten sowie Musikschule beherbergte, beigestellt. Von weitaus weniger wertbeständiger Qualität als das alte Haus war es schon länger in einem schlechten baulichen Zustand; auch in der alten Volksschule entsprach manches – etwa der kleine Turnsaal – nicht mehr dem Stand der Technik. Rund 5000 Quadratmeter auf einer freien Fläche zum westlich angrenzenden Friedhof und im Süden des Bestandes wurden daher verfügbar gemacht, um Kinderkrippe und Kindergarten, eine Musikschule, eine Turnhalle und entsprechende Freiräume unterzubringen. Jeder Teil des Neubauprogrammes sollte separat funktionieren, aber an die Schule, die von den Neubauten möglichst nicht in ihrer Fernwirkung beeinträchtigt werden sollte, angebunden sein.

„Wir brauchten eine dienliche Architektur, die sich hier einordnet“, beschreibt Bürgermeister Arno Guggenbichler die Herausforderungen an die Architekturbüros, die sich 2013 am EU-weit ausgelobten Architekturwettbewerb beteiligten. Das in Wien ansässige Büro Schenker Salvi Weber war das einzige, das vorschlug, die Sporthalle völlig unter die Erde zu bringen. Mit diesem Befreiungsschlag konnte auf der knappen Fläche oberirdisch viel Freiraum gewonnen werden: einerseits um einen Platz für die Schulkinder und die Öffentlichkeit zu schaffen, andererseits um mit dem Neubau den denkmalgeschützten Bestand nicht in Bedrängnis zu bringen.

Mit Abstand zur Schule, an der Grundstücksgrenze zum Friedhof, wurde der Kindergarten in einem zweigeschoßigen Solitär situiert, der durch das Gefälle des Bauplatzes nach Norden nur eingeschoßig in Erscheinung tritt. Zwischen den beiden Bauten führt eine Freitreppe, an deren Antritt sich der Blick auf den Turm der spätgotischen Basilika St. Michael eröffnet, nach unten, wo sich der neue Platz nach Süden und zum Dorf hin weitet. Von der Turnhalle im Untergrund ist außer dem von einer Sitzbankgesäumten Oberlichtband, das den Platz nach Süden abschließt, nichts zu sehen. Die Weite und Ruhe des von DnD Landschaftsplanung (Anna Detzlhofer und Sabine Dessovic) gestalteten Platzes fördern die hellen Betonfelder auf dem Boden und die Platzwände nach Norden und Westen bildenden Fassaden von Schule und Kindergarten.

Der Altbau wurde im Zuge der Sanierung farbig etwas aufgehellt, der Holzbau der Schule mit einem weißen Kratzputz versehen. Geglättete Faschen um die locker verteilten größeren und kleineren Öffnungen verleihen ihm eine unaufgeregte Lebendigkeit und binden ihn durchaus harmonisch in das von Putzfassaden geprägte dörfliche Ambiente ein.

Um einen zentralen Luftraum mit umlaufender Galerie und Oberlicht ist das Kinderhaus äußerst übersichtlich organisiert. Der Kreativraum kann über die raumhohen Fenstertüren auf den Platz erweitert werden und ist – wie auch der Speisesaal – nicht starr vom restlichen Organismus des Hauses abgeschottet, sondern kann dank Raumteilung durch einen Vorhang mit dem angrenzenden Erschließungsbereich zusammengeschaltet oder davon abschirmt werden.

Die vier verschiedenen Fensterformate auf drei verschiedenen Höhen – von außen könnte man sie als Formalismus deuten – erklären sich im Inneren als wohlgesetzte Bilderrahmen für die Schönheiten der Umgebung, die den Blick auf Kirche oder Friedhof, das Karwendelgebirge im Norden und die Tuxer Alpen auf der anderen Talseite fokussieren. Bei den großformatigen Fenstern mit niedrigen Parapethöhen dienen holzumrandete Gewände zugleich als beliebte Sitznischen.

Helle Töne bilden zusammen mit viel Eichenholz und grobfaserigen Akustikplatten an der Decke einen ruhigen Hintergrund. Akzente setzen ab und an die grünen Raumteiler-Vorhänge und sonst nur die Nutzer, deren Spielsachen und kreative Erzeugnisse. Es ist ein wertschätzendes Ambiente, in dem die Absamer Kinder und Pädagoginnen arbeiten dürfen; keines, das die Institution Kindergarten verniedlicht. Das drückt sich auch im Mobiliar aus, das von den Architekten entworfen und in sorgfältiger Tischlerarbeit ausgeführt oder bei einer Tiroler Manufaktur geordert wurde.

Die Sporthalle dient nicht nur dem Schulsport, sondern auch den Sportvereinen der Gemeinde. In den Zugängen dominiert Sichtbeton, der den Höhlencharakter betont. Die Halle selbst ist mit einem Spielfeld aus Eichenparkett und Prallwänden aus Birke als hölzerne Schatulle in die Betonwanne eingelegt. Dank verschiedener Raum-und Blickbezüge wie dem Oberlicht über dem Gang hinter der Tribüne, Öffnungen zum Stiegenhaus oder Fenstern im Geschoßeverbindenden Kletterschacht ist die Sportwelt im Untergrund vom Rest des Geschehens nicht völlig abgeschlossen.

Ursprünglich sollte im Neubau auch die Musikschule untergebracht werden. Da sich aber im Planungsprozess der Bedarf an Kindergartenplätzen erhöhte und sich im riesigen Dachraum der denkmalgeschützten Schule einiges Ausbaupotenzial anbot, wurde kurzerhand die Musikschule dorthin verlegt. Das Dach wurde von außen nach innen bauphysikalisch ertüchtigt und zwecks Belichtung mit Dachfenstern – eine Reihe knapp am First, eine direkt über dem Kniestock – versehen. Entlang des Mittelganges belichten die oberen Fenster jeweils über einen in die Tiefe führenden Trichter einen Übungsraum auf der Gegenüberliegenden Dachseite, in der gleichen Achse liegt das Ausblick bietende Fenster im Raum. Im erschließenden Mittelgang wird durch diese verschränkte Anordnung strickmusterartiges Geflecht erzeugt. Die sichtbar gebliebenen Dachbalken wurden weiß gestrichen und die Deckenuntersichten mit weiß lasierten Holzlatten verkleidet. Erneut wurde solide gearbeitet – im Bestand ebenso wie im Neubau, im Detail ebenso wie städtebaulich –, und so ist das neue Ensemble nicht nur den Nutzern, sondern auch dem Ortsbild dienlich.

18. März 2017 Spectrum

Häuser im Dialog

Raffiniert hineingewebt. Kein Lückenbüßer, sondern eine gelungene Aufwertung für das ganze Quartier ist die neue Wohnanlage f49 in Innsbruck, verantwortet von Johannes Wiesflecker und Michael Kritzinger.

Nah zum Stadtzentrum und zur Universität am Innrain gelegen, ist der Stadtteil Höttinger Au eine der attraktiven Wohngegenden Innsbrucks. Erst ab dem 20. Jahrhundert dichter bebaut, finden sich hier immer noch Bauplätze, die nach und nach vor allem mit Wohnbebauungen gefüllt werden. Eine der architektonisch ambitioniertesten unter den jüngeren Eigentumswohnanlagen ist die Wohnanlage f49 zwischen Fürstenweg und Ampfererstraße. Der schmale z-förmige Bauplatz war zuvor Standort einer Tankstelle samt Tiefgarage, also locker bebaut. Um für das 4.800 Quadratmeter große Grundstück bei höherer Dichte eine qualitativ hochwertige Lösung zu finden, verlangte die Stadtplanung die Auslobung eines Architekturwettbewerbs. Das ist in heikleren städtebaulichen Situationen und immer dann, wenn eine Neubebauung eine Änderung des Bebauungsplans bedingt, in der Tiroler Landeshauptstadt gute Praxis.

Die Herausforderung für die zehn geladenen Wettbewerbsteilnehmer bestand darin, die neue Anlage in die bestehende Baustruktur aus Fragmenten älterer Blockrandbebauungen und zeilenförmigen, durchgrünten Bebauungen, denen städtebauliche Überlegungen und Bebauungspläne aus den 1960er- und 1970er-Jahren zugrunde liegen, einzufügen und trotz hoher Dichte hohe Wohnqualität zu schaffen. Johannes Wiesflecker in Arbeitsgemeinschaft mit seinem früheren Mitarbeiter Michael Kritzinger konnte die Jury mit einer schlüssigen Weiterentwicklung der bestehenden Zeilenbebauung und einer Verdichtung zur Mitte hin überzeugen. Die Entwicklung in die Vertikale spielt Platzräume frei, unterschiedliche Höhen und Haustypen erzeugen Vielfalt: So kann man die städtebauliche Strategie der Architekten knapp zusammenfassen.

Die Art, wie sie die Lücke füllten, wirkt fast intuitiv und spielerisch. Parallel zu den Grundstücksgrenzen in Längsrichtung gesetzte lange Riegel und Fragmente von Riegeln stricken das Bebauungsmuster der Umgebung fort und docken an die Feuermauern der Nachbarhäuser an. Ein langer Siebengeschoßer führt vom Fürstenweg in die Tiefe, in der Mitte kumuliert die Bebauung in einem neungeschoßigen Turm. Häuserpaare sind mit je einem Stiegenhaus erschlossen und über raumhochverglaste Zwischenglieder miteinander verbunden. Durch die versetzte Stellung der Baukörper entstehen Plätze und schmälere Durchgänge unterschiedlichen Charakters. Der weitläufigste Freiraum entfaltet sich um den Turm. Mauern mit integrierten Sitzbänken geben den Gärten der Erdgeschoßwohnungen Sichtschutz. Das hochwertige Ambiente des Außenraumes mitattraktiven Wegen und Verweilorten kommt auch den Nutzern des öffentlichen Geh- undRadweges zugute, der das Grundstück in Ost-West-Richtung quert.

Ebenso unverkrampft und fantasievoll wie die städtebauliche Konfiguration wurden die Fassaden komponiert. Eine gewisse Affinität zur Material- und Formensprache der Architektur der 1960er-Jahre, die Johannes Wiesflecker schon an anderen Gebäuden, zum Beispiel dem in der Nähe gelegenen Bischof-Paulus-Heim für Studierende, erkennen ließ, ist auch der Wohnhausanlage f49 zu eigen. Das äußert sich zum Beispiel in den runden Stiegenhausfenstern mit konturierenden Metallmanschetten oder demrecht kräftig strukturierten Modellierputz, mit dem die Vollwärmeschutzfassade veredelt wurde. Ohne ästhetische Unruhe zu verursachen, sorgen auch die unterschiedlichen Balkonbrüstungen für Abwechslung: Teilweise bestehen sie aus eigens für das Projekt entwickelten Fertigteilen aus glasfaserverstärktem Beton, deren Lochung sich nach außen konisch weitet, um innen nicht als Steighilfe zu wirken. Kontrastierend dazu kamen Brüstungen aus schwarzem Lochblech zum Einsatz, die zusammen mit den gleichfarbigen Fensterrahmen dem Haus markante Gesichtszüge zeichnen. Unterschiedliche Fensterformate, mitunter zu Feldern oder vertikalen Bändern zusammengefasst, was den Maßstab der Bauten bricht, bilden gemeinsam mit den gelegentlich gegeneinander versetzten Balkonen spannungsreiche Kompositionen, die wiederum für ein abwechslungsreiches Schauerlebnis sorgen.

Variantenreich sind auch die Wohnungszuschnitte. Sie reichen von kompakten Einzimmerwohnungen über ökonomisch organisierte 45-Quadratmeter-Wohnungen mit Essküche, Bad und zwei Zimmern über größere Familienwohnungen, bis hin zu Vier-Zimmer-Maisonetten. Alle haben Balkone, die jeweils mit mindestens 2,5 Metern Tiefe sehr geräumig sind und von überaus gut nutzbaren 14 Quadratmetern bei den kleinsten Wohnungen mit der Wohnungsgröße mitwachsen, sodass sie durchaus als zusätzliches Wohnzimmer aufgefasst werden können.

Materialität und Farbigkeit sind reduziert: Beton, Putz, Metall, Holz. Sparsame Farbakzente in Signalfarben à la Le Corbusier finden sich nur in den Stiegenhäusern, wo wie in den Gängen Sichtbeton dominiert. Brüstungen aus schwarzem Stahlblech, Handläufe aus Holz und raumhohe Eichentüren, in deren Holzverblendung die Gangbeleuchtung integriert ist, sorgen für ein edel anmutendes Ambiente. Von den Erschließungszonen aus, wo raumhohe Verglasungen von schwarzen Lüftungsflügeln begleitet werden, offenbart sich die Raffinesse des detailreichen Siedlungsgewebes noch eindrücklicher als auf dem Gartenniveau. Durchblicke und Fugen geben Ausschnitte der Siedlung und schöne Aussichten auf die Umgebung frei. Es ist ein äußerst wohlgestalteter Wohnbau, der sich nicht arrogant gegenüber den älteren Nachbarn aufspielt, sondern mit ihnen in einen Dialog tritt und damit auch sie stärkt.

Und es gelang der Beweis, dass trotz der vielbeklagten zu erfüllenden Vorschriften und Normen eine Wohnanlage ein Stück Baukunst sein kann. Dazu braucht es anspruchsvolle Bauherren, die das überhaupt wollen. Der Bauträger Weinberg, der in diesem Fall den überwiegenden Part verantwortet, sei so ein Bauherr, meint Architekt Wiesflecker. Für den Bauteil an der Ampfererstraße, der eine Kinderkrippe und Wohnungen beherbergt, war ein anderer Auftraggeber zuständig, der meinte, an Details einsparen zu können. Zusammengestutzte Manschetten bei den Rundfenstern und um ein paar Zentimeter verkürzte Geländer: Ob das den Gewinn um so viel aufgefettet hat, wie es ästhetisch schmerzlich ist?

4. Februar 2017 Spectrum

Ensemble français

Neue Transparenz im Altbestand, dazu ein Neubau, betont schlicht, beides verantwortet von Dietmar Feichtinger Architectes. Wie man formal und städtebaulich die Situation an der Wiener Liechtensteinstraße verbessert: eine Nachschau im Lycée Français.

Das Lycée Français de Viennenahm seinen Anfang 1946 in ein paar Klassen im Gymnasium in der Amerlingstraße, wo Kinder der französischen Besatzungssoldaten unterrichtet wurden. Ab 1947, dem Jahr der Unterzeichnung des Französisch-Österreichischen Kulturabkommens, war die Schule im Palais Lobkowitz, das bis 1979 das französische Kulturinstitut beherbergte, untergebracht. Im Jahr 1951 wurde das 1834/35 erbaute Palais Clam-Gallas an der Währinger Straße samt fünf Hektar großer Parkanlage von Frankreich unter der Bedingung gekauft, dass die Stadt Wien im östlichen, von der Liechtensteinstraße zugänglichen Teil der Gartenanlage einen Schulbau genehmigt. Das Kulturinstitut übersiedelte erst 1980 ins Palais Clam-Gallas, das 2015 von der Republik Frankreich – begleitet von heftigen Protesten – an das Emirat Katar verkauft wurde.

„Sie vermag den Vergleich mit dem alten gräflichen Palast wohl auszuhalten, ist sie doch selbst ein Palast“ zeigte sich die „Arbeiter-Zeitung“ anlässlich der Eröffnung des Lycée Français de Vienne am 8. Mai 1954 von damals Wiens modernster Schule mit „lichtdurchfluteten Räumen, die auch mit allem hygienischen Komfort ausgestattet sind“, beeindruckt. Geplant vom französischen Chefarchitekten für öffentliche Gebäude, Jacques Laurent, sowie von Karl Kupsky, Professor an der Technischen Hochschule, ist sie ein Klassiker der Wiener Nachkriegsmoderne. 1971 wurde der Schule auch das Studio Molière angegliedert. Das Theater wurde im Gebäude der ehemaligen Dietrichstein'schen Reitschule aus dem beginnenden 18. Jahrhundert, das im 19. Jahrhundert mit großen gotisierenden Spitzbogenfenstern versehen wurde, eingerichtet. Bereits 1921 hatte es als „Flieger-Kino“ – der Name bezieht sich auf den Initiator dieses Lichtspieltheaters, den kriegsinvaliden Flieger Rudolf Eder – eine kulturelle Funktion bekommen.

Für längst notwendige Verbesserungen auf dem Schulareal wurde 2011 ein Wettbewerb ausgelobt. Es galt, das über die Jahrzehnte stark in Mitleidenschaft gezogene Studio Molière zu revitalisieren und in einem Neubau Platz für zusätzliche Klassen zu schaffen. Siebzig Jahre nach Gründung des Lycée Français wurden im vergangenen Herbst die neuen Räumlichkeiten feierlich eröffnet. Dietmar Feichtinger, der seit 1994 sehr erfolgreich sein Büro in Paris führt, konnte den Wettbewerb, für den er neben weiteren vier französischen Architekturbüros mit Bezug zu Österreich, darunter Dominique Perrault und Nasrine Seraji, geladen wurde, für sich entscheiden.

Das Studio Molière erhielt durch das Öffnen von drei Fassadenachsen bis unter das Gesims und das Entfernen zweier bestehender Zwischendecken ein großzügiges neues Entree mit offener Vorhalle als gedecktem Ankunfts- und Verweilort; die zurückgesetzte Verglasung des Kassen- und Garderobenbereichs bewirkt eine neue Transparenz, die das Gebäude zum öffentlichen Raum hin aufmacht und neue Durchblicke zum Dahinter eröffnet. Der Proportion der Straßenfassade, an der die Spitzbogenfenster aus dem 19. Jahrhundert nicht mehr erhalten waren, wurde damit ein guter Dienst erweisen. Daneben, in der Achse des ehemaligen Theatereinganges, wurde ein Gassenlokal mit Schaufenstern eingerichtet, das der Schule als Präsentationsraum dienen wird. Die straßenseitig angekündigte Großzügigkeit setzt sich im gartenseitigen Foyer, das sich über die großen, neu verglasten Spitzbogenfenster zum Schulgelände öffnet, fort. Der 240 Plätze fassende Theatersaal wurde von seiner düsteren Atmosphäre befreit. Ebenso wie das Gassenlokal ist er vom Foyer barrierefrei zugänglich, womit eine vielfältig nutz- und koppelbare Raumfolge hergestellt wurde. Über der Sanitärgruppe wurden eine vom neuen Hauptstiegenhaus aus zugängliche Maisonettewohnung für den Hausmeister und ein Gästezimmer eingebaut und mittels Schattenfugen und feiner Farbkontraste vom Bestand abgesetzt. Sowohl für kulturelle als auch schulische Veranstaltungen jedweder Art steht somit an diesem traditionsreichen Ort mit wechselhafter Geschichte nach Jahren des Stillstands wieder eine zeitgemäße Infrastruktur bereit.

Die erforderlichen neuen Klassenräume brachten die Architekten in einem schlichten quaderförmigen, parallel zum Studio Molière situierten Baukörper auf einer zuvor als Parkplatz genutzten Fläche exakt innerhalb des für die Neubebauung gewidmeten, recht sparsam bemessenen Volumens unter, dessen Höhe sich am Gesims des Studio Molière orientiert. Dem Untergeschoß wurde südlich ein großes Atrium mit Holzboden vorgelagert, womit die hier untergebrachten Säle für Musik und Werken nicht nur viel Licht erhalten, sondern der Unterricht auch ins Freie verlagert werden kann.

In den drei Geschoßen darüber äußern sich die Regeln des französischen Schulbaus in den zwei Eingängen, die für jedes Klassenzimmer vorgeschrieben sind, aber auch in einer mit 2,80 Metern etwas niedrigeren Raumhöhe als in Österreich. Letzteres kam den Architekten allerdings insofern entgegen, als so auch die vorgeschriebene Bauhöhe leichter einzuhalten war. Der pavillonartige Bau ist betont schlicht. Beton, Holz, Glas und in einem zartgoldenen schimmernden Ton eloxierte Aluminiumpaneele und Fensterrahmen bilden einen zurückhaltenden Hintergrund. Holzwolle-Dämmplatten an den Decken und den Wänden zum Gang sorgen für die Verbesserung der Akustik. Trotz der materiellen und farblichen Reduziertheit ist das dank rundum großzügiger Verglasung luftig wirkende Ambiente angenehm wohnlich. Dafür sorgen natürlich die Holzböden, sehr stark aber auch die Exaktheit im Detail, wie die mit den Wänden bündigen Holztüren und die generell sehr sorgfältig gefügten Flächen.

Während die dem Lycée zugewandte Westfassade mit horizontalen Fensterbändern und Fassaden aus Betonfertigteilen in aktualisierter Weise auf die Formensprache des Gebäudes aus den 1950er-Jahren Bezug nimmt, reagiert die Ostfassade vis-à-visdem Studio Molière mit gegeneinander versetzten Abfolgen von geschoßhohen Glasflächen und schlanken, teils mit Lüftungsflügeln versehenen Alupaneelen auf dessen Vertikalität. So gelang es, ein Ensemble zu schaffen, das stimmig ist und nicht nur funktionale Verbesserungen mit sich bringt, sondern auch formal und städtebaulich die Situation an der Liechtensteinstraße verbessert.

7. Januar 2017 Spectrum

Im Geist der Erbauer

Die älteste evangelische Kirche Niederösterreichs blickt auf eine spannende Geschichte zurück. Die Architekten Beneder und Fischer erweisen den Gründern, Holzarbeitern, die lange Zeit als „Geheimprotestanten“ bezeichnet wurden, mit dem neu gestalteten Sakralraum Reverenz. Besuch in Mitterbach am Erlaufsee.

Als Ernst Beneder und Anja Fischer im Jahr 1999 die Osterkapelle im Stift Herzogenburg fertiggestellt hatten, zeichnete sich noch nicht ab, dass der Kirchbau einmal einen elementaren Teil ihrer Arbeit ausmachen würde. Sechs Jahre später realisierten sie den Neubau der Pfarrkirche Gallspach (2005), es folgten Umgestaltungen der Pfarrkirchen von Lingenau (2010), Weidling (2012) und Dornbirn-Oberdorf (2013). Es handelt sich jeweils um kleine Kirchenbauten, keine mächtigen Kathedralen – Beneder und Fischer gelang es dennoch, sie zu besonderen Orten zu machen, die einer Raumbühne gleich eine Vielfalt an Inszenierungen zulassen, und wo Andachten in kleinen Gruppen gleichermaßen den richtigen Rahmen finden wie feierliche Hochämter. Während es bislang katholische Kirchenbauten waren, die das Architektenduo bearbeitete, allesamt aus Architektenwettbewerben hervorgegangen, bauten sie nun erstmals eine evangelische Kirche um.

Die evangelische Kirche in Mitterbach am Erlaufsee ist die älteste ihrer Art in Niederösterreich und die einzige Toleranzkirche im Bundesland. Errichtet wurde sie von Holzknechten aus dem Dachsteingebiet, die Ende der 1740er-Jahre vom Stift Lilienfeld angeworben wurden, um in den Wäldern des Ötschergebiets Holz für Wien zu schlägern. Die Holzarbeiter und ihre Familien waren „Geheimprotestanten“; erst 1781 gestattete ihnen das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. die Religionsausübung und die Errichtung von Bethäusern, die jedoch mit etlichen diskriminierenden Einschränkungen verbunden war. So durften sie keinen Turm besitzen, und der Eingang musste von der Hauptstraße abgewandt sein. Es dauerte einige Zeit, bis die Nachricht vom neuen kaiserlichen Gesetz in die abgelegene Gegend vordrang. Ab Februar 1782 meldeten sich die ersten Mitterbacher offiziell als evangelisch, zu Weihnachten 1785 wurde ihr Bethaus eingeweiht. 1849 wurde es mit einem Holzturm mit Glocken versehen, die letzten maßgeblicheren Eingriffe erfolgten 1970.

Mit der Landesausstellung 2015, die sich mit einer Ausstellung vor Ort der Geschichte der evangelischen Gläubigen in der Region widmete, geriet die spannende Geschichte des Bethauses wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, was gemeinsam mit dem Lutherjahr 2017 eine günstige zeitliche Konstellation bot, die längst fällige Renovierung der Kirche in Angriff zu nehmen.

Ernst Beneder und Anja Fischer, die zunächst mit einer Studie beauftragt wurden, fanden die Kirche im Wesentlichen in jenem Zustand vor, in den sie 1970 gebracht worden war. Damals wurden die Seitenemporen abgetragen und wurde die Hauptempore weit nach vorn gezogen, was die Blick- und Klangbeziehung vom Altarraum zur Orgel beeinträchtigte. Feuchtes Mauerwerk, eine Lamperie an den Seitenwänden, eine Collage billiger Leuchten und ein Filzboden trugen zudem zu einer eher bedrückenden Raumstimmung bei. Nach eingehender Auseinandersetzung mit der Bautradition evangelischer Bethäuser war für Beneder und Fischer klar, dass im praktischen wie konzeptionellen Sinn den Emporen eine wesentliche Bedeutung zukommt. Eine neue Empore sollte das wichtigste Element der neuen Raumkonzeption sein, für die die Architekten nach einer aktuellen Sprache suchten, dieim Geist der alten Holzfällerkirche – sachlich, mit geringen Mitteln, auf Materialechtheit und Schlichtheit setzend – die Funktionalität und Dramaturgie des Kirchenraums verbessert. Das erhöht liegende Fußbodenniveau des Altarraums wurde in das Kirchenschiff verlängert und damit um den Taufstein ausreichend Raum für Abendmahl und Taufe geschaffen. Ein neuer, gedämmter Dielenboden aus Lärchenholz wurde hergestellt, wodurch frühere Barrieren zu Vorraum und Sakristei minimiert wurden. Die Wände wurden einheitlich weiß gefasst und alle Holzoberflächen der bestehenden Ausstattung von Lackschichten befreit sowie auf ihren ursprünglichen Charakter zurückgeführt.

Die Westempore wurde zurückgebaut; zwei neue Längsemporen kompensieren nicht nur die entgangene Fläche, sondern bringen zudem den durch die Lage der Kanzel asymmetrisch disponierten Raum wieder in Balance. Um die Sichtverbindungen aus den Bankreihen nicht mit Stützen zu behindern, wurde die Tragkonstruktion der neuen Emporen von einer vom Dachstuhl unabhängigen Holzkonstruktion im Dachraum mit zarten Zugstangen aus Stahl abgehängt. Diese tragen u-förmige Bügel, an denen jeweils zwei Längsträger befestigt sind. Wandseitig bilden sie die Rückenlehne der Klappbänke. Wiederum u-förmige Flachstahlelemente, die in die Längsbalken eingehängt sind, tragen die Bodenplatte. An der Südseite gibt es gemäß der Bautradition der evangelischen Bethäuser einen direkten Aufgang aus dem Kirchenraum, wie er bereits in der ursprünglichen Kirche vorhanden war, der allerdings Mitte des 19. Jahrhunderts in den Vorraum verlegt wurde – womöglich wegen des Lärms, den die Nagelschuhe der Holzarbeiter verursachten.

Das feine, an Laubsägearbeiten erinnernde Gitterwerk der Brüstungen – zunächst industriell aus Platten gefräst und dann Buchstabe für Buchstabe händisch nachbearbeitet – setzt sich aus den Namen der ersten evangelischen „Bekenner“ aus dem Jahr 1782 zusammen und erweist somit den Pionieren die Ehre. Das wirkt bewusstseinsbildend und identitätsstiftend, viele der Familiennamen existieren in der Gemeinde bis heute. Die so leichtfüßig wirkende Empore ist eine raffinierte Konstruktion, die auf Basis akribisch genau ausgearbeiteter Detailpläne in engem Zusammenwirken von Zimmerer, Schlosser, Tischler und Architekten entstand. Diese Art des handwerklichen Arbeitens und gemeinsamen Entwickelns sei heute wohl nur noch in Kirchen möglich, meint Ernst Beneder.

Neben Optik und Funktionalität haben sich durch den Umbau auch die Tageslichtverhältnisse deutlich verbessert. Darüber hinaus ermöglicht eine gleichermaßen gefinkelte wie einfache Konstruktion in Form eines beweglichen Spiegels hinter dem Altar, der das vom Ostfenster in der Apsis einfallende Licht reflektiert, eine variable natürliche Beleuchtung des Altarraums. Was vorher ein Patchwork aus verschiedenen Ebenen und Raumzonen war, von den Ausstattungsdetails gar nicht zu sprechen, wurde nun zu einer raumplastischen Komposition, in der Bestehendes und Neues wie selbstverständlich verschmelzen.

26. November 2016 Spectrum

Glanz in der neuen Zeit

Die Wiener City leidet am modernen Goldrausch, ihre Dachlandschaft an unsensiblen Erwei-terungen. Es geht aber auch anders, so man guten Willens ist: zu entdecken in der Herrengasse Nummer 19 und 21.

Die einheitliche Stimmung, die vornehme Stille und ein Jahrhundertder Poesie aus der Großväterzeit, sie sind aus der Herrengasse gewichen“, schrieb die Schriftstellerin Auguste Groner Anfang des 20. Jahrhunderts in ihren heimatkundlichen Skizzen „So war mein Wien“. Heute darf man behaupten, dass wieder einiges an Vornehmheit in die Herrengasse zurückgekehrt ist. Daran hat die unaufgeregte Umgestaltung der Straße in eine Begegnungszone mit neuer Pflasterung auf einheitlichem Niveau und Rückführung der Straßenbeleuchtung auf Wandkandelaber nach historischem Vorbild großen Anteil. Es lässt sich entspannt flanieren, man muss sich nicht mehr auf schmalen Gehsteigen die Fassaden entlangdrücken, deren Pracht man früher höchstens von der gegenüberliegenden Straßenseite gewahr wurde.

Die Planung verantwortet Architekt Clemens Kirsch; die Initiative für die Neugestaltung ging von Anrainern aus. Die Kosten tragen die Eigentümer der angrenzendenLiegenschaften, den Löwenanteil trägt die Karl Wlaschek Privatstiftung, die entlang der Gasse die Palais Ferstel, Hardegg, Harrach, Kinsky sowie Batthyány-Strattmann und Trauttmansdorff besitzt. Dass aus der Herrengasse keine Luxusmeile à la Goldenes Quartier wurde, ist posthum dem Billa-Gründer Karl Wlaschek danken, der in der Stiftungsurkunde als Stiftungszweck „die Begünstigung der Allgemeinheit“ festschreiben ließ, die „beispielsweise durch den Erwerb, die Sanierung und die Erhaltung denkmalgeschützter sowie sonst für das Stadtbild Wiens bedeutsamer Gebäude“ erfolge.

Dies zeigte sich zuletzt sehr löblich bei der Adaption der Häuser Herrengasse 19 und 21. Die beiden Palais Batthyány-Strattmann und Trauttmansdorff harrten nach Auszug der Redaktion der Tageszeitung „Der Standard“ einer neuen Nutzung. Der Fantasie, was hier alles reichlich Gewinn hätte abwerfen können, sind keine Grenzen gesetzt. Man entschied sich für Wohnungen. Mietwohnungen zu marktkonformen Preisen wohlgemerkt, denn die Stiftung agiert weitsichtig und verkauft nicht. Den beiden ehemaligen herrschaftlichen Residenzen wieder jenen Glanz zurückgeben, der durch zahlreiche Umbauten abhandengekommen war, lautete der Anspruch.

Um hier nicht zu scheitern, brauchte es eine Strategie. Mit dem Bestand in Dialog zu treten und Räume zu schaffen, in denen das Gebäude in einer architektonischen Kontinuität weiterleben kann, die nicht bloßimitiert, ist jene, die Architekt Martin Mittermair für den Umbau der beiden geschichtsträchtigen Palais wählte. Dazu wurde zunächst von den Besitzern eine gründliche Gebäudeuntersuchung beauftragt, die wertvolle Erkenntnisse zur Baugeschichte lieferte und eine hervorragende Basis bildete, um im Pingpong mit Bauforschern und Denkmalpflegern zu planen und zu bauen.

Die meisten der im 20. Jahrhundert vorgenommenen Öffnungen wurden geschlossen, Zumauerungen wieder aktiviert, undder zur Nutzung als Archiv mit Kunststoffkuppeln überdeckte Innenhof im Palais Batthyány-Strattmann wurde geöffnet. Tragkonstruktionen in unterschiedlichen Techniken, die von zahlreichen Umbauten herrühren, galt es in ein statisches Gefüge zu bringen, das den Erfordernissen gerecht wird. Von all der Mühsal des Planungs- und Bauprozesses ist nun nichts mehr zu spüren.

Schon an der Farbgestaltung der restaurierten Fassaden kündigen sich die wiedergewonnene Lebendigkeit und Noblesse des Barock an. Da im Zuge der Putzuntersuchungen zwar Dutzende Anstriche vorgefunden wurden, aber keine authentische Fassung nachgewiesen werden konnte, entschied mansich für Weißtöne, die den an Fenstergewänden und bei der Bauplastik verwendeten Sandsteinen nahekommen; die Fensterrahmen erhielten einen kühlen, hellen Blauton. Unter den Gewölben der ehemaligen Stallungen und Wagenremisen entstanden Geschäftslokale, kleinteilig genug, um für internationale Ketten als Standort nicht infrage zu kommen. Um Eingangsportale und Schaufenster zu schaffen, wurden in Abstimmung mit dem Denkmalamt einzelne Fensterparapete geöffnet.

Von den 22 Wohnungen gleicht keine der anderen. Zuschnitt und Größe reagieren jeweils auf die spezifische Lage im Bestand, auf vorhandene Öffnungen, Niveauunterschiede und Raumhöhen. Einer besonderen Behandlung bedurfte jene in den Prunkräumen der Beletage des Palais Trauttmansdorff, deren Ausstattung sorgfältig restauriert wurde und in neuer Herrlichkeit erstrahlt. Und auch sonst wurde bis ins letzte Detail auf palaisgemäße Ausführung geachtet. Küchen und Bäder wurden nach Entwürfen des Architekten maßgefertigt. Die historischen Fenster wurden in den Prunkräumen zur Gänze erhalten, ansonsten wurden neue Kastenfenster mit Innenflügeln aus Isolierglas und mit nach altem Vorbild gegossenen Beschlägen angefertigt.

Die Dächer wurden unter hohem konstruktiven Aufwand für den Ausbau mit Wohnungen samt zugeordneten Terrassen und Loggien gewappnet. Die denkmalgeschützten, rund 300 Jahre alten straßenseitigen Kehlbalkendachstühle waren selbstverständlich zu erhalten. Um den Brandschutzanforderungen gerecht zu werden, wurden sie jedoch von ihrer tragenden Funktion befreit. Diese Aufgabe übernimmt nun die Stahlkonstruktion der neuen Dachhülle. Viele Details spielen zusammen, damit das im Grunde völlig neue Dach aus der Vogelschau nicht als störend wahrgenommen wird. Sämtliche Außenwände der Dachzone sind im gleichen Rostrot wie die Dachdeckung verputzt, womit sie als homogener Körper erscheint. Technikaufbauten wurden gut verborgen, und dank elektrochromer Verglasung der Dachfenster konnte auf Außenjalousien verzichtet werden. Qualität manifestiert sich auch in jenen Dingen, die man nicht sieht!

Eine ordentliche Bauforschung im Vorfeld; die Möglichkeit, auf handwerklichhöchstem Niveau, mit dauerhaften Materialien und ohne das Schielen auf Moden oder schnelle Rendite zu bauen – das sind Voraussetzungen, wie sie heute in Immobilienwirtschaft und Baubetrieb rar sind. Klar, dass bei solch einem kulturellen Statement eine umfassende Gebäudemonografie, die Geschichte und Gegenwart beleuchtet, nicht fehlen darf. Demnächst erscheint im Birkhäuser Verlag das Buch „Palais Batthyány-Strattmann. Palais Trauttmansdorff. Zwei Wiener Palais – Geschichte und Gegenwart“.

15. Oktober 2016 Spectrum

Gut Ding braucht nicht viel Geld

Kostengünstiges muss nicht billig aussehen. Trotz geringen Budgets gelangen den PPAG Architekten für ein Caritas-Wohnprojekt in Wien Räume, die mehr bieten als nur Unterschlupf.

Die Aufteilung in „Wohnbau für Flüchtlinge“ und „Wohnen für andere Menschen“ halte sie für eine unselige Trennung, betont die Architektin Anna Popelka, die mit Georg Poduschka das Büro PPAG Architekten in Wien führt. Es brauche generelle Aussagen, wie man vorgehen könne, um Wohnraum zu schaffen, der kostengünstig heutigen Lebensentwürfen und Bedürfnissen entspricht. „Wohnprojekt für eine Willkommenskultur für alle, die Menschen sind“ übertitelten PPAG daher ihren Vorschlag für eine modulare Neubaustruktur, die sie als hoch elastisch bezeichnen. Sie beruht auf dreiseitig um einen zentralen belichteten Raum angeordneten Minimalzimmern und ermöglicht es, Individualraum für mehr Bewohner als in gängigen Wohnungszuschnitten anzubieten.

Eine 65-Quadratmeter-Wohnung bestehtnach diesem System aus einem 27 Quadratmeter großen Wohnzimmer, um das acht Zimmer von jeweils 2,2 mal 2,2 Meter Grundfläche angeordnet sind. Zwei dieser Kammern nehmen Küche und Bad auf, die übrigen sechs sind Rückzugsräume zum Schlafen oder Arbeiten. Durch einfache Umbaumaßnahmen lassen sich Zimmer vergrößern und verkleinern, und generell lässt sich das System an den jeweiligen Ort in Ausdehnung und Höhe anpassen. Ähnlich provokant wie die Grundrisslösung ist auch die Idee, das Bausystem nicht irgendwo in peripheren Lagen, sondern mitten in der Stadt, aufgestelzt über Verkehrsflächen, Parkplätzen oder Grünstreifen, zu errichten. „Es ist weder egal, wie das aussieht, was jetzt in Massen und rasch hochgezogen wird, noch ist die Umsetzung inhaltlicher Qualität notgedrungen teurer“, sind PPAG überzeugt, die880 Euro netto pro Quadratmeter als Baukosten ermittelten.

Noch ist dieser aus eigenem Antrieb entstandene Vorschlag fernab jeder Realisierung. Was sie aber mit „elastisch“ meinen, und dass es sehr wohl möglich ist, um wenig Geld ansprechende Räume von hoher Alltagstauglichkeit und guter Grundstimmung zu schaffen, konnten sie nun bei einer Wohngemeinschaft der Caritas für junge Flüchtlinge in Wien zeigen. Die architektonische Strategie wäre aber ebenso für allerhand andere Wohnbedürfnisse temporärer oder längerfristiger Natur geeignet.

Eingerichtet wurde die WG in einem ehemaligen Tageszentrum für Senioren. Bei engem Zeit- und Kostenrahmen galt es, mit minimalen Eingriffen – im Wesentlichen durch Möblierung – drei betreute Wohngruppen für Kinder und Jugendliche unterzubringen. Materielle Extravaganzen waren nicht drin – was die PPAG Architekten (Projektleitung: Christian Wegerer) sich aber leisteten, waren eine profunde Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der künftigen Bewohner und der Einsatz von enorm viel Gehirnschmalz und Kreativität, um dem etwas trostlos wirkenden Bestand die bestmöglichen Konditionen für die neue Nutzung abzuringen. So wurden die Gänge mit Bänken, Nischen mit Arbeitsplätzen, Gemeinschaftsküche und Esstischen in eine großzügige Gemeinschaftszone verwandelt. Große Räume wurden zu Wohnzimmern, in denen gemeinsame Aktivitäten in kleineren und größeren Gruppen möglich sind; eines wurde mit einem blütenförmigen Podest ausgestattet, das Spiel-, Liegefläche oder eine Bühne sein kann. In einem anderen fügten sie Regale und Truhen aus Grobspanplatten (OSB-Platten) mit orangen Deckflächen zu einer Landschaft, die fantasievoll zu nutzen ist und zugleich viel Stauraum anbietet. Die kleineren Räume wurden in Einzel- oder Zweibettzimmer verwandelt. Kein Raum gleicht dem anderen, was den unterschiedlichen Bestandsgrundrissen zu schulden ist, viel mehr aber noch der Kreativität und Empathie der Architekten. Sie waren bestrebt, den von der Flucht traumatisierten jungen Menschen Rückzugsorte zu schaffen, die mehr sind als nur ein Dach über dem Kopf: Räume, die Aneignungspotenzial haben, flexible Nutzungsszenarien zulassen und wohnlich sind.

Als Baumaterial wählten PPAG eine Kombination aus verschiedenen Holzwerkstoffplatten: erstens, um der Eintönigkeit vorzubeugen, und zweitens, um für den jeweiligen Zweck das passende Material einzusetzen. OSB-Platten wurden vor allem für die Konstruktion der Betten und als partielle Wandverkleidungen eingesetzt. UnbehandelteMDF-Platten wurden für die Kästen verwendet, beschichtete Spanplatten für Tische und andere waagrechte, stärker beanspruchte Oberflächen. Dass diese spröden, preiswertenMaterialien nicht billig wirken, gewährleisten die sorgfältige Ausführung und die Raffinesse, mit der die einzelnen Komponenten zu überraschenden Räumen im Raum gefügt wurden.

Um auch in Zweibettzimmern Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen, wurden in Räumen, in denen die Tür in der Mittelachse liegt, Bett-Schrank-Kombinationen in der Raummitte angeordnet und so verschränkt, dass Schlafhöhlen entstehen, die in entgegengesetzten Richtungen offen sind. Die entlang der Fensterfronten durchlaufenden Schreibtischplatten und schmale Durchgänge an den Stirnseiten verbinden die Zimmerhälften; Schiebetüren oder Vorhänge gestatten es, den Grad der individuellen Abschottung zu regulieren. In anderen Räumen wurden große farbige Podeste eingebaut, die der Vorliebe jüngerer Kinder, auf dem Boden zu spielen, entgegenkommen. Ein anderes Mal sind in einem recht verwinkelten Zimmer die Betten hintereinander angeordnet, aber durch ein von zwei Seiten zugängliches Regal getrennt, und zusätzlich ist eine Hochebene als Rückzugsecke eingefügt. „Kalkulierte Zufälligkeiten“ nennt Anna Popelka dievariantenreichen Möbelstellungen.

Einen wesentlichen Beitrag zur Wohnlichkeit leisten in allen Räumen die Vorhänge, die in der Kreativwerksatt ReStart, einem Beschäftigungsprojekt der Caritas, genäht wurden. Die verschiedenen abstrakten Ornamente hat der Künstler Stefan Nessmann für die stoffbezogene Version der Enzis entworfen, die PPAG ursprünglich als Möblierung für das Wiener Museumsquartier entwickelt hatten. Die abstrakten Muster sorgen nicht nur für eine heitere Grundstimmung, sie regen auch an, die Fantasie spielen zu lassen, sich in das Ornament „hineinzuträumen“, wie es die Architekten formulieren. Traumhaft ist die Situation für die jungen Bewohner, die hier fernab von Heimat und Eltern einen Platz zum Wohnen gefunden haben, trotzdem nicht. Aber es bleibt die Hoffnung, dass ihnen Räume wie diese das Ankommen in unserer Gesellschaft erleichtern.

17. Juli 2016 Spectrum

Neues Rapid-Stadion: Nicht Himmel, nicht Hölle

Das Vergabeverfahren war intransparent, weder architektonische noch städtebauliche Qualität ist vorhanden. Das neue Stadion des SK Rapid in Wien-Hütteldorf wird wohl kaum den Status einer baulichen Ikone erreichen. Schade!

Das Timing war nicht schlecht: Kurz vor Eröffnung der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien gab der SK Rapid im Juni 2014 die Neubaupläne für sein neues Stadion bekannt. Ein paar Tage nach dem Finalspiel der Europameisterschaft wird es nun mit einem Spiel gegen den FC Chelsea eröffnet. „The Blues“ haben den Stadionneubau noch vor sich. Herzog & de Meuron haben als Ersatz für das 1877 errichtete und seitdem etliche Male umgebaute und erweiterte Londoner Stamford Bridge Stadion eine Kathedrale aus Backstein konzipiert. Noch befindet es sich in der Bewilligungsphase, einen Spitznamen hat es schon: „Eierschneider“ – wegen des die Arena umgebenden markanten Strebewerks. Ob das „Joggeli“ in Baden, das Pekinger „Nest“, der „Schwimmreifen“ des FC Bayern München oder das höchst elegante, von 900 grazilen Stützen umwaldete neue Stadion von Bordeaux: Keines der Stadien der Schweizer Architekten gleicht dem anderen, alle sind maßgeschneidert, charakteristische Wahrzeichen für die Stadt, Ikonen der Populärkultur.

Dazu reicht es beim neuen Rapid-Stadion nicht. Eingehaust in eine Hülle aus grünen Polycarbonatplatten, begleitet von der zur Keißlergasse hinausragenden silbernen Röhre entlang der Westtribüne, die als Display für ein riesiges Rapid-Emblem dient, hat es die Ausstrahlung einer routinierten Shoppingcenter-Architektur. Zur Imagebildung bedient man sich der simplen und plakativen Mittel der Vereinsfarben und Details, wie dem Vereinslogo auf den Kanaldeckeln. Es ist kein Bemühen um das Herstellen größerer Bezüge zur Stadt, zum Thema Sport zu erkennen, kein Witz, kein Alleinstellungsmerkmal, das tauglich wäre, den Ort über die engere Fangemeinde hinaus anziehend zu machen. Keine Spur von Eleganz.

Eine „grüne Hölle“ sollte der Neubau sein. Dafür muss und wird wohl der harte Kern der Anhänger sorgen, der Bau vermittelt eher die Atmosphäre eines läuternden Fegefeuers. Himmel und Hölle müssen sich anders anfühlen. Zu einer Kathedrale des Fußballs hat es ohnedies nicht gereicht, dazu waren von Anbeginn die Ambitionen zu gering. Nachdem der Vorgängerbau, das 1977 in Betrieb genommene Weststadion, das 1981 nach seinem Architekten, dem legendären Rapid-Kapitän Gerhard Hanappi benannt war, als nicht sanierbar erklärt worden war, schrieb der Verein ein Totalunternehmer-Verfahren aus.

Vier Bieter nahmen teil, ein vierköpfiges Projektteam, dem weder Architekten noch Vertreter der Stadtplanung angehörten, empfahl, das Projekt der STRABAG, die im Tandem mit dem auf Multifunktionshallen und Sportarenen spezialisierten deutschen Büro „Architektur Concept Pfaffhausen & Staudte GbR“ antrat, zu realisieren. Immerhin enthielt sich Rapid-Präsident Michael Krammer bei der Entscheidung über den Zuschlag der Stimme, sein Bruder Peter ist schließlich Mitglied im STRABAG-Vorstand. Wer die übrigen drei Bieter sind und welche architektonisch-städtebaulichen Antworten sie vorschlugen, wurde bis heute nicht öffentlich. Ein privater Bauherr unterliegt nicht dem Vergabegesetz und kann beauftragen, wen, was und wie er will. Stimmt, ist aber nicht zwangsläufig in Ordnung.

Dass die Stadt Wien es weder für notwendig hielt, ein transparenteres Vergabeverfahren einzufordern, noch in irgendeiner Form auf architektonische und städtebauliche Qualität zu pochen, ist mehr als befremdlich. Es ist vielmehr skandalös. Erstens, weil aus der Stadtkassa 20 Millionen Euro ins Baubudget von offiziell 53 Millionen flossen. (Das ist, wenn es stimmt, im Vergleich mit anderen Stadionneubauten zwar ein Pappenstiel. Aber die Frage, ob nicht eine asketische statt einer billigen Lösung drin gewesen wäre, muss zulässig sein.) Zweitens, weil die Stadt nach wie vor Besitzerin des Grundstücks ist. Eigentümer der Sportstätte ist seit Abschluss eines Baurechtsvertrags der SK Rapid. Drittens, weil die Lebensqualität und das Prestige einer Stadt nicht nur davon abhängen, wie und was in den Schutzzonen der inneren Stadtbezirke gebaut wird. Das Stadion liegt inmitten von Wohnbebauung prominent an der westlichen Wiener Stadteinfahrt, schon allein das rechtfertigt mehr baukulturelle Sensibilität. Zudem hätte eine architektonische Ikone dieser Stadt auch wieder einmal gutgetan. Wien hält sich einen Fachbeirat für Stadtplanung und Stadtgestaltung, dem die Dienststellen der Stadtplanung einzelne Bauvorhaben, die maßgeblichen Einfluss auf das Stadtbild haben, vorlegen. Was bekommt der zu sehen, wenn nicht einen Stadionbau mit 24.000 Sitzplätzen?

Schade, dass keine Lehren aus der Vergangenheit gezogen wurden. Schon Gerhard Hanappi, der sich mit dem Fußballspielen das Architekturstudium verdiente, hat mit seinem prestigereichsten Auftrag gehadert. „Von dem ursprünglichen Sportzentrum ist nur ein Sparstadion übergeblieben“, kommentierte er anno dazumal in der „Kronen Zeitung“. Denn vom „großen und modernen Sportzentrum West“ mit Stadion, Leichtathletikanlage, Tennisplätzen und Sporthalle, das 1970 projektiert wurde, realisierte man angesichts der Ölkrise nur das Stadion, und auch das litt unter Einsparungen, Bauverzögerungen, Abänderungen und Schlampereien bei der Bauausführung. Bald nach der offiziellen Eröffnungsfeier im Herbst 1977 traten schwere Baumängel zutage, das Stadion musste gesperrt werden, Korruptionsgerüchte machten die Runde.

Mit Rapid hat sich Hanappi zerstritten. Der Verein wünschte zum Beispiel mehr VIP-Bereiche – unvereinbar mit der Tradition eines Arbeitersportvereins in den Augen des überzeugten Sozialisten Hanappi, erzählt der Architekt Christoph Lechner, der an einer Monografie über den als Spieler Unvergessenen, als Architekt aber zu wenig Beleuchteten arbeitet, die im Frühjahr 2017 erscheinen soll. Von seinem Stadion, das sich vom ungeliebten Skandalbau nach seinem Tod zu einer Kultstätte entwickelte, wanderte sein Name auf den Vorplatz. Man kann das als Akt der Pietät deuten. VIP-Logen und Angebote für sogenannte Businesskunden gibt es heute mehr, als sich Hanappi jemals hätte vorstellen können. Leidenschaft und Geschäft liegen im Fußball wie beim Bauen eng beisammen. In den Sternen steht, ob das Stadion jemals wieder Weststadion heißen wird, wie eine Fan-Kampagne fordert. Eine Versicherung zahlt dafür, dass das Gebäude unter ihrem Namen läuft. Schade, dass es keine Versicherung gegen Beschädigungen der Baukultur gibt.

11. Juni 2016 Spectrum

Lernen vom Ländle

Frankreich, wir kommen? Frankreich, wir sind schon da! Innerhalb weniger Jahre konnte das österreichische Büro Dietrich∣Untertrifaller sechs Wettbewerbe in verschiedenen Regionen Frankreichs gewinnen.

Französisch ist im Büro Dietrich∣ Untertrifaller zur Zweitsprache avanciert: Innerhalb weniger Jahre konnten sie sechs Wettbewerbe in verschiedenen Regionen Frankreichs gewinnen. Seit den 1990er-Jahren haben sich Helmut Dietrich und Much Untertrifaller – zunächst in ihrer Heimat Vorarlberg – für nachhaltige Bauweisen engagiert. Dabei ging es ihnen stets darum, neben den messbaren bauphysikalischen Aspekten auch städtebauliche, kulturelle und soziale Obliegenheiten nicht zu vernachlässigen. Während sich das ökologische Bauen in Österreich sukzessive etablierte und Vorarlberg generell zur diesbezüglichen Musterregion wurde, herrschte in Frankreich diesbezüglich Nachholbedarf. Ökologisches Bauen wurde erst ab der Jahrtausendwende zum halbwegs ernsthaften Thema.

Die im Jahr 2000 vonseiten des Staates und verschiedener Berufsverbände unterzeichnete Charta „Holz, Bau, Umwelt“ (Charte „Bois, Construction, Environnement“) und schließlich das 2010 verabschiedete Umweltschutzgesetz „Grenelle 2“, in dem unter anderem Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden festgelegt wurden, lösten einen veritablen Holzbauboom aus – und großes Interesse am Bauen in Holz in anderen Ländern. Ausstellungen über Vorarlberger Architektur in Frankreich oder das Buch „L'architecture écologique du Vorarlberg“ von Dominique Gauzin-Müller trugen dazu bei, dass Legionen von französischen Architekten, Ingenieuren und Handwerkern nach Vorarlberg reisten, um sich Know-how zu holen, das im eigenen Land noch kaum vorhanden war.

Für das rasche Fußfassen eines österreichischen Architekturbüros in Frankreich wäre das allein zu wenig Erklärung. Werfen wir also auch einen Blick auf das französische Wettbewerbswesen: Es werden so gut wie immer zweistufige Verfahren ausgelobt – zuerst ein Bewerbungsverfahren und dann ein Realisierungswettbewerb, auch bei kleineren Bauaufgaben. Vorzulegen sind ziemlich punktgenau passende Referenzen. Wenn also eine Sporthalle mit hohem ökologischem Anspruch gefragt ist, ist es ratsam, eine ebensolche in seinen Unterlagen vorweisen zu können.

Es ist Usus, dass sich kleinere, jüngere Büros Partnerbüros, die Entsprechendes vorzuweisen haben, suchen, und wenn diese nicht im eigenen Land zu finden sind, dann im Ausland. In der Regel reichen pro Ausschreibung 100 bis 300 Architekturbüros aus ganz Europa ihre Mappen ein. Eine Handvoll wird sehr sachbezogen – weniger auf klingende Namen setzend – ausgewählt und zum Projektwettbewerb zugelassen. So stellten sich auch Einladungen bei Dietrich∣Untertrifaller ein, die mittlerweile den französischen Markt aktiv bearbeiten und seit 2010 prompt sechs Volltreffer landeten. Seit Februar dieses Jahres ist die Beziehung zu Frankreich auch im Firmenbuch festgeschrieben. Nach Bürostandorten in Bregenz, Wien und St. Gallen firmiert das Büro Dietrich∣Untertrifaller auch an einem Pariser Standort.

Das erste in Frankreich – mit den Partnerarchitekten Colas-Durand – fertiggestellte Projekt ist das Collège Jean Monnet im bretonischen Broons. Die vergangenen Sommer eröffnete Ganztagsschule für rund 600 Schüler liegt etwas außerhalb des Ortes, wo sie von den vielen Schulbussen, mit denen die Kinder täglich zum Unterricht anreisen, gut erreichbar ist. Auf einem Sockelgeschoß aus Stahlbeton, das Aula, einen Multifunktionssaal und die Verwaltung beherbergt, setzt der zweigeschoßige Klassentrakt beiderseits der von geschoßübergreifenden Lufträumen durchwirkten horizontalen Erschließung auf. Jeder Klassenraum erhält somit Tageslicht von mindestens zwei Seiten. Die an der Südseite angeordneten Stammklassen profitieren zudem von den an den Gebäudeenden und zwischen den Klassen eingefügten zweigeschoßigen Gewächshäusern, die zur Erschließungszone hin offen und von den Klassen über waagrechte Fensterbänder einsehbar sind.

Es finden sich etliche Merkmale der 2003 fertiggestellten Mittelschule im vorarlbergischen Klaus wieder, wie die um eine Mittelzone zweihüftig angeordneten Klassen, die Brücken zu den Klassen oder die zweiteiligen Fensterbänder, bei denen die großen, von außen beschattbaren Glasflächen von einem zweiten schmalen, zurückversetzten Fensterstreifen in Kopfhöhe der Kinder begleitet werden, sodass stets der Blick auch nach draußen schweifen kann. Ein beeindruckendes Schauspiel ist es, wenn mit Erklingen der Pausenglocke gleichzeitig Hunderte Schülerinnen und Schüler aus den Klassen auf die Erschließungsbrücken und über die Stiegen hinunter in die Aula, auf den überdachten Freibereich und in den Hof strömen. Das geht dank der Großzügigkeit und Helligkeit der Mittelzone und der Einsehbarkeit aller Ebenen ohne Gefühl der Beengtheit vonstatten.

Das Konzept scheint gut anzukommen. Kommenden Herbst ist 30 Kilometer weiter, in der Kleinstadt Lamballe, Baubeginn einer weiteren Schule von Dietrich∣Untertrifaller, die wiederum aus einem mit Raphaël Colas und David Durand gewonnenen Wettbewerb hervorging.

Holz spielt auch die materielle Hauptrolle bei zwei in diesem Frühjahr fertiggestellten Sporthallen. Vor einer Woche wurde in Longvic bei Dijon ein mit Sénéchal-Auclair Architectes aus Chalon sur Saône geplantes Sportzentrum eröffnet. Ebenso kürzlich in Betrieb ging eine in Holzskelettbauweise mit Strohdämmung errichtete multifunktionale Sporthalle im Herzen des neuen Stadtquartiers Bon Lait in Lyon.

In den nächsten Wochen und Monaten geht der französische Eröffnungsreigen weiter. In Straßburg nähert sich das bei durchgängigem Betrieb umgebaute und erweiterte Palais de la Musique et des Congrès der Komplettierung. Dietrich∣Untertrifaller haben im Juni 2011 den von der Stadt Straßburg ausgelobten Wettbewerb gemeinsam mit dem französischen Büro Rey-Lucquet & Associés gegen starke internationale Konkurrenz wie UN Studio, Sauerbruch Hutton und Baumschlager-Eberle gewonnen. Und im Herbst werden auf dem neuen Universitätscampus in Nancy die Lehrenden und Studierenden der Kunsthochschule ENSA einen Neubau der österreichischen Architekten beziehen: einen souveränen Betonbau mit edel-rohen Ateliers und Werkstätten, der die Kette der von verschiedenen Architekten nach einem Masterplan von Nicolas Michelin errichteten Fakultäten komplettiert.

2. April 2016 Spectrum

Aus Mangel kreativ

Findige Planung und Finanzierung, günstige Angebote seitens der Bauindustrie und viele freiwillige Helfer: Dank dieses Zusammenspiels wurde aus einem ehemaligen Internat ein Heim für Flüchtlinge. Geschehen in Innsbruck.

Seit 1839 ist die Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Schwestern in Innsbruck ansässig. Mit Bildungseinrichtungen von der Kinderkrippe über ein Gymnasium bis zu einer Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik, einem Sanatorium und einem Seniorenpflegeheim ist sie ein wichtiger Faktor im sozialen Leben der Stadt. Das durchgrünte Ordensareal ist weitläufig, eine kleine Stadt in der Stadt, die immer wieder den Erfordernissen der Zeit entsprechend ergänzt wurde. Als die Verwertung des seit 2000 leer stehenden ehemaligen Mädcheninternats anstand, zog der Orden die Architektin Barbara Poberschnigg (Studio Lois) als Beraterin bei. Eine Adaptierung für betreutes Seniorenwohnen wäre im überalterten Stadtteil Saggen eine naheliegende und lukrative Option gewesen, doch 2014 entschieden sich die Schwestern dafür, das Haus als Heim für Flüchtlinge bereitzustellen.

Das Land Tirol beauftragte eine Belegungsstudie und projektierte eine provisorische Adaptierung um 2,5 Millionen Euro. Dieses Provisorium hätte den kasernenartigen Charakter des Hauses alles andere als verbessert. Es hätte eben „nur eine Belegung, aber kein Wohnen“, so Poberschnigg, gewährleistet. Kurzum, eine suboptimale Situation, nicht nur für potenzielle künftige Bewohner, sondern auch für die Atmosphäre auf dem Ordensareal. Um diese Summe, so ihre Überlegung, müssten die 2500 Quadratmeter Nutzfläche auch besser als bloß minimalste Standards erfüllend umzubauen sein – etwas Kreativität bei Planung und Finanzierung vorausgesetzt.

Bei der Bauindustrie wurde daher zunächst abgefragt, welche Bauelemente günstig zu haben wären. So gut wie alle Firmen waren kooperationsbereit und boten Materialien, die entweder nicht mehr ganz den heute üblichen Standards entsprechen oder Auslaufprodukte waren. So kamen bei den Fenstern Zwei- statt Dreischeibenverglasungen zum Einsatz, als Rahmenfarbe blieb die günstigste Variante in Weiß, und bei den Bodenbelägen reduzierte sich aus Kostengründen die Auswahl auf verschiedene Grautöne. Für die Wände stellte ein Tiroler Hersteller farbige Anstriche zum Preis eines weißen zur Verfügung. Auf dieser Basis machte sich das Studio Lois daran, aus dem Vorhandenen und kostengünstig Verfügbaren das Bestmögliche herauszuholen.

Anstatt eine Fluchttreppe außen liegend anzufügen, erhielt das Gebäude nach Osten eine Verlängerung um eine Achse, die ein zweites geschlossenes Treppenhaus birgt und darüber hinaus pro Geschoß Platz für eine kleine Familienwohnung mit Eckbalkon bietet. Weitere Balkone vor den gemeinschaftlich genutzten Räumen lockern die einst monotone Lochfassade des Bestandes auf und zeigen: „Hier wird gewohnt.“ Entlang der Sennstraße ist ein niedriger, zwei geschützte Höfe umschließender Zubau projektiert. Er wird in Angriff genommen, sobald die Finanzierung gesichert ist. Ein Fenster und das alte Eingangsportal wurden nicht erneuert, da an diesen Stellen die Erweiterung andocken wird. „Der einzige Luxus, den wir uns geleistet haben, war nachzudenken“, betont Barbara Poberschnigg.

Trotz knapper finanzieller Ressourcen ist hier keine Mangelarchitektur entstanden, bei der aus jeder Ecke und jedem Detail der Sparstift winkt. Das Studio Lois hat bewiesen, dass die Architektenarbeit nicht die teure Zutat ist, als die sie landauf, landab von Bauträgern und Wohnbauabteilungen denunziert wird, sondern die Hauptsache. Mit wenigen, klug eingesetzten Gestaltungsmitteln gelang es, Wohnlichkeit zu schaffen. Zu diesem Nachdenken gemeinsam mit den Bauherrinnen gehörte auch die Namensfindung. „HERberge für Menschen auf der Flucht“ wurde das Haus benannt. Der Grafikdesigner Thomas Schrott hatte schon vor Baubeginn ein Logo entworfen, was laut Architektin Poberschnigg den Auftritt vor potenziellen Sponsoren erleichterte. Von Schrott stammt auch das nur aus Piktogrammen und Ziffern bestehende Leit- und Orientierungssystem.

Die Zimmer sind klein, der Raster des Bestands gab die Größen der Zimmer vor, die jeweils mit dem Notwendigsten – Betten, Tisch, Stühlen, Stauraum und einer Waschgelegenheit – ausgestattet sind. Für größere Familien können jeweils zwei Zimmer über Verbindungstüren gekoppelt werden. Pro Geschoß gibt es eine Wohnung mit Bad für Frauen mit Babys sowie gemeinsame Sanitärräume, für Frauen und Männer getrennt. Vor den gemeinsamen Wohnzimmern, die von anderen gemeinschaftlichen Einrichtungen wie Spielzimmern, einem Nähzimmer und den Gemeinschaftsküchen flankiert sind, weitet sich der Gang auf. Hier kamen raumhohe Schiebetüren aus transluzenten Kunststoffstegplatten zum Einsatz, die offen und einladend wirken, aber der Umwandlung in Wohneinheiten vorbeugen. Mehr als 25 bis 27 Personen pro Geschoß würden die Hausgemeinschaft zu sehr belasten.

Die Wandfarben – wärmendes Gelb an den Wänden der nordseitigen Zimmer, kühlendes Blau an der Südseite, in den Gemeinschaftsräumen gedecktes Grün oder Violett – tragen mit den weißen Vorhängen viel zum wohnlichen Milieu bei, das gewiss auch die Bereitschaft, in der HERberge mitzuarbeiten, fördert. Bereits 70 Personen engagieren sich in verschiedenen Projekten. In einer anderen Flüchtlingsunterkunft fiel Barbara Poberschnigg auf, dass die Gänge mit Schuhen vollgestellt sind. Schuhgarderoben aus Baustahlgitter neben den Wohnungstüren schaffen daher dem Chaos Abhilfe. Fenster am östlichen Ende der Gänge bringen Licht in die Gebäudemitte, gemusterte Tapeten und Sitzgruppen machen diese Zonen zu gemütlichen Treffpunkten.

Die Möbel in den Gemeinschaftsräumen stammen vom Klosterdachboden und aus dem Fundus von Altwarenhändlern – so ergab sich ein apartes Ambiente im Stil der Sixties. Finanziert wurde die Einrichtung aus Spenden; zur Ausstattung der Räume mobilisierte man 200 Personen, die an einem Wochenende unter der Regie der Architektin je nach Fähigkeit die vom Studio Lois entworfenen Möbel aus Schichtstoffplatten zusammenschraubten, Vorhänge anbrachten oder Zimmer putzten.

Seit Fertigstellung des Hauses hätten sichdie Bedenken aus der Nachbarschaft wegen der Flüchtlingsunterkunft gelegt, berichtet Max Holzhammer, Finanzverwalter des Ordens. Und jenen, die meinen, es sei eine Luxusunterkunft, entgegnet er, dass „zu dritt auf 17 Quadratmetern zu wohnen wahrlich kein Luxus“ sei.

23. Januar 2016 Spectrum

Reduktion und Rituale

Keine Beamtenburg, kein Protzpalast und doch nicht nur pragmatisch nüchtern: das neue Bürogebäude der Arbeiterkammer in Wien von ČPPA/Fellerer-Vendl.

Das Haus mache mit seiner klaren Geometrie gute Figur, auch wenn es stilistisch und typologisch eher an die 1990er-Jahre erinnere, kommentierte vor einigen Monaten Christian Kühn an dieser Stelle („Spectrum“, 26. September 2015) in seinem Porträt der Plößlgasse in Wien-Wieden die jüngste bauliche Erweiterung der Wiener Arbeiterkammer.

Anstelle eines Wohnhauses aus den 1960er-Jahren entstand hier am Rand der Parkanlage hinter dem Arbeiterkammer-Hauptgebäude an der Prinz-Eugen-Straße ein neues Bürogebäude, das ein Beratungszentrum der Arbeiterkammer Niederösterreich, die IT-Abteilung der AK Wien und Niederösterreich, die interne Verwaltung der AK Wien, Konferenzräume, eine sogenannte „Chill-out-Zone“ für Teilnehmer der AK-Bildungsakademie und diverse Archiv- und Lagerräume beherbergt.

Stimmt – das Profilglas, das die äußerste Hülle der zweischaligen Fassade bildet, war in den 1990er-Jahren ebenso angesagt, wie generell der Einsatz purer Materialien mit der damit einhergehenden rauen Ästhetik eine Tendenz der Zeit war. Eine leicht herbe Direktheit, mit einem Schuss Poesie und charmantem Witz, nie unüberlegt verspielt, stets städtebaulich sensibel zeichnet schon die damaligen Arbeiten sowohl von Eva Češka und Fritz Priesner (ČPPA) als auch des befreundeten Architektenduos Andreas Feller und Jiři Vendl aus.

Immer wieder arbeiteten die beiden Teams zusammen, zuletzt bei besagtem Gebäude für die Arbeiterkammer, dem zweifellos besten neuen Beitrag zur Transformation der Plößlgasse und wohl auch einer der erfreulichen Wiener Neubauten der jüngsten Zeit, selbst wenn er wenig mit topaktuellsten Modeerscheinungen zu tun hat – vielmehr sogar gerade deshalb. Es ist keine Beamtenburg, auch kein Protzpalast und dabei trotzdem nicht nur pragmatisch nüchtern. Mit einer rationalen Formensprache wird der Charakter einer Interessensvertretung und Servicestelle von hoher Bedeutung ohne Schnörkel, frei von theatralischen Gesten, aber reich an räumlichen Erlebnissen vermittelt.

Das Gebäude ist Resultat eines im Frühjahr 2012 ausgelobten zweistufigen Verhandlungsverfahrens. Alleinstellungsmerkmal des Wettbewerbsbeitrags von ČPPA/Fellerer-Vendl war das Abrücken des neuen Gebäudes von der angrenzenden Häuserzeile. Ursprünglich sahen sie in diesem Zwischenraum einen mit auskragenden Balkonen überspannten, begrünten öffentlichen Durchgang in den Park vor, der in einer Überarbeitungsphase aus grundstücksrechtlichen Gründen ad acta gelegt wurde. Um dennoch eine Zäsur beizubehalten, wurde das Stiegenhaus in diesen Zwischenraum verlagert, das nun straßen- und hofseitig verglast Distanz schafft und Durchblick gewährt. Somit bleibt der Charakter des Solitärs erhalten. An der Ost- und der Westseite sind dem Untergeschoß attraktive Lichthöfe vorgelagert, die den Kopfbau am Abschluss der Gründerzeitzeile mit dem weitläufigen Gartenareal verschränken.

Es ist die Aufgabe der gesetzlichen Interessenvertretung der Arbeitnehmer in Österreich, „die sozialen, wirtschaftlichen, beruflichen und kulturellen Interessen der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zu vertreten und zu fördern“, heißt es im Paragraf eins des Arbeiterkammergesetzes. ČPPA/ Fellerer-Vendl haben diesen Anspruch in Architektur gegossen und kongenial durch baubezogene Kunstprojekte ergänzt, die aus einem Kunstwettbewerb hervorgegangen sind. Die spektakulärste und weithin sichtbare Intervention am Neubau stammt von Peter Sandbichler, der für die Feuermauer in der Zäsur zum Nachbarhaus eine Wand konzipierte, die Bezug auf die Bossenstrukturen der Gründerzeitfassaden nimmt, in diesem Fall aber nicht als Geschoßgliederung eingesetzt, sondern sich als Abschluss der Gründerzeitzeile und Beginn des Neubaus in minimalistischer Weise über die ganze Wand erstreckend.

Barbara Höller schuf für das gartenseitige Atrium eine Wandarbeit mit in die Betonwand eingelassenen Paaren von verschieden langen Barren aus Glas, die die ungleichen Einkommensverhältnisse zwischen Männern und Frauen veranschaulichen. Im Inneren thematisiert Andreas Siekmann in großformatigen, piktogrammartigen Grafiken, die an die Bildsprache des Ökonomen und Sozialreformers Otto Neurath erinnern, unter dem Titel „Wirtschaftsweisen“ Inhalte aus der Welt der Wirtschaft.

Die Architekten vermieden es, mit neuen Bürotypologien zu experimentieren, wasauch dem Wunsch des Auftraggebers nach kleinteiligen Büros entspricht. Konventionell oder gar langweilig sind sie dennoch nicht. Sie öffnen sich teilweise mit Fixverglasungen zu einer großzügigen Mittelzone, die stellenweise bis an die Außenhülle führt und den Ausblick ins Freie gewährt und die sich über drei Geschoße verbindende, abteilungsinterne Treppenläufe und die begleitenden Lufträume auch in die Vertikale öffnet.

Das Konzept, mit materialsichtig belassenen Oberflächen zu arbeiten, wurde innen fortgesetzt. Nur ein gelbgrüner Kautschuk-Boden in den Bürobereichen setzt – neben Bildern aus der Kunstsammlung der Arbeiterkammer – einen farbigen Akzent. Ansonsten dominieren einfache, unbehandelte Materialien – Sichtbeton, Holzwolle-Akustikplatten, Glas, naturfarben eloxiertes Aluminium.

Die IT-Abteilung versorgt von hier aus 600 Arbeitsplätze, das Haus ist damit sozusagen das technische Herz der Arbeiterkammer. Dem entsprechen die klare Tektonik und die technoide Ausstrahlung, die Hand in Hand gehen mit einer einfachen Adaption der Bürogrößen, falls doch einmal größere Einheiten gewünscht werden sollten, und einem unkomplizierten Zugang zum technischen Innenleben in den Decken.

Die gewählte Materialität stellt eine Verbindung zur Arbeitswelt und damit zum Wirkungsfeld der beherbergten Institution her. Das Haus gaukelt nichts vor, ist reduziert – das passt in eine Zeit, in der Prunk nicht angebracht ist. Mangelarchitektur ist es dennoch keine, denn an Inhalt wurde nicht gespart; und es ist auch keine Büromaschine, sondern ein Haus, das die für das Wohlbefinden im Arbeitsleben wichtigen Rituale – den kurzen Tratsch bei der Kopierinsel, Kaffeepausen in angenehmemAmbiente, die Rauchpause auf einem der Balkone im Stiegenhaus, das Öffnen eines Fensters – fördert.

12. Dezember 2015 Spectrum

Etwas schönes anderes

Ansehnliche Gewerbegebiete sind Mangelware. Der Betriebscluster in Theresienfeld im niederöster-reichischen Industrieviertel ist eines der raren Vorzeigebeispiele. Nachahmung erwünscht!

Die Hässlichkeit der Gewerbegebiete, die landauf, landab die Peripherien der Städte und Ortschaften prägen, fällt gar nicht mehr auf, weil sie zum Normalfall geworden ist und positive Beispiele rar sind. Steinmetze, Tischlereien, Spenglereien, Reparaturwerkstätten, Autohäuser brauchen viel Platz, verursachen Lärm und wurden daher aus den Zentren hinaus an die Stadtränder komplimentiert. Dort bauen sie sich in der größtmöglich vorstellbaren Trostlosigkeit zwischen Tankstellen und Großmärkten in (auto-)verkehrsgünstiger Lage ihre Betriebsanlagen. Alles halbwegs praktisch, jeder mehroder weniger unbeholfen um Aufmerksamkeit buhlend. Schön ist anders.

Daran ist oft weniger die formale Gestaltung der Einzelobjekte schuld – die zum Großteil allerdings ebenso zu wünschen lässt – als vielmehr das gedankenlose Nebeneinander von Supermärkten, Betriebsstätten, den zugehörigen Zufahrten, Lagerflächen und Parkplätzen und dazwischenliegenden Abstandsflächen. Die Schuld für das hässliche Ausfransen der Stadt- und Dorfränder den einzelnen Unternehmern zuzuschieben wäre zu einfach. Denn zu gering bis gar nicht vorhanden sind in den meisten Fällen die Ambitionen der zuständigen Baubehörden, bei Betriebsansiedlungen im Vorfeld städtebauliche und gestalterische Kriterien vorzugeben und entsprechende Konzepte zu überlegen. Längst scheinen sie vor den Individualinteressen der Betriebe kapituliert zu haben, und so herrscht in den Gewerbezonen eine Mentalität der Wurschtigkeit, in deren Windschatten alles an Plan- und Belanglosigkeiten wuchert, was man sich nur ausdenken kann.

Rar sind die gelungenen Beispiele, wie zum Beispiel der Millenniumpark in Lustenau, wo die Gemeinde Grundstücke angekauft hat und sich innerhalb eines städtebaulichen Gesamtkonzepts diverse Betriebe mit bemerkenswert guten Bauten angesiedelt haben. Leider nur ein Rumpf geblieben ist das Konzept von Architekt Johannes Wiesflecker für das Unternehmerzentrum Aldrans-Lans-Sistrans, wo es bis dato bei einem – 2007 fertiggestellten – Gebäude blieb. Die steirische Gemeinde Lang startete 2013 gemeinsam mit dem Grundstückseigentümer und Projektentwickler Bertran Conrad-Eybesfeld den Planungsprozess für ein Gewerbegebiet mit einem Studienauftrag an drei Architekturbüros (West 8, Gangoly & Kristiner mit Kersten Geers David Van Severen sowie Thomas Pucher), bei dem der Vorschlag des niederländischen Büros West 8 erstgereiht wurde. Ein gebautes Ergebnis gibt es hier bis dato nicht.

Angesichts einer spärlichen Ausbeute an Vorzeigebeispielen verdient daher die Initiative eines niederösterreichischen Unternehmers umso mehr Beachtung. Vor einigen Jahren begann Josef Kampichler im Gewerbegebiet von Theresienfeld bei Wiener Neustadt ausgehend von einer bestehenden Industriehalle gemeinsam mit dem Wiener Architekturbüro gerner°gerner plus nicht nur seinen eigenen Betrieb für Naturstein-Verarbeitung zu erweitern, sondern innerhalb des stetig wachsenden Ensembles auch Räumlichkeiten zur Vermietung an andere Firmen zu errichten. Der Auftrag an die Architekten bestand zunächst darin, in den Bestand Büroflächen zu integrieren und schließlich mit sukzessiver Vergrößerung des Betriebsareals für dasselbe auch ein formales Ende zu entwickeln. „Gestaltung geht diesem Bauherrn über alles“, erzählt Architekt Matthias Raiger, Partner im Büro gerner°gerner plus, voll des Lobes über die Zusammenarbeit. „Jemanden, der so detailverliebt ist, so kompromisslos Qualität sucht, findet man selten“, ergänzt Andreas Gerner. Denn Kampichler forderte nicht nur eine Aneinanderreihung von praktikablen Betriebsstätten, er wünschte ein gut proportioniertes Ganzes in hoher gestalterischer Qualität.

Die Bestandshalle wurde um weitere Hallenabschnitte zu einer 180 Meter langen Box erweitert, deren östliches Ende mit einer verglasten Erdgeschoßzone zurückspringt. Je nach Anforderungen der Mieter – darunter eine Betontechnikfirma, eine Glaserei, eine Dreherei und eine Firma für Antriebstechnik – wurden Büros und direkt von den Hallen zugängliche Meisterkabinen, Sanitärräume und Arbeitergarderoben eingerichtet. Allesamt gleich hochwertig ausgestattet, mit Eichenparkett, Stufen und Parapetverkleidungen aus Naturstein in den Büros und Terrazzoböden in den hallenseitigen Einbauten. Felder aus dunkel geöltem Holz beiderseits der Sektionaltore zu den einzelnen Firmenhallen sorgen für eine gute Proportionalität der langen Hallenschachtel. Es gibt kein Wirrwarr an Firmenschildern und Aufschriften; wo und in welcher Typografie beschriftet wird, ist vorgegeben.

Beton als Baumaterial war naheliegend, weil erstens durch den Bestand schon vorgegeben und zweitens vom eigenen Steinmetzbetrieb gut bearbeitbar. Seine Qualitäten wurden vor allem bei der straßenseitigen Fassung des Geländes voll ausgespielt. Ortbeton in Sichtbetonqualität ummantelt sowohl die Reihe der Lagerhallen mit Holzschiebetoren als auch die offenen, nur teilweise überdachten Lagerflächen. Die Sichtschutzwinkel für Letztere erwachsen spitzwinkelig aus dem Boden, Tore oder begrenzende Zäune gibt es nicht. Je nach Standpunkt gibt es Durch- und Ausblicke zwischen den auf nicht orthogonalen Grundrissen errichteten Lagerhallen zur Straße, oder die Front scheint sich ganz zu schließen, womit die Lagerbauten für Intimität auf dem Gelände sorgen, ohne es völlig abzuschotten.

Es handelt sich um einen Industriebau, überkandidelt veredelte Oberflächen gibt es nicht, aber das Einfache wurde denkbar minimalistisch und präzise ohne überflüssiges Beiwerk ausgeführt. Die Schalungsbilder wurden exakt geplant, der Ortbeton sandgestrahlt und hydrophobiert, damit es keine unschönen Feuchtigkeitsflecken gibt. Auf Verblechungen, die den skulpturalen Charakter gestört hätten, wurde verzichtet. Das Wasser wird über die schrägen Dachflächen und sparsame Öffnungen sowie eine innen liegende Entwässerung bei den geschlossenen Hallen abgeführt. Sehr schön, sehr aufgeräumt, eine gute Arbeitsumgebung.

Die Zufriedenheit der Mieter ist groß, keiner beschwert sich über zu rigide Vorgaben. „Architecture sells“: Das gilt nicht nur in der schicken Boutique oder im Nobelbeisl, sondern offensichtlich auch im Handwerksbetrieb, selbst wenn hier die Kundenfrequenz geringer und Laufkundschaft ohnedies nicht zu erwarten ist. Nachahmung dringend empfohlen!

14. November 2015 Spectrum

Werk im Bild

Friedrich Achleitners Architektenporträts aus sechs Jahrzehnten und ein Standardwerk zur Architekturfotografie: zwei Buchempfehlungen.

Man solle keinen Architekten entwerfen. Die ersten Striche würden schon an der Entwurfsmethode scheitern, sodie Conclusio Friedrich Achleitners am Ende des Porträts von Boris Podrecca, das zugleich eine brillante Reflexion über die Schwierigkeit ist, mit Sprache einen Menschen einem anderen zu vermitteln. „Wie entwirft man einen Architekten?“ ist auch die Textsammlung betitelt, die die Herausgeberinnen Eva Guttmann, Gabriele Kaiser und Claudia Mazanek kürzlich vorstellten. Aus rund 500 von Achleitner aus verschiedenen Anlässen verfassten Ausstellungsrezensionen, Eröffnungsreden, Laudationes, Katalogbeiträgen oder Nachrufen wählten sie 86 „Porträts von Aalto bis Zumthor“, viele davon bislang nie gedruckt veröffentlicht, mittlerweile vergriffen oder schwer zugänglich. Wie der Untertitel ankündigt, sind die zwischen 1963 und 2011 entstandenen Beiträge alphabetisch gereiht. Es finden sich alte Unbekannte, Überraschungskandidaten, Männer und Frauen, Alte und Junge – wobei aus heutiger Sicht manch alter Herr zum Zeitpunkt der Achleitner'schen Befassung mit ihm ein Jungspund war.

Es ist eigentlich kein Architekturbuch, eher eine Abfolge von Prosaminiaturen – von scheinbar leichter Hand souverän hingeworfenen verbalen Bildnissen. In Wirklichkeit ging dieser Leichtigkeit der Texte mit großer Sicherheit nicht nur eine eingehende Befassung mit den jeweils Porträtierten voran, sondern auch qualvolles und sorgfältiges Abwägen des Gesagten und Geschriebenen. Denn selbst bei intimer Kenntnis der Porträtierten sind Achleitners Texte nie distanzlos, nie anbiedernd, nie unterwürfig, nie selbstgefällig.

Die Auswahl haben sich die Herausgeberinnen nicht leicht gemacht. Sie sollten einerseits durch die Spanne ihrer Entstehungszeit Achleitners Entwicklung und die damit verbundenen Interessen und Beziehungen abbilden, quasi so etwas wie eine indirekte Biografie von Friedrich Achleitner sein, erklärt Eva Guttmann. Etliche stammen aus Friedrich Achleitners frühen Jahren als Architekturkritiker für die „Presse“. Man könnte vorschnell hinterfragen, wen heute noch Texte über Antonio Gaudí oder Eileen Gray interessieren, deren Werke längst Eingang in den Bildungskanon gefunden haben. Wenn aber Achleitner im Jahr 1970 feststellt, dass die Architektin, deren Tisch E 1027 seit Jahrzehnten in jedem populären Einrichtungsmagazin zu sehen ist, „bis vor Kurzem in Wiener Architektenkreisen nicht einmal ein Geheimtipp“ gewesen sei, werden auch Texte über heute Berühmte zu wichtigen Dokumenten der jeweils zeitgenössischen Architekturrezeption. Besonders erfreulich ist es, Würdigungen von auch heute noch nur in Fachkreisen bekannten Persönlichkeiten zu finden, wie jene zum 70. Geburtstag des Bau- und Siedlungsforschers Adalbert Klaar (1900– 1981), dessen Bauaufnahmen und Baualterpläne österreichischer Dörfer und Städtenicht nur Architekturgeschichte dokumentieren, sondern auch eine wichtige Grundlage für die denkmalpflegerische Praxis sind.

Unglaublich inspirierend und erkenntnisfördernd ist diese Zusammenstellung, deren Aufmachung (Buchgestaltung: Peter Duniecki) ebenso unprätentiös und griffig ist wieAchleitners Architektenentwürfe. Ein großartiges Lesebuch und ein wertvoller Beitrag zur österreichischen Architekturgeschichtsschreibung!

In die Architekturgeschichte geht nur ein, was beschrieben, dokumentiert und – seit dem 19. Jahrhundert – fotografiert wurde. Während das Geschriebene Gefahr läuft,nicht gelesen zu werden, kann man sich dem Bild schwer entziehen. Die Vermittlung von Architektur über Bilder ist nicht dasselbe wie das Erleben des Originals oder eine gut reflektierte Architekturkritik. Aber wie sehr architektonische Handschriften undikonische Gebäude in unseren Köpfen präsent sind, hängt in erster Linie mit deren fotografischer Dokumentation zusammen. Um den „professionellen Umgang mit dem Medium Architekturbild zu verbessern“ und zur „allgemeinen Sensibilisierung für den kulturellen und ideellen Wert der Architekturfotografie“ beizutragen, haben sich vor zwölf Jahren österreichische Architekturfotografinnen und -fotografen zur IG Architekturfotografie zusammengeschlossen. Schon allein dieses gemeinsame Auftreten hat viel dazu beigetragen, Bewusstsein für den Wert ihrer Arbeit zu schaffen. Mit einem Buch, herausgegeben von der Kulturtheoretikerin Angelika Fitz und der Buchgestalterin Gabriele Lenz, hat die Szene nun ein Statement gesetzt, das weit mehr als eine Leistungsschau mit schönen Architekturbildern ist. „Vom Nutzen der Architekturfotografie“ lautet sein Titel, und diesen Nutzen bildet das Buch in vielfacher Hinsicht ab.

Dabei geht es aber nicht allein darum, wie die Architekturfotografie der Architektur in einem dokumentarischen und propagandistischen Sinne dienlich ist, was sie zweifelsohne ist. Mit der medialen Verbreitung steigt nicht nur der Wert des Gebäudes, sondern auch der Ruf derer, die es geplant haben. In den meisten Fällen ist Architekturfotografie Auftragsarbeit. Architekten brauchen die Bilder für ihre Portfolios, sie dienen der Akquise, und ohne eine Serie guter Fotografien ist die Publikation eines Bauwerks in Fachmagazinen heute undenkbar. Dennoch sind die Fotografen nicht bloße Erfüllungsgehilfen. Ihr Blick ist auch ein interpretierender und kritisierender. Oft erzählen die Hintausansicht eines Gebäudes oder ein Detail mehr über sein Wesen als die Cover-taugliche Totale der Fassadenfront. Das Bild einer Seilbahnstation aus Perspektive des Skitouristen, der sich in der Gondel der Bergstation nähert, zeigt zwar den praktischen Nutzen der Bergstation für den Skibetrieb. Jenes Bild, bei dem bloß ein Stück Gebäudehülle hinter einer schroffen Felsformation hervorblitzt, inspiriert aber viel mehr zu Reflexionen über die Konditionen des Bauens in hochalpinen Gefilden.

Welche Rolle spielen Nutzungsspuren, Menschen und Tiere, wie werden Bilder inszeniert, wie kann der richtig gewählteStandpunkt des Fotografen architektonische Intentionen unterstreichen, was kann er über den städtebaulichen Kontext erzählen? Welche Rolle spielt der Fotograf als Komplize oder Kritiker? Jedem professionell in der Architektur Tätigen, sei es planend und bauend,sei es publizistisch, bietet das Buch mannigfaltige Erkenntnisse. Das gelingt schon durch die Choreografie der ausgewählten Fotos auf der Bildebene. Ein Standardwerk zur Architekturfotografie wollten die Protagonistinnen vorlegen – das ist ihnen gelungen. Den Schau-und Lesegenuss erhöht, dass sie nicht auf einer technoid-didaktischen Ebene blieben, sondern ein hochgradig sinnliches Werk zustande brachten.

verknüpfte Publikationen
- Wie entwirft man einen Architekten?
- Vom Nutzen der Architekturfotografie

24. Oktober 2015 Spectrum

Vom Mut, das Lebendige zu wählen

„Im innovatorischen Charakter vorbildlich“ sollen sie sein und „einen positiven Beitrag zur Verbesserung unseres Lebensumfeldes leisten“: jene Bauten, die alljährlich mit den Bauherrenpreisen geehrt werden. Die Preisträger der Saison: ein Überblick.

Um den seit 1967 von der Zentralvereinigung der Architektinnen und Architekten ausgelobten Bauherrenpreis zu bekommen,reicht es nicht, ansehnliche Gebäude hinzustellen. „Im innovatorischen Charakter vorbildlich“ sollen die preisgekrönten Bauten sein und „einen positiven Beitrag zur Verbesserung unseres Lebensumfeldes leisten“. Eugen Wörle, unter dessen ZV-Präsidentschaft der Preis ins Leben gerufen wurde, verlangte nach einem Bauherrn, „der seine Aktivität nicht auf den wirtschaftlichen Bereich beschränkt und im Architekten nur einen Vollzugsgehilfen sieht“. Ein Bauherr müsse von sozialer Verantwortung sein und „den Mut haben, Lebendiges, Positives und Zukunftsweisendes zu wählen anstatt Bequemes, Steriles oder Mode-Schönes“.

Betrachten wir also die heurigen Preisträger, die vergangenen Freitagabend im Werkraumhaus in Andelsbuch geehrt wurden, nach diesen Gesichtspunkten. Sechs an der Zahl hat die Jury, bestehend aus dem Südtiroler Architekten Walter Angonese, Architektin Hemma Fasch und Architekturkritiker Otto Kapfinger, ausgewählt.

Bei der Wohnhausanlage „Wohnzimmer Sonnwendviertel“ beim Wiener Hauptbahnhof hat sich das Bauträgerkonsortium „win4win“, vor allem in Person von Michaela Mischek-Lainer, von Anfang an die Latte hoch gelegt. Drei Architektenteams – Klaus Kada, Bernd Vlay mit Karoline Streeruwitz und Riepl Kaufmann Bammer – wurden zusammengespannt, um innerhalb eines Gebietes mit drei Bauplätzen kooperativ ein stadträumliches Ganzes mit 450 Wohnungen zu planen. Um das Einsparen individueller Wohnfläche zu kompensieren, wurden großzügigst gemeinschaftliche Einrichtungen wie Indoor-Spielplätze, Musikraum, Kinosaal, Gemeinschaftsküche, Fahrradwerkstatt und sogar ein auch von externen Besuchern nutzbares Schwimmbad errichtet. Die im Masterplan vorgesehene Blockrandbebauung wurde zwecks besserer Vernetzung mit dem Umfeld aufgebrochen, die interne Freifläche blieb von trennenden Maschendrahtzäunen verschont. Städtebaulich und sozialräumlich modellhaft und absolut weiter verfolgenswert befand die Jury die hier formulierten Ansätze für zeitgemäße urbane Wohnquartiere.

Geehrt wurden auch die Stadt Innsbruck, der Bauträger Innsbrucker Stadtbau und die sozialen Dienste für das Wohn- und Pflegeheim im Olympischen Dorf von Artec Architekten. Am Ufer des Inns überspannt es in fünf bis acht Meter Höhe einen Park und schafft für die Öffentlichkeit neue Angebote, wie attraktive überdachte Flächen zum Aufenthalt im Freien, die durch die entsprechende Lage von Café, Mehrzweckraum und Kapelle mit der Heimsphäre verbunden sind. Obwohl an einem nebeligen Morgen vor Ort, konnte die Jury ein „lebhaftes Ineinander aller Ebenen, ein anregenden Spiel von Innen und Außen, von Raum und Bau und einmaliger Landschaft“ erleben. – Die Tiroler Wasserkraft AG unterliegt nicht den Vergaberichtlinien öffentlicher Auftraggeber, zeigte aber dennoch baukulturelle Verantwortung und führte zur Projektfindung für die neue Leitstelle in Silz ein EU-weites Bewerbungsverfahren durch. Bechter Zaffignani Architekten positionierten den Bau als „wohlgerüsteten Wächter“ gegenüber der bestehenden Turbinenhalle und überzeugten mit der strikten Klarheit des kraftvollen Monolithen aus Sichtbeton, der auf den Kontext der Umgebung Bezug nimmt und zudem auch in energetischer Hinsicht sparsam ist.

Im Spannungsfeld Technik und Landschaft gelang Marte.Marte Architekten mit Bauingenieur Josef Galehr im Auftrag der Stadt Dornbirn ein Beispiel für Ingenieurbaukunst vom Feinsten. Gerade bei Infrastrukturbauten gehen die Ansprüche über das Notwendigste, das Bequeme und Sterile selten hinaus. Die neue Schaufelschluchtbrücke an der spektakulär über Abgründe und durch Naturtunnel führenden Straße in den entlegenen Ort Ebnit schmiegt sich wie ein skulpturales Passstück in die Natur. Eine kongeniale Zusammenarbeit zwischen Architekten und Ingenieuren und ein Musterbeispiel für einen kommunalen Bauherren, der Wert auf gestalterische Qualität legt!

Das Wettrüsten kommerzieller Interessen, gepaart mit der ästhetischen Inkompetenz zahlreicher im öffentlichen Raum agierender Behörden, die ihre Verkehrsflächen, Hinweistafeln, Blumentröge, Fahrradständer oder Mistkübel eher nach den Prämissen der (eigenen) Bequemlichkeit als jenen der Schönheit platzieren, beeinträchtigt Stadtbild und Aufenthaltsqualität. In der Salzburger Altstadt haben sich Anrainer, allen voran Franz Modrian, Bauträger und Hauseigentümer – auch mit erklecklicher finanzieller Beteiligung –, gemeinsam mit den Architekten Eduard Widmann und Erich Wagner für eine formale und funktionale Verbesserung in der rechten Altstadt eingesetzt. Die Vorschläge der engagierten Gruppierung wurden seitens der Stadt unterstützt; die gestalterischen Mittel sind wohlüberlegt und bleiben im Hintergrund. Als erfrischende Draufgabe bereichern die mit ausgetüftelter Technik in der Tradition der Salzburger Wasserkunst installierten Wasserspiele den städtischen Alltag.

Wo Steuergelder investiert werden, sollten höchstmögliche soziale und gestalterische Kriterien selbstverständlich sein und von der Bevölkerung auch eingefordert werden. Allgemeine Praxis ist in unserem angeblich für das Schöne begnadeten Volk weder das eine noch das andere. Umso mehr stechen private Unternehmen hervor, die Bauen auf sehr umfassende Weise als soziale Verantwortung verstehen. Der Firma Omicron, Weltmarktführer in der elektrischen Prüftechnik, ging es bei der Erweiterung ihres Hauptsitzes in Klaus, Vorarlberg, nicht nur darum, weitere 200 Arbeitsplätze und zusätzliche Lager- und Laborflächen in einer ansehnlichen Firmenarchitektur gut zu organisieren. Als fordernder Bauherr im besten Sinne war man Dietrich Untertrifaller Architekten ein kongenialer Sparringpartner, vertraute auf die „Kraft des Teams statt auf das Genie des Einzelnen“, agierte sozial und lupenrein ökologisch.

Das von Mitarbeitern getragene Solidaritätsprojekt „Crossing Borders“ zur Verbesserung der Ausbildung von Kindern in Schwellenländern wird in Materialien und Techniken aus dem Umfeld dieser Initiativen sichtbar. So ist einer der geschoßübergreifenden Rekreations- und Denkräume von Anna Heringer und Martin Rauch mit einem textilumspannten Zeppelin und einem Schicht für Schicht von Hand geformten Kuppelbau ausgestattet. Die flache Unternehmenshierarchie findet ihren Widerhall in – vom Reinigungspersonal bis zur Chefetage – gleichen Bürozellen mit sensuell und klimatisch wohltuenden, sägerauen Eichenböden und Wänden aus Weißtanne. Von den öffentlich zugänglichen Innenhöfen bis auf das Dach fördert eine naturnahe Freiraumgestaltung nicht nur die Entfaltung der Menschen, sondern auch jene der regionalen Flora und Kleinfauna. Man hat an alle und alles gedacht. Eugen Wörles Bauherrenideal ist nicht besser zu verkörpern.

25. Juli 2015 Spectrum

Gestapelt und gereiht

Eine kleine feine Wohnanlage in Brunn am Gebirge, geplant vom Büro Češka Priesner, schafft den Spagat zwischen Wohnqualität, Sparsamkeit und architektonischem Anspruch.

Das Atriumreihenhaus in Brunn sei vom Plan her sympathisch gewesen, erzählt eine junge Mutter. Weit und breit sei nichts Vergleichbares – ein modernes Reihenhaus mit sichtgeschütztem Freiraum – zu finden gewesen. Zwar seien sie anfangs skeptisch gewesen, ob über das Atrium ausreichend Licht in die Wohnräume gelange, die Bedenken hätten sich aber nach der Besichtigung als unbegründet herausgestellt. Glück gehabt, denn Atriumhäuser sind eine aussterbende Spezies. Das läge daran, so Georg Hurka vom Büro Češka Priesner Partner Architektur (ČPPA), dass bei diesem Haustypus die Relation zwischen Nutzfläche und Hüllfläche relativ groß sei und sich ungünstigere Werte bei Berechnung der Energieeffizienz ergeben. Im geförderten Wohnbau werden daher Atriumtypen kaum noch realisiert. Neun konnten in einer Siedlung von ČPPA (Eva Češka, Friedrich Priesner und Georg Hurka) in Brunn am Gebirge dennoch gebaut werden – frei finanziert, im Gegensatz zum geförderten zweiten Siedlungsteil, in dem Geschoßwohnungen und Maisonetten zu einem kompakten Dreigeschoßer gestapelt wurden.

Die Siedlung an der Friedrich-Kranzelmayer-Gasse schließt westlich an die Terrassenhaussiedlung Goldtruhe von Hans Puchhammer und Gunther Wawrik an, die in den Jahren 1967 bis 1969 von der gleichen Wohnbaugesellschaft, der Gewog, errichtet wurde. Zehn Jahre, nachdem sie die nach einer alten Flurbezeichnung benannte Siedlung entworfen haben, und sieben Jahre nach Fertigstellung resümierten Puchhammer und Wawrik 1976 in der Schweizer Zeitschrift „Bauen + Wohnen“: „Die Durchsetzung von Veränderungen an dem gemeinsamen Eigentum, die Bildung einer aktionsfähigen Gemeinschaft ist vorläufig in Versuchen steckengeblieben – wie anderenorts auch. Aber die Durchdringung von Außen- und Innenräumen, die halböffentlichen Übergangsbereiche, die Möglichkeiten zum Auswuchern der Wohnungen in den Freiraum und zum Zeigen von Präsenzsymbolen nach außen werden offensichtlich sehr gern angenommen.“ Ihren ersten größeren Wohnbau haben die damals jungen Architekten als Beginn einer Entwicklung gesehen, er blieb allerdings, wie so viele Innovationen im Wohnbau, ein Exot. Allerdings einer, dessen mehrfach gewürdigte Qualitäten bis heute – trotz etwas geschmäcklerischer Färbelung im Zuge einer Sanierung – Bestand haben.

Die weitaus kleinere Anlage von ČPPA nimmt durch die parallele Stellung der zwei Siedlungsteile entlang eines Mittelweges auf das Wegenetz der Goldtruhen-Siedlung Bezug. Durchwegung zwischen den Siedlungen gibt es allerdings keine – dafür sorgt ein Maschendrahtzaun. Zäune grenzen auch die Gärten der erdgeschoßigen Wohnungen untereinander und zum Weg hin ab. Das ist der größte Wermutstropfen in der kleinen feinen Anlage. Die von ČPPA ursprünglich vorgesehenen Wände zwischen den Gärten beziehungsweise Zaun-Wand-Kombinationen zum Weg hin hätten nicht nur den Privatgärten Schutz vor Einsehbarkeit gegeben, sondern auch dem Freiraum mehr Halt gegeben. Zäune sind billiger zu errichten und deshalb nicht auszurotten, die Mieter investieren dafür das Ersparte in Sichtschutzlösungen, die sie im Baumarkt finden. Zumindest einige Relikte wie die an den Enden abschließenden Mauern und die in Sitzhöhe mit Betonwänden umfangenen Grüninseln geben eine vage Idee davon, was die Architekten vorgehabt hätten. Strukturell und in der Höhenstaffelung leitet die Siedlung von der Goldtruhe zum benachbarten kleinteiligen Einfamilienhaussiedlungsgebiet und zum Grüngürtel über. Straßenseitig geben die fensterlose Wand der Atriumhauszeile und vor dem Geschoßwohnungstrakt, ein niedriger Winkel, der Tiefgarageneinfahrt, Müllraum sowie Fahrradabstellraum zusammenfasst und zugleich die Besucherparkplätze umgrenzt, eine städtebaulich beruhigende Fassung. Dies schafft mit einfachen Mitteln Distanz zur Öffentlichkeit und ein angenehmes Entree. Ein direkter Durchgang vom Parkplatz zwischen Müllraum und Fahrradabstellraum zur siedlungsinternen Freifläche sorgt für kurze Alltagswege.

Bei den 99 Quadratmeter Wohnfläche umfassenden Atriumhäusern entstanden durch Rücksprünge kleine Vorplätze um die überdachten Eingänge. Die langgestreckten Grundrisse erlauben die Unterteilung in Drei- oder Vierzimmerwohnungen. Wohnraum und jeweils zwei Zimmer haben Zugang zum 15 Quadratmeter großen Atrium. An der Eingangsseite wurden im Süden sichtgeschützte Terrassen ausgebildet, die in die Gärten übergehen.

Ein abwechslungsreiches Freiraumangebot ergänzt den Trakt mit den Geschoßwohnungen. Das von oben belichtete Treppenhaus bildet eine Zäsur zwischen dem Kopfbau mit Kleinwohnungen und führt auf den nordseitigen Laubengang, von dem aus die Maisonetten im zweiten und dritten Stock erschlossen sind. Im unteren Geschoß öffnen sie sich auf Terrassen, die durch Sichtbetonwände zum jeweiligen Nachbarn hin und semitransparent gelochte, leicht nach vorn geneigte Metallbrüstungen genug Intimität bieten. Zwecks Betonung der Horizontalen wurde in die Brüstung ein durchlaufender Pflanztrog integriert, der nach Belieben mit Blumentöpfen und Kisten ausgestattet werden kann. Das erleichtert den Bewohnern die Wahl der Pflanzgefäße, die somit nicht sichtbar sind, und trägt zur visuellen Beruhigung bei. Mittlerweile ist der Trog über die ganze Länge gut bestückt: Es zeigt sich, wie mit ganz kleinen Maßnahmen eine große Wirkung – ästhetisch wie praktisch – erzielt werden kann. In den oberen Maisonettegeschoßen öffnen sich die Fenster der südlichen Zimmer auf vom Flur aus begehbare Terrassen mit massiven Brüstungen, die fast Hofcharakter haben.

Große Experimente sind im geförderten Wohnbau heute – leider – nicht mehr möglich. Wie schon bei früheren Wiener Siedlungen zeigt ČPPA aber, dass der Wohlfühlfaktor in einer Siedlung nicht von spektakulären Zeichen, sondern kleinen Gesten abhängt. Empathie für die Bedürfnisse der Bewohnerschaft und das Wissen um die Wichtigkeit der oft nebensächlich bis gar nicht behandelten Schnittstellen zwischen privatem Rückzugsraum und der Umgebung bewirken mehr als Farb- und Materialschlachten. Ebenso wie der Nachbar aus den Sechzigerjahren, auch eines der raren gelungenen Beispiele im niederösterreichischen Siedlungsbau.

20. Juni 2015 Spectrum

Mit Auto keine Wohnung

Die Siedlung auf dem Hunziker-Areal in Zürich ist ein Experimentierfeld für neue Standards des genossenschaftlichen Wohnbaus: Inspirationen für eine soziale Quartierentwicklung.

Nicht nur weil sie für Zürcher Verhältnisse günstig sind, zählen die Wohnungen in der kürzlich bezogenen Siedlung auf dem Hunziker-Areal zu den begehrtesten in der Stadt. Die Siedlung für 1300 Menschen ist ein Experimentierfeld für neue Standards im Wohnbau. Anlässlich des Jubiläums 100 Jahre gemeinnütziger Wohnungsbau in Zürich im Jahr 2007 blickten die Wohnbaugenossenschaften in die Zukunft und luden zum offenen Ideenwettbewerb „Wie wohnen wir morgen?“. Aus ihm ging ein Handbuch des Architekturbüros Futurafrosch als Siegerprojekt hervor. Die zwei jungen Architektinnen Sabine Frei und Kornelia Gysel formulierten darin Bausteine städtischer Lebensqualität abseits üblicher Regularien und lenken auf den Maßstabsebenen von Wohnung, Quartier und Stadt den Blick auf Phänomene und Qualitäten, die der Aufmerksamkeit traditioneller architektonischer und städtebaulicher Entwurfsverfahren strukturell entgehen.

Davon inspiriert, schlossen sich über 50 bereits bestehende Baugenossenschaften zurneuen Genossenschaft Mehr als Wohnen zusammen, um so das kollektive Know-how zu nutzen und ein wegweisendes Siedlungsprojekt zu entwickeln, bei dem visionäre Ideen erprobt werden können, die für kleinere Genossenschaften in der Regel zu riskant sind. Auf dem aufgelassenen Gelände einer Betonwarenfabrik sollte ein von Beginnan lebendiger, mit Gewerbeflächen durchmischter Stadtteil für alle Generationen und Bevölkerungsschichten entstehen. Beim Projektwettbewerb, der Vorschläge für ein städtebauliches Konzept ebenso abfragte wie exemplarische Einzelgebäude, siegten abermalsFuturafrosch im Team mit den Duplex Architekten. Unter ihrer Federführung entstandgemeinsam mit Müller Sigrist Architekten, dem Architekturbüro Miroslav Šik und den Pool Architekten die aus dreizehn Einzelgebäuden bestehende Siedlung.

In einer halbjährigen Dialogphase, in der unter den Projektbeteiligten die Inhalte und Themen verhandelt wurden, entstand das Regelwerk, dem die Siedlung trotz der unterschiedlichen Architektenhandschriften und der reichhaltigen Varianz an Wohnungstypen und Nutzungen das – zumindest aus Wiener Sehgewohnheit – harmonische Erscheinungsbild verdankt. Ergänzend zu den geltenden Bebauungsvorschriften ist es die städtebauliche Leitlinie für die Siedlung. In Form einer dreidimensionalen Mantellinie wurden maximale Gebäudevolumina definiert sowie das Ausmaß von Hof- und Fassadeneinschnitten zur besseren Belichtung der bis zu 32 Meter tiefen Gebäude festgelegt. Vorgegeben sind darin auch eine dreiteilige horizontale Gebäudegliederung mit erkennbarer Ausbildung von Sockel und Dachabschluss sowie die Situierung der verschiedenen Nutzungen. Überwiegend sind die kompakten Wohnhäuser um zentral gelegene, von oben belichtete Erschließungskerne organsiert, an die die Nebenräume anschließen, außen liegen die Wohn- und Schlafbereiche. Um Belebung und Versorgung des Quartiers zu gewährleisten, gibt es mit einer Ausnahme in allen Häusern Gewerbeflächen.

Das Wohnungsangebot reicht von Studios über Mehrzimmerwohnungen bis zu sogenannten Satellitenwohnungen mit neun bis dreizehn Zimmern. In letzteren gruppieren sich kleine Individualeinheiten mit Kochnische und Sanitärzelle um einen großen, mit Bad und Küche ausgestatteten Gemeinschaftsbereich. Wohngruppen für Kinder und Jugendliche sowie Wohnangebote für Studierende ergänzen das Angebot. Teil des umfassenden Testfeldes waren ebenfalls die Bauweisen, und so war es möglich, dass die drei Häuser von Pool Architekten völlig unterschiedlich konstruiert sind.

Das optisch gewichtigste Haus im Zentrum des Quartiers ist das bislang größte mit Dämmbetonwänden errichtete Haus in der Schweiz. Mit tragenden Elementen aus Ortbeton, die in höheren Räumen mit Stahlstützen ergänzt wurden, und mit den aus einem isolierenden Zuschlagstoff aus Schaumglasgranulat versehenen Außenwänden kommt man bei dieser Bauweise ohne zusätzliche Dämmschichten aus. Das bringt baulogistische Vorteile mit sich, ist jedoch handwerklich anspruchsvoll, da Fehler nicht hinter Styropor- und Putzschichten versteckt werden können. Balkone oder umlaufendeLoggienbänder hätten die konsequente Kompaktheit und Reduziertheit wohl zunichtegemacht.

Den fehlenden Außenraum kompensieren überhohe Wohnräume, deren Öffnungen das Tageslicht in die Tiefe leiten. Auch beim benachbarten, im Vergleich zum monumentalen Betonhaus bescheiden wirkenden, Holzhaus verzichtete Pool Architekten auf private Balkone. Dafür gibt es einen wintergartenartigen großen Gemeinschaftsraum mit anschließender Gemeinschaftsterrasse im dritten Obergeschoß. Mit der fünfgeschoßigen, im Inneren unverkleideten und außen mit Faserzementschindeln umhüllten Holzkonstruktion – Sockelgeschoß und Treppenhäuser sind betoniert – wagte man auch hier technologisch wie ästhetisch im Wohnbau Unübliches.

Im Haus beim Quartierseingang (Müller Sigrist Architekten), an dessen Fassade Pflanztröge einen vertikalen Garten bilden, befindet sich neben einem Restaurant und der Geschäftsstelle der Baugenossenschaft eine Rezeption als Informations- und Anlaufstelle für die Quartierbewohner. Regelmäßig fanden sogenannte Echoräume statt, wo Bauherrschaft, Architektenteams, Fachplaner, hinzugezogene Experten und zukünftige Bewohner Erfahrungen austauschten und von bautechnischen Fragenstellungen bis hin zu Ideen für die künftige Bespielung die Inhalte der Siedlung erarbeiteten.

Die Genossenschaft, und damit alle Bewohner, die zugleich Genossenschafter sind, haben sich zu den energiepolitischen Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft verpflichtet. Ressourcenschonung spielt nicht nur bei Errichtung und Erhaltung der Gebäude eine Rolle, sondern auch die Bewohner sind dazu angehalten, ein entsprechendes Konsum- und Mobilitätsverhalten an den Tag zu legen. Die Bereitschaft, sich in das Quartier und die Genossenschaft einzubringen, ist ebenso Bedingung wie der Verzicht auf ein Auto. Bei der Wohnungsvergabe wird auf eine der Größe entsprechende Belegung geachtet. Sollte im Lauf des Mietverhältnisses die Sollbelegungszahl – das entspricht einer Person pro Individualzimmer – unterschritten werden, wird ein Unterbelegungsbeitrag fällig. Klingt streng, aber vernünftig.

24. April 2015 Spectrum

Am Anfang war Grillparzer

Den Ausstellungsarchitekten des neuen Wiener Literaturmuseums gelangen Räume der Verführung und eine überzeugende Klammer zwischen alter und neuer Nutzung. Der atmosphärisch dichte Ort macht Lust auf Lesen.

Mit dem Ausstellen von Literatur verhält es sich ähnlich wie mit dem Ausstellen von Architektur oder Musik. Denn nie vermag die Ausstellung dem Erleben des Originals – dem sinnlichen Erlebnis eines beeindruckenden Raumes, den Klang eines Orchesterwerks im Konzertsaal oder die Lektüre eines guten Romans – das Wasser zu reichen. Gute Ausstellungen können jedoch neben der Vermittlung von Wissen den Besuchern auch ein auratisches Erlebnis bereiten, das überhaupt erst Interesse und Begeisterung zu entfachen vermag.

Im Fall des jüngst eröffneten Literaturmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek bot schon die räumliche Ausgangslage günstige Voraussetzungen für dieses Erlebnis: Das von Hofbaurat Paul Sprenger geplante Gebäude in der Johannesgasse6 beherbergte ab 1848 das Hofkammerarchiv. Die Übersiedlung des Archivs aus dem Kaiserspital am Ballhausplatz fand unter Franz Grillparzer statt, der von 1832 bis 1856 als Archivdirektor amtierte. In den 1980er-Jahren wurden die zahlreichen Standorte des Staatsarchivs im neuen Zentralarchivgebäude im dritten Bezirk zusammengeführt. Das Hofkammerarchiv mit zigtausenden Archivalien hingegen verblieb bis 2006 im Biedermeierhaus in der Innenstadt. Ein Segen, denn so blieb auch die originale Inneneinrichtung erhalten. Darunter nicht nur Grillparzers Arbeitszimmer, sondern auch die Archivregale, die eine beeindruckende Raumstruktur bilden. Sie zu erhalten war Pflicht. Zur Kür zählt, wie die aus einem zweistufigen Wettbewerb hervorgegangenen Ausstellungsgestalter sich die Regallandschaft für die neuen Zwecke zunutze gemacht haben. Die beiden in Ausstellungs- und Museumsangelegenheiten bereits mehrfach positiv aufgefallenen Wiener Architekturbüros BWM und Planet haben es gemeinsam mit dem Grafikdesignbüro Perndl+Co geschafft, die Aura des historischen Archivs trotz neuer Nutzung auf eindrückliche Weise zu erhalten.

Im Wesentlichen unternahmen sie nichtsanderes, als die Regale wieder zu befüllen: Vitrinen, Displays, Guckkästen oder Hörstationen wurden maßgeschneidert so eingefügt, dass sie eine Symbiose mit dem Bestand eingehen, diesen aber nicht überlagern. Bis oben hin bestückt sind die Regale, wobei alle wesentlichen Elemente, wie die Vitrinen mit den Originalen, in einer für den Betrachter leicht zu erfassenden Ebene angebracht sind. Darüber und darunter findet sich ergänzend Illustrierendes.

Es ist eine dichte Packung an Eindrücken, abwechslungsreich und doch aus einem Guss. Einheitlich schwarze Metallrahmen wirken homogenisierend und heben die neuen Interventionen – stets mit Abstandfugen – von der historischen Einrichtung ab. Als unaufdringliches Leitsystem fungieren die hinterleuchteten Einführungen in die Kapitel und die aus der obersten Regalebene in den Raum ragenden quaderförmigen „Reiter“, die wie herausgezogene Bücher wirken. „Sackgassen sind der Tod eines Museums“, sagt Johann Moser von BWM Architekten. Die dichte Anordnung der Archivregale hielt etliche davon bereit. Daher schuf man an einigen Stellen neue Durchgänge und entschied sich im Bereich der Entrees der Ausstellungsgeschoße zu geringfügigen Entfernungen von Regalen, um Raum zum Verweilen zu schaffen.

Gut – nämlich sparsam – eingesetzt ist das Licht. Ermüdende Kunstkabinettstimmung tritt dennoch nie auf, was daran liegt, dass die untersten – oft leer gelassenen Regalreihen heller ausgeleuchtet sind. Das wirft auch Licht auf den schönen alten, von den Trampelpfaden von Generationen an Archivaren ausgetretenen Holzboden und betont die unprätentiöse Tischlerarbeit der historischen Regale, die ein Meisterwerk im Hinblick auf Effizienz und Sparsamkeit sind, was sich unter anderem darin äußert, dass die Stellflächen nur im vordersten Drittel lackiert sind. Im dritten Stock, der den Wechselausstellungen vorbehalten ist, kann man derzeit noch den Raumeindruck des unbefüllten Archivs mit seinen mannigfaltigen Durchblicken auf sich wirken lassen. Erst im kommenden Jahr, wenn sich hier zehn junge österreichische Autorinnen und Autoren vorstellen werden, müssen die historische Regalstruktur und das Gestaltungskonzept ihre Robustheit und Flexibilität für temporäre, wohl auch aus budgetären Gründen weniger aufwendig zu produzierende, Präsentationen beweisen.

Das Literaturmuseum ist ein attraktiver Ort, um sich niederschwellig erste als auch vertiefte Informationen zur österreichischen Literaturgeschichte abzuholen – dank der Ausstellungsgestaltung, die anregend inszeniert ist und dennoch nicht ins oberflächliche Spektakel abgleitet, in einem Ambiente, das Lust macht zu verweilen. Und es animiert zum Lesen. Deshalb ist es bedauerlich, dass es gerade hier keinen Museumsshop gibt, den man sich gut in Form einer kleinen Buchhandlung mit ausgewähltem Sortiment vorstellen könnte. Platz dafür gäbe es theoretisch noch im Erdgeschoß, das die atmosphärische Dichte, die einen in den Ausstellungsgeschoßen erwartet, derzeit kaum erahnen lässt. Rechter Hand der ehemaligen Einfahrt befindet sich der Kassenbereich des Museums, der nicht den ganzen Raum ausfüllt. Links davon zeigt das Staatsarchiv noch Präsenz und unterhält hier eine Veranstaltungslocation, die vermietet wird. Auch die beiden Türpaare, die diese Räumlichkeiten vom Foyer trennen, sind ein Wermutstropfen im sonst im Detail sehr sorgfältig von der Planungsgemeinschaft Wehdorn Architekten und dem Ingenieurbüro Ste.p sanierten Gebäude. Die in die Wände der ehemaligen Einfahrt zwischen die Pfeilerstellungen eingefügten Glasportale schaffen zwar einerseits Durchblicke und einen hohen Grad an Offenheit. Im geöffneten Zustand, und das wird wohl öfter der Fall sein, ragen ihre Flügel jedoch weit in das Foyer und bilden unangenehme Barrieren.

Keine Hürde sollte es allerdings sein, das Literaturmuseum zu finden, obwohl an der Fassade nur zarte Schriftzüge den Inhalt des Hauses kundtun und kein Schild in den Straßenraum ragt. Zum Zwecke des Aufmerksamkeitsgewinns bediente man sich des Stückes Feuermauer, das aus der Baulinie der jüngeren Nachbarhäuser hervorsteht. In ähnlicher Manier, wie man es von Aufnahmen Wiener Straßenzüge um 1900 kennt, feiert hier in plakativer Typografie ein typisches Element des Wiener Straßenbildes seine Auferstehung und macht weithin sichtbar auf das Museum aufmerksam.

14. März 2015 Spectrum

In Wald und Wiese gewürfelt

Drei Baukörper mit 31 Gartenhäusern und 31 Geschoßwohnungen bilden ein heterogenes Siedlungsgebiet zwischen Stadt und Land: Essling als architektonische Collage, die Gelassenheit und Wärme ausstrahlt.

Essling wurde 1938 Teil von Groß-Wien. Bis 1970, als das Umland des dörflichen Kerns noch recht ländlich war, erreichte man Essling per Straßenbahn. Heute öffentlich nur per Bus, der immerhin von der nach Aspern verlängerten U-Bahn keine Viertelstunde braucht, vom innerstädtischen Busfahrtakt ist jedoch keine Rede, aber das nimmt man in Kauf, wenn man es ländlich will. In den 1990er-Jahren wurde am Rand des ehemaligen Schlossgartens die Stadterweiterung in Angriff genommen, für die ein EUROPAN-Wettbewerb für junge Architekten Bebauungsvorschläge lieferte. Sieger Martin Feiersinger variierte damals das Thema „Stadtgärten“ mit einer dichten, zweigeschoßigen Bebauung mit innenliegenden Freiräumen zum dörflichen Kern hin und einem Teppich aus flachen Doppelhäusern mit Gartenhöfen Richtung Grünland. Am Rand des ehemaligen Schlossgartens sollten acht aufgestelzte Laubenganghäuser entstehen, unter denen der Park liegt. Von Letzteren realisierte Feiersinger in modifizierter Form vier Blocks. Die übrigen Flächen vergab die Stadt an Bauträger, die mit diversen Architekten eine heterogene Collage an Siedlungsteilen umsetzten.

Für die jüngste Besiedlungswelle in Essling sorgte die vor zehn Jahren ausgerufene Neue Siedlerbewegung, die sich nach Grün sehnende Jungfamilien von der Abwanderung in den niederösterreichischen Speckgürtel abhalten sollte. Mit der alten Siedlerbewegung der Zwischenkriegszeit hat sie nichts gemein, sie musste keinem Notstand abhelfen, sondern populäre Sehnsüchte à la „My home is my castle“ via geförderten Mietwohnungsbau befriedigen. Die letzten Ableger dieses Programmes finden sich an der Seefeldergasse, die nicht etwa wegen der angrenzenden Felder und der nahen Gewässer der Lobau so heißt. Ihren durchaus malerischen Namen erhielt die zuvor naheliegender Weise Gärtnergasse genannte Straße 1955 zu Ehren des Ophthalmologen Richard Seefelder, Professor für Augenheilkunde in Innsbruck. Wie die von der Stadt eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Wiener Straßennamen dokumentierte, war er für das NS-Regime, unter anderem als SS-Untersturmführer, aktiv und hatte zudem mit Wien gar nichts zu schaffen.

Die Kommission führt die Gasse folglich als einen von 28 „Fällen mit intensivem Diskussionsbedarf“. Das trübt das Idyll am Stadtrand, der vom niederösterreichischen Groß-Enzersdorf gerade einmal eine Ackerlänge entfernt ist. Wäre das Autokino nicht jüngst in die Insolvenz geschlittert, es wäre nur ein kurzer Fußmarsch dorthin. Für alles andere – abgesehen vom Radfahren und Spazierengehen in der Natur, aber wer hat dazu schon den ganzen Tag Zeit – ist der Besitz eines Autos ratsam.

Wie schafft man es, in diesem Umfeld siedlungsstrukturellen Halt zu geben und mitten im Wald- und Wiesengürtel eine attraktive Adresse zu schaffen, die so etwas wie Nachbarschaft ermöglicht und nicht nur ein anonymes Nebeneinander? Unter den gegebenen Umständen ist die von Ulrich Huhs und Anna Wickenhauser geplanteSiedlung eine, die den Spagat zwischen Stadt und Land, Privatheit und Miteinander gut bewerkstelligt. Die beiden haben mit der Genossenschaft EBG im Jahr 2009 den Bauträgerwettbewerb gewonnen, umgesetzt haben sie 31 Geschoßwohnungen und 31 Gartenhäuser, alles zur Miete, getrennt. Anna Wickenhauser kombinierte variantenreich gegeneinander versetzt jeweils einen Baukörper auf quadratischem Grundriss und einen langgestreckten Haustyp unter flachen Zeltdächern zu einem Paar. Damit verhinderte sie Monotonie und machte die dazwischen liegenden Wege und Abstände als Raum spürbar. Pergolen und Terrassen schaffen Übergänge zum Privaten. Die dunkel lasierte Fassade und die goldfarben eloxierten Fensterrahmen verleihen den Holzhäusern Charakter und eine gewisse Noblesse.

Ulrich Huhs bleibt bei seinen Viergeschoßern an der Straßenseite in der gleichen Materialität, entschied sich aber für eine helle Lasur der in unterschiedlich breite Streifen strukturierten Lärchenholzfassade und einen stimmigen Beigeton bei den Fenstern. Die Wegführung ist abwechslungsreich und auf jene der benachbarten Siedlung von Junger-Beer abgestimmt. Die Stellung der drei Häuser auf parallelogrammförmigem Grundriss sorgt in den Zwischenräumen für ein angenehmes Entree in die Freiräume der Siedlung und eine spannende Abfolge von Engen und Weiten. Da sich das Esslinger Stadterweiterungsgebiet im Wesentlichen aus kleineren oder größeren Gebäuderiegeln mit Erdgeschoßgärten formiert und außer großen Kinderspielplätzen kaum offener Raum in den Siedlungen vorhanden ist, war hier die letzte Chance, ebensolchen anzubieten. Anna Detzlhofer (DnD Landschaftsplanung) zeichnet für die Gestaltung verantwortlich.Um das hübsche Müllhäuschen entstand ein Vorplatz, Betonbänke begleiten die Bauten, den Innenhof, der sich zum Gemeinschaftshaus mit Dachterrasse aufspannt, gliedern begrünte Rondelle. Er ist nicht als Kinderspielplatz definiert, bietet sich aber auch als solcher an.

Ursprünglich in Massivbauweise konzipiert, entschied man sich während der Planungszeit bei den Geschoßbauten für eine Holzmischbauweise. Stiegenhaus und Sanitärkern sind massiv, der Holzriegelbau umfängt sie dreiseitig wie ein Regal, was den Vorteil mit sich brachte, dass alle Wohnräume komplett in Trockenbauweise errichtet werden konnten und dank nichttragender Innenwände allfällige spätere Adaptionen erleichtert werden. Wie im mehrgeschoßigen Holzwohnbau kaum vermeidbar, wirkten sich die Brandschutzvorschriften formgebend aus, was der guten Form keinen Abbruch tut. Die kräftigen Gesimsbänder aus Stahlblech gliedern horizontal und verhindern den Brandüberschlag zwischen den Geschoßen. Die massiven Brüstungen der Loggien geben Sichtschutz und Distanz zum Freiraum, in den Balkongeländern findet sich die Struktur der Fassaden wieder. Das Benutzen der Stiegenhäuser, die mit großen Fenstern nicht nur gut belichtet sind und Aussicht gewähren, sondern auch ein räumliches Kunstwerk sind, wie man es im Wohnbau selten findet, macht Freude.

Dass die Siedlung schlussendlich eine so wohltuende Gelassenheit und Wärme ausstrahlt, hat mit Anstrengung und sorgfältiger Überlegung zu tun. Die Absenz plakativer Elemente und dennoch kein Funken Monotonie – das würde auch im größeren Maßstab guttun.

7. Februar 2015 Spectrum

Fels und Fluidum

Eine in Österreich wenig präsente Religionsgemeinschaft, die Neuapostolische Kirche, macht zusehends als ambitionierter Bauherr auf sich aufmerksam. Jüngst in Wien-Penzing.

„Der beste Bauherr ist die Kirche“, hat vor etlichen Jahren ein Kärntner Architekt die Situation in seinem Bundesland umrissen. Er bezog sich natürlich auf die katholische Kirche und meinte damit, dass dort Akteure anzutreffen sind, die ihre Baupolitik nicht nach den Kriterien der Bequemlichkeit und des Populismus ausrichten. Der Grad des Kunstverstandes und die Auffassung von Baukultur sind natürlich – wie in der profanen Welt auch – im kirchlichen Bereich nicht allerorts gleich hoch ausgeprägt. „Die Kirche“ hat diesbezüglich aber noch immer einen guten Ruf, und eine Kirche zu bauen zählt zu den begehrten Bauaufgaben vieler Architektinnen und Architekten.

Für Susanne Veit-Aschenbrenner und Oliver Aschenbrenner, die seit 2001 das gemeinsame Büro Veit Aschenbrenner Architekten in Wien betreiben, zieht sich der Sakralbau wie ein roter Faden durch die berufliche Vita. Begonnen hat es für die beiden Bayern während des Studiums an der Technischen Universität München, wo sie mit Friedrich Kurrent in Kontakt kamen, der dort den Lehrstuhl für Kirchenbau innehatte. Aschenbrenner diplomierte bei ihm zum Thema „Kathedrale unserer Zeit“ mit einem „Haus der Gegensätze und der Einheit“ – einem Hyperboloid in der Wüste, von oben indirekt belichtet, außen glatt und maßstabslos, innen ein facettenreich strukturierter gerichteter Zentralraum.

Danach verschlug es die beiden nach Wien ins Atelier von Heinz Tesar – mit der Projektleitung der Kirche in der Donaucity. Es folgten ein paar Beteiligungen an Sakralbau-Wettbewerben mit dem eigenen Büro. Der erste Erfolg, eine Altarraumgestaltung in der Pfarrkirche von Mistelbach: Altar und Ambo als pure orthogonale Körper aus grob geschliffenem, strahlend weißem Marmor, schlichte Sedien aus unbehandeltem, gehobeltem Eichenholz; reduziert und doch sehr symbolgeladen.

Ihren ersten kompletten Kirchenbau verdanken Veit Aschenbrenner der Neuapostolischen Kirche, die sich im 19. Jahrhundert von England und Deutschland aus entwickelte, in Österreich, wo sie derzeit 5100 Mitglieder hat, aber erst 1975 staatlich anerkannt wurde. Drei Jahre zuvor baute man sich in Wien-Penzing an der Ecke Hochsatzengasse/Lautensackgasse eine von Anton Wiltschnig (1913–1977) geplante Kirche. Ein schlichter Bau wie alle Kirchen dieser Religionsgemeinschaft, der zuletzt schwer sanierungsbedürftig war. Als „Bezirkskirche“ für ganz Ostösterreich bot er an die 400 Sitzplätze, die nur bei den selten stattfindenden Bezirks-Gottesdiensten besetzt waren. Also entschloss man sich 2011 zum Abbruch des Altbaus und lud zum Architektenwettbewerb für einen passend dimensionierten Neubau, den Veit Aschenbrenner für sich entscheiden konnten.

Neuapostolische Kirchen sind in der Regel turm- und schmucklos. Als Erkennungszeichen nach außen fungiert nur das Kirchenemblem. „Eine typisch neuapostolische Kirchenarchitektur gibt es nicht. Der sakrale Hauptraum des Kirchengebäudes ist in seiner Gestaltung zentral auf den Altar als der Stätte der Wortverkündigung und der Feier des heiligen Abendmahls ausgerichtet. Nebenräume für gemeindliche Aktivitäten außerhalb der Gottesdienste stehen häufig zur Verfügung.“ Heißt es auf der Kirchenwebsite unter dem Stichwort „Kirchenarchitektur“.

Diese Vorgaben nahmen Susanne Veitund Oliver Aschenbrenner sehr ernst, konnten aber doch nicht umhin, in einem quasi barocken Gestus dem Bau skulpturale Zeichenhaftigkeit zu verleihen. Indem der kompakte Baukörper über dem Altarbereich in die Höhe gezogen wird, entsteht das Zitat eines Turms, das den Bau als Kirche dechiffrierbar macht. Erst von innen werden wir erkennen, dass dank dem erhöhten Teil eine grandiose Tageslichtregie im Kirchenraum gelingt und der von der Straßenseite bei flüchtiger Betrachtung so hermetisch wirkende Bau von einer besonders klugen Choreografie der Öffnungen gekennzeichnet ist.

Der Eingang liegt witterungsgeschützt in die Nordostecke eingeschnitten, durch das Foyer gibt es eine Blickachse zum Garten. Das Tageslicht fließt förmlich entlang der zehn Meter hohen, leicht geneigten Stirnwand, strömt durch die große Oberlichte über die Stirnwand in den Raum und bildet ein immaterielles Altarbild. Zu den Gottesdienstzeiten gibt es keine direkte Sonneneinstrahlung und das schönste – weil indirekte – Licht, betont Oliver Aschenbrenner. Die Bauweise aus dicken Dämmbetonwänden mit Schaumglasschotter als Zuschlag bringt mit sich, dass die Wandoberflächen außen und innen gleich sind, dazu entsprechend im ganzen Gebäude ein Boden aus geschliffenem Estrich. Natürlich drängt sich durch den monolithischen Charakter das biblische Bild vom Fels, auf dem die Kirche gebaut ist, auf. Das Mobiliar stammt selbstverständlich von den Architekten: ein Altarblock in der Materialität des Bodens, Bänke und andere Holzarbeiten in Eiche. Alles ist wohlüberlegt, präzis gesetzt und unterstützt das starke sakrale Fluidum des Raumes.

Auch in ihrer Tauglichkeit für das Gemeindeleben erweist sich die Kirche als robust. Das Begrüßen vor dem Gottesdienst hat in der Gemeinde einen hohen Stellenwert, dem das Foyer einen würdigen Rahmen bietet. Es ist Empfangsraum und zugleich Verteiler in die vielen Nebenräume: Nach oben geht es auf die Empore und zu einem Raum für Kinder mit Blickverbindung in den Hauptraum, beide mit Oberlicht. Räumlichkeiten für Unterricht und Verwaltung finden sich ebenso hier. Nach unten gelegt alles, was man zur Bewirtschaftung braucht – Technik, Lager, Küche, Sanitär – sowie ein schöner Mehrzweckraum, der dank halbgeschoßig abgesenktem Gartenterrain sich raumhoch nach Süden öffnet und ebenerdig ins Freie übergeht.

Mit der Penzinger Kirche hat sich die Glaubensgemeinschaft ein weiteres Mal als Auftraggeber ambitionierter Architektur bewiesen. Vor zehn Jahren schon ließ man sich in Zuchwil bei Solothurn in der Schweiz von den smarch Architekten einen exzentrischen Kirchenbau errichten, der an eine liegende, aufgestelzte Wärmeflasche erinnert und ob seiner räumlichen Qualitäten vielfach gewürdigt wurde. Und auch der vor anderthalb Jahren fertiggestellte Neubau in München-Laim von Haack + Höpfner ist von der feinen Sorte. Scheint ganz so, als würde die Minikirche sich mit den Mitteln der Architektur gegen die mächtigeren Mitbewerber behaupten wollen.

3. Januar 2015 Spectrum

Achtung, Licht!

2015 ist das „Jahr des Lichts“: Die Gestalter des öffentlichen Raumes sind gefordert, denn die Geschäftemacher haben längst Lunte gerochen. Die Künstlerin Siegrun Appelt befasst sich mit dem Medium Licht sowohl in ökologischer als auch ästhetischer Hinsicht.

Mama, warum hängen da oben Lichter?“, fragt der Fünfjährige, als sich die Straßenbeleuchtung bei Einbruch der Dunkelheit einschaltet. „Damit die Straße hell ist.“ – „Die Autos haben Scheinwerfer. Die brauchen das gar nicht!“ – „Auch Fußgänger müssen etwas sehen.“ Er: „Es leuchten ja sowieso die Auslagen der Geschäfte!“ Schon interessant, wie das Stadtkind plötzlich längst selbstverständlich geglaubte Errungenschaften infrage stellt.

Was für kindliche Verwunderung sorgt, beschäftigt die Wissenschaft seit Längerem. Astronomen, Biologen und Mediziner warnen seit Jahrzehnten vor der Lichtverschmutzung, wobei der Terminus ähnlich ungenau ist wie zum Beispiel „Klimaschutz“. Denn genauso wenig wie das Klima schutzbedürftig ist, sondern es vielmehr um die Reduktion des vom Menschen verursachten Klimawandels geht, geht es bei der Lichtverschmutzungnicht um verschmutztes Licht, sondern um negative Auswirkungen von zu viel künstlichem Licht auf die Umwelt.

Spätestens seit der Abschaffung der Glühbirne ist die Diskussion um die Umweltauswirkungen von elektrischem Licht in der Gesellschaft angekommen. Neue Umsetzungsrichtlinien zwingen die Kommunen zu neuenAußenbeleuchtungskonzepten und sorgen zugleich für Goldgräberstimmung bei den Herstellern. Die Aussicht auf einen radikal reduzierten Energieverbrauch durch moderne Leuchtmittel wie LED und damit verbundene langfristige positive Auswirkungen auf die Gemeindebudgets verleiten zu Investitionen, die oft überhastet und unüberlegt sind, wie kritische Beobachter anmerken.

Siegrun Appelt ist eine dieser kritischen Stimmen. Die Künstlerin befasst sich seit etlichen Jahren mit dem Medium Licht. Im Rahmen ihres künstlerischen Forschungsprojekts Langsames Licht/Slow Light geht es ihr nicht um die Inszenierung der Beleuchtung im Sinne einer (dekorativen) Lichtkunst, sondern um das Bewusstmachen ihrer Auswirkungen sowohl in ökologischer als auch räumlich-ästhetischer Hinsicht. Mit der Arbeit „64 kW“ thematisierte sie im Deutschen Pavillon bei der Architekturbiennale in Venedig 2008 den Zusammenhang zwischen Energienutzung und -verbrauch und führte vor, dass Energieeinsparung nicht zwangsläufig Verzicht bedeuten muss, sondern auch einen Mehrwert bringen kann. Für Plätze in Berlin und Luzern schlug sie – unrealisiert gebliebene – Lichtkonzepte vor, die auf dem Prinzip des Lichtrecyclings beruhen: Unerwünscht vorhandenes Streulicht wird als Basisbeleuchtung genutzt und behutsam dort ergänzt, wo es nötig ist, den öffentlichen Plätzen Charakter und Kontur zu geben. Im Zuge all ihrer Projekte ist es Appelt wichtig, nicht bloß eine Beleuchtungsaufgabe zu erfüllen, sondern auch auf vorhandene Lichtphänomene hinzuweisen, um anhand dieser das Bewusstsein für die unterschiedlichen, meist alltäglichen Situationen zu schaffen, in denen Licht die Wahrnehmung unserer Umwelt verändert und prägt. Im Zusammenhang mit dem Lichtprojekt Wachau, für das sie im November den Anerkennungspreis des Niederösterreichischen Kulturpreises in der Sparte Architektur erhielt, machte sie zum Beispiel auf – in Tourismusregionen seltene – Fälle von Absenz elektrischer Beleuchtung aufmerksam, oder auf das Schauspiel, das die Scheinwerferkegel fahrender Autos bieten.

Besonders an den Beleuchtungen historischer Architekturen ist signifikant nachzuvollziehen, dass weniger Licht bei richtigem Einsatz mehr zeigen kann als üppiges Lichtspiel. Indem Appelt mit minimierter Lichtstärke LED-Lichtpunkte gezielt auf die Bauten – darunter etliche Wachauer Kirchen oder der Bahnviadukt von Emmersdorf – richtet und so bewusst Schatten setzt, gelingt es ihr, die charakteristischen architektonischen Strukturen zu akzentuieren. Während anderswo, an touristischen Leitbetrieben ebenso wie an Baudenkmälern, im Ringen um die Aufmerksamkeit kitschige Illuminierungs-Spektakel die Bauwerke im Licht ersäufen, ist Siegrun Appelts Arbeit ein Plädoyer dafür, nicht nur die energetischen Effekte der neuen Leuchtmittel, sondern auch die ästhetischen, emotionalen und physischen Wahrnehmungsebenen zu beachten. „Nicht einmal ein Kleinkind blickt freiwillig minutenlang in direktes Sonnenlicht. Alle schauen weg, sobald die Adaption der Augen nicht mehr genügend Schutz vor Schäden bieten kann“, sagt die Künstlerin und zieht Parallelen zu den Blendpunkten von LED-Leuchtmitteln. „Deren Leuchtdichten reizen unsere Augen stärker als herkömmliche künstliche Lichtquellen. Es wäre ratsam, über die Konsequenzen nachzudenken.“

Dabei ist sie die Letzte, die von den Licht emittierenden Dioden abraten würde. Sie hätten neben der Energieeffizienz weitere große Vorteile. Man könne damit das Licht exakt führen, sie sind vielfältig steuerbar und dimmbar. Auch die Farbtemperaturen hat man längst in den Griff bekommen. Das kalte Licht, das den LEDs Kritik einbrachte, sei heute kein Thema mehr. Sehr wohl aber die starken Blendeffekte. Wenn man effizientes Licht will, seien die Chancen auf Blendfreiheit gering, meint Siegrun Appelt. Die Entwicklung blendfreier Leuchten müsse unbedingt forciert werden.

Noch gar nicht beachtet seien die Auswirkungen des Zusammenspiels von Straßenbeleuchtung und Autolicht. Immer heller und präziser gerichtete Scheinwerfer führten, so Appelt, aufgrund des Adaptionsverhaltens unserer Augen dazu, dass Bereiche außerhalb des Scheinwerferlichts nur noch dann gut wahrgenommen werden können, wenn auch das Umgebungslicht sich den Lichtstärken der Scheinwerfer anpasst. „Wenn ein Licht heller wird, muss das andere reagieren. Wird eines gedimmt, stellt das andere eine potenzielle Gefahr dar.“ Es sei wichtig, die Sinne zu schärfen und Zusammenhänge zu erkennen, um dem Wetteifern der Lichter Einhalt zu gebieten.

Nicht die Menge des Lichtes ist wichtig, um Dinge sichtbar und Räume sicher zu machen, sondern seine bewusste Setzung – ein Thema, dem auch in Architektur, Städtebau und Denkmalpflege mehr Beachtung gewidmet werden könnte. Da trifft es sich gut, dass die UNESCO das Jahr 2015 zum „Internationalen Jahr des Lichts“ erkoren hat. Im November wird aus diesem Anlass und ergänzend zum Lichtprojekt Wachau im Rahmen von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich ein Symposium stattfinden, das die Thematik umfassend behandeln soll.

In Mühldorf in der Wachau bewies Siegrun Appelt, was reduziertes Licht zu leisten vermag. Anstelle einer herkömmlichen Straßenbeleuchtung „malte“ sie auf dem Weg zur Burg Oberranna mit gezielt auf signifikante Landschaftsausschnitte gerichteten LED-Strahlern dreidimensionale Landschaftsbilder in die Nacht. Sie machen Raumsequenzen neben der Straße sichtbar und geben so Orientierung und Sicherheit. Es wird kein Licht in den Himmel gestrahlt, weder die Sterne noch das Leuchten der Glühwürmchen erhalten Konkurrenz. Damit die Fauna in den alten Obstwiesen nicht zu lang irritiert wird, ist die Beleuchtung bei Bedarf per Knopfdruck einschaltbar. Poetisch und pragmatisch zugleich.

29. November 2014 Spectrum

Nobel durch das Haus

Es lässt sich auch im verdichteten Wohnbau so fein wie im eigenen Haus wohnen – wenn nicht gar noch feiner. Der Wiener Speckgürtel goes Haute cuisine. Ein Lokalaugenschein in Mödling.

Eine Eigentumswohnanlage, freifinanziert, im Wiener Speckgürtel? Gibt es nichts Relevanteres, worüber man an dieser Stelle berichten könnte, noch dazu wo gerade das Einfordern eines finanzierbaren Wohnbaus beziehungsweise das Bewerben desselben bei Politikern aller Couleurs – Vorwahlkampfzeit ist – wieder groß in Mode ist und selbstverständlich diskutiert werden muss, an welchen Schrauben zu drehen wäre, um die Wohnungskosten zu senken? Nun, der heute vorzustellende Wohnbau liegt ihn Niederösterreich, wo eine Geschoßwohnung noch immer mit einem gewissen Hautgout behaftet ist. Wer sozial und wirtschaftlich halbwegs in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt ist, wohnt in den Kleinstädten und Dörfern bevorzugt im nach wie vor gut mit öffentlichen Förderungsmitteln bedachten Einfamilienhaus anstatt im pluralistischen Geschoßwohnungsbau.

In den peripheren Regionen, wo Baugründe um weit unter 50 Euro pro Quadratmeter zu haben sind, stellt sich spätestensdann, wenn eine Familiengründung angesagt ist, im Normalfall gar nicht die Frage, ob Haus oder Wohnung. Die Folgen sind bekannt: zersiedelte Gegenden, gegen die ein Fertighaus-Ausstellungsgelände ein harmonisches Ensemble ist. Dazu kommen Infrastrukturkosten und Aufwendungen für Sozialversorgung wie Schülerbus oder Heimhilfen, die ein Mehrfaches von jenen in verdichteten Gebieten ausmachen. Allein die durch die technische Erschließung für ein freistehendes Einfamilienhaus verursachten Mehrkosten werden zu maximal 37 Prozent vom Bauwerber bezahlt werden, hat der Architekt und Raumplaner Friedrich Schindegger im Rahmen einer Diskussion in Graz vor wenigen Jahren vorgerechnet, der Rest werde von der Allgemeinheit getragen.

Den Schaden, den die im Einfamilienhausbau übliche Schattenwirtschaft anrichtet, mag man sich gar nicht vorstellen. Solange diese Umstände zu wenig thematisiert werden, wird sich kaum etwas ändern. Es sei denn, die Grundstückspreise ziehen an – was im Bezirk Gmünd wohl kein Thema sein wird, in Bezirken rund um Wien hingegen sehr wohl. Doch auch in den teuren Lagen sind die verdichteten Wohnformen als wahre Alternativen zum Einfamilienhaus mit rundherum eigenem Garten rar, und deshalb soll ein kluges Projekt, das in diesem Segment des feinen, großzügigen Geschoßwohnungsbaus angesiedelt ist, durchaus vor den Vorhang geholt werden.

Geplant haben ihn die Geiswinkler & Geiswinker Architekten, deren Entwurf siegreich aus einem vom Wiener Bauträger Neues Leben im Jahr 2011 ausgelobten Wettbewerb hervorgegangen ist. Am bisherigen Werk von Markus und Kinayeh Geiswinkler haben Wohnbauten – vor allem geförderte Wohnhausanlagen in Wien – den größten Anteil. Das 23 Wohnungen umfassende Haus in Mödling ist ihr erster Wohnbau in Niederösterreich. Das Grundstück zwischen dem denkmalgeschützten Litschauerhof und demGebäude des heute als Jugendzentrum genutzten Mädchen-Lyzeums des Otto-Wagner-Schülers Sepp Hubatsch aus dem Jahr 1905 reicht bis an den Mödlingbach. Die Geiswinklers entschieden sich, die Gunst der Lage zu nutzen und organisierten den Wohnbau gleichsam als Durchhaus mit einer Voraus- und einer Hintausseite. Ein Vorplatz mit Brunnen, eine „große Geste“ in Form eines großen Bügels und die nach außen über alle Geschoße verglaste Erschließungszone bilden ein repräsentatives Entree zur inneren Gasse, die geradlinig durch das Gebäude in den Garten führt und dort in einen Gartenweg übergeht, der in einer neu errichteten Brücke über den Mödlingbach mündet und das Grundstück an die Promenade am andern Bachufer und somit fußläufig ans Stadtzentrum anbindet.

Beiderseits der inneren Gasse stapelten sie von außen nach innen gestaffelt in vier Ebenen die Geschoßwohnungen und Maisonetten. Was auf den ersten Blick aufwendig und kompliziert aussieht, folgt einem raffiniert einfachen Schema. Die tragende Primärstruktur mit konsequent entlang den Erschließungszonen liegenden Sanitärschächten erlaubte dank der Absenz tragender Trennwände eine hohe Flexibilität an Wohnungstypen. Von einem 45 Quadratmeter großen Grundmodul ausgehend, konnten ganze und halbe Module horizontal und vertikal so gut wie beliebig kombiniert werden. Die vom Lift und den Treppenläufen wegführenden Brücken und Gänge bilden im nach obenhin durch die Stapelung sich verjüngenden Luftraum ein schönes räumliches Gefüge von Wegen und Durchblicken. Eine ähnlich großzügig wirkende Methode der Erschließung haben Geiswinkler & Geiswinkler auch bei ihrem Wohnbau auf den Wiener Mautner-Markhof-Gründen gefunden, und auch in ihrem Wohnbau im Karrée Sankt Marx geht einem angesichts der völlig unbeklemmenden, inneren Erschließung das Herz auf.

Im etwas eleganteren Mödlinger Wohnbau ist es nicht nur die Großzügigkeit, die besticht, sondern auch die Ausbildung der Oberflächen und Details. Während außen mit dem Weiß der Fassadenverkleidung aus Aluminiumverbundplatten, den kontrastierenden dunklen Fenstern sowie dem Sichtbeton an Umfassungsmauern, Brunnen und Spielplatzüberdachung eher eine distanzierte Kühle waltet, macht sich innen elegante Gediegenheit bemerkbar. Im stärker frequentierten Erdgeschoß wurde die durchführende interne Gasse mit einem schönen dunklenTerrazzo belegt, alle Treppen, Gänge und Brücken in den Obergeschoßen sind mit einem dunklen Hartholzboden belegt. Fußmatten sind bündig in den Holzboden eingearbeitet, die verchromten Handläufe liegen vertieft in der Wand. Die rahmenlose Glasbrüstung, bündig in die Decken eingefügte Lichtbänder – alles ist akkurat und sorgfältig gelöst, nirgendwo „knirscht“ es.

Es ist ein Haus, in dem die Menschen individuell leben möchten, das spürt man. Es gibt zwar den Vorplatz, den gemeinsamen Garten und einen Kinderspielplatz und die großzügigen internen Erschließungsflächen. Es ist aber fast nicht vorstellbar – oder zumindest zeichnet es sich jetzt noch nicht ab –, dass hier die Bewohner nennenswerte individuelle Spuren hinterlassen werden. Dazu gibt es die großzügigen Terrassen mit Holzboden, die allerdings von außen kaum einsehbar sind. Dennoch sind die halbprivaten Bereiche wichtig, einerseits für das schöne Gefühl, das ein gut inszeniertes Entree bereitet, und auch als zufälliger, ungezwungener Begegnungsraum ohne Verpflichtungen. Waschküche gibt es keine, in diesem Wohnungssegment hat man, wie im Einfamilienhaus, seine eigene Waschmaschine. Dafür gibt es nächst dem Eingang einen Raum mit Fitnessgeräten – die machen sich auch in einer größeren Wohnung nicht so gut. Weiters soll hier noch eine Ausstattung mit gekühlten Zustellboxen erfolgen, dann kann der Einkauf unabhängig von der persönlichen Anwesenheit ins Haus geliefert werden.

Schon in den späten 1960er-Jahren hat Eugen Wörle mit der Terrassensiedlung „Goldene Stiege“ Mödling eine bis heute frisch und elegant wirkende Siedlungsanlage beschert. Geiswinkler & Geiswinkler schließen mit ihrer kleineren Anlage ein wenig daran an und beweisen, dass es sich auch verdichtet fein wohnen lässt.

11. Oktober 2014 Spectrum

Abgeholt wird später

Viel Holz, viel Raum, viel Gelassenheit: Der Susi-Weigel-Kindergarten drückt Wertschätzung für die jüngsten Bludenzer ebenso aus wie für eine verdienstvolle Wahl-Vorarlbergerin.

Es ist nicht nur deine Angelegenheit! Es ist auch unsere. Sehr sogar“, lässt Mira Lobe die Kinder des Bürgermeisters in ihrem 1970 erschienenen Kinderbuch „Das Städtchen Drumherum“ sagen. Der Wald nahe der kleinen Stadt soll nämlich den Stadterweiterungsgelüsten des Bürgermeisters zum Opfer fallen. „Der tiefere Sinn der Schreiberei für Kinder ist meiner Meinung nach der, dass sie zur Selbstbestimmung gebracht werden sollen“, war die 1995 verstorbene Kinderbuchautorin überzeugt. In Bludenz, der Vorarlberger Kleinstadt mit ebenfalls viel Wald drumherum, löste in den 1960er-Jahren sogar Schreiberei für Architekten eine kluge Siedlungsinitiative aus: ein in der Presse erschienener Text von Friedrich Achleitner über den horrenden Bodenverbrauch von Einfamilienhäusern motivierte zur Errichtung der „Siedlung Halde“, einem gemeinschaftlichen Siedlungsprojekt auf einem steilen Hanggrundstück am Stadtrand, mit der Architekt Hans Purin eine Pionierleistung im ökonomischen Siedlungsbau in Holzbauweise erbrachte.

Für den neuen Kindergarten wirkte die Kinderliteratur inspirierend. Bernardo Bader, 40-jähriger Architekt mit Bürositz in Dornbirn, zählt zu den kulturell sensibelsten Baukünstlern der jüngeren Generation. Das konnte er bislang hauptsächlich erst bei zahlreichen kleineren Bauaufgaben unter Beweis stellen, vor allem aber beim vielfach rezensierten und mit dem Aga-Khan-Preis ausgezeichneten Islamischen Friedhof in Altach. Der Bregenzerwälder ist ein leidenschaftlicher Verfechter des Bauens mit Holz. Beim neuen fünfgruppigen Kindergarten in Bludenz hat er kulturelle Weitsicht und ökonomisch sinnvollen Holzeinsatz überzeugend verbinden können.

Zwei Ausgangspunkte waren für den neuen Standort am Stadtrand wesentlich: Zum einen war Sparen angesagt. Dem kam einerseits die kompakte Bauform entgegen, andererseits die Bauweise. Denn Bader empfahl das Bauen mit stadteigenem Holz. Bludenz ist der drittgrößte Waldbesitzer im Ländle, verbaut hat man das Holz bislang jedoch selten. Zum anderen wollte der Architekt Susi Weigel ein Denkmal setzen. Der aus Mähren gebürtigen, in Wien an der Hochschule für angewandte Kunst und der Akademie ausgebildeten Illustratorin und Trickfilmzeichnerin wurde Vorarlberg in den 1950er-Jahren bis zu ihrem Tod im Jahr 1990 zur neuen Heimat. Bernardo Bader war es ein Anliegen, seinen Kindergarten, der in der Wettbewerbsausschreibung noch „Kindergarten Klosterbühel“ hieß, nicht nur nachSusi Weigel zu benennen, sondern ihre Arbeit im Gebäude spürbar werden zu lassen – was in vielerlei Hinsicht gelungen ist.

Der von außen nüchtern wirkende kompakte Quader entpuppt sich als sehr sorgfältig überlegtes Raumgefüge, bei dem nichts überinszeniert ist, aber dennoch sinnliches Erleben und vor allem Bewegungsfreiheit gewährleistet sind. Rund um das Gebäude blieb viel Freiraum – und auch der alte Nussbaum – erhalten. Der Eingangsbereich liegt in einem Einschnitt des von Föhrenholz umhüllten Quaders entlang des vorbeiführenden Weges und ist mit diesem völlig niveaugleich. So wird ein witterungsgeschützter Zugang geschaffen, in dem sich auch Fahrräder und Kinderwagen abstellen lassen, ohne eine Stufe überwinden zu müssen.

Innen fällt zuerst die zentrale zweigeschoßige Halle auf. Es ist ein schöner Raum, schlicht und ein bisschen feierlich, mit nach oben führender Treppe und viel Tageslicht, das ebenfalls von oben einfällt. Hier merkt man, dass es keine reine Holzkonstruktion ist, sondern ein Mischbau in Kombination eines Stahlbetonkerns in Sichtbeton-Ausführung und einer Holzelementbauweise. Mittig ein dekorativer Luster als einziger ornamentaler Akzent, dazu große Rundkissen in Gelb und Blau. Weit und hell ist es; es riecht gut. Der Eschenboden zeigt sich nicht geschliffen und dicht versiegelt, sondern sägerau im Bandsägeschnitt und geölt. Wand- und Deckenverkleidungen sind aus Tannenholz, das mit dem Sichtbeton gut harmoniert. Die Brüstungen der Treppe und der Galerie wurden als durchlässiges Stabgeländer und nicht geschlossen ausgeführt, das ist dem Eindruck der Weite förderlich und ganz besonders dem Durchblick der Kinder.

Drei Raumgruppen sind jeweils um das Zentrum angeordnet. Im Erdgeschoß befinden sich Büro, Besprechungsraum und Kantine sowie zwei Kindergartengruppen. Darüber drei Kindergartengruppen plus einem Bewegungsraum. Jeder Gruppenraum liegt in einem Gebäudeeck und ist von zwei Seiten belichtet. Die großen, fixverglasten Fensterflächen mit kindgerecht niedrigen Parapeten rahmen Ausschnitte der Umgebung. Begleitend dazu gibt es schmale Lüftungsflügel aus Holz. Jedem Gruppenraum ist ein kleinerer Ruheraum beigestellt, der vorbei an Lagerraum und Sanitärzelle erreichbar ist und ebenso einen direkten Zugang auf die Galerie oder in die Halle hat.

„Es ist wichtig“, so Bernardo Bader, „dass bei einem Kindergarten alle Flächen nutzbar sind“, also nicht nur monofunktional als Gang oder Garderobe taugen. Bei einer linearen Anordnung der Räume sei dies schwieriger zu bewerkstelligen. In gewisser Weise hat somit auch er ein kleines Städtchen Drumherum für die Kinder geschaffen – mit dem zweigeschoßigen Zentralraum als vielseitig verwendbarem Hauptplatz in der Mitte, der – wie sich beim Besuchan einem regnerischen Tag erweist – perfekt als Fläche für Gruppenspiele und zum Erproben der ersten Fahrkünste geeignet ist. Andere vertraute Figuren und Motive Susi Weigels finden sich auf den Glasflächen wieder. Sie sind Teil des Gestaltungskonzeptes der Farbdesignerin Monika Heiss, das dezentAkzente setzt, aber weder Architektur noch Kindern Konkurrenz macht.

Gut proportionierte Räume, viel Platz, hohe Funktionalität – schon allein darüber wäre man in den meisten Kindergärten froh. In jeder Fuge und bei jeder Kante spürt man überdies, dass jedes Detail wohlüberlegt ist. Auch einen Teil der Möbel hat Bernardo Bader entworfen, wie die Schränke mit den Spielzeugkisten, und ebenso die wunderbar ausgeklügelten Garderoben, in deren obere Ablage eine indirekte Beleuchtung integriert ist, die den Zentralraum noch heller und weiter wirken lassen. Trotz der vielen Raffinessen wirken die Räume nicht Ehrfurcht gebietend, sondern alles zusammen ist von einer unangestrengten Gelassenheit. Das fördert gewiss die Selbstbestimmung der Kinder, und Susi Weigel hätte wohl genauso ihre Freude daran gehabt.

Publikationen

2021

Architektur in Niederösterreich 2010–2020
Band 4

Der vierte Band der erfolgreichen Reihe Architektur in Nieder­österreich dokumentiert das Baugeschehen in diesem Bundes­land zwischen 2010 und 2020. Hundert mittels Text, Bild- und Planmaterial beschriebene Projekte legen Zeugnis ab von der Vielfalt und der Qualität ausgewählter Beispiele in sieben Ka­tegorien.
Hrsg: ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich
Autor: Franziska Leeb, Eva Guttmann, Isabella Marboe, Gabriele Kaiser, Christina Nägele
Verlag: Park Books

2019

querkraft – livin‘ architecture / Architektur leben lustvoll querdenken

Menschen Raum zu geben, Bühnen für das Leben in all seinen Facetten zu schaffen, querzudenken und den Mut zu haben, von eingetretenen Pfaden abzuweichen und nicht alles bierernst zu nehmen – so könnte man die Arbeitsweise von querkraft in kürzester Form zusammenfassen. Zum 20-jährigen Bestehen des Wiener
Hrsg: Franziska Leeb, Gabriele Lenz
Verlag: Birkhäuser Verlag

2013

Walter Zschokke. Texte
Gesammelte Texte des Architekten und bedeutenden Architekturpublizisten und Kurators Walter Zschokke (1948–2009)

Der Aargauer Architekt Walter Zschokke (1948–2009) hat über drei Jahrzehnte das Architekturschaffen und baukulturelle Geschehen in seinen beiden Heimaten, Österreich und Schweiz, beobachtet, kommentiert und analysiert. Der vorliegende Band ist die erste Sammlung seiner pointierten, ungebrochen aktuellen
Hrsg: Franziska Leeb, Gabriele Lenz, Claudia Mazanek, ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich, ZV der Architekt:innen Österreichs
Verlag: Park Books

2011

ORTE. Architektur in Niederösterreich III. 2002 – 2010

Die von Walter Zschokke initiierte und von ORTE herausgegebene Publikationsreihe setzt mit Band 3 die Bestandsaufnahme qualitätsvoller Architektur in Niederösterreich fort. Das Autorinnenteam – Eva Guttmann, Gabriele Kaiser und Franziska Leeb – hat aus einer Fülle an Bauwerken eine exemplarische Auswahl
Hrsg: ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich
Autor: Franziska Leeb, Eva Guttmann, Gabriele Kaiser
Verlag: SpringerWienNewYork

2009

Wohnen pflegen leben
Neue Wiener Wohn- und Pflegehäuser

Die Publikation liefert einen umfassenden Diskussionsbeitrag darüber, was zeitgemäße Raum- und Funktionsprogramme von Pflegeeinrichtungen leisten sollen und können und stellt dar, was Geriatrieplanung heute bedeutet und wie sich eine Kommune den Herausforderungen, die eine alternde Gesellschaft mit sich
Autor: Franziska Leeb
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH