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Profil

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Innsbruck
1996 – 2003 freie Mitarbeiterin bei der Tageszeitung Der Standard
1998 – 2001 Chefredakteurin des Fachmagazins architektur
2003 – 2006 Geschäftsführerin von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich
seit 2006 freie Mitarbeiterin Spectrum/Die Presse
seit 2012 freie Mitarbeiterin bei architektur.aktuell
2015 – 2016 Chefredakteurin von KONstruktiv
seit 2019 Vorsitzende von ORTE Architektur Netzwerk Niederösterreich
arbeitet als freie Architekturpublizistin in Wien

Lehrtätigkeit

2003 – 2012 Abteilung für Wohnbau und Entwerfen am Institut für Architektur und Entwerfen der TU Wien

Mitgliedschaften

Zentralvereinigung der Architekt:innen Österreichs
ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich

Publikationen

Ordnung und Öffnung, in: Das österreichische Parlamentsgebäude - Facetten einer Erneuerung, Hrsg. Republik Österreich/Parlamentsdirektion, Park Books, Zürich 2023
ORTE – Architektur in Niederösterreich 2010-2020, Park Books, Zürich 2021 (mit Eva Guttmann und Gabriele Kaiser)
querkraft - livin' architektur/architektur leben, Birkhäuser Basel, 2019 (hrsg. mit Gabriele Lenz)
Architektur von Dietrich|Untertrifaller, Birkhäuser Basel, 2017 (hrsg. mit Gabriele Lenz)
Generationen Wohnen. Neue Konzepte für Architektur und soziale Interaktion | Alter(n)sgerechtes Planen und Bauen, Edition Detail, München 2015 (mit Christiane Feuerstein)
Walter Zschokke.Texte, Park Books, Zürich 2013 (hrsg. mit Gabriele Lenz und Claudia Mazanek)
ORTE – Architektur in Niederösterreich 2002-2010, Springer, Wien 2010 (mit Eva Guttmann und Gabriele Kaiser)
Wohnen, pflegen, leben – Neue Wiener Wohn- und Pflegehäuser, Bohmann Verlag, Wien 2009

Artikel

10. September 2006 Spectrum

Weiß, pur, klar

Rom jubelt, Rom schimpft. Zwei Bauten Richard Meiers: eine Kirche, die weiß ist und weiß bleibt, und ein Museum, das ein Monument einhüllt - und manche an eine Tankstelle oder eine Kläranlage erinnert.

Ein jüdischer Architekt hat den Wettbewerb für den Neubau einer Kirche in Rom gewonnen", vermeldete Radio Vatikan vor zehn Jahren. Es ging nicht um irgendeine Kirche, sondern um die „Jubiläumskirche“ für das Heilige Jahr 2000. Fertiggestellt wurde sie erst drei Jahre später. Und jetzt, wo die Jubelhymnen des internationalen Architekturfeuilletons über den spektakulären Sakralbau verstummt sind, der Ansturm der Architekturtouristen sich gemäßigt hat und das effektvoll publizierbare Gotteshaus sich im Alltag bewähren muss, kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass es nicht unbedingt einen guten Katholiken als Architekten braucht, um hochklassige, spirituelle Kirchenarchitektur zu planen. Richard Meier - bekannt für seine ausgeprägte architektonische Handschrift und die stets weißen Bauten - gewann den Wettbewerb gegen seine renommierten Kollegen Frank Gehry, Günther Behnisch, Santiago Calatrava, Peter Eisenman und Tadao Ando. Fast zeitgleich beauftragte der damalige römische Bürgermeister und jetzige Kulturminister Francesco Rutelli den New Yorker Pritzker-Preisträger direkt mit der Planung einer neuen, heuer fertiggestellten Einhausung der Ara Pacis im historischen Zentrum und sorgte damit für eine hitzige Architekturdebatte. Doch davon später.

Den Akzent des schwarzen Priesters, der im August den Pfarrer vertritt, versteht die rüstige Pensionistin nicht recht und zieht deshalb ein Schwätzchen auf dem Kirchenvorplatz der Predigt vor. Aber auf die neue weiße Kirche ist sie ebenso wie die anderen Gemeindemitglieder sichtlich stolz.

Wie ein Schiff mit drei riesigen, vom Wind geblähten Segeln steht der strahlend weiße Bau inmitten des Wohnviertels Tor Tre Teste am östlichen Stadtrand von Rom. Auf den ersten Blick ist er ein Fremdkörper zwischen den hohen Wohnblocks. Eine weitläufige, mit Travertin gepflasterte Piazza liefert dem glamourösen Schiff einen adäquaten Ankerplatz. Mauern umgeben den schlichten, unmöblierten Platz. Die profane Umgebung ist weitgehend ausgeblendet. Die Vermutung, es sei Überheblichkeit und Effekthascherei bei der Konzeption dieses katholischen Prestigebaus im Arbeiterviertel zugange gewesen, zerschlägt sich vor Ort sofort. Kirche und Platz sind ein Hort der Ruhe und eine städtebauliche Mitte in einer disparaten Umgebung. Schnell erschließt sich das Gebäude, das trotz der eigenwilligen Form durchaus klassischen Kirchenkonzeptionen mit Hauptschiff, Seitenschiffen und Glockenturm entspricht. Viel Tageslicht - und im August auch die Sommerhitze - erfüllen den Kirchenraum durch die verglasten Dächer, die zwischen die weißen Betonscheiben gespannt sind. Innovative Technologie soll das Weiß der Kirche „Dives in Misericordia“ langfristig erhalten.

Mehl aus Carraramarmor macht die Betonfertigteile strahlend weiß, und beigemengte Partikel aus Titanoxid - das Ganze nennt sich fotokatalytischer Zement - sorgen dafür, dass organische Schmutzpartikel durch Sonneneinstrahlung abgebaut werden.

Neben der lichtdurchfluteten Kirche beinhaltet der Komplex ein viergeschoßiges Gemeindezentrum, das im Norden an den hohen Kirchenraum anschließt. Es ist erstaunlich, wie pur sich das Innere auch nach einigen Jahren Gebrauch präsentiert. Keine Spur von Gummibäumen und Teppichen, mit denen in modernen Kirchen oft hilflos wirkende Versuche zur Vergemütlichung eines kargen Raumes unternommen werden. Meier gelang trotz der Klarheit und Absenz von Farbe ein Raum von hoher Spiritualität, der selbst ohne Hintergrundwissen zum Symbolgehalt sich den Besuchern und Gläubigen zu erschließen vermag. So richtig überzogen wirken eigentlich nur die von Bulgari für die Kirche hergestellten liturgischen Gegenstände aus Silber, die wie in einem Juwelierladen präsentiert werden.

Wenig schmeichelhaft hingegen sind die Attribute, die Meiers zweitem Bau in Rom zugedacht wurden: Tankstelle oder gar Kläranlage nennen die Römer die neue Einhausung der Ara Pacis. Der ursprünglich an der Via Flaminia, der heutigen Via del Corso, situierte Altar wurde unter Mussolini zum 2000. Geburtstag des als Vorbild gut tauglichen Imperators Augustus an einer im Stadtbild wirkungsvolleren Stelle als dem Fundort, zwischen Augustus-Mausoleum und dem heute stark vom Verkehr frequentierten Lungotevere wiederhergestellt. Überbaut wurde er nach Plänen des Architekten Vittorio Ballio Mopurgo (1890 bis 1966) mit einem für damalige Verhältnisse ungewöhnlich großzügig verglasten tempelartigen Pavillon.

Da der alte Schutzbau angeblich die Konservierung des zur Erinnerung an die Pax Augusta und zur Huldigung des Kaisers im Jahr neun vor Christus eingeweihten Altares mit seinen kostbaren Reliefs nicht mehr gewährleistete, beschloss Bürgermeister Rutelli den Abriss und bestellte bei Richard Meier einen räumlich umfassenderen Neubau für ein Ara-Pacis-Museum, der zwangsläufig größer als der Vorgängerbau werden musste. Die Römer standen dem Vorhaben von Anfang an skeptisch gegenüber, forderten gar den Abriss, und selbst nach der unter Polizeischutz vorgenommenen Eröffnung am 21. April, dem Jahrestag der Gründung Roms, haben sich die Wogen der Entrüstung nicht geglättet. Zu massiv sei der Bau, er gebe nach außen hin zu wenig vom Altar preis, und es wurde „in architektonischer, archäologischer und historisch-städtebaulicher Hinsicht mit dem Neubau der Bezug zum Kontext radikal verfehlt“, wie es einer der vehementesten Gegner, der Architekt Giorgio Muratore (bauwelt, Juni 2006), formuliert, dem eine unspektakuläre Sanierung des Bestandes lieber gewesen wäre.

Mehrmals musste Meier den Entwurf überarbeiten und zum Beispiel die zum Lungotevere hin abschirmende Natursteinwand verkleinern. Und obwohl die in den harten Kontroversen vorgebrachten Argumente der Gegner nicht ganz nachvollziehbar sind, wünschte man sich heute doch, das Projekt wäre mit weniger Sturheit seitens der römischen Stadtregierung durchgeboxt worden. Im Vergleich zur Kirche am Stadtrand ist das Ara-Pacis-Museum in architektonischer Hinsicht wenig aufregend. Es erfüllt die Funktion, dem antiken Bauwerk eine bestens klimatisierte Hülle und den Besucherscharen eine höchst angenehme Besichtigung zu gewährleisten - viel mehr aber nicht.

Jener Zeitgenosse, der auf der Abbildung am Bauzaun das Gebäude mit einem „Ikea“-Logo versah, hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ordentliches Design, gut brauchbar, aber für die ganze große Klasse reichte es halt nicht.

16. Juli 2006 Spectrum

Und woraus sind die Ziegel?

Wie plant man einen Tunnel? Wie baut man eine Moschee, einen Staudamm, einen Wolkenkratzer? Architektur-bücher für Kinder geben Antworten auf Fragen, die auch Erwachsene ratlos machen.

Wenn das Urlaubsprogramm nicht nur Sandburgen-Bauen und Freizeitpark-Besuche vorsieht, sondern die Altvorderen sich zur Kulturbeflissenheit verpflichtet fühlen, kommt vielen Kindern das Gähnen. Baustile, Architektennamen, Jahreszahlen und historische Anekdötchen, von routinierten Fremdenführern heruntergerasselt, sind für Kinder fad, und die Begeisterung für Räume, Konstruktionen und das Entstehen von Bauten und Städten hält sich deshalb in Grenzen. Legoland ist unterhaltsamer, und Architektur en miniature gibt es dort ja auch.

Doch dieselbe Wissbegierde und Leidenschaft, die alle Kinder dank hervorragender Vermittlungsprogramme in den Zoos, zahlreicher Fernsehdokumentationen und nicht zuletzt Büchern für Tiere jeglicher Art entwickeln können, legen sie auch für Architektur an den Tag - wenn sie ihnen entsprechend dargeboten wird.

Besonders für die Kleinsten und die Vorschulkinder, die ja bekanntlich die meisten Fragen stellen, ist die Auswahl extrem dünn. Gut, Bilderbücher à la „Wie gehen auf die Baustelle“ oder „Unsere kleine Stadt“ gibt es in Hülle und Fülle. Aber sie widmen Baugruben und diversem Baugerät mehr Platz als den Häusern, die darin und damit gebaut werden, und bereiten das Verkehrsgeschehen interessanter auf als die gebauten Strukturen der Stadt.

Klar, Architektur ist ein komplexes Thema, aber warum so wenig Autoren und Verlage Spannendes darüber zu erzählen wagen, ist nicht ganz nachvollziehbar. So gut wie alle Kinderbücher, die unter dem Schlagwort „Architektur“ in den Verlagsprogrammen auffindbar sind, richten sich an Kinder ab acht. Da aber Kinder nicht acht Jahre lang von der Baukunst und von baukulturellen Sündenfällen ferngehalten werden können und sich bereits Zweijährige gotischen Domen, gläsernen Hochhäusern und gewagten Brückenkonstruktionen mit der gleichen Neugierde nähern wie dem Fassadenschaden nebenan, ist es jammerschade, zur unterstützenden Erklärung nichts Gedrucktes parat zu haben. Es ist keine Schande, wenn die Mutter der Dreijährigen nicht gleich erklären kann, wie der Brückenpfeiler ins Wasser kommt, warum ein Wolkenkratzer nicht abbricht und wie die Steine im Gewölbe halten. Die Bücher zur Architektur für Schulkinder und Jugendliche sind deshalb auch für alle Eltern eine nützliche Fundgrube für Erklärendes zu den großen Frage der Architektur und Ingenieursbaukunst.

An Kinder „ab acht Jahren und alle an Architektur Interessierten“ richtet auch der bekannteste Autor in Sachen Baukunst für Kinder, der Amerikaner Dacid Macauley, seine Geschichte über den Bau einer Moschee. Die Baugeschichte des im Auftrag eines Admiral Suha Mehmet Pascha und unter Leitung des Hofarchitekten Akif Aga errichteten Gebäudes ist frei erfunden. Unterstütz durch exzellente Zeichnungen, gelingt es dem studierten, aber nie praktizierenden Architekten Macauley, fundiertes Wissen über das inhaltliche Programm einer Moschee ebenso weiterzugeben, wie die Konstruktion von Kuppel oder die Herstellung von Ziegeln zu erklären. Die Baukultur der Christen erläuterte Macauley bereits in „Sie bauten eine Kathedrale“. Ob die Reise also ins Abendland oder ins Morgenland geht, beide Bücher liefern auf hohem Niveau Wissen über Bauten, die „auch jene beeindrucken und anrühren, die nicht den Glauben derer teilen, die sie errichteten“, heißt es im Vorwort.

David Macauley: Sie bauten eine Moschee. Aus dem Amerikanischen von Cornelia Panzacchi (96 S., geb., € 20,50; Gerstenberg Verlag, Hildesheim).

Baugeschichten erzählt der gleiche Autor in seinem „Großen Buch der Bautechnik“. Hier wird nicht fabuliert, sondern es werden die Planungsprobleme und Konstruktionen berühmter Brücken, Tunnel, Kuppelbauten, Wolkenkratzer und sogar Staudämme so erklärt, dass kaum Fragen offen bleiben.

Großartig sind die Zeichnungen, die zum Beispiel anhand des New Yorker Citigroup Centers erklären, wie ein „asynchroner Massedämpfer“ funktioniert. Die Texte sind sachlich und wohl nur für fortgeschrittenere Architekturfreaks zum Selberlesen geeignet. Aber selbst in Baudingen vermeintlich sattelfeste Eltern können hier noch etwas dazulernen.

David Macauley: Macauley's Großes Buch der Bautechnik. Aus dem Amerikanischen von Werner Leonhard. (192 S., geb., € 30,80; Gerstenberg Verlag, Hildesheim).

Die Geschichte von Joe Carbonelli, der als Waterboy die am Bau des Empire State Buildings arbeitenden Handwerker mit Trinkwasser labte, ist mit zusätzlichen Erklärungen auch schon für jüngere Kinder als das angepeilte Zielpublikum ab acht Jahren spannend zu hören. Zur Illustration wurden auch Fotografien von Lewis Hine herangezogen, dessen 1932 unter „Men at Work“ veröffentlichte Aufnahmen bis heute berührende Dokumente über die Arbeitsbedingungen von Bauarbeitern im Spannungsfeld zwischen Ausbeutung und Heldentum sind. Da der Verlag seine Reihe „Abenteuer Architektur“ bedauerlicherweise eingestellt hat, ist das Buch nur antiquarisch erhältlich.

Dietrich Neumann: Joe und der Wolkenkratzer - Das Empire State Building in New York (28 S., geb., ca. € 7; Prestel Verlag, München).

Großen Bauwerken und wie sie geplant, konstruiert und organisiert sind widmet sich der üppig bebilderte Band „Kühne Konstruktionen“. Detailreiche Einblicke in technisch aufwendige Bauwerke vom Atomkraftwerk zum Theater werden geboten, und man erfährt sogar, wie die Toiletten in das Hochhaus der Bank of Hongkong eingebaut wurden. Wer die jeweiligen Architekten sind, erfährt man leider nur nebenbei oder gar nicht, und der geniale Architekt und Ingenieur Ove Arup mutiert gar zu „Ove Astrup“.

Kühne Konstruktionen. Aus dem Englischen von Elisabeth Erpf (44 S., geb., € 13,30; Gerstenberg Verlag, Hildesheim).

Nicht der Konstruktion, sondern dem Wesen von Gebäuden widmet sich das herzerwärmende Buch „Pinsel, Paula und die plaudernden Häuser“, verfasst von drei Wiener Architekturstudenten. Architektur wird nicht beschrieben, sondern kommt - nur für den Jungen namens Pinsel hörbar - selbst zu Wort. Während die Secession mit der Kunsthalle Eifersüchteleien austrägt, die Hofburg mit dem Looshaus über Dekor streitet, der Stephansdom seine Verbundenheit mit dem Messeturm kundtut oder die alten und neuen Museen ein Plädoyer für Vielfalt und gegenseitigen Respekt halten, lernen die Kinder Pinsel und Paula viel über sich selbst. Kindersorgen finden ihre Entsprechung in den Befindlichkeiten der Gebäude, und nebenbei erfährt das junge Publikum, was unter Symmetrie zu verstehen ist und worin die Errungenschaften des sozialen Wohnbaus liegen.

Sophie Hochhäusl, James Skone, Alex Mayer: Pinsel, Paula und die plaudernden Häuser

verknüpfte Publikationen
- Pinsel, Paula und die plaudernden Häuser

3. Juni 2006 Spectrum

Zu Fuß, per Bus, im Floß

Der Mega-Event, flächendeckend, das ganze Land zwei Tage lang im Zeichen der Architektur: Architekturtage 2006. Wer braucht sie? Was bringen sie?

Performances und Filme, Touren zu Fuß, per Bus oder mit dem Floß, Workshops und Diskussio nen, offene Ateliers und Besuche an „geheimen Orten“ locken am 9. und 10. Juni das Architektur-affine Publikum. Bereits zum dritten Mal findet die größte Architekturveranstaltung Österreichs statt, die man getrost einen „Mega-Event“ nennen kann. Zwei Tage lang steht das ganze Land im Zeichen der Architektur. Alle regionalen Architekturhäuser tragen die von der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten und der Architekturstiftung Österreich gestartete Initiative mit und zeichnen für die Programme in den Bundesländern verantwortlich.

Wer braucht die Architekturtage? Architektur ist in den Medien schließlich präsent wie nie zuvor. Kaum eine Tageszeitung oder Wochenpostille, die nicht regelmäßige Sonderstrecken über bemerkenswerte Werke der Baukunst und ihre Schöpfer und Schöpferinnen zeigt. Für TV-Werbespots scheuen sich selbst konservative Firmen nicht mehr davor, zeitgemäße Baukunst als Handlungsort zu wählen. Banken loben Architekturpreise aus, Flachdächer sind nicht mehr automatisch Grund zur Erregung. Die Medienwelt suggeriert, gute Gestaltung sei Teil des gesellschaftlichen Konsens und modernes Bauen eine Selbstverständlichkeit. Im richtigen Leben schaut es anders aus. Egal, ob man sich durch Fußgängerzonen oder krebsgeschwürartig wuchernde Gewerbegebiete bewegt, schon auf lärmschutzwandbegrenzten Autobahnen oder erst in den Raststationen Magenkrämpfe bekommt: Die Scheußlichkeiten sind in der Mehrzahl.

Um qualitätsbewusste Bauherren heranzuziehen, braucht es mehr als bunte Berichterstattung. Zwar stünde die Architektur auf dem Lehrplan für bildnerische Erziehung, wie sie diese aber an ihre Schüler vermitteln sollen, überfordert die meisten Lehrer. Es sind vor allem die Architekturhäuser, die als einzige unabhängige Institutionen auf hohem, aber verständlichem Niveau jene Bildungslücken zu stopfen versuchen, wo die Schulen versagen und sogenannte Bauberatungen diverser Behörden unzulänglich sind. Es geht nicht darum, aus Kindern kleine Architekten zu machen, und ein Haus wird nicht besser, wenn aus einem fünfeckigen Erker ein viereckiger wird. Es geht darum, die Menschen als kritische und mündige Nutzer des öffentlichen und privaten Raumes zu sensibilisieren.

„Bei den Architekturtagen kann man ohne Zugangsschwellen am eigenen Leib erfahren, wie qualitätsvolle Architektur auch im Alltag das Leben bereichern kann“, so Barbara Feller, Geschäftsführerin der Architekturstiftung. Genau diese Alltagsbauten stehen im Fokus des Programms, das vom Haus der Architektur Graz zusammengestellt wurde: Fünf Ausflüge führen zum „Außergewöhnlichen im Gewöhnlichen“. Luxusvillen und Repräsentationsbauten kommen dabei nicht vor. Workshops und Exkursionen für Kinder und Jugendliche sollen das Bewusstsein für architektonische Themen schärfen.

Weiter südlich konzentriert man sich auf die Präsentation des Kärntner Architekturführers. Der Autor Otto Kapfinger führt persönlich durch Klagenfurt und Oberkärnten. Ein Workshop zur Tourismusarchitektur in Velden, eine Architekturfahrt mit Preisrätsel in und um Völkermarkt und eine Entdeckungsreise für Schüler in Wolfsberg laden zur Auseinandersetzung mit der eigenen Region ein.

An „Infopoints für Architektur“ können in Innsbruck und Lienz potenzielle Bauherren Kontakte zu Architekten und Architektinnen knüpfen. Eine Floßfahrt auf dem Inn eröffnet ebenso neue Stadtperspektiven wie ein Spaziergang zu vergessenen Bauten in der Innsbrucker Innenstadt. Im Tiroler Architekturhaus aut dürfen Kinder Raumexperimente anstellen, und das Leokino gibt mit Jacques Tatis „Playtime“ - einer wundervolle Satire auf die moderne Stadt - Anlass zum Lachen und Nachdenken.

In Vorarlberg, wo die Pflege der Baukultur Tradition hat, wird das Architekturerlebnis mit Performances gesteigert: Alphörner auf dem Dach des Grenzüberganges Tisis/ Schan (aix architects) oder Theater bei der Frödischbrücke (Architekten Marte.Marte) sind nur zwei der Stationen auf einer Reise durch Raum und Sinne. Das zukünftige Haus des Vorarlberger Architekturinstituts, die Alte Naturschau in Dornbirn, wird zu den Architekturtagen bereits vorab von Architekten und Künstlern bespielt.

Auch in Salzburg sucht die Architektur den Dialog mit anderen Künsten. Die „Liturgie vom Bauen“, die der Künstler Otto Beck und Architekt Max Rieder gemeinsam mit Schülern und Schülerinnen des Akademischen Gymnasiums erarbeitet haben, leitet die Architekturtage ein. Mehrere Führungen wenden sich an das an historischen und urbanistischen Zusammenhängen interessierte Publikum und beim „Interaktiven Familienprogramm“ dürfen auch die Jüngsten mitmachen. Und wer die Hauptstadt schon kennt, fährt nach Hallein und Saalfelden.

Mit Touren und Veranstaltungen im ganzen Bundesland sowie einem Architekturhappening in Steyr und dem Architekturfrühling in Haslach an der Mühl wartet das vielfältige Programm in Oberösterreich auf. Zum Ausspannen lädt das Architekturforum in seine Räumlichkeiten, wo sich „ArchitektInnen zum Anfassen“ auf ein interessiertes Publikum freuen.

Topografisch breit gestreut ist auch das Programm, das Niederösterreichs Architekturnetzwerk ORTE zusammengestellt hat: Das Waldviertel, St. Pölten und Schwechat werden bereist, in Krems wird gefeiert. Ein besonderes Schmankerl ist die Architekturfilmnacht im Autokino Großenzersdorf, das heute das einzige seiner Art in Österreich ist. In Waidhofen/Ybbs leitet Architekt Ernst Beneder einen Rundgang zu eigenen und anderen Projekten. Das junge Publikum erlebt die Stadt bei einer speziell konzipierten Führung und schafft mit einem Architekturbaukasten selbst Räume.

Der Architekturraum Burgenland lädt Kinder ein, selbst Architekt zu spielen und führt eine Exkursion zu aktuellen Bauten und geheimen Orten im Mittelburgenland und Ungarn.

Die Österreichische Gesellschaft für Architektur und das Architekturzentrum Wien (AzW) steuern gemeinsam mit dem Slowakischen Architektenverein das dickste Programmheft bei. Grätzelweise werden Touren zu neuen Bauten und Architekturateliers angeboten. In der Partnerstadt Pressburg gibt es Gelegenheit, das aktuelle Bauschaffen der Nachbarn in Augenschein zu nehmen. Das AzW hält die Türen bei freiem Eintritt offen. Zugleich beherbergt es ein Treffen des Europäische Forums für Architekturpolitik, Fachleuten aus 28 Ländern, deren Ziel bessere Rahmenbedingungen für Baukultur ist. Der Auftakt für die Architekturtage wird daher mit dem Architektur.Fest.Europa am 8. Juni ab 19 Uhr ein internationaler sein.

Die hiesige Szene zeigt sich stark wie nie zuvor. Dennoch mangelt es an Wertschätzung und adäquater Förderung durch die öffentliche Hand. Vor der Nationalratswahl 2002 schlossen sich daher die wesentlichen Architekturorganisationen, Standesvertretungen und Architekturhochschulen zur „Plattform für Architektur und Baukultur“ zusammen, um den Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern zu beleben. Auch Letztere hätten zu den Architekturtagen Gelegenheit, sich unters baukulturell bewegte Volk zu mischen und bei einem der Feste locker darüber zu sinnieren, ob sich die Forderung der Plattform nach einem Staatssekretariat für Baukultur nicht ins kommende Wahlprogramm übernehmen ließe.

Die Architekturtage finden am 9. und 10. Juni statt. Nähere Informationen unter www.architekturtage.at

13. Mai 2006 Spectrum

Warten, worauf?

Wie plant man eine alte Stadt neu? Man nehme: drei Stararchitekten, Ideen, eine Studie, einen Plan. Was jetzt noch fehlt, ist der Mut zur Entscheidung. Über den Versuch, die Eisenstadt Steyr zu beleben.

Groß war die Euphorie der Stadtväter, als in der Eisenstadt Steyr im Juli 2003 die Ergebnisse einer städtebaulichen Studie der besonderen Art präsentiert wurden. Mit Günther Domenig, Zaha Hadid und Luigi Snozzi waren drei Baukünstler von Rang geladen gewesen, um Gestaltungsvorschläge für das Areal um den Brückenkopf am Schiffmeisterplatz zu erarbeiten. Auslöser war das Umbaubegehren eines Sportartikelhändlers, der sein Stammhaus erweitern wollte. Der Gestaltungsbeirat pochte auf eine der Qualität des Stadtzentrums adäquate Lösung und nahm das Projekt zum Anlass, das städtebaulich problematische Umfeld an einer Schlüsselstelle der Stadt von Grund auf zu behandeln. „Weltklassearchitekten“ wollte man bemühen, und die drei angesprochenen Stars ließen sich nicht lange bitten. Sieger ging aus dem Verfahren keiner hervor. Der Gestaltungsbeirat empfahl der Stadt vielmehr, von jedem das Beste zu nehmen. Snozzi solle mit der Bearbeitung der Uferterrassen und einer Aufstiegshilfe zur Ennsleite beauftragt werden, Hadid eine Machbarkeitsstudie für ein als notwendig erachtetes Hotel erstellen, und Domenig wurde den Sporthausbetreibern als Architekt nahe gelegt.

Drei Jahre später ist von all dem nichts passiert. Das Zentrum und sein als Ensemble einzigartiger Stadtplatz leiden nach wie vor unter Verkehrsüberlastung, und immer häufiger stehen Ladenlokale leer. Sowohl zu Fuß als auch motorisiert ist die Anbindung des Altstadtkerns an die umliegenden Stadtteile, topografisch bedingt, nicht ganz einfach zu bewerkstelligen.

Dennoch ist seit dem Auftritt der drei Architekturkoryphäen etwas geschehen. In einem Bürgerbeteiligungs-Verfahren wurden Stärken und Schwächen des Stadtplatzes analysiert. Zur Erstellung eines städtebaulichen Leitbildes holte man sich Architekt Ernst Beneder. Dieser ist als ehemaliges Mitglied des Steyrer Gestaltungsbeirats mit der Stadt vertraut und seit seinem Stadtprojekt für Waidhofen an der Ybbs (1992 bis 2001) im Umgang mit historischen Stadtkernen und dabei auftretenden Interessenkonflikten geübt.

Beneder behandelte nicht nur den Platz an sich, sondern prüfte auch die übergeordneten stadträumlichen Bezüge. Sein „SteyrPlan“ geht vom Widerspruch zwischen der Einmaligkeit des Ortes und der unbewältigten Verkehrsproblematik, die diesen Lebensraum für viele Bewohner so schwer erfahrbar macht, aus. Steyr beeindrucke über die szenische Bildhaftigkeit der historischen Substanz hinaus als glaubwürdiger Lebensraum, ist Beneder überzeugt. Die Durchdringung von Stadt- und Naturraum, Arbeitswelt und Freizeit habe sensationelle, selten anzutreffende Qualitäten. Trotz einer Entfernung von nur 500 Meter Luftlinie sind aber für außerhalb der Altstadt lebende Bewohner die Einkaufszentren an der Peripherie leichter erreichbar als die Innenstadt.

Beneder zog also in seinen planerischen Überlegungen einen Kreis von 500 Metern Radius um das Zentrum und veranschaulicht damit, innerhalb welch kurzer Distanzen wesentliche Elemente der Stadt situiert sind. Um den Weg zur Altstadt nicht als unattraktiven Zwischenraum und verlorene Zeit zu erleben, schlägt er vor, die Verbindungswege als „Qualitätskorridore“ auszubilden. Unwegsamkeiten sollen entschärft werden, zum Beispiel mittels Aufstiegshilfen. Zudem könnte die überfällige Neuplanung des zentrumsnahen Bahnhofsareals Hand in Hand mit der Schaffung von neuen Wohnungen gehen, was Beneder generell als wichtigen Frequenzbringer zur Belebung der Innenstadt sieht. Im Klartext: Der motorisierte Individualverkehr sinkt, und die Belebung steigt, je mehr Menschen fußläufig bequem die Altstadt erreichen können.

Fokus des Plans ist der Stadtplatz. Seine Enden sind Nadelöhre und nicht für exzessiven Verkehr ausgelegt. Beneders Konzept zielt darauf ab, den Charakter eines freien Platzes wiederherzustellen. Außerhalb gelegene Parkplätze sollen fußgängerfreundlich angeschlossen, Parkmöglichkeiten auf dem Platz auf ein Minimum reduziert, und der öffentliche Verkehr soll mit einem kleinen Shuttlebus anstatt des behäbigen Linienbusses optimiert werden. Infrastruktureinbauten für den Markt und eine mobile Bühnentechnik vor dem Rathaus rüsten den Platz für Veranstaltungen. Die Aufstellung der Marktstände soll, an den beiden Engstellen beginnend, ins Platzzentrum leiten. Kurzum, der Platz soll als Aktivitätsfeld wiedergewonnen werden. Klar, dass damit weniger Platz für die Autos ist.

Dass etwas geschehen muss, scheint allen bewusst zu sein. Bürgermeister David Forstenlechner hebt zwar den breiten politischen Konsens für den SteyrPlan hervor und betont, dass alle zukünftigen Planungen und Baumaßnahmen auf Basis dieses Leitprojekts entstehen sollen. Ernsthaft in Angriff genommen oder beschlossen wurde einstweilen noch nichts. Noch scheint der Leidensdruck zu gering zu sein. Der Stadt geht es gut, sie bietet Lebensqualität, und es scheint, als würde man auf Großinvestoren warten, um, ausgehend von einem einzelnen Projekt, das Umfeld zu verbessern. Politisch heikel sind natürlich auch jene Bürgerstimmen, die sich vehement gegen einen „autofreien Stadtplatz“ wehren, da Frequenz- verluste für die ansässigen Geschäftsleute befürchtet werden. Beneder indes bezweifelt, dass die bereits jetzt schon raren Parkplätze tatsächlich zur Belebung beitragen.

Während Beneder den öffentlichen Raum im Zusammenhang betrachtet, erarbeitet Architekt Hermann Proyer seit drei Jahren gemeinsam mit Fachleuten und der Hausbesitzerin ein von der EU-gefördertes Konzept für einen internen Markt. Das Haus Grünmarkt 17, vordem als Modehaus genutzt, verfügt über rund 600 Quadratmeter Geschäftsfläche. Hier soll, so der Wunsch der Initiatoren, ein großer Umschlagplatz für biologische Waren aller Art - bespielt von Produzenten aus der Region - entstehen und ebenfalls als Attraktor für den Stadtplatz wirken.

Domenig, Hadid und Snozzi bewiesen, dass Gegenwartsarchitektur auf hohem Niveau durchaus mit einem historischen Stadtgefüge kompatibel ist. Auch die jetzt als so harmonisch empfundene Altstadt ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Bautätigkeit. Beneder lieferte eine brauchbare Analyse der Probleme samt Perspektiven für die Zukunft. Die Vorarbeiten für eine zeitgemäße Aufrüstung sind gemacht. Fehlt nur noch der Mut zur Entscheidung, die Stadt auf hohem Niveau weiterzubauen. Fähige Architekten und Architektinnen wären vorhanden.

25. März 2006 zuschnitt

Grau und schlau

Ein Pilotprojekt zur technischen Vergrauung von Holzoberflächen

In einer ganz normalen Großstadtgegend verbindet der Erdberger Steg den dritten mit dem zweiten Bezirk und schafft zwischen Rotunden- und Stadionbrücke für Fußgänger und Radfahrer eine Verbindung vom Grau der Stadt ins Grün des Praters. Auf der einen Seite dominiert die Nachbarschaft der architektonisch nichtssagende Komplex der Siemens Firmengebäude, am anderen Ufer erstreckt sich zwei Gründerzeitblöcke hinter der Schüttelstraße die Jesuitenwiese. Hier sind weder besonders laute Gesten nötig, noch drängen sich besondere städtebauliche Spezifika als Bezugspunkte auf.

In diesem Umfeld eine angemessene Gestaltungssprache zu finden, ist oft schwieriger, als an neuralgischen Punkten aufsehenerregende Akzente zu setzen. Als wäre er immer schon da gewesen, legt sich der Steg über den Kanal. Nur das mittlere Stützenpaar des in Brettschichtholzkonstruktion ausgeführten W-förmigen Tragwerks ragt in Fahrbahnmitte in die Höhe. Das Lärchenholztragwerk verbindet sich mit den Nebenträgern der Fahrbahnplatte, diversen Abhängungen und Verbindungen, Geländern und Masten aus Stahl sowie Fundamenten und Widerlagern aus Beton zu einer intelligenten Mischbauweise.

Um eine dem städtischen Umfeld entsprechende Wirkung zu erzielen, entschied sich Architekt Johannes Zeininger für ein Farbkonzept, das darauf abzielt, die Brücke möglichst »immateriell« und daher monochrom grau erscheinen zu lassen. Monochromie klingt einfach, erforderte aber doch Überlegungen und einigen Forschungsaufwand, um eine Holzlasur zu finden, die erstens dem Farbton der übrigen eingesetzten Materialien möglichst nahe kommt und zudem die natürliche Vergrauung des Holzes vorwegnimmt.

Günstig traf es sich, dass die Holzforschung Austria zeitgleich am Forschungsprojekt greywood arbeitete, sodass der Erdberger Steg zu einem Pilotprojekt avancierte. Die Holzwerkstoffe erhielten eine hellgraue Dünnschichtlasur, die eine »abkreidende« Eigenschaft hat, d.h. deren Beschichtungsstärke sich bei Bewitterung abbaut. Allmählich wird die Holzoberfläche freigelegt, an der sodann der bekannte Alterungsprozess mit dem Endresultat der typisch silbergrauen Lärchenholzoberfläche beginnen kann. Abgesehen von der ohnedies vorgeschriebenen vorbeugenden Ausrüstung bewitterter Flächen mit chemischem Holzschutz, hat diese mit fein abgestimmten Farbpigmenten versehene Lasur also im Wesentlichen den Sinn, die vor allem im urbanen Gebiet ungeliebte, meist etwas unregelmäßig wüst erscheinende Abwitterung optisch zu kaschieren. Heute, etwas mehr als zwei Jahre nach Fertigstellung scheint die Strategie ganz gut gelungen zu sein.

Auf »zeitgemäße, unsentimentale und professionelle Weise« kam das Holz beim Erdberger Steg zum Einsatz, würdigte die Jury des Wiener Holzbaupreises das Projekt und traf damit die Verdienste der Planer punktgenau. Das »Professionelle« bezieht sich in erster Linie auf die penible Ausführung des konstruktiven Holzschutzes, der bekannterweise das Um und Auf einer dauerhaften Holzkonstruktion ist. Statt einer Verblechung erhielten die konstruktiven Holzteile eine Abdeckung mit wasserfest verleimten, ebenfalls grau lasierten Schichtholzplatten und verblechten Fugen zur Ableitung des Wassers.

Es ist also nicht die theatralische Inszenierung, in die hier die Energie der Planer floss, sondern die sorgfältige ingenieurmäßige und werkstoffgerechte Detaillierung. Somit wurde daraus ein Beispiel dafür, dass es zwischen öder Banalität und Überinszenierung auch einen Mittelweg gibt, der hier mit Know-how, konsequenter Pragmatik und gestalterischer Sensibilität verfolgt wurde.

18. März 2006 Spectrum

Urban, suburban, Europan

Europäische Urbanität war das Thema des achten „Europan“-Wettbewerbs. Mit Projekten wie „Shopping-Schaum“, „Loop“, „Mostropolis“ oder „suburban block“ gingen österreichische Gemeinden ins Rennen. Einige preisgekrönt.

„Das Interesse der Gemeinden, sich an Europan zu beteiligen, war noch nie so groß wie heute“, freut sich Bernd Vlay, Generalsekretär von Europan Österreich. „European urbanity, Strategien und Lösungen für die europäische Stadt“ lautete das Thema der achten Ausgabe der größten europäischen Wettbewerbsinitiative im Bereich Wohn- und Städtebau. Fünf österreichische Gemeinden brachten Gebiete ein, für die es weiterführende Lösungen zu finden galt. 75 Standorte in 19 Ländern waren es insgesamt. Architekten und Architektinnen unter 40 sind teilnahmeberechtigt. Die Sieger stehen nun europaweit fest. Ab 7. April werden die österreichischen und ungarischen Beiträge in der Alten Seifenfabrik in Lauterach präsentiert.

Manchmal gern als Spielwiese für unerfahrene Berufanfänger abgetan, sind die im Zwei-Jahres-Rhythmus ausgelobten Europan-Wettbewerbe längst zu einem anerkannten Verfahren mit beachtlicher Erfolgsquote geworden. Auch wenn in der Pragmatik des Alltags manch erfrischender Ansatz ordentliche Dämpfer erhält und es oft viele Jahre dauert, bis Projekte umgesetzt werden - was die Intensität der Vorbereitung, die Transparenz der Beurteilung und die Bemühungen um Nachbetreuung und Evaluierung angeht, ist Europan vorbildlich.

Während Österreich bisher meist mit Standorten in den Landeshauptstädten vertreten war, beteiligten sich an „Europan 8“ neben Wien mit Amstetten, Lauterach, Schwechat und Waidhofen/Ybbs vorwiegend kleinere Gemeinden. In Lauterach war eine Restrukturierung gefragt, um einem zersiedelten Gebiet eine Mitte zu geben. Hier wurde zwar kein erster Preis vergeben, das mit einem Ankauf bedachte Projekt von Thomas Kovári aus Zürich und der lobend erwähnte Beitrag von Rene Bechter sollen aber zunächst zumindest im Rahmen einer Bürgerversammlung diskutiert werden.

In Wien-Liesing galt es, ein ehemaliges Industrieareal beiderseits der Bahnstrecke in ein attraktives Wohn- und Mischnutzungsgebiet zu transformieren. Der „suburban block“ von Mirza Mujezinovic aus Trondheim erweist Le Corbusiers Unité - hier allerdings „flach gelegt“ - die Referenz.

Allein drei Standorte liegen in Niederösterreich. Hier stehen zwar im Bundesländervergleich die meisten Gelder für die Wohnbauforschung zur Verfügung, in der Realität spiegelt sich dies bislang nicht wieder. Erst als mit dem Aufstieg von Liese Prokop in die Bundespolitik dem architekturaffinen Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka auch das Wohnbauressort zufiel, begann sich im eingespielten Trott des geförderten Wohnungswesens ein frisches Lüfterl zu regen.

Seit Jänner 2006 muss jeder geförderte Wohnbau von einem Beirat begutachtet werden oder aus einem Wettbewerb hervorgehen. Die Europan-Beteiligungen von Amstetten, Schwechat und Waidhofen an der Ybbs sind eine Chance in Situationen, wo auf regionaler Ebene das kreative Potenzial zur strategischen Weiterentwicklung der Städte fehlt. In Waidhofen an der Ybbs wurden ein Industrieareal und eine große Parkplatzfläche in den Wettbewerb eingebracht. Wolfgang Kölbl siegte mit dem Projekt „Prolog“, das unter anderem die negativen Folgen einer Parkraumbewirtschaftung mittels Tiefgaragen hinterfragt. Für das unvermeidbare Freizeitvergnügen Einkaufen schafft er eine blasenförmige Struktur mit dem Titel „Shopping-Schaum“, und die Wohnfrage handelt er unter kommunikativen und sozialen Aspekten ab. Ebenso einen Preis erhielt das Projekt von Barbara Kolb und Christian Hader. Sie regieren auf die Voralpenlandschaft mit einer vertikalen Bebauung, die das Thema Schlucht in Architektur überträgt. Von beiden Preisträgern erhofft sich die Stadt neue Impulse und will mit ihnen weiterarbeiten.

Zu Amstetten gaben Julia Wiger, Sonia Leimer und Christina Linortner einen kritischen Kommentar zur Vermarktung des ländlichen Raumes ab. In „Mostropolis, die ungeheure Stadt“ dominiert ein riesiger Vierkanter, der Truckertreff, Raststätte und Buschenschank vereint. Pragmatischer näherte sich der Aufgabe einer Entwicklung zwischen zwei bestehenden Siedlungsgebieten die mit dem ersten Preis bedachte Spanierin María Belén Serrats Arsuaga, die Gewerbe- und Wohnzonen mittels abgesenkter Freiflächen trennt. Auch hier gibt es ernsthafte Absichten, das Projekt weiterzuverfolgen.

Innerstädtische Verdichtung auf dem aufgelassenen Brauerei-Areal war das Thema in Schwechat. Florian Haydn gewann mit einem spektakulären „Loop“, einer mehrgeschoßigen Großform mit Dachstraße, die einen vielseitig bespielbaren Innenhof umspannt. Relikte der Brauerei wie Feierhalle, Sudhaus oder Schlot bleiben als Kultur- und Freizeiteinrichtungen erhalten. Die Jury teilt die Bedenken der Stadt hinsichtlich der Möglichkeit einer etappenweisen Realisierung nicht und stellt mit diesem Projekt einen „signifikanten, einzigartigen Magneten“ in Aussicht.

Lisa Schmidt-Colinet und Alexander Schmögner entwickelten für dieses Areal einen extrem dicht wirkenden Teppich aus Patiowohnungen, der nach außen von einem umlaufenden Band mit Geschoßwohnungen gesäumt wird. Der kompakte Hyprid wurde mit einem Ankauf gewürdigt.

Der Weg von der Theorie und vom Wettbewerb zur Realisierung ist meist ein verschlungener. Es soll schon vorgekommen sein, dass ein Baustadtrat laut überlegte, ob man die Europan-Entwürfe nicht der Einfachheit halber dem einen oder anderen ortsansässigen Architekten zur Weiterbearbeitung überlassen könne. Und oft genug wird ein visionäres Europan-Projekt in den Mühlen des Pragmatismus zu Mittelmaß zermalmt. Um dem vorzubeugen, werden die Kommunen und Stadtentwickler nach der Präsentation der Sieger nicht allein gelassen. Sechs Monate danach trifft man sich, um den Projektfortschritt zu überprüfen, und gibt Hilfestellung beim Verfahren. In der Praxis bedeutet das zudem, dass einzelne Jurymitglieder als Mediatoren und „Implementierungsengel“ (Zitat Vlay) den Gemeinden ebenso zur Seite stehen wie den beteiligten Jungarchitekten.

Wie Bernd Vlay betont, spielen auch die regionalen Architekturinstitutionen eine wichtige Rolle. Sie präsentieren die Wettbewerbsergebnisse vor Ort und liefern regionales Know-how und Plattformen zum Dialog mit Betroffenen und Experten. In Krems („Europan 7“) stimulierte etwa das niederösterreichische Architekturnetzwerk ORTE die Diskussion über Strategien zur Umsetzung der Siegerprojekte. Ohne diese Unterstützung, so Bernd Vlay, wäre das Projekt längst nicht so weit gediehen. Hier kooperiert der Bauträger GEDESAG mit den Preisträgern Florian Sammer und Karoline Streeruwitz, und auch das zweitplatzierte Team, SMAQ aus Rotterdam, soll bei der Erstellung eines Gesamtkonzeptes für den Stadtteil Lerchenfeld involviert bleiben.

Bereits 2002 unternahmen Heidi Pretterhofer und Dieter Spath mit der Studie habitat2000plus den Versuch einer Evaluierung der österreichischen Europan-Wettbewerbe. Die daraus entstandene Publikation „Im Boot“ (edition selene) sei hiermit wieder einmal allen innovationsscheuen Wohnbauakteuren als leicht verständliches, mit vielen guten Ratschlägen gespicktes Manual ans Herz gelegt.

11. Februar 2006 Spectrum

„Eine Stadt aus Brüsten“

Anfangs ein Symbolprojekt der Revolution, dann jahrzehntelang dem Verfall preisgegeben: Kubas Nationale Kunstschulen werden restauriert. Die Freude darüber ist nicht ungetrübt.

„Sie sind mein innig geliebtes Baby und das wahrscheinlich gelungenste Werk meiner Karriere“, so Ricardo Porro. Die Rede ist von den „Escuelas Nacionales de Arte“, Kubas nationalen Kunstschulen. Fidel Castro beauftrage den jungen Architekten im Jänner 1961 mit der Planung der „schönsten Kunstakademie der Welt“ (Castro). Im Dezember darauf, so sein Wunsch, sollte der Komplex auf dem Gelände des einstigen Nobelgolfvereins „Havana Country Club“ fertig sein. Porro lud seine italienischen Kollegen Roberto Gottardi und Vittorio Garatti ein, am Projekt mitzuwirken. Eröffnet wurden die Schulen im Juli 1965, fertig gestellt waren allerdings bloß die beiden Schulen von Porro. Heute noch markiert ein halbes Dutzend in der Gegend stehender Pylonen aus Stahlbeton den Ort, an dem Gottardi das Theater der Schauspielschule vorgesehen hatte.

Die fünf Gebäudegruppen der Schulen für Skulptur, Modern Dance, Drama, Ballett und Musik im grünen Stadtteil Cubancán am Rand von Havanna bezeichnet der kubanische Architekturhistoriker Eduardo Luis Rodríguez als den Höhepunkt einer Architekturrichtung, die auf der Suche nach einer Moderne regionaler Ausprägung war. Sie sind Architektur gewordene Beispiele für „Cubanidad“, aber auch für die romantisch geprägte Aufbruchstimmung der ersten Jahre der Revolution, in denen die Kunstschulen als Schlüsselprojekt auf dem Weg zu einer neuen, egalitären Gesellschaft galten.

Die Schule für Plastische Künste mit ihren in katalanischer Wölbtechnik erzeugten Kuppeln bezeichnet Porro selbst als „eine Stadt aus Brüsten“, quasi ein Abbild der afrokubanischen Fruchtbarkeitsgöttin Oshún. „Ich wollte eine Schule bauen, die so weiblich ist wie das kubanische Eiland.“ Die Schule für Modernen Tanz hingegen sollte Dynamik und Emotion des Sieges der Revolution in Architektur übersetzten.

Gottardi und Garatti kamen mit weniger Symbolik aus, integrierten ihre Bauten aber ebenfalls harmonisch in die Landschaft. Gottardi schuf mit der Schauspielschule ein entlang schmaler Wegachsen angeordnetes kompaktes Gefüge, das an italienische Städte erinnert. Der Mangel an Stahl zwang die Architekten dazu, den fünfteiligen Komplex im Wesentlichen aus Ziegeln zu errichten. Stahlbeton wurde nur dort eingesetzt, wo er konstruktiv unvermeidlich war.

Vittorio Garattis Ballettschule ist eine Komposition extrem dünn wirkender Kuppeln und Schalen mit raffiniert gesetzten Lichtschlitzen, die der karibischen Sonne wohldosiert und effektvoll Einlass gewähren. Ballett wurde hier nie getanzt. Eine Zeitlang lang nutzte die nationale Zirkusschule den Bau. Ebenfalls nur teilweise ausgeführt wurde die Schule für Musik, die sich als 330 Meter langes Band ausgeklügelter Raumfolgen parallel zum Quibù-Fluss schlängelt.

Im Jahr 2000, als die Schulen in die Liste der 100 meistgefährdeten Bauten des World Monuments Watch aufgenommen wurden, bot sich den Besuchern ein Bild von schauriger Schönheit. Während in den Schulen für bildende Kunst und Modern Dance noch gelegentlich Studenten anzutreffen waren und die von den Planern beabsichtigte Integration von Natur, Menschen, Architektur und Kunst eindrucksvoll erlebbar war, drohte der Rest des Areals von der Vegetation überwuchert zu werden. Das tristeste Bild boten die Schulen für Musik und Ballett: Ruinen, einsturzgefährdet und hoffnungslos verloren, Architektur als ein Haufen Elend, zugleich immer noch voll poetischer Ausstrahlung.

Nach 1965 kam den Schulen, die kurz zuvor noch eines der gefeiertsten Projekte der Revolution waren, die Wertschätzung durch die politischen Eliten abhanden. Preiswerte Wohnungen brauchte man damals wie heute dringender als luxuriöse Kunstakademien. Wenn etwas gebaut wurde, dann Plattenbauten im Stil des sowjetischen Bruderstaats. Die Architektur der Kunstschulen erschien den politischen Hardlinern bald zu bourgeois. Ricardo Porro, der nach den Kunstschulen in Kuba keine Aufträge mehr bekam, verließ 1966 die Insel in Richtung Paris. Garatti wurde 1974 wegen des Verdachts der Spionage drei Wochen inhaftiert und, obwohl freigesprochen, des Landes verwiesen. Nur Gottardi lebt noch in Kuba.

Mit der bemerkenswerten Publikation „Revolution of Forms - Cuba's Forgotten Art Schools“ (Princeton Architectural Press, New York) des amerikanischen Architekturhistorikers John A. Loomis gelangten das Architekturjuwel und sein beklagenswerter Zustand in den Fokus der internationalen Fachöffentlichkeit. Bald darauf kontaktierte die kubanische Regierung die drei Architekten mit der Bitte, bei der Restaurierung der Kunstschulen mitzuwirken. Ricardo Porro zeigt sich zufrieden, dass die politische Führung dem weggelegten Kind wieder Anerkennung zuteil werden lässt. Ungetrübten Grund zur Freude hat er nicht.

Die Restaurierung leitet der Architekt Universo García. „Es ist unser Ziel, Fidel Castros Traum einer Verwandlung des exklusiven Country Clubs in eine Stadt der Künste zu komplettieren.“ Von einem italienischen Konzern kommt die Bauchemie zur Verfestigung des stark angegriffenen Ziegelmauerwerks. Vor Ort werden die Arbeiter im Umgang mit den Sanierungsprodukten geschult. Die für die Bauten bedrohliche Vegetation wurde auf dem gesamten Areal gerodet. Nutzungskonzepte sind in Arbeit, um die Ruinen der Schulen für Musik und Ballett wieder einer Verwendung zuzuführen. Roberto Gottardi plant bereits an der Fertigstellung und neuen Zubauten.

Neue Wege und Infrastruktur werden errichtet, was dem Original ästhetisch nicht unbedingt gut bekommt. Porro hat zwar Verständnis für notwendige Adaptierungen, eines regt ihn aber auf: „Stellen Sie sich vor, die installieren einen Polizeiposten am Eingang! Mein Konzept einer offenen Schule ist damit zerstört!“ Über Details informiert man ihn nicht. Er erfuhr zwar, dass die desolaten hölzernen Fensterrahmen „originalgetreu“ durch robustere Aluminiumprofile ersetzt werden. Wie plump sie tatsächlich wirken, hat er noch nicht gesehen. Vergangenen November feierte er seinen 80. Geburtstag. Der Einladung, auf der Architekturfakultät in Havanna zu unterrichten, wird er wahrscheinlich diesen Herbst Folge leisten: „Solange ich kann, helfe ich.“

Eduardo Luis Rodriguez, einer der vehementesten Kämpfer für den Schutz der Bauten der Moderne, wünscht sich, dass Porros Schulen so originalgetreu und sensibel wie möglich restauriert werden. Unter den Eingriffen, die der ursprünglichen Aura abträglich sind, leidet auch Maria Elena Martin, Professorin für Architekturgeschichte: „Was soll man tun, wenn man die Originalpläne respektieren will, aber die Mittel für eine adäquate Lösung nicht vorhanden sind?“

15. September 2004 zuschnitt

Draufgesetzt

Nicht Einfügen, sondern Draufsetzen lautet das Motto hingegen bei einem anderen Dachausbau in Holzkonstruktion. Jenseits dezenter Zurückhaltung thront in der Wiener Spitalgasse ein eigenwilliger schwimmbadblauer Körper auf einem Eckhaus aus der Gründerzeit. Das Gesims ersetzt eine nach außen geneigte Brüstung. Provokant markiert eine rote Linie den Schnitt zwischen Alt und Neu. Architekt Heinz Lutter schöpfte – wie es wohl jeder Planer versuchen und jeder Investor verlangen würde – die baurechtlichen Möglichkeiten aus. Im kreativen Umgang mit den Rahmenbedingungen entstand darüber hinaus aber auch eine räumlich interessante Lösung. Drei Geschosse zusätzlich waren an der Seite zur Spitalgasse gestattet, zwei an der schmäleren Seitengasse.

Ein reichhaltiges Freiraumangebot unterstützt das Wohnerlebnis zwischen und über den Dächern. Sobald der Entwurf feststand, galt es sowohl einen geeigneten Werkstoff als auch eine ausführende Firma zu finden, um das Objekt mit seinen komplizierten Winkeln und Schrägen möglichst ökonomisch umzusetzen. Holz erwies sich rasch als beste Option. Die Firma Unterluggauer aus Osttirol setzte den Bau vom Plan weg und nach einmaligem Naturmaßnehmen in Fertigteile um. Es handelt sich um eine Sandwich-Konstruktion aus innen mit Gipskarton beplankten Fichtenholzplatten. Die Schutzschicht der Hülle besteht aus einem dauerelastischen Flüssigkunststoff, der hellblau gestrichen wurde.

15. März 2004 zuschnitt

Hoch hinaus

Mit der bescheidenen Dachkammer des armen Poeten haben die aktuellen Raumschöpfungen in den urbanen Dachlandschaften nichts mehr gemeinsam. Der Terminus Dachbodenausbau beschreibt einige aktuelle Interventionen aber nur unzulänglich, denn die Dachzone ist zu einem beliebten Bauland geworden. Neben den klassischen Dachausbauten, die sich mehr oder weniger unauffällig in die vorhandene Stadtkontur einfügen, bis zu Aufbauten, die sich wie Satelliten über den Gesimskanten niederlassen, reicht das Spektrum des Möglichen. Die Begleiteffekte des Dachwohnungs-Booms bewegen sich im Zwiespalt von aufwertender Stadtreparatur und ökonomischer Ausnutzung bestehender Strukturen.

Der These, dass Nachverdichten im Stadtinneren Bauland am Stadtrand spart, könnte man entgegenhalten, dass in den ohnedies von Verkehr und Parkplatznot geplagten Stadtvierteln zusätzliche Bewohner prekäre Dichten noch verstärken.

Zwar können Dachgeschossausbauten in benachteiligten Stadtgebieten sozialen Segregationsprozessen entgegenwirken, es gibt aber andererseits zahlreiche Beispiele, wo an der vorhandenen Bausubstanz nichts verbessert und ausschließlich in den Dachraum investiert wird. Und dann wäre noch die in Sachen Dachausbau am lautesten geführte Diskussion zwischen den Bewahrern der historischen Dachlandschaft und den Verfechtern eines auch aus der Vogelperspektive zeitgemäßen Stadtbildes. Diese Spannungsfelder könnten entschärft werden, wenn sich die Diskussion auch darum drehen würde, wie man sich die Dachzonen am schonendsten – nicht nur im Sinn des Ensembleschutzes, sondern auch in ökologischer und soziologischer Hinsicht – zunutze machen kann.

15. März 2004 zuschnitt

Tarnkappe

In Graz wirft die Altstadtkommission ein besonders strenges Auge auf alle Interventionen in der innerstädtischen Dachlandschaft. Gegenüber vom Kunsthaus errichteten die Architekten Michael Georg Homann und Wolfgang Schmied zwei Wohnungen und ein Büro auf einem etwa 140 Jahre alten Haus am Murufer.

Es brauchte einige Überzeugungsarbeit, um den bestehenden Dachstuhl, der für das Vorhaben ungeeignet erschien, abtragen zu dürfen. Um Zeit, Gewicht und die Höhe des Deckenaufbaus zu minimieren, wurde schließlich der zweigeschossige Ausbau aus Massivholzplatten errichtet. Die straßenseitigen Schrägdachflächen mit Ziegeldeckung sind reine Camouflage, erfüllen aber die Auflagen der Altstadtschützer.

Einzig die Glasgauben mit zur Gänze ausklappbaren Flügeln an der Front wirken als zeitgemäße Statements nach außen. Dahinter verbirgt sich ein Haus auf dem Haus. Um die Belichtungssituation vor allem in der Mittelzone des Gebäudeblocks zu optimieren, wurde in die oberste Ebene des zweigeschossigen Aufbaus ein Atrium eingeschnitten, zu dem sich die angrenzenden Räume mit Glasfassaden öffnen. Über einen Glaskubus erschließt sich von diesem geschützten Freiraum eine Blickachse bis zur Mur. Ein Glasstreifen im Terrassenboden dient als Lichtbrunnen für das darunter liegende Geschoss.

15. März 2004 zuschnitt

Aufgebügelt

Selbstbewusst, aber straßenseitig weniger dominant fiel das Innsbrucker Dachprojekt FF50 der beiden jungen Architekten Christian A. Pichler und Ferdinand Reiter aus. Es lagert auf einem Gründerzeithaus im Stadtteil Wilten und beherbergt keine luxuriösen Oberschichtwohnungen, sondern drei Einheiten mit jugendlichem Flair.
Das im Rahmen des Tiroler Holzbaupreises 2003 ausgezeichnete Projekt wurde in vorgefertigter Holztafelbauweise errichtet. Die Wandoberflächen bestehen aus dunkelbraun befilmtem Sperrholz (Metsäform).

Alle Ver- und Entsorgungseinrichtungen birgt der zwischen die Satteldachflächen gelegte »Infrastrukturcontainer«. Seine Kertoträger lagern auf der Außenwand des Stiegenhauses, den straßenseitigen Stahlstützen und auf den Brettschichtholzstützen der seitlichen Dachflächen auf. Die Dachflächen dienen als diagonale Aussteifung. Straßenseitig gibt es über die vollverglaste Front Zutritt auf eine Terrasse. Der hofseitig in expressiver Gestik auskragende Bügel umfängt den Zugang auf die Dachterrasse, die als halböffentliche Zone allen Hausbewohnern zur Verfügung steht.

15. März 2004 zuschnitt

Auf Besuch

Das Dach als Bauplatz entdeckte auch das Berliner Architektur- und Designstudio Aisslinger, das im Rahmen des Designmai Berlin 2003 den »Loftcube« präsentierte: eine Wohn- oder Ateliereinheit zur Besiedelung urbaner Flachdächer. Die zwei Prototypen bestehen aus einer modularen Holzkonstruktion mit einer weißen Kunststoffverkleidung aus vakuumverformtem, weiß beschichteten Polystyrol. Die Außenwände sind großzügig verglast.

Innen bergen zwei »Funktionspaneele« aus CORIAN® die wichtigsten Infrastrukturen: jenes zwischen Bad und Küche ist mit durchschwenkbarem Wasserhahn und Wasch- bzw. Spülbecken ausgestattet, jenes zwischen Bad und WohBreadCrumb mit Duschtasse und Pflanzenbecken über die ein Duschkopf geschwenkt werden kann.

Die Philosophie der leicht zu transportierenden und einfach wie Möbel in Selbstmontage zusammensetzbaren Häuser für Stadtnomaden stieß auf enormes Echo. Die Idee, mit seiner Wohnung mobil zu sein, sich an verschiedenen Standorten andocken zu können, klingt verlockend. Stadtdächer könnten, so Werner Aisslingers Vision, im großen Stil angemietet und quasi als Loftcube-Landeplätze angeboten werden. Noch arbeitet man aber an der Serienreife des Produkts. Es gilt, die bauphysikalischen Eigenschaften zu verbessern und auch die Transportierbarkeit zu optimieren.

Bei den angepeilten Errichtungskosten von 55.000 Euro ist der Loftcube nicht gerade billig, dazu käme noch der Hubschraubertransport. Das Ziel lautet, ein System zu finden, das im Fahrstuhl transportiert und von vier Personen an einem Tag montiert werden kann. Noch ist der Loftcube also eine reine Designvision, es könnte aber sein, dass städtische Dachflächen bald als Edelcampingplätze erschlossen werden. Mit dem Denkmalschutz wird es vermutlich keine Probleme geben: erstens sind Flachdächer in Schutzzonen selten und zweitens sind die mobilen Dachhäuser als temporäre Interventionen zu werten.

7. Juli 2003 Der Standard

Eine Badehütte bleibt eine Badehütte

Neue Häuser

Tradition, moderner Komfort und eine zeitgemäße Architektursprache wurden bei einem Badehäuschen in Greifenstein an der Donau zusammengeführt.

Als in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die ersten Pioniere ihre Badehütten am Donauufer bei Greifenstein errichteten, wurden sie von den Einheimischen noch für verrückt gehalten, erzählt man. Schließlich trat die damals noch unregulierte Donau regelmäßig über die Ufer. Da half es manchmal auch nicht viel, dass die kleinen Holzbauten auf Pfählen standen, um der Flut auszuweichen.

Architekt Andreas Fellerer, dessen Familie seit den Fünfzigerjahren eine der ältesten Badehütten in der vordersten Reihe der Siedlung besitzt, weiß zum Beispiel, dass während des großen Hochwassers im Jahr 1954 das Wasser 80 cm hoch in die aufgestelzten Räume eindrang und dass viele Häuser von den Wassermassen zerstört wurden.

Seit Errichtung der Staustufe Greifenstein liegt die Siedlung an einem ruhigen Altarm der Donau. Die Hochwassergefahr ist zwar - wie im vergangenen Jahr offensichtlich wurde - nicht gebannt, aber immerhin gemildert. Und die idyllische Lage am Wasser sowie die Nähe zu Wien sind gute Gründe, sich dauerhafter hier niederzulassen. Mittlerweile ist es unter bestimmten Bedingungen sogar gestattet, nicht nur ein 80 m² umfassendes aufgestelztes Geschoß plus Dachbodenausbau zu errichten, sondern auch die Erdgeschoßebene zu schließen. Dass damit der unverwechselbare Charakter der Siedlung nach und nach verschwindet, kümmert sowieso kaum jemanden. Dass in schöner Regelmäßigkeit ganze Kücheneinrichtungen als Versicherungsfälle zu verbuchen sind, offenbar auch nicht.

Andreas Fellerer, der gemeinsam mit Jiri Vendl ein Architekturbüro in Wien betreibt, hängt am Flair der alten Siedlung, in der auch manch begnadeter Architekt, wie zum Beispiel der in der Nazizeit nach New York emigrierte Ernst Schwadron, seine Spuren hinterlassen hat. Der Wunsch nach mehr Komfort in der eigenen Badehütte sollte deshalb so erfüllt werden, dass die Anmutung des Häuschens aus dem Jahr 1928 nicht verloren ging. Das Erdgeschoß zu schließen kam deshalb - und auch aus Respekt vor dem Hochwasser - nicht infrage.

Auf einer in drei Stunden errichteten Stahlunterkonstruktion ruht der aus wenigen Holzelementen vorfabrizierte Zubau, der sich höhenmäßig am Bestand orientiert und durch ein niedrigeres Verbindungsglied abgesetzt ist. Richtung Garten kragt eine weitläufige Südterrasse an, die bestehende Terrasse wurde verlängert und ist somit ebenfalls vom Zubau aus erreichbar.

Daran, dass sich der Zubau nicht markanter abhebt, ist eigentlich Fellerers Frau Doris schuld, die eine farbige Gleichbehandlung mit dem Bestehenden für stimmiger hielt und damit nicht Unrecht hatte. Schließlich ist die Ausformung des Neuen deutlich genug anders. Durch die einheitliche Farbgebung wuchsen Alt und Neu von Anfang an zusammen. Strukturierende Akzente verleihen die hellen Fensterrahmen.

Vom geräumigen Wohnzimmer gibt ein quadratisches Fenster mit fixer Isolierverglasung und tiefen Laibungen den Blick in die Umgebung frei. An der gegenüberliegenden Ostseite sind auf einem knappen Streifen Bad und Schlafzimmer untergebracht. Den Bereich unter der Auskragung hat man durch einen Holzrost - scherzhaft als „Tanzboden“ bezeichnet - bespielbar gemacht. Er bietet nun auch bei Regen Aufenthaltsraum im Freien an.

Gekonnt und ohne angestrengt wirkende Verrenkungen wurde der kleine Pfahlbau erweitert. Die Badehütte ist zwar vergrößert, blieb aber dennoch, was sie immer war. Man könnte sie geradezu als vorbildlichen Maßstab für viele anstehende Modernisierungen im Bereich des Freizeitsiedlungswesens hernehmen.

30. Juni 2003 Der Standard

Ein Glashaus auf dem Dach

Neue Häuser

Helligkeit als oberste Prämisse: Stahl und Glas sind die Hauptkomponenten eines luftigen Dachgeschoßes im 8. Bezirk in Wien.

Nach vielen Jahren in einer Altbauwohnung sehnte sich das Ehepaar K. nach hellen Räumen. Man hoffte, diese in einem Dachgeschoß zu finden und stieß im Heimatbezirk in einem Eckhaus an der Kreuzung Albertgasse/Pfeilgasse auf einen ausbaufähigen Dachboden. Eine Planung dafür gab es auch bald. Aber irgendwie waren weder die Anordnung der Räume, die abgelegene Terrasse und schon gar nicht die kleinen Gaupen das, was sich die Auftraggeber unter einem großzügigen, lichtdurchfluteten Wohnraum vorstellten. Neue Planer mussten her.

Ein Lichtblick in jeder Hinsicht war es, als Andreas und Gerda Gerner (gerner°gerner plus) ihren ersten Plan präsentierten. Er bestand in erster Linie aus einer Sonnenstandstudie. Das, was den Auftraggebern so wichtig war, hatten die Architekten als Ausgangspunkt für den Entwurf genommen. So sahen sie, zu welcher Jahreszeit wo die meiste Sonne hinkommt, und auf dieser Grundlage war es dann ganz einfach zu bestimmen, wie die geforderten Räume am besten zu situieren sind. Da hat es keinen Sinn, mit kleinen Dachgaupen zu arbeiten, auch wenn sie die gängigste Methode und bei den behördlichen Hütern des Stadtbildes am einfachsten zu vertreten sind.

Das bestehende Dach wurde abgetragen, nur die Kaminwand blieb als zentrales Rückgrat, um das sich das Neue entwickelt, bestehen. Und beim Neuen operierte man auch mit ablesbar neuen Mitteln. Der gesamte Aufbau besteht aus einer in Leichtbauweise und Glas ausgefachten Stahlkonstruktion. Statt einzelner kleiner Gaupen wurde die gestattete Gaupenfläche zu einer Großform zusammengefasst, die sich nach außen als nach vorne geneigte kubische Form abzeichnet. Natürlich negierten die Architekten grundsätzliche behördliche Vorgaben nicht, sie versuchten bloß, sie im Sinne eines bestmöglichen räumlichen Ergebnisses kreativ zu interpretieren und fanden bei der Abteilung für Stadtgestaltung und bei der Baupolizei für eine innovative Lösung offene Partner.

Es gibt einen von der Wohnung getrennten Büroteil, einen Wohnbereich, einen Schlaftrakt und zwischen den Letztgenannten eine Terrasse. Sowohl innen als auch außen ist diese klare Strukturierung gut nachzuvollziehen. Das Büro und der um die Gebäudeecke führende Wohntrakt verfügen über nach außen größtmöglich verglaste Flächen. Im introvertierteren Schlafbereich fiel der Glasanteil geringer aus, über eine große Fenstertür gibt es aber auch hier den Bezug zum Außenraum - besonders auf die beinahe wie ein Hof anmutende Terrasse. Von dieser führt eine leichte Treppe auf eine weitere Terrasse, von der aus sich ein Überblick über die städtische Dachlandschaft bietet.

Trotz eines enorm hohen Glasanteils fühlt man sich in den weitläufigen Räumen aufgrund der günstigen Lage nie zur Schau gestellt. Zudem bieten außen liegende Textilscreens neben dem hier unbedingt erforderlichen Sonnenschutz die Möglichkeit, den Grad der Transparenz zu verringern. Überhitzung ist in Dachgeschoßen immer ein Thema und bei so großen Glasflächen - auch wenn die modernen Gläser diesbezüglich bestens gerüstet sind - sowieso. Eine Klimaanlage sorgt deshalb für Verhältnisse, die selbst in extremen Hitzeperioden keine Sehnsucht nach einem Haus im Grünen aufkommen lassen.

Wohnqualität wie in einem Einfamilienhaus ohne den Nachteil langer Wege ins Stadtzentrum bietet diese Kombination von Wohnung und Büro, und die Bewohner sagen, sie sei „wie ein gut sitzender Anzug. Engt nicht ein, schlottert nicht und trägt unseren Eigenheiten Rechnung.“

27. Juni 2003 Der Standard

Lärmschutz als praktischer Nebeneffekt

Wohnen

Ein Wohnhaus in Ottakring zeigt, was innovative Haustechnikkonzepte im städtischen Bereich bewirken können

„Minergiehaus“ ist das 42 Wohneinheiten umfassende Haus in der Lorenz-Mandl-Gasse betitelt. Die bei uns wenig bekannte Bezeichnung stammt aus der Schweiz, wo Minergie als geschützte Marke für Häuser eines bestimmten Qualitäts- und Energiestandards etabliert ist und bereits rund 2000 Häuser das Minergie-Zertifikat tragen.

Im Vordergrund steht dabei nicht nur ein möglichst geringer Energieverbrauch, sondern auch der Komfort der Nutzer. Und den stellt Architekt Wolfgang Rainer auch vor die - übrigens exzellenten - Energiekennwerte, wenn er über das von ihm geplante Haus in Wien-Ottakring spricht.

Die kontrollierte Wohnraumlüftung sorgt nicht nur für niedrige Heizkosten, sondern auch für einen ruhigen Schlaf. Besonders bei nur straßenseitig orientierten Wohnungen ist sie „die ideale Antwort“ auf den städtischen Lärm, so Rainer, da die Fenster zum Lüften nicht geöffnet werden müssen (wohl aber können). Überdies enthält die gefilterte Zuluft weniger Schadstoffe als die Außenluft, was besonders für Allergiker eine Verbesserung der Wohnqualität bedeutet.

Unter der Tiefgarage befinden sich die Erdkollektoren, die im Winter für die Vorwärmung und im Sommer für die Kühlung der eingebrachten Luft sorgen. Um sieben bis acht Grad Celsius erhöht sich dadurch die Zimmertemperatur im Winter und acht bis neun Grad beträgt die Absenkung im Sommer. Die Anlage bewältigt den größten Teil der Heizlast.


Vertraute Radiatoren

Der Rest wird über konventionelle Radiatoren gedeckt, die in jedem Raum vorhanden sind und, auch wenn sie in manchem Zimmer nicht gebraucht werden, den Bewohnern ein vertrautes Bild und Sicherheitsgefühl geben. In Kombination mit einer thermisch optimierten Gebäudehülle (die Wärmedämmung wurde gegenüber den Forderungen der Wiener Bauordnung bedeutend verbessert) wird ein Heizenergieverbrauch von 15 bis 25 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr erreicht.

Ein Viertel des benötigten Warmwassers wird über Solarkollektoren auf dem Dach bereitet. Und auf dem Dach befindet sich auch eine weitere Besonderheit: eine Heliostatanlage, deren Sensoren dem Sonnenlicht folgen, um es mittels Umlenkspiegels in das Stiegenhaus und die Gänge zu leiten. Für einen netten Nebeneffekt sorgen Prismen, die das Tageslicht in die Grundfarben zerlegen und Regenbogentöne an die Wände zaubern. Für dieses mehr aus psychophysisch denn energetisch wirksame Detail zeichnet der Schweizer Architekt und Lichtplaner Reto P. Miloni verantwortlich.

Eine Gemeinschaftsterrasse im Hoftrakt, zwei ruhige Innenhöfe und eine zum Spielplatz hin verglaste Waschküche - fein für Mütter und Väter - sorgen auch außerhalb der Wohnung für angenehme Stimmung in der Anlage. Noch nicht genutzt sind das „Vivarium“ und das „Exotarium“, zwei helle Räume, die als interne Grünzonen gedacht sind. Gedacht wurde auch an die Leute, die das Haus instand halten. Für sie gibt es einen eigenen Aufenthaltsraum und einen Sanitärbereich.

Die Vermarktung lief sehr gut und die Kundenzufriedenheit ist hoch, stellt Buwog-Chef Gerhard Schuster nach nunmehr vierzehn Monaten nach Fertigstellung fest. Das ermutigt den Bauträger, in Zukunft verstärkt auf Niedrigstenergie- und Passivhäuser zu setzen. Bei den Reihenhäusern der Produktschiene „Welcome Home“, die das Unternehmen gemeinsam mit dem Fertighaushersteller Hartl Haus errichtet, soll die Passivhaus-Qualität bis 2004 Standard sein. Im Geschoßwohnbau ist derzeit eine Passivhaus-Anlage in Wien-Simmering in Vorbereitung.

27. Juni 2003 Der Standard

Sieben Häuser als Antwort auf die Skeptiker

Architekt Martin Trebersburg baut in der Solar City Linz-Pichling einen Geschoßwohnbau in Passivhaus-Qualität. Dort will er beweisen, dass Energie sparendes Bauen mit architektonischer Qualität und Kundenzufriedenheit vereinbar ist.

Vor zehn Jahren, so erzählt Architekt Martin Treberspurg, hätten ihn Kollegen wegen seines Einsatzes für energiesparendes Bauen und damit einhergehender höherer Wärmedämmungen noch beschimpft, weil „man so ja keine guten Häuser mehr bauen“ könne. Treberspurg selbst räumt ein, dass bei etlichen ökologisch motivierten Wohnbauvorhaben tatsächlich die Ästhetik hintan blieb - vor allem deshalb, weil die Entwicklung des Passivhauses nicht von Architekten ausgegangen sei. Sie „wird aber von ihnen auch nicht aufzuhalten sein“, so Treberspurg.

Wie eine hohe architektonische Qualität mit einem engagierten energetischen Konzept vereinbar ist, zeigt das Projekt „Einfach:wohnen“, das zurzeit in der Solar City Linz entsteht. Treberspurg gewann 1996 den städtebaulichen Wettbewerb für die Erweiterung des von der aus Norman Foster, Thomas Herzog, Renzo Piano (bis 1995), Richard Rogers und dem Energietechnikplaner Norbert Kaiser bestehenden READ-Gruppe (Renewable Energies in Architecture and Design) konzipierten Kerngebietes des Linzer Ökotrabanten im Stadtteil Pichling. Von der EBS Wohnungsgesellschaft wurde er mit der Errichtung von 93 Wohneinheiten in diesem äußeren Siedlungsring beauftragt.

Forschungsprojekt

Ein Niedrigenergiestandard und eine grundsätzlich ökologische Bauweise sind in der Mustersiedlung sowieso Pflicht. Um neueste Erkenntnisse einzubringen und sie im Rahmen dieses Teilbereiches auch wissenschaftlich auswertbar zu machen, hat Treberspurg eines der sieben Häuser als Passivhaus und eines als „Fast-Passivhaus“ konzipiert. Wirtschaftlichkeit, Ressourcenschonung und Nutzerakzeptanz werden professionell untersucht und ausgewertet. Die dadurch unweigerlich anfallenden Mehrkosten für Planung (z.B. Haustechniksimulationen) und sozialwissenschaftliche Begleitung werden über einen Forschungsauftrag, der über das Förderungsprogramm „Haus der Zukunft“ finanziert wird, abgedeckt.

Während in den fünf Niedrigenergiehäusern alle Räume noch mit normalen Heizkörpern ausgestattet sind, wird das besser gedämmte und mit einem Zuluft-Abluft-System mit Frischluftvorwärmung über einen Erdkollektor und Wärmerückgewinnung ausgestattete Fast-Passivhaus bereits mit kleineren Radiatoren ausreichend heizbar sein. Das hochwärmegedämmte Passivhaus schließlich kommt - abgesehen von einem mit Fernwärme beschickten Heizkörper im Bad - ohne Zusatzheizung aus. Für Warmwasser sorgen Solarkollektoren, die Berechnungen zufolge mindestens 60 Prozent des Jahresbedarfs abdecken werden.

In kleinen Bereichen kommen auch innovative Materialien zum Einsatz. Ein Fassadenteil des Passivhauses erhält zum Beispiel eine so genannte Vakuumdämmung, die eine fünf- bis zehnmal bessere Dämmleistung als herkömmliche Dämmstoffe aufweist und somit weniger dick aufträgt. Ansonsten war Kork als Dämmstoff vorgesehen, der aus Kostengründen jedoch dem üblichen Polystyrol weichen musste. Damit der dreigeschoßige Gemeinschaftsraum automatisch vor Überhitzung geschützt wird, sollen dort elektrochrome Verglasungen, die sich bei Sonneneinstrahlung dunkelblau verfärben, angebracht werden.

Bewerberansturm

Viermal so viele ernsthafte Bewerber als Wohnungen gibt es für das Passivhaus. Für Architekt und Bauherr der Beweis, dass die Richtung stimmt. Treberspurg: „Für mich ist klar, dass das Passivhaus der logische Endpunkt der Entwicklung eines sparsamen Hauses ist, weil es die beste Wohnqualität bietet.“ Abgesehen vom geringen Energieverbrauch ist das durch die automatische Be-und Entlüftung verbesserte Raumklima, das zugleich Schimmelbildung ausschließt, ein schlagendes Argument.

Und mittlerweile sollte auch die hin und wieder beklagte Lärmbelastung durch die Lüftungsanlage bei technisch korrekter Ausführung völlig vermeidbar sein. Der Ökoschmäh funktioniert bei einem Passivhaus jedenfalls nicht, oder zumindest nicht lang, glaubt Treberspurg. Unzulänglichkeiten erkennt man spätestens im ersten Winter, wenn die Leute frieren.

Hohe Anforderungen

Mit ein Grund, warum Passivhäuser bisher eher im privaten Einfamilienhausbau ein Thema sind: Die technischen Anforderungen an Planer und ausführende Firmen sind extrem hoch. Bei öffentlich ausgeschriebenen Bauten kann es da schon vorkommen, dass Firmen mit geringem Know-how zum Zug kommen.

Dem von manchen Bauträgern behaupteten und wohl auch befürchteten Boykott alternativer Technologien im geförderten Wohnbau soll hier durch die wissenschaftliche Begleitung und Bewohnerbetreuung durch die Beratungsagentur Wohnbund vorgebeugt werden.

Zwei Jahre nach Bezug wird bei den Bewohnern nachgefragt werden. Zusammen mit einer Analyse der gemessenen Energiewerte in den drei Haustypen des Treberspurg-Bauteiles in der Solar City werden dann - wenn alles gut geht - die Skeptiker vielleicht bekehrt werden können.

27. Juni 2003 Der Standard

Schicke Passivhäuser für die Masse

Wohnen

Im oberösterreichischen Grieskirchen und in Wien stehen Passivhaussiedlungen, die ökologisches Bewusstsein und Wirtschaftlichkeit mit hohem architektonischem Anspruch verbinden, kurz vor der Realisierung.

Besucht man die Website des Passivhausinstitut Darmstadt, der führenden Instanz in Sachen Passivhaus, sind zwei Dinge schnell erkannt: Für einen Architekturpreis kommen nur die wenigsten Bauten infrage. Und der Anteil an verdichteten Wohnformen ist verschwindend gering.

Beides muss und kann sich verändern, sagen die oberösterreichischen Architekten Helmut Poppe und Andreas Prehal. Sie haben bereits etliche Einfamilienhäuser in Passivhausqualität gebaut, die sich durchaus sehen lassen können und kurz vor Fertigstellung ist der erste Passiv-Supermarkt in Kirchberg-Thening. Im Zweifelsfall zählen für sie architektonische und städtebauliche Kriterien höher als die Energiekennzahlen. Spannungsreiche Raumfolgen sind wichtiger als eine sture Südausrichtung. „Stadtgestalt und Ökologie sind keine unvereinbaren Gegensätze“, sind Poppe und Prehal überzeugt. Vorhandene Ressourcen müssten ökologisch weiterentwickelt werden.

Für die oberösterreichische Gemeinde Grieskirchen entwickelten sie ein ökologisches Stadtentwicklungskonzept auf einem zentrumsnahen Areal von 32 Hektar. Ein Schulbezirk für 1500 Schüler und eine Siedlung mit rund 500 Wohnungen soll im Stadtteil Parz entstehen und der von Bevölkerungsrückgang geplagten Einpendlergemeinde einen positiven Entwicklungsschub verleihen. Über das Öko- und Energiethema - die Reduktion des Siedlungs-und Verkehrsflächenverbrauchs sowie des Energiebedarfs - will sich die Stadt neu positionieren.

Auch Passivhäuser soll es in der Siedlung geben. Unabhängig vom Entwicklungskonzept für Grieskirchen hat das Büro Poppe*Prehal 2002 das „Haus der Zukunft“-Forschungsprojekt SIP (Siedlungmodelle im Passivhausbau) abgeschlossen, in dessen Rahmen gemeinsam mit dem Fertighauserzeuger Genböck auch Holzhaustypen für den verdichteten Flachbau und Geschoßwohnbau entwickelt wurden.

Teil des Konzeptes ist auch die „Ökologisierung des Passivhauses“, was auf den ersten Blick irritierend erscheint. Doch so durch und durch „öko“ sind viele Passivhäuser nicht. Ein durchschnittliches Passivhaus ist zum Beispiel in 120 Kubikmeter Polystyroldämmung eingepackt. SIP unterzog deshalb 600 Materialien einer Bewertung nach sowohl ökologischen als auch wirtschaftlichen Kriterien und untersuchte deren Lebenszyklus. Sechzehn Passivreihen- und Doppelhäuser sind als erste Baustufe für die Grieskirchner Siedlung in Planung. Bereits in diesem Herbst soll in Winklarn bei Amstetten mit einer Passivhaussiedlung begonnen werden (Bauträger: Gebau-Niobau).


Sparsam in Wien

Auch in Wien sind zwei Passivhausprojekte im Geschoßwohnbau in Vorbereitung. Das Projekt am Kammelweg in Floridsdorf soll ab 2005 rund 600 Bewohnern Energie sparenden Wohnkomfort bieten. Die Projekte der Erstgereihten des zweistufigen Bauträgerwettbewerbes befinden sich zurzeit in der Nachbearbeitungsphase.

Weiter fortgeschritten sind die Planungen für das Projekt in der Utendorfgasse im 14. Bezirk. Einfach drauflosgebaut wird auch hier nicht. In einem ebenfalls vom „Haus der Zukunft“-Programm geförderten Forschungsvorhaben des Planungsbüros Schöberl & Pöll wurden bestehende Energiesparprojekte im sozialen Wohnbau in Deutschland und Österreich analysiert, um aus diesen Erkenntnissen die Planungsziele für ein Wiener Wohnhaus in Passivbauweise nach den Kriterien des Passivhausinstituts Darmstadt zu definieren. Realisiert wird das Projekt von der gemeinnützigen Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft Heimat Österreich, die bereits mit einem sechs Wohneinheiten umfassenden Haus in Salzburg-Gnigl Passivhauserfahrung gesammelt hat.

Wie Helmut Schöberl und Michael Pöll in ihrem Bericht festhalten, verlangen Passivhäuser in manchen Bereichen ein anderes Nutzerverhalten als herkömmliche Wohnungen. Die Funktionsweise der Lüftungsanlage, ihre Handhabung oder die Bedeutung der Verwendung energieeffizienter Elektrogeräte wären zum Beispiel solche Punkte. Die Mieter müssen nicht nur im Vorfeld aufgeklärt werden und eine Grundschulung erhalten, sondern sollten auch später noch Ansprechpartner bei allfälligen Problemen mit der Anlage haben.

Franz Kuzmich ist der Architekt der Wohnhausanlage Utendorfgasse. Dass die Vorgabe „Passivhaus“ gestalterische Einschränkungen mit sich bringt, stört ihn nicht. Das sei ähnlich „wie mit dem Luftwiderstand im Automobilbau“. Zwar müsse man einige Grundsätze wie kompakte Baukörper oder erhöhte Dämmstärken berücksichtigen, ein Spielraum für die Gestaltung bleibt dennoch. Was neu ist, ist die Komplexität der Aufgabe und die anspruchsvolle Haustechnik. Die Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen ist unumgänglich und weitaus intensiver als im herkömmlichen Wohnungsbau.

Achtunddreißig Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen wird das direkt an eine bestehende Bebauung angrenzende Projekt in Floridsdorf umfassen. Die durch die Passivhausweise verursachten Mehrkosten betragen 73 € / m², laut Helmut Schöberl ein realistischer Wert, der wahrscheinlich nicht nach oben korrigieren werden muss.

24. Juni 2003 Der Standard

Ins Grüne gebettet

Ein bescheidenes Häuschen aus den Dreißigerjahren vollzog die Metamorphose zu einem attraktiven Lebensraum in idyllischer Lage.

Ein Passus im Niederösterreichischen Raumordnungsgesetz gestattet die Erweiterung von „erhaltenswerten Bauten im Grünland“ auf eine Wohnnutzfläche von 130 Quadratmeter. Die etwas irreführende Bezeichnung „erhaltenswert“ bedeutet nicht unbedingt, dass das Gebäude besonderen Denkmalwert hat. Es reicht, dass es baubewilligt ist und das Landschaftsbild nicht wesentlich beeinträchtigt.

Andreas und Michaela Dreer vom Architekturbüro Dreer2 kam diese Regelung bei der Errichtung ihres neuen Wohnhauses auf einem Südhang bei Klosterneuburg entgegen. Das hier bestehende Häuschen Baujahr 1931 mit asymmetrischem Satteldach und Südbalkon wirkte zwar recht idyllisch, war für heutige Bedürfnisse aber in jeder Hinsicht unzureichend.

Die Behörde genehmigte die Modernisierung und Erweiterung unter der Auflage, die Kubatur des Altbestandes zu erhalten. Abzulesen ist diese nach erfolgtem Umbau an den mit sägerau belassenem Lärchenholz verschalten Fassaden.
Doch außer der Implikation des bestehenden Volumens blieb fast nichts beim Alten. Das Haus wurde um aluminiumverkleidete Boxen räumlich erweitert. Eine davon bildet einen schützenden Querriegel im Norden, der den an der Ostfassade liegenden Eingangsbereich überdeckt. Die andere kragt aus dem Obergeschoß nach Süden aus und spendet über der geräumigen Terrasse Schatten. Mindestens sieben Monate im Jahr kann die Freifläche damit als luftiger Zusatzraum genützt werden. Die Äste eines alten Apfelbaums geben nach Osten Flankenschutz.

Im Inneren herrscht nicht nur in den neuen Bauvolumina Großzügigkeit. Auch der Altbestand wurde entkernt und bietet jetzt im Obergeschoß bis zum Giebel erreichende Räume, die über Dachflächenfenster belichtet werden. Der Industrieparkettboden aus Nussholz ist nicht nur familientauglich robust, sondern bringt auch einen warmen Ton in die sehr groß wirkenden Räume.

Als Basismöblierung für jegliche Art von Stauraum dient ein Industrieregalsystem, das dank einfacher Steckverbindungen leicht zu verändern ist. Nach außen sichtbare Ablageflächen wurden mit Nussholzplatten veredelt. Kleiderschränke, Garderobe und sogar der Waschtisch wurden daraus gefertigt.

Veränderungspotenziale spielen überhaupt eine große Rolle beim „Haus im Apfelbaum“, wie Dreer 2 ihr Refugium nennen. Im Kinderzimmer sind alle Anschlüsse vorhanden, um irgendwann ein eigenes Badezimmer für den Nachwuchs abzutrennen. Und an der Fassade ist der Offenheitsgrad durch Schiebeelemente aus Lochblech, die Schatten und Sichtschutz spenden, regulierbar.

Die sehr großen Mauerdurchbrüche im Obergeschoß werden noch mit Schiebetüren versehen, um privatere Segmente zu schaffen. Aber auch dann wird das Raumkontinuum zwischen altem und neuem Volumen noch als zusammenhängende Wohn- und Spielfläche erhalten sein.


Schmaler Pfad

Der Zugang zum mitten im Grundstück liegenden Haus erfolgt über einen schmalen, 40 Meter langen Pfad, der sich durch das recht steile Gelände schlängelt. Von der Straße aus sind die neuen Ausmaße aufgrund dieser Situierung kaum erkennbar. Nur die Aluminiumverkleidung des Zubaus blitzt noch grell aus dem Obstgarten heraus. Mit der Zeit wird der Glanz weichen und auch das Lärchenholz vergrauen. Dann wird die Einbettung in die Landschaft so richtig vollzogen sein.

23. Juni 2003 Der Standard

Das Alte im Neuen wiederfinden

Mit Akribie und Sensibilität wurde ein Holzhaus auf dem Pöstlingberg in Linz von Architekt Gerhard Fischill an aktuelle Wohnbedürfnisse angepasst und neu gestaltet.

Es sei eines der ersten Wohnhäuser auf dem Pöstlingberg gewesen, erzählen die Eigentümer über ihr 1937 erbautes Blockhaus. Über einem Steinsockel erhebt es sich mit Außenwänden aus nur acht Zentimeter dünnen Holzpfosten. Naturfarbene Holzfenster sowie rot und blau gestrichene Elemente im Bereich der Fenster bildeten einen farbigen Kontrast zu den schwarzen Wänden. Architekt Gerhard Fischill hat es nun neu gedämmt und mit neuen Fenstern versehen.

Obwohl es sich um kein Baudenkmal handelt - wie etwa beim unweit gelegenen, fast zehn Jahre älteren, aber dennoch in der Auffassung weitaus moderneren Haus Rosenbauer von Lois Welzenbacher -, war ein sorgsamer Umgang mit der Substanz angebracht. In einer zurückhaltenden Spielart des alpinen Stils wurde es von einem Baumeister recht kultiviert geplant und ausgeführt. Schon allein deshalb war eine radikale Veränderung nicht angebracht. Zudem handelt es sich um das Elternhaus der Bauherrin.

Neben der Vorgabe, dass das Haus durch den Umbau „praktischer werden“ sollte, stand auch ein möglichst schonender Umgang mit dem Vorhandenen auf der Wunschliste. Der Charakter des alten Gebäudes sollte erhalten bleiben, man sollte das Alte im Neuen wiederfinden.

Das ist gelungen, auch wenn sich einiges geändert hat. Außen sind die Veränderungen an Details abzulesen. Die Fenster hat man erneuert, die alten Klappläden durch rot eloxierte Aluminium-Schiebeläden ersetzt, die Fensterbleche blau gestrichen. Das alte Farbkonzept wurde in eine moderne Klarheit übergeführt, die dem Haus eine neue Balance verleiht.

Auch auf dem Dach gibt es - abgesehen von der neuen Eindeckung mit grauen Schindeln - eine Neuerung, die jedoch kaum als solche auffällt: Hinter den Baumkronen erhebt sich vermeintlich ein überbreiter Schornstein. Tatsächlich handelt es sich bei dem gleich wie das Dach verkleideten Aufbau um einen ganz besonderen Kamin, einen Lichtkamin, der durch einen verglasten Abschluss Licht in das neu errichtete Badezimmer leitet.

Darauf, dass sich besonders innen allerhand verändert hat, weist der in neuer Schlichtheit gestaltete Balkon an der Südseite hin, über den nun breite Fenstertüren das Schlafzimmer erweitern. Die untere Ebene blieb noch im Originalzustand, im Obergeschoß wurden die notwendigen Sanierungsmaßnahmen bei den Wandaufbauten gleich dazu genutzt, ein völlig neues Ambiente zu schaffen. Das sehr groß dimensionierte Schlafzimmer ist an Boden und Wänden mit gebürstetem Lärchenholz verkleidet. Damit wird das Thema „Holzhaus“ auch innen behandelt, jedoch ohne Nostalgie, sondern so, dass eine elegante Atmosphäre, die von einer distanzierten Gelassenheit getragen ist, entsteht.

Eine lange Schrankwand, ebenfalls aus Lärchenholz, egalisiert die unregelmäßige Außenwand und birgt nicht nur all das, was gemeinhin in Kästen verstaut wird, sondern ist zugleich auch ein geräumiger Ersatz für einen Abstellraum. Und zu einem besonderen Schmuckstück, wie man es in einem alten Haus nicht vermuten möchte, geriet auch das Badezimmer, das man unter der Dachschräge auf ziemlich wenig Fläche untergebracht hat. Großzügig wirkt es trotzdem. Über dem Waschbecken ergießt sich ein Tageslichtschwall durch den Lichtkamin. Fliesen gibt es keine. Alle horizontalen Flächen wurden mit Sankt-Margarethener Sandstein belegt, die vertikalen sind weiß oder aus wasserunempfindlichem Teakholz. Optisch Lästiges bleibt dezent verborgen.

Der Umbau hat das Haus zwar verändert, aber nicht im Sinn einer Auslöschung seiner Vergangenheit. Die neuen Interventionen erhöhen die Wohnqualität, wurden aus dem Vorhandenen entwickelt und schreiben die Baugeschichte in einer verfeinerten Form weiter.

16. Juni 2003 Der Standard

Erweiternde neue Schichten

Das Alte in die Gegenwart transponiert: Ein kleines Bauernhaus im Südenburgenland wurde nach Plänen des Grazer Architekten Hans Gangoly mit viel Gefühl für das Bestehende weitergebaut.

Eine Sitzbank vor einem burgenländischen Bauernhaus ist nichts Ungewöhnliches. Steht aber ein blassgrünes, von Philipp Starck designtes Kunststoffsofa davor - wie vor einem auf den ersten Blick unscheinbaren Häuschen in Neudauberg -, kann das schon für leichte Irritation sorgen. Die schicke Kunststoffbank ist neben dem sorgfältig neu gestalteten Eingangsbereich ein erster Hinweis, dass man hier Tradition und modernen Lebensstil gut zu vereinen weiß.
Hans Gangoly hat schon bei einigen Bauten - etwa beim Zubau zu einem alten Gutshof, dem Umbau einer Grazer Stadtmühle zu einem Wohnhaus oder, ganz aktuell, dem Mundartinstitut in Oberschützen - ein gutes Sensorium im Umgang mit alter Bausubstanz bewiesen. Der Bauernhausumbau im Südburgenland ist zwar eine der unspektakulärsten und kleineren Arbeiten in seinem Oeuvre, steht in der konzeptuellen Konsequenz aber den anderen nicht nach.

Aufgabe war, den Wohnraum des bescheidenen Gehöfts zu vergrößern, wobei das Haus während der Umbauphase bewohnbar bleiben musste. Eine der Vergrößerungsmaßnahmen betraf die Neugestaltung des Innenhofes. Er wurde zur Hälfte als Veranda ganzjährig nutzbar gemacht. Der Holzrost am Boden verdeutlicht, dass es sich hier um keinen eindeutigen Innenraum handelt. Gläserne Dachflächen und raumhohe Glasschiebewände in der Stahlkonstruktion bewirken, dass die Ausdehnung des Hofraumes weiter erfahrbar bleibt. So wurde mit einfachen Mitteln ein Übergangsbereich geschaffen, der je nach Witterung als Innen- oder Außenraum zu verwenden ist.
Die größere Intervention erfolgte an der dem Obstgarten zugewandten Südseite, wo das Haus um ein 45 m² großes Wohnzimmer mit drei verglasten Seiten erweitert wurde. Schiebetüren führen auf eine schmale, überdachte Terrasse. Oberlicht kommt durch den raumbreiten Lichtschacht, der an den Längsseiten mit Holz verschalt wurde. Von außen ist das nicht gleich verständlich. Schließlich wird das Wohnzimmer durch die Glaswände bestens belichtet. Erst von innen versteht man, dass die südseitige Deckenöffnung Teil einer wohldurchdachten Dramaturgie ist. Denn die Überleitung vom Altbau mit seinen engen, sparsam belichteten Räumen in den hellen Zubau wurde sorgsam inszeniert: Dadurch, dass die südliche Glasfassade erst etwas tiefer als die Deckenuntersicht ansetzt und der Altbau, bedingt durch die Hanglage, höher liegt, wird der Blick in den Garten gelenkt. Der Horizont ist aus dem Bestand nur im Sitzen zu sehen. Das von oben einfallende Licht wirkt als Anziehungspunkt und suggeriert eine Weite, die erst, unten angekommen, tatsächlich zur Gänze erfahren wird.

Die Deckenuntersicht ist in hellem Grau gehalten, der Lichtschlitz cremeweiß gefärbelt. Das steigert die Licht-Schatten-Wirkung, der Übergang vom Düsteren ins Helle erfolgt weniger abrupt. Eine kleine Maßnahme, die dazu beiträgt, dass der Anbau sich atmosphärisch mit dem Bestehenden verbindet.
Für die oberen Zimmer entstand auf dem Dach ein attraktiver Freiraum, der durch den einer Attika ähnlichen Hochzug des Oberlichtes geschützt ist. Da das Haus keinen Keller hatte, wurde der Zubau unterkellert. Der Zugang erfolgt praktischer Weise direkt aus dem Wohnzimmer.
Gangoly hat das 150 Jahre alte Haus weitergebaut, ohne bestehende Qualitäten oder seine Identität zu zerstören.

16. Juni 2003 Der Standard

Bürokristall mit Wirbelsäule

Das Büro- und Gewerbezentrum IP-Two sorgt für einen erfrischenden Akzent am Westgürtel und bietet seinen Nutzern Raumkonzepte abseits des Üblichen.

So gut wie jedes neue Bürogebäude wird damit beworben, flexibel zu sein. Gemeint ist damit, dass die Geschossflächen weitgehend stützenfrei und innerhalb eines wirtschaftlich optimierten Rasters beliebig teilbar sind. Flexibel bedeutet im Jargon der Büroflächenplaner und -anbieter auch, dass die Versorgung mit diversen Installationsleitungen so ausgelegt ist, dass Firmen problemlos ihre notwendige technische Ausstattung andocken können. Man könnte fast annehmen, dass frei teilbare Flächen, leicht zugängliche Leitungskanäle und leistungsfähige IT-Backbones in einem Bürohaus des 21. Jahrhundert noch keine Selbstverständlichkeit sind.

Gern wird der Begriff Flexibilität mit dem der Multifunktionalität gepaart. Meistens bedeutet dass nicht mehr, als dass sowohl eine Werbeagentur als auch die Grundbuchbehörde damit zurechtkommen. In der Realität bedeutet das nach ökonomischen und arbeitshygienischen Kriterien optimierte Räumlichkeiten neben-und übereinander geschichtet sind. Wer seine Nachbarn sind, weiß man nur von den Firmenschildern und den Autos in der Tiefgarage. Nach getaner Arbeit ist kein Bedürfnis größer, als jenes, möglichst schnell dem Ort zu entfliehen.

Ein neues Bürohaus am Wiener Lerchenfeldergürtel zeigt, dass Büroarchitektur - ohne die Mietpreise in die Höhe zu treiben - auch anders aufgefasst werden kann. IP-Two heißt es. Die ersten zwei Buchstaben stehen für Impulszentrum, das Anhängsel bedeutet, dass es bereits das zweite dieser Art in Wien ist. Sowohl die knallorange Nummer Eins in der Fernkorngasse als auch den schwarzen Kristall am Gürtel haben die für extravagante Raumschöpfungen und kreative Interpretationen von Bauvorschriften und Raumprogrammen bekannten Architekten von BKK-3 (Franz Sumnitsch und Johann Winter) geplant. Es handelt sich dabei um Büro- und Gewerbezentren, die mehr anbieten, als die zwingend notwendige Infrastruktur.

Die Flexibilität wurde hier in all ihren Bedeutungsebenen inhaltlich und formal - im Sinne von funktional anpassungsfähig genauso wie als elastische Form - behandelt. Multifunktionalität äußert sich so, dass öffentliche, hausgemeinschaftliche und individuelle Nutzungen ineinander übergreifen und so die Kommunikation zwischen den Nutzern fördern.

Das Foyer ist als weitläufige, gefaltete Landschaft in Cremeweiß gestaltet. Außen und Innen gehen geschmeidig ineinander über. Ein gläserner, voll ausgestatteter Seminarraum steht allen Mietern zur Verfügung. Die weißen Faltungen setzen sich in den dahinter liegenden Hof fort, dessen weißer Holzrostbelag über die Wand samt integrierter Sitzbank hochgezogen wird. Repräsentativ und luftig wirkt die ganze Eingangsebene und lässt die verkehrsumtoste, staubige Stadtautobahn vor der Tür sofort vergessen.

Das im Halbstock untergebrachte Café ist zum Foyer hin nicht abgeschlossen, sondern wurde über eine sacht ansteigende Treppe mit begleitender Rampe angebunden. In die Rampe eingelassene Buchten - Schüsseln nennen die Architekten sie - gliedern den schrägen Bereich und standen als individuell vom Cafébetreiber zu gestaltende Bereiche zur Verfügung. Angesichts der mittlerweile bereits installierten Caféteria, die einen etwas betriebskantinenhaften Flair verströmt, ist es bedauerlich, dass dafür nicht auch gleich das Baukünstlerkollektiv herangezogen wurde. Das blaue Mobiliar wirkt etwas bemüht in die fließende Raumlandschaft eingezwängt. Irgendwie scheint es innenarchitektonisch mit den Gastbetrieben in den neuen Gürtelparadebauten nicht so recht klappen zu wollen. Das Restaurant am Dach der Hauptbibliothek besticht ja auch höchstens wegen der Aussicht und des Mittagsmenüs.

Das entwurfsbestimmende Thema war eindeutig der Gürtel, so BKK-3-Architekt Johann Winter. Der unwirtlichen Ort, der aber als breite Stadtachse mit der revitalisierten Mittelzone im Bereich der Stadtbahnbögen durchaus seine Reize hat, ist aus dem Bürohaus als urbanes Kraftfeld wahrnehmbar. Die Fensterbänder reichen bis zum Boden. Das Draußen ist dadurch weitaus präsenter, als es mit einer herkömmlichen Lochfassade wäre.

Aber auch intern spielen Durchblicke eine große Rolle. Glastüren öffnen sich zu den Erschließungsflächen. Dadurch erhalten auch kleinere Einheiten ein Zugehörigkeitsgefühl zum Ganzen. Hoch attraktiv werden die Gangzonen durch die das Haus durchstoßende „Wirbelsäule“. Dabei handelt es sich um einen zentralen Lichthof, der von einem Band massiv ausgeführter Brüstungsbänder begleitet wird. Er gewährleistet, dass die Büros nach innen gelüftet werden können und man die Schadstoffemissionen des Gürtels draußen halten kann. Neben diesen haustechnischen Aufgaben dient die Wirbelsäule aber auch als Kommunikationszone. Während einer Zigarettenpause ist man hier in Blickverbindung zu den anderen Geschossen, man trifft die Nachbarn, ist nicht isoliert in irgendeinem uneinsehbaren Winkel, sondern mittendrin.

Dem Thema „Gürtel“ erweist auch die Außenhaut Referenz. Schwarz werden Fassaden am Gürtel sowieso irgendwann. Und so überzieht das Schwarz den gesamten Baukörper. Wie es zu dessen Form kam, ist übrigens nicht ein Resultat formaler Willkür oder extremer Ausreizung der erlaubten Kubatur. Denn ursprünglich war das Grundstück komplett mit einer Hochgarage bebaubar gewidmet. Irgendwann wurde im Zuge der Attraktivierung des Gürtels klar, dass hier eine andere Widmung attraktiver sei. Die volle Bauhöhe hätte noch 15 Meter weit in die Grundsteingasse gezogen werden können, dann wäre allerdings ein Höhensprung zur niedrigeren Bebauung vonnöten gewesen. Um diesen Einschnitt zu verhindern, entschlossen sich Sumnitsch und Winter, nicht „beinhart ums Eck zu gehen“ sondern sachte überzuleiten. Um dem Nachbargebäude am Gürtel, dessen Lichthof zum IP-Two-Grundstück offen ist, nicht die Belichtungssituation zu verschlechtern, wurde dieser Bereich freigehalten.

Der Grünstreifen vor dem IP-Two und dem Nachbargebäude soll in eine nutzbare Installation, die in einer erhöhten Rampe ausläuft, verwandelt werden. Künstliche „Schachtelhalme“ die als Sitz- und Lehnobjekt zu gebrauchen sind sollen sich, so ist es vorläufig erdacht, vom Foyer bis auf die Rampe fortpflanzen und eine kleine Oase in der Verkehrswüste bilden. Ein Stück Gürtelrandzone würde damit vom Hundeklo zu einem Stück öffentlichen Raum werden. Das müsste sogar im Rahmen einer Aktion zur Befreiung der Stadt vom Hundekot förderbar sein.

Einen unängstlichen Bauherren, der das unorthodoxe Konzept mitträgt, braucht es dazu natürlich auch. Die Prisma Holding AG, die bisher ihre Betriebsansiedlungsprojekte und Gewerbezentren vor allem an Standorten in Vorarlberg und Wien entwickelte, hat keine Scheu vor Innovationen. Signifikante, hochwertige Architektur findet ihre Kunden. Auch beim IP-Two ist sie für die meisten Mieter das entscheidende Kriterium. Frei teilbare Grundrisse und eine moderne Gebäudetechnik, das sei der Ordnung halber erwähnt, gehören übrigens auch hier zum Angebot. Wem das allein genügt, dem ist nicht zu helfen.

7. Juni 2003 Der Standard

Alter Glanz und neuer Nutzen

Das Sanatorium Purkersdorf wurde als Seniorenresidenz wieder eröffnet und erhielt neue Annexbauten.

Es zählt zu den bekanntesten Pionierwerken der Moderne, aber auch zu den am nachlässig behandeltsten. Radikal klar in der Formensprache und zusammen mit den eigens entworfenen Wiener-Werkstätte-Möbeln als Gesamtkunstwerk konzipiert, hat es Josef Hoffmann 1904-1906 im Auftrag des Industriellen Victor Zuckerkandl als moderne Kuranstalt von großer Noblesse realisiert. Schon zwei Jahre danach begann die unrühmliche Geschichte der Verschandelung und Vernachlässigung des „Sanatorium Westend“ in Form einer Aufstockung, die das Gesamtbild empfindlich störte. Es folgten die Enteignung durch die Nationalsozialisten, Plünderungen und Zerstörung. Es diente als Kriegslazarett, später als Krankenhaus und Altersheim und stand ab 1984 leer.

Vor drei Jahren hat der Wohnbauträger BUWOG den Hoffmann-Bau und das dazugehörige Areal erworben und eine Verwendung gefunden, die den geschundenen Bau in Würde weiterbestehen lässt. Er dient nun als Seniorenpflegeresidenz, eine Nutzung die dem ursprünglichen Zweck verwandt ist. Wirtschaftliche Tragfähigkeit und denkmalpflegerische Tragbarkeit galt es unter einen Hut zu bringen, und so erhielt der außen und innen picobello restaurierte Hoffmann-Bau einen neuen Nachbarn. Insgesamt verantwortlicher Architekt ist Wolfgang Rainer, der bereits in den Neunzigerjahren für den damaligen Eigentümer das Areal beplante. Damals erfolgte auch die Wiederherstellung der äußeren Hülle durch Architekt Sepp Müller, der auch jetzt eingebunden war.

Der Zubau ist über den historischen Wandelgang mit dem Hoffmann-Bau verbunden und beeinträchtigt diesen überraschend wenig. Zu deutlich hebt er sich ab, zu wenig dick trägt er auf, um den bedeutenden Nachbarn zu stören. Mit drei Vollgeschoßen und einem zurückspringenden Dachgeschoß ordnet er sich in seiner Ausdehnung unter. Die Mittelachse betonen gläserne Anbauten, in denen sich Gemeinschaftsräume (vorne) und das Stiegenhaus (hinten) befinden. Die Zimmer öffnen sich auf barrierefrei zugängliche Loggien. Glasbrüstungen sorgen dafür, dass auch bettlägrige Bewohner Ausblick haben. Auch der rückwärts an den Wandelgang angebaute Cafépavillon fügt sich als Teil des neu geschaffenen Ensembles gut ein. Kurz- um handelt es sich bei den Zubauten um eine solide Gegenwartsarchitektur, der man das Bemühen um funktionelle Qualität - wie kurze Wege und Übersichtlichkeit - und proportionale Ausgewogenheit ablesen kann.

Ein einzigartiger, eleganter Pionierbau, ein moderner Zubau, ein schöner Park - könnten sich betagte Menschen, die es sich leisten können, mehr wünschen, als den Lebensabend in solch einem Ambiente zu verbringen? Könnten sie. Zum Beispiel eine Zimmereinrichtung, die der Hochwertigkeit und Eleganz des Hoffmannschen Gesamtkunstwerks gerecht wird. Für die gesamte Innengestaltung der neuen Zubauten sowie der Zimmer im Hoffmann-Bau zeichnen weder Architekt Wolfgang Rainer noch die BUWOG verantwortlich. Sie oblag ganz den Wünschen des Betreibers namens „Kräutergarten Seniorenresidenz“. Das Denkmalamt pochte zwar bei den öffentlich sichtbaren und zugänglichen Bereichen auf möglichst originalgetreue Wiederherstellung, nahm aber ansonsten noch auf die Ausstattung keinen Einfluss. Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Billig ist die Einrichtung nicht, und es stört grundsätzlich auch nicht, dass sie heutigen Erfordernissen entspricht. Was schmerzt, ist, dass sie keinen Funken von der Stilsicherheit und Klasse des noblen Sanatoriums Westend hat. Jugendstilig gemusterte Vorhänge, quadratische Wandpaneele und unmotiviert verteilte Intarsien im Linoleumboden sind eher Zeugen eines groben Missverständnisses denn von großem Einfühlungsvermögen. Trotz dieses Wermutstropfens: Gut, dass gerettet wurde, was zu retten war, dass eine sinnvolle Nutzung gefunden wurde und dass Architekturtouristen nicht mehr fassungslos kopfschüttelnd davor stehen und fragen, warum ein reiches Land, eine angeblichen Kulturnation, mit ihren Perlen der Baukunst nichts anzufangen weiß.

30. Mai 2003 Der Standard

Schlanker Solitär auf dem Markt

Ein von den Architekten Andreas Fellerer und Jiri Vendl geplantes Wohnhaus ist Teil der Grätzel- Revitalisierung am Schwendermarkt.

Dass der seit 1833 an der Äußeren Mariahilfer Straße im 15. Bezirk bestehende Schwendermarkt ein traditionsreicher Handelsplatz ist und an einer wichtigen Stadtachse liegt, hat ihn nicht vor der Verwahrlosung bewahrt. Angesichts heruntergekommener und leer stehender Standeln gab es deshalb Ambitionen, das Marktgebiet durch eine Wohnbebauung, die auch Geschäftsflächen für die Marktstandler bieten sollte, zu ersetzen. 1994 wurden fünf Architekturbüros zum Wettbewerb geladen, den Andreas Fellerer und Jiri Vendl für sich entschieden.

Bald regte sich Widerstand gegen den Abriss des Marktes und den Neubau. Einigkeit herrschte nur darin, dass etwas geschehen müsse, um die miserablen Zustände zu beheben und den Verslumungstendenzen entgegen zu wirken. Irgendwann hatten sie das Projekt bereits abgeschrieben, erzählen heute die Architekten Fellerer und Vendl. Bis vor drei Jahren eine salomonische Lösung gefunden war. Ein Teil des Marktgeländes wurde an die Wohnbaugenossenschaft Heimbau verkauft, um hier einen gegenüber den ursprünglichen Plänen auf etwa ein Drittel reduzierten Neubau zu errichten. Der verbleibende Markt wurde saniert und attraktiver gestaltet.
Wie schon das größere Wettbewerbsprojekt ankündigte, zählen Fellerer und Vendl nicht zu der Sorte Architekten, die ihre Bauten spektakulär in Szene setzen. Dennoch ist der vorige Woche den Mietern übergebene Bau mit 54 Wohnungen ein signifikanter Blickfang geworden. Der nur zwölf Meter tiefe und 90 m Meter lange Baukörper steht ohne direkte Nachbarn im Anschluss an einen neu gestalteten Platz neben dem sanierten Marktgelände. Die abgerundeten Schmalseiten verstärken den Charakter eines Solitärs und den Eindruck der Schlankheit.

Ein guter Grund für die Rundungen ist aber auch die Janusköpfigkeit des Gebäudes. Denn sie leiten den Betrachter von der einen Straßenfassade zur zweiten. An jener zur Mariahilfer Straße liegen der Haupteingang, eine erdgeschoßige Ladenzone und darüber die Laubengänge, über die man zu den Wohnungen kommt. Da der Straßenraum hier außer einer großen Verkehrbelastung wenig zu bieten hat, ist die Zugangszone mit einem metallischen Gewebe abgeschirmt. Es bietet Witterungsschutz, verschmutzt weniger sichtbar als Glas und legt einen silbrig flimmernden Schleier zwischen die private Wohnlichkeit und das unwirtlichere Draußen.
Die zweite Erdgeschoßzone liegt eine Ebene tiefer entlang der als Fußgängerzone gestalteten Schwendergasse. Die Wohngeschoße darüber öffnen sich zum ruhigen Straßenraum mit in die Fassade eingeschnittenen Loggien. Die Laibungen und Decken der Loggien sind wie die Außenwände mit grauen Eternitplatten verkleidet, was für eine reliefartig anmutende Fassade von angenehm ruhiger Ausstrahlung sorgt. Große Fenster mit verglasten Parapeten und Oberlichten sorgen für gute Lichtverhältnisse und einen Hauch von Großzügigkeit. Sonst war an Extravaganzen wenig möglich, schließlich handelt es sich um geförderte Mietwohnungen, die übrigens bereits im Dezember alle bereits vergeben waren.
Was allerdings schon ganz besonders ist, sind die sieben Dachmaisonetten, deren obere Geschoße sich mit ihren stadteinwärts geneigten Dächern wie Sägezähne abzeichnen. Von hier reicht die Aussicht bis zur Gloriette, nach Steinhof und in den Wienerwald. Die geräumigen Dachterrassen zwischen den Wohnungen sind zur Mariahilfer Straße hin durch Verglasung vor Lärm geschützt. Von den Gemeinschaftsterrassen an den Enden der Dachflächen kommen auch Bewohner tiefer liegender Geschoße in den Genuss des tollen Ausblicks.

Im „Kurier“ wurde das Haus recht übertrieben als „Wohnpalast“ tituliert. Doch weder das unprätentiöse Äußere noch die Wohnungen haben etwas aufgesetzt Protziges. Es handelt sich nur um ein städtebaulich gut gesetztes Haus mit hoher Wohnqualität, das dem Umfeld einen neuen Impuls verleiht. Kein Palast, aber ein Musterbeispiel an solider, menschenfreundlicher Wohnarchitektur in einem ökonomisch engen Korsett.

26. Mai 2003 Der Standard

Mit Hightech für Poesie sorgen

Ein kleiner, feiner Zubau zu einer Wiener Biedermeiervilla wurde wegen seiner innovativen Glasbautechnik preisgekrönt.

Versteckt im Garten eines Hietzinger Biedermeierhauses, auf einer Grundfläche von nur 23 Quadratmeter, gelang den Architekten Aneta Bulant-Kamenova und Klaus Wailzer eine technologische Meisterleistung. Es handelt sich „nur“ um einen Wintergarten, der das Wohnzimmer Richtung Garten erweitert. Wände und Decke sowie die notwendigen Stützen und Balken bestehen aus Glas. Auch das ist heutzutage nichts Besonderes mehr. Die Aufsehen erregende Innovation, die vergangene Woche mit dem in der Fachwelt sehr beachteten Solutia Design Award 2003 ausgezeichnet wurde, liegt im Detail. Konkret in der Art der Verbindung der einzelnen Isolierglasscheiben. Die ist nämlich nur geklebt und völlig ohne zusätzliche mechanische Halterung ausgeführt.

Bereits vor fünf Jahren stellten die beiden Architekten einen formal ähnlichen Zubau in Salzburg fertig. Damals scheiterte die reine Klebeverbindung an den österreichischen Normen, die zusätzlich mechanische Verbindungen vorschreiben. Diesmal sollte es jedenfalls ohne gehen.

Zwei Firmen gäbe es in ganz Österreich, so Aneta Bulant-Kamenova, die so komplizierte Lösungen umsetzen können. In diesem Fall war es die niederösterreichische Fuchs-Glastechnik, die sich ins Zeug legte, um die 1,90 m breiten und 4,20 m langen Glasteile - das ist die maximale Produktionsgröße von Verbundsicherheitsglas - aneinander zu fügen.

Für besten Durchblick sorgt neben der minimierten Konstruktion auch die Glaswahl: Diamantglas extra weiß hat einen geringen Eisenanteil und wirkt deshalb auch bei einer Stärke von 36 mm noch ganz klar. Man suchte eine Alternative zu Silikon oder Gießharz, die alle Anforderungen hinsichtlich Festigkeit, Elastizität sowie Frost- und UV-Beständigkeit erfüllt. Der passende Einkomponenten-Kleber wurde eigens für dieses Bauvorhaben gemischt, und nach gründlicher Prüfung durch die Staatliche Versuchsanstalt in Linz durfte die Konstruktion schließlich ohne zusätzlich sichernde Metallverschraubungen ausgeführt werden. Die einzigen Fremdkörper in der gläsernen Hülle sind die Türbänder.

Warum tut man sich das für einen Wintergarten an? Kostengünstigkeit scheidet als Motivation auf jeden Fall aus. Die progressive Technologie sei nur Mittel zum Zweck, betonen die beiden Architekten. „Das Bauwerk wird zum aktivierenden Organ der Interaktion mit der Umgebung“, drücken sie es aus.

Durch die Beschränkung auf das Material Glas bleibt die Wahrnehmung des Freiraums ungetrübt. Wenn die beiden aber erzählen, mit wie vielen Spezialisten und Firmen sie Know-how ausgetauscht haben, um zu einer optimalen Lösung zu kommen, wird klar, dass wohl auch ein hohes Maß an Forschergeist und sportlichem Ehrgeiz mit im Spiel war.

Es ist nicht nur der Glaskubus allein, der das 150 Jahre alte Haus jetzt um soviel lebenswerter macht. Zusätzlich wurde die Terrasse erweitert und ein bequemerer Gartenzugang errichtet. Überspannt ist alles von einer Pergola, bei der es sich im Vergleich zu üblichen Schattenspendern um Juwelierarbeit handelt. Sie besteht aus Yachtmasten, in deren Nuten anstelle der Takelage ein textiler Sonnenschutz geführt ist. Durch die Hohlräume der elliptischen Masten wurde die Verkabelung für die Außenbeleuchtung gefädelt.

Das Tüfteln hat sich jedenfalls gelohnt. In seiner Reduziertheit beeinträchtigt der Zubau das Erscheinungsbild der Biedermeiervilla nur positiv, ihren Charakter zerstört er nicht.

Anfangs waren die Bauherren wegen der hohen Transparenz skeptisch. Heute genießen sie den Raum zu jeder Tages- und Jahreszeit. „Herbstregen und winterliche Schneestürme verwandeln sich hier von einer lästigen Plage zu einem poetischen Ereignis.“ Das allein schon war die Mühe wert.

17. Mai 2003 Der Standard

Optisch und ökologisch verträglich

Aus der Serie: Neue Häuser

Ein Wienerwaldhaus neuen Zuschnitts plante Thomas Abendroth für eine Familie in Purkersdorf.

Was lange eine Domäne des österreichischen Westens war, wird nun auch im Osten von Bauherren immer stärker nachgefragt und von Architekturbüros angeboten: solares und ökologisches Bauen. Kein Wunder also, dass beim Großen Österreichischen Solararchitekturpreis 2003, bei dem die Einreichungen nicht nur nach energietechnischen, sondern löblicherweise auch nach architektonischen Kriterien bewertet werden, zwei niederösterreichische Häuser unter den Preisträgern waren.

Eines davon in Öhling von den Architekten Poppe und Prehal wurde bereits vorgestellt (DER STANDARD, 10. 11. 2001). Das zweite stammt von Architekt Thomas Abendroth und zeigt ebenfalls, dass die architektonische Qualität nicht unbedingt unter den Zwängen der Ökologie k.o. gehen muss. Es füllt eine schmale Baulücke in einer historisch gewachsenen Siedlung, wie sie für den Wienerwald typisch ist. Die mögliche Breite wurde ausgenutzt, dennoch wirkt das Haus nicht ins Grundstück hineingezwängt.

Der Architekt hat sich einiges einfallen lassen, um den Baukörper in die Höhe zu strecken und die horizontale Ausdehnung möglichst wenig wirken zu lassen. Die Zweiteilung der Fassadenmaterialien ist eine Maßnahme: Wo der Bau am höchsten ist, wurde er in eine homogene Schicht aus Lärchen-Dreischichtplatten eingepackt. Die andere Hälfte ist mit einer Bretterschalung verkleidet, die auch noch als Terrassenbrüstung über die Haushöhe weitergezogen wurde, um den Turmcharakter zu betonen. Fensteröffnungen sind sparsam gesetzt. Er möchte mit dem Einsatz von Glas bewusst umgehen, sagt Thomas Abendroth. Denn die Energiegewinne durch große Fensterflächen würden oft überbewertet, die Überhitzungsgefahr hingegen gern unterschätzt.

Es ist bereits etwas Phantasie notwendig, um vom Äußeren auf das - übrigens sehr weitläufige, aber dennoch in vielfältige Rückzugsbereiche gegliederte - Innere zu schließen. Die große Überraschung kommt aber ganz oben. Hier liegt nur ein Arbeitsraum, umgeben von einer breiten, nach Süden und Osten orientierten Dachterrasse. Sie dient als uneinsehbares Sonnendeck und luftiger Kinderspielplatz.

Mittlerweile hat sich das Gebälk der Pergola auch als vortreffliche Halterung für Schaukel und Trapez erwiesen, was für den Solarpreis aber weniger ausschlaggebend war. Mehr zählte da schon die ganz auf Umweltverträglichkeit ausgerichtete Bauweise. Es handelt sich um einen mit Zellulose gedämmten Holzriegelbau, dem Stahlbetoninnenwände als Aussteifung und Speichermasse dienen.

Obwohl energietechnisch „nur“ ein Niedrigenergiehaus, kamen einige Elemente aus dem Passivhaus-Standard zur Anwendung, um die bauphysikalischen Werte zu optimieren. Dazu zählt das Lüftungs-Kompaktaggregat mit Wärmepumpe und Wärmerückgewinnung, womit der größte Teil des Raumwärmebedarfs abgedeckt und das Warmwasser bereitet werden. Ein Pelletsofen im Wohnzimmer und elektrische Heizkörper im Bad unterstützen während der kalten Jahreszeit. Die Fenster mit ihren sehr schlanken Profilen sind ebenfalls Passivhaus-tauglich. Sie stammen aus norwegischer Produktion und haben die Sonnenschutzjalousie hinter der äußersten Schicht der Dreischeibenverglasung integriert.

„Ein Haus mit niedrigen Betriebskosten gibt Sicherheit“, sagt Architekt Abendroth, den energiebewusstes, ökologisches Bauen schon seit seinem Studium interessiert. Nicht nur die weitgehende Unabhängigkeit von Energiepreisen sei ein gutes Argument für Heizsysteme auf Basis einer automatischen Wohnraumlüftung. Die Anlagen können auch mit Pollenfiltern ausgestattet werden und so das Leid von Allergikern lindern, da für ein gut durchlüftetes Raumklima auch bei geschlossenen Fenstern gesorgt ist.

Publikationen

2021

Architektur in Niederösterreich 2010–2020
Band 4

Der vierte Band der erfolgreichen Reihe Architektur in Nieder­österreich dokumentiert das Baugeschehen in diesem Bundes­land zwischen 2010 und 2020. Hundert mittels Text, Bild- und Planmaterial beschriebene Projekte legen Zeugnis ab von der Vielfalt und der Qualität ausgewählter Beispiele in sieben Ka­tegorien.
Hrsg: ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich
Autor: Franziska Leeb, Eva Guttmann, Isabella Marboe, Gabriele Kaiser, Christina Nägele
Verlag: Park Books

2019

querkraft – livin‘ architecture / Architektur leben lustvoll querdenken

Menschen Raum zu geben, Bühnen für das Leben in all seinen Facetten zu schaffen, querzudenken und den Mut zu haben, von eingetretenen Pfaden abzuweichen und nicht alles bierernst zu nehmen – so könnte man die Arbeitsweise von querkraft in kürzester Form zusammenfassen. Zum 20-jährigen Bestehen des Wiener
Hrsg: Franziska Leeb, Gabriele Lenz
Verlag: Birkhäuser Verlag

2013

Walter Zschokke. Texte
Gesammelte Texte des Architekten und bedeutenden Architekturpublizisten und Kurators Walter Zschokke (1948–2009)

Der Aargauer Architekt Walter Zschokke (1948–2009) hat über drei Jahrzehnte das Architekturschaffen und baukulturelle Geschehen in seinen beiden Heimaten, Österreich und Schweiz, beobachtet, kommentiert und analysiert. Der vorliegende Band ist die erste Sammlung seiner pointierten, ungebrochen aktuellen
Hrsg: Franziska Leeb, Gabriele Lenz, Claudia Mazanek, ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich, ZV der Architekt:innen Österreichs
Verlag: Park Books

2011

ORTE. Architektur in Niederösterreich III. 2002 – 2010

Die von Walter Zschokke initiierte und von ORTE herausgegebene Publikationsreihe setzt mit Band 3 die Bestandsaufnahme qualitätsvoller Architektur in Niederösterreich fort. Das Autorinnenteam – Eva Guttmann, Gabriele Kaiser und Franziska Leeb – hat aus einer Fülle an Bauwerken eine exemplarische Auswahl
Hrsg: ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich
Autor: Franziska Leeb, Eva Guttmann, Gabriele Kaiser
Verlag: SpringerWienNewYork

2009

Wohnen pflegen leben
Neue Wiener Wohn- und Pflegehäuser

Die Publikation liefert einen umfassenden Diskussionsbeitrag darüber, was zeitgemäße Raum- und Funktionsprogramme von Pflegeeinrichtungen leisten sollen und können und stellt dar, was Geriatrieplanung heute bedeutet und wie sich eine Kommune den Herausforderungen, die eine alternde Gesellschaft mit sich
Autor: Franziska Leeb
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH