Innen größer als außen wie das Raumschiff des Doctor Who: Wienerfeld West erhält modernes Konzept
Sanieren ist die erste Option gegen den Klimawandel. Bei der Siedlung Am Wienerfeld West zeichnet sich aber ab, dass mit dem Neubau durchaus Besseres nachkommt.
Der Kontrast zwischen dem Siedlungsbestand und dem ersten fertigen Ersatzneubau könnte größer nicht sein: dort die ab 1941 errichteten, auf das Notwendigste reduzierten Häuser mit den kleinen Kunststofffenstern, die 1991 anstelle der ursprünglichen Kastenfenster eingesetzt wurden. Da der Neubau aus Holz, mit bodentiefen Fenstern, großen Balkonen und ansprechenden Farbakzenten.
Was wurde noch gemacht?
Die Siedlung Wienerfeld in Wien-Inzersdorf ist eines der wenigen zur Zeit des Nationalsozialismus umgesetzten kommunalen Wohnbauvorhaben. Ab Herbst 1938 wurde der Siedlungsteil östlich der Laxenburger Straße in Angriff genommen, in dem noch städtebauliche Ambitionen in Form von Platzbildungen, Torsituationen und unterschiedlichen Haustypen erkennbar sind. Im drei Jahre später begonnenen westlichen Teil hingegen begnügte man sich mit Zeilen aus gleichförmigen Blöcken mit winzigen Wohnungen. In den Medien wurden sie als Schmuckkästchen angepriesen, bautechnisch waren sie von Anfang an mangelhaft.
Selbstversorgung mit Gemüse und Kleintierhaltung
Während die aus minderwertigen Materialien bestehende, unterdimensionierte Bausubstanz mit zunehmendem Alter nicht besser wurde, entwickelten sich die großzügigen Freiräume zu wahren Paradiesen. Der prominente Gartenarchitekt Albert Esch plante die allgemeinen Freiflächen. Die ursprünglich zur Selbstversorgung mit Gemüse und Kleintierhaltung gedachten Mietergärten wusste sich die Bewohnerschaft erstaunlich vielfältig anzueignen (und man wundert sich mitunter, was im gemeindeeigenen Mietwohnungsbau alles möglich ist). Gartenhütten wurden errichtet, sogar ein gemauerter Ofen; manche vergrößerten die Wohnfläche durch Zubauten und schufen direkte Zugänge in den Garten. Anders als beim besser gebauten Wienerfeld Ost fiel für den Westteil 2021 die Entscheidung zu Abriss und Neubau.
Wahrung des Gartenstadtcharakters
Mittels EU-weiten, offenen Architekturwettbewerbs wurde nach der besten Lösung gesucht, um bei Wahrung des Gartenstadtcharakters die alten Gebäude in Etappen durch neue zu ersetzen. Gewonnen hat das Büro WUP Architektur, das aus dem 1981 gegründeten Architekturbüro von Helmut Wimmer, einem der konzeptuell innovativsten Wohnbauer Wiens, hervorgegangen ist. Heute führen es Bernhard Weinberger und Andreas Gabriel – ganz im Sinne des Gründers, der das Bild vom Wohnhaus als „Bühne des Lebens“ prägte, auf der sich die Menschen entfalten können. Die erste kleine Bauetappe ist nun fertig. Was Alt und Neu gemeinsam haben: Beide stehen – schon respektive noch – leer. Wie gut der Neubau mit den Besonderheiten, die sich die Architekten ausgedacht haben, angenommen wird, wissen wir noch nicht. Die Fotos vom Spätherbst zeigen noch nicht die Menschen, die demnächst einziehen. Sie und die noch unbewohnte Architektur selbst sind vorerst ein Versprechen, dass diese neuen Gemeindewohnungen mehr als nur eine weitere leistbare Behausung sein werden, ein Lebensraum, der den Menschen Wertschätzung entgegenbringt.
Das Raumwunder
Die neue Siedlung wird ebenso kleinteilig sein wie die alte, gleich hoch, aber mit tieferen Baukörpern und einem dritten Geschoß mit Flachdach statt eines Satteldachs. So bleiben die Siedlungsstruktur und der Grünraum erhalten und wird die Wohnungsanzahl von 145 auf etwa 300 verdoppelt. Innen größer als außen wie das Raumschiff des Doctor Who, haben nun nicht nur mehr, sondern auch größere Wohnungen als zuvor Platz. Das Raumwunder hat kein geschlossenes Stiegenhaus, sondern eine Kombination aus offener Erschließung und Terrassen, die von den Architekten als „Gemeinschaftsbassena“ bezeichnet wird. Im Rohbau sah das Betonskelett wie der Sprungturm eines Freibades aus. An drei Seiten angedockt wurden die Wohngeschoße als Holzhybridbau aus Wandelementen aus Holz und Decken aus Beton, über die mittels Wärmepumpe das Haus umweltfreundlich temperiert wird. Das gelbe Portal bildet in Kombination mit einem zarten Edelstahlnetz eine optisch durchlässige Trennung zwischen innen und außen. Überdeckt wird der Eingangsbereich von den darüber auskragenden Terrassen in den oberen Geschoßen mit einer gelben Pergola als Bekrönung. Das attraktive Entree auf drei Ebenen lässt bei zufälligen Begegnungen keine peinliche Enge aufkommen und gibt geplanten nachbarschaftlichen Treffen genügend Raum. Man wird sehen, in welcher Form er in Beschlag genommen wird.
Zimmer mit Optionen
Mit Faltrollos lässt sich bei den zum Erschließungsbereich orientierten Fenstern der Grad der Interaktion zwischen innen und außen steuern. „Das Fenster kostet ganz wenig, macht aber viel mit der Wohnung“, sagen die Architekten. Nichts außer Hirnschmalz kostet eine kluge Organisation der Grundrisse, von denen keiner dem anderen gleicht. Oft ist ein Umrunden um den Sanitärkern möglich, was ebenso eine Vielfalt an Nutzungsszenarien offenhält wie jene lang gestreckten Zimmer, die über zwei Zugänge verfügen. Ob Speis, Schrankraum oder Homeoffice-Koje, temporär abtrennbare Schlafnische für das Patchworkkind oder die zu Besuch weilende Oma – jede Wohnung bietet mehr Optionen als Zimmer-Küche-Kabinett und ist vielseitig anpassbar. Damit die frisch Einziehenden diese Potenziale zu heben vermögen, haben ihnen die Architekten eine Mappe mit Nutzungs- und Möblierungsvorschlägen zusammengestellt.
Gemeinschaftliche Freiräume
Ein weiterer wesentlicher Entwurfsgedanke galt dem Gartenstadtthema. Zugunsten gemeinschaftlicher Freiräume sollten die individuellen Gärten nicht allzu groß werden. Weinberger und Gabriel wollten dennoch jede der Wohnungen mit möglichst viel individuellem Freiraum bedenken. Diese Überlegungen führten zu einem neuartigen Element in Form von neun Meter langen Stegen, die aus den Wohnküchen im ersten Obergeschoß über die Gärten im Erdgeschoß ausgreifen. Man könnte sie als Brückengärten bezeichnen, denn unter jener Fläche, die vorerst mit einem Rasen belegt wurde, bietet ein riesiger, 60 Zentimeter tiefer Pflanztrog genug Substrat, um selbst in luftiger Höhe paradiesische Gärten anzulegen. Darunter entsteht für die ebenerdig Wohnenden eine Laube, und auch ein Geräteraum wurde eingebaut, um dem Gartenhütten-Wildwuchs vorzubeugen. Möge sich alles im Sinn der Erfinder erfüllen und auch die hohe Detailqualität in den folgenden Etappen durchgehalten werden!