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Profil

Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie in Heidelberg. 1997/98 war er Redakteur der Zeitschrift Bauwelt in Berlin, seit 1998 ist er Redakteur der Zeitschrift archithese in Zürich. Daneben ist er als freier Architekturkritiker tätig, vor allem für die Neue Zürcher Zeitung. Er veröffentlichte zahlreiche Beiträge und Buchpublikationen zur Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts und zur Architektur der Gegenwart. Hubertus Adam lebt und arbeitet in Zürich.

Auszeichnungen

2004 Swiss Art Award für den Sektor Kunst- und Architekturkritik

Artikel

29. Januar 2023 deutsche bauzeitung

Schutzraum

Kongresszentrum »Verrucano« in Mels (CH)

Durch bauliche Interventionen und einen neuen Platz soll die Identität von Mels im Schweizer Kanton St. Gallen gestärkt werden. Schlüsselprojekt ist das Kultur- und Gemeindezentrum, das v. a. von der überaus aktiven lokalen Vereinsszene genutzt wird.

Die Trasse der Autobahn Zürich – Chur trennt Mels – zu Füßen des bei Wandernden und Skifahrenden gleichermaßen beliebten Pizol gelegen – von der durch den Halt der Fernzüge bekannteren Ortschaft Sargans. Der historische Dorfkern von Mels zählt heute zu den schützenswerten Ortsbildern der Schweiz von nationaler Bedeutung; kommt man mit dem Bus von Sargans, muss man ihn aber erst einmal finden. Anders ausgedrückt: Zuerst passiert man an der Autobahnabfahrt die Shopping- und Gewerbezentren Pizolpark und Pizolcenter, dann ausgedehnte suburbane Siedlungsbereiche der vergangenen Jahrzehnte. Die Expansion von Mels begann zur Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, als sich auf einer Höhenterrasse oberhalb des Talbodens dank der nutzbaren Wasserkraft eine Spinnerei und Weberei ansiedelte; die mächtigen, weithin sichtbaren Volumina wurden vom Architekturbüro Meier Hug zu Wohnzwecken umgebaut, die Ergänzung durch Anbauten dauert an. Sukzessive vergrößerte sich der Siedlungsbereich im Tal, sodass Mels und Sargans heute wie zusammengewachsen erscheinen. Auch der historische Kern mit dem Dorfplatz an der Schnittstelle zwischen Ober- und Unterdorf wurde über die Jahrzehnte durch Zubauten entstellt.

Stärkung der Identität

Das Gemeinde- und Kongresszentrum Verrucano ist Teil einer umfassenderen Strategie, der schleichenden Nivellierung entgegenzuwirken und den historischen Dorfkern wieder zu stärken – visuell, strukturell, aber auch hinsichtlich seiner Attraktivität für die Bevölkerung. Alles begann 2009, als der Gemeinderat den Entschluss fasste, private Parzellen im Zentrum zu erwerben, um eine Neustrukturierung zu ermöglichen. Nachdem die Landkäufe durch eine Urnenabstimmung bewilligt worden waren, konnte auf Basis einer Machbarkeitsstudie 2013 ein offener Projektwettbewerb ausgeschrieben werden. Dieser umfasste drei Teile: die Erweiterung des Rathauses, ein neues Kulturzentrum und einen neuen, sich zwischen diesen Bauten und dem lang gestreckten Dorfplatz sich aufspannenden zusätzlichen öffentlichen Freiraum. Sieger wurde das 2007 von Beat Loosli in Rapperswil gegründete Büro raumfindung architekten. »Das Projekt pinot noir besticht insgesamt durch eine hervorragende Einpassung beider Baukörper in die vorhandenen Dorfstrukturen mit wohlproportionierten und gut gestalteten Außenräumen und durchwegs attraktivem Erdgeschossbereich«, attestierte die Jury dem Projekt. Ausgeführt wurde das Vorhaben – eine leichte Mehrheit des Stimmvolks hatte die Kosten von 31,5 Mio. CHF im März 2015 bewilligt – in den Jahren 2017 bis 2020, was zur Folge hatte, dass die Eröffnung direkt in die Zeit der Coronapandemie fiel und der Betrieb erst langsam Fahrt aufnehmen konnte.

Einfügung in den Kontext

Kommt man heute nach Mels, so überzeugt zunächst einmal die städtebauliche Lösung. Durch den Abriss eines deplatzierten Mehrfamilienhauses und die Verbannung der Autos in die neue Tiefgarage entstand eine quer zum annähernd nordsüdlich ausgerichteten Dorfplatz orientierte Platzerweiterung. Diese wird auf der Nordseite von historischen Bauten wie dem Restaurant Traube gesäumt, während das Rathaus, ursprünglich ein vom prominenten St. Galler Klassizisten Felix Wilhelm Kubly (1802-72) entworfenes Wohnhaus, und der hinsichtlich der Kubatur ähnliche Erweiterungsbau die südliche Platzkante bilden. Den Abschluss im Osten bildet das Verrucano, mit dessen polygonaler Grundrissfigur raumfindung die zur Verfügung stehende Fläche geschickt ausgenutzt hat. Die Eingangsfront orientiert sich zum neu entstandenen Platz hin, die südliche Fassade des abgeknickten Baukörpers hingegen fügt sich in die Flucht der Wangserstraße ein. Vis-à-vis haben die Architekten vor der Post ein neues Bushaltestellenhäuschen errichtet, das unzweideutig die Gestaltungselemente des Kulturzentrums aufgreift.

Aus dem Pinot noir des Wettbewerbs, der an die Weinbautradition von Mels erinnerte, ist nun Verrucano geworden. Unter diesem Namen ist der vor Ort abgebaute rötliche Schiefer bekannt. Die Architekten haben ihn nicht nur bei der Gestaltung des neuen Platzes eingesetzt, sondern auch für den Terrazzo im Inneren des Kulturzentrums verwendet. Und natürlich kann man die rot gestrichenen Holzfassaden auch als Reverenz an den lokalen Stein verstehen. Anders als der Erweiterungsbau des Rathauses, der sich außen in hohem Maß neutral zeigt, tritt das Verrucano schon aufgrund seiner Farbigkeit zu Recht als exzeptionelles Volumen, als Haus für Feste und Feiern in Erscheinung. Doch es übertrumpft seine Umgebung nicht, dominiert nicht den Platz und gibt sich nicht als aufmerksamkeitsherrschender Meteorit, der ins Dorfzentrum eingeschlagen ist. Über dem Betonsockel als Holzbau errichtet, atmet es ganz bewusst leicht den Hauch des Provisorischen, als handele es sich um eine hölzerne Festhütte inmitten des Gemeinwesens.

Im Kontext des Dorfs wirkt das Verrucano mit seiner die Satteldächer des historischen Kerns visuell paraphrasierenden Dachlandschaft angemessen, denn schließlich ist es keine Eventlocation, für die Besucherinnen und Besucher von weit her anreisen, sondern ein Haus, das primär von den über 80 in Mels ansässigen Vereinen genutzt wird. Dazu zählen Chöre, Turnvereine, die Musikgesellschaft, die Fasnachtsgesellschaft und der Trachtenverein, um nur einige zu nennen. Ein heterogenes Nutzungsspektrum mithin, zu dem sich ab und an auch das Sinfonieorchester St. Gallen mit Auftritten hinzugesellt.

Multifunktional, aber ausdrucksstark

Veranstaltungsort bisher war der in die Jahre gekommene Hallenbau Löwensaal, ein blechverkleidetes Ungetüm. Mit dem neuen großen Saal im Verrucano ist nun endlich ein freundlicher und festlicher Veranstaltungsort für alle Bedürfnisse entstanden – mit großer multifunktionaler und gut ausgestalteter Bühne sowie rückwärtiger Galerie. Mit seinen insgesamt 744 Sitzplätzen bei Konzertbestuhlung, dem umlaufenden Fries von Diffusoren, die auch die Rückwand bestimmen, und den drehbaren, im oberen Bereich der Seitenwände installierten Holzelementen, die schallabsorbierend oder schallreflektierend wirken können, kann der trapezförmige Saal für unterschiedliche Musik- oder Theatervorführungen mit ihren jeweiligen akustischen Anforderungen genutzt werden. Doch darüber hinaus finden hier auch ganz andere Veranstaltungen statt: Bankette, Bälle, Kino, Seminare. Entsprechend variantenreich ist auch die mögliche Lichtstimmung: große Oberlichter lassen den hölzernen Saal hell und freundlich erscheinen, können aber auch verdunkelt werden. Ein ausgeklügeltes Lichtkonzept zieht sich durch das ganze Haus und ermöglicht eine stimmungsvolle Beleuchtung: feierlich, aber unprätentiös.

Das Verrucano, dessen räumliche Erschließung ein z-förmiges Foyer bildet, umfasst noch weitere Veranstaltungsräume. Der größte davon ist der Vereinssaal Runggalina im EG. Backstage mit dem Löwensaal verbunden, kann er auch als Vorbereitungsraum für die Nutzer der großen Bühne fungieren. Darüber ist im OG der Raum Ragnatsch angeordnet, der primär als Übungsraum der Musikgesellschaft Konkordia dient; zum Platz hin schließlich orientiert sich der Saal Gafarra, vom Foyer aus durch das Treppenhaus erschlossen.
Voller Begeisterung erzählt die Schauspielerin und Kulturmanagerin Eva Maron, seit 2019 Geschäftsführerin des Verrucano, von ihrer Tätigkeit und von dem, was das Haus alles vermag. Der Erfolg der Initiative, welche der Gemeinderat vor 13 Jahren angestoßen hat, ist allenthalben spürbar. Maron freut sich insbesondere über die große Flexibilität der Räumlichkeiten und die informell nutzbaren Foyerzonen, die auch, nicht zuletzt dank der Vordächer, in den Außenbereich ausstrahlen und ihrerseits zur Belebung des Dorfkerns beitragen. Ein Café im Foyer einzurichten, für das die Infrastruktur vorhanden ist, hat sich mangels Nachfrage nicht als realistisch erwiesen. Aber dass bei einem derartigen – nicht nur finanziellen – Kraftakt, wie ihn die Realisierung des Verrucano erforderte, auch Widerstände bestehen, ist selbstverständlich. Die Gemeinde subventioniert die Nutzung des Hauses für die Vereine, die Geschäftsführung ist aber überdies auch für die zur Querfinanzierung nötige Vermietung an Externe verantwortlich. Mit zwei Personen lässt sich der aufwändige Betrieb aber kaum stemmen, sodass wohl oder übel in naher Zukunft Schließtage eingeplant werden müssen. Eigentlich schade, denn das Verrucano samt seiner neu gestalteten Umgebung ist wahrlich ein Gewinn.

1. Januar 2023 Neue Zürcher Zeitung

Vor dreissig Jahren revolutionierten Bauten von Schweizer Architekturbüros die Museumsarchitektur

Nach den postmodernen expressiven Bauten der achtziger Jahre entstanden 1992 drei wegweisende Museumsneubauten. Sie glänzten durch Nüchternheit und die Schlichtheit der Materialien.

Auf halbem Weg zwischen Airolo und Bellinzona, am Rand von Giornico in der Leventina, steht das vielleicht ungewöhnlichste, auf jeden Fall aber eines der eindrücklichsten Ausstellungsgebäude der Schweiz: La Congiunta, ein Haus für plastische Arbeiten des Künstlers Hans Josephsohn, entworfen vom Zürcher...

30. Dezember 2022 Neue Zürcher Zeitung

Der Architekt, der aus den Ruinen kam: zum Tod von Arata Isozaki

Der japanische Baukünstler Arata Isozaki gehörte zu den bedeutendsten Vertretern seines Fachs. Er hat ein Werk geschaffen, das sich über viele Jahrzehnte hinweg immer neu verwandelt hat. 2019 wurde er für sein Schaffen mit dem Pritzker-Preis geehrt.

Eine traumatische Erfahrung grundierte das Werk des japanischen Architekten Arata Isozaki. Als Kind erlebte er die Zerstörung seiner auf der Insel Kyushu gelegenen Heimatstadt Oita, wo er 1931 geboren worden war. Bei Kriegsende, wenige Tage nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki, lag...

16. November 2022 Neue Zürcher Zeitung

Ein Bündner Dorf erfindet sich neu, indem es das Alte bewahrt

Valendas in der Surselva galt einst als sterbendes Dorf. Durch Initiativen im Bereich von Architektur und Dorferneuerung findet die Gemeinde weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit.

Valendas, auf einer Höhenterrasse 140 Meter über der Rheinschlucht (Ruinaulta) in der Surselva gelegen, ist seit langem von Abwanderung betroffen. Eigentlich begann das schon um 1900, als der Ort durch die Linienführung der Eisenbahnstrecke Reichenau–Ilanz–Disentis im Talboden ins Abseits geriet. Während...

2. November 2022 Neue Zürcher Zeitung

Ein Hochhaus aus Holz und hundert Meter hoch? In Winterthur wird eines gebaut

Von Gottfried Semper stammt das Diktum, Holz, aus der «dekorativen Behandlung der Zimmerkonstruktion entwickelt», könne «niemals Vorbild einer monumentalen Kunst» sein. Blickt man – zugegeben etwas holzschnittartig – zurück auf die historische Architektur in der Schweiz, so besitzt die Aussage Plausibilität:...

3. Oktober 2022 Neue Zürcher Zeitung

Ein Eldorado der modernen Architektur: In Oslo ist im ehemaligen Hafen ein neuer Stadtteil entstanden

Neue Museen und trendige Wohnhäuser revitalisieren die Industriebrache mit Meeranstoss. Grosszügig bemessener Raum für die Öffentlichkeit sorgt für Durchmischung und Belebung.

Ob Hamburg oder Schanghai, Boston, Barcelona oder Kopenhagen: Die Revitalisierung von nicht mehr benötigten Hafenarealen war und ist eines der wichtigen städtebaulichen Themen der vergangenen Jahrzehnte weltweit. Nicht immer überzeugen die Lösungen vollends: In Hamburg wirken die neu entstandenen Stadtviertel...

1. Oktober 2022 Neue Zürcher Zeitung

Bahrain entdeckt gerade sein architektonisches Erbe und baut es mutig in die Zukunft fort

Im Zentrum der einstigen Perlenfischer entstehen gerade wegweisende neue Bauten. Angestossen wurde die Initiative von zwei Frauen des Inselstaats, und Schweizer Architekten sind mit prominenten Werken beteiligt.

Unter den Staaten der Arabischen Halbinsel ist Bahrain wohl der unbekannteste und jedenfalls der kleinste. 1,7 Millionen Einwohner bevölkern den Staat, dessen Hauptinsel von Norden nach Süden lediglich 50 Kilometer misst. Seit 1986 verbindet der King Fahd Causeway, eine 25 Kilometer lange Damm- und Brückenkonstruktion,...

12. September 2022 deutsche bauzeitung

Koexistenz auf dem Dach

Dachgarten eines Firmengebäudes in Zürich (CH)

Eine einst ungenutzte Dachfläche eines Zürcher Bürohauses wurde in einen üppig gedeihenden und sinnlich anmutenden Garten verwandelt, den sich Menschen, Pflanzen und Tiere teilen. Eine Erfolgsgeschichte, nicht nur für die Mitarbeitenden des Unternehmens.

Dach- und Hausbegrünungen stehen aktuell hoch im Kurs: Kaum ein Bauprojekt der vergangenen Jahre ist auf so eine breitenwirksame Akzeptanz gestoßen wie etwa Stefano Boeris »Bosco Verticale« in Mailand. Das Unisono des Green-Building-Hypes lässt die vereinzelten kritischen Stimmen nur wenig Gehörfinden. Die des Landschaftsarchitekten Günther Vogt etwa, der den ökologischen Sinn von begrünten Hochhäusern und begrünten Fassaden infrage stellt: Es bedarf eines hohen Pflegeaufwands und komplexer Bewässerungssysteme. Aber v. a., und das ist Vogts vielleicht entscheidendstes Argument, werden die Bewohnerinnen und Bewohner von der Sorge um die Pflanzen entkoppelt, da diese in ein gleichsam kybernetisches Bewirtschaftungsmodell eingebunden sind.

Immersive Kontaktzone

Bei einer Dachbegrünung in Zürich wollte man es anders machen. Ein Schweizer Unternehmen ist Hauptmieter des um einen Innenhof gruppierten Gebäudes aus dem Jahr 2003. Im Lauf der Zeit entstand die Idee, auch das bislang ungenutzte, bis auf eine Holzplattform nicht zu betretende und lediglich von schütterem Moos bewachsene Flachdach über dem 3. OG neu zu gestalten, mit anderen Worten: zu begrünen und als Erholungsraum für die Mitarbeitenden zu nutzen. Die Aufgabe übernahm die Architektin Nadja Zürcher mit ihrer Firma Quantaviva, sie holte zur Planung das Architekturbüro Vera Gloor sowie verschiedene andere Fachplaner mit ins Boot. Bewusst wählte man nicht ein ausgewiesenes Landschaftsarchitekturbüro, um eine primär an ästhetischen Kriterien orientierte Gestaltung zu vermeiden. Denn von Anbeginn war klar, dass die Dachlandschaft nicht als ein optisches Gegenüber, sondern gewissermaßen als immersive Kontaktzone von Mensch, Pflanze und Tier dienen sollte. Das funktioniert aber nur, wenn nicht an den Bedürfnissen der zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer vorbeigeplant wird. Nadja Zürcher lancierte einen partizipativen Prozess unter allen Beteiligten, um ein tragfähiges Gesamtkonzept zu entwickeln.

Der nächste Schritt bestand darin, die technische Umsetzbarkeit zu evaluieren. Das betraf zuerst das nicht unerhebliche Gewicht von Substrat, Erde und Pflanzen, die auf das Dach aufgebracht werden mussten. Auch wenn das bestehende Dach an einigen Stellen zu verstärken war, sollte nicht zuletzt aus Kostengründen auf eine weitergehende statische Ertüchtigung des Gebäudes verzichtet werden. Daher bildet der Pflanzplan gewissermaßen das bestehende Tragwerksystem ab: Höher wachsende Pflanzen umgeben die Dachränder, weil hier die hinter der Fassade liegenden Stützen genutzt werden konnten. Der Nebeneffekt: Der Garten schließt nach außen hin ab und lässt in vielen Bereichen den Effekt eines Hortus conclusus entstehen. Die mächtigsten Bäume, vier 7 m hohe Amberbäume, nutzen die innen liegenden Pfeiler zur Lastabtragung. Magerwiese als niedrigster Bewuchs mit geringer Substratschicht umgibt hingegen den zentralen Innenhof.

Koexistenz als Herausforderung

Die umgestaltete Dachfläche umgibt den Innenhof dreiseitig und misst insgesamt 2 500 m². Auf der Südseite findet sich ein bestehender Büroflügel, von dem aus man den Dachgarten betritt. Westlich anschließend ist ein überdeckter und damit pavillonartig wirkender Loungebereich neu entstanden, der sich auch bei schlechterem Wetter nutzen lässt. Ebenfalls weitgehend neu errichtet wurden zwei Dachaufbauten, in denen sich Fluchttreppenhäuser, Toiletten, Technikbereiche und Abstellräume für Gartengeräte verbergen. Rahmenelemente und abgespannte Metalldrähte erlauben den Bewuchs durch Rankpflanzen, sodass die kubischen Körper in naher Zukunft hinter einer grünen Hülle verschwinden. Daneben tragen die Dachaufbauten zur Zonierung des Gartens bei, indem sie stärker von den menschlichen Nutzerinnen und Nutzern frequentierte Bereiche nahe dem Zugang beispielsweise von den etwas abgelegenen Bereich trennen, in dem Vögel nisten. Die Koexistenz von Menschen, Tieren und Pflanzen ergibt sich nicht von selbst; sie bedarf der Steuerung.

Bei der Auswahl der Pflanzen wurde auf das Prinzip der Vergesellschaftung geachtet. Gräser, Blumen, Kräuter und Stauden bedecken den Boden und verhindern das Austrocknen. Kleine Obstpflanzen, Beeren, Büsche, Hecken und Sträucher und Rankpflanzen bilden die mittlere Ebene, die von den Amberbäumen überragt wird. Der Pflanzboden besteht aus Substrat und mit aktivierter Pflanzenkohle versetzter Bionika-Schwarzerde. Je nach Position auf dem Dach unterschiedlich stark aufgebracht, fungiert er als Retentionsfläche für das Regenwasser. Auf ein zuschaltbares Bewässerungssystem ließ sich angesichts der stetig heißer werdenden Sommer allerdings nicht verzichten. Verwendet wird reines Wasser, keine angereicherte Nährlösung, wie man es von begrünten Fassaden kennt. Einige Tiefwurzler wie Rosen oder bedingt winterharte Pflanzen wie Feigen wachsen in Kübeln.

Bei der Auswahl der Pflanzen setzte Nadja Zürcher weitestgehend auf einheimische Arten, also solche, die auch anderswo in der Stadt und ihrer Umgebung vorkommen. Und auf Essbarkeit: Beeren, Trauben, Äpfel, Birnen, Kirschen, Aprikosen und andere Früchte können von den Mitarbeitenden geerntet werden, locken aber auch Vögel an. Darüber hinaus gibt es einen Bereich mit Pflanzkästen für das Urban Gardening. Eine Imkerei, die in Zürich auch andere Dachgärten bewirtschaftet, hat im Südosten des Dachgartens einige Bienenkästen aufgestellt, und daran schließt sich ein großzügiges Gehege samt Stall an, in dem ein Dutzend Appenzeller Spitzhaubenhühner leben. Ihre Pflege obliegt den Auszubildenden des Unternehmens.

Gleichung mit vielen Unbekannten

Dachbegrünung, das hört sich zunächst ebenso wünschenswert wie simpel an. Simpel ist es nicht, im Gegenteil: Für Nadja Zürcher ging es um die Lösung einer komplexen Gleichung mit vielen Unbekannten. Die Herausforderung bestand im Zusammenführen ganz unterschiedlicher Disziplinen: Architektur, Landschaftsplanung, Tragwerksplanung, Dachabdichtung, Humusmanagement, Bauphysik, Haustechnik, Gartenbau, um nur einige zu nennen.

Zur Arbeit mit der Natur gehört auch das Scheitern, wie man schon beim Bestellen eines einzigen Balkonkastens erfahren kann; bis ins Detail lässt sich Landschaft nicht planen. Vereinzelt mussten Pflanzen entfernt und ersetzt werden, wobei insbesondere die Windexposition des Dachs ein Problem darstellt. Grundsätzlich aber ist der Dachgarten ein großer Erfolg – hinsichtlich des Pflanzenwachstums und der Ansiedlung von Insekten und Vögeln. Aber auch bei den etwa 300 Mitarbeitenden des Unternehmens, die das Dach für die Mittagspause, für das zurückgezogene Arbeiten, aber auch für Besprechungen unter freiem Himmel nutzen. Oder einfach nur, um Natur zu erleben. Und wer nicht ohnehin auf dem Weg nach oben ist, erfährt intern über Social Media, welches Obst oder welche Kräuter gerade zu ernten sind.

Einmal in der Woche kommt Nadja Zürcher vorbei und schaut nach dem Rechten. Und einmal im Monat sorgt der Gärtner für das nötige Maß an Pflege. Für Nadja Zürcher ist der Dachgarten nicht zuletzt ein Pionierprojekt für Biodiversität und Verbesserung des Mikroklimas. Ungenutzte Dachflächen, die sich intelligent bepflanzen ließen, gibt es viele. Man muss es eben nur wollen. Und damit die brachliegenden Potenziale erkennen und nutzen.

9. September 2022 Neue Zürcher Zeitung

Winterthur hat jetzt ein Schulhaus, das den Vergleich mit dem Pariser Centre Pompidou verdient

Ein Schulhaus ganz ohne Treppenhäuser und Korridore – das ist für ein paar Schulklassen in Oberwinterthur ab sofort tägliche Realität.

Mut zahlt sich aus: Als es in Winterthur darum ging, das Schulhaus Wallrüti von 1973 mit einem Neubau zu ersetzen, votierte die Jury des 2016 ausgelobten Wettbewerbs für das kühnste Projekt und den unkonventionellsten Ansatz. Sogar von einem «Centre Pompidou für Wallrüti» ist im abschliessenden Bericht...

11. August 2022 Neue Zürcher Zeitung

Die Universität St. Gallen hat ein Learning Center in Form einer gläsernen Pyramide erhalten. Doch der Umgang damit muss erst noch gelernt werden

Der japanische Architekt Sou Fujimoto hat mit viel Glas und Stahlbeton eine filigrane Struktur geschaffen, die nach innen wie nach aussen Offenheit signalisieren soll.

Der Ursprungsbau der Hochschule St. Gallen (HSG) gilt längst als Ikone der modernen Architektur: Das 1963 auf dem Rosenberg im Norden von St. Gallen eröffnete Hauptgebäude fasziniert räumlich auch heute noch. Mit seinen terrassierten Betonkörpern, der expressiven Treppenhalle sowie der Integration von...

4. August 2022 Neue Zürcher Zeitung

Das legendäre Umbrella House des japanischen Architekten Kazuo Shinohara hat in Weil am Rhein ein zweites Leben erhalten

In Tokio hätte es abgerissen werden sollen, nun wurde es gerettet. Auf einem sachten Hügel platziert, dem Sonnenstand wie in Japan entsprechend ausgerichtet, steht seit jüngstem auf dem Vitra-Campus ein ikonisches Wohnhaus.

Um Zeugnisse der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist es in Japan gemeinhin schlecht bestellt. Exorbitante Grundstückswerte, hohe Steuern und traditionell schwache Denkmalschutzbehörden tragen dazu bei, dass sich im Zweifelsfall ein Bauprojekt gegen bestehende Gebäude durchsetzt, um das Maximum...

22. Juli 2022 Bauwelt

Gebettet in Kornkammern

Hinter einer neuen Fassade hat das Studio Harry Gugger auf der Basler Erlenmatt die Betonstruktur eines ehemaligen Korn- und Kakaobohnensilos zur Unterbringung eines Hostels genutzt. Die neuen, runden Fensteröffnungen schnitt ein Diamant in den Beton, die Zimmer jedoch werden zu relativ moderaten Preisen vermietet.

14. Juni 2022 deutsche bauzeitung

Palazzo aus Holz

Bankgebäude in Sarnen (CH)

Klassisch, fast wie ein Palast, wirkt der neue Hauptsitz der Obwaldner Kantonalbank im schweizerischen Sarnen. Das Besondere daran: Es handelt sich um ein hölzernes Gebäude, nicht um einen Massivbau.

Gut 20 Minuten benötigt der Zug von Luzern aus in südlicher Richtung nach Sarnen, den Hauptort des kleinen Kantons Obwalden. Das ist eine Pendlerdistanz, und die S-Bahn hält seit 2016 auch am neu angelegten Bahnhof Sarnen-Nord. Hier, zwischen dem historischen Ortskern und dem kleinen Flugplatz Kägiswil, ist in den vergangenen Jahrzehnten ein Gewerbegebiet entstanden, das gemäß dem Quartierplan für das bahnhofsnahe Gebiet namens »Feld« in den kommenden Jahren weiter mit Büro- und Wohngebäuden verdichtet werden soll.

Das erste Gebäude, das auf diesem Areal errichtet wurde, ist der im September 2021 eingeweihte Hauptsitz der Obwaldner Kantonalbank (OKB). Bis 2005 war die öffentlich-rechtliche Bank des Kantons gegenüber vom Bahnhof und damit im historischen Ortskern ansässig. Doch dann zog das Hochwasser der Saaner Aa das Gebäude so in Mitleidenschaft, dass über einen Neubau an gleicher Stelle nachgedacht werden musste. Allerdings verzögerte sich das Bauprojekt, und schließlich entschied sich die OKB, in das neue Quartier nördlich des Ortszentrums umzuziehen, wo eine geräumigere Parzelle zur Verfügung stand. Das aus der Region hervorgegangene, heute vorwiegend in Luzern ansässige Büro Seiler Linhart konnte 2017 den Studienauftrag für sich entscheiden.

Wie repräsentiert sich eine Bank?

In seiner »History of Building Types« (1976) widmet Nikolaus Pevsner Börsen und Banken ein eigenes Kapitel. Doch blickt man auf die historischen Beispiele, so zeigt sich, dass eine wirkliche Typologie des Bankgebäudes nicht existiert. Mal treten Banken eher wie repräsentative Bürobauten in Erscheinung – etwa der ehemalige Hauptsitz der Schweizerischen Kreditanstalt am Zürcher Paradeplatz, das Schweizer Bankgebäude des 19. Jahrhunderts schlechthin –, mal rufen sie die Idee des Schatzhauses in Erinnerung, so die Jewel-Box-Banken von Louis Henry Sullivan im Mittleren Westen des USA. Seiler Linhart standen also vor einer wichtigen Frage: Welcher Ausdruck ist heute für eine Bank adäquat? Und das nicht im urbanen Kontext, sondern im ländlich geprägten Sarnen?

Die Architekten entschieden sich für eine durchaus repräsentative Geste: Der auch Quadrum titulierte Neubau ist ein quadratisches Volumen mit jeweils zwölf Fassadenachsen und fünf Geschossen. Klassisch, fast palastartig, steht er inmitten eines noch weitgehend unbebauten Geländes, was die solitäre Wirkung unterstreicht. Die Gliederung der Fassaden ist an allen Seiten gleich; nur der eingezogene, zwei Achsen übergreifende Haupteingang im Süden zeigt an, dass es sich hier um die Hauptfassade handelt. Stärker tritt die vertikale Differenzierung in Erscheinung: Perforierte metallene Sonnenschutzelemente vor den Fenstern charakterisieren die beiden Publikumsgeschosse, während die jeweils in vier vertikale Streifen gegliederten Fenster der drei internen Bürogeschosse darüber mit textilen Stores verschattet werden können. Zweifelsohne ungewöhnlich ist die Entscheidung, den Palazzo der Bank als Holzkonstruktion ausführen zu lassen. Aus Beton bestehen lediglich das UG und der als Aussteifung fungierende Erschließungskern, das Tragwerk wurde in Skelettbauweise mit Stützen und Unterzügen aus Eschenholz erstellt; Verbundträger aus Esche und Fichte und ein Überzug aus Beton bilden die Decken. Während das Holz im Inneren unbehandelt geblieben ist, wurde die Fassadenschalung aus Fichtenholz dunkel lasiert; die Farbe ist schwer zu beschreiben, sie wirkt gräulich mit einem gewissen Rot-Anteil, die Architekten sprechen von Aubergine. Das nimmt dem Gebäude den rustikalen Ausdruck des Hölzernen, und von der Ferne aus mag man noch nicht einmal an einen Holzbau denken. Nähert man sich indes dem Gebäude, so tritt die differenzierte Fassadengliederung deutlich in Erscheinung: Die vertikalen Elemente sind mit Kanneluren versehen, die Knotenpunkte mit farblich leicht abgesetzten Auflagen, sodass sie wie Kapitelle wirken. Die horizontalen Bretter im Sockelbereich wurden zudem mit gefrästen Mustern dekoriert, die sich aus den Buchstaben OKB zusammensetzen. Hat sich die steinerne griechische Tempelarchitektur aus dem Holzbau entwickelt, so gehen Seiler Linhart gewissermaßen den umgekehrten Weg: Sie übertragen einen steinernen Palazzo in das Baumaterial Holz. Der Neubau der OKB verheißt Urbanität, bleibt aber noch dem Ländlichen verhaftet. Er verspricht Solidität und Sicherheit, Werte also, mit denen Banken sich identifizieren – und ist doch ganz aus dem Holz des Kantons Obwalden erstellt. Wirkt die Fassade allzu retrospektiv? Wäre hier etwas weniger an klassizierender Ornamentik wünschenswert gewesen? Darüber ließe sich diskutieren.

Halle und Lichthof

Vorbei an den Selbstbankingbereichen gelangt man vom Haupteingang aus in die zweigeschossige Kundenhalle. Geschnittene Terrazzoplatten, in welche Flusskiesel aus Obwaldner Gewässern eingelegt wurden, bilden den Bodenbelag; in die Deckenraster integriert sind Felder mit Beleuchtungselementen, welche den Raum entsprechend dem Verlauf des Tageslichts erhellen. Eine geschwungene Treppe führt hinauf zur Galerie im 1. OG, über die verschiedene Besprechungsräume erreichbar sind.

Wie in den zuvor vom Architekturbüro realisierten Arbeiten beeindrucken auch in Sarnen die Präzision der Materialverarbeitung und die Liebe zum Detail. Das zeigt sich etwa an den im Raster von 2,8 m stehenden Stützen, die sich – ähnlich der antiken Entasis – dem Druckmoment entsprechend verjüngen und damit eine subtile, kaum wahrnehmbare Dynamik erzeugen. Seiler Linhart waren darüber hinaus auch für den Entwurf der Theken aus Räuchereiche und anderer Einbauten verantwortlich, sodass eine starke räumlich-gestalterische Kohärenz erzielt werden konnte, die sich auch in der Cafeteria oder im Schließfachbereich fortsetzt. Gelungen und eine wirkliche Bereicherung sind außerdem die insgesamt acht künstlerischen Interventionen mit Obwalden verbundener Kunstschaffender, die sich über die verschiedenen Geschosse verteilen und als integraler Bestandteil der Architektur wirken. Die drei Bürogeschosse über dem öffentlichen Sockel gruppieren sich um einen schmalen Innenhof, der seitlich berankt und am Boden mit einer von einem Bewässerungssystem gesteuerten Hochmoorvegetation en miniature versehen ist.

Die Erstellung des Holzbaus benötigte bis zum Richtfest lediglich neun Tage. Zwei regionale Holzbauunternehmen fertigten die Elemente, die von 50 Arbeitern im Zweischichtbetrieb installiert wurden. Das Gebäude bietet insgesamt Platz für 160 Mitarbeitende; derzeit arbeiten vor Ort 130 Personen, es bestehen also – insbesondere im hinteren Gebäudeteil – noch räumliche Reserven für die Zukunft.

17. Januar 2022 deutsche bauzeitung

Domestizierung der Infrastruktur

Busgarage und Werkhof in Zürich

An eine bestehende Busgarage im Nordwesten von Zürich anschließend ist ein Erweiterungsbau entstanden. Durch expressive Akzente, verbunden mit einer sensiblen und diskreten Materialisierung, ist es den Architekten gelungen, das große Bauvolumen quartiersverträglich umzusetzen.

Die Wohnbevölkerung in der Stadt Zürich wächst kontinuierlich: Beträgt die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner derzeit 434 000, so wird sie bis zum Jahr 2030 auf 500 000 klettern. Und wo mehr und mehr Menschen leben, bedarf es steigender Investitionen in die Infrastruktur. Dies ist der Hintergrund für ein städtisches Bauvorhaben, das eine Erweiterung der Busgarage für die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) mit einem Werkhof von Entsorgung & Recycling Zürich (ERZ) vereint.

Infrastruktur als Gestaltungsaufgabe

Busgaragen und Straßenbahndepots, die unweigerlich allein aufgrund ihrer schieren Größe öffentliche Aufmerksamkeit beanspruchen, werden seit jeher in Zürich nicht allein als reine Zweckbauten, sondern auch als gestalterische Herausforderungen verstanden: Der Bogen spannt sich vom zwischen Reform- und Heimatschutzarchitektur oszillierenden Tramdepot Hard (1911) am Escher-Wyss-Platz von Friedrich Fissler über die moderat funktionalistischen Bauten des zwischen 1919 und 1942 amtierenden Stadtbaumeisters Hermann Herter bis zum Großkomplex der VBZ-Werkstätten, einem heute sanierungsbedürftigen brutalistischen Meisterwerk der Architektengemeinschaft Dubois Eschenmoser Schaudt aus dem Jahr 1975.

Zwischen 1965 und 1969 war ganz im Nordwesten des Stadtquartiers Aussersihl, begrenzt von Bullinger- und Bienenstraße, eine für 160 Busse konzipierte VBZ-Garage nach Plänen von Casetti und Rohrer entstanden. Diese liegt gleichsam im Windschatten der 1976-78 realisierten Siedlung Hardau von Max P. Kollbrunner, die mit ihren vier rotbraunen Türmen eine städtebauliche Domiante im Zürcher Westen darstellt. Ohnehin prägen großmaßstäbliche Bauten das von der Ausfallachse der Badenerstraße und vom Gleisfeld mit seinen begleiteten Werkstattgebäuden gerahmte Gebiet zwischen der gründerzeitlichen Stadterweiterung im Züricher Westen und den einstigen dörflichen Vororten Albisrieden und Altstetten – das Letzigrundstadion und der Schlachthof befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft.

Bis 2030, so die Prognosen, werde die Frequenz des öffentlichen Verkehrs in Zürich um 30 % zunehmen. Grund genug für den Ausbau der VBZ-Garage Hardau durch die Erweiterung um zusätzliche Stellplätze für 26 Gelenk- und Doppelgelenk-Trolleybusse. Parallel zur Ertüchtigung und partiellen Erneuerung des Baubestands durch Müller Siegrist wurde 2015 unter zehn eingeladenen Teams ein einstufiger Wettbewerb für eine Erweiterung auf der benachbarten, bisher als Parkplatz genutzten Parzelle zur Herdernstraße durchgeführt, den pool Architekten für sich entscheiden konnten. Es ging aber nicht nur um eine Halle für die Busse, sondern auch um einen neuen Werkhof für die ERZ samt Aufenthaltsräumen für die Mitarbeitenden. Durch diese Kombination zweier Funktionen wurde der bisherige Werkhof vis-à-vis an der Bienenstraße überflüssig, das Grundstück steht zukünftig für eine neue Wohnbebauung zur Verfügung.

Neben Funktionalität, niedrigen Erstellungskosten, kostengünstigem Unterhalt und bauökologischen Kriterien wurden in der Wettbewerbsauslobung explizit auch Ästhetik und soziale Faktoren als Wettbewerbsziele genannt. Gesucht seien Projekte, »die mit ihrem architektonischen Ausdruck und mit ihrer Materialisierung einen Beitrag zur Quartieraufwertung leisten und die eine außenräumlich hochwertige und identitätsstiftende Gestaltung vorweisen«.

Weit gespannt und offen

pool Architekten greifen mit ihrer Buseinstellhalle die Baufluchten der bestehenden Bauten auf, rücken das neue Volumen aber vom Bestand ab und nahe an die Herdernstraße, sodass zwischen beiden Gebäudekomplexen ein breiter Platz entsteht. Hier befindet sich die Rampe zum UG, v. a. aber dient er der Zufahrt der Busse, die nach Betriebsschluss von dieser Seite aus in die Halle fahren und sie morgens über die Ausfahrt zu Herdernstraße hin wieder verlassen. Daher ist die stützenfreie Halle mit ihren 35 x 55 m tagsüber zumeist leer und kann auch – eine zusätzliche Funktion – bei Spielen im gegenüberliegenden Stadion Letzigrund im Notfall als Sanitätsstützpunkt dienen.

Die Architekten haben auf die sonst üblichen und beim Altbau vorhandenen Klapptore verzichtet und stattdessen auf Schiebetore gesetzt, die sich komplett auffahren lassen. Dies lässt die Konstruktion der Halle auf eindrucksvolle Weise zutage treten: Nach außen hin zeigt sie sich als massives Geviert aus Betonscheiben, das nur an den Ecken und an den Längsseiten zusätzlich mittels eines mittigen Pfeilers abgestützt wird. Die Seite zur Bienenstraße hin ist zwar geschlossen ausgeführt, ließe sich aber bei einer Nutzungsänderung ebenfalls öffnen. Lediglich im Nordosten dient die weitgehend geschlossene Hallenwand als auf Dauer angelegter Raumabschluss, da sich hier der vor‧gelagerte Servicetrakt der ERZ anschließt.

Von außen hinter dem Betongeviert verborgen, überspannen Fachwerkträger aus Stahlprofilen die Halle. Die mit beplankten Holzelementen versehenen Sheds sind leicht gebogen, sodass das Regenwasser gesammelt und über die im Halleninneren sichtbar geführten Rohre entlang der Längsseiten in ein unterirdisches Reservoir eingeleitet werden kann. Die Dachflächen sind mit Photovoltaikmodulen bestückt, die Halle selbst wird nur leicht temperiert. Das gilt auch für die darunterliegende Halle gleicher Größe, in deren kleinerer Teil Parkplätze für die Beschäftigten zur Verfügung stehen. Der größere Teil wird als Werkhof der ERZ genutzt: Hier werden die Kehrmaschinen und Streufahrzeuge geparkt, gewaschen und gewartet. Neben den Abstellflächen gibt es also auch Reinigungs- und Werkstattkojen. Vorgespannte Unterzüge und Betonstützen tragen die Flachdecke über dem UG, die Farben Gelb und Grün treten zum Grau des Betons.

Skulptur und Textur

Die übrigen Nutzungen des Werkhofs sind im Kopfbau angeordnet. Zeichenhaft tritt das expressiv mit Beton ummantelte turmartige Salzsilo in Erscheinung, an das sich die abgesenkte Durchfahrt anschließt, in welcher die ERZ-Fahrzeuge den Straßenkehricht in bereitstehende Mulden entsorgen. Im Geschoss darüber befinden sich die Personalräume des Werkhofs: Im Anschluss an das Silo und noch vor der Halle auskragend, liegt das Büro mit seinen beiden großen Bullaugenfenstern, des Weiteren Garderoben, Nasszellen, Technikräume und schließlich der großzügige Aufenthaltsbereich am anderen Ende des Korridors. Nicht nur die Raucher werden sich über den schmalen, bepflanzten Innenhof auf der anderen Seite des Korridors freuen, der durch Betonlamellen vor zu starker Sonneneinstrahlung geschützt wird. Gebrochene Gneisplatten aus dem Calancatal bilden den Bodenbelag; das gleiche Material, nunmehr geschliffen, findet sich auch im Korridor und in den übrigen Bereichen.

Die Rauheit, die für einen Infrastrukturbau typisch ist, wird von pool Architekten wie bei den Treppenhäusern mit ihrer Kombination von Sichtbeton und Metallgittertreppen durchaus in Szene gesetzt, aber durch eine fast liebevolle Materialisierung verbindlich gemacht, man könnte auch sagen: humanisiert. Dementsprechend inszenieren sie im Büro- und Aufenthaltstrakt keine antithetische Wohlfühlwelt, sondern modulieren die Materialpalette mit Naturstein sowie Seekieferplatten für die Wandbekleidungen.

Besonders deutlich zeigt sich die Sorgfalt der Gestaltung: Nicht nur der polygonale Siloturm macht aus dem generischen Hallenbau ein wiedererkennbares Gebäude, das der Forderung des herausragenden architektonischen Ausdrucks entspricht. Bemerkenswert sind überdies die Oberflächen des Betons mit seinem filigranen Schalungsmuster aus in die Schalung eingelegten Tannenbrettern. Andreas Honegger, für das Projekt verantwortlich bei pool, verweist auf den Architekten Otto Glaus, dessen skulpturale Bauten aus den 60er Jahren vergleichbare Sichtbetonoberflächen aufweisen – das Werkschulhaus Hardau befindet sich fast in Sichtweite und kann daher als lokale Referenz verstanden werden. Die Schalungen am Bau von pool wurden vertikal, horizontal, diagonal eingesetzt, unterstreichen damit als grafische Texturen die Geometrie der Flächen und greifen selbst auf die Laibungen der Bullaugenfenster über. Mit dieser feinen Strategie gelingt die Domestizierung des Funktionsbaus, in dessen Umgebung künftig weitere Wohnungen entstehen: Das an der Ecke Bullinger- und Herdernstraße stehende Wohnhaus Zum Eber aus dem Jahr 1904, Fragment einer nie realisierten Blockrandbebauung, wird derzeit beidseitig durch Flügelbauten ergänzt und zu einem Jugendwohnprojekt umgebaut. Auf Instagram ist der Bau mit dem Salzsilo schon zum Star geworden: So viele Likes wie bei diesen Bildern, so Andreas Sonderegger, hätten pool Architekten noch nie erhalten.

5. Oktober 2021 deutsche bauzeitung

Der Kniff mit den Ecken

Fußballstadion in Lausanne (CH)

Glück gehabt: Nachdem zunächst ein monströses Sportzentrum samt Mantelbebauung zur Diskussion gestanden hatte, ‧entschied sich die Stadt Lausanne schließlich für ein pures, eigenfinanziertes Fußballstadion. Das architektonische und statische Konzept ist ebenso funktional einleuchtend wie visuell attraktiv. Der FC Lausanne-Sport kann sich über eine Ikone freuen.

Für den FC Lausanne-Sport war der 29. November 2020 ein denkwürdiger Tag. Nicht unbedingt in sportlicher Hinsicht, unterlagen die Fußballer aus der Romandie doch in einer Heimniederlage 0:3 den Berner Young Boys. Aber in die Vereinsgeschichte geht das Datum trotzdem ein, weil an diesem Tag das erste Spiel im neuen Stadion stattfand, dem Stade de la Tuilière. Dieses liegt am nördlichen Stadtrand, dort wo die Stadt zerfasert und in eine landschaftlich geprägte Ebene übergeht. Bisher wurde ein Kilometer weiter südlich im Stade Olympique de la Pontaise gespielt, aber wie anderenorts auch entsprach der Bau aus dem Jahr 1954 nicht mehr den strengeren Sicherheitsvorschriften und ließ sich auch nicht mit vertretbarem Aufwand baulich anpassen.

Erfolg im zweiten Anlauf

Hervorgegangen ist der Stadionneubau aus dem Projekt »Métamorphose, das der Stadtrat seit 2006 verfolgt. Es handelt sich um einen Stadtumbau in großem Maßstab, der mehrere neu anzulegende Ökoquartiere zum Wohnen und Arbeiten, öffentliche Einrichtungen und Gewerbegebiete umfassen sollte, aber auch die Erneuerung nicht zuletzt der sportlichen Infrastruktur. Letztere sollte sich in einem Megakomplex mit Fußballstadion, olympischer Schwimmhalle und schier endlosen kommerziell nutzbaren Flächen für Büro und Gewerbe im südlichen Stadtteil Près-de-Vidy konzentrieren. Den Wettbewerb der Jahre 2011/12 konnten gmp für sich entscheiden, allerdings zeigte sich schnell, dass das »überspannte« Projekt auf tönernen Füßen stand: Das Modell der Public-private-Partnership basierte auf falschen Annahmen, wirtschaftlich war das ganze Vorhaben nicht tragfähig. Immerhin reagierte die Stadt schnell: Das gmp-Projekt verschwand in der Versenkung und mit ihm auch der Gedanke eines durch eine aufgeblasene Mantelbebauung sich finanzierenden Riesensportzentrums. Die Programmbestandteile wurden nun separiert und an andere Standorte verschoben: Das Schwimmbad nach Malley im Westen, das Stadion in das Viertel Tuilière im Norden. In einem neuerlichen Wettbewerb des Jahres 2014 setzten sich :mlzd und Sollberger Bögli aus Biel durch, die sich eigens dafür zusammengefunden hatten. Auf die hinteren Ränge verwiesen wurde die internationale Prominenz: OMA, SANAA, Souto de Moura, Cruz y Ortiz.

Nun ging es zügig voran – ganz anders als etwa in Aarau oder Zürich, wo die Stadionneubauten nur schleppend Fahrt aufnehmen. Da das Stadionprojekt schon in den Masterplan des bis 2030 in der Umgebung entstehenden Ökoquartiers Plain-de-Loup integriert war, bedurfte es keiner zusätzlichen Volksabstimmung. Als Bauherrschaft fungierte die Stadt Lausanne, die dem FC Lausanne-Sport den Betrieb übertragen hat und dafür Miete einnimmt. Ausgelegt ist das Stadion bei internationalen Spielen für 12 000 Besucherinnen und Besucher, für die Schweizer Super League (höchste Spielklasse der Schweizer Meisterschaft, entspricht der 1. Bundesliga in Deutschland) sind 12 500 zugelassen. Bei anderen Großveranstaltungen dürfen bis zu 20 000 Personen ins Stadion.

Abgeschnitten oder hochgeklappt

Wenn man sich von der Stadt her nähert, ist das Stadion schon von Weitem sichtbar. Breit gelagert ruht es auf einem leicht geböschten landschaftlichen Sockel und bildet den Auftakt des Centre Sportif de la Tuilière, einem sich in die Ebene über Landschaft und See erstreckenden Areal aus zwei Reihen leicht gegeneinander versetzter Fußballfelder samt Leichtathletikanlage. Ikonisches Zeichen sind die betonierten Ecken des Neubaus, die diesem einen ganz eigenen, unverwechselbaren Ausdruck verleihen und den eigentlichen Coup der Architekten darstellen. Versteht man das Stadion als Baumasse, so wirkt es, als seien die Ecken des orthogonalen Volumens, das durch vier das Spielfeld umgebende Tribünen gebildet wird, schräg abgeschnitten worden. Liest man es als Struktur, so erscheinen die Ecken wie hochgeklappt. Die Vorteile dieser gestalterisch prägnanten Lösung liegen auf der Hand: Durch die Abkantung der Ecken kann der Besucherstrom auf der räumlich begrenzten Parzelle besser um das Stadion herumgeführt werden. Zudem fungieren die perfekt geschalten Wandpartien nicht nur als Signete, sondern ganz praktisch als Vordächer für die an den Ecken angeordneten Zugänge.

Darüber hinaus sind die gekippten Betondreiecke zentrale Bestandteile des statischen Konzepts, das auf einer hybriden Struktur aus Stahl und Beton beruht. Die Eckwände belasten den umlaufenden stählernen Ringträger der Dachkonstruktion auf Zug, während sie unten durch eine Ringmauer aus ‧Beton verbunden sind. Die stählerne Dachkonstruktion selbst ruht auf einer Reihe ebensolcher Stützen, die auf dem oberen Umgang aufsitzen. Zugstangen an der Fassade stabilisieren die weit über das Spiel ausgreifenden Kragarme und fungieren bei Wind als Druckstäbe.

In diese Hülle eingeschrieben ist die Tribünenstruktur, die aus vor Ort betonierten Scheiben und präfabrizierten Tribünenelementen besteht. Mit 35 Grad weisen die Ränge die maximal in der Schweiz zulässige Steilheit auf, um die gewünschte Hexenkessel-Atmosphäre nach englischem Vorbild zu erzeugen; die Architekten verweisen insbesondere auf das Stadion des FC Liverpool an der Anfield Road. Unterstützt wird diese Wirkung noch durch das vergleichsweise niedrige Dach, welches die Wirkung der Fangesänge akustisch unterstützt. Förderlich in dieser Hinsicht war auch das Entfallen eines im Wettbewerb noch vorgesehenen Zwischengeschosses.

Hexenkessel samt Panorama

Hat man erst einmal auf der Tribüne Platz genommen, so lenkt nichts vom Spiel ab. Vor Spielbeginn und in der Pause hingegen locken die Erschließungsbereiche zwischen innerer und äußerer Schale, die veritable Aufenthaltsräume mit eigener architektonischer Qualität darstellen. Geräumig ist der mit gastronomischen Stationen ausgestattete untere Umgang hinter der Ringmauer. Über die mit Stufen und Sitzpodesten ausgestatteten Innenseiten der dreieckigen Eckwände gelangt man direkt hinauf zum oberen Umgang unterhalb des Dachs, der durch die als Windschutz dienende Verglasung hindurch ein faszinierendes 360-Grad-Panorama über Stadt, See und Alpen bietet.

Die klare und logische Tragstruktur des Gebäudes setzt auf die Rohheit des Materials, die unmittelbare Lesbarkeit und maximale Sichtbarkeit. Schon von den Eingängen an den Ecken aus öffnet sich der erste Blick auf das gegenüber der Umgebung 1 m vertiefte Spielfeld, und die Tribünenuntersichten bestimmen dank der Offenheit schon von außen das Bild. Möglich war all dies natürlich nur, weil keine Mantelnutzung einzubeziehen war, die gemeinhin die Kraft und Rauheit der Konstruktion verschleiert. Zusätzliche Nutzungen wie Restaurant oder VIP-Bereiche konzentrieren sich hier auf die mit ihrer Außenseite dem Platz zugewandten Haupttribüne, die von einer vertikal leicht gefalteten und damit an einen Vorhang erinnernden Glasfassade geprägt wird. Sie nimmt dem großmaßstäblichen Volumen etwas von seiner Wucht und vermittelt auf diese Weise zur Bebauung ringsum, während das Stadion auf den anderen Seiten nicht als Gebäude, sondern als reine Struktur erscheint. Als reine Struktur, die – wie Goethe angesichts der Arena von Verona konstatierte – sich eigentlich erst im Moment des Spiels vollendet und damit zur Architektur wird.

Der Kniff mit den Ecken hat Lausanne eine unverwechselbare Sportstätte beschert. :mlzd und Sollberger Bögli sprechen auch vom Bild eines Gefäßes, oder, um beim Sport zu bleiben, von einem Pokal. Der thront nun schon einmal am Stadtrand von Lausanne, auch wenn es für den FC Lausanne-Sport zu Pokal und Meisterschaft noch ein langer Weg sein sollte.

9. August 2021 deutsche bauzeitung

Spielhaus unterm Kirchenzelt

Hagen: Kirche wird zur Kita

Umnutzung ist besser als Abriss, aber nicht immer führt der Umbau von Kirchen zu überzeugenden Lösungen. In Hagen ist die Operation gelungen: Durch ein ‧Haus-in-Haus-Konzept, das mit aller gestalterischen Klarheit umgesetzt wurde, bleibt die Raumwirkung des einstigen Kirchenschiffs weiterhin erfahrbar.

Der Hamburger Architekt Gerhard Langmaack (1898-1986), der auf Empfehlung von Fritz Schumacher in jungen Jahren 1925/26 das Haus für die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg errichten konnte, zählte zu den prägenden Figuren des evangelischen Kirchenbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 60 Sakralbauten weist sein Œuvre auf, wobei es sich zum Teil um Wiederaufbauprojekte, zum Teil um Umbauten handelten.

Im westfälischen Hagen entstand nach seinen Plänen 1960-62 die Martin-Luther-Kirche. In prominenter Lage, unmittelbar östlich des Hauptbahnhofs und direkt am Eingang zur Innenstadt, hatte die Evangelische Gemeinde der Stadt hier 1889 ihr zweites Gotteshaus errichten lassen. Der neogotische Bau des Leipziger Architekten Julius Zeißig wurde im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs nahezu komplett zerstört; erhalten blieben lediglich der Turmstumpf und geringe Reste der Außenmauern. Unter Zuhilfenahme einer Baracke des Reichsarbeitsdienstes konnten nach 1945 wieder Gottesdienste gefeiert werden, bis schließlich Langmaack seinen Kirchenneubau errichtete. Als Zeichen des Neubeginns wurde die Kirche rückwärtig auf dem Grundstück platziert und der mit einem roten Ziegelmantel umhüllte Turmstumpf vermittels eines Flachbaus einer Werktagskapelle von Süden her an das Kirchenschiff angedockt. Zeltartig im Ausdruck, verbreitert und erhöht sich dieses zum Altarraum, der aus einem schwingenden Zusammenspiel dreier konkaver Wände geformt ist. Die Wände des Schiffs bestehen aus einer mit farbigen Bleiglasfenstern ausgefachten Stahlbetonstruktur, während den Altarraum kleine halbrund geformte Fenster von der Seite aus in zurückhaltendes farbiges Licht tauchten.

Umnutzung in mehreren Schritten

Die demografische Situation in Hagen hat sich seit den 60er Jahren stark gewandelt, das Bahnhofsviertel wirkt multikulturell, und unmittelbar nördlich der Martin-Luther-Kirche steht inzwischen eine Moschee. Die in der Boomphase des Sakralbaus nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete Kirche war angesichts der schwindenden Anzahl von Gottesdienstbesuchern viel zu groß, sodass um 2000 durch Tobias Langmaack im Westteil des Kirchenschiffs eine Orchesterempore als Probenraum eingebaut wurde, die mit einer gefalteten Glaswand vom Rest des Innenraums abgetrennt war.

Dauerhaft war aber auch die Hybridnutzung keine Lösung, denn seit 2010 fanden keine Gottesdienste mehr in der Kirche statt. So entschied sich die Gemeinde, das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude zu entwidmen; 2016 ging es in den Besitz der Stadt Hagen über. Mit dem Umbau zu einer Kita für ungefähr 100 Kinder war eine für einen ehemaligen Kirchenbau akzeptable Nachnutzung gefunden, und überdies erhoffte sich die Stadt damit eine Aufwertung des als tendenziell problematisch angesehenen Bahnhofsviertels.

Haus im Haus

Kitas in Kirchenbauten der Spätmoderne einzubauen, ist ein Thema, das auch schon anderenorts erprobt wurde, so von Bolles + Wilson 2013 in Münster und von Flos und K 2018 in Saarlouis. Das Projekt in Saarlouis ähnelt konzeptionell auch dem Vorgehen von Ellertmann Schmitz in Hagen, die ein Haus-in-Haus-Prinzip umgesetzt haben. »Arche« nennen sie den zweigeschossigen Einbau mit Satteldach, der mit seinem trapezoiden Wänden der Geometrie des Kirchenschiffs folgt und nur den Altarraum frei lässt. Wie beim Dach des Kirchenschiffs steigt auch hier die Dachlinie nach Osten hin an. Das neue bergende Gebäude steht also frei im Raum und lässt allseitig einen Umgang frei, der zugleich als thermischer Puffer fungiert.

Man betritt die Kita »Kolibri« wie vormals die Kirche über das Vestibül, wo die Eltern ihre Kinder abgeben und Kinderwagen abstellen können. Schon von hieraus wird das Haus-im-Haus-Prinzip sichtbar, und im Umgang überzeugt das Gegenüber der farbig verglasten Kirchenwand mit ihren rhythmisierenden Betonpfeilern und des Holzbaus der Arche. Deren EG umfasst Büros, eine Kindergartengruppe sowie einen Mehrzweckraum. Letzterer, ganz im Osten und damit im breitesten Bereich des Kinderhauses positioniert, lässt sich zum ehemaligen Altarbereich hin öffnen, sodass dieser optional räumlich mitgenutzt werden kann.

Die übrigen Kindergartengruppen nutzen das über Treppen vom Umgang aus zugängliche OG der Arche, für die unter Dreijährigen wurden die Werktagskapelle und das EG des Turms neu gestaltet. Unter der früheren Orgelempore, die in einem nördlichen Annexbau aufgestellt war, haben die Architekten die Küche und die Sanitärbereiche eingerichtet.

Weißer Gesamtklang

Der Einbau, dessen Lattung von der Brüstung der Orgelempore inspiriert ist, tritt als helles Gebäude in Erscheinung. Vom erdenden leichten Graublau des Linoleumbodens und dem Naturstein des früheren Altarbereichs abgesehen ist Weiß der durchgängige Farbton im Innern, auch die ursprünglich holzsichtige Decke wurde nun überstrichen. Denkt man an andere Kitas, die mit schreiender Buntfarbigkeit besonders kindgerecht erscheinen wollen, so ist diese Zurückhaltung wohltuend. Sie ist aber auch ästhetisch konsequent, denn Farbigkeit besteht schon: Sie kommt von den farbigen Bleiglasfenstern. Und schließlich ist die helle Farbfassung des Innern auch eine Notwendigkeit, um eine gute Belichtung der Arche zu ermöglichen. Dazu tragen weitere Maßnahmen bei – einerseits die Oberlichter im Dach, andererseits haben Ellertmann Schmitz vereinzelte Buntglasfelder des Kirchenschiffs entfernt und die farbige Verglasung des Chorbereichs komplett durch Klarglas ersetzt.

Das Transformationsprojekt überzeugt durch architektonische Präzision, gestalterische Klarheit und den Respekt vor dem Baubestand. Dadurch, dass das neue Volumen frei im Raum steht und das Innere nicht komplett verbaut und zergliedert, bleibt die vormalige Raumwirkung der Kirche noch gut erfahrbar. Das Haus-in-Haus-Konzept – von den Architekten liebevoll sogar mit Dachüberständen umgesetzt, als könne es hier regnen – führt überdies zu einem willkommenen Nebeneffekt: Unter dem Kirchendach wirkt die Arche viel kleiner als sie in Wirklichkeit ist. Fast puppenstubenartig, ein veritables Haus zum Spielen.

23. Juli 2021 Bauwelt

Zodiac in Le Locle

Die großen Zeiten mehrerer Uhrenfabriken in Le Locle und La Chaux-de-Fonds sind vorbei. Die Umnutzung von Leerstand in Wohnraum funktioniert gut, auch bei Zodiac. Der spätere Le Corbusier baute 1912 ganz in der Nähe sein zweites Haus, eine Uhrenfabrikanten-Villa.

6. Juli 2021 deutsche bauzeitung

Weniger ist mehr

Kleines Haus in Jonschwil (CH)

Ein nicht mehr benötigter Lagerschuppen hat eine neue Nutzung als Wohngebäude für vier Personen erhalten. Ein sich über drei Geschosse erstreckendes Wohnkontinuum lässt die räumliche Beschränkung vergessen. Neben dem geringen Flächenverbrauch basiert das architektonische Konzept auf der Wiederverwendung von Baustoffen und der Verwendung unbehandelter und demontierbarer Materialien.

Bescheiden wirkt das Haus auf einer kleinen Parzelle an einer Straßenecke in Jonschwil, einer Gemeinde mit knapp 4000 Einwohnern im Nordwesten des Kantons St. Gallen. Auffallen würde es im Kontext des Ortszentrums kaum, nur die helle, noch unverwitterte vertikale Holzlattung der Fassaden zeugt davon, dass die Fertigstellung nicht allzu lange zurückliegt. Der minimale Dachüberstand, die präzise gesetzten Fensteröffnungen, die perfekt fassadenbündig sich einfügenden Fensterläden: All das sind untrügliche Zeichen architektonisch-gestalterischer Sorgfalt. Aber mit seinen zwei Vollgeschossen und dem traufständigen Satteldach passt sich das Gebäude in die von Einzelbauten geprägte Kernzone von Jonschwil ein, als hätte es schon immer dort gestanden. Was auch nicht ganz falsch ist, denn es handelt sich nicht um einen Neubau, sondern einen Umbau.

Transformation eines Schuppens

Denn das »Kleine Haus«, wie Architekt Lukas Lenherr es nennt, wurzelt in einer Remise, einem hölzernen Schuppen, in dem früher das Holz für die nahe gelegene Konditorei und das Gasthaus lagerte. 1988 wurden Betonwände und eine Decke zwischen EG und 1. OG eingezogen, um die mittlerweile windschiefe Konstruktion zu stabilisieren und damit vor dem Einsturz zu bewahren.

Schließlich entschieden sich die heutigen Eigentümer – ein Paar mit zwei Kindern –, den nicht mehr benötigten Wirtschaftsbau in ein Wohnhaus umzubauen. Dabei blieb so viel wie möglich von der bestehenden Substanz erhalten: um die Kosten möglichst niedrig zu halten, aber auch, um ein Zeichen zu setzen gegen den Verschleiß von weiter nutzbaren Ressourcen. Das – nun grundsanierte – Volumen entspricht dem des Altbaus; eine Veränderung hätte der Ortsbildschutz ohnehin nicht zugelassen.

Erhalten werden konnte das Tragwerk des nach traditioneller Technik in Fachwerkbauweise erhaltenen Gebäudes samt der als Sprengwerk ausgeführten Dachkonstruktion; die bestehenden Elemente wurden lediglich sandgestrahlt und konnten dann wiederverwendet werden, wobei Teile der einstigen äußeren Holzbekleidung nunmehr als Innenbekleidung eingesetzt sind. Erhalten blieb überdies der gut 20 Jahre alte Betoneinbau, in den allerdings verschiedene Öffnungen geschnitten wurden. Markant ist insbesondere der fünfeckige Deckendurchbruch, der nicht nur Platz für die Treppe lässt, sondern darüber hinaus auch der Belichtung des EGs dient – und den Sichtverbindungen zwischen den Geschossen. Die Größe des Durchbruchs erzwang eine Verstärkung der verbliebenen Deckenplatte, die mittels CFK-Lamellen erfolgte. Diese mit Epoxidkleber gebundenen Kohlefaserbündel erlaubten es, auf Unterzüge oder Stützen zu verzichten. In der Deckenuntersicht treten sie als schwarze Lineaturen in Erscheinung. Ganz bewusst, denn Auftraggeberschaft und Architekt verfolgten das Konzept, die verschiedenen Materialien sichtbar zu lassen, nach Möglichkeit aber auch später wieder trennen und demontieren zu können. Dies implizierte den weitgehenden Verzicht auf hybride Baustoffe: Die verwendeten Elemente sind weitestgehend naturbelassen und im Idealfall nur verschraubt, sodass sie später demontierbar bleiben und anderenorts wiederverwendet werden können. Auch die Biberschwanzziegel des Dachs wurden erneut eingesetzt, mussten angesichts der neuen Doppeldeckung aber durch neues Material ergänzt werden. Die Küchengeräte stammen von der Bauteilbörse und wurden in einen Unterbau aus Birkensperrholz eingesetzt.

Flexibler und offener Wohnparcours

So schlicht das Volumen von außen auch erscheint, die große Qualität des Umbaus manifestiert sich im Innern. Die Wohnräume folgen keiner traditionellen Zimmeraufteilung, sondern zeigen sich wie eine drei Geschosse übergreifende, fließende Raumlandschaft. Um den Platz im Innern möglichst effizient zu nutzen, unterbleibt die klassische Trennung von bedienten und dienenden Räumen, also von Wohnräumen, Korridor oder Erschließungszonen. Letztere existieren hier nicht – wer sich durch die Geschosse bewegt, nutzt den skulptural anmutenden, hinsichtlich seiner funktionalen Determiniertheit flexiblen Wohnparcours, der im Küchen- und Essbereich beginnt, sich auf der Betonplattform im 1. OG fortsetzt und schließlich im partiell eingebauten DG endet. Die vielen Durchbrüche und -blicke zwischen den Geschossen, bei denen Netze als Absturzsicherungen dienen, erzeugen eine trotz der geringen Größe des Hauses erstaunliche Großzügigkeit, angesichts derer Lukas Lenherr nicht zu Unrecht auf die Raumkonzepte japanischer Kleinhäuser verweist. Reizvoll ist die Tatsache, dass die Fachwerkkonstruktion, die von der Geschichte des Gebäudes erzählt, im Innern sichtbar ist und damit zum wirkungsbestimmenden Faktor wird.

Weniger Flächenverbrauch pro Kopf

Für die Fassade wählte Lenherr Lärchenholz, die Dämmung besteht aus Holzfasern und Schafwolle, die Fenster sind in unbehandeltem Föhrenholz ausgeführt. Die Bodenheizung im einfach geschliffenen Estrich – im OG befindet sich ein einfacher Brettschichtboden – ist an einen Holzofen angeschlossen. Die Verwendung einfacher, unbehandelter Materialien folgt dem Gebot baubiologischer Korrektheit, erzeugt aber auch eine angenehme Raumatmosphäre.

Das Projekt überzeugt in nachhaltiger Hinsicht aber nicht nur durch die Wiederverwendung von Baustoffen und den Einsatz unbehandelter und demontierbarer Materialien, sondern v. a. durch seine räumliche Bescheidenheit. Laut dem Bundesamt für Statistik beträgt die Wohnfläche pro Kopf in der Schweiz durchschnittlich 46 m². Hier aber lebt eine vierköpfige Familie auf 99 m², auch wenn die geschickte Raumorganisation nirgends das Gefühl räumlicher Enge entstehen lässt. Gewisse Beschränkungen waren aber in Kauf zu nehmen: Ein Keller beispielsweise existiert aufgrund des hohen Grundwasserspiegels nicht, und auch die Abstände zu den Nachbargrundstücken sind nicht gerade großzügig. Aber immerhin bot die Auflösung des Parkplatzes Raum für einen kleinen Gemüsegarten – und da das Haus klein ist, konnte die gesamte Haustechnik in einem Schrank im Waschraum untergebracht werden.

Die Klarheit der schlichten Fassaden, bei der auf Vorsprünge und Außenräume verzichtet wurde, lässt das nunmehr domestizierte frühere Wirtschaftsgebäude noch anklingen.

11. Mai 2021 deutsche bauzeitung

Künstliche Natürlichkeit

Park des Naturmuseums in St. Gallen (CH)

Am Naturmuseum in St. Gallen stellte sich für Robin Winogrond und Studio Vulkan die Herausforderung, einen Park auf einem Autobahndeckel zu gestalten, der sowohl museumsdidaktische Qualitäten aufweist als auch in der heterogenen städtebaulichen Situation verbindend wirkt. Entstanden ist eine anregende künstliche Wildnis, die sich dem ­Widersprüchlichen der vorgefundenen suburbanen Situation annimmt und auf subtile Weise das Wechselspiel von Künstlichkeit und Natürlichkeit thematisiert.

Die Autobahn A1 durchmisst die Schweiz von Osten nach Westen, von der ­österreichischen Grenze bei St. Margrethen bis Genf. Seit der Inbetriebnahme des ersten Abschnitts bei Bern 1962 wurde die Trasse sukzessive ausgebaut. Die Stadtautobahn St. Gallen, eröffnet 1987, zählt zu den späteren Teil­stücken. Gerade in diesem Bereich gilt die Autobahn als Nadelöhr: Weil sie mitten durch den Ostschweizer Kantonshauptort führt, dient sie nicht nur dem Transit, sondern auch dem innerstädtischen Verkehr. Zwei Tunnel reduzieren das Lärmproblem: Der unter dem Rosenberg wurde in bergmännischem Vortrieb erstellt, während der 570 m lange Stephanshorn-Tunnel sich als überdeckelte Trogstrecke zwischen den Stadtteilen Neudorf und St. Finden erstreckt. Am östlichen Tunnelportal, also dort, wo die Rorschacher Straße die Autobahn kreuzt, hat seit Ende 2016 das Naturmuseum St. Gallen sein neues Domizil gefunden. Die mächtige Kirche St. Maria Neudorf, das ­zwischen ­spätem Historismus und Jugendstil oszillierende Hauptwerk des ­Architekten Adolf Gaudy, bildet bis heute die städtebauliche Dominante ­dieser Gegend. Als der Kirchenbau 1917 nach dreijähriger Bauzeit geweiht wurde, war er gleichsam ein Versprechen auf weiteres Wachstum der aufgrund des Stickerei­gewerbes prosperierenden Stadt. Doch lange stand der Bau im Abseits und noch heute steht er etwas verloren da: wenn auch nicht auf weiter Flur, so doch in schütter bebauter Umgebung, die in ihrer heterogenen Struktur alle Merkmale des Suburbanen trägt.

Pendant zur Kirche

Das hat sich nun mit dem Naturmuseum geändert. Die 1846 gegründete Institution war zuvor im innerstädtischen Stadtpark mit dem Kunstmuseum baulich vereinigt. Der Altbau des Museums zeigte sich indes trotz Sanierung 1987 den wachsenden Sammlungen nicht gewachsen. Doch da das Stimmvolk 2003 einen benachbarten Erweiterungsbau des Kunstmuseums ablehnte, musste das Naturmuseum an den Stadtrand umziehen. Im Wettbewerb des Jahres 2009 konnte sich das Gemeinschaftsprojekt der Zürcher Architekturbüros Michael Meier und Marius Hug sowie Armon Semadeni durchsetzen.

Meier Hug und Semadeni haben ein Gebäude realisiert, das sich zunächst der direkten Einordnung entzieht. Kommt man aus Richtung Innenstadt, so steht es – durch eine Freifläche getrennt, unter der hindurch der Autobahntunnel verläuft – hinter der Kirche St. Maria Neudorf, nimmt deren Achse auf – mit anderen Worten: steht parallel zur Straße. Die Grundrissfläche ist ähnlich groß wie jene der Kirche, sodass sich eine gewisse optische Balance ergibt. Fünf parallele Trakte von gleicher Breite mit Satteldächern von ­gleicher Höhe und den First bekrönenden Oberlichtbändern sind zu einem kompakten Volumen vereint. Aussparungen an den Ecken führen dazu, dass man das Gebäude von keiner Perspektive aus in seiner Gesamtheit über­blicken kann.

Die landschaftsarchitektonische Gestaltung der Umgebung war von Anfang an zentraler Bestandteil des Gesamtprojekts. Zum einen, um Kirche und ­Museum gestalterisch zu verbinden, zum anderen, um die Thematik und ­Fragestellungen des Naturmuseums auch im Außenraum fortzuführen. Und schließlich ging es darum, eine suburbane, von der Infrastruktur der Autobahn und der verkehrsreichen und lärmintensiven Rorschacher Straße ­geprägte Situation aufzuwerten, wobei die geringe Überdeckung über dem Autobahntunnel eine besondere Herausforderung darstellte und tiefwur­zelnde Pflanzen unmöglich machte.

Vermeintliche Widersprüche

Unbefangen von Natur zu sprechen, mag im Anthropozän ohnehin verfehlt sein. Aber beim Museumspark in St. Gallen handelt es sich um einen in jeder Hinsicht artifiziellen Park. Robin Winogrond und Studio Vulkan haben diese Ausgangssituation, die für die Schweiz durchaus nicht untypisch ist, zum Thema gemacht: Sie sprechen vom Paradoxon der Schweizer Landschaft, von künstlicher Natürlichkeit und natürlicher Künstlichkeit.

Buchenhecken und Hainbuchen umgeben den Park, dazu treten Stauden und Farne – und Hortensien, mithin einheimische und zugleich exotische Pflanzen. Vor dem Haupteingang des Museums stehen zwei Ginkgos, ursprünglich ostasiatische Bäume, die aufgrund ihrer Eigenschaften eher den Nadel­bäumen zuzuordnen sind, vielmehr jedoch als Spezies jenseits der Nadel- oder Laubbäume zu verstehen sind. An der östlichen Stirnseite wächst eine Lärche, also jener einheimische Nadelbaum, der – einem Laubbaum ­vergleichbar – seine Nadeln abwirft. Die Ambivalenz des Bepflanzungskonzepts findet in den übrigen zur Park­gestaltung verwendeten Elementen ihre Fortsetzung. Der typische Ostschweizer Sandstein mit seiner grünlichen Färbung wurde in Form von Schotter zum bodenbedeckenden Material. Nahe der Kirche ist eine Gruppe von Findlingen angeordnet, die während der letzten Eiszeit von Gletschern bis ins Schweizer Mittelland transportiert wurden.

Die meisten Brocken und Platten des Parks bestehen hingegen aus Nagelfluh, dem für das nördliche Alpenvorland typischen Konglomeratgestein, v. a. aber aus seinem menschengemachten Pendant, dem Beton. Die Betonplatten ­zeigen vielfältige Spuren der Bearbeitungen, aber auch Abdrücke von Drainage­matten und Holzplatten. Und Abgüsse von Fossilien, etwa Ammoniten oder Saurierknochen. Andere Steine sind mit Begriffen versehen, die auf die Erdgeschichte der Region verweisen: »Tropisches Meer«, das sich während der Kreidezeit bis in die Schweiz erstreckte, »Ultrahelveticum«, »Metamorphose«, »Holozän«, »Superkontinent«. Inspirieren und neugierig machen will dieser Park, und schließlich auch zum Nachdenken anregen. »Nichts im Leben ist beständiger als der Wandel«, ein Zitat von Charles Darwin, liest man auf einer Betonscholle, Max Plancks Aussage »Die Naturwissenschaften braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum Handeln« auf einer anderen. Und auf der bankartigen Mauer, welche den Bereich hinter der Kirchenapsis vom Park abgrenzt, ist ein Bibelzitat (1 Mose 2,15) eingelassen: »Gott übertrug den Menschen die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu bewahren.« Glaube und Naturwissenschaft, auch diese beiden ­Pole verbindet der Park. Indem ein Wegesystem zwischen Kirche, Museum und dem nördlich gelegenen Botanischen Garten entsteht. Und indem die Blickachse zwischen den beiden Gebäuden aufgrund der niedrigeren ­Bepflanzung in der Mitte frei bleibt. Schließlich spielt auch das Wasser als Grundlage allen Lebens eine wichtige Rolle: Vor der Terrasse des Museums­cafés liegt der »Forscherteich«, der von der Museumspädagogik genutzt wird, nahe der Kirche ein runder Brunnen, der »Ort der Begegnung«, der auch für Taufen dient.

Der Park ist rund um die Uhr zugänglich, man kann die Wege nutzen, aber auch von Stein zu Stein springen und das Schotterdickicht durchqueren. Er ist ein Ort zum Lernen und Entdecken, er verweist aber auch subtil auf die Tradition des historischen Landschaftsgartens mit seinen Fragmenten, künstlichen Ruinen und Sinnsprüchen. Kritisieren könnte man einzig, dass hier auf vergleichsweise engem Raum zu viel gewollt ­wurde. Die Offenheit der angesprochenen Themen wirkt allerdings einer möglichen didaktischen Überfrachtung entgegen. Und das Spiel mit Natürlichkeit und Künstlichkeit ist auf ebenso intelligente wie anregende Art und Weise umgesetzt.

11. Januar 2021 deutsche bauzeitung

Dachlandschaft vor Alpenpanorama

Firmensitz Max Felchlin in Ibach (CH)

Ein hölzernes Abschlussgeschoss mit drei markanten Dachhauben, das Alt- und Neubau überspannt, bildet den Blickfang auf dem Firmengelände eines Innerschweizer Schokoladenherstellers. Die Silhouette des mitten im Talkessel gelegenen Gebäudes beeindruckt nicht zuletzt aus der Ferne.

Selbst in der Schweiz ist der Firmenname Felchlin nur wenigen ein Begriff. Dabei stellt das im Kanton Schwyz ansässige Unternehmen Schokolade her, die zum Besten gehört, was dieser Sektor zu bieten hat. Seit 1999 verwendet die Max Felchlin AG das aus dem Weinbau bekannte Qualitätslabel »Grand Cru« auch für die Schokoladenherstellung: Die Kakaobohnen stammen aus nachhaltigem kontrollierten Anbau mit fairen Lieferketten, die qualitätsbewusste Produktion in der Schweiz erfolgt in einem Manufakturbetrieb, der sich von den industriellen Herstellern unterscheidet. Doch die Firma tritt zum einen kaum mit ihrem Namen in Erscheinung, da sie Halbfabrikate, v. a. Kuvertüre, vertreibt zum anderen sind ihre Kunden nicht Endverbraucher, sondern Konditoren, Konfiseure und Chocolatiers. Und zwar weltweit – seit Beginn der 80er Jahre v. a. in den USA und in Japan. Regelmäßig veranstaltet Felchlin Schulungen für seine Geschäftspartner, bisher in Form einwöchiger Kurse in einem »Condirama« genannten Gebäude in Schwyz.

Die Produktion des aus einer 1908 gegründeten lokalen Honighandlung hervorgegangenen Unternehmens war hingegen 1974 in die nahe gelegene Gemeinde Ibach verlagert worden. Weil dort noch Baulandreserven existierten, entschloss sich die Firmenleitung vor einigen Jahren, auch Verwaltung und Schulungszentrum nach Ibach zu verlagern und damit alle Abteilungen und sämtliche 150 Mitarbeitende an einem Standort zu konzentrieren. Im Wettbewerb 2014 konnte sich das Architekturbüro Meili, Peter (seit 2016 Meili, Peter & Partner) durchsetzen, 2018 war das Projekt fertiggestellt.

Verknüpfung und Überlagerung

Das Fabrikgelände befindet sich am Westrand von Ibach in einem typischen ländlichen Gewerbegebiet, bei dem sich Landmaschinenhandlungen, anspruchslose Zweckbauten und Kuhweiden abwechseln. Im Süden grenzt das Areal an die Kantonsstraße, im Norden an den hier kanalisierten und von Dämmen gesäumten Fluss Muota. Zum Bestand gehören die silbergrau bekleideten Produktionshallen, an die sich ein mit anthrazitfarbenen Blechpaneelen umhüllter Gebäudetrakt anschließt. Diesem haben die Architekten mit bewusstem Abstand und im rechten Winkel ein Verwaltungsgebäude zur Seite gestellt. Zu einem Ensemble zusammengefasst werden die beiden Bauteile durch einen lang gestreckten Dachaufbau mit einer expressiven, in drei Hauben sich aufgipfelnden Dachstruktur. Als pavillonähnliche Holzkonstruktion überspannt dieses nach Norden 2 m, nach Süden 3,33 m auskragende fünfte Geschoss die 12 m breite Lücke zwischen den beiden Baukörpern. Meili, Peter integrieren auf diese Weise das Bestandsgebäude; was Bestand, was Neubau ist, wird auf den ersten Blick nicht offensichtlich. Somit ist das Ziel nicht der Kontrast – aber ebenfalls nicht die Homogenisierung. Die Strategien von Addition, Verknüpfung, Überlagerung bestimmten schon eine Reihe früherer Projekte des Architekturbüros, darunter das Centro Helvetia in Mailand (2004-09). Der Bezug zum Werk von Luigi Caccia Dominioni (1913-2016), das die Architekten als Inspirationsquelle für die zeitgenössische Schweizer Architektur entdeckt haben, ist auch beim Felchlin-Projekt augenfällig. Hier drängt sich insbesondere der Vergleich mit dem Gebäude für die Firma Loro Parisini (1951-57) an der Via Savona in Mailand auf, bei dem ein verglaster wolkenbügelartiger Aufbau mit atemberaubender stirnseitiger Auskragung über der bestehenden Struktur positioniert wurde.

Hybride Konstruktion

Das Verwaltungsgebäude, in dessen EG neben der doppelgeschossigen Eingangshalle mit Rezeption auch ein Werksverkauf Platz gefunden hat, besteht konstruktiv aus einer Skelettstruktur, die mit einer Fassade aus dunklem Tannenholz bekleidet ist. Die Skelettbauweise erlaubt es im Zusammenspiel mit den Leichtbauwänden und den offenen Leitungsführungen, die Raumeinteilung im Innern sich verändernden Bedürfnissen anzupassen. Auch hier wird das Prinzip der Addition evident: Zu der Primärstuktur aus Sichtbeton in Form von Erschließungskernen, Rundpfeilern und Trägern treten die weißen Wände, graue Akustikelemente an den Decken, z. T. sind sie auch in die Wände eingelassen, sowie hölzerne Einbaumöbel. Im 3. OG mit der Laborküche wandelt sich das Bild: Auf den Rundpfeilern ruhen die gewaltigen, das Bauvolumen überspannenden Träger aus Brettschichtholz. Die Struktur des lang gestreckten pavillonartigen obersten Geschosses drückt sich sozusagen nach unten durch, beim Blick an die Decke wird der Wechsel von der Massiv- zur Holzbauweise unmittelbar sichtbar.

Die Abfolge der Brettschichtholzträger wird auch im brückenähnlichen Bereich zwischen den beiden Bauteilen beibehalten: drei geschosshohe Holzfachwerke fungieren als Längsträger, an denen die Balken hängen. Eine zusätzliche Herausforderung stellte die Lastabtragung im Bereich des Bestandsgebäudes dar. Weil dieses keine horizontalen Lasten aufnehmen kann, dient ein horizontales Stahlfachwerk als Abfangkonstruktion.

Filigranität und Massivität

Der auskragende Trägerrost bildet die Basis für das grandiose Faltwerksystem des 4. OGs, das aus einem hybriden Zusammenspiel von Elementen aus Massivholz, Leimholz und Holzwerkstoffen besteht. Räumliche Schwerpunkte bilden die beiden Schulungsräume des Condirama, die die Besucher mit dem Lift vom EG aus erreichen, sowie der große, dreiseitig verglaste Gemeinschaftsraum der Felchlin-Mitarbeitenden an der östlichen Gebäudestirn.

Zusammen mit den Holzingenieuren von Pirmin Jung entwickelten Meili, Peter ein komplexes System aus Holzbautechniken, die vom Brückenbau inspiriert sind. Die Dachlast wird von Sprengwerken übernommen, die zwischen geneigte Fachwerke eingespannt sind.

Gewaltig tritt das Stabwerk der Dachkonstruktion in Erscheinung, und doch wirkt es wie schwebend, fast zeltartig. Balken verschiedener Querschnitte und Ausrichtung verbinden sich optisch zu einem ebenso eindrucks- wie ausdrucksvollen Gefüge, das zwischen Filigranität und Massivität oszilliert. Die Perfektion liegt im Detail: An den Decken sind die Dachsparren radial aufgefächert, wie man es von der japanischen Tempelarchitektur kennt.

Nahsicht und Fernwirkung

Die Dachhauben beeindrucken aufgrund ihrer expressiven Gestalt nicht nur im Innern. Sie bestimmen auch die markante Silhouette des Gebäudes. Besonders aus der Ferne, denn wenn man sich dem Gebäude von der Straße aus über den Vorplatz nähert, werden sie unsichtbar. Die Fernwirkung aber ist an diesem Standort von besonderer Bedeutung: Ibach liegt inmitten des Schwyzer Talkessels, einer weitläufigen Ebene, die allseitig von markanten Bergen der Innerschweiz umgeben ist: vom Urmiberg – dem Ausläufer des Rigimassivs – im Norden, von den Mythen im Osten, von Stoos und Fronalpstock im Süden, von der Brandegg mit Seelisberg und Rütli im Westen. Die Dachlandschaft spielt mit dieser Topografie, was besonders eindrucksvoll sichtbar ist, wenn man am anderen Ufer der Muota steht und das Felchlin-Gebäude mit seinen drei Gipfeln vor der Silhouette des Fronalpstocks sieht. Nicht weniger eindrucksvoll aber wirkt das Gebäude, wenn man vom Zürichsee aus die Kantonsstraße über Rothenturm nimmt und aus der Höhe hinunter in den Schwyzer Talkessel fährt. Die Dachlandschaft des Felchlin-Gebäudes ist inmitten der dispersen Bauten ringsum unübersehbar und mutet fast wie ein japanischer Tempelkomplex inmitten alltäglicher Bebauung an.

14. August 2020 Neue Zürcher Zeitung

Muss das nun schon wieder weg? In den Schweizer Städten geht eine Abriss-Manie um

Doch Ersatzneubauten sind nicht immer die beste Lösung. Umdenken tut not.

Ein altes Haus kommt weg, ein neuer Bau an seine Stelle – nicht überall stossen solche Pläne auf Begeisterung. So wehren sich etwa die Bewohner der Cadonaustrasse in Chur. Ihre zwölf Einfamilienhäuser aus den Jahren 1945/46 sollen nach dem Willen des Kantons Graubünden, dem die Liegenschaft gehört, einer...

7. Februar 2020 Bauwelt

Schwimmen und Sonnen

Licht-Luft-Sonne: Das Freibad in Adelboden ist die gebaute Ideologie der Moderne. Akkurat Bauate­lier stellten nicht nur das Original wieder her, sondern passten es an heutige Standards an.

21. Januar 2020 deutsche bauzeitung

»Neutraler« Farbton für den Kunstkoloss

Musée cantonal des Beaux-Arts Lausanne (CH)

Als wuchtiges Volumen steht das neue Kunstmuseum von Lausanne neben dem Bahnhof. Um Raum für einen Vorplatz zu schaffen, wurden die historischen Lokremisen weitgehend abgerissen. Die dezente Farbigkeit der Klinkerfassade soll eine gewisse Neutralität erzielen. Das gelingt auch, aber im Innern wirkt die konsistente Farbigkeit in Greige eher steril. Was aber auch mit der problematischen Abfolge der Räume zu tun hat.

Es gibt immer wieder einmal in der Schweiz tätige ausländische Architekturbüros, die, um es salopp auszudrücken, fast schweizerischer bauen als die Schweizer selbst. Dazu könnte man etwa die Briten Caruso StJohn und Sergison Bates zählen. Und, jüngstes Beispiel, Barozzi Veiga. Gleich drei Projekte konnte das in Barcelona beheimatete Büro in den vergangenen Jahren in der Eidgenossenschaft fertigstellen: die Erweiterung des Bündner Kunstmuseums in Chur, das Tanzhaus in Zürich und den im Oktober 2019 eröffneten Neubau des Musée Cantonal des Beaux-Arts in Lausanne. Bei letzterem war die Planungsspanne am längsten: 2010 fand der Wettbewerb statt, in den Barozzi Veiga auf dem Nachwuchsticket einrückten und der ihnen am Ende den Sieg der fachlich von David Chipperfield präsidierten Jury bescherte – und damit ihr erstes Projekt in der Schweiz. Der Bau neben dem Bahnhof ­polarisiert. Manche halten ihn für monströs. Das ist etwas übertrieben. Aber Barozzi Veiga, als deren bislang wichtigstes Werk wohl die Philharmonie in Stettin gelten kann, machen es den Besuchern generell nicht leicht, ihre Architektur ins Herz zu schließen. Vielleicht muss man aber in Lausanne dankbar sein, dass der Neubau des kantonalen Kunstmuseums zustande gekommen ist, denn der Weg dorthin war für das Musée Cantonal des Beaux-Arts (MCBA) mühsam.

Daher zunächst ein Blick zurück. Die Ursprünge des Museums wurzeln in Kunstsammlungen und Stiftungen von Künstlern aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Kollektion wuchs sukzessive, 1906 konnte die Institution Räumlichkeiten im Palais de Rumine beziehen, einem neu errichteten Gebäude im Stil der Florentiner Renaissance. Der Prachtbau an der Place de la Riponne beherbergte diverse Kulturinstitutionen des Kantons; verschiedene Museen, die Bibliothek und die Universität. Konsequenz: Für das MCBA stand nur ein Geschoss zur Verfügung. Schon 1924 forderte der Direktor ein eigenes Haus, doch es sollte bis 1991 dauern, ehe die politische Entscheidung hierfür fiel. Nach zwei gescheiterten Versuchen, der Sammlung endlich zu einer neuen Heimat – zunächst am Ufer des Genfer Sees und dann am Rande der Altstadt – zu verhelfen, fiel schließlich die Entscheidung für einen Standort nahe dem Bahnhof. Gewissermaßen handelte es sich um einen Kompromiss, denn der Bahnhof liegt nicht oben in der Altstadt und nicht unten am See, sondern auf halbem Weg dazwischen und auf halber Höhe am Hang. Außerdem befanden sich hier ausgedehnte Hallen für das Abstellen und für die Reparatur von Lokmotiven. Die Gebäude wurden nicht mehr benötigt und harrten ohnehin einer neuen Nutzung, sodass die Stadt das Gelände im Austausch mit einer anderen Parzelle von den Schweizer Bundesbahnen erhielt. Auch das nahm, wie man zurecht kalkulierte, möglichen Gegnern den Wind aus den Segeln. Und schließlich wurde der Neubau des MCBA nicht mehr als singuläres Projekt vorangetrieben, sondern zusammen mit Neubauten für das auf Fotografie spezialisierte Musée de l’Elysée und das mudac, das Museum für Design und angewandte Kunst.

Neuanfang statt Umbau

Der Wettbewerb 2010 betraf also nicht nur das Neubauprojekt für das MCBA, sondern umfasste auch einen städtebaulichen Masterplan für die Umwandlung des ehemaligen CFF-Geländes in ein Kulturareal.

Die einstigen Lokomotivhallen befanden sich zwar niveaugleich unmittelbar westlich des Bahnhofs von Lausanne. Dennoch ist das langgestreckte Terrain hinsichtlich seiner Proportion und Lage nicht ohne Probleme. Auf der Süd­seite grenzt es unmittelbar an die vielbefahrenen Bahngleise Richtung Genf, Richtung Westen ist der Durchgang versperrt, und auf der Nordseite wird es durch Stützarkaden und Wohnbauten am steilen Hang begrenzt.

Der älteste Teil der Lokomotivhallen war schon 1911, also zur Bauzeit des 1916 eröffneten Bahnhofsgebäudes, fertiggestellt worden; seine Erhaltung wurde in der Wettbewerbsauslobung empfohlen, war aber für die Teilnehmer nicht verpflichtend.

Barozzi Veiga, die Überraschungssieger des Wettbewerbs, zählten zu den Architekten, die für den weitgehenden Abriss des Bestands optierten. Sie komprimierten das Raumprogramm zu einem 145 m langen, 21 m breiten und 22 m hohen orthogonalen Volumen, das im Süden nahe an die Gleise rückt und damit im Norden Platz für einen weitläufigen Platz lässt. Diese städtebaulich großzügige Lösung, die bei Erhalt der das Gelände weitgehend ausfüllenden historischen Hallen nicht realisierbar gewesen wäre, gab letztlich den Ausschlag für das Votum zugunsten des katalanischen Büros.

Wider den Bilbao-Effekt

Das Museumsprojekt hat sich zwischen Wettbewerbsgewinn und der durch Einsprachen von Anliegern verzögerten Realisierung nur in Details verändert, beispielsweise hinsichtlich der auf Wunsch der Museumsleitung ver­größerten Raumhöhe im obersten Geschoss. Schon im Wettbewerb aber setzten die Architekten auf die Blockhaftigkeit des weitgehend geschlossenen Volumens, die Rhythmisierung durch die geschosshohen lamellenartigen Pfeiler auf der Nordseite und einen Ziegelsteinmantel in einer – so die Wertung der Jury – »relativ neutralen Farbe«. Zur Anwendung kamen schließlich weißgraue Klinker eines deutschen Herstellers. Die Homogenität des Volumens weicht in der Nahsicht zurückhaltender Belebung, da dann die brandbedingt leicht unterschiedlichen Färbungen der Klinker und die Nachbehandlung der Fugen durch Aufrauung mit einem Stäbchen erkennbar werden. Erklärtes Ziel der Architekten war eine zurückhaltende Farbigkeit, die sich sowohl mit der technisch-industriellen Tradition des durch die Bahn bestimmten Orts als auch mit den hellen Natursteinbauten Lausannes vertrüge. In Form von Riemchen umhüllen die Klinker auch die insgesamt 84 Wandpfeiler der Nordseite, die jeweils aus vier vorfabrizierten Elementen bestehen, auf der Baustelle zusammengesetzt und mit dem Stahlbeton-Rohbau des Museums verbunden wurden. Nähert man sich dem Gebäude vom Bahnhof aus, also von der Ostseite, so zeigt sich das Volumen aus der Schrägperspektive zunächst verschlossen. Schritt für Schritt wird dann erkennbar, dass sich hinter den kolossalen Wandpfeilern eine Reihe von Fenstern verbergen. Dies betrifft in hohem Maße das EG mit seinen eher öffentlichen, dem Vorplatz zugewandten Nutzungen wie Eingangsbereich, Bookshop und Café. Die Stirnseite des Gebäudes, an der ein vorgeblendetes Metallprofil an den Schnitt einer der hier vorher bestehenden Hallen erinnert, zeigt sich ­vollkommen verschlossen, und auch die Südseite ist weitestgehend ohne Öffnungen. Hier gab es keine Alternative, denn die Nähe zu den Gleisen erforderte angesichts der Tatsache, dass an dieser Stelle 1994 schon einmal ein Gefahrgutzug ­entgleiste, höchste Sicherheit für die Sammlungsstücke und damit den Verzicht auf Fenster.

Man habe kein Centre Pompidou gewollt, auch kein Guggenheim Bilbao, betonen Architekten und Direktion unisono, sondern Räume ganz im Dienste der Kunst. Und so erklärt sich auch, dass es kein Restaurant im obersten ­Geschoss mit Blick über den Genfer See gibt, wie es im Vorfeld immer wieder gefordert worden war. Denn das hätte die Möglichkeit erschwert, das oberste Geschoss natürlich zu belichten. Den Blick auf den See zu verweigern, das war ein Konzept, das auch Peter Zumthor seinem Kunstmuseum in Bregenz zugrunde legte. Doch eine komplementäre Radikalität bei der Konzeption der Museumsräume, mit der das Museumsgebäude in Vorarlberg bis heute überzeugt und beeindruckt, erzielen Barozzi Veiga nicht. Weiße Wände, helles Parkett, Schattenfugen, viereckig geführte Lichtbänder im 1. OG, eingehängte Deckenraster aus Metall im 2. OG, die Tageslicht gefiltert durchlassen, aber auch für Kunstlicht geeignet sind: Ohne Zweifel haben die Architekten aus Barcelona bei ihrem ersten realisierten Museumsprojekt mit viel Sorgfalt für das Detail Räume geschaffen, die gut funktionieren. Und doch hält sich beim Parcours durch die Säle die Begeisterung in Grenzen. Die Atmosphäre bleibt steril.

Man könnte auch sagen: etwas konventionell. Es fehlt an Schwerpunktsetzung, an Dynamik. Besonders problematisch aber ist die Beziehung zwischen Erschließungszonen, öffentlichen Bereichen und den eher stereotyp gereihten Sälen für Sammlung und Sonderausstellungen. Betritt man das Museum am Haupteingang, so steht man in der gewaltigen Eingangshalle. Eine breite Freitreppe führt hinauf auf ein Podium in einem Gewölberaum mit einem großen halbkreisförmigen Fenster. Es handelt sich bei diesem Annex um das einzige Relikt des Lokomotivschuppens. Doch den zuvor offenen Dachstuhl haben die Architekten mittels eines historisch nicht vorhandenen Gewölbes in einen monumentalen »Thermenraum« verwandelt, der die Eingangshalle sakralisierend auflädt. Das wirkt aber nicht spielerisch-ironisierend, auch der Kontrast zwischen Blick auf Schienensträngen ­sowie Alltagswirklichkeit und ästhetischem Separatraum des Museums, wie man ihn zur Zeit der Postmoderne geliebt hätte, wird hier nicht zum Thema. Manches wirkt letztlich unausgegoren, etwa wenn die Architekten die Stufen als »Bänke« bezeichnen, obwohl die Atmo­sphäre des Raums kaum dazu einlädt sich hier niederzulassen. Auf beiden Seiten der Freitreppe führen nunmehr enge Treppenkatarakte empor zu den Ausstellungsräumen beidseitig der Mittelhalle. Im 1. OG, das – anders als heute praktiziert – ursprünglich der Sammlung vorbehalten sein sollte, sind die beiden Saalfolgen als Enfiladen organisiert, im obersten Geschoss findet sich überdies eine flexible Halle von 700 m², die sich durch verschiebliche Wände temporär unterteilen lässt. Eine weitere gegenläufige Treppenkaskade, diesmal von Stufenpodesten begleitet, verbindet die Geschosse weiter im Westen des Gebäudes.

Die Platzfläche vor dem Museum wird von großen, wie aus dem Boden geschnittenen und angekippten Betonscheiben akzentuiert. Vielleicht sind sie von der versenkten Lok-Drehscheibe inspiriert, die wie einige im Asphalt verlaufende Gleisstränge noch von der ursprünglichen Nutzung des Orts zeugen. »Plateform 10« heißt das neue Museumsquartier – es ist der Bahnsteig der Kultur neben den neun Bahnsteigen des Bahnhofs. 2021 sollen die anderen beiden Museen eröffnen, für die nach Plänen von Aires Mateus ein gemeinsames Gebäude westlich des MCBA entsteht. Erst 2026 werden mit dem Umbau des Bahnhofs samt Trassierung einer neuen Metrolinie die Arbeiten in der Umgebung abgeschlossen sein. Schon jetzt erhofft man sich die Signalwirkung des Museumsbaus unmittelbar an der Einfahrt zum Bahnhof Lausanne. Auffällig mag die mächtige Ziegelwand mit der heraustretenden Spolie der historischen Hallenstirn sein. Auf das Alibi des aus der Gebäudemasse tretenden Stummels hätte sich jedoch auch verzichten lassen.

18. November 2019 Neue Zürcher Zeitung

Max Dudler: Eine Baukunst der Kraft, der Klarheit und der Ordnung

Der in Zürich wie auch international präsente Architekt feiert heute seinen 70. Geburtstag.

Bekannt wurde er zuerst im Ausland, seit zwei Jahrzehnten nun schon prägt Max Dudler aber auch das Schweizer Baugeschehen entscheidend mit. Die Handschrift des gebürtigen St. Galler Architekten ist unverkennbar streng, oft sind es Lochfassaden mit Reihen hochrechteckiger Fenster. Er baut sie europaweit,...

27. September 2019 Neue Zürcher Zeitung

Weder Stadt noch Land. In der Luzerner Agglomeration wird neu geordnet – ein Besuch

Im städtebaulichen Entwicklungsgebiets Luzern Süd setzt der Mattenhof den Auftakt: Entsteht hier die Innerschweizer Stadt der Zukunft?

Kann aus Peripherie Zentrum werden? Verlässt man Luzern in südlicher Richtung, so durchquert man eines der bizarrsten Gewerbegebiete, die die Schweiz zu bieten hat. Vor der Kulisse von Pilatus, Rigi und Bürgenstock, nahe dem Ufer des Vierwaldstättersees, erstreckt sich eine schier endlose Ansammlung...

Publikationen

2017

SMARCH
Mathys & Stücheli Architekten

smarch – Mathys & Stücheli Architekten gehören mit ihren unkonventionellen Bauten und Projekten sowie durch die Lehrtätigkeit an der ETH Zürich zu den wichtigen, auch international beachteten Architekten der mittleren Generation in der Schweiz. Bekannt wurde smarch durch die blauen Atelierhäuser in Bern
Hrsg: Hubertus Adam
Verlag: Park Books

2011

Durisch Nolli
De aedibus 42

Klare, einfache Formen und Strukturen lassen sich beim Luganeser Architektenpaar Pia Durisch und Aldo Nolli entdecken. Das noch junge Werk zeigt mit dem kargen Baukörper des Max-Museum und dem Umbau der angrenzenden Gewerbehalle zu einer Mehrzweckhalle in Chiasso (beide 2005) auf, in welche Richtung
Hrsg: Heinz Wirz
Autor: Hubertus Adam, Martin Steinmann, Rebecca Williamson
Verlag: Quart Verlag

2011

Architektur Musik
Boa Baumann. Fritz Hauser

Seit den Neunzigerjahren arbeiten Boa Baumann und Fritz Hauser vielfach gemeinsam und loten die Spielräumeaus, die im Spannungsfeld von Musik und Architektur entstehen: Fritz Hauser ist bei Baumanns Architekturprojekten konzeptionell beteiligt. Umgekehrt entwirft und realisiert Boa Baumann immer wieder
Hrsg: Hubertus Adam
Verlag: niggli

2011

Architektur als Lebensraum.
Leutschenbach. Das Schulhaus von Christian Kerez

Das 2009 eröffnete Schulhaus Leutschenbach von Christian Kerez zählt zu den spektakulärsten Bauten der Schweizer Gegenwartsarchitektur: Das Raumprogramm ist hier zu einem kompakten Baukörper im neu entstandenen Andreasparks verdichtet. Ungewöhnlich ist nicht nur die Stapelung sämtlicher Räume, sondern
Hrsg: Hubertus Adam, Amt für Hochbauten der Stadt Zürich
Verlag: niggli

2011

Immergrün – Heerenschürli
Eine Sportanlage für Zürich

Eine Sportanlage als städtischer Ort: Im schnell wachsenden Norden von Zürich entstand 2010 eine Anlage, die neue Massstäbe setzt. Sie dient den veränderten Bedürfnissen des Breitensports und umfasst Rasenfelder für Fussball, ein Baseballfeld, ein Garderobengebäude mit öffentlichem Restaurant, einen
Hrsg: Hubertus Adam
Verlag: niggli

2011

Raum, verschraubt mit der Zeit
Architekturjahrbuch Graz Steiermark 2010

Das Buch ist die Dokumentation des weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Architekturpreises des Landes Steiermark, der alle zwei Jahre vergeben wird. Die handwerklich hervorragend gearbeitete Publikation besteht aus zwei gebundenen Teilen, die parallel gelesen werden können: Der Textteil ist
Hrsg: Eva Guttmann, HDA
Autor: Hubertus Adam
Verlag: Birkhäuser Verlag

2010

Jo. Franzke Architekten

Hochwertige Werkstoffe und sorgfältige Ausführung, die intensive Auseinandersetzung mit der architektonischen Tradition und sich wandelnden Nutzeranforderungen bestimmen die Entwürfe und Bauten von Jo. Franzke Architekten. Zurückhaltung und Selbstbewusstsein sind gleichermassen charakteristisch für die
Hrsg: Hubertus Adam
Verlag: niggli

2010

Andrea Roost Architekt

Das Architekturbüro von Andrea Roost in Bern besteht mittlerweile 35 Jahre. Nun liegt die erste Monografie dieses Architekten vor, dessen Werk sich, von Modeströmungen unbehelligt, konstant entwickelt hat. Roost wurde bekannt durch präzise Sichtbetonbauten, die im Inneren eine erstaunliche räumliche
Hrsg: Hubertus Adam
Verlag: niggli

2009

Beton 09
Architekturpreis Beton

Mit dem „Architekturpreis Beton“ werden alle vier Jahre architektonisch herausragende Gebäude ausgezeichnet, bei welchen der Baustoff Beton in seinen vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten eingesetzt wurde. Betonsuisse möchte mit diesem Preis einen Beitrag zur Förderung des Bauens mit Beton leisten und
Hrsg: BETONSUISSE Marketing AG, Bern
Autor: Hubertus Adam
Verlag: gta Verlag

2009

Wo ist Zuhause, Mama? Patrick Gmür Architekten

Der Zürcher Architekt Patrick Gmür hat während der vergangenen zwanzig Jahre – in wechselnden Büropartnerschaften – zirka siebzig Projekte entworfen; neun Projekte davon sind realisiert oder in Ausführung begriffen. Der Schwerpunkt seiner Arbeiten liegt auf dem Wohnungsbau. Hier setzt Gmür mit einer
Hrsg: Hubertus Adam
Verlag: niggli

2008

Fensterfabrik in Hagendorn
Niklaus Graber & Christoph Steiger Architekten

Für die Fensterfabrik Baumgartner in Hagendorn bei Cham erstellten die jungen Luzerner Architekten Graber & Steiger gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekturbüro Koepfli ein aufsehenerregendes Projekt: Auf die bestehende, kleinteilig organisierte Struktur des Firmengeländes reagierten sie mit einer großen,
Autor: Hubertus Adam, Philip Ursprung
Verlag: niggli

2008

Drei Häuser
Ken Architekten

Ken Architekten konnten in den Jahren 2006/2007 zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Klaus Müller drei Einfamilienhäuser realisieren: in Möriken, Wettingen und in Ennetmoos. Alle drei Gebäude haben eine ähnliche Größe, sind aber in unterschiedlichen Landschaftsräumen situiert. Der Bezug zur jeweiligen
Autor: Hubertus Adam
Verlag: niggli

2007

ArchitekturKultur in Bern

Die Realisierung zweier publikumsträchtiger Projekte renommierter Architekten – des Paul-Klee-Museums von Renzo Piano sowie des Migros-Komplexes von Daniel Libeskind – sichert Bern die verstärkte Aufmerksamkeit eines nationalen sowie internationalen Publikums. Doch darüber hinaus sind in den vergangenen
Hrsg: Hubertus Adam
Verlag: niggli

2006

Rotzler Krebs Partner Landschaftsarchitektur
Inszenierte Verwandlung /Staging Change

Im Jahr 2005 wurde das Planungsbüro für Landschaftsarchitektur und Freiraumgestaltung Rotzler Krebs Partner bereits zum zweiten Mal von der Zeitschrift Hochparterre und der Sendung Kulturplatz des Schweizer Fernsehens zu den «Besten» gekürt. Für die Landschaftsgestaltung am Zürcher Lettenareal erhielt
Autor: Hubertus Adam
Verlag: niggli

2005

Hallenstadion Zürich
Egender & Müller - Pfister Schiess Tropeano

Das Hallenstadion Zürich (1938/39) zählt zu den prominentesten Sportbauten des Neuen Bauens in Zürich. Die Architekten Karl Egender und Wilhelm Müller schlugen für die Bauaufgabe «Sportpalast» einen bis heute überzeugenden Zweckbau vor. Das im Sommer 2005 abgeschlossene Umbau- und Sanierungsprojekt der
Autor: Hubertus Adam, Michael Hanak, Bruno Maurer, Ulrich Pfammatter, Thomas Pfister, Ruggero Tropeano
Verlag: gta Verlag

2003

Daniele Marques

Die Arbeiten des Luzerner Architekten Daniele Marques knüpfen deutlich an die frühe Nachkriegsmoderne an, die zu den radikalisierten Doktrinen eines «International Style» auf Distanz gegangen war. Verstärkt ist er seither den Weg einer formalen Reduktion gegangen. Marques Bauten stellen ständig neue
Autor: Hubertus Adam, Otto Kapfinger, Ueli Zbinden
Verlag: gta Verlag

2003

Messeturm Basel

Nach zweijähriger Bauzeit wurde am 14. November 2003 der Messeturm Basel eröffnet. Entworfen wurde er von der Architektengemeinschaft Morger & Degelo und Marques. Die Publikation dokumentiert in Fotografien von Ruedi Walti und Texten von Hubertus Adam das Bauwerk im Stadtbild, das architektonische Konzept
Autor: Hubertus Adam
Verlag: Lars Müller Publishers