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19. Januar 2008 Der Standard

„Klare Entscheidung wäre ein Erdbeben“

Ende Februar soll ein Urteil zum Wettbewerb für die ÖBB-Bahnhof City gefällt werden, bis dahin ruht das Verfahren - eine Expertenrunde

Der Wiener Hauptbahnhof sorgt bereits für Aufregung, bevor noch mit dem Bau begonnen wurde. Der STANDARD lud vier Experten ein, um über die Auswirkungen dieses spektakulären Aufbegehrens der Architekten gegen den Trend, Wettbewerbe in geladener Form zu organisieren. Ute Woltron moderierte.

STANDARD: Was bedeutet die Vergabeamtsentscheidung für die gesamte Bauszene?

Walter Stelzhammer: Im Moment warten alle wie gebannt darauf. Die Entscheidung ist für den gesamten Berufsstand ungeheuer wichtig. Sie wird nicht nur die Position der ÖBB, sondern aller öffentlichen Auftraggeber neu definieren.

Christoph Stadlhuber: Egal wie die Entscheidung fällt, die BIG wird weiterhin öffentlich ausschreiben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir über offene EU-weite Wettbewerbe die besten Ergebnisse bekommen.

Adolf Krischanitz: In Österreich gab es immer eine hochstehende Wettbewerbskultur, und es ist problematisch, wenn sich der öffentliche Bauherr verstärkt über Abwicklungsgesellschaften aus diesem System herausnimmt. Der Architektenberuf ist ohnehin einer der existenziell problematischsten überhaupt. Für Jüngere ist es extrem schwierig, zum Zug zu kommen. Der Wettbewerb ist das Mittel, um an öffentliche Aufträge heranzukommen.

Sabine Gretner: Die Auswirkungen werden enorm sein. Das ÖBB-Verfahren zeigt die Haltung der öffentlichen Hand gegenüber der Baukultur und ihren Rückzug aus der Verantwortung.

STANDARD: Warum ist die EU-weite Ausschreibung offenbar ein Schreckgespenst für manche Bauherren?

Stelzhammer: Man hat Angst, die falschen Preisträger zu kriegen.

Krischanitz: Das kommt aus dem Omnipotenzanspruch gewisser Bauherren, die jedes Risiko, auch im Positiven, ausschließen wollen: Es könnte ja ein Projekt dabei sein, mit dem kein Mensch rechnet, das aber trotzdem irrsinnig klass ist. Die versuchen die Ergebnisse von Beginn an so hinzubiegen, dass es ihnen in den Kram passt.

Gretner: In der Stadt Wien arbeitet man in den letzten Jahren zudem stark mit Branding. Dazu braucht man internationale Namen, weil man Stadtteile besser verkaufen kann, wenn der Masterplan von Norman Foster stammt, auch wenn der nicht realisierbar ist.

Stadlhuber: Die Gefahr bei geladenen Wettbewerben besteht auch darin, dass in der Jury eher darüber diskutiert wird, welcher Architekt genommen werden soll, als welches Projekt. Aber eben das Projekt sollte im Vordergrund stehen, nicht die Planer.

STANDARD: Welche Institutionen wird die Entscheidung betreffen?

Gretner: Es gab allein in Wien in den vergangenen Jahren viele Ausgliederungen. Eine klare Entscheidung wäre ein Erdbeben!

Stadlhuber: Es wird den gesamten öffentlichen Bau in Österreich betreffen. Es gibt kaum mehr Gebietskörperschaften mit Liegenschaftseigentum. Die sind meistens in BIGs, LIGs und GIGs - Bundes-, Landes- und Gemeindeimmobiliengesellschaften - ausgelagert.

STANDARD: Von welchem unter Umständen betroffenen Bauvolumen reden wir eigentlich?

Stelzhammer: Von Milliarden.

Krischanitz: Viel auf jeden Fall. Doch komischerweise sind Gesamtbaukosten meistens weit weniger interessant als Architektenhonorare. Tatsächlich ist das momentane Wettbewerbssystem selbstausbeuterisch bis zum Exzess. Im Schnitt muss man zehn Wettbewerbe machen, bevor man einen gewinnt, und die muss man alle finanzieren. So kommst du als Architekt nie zu Rücklagen, weil du sofort wieder alles in Wettbewerbe investieren musst. Diese Basis wird durch geladene Verfahren noch einmal verschlechtert, und insofern glaube ich, dass es nur mehr Wahnsinnige sind, die diesen Beruf ausüben.

STANDARD: Welche Wettbewerbsart ist dann eigentlich anzustreben?

Krischanitz: Offene Wettbewerbe mit vorgeschalteter Bewerbung, die Jury kann entscheiden, wer mitmacht, und automatisch wird ein gewisser Prozentsatz von Jungen automatisch einbezogen.

Stelzhammer: Die ÖBB hätte wie die Erste Bank am Nachbargrundstück genau so ein Verfahren mit vorgeschalteter Bewerbung ausloben können. Warum hat sie das nicht getan?

STANDARD: Kluge Bewerbungsverfahren sind also die Lösung, die erfordern allerdings bewusste Bauherren, die ihre eigenen Kriterien definiert haben.

Krischanitz: Exakt. Über die Nachhaltigkeit von Gebäuden wird kaum geredet, das wird dann halt irgendwie gemacht. Aber das ist zu kurz gedacht.

Gretner: Noch dazu in einer Zeit, in der die Betriebskosten heftig steigen.

Stelzhammer: Das Wettbewerbssystem wäre ja an sich brauchbar, und es soll auch dem Auftraggeber vorbehalten bleiben, welche Verfahrensart er wählt. Das Bundesvergabegesetz bietet den Handlungsspielraum, aber wir Architekten müssen mitreden können, wie weit der geht. Manche Anwaltskanzleien haben sich geradezu auf diese Zwischengrauzonen spezialisiert und reizen sie bis zum Letzten gegen die Architektenschaft und die Architektur aus.

Krischanitz: Mir kommt vor, dass man in Österreich, aber auch in Deutschland etwas hinten ist. Schweizer Ausschreibungen sind wesentlich präziser. Hierzulande sitzen auch in der Jury oft Leute, die sich nicht genug auskennen. Es ist alles ein bisschen schlampig geworden in Österreich: Man weiß eh, wen man einlädt, und möglicherweise auch, wer gewinnen soll. Das ist ein übler Umgang mit Ressourcen, der aber für uns Architekten ganz entscheidend ist. Die Wettbewerbskultur braucht wieder eine Aufwertung.

Gretner: Es geht aber auch um den enormen Wert von guter Architektur für die Allgemeinheit. Architekten werden immer noch zu sehr als Künstler gesehen, doch was Architektur und Städtebau für uns alle bedeutet, darüber herrscht zu wenig Aufklärung.

Stadlhuber: Noch eine Frage: Warum unterscheidet man überhaupt so extrem zwischen Öffentlichen und Privaten? Gerade das aktuelle Beispiel BahnhofCity zeigt an einem Standort, dass ein privates Unternehmen, die Erste Bank, einen öffentlichen Wettbewerb veranstaltet, aber ein - gegebenenfalls - öffentliches Unternehmen umgeht das. Ich hoffe, dass die nun entbrannte Diskussion zu einem Plädoyer für den offenen Wettbewerb führt. Das sollten dann tunlichst auch die Privaten erkennen. Die Erkenntnis, dass der sinnvoll ist, muss greifen, denn durch Zwang allein kommt nie was Ordentliches zustande.

STANDARD: Die ausgegliederte BIG gilt immer noch als „Staatsmacht“ des Bauens, sie muss aber privatwirtschaftlich agieren und Geld verdienen. Inwieweit hat sie das Backing ihres Eigentümervertreters, des Wirtschaftsministers, die Baukultur über offene Wettbewerbe hochzuhalten?

Stadlhuber: Das ist absolut kein politisches Thema. Wir müssen das Geld, das wir ausgeben, zurückverdienen, und wenn's geht ein bisschen mehr dem Finanzminister abliefern. Da wehren wir uns nach Möglichkeit, weil wir das Geld in der Immobilie, im Bestand zu halten versuchen. Die Argumente könnten bei der BIG allerdings die gleichen sein wie bei den ÖBB. Denn wenn wir mit unseren Mietpreisen mit der Konkurrenz nicht mithalten können, geht der Mieter woanders hin.

STANDARD: Erbringt das den Beweis, dass es mit offenen Wettbewerben genauso möglich ist, wirtschaftlich zu agieren?

Stadlhuber: Ganz sicher. Was das Verfahren anlangt, hoffe ich jetzt auf eine rasche Entscheidung, die nicht in die Instanzen geht.

Gretner: Ich will die Politik aber keinesfalls aus der Verantwortung nehmen. Dieses Verfahren übt erstmals wirklich Druck aus. Jetzt wird mit juristischen Mitteln über Bauqualität entschieden.

Stelzhammer: Meine Botschaft an Stadtrat Schicker, der sich ja aus der Jury zurückgezogen hat, lautet: Wenn er nun die rechtskonforme Ausschreibung unverzichtbar nennt, dann ist für mich als Standesvertreter klar, dass er sich ab sofort hundertprozentig für die Sache einsetzen wird. Ich fordere ihn daher auf, das im Rahmen dieses Nachprüfungsantrages zum ÖBB-Verfahren auch zu tun.

Krischanitz: Neben all den juristischen Spitzfindigkeiten gibt es eine moralische und kulturelle Verantwortung - und da frage ich mich, wie so etwas überhaupt passieren kann.

17. Januar 2008 Der Standard

ÖBB stoppt Vergabe bei Hauptbahnhof

Infrastrukturpläne der Stadt unter Beschuss

Der Wettbewerb um die BahnhofCity am Wiener Hauptbahnhof wurde von den ÖBB am Mittwoch vorläufig gestoppt. Drei Architekturteams kamen dennoch in eine zweite Runde. Ob die allerdings tatsächlich stattfinden kann, muss erst das Bundesvergabeamt entscheiden.

Während das Bundesvergabeamt die Überprüfung des umstrittenen ÖBB-Verfahrens BahnhofCity Wien bereits eingeleitet hat, wurden am Montag und Dienstag die Entwürfe der acht geladenen Architekturbüros juriert. Wie der Standard gestern berichtete, war der Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SPÖ) am Montag erst nicht zur Sitzung erschienen, um dann am Dienstag kurzfristig und völlig überraschend als Juror zurückzutreten.

Ein Sieger wurde noch nicht gefunden, die Projekte von Behnisch Architekten, Stuttgart, Feichtinger Architekten, Paris, sowie Hans Hollein, Wien, gehen in einer zweiten Runde in die Überarbeitung. Allerdings, so ÖBB-Sprecherin Bettina Gusenbauer, gebe es dafür erst dann den Startschuss, wenn das Bundesvergabeamt seine Überprüfung abgeschlossen habe. Der Entscheid ist in sechs Wochen zu erwarten, die Frist läuft ab Antragsstellung.

Großes Erstaunen hat Rudolf Schickers Rückzieher aus dem Verfahren nicht nur bei der ÖBB hervorgerufen. Der oberste Planer der Stadt ließ via APA am Dienstag ausrichten, er könne sich als Juror nicht für ein Verfahren zur Verfügung stellen, dessen Rechtsgrundlage unklar sei. Dem Standard ließ Schicker auf Anfrage mitteilen, das ÖBB-Verfahren würde „außerhalb des Einflussbereiches der Stadt Wien geführt“, und: „Die rechtliche Beurteilung der Frage, wer ein öffentlicher und wer ein privater Auslober ist, entzieht sich der Entscheidungsfindung der Stadt.“

„Blitzrückzieher“

Diese Aussage erstaunt zumal die ÖBB, denn in der Ausschreibung ist der Auslober explizit als „ÖBB Immobilien in Kooperation mit der Stadt Wien“ angegeben.

Erbost über Schickers Blitzrückzieher zeigte sich via Aussendung auch die Vorsteherin des vierten Bezirks, Susanne Reichard (ÖVP), die ebenfalls Mitglied der Jury war. Schicker betreibe „einen Eiertanz par excellence“ und, so weiter: „So ein Verhalten ist eines Planungsstadtrates unwürdig.“ Denn: „An welchen Vorgaben sollen sich die Bezirke nun orientieren, wenn das ganze Projekt in Schwebe ist.“

Die Reaktionen innerhalb der Architektenschaft lassen ebenfalls nicht auf sich warten. Man werde, so ein am Verfahren beteiligtes Büro internationalen Formats, die ÖBB mit Sicherheit auf Schadenersatz klagen, sollte sich das Verfahren als nicht rechtsmäßig erweisen. Es gehe nicht an, dass man auf gut Glück einen Verfahrensweg wähle, der sich dann unter Umständen als gesetzeswidrig erweise.

Dietmar Feichtinger, als einer der drei Überarbeiter in Warteposition, sagte zum Standard: „Angenehm ist die Situation für uns natürlich nicht.“ Sollte aber festgestellt werden, dass die ÖBB tatsächlich öffentlich hätten ausschreiben müssen, habe er mit dem Antrag der Kollegen „kein Problem“. Hans Hollein meinte, er sei „davon ausgegangen, dass dies ein korrektes Verfahren ist“. Vom Architektenteam Behnisch war keine Aussage zu bekommen, außer, dass man über die Situation zu wenig im Bilde sei.

Derzeit läuft übrigens am Wiener Nordwestbahnhofgelände ein ebenfalls von den ÖBB Immobilien gemeinsam mit der Stadt Wien (MA21) ausgelobtes Verfahren, das eine „Städtebauliche Leitidee“ für das künftig zu entwickelnde Areal zum Ziel hat. Auch dieses Verfahren wird mit neun geladenen Teams durchgeführt, wird allerdings nicht zu einem konkreten Bau führen und befindet sich vergabetechnisch im Unterschwellbereich, muss ergo nicht EU-weit ausgeschrieben werden.

„Wir werden trotzdem aus diesem Verfahren aussteigen“, meinte Wolf Prix von den dazu geladenen Architekten Coop Himmelb(l)au auf Anfrage des Standard, denn das Vergabechaos, das sowohl bei den ÖBB als auch in der Stadtplanung zutage trete, habe sein Vertrauen in die Güte deren Architekturwettbewerbe einmal mehr erschüttert.

Und noch ein weiteres Verfahren dürfte auf der Kippe stehen: Am von der Stadtplanung ausgeschriebenen PPP-Modellwettbewerb für die Bildungseinrichtung am Nordbahnhof haben gerade drei der acht Architektenteams ihre Beteiligung zurückgezogen, da laut deren Aussage sowohl Ausschreibung als auch Verfahrensprozess die Herstellung architektonischer Qualität völlig unmöglich machten.

12. Januar 2008 Der Standard

Architektenaufstand gegen die ÖBB

Einkaufen am Sonntag, beim Hauptbahnhof um den Architekturwettbewerb und die Vergabe

Ein internationales Architektenkonsortium lässt das Expertenverfahren Bahnhof City der ÖBB vom Bundesvergabeamt überprüfen. Es soll festgestellt werden, ob für den neuen Stadtteil um den künftigen Hauptbahnhof ein EU-weiter Wettbewerb hätte ausgelobt werden müssen.

Das im Herbst von der ÖBB-Immobilienmanagement GmbH ausgelobte „Expertenverfahren Bahnhof City“ auf dem Wiener Südbahnhofareal, zu dem lediglich acht Architektenteams geladen wurden, geht demnächst in die Juryentscheidung. Ob allerdings die gewählte exklusive Verfahrensart rechtens war, wird in den kommenden Wochen das Bundesvergabeamt zu entscheiden haben.

Nachprüfungsanträge

Denn am Freitag brachten insgesamt 50 österreichische und internationale Architekten bei der Kontrollbehörde Anträge auf Nachprüfung der Ausschreibung ein. Mit dabei sind etwa die norwegischen Snohetta AS, die sich mit dem Bau der Bibliothek von Alexandria einen Namen gemacht haben und derzeit unter anderem das 9/11-Memorial auf Ground Zero errichten. Ebenfalls darunter befindet sich Volkwin Marg vom Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner, die im Vorjahr mit großem internationalem Aufsehen den ersten Urheberrechtsprozess eines Architekturbüros gewinnen konnten - pikanterweise gegen die Deutsche Bundesbahn im Falle des Berliner Hauptbahnhofs.

Den Architekten geht es darum, endlich klar festzustellen, ob Unternehmen wie die zu hundert Prozent im Staatseigentum stehenden ÖBB und somit auch deren Immobilientochter in Sachen Architekturwettbewerbe dem Bundesvergabegesetz (BVergG 2006) unterliegen, oder, wie die ÖBB-Immo-GesmbH selbst von sich behauptet, rein privatwirtschaftlich agieren dürfen.

Laut BVergG müssen öffentliche Auftraggeber ab einem Schwellenwert von 206.000 Euro EU-weite, öffentliche Wettbewerbsverfahren ausloben, an denen sich alle befugten Architekten beteiligen dürfen. Dieser Schwellenwert wird weit überschritten: Auf dem Wiener Südbahnhofgelände soll in den kommenden Jahren neben dem neuen Hauptbahnhof ein neuer Stadtteil entstehen. In einem der Hochhäuser soll die ÖBB-Zentrale untergebracht werden.

Das umstrittene Verfahren wurde in Absprache mit der Wiener Stadtplanung ausgeschrieben und erst durch Berichte im Standard öffentlich bekannt gemacht. Darauf hin war Architekt Georg Pendl Ende Dezember als Juryvorsitzender zurückgetreten.

Dass die Gewinne der ÖBB-Immo-Gesellschaft unter anderem in die ÖBB-Infrastruktur Bau AG fließen, die wiederum für Errichtung sowie Finanzierung des neuen Hauptbahnhofs zuständig ist, ist für Petra Rindler von der Wiener Rechtsanwaltskanzlei Pflaum, Karlberger, Wiener, Opetnik, die die Antragssteller vertritt, nur einer der Beweispunkte dafür, dass hier von einem öffentlichen Auftraggeber das Vergabegesetz eindeutig umgangen wurde.

Chaos der Beliebigkeit

Ein Nachprüfungsverfahren dieser Art hat Präzedenzcharakter. Denn derzeit herrscht gerade auf dem Architekturwettbewerbssektor ein nie zuvor dagewesenes Chaos der Beliebigkeit. Einer der Gründe dafür: Das Bundesvergabeamt darf überhaupt nur aktiv werden, wenn es dazu per Antrag aufgefordert wird. Das ist zum einen kostenpflichtig, zum anderen äußerst aufwändig, zum Dritten scheuen die Architekten naturgemäß den Konflikt mit potenziellen Auftragspartnern.

Unter den heimischen Antragsstellern befinden sich namhafte Architekten wie etwa Adolf Krischanitz, Volker Giencke, Szyszkowitz Kowalski, Max Rieder, Hermann Czech - und auch die Architekten Domenig & Wallner. Pikantes Detail am Rande: Als geladene Wettbewerbsteilnehmerin hatten die ÖBB noch im November die Bürogemeinschaft Domenig, Eisenköck angeführt, die jedoch schon längst nicht mehr existiert. Günther Domenig, einer der bekanntesten Architekten der Nation, hatte von seiner angeblichen Teilnahme erst von jenen Kollegen Kenntnis erlangt, die das Verfahren nun überprüfen lassen.

7. Dezember 2007 Der Standard

Der Raum, die Zeit, die Unendlichkeit

Die Kiesler-Stiftung feierte ihr zehnjähriges Bestehen mit einem Symposion

Eine große Menge vor allem sehr junger Menschen strömte kürzlich in das Architekturzentrum Wien, wo die Friedrich-Kiesler-Stiftung zu einem Symposium geladen hatte. Anlass war das zehnjährige Bestehen der Institution, die den Nachlass des Grenzgängers Kiesler (1890-1965) auf lebendige Art pflegt.

Das Thema lautete „Modelling Space“. Die Frage, welche Rolle Kieslers seinerzeit avantgardistisches Raumdenken im heutigen Architektur- und Kunstschaffen spielt, wurde unter anderem von Olafur Eliasson, Hani Rashid und Ben van Berkel beantwortet.

Doch zuvor rang die Kunsthistorikerin Antje von Graevenitz im Rahmen ihres Vortrags über Kieslers Entwurf für ein galaktisches Leben auf Erden mit den irdischen Unbilden von Diaprojektion und Mikrofon, was ihren Ausführungen über den Raum und die Unterschiede zwischen Grenzenlosem und Unendlichem eine konfus-sympathische Note gab. Es bedurfte der vorzüglichen Moderation Elke Krasnys, ihre Rede in der Endlichkeit zu verankern.

Denn selbstverständlich drängten die Architekten auf die Gelegenheit, ihre aktuellen Projekte anzupreisen. Hani Rashid vom New Yorker Architekturbüro Asymptote bombardierte das Publikum mit Bildern seiner tatsächlich raumgewordenen Entwürfe. Doch verschlungene Shops in New York und Wohntürme für Abu Dhabi im Sieben-Sterne-Segment samt Swimmingpool pro Wohneinheit hinterließen einen leicht schalen Nachgeschmack, den Olafur Eliasson durch eine spontane Show-Einlage nicht vertrieb, sondern quasi geschmacksverstärkte.

Er sei, so sprach er, sprachlos anbetrachts dieser Werke und voll der Bewunderung. Doch er selbst beschäftige sich derzeit angesichts der Rasanz des allgemeinen Tempos, das mitzuhasten er nicht gedenke, vielmehr mit der Kunst, die Zeit zu verlangsamen. Sodann durchschritt er den Bühnenraum in gekonnter Zeitlupenhaftigkeit und Rashid saß ein wenig betreten unter seinen Hochhausrenderings.

Ein kathartischer Moment, in dem der Geist Kieslers durch Zeit und Raum zu wehen schien: Denn innezuhalten und die kommerzielle Hysterie, die uns alle umgibt, aus anderer Perspektive zu betrachten ist der leichtfüßigeren Kunst freilich eher zugestanden als der Architektur. Ben van Berkel legte sodann eine Werkschau seiner Neuigkeiten vor und demonstrierte die komplizierte Verschmelzung von Räumen anhand seines beeindruckenden Mercedes-Museums in Stuttgart.

Um Grenzen und Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Architektur weiter auszuloten, plant die Kiesler-Stiftung ab März in ihren Räumen eine Ausstellung von und über die britischen Architekten Future Systems. Das New Yorker Drawing Center wird 2008 Kiesler-Zeichnungen zeigen. Im Kunsthaus Bregenz wird Eliasson 2009 den Rahmen für die Ausstellung „Kiesler zwischen Kunst und Architektur“ spannen. Ein endloses Thema, unendlich weit gefasst.

7. Dezember 2007 Der Standard

Und in den Wolken die Frauen

Architektur, sagt Oscar Niemeyer, sei nicht so wichtig. Was wirklich zähle, seien Freundschaft, Frauen, Strand, Fußball. Kommende Woche wird der Architekt Brasílias 100 Jahre alt

Vor 20 Jahren saß Oscar Niemeyer wie gewöhnlich abends in seinem Stammlokal Nino's an der Copacabana und ließ mit alten Freunden den Arbeitstag bei guten Speisen und Getränken ausklingen, als ein Mann das Strandrestaurant betrat.

Der bemerkte die fröhliche Architektenrunde und begann lautstark die „braunhäutigen Sozialisten und Kommunisten“ zu verhöhnen. Niemeyer erhob sich bedächtig, bezahlte seine Rechnung, trat an den Tisch des politisch offenbar gänzlich anders gesinnten Gastes - und betonierte ihm eine.

Damals war er 80. Der andere war halb so alt und doppelt so groß. Und genau das habe ihn in Rage gebracht: Die Herablassung des Stärkeren dem Schwächeren gegenüber. Dagegen war er zeitlebens schon angetreten.

Kommenden Samstag wird Oscar Niemeyer 100. Die Architekturwelt wird ihn als den letzten der großen Modernen feiern, der noch unter uns weilt. Ein Dinosaurier, ein Relikt, Zeuge einer untergegangenen Zeit, seit 1945 Mitglied der Kommunistischen Partei, Ausnahmearchitekt, Lebemann, Carioca.

„Ich habe meine Architektur mit Mut und Idealismus gebaut“, resümiert er in seinen Memoiren Curves of Time (eben als Jubiläumsausgabe bei Phaidon erschienen, € 9,95), „aber auch immer in dem Bewusstsein, dass das, was im Leben zählt, Freundschaft ist, und der Versuch, diese ungerechte Welt zu einem besseren Ort zu machen.“

Zu einem besseren Ort - nicht mehr und nicht weniger. Und in vielen seiner ganz außergewöhnlichen Projekte ist das dem kleinen Mann aus Rio de Janeiro auch gelungen.

Niemand vor und nach ihm hat dem Stahlbeton eine derart kühne Leichtigkeit und Eleganz zu verpassen vermocht wie Niemeyer.

Seine Häuser scheinen auf geschwungenen Stützen zu schweben, seine Kirchen mit zarten Stahlbetonstreben den Himmel zu umarmen. Jedes Projekt ist eine große, in feinen Beton gegossene Skulptur und eine technische Meisterleistung der Sonderklasse.

Der leichtfüßigere Corbusier

Le Corbusier und Oscar Niemeyer - die beiden waren die unerreichten Betonmeister unter den Baukünstlern. Doch der Brasilianer war stets der leichtfüßigere von den zweien - und möglicherweise auch der menschenfreundlichere.

Als Niemeyer Anfang der 50er-Jahre den Wettbewerb für das UNO-Hauptgebäude in New York gewann, zitierte ihn der um 20 Jahre ältere Schweizer, der sich ebenfalls am Wettbewerb beteiligt hatte, unmittelbar nach der Jurysitzung zu sich. Man redete. Schließlich bauten sie das Haus gemeinsam.

Niemeyer schreibt in Curves of Time, dass Le Corbusier nie gerne über dieses gemeinsame Projekt gesprochen habe: "Aber ich erinnere mich daran, wie er mich viele Jahre später beim Lunch in seiner Wohnung eine Weile anstarrte und dann sagte „Du bist sehr großzügig“. Ich denke, dass er sich damals verspätet an jenen Morgen in New York erinnert hat."

Doch letztlich steht außer Zweifel, dass sich die beiden Formenkünstler gegenseitig beeinflussten, und dieser Pas de deux begann Mitte der 40er-Jahre, als die ganz junge brasilianische Architektenavantgarde eben diesen Le Corbusier mit dem Zeppelin nach Rio einflog, um von ihm zu lernen. Das Resultat war das gemeinsam geplante Gebäude für das Ministerium für Bildung und Erziehung im Zentrum Rios, das als gebautes Manifest der brasilianischen Moderne par excellence gilt.

„Wir wollten dem Rest der Welt zeigen, dass wir Brasilianer keine Wilden waren, die mit buntem Federschmuck vor Fremden Tänze aufführen“, meinte Niemeyer unlängst in einem Interview - und diese neue, ganz andere Architektur sollte zugleich auch das gebaute Manifest der noch jungen, aufstrebenden Republik Brasilien werden.

Man darf nicht außer Acht lassen, dass damals die Architektenzunft der USA und Europas gerade den rechten Winkel zum strengsten Maß aller Dinge erklärt hatte. Doch damit hatte Niemeyer noch nie etwas anfangen können.

Die Zutaten seiner Entwürfe entnahm er vielmehr der begnadeten Topografie seiner Heimatstadt Rio - den steilen Granitformationen, die dieser Stadt den bizarren Rahmen geben, den elegant geschwungenen cremeweißen Sandstränden, dem Dschungelfilz, der jeden noch freien Quadratmeter zwischen den Häusern mit Grün ausfüllt. Und - natürlich den Kurven der Frauenwelt, die Niemeyer stets mit großer Hingabe zu studieren pflegte. Bis heute hängt über seinem Schreibtisch im Architekturbüro direkt an der Copacabana ein Bild äußerst spärlich bekleideter wohlgestalter Damen, und darauf angesprochen meint er: „Das ist es, was mich lebendig hält.“

Pampulhas und Brasília

Diese geschwungenen Formen erprobte er zuerst in Belo Horizonte, wo er den Stadtteil Pampulhas aus zierlichen, gekonnt aneinandergefügten Einzelbauten zusammensetzte, und er exportierte sie wenig später in das hinterste Hinterland Brasiliens, wo der 1956 gewählte Präsident Juscelino Kubitschek die neue Hauptstadt Brasília aus dem Dschungelboden stampfen ließ.

Der Masterplan für dieses Wahnsinnsprojekt stammte von Lúcio Costa, die Bausteine von Niemeyer. Doch so imposant und architekturgewaltig die Anlage auch sein mag - sie blieb letztlich das absurde Monument eines fortschrittsgläubigen Größenwahns, eine riesenhafte, menschenleere Geisterstadt, die nie wirklich zum Leben erweckt werden konnte. Er selbst könne nicht sagen, warum er immer diese großen, öffentlichen Gebäude designt habe, schreibt Niemeyer: „Aber weil diese Häuser nicht immer der sozialen Gerechtigkeit dienten, habe ich zumindest versucht, sie schön und spektakulär zu machen, sodass die Armen sie betrachten und ihre Freude daran haben können. Als Architekt war das alles, was ich tun konnte. (...) Als wir die Cieps (Anm.: Schulgebäude in Rio) bauten, waren wir froh darüber, dass die Kinder der Armen sie mochten, als ob diese Gebäude ihnen Hoffnung gaben, eines Tages Zugang zu dem zu haben, was nur den Reichen vorbehalten ist.“

Die Zeit der Militärdiktatur verbrachte Niemeyer in Paris, baute dort die Zentrale der Kommunistischen Partei, baute eine Universität in Algerien, hatte Heimweh, betrachtete die Wolkenformationen, wie er es schon auf den langen Autofahrten zwischen Rio und Brasília stundenlang getan hatte: „Sie formten Kathedralen, Monster und - viel öfter, weil ich danach Ausschau hielt - wunderbare luftige Frauenkörper.“

1. Dezember 2007 Der Standard

Räume wie Schmetterlingsflügel

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Diese Behauptung sollte angesichts der mit Worten gemalten Architekturen in alter und neuer Literatur dringend überdacht werden.

Passionierte Leserinnen und Leser kennen das Gefühl der Auflösung des Hier und Jetzt. Sie wissen, dass sie gewissermaßen zwischen Buchdeckel schlüpfen, in einem Roman verschwinden können.

Sie durchwandeln Räume, von denen andere geträumt haben, sie gehen als unsichtbare Beobachter durch Städte, Länder, Architekturen.

Das Beamen in eine andere Dimension, an einen anderen Ort - die Literatur hat es längst erfunden.

Und selbstverständlich baut das Lesen im Laufe der Zeit Landschaften und Topografien in den Köpfen, lässt Gebäude, Kontinente, neue Galaxien entstehen - und Gefahr droht diesen fantastischen, kostbaren Gebilden tatsächlich nur dann, wenn sich reale Bilder anmaßen, sie zu übertünchen. Stichwort Literaturverfilmung.

Fiktive Bauten und Städte

Der Architektur in der Literatur war im vergangenen Jahr in München eine Ausstellung gewidmet, die dem Thema entsprechend unweigerlich auch in Buchform erscheinen musste - zum Glück für all jene, die sie versäumt haben.

Architektur wie sie im Buche steht. Fiktive Bauten und Städte in der Literatur (Verlag Pustet, € 49,-) hat eine längere Vorgeschichte. Das Projekt entstand an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität München, wo die Studierenden dazu aufgefordert waren, jeweils ein literarisches Werk auf dessen Architekturgehalt zu analysieren und nach Möglichkeit diese Architekturen in Modellen und Plänen in die Dreidimensionalität der stofflichen Wirklichkeit zu transponieren.

Diese Seminare waren ein großer Erfolg und bei den Studentinnen und Studenten sehr beliebt.

Winfried Nerdinger, Herausgeber des Buches und Direktor des Architekturmuseums der TU-München, fasst in seinem Vorwort das Anliegen zusammen: "Dass poetische Räume wie zarte Schmetterlingsflügel beim Anfassen durch Architekten „verletzt“ werden und von ihrem Zauber verlieren, ist möglich, vielleicht sogar unvermeidlich. Aber die Materialisierung der poetischen Luftschlösser kann auch helfen, tiefer in die Räume und Welten der Dichter einzudringen, und sie kann beitragen, sich besser in den Labyrinthen fiktiver Bauten zu orientieren."

Sodann zitiert er gleich den Schmetterlingsliebhaber unter den Literaten, Vladimir Nabokov. Der schreibende Lepidopterologe hatte in seinen Legende gewordenen Literaturvorlesungen stets betont: „Der Leser muss wissen, wann und wo er seiner Vorstellungskraft Zügel anlegen muss. Das tut er, indem er versucht, die Welt deutlich zu erkennen, die der Autor vor ihm ausbreitet. Wir müssen Dinge sehen und hören, müssen uns bildlich die Räume vorstellen, in denen Gestalten eines Autors leben, ihre Kleidung und die Art, wie sie sich geben. Die Augenfarbe der Fanny Price in Mansfield Park und die Einrichtung ihres ungeheizten Zimmerchens sind wichtig.“

Nabokov selbst besaß die Gnade, Räume und deren Atmosphären mit wenigen Worten auf das Plastischste zu skizzieren, und wenn sein Pnin, um nur ein Beispiel zu nennen, spätnachts und alleingelassen die blaugrüne Glasschüssel im Schaum des Abwaschwassers versenkt, dann sieht man nicht nur den matten Glanz seiner Glatze im Schein der Glühbirne über der Abwasch, sondern spürt im Dunkel rund um ihn die stumme Einsamkeit seines schäbigen Gastprofessorenmobiliars.

Die Architekturanalysten der TU-München schwärmten also quer über alle Kontinente der Literatur aus und nahmen Maß an virtuellen Gebäuden aller Art.

Sie bauten das Rosenhaus aus Adalbert Stifters Nachsommer im Modell nach, was dank der bedächtig-präzisen Beschreibung seines Autors nicht sonderlich schwierig war.

Sie rekonstruierten die Wohnung des Gregor Samsa, in der Franz Kafka ihn im Roman Die Verwandlung zum Käfer werden ließ. Sie entwickelten verschiedene Varianten des Wohnkegels, wie ihn sich Thomas Bernhard in Korrektur für die Schwester des Naturwissenschafters ausgedacht hatte. Sie nahmen sich - natürlich - der Unsichtbaren Städte Italo Calvinos und anderer Stadtvisionen teils altertümlichen Datums an.

Und da man, wenn man einmal begonnen hat, sich in eine Materie wirklich tiefgründig zu versenken, nur schwer Halt machen kann in diesem Sog, wurden auch reale, von Dichtern aufgegriffene und modifizierte Orte zu einem abenteuerlichen Teil der Reise. Die wohl bekannteste literarische Verortung stammt aus Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Angelika Corbineau-Hoffmann über das Städtchen Combray, das wie eine Vision der Erinnerung aus der Kindheitsvergangenheit aufersteht, wenn der Erzähler das Aroma seiner in den Tee getauchten Madeleine kostet: „Für Combray wie für Saint-Hilaire gilt: Sowohl der Gebäudekomplex der Stadt als auch die Kirche sind nicht erfunden, sondern real, aber doch so sehr Zeichen und Ausdruck des Werkes, in dem und für das sie stehen, dass die Grenzen zwischen Realem und Fiktivem verschwimmen. Die Architektur, eines der zentralen Themen in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, bringt zur Anschauung, ja macht geradezu greifbar, wie sehr die Gebäude der Literatur Gebilde aus Begriffen sind, Architekturen der Vorstellung.“

Wie manche Autoren fiktive Architekturen tatsächlich aufgezeichnet oder den Aufbau ihrer Romane zu Papier gebracht haben, wird in einem eigenen, gut bebilderten Kapitel behandelt.

Denn dass Heimito von Doderer seine kompliziert konstruierten Werke auf dem Reißbrett in eine schlüssige Geometrie zu bringen pflegte, dürfte bekannt sein. Doch wer hatte zum einen bereits das Vergnügen, diese tatsächlich im Faksimile betrachten zu dürfen - und wer wusste zum anderen, dass Thomas Mann das Haus der Buddenbrooks in Grundrissen aufgezeichnet hat?

Auch von Theodor Fontane gibt es eigenhändig gezeichnete Pläne, zum Beispiel vom Hof Hradscheks in Unterm Birnbaum, und William Faulkner hat eine detaillierte Karte von Yoknapatawpha County, dem fiktiven Schauplatz vieler seiner Romane und Kurzgeschichten in schwarzer und roter Tinte auf braunes Papier gepinselt.

Franz Kafka meinte: „Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.“ Die erforscht und erobert man am besten ganz allein. Deshalb ist es oft mit Gefahren verbunden, diesen Schlüssel anderen zu überlassen und sich beispielsweise platte Literaturverfilmungen persönlich besonders geschätzter Werke anzuschauen.

Abrissbirne Filmprojektion

Denn die „echten“ Bilder legen sich unweigerlich über die fantastischen Gebilde der Imagination und überlagern sie auf ewig.

Das Buch Architektur wie sie im Buche steht wiegt 568 Seiten schwer und erhebt dennoch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Science- Fiction beispielsweise blieb fast völlig ausgeklammert. Aber egal: Die fantastischen Welten eines Philip K. Dick, der Earthsea-Kontinent der Ursula K. Le Guin, die genial beschriebene Architektur der Raumstationen des Frederik Pohl liegen geduldig zwischen den Buchdeckeln. Öffnen. Abtauchen. Durch Literaturarchitektur wandeln. Wunderbar.

20. November 2007 Der Standard

Väter der Luftburg

Die Arbeiten der Architekten- und Künstlergruppe Haus-Rucker-Co, „Live again“ im Lentos zu sehen, werfen die Frage auf, was uns Radikalansätze der 70er-Jahre heute noch zu sagen haben.

Es ist mittlerweile auch schon wieder 37 Jahre her, dass die Herren Günter Zamp Kelp, Klaus Pinter und Laurids Ortner alias Haus-Rucker-Co das Wiener Museum des 20. Jahrhunderts mittels einer für die damalige Zeit ganz außergewöhnlichen Ausstellung mit Besucherrekordmengen befüllten.

Live-Wohnen im Museum hieß die Schau im Jahr 1970, für deren Dauer die jugendlich frechen Ausstellungsmacher ins Museum zogen, um in den Ausstellungsräumen auch gleich öffentlich zu wohnen.

Das Museum wurde als „Friedhof der Kunst“ abgelehnt und solchermaßen aktiv mit Architektur-Kunst-Happening belebt.

Für die Live again-Schau im Lentos, die vergangene Woche eröffnet wurde und bis Mitte März kommenden Jahres läuft, hat man nun die damals gezeigten Exponate zwischen Kunst und Architektur aus diversen internationalen Kunstsammlungen herausgeklaubt und wiedervereint.

Oder nachgebaut - wie etwa das vordergründig spektakulärste Objekt, ein pneumatisches Riesenbillard, in dem die zeitgenössische Besucherschaft hüpfen kann wie die 20er-Haus-Klientel dazumals.

Fortschrittseuphorisch

Dass die Haus-Rucker - 1967 konstituiert und 1992 voneinander gegangen - nicht nur mit vom Rückenwind der fortschrittseuphorischen 60er-Jahre getrieben frischen Schwung in die Kunst- und Architekturdebatten des Nachfolgejahrzehnts brachten, sondern selbst mit Kreativkraft ordentlich Wind produzierten, steht außer Frage.

Doch fast vier Jahrzehnte sind seither vergangen. Heute wirkt die damalige Rabaukenhaftigkeit unweigerlich museal-zahm und Objekte wie der Mind Expander ziemlich vorgestrig.

Es wäre auch „naiv“, so die künstlerische Leiterin des Lentos, Stella Rollig, die aktuelle Schau als „Modell neuer und alternativer Handlungsformen“ präsentieren zu wollen. Man könne vielmehr anhand dieser historischen Arbeiten aktuelle Fragen aufwerfen, etwa was Aufgabe und Status des zeitgenössischen Museums anlange.

Im Katalog heißt es zu diesem auszulotenden Delta zwischen den Zeiten: „Vielleicht betrifft die wesentlichste Veränderung die nahezu vollkommen erreichte Ausrottung dessen, was einmal als Euphorie für Visionen existiert hat. 2007: keine Euphorie, nirgends Visionen.“

Kann es sein, dass sich die Katze hier in den Schwanz beißt? Eine die Institution Museum hinterfragende, sehr alte Ausstellung wird auf museale Weise wiederbelebt, um die Funktion des zeitgenössischen Museumsbetriebs zu hinterfragen.

Auch die Zitate der Gruppe von dazumals lesen sich heute rotzig-pubertär und sagen uns letztlich überhaupt nichts mehr.

So formulierte Laurids Ortner im Jahr 1972 Folgendes: „Was Architektur ist, habe ich noch nie gewusst oder wieder vergessen. (...) Architekten werden verpflichtet, ihre Häuser in einen großen Müllverwerter zu rücken. Einfach hinein rücken. Und all diese Architekten, die Häuser so rücken, wären Hausrucker. Ja Hausrucker!“

17. November 2007 Der Standard

Vergabe nach Beliebigkeit

Zwei aktuelle Wettbewerbe auf dem Zentralbahnhofsgelände in Wien veranschaulichen die Absurditäten des aktuellen Architektur-Vergabewesens, die Zahnlosigkeit der Architektenkammer und die Architekten-Aversion der Wiener Stadtplanung. Eine Analyse.

Der Sündenfall erfolgte bereits vor zwei Jahren - und keiner hat damals laut aufgeschrien.

Niemand hat energisch genug und öffentlich die Frage gestellt, wie es denn sein kann, dass die Planung eines der wichtigsten neuen Gebäude der Bundeshauptstadt Wien, nämlich des ab 2012 den Südbahnhof ersetzenden Zentralbahnhofs, vergeben werden konnte, ohne zuvor den bewährten Prozess eines öffentlichen Architekturwettbewerbs zu durchlaufen. Doch das war nur der Anfang einer sich fortsetzenden, durchaus hinterfragenswerten Entwicklung.

Die Architektur des Bahnhofs wird von den ÖBB lediglich als notwendiges Beiwerk erachtet, als Anhängsel der - logischerweise EU-weit ausgeschriebenen - Infrastrukturmaßnahmen Schiene & Co, und das offensichtlich in trautem Einvernehmen mit der Wiener Stadtplanung.

Es handle sich dabei ja „nur um ein Dach“ und diverse Shopping-Zonen, meint der für die Projektentwicklung Bahnhofsoffensive zuständige ÖBB-Manager Norbert Steiner im Gespräch mit dem Standard. Das Gesamtpaket Zentralbahnhof wiege knapp 700 Millionen Euro schwer, der Anteil der Gebäude daran betrage „nur“ etwa 100 bis 110 Millionen.

Das Architektenteam Wimmer, Hotz, Hoffmann wurde von den im Verfahren siegreichen Bahnhofserrichtern quasi aus dem Hut gezaubert und im Paket mitgeliefert.

Auch ist für den Bahnhof die ÖBB-Infrastruktur Bau AG zuständig, nicht deren Tochter, die ÖBB-Immobilienmanagement GmbH. Letztere kümmert sich vielmehr um die Verwertung der zehn Millionen Quadratmeter Bundesbahn-Grundstücksflächen, und rund um den alten Süd- und Ostbahnhof tut sich hier ein weites Betätigungsfeld auf.

Auf diesen ÖBB-Gründen entsteht in den kommenden Jahren nichts Geringeres als ein neuer Stadtteil für die Bundeshauptstadt, mit Wohnquartieren, Bürogebäuden, Schulen, Kindergärten, Parks.

Was für eine Chance für Wien, welch großartige Herausforderung für Planer, Architekten, Städtebauer. In anderen europäischen Metropolen installiert man in solchen Fällen sofort mit der entsprechenden Begeisterung hochqualifizierte interdisziplinäre Projektteams, um die unterschiedlichen Interessenlagen von Grundstücksbesitzern, Investoren, Nutzern etc. zu bündeln und auf einen gemeinsamen, nicht zuletzt auch der Stadt dienlichen Nenner zu bringen.

In der Folge ruft man über präzise formulierte internationale Wettbewerbe die gesamte Planerintelligenz Europas auf, die besten, innovativsten und kreativsten Vorschläge zu unterbreiten. Was die im Übrigen praktischerweise gratis zu tun pflegen. Und ja - ein solches Verfahren erfordert großen Einsatz seitens der Organisatoren, es ist aufwendig, braucht entsprechende Zeit. Doch vorausgesetzt Ausschreibung und Juryzusammensetzung sind hervorragend, werden auch die Resultate erstklassig sein.

In Wien ist die Stimmung zwischen Stadtplanung einerseits und Architekturschaffenden andererseits aber an einem historischen Tiefpunkt angelangt. So kam es, dass bereits der städtebauliche Masterplan und damit die wichtigste Weichenstellung für den neuen Stadtteil in einem nicht öffentlichen Expertenverfahren gefunden wurde, zu dem ÖBB und Gemeinde gemeinsam lediglich eine ausgewählte Handvoll Architekten eingeladen hatten. Ob das die Basis für zukunftsgerichtete Stadtentwicklung sein kann, ist mehr als fragwürdig.

Fragwürdige Stadtentwicklung

Doch zum Verständnis im Detail: Die Grundstücke gehören den ÖBB, 120 der 700 Zentralbahnhofsmillionen müssen über die Verwertung derselben aufgebracht werden. Die restlichen 480 stammen aus Bundesmitteln (Rahmenplan), 60 erhofft man sich von der EU (TEN-Förderung), 40 kommen von Wien.

Nicht zuletzt deshalb sieht sich die ÖBB-Immobilientochter, die eben diese 120 Millionen auftreiben muss, als privatwirtschaftlich agierendes Unternehmen, das somit nicht dem Bundesvergabegesetz unterliegt und demzufolge auch nicht öffentlich über EU-weite Wettbewerbe ausschreiben muss. Dass sie das natürlich könnte, wenn sie wollte, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Die ÖBB und damit auch ihre Grundstücke stehen zu 100 Prozent im Eigentum der Republik, sie gehören weder den neuerdings so immobilienkundigen ÖBB-Häuptlingen noch den so investorenfreundlichen Stadtplanern, also sollte man annehmen dürfen, dass mit diesem kostbaren Tafelsilber gemeinschaftlich in einer wenigstens andeutungsweise wettbewerbsgerechten Art und Weise umgegangen wird.

Doch solcherlei Rechts- und Moralverständnis sind offenbar komplett aus der Mode gekommen, und sicherheitshalber wurden zwei - bis dato unter Verschluss gehaltene - Gutachten erstellt, die den ÖBB, so behaupten sie selbst, die Freikarte für privatwirtschaftliches Agieren ausstellen. Eines davon stammt von Eduard Saxinger, mittlerweile Vizepräsident des ÖBB-Holding-Aufsichtsrats.

Und da sowohl die Architektenschaft als auch deren Standesvertretung offenbar von mümmelgreisartiger Zahnlosigkeit sind, wird die Angelegenheit nicht hinterfragt, ja es sitzt sogar deren Bundeskammerpräsident Georg Pendl in der Jury des nächsten ÖBB-Immo-Wettbewerbs. Vom Standard befragt, plagen ihn allerdings mittlerweile bereits Bedenken, ob hier wirklich alles mit rechten Dingen zugehe.

Versierte Vergabejuristen wie Christian Fink, der sowohl für die Kammer als auch im Bundesvergabeamt tätig war, glauben jedenfalls nicht an die wasserdichte Absolution vom Bundesvergabegesetz, und selbst ÖBB-Mann Steiner scheint nicht ganz wohl bei der Sache zu sein, zumal er meint, dass im Falle einer Überprüfung zumindest mit empfindlichen Verzögerungen zu rechnen sei.

Eine entsprechende Überprüfung müsste das Bundesvergabeamt durchführen, doch, so deren Vorsitzender Michael Sachs, dürfe man in der Sache nur ab dem Moment aktiv werden, in dem ein Antrag vorliege. Den gibt es aber nicht, und wo kein Kläger, da kein Richter.

Geladenes Expertenverfahren

Deshalb haben die ÖBB nun ein weiteres „Expertenverfahren“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Kochen, das die Bebauungsvorschläge für jenen Zwickel des Geländes vorsieht, der zwischen neuem Bahnhof und Gürtel liegt.

Eingeladen wurden acht Teams, und in einem der Gebäude - just dem mit 100 Metern höchsten - soll unter anderem die ÖBB-Konzernzentrale untergebracht werden, was auch nicht eben auf rein privatwirtschaftliche Belange hindeutet.

Doch gleich neben dem nun solchermaßen von einem öffentlichen Unternehmen privat entwickelten Areal zeigt Immorent, die Immobilientochter der Erste Bank, vor, wie Immobilienentwicklung auch funktionieren kann. Wenn man will.

Sie hat den ÖBB den Grund abgekauft, und eben für das neue Headquarter der Erste Bank ein EU-weites Bewerbungsverfahren ausgeschrieben. Seit dieser Woche stehen die Namen jener 15 Büros fest, die von einer hochkarätigen Jury aus 200 Bewerbern zur weiteren Entwurfsarbeit ausgewählt wurden. Darunter finden sich Caruso St. John Architects (London), Niels Torp (Oslo), Ingenhoven (Düsseldorf), Burkhard Meyer sowie Marcel Maili und Markus Peter (Schweiz). Die Riege der Österreicher setzt sich aus der Oberliga zusammen: Henke Schreieck, Adolf Krischanitz, Pauhof, Klaus Kada, Ortner & Ortner und Baumschlager Eberle.

So viel zum Argument von ÖBB und Stadtplanung, man könne über internationale Verfahren keine namhaften Architekten akquirieren.

27. Oktober 2007 Der Standard

Das gerade noch Mögliche bauen

Mit Helmut Richter zieht sich einer der wichtigsten Architekturlehrer der vergangenen zwei Jahrzehnte von der universitären Tribüne zurück.

Nach 16 Jahren verlässt Helmut Richter seine Lehrkanzel an der Abteilung für Hochbau 2 der Technischen Universität Wien. Das stimmt viele schmerzlich.

Über 500 Diplomarbeiten (Rekord) hat er betreut, noch mehr Studentinnen und Studenten beeinflusst und noch viel mehr Menschen mit seinen ganz außerordentlichen Architekturen beeindruckt.

Unzählige Schnurren erzählt man sich über den 1941 in Graz geborenen Architekten. Er selbst sagt: „Es gibt keine apodiktischen und allgemeingültigen Sätze in der Architektur.“ Außer vielleicht folgende, die zumindest auf die Architektur anwendbar sind und von Richters Mitarbeitern so oft gehört werden, dass sie sie auswendig herunterbeten können:

„Gesetze sind dazu da, hinterfragt zu werden.“
„Ästhetik ist eine Frage der Gewohnheit.“
„Ein Raster darf gebrochen werden.“
„Schmutziges Glas ist durchsichtiger als Beton.“
„Querdurchlüftung ist unverzichtbar.“
„Es gibt ein Leben außerhalb der Architektur.“

Anlässlich seines Abschieds von der TU-Wien entstand, organisiert von den Kolleginnen und Kollegen des Hochbauinstituts, „Ein Buch für Helmut Richter“. Die folgenden Zitate stammen daraus.

Zvi Hecker
Architekt, Berlin

Helmut Richter ist meiner Meinung nach ein klassischer Architekt. Nicht, weil er Tempel baut, sondern weil ein klassisches Problem der Architektur im Zentrum seiner Arbeit steht: Der Mensch.

Alfred Berger
Architekt, Wien

Als ich Mitte der 80er-Jahre Helmut zum ersten Mal traf, wehte im kleinen Büro am Fleischmarkt ein frischer und internationaler Wind, wie sonst kaum in Wien. Es roch nach Aufbruch, nach Stahl, Leichtbau und kühnen Konstruktionen - und das in einer ganz eigenen sinnlich-poetischen Weise, die weit über den damals hochkommenden Hightech hinausging.

Als ich Helmut 1990 mein erstes Siegerprojekt für eine große Sporthalle ganz in Stahl und Glas zeigte, sagte er: „Alfred, ich beneide dich.“ Ich erzähle das hier, weil in dieser knappen Aussage eine Anerkennung zum Ausdruck kam, zu der nur jemand fähig ist, der junge Kollegen nicht als Gegner, sondern als Mitstreiter sieht. Solch persönliche Größe ist in der ständig wetteifernden Welt der Architektur sehr selten.

Friedrich Achleitner, Autor,
„Der Achleitner“

Wenn Robert Musil schloss, dass es zu unserem Wirklichkeitssinn auch einen Möglichkeitssinn geben müsse, so bezieht Helmut Richter wohl seine Kraft aus einem stark entwickelten Möglichkeitssinn. Richters Welt des Möglichen ist aber keine abgehobene, utopische Welt, sie ist eine gerade noch mögliche, eine in Reichweite der Wirklichkeit stehende und eine die Wirklichkeit herausfordernde. Aus dieser Spannung bezieht er auch seine produktiven Konflikte mit dem Bauen, das, wie wir wissen, eine in die Konvention abgesunkene Wirklichkeit mehr schätzt, als eine durch Möglichkeiten verunsicherte.

Werner DePauli-Schimanovich,
Lektor Informatik, TU-Wien

Über das Lokal Kiang I: Zwei Wochen lang saß Richter im noch unfertigen Lokal und starrte vor sich hin - sehr zum Leidwesen von Thomas Kiang, der eigentlich bald eröffnen wollte. Doch Richter ließ den Raum auf sich einwirken, um so die beste Architektur dafür zu finden. Das vielfach preisgekrönte Ergebnis war dann ein rot-blau eingepackter Saal mit aufsteigender Decke - wie eine Startbahn am Flughafen.

(...)

Als ich ihn das erste Mal sah, hatte er riesige schwarze Ringe um die Augen, weil er so wenig schlief. Einige Leute meinten, dass er stark depressiv und suizidgefährdet sei. Aber andere, sehr enge Freunde von ihm, verrieten mir, dass er einfach die ganzen Nächte über Architektur nachdenkt und daher nie schläft.

Lothar Heinrich,
Bauingenieur, Wien

Glas ist das bestimmende Element im Werk Richters. Im Büro am Fleischmarkt, winzig, ein ehemaliges Kloster, hing beim Eingang ein Satz von Le Corbusier: „Jeder Mensch hat das Recht auf Licht.“ In den von Licht durchfluteten Glasbauten Richters wurde dieses Wort Realität.

Als Mitarbeiter im Büro Vasko konnte ich bei nahezu allen Projekten als Tragwerksplaner mitwirken. In der engen, finsteren Kammer des Büros am Fleischmarkt entstand in einem intensiven und mit der Zeit innigen Dialog jene Architektur, die durch zwei Gedanken Richters geleitet wurde: „Es gibt keine apodiktischen und allgemeingültigen Sätze in der Architektur. Es gibt kein ästhetisches Argument, es gibt nur ein ästhetisches Postulat.“

Diether Hoppe,
Architekt, Professor TU-Wien

Als ein Student eine Sprungschanze für die Diplomarbeit entwickeln wollte, riet ihm Helmut Richter, vorerst einmal Skispringer zu werden, um zu wissen, worum es geht. Der Student hat den Rat befolgt und hat sowohl eine sehr realistische Diplomarbeit geliefert, als auch dann seine Sprünge auf der 90-m-Schanze perfektioniert.

Cuno Brullmann,
Architekt, Professor TU-Wien

Diese klare Haltung hat Helmut auch seinen Studenten vermittelt. Seine berühmten „Richterübungen“ haben zum Ziel, aus Konstruktion und Architektur eine Einheit zu machen und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst sparsam umzugehen. Er hasst Formalismus und unnötige Theorie. Sein Experimentierfeld ist die Baustelle. (...) Die „Richter-Diplome“ sind zu einem Phänomen an der TU geworden. Er brachte es fertig, aus den Studenten das Letzte herauszuholen. Einige der von ihm betreuten Diplome sind wahre Meisterwerke.

Gerd Erhartt, Jakob Dunkl,
Architekten, Wien

Wir beide habe zirka drei Jahre bei Helmut Richter gearbeitet. Zitat Helmut Richter: „Es gibt ein Leben außerhalb der Architektur.“ Klingt nebensächlich, ist aber ein besonders wichtiger Punkt. Wir lernten es, uns ausgiebig zu entspannen. Ein liebgewonnenes Ritual war das Mittagessen im Kiang und der anschließende Besuch im Kaffeehaus der Frau Schmohl, direkt neben dem Büro.

Jan Tabor,
Architekturtheoretiker, Wien

Eines Tages traf ich wieder mit Helmut im Café Schmohl zusammen, das sich im Nachbarhaus seines Büros befindet, um mit ihm, wie des öfteren, zu frühstücken. Er war schon da, hielt das Magazin profil in der Hand und war leicht, sozusagen sarkastisch verstimmt. Aber verstimmt. Auch er möchte einmal Star-architekt genannt werden, sagte er. Noch nie wurde er Stararchitekt genannt. Er sagte es sarkastisch auf seine spezifische Art, aus Erfahrung wusste ich, wenn er sarkastisch auf seine spezifische Art spricht, dann meint er das, auf seine spezifische Art auch ernst.

(...)

Richter zähle, so sagte Peter Cook in Bratislava, zu den bedeutendsten Architekten auf der Welt, in Österreich sei er allein der bedeutendste.

Von Bratislava nach Wien sind es nur 60 Kilometer. So besteht doch die Hoffnung, dass Cooks völlig richtige Ansicht in absehbarer Zeit doch auch nach Wien gelangen könnte.

Juliana Aigner,
Institutssekretärin hb2, TU-Wien
Helmut Richter wird hier nicht ersetzbar sein.

[ Ein Buch für Helmut Richter, 2007, herausgegeben von der Technischen Universität Wien, Wegweisungen 11, ISBN 978-3-9501497-7-7 ]

20. Oktober 2007 Der Standard

Prachtroben für die neue Zeit

Moskau erfindet sich gerade neu. Das hat durchaus Tradition, doch derzeit erfolgt der Aufbruch in eine opulente Vergangenheit

Moskau ist das riesigste Stadtgebilde Europas, und auch im Detail ist alles so riesig hier, dass man meinen möchte, die Architekten und Straßenbauer dieser Prachtmetropole hätten den Häusern und den Boulevards Anabolikaspritzen verpasst und Architektursteroide in den Beton gemischt, um alles ins Unermessliche wachsen zu lassen.

Zwischen diesen gewaltigen Kubaturen und stadträumlichen Weiten verlieren sich die Menschenzwerglein unter riesigen Fellmützen im ersten Blizzard dieses Winters. Am vergangenen Wochenende verwischt der Schnee alle Konturen, und auf den achtspurigen Straßen steht der Verkehr so gut wie still. Aber das ist ganz normal. Bei einem jährlichen Autozuwachs von zehn Prozent ist auch der nirgendwo gigantischer als im neuen, alten Moskau.

Doch was ist hier eigentlich alt und was ist neu? So genau lässt sich das in der 860 Jahre alten Hauptstadt der Russischen Föderation mit ihren zehn Millionen Einwohnern auf den ersten Blick nicht mehr sagen.

Moskaus größte Kirche, beispielsweise, steht auf einer Anhöhe über der Moskwa, und sie ist, wie viele Gebäude der Stadt, keines von beidem. Tatsächlich steht ihre Geschichte exemplarisch für die Transformationen, die Moskaus Bausubstanz immer wieder durchgemacht hat.

1883 wurde hier an dieser Stelle die erste Christi-Erlöser-Kathedrale eingedenk des Sieges Russlands gegen Napoleon Bonaparte eingeweiht. Doch kaum ein halbes Jahrhundert später, 1931, ließ Stalin das Gotteshaus feierlich in die Luft jagen, um an seiner statt einen Tempel für die Sowjetunion zu errichten: Mit gigantischen 415 Metern Höhe hätte der Palast der Sowjets alle Gebäude dieser Welt in den Schatten stellen sollen, doch er gedieh nie über seine Fundamente hinaus. Zu sumpfig der Boden, zu knapp das Geld, zu gewagt die Konstruktion.

Also baute man die Grundfesten bis 1960 kurzerhand zu einem auch winters beheizten Freibad um, dessen wohlig dampfumnebelte Wärme heute jedoch auch nur noch eine Erinnerung ist. Denn wieder 30 Jahre später, in der Morgendämmerung einer abermals neuen Zeit, beschloss man, die alte Kirche auferstehen zu lassen - und hier steht sie nun, weiß und drall wie eine aufgeblasene Hochzeitstorte.

Nur wer genau hinschaut bemerkt, dass das Ding, das da auf alt und historisch tut, neu und die Fassadenelemente zum Teil nicht aus Marmor sondern aus Kunststoff sind. Und weil sich Vergangenheit und Gegenwart in dieser Stadt aufs Prächtigste mischen, steht gleich davor auf einem 60 Meter hohen Schiff in Bronze gegossen und mit kühner Weitblickpositur seit kurzem Peter der Große auf einer Insel im Fluss.

Dass er, der Moskau bekanntermaßen nicht sonderlich mochte, spanische Kleidung des 15. Jahrhunderts trägt, liegt daran, dass die Skulptur ursprünglich Christoph Kolumbus hätte gewidmet sein sollen, dann aber kurzerhand zum Zarendenkmal transformiert wurde. Doch das fällt auch ohne Schneesturm kaum jemandem auf.

Das Denkmal stammt von Surab Zeretli, der auch die künstlerische Oberleitung des Kirchenbaus innehatte - und abgesehen davon ist er ein guter Freund des Moskauer Oberbürgermeisters Juri Michailowitsch Luschkow. Der regiert seit 1992 und macht aus seiner Vorliebe fürs Opulente in der Architektur keinen Hehl. Er befindet sich damit in bester Gesellschaft. Denn der neue Reichtum Moskaus schlägt sich allerorten in gelacktem Prunk nieder, in einer Architektur, die mit großem Aufwand rekonstruiert, was gleich nebenan in Gestalt tatsächlich historischer Gemäuer zermorscht und niederbricht.

Oder gleich abgerissen und ersetzt wird: „Restaurieren durch Demolieren“ nennen das die Moskauer, und auf die Frage nach so etwas wie Denkmalschutz erntet man fröhliches Gelächter. Offensichtlich, so heißt es dann, gebe es Leute, die außerhalb dieser Gesetze stünden, doch Genaueres wolle man dazu lieber nicht öffentlich sagen.

Auf den Straßen, die der Bürgermeister regelmäßig befährt, um seinen Amtstätigkeiten nachzugehen, seien moderne Häuser - oder solche, denen man ihre Jugendlichkeit ansehe - jedenfalls unerwünscht, und die solcherlei glatte Modernismen bewilligenden Beamten hätten dann schon mit Anrufen des unerfreuten Stadtobersten zu rechnen.

Ganz anders verhält es sich natürlich - nur eines von vielen Beispielen - mit der Kasan Kathedrale am Eingang zum Roten Platz. Die steht brandneu quasi zuckerübergossen wieder da, wo ihre Vorgängerin vor über 70 Jahren abgerissen wurde, und kein Mensch erkennt auf den ersten Blick, dass es sich um eine Rekonstruktion handelt. Auch das Portalgebäude zum Roten Platz ist eine prächtig neue Wiederauferstehung seines Vorgängers des 17. Jahrhunderts - und irgendwie ist man spätestens ab jetzt versucht, die unzähligen Fassadenstaubnetze vor den Gerüsten der gerade neu entstehenden Häuser heimlich zu lüften, in der Erwartung, weitere alte Neuigkeiten dahinter zu entdecken.

Gleich vor dem Kreml in der Twerskaja Nummer 3, dem Beginn der teuersten Einkaufsstraße der Metropole, sind die Fassadennetze bereits abmontiert: Vor drei Monaten öffnete dort mit dem Ritz Carlton das teuerste Hotel der Stadt seine historisierenden Pforten. Die Fassade prunkt in geschwungenem Historismus und schaut uralt, nur halt gerade frisch restauriert aus. Drinnen glänzen neben schimmerndem Intarsienmobiliar Marmor und Gold und die Pretiosen der Gästinnen um die Wette, und alles ist so gediegen neureich gefälscht, dass einem das Architekturherz in der Seele erfriert.

Doch da war doch was in der russischen Architekturgeschichte! Da gab es doch ein einziges Mal und nur für einen Augenblick eine Sternstunde der Befreiung von all dem Prunk und Protz, der eben so mächtig und unwahrhaftig wiederkehrt. Will man sich daran überhaupt nicht mehr erinnern?

In den ersten zehn Jahren nach der Revolution bauten junge Architekten mit konstruktivistischer Architektur die Häuser für eine neu gedachte Menschheit. Die Arbeiterclubs und Fabriksgebäude, die Busbahnhöfe und Wohnhäuser dieser russischen Avantgarde waren an Klarheit, Logik und Schlichtheit nicht zu übertreffen - und es liegt ausschließlich an der Abgeschlossenheit der Welt, in der sie entstanden, dass diese wundervollen Häuser, die allesamt gerade den Weg alles Irdischen gehen, im allgemeinen Architekturbewusstsein nicht mindestens so hoch gehandelt werden wie die besten Bauten der „westlichen“ Moderne. Doch die berückende Schönheit dieser Architektur versteht nur, wer verstehen will, wer bereit ist, sich darauf einzulassen - und Gold und Plüsch betören allzu leicht die anderen.

Mit klaren Linien und geraden Schnitten lässt sich nichts verbergen, lässt sich nicht schummeln, bleiben Gestalt und Idee transparent. Das ist gemeint, wenn man von der Ehrlichkeit in der Architektur spricht. Mit Stalins Moskauer Generalplan war damit bereits ab den 30er-Jahren wieder Schluss, weil auch die Stalin-Ära ihre Prunkarchitektur verlangte. Und das ganz neue Moskau zieht wieder ganz alte Kleider an und hüllt sich in die pelzverbrämten Prachtroben seiner Zarenvergangenheit. Nichts auf dieser Welt zeigt die Moden der Macht, der Politik und des Geistes der Zeit deutlicher als die Architektur.

8. Oktober 2007 Der Standard

„Brücken zwischen gestern und heute“

Der Londoner Architekt David Chipperfield verhilft zwei Großkaufhäusern in Österreich (Wien und Innsbruck) zu neuen Fassaden. Eben gewann er den wichtigsten Architekturpreis Englands. Mit Ute Woltron sprach er über den Erklärungsbedarf von Architektur.

David Chipperfield, 53, vermittelt auf eine ruhige Art Autorität und Authentizität. Diese Eigenschaften spiegeln sich auch in seiner Architektur wider. Er verbindet klassische Formen mit Leichtigkeit und Modernität, wie im Falle des Literaturmuseums im deutschen Marbach. Dafür erhielt er am Samstag den Stirling-Preis des Royal Institute of British Architects. Chipperfield arbeitet derzeit an 30 Projekten weltweit. Am wenigsten baut er noch in England.

Standard: Sie sind hierzulande derzeit gleich mit zwei Projekten sehr präsent.

Chipperfield: Sie sind nicht völlig losgelöst voneinander zu betrachten. Nachdem wir den Wettbewerb für Peek & Cloppenburg in Wien gewonnen hatten, fragten die Innsbrucker Bauherren, die ein Problem mit ihrer Fassade hatten, bei Cloppenburg an. Der empfahl mich zu engagieren.

Standard: Hierzulande wird jedes Stück Architektur heftig diskutiert, vor allem, wenn es in heiklen Ensembles wie der Wiener Innenstadt entsteht. Sind Sie sich dessen bewusst, dass Sie hier am Herzen der Nation operieren?

Chipperfield: Wir sind geübt darin, über Architektur zu diskutieren. Zum einen sollte man dazu in der Lage sein, Architektur zu erklären, also zu vermitteln, dass es sich nicht um eine obskure Angelegenheit von Insidern handelt. Zum anderen muss ein Projekt Qualitäten beinhalten, die von den Leuten erkannt und geschätzt werden. Nicht, weil man ihnen das einredet, sondern weil die Projekte eine Kontinuität haben, Erinnerungen wecken, Sinn machen. Dialog sollte vielleicht nicht immer auf nervösem Niveau in den Zeitungen stattfinden, aber er ist wichtig.

Standard: Was werden die Leute am Peek-&-Cloppenburg-Geschäft mögen?

Chipperfield: Wir wollen ein Kaufhaus nach menschlichem Maßstab bauen. Also haben wir gemeint: Warum soll es keine großen Fenster geben? Warum soll es nicht wie ein Gebäude des 19. Jahrhunderts funktionieren? Die Fenster sind eine Art zivilisierendes Element für großformatige Gebäude. Es wird also ein ziemlich klassischer, sogar archaischer Bau werden, dessen Qualität aus dem Fassadenstein und den Fensterproportionen geschöpft wird.

Standard: Ein Architekturamalgam aus gestern und heute also.

Chipperfield: Daran sind wir interessiert: An Kontinuität, am Lernen von der Geschichte bei gleichzeitiger Fortentwicklung. Wir wollen die Geschichte nicht wiederholen, aber diese Brücke zwischen gestern und heute bauen.

Standard: Offenbar mag man diesen Ansatz in Kontinentaleuropa, wo Sie deutlich mehr bauen als auf der Insel.

Chipperfield: Die Architekturdebatte in England ist tatsächlich nicht so gut. Sie wird emotional geführt und ist meistens von Uninformiertheit gekennzeichnet. Ein anderes Problem ist: In England haben wir kaum Wettbewerbe.

Standard: Tatsächlich? Die Londoner Projekte für Olympia 2012 werden doch über Wettbewerbe vergeben?

Chipperfield: Nicht wirklich. Am Wettbewerb für das Hauptstadion konnten sich nur Architekten beteiligen, die schon 20 Stadien gebaut haben. Die einzigen echten Wettbewerbe sind die für die Schwimmhalle, das Velodrom und für Wohnungen.

Standard: Auch sonst sind keine Wettbewerbe in Sicht?

Chipperfield: Wettbewerbe in England laufen eher auf der Ebene von Interviews als auf Basis von Entwürfen. Die Investoren wollen herausfinden, ob sie mit dir zusammenarbeiten können. Ich habe ein Jahr lang in Graz unterrichtet, in der Zeit gab es etwa 30 Wettbewerbe. Im selben Jahr hatten wir nur einen in England! Der Grund dafür ist, dass wir kein öffentliches System haben. Das hat Margaret Thatcher umgebracht. Wir haben ein dereguliertes System, was England zwar zu einem wirtschaftlich interessanten Platz macht, weil Thatcher damit eine Art Freiheit kreiert hat. Doch diese Freiheit drückt sich vor allem in kommerziellen Projekten aus. Es gibt sehr wenig Wohnbau und kaum öffentliche Projekte - und wenn es sie gibt, werden sie von Developern entwickelt.

Standard: Klingt schrecklich.

Chipperfield: Finanziell betrachtet mag das gut sein, aber für die Architektur ist die Situation eher schwierig.

Standard: Ist das der Grund dafür, dass Sie so gerne auf dem Festland bauen und Ihr Berliner Büro mehr Mitarbeiter beschäftigt als das in London?

Chipperfield: Ja. Wir haben hart an Wettbewerben in Deutschland gearbeitet, das Projekt Museumsinsel in Berlin war enorm wichtig für uns.

Standard: Seit 1997 feilen Sie am Masterplan, das Eingangsgebäude ist fertig, doch die Debatten um Ihre Berlin-Projekte waren auch nicht ohne.

Chipperfield: Ich halte es für elementar, dass Architekten erklären können, was sie tun, und das ist mitunter auch gut für sie selbst. Denn es gibt Momente, da kommst du drauf, dass du es gar nicht kannst, und dann bemerkst du, dass andere Recht haben könnten.

Standard: Wie reagieren Sie darauf?

Chipperfield: Man wird auf sich selbst zurückgeworfen. Man kann nicht immer alle überzeugen, aber zumindest kann man vermitteln, dass man mit Ernsthaftigkeit und Integrität arbeitet.

Standard: Vor Ihrer Selbstständigkeit ab 1984 haben Sie bei den Hightech-Gurus Norman Foster und Richard Rogers gearbeitet. Formal erkennt man das in Ihrer Architektur nicht - was haben Sie bei den beiden gelernt?

Chipperfield: Viel. Professionalität, Genauigkeit und Detailsorgfalt. Außerdem haben die beiden das integrierte Team erfunden. Statiker, Kostenkontroller, Ingenieure waren immer projektbeteiligt. Und zumindest zu der Zeit, als ich dort gearbeitet habe, waren beide soziale Idealisten. Rogers und Foster wollten ihren Gebäuden eine soziale Dimension verleihen. Rogers Centre Pompidou ist die gebaute Idee einer neuen Gesellschaft und einer für alle offen stehenden Kultur. Rogers und Foster waren Kinder des 68er-Jahres, und letztlich ist das Centre Pompidou ein Hippie-Projekt.

Standard: Wie bringen Sie einen ähnlichen sozialen Ansatz in ein Gebäude wie den Pavillon des America's Cup in Valencia, das Sie für die ausgesuchte Geldelite gebaut haben?

Chipperfield: Stimmt, doch die Vorgabe beinhaltete auch, mit diesem Gebäude zugleich ein Symbol für die Stadt zu bauen. Einer der Gründe, warum wir den Wettbewerb gewonnen haben, war, dass wir die unteren Plattformen für die Öffentlichkeit geöffnet haben. Sowohl die Stadt als auch die Leute vom America's Cup mochten die Idee, und das Gebäude ist heute sehr beliebt. Das wäre es nicht, wenn es sich lediglich um eine Box für die Elite handelte.

ZUR PERSON: David Chipperfield, 1953 in London geboren, studierte Architektur an der Kingston School of Art. Er unterhält Büros in London, Berlin, Mailand und Schanghai. Zu seinen bekanntesten Gebäuden zählen u. a. das River and Rowing Museum in Henley-on-Thames (GB) und das Figge Arts Museum in Davenport (USA).

29. September 2007 Der Standard

Schuhschachtel auf Stöckeln

Das Megaprojekt Wien-Mitte geht jetzt in Bau - Fast zwei Jahrzehnte Debatten rund um dieses Gebäude haben der Architektur mehr geschadet als genützt. Das Resultat ist dicht gepackte Fassadenfront an einem Ort, der einer der quirligsten Wiens hätte werden können. Eine Analyse.

Die derzeit vorliegenden Renderings und Visualisierungen dessen, was in den kommenden drei Jahren in Wien-Mitte aus dem Stadtboden wachsen soll, zeigen vor allem eines überdeutlich: Hier wurde der Kubikmeter umbauten Raumes erfolgreich zum Maß aller Dinge erhoben. Die Frage, wie viele Quadratmeter verwertbarer Fläche in diesen prominenten, zentral gelegenen Baublock gepackt werden können, wurde aller Wahrscheinlichkeit nach vorzüglich beantwortet.

Die architektonische Ausführung jedoch blieb quasi ein unvermeidbares Übel, und da nützt es auch nichts, wenn die verantwortlichen Architektengemeinschaft nun diverse neckische Tricks mit dezenten Fassadenfältelungen zur Anwendung bringen wollen. Angesichts dieser leicht verkanteten Schuhschachtel auf Stöckeln, deren tatsächliche Fassadenbeschaffenheit derweil noch offen ist, darf immerhin die Frage gestellt werden, wozu man in den vergangenen 17 Jahren diverse Architekturwettbewerbe abgehalten hat, wenn das nun das optimale Resultat sein soll.

Schwieriger Bauplatz

Der Bauplatz Wien-Mitte ist außer Zweifel aus verschiedensten Gründen ein äußerst schwieriger. Zum einen muss der darunter gelegene hochfrequentierte Bahnhofsknoten bedient werden. Zum anderen zwingen die Auflagen des innerstädtischen Weltkulturerbes jede höherfliegende Planung in die Knie. Die wahre Problematik verbirgt sich allerdings im Zahlenwerk, das die Investoren hinter den Kulissen zu bewältigen haben: Wie viel genau die B.A.I. der ÖBB für das Grundstück bezahlt hat, weiß keiner. Um die 140 Millionen Euro dürfte es sich schon gehandelt haben.

B.A.I.-Chef Thomas Jakoubek meinte dazu im Juli 2005 als der Deal unterschrieben wurde lediglich lakonisch, es sei „zu viel“ gewesen. Zu teurer Grund muss hier also möglichst dicht ausgenutzt werden, um nicht zum Verlustgeschäft zu geraten. Immerhin geht es gerüchteweise um rund 400 Millionen Euro Gesamtprojektkosten, doch zur städtebaulichen Zier des Grätzels gereicht dieses Konstrukt sicher nicht.

Langeweilig und vorgestrig

Auch ein vormals anvisierter lebendiger Nutzungsmix, in dem unter anderem Hotels und Wohnungen samt Terrassen sowie Restaurants und Cafés mit Aussicht vorgesehen waren, hat sich auf Büros und Shopping reduziert. Langweilig und für eine moderne große Stadt vorgestrig. Fazit: Die B.A.I. investiert, wie es ihr gutes Recht ist, in die Rendite. Die Stadtplanung hat sich zwar ein- aber wenig zusammengebracht und das vom ungeduldig werdenden Bürgermeister Häupl vergangenen Herbst grantig zur „Herzensangelegenheit“ deklarierte Shop-Büro-Bahnhofsprojekt schließlich abgesegnet.

Aus all diesen Gründen hatten alle Architekten, die im Zuge des immerhin bereits vor 1990 gestarteten Planungsrennens immer wieder über diverse Wettbewerbshürden gehetzt wurden, letztlich nie eine Chance, hier zu gewinnen. Neumann + Partner und Ortner + Ortner, das Siegerteam des Wettbewerbs von 1990, geht dank wasserdichter Verträge nun fast zwei Jahrzehnte später ins Ziel. Ihre Planungen basieren auf dem späteren städtebaulichen Wettbewerbsprojekt der Kollegen Henke-Schreieck. Viel mühsamer geht Architekturmachen nicht.

Künstler sollen retten

Damit wenigstens irgend ein Pep in die Angelegenheit kommt, wurden nun weltbekannte Künstlerinnen und Künstler gebeten, die Angelegenheit innen und außen mit Kreativität ins Zeitgenössische zu pushen. Ob und was Leuten wie Olafur Eliassohn und Louise Bourgeois dazu einfallen kann, dürfte immerhin spannend werden.

29. September 2007 Der Standard

Der Raum zwischen den Bildern

Die Architekten Pauhof betrachten Alfred Hitchcock in der Ausstellung „The Wrong House“ im belgischen Kulturzentrum deSingel durch die Linse der Architektur.

Die besten Lehrer sind diejenigen, die ihren Schülern Fragen stellen und sie damit gleich weiter auf die Suche nach den Antworten schicken. Weil was man selber findet, das gehört einem - und außerdem sind derlei geistige Schnitzeljagden ja stets etwas hirnerfrischend Spannendes.

Im ganz besonders hübschen belgischen Städtchen Antwerpen ist seit vergangener Woche eine erfreulich aus allen Rahmen fallende Ausstellung zu sehen, die ihre Besucher auf exakt eine solche Reise mitnimmt. Allein der Titel der Schau wirft bereits allerlei Fragen auf. Er lautet mysteriös: „Alfred Hitchcock & Pauhof. The Wrong House“.

Doch was hat der berühmte Meister cineastisch produzierter Schweißausbrüche mit den österreichischen Architekten Pauhof zu schaffen? Warum und wie verbünden sich hier die Lebenden und der längst Verblichene für oder gegen ein falsches Haus? Und überhaupt - wie kann ein Haus falsch oder gar das Falsche sein?

Wer sich noch bis 25. November im Antwerpener Kulturzentrum deSingel auf die Suche begibt, findet die Antworten zwischen bewegten und stehenden Bildern, zwischen Geräuschen und Musikfetzen, zwischen Licht und Dunkel, Grau und Bunt, zwischen Modellen und Plänen. Die Ausstellung schafft es, Architektur und Kino, also imaginäre und tatsächliche Räume, auf eine sehr elegante Art miteinander zu verweben und damit beiden Materien eine neue Stofflichkeit zu verschaffen.

Doch um begreiflich zu machen, wie das funktioniert, muss erst einmal das Konzept ein wenig durchleuchtet und durch die Linse der unkonventionellen Ausstellungsmacher betrachtet werden: Das Zentrum aller Überlegungen bildet ein hier erstmals vorgestelltes Buch mit eben diesem Titel „The Wrong House“. Darin befasst sich der belgische Kunsthistoriker Steven Jacobs mit Alfred Hitchcocks (1899- 1980) unübersehbarer Affinität zur Architektur, denn die ist gewissermaßen als eine stets anwesende Darstellerin in all dessen Filmen zu betrachten.

Jacobs analysiert bis ins kleinste Detail, wie der Regisseur mit Räumen und den entsprechenden Stimmungen arbeitet, wie sich der ehemalige Set-Designer Hitchcock als nunmehriger Set-Chef die kräftige Symbolsprache der gebauten Umwelt zu seinen Zwecken untertan macht. Seine Darsteller irren durch dramatische Stiegenhäuser und labyrinthartige Strukturen, sie werden von Schatten gejagt und von Schattengespinsten in die Enge getrieben. Fenster werden zu Schlüssellöchern, durch die man beobachtet, ohne beobachtet zu werden. Türklinken, Gesimse, Portale, Türme - all diese architektonischen Details spielen in Hitchcocks Filmen subtile, stumme Hauptrollen.

Und die starke Architektur des deSingel spielt im Falle dieser Ausstellung ebenfalls kräftig mit. Das Haus ist prächtig - ein wundervolles Stück Moderne, gebaut in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts vom belgischen Architekten Léon Stynen, erweitert von demselben in den 80er-Jahren. Klare Strukturen, gekonnte Fenster-Licht-Inszenierungen, Innenhöfe, Kino- und Konzertsäle bilden den gebauten Rahmen um die Ausstellung.

Zur Gestaltung hat sich Kurator Moritz Küng nicht von ungefähr die österreichischen Architekten Wolfgang Pauzenberger und Michael Hofstätter geholt. Alias Pauhof zählen die beiden zu denjenigen, die eine besonders dramatische, zugleich aber klare Architektursprache beherrschen. Wenn in den kommenden Wochen die Besucher in den großen Kinosaal eilen, um diverse Vorträge und Hitchcock-Klassiker zu sehen, werden sie also von Pauhof in den um den Saal liegenden Gängen und Vorräumen gekonnt darauf eingestimmt.

Es ist eben die Stärke dieser Schau, dass Pauzenberger und Hofstätter die Zwischenzonen mit allen Mitteln der Architektur bespielen und so darauf aufmerksam machen, dass Architektur eben nicht nur aus Mauern, Fenstern und Fußböden besteht: Sie strukturieren das Eingangsfoyer mit nur auf den ersten Blick einfachen, fast monolithischen schwarzen Einbauten, die mit Rampen und Podesten wie hineingegossene Skulpturen wirken.

Dazwischen und darauf wurden elegant diverse Modelle von Pauhof-Architekturprojekten inszeniert, ergänzt durch großformatige Fotos sowie Filme, die die Besucher durch Pauhof-Gebäude führen. Die Spange, die eine Verbindung über einen langen leeren Gang zum zweiten Foyer schafft, das nun eine Art Kino-Café ist, bildet die Geräuschkulisse diverser Hitchcock-Filme. Denn auf der einen Seite ist zu hören, was auf der anderen auf einer Leinwand in bewegten Kinobildern zu sehen ist: Eine 90-minütige Collage aus Filmen wie Notorious, The Birds, Vertigo, Rear Window und natürlich North by Northwest, in dem die Architektur des fiktiven Vandamm House an Dramatik nicht zu überbieten ist.

Im Kino-Café befindet sich ebenfalls eine architektonisch-cineastische Collage zwischen Schein und Sein: Den Filmausschnitten, die in mehreren Fernsehmonitoren zu sehen sind, sind die in Grundrissplänen rekonstruierten entsprechenden Architekturen zugeordnet. Auf diese Weise können sich die Besucher ein ins Konkrete gezeichnetes Bild der Häuser machen, die den Rahmen zu Streifen wie Rebecca oder Psycho bilden.

Im Gegensatz zu anderen Ausstellungen, die oftmals bemüht sind, Zusammenhänge allzu plakativ darzulegen, überlässt diese Inszenierung die Besucher sozusagen sich selbst. Man könnte behaupten, sie würden selbst zu Darstellern in einem mysteriösen dreidimensionalen Film, in dem unterschiedliche Räume durchwandelt, erspürt, erobert werden müssen. Die Fragen werden in den Räumen zwischen den Bildern und dem Abgebildeten beantwortet, aber suchen muss man diese Antworten schon selbst.

Ein bisschen Nachdenken schadet dabei nie. So bildet etwa eine Zusammenstellung von drei Pauhof-Modellen eine fiktive Stadtlandschaft aus Podesten, Flächen, Rampen, die allerdings bei genauerer Betrachtung irgendwie verzerrt und unwirklich erscheint. Man kommt nicht gleich drauf, warum, doch der Grund dafür ist simpel: Die Architekturmodelle sind zwar in jeweils unterschiedlichen Maßstäben gebaut, gehören also so auf keinen Fall zueinander. Die verbindende Menschenstaffage, bestehend aus kleinen Modellmenschen, bleibt jedoch über das Gesamtensemble verteilt maßstabsgleich. Der Mensch ist sozusagen seine eigene Kinoleinwand, auf der sich der Raum, die Architektur abbildet.

Viel spannender geht's also nicht, wenn Architektur vermittelt werden soll. Diverse internationale Kunstinstitutionen haben denn auch schon Interesse angemeldet, „The Wrong House“ zu übernehmen, so etwa das Kunstmuseum in Nicolae Ceausescus absurd überdimensioniertem Regierungspalast in Bukarest.

Das Wiener Filmmuseum wird sich übrigens ebenfalls demnächst des großen Regisseurs annehmen. Die Retrospektive „Alfred Hitchcock. Das Gesamtwerk“ läuft von erstem Dezember bis zweiten Februar im architektonisch dafür äußerst stimmigen Kino-Ensemble im Albertina-Gebäude. Filmmuseums-Chef Alexander Horwath hat ebenfalls Interesse am Thema Hitchcock und Architektur angemeldet, die Antwort auf die Frage, in welcher Form das stattfinden wird, folgt.

26. September 2007 Der Standard

„Wozu diese verdammte Architektur?“

Mit dem Guggenheim-Museum im baskischen Bilbao wurde Frank Gehry Ende der 90er-Jahre weltberühmt. Ute Woltron klärte er darüber auf, dass er sich nie als Dekonstruktivist betrachtet hat und dass er auch nicht die Welt mit Architektur zu retten gedenkt.

Standard: Hat Spitzenarchitektur heute überhaupt noch die Absicht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Gehry: Angesichts der Probleme in Afrika, Indien, Afghanistan und so weiter ist die Idee, Architektur als Kunstform verstehen zu wollen, zu vernachlässigen. Man sollte meinen, dass erst die humanitären Probleme dieser Welt gelöst werden müssen. Dann hat auch die Architektur ihre Berechtigung als Teil der kulturellen Nahrung, die wir alle suchen. Doch für Menschen in Armut ist das Luxus, sie suchen vielmehr Wege, um zu überleben.

Standard: Das aus dem Mund eines weltberühmten Architekten zu hören ist erstaunlich.

Gehry: Sie wollen doch wissen, wer diese verdammte Architektur überhaupt braucht?

Standard: Ich hätte die Frage anders gestellt, aber ja, was soll das alles?

Gehry: Ich sag's ja. Wären wir Architekten alle nette Leute, würden wir dem Peace Corps beitreten und hinausziehen, um all diesen Menschen zu helfen. Genau das sollten wir tun. Doch wir tun es nicht. Mein Freund Bono von U2 versucht es, und auch Bob Geldorf. Aber ich bin nicht sicher, ob ihr Weg der richtige ist. Sie verwenden ihren Ruhm, und da schwingt immer auch ein Teil Selbstzweck mit, deshalb mache ich so etwas nicht.

Standard: Die Immobilienindustrie ist weniger vornehm. Die schmeißt die Menschen aus den Slums und entwickelt neue Stadtareale für Unternehmen und Reiche.

Gehry: Das kann man natürlich kritisieren, doch gibt es auch positive Effekte wie im Falle des Guggenheim in Bilbao. Ich hätte das nie erwartet, doch das Gebäude hat Jobs geschaffen, es bringt Geld in die Region, weil Leute aus aller Welt anreisen, um es zu sehen. Und es hat dort wieder eine Art Selbstbewusstsein etabliert, das verloren gegangen war. Architektur kann also durchaus ein Katalysator sein. Sie löst nicht die Probleme der Armut und des Hungers, aber sie kann sie mildern. Ich habe keinen Gott-Komplex und gebe mich dem Glauben hin, ich könne die Welt retten, aber jeder sollte seinen Beitrag leisten.

Standard: Die Frage, welche Rolle die Architektur generell spielen kann, beantworten Sie damit aber nicht.

Gehry: Ich halte den Ansatz des Dalai Lama für absolut richtig. Er sagt, das Wichtigste sind Mitgefühl und Warmherzigkeit. Würde jeder danach handeln, wäre die Welt letztlich eine andere.

Standard: Sie haben einmal gesagt, Sie seien von Architektur besessen und wollten Ihren Beitrag für diese Welt leisten.

Gehry: Das ist nur das halbe Zitat. Ich habe in diesem Zusammenhang auch gesagt, ich will mich selbst als Architekt finden - das ist die wichtigere Stelle.

Standard: Darin sind Sie offensichtlich erfolgreich. Neben Oscar Niemeyer gibt es kaum einen anderen Architekten, dessen Häuser derart eindeutig einer persönlichen Handschrift zuordenbar sind.

Gehry: Das stimmt nicht, denken Sie an Mies van der Rohe oder Le Corbusier.

Standard: Die Rede ist hier von den Lebenden, nicht von den Toten.

Gehry: Na gut, aber Zaha Hadid ist ebenfalls unverwechselbar, vielleicht sogar auch Coop Himmelb(l)au. Ich arbeite intuitiv, ich habe kein vorgefertigtes Konzept. Ich reagiere auf Menschen, Situationen, Zeit, Ort, Budget, und dann entsteht ein Gebäude. Ich will die Leute mit meiner Arbeit weder entzücken noch aufregen. Ich will Häuser für einen spezifischen Nutzen an einem spezifischen Ort machen, und ich bin froh darüber, dass die meisten von ihnen brauchbar sind.

Standard: Sie haben allerdings auch Kritiker. Die meinen etwa, es ginge Ihnen nur um gewagte, aufregende Formen.

Gehry: Bilbao ist auch dafür ein gutes Gegenbeispiel. Es ist ein Museum, das die Künstler mögen, doch manche Kuratoren halten es für unbrauchbar. Ebendiese Kuratoren bauen dann selbst Museen, die dann aber tatsächlich komplett unbrauchbar sind. Nehmen Sie das neue Museum of Modern Art in New York her. Das ist ein Desaster für die Kunst.

Standard: Wenn wir schon beim Sticheln sind: Ein weiterer Vorwurf besagt, Sie würden ein und dasselbe Haus immer wieder bauen.

Gehry: Zeigen Sie mir, wo. Wo habe ich mich wiederholt? Auch die Kritik, ich würde mich lediglich in Formen ergehen, stimmt nicht. Ich lege größten Wert auf das Funktionieren meiner Architektur, und alle Häuser dienen unterschiedlichen Zwecken.

Standard: Lassen Sie uns über den Dekonstruktivismus sprechen.

Gehry: Ich habe damit nichts zu tun. Sogar der wichtigste Theoretiker des Dekonstruktivismus, Jacques Derrida, hat mir die Absolution erteilt: Er hat zugestimmt, dass ich nicht dazugehöre.

Standard: Landläufig gelten Sie jedoch als der Berühmteste von ihnen.

Gehry: Als ich mein Haus in Santa Monica umgebaut habe, habe ich alte Teile weggenommen und mit neuen Teilen ersetzt, und irgendjemand hat das aufgegriffen und gemeint: Mr. Gehry ist Dekonstruktivist. Aber ich pflege diese Art der Philosophie nicht. Man hat mich in diese Ecke gestellt. Ich habe nicht dagegen protestiert. Es ist mir egal.

Standard: Sie sind mit Kulturbauten bekannt geworden. Eine der schwierigsten Aufgaben für Architekten ist jedoch der Wohnbau. Haben Sie sich dem je gewidmet?

Gehry: Ich habe natürlich auch Wohnbauten gemacht, die freilich nicht so bekannt sind. Tatsächlich arbeite ich eben wieder an einem, und auch der wird sicher nicht öffentlich als Architekturikone gefeiert werden, und das ist auch gut so. Denn ich will kein Statement damit abgeben, sondern einen guten Ort für Leute machen, die dort wohnen werden. Tatsächlich höre ich jetzt schon die Kritiker, wie sie sagen: Jetzt bringt er überhaupt nichts mehr zusammen, wo bleibt das Ikonische?

Standard: Als junger Architekt haben Sie eine Österreich- Verbindung gepflegt und im Büro des emigrierten Victor Gruen gearbeitet, der als Erfinder der Shoppingmall in die Geschichte eingegangen ist.

Gehry: Ich war fünf Jahre bei ihm. Ein sehr netter Mann, ein Träumer. Als er 1960 versuchte, wieder in Österreich Fuß zu fassen, hat er mich gefragt, ob ich mitkommen und eines seiner Büros führen will. Aber damals war ich bereits am Abflug und bereit, allein zu arbeiten.


Zur Person:
Frank Gehry, 1929 in Toronto geboren, zählt zu den bekanntesten Architekten weltweit. Er studierte an der USC in Los Angeles Architektur und eröffnete in dieser Stadt auch 1962 sein heute weltweit tätiges Architekturbüro. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen das Guggenheim-Museum in Bilbao, die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, das „Fred and Ginger“-Bürogebäude in Prag sowie sein eigenes Wohnhaus in Santa Monica.
Gehrys eigenwillige, verschraubt-geschwungene, betont plastische Architekturformen, die oft durch Verkleidungen mit metallischen Oberflächen betont werden, gelten als unverwechselbar. Bereits 1989 erhielt er den Pritzker-Preis für Architektur zugesprochen. (uwo)

15. September 2007 Der Standard

Architekturblüten als Modetüten

Oder dreht sich der Shopping-Architektur-Trend doch gerade wieder in Richtung Understatement um?

Rechtzeitig bevor der vorweihnachtliche Einkaufswahnsinn jenen, die eigentlich gar nicht so gerne einkaufen, das städtische Leben für mehrere Monate zur Qual macht und die anderen wiederum in ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung legitimiert, widmen wir uns den schönsten, teuersten, exklusivsten und hysterischsten Designs, die die Welt der Geschäftslokale heutzutage zu bieten hat: Den Shops für das Gewand, in Wien kurzerhand die „Panier“ genannt.

Die alte bundeshauptstädtische Bezeichnung für das Outfit ist freilich eine völlig unmodische und dadurch umso treffendere. Die Panier besteht stets aus allerlei Zutaten, sie geht am Körper ihres Trägers eine individualistische Einheit ein. Egal was getragen wird, ob kartoffelsackartiges Understatement, Second-Hand-Eleganz oder nach sündigen Investments riechendes Markenzeug - die Geschmacksrichtung der Panier verrät einiges über das darunter befindliche menschliche Trägermaterial.

Mit diesen persönlichen Gelüsten zu spielen ist natürlich eine der Künste, derer sich die Modeindustrie seit jeher auch in Sachen Shops und Architektur bereitwillig annimmt. In den vergangenen zehn Jahren erfuhr dieser Trend eine erstaunliche Intensivierung: Jede große, international agierende Marke leistete sich vor dem Hintergrund medialen Getöses so genannte Flagship-Stores oder gleich ganze Shop-Häuser, quasi um ihre Botschaft dreidimensional und mit großem Aufwand in den Stadträumen zu positionieren.

Prada, Chanel & Co investierten mächtig in Architektur, und sie verpflichteten die namhaftesten Architekten dieser Welt dafür: Rem Koolhaas und Herzog & de Meuron verpassten Prada mehrere aufregende Stadt-Outfits, Ron Arad nahm sich Yohji Yamamotos an, Toyo Ito arbeitete für Tod's, Renzo Piano für Hermès, Sanaa für Dior, um nur eine kleine Auswahl zu erwähnen.

Die Kunsthistorikerin Ruth Hanisch hat die schrillsten Architekturblüten dieser Epoche in ihrem schönen Buch mit dem Titel „Absolutely Fabulous!“ zu einem kräftigen Bouquet gebunden (Verlag Prestel, 2006, 29,95 Euro). Gezeigt werden darin die aufwändigen Bemühungen der Architekten, der kostbaren Einzigartigkeit ihres jeweiligen Auftraggebers mittels Exklusivität mal Originalität gerecht zu werden.

Pradas coole Weltläufigkeit demonstrieren zum Beispiel die wie auf Kleiderbügeln aufgehängten Flatscreens zwischen den wohlfeilen Fummeln, die mit Nachrichten und anderen Digitalmitteilungen die Kundschaft auch während des Shoppings in der Dependance in Los Angeles mit lebenswichtigen Informationen versorgen. Emporio Armanis Laufstegdominanz hingegen spiegelt sich im von Massimiliano Fuksas und Doriana O. Mandrelli konzipierten Shop in Hong Kong wider. Dort wurde der Catwalk in knallrotem Lack und in Spiralen und Rampen als gestaltender Star der Architektur quer durch die Räumlichkeiten geführt.

In Roberto Cavallis Mailand-Shop von Rota & Partner ringeln sich dafür an Kitschigkeit kaum überbietbare leuchtende Schlangen über die Schaufensterscheiben großformatiger Aquarien, hinter denen die bunten Farben von Korallenfischlein anmutige Mäander ins Türkisblau zeichnen dürfen.

Fad wird den Architekten dieser Welt also nicht, wenn sie solchermaßen aus dem Vollen schöpfen dürfen. Doch die ärgste Shop-Hausse dürfte derweilen vorüber sein. Denn erstens haben die meisten Marken mittlerweile ihre Shops und Häuser hinreichend aufgemotzt, sich gewissermaßen die eigene Panier verpasst, und zweitens scheint der ganz neue, heiße Trend bereits wieder in eine völlig andere, um nicht zu sagen in die Gegenrichtung zu gehen.

Guerilla-Shops nennt sich diese, und eine ihrer Erfinderinnen ist Rei Kawakubo, die legendäre Gründerin des Labels Comme des Garcons. Schon vor einigen Jahren begann sie, mit ihrer Mode in Hinterhoflokalen und aufgelassenen Fabriksarealen Billigquartiere zu beziehen. Vorhandenes wurde geputzt, gestrichen und als Präsentationsumfeld für Designerware genutzt. Ablaufdatum inklusive. Denn mit den neuen Kollektionen verabschiedete man sich gleich wieder und wanderte in neue Billig-Lokale aus. Die Geschwindigkeit der Architektur passt sich solchermaßen der Schnelllebigkeit der Mode an.

Auch andere Trendsetter, wie etwa die Schweizer Taschenmanufaktur Freitag, deren Arbeitsmaterial Lastwagenplanen ist, pfiffen auf polierte architektonische Exaltiertheit. Für ihren Shop in Zürich ließen sie von den Architekten Spillmann Echsle gebrauchte Schiffscontainer übereinanderstapeln. Und auch diverse Turnschuhfabrikanten werden dem flippigen Street-Life-Stil ihrer Kundschaft gerecht, indem sie ihre Geschäftslokale wie billige Garage-Sales inszenieren.

Den einen Kunden mag die kompliziertere Rezeptur munden, den anderen die vermeintlich simplere - am Ende verfolgen sie alle dasselbe Ziel: ihre Marke zu positionieren, mit Identität zu spicken und möglichst viel davon zu verscheppern. Mit den Architekturoutfits asiatischer Textilfabriken hingegen, also den Wurzeln, aus denen die Architekturblüten ihre Kraft saugen, hat sich bis dato kaum jemand eingehender beschäftigt, doch die sind wieder eine andere Geschichte.

8. September 2007 Der Standard

Jung, frisch, wienerisch

Die Ausstellung Yo.v.a, Young Viennese Architects, zeigt einen Überblick über die Architekturproduktion der Nachwuchsriege der Bundeshauptstadt.

Vergangenen Mittwochabend eröffnete in der Kunsthalle/Project Space am Wiener Karlsplatz eine Ausstellung mit ausnehmend fröhlichem, durchwegs jungem Publikum. Die Alten unter ihnen waren auch irgendwie jung - zumindest fühlten sie sich so -, und unter den Jungen waren - nach landläufigem Verständnis - auch ein paar schon nicht mehr ganz so Taufrische.

So ist das nämlich, wenn man sich im Kreise von Architektinnen und Architekten befindet, die im Alter ab 45 langsam aufhören, zu den ganz Jungen zu zählen. Die Ausstellung „Young Viennese Architects“ bietet, wie der Name bereits verkündet, einen Querschnittsblick auf die lebendige Szene ebendieser noch nicht alten Wiener Architekten.

Die Schau, zu sehen bis 26. September, ist das Resultat eines von Planungsstadtrat Rudolf Schicker vor knapp zwei Jahren ausgerufenen Wettbewerbs. Die Stadtplaner lösten damit ein in der „Wiener Architekturdeklaration“ festgeschriebenes Versprechen ein, das den jungen Wiener Architekturschaffenden eine gezielte Förderung angekündigt hatte.

Schicker im Ausstellungskatalog: „Wien hat mit seiner Geschichte und seiner Lage im Zentrum Europas einzigartige Voraussetzungen. Daraus resultieren sicher einige Spezifika der jungen Wiener Architekturszene: Ihre Vielschichtigkeit, ihre Innovationskraft, ihre Fähigkeit zur konstruktiven Kritik, aber auch ihre Offenheit und Buntheit.“

Tatsächlich. Die Bundeshauptstadt kann sich alle zehn Finger abschlecken, eine sehr ordentliche Riege kämpft hier erstens um architektonische Qualität und zweitens, wie gewohnt, ums kommerzielle Überleben. Wenige Aufträge, viele Architekten, doch dieser Schlüssel ist ohnehin sattsam bekannt. Rüdiger Lainer sprach denn auch als der Vorsitzende der Jury, die aus den 42 Einsendungen 15 zu präsentierende Architektenteams ausgesucht hatte, aus, was Sache ist. Bauträger und Developer, so meinte er, sollten sich hierher in die Kunsthalle begeben, um sich ein Bild vom Potenzial der jungen Architektenschaft zu machen. Und „Listen“, wie eben die hier erstellte, würden künftig eine immer wichtigere Rolle spielen.

Bewerben konnten sich alle Architekturmenschen (unter 45), die bereits zumindest ein Projekt in der Bundeshauptstadt gebaut haben. Unter den Ausgesuchten, die im Übrigen im Schnitt 39 Jahre jung sind, befinden sich einige schon etablierte und namhafte Büros, aber auch noch weniger bekannte.

Die an Fantasienamen nicht arme Liste in alphabetischer Ordnung lautet: 000y0 Architekten, AllesWirdGut, Arquitectos, Caramel, feld72, gaupenraub +/-, gerner gerner plus, heri&salli, pool, ppag popelka poduschka architekten, querkraft, RAHM architekten, Klaus Stattmann, Treusch architecture und Michael Wallraff.

Die Ausstellung, so Schicker, werde künftig alle zwei Jahre ergänzt werden. Die Stadtplanung wird heuer für nächstes Jahr wieder einen Wettbewerbsaufruf starten und eine ausgeweitete Ausstellung - wie bereits die aktuelle - auf Wanderschaft durch Österreich und teils auch das benachbarte Ausland schicken.

Anhand der gezeigten Projekte lässt sich die Breite des Feldes ermessen, auf dem Architektur zur Anwendung gebracht wird - oder besser - gebracht werden kann. Wenn man will. Alles da, vom Zaun über das Wohnhaus bis hin zum Veranstaltungszentrum.

Ein wenig problematisch ist die offenbar von den Organisatoren vorgegebene Ausstellungspräsentation, da sie in ihrer herkömmlichen Zig-Zag-Stellwand-Fadesse doch ein wenig altertümlich daherkommt, was schade ist. Gerade junge, kreative Kräfte hätten hier wahrscheinlich eine etwas zeitgemäßere Präsentation des Themas erstens zusammengebracht und zweitens verdient. Ein bisschen eigenartig ist es auch, wenn die Stadtplanung nicht auf eine ähnliche, breiter angelegte Initiative des Architekturzentrums Wien zurückgreift.

Die „Emerging Voices“ hatten vor einigen Jahren ebenfalls die junge Architekturszene zum Inhalt, und die hatte den unschätzbaren Vorteil, dass sie die einzelnen Büros im Detail bis hin zu umfangreichen Publikationsmappen vorstellte.

Doch es soll nicht zu viel gemeckert werden, der Katalog zur Young Viennese Architects-Ausstellung ist tadellos. Um den Ball nun an die jungen Architekten selbst zurückzuspielen. Was halten die vom Arbeiten in Wien? Wolfgang Haas hat für die Publikation eine Umfrage gestartet und etwa auf die Frage betreffend Auftragssituation unter anderem folgende Antworten bekommen: „Wien bietet wenig Aufträge, aber viel Gerede rundherum.“ Die Stadt sei „ein Wohlfühlumfeld trotz wirtschaftlichem Unerfolgreich-Seins“.

Es wäre natürlich ungerecht, an dieser Stelle einzelne Büros hervorzustellen, deshalb gibt es an dieser Stelle keine Charakterisierung der dispersen bunten Truppe. Ganz junge Architekten, die Fuß fassen wollen in dieser unendlich schwierigen, mühsamen, von Fremdkräften oft arg geknechteten Branche, brauchen neben einer vorzüglichen Ausbildung vor allem eines: Durchhaltevermögen, ein gut entwickeltes Ego und Leute, die ihnen ihre ersten Aufträge anvertrauen. Das sprichwörtliche neue Badezimmer für den Onkel, der kleine Zubau zum Haus der Tante können Meilensteine werden. Die hier Präsentierten haben das aber schon hinter sich.

25. August 2007 Der Standard

Träume über Städte

Im Buch „Die Grüne Schachtel“ führt Bogdan Bogdanovic durch seine Metaphysik, und das ist unverkennbar die eines Architekten

Ein Zitat: „Architektur der Schatten als ehemalige Schönheit der Welt. Architektur als nostalgische Vergänglichkeit der Schönheit. Wem und warum habe ich so heiß ewige Liebe geschworen? Der Architektur oder den Erbauern von Illusionen, den Erbauern künftiger, erst noch zu werdender Schatten?“

Bogdan Bogdanovic hat in den dunkelsten Stunden Belgrads - verbarrikadiert in seiner Wohnung und von Slobodan Milosevics Schergen verfolgt - Träume und Gedankenfetzen eingefangen, auf Zettel geschrieben und in eine leere Waschpulverschachtel gesteckt. Eine mit grüner Tapete beklebte Box mit Schlitz. Ein Eingang, kein Ausgang. Die Fenster der Wohnung - mit Büchern zu Wänden gemacht. Kein Einblick von außen, feine Sehschlitze von innen: „Mein Beobachtungsposten in der Bibliothek, ein enger Spalt zwischen den in den Fenstern aufgetürmten Büchern.“

Vergangene Woche feierte der Architekt, Urbanist und ehemalige Bürgermeister Belgrads seinen 85. Geburtstag. 1993 war er nach Wien ins Exil gegangen, hier hatte er viel später diese Box endgültig geöffnet, ihren Inhalt befreit, nochmals studiert. Vielleicht wie Pandora, die ihre Büchse ein zweites Mal aufmachen musste, damit auch die darin eingesperrte Hoffnung in die Welt kommen konnte.

„Die grüne Schachtel. Das Buch der Träume“ ist bei Zsolnay erschienen. Es führt seine Leser in Höhen und Tiefen, in Himmel und Höllen der persönlichen, verschachtelten Metaphysik Bogdanovics. Es ist kein Buch über Architektur, doch die Architektur der Städte, der Gedanken und der Ahnungen ist der Baustoff, aus dem dieses wunderbare Buch gemacht ist.

Ein Zitat aus einer Zeit der Wirklichkeit, als Bogdanovic noch als Bürgermeister mit den Mitteln der Architektur Belgrad und damit einen Teil der Welt verbessern wollte: „Ich initiierte und kontrollierte die ersten Vorbereitungen für einen neuen urbanistischen Generalplan. Belgrad hatte bereits mehr als eine Million Einwohner und fühlte sich im Rahmen des veralteten Plans unwohl wie ein schon großer Bengel in Kinderkleidung. Der Zustand der urbanistischen Praxis erforderte neue Leute und neue Ideen. (...) Etwas habe ich nicht gewusst, was ich aber hätte wissen können, oder ich habe es irgendwann gewusst und später aus dem Blick verloren, nämlich die eine einfache Wahrheit, dass Städte nicht in dichterischen Spielen erbaut werden, sondern in den brutalen Kämpfen und Kriegen der verborgenen Kräfte und Interessen, die sie in Gang setzen.“

Das Resultat eines internationalen Wettbewerbs war viel versprechend. Aber er „enthüllte mir etwas, was ich schon lange geahnt hatte, und zwar, dass es in unserer verrückten Welt viele inspirierte Architekten gibt, die, besonders in unreifen Gesellschaften, Geiseln unsichtbarer Clans sind“. Denn: „Schon bald wurde deutlich, dass die Obstruktionen mächtiger Interessengruppen die schönen Ideen nur in eine weitere tragische Geschichte von einem nicht erbauten oder vielleicht nicht erbaubaren Turm verwandeln würden.“

Mythos und Dichtung erzählen diese Geschichte seit ewigen Zeiten. „Was der Baumeister am Tag hat erbaut, das zerstörten die Feen in der Nacht ...“ Bogdanovic kramt in der serbischen Volksdichtung, er erzählt von der „Verdammnis unglückseliger Erbauer, über die verdammten Meister unvollendeter und nicht zu vollendender wunderschöner Gebäude“. Denn: „Wir alle sind in hohem Maße auf metaphysische Art vom Bauen - um des Bauens willen und leider auch von der Zerstörung um der Zerstörung willen - besessen.“

„Träume über Städte und Städte in Träumen. Das eine oder das andere? Manchmal eine kaum merkliche Möglichkeit der Abgrenzung.“ In seiner „Dorfschule für Philosophie der Architektur“ hatte Bogdanovic 1982 gemeinsam mit Studenten und Dorfleuten einen Turm aus Gerümpel und altem Mobiliar aufgetürmt. „Als wir das nicht erbaubare Bauwerk einigermaßen zusammengebastelt hatten, verbrannten wir es an diesem schönen Aprilabend und entledigten uns so des stümperhaften Werks auf die einfachste Art.“ Und den Bauern war die Asche, die davon übrig blieb, für die Frühjahrsdüngung ihrer Äcker willkommen.

[ Bogdan Bogdanovic: Die grüne Schachtel. Buch der Träume
Zsolnay Verlag, Wien 2007, 331 Seiten, 23,50 EUR ]

verknüpfte Publikationen
- Architektur der Erinnerung
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4. August 2007 Der Standard

In der Mitte der Mensch

Der Architekt Johann Georg Gsteu beging dieser Tage seinen 80. Geburtstag.

Wenn jemand gerade sein achtes Lebensjahrzehnt vollendet hat, darf man behaupten, er gehöre der alten Garde an. Das trifft auch auf Johann Georg Gsteu zu, obwohl man das auf den ersten Blick kaum wahrhaben wird. Wer in kurzen Hosen sonnenverbrannt durchs Leben federt, ist nicht alt. Aber die alte Garde, die stimmt trotzdem, man muss ihm nur zuhören.

Und zuschauen. Denn Gsteu verlässt das Haus bis heute nicht ohne Bleistift und Radiergummi in der Hosentasche. Auch er zählt zu denjenigen, die dem fast schon karikaturhaften Bild des ewig skizzierenden Architekten gerecht werden. „Warten S', ich muss das aufzeichnen!“ Und dann genügen ein paar präzise Striche, um das Wesen und den Charakter von Projekten quasi röntgenologisch klar darzulegen - und irgendwie hat dieses gekonnte grafische Herunterbrechen der so ungeheuer komplizierten Materie Architektur auf logische Prinzipien etwas ausgesprochen Tröstliches in einer Zeit, die ganz anders geworden ist im Laufe einer fast sechs Jahrzehnte währenden Architektenkarriere.

Gsteu, 1927 in Hall in Tirol geboren, gehört einer ganz bestimmten, die Nachkriegsarchitekturgeschichte dieses Landes prägenden Generation an. Große Namen. Alte Bande. Alle sprechen sie eine sehr ähnliche Sprache, und es wäre ausgesprochen vermessen, würde die heute so erfreulich tüchtige jüngere Generation nicht genau zuhören. Denn vieles dessen, was die spezifische Qualität der zeitgenössischen heimischen Baukünstler und Baukünstlerinnen ausmacht, wurde von Leuten wie Gsteu bereits vor Jahrzehnten definiert.

Im Mittelpunkt steht der Mensch und seine Bedürfnisse. Zu Beginn stehen Aufgabenstellung und die Rahmenbedingungen. Dazwischen stehen Überlegungen, wie alle Parameter in eine schlanke, unaufwändig, funktionierende und bautechnisch gute Form gebracht werden können. Am Ende steht ein Gebäude, das technisch, formal, funktional möglichst viel kann.

Kristallisationspunkt für diese Art Architektur zu machen war kurz nach Kriegsende die Akademie-Klasse von Clemens Holzmeister. Gsteu: „Dort waren wir alle beieinander - der Wilhelm Holzbauer, der Friedrich Kurrent, der Fritz Achleitner, der Hans Puchhammer und ich. Wir sind vorher auch schon miteinander in die HTL gegangen. In der Holzmeister-Klasse waren dann auch noch der Johannes Spalt und der Gustav Peichl. Jedenfalls haben wir alle ziemlich zugleich Diplom gemacht.“

Clemens Holzmeister, so Gsteu, habe ihnen zumal professoral die Ernsthaftigkeit des Berufs beigebracht. „Aber wir waren froh, dass er nicht immer da war.“ Warum? Weil ihn dann zum Beispiel andere gestandene Architekten wie Erich Boltenstern vertraten - und: „Weil wir dann die internationale Szene studieren und alles aufarbeiten konnten, was vor dem Krieg gebaut worden war.“

Für Holzmeister sei das kein Thema gewesen, für die Jungen, Hungrigen sehr wohl. Vor allem dem etwas älteren Johannes Spalt verdanke man unglaublich viel: „Der Spalt war wie ein wissender Motor. Wir sind an den Wochenenden ständig gemeinsam unterwegs gewesen und haben uns alles angeschaut, haben alles analysiert und dann darüber debattiert. Der Spalt hat immer gesagt - Hast du das schon gelesen? Nein? Lies erst, und dann reden wir darüber! Wir haben in der Bibliothek nach Informationen gesucht, aber es gab kaum etwas.“

Also wurden Bücher und Zeitschriften importiert und von englischsprachigen Freunden übersetzt. Die jungen Architekten studierten die schwedische Moderne, den Schweizer Siedlungsbau, die großen österreichischen Emigranten wie Richard Neutra, die Bauten von Josef Hoffmann, Adolf Loos, Josef Frank. „Nachdem jeder von uns ein kaltes Zimmer gehabt hat, in dem das Wasser im Krug gefroren ist, sind wir fast jeden Abend im Kaffeehaus beieinander gesessen, das war fast so etwas wie eine Notgemeinschaft. Aber es war phantastisch.“

Die erste Arbeit unternimmt Gsteu gemeinsam mit Friedrich Achleitner. „Wir haben gemeinsam sein Heimathaus aufgebaut, das abgebrannt war.“ Die beiden gehen eine Bürogemeinschaft ein und arbeiten fünf Jahre zusammen. Achleitner sagt ihm dann: „Du, ich geh jetzt andere Wege, ich fang zu schreiben an.“ Zwischen 1956 und 1958 bauen sie aber gemeinsam noch die Rosenkranzkirche in Hetzendorf um. „Der Pfarrer hat damals gemeint, er wolle keine Roserlkirche haben, wenn es sich um eine Rosenkranzkirche handelt. Wir waren froh, so einen Bauherren zu haben, sonst hätten wir das nicht so radikal umsetzen können.“

Anfang der 60er-Jahre gewinnt Gsteu den Wettbewerb für das Seelsorgezentrum am Baumgartner Spitz in Wien und realisiert dort bis 1965 ein noch radikaleres Konzept: Ein nicht in eine bestimmte Richtung orientierter Raum entspricht architektonisch den Grundaussagen des Konzils von 1962. Gsteu: „Das Wesentliche war für mich, dass die Kirche aus vier Bauteilen besteht, die nur durch Glas und Sprossen miteinander verbunden sind. In der Architekturgeschichte hat sich immer etwas zu einem Spitz oder zu einer Kuppel bewegt, und außen wurden die Kräfte abgeleitet. Doch hier steht jeder einzelne Teil für sich allein.“

Überhaupt - neue Wege zu gehen war immer wichtig und Triebkraft: „Ich habe immer versucht, das zu ändern, was mir bei anderen, gegebenen Situationen als unbefriedigend aufgefallen ist. Bei Wohnbauten waren das die finsteren Gänge oder die nicht gut genutzten Ecken.“

Bis heute entstanden so rund dreißig ausgeführte Projekte, zuletzt etwa erst im Vorjahr die raffinierte Müllsammelstelle am Meidlinger Markt in Wien, die sich hydraulisch öffnen lässt und selbst in der Nacht dank ihrer durchbrochenen Lochblechhaut wie eine urbane Stadtskulptur wirkt. Eine ganz ähnliche Sprache, die der Technik und der Reduktion, sprechen auch Arbeiten wie der 1997 fertiggestellte Nordsteg bei der Nordbrücke auf die Donauinsel oder die fünf Stationen der Wiener U-Bahn-Linie 6.

Der Beruf des Architekten, so Gsteu, habe sich in den vergangenen Jahren im Vergleich zu früher enorm verändert: „Der Druck von allen Seiten ist ein Wahnsinn, es ist unvergleichlich ärger geworden.“ Wenn Bürokratie, Vertrags- und Terminkorsett zu den Hauptentwerfern werden, bleibt die Architektur auf der Strecke.

„Wir leben momentan in einer Übergangszeit, in der man die Tür aufmachen muss, weil alles ausgelaugt ist. Da kommt natürlich frische Luft herein, aber auch Mief. Vieles dessen, was derzeit gebaut wird, ist mir zu persönlich, zu eitel. Ich glaube, dass diese betont originellen Sachen, für die man irgendwelche Preise kriegt, nicht halten werden. Es gehört eine gewisse neutralere Behandlung her. Ich denke, dass eine gute Stangenbekleidung in der Architektur gefragter ist als der Maßanzug. Doch diese Zeiten müssen wir überdauern, damit wieder etwas Neues kommt.“

14. Juli 2007 Der Standard

Warum so langweilig ?

Bis dato ist in der freien Gestaltungswelt virtueller Gegenwelten wie Second Life designerisch kaum etwas los, was sich aber ändern dürfte.

Tatsächlich - der Banalität sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Derzeit breitet sie sich in den unendlichen Sphären der virtuellen Gegenwelt aus, zum Beispiel in „Second Life“ (SL). In einem Universum, in dem eigentlich alles möglich sein sollte, in dem Schwerkraft, eindringende Feuchtigkeit und andere Gestaltungshürden keine Rolle spielen und jedes Ideenmaterial zu Verfügung steht, klotzen Multis wie Mercedes Benz, BMW oder IBM ihre Unternehmensrepräsentanzen in einer Kunstglas- und Kunstbetonfantasielosigkeit in den dreidimensionalen Computerraum, wie es langweiliger nicht geht.

Autos kreisen auf Präsentationstellern, die Showräume entsprechen in ihrer Fadesse der wirklichen Wirklichkeit, an den Wänden hängen fade Poster und Plakate - warum, fragt man sich nach spätestens zehn Minuten, soll man sich das, was im Speckgürtel der Vorstadt schon eine optische Zumutung ist, daheim am PC noch einmal geben? Nur weil man hier durch die Räume fliegen kann? Nur wenige Ausnahmen bestätigen bis dato die Regel - und um die zu finden und einer quasi virtuell-architekturkritischen Bewertung zu unterziehen, hat der in München lebende österreichische Architekt und Künstler Stephan Dösinger einen SL-Award ausgerufen, der erstmals beim Linzer Ars Electronica Festival im heurigen September präsentiert wird (Näheres dazu unter www.sl-award.com).

Dösingers Fragestellung und These: "Warum sind so viele Menschen fasziniert und gleichzeitig befremdet von der virtuellen Welt in „Second Life“? Wird hier eine trügerische Alternative zur physischen Realität, dem so genannten „First Life“, suggeriert? Was, wenn dieses Metaverse SL ein unheimliches Spiegelbild zur Wirklichkeit ist? Könnte es sein, dass ein Kommentar Walter Benjamins von 1929 zur zentralen Metapher unserer kulturellen Grundsituation geworden ist? „Blicken zwei Spiegel einander an, dann spielt der Satan sein liebstes Spiel und öffnet die Perspektive ins Unendliche.“ Allerdings, Satanas ist hier rege aktiv und befördert der Menschen liebstes Spiel, und zwar das der Selbstdarstellung. Auf die Gestaltung des virtuellen Gegen-Ichs, also der so genannten Avatare, wird offensichtlich allergrößter Wert gelegt. Liebevolleres Design als in Sachen Klamotten, Haartracht und Bodyshaping sieht man in SL selten. Und eine Vielzahl der im Vergleich dazu völlig fantasielosen Architekturen dient der Präsentation schlüpfriger Inhalte: Sexshops und Lustpavillons, wohin der Mausklick zielt.

Dass das nicht immer so sein muss, beweisen wie so oft die Kreativküchen von Universitäten und deren freigeistig-jugendliche Studenten. Zum Beispiel die des Royal College of Technology in Stockholm. Die analysierten die SL-Welt und fanden zu interessanten Thesen. Die Freiheiten und auch die Leere dort, so meinte sie etwa, seien so überwältigend, dass die User unweigerlich mit sofortiger Befüllung reagierten. Um der virtuellen Verschandelung einen Gegenentwurf vorzusetzen und die Möglichkeiten des virtuellen Raums auszuloten, gründeten sie das weltweit größte virtuelle Architekturbüro LOL Architects. Denn wie Erfindungen wie die Fotografie, des Films, des Telefons, des PCs und schließlich des Mobiltelefons Wahrnehmung und Definition von Räumen und Öffentlichkeit verändert und verschoben haben, so werden auch Internetplattformen wie SL die tatsächliche Realität beeinflussen.

Noch einmal Stephan Dösinger in seinem Aufsatz für die Ars Electronica: „In welcher Realität befindet man sich mit dem iPod im Ohr, wo der akustische Raum vom physischen Raum entkoppelt ist? In welchem Raum befindet man sich, wenn man ein Computerspiel spielt, sich im Internet bewegt oder SL als 3-D-Telefon benutzt? Es scheint, als ob sich überall dort, wo sich physische mit medialen Räumen kreuzen, neue Räume entstehen. Es sind Räume, die einmal anwesend, einmal abwesend, aber meist mobil sind und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten über die Kontinente vagabundieren, bis sie zerplatzen wie eine Seifenblase - am Ende eines Ferngesprächs auf der Autobahn. Nennen wir sie Bastard Spaces!“

Was Österreich anlangt, so bildet es sich eben als „Erlebniswelt“ in SL ab, gestaltet von der Web-Agentur Second Horizon. Riesenrad und Donauturm sind bereits online, weitere Attraktionen sollen folgen. Und auch die Österreichische Sportwettengesellschaft tipp3 plant derzeit einen Auftritt: Im September dieses Jahres wird der virtuelle Spatenstich für ein Stadion erfolgen, das bis zur Euro 08 fertig gestellt sein soll.

Die Sportwetter rufen nun alle kreativen Geister auf, sich an der Ideenfindung zu beteiligen, was über den Blog www.tipp3.at/tipp3arena erfolgen kann. „Moderne architektonische Erkenntnisse“ sollen mit den „Wünschen und Bedürfnissen der Fußballfans kombiniert werden“, auf dass ein „Musterstadion in der virtuellen Welt“ entstehe, das „durchaus Anregung und Vorbild für neue, reale Stadien sein soll“.

Also: Architektinnen und Architekten, Studentinnen und Studenten - ran an die virtuelle Materie!

10. Juli 2007 Der Standard

Baukulturreport: Schmieds neuer Architekturpreis

Wien - Es sei der Beginn einer „breiten Sensibilisierung für das Thema Baukultur“, meinte Kulturministerin Claudia Schmied (SP) am Montag anlässlich der Präsentation des Baukulturreports. Sie glaube an die Begeisterungsfähigkeit der Menschen und wünsche sich nun „eine breite öffentliche Diskussion“ über die vorliegende Studie, in der die nicht immer erfreuliche Situation der Baukultur Österreichs umfassend analysiert wird.

Im Rahmen ihres Ressorts will Schmied künftig bereits in der Lehrerausbildung „Akzente setzen“. Vor allem aber soll sich die Baukultur bereits anhand hervorragender, den sich ändernden Lehrplänen angepasster Schulgebäude manifestieren.

Als „zugegebenermaßen kleinen Beitrag“ bezeichnete die Ministerin den Baukulturaward, der ab 2008 vergeben werden soll und mit 5500 Euro dotiert ist. Ob und wie und wann der Baukulturreport, der eine klassische Querschnittsmaterie behandelt, ressortübergreifend diskutiert wird, bleibt noch offen.

9. Juli 2007 Der Standard

Planloses Bauen kommt teuer

Der am Montag veröffentlichte Baukulturreport fordert von der Bundespolitik ein nationales Architekturprogramm

Im internationalen Vergleich ist die Baukultur in Österreich so gut wie kein Thema für die Bundespolitik. In einer Nation, in der die Bürgermeister immer noch die höchste Baubehörde darstellen, wird täglich eine Fläche von rund 22,5 Hektar ohne nachhaltige übergeordnete Planung verbaut, was sich beispielsweise an der krassen Zersiedelung der Landschaft unschwer ablesen lässt.

Neben Flächen fressenden Einfamilienhausteppichen wachsen vor allem im ländlichen Raum nach wie vor kommunale Wohnsiedlungen aus dem Boden, deren architektonische Qualitäten mehr als fragwürdig sind. Und geht es der Politik um neue Schulkonzepte, so bleibt die Frage, in welchen Häusern die denn umgesetzt werden könnten, so gut wie ungestellt.

Architekturqualität, Flächenbewirtschaftung, Raumplanung - all diese direkt miteinander verknüpften Faktoren laufen ungeordnet und chaotisch auseinander.

Nach monatelanger guter Ablagerung in ministeriellen Schubladen wird am Montag endlich der erste Österreichische Baukulturreport der Öffentlichkeit präsentiert. In kompakter Form erläutert er diese Zusammenhänge. Als Hebamme des bis dato geheim gehaltenen Papiers agiert Kulturministerin Claudia Schmied. Das Interesse der anderen Ressorts hielt sich in Grenzen, Architektur und Bauen wird von der Politik immer noch als ausschließlich kulturelle Leistung verkannt.

Exakt diesem Irrglauben will der Baukulturreport nun entgegenwirken. Die in sechs Bänden von Fachleuten diverser Disziplinen verfasste Studie befasst sich explizit nicht mit schönheitschirurgischen Einzeleingriffen durch Architektur, sondern mit dem volkswirtschaftlichen Nutzen, der durch politisch klug regulierte Planungs- und Bauleistungen erzielt werden könnte.

Dieses Rechenspiel beginnt im Großen mit der Raumordnung und endet im Kleinen beim privaten Bauherren. „In keinem vergleichbaren Staat Europas herrscht auf nationaler Ebene ein derartiges Vakuum an siedlungspolitischer Kompetenz wie in Österreich“, schreibt etwa Raumplaner Reinhard Seiß.

Zersiedelung

Die ausgeprägte Zersiedelung verursache allein für die Errichtung und Erhaltung von technischen Infrastrukturen wie Straßen und Versorgungsleitungen Mehrkosten von 150 Millionen Euro pro Jahr. Dazu kämen soziale Folgekosten, die in Streusiedlungsgebieten rund 23 mal höher seien als in kompakten Siedlungskörpern.

Etwa die Hälfte aller neu errichteten Wohnungen sind frei stehende Einfamilienhäuser. Sie bedingen 87 Prozent des Flächenverbrauchs für neue Straßen. „Bedenkt man, dass gleichzeitig etwa ein Sechstel des Bauflächenbedarfs durch Flächenrevitalisierung gedeckt werden könnte, so erschließen sich politische Handlungsspielräume, die es zu nutzen gilt“, schlussfolgern im Kapitel „Nachhaltigkeit“ die Architekten Renate Hammer und Peter Holzer.

Apropos: Zwei Drittel des heimischen Baubestandes sind bauphysikalisch minderwertig, die Raumwärmeerzeugung ist für etwa 16 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. In zeitgemäß geplanten und ausgestatteten Neubauten, aber auch in adaptierten bestehenden Häusern lässt sich der Heizwärmebedarf auf ein Fünftel bis, im Extremfall, auf ein Zehntel reduzieren, was angesichts des Umstandes, dass Österreichs Energieaufkommen zu knapp 70 Prozent von Importen gedeckt wird, ebenfalls von volkswirtschaftlichem Interesse sein dürfte.

Doch die Bundespolitik macht - derweil - noch keine Anstalten, all diese elementaren Bausteine zu einem ressortübergreifenden nationalen Gesamtkonstrukt zusammenzufassen, wie es in anderen Nationen üblich ist. Seit sieben Jahren ist man beispielsweise allein schon damit befasst, die derzeit noch länderweise geordneten Bauvorschriften einer bundesweiten Vereinheitlichung zuzuführen. Mögliches Einsparungspotenzial laut einer Studie der Vereinigung industrieller Bauunternehmungen Österreichs: zehn bis 15 Prozent der Wohnbaukosten.

Diese und noch viele weitere Aspekte liegen nun in kompakter Aufbereitung vor - samt einer Vielzahl konkreter Vorschläge, wie Verbesserungen auf politischer Ebene umzusetzen seien. Initiiert wurde der Baukulturreport allerdings nicht seitens der Regierung, sondern von den Planern und Planerinnen selbst: Nach einer im Jahr 2004 von Architekten und Zivilingenieuren erwirkten parlamentarischen Enquete zum Thema Baukultur hatte das Parlament das Bundeskanzleramt schließlich mit der Beauftragung einer entsprechenden Studie betraut. Als Organisatorin trat die Arge Baukulturreport auf. Die legte die Studie wie vertraglich vereinbart bereits im Herbst vergangenen Jahres vor, allein es fand sich geraume Zeit regierungsweit niemand, der die Drucklegung zu finanzieren bereit war.

Derzeit existiert das Konvolut in einer Auflage von nur 600 Stück, weshalb die Arge Baukulturreport nun eine Online-Version mit Downloadmöglichkeit freigeschaltet hat.

Bürgerrecht auf intakte Umwelt
Finnland hat das ehrgeizigste Programm für Erhalt und Wertsteigerung des Baubestand

Internationale Vorbilder, wie das Baugeschehen nach ökonomischen und ökologischen Kriterien vorausschauend ablaufen kann, gibt es genug. So leistet man sich etwa in Großbritannien die Organisation Cabe, die die gesamte Regierung ressortübergreifend und projektbezogen berät. Schottland verfügt über eine „Architecture Policy Unit“ und hat etwa den Schulbau zum nationalen Anliegen erklärt. In Frankreich gilt ein eigenes „Architekturgesetz“ und in Deutschland formiert sich eben eine „Bundesstiftung Baukultur“ mit durchaus anspruchsvollen Zielen.

Am ehrgeizigsten ist Finnland. 1998 verabschiedete das Parlament einen Sieben-Punkte-Beschluss, in dem die Mechanismen von Architektur, Baukultur und Wirtschaft glasklar dargelegt werden. Das Architekturprogramm formuliert die Richtlinien „zum Schutz unseres architektonischen Erbes und zum Erhalt und zur Wertsteigerung des vorhandenen Baubestandes“. Es schreibt jedem Bürger das Grundrecht auf eine intakte Umwelt zu. Es ortet den Staat selbst als wichtigstes Vorbild für Nachhaltigkeit und optimiertes Bauen. Und es deklariert Architektur als zentrale und sinnlich wahrnehmbare Form von Kultur.

Weiters verankert es verpflichtend die fächerübergreifende Vermittlung von Baukultur im Ausbildungssystem und bekennt sich ausdrücklich zu Forschung und Experiment. Es geht so weit, „die Übereinstimmung der Qualifikation mit den Erfordernissen des jeweiligen Bauvorhabens“ von „allen am Planungsprozess Beteiligten“ zu fordern.

Um dieses Programm zur Anwendung zu bringen, wurde ein System von „Regionalarchitekten“ ins Leben gerufen, die den Gemeinden beratend zur Seite stehen. Denn: „Die ganzheitliche Kontrolle über den Planungs- und Bauprozess vom Entwurf bis zur Ausführung ist ein wesentlicher Teil im System der Verantwortlichkeiten, Kontinuität ist eine Vorbedingung für eventuelle Haftungsregelungen nach Beendigung des Bauvorhabens.“ Die finnische Regierung hält es für elementar, „dass diesen Gesichtspunkten bei der Weiterentwicklung des Bausektors besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird“.

Bleibt abzuwarten, ob ein ähnliches Streben nach Verantwortlichkeit und Kontinuität in Österreich politisch machbar sein wird.

23. Juni 2007 Der Standard

Penelope webt weiter

Als Kalifornier weiß der Architekt Eric Owen Moss, mit welchem Schmäh man das Publikum nehmen muss - hier wie dort.

Eric Owen Moss ist ein zaundürrer Bursche Mitte der 60, ein schlauer Fuchs und schwer zu greifen. Diese Woche war er in Wien zu Gast, unter anderem, um im Museum für angewandte Kunst (MAK) einen Vortrag mit dem schön verwirrend geschlungenen Titel „Too much is not enough“ zu halten. Wären wir, was wir selbstverständlich nicht sind, nämlich bösartige Lästermäuler, könnten wir diese These direkt auf Moss' Architektur anwenden: Viel zu viel, aber ist das wirklich genug? So einfach kann man es sich freilich nicht machen, also los:

Unter den Gebäuden der Architekturströmung, die man gemeinhin Dekonstruktivismus nennt, sind die Konstrukte des 1943 in Los Angeles geborenen Architekten sicherlich die krausesten. Also ehrlich: Manche seiner Werke sind wirklich absurd, das muss man sagen dürfen. Stahlteile biegen sich zu wirren Knäueln. Glasflächen schmelzen in kunstvollen Schichtungen quer über- und durcheinander. Duchdringungen, Auskragungen, Faltungen, wohin man blickt. Das Neue kombiniert er oft mit alter Bausubstanz, mit Industrie- und Gewerbearchitekturen aus Epochen, als das Sheddach noch Avantgarde war und Fensteröffnungen so etwas wie einen Rhythmus aufwiesen.

Moss bemächtigt sich dieser alten Gemäuer auf eine völlig unbefangene Weise. Er spaltet sie, zum Beispiel im Falle des „Queens Museum of Art“ in New York (2001), und lässt durch den gewonnenen Freiraum eine Art Lavastrom aus gekrümmtem Glas rinnen. Er bemächtigt sich ihrer, indem er etwas, das man als architektonischen Hausschwamm oder Spaltpilz bezeichnen könnte, und das ebenfalls großteils aus Stahl und Glas konstruiert ist, aus der Fassadenkante hervorwuchern lässt, wie im Falle eines seiner bekanntesten Projekte, des „Umbrella“ in Culver City (1996).

Angesichts dieser aberwitzig komplizierten Konstruktionen dürften die Mitarbeiter der ausführenden Unternehmen regelmäßig in den kreativen Halbwahnsinn getrieben werden, doch darauf angesprochen gackert Moss nur kurz und erfreut auf, um sofort wieder in die professionelle Show-Man-Rolle zu schlüpfen, die zeitgenössische Architekturprimadonnen heutzutage einmal besser, einmal schlechter beherrschen. Er als Amerikaner zählt diesbezüglich zu den Besseren, und er ist noch dazu Kalifornier, wo die Show ein überlebensnotwendiges Mittel zum Zweck ist.

Klar! Diese Konstruktionen seien zweifelsfrei nicht ohne, doch immer wieder könne bewiesen werden, dass so gut wie alles in der Architektur möglich sei - und das ist, zum Beispiel, einer der Erklärungsansätze seiner Arbeiten.

Die experimentelle Architektur, so der smarte Los Angelino, habe sich in den vergangenen Jahrzehnten im Pakt mit einer gleichermaßen experimentierfreudigen Industrie anzufreunden begonnen. Noch vor zwanzig Jahren, da stand man gemeinsam mit ein paar anderen, die die Architektur ebenfalls weiterentwickeln und zu einer neuen Formensprache bringen wollten, noch ziemlich aufgeschmissen da, was Bauherren, Investoren und ausführende Unternehmen anlangte. Mittlerweile, so Moss, sei es überhaupt nicht mehr schwierig, weltweit Auftraggeber zu finden, die in das Experiment, in das Außergewöhnliche investieren wollten.

Warum? Weil Architektur Orte markieren und unverwechselbar machen kann. Im flachen Einheitshausgebräu von Los Angeles zum Beispiel ist diese Tatsache für Investoren Anreiz genug. Moss' wichtigster Bauherr ist Frederick Semitaur Smith, der vor langer Zeit ein groß angelegtes Investment in Culver City mitten in L.A. in Angriff nahm: Er wollte ein heruntergekommenes Viertel, das allerdings strategisch perfekt in der Stadt lag, neu entwickeln. Das Mittel zum Zweck war Architektur, und zwar jene der Aufsehen erregenden Art. Er griff sich mit Eric Owen Moss den perfekten Partner.

Mittlerweile plant - oder designt er Projekte weltweit: etwa für Almaty, Kasachstan, einen multifunktionalen 126.000-Quadratmeter-Komplex, für Guangzhou in China ein Museum, das er als „Berg mit vier Spitzen“ charakterisiert, für St. Petersburg eine Erweiterung des Mariinskij-Theaters.

Auf die Frage, ob sich manch Dekonstruktivistenkollege durch die ewige Wiederholung desselben Themas nicht langsam in Fadesse auflöse, meint er, man müsse das schon auch verstehen: „Man arbeitet an diesen Lösungen, braucht Jahre, um sie zu finden, dann wird es immer einfacher und logischer, und dann verwendet man diese Formen eben weiter.“

Genau das will er allerdings in seinem OEuvre explizit vermeiden. Und um mit seinen Ansatz mit dem europäischen, diesenfalls mit dem Wiener Publikum in Austausch zu treten, befleißigt er sich der in dieser Weltgegend - zumindest noch teilweise - hochgehaltenen Kultur humanistischen Gedankenguts und spinnt die „Theorie der Penelope“, umgemünzt auf Architektur, weiter: Die hatte in Erwartung ihres Gemahls Odysseus bekanntlich zu einem Trick gegriffen, um sich die Freier vom Hals zu halten. Sie hatte begonnen einen Teppich zu weben. Sobald der fertig sei, so ihr Versprechen, würde sie einen der potenziellen, aber unerwünschten Freier zum Mann nehmen. Was sie untertags webte, trennte sie in der Nacht wieder auf. Man müsse, so Moss, die Architektur ähnlich begreifen und stets von vorn beginnen.

In einer Stadt wie Los Angeles, die sich an allen ihren vielen und ausgedehnten Ecken und Enden neu definiert, neu strukturiert und völlig neu aufsetzt, funktioniert das recht gut. Doch selbst ein Experimentierwüterich wie Moss würde das gleiche Prinzip auf eine Stadt wie beispielsweise Wien nie anwenden. Wien, so sagt er, sei stabil, habe sich gefunden, habe eine klare Identität. Natürlich könnten auch hier experimentellere Gebäude dem einen oder anderen Stadtteil gut tun, doch in Maßen bitte. Begrüßenswert sei jedoch der internationale Austausch, den man hier seit geraumer Zeit pflege - zum Beispiel im MAK oder in der Architekturabteilung der Universität für angewandte Kunst. Dort gebe es mit MAK-Chef Peter Noever und Architektur-Häuptling Wolf D. Prix jene Penelopen, die dazu beitrügen, Wien ein wenig lebendiger zu machen.

16. Juni 2007 Der Standard

Ruhe bitte

Kommende Woche müssen die Vögel ihre Schnäbel halten, wenn im niederösterreichischen Schlosspark von Grafenegg die wohl außergewöhnlichste Freiluftbühne der Nation mit einem Festkonzert eröffnet wird.

Die Nacht des kommenden Freitag wird nur unwesentlich länger sein als die des Vortags, welchselbige auf den 21. Juni fällt und somit die kürzeste des Jahres ist. Mit anderen Worten: Es wird am Freitag, wenn das Festkonzert in Grafenegg beginnt, noch lange genug hell sein, um die neue Freiluftbühne der Architekten-ARGE the next ENTERprise + Land in Sicht in allen Schattierungen des Sonnenuntergangs und der Dämmerung ausgiebig betrachten zu können.

Währenddessen darf gelauscht werden: den Klängen des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, den Sangeskünsten von Genia Kühmeier, Johan Botha und Bryn Terfel, der Virtuosität der Herren Julian Rachlin an Violine und Viola und Rudolf Buchbinder am Klavier, und sie alle - nicht zu vergessen - werden gelenkt vom Dirigenten Alfred Eschwé. Was für ein prächtiger akustischer Blumenstrauß für die Eröffnung eines Gebäudes!

Das Ambiente selbst ist ebenfalls spektakulär - nicht zuletzt, weil wir uns ausgerechnet in Niederösterreich befinden. Denn dieses schöne Bundesland ist, was qualitätsvolle zeitgenössische Architektur anlangt, vergleichsweise ein wenig im Hintertreffen, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Doch hier soll keineswegs wieder einmal die Rede sein von den unverständlicherweise immer noch allerorten emporwachsenden übelsten Wohnsilos der Nation und anderem zeitgenössischen Grauen, sondern von einem Stück engagierter Kultur, das hiermit vollendet ist.

Die Openair-Bühne trägt den Namen Wolkenturm und befindet sich inmitten des historischen Schlossparks von Grafenegg, nicht allzu weit von Wien. Dieser Park selbst liegt wie eine grüne Wolke in der Glätte weiter Felder, und wenn man sich auf der sympathisch schmalen Landstraße nähert, kann man das neue Gebäude zwischen den hohen alten Bäumen erst nur erahnen. Denn es versteht sich als Teil des Ganzen, es will den Park nicht dominieren, sondern mit dieser kunstvoll seit Jahrhunderten gepflegten Landschaft verschmelzen und darin einen neuen, zeitgenössischen Höhepunkt bilden. Deshalb ist es nicht höher als die höchsten Bäume, es ist sozusagen ein Transformierter der ihren.

Das Projekt ging als Kooperation zwischen „Privat“ und „Öffentlich“ über die Bühne; Public Private Partnership nennt man das dieser Tage. Seine Bauherren sind die Hausherrenfamilie Metternich-Sándor, die Grund und Infrastruktur bereitstellte, und das Land Niederösterreich, das die Investitionsmittel lieferte. Der Standort ist fürstlich, das Schloss ein historistischer Augenschmaus, der Park nicht enden wollend, die Location - um in die Sprache des Kulturmanagements zu schlenkern - mehr als hoffnungsvoll. Ab heurigem Sommer wird es hier ein neues Musikfestival unter der künstlerischen Leitung Rudolf Buchbinders geben, bis 2008 wird ein weiterer Konzertsaal am Parkesrand fertig gestellt sein und das niederösterreichische Tonkünstler-Orchester seine neue Sommerresidenz beziehen.

Der Wolkenturm wird also nicht lange auf Besucher warten, und wer freien Sinnes und frohen Gemütes ist, wird eine große Freude an ihm haben. Und wer sich an dieser Stelle lieber einen laubsägeziselierten Parkpavillon traditioneller Provenienz gewünscht hat, ist in anderen Orten Niederösterreichs ohnehin der Qual der Wahl ausgesetzt.

Man nähert sich dem Konstrukt zu Fuß über sanfte Wege und bemerkt alsbald, dass hier ordentlich in der Erde gewühlt wurde. Die Besuchertribünen sind teils eingegraben, die Ränder laufen in grünen Hängen in die Parklandschaft aus. Den Besucherstrom leiten gewissermaßen breite Kanäle in das Halbrund, dessen Zentrum der Turm und die von ihm umfangene Höhlung des Bühnenraumes bildet.

Ein Großteil des Gebäudes ist aus Beton gegossen, und Fachleute werden interessiert an den scharfen Verkantungen und Ecken zu fummeln beginnen - denn die sind ein Kunststück für sich. So leicht und wolkenflockig das Teil nun im Park steht, so aufwändig und kompliziert ist seine Konstruktion.

Es empfiehlt sich, bereits ein Weilchen vor dem Konzert einzutreffen, um die Bühnenlandschaft zu umrunden, die unterschiedlichen Blickbezüge und -achsen zu studieren und die Freiluftbühne von nah und fern genau zu betrachten. Das ist im Übrigen auch jenen unbenommen, die außerhalb der Konzerttermine hierher kommen, um beispielsweise ein Picknick zu veranstalten oder einfach in die Baumwipfel zu starren. Denn der Wolkenturm ist an den meisten Tagen des Jahres als Element des Parks sich selbst genug. Er wird nicht ständig bespielt, steht aber allen Besuchern offen. Das gilt allerdings nicht für sein Innenleben, in dem sich Künstlerzimmer, Klavierdepots und andere dienende Räumlichkeiten befinden, die man im Hintergrund für konzertante Tätigkeiten benötigt.

Wie die Qualitäten der Akustik beschaffen sind, wird sich erst am Abend der Eröffnung erweisen. Doch gröbere Sorgen sollte man sich ohnehin nicht machen müssen, da das wohl renommierteste europäische Akustik-Unternehmen, Müller-BBM aus Bayern, die Akkorde der architektonischen Komposition begleitet hat. Eine schwierige Aufgabe, denn die Künstler müssen ohne technische Verstärkung zur Geltung kommen, noch dazu im Freien und vor dem nicht geschlossenen Volumen von 1650 Sitzplätzen.

Die ARGE the next ENTERprise + Land in Sicht heißt aufgeschlüsselt mit Namen Marie-Therese Harnoncourt und Ernst Fuchs sowie Thomas Proksch und hatte den Auftrag im Rahmen eines Wettbewerbsverfahrens zugesprochen bekommen. Marie-Therese Harnoncourt erklärt, wie sie an den Entwurf herangingen: „Wir mussten eine ohnehin an dieser Stelle bestehende Mulde nur noch etwas auskratzen und die Topografie mit künstlichen Hügeln, wie sie im Landschaftsgarten Tradition haben, verstärken.“ Die extravagante Form des Turmes ergab sich aus einer Analyse der Blickachsen, etwa zwischen dem Tor und dem Schloss. Harnoncourt: „Wir haben Bezugsfelder aufgebaut und dadurch Liniengeflechte erhalten, die in die dritte Dimension transformiert wurden.“

Bereits im 19. Jahrhundert hatten die englischen Landschaftsgärtner genau damit gearbeitet: mit strukturierenden Baumgruppen und Wiesenfreiräumen, mit Pavillons und anderen Blickbezügen. So betrachtet setzen Grafenegg und Niederösterreich mit einem avantgardistischen Akzent eine jahrhundertealte Tradition fort, die anderswo in gelackter Historie längst abgestorben ist.

19. Mai 2007 Der Standard

Wann, wenn nicht jetzt

Anlässlich der Verleihung des Mies-van-der-Rohe-Architekturpreises der EU entspann sich in Barcelona eine Debatte über Sein und Schein - und die wird immer heftiger.

Vergangenen Montag wurde in Barcelona der 10. Architekturpreis der EU übergeben. Schauplatz war einmal mehr Mies van der Rohes zeitlos eleganter Weltausstellungspavillon, das Publikum erschien selbstverständlich großteils in architektonischem Schwarz und frisch gegossen, weil eben ein Hagelgewitter die Stadt überwältigt hatte.

Der Mies-van-der-Rohe-Award geht heuer in sein 20. Jahr, er wird biennal vergeben, wiegt 50.000 Euro und gilt als die wichtigste Auszeichnung für gute Bauten innerhalb der Europäischen Union. Das gab Anlass, die Preisverleihungszeremonie ein wenig breiter anzulegen, unter anderem gewürzt mit einer Podiumsdiskussion über die Sinnhaftigkeit der Auszeichnung selbst.

Doch zuerst zu den Gewinnern: Die kommen heuer aus Spanien, heißen Luis M. Mansilla und Emilio Tunón, sind hierzulande so gut wie unbekannt und haben in der Stadt León ein Museum für zeitgenössische Kunst mit Namen Musac gebaut. Das Gebäude, so die Begründung der Jury, sei vor allem wegen seines räumlichen Raffinements und die sich dadurch ergebende Raum- und Wegeführungsökonomie sowie die behutsame Implantation in ein gewachsenes Stadtgefüge als richtungsweisend für die künftige europäische Architektur zu bewerten. „Allein von Bildern und Plänen aus betrachtet“, so Richard Burdett als Vorsitzender des Gremiums, „heißt das Ding nicht viel. Niemand hätte anfangs gedacht, dass das Projekt auch nur in die engere Wahl kommen würde.“ Doch durch diese Räume müsse man gehen, um das System und seine Intelligenz zu begreifen, denn Architektur allein als Image, als Bild zu betrachten, habe sich noch immer als unzulänglich erwiesen.

Womit wir mitten in einem der Hauptthemen wären, die das Panel der vorhin erwähnten Podiumsdiskussion beschäftigten, und das allen Architekten wohl bekannt ist: Worum muss es in der Architektur gehen? Um gut fotografierbares Image, um das Ikonische - oder um Inhalt?

Gerade am Mies-Preis dürfte sich das vorzüglich festmachen lassen. Denn hinter der Organisation stecken nicht nur die EU und die Mies-Foundation, sondern auch allerlei potente Sponsoren aus Bankenwesen und Industrie. Und so nimmt es keinen wunder, dass so mancher Eingeweihte am Rande der Festivität an den seinerseits diesbezüglich durchaus gelassenen Juryvorsitzenden Burdett herantrat, um scherzend quasi beiläufig einzuflechten, dass dieser hier mit Sicherheit sein letzter Auftritt als Jury-Chef gewesen sei. Mit Ben van Berkels Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart oder Zaha Hadids Phaeno-Experimentierlandschaft in der VW-Stadt Wolfsburg, ja damit wären die Sponsoren hoch zufrieden gewesen. Ein urbanes Projekt im spanischen Hinterland zu wählen, sei jedoch gewissermaßen ein Akt der Subversion.

Wie unappetitlich! Doch die Architekten funktionieren letztlich genau nach demselben Schema, also hat keiner dem anderen viel vorzuwerfen. Durch die Familie der weltbekannten Planer und Planerinnen ziehen sich tiefe Klüfte, über die hinweg man sich mit Geifer, Spott und Neid beflegelt. Dabei geht es nicht um Glaubenskriege, welche denn die bessere Architektur sei, sondern um Schulen, Freundschaften, Verbindlichkeiten - und um Aufträge.

Doch das scheint seit jeher ähnlich gewesen zu sein, weshalb wir uns detailliertere Ausführungen sparen, weil sie außerhalb der Szene ohnehin keinen interessieren. Viel interessanter und aufschlussreicher waren hingegen die Auftritte der offiziellen Prominenz aus der Politik, die, wie üblich, an in Floskeln gegossener Unbedarftheit nicht zu überbieten waren. Architektur wurde wieder einmal als Kunstform vorgeführt.

Die unter anderem auch für die offenbar noch als Randthema erachtete Architektur zuständige EU-Abgesandte demonstrierte ihr gründliches Desinteresse durch gelangweiltes Fußwippen und Den-Park-durch-Glasscheiben-Betrachten, während die neben ihr auf dem Podium versammelte Architektenschaft um Diskussionsinhalte rang. Zu Wort gekommen hob sie freundlich lächelnd zumalen die EU-weit steigende Bedeutung der „Creative Industries“ hervor, die immerhin im Schnitt mittlerweile 2,7 der Bruttoinlandsprodukte ausmachten.

Ja - und? Was hat das denn mit Architektur zu tun? Alles Werbegrafik, oder was? Wenn die EU-Architekturpolitik, so sie überhaupt über Preis-Sponsorentum hinausgeht, die Architektur in diese Ecke stellt, liegt sie komplett daneben. „Ich werde diese Debatte nun wie ein Investor anlegen“, witzelte denn auch Diskussionsleiter Burdett süffisant, „und kurzerhand auf einen 50-Prozent-Abschlag pochen. Die Redezeit wird ab sofort von fünf auf zweieinhalb Minuten herabgesetzt.“

Denn das ist die Sprache des Bauens heute, die jeder sprechen muss, der Fundamente in die Erde kriegen will. Und das ist das Thema, das die Architektur als Teil der Bauindustrie (jawohl) auch zu einem guten Teil zu interessieren hat, wenn nicht nur Häuser gebaut, sondern vernünftiger, sparsamer, funktionierender - und zuletzt auch noch „schöner“ Lebens- und Arbeitsraum geschaffen werden soll.

Ohne gute Auftraggeber, meinte etwa Ellen van Loon, Partnerin von Rem Koolhaas, sei da wenig auszurichten. Doch gerade auf dem privaten, nicht-kommunalen Sektor, so Burdett, habe man mittlerweile genau erkannt, dass Architektur als Investment zu betrachten sei, das in vielen, auch kommerziellen und in Geld zu messenden Bereichen als gut funktionierendes Betriebsmittel anzusehen sei. Tatsächlich wären heutzutage immer mehr Investoren schon allein aus kühl-betriebswirtschaftlicher Kalkulation heraus dazu bereit, für die Entstehungskosten um zehn bis im Extremfall 30 Prozent tiefer in die Tasche zu greifen. Ja, bitte, mehr davon.

Um einen zugegebenermaßen etwas abgedroschenen, aber bildhaften Vergleich anzustellen: Ein Haus kann wie ein vielleicht ganz prominent anzuschauender Oldtimer daherkommen, oder wie ein spritfressender Angeberbolide - jeder klar Denkende wird sich aber viel eher ein ökonomisch optimiertes, sparsames Gefährt zulegen, das noch dazu schnittig in der Kurve liegt und über ein verlässliches Navigationssystem verfügt.

Bei Gebäuden zahlen sich derlei Investitionen über den Lebenszyklus betrachtet in jedem Fall aus, wenn die internen Abläufe wie geschmiert funktionieren, die Betriebskosten niedrig bleiben und noch dazu die Atmosphäre dank geringerer CO2-Belastung aufatmen kann. Etwa 70 Prozent des CO2-Ausstoßes sind Immobilien anzulasten. Wann, wenn nicht jetzt, müssen Bauindustrie, Investoren - und die Politik darauf reagieren. Dass die Architektur in Kooperation mit einer guten Bauindustrie und verantwortungsbewussten Auftraggebern diese schwierige Aufgabe zu stemmen imstande ist, hat sie hinlänglich bewiesen.

Bleibt noch der Hinweis auf den ebenfalls am Montag verliehenen Preis für die besten Nachwuchsarchitekten Europas. Die kommen aus einem ganz jungen EU-Mitgliedsland, und zwar der Slowenien, heißen Matija Bevk und Vasa J. Perovic und haben der Mathematikfakultät der Universität in Ljubljana einen gekonnten Aufbau verpasst. „Wir sind glücklich über den Preis“, meinten die beiden, „wir wollen aber nicht vergessen, auf unsere Auftraggeber und die vielen Kollegen in unserem Land hinzuweisen, die alle um Qualität bemüht sind, was, wie wir genau wissen, nur gemeinsam geht.“

„Warum nur“, fragte sich Richard Burdett am Rande des Geschehens, „kriegen Preise wie dieser so große mediale Aufmerksamkeit, während die eigentlichen Anstrengungen und Leistungen der Architekten keinen so wirklich zu interessieren scheinen.“

28. April 2007 Der Standard

Bonbon für den Gürtel

Die alte Stollwerck-Fabrik in Wien wurde revitalisiert. Die Zutaten: privates Engagement, genaue Grundlagenstudie und eine kräftige Prise Liebe zum Projekt.

An manchen Ecken Wiens kann man noch ablesen, wie es - wie man so leichthin sagt - früher einmal war. Wie sich in der Stadt das Arbeiten und Wohnen mischten, als kleine Gewerbebetriebe und große Fabriken nebeneinander existierten und gemeinsam Leben und Erscheinungsbild eines Grätzels formten. Solche Gegenden sind geprägt von Hinterhöfen und Arbeitsrampen, von großen und kleinen Industriegebäuden, man sieht unterschiedlich hohe Bebauungen und riecht Duftmelangen von Schmieröl, verarbeitetem Metall und frischen Backwaren.

Eine dieser Ecken Wiens befindet sich im Bereich um den Gaudenzdorfer Gürtel, die Margaretenstraße und die Wienzeile. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war diese Gegend, wie man heute sagen würde, ein Stadtentwicklungsgebiet ersten Ranges. Der Reihe nach entstanden teils sehr großformatige Gebäude, wie die Hauptfeuerwache und die prächtige Zentralberufsschule, die das Stadtbild dort bis heute durchaus günstig dominieren. In der Mitte als herausgeputztes Krönchen: Otto Wagners Stadtbahnstation.

Ein weiteres bemerkenswertes Haus befindet sich am Gaudenzdorfer Gürtel Nummer 43-45 und wurde seinerzeit von der renommierten und wegen ihrer süßen Produkte sehr beliebten Kölner Schokoladefabrik der Gebrüder Stollwerck als Lager- und Bürogebäude errichtet. Als Architekt zeichnete Rudolf Krausz verantwortlich. Als gewohnt profilierter Kenner der heimischen Architektur des 20. Jahrhunderts beschreibt Friedrich Achleitner das Haus der „Schokoladefabrik“ so: „Ein besonders schöner, klar konzipierter Eisenbetonbau aus der frühen Pionierzeit, bei dem bereits die reine Struktur zum bestimmenden Element der Fassade wurde.“ Tatsächlich: wenig Zuckerguss über puristischen Zutaten.

Neuerdings leuchtet besagte Fassade aus der langen Gürtelfront frisch herausgeputzt deutlich hervor: Nach vielen Jahren eher grau-traurigen Vergammelns präsentiert sich das gesamte Ensemble nun restauriert und mit neuem, flott-urbanem Leben befüllt. Aus der alten Zuckerl- und Schokoladefabrik entstand ein angenehm ungeschleckter, undesignter Gewerbebau, in dem Filmunternehmen, Künstlerinnen und Künstler, Fotografinnen, Galeristen und Theatermenschen ihren Werkestätigkeiten nachgehen.

Auch derjenige, der als privater Investor die Revitalisierung verantwortet, residiert mit seinem Unternehmen hier: Walter Asmus hat als Projektentwickler deutliche Liebe zu Architektur und Baugeschichte bewiesen, er hat das alte, verrottete Gebäude jahrelang gewissermaßen umstreift und darum geworben, bis die Zeichen schließlich günstig standen und er es um 2,9 Millionen Euro (plus Nebenkosten) erwerben und um weitere 1,5 Millionen revitalisieren konnte. Zuletzt hatte das Ensemble der Handelskette Adeg gehört, die ihrerseits aufgekauft wurde und ihren Immobilienbesitz neu organisierte, und es ist durchaus als Glücksfall zu werten, dass hier ein privater Liebhaber alter Gemäuer zugriff und nicht eines jener großen Immobilienunternehmen, die vorzugsweise mit Abrissbirnen und Bürohausplanungen zugange sind.

Denn dieses Haus hätte ganz leicht abgerissen werden können. Es steht nicht unter Denkmalschutz, und es ist auch nicht eines dieser brillanten, auffälligen Industriejuwele, die Baugeschichte geschrieben haben. Aber es ist ein ausgesprochen charmantes Beispiel ganz früher Eisenbetonarchitektur jener Prägung, wie es nur noch wenige in Wien gibt. Gut, dass es erhalten wurde, und gut, dass es nicht umgebaut, sondern lediglich von den Ablagerungen und Einbauten vieler Jahrzehnte befreit wurde.

Auf 5000 Quadratmeter Nutzfläche stehen nun prächtige Gewerbelofts mit den charakteristischen Eisenbetonstützen und -trägern im großzügigen Raster zur Verfügung. Die Belichtung - und das ist einer der Hauptvorzüge der Anlage - erfolgt fast überall von zumindest zwei Seiten. Den einzigen Wermutstropfen stellen die Fenster der Gürtelfassade dar: Die alten Industriefenster wurden seinerzeit bereits von Adeg ausgetauscht, was bedauerlich, aber unabänderlich ist, doch auch mit den neuen, zwar nicht so schönen, aber zugegebenermaßen praktischeren Fenstern kann man durchaus leben.

Walter Asmus, der selbst kein Architekt ist, bewies Sorgfalt und gutes Gefühl im Umgang mit der Substanz: Bevor er überhaupt Hand an das Zuckerlhaus legte, setzte er sich mit dem Denkmalamt in Verbindung und beauftragte den Kunsthistoriker und architekturgeschichtlich mit der Entstehungszeit bewanderten Markus Kristan mit einer umfassenden Recherche. Der fand unter anderen zahllosen interessanten Details etwa heraus, dass auch Josef Plecnik im Jahr 1910 einen Fassadenentwurf geliefert hatte, der aber wegen zu radikaler Modernität behördlich abgelehnt worden war.

Die Lofts selbst wurden „nackt“ an ihre Nutzer verkauft (Quadratmeterpreis je nach Lage von 900 bis 1350 Euro) und in Eigenregie ausgestattet. Alle sozusagen öffentlichen Details, wie das alte Eingangsportal oder das geräumige Stiegenhaus samt historischen Geländern sowie die gesamte Gebäudesubstanz wurden ohne Schnickschnack nach Möglichkeit in ihren Originalzustand versetzt und natürlich mit zeitgemäßer Haustechnik versorgt. Man ging so weit, alle aufgefundenen alten Steinfliesen, die zu erhalten waren, einzeln abzulösen und im Stiegenhaus neu zu verlegen. Auch der vormals völlig zugemüllte Keller wurde ausgeräumt, von Zwischenwänden befreit und zu einer Garage umfunktioniert.

Das gesamte Projekt kam übrigens ohne einen Cent Förderungsmitteln aus, dafür genehmigten die baubewilligenden Behörden etwas geräumigere Balkone im Hofbereich, wo sie im Übrigen ohnehin keine Menschenseele im Geringsten irritieren. Apropos: Auch die Dachzonen erhielten jene Art von begrünbaren Dachterrassen, für die private Stadtgärtner Morde zu begehen bereit sind. Das oberbelichtete Dachgeschoß mit seinen, wie Markus Kristan es nennt, „an Kleiderbügel erinnernden“ Eisenbetonträgern ist jetzt, vom Müll befreit und sauber geputzt, ein Zuckerl von einem Saal. Und ganz unten wird demnächst in einem ebenfalls klaren, großen, unkapriziösen Raum die Kinderoper Piccolino eine neue Aufführungsstätte beziehen.

Kurzum: Hier ist, abseits von Trubel und Architekturtrara, von Stadtentwicklungs- und Bauindustriegetöse, von privatem Willen und Risiko getragen, ein schönes und engagiertes Projekt fertig geworden, an dem nicht nur seine Benutzer, sondern auch alle, die täglich am Gürtel daran vorbeistauen, eine Freude haben können

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag