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31. März 2007 Der Standard

Herzstücke am Fließband

Pulsierendes Shopping-Leben in alten Stadtzentren verspricht Europas größter Mall-Bauer ECE. Wo historische Substanz fehlt, wird sie - wie eben in Braunschweig - ruck, zuck rekonstruiert. Nächste Stationen: Innenstadt Graz und Westbahnhof Wien

Die historische Stadt - sie ist unser europäisches Erbe. Und ja! - wir sind unendlich stolz darauf. Denn wir sind ein Kulturkontinent, und aus der Höhe dieses Erbes pflegen wir arrogant herabzublicken auf die amerikanische Mall-Unkultur an den Peripherien der US-Städte, auf diese traditionslosen Shoppingtempel stumpfen Fritten- und Fetzenkonsums.

Denn wir Europäer sind ganz anders, wir shoppen nicht in Tempeln, sondern in Schlössern - oder der zumindest in Konstruktionen, die vorgeben, solche zu sein.

Wie zum Beispiel in Braunschweig, einer Stadt großer Tradition und provinzieller Gegenwart. Dort wurde vergangenen Donnerstag eines der absurdesten Projekte der europäischen Baugeschichte eröffnet: Wo einst das klassizistische Stadtschloss stand, erhebt sich nun, in Sandstein rekonstruiert, dessen Fassade. Ein denkmalpflegerisches Fiasko. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein gewaltiges Shopping-Zentrum mit etwa 35.000 Quadratmetern, knapp 15.000 weitere Quadratmeter sind feigenblattartig städtischen Kultureinrichtungen wie der Stadtbibliothek vorbehalten. Die zuständigen Stadtplaner schwärmen reichlich unverfroren von der Symbiose zwischen Hochkultur und Kommerz.

Dabei war das Projekt von Beginn an höchst umstritten. Eine „skandalöse Vermischung von Kulissenarchitektur und Kommerznotwendigkeiten“, ortete wutschnaubend der Kunsthistoriker Nikolaus Bernau, ein „Königreich namens Konsum“ der Zeit-Architekturkritiker Hanno Rauterberg. „Ganz Europa lacht über uns“, sagt der Braunschweiger Architekt Holger Pump-Uhlmann.

Das Unternehmen, das hier im Dienste der Rendite Rekonstruktionsarchäologie betrieb, ist Europas größter Shoppingmall-Spezialist. Die Hamburger ECE Projektmanagement G.m.b.H. & Co. KG setzt nach eigenen Angaben mit 90 Malls und 9200 Mietpartnern 10,4 Milliarden Euro um. 20 weitere Projekte befinden sich in der Pipeline. Dazu gehören zwei in Österreich: Graz soll bis 2009 mit der StadtGalerie in der Annenstraße ein „neues Herzstück“ bekommen, und in Wien wird die ECE die „Projektoptimierung und Vermietung“ des denkmalgeschützten Westbahnhofs übernehmen. Geplanter Start ist 2008. Die City-Arkaden in Klagenfurt wurden bereits im Vorjahr eröffnet.

ECE-Boss Alexander Otto, 39-jähriger Spross der gleichnamigen Handelskette, bezeichnet die Shoppingmall zu Braunschweig nun als „eines der spektakulärsten Wiederaufbauprojekte in Deutschland“ und will die Kulissenschieberei als „neues Wahrzeichen“ der Stadt und als „Schloss für alle Bürger“ verstanden wissen. Eine Shoppingmall hinter schamlos gefälschten Fassaden als Wahrzeichen im Herzen der historischen Stadt zu empfinden bedeutet den kulturellen Niedergang der Sonderklasse.

Den Hamburger Einkaufsprofis ist - auf den ersten Blick - kaum ein Vorwurf zu machen. Sie gehen höchst erfolgreich und professionell ihrem Geschäft nach. Erstaunlich ist allerdings, wie bereitwillig sich Stadtplaner und Stadtverantwortliche dem Kommerzdenken unterwerfen. Denn sie handeln mit einem Gut, das sie lediglich verwalten, das ihnen aber nicht gehört: mit der Aura und der Authentizität der oftmals über Jahrhunderte gewachsenen Stadt. Sie operieren quasi mit der Axt am offenen Herz.

So sieht das auch eine ganze Riege von Architekten, Stadtplanern und Kunsthistorikern, die angesichts des heuschreckenartigen Abgrasens der Innenstädte vor Kurzem das ausgesprochen empfehlenswerte Buch Angriff auf die City (Verlag Droste) herausgebracht haben.

Mitherausgeber, der Architekt Walter Brune, der Erfahrung mit behutsam implantierten Einkaufszonen im gewachsenen Ensemble hat und deshalb genau weiß, worum es geht, schreibt darin: „Auch die Investoren, die euphorisch erklären, sie wollten mit ihren Projekten die Innenstädte beleben, sind nichts anderes als Pharisäer, die in Wirklichkeit genau das Gegenteil des Gesagten verursachen, und sie wissen dies. Um ihre Konzerne immer größer wachsen zu lassen, werden die Zentren der Innenstädte skrupellos von guten Einzelhandelsgeschäften leergefegt.“

Unappetitlich sei, so Brune, auch die Strategie der öffentlichen Meinungsbildung über Anzeigenkampagnen, also die „geübte Praxis, in einer örtlichen Zeitung über einen Zeitraum von zwei Jahren nach der Eröffnung bis zu 500 ganzseitige Anzeigen für eine positive Berichterstattung zu schalten“. Denn: „Auch teure Anzeigenkampagnen gehören immer zum Handwerk der Projektentwicklung.“ Gegenüber der Wochenzeitschrift Die Zeit meinte der 80-jährige Architekt: „Ich bin ein Wissender, und ich bin wütend. Die Politiker machen Städte, die in 1000 Jahren gewachsen sind, in wenigen Jahren kaputt.“

Tatsächlich hat sich anhand anderer neuer innenstädtischer „Herzen“ erwiesen, dass traditionelle Einkaufsstraßen nach deren Implantation deutliche Pulsverlangsamungen erfahren mussten. Nach der Eröffnung des ECE-„Schlosspark-Zentrums“ in Schwerin musste laut einer Studie der Universität Greifswald der umliegende Einzelhandel Umsatzeinbußen von durchschnittlich 39 Prozent hinnehmen. Die Leerstände in der Innenstadt verdoppelten sich innerhalb von zwei Jahren auf 6800 Quadratmeter.

Es erstaunt nicht weiter, dass die Otto-Tochter die Publikation „Angriff auf die City“ als Frontalattacke auf sich selbst empfand und mit einer stattlichen Riege von gleich zehn Anwälten gegen eine Anwältin des Verlags zur Klage schritt. Von 58 strittigen Punkten bekam man jedoch lediglich in sieben Recht. Teilweise handle es sich dabei allerdings um Sachverhalte, die sich während der Drucklegung verändert hatten, gibt Mitherausgeber und Architekt Holger Pump-Uhlmann zu bedenken. In seinem Kapitel über das Braunschweiger Stadtschloss schreibt er: „Die Bebauung des Schlossparks mit einem 800.000 Kubikmeter großen Bauvolumen sprengt den vorhandenen städtebaulichen Maßstab Braunschweigs und beeinträchtigt die Wohn- und Lebensqualität der in Parknähe lebenden Menschen.“ Das gesamte Bauunterfangen war von diversen Prozessen begleitet, die jedoch allesamt abschlägig behandelt wurden, was, wie der Architekt meint, das „Rechtsempfinden vieler Bürger der Stadt schwer verletzt“ habe. Laut einer Umfrage im Jahr 2005 hatten sich 71 Prozent der Braunschweiger gegen das Projekt ausgesprochen, lediglich zwölf Prozent befürworteten es. Die Studie, so Pump-Uhlmann, wurde wohlweislich unter Verschluss gehalten.

Übrigens hatte es zu Beginn sogar einen Architekturwettbewerb für die Braunschweiger-Schloss-Expedition in die Vergangenheit gegeben, den die renommierten Architekten Grazioli-Muthesius gewannen. Heute ist von ihnen nirgendwo mehr die Rede.

Wie die Zukunft des denkmalgeschützten Wiener Westbahnhofs ausschauen wird, dessen Umfeld ebenfalls nach den Resultaten eines längst gelaufenen Wettbewerbs entwickelt werden soll, bleibt derweil offen. Neumann & Steiner hatten mit ihrem Entwurf überzeugt, laut Heinz Neumann laufen die Gespräche mit der ECE derzeit bereits auf Hochtouren und seien als „höchst professionell“ zu bewerten.

Abschließend darf bemerkt werden, dass die von der Architekturgilde oft als zu rigid, zu streng, zu altmodisch beurteilten heimischen Denkmalschützer tatsächlich nicht kräftig genug unterstützt werden können. Denn wenn schon nicht die Stadtplaner, so haben wenigsten sie bis dato dafür gesorgt, dass ähnliche Fiaskos, wie sie manche bundesdeutsche Stadtzentren in jüngerer Vergangenheit hinnehmen mussten, vermieden wurden.

24. März 2007 Der Standard

Einer für alle, alle für einen

Architektur und Städtebau müssen Res publica, also Gemeinschaftssache, bleiben

Es sei alles sehr schwierig, hat Fred Sinowatz am Zenit seiner politischen Karriere einstmals geseufzt, und kein anderer Satz ist glaubhafter, wenn es um Politik geht. Politik - das ist bekanntlich in humanistischer Übersetzung die „Stadt“, die „Gemeinschaft“, und Architektur und Städtebau sind ein vitales Element dieses Zusammenlebens.

Um die Stadt zu bauen, zu pflegen, zu erneuern braucht man zum einen Geld, zum anderen Know-how - und um das alles sinnvoll zu kombinieren, müssen unbedingt klug gesteckte und von beiden Seiten einzuhaltende Spielregeln gelten. Für Letztere ist die Politik zuständig, doch die, so meinen die Architekten als Know-how-Träger dieser Tage, würde sich den globalisierten neoliberalen Erosionen des Kapitals immer bereitwilliger beugen.

Ein konkreter Anlass für den Unmut in der Planerzunft ist ein Interview, das Wiens Planungsstadtrat Rudolf Schicker eben der Fachzeitschrift Architektur&BAUforum gegeben hat und das, so Vertreter der Kammer der Architekten sowie der IG-architektur, in mehreren Punkten allzu sehr als Kniefall vor dem Investorentum zu verstehen sei. Die städtebauliche Deutungshoheit des Immobilienmarktes, so heißt es in einem bei Redaktionsschluss noch nicht veröffentlichten Papier, habe stellenweise ein bedrohliches Ausmaß angenommen, die Gesetze des Kommerzes würden denn auch stärker denn je im Stadtbild hervortreten.

Vor allem sorgt aber die Ankündigung des Wiener Planungschefs, fünf dringend anstehende Schul- und Kindergartenneubauten in Eigenplanung umzusetzen, für heftigen Unmut. Dem Standard gegenüber erklärte Schicker diesen Entschluss damit, dass man die Planungskompetenzen in den eigenen Reihen (also in der MA19) stärken und gewissermaßen schulen wolle, denn: „Es macht doch Sinn, wieder einmal zu schauen, was die Planer, die Architekten in der 19er selber können.“

Man wolle damit keineswegs das Planungshonorar einsparen, sondern an der Qualitätssicherung arbeiten, damit jene im Magistrat, „die den anderen Architekten Rat geben sollen, auch selber wieder die Erfahrung machen, wie das funktioniert“. Schicker: „Ich habe immer Schwierigkeiten damit, wenn einer bei Aufgaben, die er nie selbst bewerkstelligt hat, das G'scheiterl spielt. Ein bisschen Berufserfahrung sollte da sein, also das Wissen und die Erfahrung im Magistrat, wie man eine Bauführung macht und was alles passieren kann, bis das Projekt steht.“

Dagegen ist nichts einzuwenden, doch warum diese Erfahrung ausgerechnet in so heiklen und anspruchsvollen Bauaufgaben wie Schulen und angeschlossenen Kindergärten gesammelt werden soll, konnte Schicker nicht ausführen. Und auch der Chef der Architektenkammer für Wien, Niederösterreich und Burgenland, Georg Driendl, ist eher ratlos: „Im Schulbau geht es darum, Kindern eine Umgebung zur Verfügung zu stellen, die für das ganze Leben prägend ist. Gerade in diesem Bereich sollte also ein verantwortungsvoll agierender Politiker die Spitzen der Planungszunft zurate ziehen und diese Projekte nicht einer Abteilung überlassen, die so etwas nie zuvor gemacht hat.“

Die Umsetzung selbst übernimmt die MA39, denn gleichzeitig, so Schicker, wolle man „testen, wie qualitätsvolle Architektur zu günstigen Kosten herstellbar“ sei. Und genau diese Aussage dürfte die Architektenzunft besonders wurmen, denn um eben diese qualitätsvolle Architektur zu erschwinglichen Preisen herzustellen - was sozusagen die Kernaufgabe fähiger Architektinnen und Architekten ist - braucht es vor allem eines: den präzisen Auftrag und paktfähige Auftraggeber. Die werden allerdings häufig vermisst.

Während manche Fraktion der Architekten und der Kammer nun auf öffentliche Konfrontation drängt, will Georg Driendl lieber den moderaten und seit der Erfindung der „Polis“ probaten Weg der Kommunikation einschlagen. Man habe den Vertretern der Stadt immer wieder die Zusammenarbeit angeboten, meint er, zum Beispiel was Wettbewerbsvorbereitungen, aber auch rasche Lösungen von dringend anstehenden Aufgaben anlange, wie etwa der nun erforderlichen Schulprojekte.

Auch wenn Rudolf Schicker nun fast störrisch meint, die Kammer habe „sehr wichtige und wertvolle Aufgaben, aber Entscheidungen, die die Stadt betreffen, trifft sie schon selber“, so ist das zum einen eine undemokratische Äußerung, und zum anderen wäre es doch klug, dieses Angebot anzunehmen und sich rasch an einen Tisch zu setzen. Denn gemeinsam gefundene Lösungen sind die besseren und die haltbareren.

In seinem Artikel „Alternativen statt Korrekturen“ beschreibt der französische Attac-Chef Jacques Nikonoff in größerem, jedoch ebenso auf Städtebau, Architektur und Immobilienindustrie zutreffendem Zusammenhang den zunehmenden Konkurrenzkampf um Wirtschaftsstandorte: „Viele Lokalpolitiker haben sich mit dieser Logik abgefunden und betreiben statt einer Ausweitung der Demokratie nur noch die Verwaltung dieser Zustände.“ Doch sei es vielmehr „entscheidend, das Phänomen der Globalisierung genau zu verstehen, denn nur so wird man ihm mit geeigneten und realistischen Strategien beikommen“. In diesem Zusammenhang sei es hilfreich, „den Begriff der ,Alternative' zu präzisieren“. Und zwar gemeinsam.

So, wie die Wiener Stadtplanung nun in Eigenregie Erfahrungen sammeln will, die viele und vielfach unterbeschäftigte Architektinnen und Architekten längst haben, so könnten laut Nikonoff die anderen wiederum „viel von den Politikern lernen. Denn diese sind mit den Arbeitsweisen der Institutionen am besten vertraut und kennen zumindest durch ihr Aktenstudium den realen Alltag aus einer Nähe, zu der man nicht ohne Weiteres Zugang bekommt.“

Beste Devise also: Einer für alle, alle für einen - und dieser eine ist die Architektur für uns alle.

24. März 2007 Der Standard

Internationalität gefragt

Die Kärntner Straße bekommt einen neuen Einkaufstempel

Das Peek-&- Cloppenburg-Haus in Köln stammt von Renzo Piano, das in der Kärntner Straße wird entweder David Chipperfield, Richard Meier, Raphael Moneo oder Edouardo Souto de Moura bauen.

Gut geheim gehalten wurde die Vorbereitung für ein Projekt, das zu den interessantesten Architekturunterfangen der näheren Zukunft werden könnte: Ein geladener Wettbewerb für ein neues Kaufhaus der deutschen Kette Peek & Cloppenburg in der Wiener Kärntner Straße wird kommenden Mittwoch entschieden. Den Block zwischen Himmelpfortgasse und Johannesgasse werden entweder David Chipperfield (London), Richard Meier (New York), Raphael Moneo (Madrid) oder Edouardo Souto de Moura (Porto) mit einem „Weltstadthaus“ bestücken.

Peek & Cloppenburg sind für anspruchsvolle Architektur bekannt, sie haben etwa bereits mit Renzo Piano in Köln ein ausgezeichnetes Kaufhaus gebaut. Warum für das Wiener Projekt keine hiesigen Architekturgrößen eingeladen wurden und warum es keinen offenen Wettbewerb gab, begründet Jurymitglied Rudolf Schicker so: „Es handelt sich um ein privates Investment, aber Cloppenburg war bereit, unseren Wünschen nach einem geladenen Verfahren entgegenzukommen. Wir haben in unserer Stadt viele gute Architekten, aber relativ wenige aus dem Ausland bauen hier. Wir haben also gemeinsam beschlossen, dass es Sinn macht, nur Ausländer einzuladen.“

Ob es Widerstände seitens der - auch in architektonischer Hinsicht konservativen - Bezirksvorstehung geben könnte, sei nicht abschätzbar, man kenne die Projekte noch nicht. Doch, so Schicker, sei das eine „interessante Situation“ und auch nicht frei von „sportlichem Reiz“. der Standard wird über das Siegerprojekt natürlich berichten.

27. Januar 2007 Der Standard

Viktor Hufnagl 1922-2007

Baumeister der Helligkeit und Offenheit

Am Dienstag starb mit dem Architekten Viktor Hufnagl eine Persönlichkeit, die die österreichische Architekturwelt stark geprägt und in Richtung internationaler Modernität getrieben hat.

Hufnagl war keiner, der am Detail klebte, für ihn war das übergeordnete Konzept eines Gebäudes oder eines Stadtteils ausschlaggebend. Vor allem sein völlig neues Konzept der Hallenschule, das er etwa in Weiz und in Wörgl umsetzte, machte ihn auch international bekannt. Die in den 70er-Jahren entstandenen Schulgebäude machen sein Anliegen deutlich: Sie fassten in ihrer räumlichen Offenheit, Helligkeit und Luftigkeit moderne pädagogische Prinzipien in Architektur und ließen so neue Unterrichtszugänge erst zu.

Museen und Parlamente, so hatte er stets gemeint, seien die Bauaufgaben des 19. Jahrhunderts gewesen, die wichtigen Anliegen heute seien die Bildungs- und Wohnbauten.

Neben dem Schulbau war denn auch der Wohnbau das zweite wichtige Thema des Architekten. Als eine seiner besten Arbeiten gilt die Wohnhausanlage in der Wiener Gerasdorfer Straße. Im Fall der großformatigen Siedlung am Schöpfwerk war er für das städtebauliche Konzept verantwortlich, das Projekt wurde jedoch durch den späteren Bau der knapp daneben verlaufenden Südosttangente und nicht zuletzt durch fehlgeschlagene Belegungspolitik in der Folge diskreditiert.

Hufnagl war mit vielen Künstlern befreundet, unter anderem eng mit Thomas Bernhard. Er stammte aus dem Salzkammergut, hatte bei Clemens Holzmeister studiert und sich in Wien niedergelassen, wo er ab den 60er-Jahren die Architekturdebatte mitbestimmte. Nach einem offenbar inspirierenden Vortrag von Le Corbusier gründete er 1965 kurzentschlossen die Österreichische Gesellschaft für Architektur, er initiierte und gestaltete wichtige Bau-Ausstellungen und zog nicht zuletzt in seinem Büro namhaften Nachwuchs heran, wie etwa Hermann Czech, Albert Wimmer, Otto Häuselmayer und Manfred Nehrer.

Letzterer über seinen ehemaligen Chef: „Er war ein liebenswürdiger, wortgewaltiger Humanist und ein Universalist, der sich mit allen Aspekten der Architektur und der Gestaltung intensiv befasst hat. Es war sicher einer der Großen, der hier abgegangen ist.“

20. Januar 2007 Der Standard

Gute Nacht Baukultur

Auch für diese Regierung ist die Kultur des Bauens kein Thema. Wenn die Architektur nur Kunst und das Bauen lediglich Wirtschaft ist, kann alles nur schief gehen. Aber noch könnte umgedacht und gemeinschaftlich agiert werden.

Um zu zeigen, wie umfassend das Thema Architektur und Bauen betrachtet werden sollte, ein aktuelles Beispiel aus Großbritannien: Dort werden, wie überall in den reichen Ländern, die Leute immer fetter. Das ist nicht nur ungesund, sondern volkswirtschaftlich betrachtet auch teuer. Ein Vorschlag, wie dem zumindest entgegengewirkt werden könnte, stammt nun von der „Commission for Architecture and the Built Environment“, kurz CABE, die als Gouvernment Advisory Board die britische Regierung umfassend in Sachen Planen und Bauen berät.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass Stadtteile und Gebäude, die fußgängerfreundlich sind, von den Menschen sehr wohl angenommen werden. Autos bleiben stehen, Leute gehen. Planer und Auftraggeber, so CABE, sollten also dringend dazu aufgefordert werden, attraktive Fuß- und Radwege in ihren Projekten zu berücksichtigen. In Bürogebäuden muss es künftig mehr Abstellplätze für Fahrräder geben, Stiegenhäuser sollten keine versteckten Feuertreppen, sondern benutzbare Vertikalverbindungen sein, adäquat gestaltete städtische Freiräume sollten zur Bewegung im Freien anregen. „Wir wollen das Verhalten der Menschen verändern“, so eine CABE-Sprecherin gegenüber der britischen Tageszeitung The Guardian, „doch das ist sehr schwierig, wenn die gebaute Umwelt sie dazu erst gar nicht ermutigt.“

Dieses Beispiel, das im Übrigen durch Statistiken und Case-Studies untermauert ist, soll veranschaulichen, dass es in der Architektur nicht um Kunst geht oder um gebaute Schönheit für viel Geld. Es geht vielmehr um das maß- und zielvolle Planen der Umwelt, in der wir alle zu Hause sind und die ein kompliziertes, vernetztes System darstellt, an dem beileibe nicht nur Architektinnen und Architekten mitplanen.

Schon allein aus diesem Grund ist es völlig unverständlich, dass eine Nation wie Österreich auf diesem wichtigen Gebiet nicht einmal andeutungsweise einen Plan aufzuweisen hat. Die Baukultur, für die in grauer Vergangenheit immerhin einmal ein eigenes Ministerium zuständig war, wurde im Regierungsprogramm in Form eines einzigen, kurzen, unverbindlichen Satzes dem Bildungs- und Kunst-Ressort zugeschoben und steht dort nun verloren als Randbemerkung neben den (zu Recht) verheißungsvoll wieder aufstrebenden Sparten Film, Theater, bildende Kunst etc.

Dabei handelt es sich um ein verhängnisvolles, hierzulande jedoch mittlerweile traditionsreiches Missverständnis: Architektur gilt als gebauter Luxus, sie wird betrachtet als Spielerei, als Liebhaberei und Angeberei für Leute und Unternehmen, die sich das leisten wollen. Kurzum: Der Begriff Architektur ist mittlerweile so pervertiert und auf Formspielerei reduziert, dass er nichts Geringeres als mit sofortiger Wirkung abgeschafft und durch Gehaltvolleres ersetzt gehört. Durch den Begriff Baukultur zum Beispiel.

Tatsächlich wäre die österreichische Bauwirtschaft mitsamt allen Fachbereichen als kulturträchtiges Gesamtes zu betrachten - und sofort stellt sie eine außerordentlich zugkräftige Maschine dar. Rund 30 Milliarden Euro werden jährlich in den Bau investiert, was einem Anteil von 11,7 Prozent der Gesamtwirtschaft entspricht. In der Bauwirtschaft arbeiten rund 8,2 Prozent aller Erwerbstätigen, und rechnet man alle vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereiche mit ein, ist dieser Sektor einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche und Arbeitgeber überhaupt.

In einer Studie des Wifo, die Teil eines bis dato unveröffentlichten nationalen „Baukulturreports“ ist, steht geschrieben: „Bauinvestitionen sind nicht nur bedeutend für Wachstum und Beschäftigung, sie sind auch ein entscheidender Faktor für den Wirtschaftsstandort und prägen die Lebensqualität und das kulturelle Umfeld eines Landes. Abgesehen vom hohen wirtschaftlichen Beitrag am Bruttoinlandsprodukt beeinflusst die Bauwirtschaft auch nachhaltig das Gesellschaftsleben.“ Und: „Im Gegensatz zu anderen produzierenden Wirtschaftsbereichen wirkt sich das Bauwesen langfristig auf die Umwelt und die sozialen und kulturellen Lebensbedingungen aus.“

Dazu kommt: „Die Bauwirtschaft ist wesentlich an der Vermögensbildung beteiligt. Rund 70 Prozent des gesamten Anlagevermögens Österreichs sind Bauten, die von der Baukultur und Bauarchitektur wesentlich geprägt sind.“

Im Regierungsprogramm steht nichts darüber zu lesen, wie mit diesem Anlagevermögen umgegangen werden soll, wie es verbessert, ausgebaut, optimiert werden könnte, und es ist geradezu eine Verhöhnung der gesamten Planerschaft und letztlich der sich täglich im gebauten Umfeld bewegenden Bevölkerung, wenn dafür im Bereich Wirtschaft zum Zwecke der touristischen Ankurbelung „die Schaffung eines Museums über die Geschichte der Habsburger im Schloss Schönbrunn“ sowie eine „Weiterführung des alpinen Schutzhüttenprogramms“ vorgesehen ist.

Der Architekt Georg Driendl, Häuptling der mächtigsten Architektenkammer Wien, Niederösterreich, Burgenland, nimmt das alles gelassen „zur Kenntnis“, meint aber: „Wenn jeder Bereich so dermaßen unkontrolliert und unkoordiniert abläuft wie das Bauwesen, na, dann Gute Nacht.“

Vor knapp zwei Jahren hatten die Planer und Planerinnen dieses Landes einen ersten Anlauf unternommen, im Rahmen einer parlamentarischen Enquete die Regierung ein wenig aufzurütteln und für die Thematik affin zu machen. Das Parlament beauftragte sodann immerhin das damals für Architekturbelange noch zuständige Bundeskanzleramt mit der Anfertigung einer breit angelegten Studie - des vorhin bereits erwähnten so genannten „Baukulturreports“. Das Bundeskanzleramt delegierte, eine ARGE Baukulturreport nahm die Arbeit auf, eine Vielzahl von Experten recherchierte, und vergangenen November wurde die rund 300 Seiten starke Expertise in säuberlich gelayouteter, bebilderter und mit Tabellen gespickter Form übergeben. Allerdings nicht dem Auftraggeber Bundeskanzleramt, sondern der im Wirtschaftsministerium für Tourismusbelange zuständigen Sektionschefin Elisabeth Udolf-Strobl - denn der für Kunst und auch Architektur im BKA verantwortliche Staatssekretär Franz Morak war bekanntlich mittlerweile wahlbedingt in statu abeundi.

„Der Baukulturreport ist sehr schön und gut geworden“, sagte Udolf-Strobl nun dem Standard gegenüber, wie allerdings damit weiterverfahren werden solle, könne sie noch nicht sagen. Sie erwarte jedoch, dass „derjenige Ressortchef, der zuständig sein wird“, das Thema bei Gelegenheit wieder aufgreifen werde.

Nur: Wann, wenn nicht jetzt bietet sich die Gelegenheit? Und: Wer ist zuständig? Derweil niemand. Doch das war nicht immer so. Dem in Nachkriegs- und Wiederaufbauzeiten erforderlichen Bautenministerium folgte nach dessen Abschaffung zumindest eine eigene Sektion im Wirtschaftsministerium (mit legendär persönlichkeitsstarken Sektionsleitern), die nach Auslagerung der bundeseigenen Gebäude in eigene Gesellschaften (BIG, Burghauptmannschaft) ersatzlos gestrichen wurde.

Im Baukulturreport wird denn auch die dringende Schaffung einer eigenen Stabstelle für planerische Belange aller Art gefordert. So könnte etwa ein Staatssekretariat Anlaufstelle für Standesvertretungen, Gebührenordungen etc. sein, denn zu tun gäbe es genug. Wer koordiniert etwa buchstäblich staatstragend die dringend erforderliche Vereinheitlichung der neun unterschiedlichen Bauordnungen, die die Nation wahrlich nicht notwendig hat?

Doch noch ist nicht aller Legislaturperioden Abend, und wenn die Bundesregierung, wie sie propagiert, im Dienste der Verbesserung der Lebensumstände der Menschen angetreten ist, werden sich alsbald klar denkende Politiker dieses fruchtbaren, wirtschaftskräftigen, zukunftsstrotzenden Gebietes lustvoll annehmen.

Der Baukulturreport liegt vor. Er ist kein Jammerpapier einer handverlesenen Gruppe frustrierter Architekten, sondern ein konstruktives Konvolut, das mit einer ganzen Reihe von Empfehlungen und Verbesserungsvorschlägen aufwartet. Er müsste nur erstens gedruckt, zweitens veröffentlicht, drittens gelesen, viertens verstanden und fünftens in kleinen, energischen Schritten gemeinsam umgesetzt werden.

Georg Driendl als Architektenvertreter steht nicht allein da, wenn es für ihn „unverständlich“ ist, „dass sich niemand in der Regierung um die Baukultur als Gesamtheitliches kümmert.“ Denn: „Wenn man in dieser Materie arbeitet, weiß man, dass alles zusammenhängt, vom Straßenbau, der Bahn, dem Wohn- und Industriebau bis hin zum Einfamilienhaus.“ Und sogar dem Gesundheitssystem, wie die britischen Kollegen eben vital vorhüpfen.

16. Dezember 2006 Der Standard

Eine Frage der Wertschätzung

Die Schlüsselübergabe des von Adolf Krischanitz und Alfred Grazioli geplanten Museum Rietberg in Zürich war lediglich ein Formalakt - allerdings einer der kulturpolitischen Spitzenklasse, der allem Hohn spricht, was hier zu Lande in Sachen Bau, Kunst und Politik abgeht.

Schauplatz Zürich: Am Nachmittag des vergangenen Donnerstags versammelten sich 300 Menschen unter waschseideblauem Herbsthimmel vor der Villa Wesendonck in Zürich-Enge. Das Mitte des 19. Jahrhunderts ohne Rücksicht auf etwaige (und nie eingetretene) finanzielle Verluste gebaute Haus für den Industriellen Otto Wesendock und seine Frau Mathilde liegt anmutig hoch über der Stadt. Allein der Blick auf den Zürichsee ist - und zwar genau im Sinne des Wortes - unbezahlbar, die alten Baumriesen des wohlgepflegten Parks stehen wie alles hier unter strengem Denkmalschutz.

Die Menschen waren deutlich freudig erregt. Grüazis flogen hin und her, im Festzelt an der Flanke des Hauses wurde Wein eingekühlt und weiße Tischwäsche ausgebreitet, es erschien ein aufgeregt rotbackiger Zeremonienmeister und verkündete, dass es nun gleich ernst würde: Die neuen Museumsräumlichkeiten könnten unter der Führung der Architekten erstmals besichtigt werden, und das sei ein feierlicher, ein wunderbarer Moment.

Als der österreichische Architekt Adolf Krischanitz und sein Schweizer Projektpartner Alfred Grazioli vor drei Jahren den Wettbewerb zur Erweiterung des seit 1952 in der Villa untergebrachten Museum Rietberg gewannen, dachten alle mit dem traditionellen Denken der österreichischen Baukulturatmosphäre Geschlagenen, es würde sowieso mindestens ein Dutzend Jahre verstreichen, bis man das Projekt realisiert werde besichtigen können. Wenn es überhaupt je gebaut würde! Doch Schau- und Bauplatz ist eben die Schweiz, und dass die Uhren hier anders ticken, hat Tradition.

Aber wie anders, nämlich mit Freude, Genuss und Wertschätzung der Umgang mit Architektur, mit Planern, mit Kulturpolitik - und natürlich auch mit Geld gepflegt werden kann, ist atemberaubend. Denn das uns hier zu Lande umgebende politische Hickhack umwabert unser aller Denken mittlerweile in einer derart niveaulosen Dichte, dass jeder Blick in klarere Gefilde die Erbärmlichkeit der derzeitigen österreichischen Entscheidungträgerschaft auf allen Ebenen schlagartig und äußerst schmerzhaft vor Augen führt. Und die Baukultur ist einer der unbestechlichen Maßstäbe jeder Nation, sie gibt dreidimensional Auskunft darüber, wie die Aktien des Landes stehen.

Kathrin Martelli, die das Hochbaudepartement der größten Stadt der Schweiz leitet, erklomm das Podium. Sie verlieh ihrer sichtbaren Freude Ausdruck, dieses Projekt vollendet zu sehen: Es sei von den Parteien einstimmig befürwortet worden, von Stadt, Kanton und Investoren finanziert, von vorzüglichen Architekten geplant und umgesetzt und von einem engagierten Museumsdirektor getragen. Doch damit sei es noch lange nicht getan, noch andere Projekte seien notwendig, um den Wirtschafts- und Kulturstandort Zürich zu sichern und aufzuwerten. Man wolle sie alle ehebaldig in Angriff nehmen. „Doch wenn ich jetzt die gesamte Liste aufzuzählen beginne“, scherzte die energische Dame, „ist der Wein verdunstet, den wir ja eigentlich gleich trinken wollen.“

Sodann ergriff mit Elmar Ledergerber der vitale Stadtpräsident Zürichs wohlgelaunt das Wort. Er bedankte sich ebenfalls nicht zuletzt nachdrücklich bei den Architekten und vergaß auch nicht zu betonen, dass alle Investitionen in wichtige Kulturbauten selbstverständlich nicht zuletzt im Dienste der Rendite stünden. Denn jedes eingesetzte Fränkli würde - das sei erwiesen - dreifach wieder zurückrollen: „Die Gäste kommen ja nicht nur hierher, um sich das Museum anzuschauen und reisen aus Zürich gleich wieder ab.“ Und er sei gerne dazu bereit, die mit Beweisen und Statistiken gespickten Berechnungen auch der Regierung in schriftlicher Form quasi aufmunternd zu unterbreiten. Die 300 geladenen Gäste wandten der alten Villa nunmehr den Rücken zu und betrachteten das gegenüber gelegene schlanke und vollständig aus Glas konstruierte Solitärgebäude - die neue Schwelle zum Eingang in die vollständig unter der Erde untergebrachten Erweiterungshallen.

Krischanitz und Grazioli haben mit diesem Museum eine feine Spange zwischen Zeiten und Kulturen gespannt. Das Museum Rietberg beherbergt eine der wichtigsten Asiatica-Sammlungen der Welt, und dass den kostbaren Buddhas und Elefantengöttern vergangener Epochen das Tageslicht abträglich ist, geriet hier zum Vorteil. Auf zwei Ebenen gräbt sich das Museum nun in den Berg und unterhöhlt unsichtbar bis in eine Tiefe von fast 15 Metern die alte Villa und das vorgelagerte Gelände.

Der neue Eingang führt durch den Glassolitär, der, dem Museumsgegenstand entsprechend, kultisch-mysteriös als Schwelle in metaphysische Dimensionen ausgeformt wurde. Ein irisierendes, weil mehrschichtiges und sich dadurch bei Bewegung fast verflüssigendes Muster aus grünen, in das Glas eingebrannten Dreiecken leitet sich von der Kristallstruktur des Smaragds ab und schafft die entsprechende Atmosphäre. Im dahinter gelegenen Foyer stäubt durch eine Decke aus zweieinhalb Zentimeter dicken Onyx-Steinplatten cremefarbenes Licht in den Raum, die hintere Wand wurde vom Künstler Helmut Federle zu einem altarartigen Monument aus Beton geformt.

Zwei Stiegenhäuser erschließen die beiden ausgedehnten Ausstellungsebenen unter der Erde: Eines führt hier im Foyer hinab in die Unterwelt, das zweite leitet die Besucher auf der gegenüber gelegenen Seite hinauf direkt in die traditionellen Ausstellungsräume der Villa. Beide sind in unendlich sorgfältiger Tischlerarbeit wie große Möbelstücke - oder Instrumente - in Eichenholz ausgeführt. Jeder Schritt in diesen Resonanzkörpern ist wohltönend wie die gemessenen Tritte japanischer Priester in uralten Tempeln. Die Treppenwände sind luftige Holzgitter, durch feine, versenkte Messinggitter fließt honigfarbenes Licht auf die Stufen.

Die Ausstellungsebenen sind nach einem Eins-zu-drei-Raster gegliedert. Um je eine große zentrale Halle pro Geschoß gruppieren sich Themenräume für die jeweils gezeigten Exponate. Sanftes Licht spielt auch hier eine wesentliche Rolle: Zum einen dringt es durch eine zart gefältelte Decke aus weißen Polycarbonat-Elementen, die aussieht, als habe sich ein Riese mit der japanischen Kunst des Origami spielerisch die Zeit vertrieben. Zum anderen haucht das diffuse Hell der sensationellen Farbgebung der Wände Leben ein. Petrolgrün, Dunkelrot, Sandfarben, Anthrazit, Kobaltblau, jeder Raum ein dezenter Solitär. Die Farben wurden in aufwändigen Prozeduren und in drei Lasurschichten aufgetragen, was ihnen eine ganz eigenartige Körperhaftigkeit verleiht - und was die meist goldschimmernden Exponate, die erst in den kommenden Wochen hierher übersiedeln werden, mit Sicherheit grandios zur Geltung bringen wird. Apropos: Die Kostbarkeiten bekommen maßgefertigte gläserne Schreine. Deren Scharniere sind so winzig, dass man sie erst bemerkt, wenn man an der Nase hingeführt wird.

Auch die Ausstellungsräume der Villa Wesendonck wurden von den beiden Architekten einer Sanierung unterzogen und mit ebensolchen Farblasuren aufgefrischt. Dieser Part war zwar nicht im ursprünglichen Auftrag vorgesehen, doch Museumsdirektor Albert Lutz ist einer jener verschmitzten Schweizer, die den Wert guter Arbeit nicht nur anerkennen, sondern auch in Geld verwandeln können. Gerüchteweise tat sein Charme bei so mancher Mäzenatin Wunder, die im Herbst ihres Lebens ihre Asiatica-Sammlungen dem Museum vermacht hatte. Der Dank dafür sei groß, habe Lutz bedächtig gemeint, jedoch sei es eine Schande, dass das alte Museum zu klein, der Ausbau so teuer sei und dessentwegen den nunmehr übergebenen Prachtstücken ein würdiger Präsentationsrahmen versagt bleibe. Woraufhin nicht nur die Sammlungen, sondern zusätzlich auch noch Gelder für die Museumserweiterung gespendet wurden.

So stammen denn auch 16 der investierten 46 Millionen Franken von Privaten und Unternehmen, den Rest teilten sich Stadt (26 Mio.) und Kanton (vier Mio.). Mit den neuen 1300 Quadratmetern hat sich die Ausstellungsfläche mehr als verdoppelt. Man erhofft sich künftig bis zu 150.000 Besucher jährlich aus aller Welt, bereits in den vergangenen Jahren hatte sich die Zahl von 10.000 auf 90.000 erhöht. Am 18. Februar kommenden Jahres werden die neuen Säle des Museum Rietberg mit einer Schau früher buddhistischer Kunst Japans der Öffentlichkeit präsentiert.

Da Stadtpräsident Ledergerber nicht nur Reden schwang, sondern am Rande der Feierlichkeiten auch diplomatische Gesprächsrunden durch die Gästeschar drehte, wollte er unter anderem wissen, ob sich Architekt Adolf Krischanitz in Wien derselben hohen Wertschätzung erfreue wie in Zürich. Hier sei er hoch angesehen mit seiner „wienerischen“ Architektur, die doch anders sei als die der Schweizer Architekten, ein bisschen wärmer nämlich, und im Umgang mit den Materialien so gekonnt.

Die Wahrheit wäre undiplomatisch gewesen, deshalb lautete die Antwort schamüberhaucht: Ja. Allerdings mit dem Zusatz: Von der Vergabe-, Abwicklungs- und Bauherrenkultur, wie sie in der Schweiz eine vollkommene Selbstverständlichkeit darstellt, könnten österreichische Architekten im eigenen Land noch lange, lange träumen.

9. September 2006 Der Standard

Die Stadt ist groß. Die Stadt wächst

Auf der seltsamsten Architekturbiennale, die Venedig je gesehen hat, demonstriert die Baukunst vor allem eines: Hilflosigkeit angesichts der Probleme der rasant wachsenden Metropolen. Ute Woltron aus Venedig „Architektur und Gesellschaft“ lautet der Titel der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig, und nichts weniger als Manifeste für die Städte des 21. Jahrhunderts hatte Richard Burdett, der britische Direktor der renommiertesten Architekturschau, eingefordert.

Die Hauptausstellung befindet sich wie gewohnt im Arsenale. In den Gemäuern vergangener Jahrhunderte präsentiert Burdett 16 Megacitys von heute. Den Sprung in mögliche Visionen eines Morgen schafft er nicht.

Der Weg führt geradlinig durch São Paulo, Mexico City, London bis nach Mumbai und Schanghai. Statistiken über Bevölkerungswachstum, Einwohnerdichte, Einkommensverhältnisse pflastern farbenfroh die lange Tour. In Sound-Trommeln darf man verinnerlichen, wie es dort hupt, plaudert und klingelt. Flugbilder transportieren die Besucher über endlose Häusermeere. Standbilder zeigen Slums, Wohnsilos, Hochhäuser.

Am Ende des Weges steht die Erkenntnis, dass uns Burdett mit großem Aufwand erklärt, was wir bereits wussten: Die Stadt ist groß. Die Stadt wächst. Wohin? Das wiederum wissen wir leider nicht.

So tadellos und vorbildlich die statistische Aufarbeitung des Phänomens Stadt sein mag: Die eingeforderten Konzepte, wie Architektur und Städtebau mit diesem enormen Wachstum umgehen könnten, welche Parameter künftig wichtig sein werden, welcher Instrumente man sich bedienen könne - die blieben aus. Was bleibt, ist vielmehr die Frage: Wo findet eigentlich „Architektur“ mit dem möglicherweise aus der Mode gekommenen Ansatz, die Lebensumstände der Menschheit zu verbessern, großformatig überhaupt noch statt?

Kein Wunder, dass die Vertreter dieser hehren Zunft am Ende der Städtetour nicht selten fassungslos ins Freie taumeln. Der französischen Architektin Odile Decq etwa entfuhr mit einer Bemerkung die Vernichtung der eigenen Branche: „Diese Ausstellung demonstriert nichts anderes, als dass Architektur nicht mehr gebraucht wird.“ Das mag ein voreiliger Schnellschuss sein, denn ein paar Kanäle weiter zeigen die Länderausstellungen in den Pavillons der Giardini zumindest vereinzelt, wie sich Architekten sinnvoll in das Turbogeschehen einbringen können.

So hat sich etwa das kleine Dänemark mit dem großen China zusammengetan, wo sich immerhin 1,3 Milliarden Menschen in einer gewissen Aufbruchsstimmung befinden. Baute man für sie ruck-zuck Städte nach „westlichem“, also ökologisch desas-trösem Vorbild, bedeutete das eine Umweltverpestung des Globus binnen kürzester Zeit. Die Chinesen wissen darüber Bescheid. Kaum eine andere Nation forscht intensiver an ökologisch vertretbaren Konzepten, und da internationaler Know-how-Transfer nicht nur den Aktienmarkt beschleunigt, tun sie sich mit thematisch Bewanderten, wie den Dänen, zusammen, um konkrete Stadtplanungen in Angriff zu nehmen.

Ansonsten sind die meisten der Länderschauen anstrengende Collagen unendlich vieler Bildchen und Images. Deutschland beschränkt sich in akkurater Präzision auf die Demonstration, wie die gewachsene europäische Stadt mittels Einsprengseln zeitgenössischen Bauens herausgeputzt wird. Langweilig.

Küche und Koch

Ein fröhliches, gleichwohl seit den 60ern auch nicht sonderlich originelles Statement liefert Frankreich: Der Pavillon wurde zur Villa erklärt, in der bis zu 25 Leute in Kojen hausen, auf Dachaufbauten saunieren und duschen können, das Zentrum bildet die Küche mit Koch samt Gehilfen. Nett - aber so what?

Großbritannien überfordert seine Besucher mit einer wütenden Bilder- und Informationsflut über die Stadt Sheffield, anhand derer die Modifikationen der ehemaligen Arbeiterstadt und die Einfluss nehmenden Faktoren demonstriert werden. Immerhin.

Österreich hat das Pech, am Ende des Areals einen Pavillon bespielen zu müssen, den kaum jemand findet und der derzeit aufgrund überalterter, zeitgerecht vor Eröffnung den Geist aufgebender Tor-Rollläden nur über den Hintereingang betretbar ist. Letzteres stellte sich aber als Glücksfall heraus, denn der engagierteste Beitrag, das „Netz“ von Gregor Eichinger, befindet sich eben hier, im hinteren Teil des Hauses: Digital perfekt aufbereitet wird demonstriert, dass „Stadt“ mehr ist als Häuser und Stromkabeln, dass neue Netzwerke verschiedenster Art den Globus umspannen und die herkömmlichen städtischen Strukturen in den Köpfen der Menschen in Auflösung begriffen sind.

Friedrich Kieslers Raumstadt-Modell und Hans Holleins Flugzeugträger in den nunmehr hinteren Bereichen dürfen als ergänzende Weg-bereiter dieses Die-Dinge-anders-Denkens und des Vernetzens betrachtet werden. Und das ist auch das Fazit dieser Schau: Ohne massive interdisziplinäre Anstrengung verliert die Architektur ihre Berechtigung und ist tatsächlich tot. Die leere, fesche Hülle, sie hat ausgedient. Das Baumaterial der Zukunft wird erst durch das Bündeln von soziologischem, ökologischem, technischem Know-how entstehen.

2. September 2006 Der Standard

Fernsteuerung für den Hundenapf

Ein Schweizer hat sein gesamtes Anwesen digital fest im Griff: Ein Blick in eine mögliche Zukunft häuslicher Technologien

Man muss wissen, dieser Mann ist orthopädischer Chirurg. Ein Mann absoluter Präzision also, jemand, der für die reibungslose Geschmeidigkeit von Abläufen aller Art zuständig ist und dafür mikroskopisch genaue Arbeiten zu verrichten pflegt.

Andreas Bänziger (44), von dem hier die Rede ist, ist noch dazu jemand, der die sich ständig verbessernden ökonomisierenden und rationalisierenden Tugenden moderner Technologien begrüßt wie andere die neue Herbstmode. Mit dieser kühl überlegten Kombination aus Medizinwissen, Technikverständnis und Software-Know-how hat der Schweizer seine Unternehmen gegründet und offenbar einiges an Geld verdient.

Einen Teil davon, umgerechnet etwa die satte Summe von vier Millionen Euro, hat er nun in ein Haus gesteckt, das dermaßen auf Technologie zurechtgeschnitten ist, dass es wahrscheinlich ausschließlich von ihm selbst bewohnt werden kann - und von seinem Hund natürlich. Doch das Haus bietet andererseits Ausblick auf die ungeahnten Möglichkeiten der Technik, die künftig modernes Wohnen durchaus standardisiert prägen könnten.

Wir befinden uns auf 1000 Meter Seehöhe im putzigen Appenzellerland, wo die Kühe, die die Milch für die gleichnamige Käsespezialität geben, wie frisch gewaschene Ansichtskartenmotive auf den Weiden stehen. Auf den etwa eineinhalb Stunden Fahrtzeit von Zürich hierher war es so gut wie unmöglich, irgendeinen Unrat auf den säuberlichen Straßen zu entdecken, und die Häuschen, die auf steilem Hang die Nachbarschaft zu Bänzigers Villa bilden, sind ebenfalls makellos postkartentauglich.

Dazwischen: ein modernes Gebilde. Viel geradliniger Sichtbeton, in Schichten übereinander getürmt. Hinter großen Glasscheiben lässt sich schon von außen die freiliegende Holzkonstruktion des Daches ablesen. Ein Pool im Hintergrund, daneben ein Teich, vorne viel Hang und kein Stämmchen Unkraut im Rasen. Angeblich heißt das Haus hier in der Nachbarschaft das „James Bond Haus“. Das trifft technologisch durchaus zu, ist was das Architektonisch-Formale anlangt jedoch eine Versündigung wider die tatsächlichen James-Bond-Häuser, deren bemerkenswerteste Exemplare vom gottbegnadeten Betonskulpteur John Lautner in den 70ern geformt worden waren.

Andreas Bänziger hat keinen Architekten zurate gezogen, sondern als Mensch der Kontrolle sein Haus selbst bis in das kleinste Detail entworfen. Seine vielfärbigen Entwurfspläne sehen aus wie die Schaltpläne eines kleinen Atomkraftwerks, denn hier regiert eine unsichtbare, sich durch alle Ecken und Flächen ziehende Technologie. Die stammt fast ausschließlich von den dänischen Reduktionskünstlern Bang & Olufsen, denen der Schweizer Kunde auf rund 1000 Quadratmetern Nutzfläche ein geräumiges Hightech-Experimentierfeld bietet. Beleuchtung, Jalousien, Heizung, Zutritt, Bewässerung - alles wird via Computer überwacht und gesteuert.

Dass das Haus selbst Niedrigtechnologiestatus hat, versteht sich von selbst. Erdwärme wird abgezapft, die Lüftung erfolgt kontrolliert, geheizt wird über die Böden. Doch auch alle weiteren vitalen Funktionen dieser Wohnmaschine sind digitalisiert und auf Knopfdruck steuerbar. Wenn Herr Bänziger des Morgens wahlweise vom TV- oder Radiogerät erweckt wird, hat ein auf die Weckzeit programmierter Mechanismus bereits die Raumtemperatur des Badezimmers kontrolliert und auf optimale Konditionen hochgefahren.

Steht ein morgendliches Bad auf dem Programm, so befindet sich der Whirlpool in befülltem Zustand, sobald der Hausherr seinen Frühstückskaffee zu sich genommen hat. Auch die dafür erforderliche Espressomaschine ist digital mit dem System vernetzt und via Laptop programmierbar, was zur Folge hat, dass die Tassen exakt bis fünf Millimeter unter den Rand befüllt werden.

Ist zwischenzeitlich auch der Hund erwacht, so darf er sich eines erfrischenden Morgentrunkes erfreuen, ohne dafür sein Herrchen schwanzwedelnd auffordern zu müssen. Denn ein vollautomatischer Wassernapf, eingelassen in dunklen polierten Granit, befüllt sich automatisch dank eines Bewegungssensors, wenn sich das Tier nähert.

Sollte überraschend Besuch an der Haustüre läuten, während der Hausherr noch in der Wanne sitzt, so kann er mittels Fernbedienungsknopfdruck auf einem TV-Schirm von De-luxe-Handtuchgröße kontrollieren, wer da vor der Türe steht.

Etwa zur gleichen Zeit kontrolliert das System im Garten die Temperatur des Teichwassers, denn die bunten Kois darinnen fühlen sich bei etwa 15 Grad Celsius am wohlsten. Ist diese Temperatur überschritten, ergeht ein automatisches Mail an den Gärtner, er möge anreisen und kühlend einschreiten.

Leider, so Bänziger, sei der Milchmann bis dato noch konservativerer Haltung verhaftet. Der habe noch kein Mail, er müsse also angerufen werden, wenn die Milch ausgehe. Er verfügt jedoch über einen Code, mit dem er - wie übrigens auch der Fleischhacker - eine Apparatur neben der Haustür betätigen kann. Mittels Knöpfchendruck öffnet sich dort eine Zulieferungstür zu einem Kühlschrank, in dem die Ware abgeliefert wird. Kehrt Herr Bänziger von Reisen heim, dreht sich die Konstruktion und die gekühlten Waren können von innen entnommen werden.

Nach getanem Tagwerk mag das Heimkino Entspannung bringen. Herr Bänziger bedient auf seiner B&O-Fernbedienung abermals nur einen Knopf - und das Büro verwandelt sich vollautomatisch in einen Kinosaal mit Soundsystem, um das der Mann von hiesigen Landkinobetreibern zähneknirschend beneidet würde. Rollos fahren herunter, die Lichter gehen langsam aus, eine Leinwand fährt aus der Decke, ein versenkter Super-Beamer schickt perfekte Bilder durch den Raum.

Das alles, behauptet Bänziger, diene ausschließlich der Vereinfachung des Lebens und des Komforts. Mit sinnlosen Spielereien habe er nichts am Hut. Ist er unterwegs, so kann er das gesamte Haus übrigens über sein Mobiltelefon steuern. Stammt die Hardware von B&O und aus Dänemark, so sitzt der Home-Server-Programmierer in Zell am See und heißt Christoph Mayr. Die Wunder der Technik - sie sind ohne Grenzen.

2. September 2006 Der Standard

Biennale: Die Jungen

Eine zusätzliche Schau präsentiert in Venedig die junge heimische Architektengarde

Über die großen Beiträge von Friedrich Kiesler, Hans Hollein und Gregor Eichinger, die Kommissär Wolf D. Prix für die Ende kommender Woche eröffnende Architekturbiennale Venedig bereit hält, haben wir bereits berichtet.

Abseits der Giardini wird jedoch zusätzlich dazu in logischer Ergänzung die Ausstellung mit Titel „Rock Over Barock. Young and Beautiful: 7 + 2“ die Nachwuchsarchitekten des Landes einer größeren Öffentlichkeit präsentieren.

Mit dabei sind Artec, Urs Bette, Delugan Meissl associatetd Architects, the next ENTERprise architects, Klaus Stattmann, stiefel kramer, Wolfgang Tschapeller, + 2. Sophie Grell und Tercer Piso arquitectos.

Zu sehen war besagte Schau bereits im Kunsthaus Muerz sowie in der Architekturgalerie Aedes in Berlin, und Prix schrieb darüber im Vorwort des Katalogs: „Bewusst oder unbewusst folgen junge Architekten in ihrem Sinne zeitrichtig den barocken Spuren der Raumsequenzen - und verändern sie.“

„Rock Over Barock“ zeige, dass es so etwas wie eine „österreichische, wenn man so will, Tradition gibt, die über verstreutes Einzelkämpfertum hinausgeht“, und für den Kommissär ist das die gemeinsame Lust, den Raum neu zu interpretieren und zu zelebrieren.

Für den hinter den Kulissen für alle Beteiligten stets anregend agierenden Reiner Zettl handelt die Ausstellung von „Mündigkeit“. Er beschreibt in seinem begleitenden Text zur Biennale die Ansätze der Jungen Wilden der 60er-Jahre als Versuch, die neue Intensität und Bühnenpräsenz damaliger Rockstars in Architektur umzuwandeln - und „wie in barocken Deckenfresken“ schien dabei „nur der Himmel die Grenze“ zu sein.

Zettl weiter: „Eine Generation später (...) stellt die Ausstellung ,Rock Over Barock' die Frage, wie die Arbeiten junger Architektinnen und Architekten spezifisch auf das Barock Bezug nehmen.“

Gute Beispiele dafür sind etwa der zurecht oft publizierte, utopisch anmutende Dachaufbau von Artec auf einem alten Stallgebäude in Raasdorf oder das Haus RAY 1 von Delugan Meissl Associated Architects, das ebenfalls auf ein bestehendes Wohnhaus gesetzt wurde. Fließende Räume, rasante Linien, gewagte Verschnitte inklusive. Ähnlich avantgardistisch das Seebad Kaltern von the next ENTERprise architects, das wie ein - ausnahmsweise formal gelungener - Themenpark inszeniert wurde. Eine geballte Ladung junger Architektur für die Lagunenstadt.

25. August 2006 Der Standard

Biennale: Das Netz

Gregor Eichinger definiert die neue Stadt als Netzwerk unsichtbarer Adressen.

Wenn die Stadt gleich „Raum, Form, Netz“ ist, dann ist es schließlich an der Zeit, sich mit ihrem eigentlichen Ursprung auseinanderzusetzen: mit dem Menschen. Denn egal, welch unterschiedliche Formen die Stadt in ihrer vieltausendjährigen Geschichte jeweils angenommen hat - die Baupläne nahmen ihren Ursprung in den Köpfen ihrer Bewohner und beileibe nicht nur in jenen der vermeintlichen Spezialisten wie Architekten, Städteplaner und Investoren.

In Gregor Eichingers Stadt-Bild lösen sich die Grenzen endgültig auf. Er definiert zum einen die Architektur als physisches, greifbares Netzwerk, als matrixartiges Gebilde von Straßen, Nummern, Versorgungsleitungen, darüber hinaus aber auch als virtuelles Netzwerk unterschiedlichster Beziehungs-und Kommunikationssys- teme, die das Interagieren zwischen Menschen erweitert haben.

Seine These: In einer, wie man sagt, „globalisierten“ Welt sind die wichtigsten Adressen nicht mehr die Postanschriften, sondern E-Mail-Accounts, Mobiltelefonnummern und somit wir selbst geworden. Wir sind heute adressierbar, egal, wo wir uns aufhalten, und die Stadtteile und Viertel dieser neu gedachten Städte sind die jeweiligen persönlichen und sozialen Netzwerke, die Menschen ungeachtet jeglicher geografischer Dimension und ihres momentanen Aufenthaltsortes untereinander bilden und in steter Aktivität halten.

Eichiger visualisiert diesen Ansatz in Form eines Kommunikationsraumes, der zugleich die Ur-Bauhütte und die Ur-Bar symbolisiert, also jene Keimzelle menschlichen Interagierens, in der die Stadt als Netzwerk seit jeher ihren Ursprung nimmt. Das Design dieser Raumsynapse im dritten Zimmer des österreichischen Pavillons ist Nebensache. Wichtiger sind die Informationen, die hier abrufbar sind, um in den Köpfen ihrer Besucher hinausgetragen und weiterverbreitet zu werden. Das Informations-Superspreader-Gebilde ist zeitgleich auch Bar, Café, Wirtshaus, weil über Reden und Kommunizieren kommen die Leut' z'samm. Eichinger: „Die Ur-Bar ist Kommunikations-Spot: der Ort, wo man sein Netzwerk und somit seine persönliche Stadt erweitern kann.“

In diesem Sinne ist der traditionelle Österreicher-Empfang zum Biennale-Auftakt heuer auch eine von Eichinger inszenierte Fete, die „Improve your own Network Party“ heißt und nach der offiziellen Pavillon-Eröffnung steigt.

19. August 2006 Der Standard

Biennale: Die Form

Hans Holleins „Flugzeugträger“ (1964) als Schritt in neu gedachte Städte.

Der österreichische Beitrag der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig trägt den von Kommissär Wolf Prix ausgerufenen Titel „Stadt = Form, Raum, Netz“ und setzt sich, wie berichtet, aus mehreren Beiträgen zusammen. Vergangene Woche befassten wir uns mit Friedrich Kieslers Raum-Denken. Dieses Mal stellen wir Hans Holleins Form-Visionen vor, die, so die Biennale-Organisatoren, „die fragilen Strukturen Kieslers in massive, erdnahe Stadtknoten verwandelt“, also eine Weiterentwicklung der Kieslerschen Raumwelten in konkrete, mit Funktionen aufmunitionierte Formwelten bedeutet.

In einem der beiden Haupträume des seinerzeit von Josef Hoffmann gebauten Österreich-Pavillons - der im Übrigen für heutige Ausstellungskonzeptionen deutlich überaltert und auch dank peniblem Denkmalschutz nicht mehr tauglich erscheint - wird der international wohl bekannteste Architekt dieses kleinen Landes als wichtigstes Artefakt ein großformatiges Modell seines „Flugzeugträgers“ aus dem Jahr 1964 zeigen.

Holleins Super-Schiff aus den wilden 60ern symbolisiert nach wie vor einen architektonischen Aufbruch in ein neues Zeitalter, der erst einmal in den Köpfen stattfinden muss, um später modifiziert und konkretisiert in eine neue Realität umgesetzt werden zu können.

Der Biennale Folder erklärt: „Seine Verwendung eines Schiffes als Modell für die räumliche Komplexität und Ökonomie der Stadt erinnert an Le Corbusier, der 1923 in der Ästhetik des Ozeandampfers die Befreiung von überholten Bildern in der Architektur feierte.“ Und: „Die Verpflanzung eines Flugzeugträgers auf die grüne Wiese setzt diesen Realismus fort und gibt darüber hinaus einen im Sinne der Pop Art auch ironischen Kommentar zur Beziehung von Stadt und Natur. In der Verdichtung der Stadt auf ein mobiles Objekt findet Hollein den Ausdruck ihrer Energie.“

In einer mit dem Künstler Walter Pichler gemeinsam bestrittenen Ausstellung 1963 schrieb Hollein im Manifest, Architektur sei „elementar, sinnlich, primitiv, schrecklich, gewaltig, herrschend.“ Und: „Architektur ist eine Angelegenheit der Eliten.“ Keine Frage, die Architektur ist meist die Folgeerscheinung von Macht - jedoch welche Rolle die vermeintlichen Eliten heute spielen bzw. spielen könn(t)en, bliebe zu überprüfen.

12. August 2006 Der Standard

Ernst Hiesmayr 1920 - 2006

Am vergangenen Wochenende starb der Architekt Ernst Hiesmayr. Ein Nachruf

Das Bild, das vielen von Ernst Hiesmayr ewig in Erinnerung bleiben wird, zeigt ihn in einem weißen Arbeitskittel, umringt von Studentinnen und Studenten der Technischen Universität Wien. Er überragte groß und dürr, mit weißem, vom Fahrtwind seiner raschen Schritte durchzausten Haarkranz die Szenerie. Die Stimmung um ihn: wach, kreativ und fast immer fröhlich.

Ernst Hiesmayr, dem Wien das Juridicum im ersten Bezirk verdankt, war ein wunderbarer Professor, weil er der Architektur mit echter Leidenschaft verpflichtet war, weil er die Kunst des Bauens liebte - und weil er seine Studenten wirklich mochte.

Seine Korrekturstunden waren Genuss und lehrreiches Spektakel. Er erschien, schaute mit blauem Bunsenbrennerblick erfreut in die Runde, weil jetzt gleich wieder über die Wunder der Architektur debattiert würde, riss sodann energisch Skizzenpapiere und Pläne an sich, ließ sich Entwürfe geduldig erklären, machte auch die täppischsten von ihnen nie herunter, erklärte vielmehr eindringlich, wie man alles besser machen könne - und warum dieses und jenes effizienter, logischer, eleganter lösbar sei.

Mit großen Architektentatzen pflegte der „Hies“ oder „Hias“, wie er je nach Provenienz seiner studentischen Zöglinge genannt wurde, die dicksten und weichsten Zeichenstifte zu führen, die der Zeichenbedarfsmarkt gerade bereithielt. Denn feinen Druckbleistiften, die allzu schwachbrüstige Skizzen hervorbrachten, begegnete er mit jenem Argwohn, den man giftigen Insekten entgegenzubringen pflegt.

Diese dicken Grafitstifte hingegen waren das Skalpell des Ernst Hiesmayr: Mit ihnen setzte er vitale Striche in die meist noch lebensschwachen Skizzenkonstruktionen der angehenden Architektenschaft, und wenn er damit statischen Missständen zu Leibe rückte und Konstruktionsmängel behob, so benötigte er lediglich ein paar präzise Linien - und die führte er mit der Güte des Wissenden, der sich daran erfreut, anderen etwas Wichtiges beibringen zu können.

Mit Ernst Hiesmayr (86) starb vergangenes Wochenende eine liebenswerte und kraftvolle Persönlichkeit der österreichischen Architektur, die zumalen jenen wert und teuer war, denen die Kunst des Bauens abseits von Mode, Markt und Schreierei wichtig ist. „Ehrliche Architektur“ nennt man in Architektenkreisen das, was Hies vertrat - eine Architektur, die nicht nach Modemagazin riecht, sondern nach Beton, Stahl, Holz und Vernunft duftet.

1920 wurde er in Innsbruck geboren, schon als Schüler zog es ihn auf Baustellen, wo er sich seine Material-, Konstruktions- und Praxisorientiertheit früh aneignete. In Graz studierte er schließlich Architektur, 1967 promovierte er an der TU-Wien. Ein Jahr später übernahm er den Vorsitz des Instituts für Hochbau - traditionell das Fundament jeder soliden Architekturausbildung. Von 1975 bis 1977 war er Rektor der TU-Wien. Sein Hochbau-Institut leitete er bis 1991, mit 71 Jahren musste er schließlich mit großem Bedauern altersklauselbedingt den Hut nehmen. Sein eigenes Büro in Wien führte er bis zu seinem Tod weiter. Auszeichnungen und Ehrungen erhielt er sonder Zahl bis hin zum Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Das Lebensprojekt Hiesmayrs war sicherlich der Bau des Juridicums der Universität Wien in der Innenstadt. 1968 nahm er es in Angriff, 1984 vollendete er es. Das moderne Haus im historischen Ambiente rief in der ringstraßenkonservativen Anrainerschaft keine große Zuneigung hervor, es bildet jedoch nach wie vor einen der sympathischsten, authentischsten und auch zeitlosesten Stadträume des ersten Bezirks aus: städtebaulich bravourös gedacht, konstruktiv äußerst anspruchsvoll gemacht.

Wenn sich Studenten heute über Platzmangel beklagen, so ist ihnen unter anderem entgegenzuhalten, dass Hies nur durch ausgetüftelte, schwierigste Entwurfs- und Konstruktionsmaßnahmen ein zusätzliches Geschoß hatte herausschinden können - und eben dieses über eine Aufgabe Hinausdenken und noch bessere, als eigentlich vom Bauherren verlangte Lösungen zu finden, das war eine der Meisterschaften des Ernst Hiesmayr.

Den Architekten Hiesmayr vom Lehrer Hies getrennt zu betrachten wäre Unsinn, denn er war immer beides, und seine Bauherren - waren sie klug genug - lernten und reiften an ihm. Architekt Gerhard Kratochwil, der viele Jahre für und mit Hies gearbeitet hat, erinnert sich an oft ewig währende Planungs- und Verfeinerungsprozesse, denn: „Solange er von einer Lösung nicht absolut überzeugt war, gab er die Pläne nicht frei.“ Dabei verachtete er modische Gags und Schlenker, denn er betrachtete sich selbst als „Vertreter der klassischen Moderne - vielleicht den Letzten“.

„Er war ein genialer Vereinfacher“, sagt Architekt Rudolf Prohazka, der ebenfalls mit Hiesmayr über viele Jahre zusammenarbeitete, „er hat das Rückführen auf das Wesentliche perfekt beherrscht, und in seinen Gebäuden wird man nirgendwo verwinkelte, verkrampfte Lösungen finden.“ Und: „Eine seiner tragenden Eigenschaften war sein Humor: So ernst konnte die Lage gar nicht sein, dass er nicht einen humorvollen Aspekt hätte herausfiltern können.“

Neben diversen Einfamilienhäusern widmete sich der Architekt so unterschiedlichen Bauaufgaben wie etwa einem Wirtschaftsförderungsinstitut in Dornbirn, einem Villenhotel in Wien, einer Hauptschule bei Bregenz, einem Chemiehochhaus für die TU-Wien.

„Er hat zugegriffen mit seinen Architektenpratzen“, sagt der Bildhauer Karl Prantl, „und was er angegriffen hat, das ist etwas geworden.“ Prantls Atelierhaus für ihn selbst und seine Familie war eine der letzten großen Arbeiten Hiesmayrs gewesen. Der Künstler knapp und bündig über seinen Freund: Hiesmayr habe Charakter gehabt - und über wenig andere könne er dasselbe sagen.

Sein Architekturbüro hatte der Tiroler in den letzten Jahren langsam in die Hände seiner Mitarbeiter übergeben, die nach und nach ihre eigenen Unternehmen gründeten, jedoch den Büroräumlichkeiten und vor allem ihrem Lehrer gerne verhaftet blieben. „Es ist mir lieber, ihr seid's im Haus und ich hab' Kontakt zur Jugend, als ihr seid's irgendwo und ich hock' allein hier“ hatte er gemeint. Nachsatz: „Und wenn's mich braucht's, dann sagt's es.“

Vor vier Wochen hatte der betagte Architekt Mitarbeiter und Weggefährten in der ihm eigenen spontanen Art quasi über Nacht zusammengerufen: Er wollte sich nach Vorarlberg zurückziehen und in einer fröhlichen Runde von Wien Abschied nehmen. Wir erlauben uns an dieser Stelle im Namen all seiner Studenten unsere Hochachtung auszudrücken: Herr Professor, wir danken.

12. August 2006 Der Standard

Biennale: Der Raum

Friedrich Kieslers „Raumstadt“ von 1925 erreicht 2006 die Biennale von Venedig

Die Idee, eine der wichtigsten Arbeiten eines bereits 1965 verstorbenen Architekten als einen der Meilensteine des Architekturdenkens auf der Architekturbiennale in Venedig zu präsentieren, ist nicht so abwegig und gestrig, wie sie manchen erscheinen mag.

Gerade Friedrich Kieslers avantgardistische Auffassung von Raum und Unendlichkeit und seine theoretischen Abhandlungen darüber sind in der zeitgenössischen Architektur, ob bewusst oder unbewusst, ein wichtiges Thema, und es ist ausgesprochen lohnend, heutige Standpunkte und Erkenntnisse mit jenen gegenzuschneiden und zu überprüfen, die bereits vor über 70 Jahren gedacht wurden.

Der 1890 in Czernowitz geborene Friedrich Kiesler war 35 Jahre alt, als er vom Architekten Josef Hoffmann beauftragt wurde, im Rahmen der Pariser Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes ein Ausstellungssystem für Theaterentwürfe und Bühnenmodelle zu entwerfen. Während die damals gezeigten Exponate in der Klamotte der Geschichte untergetaucht sind, ist die Tribüne, die sich Kiesler dafür ausdachte, zu einem Stück Architekturgeschichte geworden.

Dieter Bogner, der nun den Kiesler-Bereich für den Österreich-Pavillon in Venedig kuratiert, schreibt darüber: "Das von Kiesler entwickelte temporäre Ausstellungssystem, das er als „Raumstadt“ bezeichnete, fand ein auch in Paris breites Presseecho und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer Architekturikone des 20. Jahrhunderts."

Die Installation befand sich in einem Raum des Pariser Grand Palais, er verwendete dafür schlichte Holzstäbe und horizontal sowie vertikal verlegte Flächen. Kiesler deklarierte die Konstruktion als Vision einer im Raum schwebenden Megastadt.

Dieter Bogner: "Die Konstruktion wurde vom Boden abgehoben als schwebende Installation in den weitgehend abgedunkelten, mit schwarzem Tuch ausgekleideten Raum gesetzt. Dadurch evozierte Kiesler den Eindruck eines unbegrenzten, „endlosen“ Raums, ein zentrales Thema seines gestalterischen Schaffens."

Auf der Biennale wird diese Raumstadt nun zumindest in Teilen nachgebaut und wieder begeh- und erfahrbar gemacht.

5. August 2006 Der Standard

Raum. Form. Netz.

Wolf D. Prix über das Thema der bevorstehenden 10. Architekturbiennale in Venedig und über den Beitrag, den Österreichs Architektur zur Stadtentwicklung leisten kann.

Der Brite Richard Burdett (50) ist der Chef der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. Er hat als Leitthema der Schau nichts Geringeres als ein neues Manifest für die Städte des 21. Jahrhunderts ausgerufen. In der Hauptausstellung will er das Phänomen großer Menschenagglomerationen anhand von 16 Mega-Citys veranschaulichen, und auch die 50 an der international wohl renommiertesten Architekturausstellung beteiligten Nationen wurden dazu aufgerufen, in den jeweiligen Länderpavillons der Venezianischen Giardini die Entwicklung der Stadt zu thematisieren.

Der Moment, in dem rund die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten daheim ist, wurde bereits erreicht. In 50 Jahren wird laut UNO-Experten der Anteil der Stadtbewohner auf 75 Prozent gestiegen sein. Jetzt, so Burdett, sei es hoch an der Zeit, sich Strategien für die Zügelung und Strukturierung dieses Mega-Wachstums zu überlegen, um die Städte der Zukunft menschengerecht wachsen zu lassen.

Der österreichische Biennale-Beitrag wird von Wolf D. Prix als Kommissär präsentiert. Der Mitbegründer von Coop Himmelb(l)au findet das Thema zeitgerecht und treffend - doch er weiß auch, dass er mit der von ihm gewählten Befüllung des Hoffmann-Pavillons durchaus kontroversielle Debatten auslösen könnte. Doch das ist ihm nur recht so.

DER STANDARD: Was kann die Architektur eine Miniaturlandes wie Österreich zu einer Weltausstellung der Architektur beitragen, die sich mit Stadträumen und Bewohnermassen von bis zu 35 Millionen Einwohnern wie im Falle des Großraums Tokio befasst?

Wolf D. Prix: Ich untersuche schon seit Langem, was das Spezifische am österreichischen Architekturdenken sein könnte, also worin wir uns von anderen Architekturebenen in anderen Ländern unterscheiden. Ich denke, dass man durchaus mit ironischer Kritik an die doch sehr technologischen oder soziologischen Aspekte der Burdett-Überlegungen herangehen kann, und da lag der Schluss nahe, dass wir diesmal keine Architektenpräsentation machen, sondern einen Themenpavillon. Der befasst sich mit der Stadt, und er heißt auch so: Stadt ist - Raum - Form - Netz.

Wie machen Sie das in Venedig dingfest?

Prix: Die Stadt ist nicht als Unikat oder fertiges Stück zu sehen, sie ist vielmehr ein prozesshafter, komplexer, sich ununterbrochen wandelnder Vorgang. Das hat etwas mit der Form zu tun und mit dem Raum - und das Verbindende und Entscheidende ist das Netz.

Der Pavillon wird von drei Architekten bespielt: Friedrich Kiesler steht für den Raum, Hans Hollein für die Form und Gregor Eichinger für das Netz.

Prix: Das ist schlagwortartig zusammengefasst für das, was tatsächlich das Phänomen einer Stadt ausmacht, und hier wird verdeutlicht, wo die österreichische Architektur maßgebliche und fast führende Exponenten hat. Es ist wichtig, dass man die visionären Raumideen Kieslers auch abseits seines ohnehin bekannten endlosen Hauses präsentiert. Für die Auseinandersetzung von Form und Stadt in extremem Profil haben wir den Flugzeugträger von Hans Hollein aus den 60er-Jahren ausgewählt. Und der perfekte Netzwerker ist Gregor Eichinger, das hat er mit vielerlei Aktionen und Aktivitäten bewiesen. Als Ansatzpunkt einer ironischen Kritik an den festgesetzten technokratischen Paradigmen von Städteplanung haben wir zudem ein Porträt von Wien zusammengetragen, das weit über Flächenwidmung hinausgehen soll und als Ausgangspunkt einer neuen Raumwidmung dienen kann, und zwar im Sinn der atmosphärischen Widmung einer Stadt. Das Wohlfühlen kann nicht im Flächenwidmungsplan beschrieben werden, da gehören andere, weniger technokratische, sondern vielmehr emotionale Paradigmen in die Städteplanung eingeflossen. Das wird im Beitrag „Vienna Intensities“ von Bärbel Müller und Andrea Börner zu sehen sein.

Zusätzlich wird in der Stadt auch eine Ausstellung jüngerer österreichischer Architekten gezeigt.

Prix: Nachdem man weiß, dass neu, jung und schön immer zieht, haben wir die „Rock over Barock“-Ausstellung als Ergänzung des österreichischen Architekturprofils nach Venedig geholt.

Sie beweisen damit eine zeitliche Kontinuität, die man allerdings auch kritisieren kann. Kiesler ist seit immerhin 40 Jahren tot, Hans Hollein ist, trotz unbestrittener Meriten, auch nicht mehr der Jüngste. Denken Sie da nicht ein bisschen rückwärts gewandt?

Prix: So kann man das natürlich überhaupt nicht sehen. Sie gehen auf die Namen los und nicht auf die Inhalte.

Gegen keinen Einzigen ist auch nur das Geringste einzuwenden, ich versuche nur Ihre Argumente gegen den Vorwurf der Gestrigkeit zu ergründen, der sicher auftauchen wird.

Prix: Dieser Vorwurf wird kommen, das ist mir total bewusst, und es macht mir auch Spaß, dass diese Ausstellung für viele ein rotes Tuch sein wird. Doch wichtig sind die Ideen, die in diesen Projekten stecken. Ich sage, es geht nicht um Kiesler, sondern um den Raum, es geht nicht um Hollein, sondern um die Form, und letztlich geht es um das prozesshafte Verflechten dieser Begriffe mit Neudefinitionen einer neuen paradigmatischen Raum- und Flächenwidmung. Ob das gelingt und verständlich wird, werden wir sehen. Ich möchte auch über diese Zusammenhänge während oder nach der Biennale ein Symposium veranstalten, weil es das nachhaltige Ziel ist, ein Buch über Stadt als Raum Form Netz herauszubringen. Ich betrachte diese Biennale als Ausgangspunkt einer Entwicklung einer Diskussion, die wahrscheinlich im krassen Gegensatz zu den geäußerten Thesen der Hauptausstellung stehen wird.

Was ist dazu jetzt schon zu sagen?

Prix: Ich bin jetzt schon gespannt, wie Burdett sein Thema präsentieren wird. Es ist jedenfalls hochinteressant, etwa zu erfahren, dass 80 Prozent der Londoner gar nicht in London geboren wurden. Ich halte es auch für wichtig zu wissen, dass in Wien mehr neu gebaut als niedergerissen wird oder dass Wien doppelt so viele Kinoplätze hat wie etwa Berlin. Da bekommt man plötzlich ein ganz anderes Bild von der Stadt.

Ist diese interdisziplinäre Annäherung an Architektur und Stadt die Aufforderung an Stadtplaner und Politiker, die Entwicklung anders zu denken als derzeit üblich?

Prix: Es ist der Aufruf, auf die eigentlichen Qualitäten zurückzugreifen. Es geht um die Bewusstwerdung der Qualitäten, die Wien zu einer interessanten Stadt machen. Ich halte Burdetts Idee für sehr gut, nicht Abstraktes wie etwa die Moral der Architektur etc. darzustellen, sondern zu fordern: Wir brauchen ein Manifest für die neue Stadt! Die Stadtentwicklung ist mit Sicherheit das kommende Thema in der Architektur. Man sieht ja allerorten, dass man das nicht beherrscht. Dass man mit einer solchen Ausstellung Diskussionspunkte und Entwicklungslinien einleiten kann, halte ich für gut und legitim. Die vergangenen Biennalen haben eher Personalen gezeigt und sich weniger mit den übergeordneten Zusammenhängen befasst.

Daran kann man die Frage anschließen, ob das Format der Ausstellung, also diese einzelnen Länder-Schauen, überhaupt noch zeitgemäß ist?

Prix: Das Format ist total überholt.

Warum hält man dann noch daran fest?

Prix: Weil die Biennale natürlich auch ein Jahrmarkt der persönlichen Eitelkeiten ist. Dem kann man sich nicht entziehen: Heutzutage wird die Person wichtiger als das, was diese Person vertritt. Ein bekannter Architekt eröffnet ein neues Gebäude, man schlägt die Zeitung auf, und dort sitzt er riesengroß abgebildet, im Hintergrund das Gebäude - winzig klein, und was er oder sie anhat ist wichtiger als die Qualität des Gebäudes, um das es eigentlich geht. Doch auch dieser Trend wird medial irgend wann einmal zu Ende gehen. Die Gesichter werden wieder hinter die Gebäude zurücktreten.

Das Bundeskanzleramt nominiert seine Venedig-Kommissäre traditionell sehr spät, auch das Budget ist immer knapp: Wie kann man mit wenig Geld in kurzer Zeit Ordentliches zustande bringen?

Prix: Das ursprüngliche Budget von 400.000 Euro habe ich inzwischen kräftig erhöht, und mit Elisabeth Gehrer sowie Pulides Sponsoren für die Produktion der beiden großen Projekte von Hollein und Kiesler aufgetrieben. Die Modelle werden anschließend dem MAK übergeben und im MAK-CAT-Flakturm zu sehen sein. Trotzdem wäre es besser gewesen, vor November gefragt zu werden und ein Jahr Vorlauf zur Verfügung zu haben, aber es ist Usus, dass die Kommissäre so kurzfristig ernannt werden und auf ihre eigenen Konzepte zurückgreifen. Für mich ist die Biennale jedenfalls eine hervorragende Gelegenheit, um das österreichische Architekturprofil wieder einmal und noch stärker herauszuarbeiten. Und nochmals: Auch wenn man sich auf den Kopf stellt, da gehören Hollein und Kiesler dazu, und es werden auch Raimund Abraham, Günther Domenig und Walter Pichler dazugehören, mit all den jungen Ansatzpunkten, die sie mit sich bringen.

17. Juli 2006 Der Standard

Die Welt ist meine Vorstellung

Ein Besuch beim Bildhauer Walter Pichler: Er beherrscht die schwierigste aller Künste -die der Selbstbestimmung. Und mit seinem jüngst erschienen Buch "Skulptur Architektur"versucht er nun sein Werk so zu zeigen, wie er es durch die eigenen Augen sieht.

St. Martin - Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. Gesegnet die, die wollen können. Walter Pichler (69) ist einer ihrer begnadetsten Vertreter.

Jetzt will er also, dass wir seine Arbeit durch seine Augen betrachten. Welche Erkenntnis wir daraus ziehen, überlässt er freilich uns allein. Denn einerseits stört ihn, „dass alles aufbereitet und den Menschen hinterhergetragen werden muss“. Andererseits ist er so unabhängig von unserer Meinung, wie ein Mensch nur sein kann.

„Ich steh in der Früh auf“, sagt er, „und geh in die Arbeit. Dann leg ich mich hin, steh wieder auf und geh in die gleiche Arbeit.“

Walter Pichler ist Künstler, doch er lebt die Antithese zum gängigen Kunstmarkt. Man kann davon ausgehen, dass ihn das vergnügt. "Ich finde, dass es sehr wichtig ist, auch das noch ein bisschen anders zu machen, als es vorgeschrieben oder gerade Mode ist. Ich finde, dass Kunst anders gehandhabt gehört, wenn sie ihre Wirkungsweise behalten soll. Sonst wird sie Handelsware und man selbst enthebt sich seines aufständischen Potenzials."Er habe die „Fremdartigkeit“ stets als etwas Elementares empfunden. Was man tue, könne „gar nicht fremd genug sein, um eine andere Haltung zu demonstrieren und nicht das kommerzielle System zu kopieren“.

Zeichnungen: Späne

Pichlers eigentliches Werk, seine Skulpturen und Plastiken, die Häuser, die er im südburgenländischen St. Martin dafür baut, sind unverkäuflich, die gehören nur ihm. Wohlfeil sind lediglich die Skizzen und Grafiken, die er anfertigt, um zum Kern seiner Arbeit vorzudringen, sich dem Wesen des Werkes zu nähern.

Diese feinen, aber kräftigen Zeichnungen sind die Späne, die bei der Arbeit abfallen und gleichzeitig diese Arbeit finanzieren. Und wenn man sie, wie vom Künstler aufgetragen, in seinem Buch Skulptur Architekturbetrachtet, muss man Auge und Hirn frei machen, die Schimären der heutigen bunten Bilderflut verscheuchen, um zu verstehen.

Dann erkennt man, warum diese Bilder aus der heutigen Zeit der Renderings und Computeranimationen zu fallen scheinen: Pichler zeichnet in Axonometrien und nie in Perspektiven. Er zeichnet die Dinge, wie sie sind, und nicht, wie sie erscheinen. Er hat sich selbst - und nicht seine Rezipienten - zum Nullpunkt, zum Koordinatenursprung erklärt, und das gibt ihm die Freiheit, in dem eigenen Gefängnis, in dem jeder Mensch sitzt, daheim zu sein und das zu tun, was er will.

Werkstatt: Zentrum

Während die Kunstwelt also von einer Biennale zur nächsten Ausstellung hetzt, während der Wert von Kunst nach marktdiktierten Geldmaßstäben gemessen wird und die meisten Künstler ihre Produkte eben diesen Märkten andienen und sich damit der Fremdbestimmung unterwerfen, befindet sich Pichler dort, wo er sich am wohlsten fühlt: in seiner Werkstatt.

Sie bildet gewissermaßen das Zentrum des Ensembles aus skulpturbeherbergenden Häusern, das er im vergangenen Vierteljahrhundert rund um ein altes Bauernhaus in St. Martin geschaffen hat. Kurz vor Fertigstellung ist etwa das „Haus für die zwei Tröge“, deren Kerne zwei große alte Wasserbecken bilden, die der Künstler vor Jahren im Waldviertel gefunden hat.

Die kreisrunden Monumente aus Granit hat er mit einander überschneidenden Mauerzylindern umfasst und mit einem Glas-Holz-Dach überdeckt, sie sollen künftig über eine komplizierte Skulptur von metallenen Rinnen und Überläufen vom Regenwasser der Dächer gespeist werden.

Das Haus steht exemplarisch für Pichlers Herangehensweise: Jeder Kubikmillimeter ist geplant, durchdacht, macht Sinn - im Großen wie im Kleinen. Die weiß getünchten Zylinder sind so makellos glatt ausgeführt, dass der Mittagsschatten der Dachkante exakte Kegelschnitte auf die Außenflächen wirft und somit Teil des Gesamten wird. Das Rinnensystem ist so fein und ausgeklügelt, dass es von stärkeren und schwächeren Regenschauern unterschiedlich bespült wird. Und wenn ein deftiges Sommergewitter über St. Martin niedergeht, kann Pichler, wenn er Lust dazu hat, die Tröge zum Überlaufen bringen und das gesamte Konstrukt in sternförmigem Wasserspiel innerlich überfluten.

Tempel und Hütte

Es gehe ihm auf die Nerven, sagt er, dass seine Arbeiten in Publikationen stets monumentaler und archaischer ausschauten, als sie tatsächlich seien: „Klar, wenn ich was mache, dann wird es immer irgendwie feierlich und wie ein Tempel. Darum versuche ich die Kombination mit der Holzhütte oder dem Geräteschuppen. Das profanisiert das dann wieder. Aber ich habe nichts gegen Feierlichkeit, und es kann ruhig auch schön sein, das macht mir nichts.“

Tatsächlich dockt das Haus für die zwei Tröge am Holzschuppen an, in dem die vier verschiedenen Holzarten fein säuberlich in jeweils einer Ecke gestapelt sind, mit denen Pichler seinen alten Kochherd im Wohnhaus befeuert. Sprisselholz für die Eierspeis, Buchenscheitel für langwierigere Kochprozesse. Der Wasserzulauf zu den Trögen führt durch den Dachstuhl, er ist über eine Leiter zu erreichen. Dort oben, am anderen Ende des Stegs, steht, ebenfalls von einem Glasdach geschützt, die „bewegliche Figur“. Lebensgroß, jedes polierte Metallglied bis in die Finger beweglich, die Schädeldecke die eines unbekannten Toten.

Im Kopf, da spielt sich alles ab, die Projektionen, die Synthesen, das Wollen. Die Welt ist meine Vorstellung. In den polierten Schädeldecken aus Messing, die in einem anderen Haus auf Pichlers Anwesen auf einem Holzgerüst quasi aufgebahrt liegen, erkennt der Betrachter plötzlich sein eigenes verzerrtes Spiegelbild.

Walter Pichler geht von Haus zu Haus, er trägt einen Schlüsselbund wie ein Kerkermeister, sperrt Tore auf, rückt Türflügel in den richtigen Winkel. Er betrachtet seine Weihestätten. Draußen zwitschern die Vögel, rattern irgendwo in der Ferne Traktoren. Drinnen ist es still, das Licht wird über geschlitzte Mauerkanten und -ecken indirekt in die Räume gelenkt. Nur die Vögel sollten draußen bleiben, die scheißen auf die Schädel und hinterlassen Ätzflecken im makellosen Messing.

Weitere Behausungen für Plastiken sind geplant: Ein exakt nach der Sonne ausgerichtetes „Haus für die drei Flächen“, ein "Haus für den Grat und die Schlucht"und die „Passage“- ein aus gegossenen Betonteilen konstruierter Lichtkäfig, der aus identischen Elementen zusammengesteckt wird.

Er sei, so Pichler, kein Architekt, die Räume müsse er machen, weil sich das zwangsläufig für seine Plastiken so ergebe: "Das Hauptaugenmerk liegt auf den Innenräumen. Außen sollen sie möglichst anständig ausschauen und keinen Wirbel machen. Nur das Haus für die zwei Brunnen, das ist nicht ganz normal. Da haben die Bauern gesagt: Jetzt dreht er durch, der Pichler, jetzt fängt er an zu wirtschaften und baut sich einen Silo."Soll er. Er ist der Chef. In diesen Silos befindet sich halt kein Grünfutter, sondern das Persönlichkeitsuniversum eines der maßgeblichsten Künstler der Gegenwart.

[ Walter Pichler „Skulptur Architektur“, Verlag Jung und Jung, 260 Seiten, 72,- ]

15. Juli 2006 Der Standard

Alles fließt

Der österreichische Architekt Dietmar Feichtinger schließt mit einer Fußgängerbrücke über die Seine eine städtebauliche Lücke in Paris. Was so einfach aussieht, ist ein komplizierter Schachzug in einem großen Spiel, das Stadt heißt.

Paris trägt dieser Tage Hitze, Besuchermassen und Souvenirstände auf den Trottoirs. Die Pariserinnen zeigen ein sommerliches Faible für neckische Ballerina-Schühchen in Gold oder Silber, die unzähligen Turnschuhtouristen der Prachtstadt kaufen lieber T-Shirts mit Eiffelturmaufdrucken. Vier Stück für 15 Euro. In kurzen Lärmpausen, wenn die Autos vor der Ampel zum Stillstand kommen, ist am Ufer der Seine ganz fein die Glocke von Notre Dame zu hören. Ihr Bimmeln klingt wahrscheinlich genau so, wie es schon vor 700 Jahren geklungen hat.

Damals wurden die kräftigen Kaimauern entlang des Flusses errichtet, der Paris ein Rückgrat gibt und den Besuchern von heute die historisch-romantische Fotokulisse. Die Seine bildete jahrhundertelang die kommerzielle Hauptschlagader der Stadt, ihre Häfen lagen nur wenige Kilometer flussaufwärts an den Ufern des heutigen 12. und 13. Arrondissements. Der Fluss brachte Wein, Getreide und andere Handelswaren, und die Verkehrsströme auf dem Wasser mündeten in das Adernnetz von Straßen und Brücken.

„Alles fließt und nichts bleibt, es gibt kein eigentliches Sein, sondern nur ein ewiges Werden und Wandeln“, besagt die Flusslehre Platons, und dieser ewige Wandel drückt sich gerade in Paris so plastisch in alter und neuer Architektur aus. Insgesamt 37 Brücken aus den unterschiedlichsten Epochen verbinden das linke mit dem rechten Seine-Ufer, und die jüngste von ihnen wurde vergangenen Donnerstag in fröhlichem Zeremoniell eröffnet.

Die Passerelle „Simone de Beauvoir“ ist, wie ihr Name sagt, den Fußgängern vorbehalten. Sie schließt in eleganten Schwüngen die städtebauliche Lücke eines groß angelegten Planes, den seinerzeit noch François Mitterrand, der bis dato letzte herrschaftliche Baumeister Frankreichs, befohlen hatte.

Dort, wo früher am einen Ufer der Wein gelagert, am anderen das Mehl gemahlen worden war, sollte ein neuer Stadtteil entstehen, um die urbane Balance zwischen der Defense im Westen, dem historischen Zentrum in der Mitte und eben diesem neuen Wohn- und Büroviertel im Osten herzustellen.

Den Paukenschlag dazu setzte der Pariser Architekt Dominique Perrault knapp an den Seine-Wassern mit dem Gebäude der Französischen Nationalbibliothek. Auf der anderen Flussseite entstand - sehr zum Missfallen der Beamtenschaft, die bis dahin feudal im Louvre residiert hatte - der gewagte Machtriegel des neuen Finanzministeriums. Knapp daneben wurde eine großzügige Parklandschaft angelegt, an deren Rand Frank O. Gehry ein neckisch-geschwungenes Gebäude setzte, das heute die Cinématheque Française beherbergt.

Rund um diese Initialpunkte entstanden in den vergangenen 20 Jahren eine Vielzahl von Wohn- und Bürohäusern, denen nur noch eines fehlte: der Verbindungsweg über die Seine, der bereits zu Mitterrands Zeiten im Stadtentwicklungsplan vorgesehen und von den neuen Bewohnern des Viertels sehnsüchtig erwartet worden war.

Der seit 17 Jahren in Paris ansässige Architekt Dietmar Feichtinger gewann 1999 den Brückenwettbewerb mit einer Konstruktion, die nun, da sie fertig gestellt ist, ganz selbstverständlich und einfach aussieht, tatsächlich aber unerhört raffiniert und kompliziert angelegt ist.

Die zierliche Brücke (Baukosten netto: 17,5 Millionen Euro) erreicht das Land immerhin auf vier verschiedenen Niveaus: Sie führt direkt auf den Platz, den die vier Türme der Bibliothek bilden, sie leitet die Passanten auf der gegenüberliegenden Seite in den Parque de Bercy, und sie bindet Fußgänger wie Radfahrer an das sechs und acht Meter tiefer liegende Niveau der Straßen entlang der Seine an.

Die 194 Meter lange und 12 Meter breite Konstruktion spiegelt den inneren Kräfteverlauf wider: Einander überlagernde Hänge-und Bogenkonstruktionen aus Stahl wurden hier hauchzart ausgeführt und an den Ufern verankert, sie kommen erfreulicherweise ohne Stützen im Flussbereich aus, weil die Kräfte in den Randankern sozusagen raffiniert im Kreis gelenkt werden. Das ist insofern von Vorteil, als nun zwischen den beiden massigen, jeweils mit vier Pfeilern im Flussbett abgestützten Nachbarbrücken ein Bassin entsteht - bestens geeignet für Motorbootregatten und andere feuchtfröhliche Amüsements.

Die Passerelle Simone de Beauvoir bildet dafür die luftige Aussichtstribüne. Inmitten der Seine formt sie einen überdachten Platz, der auch für temporäre Installationen, Ausstellungen und andere Events geeignet ist - und der noch dazu Aussicht auf das atemberaubende Panorama der Seine-Stadt bietet: Im Hintergrund ragen die wie abgeschnitten wirkenden Turmrümpfe von Notre Dame aus dem Häusermeer, ist der Wipfel des Eiffelturms zu sehen und auch ein Stückchen von Montmartre.

Dietmar Feichtinger hatte all das vor Augen, als er die Brücke entwarf: „Die große Perspektive, die hat man nur auf dem Fluss, nur hier gibt es diese Offenheit, die weite Sicht und den großen Blick auf den Himmel.“ Warum vom Wettbewerb bis zur Fertigstellung ganze sieben Jahre vergingen, ist leicht erklärt: Erst hatte ein Sturm, der mit an die 160 Stundenkilometern über Paris gebraust war, nicht nur ein paar Dächer abgedeckt, sondern in der Folge auch die Brückenbauvorschriften verschärft. Dann gab es sowohl hier an der Seine als auch in London Probleme mit Schwingungen und Resonanzen auf neuen Fußgängerbrücken. Doch alle Probleme konnten gelöst und die Idee in Form gebracht werden.

Die Stadt entwickelt sich immer wieder aus sich selbst, nimmt Altes auf, modifiziert es zu Neuem, wandelt sich ständig, bleibt nie gleich. Staatspräsident Georges Pompidou, beispielsweise, hatte in einer anderen Zeit, in der die Geschwindigkeit des Automobils die alten Städte zu zerschneiden begann, die Uferzonen der Seine zu Schnellstraßen ausbauen lassen. Heute versucht man deren Rückbau, und an den Wochenenden gibt man den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt zurück, was man ihnen damals genommen hat: Der Verkehr wird umgeleitet, die Straßen werden zu Flaniermeilen. Auf alten, zu Cafés, Clubs, Discos umgebauten Schleppkähnen und Leuchtschiffen regt sich jede Menge Leben, und im Sommer wird seit einigen Jahren tonnenweise Sand auf den Promenaden aufgeschüttet, weil dann werden die Seine-Ufer zur Paris Plage, zum Strand von Paris.

Noch sind die neuen Stadtteile des 12. und 13. Arrondissements nicht ganz fertig gestellt, noch fehlt es ein wenig an urbaner Quirligkeit, doch auch das wird sich in absehbarer Zeit ändern. Die riesigen Lagerhallen in der Nähe des Gare d'Austerlitz sollen von den Architekten Jakob and Mac Farlane zu einem Mode-Shopping-Komplex umgebaut werden, weitere Projekte befinden sich in Planung. Es gibt kein eigentliches Sein, sondern nur ein ewiges Werden und Wandeln.

8. Juli 2006 Der Standard

Türme im Dialog

Der französische Architekt Dominique Perrault zeigt im Wiener Architektur- zentrum Großprojekte für St. Petersburg, Seoul, Madrid - und auch für Wien: Auf der Platte entsteht ab kommendem Jahr das höchste Haus Wiens.

Dominique Perrault ist unter den hoch gehandelten Architekten dieser Welt ein vergleichsweise stiller, angenehmer Star. Der 53-jährige Franzose tritt ohne großes Getöse auf, pafft ruhig seine obligatorische Architektenzigarre, schaut nebstbei angenehmerweise wie George Clooneys kleiner Bruder aus und erklärt seine Architektur mit vernünftigen, nachvollziehbaren Argumenten.

Dieser Tage weilt er in Wien, denn im Architekturzentrum Wien (Az W) ist eben eine große Personale angelaufen, die Perraults künftige Werke veranschaulicht. „Meta-Buildings“ zeigt Videos und Dokumentationen von vier international angesiedelten Großprojekten, die allesamt noch in Arbeit sind, doch anhand derer Perrault demonstrieren will, was er ist: „Ein französischer Architekt, der in Europa arbeitet und auf der ganzen Welt baut.“

Warum die Schau in Wien gezeigt wird, liegt auf der Hand: Für den in den vergangenen Jahren entstandenen neuen Wiener Stadtteil auf der Platte am Donauufer hat Perrault zwei Hochhäuser entworfen. Die Donaucity bekommt mit diesen Doppel-Türmen quasi das I-Tüpfchen in die Skyline gesetzt: Einer der beiden Türme wird 215 Meter (56 Geschoße) hoch über die Szenerie ragen und somit zum derzeit höchsten Gebäude Wiens avancieren, der zweite Turm bringt es auch immerhin noch auf etwa 160 Meter (45 Geschoße) Höhe. Inhalt: Hotels, Büros, hochklassige Wohnungen, Cafés, Restaurants und was man sonst noch alles für urbane Lebenssituationen braucht. Geplanter Baubeginn: Sommer nächsten Jahres. Angepeilte Fertigstellung des höheren Turmes ist 2010, je nach Marktsituation wird der zweite Turm ein bis zwei Jahre später fertig gestellt sein.

Wie sehen die Dinger also aus? Perrault: „Stellen Sie sich einen Block vor, einen Block, der in zwei Teile geschnitten ist - und den Raum zwischen den beiden Türmen: das ist das neue Tor in den Stadtteil. Es geht nicht nur darum, einen Turm zu bauen, und noch einen zweiten dazuzustellen, sondern es geht um den Dialog zwischen den beiden Häusern, und den Ort, an dem sie stehen. Alles soll ein Gefühl der Offenheit für die Stadt vermitteln. Das ist die Idee.“

Vor dieser nunmehr finalen Idee gab es allerdings bereits eine andere, und zwar die, den zweiten Turm von den Schweizer Kollegen Jacques Herzog und Pierre de Meuron planen zu lassen. Doch die hatten den „Dialog“ mit Perrault nicht bewerkstelligt, waren zu solitär und architekturstarmäßig geblieben und schließlich kurzerhand vom Bauherren WED verabschiedet worden. Deren Chef Thomas Jakoubek sieht die Angelegenheit unemotional, obwohl doch einiges an Planungsgeld und Zeitverlust zu beklagen sein dürfte: „Die beiden Einzelobjekte waren zwar schon völlig durchgeplant, da aber das Resultat nicht überzeugt hat, haben wir es schmerzlicherweise doch verworfen und einen Neuanfang gemacht.“

Der dürfte sich langfristig bezahlt machen. Die neuen Doppeltürme sind solide, anständige Hochhäuser, sie sind nicht zickig-exaltiert, sondern wie aus einem Guss in die Szenerie gepflanzt. Sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach der Plattenbebauung jenen optischen und formalen Anker geben, den die Platte dringend braucht, um zu einem eigenständigen Charakter zu kommen. Doch alles braucht seine Zeit - kein neues, funktionierendes Stadtviertel wurde über Nacht aus dem Boden gestampft, wenn die Sockel- und Erdgeschoßzone jetzt auch noch mit Sorgfalt und Überlegung in das Umfeld eingepasst werden kann, wird alles gut gehen.

Perrault hat auch in Wien, wie überall, wo er baut, ein Partnerbüro, das sich mit den lokalen Gegebenheiten auskennt: Die Kollegen Hoffmann und Janz sind sozusagen die dringend benötigte architektonische Verankerung vor Ort, denn Perrault ist, so ruhig er scheint, in einer Art Dauerlauf rund um den Globus unterwegs.

In Seoul baut er derzeit das EWHA Woman's University Campus Center. Geplante Fertigstellung des enormen Areals für 20.000 Studentinnen ist 2007, und - wie man das von Perrault kennt - ein Teil des Gebäudes ist in der Parklandschaft eingegraben. Dieser Kunstgriff ist das Markenzeichen des Architekten. Er hat ihn bereits in Berlin angewandt, wo er ein Radstadion und eine Schwimmhalle teils versenkte, und auch jenes Projekt, das ihn als erst 36-jährigen Architektur-Jungspund über Nacht bekannt machte, entspricht diesem Konzept: Die Französische Nationalbibliothek in Paris.

Perrault erklärt, warum er mit dem traditionellen Architektur-Kanon von Fassade, Dach, Fenster, Portal nichts am Hut hat, sondern Gebäude vielmehr als städtische Landschaften versteht, die multifunktional nutzbar und von allen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt in irgendeiner Weise verwendbar sind: Jede errichtete Mauer, so meint er, wäre ein autoritärer Akt, der den Raum zerschneide, und den man sich daher ganz genau überlegen müsse.

Die Idee, den Menschen eine architektonische Landschaft zu bieten, nimmt auch in St. Petersburg gerade Form an. Das neue Mariinsky-Theater, das 2009 fertig gestellt sein soll, ist eine wilde Konstruktion neben dem bereits bestehenden Theater, ein Parcours durch Säle, Foyers, Cafés, umhüllt mit einer Art Netz. Und - es ist das erste mit öffentlichen Geldern finanzierte Gebäude Russlands, das nach demokratischen Wettbewerbsprinzipien entsteht.

Geht es nach Perrault, so sollen die Menschen, die das Haus immerhin mit Steuergeldern finanzieren, auch etwas von der Architektur haben, wenn sie nicht gerade einer Opernaufführung beiwohnen: „Jeder zahlt Steuern für öffentliche Gebäude, aber wenn du kein Ticket hast, keine Eintrittskarte, dann bleibst du draußen. Wenn ich also ein Gebäude wie die Oper in St. Petersburg baue, will ich, dass alle Leute davon profitieren: Man soll hineingehen können, einen Kaffee trinken, ein Meeting haben und Ausstellungen anschauen. Man muss nicht unbedingt Eintritt zahlen, aber ich kann mein eigenes persönliches und intimes Gefühl dem Haus gegenüber entwickeln - denn es ist nicht verschlossen, es gibt öffentliche Zonen, ich kann durchgehen.“

Das vierte im Az W gezeigte Projekt ist das Olympische Tennis-Stadion in Madrid (Fertigstellung: 2008), das ebenfalls in eine bestehende Parklandschaft integriert wird und von einem luftdurchlässigen Metallgewebe umspannt ist, auf dass sich die Parklandschaft atmosphärisch bis in das Gebäudeinnere fortsetze.

Dominique Perrault verkörpert den vagabundierenden Weltarchitekten par excellence. Er unterhält überall, wo er baut, Büros mit lokalen Partnerarchitekten, reist stets und ständig, versteht es dabei aber, die Solidität der europäischen Architekturkultur als wichtiges Exportgut zu vermarkten: „Die Idee dieser Ausstellung ist es, große und wichtige Projekte miteinander zu vergleichen. In Osteuropa, Südeuropa, Russland, Asien. Wir wollen damit zeigen, wie wir arbeiten - nicht in einem internationalen Stil, sondern in unserem Stil, mit dem wir unsere Kultur erhalten.“ Ohne Partner, das weiß er, wäre er lediglich die Pfauenfeder, die sich Investoren und Auftraggeber an den Hut zu stecken pflegen: „Ich habe ein fantastisches Leben, denn ich bin nicht allein. Die Idee, Architekten sollten allein entwerfen, ihre Projekte allein durchziehen, ist dumm und langweilig. Ich mag das nicht. Ich ziehe es vor, zu reisen, mit anderen Leuten auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten und gemeinsam Neues zu erschaffen.“

7. Juli 2006 Der Standard

Prämiert: Ausgezeichnete Architekturabwicklung

Am Donnerstag wurde erstmals der hochdotierte „österreichische Bau-Preis“ vergeben

Insgesamt 227.000 Euro ist der Immobilien Privatstiftung der neue und mit Abstand bestdotierte Bau-Preis Österreichs wert: Die vor sechs Jahren gegründete Stiftung will ihre Erträge in die Förderung des Immobilienwesens investieren, dazu gehört nicht nur die architektonische Planung von Projekten, sondern vor allem auch deren präzise, kostentreue und innovative Umsetzung in Zusammenarbeit mit Planern und Fachleuten der Bauzunft.

Zur Teilnahme eingeladen waren „in Österreich niedergelassene freiberufliche Architekten und Ingenieurkonsulenten mit innovativen und ökonomisch anwendbaren Lösungen“. Die Preise wurden in drei Kategorien vergeben.

In der Gruppe der Projekte, die in Zusammenwirken mit anderen technischen Sparten zustande kamen, räumten der Künstler Hans Kupelwieser und die Rechenmeister vom Werkraum Wien gemeinsam den Hauptpreis (40.000 Euro) für die vor zwei Jahren eröffnete Seebühne in Lunz ab.

Das Projekt, das eine Gemeinschaftsproduktion von Gemeinde Lunz und Kulturabteilung der Niederösterreichischen Landesregierung ist und rund 270.000 Euro gekostet hat, stellt tatsächlich eine der gelungensten Symbiosen von Kunst, Architektur und innovativer Technologie dar. Die Seebühne dient unter Tags als Erweiterung des Lunzer Seebades und kann als abgetreppte Liegefläche von den Badegästen benutzt werden. Des Abends wird die Konstruktion mittels einer hydraulischen Hebevorrichtung zur Überdachung einer Tribüne. Eine schwimmende Plattform auf dem See dient als Bühne für Theateraufführungen und Konzerte. Die Konstruktion ist ausgesprochen raffiniert ausgeführt und konnte nur durch das perfekte Zusammenspiel von Kupelwieser und den versierten Ziviltechnikern von Werkraum Wien umgesetzt werden.

In der Kategorie „Institute und Fakultäten“ gewann Ardeshir Mahdavi vom Institut für Architekturwissenschaften der TU Wien den Hauptpreis (40.000 Euro) für das Projekt „Gebäude, die mitdenken“. In der Kategorie Diplomanden und Dissertanten wurden insgesamt zehn Preisträger mit 6.000 bis 9.000 Euro bedacht. Eine Schriftenreihe wird die Projekte dokumentieren.

1. Juli 2006 Der Standard

Unsere Monster haben wir alle

Schöne Bücher, unkonventionelle Bücher, verdienstvolle Bücher: Das ALBUM serviert das traditionelle architektonische Sommerlesemenü mit Schmankerln aus aller Welt und allen Architekturbereichen.

Rabe, Ziege und Nasobem - oben formschön zu betrachten - sind nur drei der Geschöpfe, die im Kopf der Grazer Architektin Karla Kowalski Form annehmen und die sie beglückenderweise eigenhändig und mit außerordentlichem Können in Ton und Glasur manifestiert. Partner Michael Szyszkowitz liefert die architektonischen Stelzen und Ständer dazu, auf dass auch im Skulpturalen ein gemeinschaftliches Gesamtkunstwerk entstehe. Zu sehen sind diese „Monster“, wie Kowalski ihre gezeichneten und geformten Geschöpfe nennt, in einem der heitersten Bücher über das so breite Thema Architektur, das seit Längerem erschienen ist. Kowalski sagt uns im Vorwort: „Michael Szyszkowitz und ich, wir sind Architekten - und Menschen dieses Schlages sind im Verhältnis zu ihren Sehnsüchten in ein ziemlich hartes Korsett gespannt. Deshalb machen wir auch Dinge, die abseits liegen.“

Dass ihre über viele Jahre hinweg entstandenen Zeichnungen, Skizzen, Fantasiegeschöpfe nicht ganz abseits der Architekturwelt angesiedelt sind, dass Architekten im besten Fall eben ihre ganzheitlichen, komplizierten und formenstarken Innenwelten unterschiedlich ausleben, erfreut auch den großen, alten Architekturschreiber Manfred Sack. Er meint: „Wie angenehm zu sehen, dachte ich, dass die beiden Grazer in Zeiten, da kaum jemand Zeit zu haben scheint, sich die Zeit für diese zauberhaften Märchenfiguren genommen haben - ich nehme an, weil ihnen das lebensnotwendig ist, eine Fantasiequelle, wie man sie doch auch braucht, um das Erfinden beim Finden von architektonischen Realien, von Wohnhäusern also, von Schulen und Büchertürmen, von Universitäten, Umspannwerken, Toren, kurz und gut: um das Fabulieren nicht zu verlernen.“ Kluge Texte, gute Bilder - ein rundum empfehlenswerter Band. Monster und andere Wahrheiten. Bildergeschichten von Karla Kowalski, herausgegeben von Werner Durth, jovis, € 51,20.

Wolfgang Förster wiederum widmet sich in seiner Publikation Wohnen im 20. und 21. Jahrhundert (Prestel, € 51,40) dem elementarsten Thema der Architektur überhaupt: dem Wohnbau, und der ist und bleibt die - meist unbedankte und unterbezahlte - Königsdisziplin der Planerzunft. Dass Förster zumalen den sozialen Aspekt dieses Architekturthemas in den Mittelpunkt rückt, ist ihm in den Elendszeiten architektonischer Eitelkeit und Arroganz, in der Penthouse- und Museums-Medienspiegeleien das Maß aller Dinge zu sein scheinen, nicht hoch genug anzurechnen.

Er skizziert einen wertvollen Abriss der Wohnbaugeschichte und setzt genau dort an, wo anzusetzen ist: bei den Bedürfnissen der Nutzer, bei städtebaulichen und - vor allem natürlich politischen Entwicklungen, wie etwa der verhängnisvollen Privatisierung des öffentlichen Raumes im Großbritannien der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Zitat Margaret Thatcher: „There is no such thing as society.“ Die jüngere Geschichte hat die Eisenlady Lügen gestraft. Förster: „Der Jahrtausendwechsel ist auch von einer weitgehenden Desillusionierung in Bezug auf städtebauliche, architektonische und technische Experimente im Wohnungsbau gekennzeichnet - ein Ende der Utopien? Nicht unbedingt. Eindeutig feststellbar sind allenfalls widersprüchliche Entwicklungen: Einerseits zieht sich die Architektur auf ihre ursprüngliche Aufgabe, den Bau von Einzelobjekten, oft von Solitären ohne Bezug zu ihrer wenig attraktiven Umgebung, zurück; andererseits entstehen in einer neuerlich auftretenden antiurbanen Haltung Gated Communities, die eine zunehmende gesellschaftliche und sozialräumliche Polarisierung widerspiegeln.“

Gezeigt und besprochen werden ältere und neue Wohnbauprojekte aus aller Welt, wie etwa der hier zu Lande weitestgehend unbekannte, fantastische Wohnblock „Pedregulho“ aus den frühen 50er-Jahren von Affonso Eduardo Reidy für die nicht so betuchte Bevölkerung im Hinterland Rio de Janeiros.

Wolfgang Förster, zuständig für diverse Städtebauprojekte der EU, gelingt mit diesem Buch ein rares Kunststück: Ein nicht nur ansehens-, sondern auch lesenswertes Architekturbuch herauszubringen, das jeder Mensch, der für Menschen Wohn- und Lebensräume baut, ganz genau gelesen haben sollte. Förster: "Die Götter und ihre Häuser mögen wechseln - Wohnungsbau kann dagegen als der „rote Faden“, das Kontinuum in der langen Geschichte der Architektur betrachtet werden."

Mit dem in der Redaktion bedenklich schwankenden Turm übereinandergestapelter und allesamt natürlich prächtiger Publikationen über besagte Museen und andere tolle Kommerzbauten erschlagen wir Sie an dieser Stelle also nicht, sondern verweisen vielmehr auf ein Buch zu einem weiteren grundlegenden Thema, nämlich der Landschaft - und der Hege und Pflege derselben.

Fieldwork. Landschaftsarchitektur Europa ist die erste Publikation in einer Reihe, die ab nun im Dreijahresrhythmus erscheinen soll (Birkhäuser, € 61,60). Herausgegeben wird das dicke, große, wissenschaftlich durch allerlei Studien abgefederte Buch von der Stiftung Landscape Architecture Europe (LAE), die damit den Zweck verfolgt, nicht nur interessante Landschaftsprojekte vorzustellen, sondern auch dringend notwendige Standards auf diesem Weg zu definieren.

Vierzig von Juroren ausgewählte Landschaftsarchitekturen werden besprochen - nach Meinung von Meto J. Vroom, dem LAE-Vorsitzenden, sind das immer noch zu wenige, doch: „Der Leser ist gebeten, sich zu gedulden, bis mehrere Bände erschienen sind, die den angestrebten repräsentativen Querschnitt landschaftsgestalterischer Entwürfe aus ganz Europa darstellen.“ Ein Understatement, denn der Fächer ist breit aufgeschlagen, und in übersichtlichem, beglückend unkapriziösem Layout wird dargelegt, was Landschaftsarchitektur so alles sein und leisten kann. Parks, Kinderspielplätze, Pausenhöfe und Außenräume von Büro- und Wohnhäusern werden ebenso thematisiert wie Deponielandschaften, Lärmschutzanlagen, Uferbefestigungen oder Straßenraumgestaltungen.

Hansjörg Küster beschreibt die Landschaft als Kulturprodukt: „Die Kenntnis der Geschichte der Landschaft und jeder Versuch, Zusammenhänge zu erhellen, die zum Entstehen eines Lebensraumes beigetragen haben, sind wichtig für die Bewahrung der Vielfalt der Landschaften. (. . .) Sicher ist die intensive Beschäftigung mit der Geschichte der Landschaft die Voraussetzung für eine moderne Ökologie, einen vernünftig gestalteten Naturschutz und eine zeitgemäße europäische Landschaftsarchitektur.“ Auch in der Stadt.

17. Juni 2006 Der Standard

Aus für Mozart

In Salzburgs neuem „Haus für Mozart“ ertönen dieses Wochenende erstmals die Melodien des Unsterblichen. Sie werden sich wie tröstliche Klangschleier über die Unvollkommen- heiten der Sterblichen legen.

Wer Wolfgang Amadeus Mozart wirklich war, werden auch seine Biografen nie wirklich ergründen. Was bleibt, ist die Musik - und sein Talent, mit leichtfüßiger Brillanz die unterschiedlichsten Genres mit noch höheren Sprüngen - und schelmischem Gelächter - zu durchhüpfen als alle anderen.

Das ist eine Gabe, die im vergleichsweise schwerfüßigen Adagio der Architektur natürlich nicht so leicht umzusetzen ist. Die einen Bauleute beherrschen den Kanon des Wohnbaus, die anderen die Fuge des Industriebaus. Doch wenn Architekten nach eigenen Worten den Anspruch erheben, ein „Haus für Mozart“ zu bauen, erwartet man ein Präludium der Sonderklasse, eine leichte, bezaubernde Fingerübung, eine Architektur, die ihre Besucher schon vor Konzertbeginn auf jenes Entzücken einstimmt, das die zu ihrer Zeit avantgardistische Musik des Unsterblichen auch heute noch auszulösen imstande ist.

Wilhelm Holzbauer und François Valentiny wissen beide, dass ihnen diese Übung in Salzburg misslungen ist. Doch schuld daran sind nicht nur die beiden Kompositeure des Konzerthauses. Schuld sind auch die unzähligen Nebendirigenten, die mit ihrem Kleingeist der Architektur stets verbissen den falschen Takt aufzwingen und die womöglich in Salzburg zahlreicher anzutreffen sind als anderswo.

Der Umbau des Kleinen Festspielhauses zu einem „Haus für Mozart“ wurde von den Akteuren nie als das begriffen, was er hätte sein können: nämlich die von vielen lange ersehnte Chance für diese so prachtvolle kleine Stadt, endlich in der Gegenwart anzukommen, ein neues, wundervolles Kleines Festspielhaus zu bauen und das alte, nie gut gewesene Ungetüm von Clemens Holzmeister nach einer kurzen Gedenkminute in die Luft zu jagen.

Doch jede Gehsteigkante der Salzburger Altstadt, jedes Geschäftsschild, jede Auslage stinkt nach Anbiederung an die jüngere und ältere Vergangenheit, mit der man die Touristenhorden nach Strich und Faden abzuzocken sucht. Die Edeltouristen Salzburgs sind seine Festspielgäste. Ihnen ist das „Haus für Mozart“ zugedacht, nicht dem Komponisten selbst, und sie bekommen nun die zeitgenössische Variante der Anbiederung serviert: einen von außen wirklich nur als unansehnlich zu bezeichnenden Bau, der innen brav, aber ohne Bravour seine Funktion erfüllt. Sie bekommen einen Architektur gewordenen Werbeslogan - und es wird niemanden sonderlich bekümmern.

Das „Haus für Mozart“ ist das Resultat vielschichtiger historischer Missinterpretationen, das Produkt menschlicher Anmaßung und bürokratischer Kompromisse: Da wäre einmal Wilhelm Holzbauer, ein erwiesenermaßen solider, in manchen Arbeiten sogar hervorragender Architekt, der nie verhehlte, dass er selbst sich für den einzig Würdigen hielt, Clemens Holzmeisters ursprüngliche Festspielhaus-Architektur als dessen Schüler umzubauen, und der über genug Charisma, Charme und Überzeugungskraft verfügte, dieses Hohelied architektonischer Ahnenfolge den Entscheidungsmächtigen so lange vorzusingen, bis sie selbst daran glaubten. Dann wäre da eine mächtige Fraktion von Stadtbildfanatikern, denen der Zeitgenosse Holzbauer zwar egal, der gute, verblichene Holzmeister dafür umso teurer war und die einen Neubau an dieser Stelle nie gebilligt hätten.

Doch von der alten Holzmeister-Fassade, deren Erhaltung eines der wichtigsten, wenn auch fadenscheinigsten Argumente für Holzbauers Projekt gewesen war, ist absolut nichts übrig geblieben.

Tatsächlich befindet sich dort, wo man ein Haus umbauen wollte, jetzt ein Neubau, der sich in die unsichtbar gewordene Kubatur eines scheinbar übermächtigen Vorgängerbaus zwängt. War schon Holzmeisters Festspielhaus-Vorderfront eine eher gequälte Angelegenheit, so hat sich die Qual nun gewissermaßen zeitgenössisch multipliziert.

Ohne auf die Querelen des fragwürdig gebliebenen Vergabeverfahrens nochmals einzugehen: Holzbauer erzwang damals einen Sieg, den er später nur verlieren konnte; und wenn er nun mit seinem ehemaligen Erzrivalen und nunmehrigen Verbündeten François Valentiny durch die neue Architektur schlendert, dann ist es, als ob sie beide endlich wüssten, dass ein schneller Sieg auch eine dauerhafte Niederlage bedeuten kann.

Die Fassade", sagt Valentiny vorsichtig, „ist nicht nur unser Produkt.“ „Tatsächlich!“, witzelt Holzbauer, „Man müsste zur Architektur auch die Altstadtkommission befragen, denn die hat schließlich mitentworfen.“ Frei von Talent, wie man sieht, denn die graue Front aus gestocktem Beton mit ihrem Balkon, den braun umrandeten Fensterscharten und einem an Sozialwohnbauten der Vergangenheit gemahnenden Geländer ist an Einfallslosigkeit nicht zu überbieten. Was ein großes „Stadtfenster“ hätte werden sollen, wurde auf drei Fensteröffnungen aufgerastert, weil man sich offenbar vor zu großen Glaselementen in Salzburg fürchtet.

Das alte Holzmeister-Foyer mit den Fresken wurde restauriert, von hier aus verfügt man sich zu den sinnvollerweise neu geschaffenen zusätzlichen Zugängen zur Felsenreitschule und in das geräumige Stiegenhaus des neuen „Hauses für Mozart“.

Die neue Treppenanlage ist sehr schwer, sehr monumental. Warum die Brüstungen alle so massiv und fett ausgeführt seien? Holzbauer: „Weil wir gerne fette Brüstungen haben. Wir wollten hier keine Kaufhausatmosphäre.“ Das hohe Stiegenhaus ist mit golden lackierten Aluminiumpaneelen in einer Wellenform ausgekleidet, um die Akustik im Zaum zu halten. Dahinter blinken die bunten Glassteine des heimischen Glassteinindustrieadels und werfen funkelnde Sponsorenlichtspritzer in den ansonsten betont nüchternen Raum.

Auf drei Ebenen geht es von hier in den Saal, in dem Mozarts Musik die Hauptrolle spielen wird. Keine Frage, Parkett und Ränge sind wohlgeordnet, jeder der 1.650 Sitz- und der 60 Stehplätze bietet besten Ausblick auf die Bühne. Da Holzbauer selbst Konzerthauserfahrung hat und ein vorzüglicher Akustiker mit von der planenden Partie war, dürfte der Saal sicherlich auch die erforderlichen musikalischen Qualitäten aufweisen.

Der architektonische Raumklang selbst ist ein Akkord aus golden gestrichenen Türen und Lisenen, aus rosa Stukkolustro-Flächen (Kunstmarmor) und Holztönen. Ein tadelloser Saal, der weder alt noch neu wirkt, weder mondän noch elegant, und der deshalb charakterlos bleibt wie die billigen Klavierimporte aus Asien, die den uralten Klavierbauvirtuosen Europas fröhlich globalisierend den Lebensfaden abschneiden.

Doch Wilhelm Holzbauer hat Recht, wenn er sagt, dass man den Saal erst beurteilen möge, wenn er mit Menschen befüllt sei. Tatsächlich: Wenn dann schließlich im Sommer das Haus offiziell eröffnet wird, wenn sich die Festspielprominenz zum alljährlichen Stelldichein findet, verschwindet die Architektur ohnehin als Kulisse hinter dem Salzburger Edeltourismus. Ein Haus für Mozart, hineingekrampft in eine Stadt, die er selbst verachtete: „Ich hoffe nicht, dass es nötig ist, zu sagen, dass mir an Salzburg sehr wenig und am Erzbischof gar nichts gelegen ist und ich auf beides scheiße.“

3. Juni 2006 Der Standard

Der Zeitgeist heißt Sport

Das Stadion ist die Linse, die das große Geschäft mit Sport und Leidenschaft konzentriert. Die Arenen der Zukunft werden die neuen Wahrzeichen der Städte werden.

Brasilianisches Fußballmeisterschaftsfinale im Sommer 1980: Die Nacht hat knapp 40 Grad. Die Straßen von Rio de Janeiro sind menschenleer: Flamengo tanzt gegen Fluminense. Das Maracana ist zu diesem Zeitpunkt das größte Fußballstadion der Welt. Unten auf dem Rasen laufen 22 austrainierte Männer im Flutlicht dem Ball nach. Wir hier oben sind 200.000 Stimmen stark. Zweihunderttausend Menschen, gut 20.000 mehr, als das Stadion eigentlich fassen dürfte, sind hergepilgert, um Kickern wie Zico zu huldigen, wenn sie Tore schießen.

Der Fla-Flu von 1980 bleibt Legende. Erstens, weil Flamengo, der Club der Schwarzen und der Arbeiter, wieder einmal die Wohlstandsburlis von Fluminense paniert und vierfacher brasilianischer Meister wird. Zweitens, weil später nie wieder eine derartige Menschenmasse live dabei sein wird, wenn Fußball gespielt wird.

Live, das bedeutet heute vor dem Fernseher zu sitzen. Damals hieß es, dabei gewesen zu sein. Die Welt der Stadien und des Sports verändert sich rasant, und die nackten Betonarenen - wie es das Maracana (1950) damals eine war - sind Vergangenheit. Sie gehören, so der Australier Rod Sheard, der ersten, quasi archaischen Generation von Stadien an. Heute, ein Vierteljahrhundert später, steuern wir bereits auf die fünfte Stadien-Generation zu. Doch der Reihe nach.

Rod Sheard ist einer der Leithammel von HOK Sports Architects, dem weltweit führenden Sportarenenbauer mit Zentralen in Kansas, London, Brisbane: 350 Mitarbeiter stark, seit 28 Jahren auf dem Sportstättenmarkt aktiv, bis dato haben die HOK-Architekten und Ingenieure rund 800 Projekte realisiert. Er selbst gilt als die Spürnase für neue Trends in Sachen Sportstadien, und um Investoren, Clubs und Stadtregierungen die Sinnhaftigkeit des Archetyps Stadion verständlich zu machen, hat er die Fünf-Generationen-Theorie ausgearbeitet und unter anderem in dem Buch The Stadium. Architecture for the New Global Culture (Periplus Editions, 2005) niedergeschrieben. Denn der Sport, so Sheard, ist die neue globale Währung. Sieg bringt Gewinn, und kein anderer Gebäudetypus konzentriert mehr Aufmerksamkeit auf sich als das Stadion.

Die erste Stadiengeneration etablierte sich ab Ende des 19. Jahrhunderts und war nichts anderes als die große Auffangschüssel für möglichst viele Zuschauer. Das Fernsehen war noch nicht erfunden, der Sport finanzierte sich über den Ticketverkauf. Die Stadien waren groß, aber unbequem. Eines der schönsten Beispiele: Pier Luigi Nervis Stadio Communale in Florenz (1932), eine hochelegante Betonschüssel, in der Sprache der Moderne gegossen.

Als ab den 50er-Jahren das Fernsehen in den Wohnzimmern Einzug hielt, gab es für die Fans keine gesteigerte Veranlassung mehr, sich auf die kalten, zugigen Ränge zu begeben. Die Stadien mussten, wollten sie wieder Zuschauer anlocken, in ein Mindestmaß an Komfort investieren. Die zweite Generation zeichnete sich also durch vorher unbekannte Features wie ordentliche Toilettenanlagen, Würstelstände und Bierbuden aus. Die extravaganteste Ausformung dieser Stadiongeneration bauten Frei Otto und Günther Benisch 1972 mit dem netzüberspannten Olympiastadion in München.

Doch dann tauchte mit Disneyland eine neue, familienfreundliche Massenunternehmung auf, von der sich die Stadienbauer mit einiger Zeitverzögerung einiges abschauen konnten. Das Stadion schlug in den 80er-, 90er-Jahren seinen Weg in Richtung Themenpark ein, wo nicht nur dem Sportevent gehuldigt, sondern Familienausflug veranstaltet werden konnte. Erforderlich dafür: bequeme Sitze, Überdachungen, Beleuchtung, Restaurants, Shops - und maßgeblich erhöhte Sicherheit.

Die vierte Stadiongeneration ist jene, die wir in den kommenden Wochen während der Fußball-WM über TV-Bilder genüsslich konsumieren werden: Das Stadion ist zu einer Linse geworden, einer Lupe, die das Geschehen im modernen Hexenkessel einfängt und via TV-Satellit und Internet ohne Zeitverzögerung rund um den Globus auf Knopfdruck wieder ausspuckt. Das Stadion der vierten Generation ist ein hoch technologisiertes, enormes Fernseh- und Medienstudio, ein multifunktionales Gebäude mit Lounges, Restaurants, Veranstaltungshallen, VIP-Zonen. Ein 365 Tage pro Jahr bespieltes Sportkraftwerk, mit dem mächtig Geld produziert wird.

Die Allianz Arena in München von Herzog & de Meuron ist der derzeitige Prototyp dafür, und typisch für einen Prototyp zeigt er noch gröbere Schwächen. Die haben mit der durch die kalte Architektur gestörten Symbiose zwischen Fans und Kickern zu tun. Nach dem Eröffnungsmatch 2005 schrieb Dirk Kurbjuweit im Spiegel: „In der Allianz Arena hat sich die Welt des Geldes vom Rest abgeschottet. In den alten Stadien waren die VIPs Gäste in der Welt der Fans, die das ewig Heikle ihrer sozialen Lage in Leidenschaft umsetzen konnten. Die Allianz Arena mit ihren Logen, Lounges, Business- und Sponsoren-Bereichen sowie der Ladenzeile macht die Fans allmählich zu Gästen in der abgeklärten Welt der VIPs. Anders gesagt: Sie werden zu stürmischen Clowns im Fußballzirkus, zum Teil eines Unterhaltungsprogramms für die Business-Class.“ Und Fußballjournalist Stefan Erhardt beschrieb in Der tödliche Pass die Stimmung der Fans nach dem Match: „Drückt eure Kohle ab, und verschwindet, aber plötzlich! So die Botschaft. Die Botschafter: die Arenen-Erbauer, die Arenen-Betreiber, die grauen und dickfleischigen Beutelschneider des Profit-Fußballs.“

Doch die fünfte Stadion-Generation, so Rod Sheard, wird die Arena wieder zurück in die Städte, zu den Menschen bringen. Live wird - auch - wieder vor Ort sein: „Das ist das Schlüssel-Kriterium. Sie müssen das Stadion im Idealfall bequem zu Fuß erreichen können. Wenn sie es nach ihrer Einkaufstour innerhalb von 10 bis 15 Minuten zu Fuß erreichen können, dann liegt es perfekt in der Stadt. Sonst funktioniert das nicht.“ Und: „Die Konkurrenz des Fernsehers muss aufgehoben werden.“ Der Trend geht also immer mehr dahin, die Stadien zu verkabeln, um an jeden Sitz ein Signal senden zu können. Der Stadionsitz der Zukunft wird ein Hightech-Tool der Sonderklasse sein, mit TV-Schirm wie im Flugzeug, um Wiederholungen sehen und auch Wertungen abgeben zu können.

Und: Die Stadien werden zu den großen Landmarks, den Wahrzeichen der Städte werden. Den längsten Schritt dorthin hat man mit dem neuen Wembley Stadion in London getan. Die Gemeinschaftsproduktion zwischen Norman Foster und HOK Sports liegt wie eine prächtige Perle in der Schale der Stadt. Die Dachkonstruktion des gewaltigen Ovals wird von einer markanten, weithin sichtbaren Bogenkonstruktion getragen, die Dachhaut selbst lässt sich verschieben, auf dass linder englischer Regen das Grün wahlweise netze oder die Besucher trocken halte. Das Wembley fasst 90.000 Besucher und ist, wie Pelé sagt, „die Kirche des Fußballs“.

Rod Sheard: „Die tollsten Gebäude der Geschichte haben immer den jeweiligen Zeitgeist reflektiert. Und heute heißt dieser Zeitgeist Sport.“ Vier wunderbare Wochen stehen uns bevor, Deutschland, wir kommen!

30. Mai 2006 Der Standard

Betonkünstler und Kommunist

Der brasilianische Architekt Paulo Mendes da Rocha erhält heute den Pritzker-Preis. Seine Sprache ist die des nackten, skulpturalen Stahlbetons, den er - wie sein Landsmann Oskar Niemeyer - mit unvergleichlicher Eleganz zu formen versteht.

Istanbul - Außerhalb seines Heimatlandes Brasilien ist er so gut wie unbekannt, und es ist ausgesprochen bedauerlich, dass Paulo Mendes da Rocha erst jetzt, im Alter von 77 Jahren, mit der Verleihung des Pritzker-Preises ins internationale Architekturbewusstsein rückt. Heute bekommt er in Istanbul den renommiertesten Architekturpreis der Welt überreicht. Nach Oscar Niemeyer ist er der zweite Brasiliner, der den von der Hyatt Foundation gestifteten und mit 100.000 US-Dollar dotierten so genannten Nobelpreis der Architektur erhält.

Paulo Mendes da Rocha ist einer jener Architekten, die dem großen Tropenland diese unverwechselbare, unerhört kräftige Architektur verpasst haben, die als brasilianischer „Brutalismus“ bekannt ist. Seine Sprache ist die des nackten, skulpturalen Stahlbetons, den die Brasilianer allerdings mit einer Leichtigkeit und Eleganz zu formen im Stande sind, wie kaum andere.

Unmittelbar nach seinem Studium in Sao Paulo gewann Rocha den Wettbewerb für einen großen Sportkomplex in Sao Paulo, 1969 baute er den brasilianischen Pavillon für die Expo in Osaka. Sein jüngstes herausragendes Werk ist ein Skulpturenmuseum, ebenfalls in Sao Paulo. Derzeit arbeitet er an einem urbanistischen Konzept für die Universität von Vigo in Nordspanien, ansonsten war der national gut beschäftigte Brasilianer kaum international tätig.

Paulo Mendes da Rocha, der über seine Architektur ungern spricht und sich selbst gern Paulinho (Paulchen) nennen lässt, kam 1928 in der Hafenstadt Vitória zur Welt. Er verbrachte einen Teil seiner Kindheit auf der damals noch idyllischen, heute in der Kloake der Guanabara-Bucht versinkenden Insel Paquetá in Rio de Janeiro. Seit den 50er-Jahren lebt er in Sao Paulo, das, wie Rio, zu einem monströsen, nicht mehr überschaubaren Stadtmoloch ausufert.

Wie auch Oscar Niemeyer (99) ist Paulo Mendes da Rocha Kommunist. Beide alten Herren werden nicht müde, die brasilianischen Stadtentwicklungen aufs Schärfste zu geißeln. In einem Ö1-Interview meinte der Preisträger unlängst, die brasilianischen Städte seien auf einem gefährlichen Weg in den Abgrund.

Die eigentlich bessere Architektur als jene des kommerziell getriebenen, die soziale Apartheid verstärkenden Wildwuchses seien die Slums, die sich beständig ausbreiten: „Ich mag die Favelas sehr, sie sind intelligenter Urbanismus. Lobenswert ist die Courage unseres Volkes, selbst in dieser Form die Stadt mitzubauen. Die Leute sagen, ich warte nicht, bis die Stadt fertig ist, ich kampiere schon daneben. Die Menschen dort haben Selbstvertrauen. Sie manifestieren klar und politisch scharf: Wir wollen hier bleiben, wir wollen Lebensqualität, wir haben Wünsche und Hoffnungen.“

13. Mai 2006 Der Standard

Es werde Licht

In den Kellern des Stifts Klosterneuburg lagern nicht nur vorzügliche Weine, sondern auch historische Architekturschätze, die Architekt Georg Driendl nun gehoben und öffentlich zugänglich gemacht hat.

Das Stift Klosterneuburg ist eine fast tausendjährige Institution, die Geistliches und Weltliches ausgesprochen erfolgreich in sehr alten Mauern vereint. Die Augustiner-Chorherren sind neben diversen anderen Aktivitäten immerhin für 25 Stiftspfarren zuständig, während der dem Stift zugehörige, von Nichtgeistlichen gelenkte Wirtschaftsbetrieb jährlich rund 22,5 Millionen Euro umsetzt.

Ein Gutteil davon verdankt man dem bekannten Wein, der in den Klosterneuburger Kellern reifen darf. Es geht hier also um eine Geschichte zwischen Himmel und Höhle, und vor allem Letztere dürfte sich in nächster Zeit gesteigerter Besucheraufmerksamkeit erfreuen.

Denn das Stift Klosterneuburg verfügt nicht nur über die markante, hoch aufragende Architektur aus dem Barock, sondern auch über eine Kellerwelt, die sich viele Geschoße tief unter dem Stift in den Erdboden gräbt. Es handelt sich hierbei um historisches Gelände: Bereits die Römer hatten exakt an dieser Stelle im ersten Jahrhundert ein hölzernes, später gemauertes Kastell errichtet, dessen Grundfesten erhalten blieben, und Klosterneuburg selbst war nachweislich schon im fünften vorchristlichen Jahrtausend besiedelt.

Im Vergleich dazu sind die Kellergewölbe des Stiftes zwar jugendlichen Alters, doch mit rund 270 Jahren auch nicht mehr die Jüngsten - und sie sind prachtvoll: Hohe, geräumige Gewölbe ziehen sich hier auf verschiedensten Ebenen durch die Unterwelt. Das Stift ist sozusagen ein eingegrabenes historisches Hochhaus.

Noch vor einem Jahr war die Schönheit ihrer Kellerwelt selbst den Hausherren gänzlich verborgen gewesen. Denn jahrhundertelang hatten eilfertige Kellerer hier immer wieder Decken eingezogen, Gänge abgemauert, Böden aufgeschüttet, Weinflaschen und Gerümpel gelagert. Die Keller waren finster, muffig, unansehnlich - und sie waren in Konzeption und Großzügigkeit an keiner Stelle mehr spürbar.

Als sich das Stift Ende 2004 dazu entschloss, einen Teil der Keller zu einem Besucherzentrum samt Ausstellungsräumlichkeiten zu adaptieren, wurde ein kleiner, geladener Architektenwettbewerb veranstaltet, an dem auch der Wiener Architekt Georg Driendl teilnahm. Der ging, wie er sagt, zwecks Vorbereitung der Planungen durch die finsteren Höhlen und erkannte plötzlich: „Moment! Da steckt mehr dahinter als ein vergammelter Lagerkeller. Da gibt es eine Logik, die hinter Paletten und Regalen und Mauern seit langer Zeit verschüttet ist.“

Nachdem die Räume im Architekturbüro virtuell dreidimensional simuliert worden waren, kam diese Logik erstmals wieder ans Licht. Driendl gewann den Wettbewerb mit einem Konzept, das genau darauf gründet: Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Analyse ergab, dass durch das simple Öffnen vermauerter Nischen das Tageslicht bis in tiefste Ebenen sickern könne, dass diese abweisende, finstere Unterwelt quasi himmlische Qualitäten bekäme, wenn die vor 270 Jahren von den Barockbaumeistern festgelegten architektonischen Gebote endlich befolgt würden.

Es spricht für den fortschrittlichen, nachgerade jugendlichen Geist der Chorherren, dass sie dieses Konzept freudig begrüßten und das Wagnis eingingen, den Architekten mit der Wiederfreilegung zu beauftragen. War man ursprünglich davon ausgegangen, lediglich ein paar Räume säuberlich auszupinseln und mit allerlei musealen Exponaten und Wein-Degustationsmöglichkeiten zeitgemäß auszustatten, so entwickelte sich der Umbau zu einem Abbau größeren Formats. „Herr Architekt - Volldampf!“, hatte der Propst gemeint, und bei solcherlei Zitaten vermeinen Architekten gemeinhin die Engelein singen zu hören.

Insgesamt 22.000 Tonnen Schutt, Mauerwerk, Decken und andere Einbauten wurden im Laufe des vergangenen Jahres entfernt. Driendls Team und die Fachleute des Bundesdenkmalamtes analysierten sorgfältig jeden Zentimeter Unterwelt und machten so manche Entdeckung wie zum Beispiel einen völlig unbekannten, irgendwann einmal abgemauerten Verbindungsgang zu den Weinkellereien, der allein die Größe eines Turnsaals hat.

Die beeindruckendste Freilegung erfolgte in jenem Raum, der fast 300 Jahre lang als Lagerstätte für Weinkartonagen darauf warten musste, seiner Bestimmung als Entree zugeführt zu werden: Die so genannte „Sala terrena“ fungiert nunmehr, nachdem eine eingezogene Decke entfernt und die abgemauerten Fenster geöffnet wurden, als großzügiger Empfangsraum für die Besucher. Acht Atlanten scheinen breitschultrig die Gewölbeschübe zu stützen, hüftabwärts sind sie unvollständig, das Mauerwerk ist unverputzt - ein seltsamer, nur durch die Geschichte verständlicher Bruch.

Denn das heutige Stiftsgebäude ist lediglich Fragment einer fast größenwahnsinnig anmutenden Gesamtkonzeption, die sich Kaiser Karl VI. nach dem Vorbild des spanischen Escorials eingebildet hatte. Hier wollte der Herrscher seine Sommerresidenz aufschlagen. Genächtigt hat er immerhin ein Mal hier, doch lang bevor das Werk hätte vollendet werden können, starb er. Nach seinem Tod 1740 dürften die mit der Ausführung - und der Finanzierung - betrauten Klosterneuburger Kirchenmänner verstohlen aufgeatmet haben, denn Karls Tochter und Nachfolgerin, Maria Theresia, hatte kein Interesse an diesem Prachtpalast. Der Bau wurde sofort eingestellt, lediglich einer der vier geplanten Höfe wurde in der Folge noch fertig gebaut.

Steht man heute in der unvollendet gebliebenen „Sala terrena“, vermeint man fast, das Fallen der Meißel und anderer Steinmetzutensilien nach dem kaiserlichen Abgang zu hören - und gerade das ist die hervorragende Qualität des Driendl'schen Projektes: Hier wurde nichts beschönigt oder fertig gemacht. Hier, auf der größten zeitgenössischen Barockbaustelle der Welt, wurde Unvollendetes unvollendet gelassen.

Die Atlanten überblicken einen fast leeren Raum, in dem sich lediglich die notwendigsten Einbauten für den Empfang der Besucher befinden. Das sind etwa zwei Möbel aus Edelstahl, die einerseits als Kassa und Informationspult, andererseits als Möbel für Weinverkostungen fungieren. Interessantes Detail am Rande: Die als gebrochenes Unendlich-Zeichen ausgeführten Konstruktionen wurden von einer türkischen Werft angefertigt. Die weniger freundlichen türkisch-österreichischen Beziehungen der Vergangenheit sind auch Thema des Ausstellungsweges, der von hier in die unterirdischen Gewölbe führt.

Das Licht geleitet die Besucher dabei. Verspiegelte Edelstahl-Lamellen in den neuen „Sala terrena“-Fenstern lenken es in den dahinterliegenden Saal, der ebenfalls von einer Zwischendecke befreit wurde. Von hier aus gehen die Besucher durch lange, durch Nischen strukturierte Gänge. Immer wieder lecken helle Sonnenstrahlen über die Gewölbe, dazwischen bleibt die Szenerie schummrig, und durch dieses Licht-Schatten-Spiel bekommen die Räume eine, man möchte fast sagen, spirituelle Qualität.

Zwischen dem neuen, grauen Terrazzo-Boden und den alten Mauern verlaufen schmale Lichtbänder, die dem schweren Gemäuer eine gewisse fröhliche Leichtigkeit verleihen. In den Nischen selbst befinden sich - von Kurator Dieter Bogner fein zusammengestellt - die Ausstellungsexponate.

Das Zusammenspiel zwischen Ausstellungsmacher, Architekt und Bauherren kann bei diesem abenteuerlichen Projekt, das letztlich eine Reise in die Vergangenheit war, kein einfaches gewesen sein, doch scheint man sich gut vertragen zu haben. Denn das Konzept passt. Moderne Medientechnik steht hier mit lässiger Selbstverständlichkeit neben kostbaren Kulturschätzen. Driendl und die Bau-Chorherren erlebten gewissermaßen eine Erleuchtung und die Bestätigung ihres Tuns, als zu guter Letzt die Statue des niederösterreichischen Landespatrons in eine Nische gehievt wurde. Draußen kam gerade die Sonne hinter einer Wolke hervor und goss ihr Licht genau im rechten Moment durch eines der wiedergeöffneten Fenster in den Keller auf den Heiligen herab.

Mit dem Besucherzentrum ist allerdings hier nur ein Teil der Stiftsumbauten beschrieben: Architekt Heinz Tesar hat ebenfalls mächtig gearbeitet und der Anlage ein Biowärme-Werk, Weinlager, Bus- und Pkw-Garage für Besucher verpasst. Auf dem Dach der Garage befindet sich nunmehr der Pfad zum Besucherzentrum, er führt durch einen neuen, 15.000 Quadratmeter großen Park. Seit 2001 haben die Chorherren in die Modernisierung ihrer traditionsreichen Stätte insgesamt 34,2 Millionen Euro (inklusive 7,5 Millionen Förderungen) investiert.

Angesprochen werden soll mit den Erneuerungen vor allem die Jugend, die die nunmehr erhellten Pfade unter dem Stift gerne besuchen werde. Außerdem spricht die Bibel: "Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor.

6. Mai 2006 Der Standard

Warten auf den Bus

Eine Ausstellung über estnische Wartehäuschen erfrischt den Blick auf das nur vermeintlich Banale: Was ist ein Ort, was ist ein Raum, was ist eigentlich Architektur?

Improvisation, meinte der französische Philosoph und Begründer der Dekonstruktion, Jacques Derrida, irgendwann einmal in einem Interview, sei „nicht einfach“. Im Gegenteil: „Sie ist das Schwierigste überhaupt.“ Denn: „Viele Vorschriften sind in unseren Köpfen, in unserer Kultur vorgeschrieben. Man ist im Grunde verpflichtet, den stereotypen Diskurs zu reproduzieren.“

Improvisation ist auch ein schwieriges Thema für Architekten. Ununterbrochen werden ihre Produkte an Standards, Maßstäben, Normen, Konventionen, Schulen und Ismen gemessen. Der Diskurs schiebt alles, was neu daherkommt, sofort in Schubladen, kategorisiert, inventarisiert, vergleicht und wertet. Für Improvisation bleibt da wenig Raum.

Und auch die Rezipienten tun das Ihrige. Begriffe wie zum Beispiel „schön“ sind in der Architekturkritik verpönt, weil wir Architekturmenschen alle scheint's viel zu belesen und mit historischen Fakten zugepflastert sind, um uns die Blöße geben zu können, Architektur auch anders als über Form, Funktion, Konstruktion, Materialität und „Wert“ beschreiben zu können. Und in diesem Spiel sind alle irgendwie gefangen: die Bauherren, die Architekten, die Medien. Die Architektur ist bedeutungsaufgeladen wie nie zuvor.
Ob diese allgemeine Wichtigtuerei dem Bauen wirklich gut tut, sollen andere beurteilen. Doch gelegentlich tauchen Ausstellungen oder Publikationen auf, die sich um den hochkultivierten Mainstream nicht zu kümmern scheinen, die einen abseitigeren und damit erfrischenden Blick auf die Welt des Gebauten tun - und eine solche wird ab kommender Woche im Architekturzentrum Wien zu sehen sein.

Die Schau befasst sich nicht mit architekturweltbewegenden Dingen, wie etwa avantgardistischen Strömungen des internationalen Museumsbaus, sondern mit Buswartehäuschen in Estland. „STOP! Warten auf den Bus“ ist eine jener Ausstellungen, die keine Antworten gibt, sondern Fragen stellt. Der junge Architekt Markus Steinmair, ihr Verfasser, formuliert die so: „Was zeichnet einen Ort aus, was macht seine Attraktivität aus? Was brauchen wir, um uns wohl zu fühlen? Wann ist ein Ort sehenswert?“ Mit diesen Fragen steht nicht die Architektur im Mittelpunkt, sondern ihre Benutzer, die Menschen. Und das ist gut so.

Steinmair war im Sommer 2003 als Teilnehmer eines Kulturfestivals nach Estland gereist, dabei war ihm die Vielfalt der dort in der Landschaft oft unvermittelt herumstehenden Buswartehäuschen aufgefallen. Er begann, die teils wüsten, in jedem Fall originellen Konstrukte zu fotografieren. Schließlich verbrachte er drei Monate in Estland, reiste über Landstraßen, durch nordische Wälder, redete mit Wartenden, versuchte herauszufinden, wie diese Vielfalt der Stationen und ihre unterschiedlichsten Gestaltungsvarianten zu erklären seien.

Er brachte nicht nur an die 600 Fotos von rund 400 Bushäuschen, sondern auch viele Geschichten mit nach Hause. Eine dieser Geschichten handelt beispielsweise von einem Wartehäuschen, das sich an der Einfahrt zu einem Bauernhof befindet: Es besteht aus zwei Türen und ein paar Brettern, die miteinander den Unterstand bilden, den der Sohn der alten Bauern für seine Eltern gezimmert hat, auf dass die geschützt auf den Bus warten können.

Sigrid Hauser von der TU-Wien, bei der Steinmair über seine Wartehäuschen mittlerweile eine Diplomarbeit verfasst hat, schreibt im Vorwort des Ausstellungskatalogs (der zugleich ein Reisebegleiter durch Estland ist) über diese familiäre Haltestelle: „Angeblich hält der Bus auch an dieser privaten Stelle an, angeblich mögen die Eltern diesen Platz. Am jeweiligen Ort haben diese Bauten architektonische, landschaftliche, soziale und politische Bedeutung - im Rahmen der künstlerischen Präsentation sind sie Kunstobjekte, und als solche tragen und ertragen sie Bedeutungen unermesslicher Art.“

Eine andere Geschichte handelt von einer Frau, die Steinmair auf dem Bänkchen einer Haltestelle angetroffen hatte. Die Station war in Form eines Schiffes ausgeführt. Die Frau erzählte dem zugereisten Architekten, dass sie zwar nicht mit dem Bus fahre, doch auf dem täglichen Spaziergang mit ihrem Hund hier gerne innehalte, um auszuruhen und den Blick in die Landschaft zu genießen. Früher, so meinte sie, sei das Schiff stattlich mit Anker und gläsernen Bullaugen ausgerüstet gewesen, doch die Zeit habe daran genagt, sie hätte gemeinsam mit ihrer Familie zwar gewisse Renovierungsarbeiten an der Haltestelle durchgeführt, jedoch bis zu einem neuen Anker habe man es bedauerlicherweise nicht gebracht.

Für Steinmair sind die estnischen Bushäuschen „nicht nur Haltestelle und Witterungsschutz, sondern auch soziale Treffpunkte, Informationsstelle, Anschlagtafel und Plakatwand, sie sind Postamt, Kaffeehaus, Litfaßsäule und Schlafplatz in einem.“ Und sie sind in einem Land, das mit rund 30 Einwohnern pro Quadratkilometer nur dünn besiedelt ist, „Identifikation stiftende Elemente in der Landschaft“.

Wer hat sie gebaut? Steinmairs Recherchen ergaben, dass die meisten Häuschen aus den 70er- und 80er-Jahren stammen, also noch aus der Zeit vor der Unabhängigkeit. Gebaut wurden sie von Gemeinden und Anrainern, und zwar im besten Sinne der Improvisation. Sie sind aus jenen Baumaterialien gemacht, die eben zur Verfügung standen, und sie wurden individuell an den Ort angepasst, für den sie entstanden. Dabei nahm man Rücksicht auf die Richtung des Windes und der Sonne, auf die Aussicht und auf erforderliche luxuriöse Extras wie etwa mehrere kleine Räume für die unterschiedlichen Ansprüche der jeweils Wartenden. Ohne industrielle Vorfertigung und ohne Norm.

Noch einmal Sigrid Hauser, deren Vorwort mehr als lesenswert ist: „Erzählen uns diese Fotoserien Geschichten oder berichten sie Geschichte, präsentieren sie uns die Gegenwart oder verweisen sie auf die Zukunft? Das Foto als Dokument bezeugt, dass die Architektur jedenfalls da gewesen ist. (. . .) Außerhalb des Bildes geschieht Bewegung, Veränderung, Verlust. Etwas von dieser Unwiederbringlichkeit erinnert uns an unsere Stationen auf unseren Wegen, an diese Orte, in denen wir auf unserer alltäglichen Jagd nach der vorauseilenden Zeit stehen bleiben, anhalten, warten müssen. Wir haben Geschichte erlebt, sagen die Bauten auf diesen Fotos, wir können viele Geschichten erzählen.“

Und das ist etwas, was der zeitgenössischen Architektur oftmals auf mysteriöse Weise fehlt - wahrscheinlich gerade weil sie sich so sehr darum bemüht.

8. April 2006 Der Standard

Grün ist des Lebens goldner Baum

Die Landschaft verstädtert - doch wer kümmert sich um die Räume zwischen den Häusern? Die Zunft der Landschafts- und Gartenarchitektur wird künftig einiges zu tun haben, politischer Wille vorausgesetzt.

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat es soeben amtlich gemacht. „Im Grün“, schrieb er in das Garten-Poesiealbum der ÖVP, „ruhen Gelassenheit und Harmonie, und die Buntheit der Blüten und Früchte erinnert an die Vielfalt des Lebens.“ Der Regierungschef offenbarte sodann nicht ohne Schmelz: „Auch meine Freunde und ich haben solche Kraftoasen, die wir als Herzensanliegen hegen und pflegen.“

Herzensanliegen sind wichtige Dinge. Doch abseits privater Lustgärtchen, deren Hege und Pflege - etwa mittels gekonnten Rosenschnitts, wie ihn Nationalratspräsident Andreas Khol so fotogen im Buch Garten. Leben. Gartentipps von Wolfgang Schüssel und Freunden vorexerziert - frei von öffentlichem Interesse ist, liegt ein weites und streckenweise durchaus ödes Land Österreich. Die Vielfalt des Lebens gestattet es, an dieser Stelle eine Ausweitung der Harmonie zwischen den Häuserfronten anzudenken: eine raumgreifende Ausweitung, die auch vor denjenigen, die von den nunmehr geouteten Gartenpoeten der Bundesregierung regiert werden und keine privaten Kraftoasen eignen, nicht Halt macht.

Fakt ist: Es gibt eine Welt zwischen Häusern und Privatgärten, die heißt Freiraum und stellt ein weites Betätigungsfeld für Landschaftsplanung, Landschafts- und Gartenarchitektur - und nicht zuletzt die Politik als diejenige, die den Rahmen dafür steckt, dar. Denn im besten Fall endet die Architektur nicht mit den Außenmauern von Bürotürmen und Wohnanlagen, sondern setzt sich in Wegen, Plätzen, Erholungszonen, in Kinderarealen und Jugendlichenrefugien und anderen sinnvoll gestalteten und benutzbaren Freiräumen fort.

Doch Achtung: Die Rede ist hier nicht von partiellen feschen Stiefmütterchenrabatten, sondern von einer nutzergerechten, praktischen, pflegeleichten und durchgrünten Gestaltung großer und nach Möglichkeit zusammenhängender Landschaften, die in anderen Ländern als ausgeweitete Wohnzimmer der Stadt- und auch Landbewohner bewertet werden. Diese Kultur des gut gestalteten Freiraums hat sich Österreich derzeit noch nicht einmal annähernd flächendeckend erarbeitet. Die wichtige Disziplin der Freiraumplanung und -architektur ist politisch und gesetzlich völlig unzureichend verwurzelt, was sich langfristig radikal ändern muss, will das sich städtisch verdichtende Land abseits der touristisch gepflegten Trampelpfade nicht im verhüttelten Gstättenwesen verstrüppen.

Zum Umdenken aufgerufen sind allerdings nicht nur die ohnehin offenbar kollektiv dem Grünfieber erlegenen Gesetzesgeber, sondern auch Auftraggeber wie etwa Wohnbauer und deren Architekten: Die Grünräume zwischen den Häusern funktionieren nur, wenn Raumplaner und Gartenarchitekten wie in den Niederlanden, Spanien und auch Deutschland von Beginn an bei der Planung von Wohnanlagen, neuen Stadtteilen et cetera mitmischen und gemeinschaftliche Konzepte noch vor Spatenstich das Ziel des Unterfangens darstellen.

Die Wiener Landschaftsplanerin Anna Detzlhofer ortet zwar ein in letzter Zeit „gesteigertes Anforderungsprofil“ in Sachen Grünraum, vermisst aber den „politischen Druck“ sowie die öffentliche Debatte zur Thematik: „Gärtnerisch ausgestalten heißt für die meisten Bauträger immer noch: eine Wiese anlegen und drei Büsche pflanzen.“ Was fehle, seien den einzelnen Bauplätzen übergeordnete Konzepte, auf dass sich - nur zum Beispiel - sinnvolle zusammenhängende Wegenetze ergeben.

Auch Kollegin Karin Standler meint: „Die Politik hat großteils noch kein Auge für die Problematik.“ Man sei einfach „noch nicht so weit“, weshalb sie selbst ihre Aufträge in öffentlichen Räumen aktiv suche, indem sie Defizite ausmache und bis hin zur Finanzierung und Realisierung mit den offiziellen Stellen verhandle. „Architektur und Landschaftsarchitektur“, so Standler „werden immer noch getrennt voneinander betrachtet, was einen groben Irrtum darstellt. Dieses additive Denken - erst entsteht die Architektur, dann folgt die Landschaftsarchitektur - hat keine Zukunft, und es bringt nichts, wenn Architekten wenige Tage vor Abgabe eines Entwurfs Landschaftsplaner darum bitten, halt ein paar Bäume in den Plänen einzuzeichnen.“

Landschaftsplanerin Doris Haidvogl schlägt in dieselbe Kerbe: „Die Bauträger sind mittlerweile draufgekommen, dass sich jedes Projekt besser verwerten lässt, wenn, salopp formuliert, grüne Dinger herumstehen.“ Und die jungen Kollegen von „bauchplan“ formulieren ihr Anliegen so: „Wir verstehen unsere Aufgabe darin, auf unterschiedlichsten Maßstabsebenen Raum für die Nutzung durch den Menschen zu strukturieren und zu gestalten, um Lebensqualitäten aufrechtzuerhalten, zu implizieren, zu verbessern.“

Das Leistungsspektrum der Profis ist ein außerordentlich breites. Es reicht von der Planung von Privatgärten bis hin zur Gestaltung von Straßenräumen und Parkflächen, Wanderwegen, Fitnessanlagen im Grünen. Sie können mit Flächen für Arten- und Biotopenschutz genau so umgehen wie mit ebenjenen oft so grässlich hilflos bewachsenen Freiflächen rund um Wohnbauten und öffentliche Gebäude. Sie wissen, wo welche Pflanzen gedeihen, wie man Erdbewegungen managt, welche Grünanlagen viel, welche weniger Arbeit machen - und entsprechende Kosten erfordern.

Während hier zu Lande Wohnbauträger im Schnitt magere 30 Euro Herstellungskosten pro Quadratmeter Grünfläche veranschlagen, liegt der Vergleichswert in Deutschland bereits bei rund 100 Euro. Was die Erhaltung anlangt, ist Doris Haidvogl pragmatisch: „Betonierte Flächen müssen auch gekehrt und schneegeräumt werden.“ Ein echtes Problem stellt allerdings der Vandalismus im öffentlichen Raum dar, gegen den kaum ein Kraut gewachsen ist. Doch, so Detzlhofer: „Ein gewisses Ausmaß an Gestaltung schafft auch Verhaltenssicherheit.“

Für Landschaftsarchitekten hat die Gegend Zimmer, in denen sich die unterschiedlichsten Menschen mit unterschiedlichsten Aktivitäten aufhalten. Um diese Botschaft unters Volk zu bringen, gibt es diverse Aktivitäten: Erst vergangenes Wochenende fand in Wien der internationale Kongress „Grow“ statt. Am 27. April gibt es an der Universität für Bodenkultur ein Symposium mit Titel „X-LArch 2 - landscape-X-periments“, initiiert vom Institut Landschaftsarchitektur. Und ebenfalls von der Zunft selbst angeregt wurde der erste international ausgeschriebene Garten-Preis „private plots & public spots“ (siehe auch Natur auf Seite 21). Maßgebliche Unterstützung erhielten die Initiatoren seitens der in Sachen Natur bereits erfreulich aktiven Niederösterreichischen Landesregierung.

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag