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25. März 2006 Der Standard

Im Schaufenster

Vorarlberg ist und bleibt ein anderer Kontinent in der Architekturlandschaft, vor allem auch weil die meisten Bürgermeister im Ländle zu Architekturspezialisten herangereift sind

Eigentlich wollten wir an dieser Stelle eine österreichweite Rundschau zu den besten, schönsten, maßvollsten Kommunalbauten antreten, um einmal jene Bürgermeister in den Vordergrund zu rücken, die dafür Verantwortung tragen.

Immerhin bilden Rathäuser, Kindergärten, Feuerwehrstationen, Kulturzentren und andere Gemeindebauten eine Art kulturellen Infrastrukturgerüsts, das wie ein Maßstab wirken kann - um das Wort Vorbildwirkung nicht übermäßig zu strapazieren.

Eine umfassende Recherche ergab eine große Anzahl erfreulich hochwertiger Objekte, sie enthüllte allerdings auch die Tatsache, dass schätzungsweise nur jedes zehnte davon eben nicht in Vorarlberg steht.

Vorarlberg also. Schon wieder. Das gelobte Land der Architektur. Warum aber? Wer, wenn nicht die Stadtväter und -mütter, kann darüber als höchste Bauinstanz Auskunft erteilen. Die Frage lautete also: Wie, Herr Bürgermeister, gehen Sie an die Sache in Ihrer Gemeinde heran? Oder: Warum zum Teufel haben die meisten Gemeindechefs in Vorarlberg offensichtlich gründlich verinnerlicht, dass Architektur nicht nur aus Wänden, sondern aus Inhalten besteht? Und wie schaffen sie es, diese Erkenntnis auch umzusetzen?

Die Angesprochenen zeigten allesamt freundliche Nachsicht, obwohl sie die Frage offensichtlich etwas primitiv deuchte.

Bürgermeister Josef Mathis beispielsweise erklärt in wenigen schnörkelfreien Sätzen, dass Vorarlberg eben über mehrere wichtige Grundparameter für das Entstehen guter Architektur verfüge: Es herrschten äußerst liberale Baugesetze, es lebten hier viele gute, frische Architekten und Handwerker, das Land befinde sich zudem in einer engen nachbarschaftlichen Situation zur Schweiz und zu Deutschland und stehe dadurch ständig im Schaufenster - und in Erkenntnis all dieser positiven Elemente sei es nur logisch, dass man sie als dafür Verantwortlicher baukastenartig optimal zusammensetze.

Mathis steht der Gemeinde Zwischenwasser vor. Bei einer Einwohnerzahl von immerhin 3200 Bürgerinnen und Bürgern leistet man sich dort seit 1992 einen Fachbeirat für Architektur. Ehrenamtlich? „Natürlich nicht“, sagt der Gemeindechef, „ich würde ja auch nicht umsonst arbeiten.“ Zwei Architekten begutachten gemeinsam mit dem Bauausschuss etwa alle sechs Wochen neue Bauvorhaben. Mathis: „Das System hat sich absolut bewährt, man kann das mittlerweile an der Gemeinde ablesen. Es passiert häufig, dass Projekte, die nicht entsprechen, die etwa mit dem Gelände falsch umgehen, zur Überarbeitung zurückgeschickt werden.“

„Architektur ist das Spiegelbild der Gemeinde“, steht im Leitbild. Raumplanung und Ökologie gehören dazu. Zwischenwasser hat Bau-und Bauhoffnungsland rückgewidmet, was natürlich nicht friktionsfrei, aber, wie Mathis erläutert, für die optimale Entwicklung der Gemeinde unerlässlich war. Die Bürger von Zwischenwasser haben gemeinsam eine Fünf-kW-Fotovoltaikanlage errichtet, Schwimmbad und Volksschule werden solar beheizt, neue Kommunalprojekte werden ausschließlich über Wettbewerbe vergeben.

Ortswechsel. Wie es um die Ordnung im neuen Zeughaus der Freiwilligen Feuerwehr von Mellau steht, dokumentiert die Live-Webcam, die von den Florianijüngern vor Ort installiert wurde. Die Architektur des Hauses stammt von Helmut Dietrich und Much Untertrifaller. Das Projekt ist das Resultat eines Wettbewerbs.

Ob sich dieses Prinzip bewährt habe, so die Frage an Bürgermeisterin Elisabeth Winke. „Ich kenne gar nichts anderes, wenn es um öffentliche Gebäude geht“, meint sie, nicht ohne Erstaunen. Man müsse sich eben eine kompetente Person für die Ausschreibung suchen und loslegen. Das Feuerwehrhaus sei allerdings noch von ihrem Vorgänger initiiert worden, ihm gebühre die Ehre.

Much Untertrifaller weist auf einen weiteren wichtigen Baustein des Vorarlberger Architekturkonstruktes hin: „Die Architektur selbst wird nicht infrage gestellt, die Bürgermeister gehen kein Risiko ein, wenn sie zeitgenössisch bauen, denn hier schimpft niemand über moderne Architektur.“

Die Architektin Marta Schreieck sieht das so: „Die Vorarlberger Bürgermeister haben sich ein beeindruckendes Fachwissen über Architektur angeeignet. Da kann man nur sagen: Hut ab! Außerdem geht es ihnen nicht nur um einzelne Projekte, sondern um städtebauliche Überlegungen und damit die ganzheitliche Sicht.“

Schreieck war selbst beispielsweise Mitglied des Gestaltungsbeirates der Gemeinde Feldkirch, als dort ein bestehendes, gemeindeeigenes Wasserkraftwerk neu errichtet werden sollte. Der Gestaltungsbeirat erinnerte die Stadtväter daran, dass auch einer solch hoch technoiden Angelegenheit dringlich architektonische Gestaltung zu verleihen sei. Das Resultat war ein Wettbewerb, die Architekten Bettina Götz und Richard Manahl (Artec) gewannen ihn, das Kraftwerk Hochwuhr ist samt „Kunst am Bau“ von Peter Sandbichler und der Landschaftsplanung von Auböck und Karasz ein kapitales Prachtstück seiner Gattung geworden.

Diese Sorgfalt in der Gestaltung von Objekten unterschiedlicher Funktion ist, wie man sieht, raum- und lebensqualitätsprägend. Natürlich entsteht auch in Vorarlberg durchaus Schlechtes, wiewohl in den anderen Bundesländern manch Gutes aus Fundamenten wächst.

Doch kristallisiert sich ein ganz wichtiger Faktor für gute Architektur klar heraus: Wenn Bürgermeister über die Weltoffenheit verfügen, einem Gremium von Fachleuten Glauben schenken zu können, wenn ein höchst ausgebildetes Team von Architekten, Raumplanern und anderen Spezialisten als Berater ernst genommen wird, steigt der Qualitätspegel augenblicklich.

Gestaltungsbeiräte haben in Vorarlberg lange Tradition, und erfreulicherweise beginnen viele - auch kleinere - Gemeinden außerhalb des Ländles sich dieses sinnigen Instruments zu bedienen. Auch hier gelten wichtige Grundregeln: Ehrenamtlich funktioniert gar nichts. Die Arbeit der Berater und Beraterinnen ist wichtig, sie hat bezahlt zu werden. Die Bestellung erfolgt nach einem Rotationsprinzip, die jeweils Aktiven sind vom lokalen Baugeschehen für die Phase ihrer Beiratstätigkeit natürlich ausgeschlossen. Was passieren kann, wenn sie es nicht sind, dürfte andernorts bewiesen worden sein.

Marc Anders ist gemeinsam mit Erwin Rinder für die Abteilung Infrastruktur der Gemeinde Lauterach zuständig. Auch hier wirkt ein Gestaltungsbeirat. „Alle Projekte, ob kommunal oder privat, werden begutachtet“, so Anders. Das passiert am Vormittag, Architekten und Bauherren sind dabei. Und damit etwas weitergeht, tagt im Anschluss zackig der Bauausschuss. Im Leitbild der Gemeinde steht niedergeschrieben: „Die hohe Lebensqualität der Wohngemeinde Lauterach soll durch bewusste und maßvolle Bauvorhaben auf lange Sicht erhalten bleiben.“ So einfach ist das, nur - tun muss man etwas dafür.

11. März 2006 Der Standard

Wirbst du schon, oder lebst du noch?

Georg Franck über das harte Ringen um Beachtung, über mediale Aufmerksamkeit als architektonisches Startkapital und über die Unsäglichkeit von Architektenrankings

Es sei wichtiger geworden, in welchem Medium ein Projekt erscheine, als wo das Haus stehe, meint Georg Franck. In seinem jüngsten Buch Mentaler Kapitalismus analysiert der Professor für digitale Methoden in Architektur und Raumplanung an der TU-Wien unter anderem die Mechanismen eines hochkompetitiven, immer aggressiver werdenden Architekturmarktes, der nicht zuletzt von Bauherren und Medien angeheizt wird.

Das „Bauen fürs Feuilleton“ (© Karin Tschavgova) hat Methode, die offensive PR-Politik gehört mittlerweile zum Geschäft, Erfolg hat oft, wer zusätzlich am schönsten laut schreit - und ob das den Architektinnen und Architekten passt oder nicht, steht bedauerlicherweise längst nicht mehr zur Debatte.

DER STANDARD: Ist die aktive Selbstvermarktung unerlässlicher Teil der architektonischen Produktion geworden?

Georg Franck: Seit Giorgio Vasari müssen Künstler nebenbei auch für Anerkennung sorgen, also dafür, dass sie rezipiert werden. Wenn dieser Teil des Jobs aber in den Vordergrund tritt und zu einem richtig harten, professionellen Geschäft wird, dann wird's sehr unangenehm, und zwar für alle Beteiligten.

Befördert die steigende Architektur-PR die Architektur-Produktion?

Franck: Ich habe eher den Eindruck, dass dieser kollektive Drang irgendwie aufzufallen, irgendwie in die Medien zu kommen, der Qualität der eigentlichen Produktion abträglich ist. Man kann das fast schon als Konkurrenz um den Quadratmillimeter Publikationsfläche bezeichnen. In jeder Bewerbung, in jedem Lebenslauf von Architekten sieht man immer vor allem die Publikationen. Da kann man unten fast schon einen Strich ziehen und die Summe zusammenrechnen.

Das tut man ja auch: Es gibt internationale Architektenrankings, in denen die „Besten“ jene sind, die die meisten medialen Erwähnungen verbuchen konnten.
Franck: Das ist absolut verheerend. Es gibt Ähnliches auch bei Literaten und Künstlern. Dabei handelt es sich um reines Quotendenken.

Man kann es in Ihrer Diktion auch als Teil der Profitrate sehen. Die mediale Aufmerksamkeit ist Teil des Gewinns und zugleich neues Startkapital.
Franck: Absolut - und die Publikationslisten sind die äußere Form der Kapitalisierung.

Oder der Aktienindex, wie man will.
Franck: Tatsächlich, man tut so, als würden hier die Kurswerte von Assets notiert, denn die werden genau so gehandelt.

Mittlerweile gibt es kaum noch Architekturbüros, die sich keine eigene PR-Abteilung oder zumindest PR-Beauftragte leisten. Können Architekten, die sich dem Medienspiel entziehen wollen, überhaupt noch ihr Auslangen finden?
Franck: Das ist das Problem! Die Verweigerung ist riskant. Man kann zwar Glück haben und eben doch Wettbewerbe gewinnen, Bauherren finden. Auch wenn es stimmen sollte, dass sich - sehr - langfristig die Qualität durchsetzt und die kurzfristige Wichtigtuerei wieder verschwindet, so muss doch auch festgehalten werden: Langfristig Karriere innerhalb der Architekturgeschichte machen nur Werke oder Architekten, die irgendwann Mode waren. Wenn also Architekten meinen, sie bräuchten die Medien nicht, dann sind wahrscheinlich saure Trauben mit im Spiel.

Was hat diesen medialen Architektur-Hype der vergangenen zehn Jahre verursacht?
Franck: Es hat damit zu tun, dass die Architektur sich selbst geöffnet hat. Noch in den 70er-Jahren kämpften die Architekten auf einsamen, avantgardistischen Posten für etwas, das die große Masse sowieso nicht verstand.

Das riecht nach elitärem Denken.
Franck: Nur in dem Sinn, als es auf Originalität, Authentizität und Innovation ankam - das waren die wichtigen Kriterien. Es war eine Architektur für Architekten: Andere Architekten sollten Augen machen, Kritiker, die selbst zum inneren Cercle gehörten, sollten die Projekte beachten und darüber berichten.

Das erinnert an die Defilees der Haute Couture: Die gezeigten Kleider werden vom Fachpublikum für gut oder schlecht befunden, aber anziehen kann sie niemand.
Franck: Genau. Und aus eben diesem Grund ging das den Bach runter. Diese Art des Umgangs mit Architektur war nicht dazu geeignet, die enorme Masse von Gebäuden, die produziert werden musste, in Form zu bringen. Irgendwann haben selbst die Anhänger dieser Auffassung ihre Ziele in dieser Produktion nicht mehr erkannt und das Ruder herumgeworfen. Eine der neuen Richtungen war es, die Architektur populär zu machen.

Das war jene Zeit, in der etwa Aldo Rossi damit begann, für Alessi neckische Espressokocher zu designen.
Franck: War das nicht Michael Graves?

Der auch. Alessi hat damals so gut wie alle großen Namen eingekauft.
Franck: Graves ist dann jedenfalls bald bei Disney als Auftraggeber gelandet. Insgesamt war das Resultat eine Architektur, die nicht nur populär wurde, sondern gleitend in einen richtiggehenden Populismus überging.

Das heißt, die architektonische Haute Couture ließ sich in die Niederungen der Markenartikler herab?
Franck: So ist es, und interessanterweise kommt die Idee der Marke ja aus der Kunst. Alle Künstler müssen darauf achten, eine Marke zu werden. Der Übergang von der elitären Marke zur populären war der wesentliche Schachzug: Die Architektur hatte sich geöffnet, sie wurde ein populäres Medium, und dieses Angebot vonseiten der Architektur wurde vom Markt nur allzu begierig aufgesogen.

Nunmehr sind wir bei Rem Koolhaas und seinen Prada-Shops gelandet.
Franck: Oder in Bilbao bei Frank Gehrys Guggenheim. Bilbao wurde ein paradigmatisches Beispiel für eine ganze Architekturepoche. Dabei hatte es zuvor bereits Jorn Utzons Opernhaus in Sydney gegeben, das ebenfalls zu ei- ner Ikone wurde, aber noch eine Ausnahme- erscheinung und seiner Zeit voraus war.

Dennoch ist es nach wie vor das meistfotografierte und meistpublizierte Gebäude der Welt und hat seinen Architekten in den Olymp der Unsterblichen katapultiert.
Franck: Das ist überhaupt eines der interessantesten Themen: Wenn ein Gebäude einmal in den Parnass aufgestiegen ist und zum Kanon der Klassiker gezählt wird, dann wird es dort auch bleiben. Dieser Katalog der klassischen Werke ist etwas vom Stabilsten in unserer Kultur überhaupt.

Zeichnet sich im Phänomen der zeitgenössischen Architekturstars ebenfalls Stabilität ab? Wird es in zwei Jahrzehnten wieder ArchitekturSuperstars geben, oder werden sie, wie die Supermodels der 80er- und 90er-Jahre, Ausdruck einer bestimmten Epoche bleiben und sich in der Inflation von Sternchen verlieren?
Franck: Wer hätte Alvar Aalto oder Jorn Utzon je als Stararchitekten bezeichnet, obwohl sie Stars waren? Ich würde meinen, der Begriff des Stararchitekten und der Dekonstruktivismus sind ein Begriffspaar. Die Dekonstruktivisten sind die gehypten Supermodels der Architektur. Man berichtet über sie nicht nur, weil sie Architektur machen, sondern auch, weil sie so berühmt sind.

Was allerdings jetzt nicht als Qualitätsdebatte missverstanden werden darf.
Franck: Überhaupt nicht. Unter ihnen gibt es große Könner. Doch die Masse der Architekten, die durch Publikationen in den vergangenen zehn Jahren bekannt wurden, ist inzwischen enorm gewachsen. Einerseits gibt es Nachfrage unter den Investoren nach dieser auffälligen Publikationsarchitektur, andererseits befinden wir uns möglicherweise bereits in einer Inflationsphase. Vielleicht wird man schon bald keine Hochglanzarchitektur mehr sehen können.

Was auffällt, ist die grundsätzlich affirmative Haltung dem Gezeigten gegenüber. Es wird kaum je Kritik geübt. Sind die Hochglanzfotos der Architekturmagazine zu den Manifesten der zeitgenössischen Architektur geworden?
Franck: Ich befürchte, dass Sie damit den Nagel auf den Kopf treffen.

Das bedeutet aber, dass der Mehrwert, den gute Architektur bei genauer Analyse aufweist, von allen Beteiligten, von Investoren und Architekten, zugunsten medialen Schicks und damit der Verwertbarkeit auf dem Markt der Anerkennung und Popularität in den Hintergrund gedrängt wird - und zwar zulasten der Nutzer?
Franck: Ja. Das ist verhängnisvoll und hat die Tendenz, sich auszuweiten, etwa wenn es um den Umgang mit historischen Gebäuden geht, wo nur noch der touristische Blick und damit wieder eine andere Art der Verwertung zählt.

Die Extrovertiertheit, das Erfolgsheischen und die Eitelkeit, die der Markt mittlerweile von der Architektur verlangt, münden irgendwann in eine narzisstische Grundhaltung, die sich dann unweigerlich in der Architektur widerspiegeln muss.
Franck: Das ist das Bedrückende daran. Dieses harte Geschäft um Beachtung und Auffallen, das allerorten, und nicht nur in der Architektur zu beobachten ist, rührt unser wirklich Innerstes: das, was wir von uns selbst halten dürfen. Die Abhängigkeit unserer Selbstwertschätzung von der äußeren Wertschätzung ist etwas, was früher kaum thematisiert wurde. Das wurde nicht an die große Glocke gehängt. Doch in dem Moment, in dem klar wird, dass man seinen Selbstwert optimieren, die Ich-AG mit Ellenbogen vorwärts boxen muss, weil man sonst auf der Strecke bleibt, entsteht eine allgemein ganz unangenehme Atmosphäre. Das zeigt sich etwa darin, dass wir mit Werbung zugemüllt werden - und das setzt sich bis in unsere gebaute Umwelt fort.

[ Georg Franck: „Mentaler Kapitalismus. Eine politische Ökonomie des Geistes“. € 224,20/288 Seiten, Edition Akzente, Hanser, 2005 ]

25. Februar 2006 Der Standard

Die Architektur hat viele Feinde

Der russische Bauernsohn Konstantin Melnikow revolutionierte Form und Raum und wurde als Kind der Revolution schließlich selbst gefressen

Ich weiß: Ich bin in diesem Jahrhundert dazu berufen, das absterbende Gespür wieder zu beleben und neu in der Architektursprache zu reden." Konstantin Melnikow (1890-1974) wusste nicht, dass ihm für diese Aufgabe nur der Augenblick zwischen zwei Wimpernschlägen der Geschichte gegönnt sein würde, doch diesen kurzen Zeitraum von etwa zehn Jahren nutzte er traumwandlerisch aus.

Melnikow war Russe, Sozialist, Architekt. Als der Stalinismus sein Regime über die UdSSR zu spannen begann, erstickte er darunter auch die Formgeber der ersten Revolutionsjahre. Melnikow war eine der Speerspitzen dieser kraftvollen russischen Avantgarde gewesen, den Rest seines Lebens sollte er zurückgezogen, mit Arbeitsverbot belegt und mit Hunger geschlagen in seinem Haus in Moskau verbringen.

Zurzeit erinnert eine Ausstellung im Wiener Ringturm an Melnikows Werk. Modelle seiner Entwürfe, nachgebaut von Studenten von vier europäischen Universitäten, veranschaulichen die fast naturgewaltigen Formenkünste des Mannes, der die Architektur stets als Ausdruck der „modernsten Formen unserer Zeit“ aufgefasst hatte.

Kaum jemand weiß heute noch, dass die Wiener Architektur- und Kunstszene bereits Anfang der 70er-Jahre die Gnade eines Blickes auf Melnikows Universum erfahren durfte - und es ist nicht spekulativ zu behaupten, dass sie davon nicht unbeeinflusst blieb.

Wie es damals zu der überhaupt ersten Melnikow-Ausstellung im Westen kam, kann eine betagte, quicklebendige Dame in der Wiener Innenstadt erklären. In ihrem Wohnsalon gibt es nicht nur vorzüglichen türkischen Kaffee samt Zigaretten, sondern auch eine silbern gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografie. Sie zeigt einen alten, schmalen, dunklen Mann. Er trägt ein weißes, gehäkeltes Häubchen auf dem Kopf und sitzt sehr aufrecht in einem seltsamen Raum. Das Licht fällt durch ein sechseckiges Fenster. Es scheint sehr still um ihn zu sein.

Die Aufnahme des damals etwa 82-jährigen Melnikow in seinem mittlerweile legendären Wohnhaus in Moskau stammt von keinem Geringeren als dem französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson. Eva Auer, besagte Dame, hatte die Fäden geknüpft, die richtigen Menschen im richtigen Moment in der Geschichte zusammengebracht.

Sie selbst war in den 60er- und 70er-Jahren als Ehefrau des österreichischen Kulturattachés in Moskau stationiert, und da sie selbst Künstlerin, Malerin, also eine Wissende war, wusste sie, als sie in der UdSSR ankam, dass hier irgendwo einer lebte, der Melnikow hieß und seinerzeit Revolutionäres gebaut hatte. Melnikow hatte für die neue sowjetische Weltordnung den rechten Winkel verzerrt, Räume und Wände gefaltet, Architekturen wie Maschinen konstruiert und beweglich gemacht.

Eva Auer erzählt, wie sie vier Jahrzehnte später durch die Straßen Moskaus ging, auf der Suche nach dem Haus mit den sechseckigen Fenstern. Als sie schließlich davorstand, sagt sie, war es „wie ein Schlag“. Melnikow war vorsichtig, er war scheu geworden. Er öffnete der Künstlerin seine Pforten nur zögerlich, doch schließlich ließ er die Frau aus dem Westen eintreten in sein Universum, denn man hatte sich als seinesgleichen erkannt.

Eva Auer hatte in Paris bei Fernand Léger studiert und dort noch die Schwingungen gespürt, die von den russischen Avantgardisten, den Konstruktivisten und Kunstrevolutionären der 20er-Jahre hinterlassen worden waren. Erst als sich die Vertrautheit zu Melnikow zu einer Freundschaft verdichtet hatte, erlaubte der Architekt der Wienerin Unerhörtes: Sie durfte über einen längeren Zeitraum hinweg heimlich mit der Diplomatenpost ihres Mannes Fotografien und Pläne aus Melnikows Archiv in den Westen schmuggeln. Er ging damit ein ungeheures Risiko ein. Sie ebenfalls.

So wie zuvor Cartier-Bresson brachte Eva Auer auch Monsignore Otto Mauer, den Gründer der Galerie St. Stephan, in Melnikows Haus. Am 6. Februar 1974 eröffnete in der Wiener Avantgarde-Galerie die Ausstellung der stückweise in den Westen verfrachteten Exponate. Sie waren nur bis zum 2. März zu sehen. Melnikow starb im November desselben Jahres. Zuvor hatte Eva Auer noch einen weiteren Kontakt geknüpft - zum Architekturautor Frederick Starr, der 1978 die erste Monografie herausbrachte: Melnikow - Solo Architect in a Mass Society.
Melnikow wurde 1890 als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Der Besitzer jener Firma, in der er als Laufbursche arbeitete, erkannte offenbar sein gestalterisches Talent und finanzierte ihm die Ausbildung an der Moskauer Fachschule für bildende Kunst und Architektur. Er schloss das Studium 1917 ab: „Ich bekam den Titel eines Architekten und trat in ein Metier ein, das vor dem Abgrund stand. Warum erwecken meine Arbeiten solch starke Neugier, die sich mit Besorgnis mischt? Warum entstehen Abneigung und Angst vor der Ungewöhnlichkeit dieser Arbeiten? Und warum entsteht ein Gefühl der Frische, wenn man sie besser kennen lernt?“

Melnikow baute in der Folge Arbeiterwohnungen, Arbeiterklubs und entwarf Monumente. 1925 gestaltete er gemeinsam mit Alexander Rodtschenko den sowjetischen Pavillon für die Weltausstellung in Paris, der mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde und ihm internationale Berühmtheit verschaffte. Er blieb für einige Zeit mit seiner Familie in Paris, kehrte allerdings als „russischer Mensch mit russischem Glauben“ bald wieder nach Moskau zurück.

Zuvor hatte er noch ein Projekt für die Pariser Stadtverwaltung entwickelt, das nun in der Ringturm-Ausstellung der Wiener Städtischen Versicherung als Modell zur längeren Betrachtung und Analyse einlädt: In dem monumentalen und zugleich so eleganten Entwurf für ein Parkhaus für Pariser Taxis (1925) lässt sich Melnikows unerhörtes räumliches Talent ablesen. Das Konstrukt liegt scherenartig auf einer Seine-Brücke, die Rampen rasen durch den Baukörper, alles ist Bewegung, alles ist Geometrie.

Zurück in Moskau, durfte der Architekt noch ein paar fruchtbare Jahre verbringen. In dieser Zeit baute er auch sein Wohnhaus (1927-1929), das mit seinen gewagten zylindrischen Geometrien, den sechseckigen Fenstern, den gemauerten Betten und seiner ganz seltsamen Raumatmosphäre heute zu den Ikonen der modernen Architektur zählt.

Ab den 30er-Jahren fielen die russischen Konstruktivisten in Ungnade, Melnikow wurde eine knappe Pension zugewiesen, bauen durfte er nicht mehr. Eva Auer sagt heute, die Wertschätzung des Westens sei ihm egal gewesen, er habe vielmehr bis in das hohe Alter auf eine Rehabilitierung in seiner Heimat gehofft, aber auch diese Hoffnung habe er irgendwann einmal fahren lassen.

„Die Architektur“, hatte Melnikow gesagt, „hat viele Feinde, die andere Künste nicht haben: die Technik, die Grafik, den Alltag, die Dienstleistungen und die Millionen von Rubel.“ Vor allem Letztere bedrohen heute das Melnikow-Haus. Der Grund, auf dem es steht, ist kostbar, die Architektur selbst in schlechtem Zustand.

Eine Gruppe engagierter internationaler Architekten und Künstler versucht seit geraumer Zeit, das Gebäude ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und zu retten. Einer der Initiatoren ist MAK-Chef Peter Noever. Die offizielle Deklaration zur Rettung und Erhaltung des Hauses wurde etwa von Zaha Hadid, Daniel Libeskind, Rem Koolhaas und David Sarkysian, dem Direktor des Architekturmuseums Moskau, unterzeichnet.

80 Jahre nach Vollendung des Hauses beginnt nun ein Wettkampf gegen Zeit und Geld: Vor zwei Wochen starb Melnikows Sohn Wiktor. Er hatte bis zuletzt in seinem Elternhaus gelebt.

[ Die Ausstellung „Moskau - Melnikow. Architektur
und Städtebau von Konstantin Melnikow 1921-1937“ ist bis 13. 4. im Wiener Ringturm zu sehen. ]

4. Februar 2006 Der Standard

Raumklänge im Schlosspark

Neue Architektur soll den Kulturstandort Niederösterreich aufwerten: Bei Schloss Grafenegg entstehen eine Konzerthalle und eine Openair-Bühne - und Landeshauptmann Erwin Pröll entdeckt das Zeitgenössische.

Niederösterreich ist derzeit eher für seine „Ortsbildpflege“ bekannt als für qualitätsvolle zeitgenössische Architektur. Kaum ein Dorf in diesem schönen Bundesland, das ohne liebliche Pflasterung, den herausgeputzten vormaligen Dorfbrunnen samt Schmiede- eisenzierrat sowie den traditionellen Balkonblumenwettbewerb mit der Nachbargemeinde auskommen muss.

Neu Gebautes hingegen erfreut sich hier zu Lande vergleichsweise geringerer politischer Aufmerksamkeit. Die niederösterreichische kommunale Wohnbaukultur beispielsweise ist in ihrer Niveaulosigkeit international konkurrenzlos - doch das könnte sich jetzt unter Umständen langfristig zu ändern beginnen. Denn einerseits sorgen immer wieder private Bauherren für Qualitätseinsprengsel und lokale Aufbruchstimmungen (Stichwort Winzerarchitekturen zum Beispiel). Andererseits ist Architekturkultur auf jeder Ebene politisch durchaus steuerbar, und Landeshauptmann Josef Pröll zeigt sich als lernfähiger Mann.

Eben entdeckt er - und wer hätte das je für möglich gehalten - die Architektur als Standortfaktor. „Dem Land Niederösterreich“, so sprach er dieser Tage, „ist es ein Anliegen, Denkmalpflege und modernes Bauen in Einklang zu bringen.“ Anlass für diese Aufbruchsrede war ein ansehnliches, weit gedachtes Projekt, das sich Niederösterreich gemeinsam mit der hier ansässigen Familie Metternich-Sándor leisten will.

Letztere besitzt mit Schloss Grafenegg den Traum jedes Tourismusmanagers: ein Prachtschloss wie aus Zuckerwerk gesponnen, umgeben von einem Park, der selbst den britischen Hochadel durchwandlungswürdig deuchte, all das gut an das Verkehrsnetz angebunden und nicht weit ab der Bundeshauptstadt Wien gelegen.

Grafenegg ist jetzt schon ein wichtiges Zentrum niederösterreichischer Kulturaktivitäten, bis 2007 will man das gräfliche Anwesen zu einem internationalen Kulturstandort aufrüsten. Die Trägermittel zum Zweck sind die zeitgenössische Architektur und die Musik. Die Realisierung erfolgt über Private Public Partnership.

Wenn also in zwei Jahren das neue Grafenegger Musikfestival unter der künstlerischen Leitung von Rudolf Buchbinder startet, wird es über zwei neue, ansehnliche Bühnen gehen: Die Dortmunder Architekten Schröder Schulte-Ladbeck haben einen Konzertsaal entworfen. Die Wiener ARGE the next ENTERprise- architects+Land in Sicht haben den prachtvollen Schlosspark unter die Lupe genommen und einen Konzertpavillon zur Pflanzung vorgesehen. Die Familie Metternich-Sándor stellt die Grundstücke zur Verfügung, Niederösterreich wird 13 Millionen Euro in die Baulichkeiten investieren. Keine gewaltige Summe, aber wohl platziertes Investment.

Zum ersten Projekt, dem Konzertsaal: Die deutschen Architekten Schröder Schulte-Ladbeck konnten bereits mehrere von Musikwelt und Publikum gleichsam bejubelte Konzertsäle realisieren, in Grafenegg setzen sie zwischen die alte Reitschule und die Schlosstaverne leicht verdreht letztlich nichts anderes als die bewährte musikvereinsartige Schuhschachtel - was nicht abwertend klingen soll, denn das Implantat sitzt geschickt.

Gläserne Gänge verbinden den Solitär mit dem historischen Bestand, der Besucherfluss für die insgesamt 1200 Zuhörer wird über drei Ebenen gelenkt. Ein weiter, überdachter Foyerbereich sorgt für trockene Ohren vor und nach dem Konzert, wenn es zu sommerlichen Regengüssen kommt - und im Saal selbst wird es nicht mehr, wie bis dato in der alten Konzerthalle des Schlosses üblich, die bereits traditionellen mikroklimabedingten und gefürchteten Schweißausbrüche bei Musikern und Musikkonsumenten geben.

Das zweite Projekt befindet sich - ebenfalls als Solitär - im Park und stellt eine Openair-Bühne dar. Der Entwurf kann nicht losgelöst von der Parklandschaft betrachtet werden, die von Thomas Proksch (Land in Sicht) genau analysiert wurde, denn 2008 wird hier auch die niederösterreichische Landesgartenschau stattfinden.

Der Grafenegger Schlosspark ist über die Jahrhunderte gewachsen, seine barocken Strukturen wandelten sich zu einem im 19. Jahrhundert hochmodernen Landschaftspark im englischen Stil. Das etwa 30 Hektar große Areal zeichnet sich vor allem durch seinen vielfältigen Baumbestand aus, der nicht nur eine Art Baumsammlung darstellt, sondern in Baumgruppen bei den Parkbesuchern landschaftliche Ahaerlebnisse hervorrufen soll, wie es sich für einen Landschaftspark gehört.

In dieses gewachsene und von Thomas Proksch nun behutsam zu revitalisierende Ensemble pflanzen Marie-Therese Harnoncourt und Ernst Fuchs (the next ENTERprise) ein Konstrukt, das letztlich die zeitgenössische Interpretation eines Gartenpavillons darstellt und im besten Sinne des Modewortes „multifunktional“ ist. Denn im Idealfall wird ein solches Lust-Bauwerk auch dann benutzt, wenn gerade kein Konzert stattfindet. Der Park ist ganzjährig geöffnet, und Harnoncourt findet: „Der Pavillon soll nicht nur für Konzerte genutzt werden, er soll auch ein Ort sein, wo man sich gerne hinsetzt und sein Jausenbrot auspackt.“ Die Freiluftbühne für klassische Musik muss mit natürlicher Akustik auskommen, sie bildet also sowohl einen akustischen als auch perspektivischen Raum.

Die Architekten konzipierten also, getreu den Prinzipien des Landschaftsgartens, eine Abfolge von Topografien: Eine Schneise führt in das in der Landschaft abgesenkte Freiluftauditorium, der Blick fällt auf eine Art Bühnenturm, der die Höhe des umliegenden alten Baumbestandes aufnimmt. Harnoncourt: "Uns war die Veränderung des Räumlichen sehr wichtig, die sich durch die Bewegung der Besucher durch den Park ergibt. Der obere Teil des Turmes ist akustisch wirksam, wiewohl beide Projekte, Saal und Pavillon, von den Münchener Akustikexperten Müller-BBM für die zu erwartenden Konzerte optimiert werden.

Beide Projekte sind Wettbewerbsergebnisse und sprechen eine deutliche, im Heute verstandene Sprache. Joachim Rössl als Leiter der Gruppe Kultur der Landesregierung unterstreicht diese Notwendigkeit: „Um im internationalen Kulturangebot bestehen zu können, brauchen wir internationale Qualität. Der Denkmalschutz darf nicht als tote Materie verstanden werden, sondern muss mit Zeitgenössischem kombiniert werden.“

Die umtriebige niederösterreichische Kulturabteilung ist unter anderem für Österreichs innovativste und meistbeachtete „Kunst im öffentlichen Raum“ verantwortlich, und Rössl weiß genau, dass der Kulturstandort Niederösterreich in einem großräumigen Konkurrenzfeld zu betrachten ist, das sich über Wien bis nach Prag, Salzburg, München zieht. Man will Kulturtouristen zum längeren Verweilen auffordern und zu diesem Zweck die Achse Schallerburg, Kulturbezirk St. Pölten, Kunstmeile Krems über Grafenegg bis nach Wien verlängern. Rössl denkt strategisch-raumplanerisch: „Weder Wien noch Niederösterreich werden die internationale Qualität allein schaffen, das funktioniert nur gemeinsam.“ Landeshauptmann Pröll unterstützt diese klugen Pläne mit der ihm innewohnenden Verve und befindet, dass „die neue Architektur der Qualität der bestehenden Bauwerke adäquat ist“.

Man kann ihn dafür nicht hoch genug loben, den Landesvater. Jetzt auch noch ein deutlicher architekturqualitätssteigernder Schlenker in Richtung Wohnbau - und Niederösterreich wird noch schöner.

1. Februar 2006 Der Standard

Rettungschance für Juwele moderner Architektur

Die Bedeutung von Baudenkmälern der jüngeren Vergangenheit sickert ins öffentliche Bewusstsein: Wien überlegt den Ankauf einer Josef-Frank-Villa. Und eine Ausstellung zeigt, wie das 20er Haus gerettet werden könnte.

Eine der interessantesten und architekturhistorisch wertvollsten Villen der europäischen Moderne steht derzeit in Wien zum Verkauf - und diesmal sieht es so aus, als ob die öffentliche Hand zugreifen und das Objekt in jenen Rang heben wolle, der ihm zusteht.

Die Villa Beer von Josef Frank aus dem Jahr 1930 könnte als - auch im internationalen Vergleich - außergewöhnliches Zentrum für Architekturforschung und Architekturtourismus genutzt werden, sobald sie sich in öffentlichem Besitz befindet.

Wiens Bürgermeister Michael Häupl hat den Kauf des derzeit noch in Privatbesitz befindlichen Wohnhauses bereits vergangenen Sommer zur Chefsache erklärt und persönlich die MA 69 mit den Kaufverhandlungen beauftragt.

Unruhe über Verkauf

Das denkmalgeschützte Objekt im 13. Wiener Gemeindebezirk ist laut Schätzgutachten der Gemeinde rund 2,5 Millionen Euro wert, die Differenz zu den von den Besitzern geforderten 3,5 Millionen wird, so Planungsstadtrat Rudolf Schicker zum STANDARD, derzeit ausverhandelt. Schicker ist zuversichtlich: „Ich denke, dass wir klar kommen werden.“ An die Öffentlichkeit sei man vor Kurzem deshalb gegangen, „weil Unruhe im Bezirk über den Verkauf entstanden war“. Schickers MA 19 hat gemeinsam mit dem Architekturzentrum Wien und dessen Chef Dietmar Steiner einen detaillierten Bespielungsplan für das Gebäude ausgearbeitet, denn der Ankauf macht nur dann Sinn, wenn die weitere Nutzung auf betriebswirtschaftlich fundierten Grundfesten ruht und das Verhältnis der Betriebskosten zu den Einnahmen in einem für die Stadt akzeptablen Verhältnis steht.

Die mit 800 m² Wohnfläche großzügig auf vier Ebenen dimensionierte Villa ist laut Friedrich Achleitner die bemerkenswerteste Wohn-Architektur der Zwischenkriegszeit in Wien, sie wird von der internationalen Fachwelt zu den wichtigsten Bauten des 20. Jahrhunderts in Europa gezählt - und sie ist nicht zuletzt auch zeitgeschichtlich von Brisanz.

Der jüdische Architekt Josef Frank plante das Haus 1930 „wie eine Stadt, mit Straßen und Wegen, die zwangsläufig zu Plätzen führen“. Frank emigrierte 1934 nach Schweden, wo er 1967 starb. Seine Auftraggeber Margarethe und Julius Beer, ebenfalls jüdischer Herkunft, flüchteten bereits ein Jahr zuvor in die USA.

Die Eltern der derzeitigen Besitzer erwarben das Anwesen rechtmäßig 1941, und es kann als außerordentlicher Glücksfall gewertet werden, dass sie die Qualitäten der Villa erkannten und bis ins Detail erhielten. Das Haus befindet sich also in tadelloser baulicher Verfassung und so gut wie in seinem Originalzustand, was allein Seltenheitswert hat.

Europaweit sind tatsächlich nur eine Hand voll ähnlicher Objekte erhalten: Tschechien hat die Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe in Brünn für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Stadt Prag hat Adolf Loos' Villa Müller restauriert und mit einer Dauerausstellung über den Wiener Architekten bestückt. In Paris steht die Villa la Roche von Le Corbusier zur Besichtigung offen, und das Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht von Gerrit Rietveld wird ebenfalls als Architekturmuseum genutzt.

Als möglicher Betreiber der Villa Beer bietet sich das Architekturzentrum Wien an, da man über langjähriges Know-how sowie die nötigen internationalen Kontakte verfügt, um das Baujuwel professionell nutzen und auch vermarkten zu können, denn der europäische Architekturtourismus boomt.

Frank hatte im Exil nicht nur als Architekt, sondern auch als Stoff- und Möbeldesigner für das Stockholmer Einrichtungshaus Svenskt Tenn großen Erfolg. Das Unternehmen produziert seine Entwürfe nach wie vor und wäre - laut ersten Kontakten - an einem Standbein in Wien höchst interessiert. Derzeit ist der Frank-Nachlass zerstreut, einzig die hervorragende Monografie der Kunsthistorikerin Maria Welzig gibt einen Überblick über das Werk des hier zu Lande lange Zeit fast vergessenen Architekten.

[ Maria Welzig, Josef Frank 1885-1967, Verlag Böhlau, Wien ]

28. Januar 2006 Der Standard

Hybridautos für Amerika

Der kalifornische Architekt Thom Mayne senkt in amerikanischen Regierungsgebäuden den Erdölverbrauch und fordert US-Richter auf, Kafka zu lesen, wenn er für sie bauen soll. Denn: Strategisches Denken in der Architektur ist angesagt.

Die Vereinigten Staaten von Amerika konnten ihre Sympathiewerte in den vergangenen Jahren aus unterschiedlichen Gründen nicht uneingeschränkt steigern - Leute wie der Kalifornier Thom Mayne (62) verkörpern geradezu bilderbuchartig die erfreuliche Gegenthese zum offiziellen Amerika, also jenen zu oft in den Polemiken vergessenen kritisch-wachsamen, innovativen Teil der amerikanischen Bevölkerung.

Dieser Tage weilt der Architekt, der 1972 in Los Angeles das Architekturbüro „Morphosis“ gründete, in Wien, um im Rahmen eines Postgraduate-Lehrgangs der Universität für angewandte Kunst angehenden Architekten und Architektinnen das zu vermitteln, was in der Spitzenarchitektur in Zukunft verstärkt benötigt wird: Durchsetzungs- und Überzeugungsvermögen, in allen Phasen des Entstehungsprozesses von Architektur.

Die Architekturstudenten der Angewandten kommen derzeit also in den Genuss, gleich von zwei Pritzkerpreis-Größen geschult zu werden. Von der raumfüllenden Zaha Hadid, die Entwurfsprogramme bis in atomare Gefilde zerlegt, und von Mayne, der den Rest des Universums in seine Überlegungen mit einzubeziehen gewohnt ist. Weitere Architekturgrößen unterschiedlicher Provenienz werden im Laufe des Semesters folgen.

Initiator der Intensivschulung „Urban Strategies“ ist Angewandte-Architekturchef Wolf D. Prix, der sich - der Wiener Neidgesellschaft zum Trotz - durchaus etwas auf diese Versammlung der internationalen Spitzenarchitekten im Dienste seiner Schülerinnen und Schüler einbilden kann.

Planung ist eines, sie umzusetzen ein ganz anderes, beides muss man können, will man gute Arbeit liefern. Wer, wenn nicht die renommiertesten Architekten der Welt können davon ein Lied singen, und wer, wenn nicht Prix, kann diesen Chor harmonisch an der Angewandten vereinen.

Thom Mayne beispielsweise produziert eine Architektur, die formal so jenseits der üblichen Investorenkisten ist, dass man sich auf den ersten Blick schon fragt: Was will dieser Mann? Und wie ist es ihm gelungen, diese Häuser umzusetzen? Stellt man diese Fragen ihm selbst, so erhält man präzise Antworten, und zwar auf jedes Detail, auf jedes architektonische Element seiner markanten und unverwechselbaren Gebäude.

Architekten, meint er, würden wie Regisseure funktionieren: Sie dirigieren eine Fülle verschiedenster Anforderungen, Bauherrenwünsche, Materialqualitäten. Architekten müssten all die unterschiedlichen Aspekte im Auge behalten, zu einer funktionierenden Form komponieren und sich zugleich darüber im Klaren sein, dass die Architektur nur die eine Hälfte eines Gebäudes darstelle. Die andere ergebe sich durch die Nutzer, die das Haus bespielen und für sich erobern.

Mayne behauptet, dabei durchaus traditionsbewusst und keineswegs der böse Bube zu sein, als der er gehandelt werde: „Mir geht es nicht darum, etwas zu verändern, sondern, strategisch denkend, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen.“ Für die Stadtregierung San Franciscos baut er beispielsweise ein großformatiges Verwaltungsgebäude. Zwei Drittel des Hauses werden ohne Klimaanlage auskommen, was in den energieverschwenderischen USA etwa so üblich ist wie zweisprachige Ortstafeln in Kärnten. Die dadurch eingesparten zwölf Millionen Dollar wandern in eine intelligente Fassade, mit der Differenz der Energiekosten könnten 600 Häuser versorgt werden.

In Amerika, meint Mayne süffisant, spiele die Erdöl-Liga derzeit eine nicht ungewichtige Rolle, weshalb es ihn besonders freue, ein Regierungsgebäude anderen energetischen Maßstäben angepasst zu haben. „Hey, ich bin in den Sechzigerjahren aufgewachsen“, sagt er, „und Sie fragen mich ernsthaft, was ich zur derzeitigen politischen Situation dieses Landes sage?“

Doch, die Frage ist ernst gemeint, und die Antwort darauf kommt wieder in aller Deutlichkeit: Schändlicherweise habe eine bestimmte Minorität in den vergangenen Jahren die Macht an sich gerissen, das Land unter sich aufgeteilt und in zwei deutliche Lager gespalten. „Das wird sich wieder ändern“, so Mayne mit erfrischendem Optimismus, und bis dahin demonstriere er anhand seiner Gebäude, dass die Architektur sehr wohl ein Statement abgeben könne - sogar jene, die er für die Regierung baue.

Als sich etwa ein durchaus dem konservativen Lager zuzuordnender Richter aus Oregon ein neues Gerichtsgebäude wünschte, legte der erst einmal eine Skizze eines vorgestrig-klassizistischen Gebäudes als Idealvorstellung auf Maynes Zeichentisch. Säulen und Tympanon und so. Der Architekt nickte nur bedächtig, um dann das zu leisten, was er in Wien den Studenten gerade beizubringen versucht: Überzeugungsarbeit.

Er entwarf ein geschmeidiges, in mehreren Baukörpern strukturiertes, den inneren Abläufen des Gerichts entsprechendes Konstrukt, breitete die Skizzen vor den ungnädigen Augen des Richters aus und meinte: „Das ist eine der unendlich vielen Möglichkeiten. Wenn Sie sie nicht mögen, kann ich genauso gut eine andere finden.“ Nur logisch und funktionierend müsse sie sein.

Das Endprodukt besteht nach wie vor aus sechs Teilkörpern, der Richter hat in der Zwischenzeit Kafkas Prozess gelesen - weil Mayne ihn dazu aufgefordert hatte - und es hat, wie der Architekt meint, ein „shift of tradition“ stattgefunden: alte Formen, alte Traditionen, in eine neue, zeitgemäße Architektursprache gekleidet.

Maynes Architekturen, um auf seine Gestaltqualitäten zu sprechen zu kommen, wirken wie knospende, sich eben entfaltende Organismen. Er arbeitet vor allem in den Fassaden mit intelligenten Schichtungen, zieht etwa die Außenhaut des Gebäudes solchermaßen über die Struktur, dass sich geschützte Zonen ergeben, die als Foyer und als öffentlicher Raum wirksam werden.

Sein vor etwa zwei Jahren fertig gestelltes Caltrans-Verwaltungsgebäude - ebenfalls ein öffentliches Haus - in Los Angeles, Downtown, demonstriert diesen Ansatz vorbildlich. Gerade in LA, wo sich niemand um öffentliche Räume kümmert, hat dieses Bemühen um städtebauliche Kleinareale für die Öffentlichkeit besondere Brisanz und nachgerade Aufforderungscharakter an die politische Führung. Ein von Mayne mitinitiiertes Kunstprojekt von Keith Sonnier, das in Lichtströmen die Verkehrs- und Freeway-Metropole raffiniert reflektiert, unterstreicht, dass der konstruktive, insistente Diskurs mit der Bauherrschaft gelingen kann, wenn die richtigen Argumente auf den Tisch gelegt werden.

Thom Mayne, so offen und konstruktiv er in Verhandlungen mit seinen Auftraggebern sein mag, ist andererseits auch dafür bekannt, den Kompromiss nur bis zu einem gewissen Punkt einzugehen. Selbstverleugnungen verweigert er sich, so manches Projekt hat er letztlich nicht mitgetragen. Der Pritzkerpreisträger des vergangenen Jahres wirkt wie jemand, der Condoleezza Rice ein solarbetriebenes Auto verkaufen will. Dass er seine Überzeugungen gnadenlos auch selbst lebt, beweist das Hybridauto, das in seiner eigenen Garage steht.

„Je älter ich werde“, sagt er, „desto mehr Energie habe ich, desto mehr drängt es mich weiterzutun.“ Gerade das Unterrichten, der Umgang mit den Studentinnen und Studenten und damit das ständige Eintauchen in die Welt der Jungen halte ihn frisch, wachsam und nicht zuletzt optimistisch.

22. Januar 2006 Der Standard

Die Form bleibt das Rätsel

Gerhard Garstenauer über Qualitätsmerkmale der Architektur und über Blähungen, die entstehen, wenn nur aus dem Bauch heraus gebaut wird.

Er blieb, was er immer bleiben wollte: Architekt in Salzburg. Doch was Gerhard Gartenauer (80) in seinem Aktionsradius baute, hatte Klasse und Gültigkeit - weit über die Grenzen des Bundeslandes und seiner Generation hinaus. Vor allem seine Planungen für das Gasteinertal waren bahnbrechend und nachgerade visionär. Vielleicht kamen sie zu früh.

STANDARD: Was ist Architektur?

Gerhard Garstenauer: Für mich ist Architektur kein Willkürakt, sondern ein Akt der Sinnverwirklichung. Die Frage nach Sinn und Wesen der Aufgabe muss im Vordergrund aller Überlegungen stehen. Das kann ich bis zum heutigen Tag verifizieren, indem ich die Qualitätsmerkmale bloßlege. Architektur darf keiner Mode, keiner Laune gehorchen. Alle diese Dinge habe ich versucht, durch konsequente methodische Vorgänge beim Entwerfen abzubauen. Das geht so weit, dass ich für fast jede Aufgabe vorab eine schriftliche Formulierung vorgenommen habe. So kam es, dass meine Einstellung zur Architektur von dieser Art ist. Sie gehorcht keinen Launen.

STANDARD: Gelten Ihre Grundsätze auch nach 45 Jahren des Architekturschaffens noch?

Garstenauer: Ich bin konsequent dieser Meinung, weil ich die Architektur für eine echte Disziplin halte, die nicht aus dem Bauch heraus entwickelt werden kann. Wie der Wortstamm schon sagt, geht das mit Blähungen einher, mit übertriebenen Interpretationen einer Gefühlsseite. Diese Aus-dem-Bauch-heraus-Definitionen führen permanent zu Auswüchsen, die wir sehr kritisch betrachten sollten. In meiner Generation befindlich habe ich eine konkrete Beziehung zur klassischen Moderne und zur historischen Architektur und bin sehr empfindlich in der Frage der modischen Interpretation von architektonischen Aufgaben, für die es zahlreiche Beispiele gibt.

STANDARD: Welche Qualitätsfaktoren machen Sie dingfest?

Garstenauer: Es geht um Merkmale, an denen man ablesen kann, ob es sich wirklich um Architektur handelt: Ein verlässliches Hilfsmittel ist die Konstruktion. Sie ist das konstituierende Element der Gestaltung schlechthin. Wir sind keine Bildhauer, wir sind keine Maler, wir konstruieren. Ob es die ägyptischen Pyramiden sind, die griechischen Tempel oder eine gotische Kathedrale - es sind Konstruktionen, die Dauerhaftigkeit haben. Was man etwa heute an griechischen Tempeln sieht, ist das, was bleibt: Idee, Konstruktion, Material. Dass das früher ganz anders ausgesehen hat, wissen wir natürlich. All das ist verschwunden, und trotzdem stehen diese herrlichen Dinge da. Konstruktion ist allerdings auch ein belastetes Schlagwort, weil man darunter landläufig die sterile Erfüllung statischer Prinzipien versteht. Doch darum geht es nicht.

STANDARD: Hat sich der Sinn in der Architektur nicht deutlich verschoben?

Garstenauer: Für mich nicht. Architektur bleibt immer die gleiche Grundproblematik. Wenn man ein Haus baut, muss man einen Sinn damit verbinden, es handelt sich ja nicht um eine Spielerei. Das Kontinuum, das durch alle Zeiten gleich bleibt, sind die Werte der Sinnverwirklichung und die Konstruktion, die Proportion, die Idee. Das sind die Grundmerkmale des architektonischen Agierens. Ich habe stets Ausschau gehalten nach Qualitätsmerkmalen in Hinblick auf die Form. Was natürlich das Höchste ist, aber den meisten ein Rätsel bleibt.

STANDARD: Sie haben sehr früh, gerade was die Konstruktion anlangt, radikale Ideen verwirklicht - durchaus Ideen, die heute von der ganz jungen Generation vermeintlich erfunden werden. Sehen Sie sich als Avantgardist?

Garstenauer: Ich beobachte seit zwei Jahrzehnten, wie in der jungen Architektengeneration die Fähigkeit abnimmt, die Tätigkeit an diesen Qualitätsmerkmalen zu orientieren. Es hat nichts eine ordentliche Konstruktion! Da wird man verführt von den Dekonstruktivisten, die mit der Konstruktion nur das Dekonstruieren gemein haben. Ich habe mir viele internationale Beispiele angeschaut. Ich halte das meiste davon für Willkürakte. Die Architekten können die einfachsten Sachen nicht konstruieren, weil sie nicht mit Sinn und Wesen der Aufgabe vertraut sind, sondern sie spekulieren, wie sie sich in der Gesellschaft mit außergewöhnlichen Merkmalen positionieren können - als besonders modern, als besonders der Form verbunden, und das ergibt in meinen Augen sonderbare Ergebnisse.

STANDARD: Der rote Faden in der Architektur scheint derzeit die Eitelkeit zu sein?

Garstenauer: Es gibt keine ernst zu nehmende Fortsetzung architektonischen Agierens im historischen Zusammenhang. Die vorhin angesprochene Konstruktion muss natürlich in das übrige architektonische Gestaltungsfeld eingebunden sein, das von Aufgabe, Material, Proportion, Funktion geprägt ist. Das sind ewige Werte, die man an jeder noch so banalen Aufgabe nachweisen kann.

STANDARD: Sie selbst haben Architektur gelehrt und als einer der Ersten immer wieder darauf gepocht, dass Architektur aktiv vermittelt werden muss.

Garstenauer: Das ist alles unbeachtet geblieben. Die Planungsmethodik, das kennt man nicht in architektonischen Kreisen.

STANDARD: Sie hatten ein etabliertes Architekturbüro in Salzburg. Eine fruchtbare Kooperation mit Ihren Mitarbeitern war Ihnen wichtig?

Garstenauer: Ab einem gewissen Alter ja: weil ich Synthetiker bin und so die Dominanz des Chefs wegfällt. Die Architektur ist eine typische Synthesedisziplin, in der die Elemente des einen mit jenen des anderen zu einem Höheren gebracht werden sollen. Ganz allein kann man als Architekt nicht leben, das ist zum Verhungern. Ich habe es versucht, aber das war unmöglich. Erst musste ich ja den Leuten alles ausreden, was sie an Vorstellungen eines Hauses hatten. Stellen Sie sich vor! Ich war hier einer der Ersten, die Flachdächer gebaut haben. Was ich da mitgemacht habe, kann ich gar nicht sagen.

STANDARD: Wie haben Sie sich durchgesetzt?

Garstenauer: In einem Fall habe ich es letztlich aufgegeben, obwohl ich einige durchgesetzt hatte. Ein Haus zum Beispiel wurde von Wüstenrot nicht finanziert, weil es eben ein Flachdach hatte. Da musste ein Satteldach drauf.

STANDARD: Hat sich an dieser konservativen Haltung in Salzburg mittlerweile etwas geändert?

Garstenauer: Nein. Im Gegenteil. Die Öffentlichkeit ist so verunsichert, dass sie jeden Blödsinn gutheißt und sich keiner Nein zu sagen traut, weil man fürchtet, als hinterwäldlerisch und konservativ abgestempelt zu werden. Die klare Sicht ist für uns Architekten schon nicht einfach, deshalb verüble ich es den Leuten auch nicht, wenn sie Qualität nicht erkennen. Ich finde auch, dass die Sicht auf die zeitgenössische Architektur medial völlig danebengeht. Es werden die falschen Projekte gezeigt und die falschen Merkmale herausgestellt. Es ist ja auch schwierig. Man fängt eben nicht an mit: Das gefällt mir, das gefällt mir nicht. Diese Argumentation verachte ich.

STANDARD: Welche Kräfte haben Ihre Qualitätskriterien geformt?

Garstenauer: Eine gewisse Leitfunktion hatte Konrad Wachsmann. Er hat uns den Wert einer Konstruktion beigebracht. Er hat sich damit allerdings vor allem auch ästhetisierend auseinander gesetzt, und sein Ästhetizismus war mir anrüchig. Wir haben Fachwerke gezeichnet und diskutiert, am Ende kam fast ein Bauwerk heraus. Eines der Projekte habe ich kritisiert, weil dort Nullstäbe drinnen waren, die keinerlei konstruktive Bedeutung hatten.

STANDARD: Sie haben sich bereits mit zeitgenössischer alpiner Architektur auseinander gesetzt, als noch der Stadl Standard war. Derzeit geht das Bauen für den Bergtourismus eher in Richtung Design, Stichwort Zaha Hadid. Können Sie damit etwas anfangen?
Garstenauer: Hadid macht das sehr geschickt, sie positioniert sich außergewöhnlich. Aber mich interessiert etwas, das weiterführend ist und nicht nur heute gilt. Dekoratives Übergewicht ist mir suspekt.

STANDARD: Wie begründen Sie diese, sagen wir, Exaltiertheit in der Architektur?

Garstenauer: Sie ist nichts anderes als die Sucht nach dem Neuen, die es immer gab, und darum werden die absurdesten Register gezogen. Ich sehe diese Masse der Architekten vor mir. Sie starren alle auf das Außergewöhnliche, auf die Stars. Jeder möchte so einer werden. Ich bin auch nicht ganz frei davon, aber ich habe mich immer selbst - und die Form - diszipliniert.

STANDARD: Ihre Architektur ist jedenfalls für österreichische Verhältnisse außergewöhnlich . . .

Garstenauer: Sie ist es gewesen. Meine Tätigkeit ist Geschichte. Sie reicht 45 Jahre zurück.

STANDARD: Geschichte ist auch Ihre Gasteiner Architektur, die weltbekannt wurde. Wie konnten Sie sie durchsetzen?
Garstenauer: Das war von Glück und Zufällen geprägt und stand in direktem Zusammenhang mit dem damaligen Gasteiner Bürgermeister. Aber noch 14 Tage vor der Eröffnung des Felsenbades kam der Gemeinderat auf die Baustelle. Man sagte: Herr Architekt, die Betonkist'n da können Sie sich am Hut stecken. Ich habe gemeint: Reden wir nach der Eröffnung weiter.

STANDARD: Clemens Holzmeister hat dann eine euphorische Eröffnungsrede gehalten, das Felsenbad machte Sie schlagartig international bekannt.

Garstenauer: Er war erregt, weil keiner zuvor so einen Felsraum gesehen hatte. Es wurde ein Welterfolg, nach einem Jahr hatten wir den millionsten Besucher. Ich wurde international eingeladen, Professuren wurden mir ange- boten.

STANDARD: Sie haben in der Folge Kongresshaus, Gondeln, Berg- und Talstationen in Sportgastein geplant und mit den kugelförmigen Stationen dem gesamten Tal ein Image gegeben.

Garstenauer: Jetzt ist eigentlich fast alles total ruiniert. Das Felsenbad ist umgebaut zu einer Scheußlichkeit, und die Naturschutzbehörde hat vor einigen Jahren die Gemeinde per Bescheid dazu aufgefordert, die Kugeln, die sie zuvor selbst kommissioniert hatte, entfernen und durch Blockbauten mit Satteldach ersetzen zu lassen, weil sie nicht in die Landschaft passen. Ich konnte gar nichts machen. Nur eine davon steht noch, weil jemand meinte, das wäre doch das Wahrzeichen von Gastein. Ein Unternehmer wurde für die Entsorgung bezahlt. Er hat eine der Kugeln wieder aufgestellt - als Verkaufsraum. Und ein Kunsthistoriker hat eine der alten Gondeln in einem Heustadel unter Gerümpel gefunden. Die hängt jetzt als Relikt in der Halle der neuen Stubnerkogelbahn. Damit die Leute wissen, wie das früher ausgeschaut hat.

STANDARD: Sie waren Ihrer Zeit voraus.

Garstenauer: Sicher.

STANDARD: Wie gehen Sie mit einer derartigen Missachtung um?

Garstenauer: Ich führe sie auf Ungebildetheit zurück. Information ist alles. Architektur muss man lernen wie Zeichnen, Schreiben, Rechnen. Schon in der Schule muss das beginnen. In der Presse muss es sich fortsetzen. Aber all das findet nicht statt.

STANDARD: In einer Ihrer Schriften erwähnen Sie Richard Neutra, den Sie kannten. Sie zitieren aus einem Brief, in dem er seine Überlegungen zu einer Rückkehr nach Österreich darlegt. Er schreibt, er werde hier nicht geschätzt, doch er könne nur weitermachen, wenn er geschätzt werde. Haben Sie selbst genug Anerkennung erfahren?

Garstenauer: Ich bin zufrieden. Je älter ich werde, umso weniger Leute schätzen meine Arbeit, aber dafür ist die Akzeptanz derjenigen, auf die es mir ankommt, umso intensiver.

7. Januar 2006 Der Standard

Die Welt ist, was der Fall ist

Der Wahn des multimedialen Jubiläumfeierns erreicht 2006 einen Höhepunkt. Das Jahreszahlenklauben hat die Architektur bisher kaum erfasst, was an dieser Stelle nachgeholt wird.

Herrlich ist die Welt, wenn Ordnung herrscht und Übersicht gewahrt werden kann, wenn sich Ereignisse und Phänomene in Zahlen, Daten, Fakten gießen lassen und unverrückbare Wahrheiten feststehen.

Die Welt ist alles, was der Fall ist, behauptete Ludwig Wittgenstein im Tractatus Logico-Philosophicus, und obwohl der in Österreich gebürtige Philosoph sein Werk erst im Jahr 1918 der Vollendung zuführte, könnte der Satz genauso gut aus dem Jahr 1916 stammen, weil er schließlich der erste des Opus und somit dessen Beginn war. Damit wäre das berühmte Zitat heuer genau 90 Jahre alt - eigentlich ein Grund für groß angelegte Feiern.

Doch halten wir uns nicht mit unwissenschaftlichen Spekulationen auf, sondern konzentrieren wir uns auf jene Jubiläen, die verbuchtermaßen tatsächlich der Fall sind. Niemandem kann in den vergangenen Monaten beispielsweise entgangen sein, dass eines davon seit 250 Jahren feststeht. Wolfgang Amadeus Mozarts Geburt hat für die heimische Kulturindustrie den unschätzbaren Vorteil, dass sie in Salzburg und somit in Österreich stattfand, noch dazu am 27. Jänner, womit sich vorzüglich ein Mozartjahr konstruieren und am Rande auch vermarkten lässt.

Im Schatten der zu erwartenden Klangwolken erlauben wir uns dennoch darauf hinzuweisen, dass auch die Baukunst gelegentlich Jubiläen feiern könnte, wenn man wollte. Nicht zuletzt sind Architektur und Musik verwandte Künste. Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling beispielsweise (der, nebenbei bemerkt, im Vorjahr 230 Jahre alt geworden wäre, was keinen sonderlichen Widerhall in der Weltöffentlichkeit zur Folge hatte) behauptete, Architektur sei „erstarrte Musik“, für Kollegen Arthur Schopenhauer war die Baukunst ebenfalls nichts anderes als „gefrorene Musik“.

Beginnen wir also die wert- und wertungsfreie ALBUM-Architektur-Jubiläumsparade mit einem musikalisch-architektonischen Event, der sich heuer immerhin zum 570. Male jährt: 1436 wurde der von Brunelleschi vollendete Dom zu Florenz zu den Klängen einer Motette Guillaume Dufays eingeweiht, deren kompositorische Strukturen nichts Geringeres als die Proportionen des zu bejubelnden Bauwerkes zur Grundlage hatten. „Nuper rosarum flores“ heißt das Stück übrigens, und wer, wes Alter auch immer, sich in die fast überirdisch schöne Proportionslehre der Renaissance in musikalischer Form vertiefen möchte, dem sei die - heuer übrigens genau ein Dutzend Jahre alte - CD „Utopia Triumphans“ des Huelgas Ensembles eindringlich ans Herz gelegt.

Ob Ludwig Mies van der Rohe Klavier oder Geige spielte, ob er überhaupt musikalische Leidenschaften an den Tag legte, kann an dieser Stelle nicht ergründet werden. Eines steht jedoch fest: Deutschlands berühmtester Baukünstler des 20. Jahrhunderts wurde heuer vor exakt 120 Jahren in Aachen geboren. Von etwaigen Feierlichkeiten zu diesem Anlass ist derzeit noch nichts bekannt, offenbar entspricht man posthum dem Leitsatz dieses epochalen Vertreters der Moderne, der da lautete: „Weniger ist mehr.“

Auch Tirol könnte, wenn es gedächte, heuer einen großen Sohn der Heimat ehren: Clemens Holzmeister erblickte daselbst und ebenfalls im Jahre 1886 das Licht der Berge. Macht wiederum einen runden 120er für einen, der tatkräftig das architektonische Geschehen mitbestimmte und dank seiner großen und erfolgreich tätigen Schülerzahl weit über seinen Tod hinaus beeinflusste. Unnötig zu erwähnen, dass er der Kreateur des Salzburger Festspielhauses war, womit sich der Kreis zu Mozart elegant schließt.

Ein weiteres Architekturjubiläum dürfte in den USA, im Speziellen in New York, heuer sehr wohl, wenn auch in kleinerem Rahmen mit oder ohne Musik begangen werden. Der im Vorjahr verstorbene Tyrann der dortigen Szene wäre heuer 100 Jahre alt geworden: Philip Johnson. Verehrt und verhasst, man wird seiner gedenken, und zwar noch lange.

Bereits 1978 starb der gebürtige Venezianer Carlo Scarpa - auch er kam 1906 zur Welt und wäre somit heuer runde 100. Seiner dankbar eingedenk könnten nicht nur die Vertreter der Architektur sein, sondern auch Designer und Leute, denen die Architektur immer noch ein raffiniertes, modifiziertes Produkt gediegenen Handwerks ist.

Themen- oder besser Gliedmaßenwechsel: Ob das Fußballspielen tatsächlich von den Chinesen vor 2300 Jahren erfunden wurde oder doch von den Azteken Mittelamerikas, darüber streiten die Experten noch. Doch auch aus diesem Themenkreis lassen sich interessante Zahlen- und Datumsspielereien herleiten, auch wenn die Geburtsstätte des „modernen“ Fußballs mit England feststeht. Während also Deutschland seinen Stolz über die prächtigen, der kommenden Fußballweltmeisterschaft harrenden Stadien nur ungern verhehlt, steht das älteste Fußballstadion Südamerikas in Uruguay. Dort wurde auch die erste WM 1930 ausgetragen und auch gleich von den Gastgebern gewonnen.

Das könnte ein Omen für Deutschland sein, das zwar sein erstes Spiel gegen Costa Rica und damit unter Umständen gegen mittelamerikanische Azteken-Nachfahren machen wird, sich derzeit in kultureller Hinsicht aber eher noch für das sich bald rundende Todesjubiläum Heinrich Heines rüstet, weil man den Ticos fußballerisch sowieso nichts zutraut. Denn Friedrich Schiller, der zur Freude seiner Verleger 2005 seit 200 Jahren tot war, ist mittlerweile wieder Staub von gestern. Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen. Die Verlagswelt stürzt sich also jetzt eben hurtig auf Heinrich Heine, denn der wird es 2007 immerhin auf 150 Jahre Abgang bringen.

Bis dahin sind es zwar noch ein paar Wochen hektischer Vorbereitungen und Gesamtausgabedruckens, doch ein dergleichen forsches Vorpreschen in Jubiläumsangelegenheiten beflügelt auch unseren Weg in das bevorstehende Architekturjubiläumsjahr 2007.

Es wird ein wunderbares Jahr: Edouard Jeanneret, alias Le Corbusier, heuer erst 119, wäre dann 120 Jahre alt geworden. Sein brasilianischer Kollege Oscar Niemeyer wird - und alle hoffen bei guter Gesundheit und der ihm innewohnenden Carioca-Fröhlichkeit - an der Copacabana den 100. Geburtstag feiern. Ziemlich sicher ohne Mozart, dafür mit Samba und Fußballschauen, weil das seine, für einen Brasilianer quasi standesgemäße und offen deklarierte Leidenschaft ist. Fast genau 1100 Kilometer weiter wird man in Brasília den nunmehr exakt ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Baubeginn der Hauptstadt begehen.

Bis dahin kann Günther Domenig 20 Jahre Werkestätigkeit an seinem Steinhaus feiern, Adolf Krischanitz seinen 60er begehen, der Karl-Marx-Hof den 80-jährigen Planungsbeginn verzeichnen, Tadao Ando 65 Jahre alt werden, die Architekturbiennale Venedigs das Dutzend voll machen, und es kann darüber hinaus des 50-jährigen Todesjubiläums Josef Hoffmanns gedacht werden. Zu guter Letzt bleibt auch der Architekten liebster, weil der strengen Linie in Schwarz verpflichteter Mode-Macher Helmut Lang von Jubiläen nicht verschont: Er wird heuer 50.
Wir gratulieren allen herzlich.

17. Dezember 2005 Der Standard

Anleitung zum Glücklichsein

Das hässliche Stichwort lautet: Baukostenüberschreitung. Nur die Verhinderung derselben führt zum Ziel, und das heißt gute Architektur, glückliche Bauherren, zufriedene Architekten.

Da wir an dieser Stelle ohnehin stets das Hohelied der Architektur zu singen pflegen, dürfen wir ausnahmsweise auch einmal auf die schrilleren Zwischentöne zu sprechen kommen, die - gar nicht selten - den Produktionsprozess des Architekturmachens begleiten.

Selbstverständlich geht es um Geld - und da der Spruch, dass jeder Handgriff auf der Baustelle einen Tausender kostet, völlig richtig ist, geht es normalerweise um schmerzlich viel Geld.

Die Anleitung zum Unglücklichsein hat den Titel Baukostenüberschreitung: Die grässliche Vision der Kostenexplosion ist der Hauptgrund, warum beispielsweise private Häuslbauer nur ungern Architekten engagieren. Sehr schade, weil gute Architektur nicht teurer sein muss als schlecht Gebautes, doch, bei aller Liebe zur Baukunst: Verdenken kann man es ihnen nicht. Unzählige Häuslbauer- und Investorenleichen pflastern den Weg der Architektur.

Eine der legendärsten Entgleisungen, um großformatig in das Thema einzusteigen, lieferte etwa der geschmeidige und hochangesehene britische Architekturindustrielle Norman Foster: Für die zum Glück mit fetten Rücklagen gesegnete Hongkong Shanghai Bank plante er dereinst ein spektakuläres Hochhaus, das in weiterer Folge Architekturgeschichte schrieb, dessen Errichtung sich allerdings in den Büchern des zuvor reichen Bankunternehmens so empfindlich niederschlug, dass es erst fast Bankrott machte und dann Jahre brauchte, um sich davon wieder zu erholen. Das Haus war mit 500 Millionen US-Dollar veranschlagt gewesen, tatsächlich wurden 1,3 Milliarden verbraten.

Auch das neue Kanzleramt in Berlin, dem Volksmund nach seinem Bauherren als Kohlosseum bekannt, kostete statt der prognostizierten 399 Millionen Mark um 115 Millionen mehr. Und die steirische Therme Loipersdorf I, um ein heimisches Beispiel zu zitieren, ging mit Baukosten von satten 500 Millionen Schilling anstelle der angepeilten 80 ebenfalls als Horrorszenario in die Geschichte ein. Diese Liste von Blut, Schweiß und Tränen ließe sich beliebig fortsetzen, wovon wir aber absehen.

So recht Verlass scheint also auf die planende Zunft kostentechnisch nicht zu sein. Darauf deuten auch die sich seit geraumer Zeit häufenden Anrufe völlig devastierter Bauherren in der STANDARD-Architekturredaktion hin, die zwar über neue, in Hochglanzarchitekturmagazinen abgebildete Prachthäuser verfügen, diese aber ehebaldigst loswerden wollen, um ihre Bankberater vom Gang zum Gerichtsvollzieher abzubringen.

Das alles ist äußerst ärgerlich für alle Beteiligten: Für die Bauherren sowieso, aber auch für jene Architektinnen und Architekten, die im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit ihrer Kolleginnen und Kollegen der Kalkulation und seriösen Baukostenermittlung mächtig sind. Wir wissen, dass wir uns mit dieser Behauptung wütenden Anfeindungen seitens der Planerzunft aussetzen werden, doch die Beweislage ist bedauerlicherweise eindeutig.

Ebenso klar ist aber auch folgendes: Die Bauherren selbst spielen ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle in diesem Spiel. Denn was passiert, wenn sich jemand mit einem professionellen Planer ein Haus baut: Es werden Träume zur Verwirklichung gebracht. Winfried Kallinger von der Kallco drückt das so aus: „Das Bauen ist extrem emotional besetzt, hier beginnen Verdrängungsmechanismen zu wirken, der Bauherr wird zum Opfer seiner selbst, weil er diese Träume realisieren will - und zwar wann, wenn nicht jetzt.“

Meistens haben die Auftraggeber absolut keine Ahnung von den Bauprozessen, die sich zwischen Traum und Wirklichkeit, also der Vision und dem Endprodukt Haus, abspielen, und wenn die Baustelle einmal im Betrieb ist, nützt das Erwachen nichts mehr, dann galoppieren die Kosten dahin.

Doch werden ein paar grundsätzliche Gebote befolgt, müssen Baukostenüberschreitungen keineswegs sein. Hier also der Versuch einer Anleitung zum Glücklichsein für Häuslbauer und Architekten, denn: Erquickung hast du nicht gewonnen, wenn sie dir nicht aus eig'ner Seele quillt:

Erstes Gebot: Wer ein Haus bauen will, sollte zuerst den exakten Kostenrahmen abstecken, der tatsächlich zur Verfügung steht. Das ist die absolute, leistbare, die Lebensqualität nicht schmälernde Höchstsumme, die sich aus Bank, Omi & Co und Eigenkonto ergibt.

Zweites Gebot: Erst wenn diese Summe feststeht, und keine Sekunde früher, sollte der nähere Kontakt zu den Architekten der Wahl erfolgen. Der optimale erste Satz lautet: Diese Summe steht zur Verfügung, kein Cent mehr.

Drittes Gebot: Ohne exakte Angaben darüber, was das Haus leisten soll, wie in dem Haus gelebt wird, welche Qualitäten Priorität haben, können die besten Architekten keine guten Entwürfe liefern. Also: Klare Zielvorgaben sind die erste Pflicht der Auftraggeber.

Viertes Gebot: Spätestens bei der Ablieferung eines Vorentwurfs sind Ziviltechniker laut Honorarordnung dazu verpflichtet, eine Kostenschätzung samt Kostengliederung abzuliefern. Die Architekten sind sodann einem hochnotpeinlichen Verhör zu unterziehen, ob diese Kosten auch eingehalten werden können.

Fünftes Gebot: Sollten sich in dieser Phase bereits Überschreitungen des Budgets abzeichnen, muss eine sofortige Weichenstellung in die Gegenrichtung erfolgen. Wann, wenn nicht jetzt, ist die Möglichkeit dazu da. Später geht absolut nichts mehr, an Türklinken und Waschbecken zu sparen bedeutet den berühmten Tropfen auf den heißen Stein.

Sechstes Gebot: Steht der Entwurf, so empfiehlt es sich dringend, einen externen, unabhängigen Ziviltechniker mit der Überprüfung der Kostenschätzung zu beauftragen. Das wird je nach Projektgröße 20 bis 25 Ingenieurstunden erfordern und entsprechend 2500 bis 3000 Euro kosten. Doch dieses Geld ist bestens investiert.

Siebentes Gebot: Niemals sollte man auf eine Reserve von rund zehn Prozent im Baubudget vergessen. Man wird sie mit ziemlicher Sicherheit in Anspruch nehmen.

Achtes Gebot: Das Kostenverfolgungsmanagement laut ÖNORM 1801 ist einzufordern. Nur wer zu knapp hintereinander liegenden Stichtagen weiß, wie viel Geld verbraucht ist, und ob man damit im Plan liegt, wird ruhig schlafen.

Neuntes Gebot: Seriöse Architekten, so sie mit dem Gesamtpaket beauftragt sind, werden, wenn man das von ihnen quasi als Nagelprobe verlangt, eine Kostengarantie abgeben, die sich innerhalb eines Rahmens von fünf bis zehn Prozent bewegt. Überschreitungen haben Honorarkürzungen zur Folge.

Zehntes Gebot: Auch wenn Bauherren zwischendurch dazu neigen, mit ihren Architekten freundschaftliche Verhältnisse einzugehen, sollten Aktennotizen über Baubesprechungen etc. den Bauprozess begleiten. Denn: Wenn es um das Geld geht, ist jedem das Hemd näher als der Rock.

Wer diese einfachen und effizienten Maßnahmen als unsympathisch und kleinkrämerisch empfindet, sollte entweder kein Haus bauen oder sicherheitshalber um Gehaltserhöhung ansuchen. Wer sie befolgt, wer ausreichend mit seinem Architektenpartner kommuniziert, seine Träume im Griff behält, etwaige Reduktionen derselben verkraftet und ein, zwei Jahre seines Lebens mit emotionalen Höhen und Tiefen ungeahnter Intensität verbringen will, wird ein hervorragendes, maßgeschneidertes, glücklichmachendes Haus bekommen. Und niemand, der das haben will, sollte davor zurückschrecken.

3. Dezember 2005 Der Standard

Ich bin mächtig und ungeliebt

Wilhelm Holzbauer im Gespräch mit Ute Woltron über den sonderbaren Beruf des Architekten, über die turbokapitalistische Globalisierung der Architektur und über das Perverse am Prinzip Wettbewerb.

Er wusste bereits als Volksschüler, dass er Architekt werden wollte - und was der Salzburger wirklich will, das setzt er durch. Holzbauer gilt heute als einer der bekanntesten Architekten Österreichs. Heuer wurde er 75 Jahre alt - Zeit also, um Lebenswerk und Autobiografie in ein Buch zu binden.

Standard: Sie haben in 50 Jahren rund 500 Projekte entworfen. Können Sie heute sagen, was Architektur ist - Kunst, Dienstleistung oder doch hauptsächlich Geldverdienen?
Wilhelm Holzbauer: Am allerwenigsten ist Architektur Geldverdienen. Das weiß jeder, der damit zu tun hat. Die Struktur der Tätigkeit ist nicht dazu angetan, Geld zu verdienen. Und nachdem ich meinen Pragmatismus in der Haltung zur Architektur immer wieder betont habe, bin ich nach wie vor der Meinung, dass sie in erster Linie Dienstleistung ist. Wenn die Architektur in die höheren Sphären der Kunst reichen will, werde ich skeptisch. Natürlich ist die Architektur eine eigenartige Branche: Der Architekt soll Geschäftsmann und PR-Profi sein, Rechnen soll er können und Zeichnen auch, er muss dazu in der Lage sein, Computer zu bedienen, und braucht einen analytischen Geist, um große Raumprogramme in Formen zu bringen. Der Architekt ist sozusagen ein Compositeur.

STANDARD: Architekten müssen alles können?
Holzbauer: Hans Hollein sagt, alles ist Architektur. Und die Coops sagen, Architektur muss brennen.

STANDARD: Was sagen Sie?
Holzbauer: Das steht ohnehin im Buch. Ich zitiere Auguste Renoir, der meinte, er hätte sich immer dagegen gewehrt, ein Revolutionär zu sein.

STANDARD: Sie sind kein architektonischer Revolutionär, dafür aber einer der bekanntesten Architekten Österreichs. Führen Sie das auf die Qualität Ihrer Architektur oder auf Ihr Talent für Eigenmarketing zurück?
Holzbauer: Ich betrachte das so nicht. Ich wollte von Beginn an hauptsächlich bauen. Johannes Spalt, Friedrich Kurrent und ich haben gemeinsam nach dem Studium viele Ausstellungen organisiert. Aber ich habe immer gemeint, wir müssten auch für uns etwas machen und nicht immer nur archivarisch arbeiten. Das war einer der Gründe für meine Trennung von der „Arbeitsgruppe 4“. Ich habe daraufhin sehr viele Wettbewerbe gezeichnet. Die ersten Direktaufträge kamen erst spät.

STANDARD: Sie sind also als junger Architekt über Wettbewerbe ins Geschäft gekommen?
Holzbauer: Ausschließlich, mit einer Ausnahme, dem Bildungshaus Sankt Virgil.

STANDARD: Rudolf Burger tituliert Sie in seinem Vorwort als Architekten der Beständigkeit, der im Gegensatz zur heutigen Spektakelarchitektur stehe. Hat Beständigkeit noch Wert? Dreht sich die Großwetterlage in der Architektur wieder?
Holzbauer: Die wird sich immer wieder drehen, auch wenn man einmal draufkommt, dass eine Straße aus Häusern von Daniel Libeskind, Zaha Hadid, Frank Gehry ein reiner Horror wäre. Mir scheint, als ob die Moderne, die aus einer Übersättigung des Historismus gewachsen ist, jetzt in eine Rokoko-Phase einträte. Jeder Stil zeigt am Ende eine exorbitante Explosion von Räumen, Formen. Doch damit habe ich nichts zu tun. Ich bleibe bei dem, was ich glaube zu können. In 50 Jahren wird wieder alles anders sein.

STANDARD: Wie denn?
Holzbauer: Da wird alles vielleicht wieder sehr einfach werden. Selbstverständlich! Man wird nicht immer mit diesen Dingern leben wollen. Es wird eine unglaubliche Übersättigung geben, genau so wie mit dem Postmodernismus. Mit dem ging's schnell zu Ende, weil der noch weniger Basis hatte. Es wird sich alles totlaufen, und da bleibe ich lieber beständig.

STANDARD: In einer Zeit, in der sich große Städte große Architekten als Aufputz leisten, sind Sie eher lokal aktiv geblieben und nie an diese Weltspitze vorgedrungen. Warum?
Holzbauer: Ich würde keineswegs sagen, dass ich das aktiv vermieden hätte. Ich hätte nichts dagegen, wenn jeden Tag Anrufe mit Aufträgen aus aller Welt kämen. Aber ich würde es ehrlich gesagt nicht mehr machen wollen. In diesem Rad möchte ich nicht mitlaufen. Ich halte das generell für keine gute Entwicklung. Leute wie Rem Koolhaas oder Zaha Hadid sind Marken geworden wie Zara oder H&M.

STANDARD: Wo liegt der Auftrag der heutigen Architekten? Architekturmarkenartikel werden, oder sich doch sozial im Dienste der Benutzer zu engagieren?
Holzbauer: Das soziale Engagement war ein wesentliches Element des Beginns der Moderne, und das geht konstant verloren. In den 20er-Jahren gab es Ausstellungen wie etwa jene über das Haus für das Existenzminimum - da waren alle großen Leute dabei. Davon ist nichts übrig geblieben. Aber das ist die logische Folge von schrankenlosem Kapitalismus und Globalismus. Die Architektur koppelt sich davon überhaupt nicht ab und macht in dieser Globalisierungsmethodik genauso mit.

STANDARD: Sie sind ein mächtiger Architekt . . .
Holzbauer: Bin ich nicht!

STANDARD: Doch!
Holzbauer: Das hat der Alfred Worm einmal gesagt. Aber gerade eben - ein Gegenbeispiel - bin ich wieder aus dem Bauherrenpreis rausgeflogen. Ich bin vielleicht mächtig, aber ich bin auch in höchstem Maße ungeliebt.

STANDARD: Warum?
Holzbauer: Vielleicht weil man denkt: Jetzt ist er eh schon so alt, jetzt soll er eine Ruhe geben. Das ist eine österreichische Tendenz - und, ehrlich gesagt, wir haben das auch nicht anders gemacht, als wir jung waren. Das war genau dasselbe. Ich erinnere mich, wie wir gesagt haben: Der Haertl und all die Alten, die haben schon so viel gebaut, jetzt kommen wir dran. Aber ich bin all dem mit meinen drei Juniorpartnern sowieso entkommen. Mit ihnen beginnt eine neue Phase.

STANDARD: Heißt das, Sie ziehen sich aus dem Geschäft zurück?
Holzbauer: Nein, gar nicht, ich arbeite auf einer anderen Basis natürlich weiter, aber ich muss nicht mehr persönlich zu allen Besprechungen gehen.

STANDARD: Sie sind ein einflussreicher Mann, man hört in den höchsten Kreisen der Macht auf Sie. Haben Sie immer nur in eigener Sache agiert oder Ihren Einfluss auch in den Dienst der Architektur gestellt?
Holzbauer: Natürlich. Auch das ist in den Medien weitestgehend untergegangen. Aber ich war wesentlich an der Gründung des Salzburger Gestaltungsbeirates beteiligt und war neun Jahre im Fachbeirat. Ich habe damals schon versucht, in die Breite zu wirken.

STANDARD: Sie sind Schüler von Clemens Holzmeister, haben lange selbst unterrichtet und eine ganze Reihe namhafter Architekten hervorgebracht. Kann man Architektur überhaupt lehren?
Holzbauer: Ich glaube schon. Ich wollte aus den Studenten g'standene Architekten machen, die wissen, wie das Handwerk funktioniert. Ich habe sie ab und zu auch utopische Projekte entwerfen lassen, aber im Wesentlichen habe ich sehr realistische Aufgaben gestellt. Ich habe, wie schon Holzmeister, nie jemandem meinen Stempel aufgedrückt, sondern versucht, herauszukristallisieren, was die Leute eigentlich wollen, und sie dann in dieser Richtung unterstützt.

STANDARD: Der Wettbewerbskampf unter den Architekten ist enorm, der Honorardruck fiaskös - wie geht es der Branche?
Holzbauer: Die Honorare sind tatsächlich eine Katastrophe. Dieses Nichtbezahlenwollen von Leistung ist eine unglaubliche Dummheit, und es wird immer ärger. In Kenntnis der Situation heute weiß ich nicht, ob ich noch einmal Architekt werden wollte. Es war auch für uns nicht leicht in der Nachkriegszeit, aber heute ist es noch viel schwieriger geworden. Die generelle Architektursituation ist nicht erfreulich.

STANDARD: Sie, als einflussreicher Architekt . . .
Holzbauer: Ich bin nicht einflussreich, Sie reiten dauernd darauf herum.

STANDARD: Gut - wären Sie ein einflussreicher Architekt: An welchen Hebeln müsste man drehen, um das den Auftraggebern klar zu machen?
Holzbauer: Ein Beispiel: Festspielhaus Salzburg. Wir dürfen dort die Baukosten von 23 Millionen um keinen Euro überschreiten. Ich kann noch so appellieren und versuchen begreiflich zu machen, dass wir überall an Materialien sparen und das Billigste verwenden müssen. Aber das rührt die nicht. Fünf Millionen mehr, und wir könnten das Haus mit Anstand fertig machen. Dem gegenüber steht allerdings ein Festspielbudget 2006 von 51 Millionen Euro. Das ist pervers. So viel dazu, ich wäre einflussreich.

STANDARD: Stichwort Festspielhaus: Warum wollten Sie dieses Projekt mit allen Mitteln an sich reißen?
Holzbauer: Weil es mehrmals kurz vor einer Beauftragung gestanden ist und mir eine Herzensangelegenheit war und weil die Bedingungen des Wettbewerbs äußerst problematisch waren. Das ausschlaggebende Stichwort war dann dieses verächtliche „Mozart in den Keller“. Das kam von Valentiny, clever wie er ist - und Schüler von mir.

STANDARD: Da sind Sie böse geworden.
Holzbauer: Sagen wir einmal so. Da bin ich stur geworden. Ich bin ein emotioneller Mensch, und ich habe beschlossen herauszufinden, ob ich mich durchsetzen kann.

STANDARD: Sie konnten. Wollen Sie immer noch behaupten, Sie wären kein mächtiger Mann?
Holzbauer: Natürlich. Gewonnen hat ja mein Anwalt. Der war gut. Er hat mich auch viel Geld gekostet.

STANDARD: Verstehen Sie sich mit François Valentiny wieder, mit dem Sie das Projekt nun gemeinsam abwickeln?
Holzbauer: Na sicher. Wir lieben uns.

STANDARD: Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Sie und Gustav Peichl würden sich gegenseitig bei Wettbewerben bevorzugen?
Holzbauer: Mit Hand aufs Herz: Da ist nichts dran. Wir konnten uns in der Holzmeister-Schule gar nicht ausstehen. Später gab es keinen Kontakt, der kam erst nach und nach wieder. Ich weiß schon, dass man das im Falle der Nationalbank behauptet hat, aber angesichts der anderen Projekte: Meines war wirklich das beste.

STANDARD: Glauben Sie an das Prinzip Wettbewerb, wie es momentan gehandhabt wird?
Holzbauer: Nein, und das liegt an der EU. Unglaubliche Dinge passieren: Wie ist es möglich, dass etwa Norman Foster mit dem Bau des Wembley Stadions oder Santiago Calatrava mit einem Opernhaus in Valencia direkt beauftragt werden? Alles wird mit EU-Geldern und ohne Wettbewerb gebaut. Die scheren sich einen Dreck darum. Wir, wir scheißen uns an. Für alles muss ein Wettbewerb her. Auch die Verhandlungsverfahren sind eine Willkür sondergleichen - eine perverse Geschichte.

STANDARD: Zurück zu Ihren eigenen Projekten: Welche waren Ihre wichtigsten?
Holzbauer: Das hängt immer mit der Beziehung zum Bauherrn zusammen, ich hatte das Glück, ein paar zu haben, die fantastisch waren. Im Falle des Landhauses Bregenz etwa oder der Universität Salzburg.

STANDARD: In letzterem Fall hatten Sie allerdings auch nur den zweiten Wettbewerbsplatz gewonnen.
Holzbauer: Ich gebe es zu.

STANDARD: Wie kommt es, dass doch Sie gebaut haben?
Holzbauer: Weil ich das wollte. Stimmt. Da war ich vielleicht doch mächtig.

verknüpfte Publikationen
- Wilhelm Holzbauer

19. November 2005 Der Standard

Die Architektur stellt nur das Bühnenbild

Der Soziologe und TU-Wien-Professor Jens S. Dangschat im Gespräch mit Ute Woltron über städtebauliche Monokulturen, architektonische Arroganz und die soziale Verantwortung von Architektur.

der Standard: Gibt es eine Verantwortung der Architektur und des Städtebaus für unterschiedliche soziale Entwicklungen?
Jens Dangschat: Nein, aber es ist wichtig, über diesen Themenkreis nachzudenken, denn es gibt zumindest indirekte Zusammenhänge. Beginnen wir mit der Anspruchshaltung von Städtebau und Architektur, wenn die Sonne scheint: Dann hat man oft den Eindruck, man könne durch die Art der städtebaulichen Gestaltung und der Architektur nicht nur etwas Gutes für die Menschen tun, sondern die Gesellschaft damit auch prägen.

Das begann bereits mit der Gartenstadtidee, mit der man für die industrielle Gesellschaft bessere Rahmenbedingungen schaffen wollte. Das gilt aber auch für den sozialistischen Wohnbau, für den experimentellen Wohnbau, und das gilt ebenso für Stadtverwaltungen, die versuchen, über Sanierungen Gesellschaftsreparatur zu betreiben. Es ist also immer wieder die Intention da, mit dem Bauen die Gesellschaft positiv zu beeinflussen. Umgekehrt aber, wenn solche Dinge wie in Frankreich passieren, sagen Architekten und Stadtplaner: Wir sind's nicht gewesen.

DER STANDARD: Wer oder was ist es dann?
Dangschat: Hier sind wir bei gesellschaftlichen Entwicklungen angelangt. Denn gesellschaftliche Strukturen bilden sich in den unterschiedlichen Stadträumen ab. Die Frage lautet also: Warum gibt es bestimmte soziale Konstellationen in bestimmten städtebaulichen und funktionalen Settings und in anderen nicht. Wenn man sich dabei nur auf die architektonische Formensprache, die vermeintliche Qualität der Gebäude und auf ihr Umfeld bezieht, dann greift man zu kurz. Die Rolle der Architektur ist nur die eines Bühnenbildes. Was auf der Bühne gespielt wird, hat sie nicht in der Hand. Aber natürlich legt ein bestimmtes Bühnenbild eher etwas nahe als ein anderes. Man muss sich also die sozial-räumlichen Prozesse anschauen: Welche Leute wohnen hier, und warum? Was passiert über den Wohnungsmarkt und die kommunale Belegungspolitik? Was passiert in diesen Quartieren, die man soziale Brennpunkte nennt?

DER STANDARD: Klassentrennung?
Dangschat: Natürlich. Wir gehen immer davon aus, dass Chancengleichheit besteht, doch sie besteht immer weniger. Das hat mit der Architektur überhaupt nichts zu tun, das Problem ist, dass die brüchigen Biografien sich an bestimmten Orten konzentrieren oder konzentriert werden. Das sind die städtebaulich schlechtesten Orte, die vom Wohnungsmarkt am wenigsten gewünschten, das sind die aufgegebenen Stadtteile. Es handelt sich bei solchen Gebieten entweder um schlecht oder nicht sanierte Altbaugebiete oder um Großsiedlungen, beide mit städtebaulichen und architektonischen Problemen versehen. Denn diese Großsiedlungen haben, seit sie gebaut wurden, eine erhebliche Umwertung erfahren.

DER STANDARD: Damals galten sie allerdings als ambitionierte Meilensteine des Städtebaus.
Dangschat: Das waren tatsächlich alles Vorzeigeprojekte in den 70er-Jahren: engagierte Architektur und bewusst inszenierte städtebauliche Anlagen, von denen man behauptete, sie seien die neue Form des Wohnens und Bauens. Die Architekten meinten: So wohnt der Mensch, dem wir Naturnähe geben und der mit dem Nahverkehr dennoch in relativ kurzer Zeit in der Stadt zur Arbeit fahren kann. Allerdings hat man nie zuvor in der Geschichte so monostrukturell gebaut wie in den vergangenen 50 Jahren. Man hat dabei völlig übersehen, dass man erstmals keine Stadtteile, sondern spezialisierte Viertel baute, und es stellt heute ein großes Problem dar, dass man mit der Trennung der Funktionen auch gesellschaftliche Zusammenhänge zerrissen hat, was sich allenfalls durch aufwändige Verkehrssysteme wieder miteinander verbinden lässt. Diese monostrukturellen Gebiete können unter Umständen innerhalb kürzester Zeit umgewertet werden. Sie verlieren schnell an Image und Attraktivität, es entstehen Leerstände, und die werden in der Regel mit noch größeren „Hinkebeinen“ der Gesellschaft aufgefüllt, die oft Probleme mit sich selbst haben und sich untereinander weitere Probleme machen.

DER STANDARD: Provokant formuliert: Gelegentlich nehmen die Architekten an, die Menschheit bedürfe noch einiger evolutionärer Schritte, um gewisse Architekturen wertschätzen zu können?
Dangschat: Ich behaupte, die Architekten nehmen Differenzierungen wichtig, die ein normaler Bürger überhaupt nicht wahrnimmt. Es ist also fraglich, ob die Bewohner nicht ganz andere Qualitätsansprüche haben als die Städtebauer. Ich stehe der Frage, was denn nun gute Architektur sei, sehr skeptisch gegenüber. Da gibt es sogar innerhalb der Architektenschaft eine erhebliche Diskrepanz im Diskurs, der dann nicht selten mit der Aussage endet: Ein guter Architekt weiß schon, was gute Architektur ist.

DER STANDARD: Ein klassisches Totschlagargument.
Dangschat: Ein Totschlagargument, sinnleer und eigentlich arrogant. Wir bräuchten wissenschaftliche Erhebungen, um besser zu wissen, von welchen Gruppen welche Art der Wahrnehmung und Differenzierung des gebauten Raumes wie bewertet wird. Dann kommt noch dazu, dass die Architekten seit einiger Zeit einen intensiven Diskurs betreiben, in dem es sich nur noch um die Namen der einzelnen Architekten dreht. Wenn ein Norman Foster etwas baut, dann ist das unantastbar und einfach gut. Das ist reines Marketing, das dann eine weitere problematische Ebene gewinnt, wenn Städte um diese Namen zu wetteifern beginnen und alle eine Hadid, einen Gehry, einen Foster und was weiß ich noch haben wollen. Diese internationale Szene schwebt über allem, und daran orientieren sich die Städte mit ihren Inszenierungen der „Neuen Stadt“. Dort konzentriert sich das Engagement der Architektur und des Städtebaus.
DER STANDARD: Letztlich sind selbst Architekturheroen wie Le Corbusier mit ihren großformatigen Stadtvisionen gründlich gescheitert.
Dangschat: Das erste solcher Häuser, die in Frankreich abgerissen wurden, war ein Corbusier-Gebäude in Lyon.

DER STANDARD: Andererseits gibt es bekennende Corbusier-Freaks, die heruntergekommene Quartiere sanieren.
Dangschat: Das sind Leute, die Corbusier grundsätzlich gut finden und total begeistert sind von seiner Architektur. Sie sagen: Aus diesen Mauern atmet der Geist des Genius. Andere Teile desselben Ensembles sind heruntergekommen und ganz anders belegt oder stehen leer. Die Leute, die dort wohnen, interessieren sich für Corbusier herzlich wenig.

DER STANDARD: Gibt es heute weniger soziales Engagement innerhalb der Architekturszene denn je?
Dangschat: Es gibt einen gewissen Anteil unter den Architekten, der wieder stärker über gesellschaftliche Verantwortung nachdenkt. Das sollte bereits in die Aufgabenstellungen des Entwerfens an den Universitäten einfließen. Es darf keine Architekturproduktion per se geben. Wir brauchen ein anderes Verständnis, natürlich muss man an erster Stelle das Kerngeschäft der Architektur beherrschen, es muss aber darüber hinaus auch andere Qualifikationen und Verantwortlichkeiten geben. Sonst besteht die Gefahr, dass autistische Werke entstehen, die losgelöst sind vom Ort, von der Stadtstruktur, von der Zeit.

DER STANDARD: Sozusagen Pfauenfedern ohne Pfau.
Dangschat: Wenn ich nicht weiß, wo die Feder am Vogel sitzt, kann ich nicht beurteilen, ob sie gut ist.

DER STANDARD: Die Architektur ist also doch zur sozialen Verantwortung zu ziehen?
Dangschat: Ja. Man muss aus Architekten keine Soziologen machen, aber sie sollten wenigstens lernen, den Ort zu verstehen und zu analysieren, in den sie intervenieren: Was ist bereits da? Was wird gebraucht? Worauf muss man Rücksicht nehmen? Wenn Meinhard von Gerkan in China, das derzeit gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen ist, auf etwa 600 Baustellen Städte errichtet wie in den 70er-Jahren, baut er seine eigene Vorstellung dessen, wie sich Gesellschaft organisieren soll. Das ist frech, extrem unreflektiert und frei jeglicher gesellschaftlicher Verantwortung. Das sind städtebauliche Strukturen der Vergangenheit.

DER STANDARD: Wie schätzen Sie die Situation in Wien ein?
Dangschat: In Wien haben wir Stadtteile, etwa auf der Platte, wo man versucht, über Hochhäuser mit einer bestimmten Modernitätssprache auf europäischem Niveau mitzuhalten. Wenn man jedoch beispielsweise nach Simmering fährt, sieht man, wie grau und trist Wien an manchen Ecken ist und wie frustriert die Leute dort sind. Für mich stellt zum Beispiel das letzte Wiener Wahlergebnis einen Indikator für die Problematik dar: Man müsste genauer betrachten, wie die Orte auch städtebaulich aussehen, wo sich die blaue Wählerschaft konzentriert. Für mich ist diese Wählerschaft stark von der Erfahrung, zumindest aber von der Befürchtung geprägt, gesellschaftlich abgehängt zu werden. Zu viele glauben, dass wir in Wien noch immer in einer integrierten Gesellschaft leben, in der der Generaldirektor neben seinem Chauffeur wohnt. Doch das stimmt absolut nicht mehr. Wir haben zwar noch gemischte Quartiere, aber mittlerweile auch Gebiete, die einfach vergessen und abgehängt sind. Es gibt schon Gemeindebauviertel, in denen enormer Frust herrscht - diese Landschaft Wiens sollte man sich genauer anschauen.

DER STANDARD: Was heißt das für die Zukunft?
Dangschat: Momentan verändert sich die Gesellschaft rasant, das hat zu tun mit dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Viele Menschen kommen da nicht mehr mit. Sie empfinden, es wird alles schlechter, unsicherer, die Familien bröckeln, die Sicherheit am Arbeitsplatz ist nicht mehr da, und die Nachbarn werden auch immer seltsamer. Die Garantien des vorwiegend traditionell-sozialdemokratisch geprägten Milieus bröckeln von allen Seiten. Das macht unsicher. In dem Moment, in dem Bewegung am Wohnungsmarkt einsetzt, verstärkt sich auch in Wien ein raumwirksamer Selektionsprozess. Noch taucht dieses Problem nicht massiv auf, da die Bevölkerungszahlen relativ stabil sind. Doch wenn Wien seine Belegungspolitik nicht kontrolliert, vor allem auch in Bezug auf Neo-Österreicher, handelt die Stadt unverantwortlich, weil sie dazu beiträgt, die latenten Konflikte zu verschärfen.

12. November 2005 Der Standard

Architektonische Partnerschaften

Mit den Bauherrenpreisen würdigen die Architekten das Engagement ihrer Auftraggeber

Einmal jährlich ehrt die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs ihre wichtigsten Verbündeten - die qualitätsbedachten Auftraggeber. Der „Bauherrenpreis“ geht also an jene, „die sich als BauherrIn oder AuftraggeberIn und MentorIn der Planung in besonderer Weise verdient gemacht haben“. Heuer waren das:

Die Kallco Bauträger GmbH, die natürlich ein Team ist, dem allerdings mit Winfried Kallinger ein Baumanager vorsteht, der besonders hartnäckig - mit Erfolg an - die Güte der Architektur glaubt. Die Kallco bekommt den Preis für Carl Pruschas MQ West, mit dem die letzte Baulücke des Wiener Museumsquartiers geschlossen wurde. Die Jury, bestehend aus den Architekten Marcel Meili (Zürich), Bettina Götz (Wien) und Walter Angonese (Kaltern) sowie dem Hotelier und Bauherrenvertreter Robert Falch (St. Anton) würdigte die schwierigen Rahmenbedingungen dieses Projektes, die „Carl Pruscha und Bauherr Callco mit Bravour gemeistert haben“.

Auch die Franz Binder GmbH aus Fügen im Zillertal hat sich wiederholt als vorzügliche Auftraggeberin erwiesen, so etwa mit dem nun ausgezeichneten Feuerwerk von Helmut Reitter. Die Juroren: „Helmut Reitter und die Firma Binder haben wieder einmal bewiesen, dass ,Industriearchitektur' ganz im Sinne der besten Beispiele aus der Zwischenkriegszeit - nicht länger nur Terrain von gestaltlosem ,engineering' sein muss, sondern dass mit gegenseitigem Respekt eine authentische Architektur entstehen kann.“

Die Sanierung und Erweiterung eines Einfamilienhauses, das von raumhochrosen einer intensiven Behandlung unterzogen wurde, brachte der Familie Grabher in Dornbirn ebenfalls einen Bauherrenpreis ein, und zwar weil die Architekten gemeinsam mit den Auftraggebern folgendes mit dem Bestand von Architekt Gunter Wratzfeld anstellten: „Es entsteht ein reizvoller Dialog zwischen der - nach wie vor äußerst zeitgemäßen und leistungsfähigen - Architektur aus den 60er-Jahren und dem neuen Zubau, der den Qualitäten des Hauses noch neue hinzufügt, ohne Anbiederung.“

Mit der Spar Handels-GmbH (Graz) kommt nun - nach den an dieser Stelle dringend zu erwähnenden super-Supermarkt-Pionieren M-Preis - eine weitere Handelskette mit guten Architekturen löblich ins Gerede. Gemeinsam mit Riegler Riewe hat man in Leibnitz einen Eurospar errichtet, der, so die Juroren, „von der kaum überbietbaren Ökonomie einer einzigen entwerferischen Geste eines Daches geprägt“ ist. „Dass ausgerechnet Supermarktketten Architektur zum Kern ihres Marktauftrittes entwickeln“, wurde im Juryprotokoll ebenfalls erfreut zur Kenntnis genommen.

„Das überzeugende Zusammenspiel von Konstruktion, Material und dem sich daraus generierenden Raum“ war einer der Gründe für die Nominierung des Art for Art House, das die Theaterservice GmbH, Dr. Josef Kirchberger von Gerhard Steixner (alle Wien) bekam. Die Architektur des Gebäudes lässt derart viele Nutzungsmöglichkeiten zu, dass, so die Juroren, die Bauherren beschlossen, „das Gebäude, welches zwar als Büro konzipiert und gebaut wurde, nun als multifunktionales Fertighaus auf dem Markt anzubieten“.

Und auch die Innsbrucker Immobilien GmbH bekam für die Sanierung und den Umbau des Sudhaus Adambräu in Innsbruck eine der begehrten Auszeichnungen überreicht. Die Architekten Thomas Giner + Erich Wucherer, Andreas Pfeiffer und Rainer Köberl haben in diesem Gebäude von Lois Welzenbacher (1927) neue Räumlichkeiten für das Archiv für Baukunst und das aut. architektur und tirol geschaffen - und genau hier ist auch die Ausstellung der Bauherrenpreise seit Freitag zu sehen. Allerdings nur kurz: Bis 26. November.

12. November 2005 Der Standard

Zwischen den Häuserfronten

Welche Rolle spielt die Architektur in den Unruhen der Pariser Vorstädte?

Die „Plattenbauten“ an der Pariser Peripherie werden dieser Tage von den Medien gerne als „Brutstätten“ der Unruhen gegeißelt. Zu Unrecht. Nicht die Architektur selbst ist mies, sondern der Umgang mit ihr und damit mit ihren Bewohnern.

Die allgemein unter dem Begriff Banlieue zusammengefassten Vorstädte der französischen Metropole entstanden aus kleinen Gemeinden, die im Laufe der Zeit zu einem großen Vorstadtteppich zusammenwuchsen. Die Bebauung stammt aus den unterschiedlichsten Epochen. Die derzeit immer wieder gezeigten Bilder von den „grands ensembles“ - also den großformatigen, hohen, meist sehr schlank konstruierten Wohnhaussiedlungen - entstanden in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als die Einwanderungswellen sämtlichen zur Verfügung stehenden Wohnraum überschwemmten.

Diese Wohnviertel wurden keinesfalls als Plattenbauten ausgeführt, wie immer wieder berichtet wird, sondern stellten durchaus vernünftige Wohnungen für die erste Einwanderergeneration dar, die bis dahin buchstäblich in Wellblechhütten gehaust hatte. Der in Paris lebende und erfolgreich tätige österreichische Architekt Dietmar Feichtinger meint: "Dieses Bild der Gettoisierung ist falsch, es gibt hier keine flächendeckenden Plattenbausiedlungen wie etwa in der DDR. Wenn ich an den „grands ensembles“ vorbeifahre, bin ich eigentlich immer eher erstaunt über ihre Qualität."

Bernhard Buchberger, der ebenfalls seit Jahren in Paris ein Architekturbüro unterhält und vor allem in der Banlieue baut, ergänzt: „Diese Quartiere wurden damals als echter Fortschritt wahrgenommen, weil die Leute endlich Wohnraum mit Badezimmern und der entsprechenden Infrastruktur hatten. Das Problem ist nur: Diese Infrastruktur existiert mittlerweile nicht mehr.“

Manche dieser „grands ensembles“, so Buchberger, wären heute noch verhältnismäßig gut gepflegt, andere hätte man so gut wie aufgegeben. Was nützt die beste Architektur, wenn die Geschäfte aus den Sockelzonen ausziehen, wenn es in nächster Nähe kaum Schulen gibt, wenn keine Supermärkte zur Verfügung stehen, wenn die jugendlichen Einwohner dieser Klein-Bezirke auf verwahrlosten Freiflächen maximal Fußball spielen und Drogen dealen können?

Feichtinger: „Der Wohnwert hängt immer von der Umgebung ab, und die ist teils extrem vernachlässigt. In der Erdgeschoßzone passiert überhaupt nichts mehr, die Jugendlichen verbringen ihre Abende in den versifften Gängen der Häuser, weil es keinen Ort mehr gibt, wo sie sich sonst aufhalten könnten, es ist ihnen stinkfad - und jetzt im Moment halt ein bisschen weniger.“

Tatsächlich beginnen sich in manchen Zonen der Pariser Vorstadt die Szenen wieder zu durchmischen, meinen beide Architekten übereinstimmend. Aufgrund der extrem hohen Wohnungs- und Mietpreise in den innerstädtischen Lagen ziehen seit einigen Jahren vermehrt Jungfamilien, Künstler, Architekten, Kreative in die auch weniger gut beleumundete Banlieue.

Alte Lagerhallen und Fabriken werden zu Wohnungen und Lofts ausgebaut, die etwas finanzkräftigere Klientel zieht die Infrastruktur nach, Geschäfte sperren wieder auf. In der Pariser Vorstadt, so viel steht fest, hat nicht die Architektur versagt, sondern die französische Sozialpolitik, die Feichtinger nur als „katastrophal“ bezeichnen kann. Buchberger: „Die Bebauungsart dieser ,Barre' wurde zwar jetzt zum Symbol für die sozialen Probleme. Doch die hängen nicht mit der Struktur der Architektur zusammen, denn es gibt ganz ähnliche, sehr gut funktionierende Siedlungen in sehr reichen Gegenden - doch die sind besser gepflegt.“

5. November 2005 Der Standard

Aufragend, aufregend!

Die öffentliche Debatte über den Umgang mit Nazi-Architekturen kommt spät. Den Auftakt dazu gab die Volkstheaterposse rund um ein vermeintliches „Führerzimmer“.

Die Nation hatte jüngst wieder einmal Gelegenheit, ihre Souveränität im Umgang mit der eigenen Vergangenheit anhand eines Schaustücks zu überprüfen. Ort der Inszenierung war das Volkstheater, als Hauptdarsteller agierte dessen neuer Direktor Michael Schottenberg, der Inhalt des Stückes befasste sich zumalen mit der Requisite:

Nicht ohne die Scheinwerfer der Öffentlichkeit sorgfältig auf sein Haus gelenkt zu haben, ließ der Volkstheaterdirektor im vermeintlich heiligen Zorn die schlichten hölzernen Verkleidungen eines neben der Direktion gelegenen Zimmers abreißen. Der Grund: Die Räumlichkeit stand im Geruche, seinerzeit im Jahr 1938 in der Erwartung des „Führers“ besonders sorgfältig ausgestattet worden zu sein.

Für seinen kleinen Akt der Denkmalschändung, verkündete der erzürnte Direktor öffentlich, sei er auch bereit, „eine Woche Gefängnis“ auf sich zu nehmen - denn das gesamte Volkstheater (1888/89 erbaut, 1938 sowie 1981 generalsaniert), und somit auch das „Führerzimmer“, steht unter Denkmalschutz.

In dem darauf folgenden Theaterwirbel fiel es offenbar vielen schwer, zwischen Schaustück und Realität zu unterscheiden, die Debatte war an Unsachlichkeit kaum zu überbieten, im Schaum der moralischen Aufwallungen verlor selbst die Politik in Person von Planungsstadtrat Rudolf Schicker die Weitsicht. Er verkündete, Schottenbergs Entscheidung, Bundesgesetze zu missachten, in diesem Fall zu begrüßen, ja zu unterstützen.

Zwischen den Fronten stand - und steht immer noch - das Bundesdenkmalamt. Das hatte sich vom Stadtrat unterschwellig braune Ten- Fortsetzung auf Seite A 2
Aufragend, aufregend!

Fortsetzung von Seite A 1
denzen vorwerfen lassen müssen. Schließlich sei hier ein Nazi-Relikt eben wegen seiner Provenienz unter Schutz gestellt worden, und eine Diskussion müsse jetzt endlich her.

Dass diese Debatte in den Reihen der etwas kühler und durchaus sorgfältiger agierenden Denkmalpfleger- und Architektenschaft seit Jahrzehnten geführt wird, und zwar international, scheint den Akteuren der Volkstheaterposse entgangen zu sein. Denn die Kriterien für die Unterschutzstellung von Objekten und Gebäuden sind klar definiert und im ersten Paragrafen des im Jahr 1999 novellierten Denkmalschutzgesetzes nachzulesen: Objekte werden aus „künstlerischen und/oder kulturellen“, aber eben auch aus „geschichtlichen Gründen“ unter Denkmalschutz gestellt.

Da der Nationalsozialismus unleugbar Teil der österreichischen Geschichte ist, sind auch Architekturen und Artefakte aus ebendieser, immer noch so gerne aus dem öffentlichen Bewusstsein verscheuchten Zeit mit exakt diesen Kriterien zu bewerten. Die Generalkonservatorin des Denkmalamtes, Eva-Maria Höhle, erklärt: „Wenn Objekte aus der NS-Zeit unter Schutz gestellt werden, dann nicht zuletzt deshalb, weil damit Denkanstöße für die Zukunft erhalten werden.“ (Siehe Interview unten)

Tatsächlich arbeitet das Denkmalamt laut Höhle bereits seit knapp zwei Jahren an der österreichweiten Erfassung von NS-Architektur. Höhle: „Wir hatten vor, nach der genauen Erfassung und Analyse ein Kolloquium zu diesem Thema zu machen, weil wir auch die Zeithistoriker einbinden wollten. Im Anschluss hatten wir vorgesehen, diese Problematik öffentlich ins Bewusstsein zu rücken. Letzteres ist jetzt wohl nicht mehr notwendig.“

Und noch eine weitere Tatsache wird öffentlich akzeptiert werden müssen: Spätestens seit Helmut Weihsmanns umfassender NS-Architekturanalyse Bauen unterm Hakenkreuz (erschienen 1998) ist auf vielen und sehr klein bedruckten Seiten nachzulesen, dass sich die Bautätigkeit des Dritten Reichs in der „Ostmark“ beileibe nicht auf die Errichtung der „Hermann Göring Werke“ in Linz, der Flaktürme in Wien oder die Konzeption von Autobahnen quer durch das Land beschränkte.

Tatsächlich ist ganz Österreich mit einer Vielzahl von Wohnanlagen, Industrie- und Verkehrsbauten aus dieser Epoche bestückt - und selbstverständlich hat das Bundesdenkmalamt den öffentlichen Auftrag, die markantesten, qualitätsvollsten und ihre Entstehungszeit am besten dokumentierenden Objekte zu analysieren und gegebenenfalls als Zeugen der Vergangenheit zu konservieren. Höhle: „Denkmale, egal welcher Epoche, sind immer aus der Geschichte in unsere Gegenwart ragende Dokumente mit einer direkten Mitteilungskraft, wie sie kein anderes Medium hat.“ Wer das nicht wahrhaben will, müsste halb Österreich wegreißen, müsste sofort die Salzburger Festung schleifen, alle Burgruinen vernichten und auch den Erhaltungswert der Hofburg überdenken.

In Deutschland hat man die Debatte über die NS-Architektur jedenfalls längst geführt, erste Unterschutzstellungen erfolgten bereits in den 70er-Jahren, und auch vor markanten Eingriffen in die großformatigen Nazi-Machtarchitekturen schreckte man nach ausführlichen, sich durchaus über Jahrzehnte hinziehenden Diskussionen nicht zurück. Günther Domenigs Dokumentationszentrum in der unvollendet gebliebenen Kongresshalle des gewaltigsten und architektonisch gewalttätigsten NS-Architekturrelikt, dem Nürnberger Parteitagsgebäude, steht hier exemplarisch für einen klugen und durchaus auch symbolträchtigen Umgang mit dieser noch jungen, „in unsere Gegenwart ragenden“ Vergangenheit: Der Grazer Architekt ließ das Gebäude unverändert, er schoss lediglich einen Pfahl zeitgenössischer Substanz durch das massive alte Gemäuer, riss es auf und legte in genau diese Wunde die Dokumente der NS-Vergangenheit.

Das Wiener „Führerzimmer“ hat Hitler übrigens nie betreten. Es ist laut Höhle nicht unwahrscheinlich, dass für die Ausstattung immerhin Josef Hoffmann verantwortlich war. Und der war, so Friedrich Achleitner, mit ziemlicher Sicherheit kein Nazi - wie übrigens viele andere Architekten auch, die damals ihrem Beruf nachgingen.

5. November 2005 Der Standard

„Das Urteil spricht erst die Geschichte“

Friedrich Achleitner über Qualitäten und Fragwürdigkeiten nationalsozialistischer Architektur

der Standard: Kann man den Begriff „NS-Architektur“ prinzipiell auf Gebäude aus den Jahren von 1938 bis 1945 reduzieren?
Friedrich Achleitner: Sicher nicht. Für mich ist die nationalsozialistische Architektur ein Phänomen des Historismus des 19. Jahrhunderts: Man bediente sich historischer Formen und adaptierte diese für die eigenen politischen Zwecke. Damit kann architektonische Qualität erzeugt und gleichzeitig missbraucht werden. Architektur kann man nicht nur inhaltlich und ideologisch bewerteten. Es gibt immer auch einen autonomen Kern, in dem die Qualität des Gebauten einfach ein Faktor ist. Es gibt etwa genauso grausliche klassizistische Gebäude wie feine, kultivierte und hochinteressante. Das Urteil spricht meist erst die Geschichte.

Welche Bauaufgaben lassen sich in der NS-Zeit unterscheiden und über welche architektonischen Qualitäten verfügen sie?
Achleitner: Es gibt drei Bereiche: Wohnbau, Industriebau und Parteibauten. Der NS-Wohnbau hat die Ideen von Heimatschutz- und Gartenstadtbewegung fortgesetzt, die sich ab der Jahrhundertwende entwickelt hatten, was allerdings nicht mit dem „Heimatstil“ verwechselt werden sollte. Dabei handelte es sich um eine kritische, durchaus positive Auseinandersetzung mit dem Geist des Liberalismus und der Industrialisierung (Gründerzeit), und das war eigentlich eine moderne Bewegung, die sich der bürgerlichen (biedermeierlichen) Baukultur annahm. Die Nazis haben sie später vereinnahmt und für ihre Ziele missbraucht. Das Ergebnis sind etwa die Werkssiedlungen der „Hermann-Göring-Werke“ oder die „Südtiroler-Siedlungen“, heute noch brauchbare und von den Bewohnern geschätzte Wohnanlagen. Die Qualitäten liegen in der Schaffung von Wohnidyllen und in der Betonung des Handwerklichen im Bauen. Sie sind also auch als zynische Kaschierungen der damaligen politischen Wirklichkeit zu verstehen.

Die „modernste“ Architektursprache zeigt jedoch der NS-Industriebau.
Achleitner: Viele Architekten, die keine Nazis waren, sind auf diesem Gebiet gewissermaßen untergetaucht, um „anständigen“ modernen Industriebau zu machen. Dort konnten sie ihre funktionalistischen Träume verwirklichen. Es gab ja auf diesem Gebiet auch die fortschrittlichsten Entwicklungen, was etwa Standardisierung und Bautechnologie angeht. Wenn Leute heute behaupten, „nicht alles war schlecht unterm Hitler“, dann sind auch solche Phänomene damit gemeint. Dass dahinter eine aggressive Rüstungsindustrie und Weltherrschaftsfantasien standen, vergisst man natürlich.
Die meistbeachteten Nazi-Architekturen sind die politischen Machtbauten. Wie beurteilen Sie
deren Qualität?
Achleitner: Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Architekten wie Albert Speer haben diese Machtarchitekturen mit den Mitteln des Klassizismus ins Maßstablose gesteigert und im Detail vergröbert.

Wie soll man heute mit solchen Relikten umgehen?
Achleitner: Günther Domenig hat in Nürnberg gezeigt, wie man zu solchen Monstern architektonisch Stellung nehmen kann, ohne ihre Erbärmlichkeit zu vernichten. Hier verhindert ihre Erhaltung eine falsche Mythenbildung. Ich meine, man sollte der Geschichte ins Auge schauen. Ihre Vernichtung ist jedenfalls die archaischste, die primitivste und auch die gefährlichste Form, damit umzugehen, weil dadurch falsche Mythen entstehen.
Wie man mit architektonischen Zeitzeugen umgeht, hängt natürlich auch von der Wertigkeit der Gebäude ab. Es ist ein Unterschied, ob man die Flaktürme abreißt oder die Ausstattung eines Zimmers wegräumt. Gebäude sind historische Quellen. Als Objekte gehören sie einfach zu unserer Geschichte. Und die beste Information ist immer noch das Sichtbare.

5. November 2005 Der Standard

„Bauen unterm Hakenkreuz“

Helmut Weihsmanns Enzyklopädie der NS-Architektur ist aktueller denn je.

Das bereits 1998 erschienene Buch Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des Untergangs stellt die derzeit wohl aufwändigste und am besten recherchierte Analyse nationalsozialistischer Architektur in Deutschland und Österreich dar.

Der Autor Helmut Weihsmann, geboren 1950 in Wien, ist Architekt, Architekturhistoriker und Journalist. Für das fast 1200 Seiten starke Nachschlagewerk recherchierte er drei Jahre, über die NS-Architekturforschung stellt er im Vorwort fest: „Die bislang praktizierte Überbetonung großer, repräsentativer Bauprojekte verengte den Blick zu sehr auf einige wenige Persönlichkeiten und Zentren der Bautätigkeit während der NS-Herrschaft und versperrte damit bestimmte Sichtweisen sowie profunde kausale Zusammenhänge in der Bauwirtschaft und Baupolitik.“

Weihsmanns Kapitel über Österreich dokumentiert, dass ab 1938 auch hier zu Lande wesentlich mehr gebaut wurde, als man annehmen möchte. Der Autor listet alle Objekte geografisch geordnet auf und stellt diesen Listen jeweils kurze Analysen der Städte, der Betriebe, der Bautypen, der geplanten, aber auch der nicht realisierten Bauvorhaben sowie der handelnden Personen voran.

Bauen unterm Hakenkreuz ist ein akribisches Werk, das auch Architekturfachleute überraschen dürfte und die ideale Basis für die Erhebung von Nazi-Bauten in Österreich darstellt.

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- Bauen unterm Hakenkreuz

29. Oktober 2005 Der Standard

Klasse ist überall

Mithilfe engagierter Eltern, Pädagogen, Planer und Sponsoren wurde aus einem Ensemble alter Industriehallen in Wien eine außergewöhnliche Oberstufenschule. Sie versteht sich allerdings lieber als Lernzentrum.

Als die Architekten Cornelia Schindler und Rudolf Szedenik auf den Plan gerufen wurden, stand das Projekt gewissermaßen konkret in seinen Umrissen fest. Diese Umrisse waren: drei alte Industriehallen im 14. Wiener Gemeindebezirk aus den unterschiedlichsten Epochen, ergänzt durch Ein- und Zubauten aus allen Zeiten. Leerstehend.

In diese Hallen, das hatte das Kollektiv einer außergewöhnlichen „Oberstufenschule“ beschlossen, werde man einziehen, um rund 100 Jugendliche auf die Externistenmatura vorzubereiten. Die „W@lz“, gegründet 1999, versteht sich als „Lernzentrum“. Unterrichtet - oder vielmehr gelehrt wird projektbezogen und beileibe nicht nur innerhalb des Schulgebäudes.

Gemeinsam mit den Mentoren, die anderswo Klassenvorstand heißen, und mit der Leiterin und Gründerin der W@alz, Renate Chorherr, wurde im ersten Schritt ein präzises Raumprogramm für das Schulhaus als Zentrum aller Aktivitäten ausgearbeitet, dessen Umsetzung möglichst kostenschonend erfolgen sollte - denn das Geld war ausgesprochen knapp.

Sobald sich diese Inhalte zu den Umrissen gesellt hatten, wurde entworfen. „Unser oberstes Kriterium“, so Szedenik „war es, den historischen Bestand so wenig wie möglich zu verändern.“ Alle Einbauten sollten als solche spürbar und damit auch die Volumina der Hallen weiterhin erlebbar bleiben.

Der Entwurf der Architekten durchwanderte also Hüllen und Umrisse, fügte nur die notwendigsten Einbauten hinzu und nutzte zugleich auch alle Zubauten, die im Laufe der Jahre eher achtlos hier entstanden waren. Szedenik und Schindler ließen etwa die schönste und älteste der drei Hallen so gut wie unangetastet: Dieser Bauteil war Ende des 19. Jahrhunderts im für die damalige Zeit typischen Backstein-Industrie-Stil entstanden und stellt heute eine fast zwölf Meter hohe, schön angealterte Räumlichkeit dar, die sich vorzüglich für Theaterinszenierungen und andere Festivitäten eignet.

In der angeschlossenen, nur um weniges jüngeren Halle, die ihrerseits in einen nicht sehr attraktiven 60er-Jahre Bau mündet, sollte das eigentliche Zentrum der Schule, also die „Klassen“ und andere Unterrichtsräume untergebracht werden.

Diverse Entwürfe, so die Architekten, scheiterten schlichtweg an den Herstellungskosten. Erst als die Bundesforste mittels großzügigen Sponsorings das Baumaterial - selbstverständlich Holz - zur Verfügung stellten, konkretisierte sich der Entwurf und wurde plötzlich locker, weich, fließend und in sich logisch.

Durch die hohen Räume ziehen sich nun Galerien und Stiegen, alles ist rund um einen kommunikationsfreundlichen Hauptraum angeordnet, der den Blick auf die Dachkonstruktion frei lässt und von oben tagesbelichtet ist. Trotz der Großzügigkeit und Übersichtlichkeit ist die Halle gut ausgenutzt: An den Wandseiten sind viele Räume unterschiedlichster Größe auf unterschiedlichen Niveaus angeordnet.

Sie dienen zum Teil als „Stammklassen“ oder „Heimräume“ für die einzelnen Jahrgänge, doch die Jugendlichen können sich je nach Bedarf auch allein oder in Gruppen in kleinere und mittelgroße Arbeitsräume sowie in die Computerräume zurückziehen, um dort in Ruhe an ihren jeweiligen Projekten zu feilen. Auch jeder der fünf Mentoren verfügt über einen eigenen Arbeitsraum, um sich vorbereiten oder Gespräche führen zu können. Die Pausenräume sind mit gemütlichen, zusammengeschnorrten Sofas ausgestattet. Pausenglocke gibt es in der W@lz übrigens keine: Wer zu spät kommt, hat sein eigenes Zeitmanagement noch nicht im Griff und lernt es eben über den Peinlichkeitseffekt.

Dank des geringen Gewichts des gesponserten Baumaterials musste die Statik des Bestandes nicht verändert werden, was wieder Kosten sparte. Szedenik: „Wir haben die neuen Elemente wie ein Kartenhaus in der vorhandenen Hülle aufgebaut.“ Fehlte noch ein Speisesaal. Der kam in das Kellergeschoß der letzten Halle aus den 60er-Jahren, das zum Glück wegen eines Geländesprungs Erdgeschoßqualität hat und noch dazu mit den Vorzügen eines sonnig-luftigen Vorplatzes aufwarten kann.

Damit auch alle Ecken und Winkel des Ensembles ausgenutzt wurden, adaptierten die Architekten zu guter Letzt auch noch den ehemaligen Speiseraum des Industrie-Ensembles zu einer Kunstwerkstatt, die ihrem Namen gerecht wird: Hier kann getrost gehobelt, geknetet, Kunst und Dreck gemacht werden.

Seit knapp zwei Monaten ist das Lernzentrum nun in Betrieb. Eröffnet wurde naturgemäß mit einem Fest, um den kollektiven Kraftakt zu würdigen. Einer der Hauptkoordinatoren und -motoren des Projekts W@lz war Christoph Chorherr (Grüne), der sich nebenberuflich monatelang um Sponsoring, Verträge - etwa mit dem sehr unterstützend agierenden Liegenschaftseigentümer, dem Wiener Wirtschaftsförderungsfonds - und Baumaterialauftreibung befasste. Die Architekten, deren Tochter die W@alz seit vier Jahren besucht, arbeiteten ebenfalls unentgeltlich, und auch das Wiener Ingenieurbüro Vasko+Partner stellte statische Berechnungen und Bauleitung gratis zur Verfügung.

Das Vasko-Team entwickelte mit der Zeit sogar außergewöhnliche Qualitäten im Aufspüren wiederverwertbarer Bauelemente: Es organisierte etwa aus anderen Sanierungsprojekten einen Großteil der Beleuchtungskörper, die andernorts weggeworfen wurden, hier aber hochwillkommen waren. Der Mann der W@lz-Köchin betätigte sich wiederum als Tischler und baute alle neuen Türstöcke, andere Eltern taten das ihre, und wenn es nur Putzarbeiten waren.

„Das Ganze ist eine faszinierende Geschichte“, meint Szedenik nun, da das Werk vorerst abgeschlossen ist, „und man muss schon sagen, dass es von Beginn an von einer wunderbaren Naivität getragen war, sonst hätte man sich das wohl nicht angetan.“ Die Baukosten betrugen insgesamt 800.000 Euro, für Szedenik „ein Scherz für ein Projekt dieser Größe“.

Abschließend ein paar Bemerkungen zum Lernzentrum selbst: Die W@lz ist eine private Organisation, das Schulgeld beträgt 408 Euro pro Monat, neben den Mentoren gibt es gut vier Dutzend Personen, die Projektarbeit leisten. Auf der Walz sind die Lehrlinge, deshalb wird viel gereist, denn das Klassenzimmer ist letztlich die ganze Welt.

15. Oktober 2005 Der Standard

Linz liegt am Schwarzen Meer

Linzer Kunststudenten machten einen alten Lastenkahn flott und reisten mit dem „Flagship Europe“ auf der Donau dem neuen alten Europa des Ostens entgegen.

Die Wiener Architektin Elsa Prochazka hatte mit ihren Studenten der Kunstuniversität Linz ein schnelles Jahr durchmessen. Ein zu schnelles, zu hektisches. Es war an der Zeit, fand sie, das Tempo zu drosseln. Eine Reisegeschwindigkeit von rund acht Stundenkilometern schien angemessen - ein Schiff musste her.

Prochazka unterrichtet an der Linzer Uni Raum & Designstrategien, und da Linz an der Donau liegt, gab es schiffmäßig zwei Möglichkeiten der Fortbewegung: flussaufwärts in den erforschten Westen. Oder flussabwärts, dem neuen, bis dato lediglich von expansionsfreudigen Unternehmen genauer analysierten Osten entgegen. Die Wahl fiel nicht schwer. Die Expedition setzte sich das Schwarze Meer zum Ziel, weil auf dem Weg dorthin weniger erforschte Perlen wie Bratislava, Budapest, Osijek und Belgrad am Donaustrand liegen. Expeditionsdauer: zwei Monate.

Prochazka versammelte ihre Studentinnen und Studenten um sich und erklärte ihnen die wichtigste Strategie, die jedem großen und gewagten Projekt zugrunde liegt, und die einen wesentlichen Teil der Lehre darstellt: Nur gemeinschaftlich würde man dieses Unterfangen realisieren können.

Rund 50 Studenten und ein Dutzend Lehrender organisierten sich: Die einen trieben Geld auf (rund 200.000 Euro), die anderen begaben sich auf die Suche nach einem Schiff (gechartert). Genehmigungen mussten eingeholt, der genaue Anlegeplan abgesteckt, die noch unbekannten Kollegen längs der Donau, die ebenfalls Ziel der Reise waren, aufgetrieben und kontaktiert werden.

Das anfangs so absurd anmutende Abenteuer, von dem zu Beginn keiner gewusst hatte, ob es überhaupt möglich gemacht werden könne, ging tatsächlich los, als mit dem Schiff „Negrelli“ ein geeignetes Transportmittel gefunden war. Baujahr 1966. Rund 66 Meter lang. Zehn Meter breit. Ein träger, alter Lastenkahn mittlerweile undefinierbaren Anstrichs, der für Schottertransporte und acht Passagiere zugelassen war.

Da das Thema Raum & Designstrategien lautete, schritten die Studenten erst eigenhändig an den Umbau und die behördliche Umwidmung des Schiffes zu einer temporären Außenstelle der Universität: Der Kahn musste zudem für 60 Personen adaptiert werden, und das bedeutete harte Arbeit, denn für Professionisten aller Art fehlte selbstverständlich das Kapital.

Es wurde also heftig geschweißt, gestrichen und gebaut. Dort, wo sich normalerweise Schotterhaufen türmen, entstanden einfache Kajüten aus Containern. Auch die Schiffstechnologie wurde perfektioniert, schließlich benötigte man unterwegs Frischwasser, Brauchwasser, eine Schiffsküche samt Proviant, ein Medien- und Fotolabor, eine Werkstatt. Parallel dazu entwickelten die Studenten individuelle Entwurfsprogramme, die sie während der Reise umsetzen sollten, packten schließlich Kameras, Zeichenmaterial, Computer und andere Expeditionsutensilien ein und verabschiedeten sich von den Angehörigen.

Am 1. Mai dieses Jahres legte die „Negrelli“ in Linz ab, und ab diesem Moment reduzierte sich die Reisegeschwindigkeit auf das Wellengeplätscher am Donauufer, auf die langsam vorbeiziehende Landschaft und auf die Einblicke in Länder, die geografisch zwar so nah, dem Rest Europas aber noch fern sind.

Dem Schiff begann sein Ruf bald vorauszureisen: Die Linzer Professoren und Studenten wurden an den diversen Anlegestellen in Tschechien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien von den lokalen Künstlern, Architekten, Designern freudig begrüßt. Sie wurden in Universitäten, Architektur- und Designerateliers und Galerien geführt, sie knüpften zahllose Kontakte und tauschten Informationen aus, die im Sog der normalen Geschwindigkeit westlicher Lebensart gern über Bord gehen.

Anfang Juni erreichte die Expedition Flag- ship Europe das Schwarze Meer. Das Web-Logbuch berichtet: „6. 6.: es ist vollbracht. die donau verschwindet im meer. sprachlos im endorphinrausch am ziel - endstation einer reise.“

Diese Eintragung war natürlich voreilig, denn die Endstation der Reise ist keineswegs in Sicht: Zwar tuckerte das Schiff genau zwei Monate nach seiner Abfahrt wieder in Linz ein, doch die Aufarbeitung der Expedition ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Studentenprojekte werden finalisiert, die multimedialen Dokumentationen der Reise aufgearbeitet, vor allem aber werden die zahlreichen Kontakte in die künftigen neuen EU-Mitgliedsstaaten intensiviert und ausgebaut. Prochazkas Studenten haben tatsächlich eine rege Reisetätigkeit zu den Kollegen im Osten aufgenommen.

Sie selbst meint, sie hätte die Länder am Ende der Donau zuvor durch den Filter farbloser und schlechter Ost-Fotografien verinnerlicht gehabt, das Bild der Wirklichkeit sei jedoch bunt, intensiv und großteils wunderschön.

Am 2. November wird das Projekt Flagship Europe im Technischen Museum Wien ab 19.30 Uhr erstmals groß präsentiert, auch die künstlerischen Projekte der Studenten werden dort zu sehen sein. Und da das Leben, wie manche sagen, ein langer Fluss ist, könnte die Reise auch mit dem Schiff weitergehen, denn mittlerweile hat die EU an dem Projekt offiziell Interesse bekundet.

Die Grenzen bleiben indes nur halb durchlässig: Rumänische Studenten etwa, die nun gerne nach Linz kommen würden, müssen eine Kaution von 100 Euro pro Tag hinterlegen. Unleistbare Summen also. Jetzt sind die Länder donauaufwärts zu entsprechenden Expeditionen durch den Dschungel der Bürokratien aufgerufen.

1. Oktober 2005 Der Standard

Ganz oben sind wir noch nicht

Wie kann - und will - die Politik die Qualität von Architektur und Städtebau fördern? Eine partei- und nationenübergreifende Analyse vor der Wiener Wahl.

Die Qualität der gebauten Umwelt ist ein nationales Anliegen und muss somit im Programm jeder Partei eine prominente Rolle spielen. Die bevorstehende Wiener Landtagswahl war denn auch Anlass für die unabhängige Plattform für Architekturpolitik und Baukultur, eine Umfrage unter den fünf wahlwerbenden Parteien Wiens zu starten und deren Architekturgesinnung im Detail auf den Prüfstand zu stellen.

Das macht insofern Sinn, als von einer nationalen Architektur- und Planungspolitik derzeit nicht einmal ein Ansatz zu erkennen ist und Wien auf diesem Gebiet möglicherweise eine Vorreiterrolle spielen könnte. Doch dazu später mehr, erst ein Blick auf das Architekturlabor Bundeshauptstadt:

Von den fünf bereits im Sommer ausgesandten, umfangreichen Fragebögen an die Spitzenpolitiker kamen vier ausgefüllt zurück, lediglich die Antworten der FPÖ fehlten - zumindest bis zum STANDARD-Redaktionsschluss.

Wie die Architektur-Szene erwartete, legten die SPÖ und die Grünen ihre architektonischen Grundsätze detailliert dar. Die Antworten von ÖVP sowie BZÖ hingegen blieben weitestgehend schwammig und unpräzise, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier unter kräftigem Einsatz der ohnehin gängigen Architekturfloskeln der stets ein wenig aufmüpfigen Architekturszene freundlich nach dem Munde geredet wurde.

Während die Grünen unter anderem eine deutlich verstärkte, ressortübergreifende Strategie fordern und eine aktive, umfassende Förderung von Baukultur vermissen, legte die SPÖ in Person von Planungsstadtrat Rudolf Schicker vergangenen Mittwoch mit der brandneuen „Wiener Architektur Deklaration“ im Architekturzentrum Wien offensiv die Grundsatzhaltung der SPÖ-regierten Bundeshauptstadt zur Baukultur auf den Tisch. Die darin verankerten Prämissen lauten: „Qualität in Planen und Bauen; Transparenz in Leitbildern, Zielen und Verfahren; Diskursbereitschaft“.

Die versammelte Architektenschaft honorierte den Ansatz der Stadtplanung, die eigenen Qualitätsstandards schriftlich festzuhalten, mit vorsichtiger Freundlichkeit. Doch wie so oft verirrte sich die anschließende Debatte in Details und Mikrothemen. Man kann den Architekten den Vorwurf nicht ersparen, dass sich jede Diskussion um Baukultur augenblicklich um die Befindlichkeit der Architekten selbst und ihre ökonomische Misere zu drehen beginnt - doch diese Umstände sind bekannt: Wo aber sind die Ansätze der Architekten selbst, sie zu ändern? Wo ist eine starke, kluge, politisch gewandte Standesvertretung, die sich für die Anliegen dieser überaus wichtigen kreativen Szene mit Nachdruck einsetzt und endlich bundesweit laut und deutlich aufschreit, und zwar dort, wo die Mechanismen der Macht an den entscheidenden Hebeln drehen?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die zunehmend krasser werdende Unterbezahlung von Architekturleistungen und die geringe Anzahl von Architekturwettbewerben sind wichtige und dringend zu behandelnde Themen. Die Stadt Wien aber, als Beispiel, kann diese Symptome gegebenenfalls lindern - wenn sie will. Sie wird jedoch die Ursachen nicht beseitigen können, denn die sind eindeutig auf Bundesebene und in der Standesvertretung der Architekten selbst zu suchen.

Denn für die Republik Österreich, wie sie derzeit regiert wird, findet Architektur irgendwo und irgendwie statt, und dass Bauen mit Architektur verwechselt wird, lässt sich an jeder Straßenecke gräulich ablesen. Das Wirtschaftsministerium, das als einziges wirksame Maßnahmen setzen könnte, zeigt leider kein aktives Interesse an der Baukultur und hat sich aus seiner Verantwortung weitestgehend zurückgezogen. Wie unendlich schade.

Vielleicht, denn Hoffnung ist immer, kann das Beispiel jenes Landes, das unter anderem gerade wieder als das wettbewerbsstärkste der Welt eingestuft wurde, die Bundespolitik ein wenig aufrütteln und zum Nachdenken anregen:

Die finnische Regierung hat 1998 ein Architekturprogramm beschlossen, das bisher weltweit beispiellos ist und in knappen sieben Punkten die Mechanismen von Architektur, Baukultur und nationalem Verständnis - und nicht zuletzt der nationalen Wirtschaft im Zusammenspiel mit der Architekturproduktion - in unerhörter Klarheit darlegt.

Der ehemalige finnische Ministerpräsiden Paavo Lipponen fasste die Resultate dieser finnischen, parlamentarisch beschlossenen Architekturdeklaration 2004 im Rahmen der Alpbacher Architekturgespräche bedächtig in einen Satz: Die Architektur, so meinte er, sei Finnlands wichtigster Beitrag zur Weltkultur geworden.

Wie haben sie es also angelegt, die nördlichen Kollegen? Sie erstellten erst einmal eine gründliche Analyse zum Thema, was Architektur denn eigentlich sei. In Zahlen, also der Sprache der Wirtschaft, ausgedrückt, liest sich das so:

Zwei Drittel des finnischen Volksvermögens besteht aus Gebäuden, 15 Prozent aller Arbeitskräfte sind in der Bauindustrie beschäftigt. Der Bausektor erwirtschaftet rund 18 Prozent des nationalen Bruttoinlandsproduktes. Die Instandhaltungskosten eines Gebäudes während seiner Lebensdauer betragen ein Vielfaches der ursprünglich investierten Bausumme. Architekturqualität trägt damit unmittelbar zum Wert des Volksvermögens bei. Und - damit noch ein bisschen über den Tellerrand geblickt wird, weil der internationale Wettbewerb ja in aller Munde ist: Der finnische Bausektor ist Teil des europäischen Marktes. Durch einen hohen Qualitätsstandard werden Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit in allen Marktsegmenten gestärkt.

Dem finnischen Wirtschaftsminister muss das wie Honig die Kehle runterrinnen, und der sinnvolle Einsatz der Mittel, quasi der Return on Investment, wird bereits im zweiten Satz des Programmes festgehalten. Diese Architekturpolitik, heißt es da, formuliert Richtlinien zum Schutz unseres architektonischen Erbes und zum Erhalt und zur Wertsteigerung des vorhandenen Baubestandes, darüber hinaus schafft sie Voraussetzungen für die Unterstützung architektonisch hochwertigen Bauens sowie für die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des finnischen Bausektors.

So weit zu wirtschaftlichen Zielsetzungen. Doch das Programm kann noch viel mehr. Es schreibt jedem Bürger, jeder Bürgerin eine intakte Umwelt als Grundrecht zu. Es ortet den Staat selbst als wichtigstes Vorbild für Nachhaltigkeit und optimiertes Bauen. Es deklariert die Architektur als zentrale und sinnlich wahrnehmbare Form von Kultur. Es verankert die fächerübergreifende Vermittlung von Baukultur im finnischen Ausbildungssystem - das bekanntlich dem österreichischen auch einiges voraushat. Es bekennt sich explizit zu Forschung und experimentellem Planen und Bauen. Es fordert - von allen am Planungsprozess Beteiligten - die Übereinstimmung der Qualifikation mit den Erfordernissen des jeweiligen Bauvorhabens. Es legt den Wettbewerb, der in Finnland eine über 100 Jahre alte Tradition hat, als Vergabestandard fest.

Damit diese insgesamt 24 von den finnischen Parlamentariern abgesegneten Beschlüsse, die im Übrigen ressortübergreifend anzuwenden sind, nicht nur in der Hauptstadt greifen, wurde unter anderem ein staatlich finanziertes System von „Regionalarchitekten“ ins Leben gerufen, die auch in den entlegensten Gemeinden auf Qualität zu achten haben und wichtige beratende Funktionen ausüben.

Und noch ein weiterer Punkt wird definiert, der hier zu Lande im Augenblick über die interne Debatte nicht hinauskommt: Die ganzheitliche Kontrolle über den Planungs- und Bauprozess vom Entwurf bis hin zur Ausführung ist ein wesentlicher Teil im System der Verantwortlichkeiten, Kontinuität ist eine Vorbedingung für eventuelle Haftungsregelungen nach Beendigung des Bauvorhabens. Die finnische Regierung hält es für wichtig, dass diesen Gesichtspunkten bei der Weiterentwicklung des Bausektors besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Eine geballte Ladung Engagement und Initiative wurde hier von einem Land vorgelegt, das, nebenbei bemerkt, vor ein paar Jahrzehnten einfach beschlossen hat, eine Designnation zu werden - und das heute einer der Weltmarktführer auch auf diesem Sektor geworden ist. Offenbar muss man wollen, um zu können.

An denen, die das auch in Österreich tun, nämlich das Wollen, mangelt es nicht. Wenn das Wollen jetzt auch noch die richtigen Kanäle erreicht, wenn Leute wie die Vertreter der Plattform für Architekturpolitik tatsächlich bis zur Bundespolitik vordringen und wenn die Politik das Wollen lernt, geht's steil bergauf.

10. September 2005 Der Standard

Der Bergfex ist die Heizung

Die außergewöhnlichste Berghütte Österreichs krönt den Hochschwab: Das neue Schiestlhaus ist Passivtechnologie pur und war konstruktives Bergabenteuer. Serie Holz, letzter Teil.

Freitag vergangener Woche erreichte ein außergewöhnlicher Ansturm den Gipfel des Hochschwab. Er kam in Schüben und in Form wohlgelaunter Bergfex-Scharen, die bei munteren Plaudereien wie die Gämsen von allen Seiten über Stock und Stein dem Gipfel zuhüpften. Pünktlich zu Mittag verzog sich der Nebel, dafür ballte sich alles, was Bergschuhe und Goretexjacken trug, zu einer kompakten, mit Jausenbroten und Thermosflaschen ausgerüsteten Menschenschwade zusammen.

Die Erwartungen waren groß, das neue ÖTK-Gipfelhaus des Hochschwab stand zur Eröffnung. Das lag zwischen den Menschenmassen gewissermaßen still in der Sonne und ging der Beschäftigung des Sonnenenergieeinfangens nach: Das Schiestlhaus ist die moderne Supervariante einer Berghütte, es funktioniert wie ein kleines Kraftwerk und liegt dabei auf einer Seehöhe von unwirtlichen 2154 Metern.

Die großteils hölzerne Konstruktion ist als Passivhaus ausgeführt, was bedeutet: Die Energie, die es zum Betrieb benötigt und die anderswo aus ökologisch verabscheuungswürdigen Dieselaggregaten kommt, generiert es mittels Sonneneinstrahlung, Sonnenkollektoren und der Abgabe der Wärme von Personen, die sich im Haus aufhalten. Nur im Härtefall wird Energie mittels eines rapsölbetriebenen Blockheizkraftwerks im Kellergeschoß zugeschossen.

Dieser Standard ist schon in flachen Landen nicht ganz einfach herzustellen, doch ein solches Haus im Hochgebirge zu bauen bedeutet Extremhandwerk und leidenschaftlichen Einsatz aller Beteiligten für Umweltschutz und Ökologie. Denn der Berg ist ein witterungsmäßiger Schweinehund und selbst im Hochsommer nicht zu unterschätzen. Seine Gipfel umtosen Winde, die mit Geschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern daherkommen und in denen man sich maximal kriechend fortbewegen kann. Außerdem verhängen Nebel, Schnee und Hagel blitzschnell jegliche Sicht, und wer dann nicht gut ausgerüstet ist, dem gnade der Berggott.

Zudem führen naturgemäß weder Straßen noch Lastenseilbahnen in die Höh', und aus diesem Grund verfügt derzeit eine ganze Truppe von Handwerkern, Architekten und anderen Fachingenieuren über äußerst stramme Wadeln. Die Extrembaustelle war nur zu Fuß erreichbar, den steilen Anstieg schaffen auch Geübte nur in mindestens drei Stunden. Baumaterialien und vorgefertigte, hochwärmegedämmte Wand- und Deckenelemente wurden in rund 1500 Hubschrauberflügen angeliefert, was nur bei guter Witterung möglich war.

Das Schiestlhaus ist, zumindest in seinen oberirdischen Teilen, fast ausschließlich aus Holz konstruiert. Die Form ist kompakt und streng nach Süden orientiert. Dort befindet sich eine beeindruckende Solaranlage, die einen Teil der Fassade bedeckt, die restliche Gebäudeeinhüllung besteht aus unbehandeltem Lärchenholz. Das wird bald schön silbergrau abwittern, wie es sich für eine Berghütte gehört, und stellt den optimalen Fassadenschutz dar. Architekt Martin Treberspurg, der gemeinsam mit den Kollegen Marie Rezac, Karin Stieldorf und Fritz Oettl die ARGE solar4alpin und somit das Kern-Planerteam bildete: „Holz war die beste Lösung, weil wir befürchteten, dass der Sturm zum Beispiel Blech wie Sardinendosen aufrollen könnte.“

Auch der Innenbereich des hochtechnologisierten Schutzhauses ist freundlich hölzern. Bis zu 70 Bergfexe können hier in ausgesprochen gut gestalteten Räumen im Obergeschoß übernachten, die sonst so unangenehmen vielstöckigen Betten sind bei geringstem Aufwand vorzüglich designt. Ein großer Gastraum bietet voll verglasten Panoramablick auf die demnächst zu bezwingenden Gipfel. Wenn man vielleicht etwas bemeckern darf, so ist das die blaue Lasur der Holzoberflächen, die eigentlich gar nicht notwendig gewesen wäre, aber über derlei Geschmacklichkeiten sollen die Wandersleute bei Zirbengeist streiten.

Den Hightechbereich der Anlage, der Temperatur, Zu- und Abluft kontrolliert, werden sie allerdings kaum je zu Gesicht bekommen, denn der befindet sich im betonierten Sockel des Hauses. Dort schaut's aus wie in einer Raffinerie. Die Schaltpulte gleichen den Cockpits von Düsenjets. Beglückenderweise ist der Hüttenwirt gelernter Maschinenbauer und somit fortgeschritteneren Bedienungsanforderungen gewachsen. Treberspurg: „Er muss das Haus im Schlaf beherrschen, er ist gewissermaßen der Pilot hier.“

Der Start dieses Projektes geht unter anderem auf eine viel beachtete Entwurfsarbeit an der TU Wien zurück: Die damalige Studentin Marie Rezac träumte vor sechs Jahren fern ihrer Tiroler Heimat im nebelverhangenen Flachland von einer solarbetriebenen Berghütte. Über die Programmlinie „Haus der Zukunft“ des Verkehrs- und Technologieministeriums fanden schließlich die Passiv-Spezialisten der ARGE zusammen, denn nur durch die Bündelung von Vision, Erfahrung und Spezialkompetenz konnte das Projekt letztlich abheben. Auch die Mitarbeiter der ausführenden Unternehmen leisteten volle Arbeit - nach vielen, vielen schweißtreibenden Aufstiegen.

Bleibt noch der Einsatz des Geldes: Die Baukosten von 1,6 Millionen Euro kamen vom ÖTK (Österreichischer Touristenklub), dem die Spitzentechnologie kräftig fördernden Ministerium (bm:vit), dem Land Steiermark sowie der Gemeinde Wien. Das Interesse der Länder an einem Schutzhaus, das Fäkalien und Abwässer biologisch reinigt, das Regenwasser nutzt und somit Hubschrauber-Versorgungsflüge auf ein Minimum drosselt, war insofern groß, als der Hochschwab eines der wichtigsten Trinkwasserreservoirs der Republik darstellt. Das alte Schiestlhaus mit seiner Senkgrube und anderen Umwelt-Unarten war aus diesen Gründen nicht immer in Betrieb, doch die Unberechenbarkeit des Hochgebirges erfordert eine funktionierende Schutzhütte, will man die Kraxler nicht extremen Gefahren aussetzen.

Die nahmen das neue Alpendomizil jedenfalls erfreut in ihre Routenpläne auf. Die „moderne“ Form dieses Hauses auf dem Gipfel mag dem einen oder anderen noch etwas ungewohnt sein, doch das Innenleben wird formal wie funktional überzeugen. Treberspurg: „Es war ein Abenteuer. Ich bin froh, dass nix passiert ist.“ Rezac; „Schade, dass es vorbei ist.“

19. August 2005 Der Standard

Unter Wasser

Dieser Hochsommer eignet sich wie wenige zuvor zum ausgedehnten Architekturbuch- Schmökern vor dem Kamin. Hier ein paar Lektüre-Tipps von Ute Woltron

Kurz vor dem sich seit Frühling ohnehin beständig ankündigenden Herbst mit seiner traditionellen Architekturbuchschwemme erlauben wir uns, auf ein paar ausgewählte Zwischendurch-Publikationen hinzuweisen, die etwaige letzte Urlaubstage erwärmen könnten.

Sehr passend erscheint etwa das Buch Water House (Felix Flesche und Christian Burchard, Verlag Prestel, engl., € 41,10). Die Autoren zeichnen darin den Traum vom „Leben im symbiotischen Verhältnis mit der Natur“ - insbesondere dem Wasser versteht sich - anhand verschiedenster realisierter oder lediglich geträumter Wasserarchitekturen nach.

Water House ist denn auch eine jener seltenen gelungenen Mischungen aus architektonischen Visionen und handfesten Architekturen, die anderswo oft etwas bemüht und konstruiert daherkommen. Burchard und Flesche unternehmen mit ihren Lesern jedoch stringente Zeit- und Genrereisen, sie machen bei den traditionellen schwimmenden Häusern Kanadas genauso Halt wie bei Jules Verne, Richard Buckminster Fuller, auf 70er-Jahre James-Bond-Filmsets und Jean-Michel Ducancelles wahrhaftiger „Aquasphere“.

Floating Homes gibt es so gut wie überall, wo es Meere, Seen, Flüsse gibt. Die Nase vorn haben einmal mehr die wasserreichen Niederländer mit so eleganten Strukturen wie etwa Hermann Hertzbergers Watervilla Middelburg. Die Protzvariante aquatischer Architektur entsteht derzeit wenige Kilometer vor der Küste Dubais in Form mehrerer künstlicher Inseln in Palmen- und Kontinentenform. Die größte der Inseln wird immerhin 7000 Villen Platz bieten, über deren architektonische Gestaltung allerdings besser geschwiegen werden sollte.

Ebenfalls kreuz und quer gedacht und deshalb höchst empfehlenswert ist der Band Tropical Architecture (Wolfgang Lauber, Verlag Prestel, engl., € 71,-). Auch hier unternimmt der Autor mit seinen Lesern ausgedehnte Reisen - diesmal in die heißen und schönen Gefilde dieser Welt. Wolfgang Lauber vergleicht traditionelle Konstruktionen und Baustile mit jenen, die von Kolonisatoren in die Tropen gebracht wurden. Er stellt also vermeintlich simple Bambus- oder Lehmarchitekturen modernen Bautypen gegenüber und untersucht die Sinnhaftigkeit der jeweiligen Konstruktionen in Afrika, Südamerika und Asien.

Das Bauen in den Tropen, meint er, bedeute die Auseinandersetzung mit extremen klimatischen Bedingungen wie hoher Luftfeuchtigkeit, Hitze, starker Sonneneinstrahlung: „Die traditionelle vernakuläre Architektur der Tropen hat über einen langen Zeitraum hinweg intelligente Bauformen, Raumfolgen und Konstruktionsmethoden sowohl für Wohnen und Arbeiten als auch für kulturelle und religiöse Zeremonien entwickelt.“

Lauber beschreibt nun spannend, detail- und kenntnisreich, inwieweit die Ankunft der europäischen Zivilisation zu einem Kollaps der Architekturtraditionen der so genannten Dritten Welt geführt hat und wie sich andererseits die so genannte moderne Architektur die über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende erprobten Erkenntnisse der Einheimischen in der Folge zunutze machte.

Einen ähnlich subtilen Ansatz hat das Buch Himalayan Vernacular (Carl Pruscha, Schlebrügge. Editor, engl., € 32,-). Der Wiener Architekt Carl Pruscha hat, bevor er Professor und schließlich Rektor der Universität für bildende Künste in Wien wurde, zehn Jahre in Nepal verbracht und im Auftrag der Unesco die nepalesische Regierung in architektonischen und städtebaulichen Fragen beraten.

Hier präsentiert er nicht nur eindringlich das Anliegen, die gefährdeten traditionellen Wohn- und Lebensformen dieser Region zu schützen, er zeigt auch anhand mehrerer Case-Studies in Nepal, Bhutan und Tibet auf, wie das funktionieren könnte. Irgendwie scheint Pruscha dieses Talent zum Einfachen und dennoch wunderbar Funktionierenden zurückimportiert zu haben, was man vor allem seinen restauratorischen Arbeiten (siehe etwa Semper Depot) anmerkt.

In seinem Vorwort zu „Himalayan Vernacular“ argwöhnt der renommierte indische Architekt Charles Correa Ähnliches: „Ich weiß nicht, wie viel von all dem Carl mitzunehmen vermochte, als er bedauerlicherweise vom Himalaya zu den Alpen zurückging. Aber ich weiß, dass sich die Architekten Nepals alle an ihn und seine Arbeit erinnern.“

In einer völlig anderen Weltgegend hat sich zu einer völlig anderen Zeit die Autorin Dine Petrik herumgetrieben. Sie war in der Gegend der Bibliotheca Alexandrina - unterwegs auf Weltwunderboden (Verlag Sonderzahl, € 14,-) und hat anhand dieses, man könnte sagen, Remake eines Weltwunders, die verwirrende und bewegte Geschichte der Region zu einem essayistischen, persönlich gefärbten Reise-Architektur-Geschichtsband gemacht.

Petrik beschreibt die historische und architektonische Dichte auch anhand diverser Begebenheiten. So schildert sie etwa, wie „im Sommer 1997 beim Bau einer neuen Straße ein Pferd samt Wagen plötzlich vom Erdboden verschluckt“ wurde: Es hatte bei diesem Sturz gewissermaßen die Katakomben von Kom el-Schukafa wiederentdeckt, die heute von Archäologenteams erforscht werden. Die moderne Gegenwelt zeigt sich beispielsweise anhand der 2002 eröffneten alexandrinischen Bibliothek von Snohetta. Für Petrik ist sie „eine Riesenscheibe, die aus dem Wasser zu steigen scheint.“

Mit einer Vergangenheit anderer Art befasste sich der Grazer Architekt Günther Domenig, als er dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg vor drei Jahren ein Dokumentationszentrum verschaffte, für das er 2004 u.a. den Goldenen Löwen der Architekturbiennale Venedig bekam. In Günther Domenig - Recent Work (Matthias Boeckl, Verlag Springer Wien New York, € 59,80) ist dieses nur eines von erstaunlich vielen jüngeren Projekten des charismatischen und äußerst produktiven Bau-Mannes.

Der kalifornische Architekt Thom Mayne stellt sein Vorwort unter den Titel „Aufbruch aus dem Zusammenbruch“ und meint darin über den Kollegen: „In seinem Werk geht es letztlich um eine Beziehung zum Ende, zum Endgültigen, zu einem Ort, wo der Verfall eine Quelle der Erneuerung ist. (...) Ich habe ihn persönlich tiefer verstanden, nachdem ich ihn in seinem Steinhaus besucht habe. Energie, eine üblicherweise nicht sichtbare Eigenschaft, wird in diesem Werk greifbar, wie der Konflikt als dessen Ausgangsmaterial greifbar wird.“

Apropos Günther Domenig: Druckfrisch liegt auch ein Buch über das T-Center St. Marx vor (Domenig, Eisenköck, Peyker; Liesbeth Waechter-Böhm, Verlag Birkhäuser, € 30,40), das Waechter-Böhm unter dem Titel „Ein Saurier hebt ab“ als „das ungewöhnlichste“ und „spektakulärste“ Bürohaus landauf, landab bezeichnet. Wir widersprechen keinesfalls.

Zu guter Letzt noch eine warme Empfehlung für ein Buch, das irgendwie ein bisschen zwischen den Zeiten hängt. Zum einen, weil sich der Architekt, um den es geht, vor mittlerweile auch schon wieder 30 Jahren aus bis heute unerfindlichen Gründen das Leben nahm. Zum anderen, weil die hier superb von Fotografin Sigrid Neubert in Szene gesetzten Architekturen großteils nicht nur modern, sondern sogar zukunftsweisend wirken.

Unter dem fast brutal knappen Titel Schwanzer (Herausgegeben von Leonie Manhardt, Verlag Springer Wien New York, € 45,-) werden drei Bauten des heute zwar keineswegs vergessenen, aber irgendwie dennoch nicht laut genug gewürdigten Wiener Architekten und Architekturlehrers Karl Schwanzer vorgestellt: ein Wohnhaus in Wien (1962), die BMW-Bauten in München (1973) - natürlich inklusive des berühmten „Vierzylinders“- sowie die österreichische Botschaft in Brasilia (1975).

Im Anhang kommen auch Karl Schwanzers Schüler zu Wort. Rüdiger Lainer meint etwa: „Karl Schwanzer war der einzige österreichische Stararchitekt der Nachkriegszeit, eine Persönlichkeit, die sowohl national als auch international neue Territorien der Architektur zu entdecken imstande war.“ Und Heinz Neumann, der bei Schwanzer nicht nur studiert, sondern auch gearbeitet hat, erinnert sich an die Nachtschichten, mit denen der Architekt seine jungen Kollegen nicht selten verblüffte: „Meist fand man am Morgen auf dem Zeichentisch neue Ansatzpunkte der Arbeit, unzählige Handskizzen und Bemerkungen, die jeden Fehler durchschaut hatten. Er war für jede Frage offen, die oft weit über architektonische Themen hinausging. Noch heute bedaure ich, dass ich ihm aufgrund seines kurzen Lebens nicht mehr Fragen stellen kann.“

Solchermaßen mit Lektüre ausgestattet, sollten die letzten Regentage vor den ersten Nebelwochen tadellos zu überstehen sein.

16. Juli 2005 Der Standard

Ohne Maß und Ziel kein Plan

Die kleine Großstadt Wien bekommt in den nächsten Jahren noch ein paar hohe Häuser in den Stadtfrack geflickt. Internationale Architekturstars geben sich dabei etwas zickig.

„Von vorn betrachtet sieht ein Haus meist besser als von hinten aus“, wagte bereits Wilhelm Busch anzumerken. In der zeitgenössischen Architekturproduktion ist diese „Hinterseite“ des Hauses der Planungsprozess, der natürlich auch seine hübschen, aber auch seine komplizierteren Seiten zeigen kann. Das Ringen von Investoren und Nutzern, von Architekten und Bauherren um Quadratmeterpreise und Mietvereinbarungen bereits während der Planungsphase wird kaum je dokumentiert, obwohl gerade dieser Prozess die spätere Architektur aktiv mitformt. Das Zusammenspiel ist äußerst kompliziert, schlecht ausgetragene Reibereien und missliche Kompromisse setzen sich im Gebauten fort wie genetische Defekte.

Wien bekommt beispielsweise in den nächsten Jahren eine Reihe neuer Hochhäuser verpasst. Derzeit sitzen drei internationale und berühmte Architekten an Plänen für Tower in der Donaucity und am Donaukanal. Jean Nouvel wird, wie bereits im STANDARD berichtet, für die Uniqa-Versicherung einen Büro-Hotel-Geschäftsbau in Nachbarschaft zu Hans Holleins Generali-Gebäude am Donaukanal errichten. Sein Landsmann Dominique Perrault baut ein Wohn-Büro-Hochhaus in der Donaucity, die Schweizer Kollegen Herzog & de Meuron stellen einen zweiten Turm gleicher Nutzung daneben auf.

DER STANDARD zeigt hier erstmals die lang erwarteten Visualisierungen der beiden neuen WED-Türme, die nicht zuletzt die Stadtsilhouette prägen sollen - und zwar gemeinsam, quasi in Absprache miteinander. Dominique Perrault, dessen wettbewerbsprämierter Masterplan für die Donaucity im Jahr 2002 das ursprüngliche städtebauliche Leitbild für dieses derzeit größte und wichtigste Stadtentwicklungsaral ablöste, darf den höchsten Turm bauen: Der hier vorgestellte 200 Meter hohe Entwurf ist nach Angaben von WED-Chef Thomas Jakoubek in etwa der 50. Der von Herzog & de Meuron (160 Meter) immerhin schon der 30. Warum? „Weil es eine Herausforderung für uns ist, mit beiden Architektenteams, die wir für sehr gut halten, eine unseren Anforderungen entsprechende Lösung zu finden“, sagt Jakoubek, und zu diesen Anforderungen zählt eben auch die kombinatorische Qualität des Hochhaus-Ensembles.

Dass der Immobilienmanager schwierige Projekte erfolgreich abwickeln kann, hat er unter anderem mit Günther Domenigs viel beachtetem T-Center an der Tangente unter Beweis gestellt. Die architektonische Skulptur Domenigs prägt die Stadtlandschaft dort auf äußerst wohltuende Weise, die Baukosten explodierten wider Erwarten vieler nicht, und das Haus ist solchermaßen konzipiert, dass etwaige Nachnutzungen laut Jakoubek keine gröberen Probleme darstellen werden.

Auch die Superstars Perrault und Herzog & de Meuron müssen im Dienste der Stadtansicht und natürlich auch der Vermietbarkeit ihre Entwürfe nun pfleglich aufeinander abstimmen, doch eine Tendenz zur Zickigkeit ist in der Gilde der Weltberühmten offenbar Trademark, und es entbehrt nicht einer gewissen Peinlichkeit, wenn die einen den Entwurf des anderen aus Visualisierungen einfach digital wegradieren. Worüber sich Jakoubek im Übrigen hinwegsetzt, denn erstens ist Architektur immer auch öffentliches Anliegen, und zweitens wird vonseiten der Investoren viel Geld dafür in die Hand genommen. Perraults Turm ist mit rund 120 Millionen Euro veranschlagt, der von Herzog & de Meuron mit etwa 100 Millionen.

Auch wenn die Architekten zu einem Miteinander finden sollten, bleibt die Donaucity-Bebauung doch dispers, zerrissen und als Stadtraum reichlich unattraktiv. Jakoubek verweist auf die Bemühungen der WED, Plätze, Wege, Straßen zu optimieren, man möge das Endresultat abwarten, sobald die letzten Lücken geschlossen seien. Perraults Entwurf könnte Ende 2006 in Bau gehen, der Nachbarturm je nach Marktsituation rund zwei Jahre später.

Wie man mit dem Projekt eines Kollegen allerdings bestens Umgang pflegen kann, bewies Kollege Jean Nouvel unlängst mit seinem Wettbewerbssieg für das Hotel-Büro-Projekt der Uniqa am Donaukanal. Der Franzose, der den Bauplatz und seine Umgebung bereits im Rahmen des von Hans Hollein gewonnenen und realisierten Wettbewerbs für den Generali-Tower genauestens studiert hat, lieferte eine Fingerübung erster Güte ab. Sein Entwurf bildet - und zwar in äußerst kommunikativer Manier mit dem Nachbarturm - ein attraktives, sehr fein konzipiertes Portal zum zweiten Wiener Gemeindebezirk. Oder auch zur Innenstadt, wie man will.

Nouvel nahm Holleins Fassadenschräge geschickt in seine Planungen auf, ordnete den Mikro-Stadtraum elegant nach funktionellen Kriterien und hielt sich dabei strikt an die vorgegebene Ausschreibung. Die Uniqa verfügt als Bauherrin über vorzügliche Architekturexperten, denen man den Spaß an der Sache anmerkt. Sie pflegt eine rege Kommunikation mit den Wiener Planungschefs - und obwohl stets gemeckert wird, in Wien ginge architektonisch überhaupt nichts weiter, zeigt sich diese Kooperation deutlich fruchtbar. Jean Nouvel ist ein eigensinniger Architekt, der bereits ein paar Meisterwerke abgeliefert hat - das Institut du Monde Arabe in Paris beispielsweise - und es wird spannend sein, die weitere Genese dieses 4-Stern-Plus-Hotelgebäudes an der Kante zur sorgfältig behüteten Wiener Innenstadt zu verfolgen.

Wie die Landmarkbildung in der Donaucity voranschreiten wird, lässt sich dagegen noch nicht genau vorhersagen, weshalb wir uns an dieser Stelle präzisere Interpretationen der vorliegenden Entwürfe versagen. Nur so viel: Perraults grob in Triangeln facettierter Turm ist derweilen noch auf der Suche nach der Eleganz des Bank of China-Hochhauses eines I.M.Pei. Und Herzog & de Meurons Nachbar braucht dringend eine sinnvolle Fassadengestaltung, will man ihn nicht der totalen Uninspiriertheit zeihen. Doch Jakoubek meint, alles sei derzeit im Flusse und die Kommunikation mit den Planern äußerst intensiv. Was bleibt, sind die Vorgaben: „Die Häuser müssen funktionieren, sie müssen gut ausschauen und sie müssen zur Landmarkbildung in der Donaucity maßgeblich beitragen. Diese Anforderungen werden von Architekten im Allgemeinen selten bis nie verstanden, aber wir geben die Hoffnung nicht ganz auf.“ Selbstdarstellungstendenzen mancher Architekten seien „nicht zu übersehen“, doch schließlich würden die Investoren das „Letztrisiko der ganzen Geschichte“ tragen.

Ob die Universität für angewandte Kunst ebenfalls in ein neues Haus von Coop Himmelb(l)au in der Donaucity übersiedeln wird, soll ein derzeit laufendes Standortbegutachtungsverfahren klären. Eine Kooperation mit der Kunsthalle Wien und einem neuen „Haus der Kulturen“ wird gemeinsam angedacht.

9. Juli 2005 Der Standard

Die Zeit ist wichtiger als der Ort

Kommende Woche eröffnet im Wiener Palais Eskeles die Ausstellung „Jüdische Identität in der zeitgenössischen Architektur“

Als man Peter Eisenman, den Architekten des im vergangenen Mai in Berlin eröffneten Holocaust-Mahnmals, fragte, ob er an der zeitgleich stattfindenden Ausstellung „Jüdische Identität in der zeitgenössischer Architektur“ teilnehmen wolle, lehnte der Sohn emigrierter deutsch-französischer Juden das ab.

Dem STANDARD gegenüber argumentierte der Amerikaner damals so: „Als man Barnett Newman in den 50er-Jahren bat, an einer Ausstellung jüdischer Maler teilzunehmen, sagte er, er glaube nicht an so etwas wie jüdische Identität in der Malerei. Ich erinnerte mich daran und sagte jetzt dasselbe: Ich glaube nicht, dass es so etwas wie jüdische Identität in der Architektur gibt.“

Diese Ausstellung des Jüdischen Historischen Museums Amsterdam macht nun ab kommendem Mittwoch Station im Jüdischen Museum Wien - und es ist schade, dass Eisenman seine Teilnahme verweigerte. Denn die Kuratoren und Autoren der Schau kamen nach sorgfältigen Recherchen letztlich zu keinem anderen Schluss als er selbst.

„Es gibt viele jüdische Architekten“, schreibt etwa Samuel D. Gruber, Direktor des Jewish Heritage Research Center in Syracuse, im Ausstellungskatalog, "aber im Prinzip gibt es keine „jüdische“ Architektur. Bis zum frühen 19. Jahrhundert wurden sämtliche europäischen Synagogen von Nichtjuden errichtet, und heute bauen jüdische Architekten in offenkundig nicht jüdischen Kontexten. Richard Meier hat im Auftrag des Vatikans jüngst eine Kirche in Rom fertig gestellt. Man sollte nicht überrascht sein, dass ein Jude eine Kirche in Rom baut: Vor Jahrzehnten baute ein Jude - Louis I. Kahn - die Hauptstadt eines muslimischen Landes - Bangladesh."

Dennoch orten die Kuratoren der Schau, die Historikerin Angeli Sachs und Edward van Voolen, ebenfalls Historiker und Rabbi, in der zeitgenössischen Architektur eine „jüdische Avantgarde“, die sich weltweit vor allem in drei Bauaufgaben herauskristallisiert: in Museen, in Synagogen und Gemeindezentren und in Schulbauten. „Worauf dieser Begriff am ehesten anwendbar ist, ist die Berücksichtigung jüdischer Kultur und Religion, Symbole oder der hebräischen Schrift im architektonischen Entwurf.“ Und weiter: „Zum Teil sind diese avantgardistischen Projekte mit der Architektursprache des Dekonstruktivismus verbunden, die besonders geeignet scheint, die Diskontinuität der Geschichte, ihre Brüche, Einschnitte und Deformationen anschaulich auszudrücken. Aber sie ist nur eine unter vielen Möglichkeiten.“

Tatsächlich manifestiert sich gerade in jüngerer Vergangenheit eine, wenn man will, erstarkende jüdische Identität in interessanten musealen Bauten, in neu konzipierten Gedenkstätten und Gemeindezentren. Der Holocaust bleibt gezwungenermaßen stets präsent, doch die Erinnerung an diesen radikalsten Bruch in der Geschichte der Juden hat neue Orte und Räume definiert. Die an Konzentrationslager angeschlossenen Gedenk- und Ausstellungsräume bleiben, sie bleiben auch wichtig. Doch die neueren jüdischen Museen haben sich von diesen Orten abscheulichster Geschichtsschreibung gelöst und stehen als Solitäre da.

Daniel Libeskinds Jüdisches Museum Berlin, 1999 fertig gestellt, ist eines der eindringlichsten und bekanntesten Beispiele dafür. Wie man den zerrissenen, skulpturalen Bau deuten mag - als Blitz oder, wie Libeskind selbst, als etwas, das sich „zwischen den Linien“ abspielt - bleibt den Betrachtern überlassen. Es ist jedenfalls eine meisterlich in Szene gesetzte Leere, die das Haus bereits vor seiner Bespielung zu einem Anziehungspunkt für hunderttausende Besucher machte.

Die Juden hätten in der Feier des Sabbats und ihrer religiösen Feste „Kathedralen in der Zeit“ und nicht im Raum errichtet, zitiert van Voolen in einem klugen Aufsatz den Philosophen Abraham Heschel. Und über Jahrtausende sei in der jüdischen Religion und Tradition die Zeit - gedeutet und aktualisiert - wichtiger gewesen als der Ort. Doch irgendwie kann die Architektur auch die Zeit in Räume fassen, und ein gelungenes Beispiel dafür befindet sich mitten in Wien.

Bei den Grundierungsarbeiten für Rachel Whitereads Mahnmal auf dem Judenplatz war man auf Reste der mittelalterlichen Synagoge gestoßen. 1421 hatten sich darin achtzig Gemeindemitglieder eingeschlossen, waren tagelang belagert worden und hatten schließlich Selbstmord begangen, indem sie sich selbst verbrannten. Die Architekten Christian Jabornegg und András Palffy umschlossen den Ort mit einem Raum, der sich völlig zurücknimmt und nur durch einen unterirdischen Gang erschlossen ist.

Ein ganz ähnliches Konzept verwirklichten Etan Kimmel und Michal Eshkolot in der Jerusalemer Altstadt mit dem Davidson-Besucherzentrum: Das liegt bis zu acht Meter tief im historischen Stadtboden versenkt und offenbart Fundstücke aus der Periode des zweiten Tempels, der byzantinischen Herrschaft sowie der Zeit der ersten Omajjaden.

Ebenfalls in Jerusalem entsteht derzeit in Altstadtnähe ein „Museum der Toleranz“, mit dem das Simon Wiesenthal Center „die Versöhnung und den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern“ fördern will. Frank O. Gehry, 1928 als Frank Goldberg in Kanada geboren, entwarf dafür einen gewaltigen, dispersen Gebäudekomplex, der in Jerusalem keineswegs unumstritten ist.

Aus finanziellen Gründen bis dato unvollendet bleibt Daniel Libeskinds aufregender Entwurf aus dem Jahr 2000 für ein Jüdisches Museum in San Francisco. In die historische Backsteinhalle eines Kraftwerks, das nach dem Erdbeben von 1906 errichtet wurde, um die Energie für den Wiederaufbau zu liefern, setzte der polnisch-amerikanische Architekt mit wüster dreidimensionaler Bildsprache die hebräischen Buchstaben des Wortes „Chai“, was so viel bedeutet wie „Leben“.

Mindestens ebenso interessant wie die immer zahlreicher werdenden Museumsarchitekturen sind die neuen Synagogen und Gemeindezentren. Der Tessiner Architekt Mario Botta beispielsweise hatte noch nie in seinem Leben eine Synagoge betreten, als er eingeladen wurde, die Cymbalista-Synagoge samt angeschlossenem Gemeinde- und Kulturzentrum in Tel Aviv zu entwerfen. Im Gegensatz zu den Dekonstruktivisten arbeitete er mit strengen Symmetrien. Zwei kräftige Türme markieren diese Doppelsynagoge, die laut NZZ-Architekturkritiker Roman Hollenstein „eine doppeltürmige Burg des Glaubens“ darstellt, mit dem Botta „sich selbst übertroffen“ habe.

Dritter Schwerpunkt der Schau sind die Schulen und Ausbildungsstätten, und hier wurde die Ausstellung für Wien um einen eigenen Raum erweitert: Die Schülerinnen und Schüler der von Adolf Krischanitz 1999 in den Augarten gepflanzten Lauder-Chabad-Schule reflektieren in Zeichnungen und kleinen Kunstwerken, wie sie im täglichen Gebrauch mit ihrem Schulhaus und ihren Lieblingsplätzen darin umgehen. Und gelebte Architektur ist natürlich das Jüdische Museum in der Dorotheergasse 11 selbst - das Palais Eskeles, subtil adaptiert und in Szene gesetzt von den Architekten Eichinger oder Knechtl.

[ „Eine Zeit zum Bauen. Jüdische Identität in zeitgenössischer Architektur“, Jüdisches Museum Wien, 13. 7. bis 4. 9. Zur Ausstellung erscheint ein vorzüglicher Katalog im Verlag Prestel (59,- €). Info unter www.jmw.at ]

7. Juli 2005 mit Karin Krichmayr
Der Standard

Event- und Freizeitzone Donaukanal

Ab diesem Sommer soll der Wiener Donaukanal zum Verbindungsglied zwischen Innenstadt und Leopoldstadt ausgebaut werden. Die Infrastruktur kommt von der Stadt, die Investitionen von privaten Betreibern - und die setzen auf Freizeit, Spaß und Urlaubsfeeling.

Bemühungen seitens der Stadt, den Donaukanal zu neuem Leben zu erwecken, gibt es seit Langem. Die Stadtplanung versucht aus Gründen der Budgetschonung seit zwei Jahren vor allem privaten Investoren den Weg zum kleinen Wiener Wasser zu ebnen und die nötigen Infrastrukturen bereitzustellen. Die Projekte sind freilich kleinformatig und temporär, die großen Architekturwürfe bleiben - noch - in der Minderzahl.

In diesem und kommenden Sommer wird der Donaukanal erstmals in fast gesamter Länge mit diversen Freizeit-, Gastronomie- und Fun-Einrichtungen bespielt. Was als Ossi Schellmanns „Summerstage“ begann, hat quasi Junge bekommen.

Bereits eröffnet ist die „Strandbar Hermann“ im Bereich des Hermannparks neben der frisch sanierten Urania. Kommenden Samstag wird auf der gegenüberliegenden Kanalseite im Bereich der ehemaligen Umweltmeile der Stadtstrand „Adria Wien“ zum Sonnenbaden, Relaxen und Sporteln einladen.

Gerold Ecker, der schon mit seiner „Expedit-Bar“ kulinarische Akzente gesetzt hat, will mediterranen Flair in die Bundeshauptstadt zaubern, die Wiener Adria wird täglich zur Steckerlfisch-, Tanz- und Kurzurlaubszone.

Eckers Folgeprojekt soll laut Donaukanal-Koordinator Bernhard Engleder kommenden Sommer finalisiert werden: Ein Badeschiff mit Titel „Riviera“ will die Idee der Strombäder der Jahrhundertwende wieder aufleben lassen. Das Schiff wird samt Schwimmbecken, Sonnendeck und diversen Gastro- und Freizeiteinrichtungen zwischen Aspern- und Schwedenbrücke vor Anker gehen.

Ebenfalls in Planung befindet sich ein Kulturschiff namens „MS Supamira“, das grenzüberschreitenden Kulturaustausch anpeilt. Ein ehemaliges Frachtschiff wird beim Hermannpark seine Hauptanlegestelle haben, jedoch auch Stationen entlang der Donau befahren können. Mit an Bord gehen Theateraufführungen, Konzerte und Ausstellungen.

Die Planungen für ein drittes Schiff stammen von Architekt Boris Podrecca, auf dem Wellnessschiff wird es ein umfassendes Angebot für Entspannung, Fitness und leibliche Genüsse geben. Ankerpunkt ist die dem Schützenhaus Otto Wagners gegenübergelegene Kanalseite. Das Schützenhaus selbst, so Engleder, könnte zu einem Alt-Wiener-Kaffeehaus adaptiert werden, Gespräche mit der Burghauptmannschaft als Hausherrin laufen.

Fest steht, dass das Szenelokal Flex mit einem vorgelagerten gläsernen Pavillon samt Kaffeehausbetrieb bis 2006 erweitert wird, die Planungen von Architektin Carola Stabauer befinden sich in der Einreichphase.

Wiener „Rialto“

Der Donaukanal ist eines der Kerngebiete des Step05, vor allem die Verbindung zwischen Innenstadt und zweitem Bezirk soll laut Stadtplanung forciert werden. Als wichtiges Element nannte Planungsstadtrat Rudolf Schicker dem STANDARD gegenüber eine von Michael Satke gemeinsam mit den Architekten Eichinger oder Knechtl projektierte multifunktionale Brücke im Bereich Schwedenplatz. Ein Wiener „Rialto“ würde die Bezirke fußläufig verknüpfen und gleichzeitig als Shopping-und Gastromeile neues Leben mitten auf den Kanal bringen.

Die Aufwertung des bis dato städtebaulich vernachlässigten Schwedenplatzes erfolgt schrittweise: Ab 2006 werden Schnellboote von hier aus regelmäßig zwischen Wien und Bratislava verkehren und die beiden Kernstädte der Großregion auf dem Wasserweg verbinden. Markante Architektur entsteht auf der Gegenüberseite mit Jean Nouvels Hotelturm für die Uniqa. Stromaufwärts befindet sich Zaha Hadids SEG-Wohnhaus im Finale und wird Ende 2005 in Betrieb gehen.

2. Juli 2005 Der Standard

Hauptrolle: Der See

Hans Kupelwiesers Seebühne in Lunz begründet die neue Gattung der allwettertauglichen Robust-Hybrid-Maschine

Nein, Lunz am See in Niederösterreich ist nicht, wie allerorten gelästert wird, Österreichs Kälteloch Nummer eins. Das befindet sich deutlich ein paar Kilometer außerhalb des schönen Örtchens, behauptet jedenfalls Lunzens Bürgermeister Martin Ploderer, der das sehr genau nimmt, weil er erstens viele Gäste in seinem Ort willkommen heißt und weil er zweitens Lehrer ist.

Da man sich allerdings von Witterungen aller Art in Lunz sowieso nie beeindrucken ließ, finden hier sommers seit acht Jahren die „Wellenklänge“ statt - ein kleines, stets fein besetztes Kulturfestival am Rande des dopplerglasfarbenen, kühlen Sees. Der ist einer der Hauptakteure. Ein See, wie er im Bilderbuch steht. Kleine Fischlein drehen Spiralkreise über Glitzersand. In den Pioniertagen der Wellenklänge saßen die Zuschauer noch an seinem Rand im Gras. Auf Schiffen und Flößen glitten die Musiker und Akteure durch die Fluten. Die Stimmung war schon damals gut, doch die Zeiten der klammen Hintern sind mithin vorbei.

Wenn Freitag kommender Woche (8. Juli) die diesjährigen Lunzer Sommerspiele eröffnen, werden die Besucher ohne Pölsterchen und Decken im Strandbad - dem traditionellen Austragungsort - erscheinen, weil sie nun in einem ganz außergewöhnlichen Konstrukt am Wellenrand Platz nehmen können. Luxuriös, sozusagen. Viele von ihnen werden sich außerdem schon eine Weile vor Programmbeginn einfinden, um keinesfalls ein kleines Vorspektakel zu versäumen, das nicht selten vom Bürgermeister höchstelbst eingeleitet wird: Herr Ploderer versenkt mit geübtem Griff eine handelsübliche Wasserpumpe im See, wirft sie an, und nach etwa einer Viertelstunde beginnt sich die neue Seebühne Lunz langsam aufzufalten wie das Dach eines Cabriolets.

Was vorher eine abgetreppte, zum Sonnenbaden bestens geeignete Randbefestigung zum Wasser war, entwickelt sich geräuschlos zum kleinen, überdachten Theater. Der See spielt auch in diesen Momenten die Hauptrolle: Seine Wasser befüllen einen geräumigen Tank, das Gewicht von rund 15 Kubikmetern Seenass hebt das vorher völlig unscheinbare Tribünendach in die Höh und gibt die darunter gelegenen, geschützten Sitzplätze frei.

Der Konstrukteur dieser einfachen, aber sehr raffiniert gemachten Maschinerie ist der in Lunz beheimatete Künstler Hans Kupelwieser. Doch Väter und Mütter hat das außergewöhnliche Projekt gleich mehrere. Da wäre etwa Suzie Heger zu nennen, die Kuratorin der Wellenklänge. Oder Katharina Blaas, die Leiterin der Abteilung Kunst im öffentlichen Raum der niederösterreichischen Landesregierung. Nicht zu vergessen der Bürgermeister Martin Ploderer und so manch anderes Gemeindemitglied, und auch Kupelwiesers Mitarbeiter Günther Dreger sowie die Rechenmeister vom Werkraum, die viele Stunden mit der Optimierung der Dachkonstruktion verbrachten: Gemeinsam hat man diesen Kraftakt gestemmt, als klar wurde, dass die Wellenklänge ein Erfolg sind, Lunz klimatisch aber nicht Palermo ist und eine Art Wetterschutz vonnöten sei.

Um zu einer guten, dem Festivalcharakter entsprechenden Lösung zu kommen, organisierte die Kulturabteilung der Landesregierung nach den vom Verein Wellenklänge wohl durchdachten Angaben einen geladenen Kunstwettbewerb, den Hans Kupelwieser gewann. Heger: „Wir hätten am liebsten gleich alle Entwürfe gehabt, aber die Entscheidung fiel für Kupelwieser, weil die Skulptur, die er entworfen hat, so schön war.“

Kupelwieser wandte gleich mehrere Kunstgriffe bei dem Projekt an. Zum einen erweiterte er - für Lunzer und Sommerfrischler gleichermaßen erfreulich - das Strandbad, indem er einen steilen, gebüschbewachsenen Hang am Ende des Areals zum Bauplatz erklärte. Er nutzte die Hangneigung optimal aus und platzierte dort eine geräumige Betontreppe. Ist das Seebühnendach geschlossen, ergibt das besagte Sonnendeck-Situation.

Denn die Dachkonstruktion liegt schützend über den Sitzstufen, von der Stahlträgerkonstruktion ist nichts zu sehen, die Kunststoffoberfläche ist leicht gesandet, auf dass keiner ausrutscht. Der Tank, der das Konstrukt hebt, liegt am oberen Dachende, Hydraulikstempel puffern die Kräfte, damit das Heben und Senken sachte vonstatten geht. Von dort oben führt ein lackierter Stahlsteg bis über die Seeoberfläche, wenn das Wasser wieder abgelassen, das Dach gesenkt wird, gibt es einen feschen Wasserfall.

Die Seebühne Lunz ist ein klassischer Hybrid, und zwar in wettertauglich robuster Ausführung: Sie ist mehrfach nutzbar in allen Teilen. Das Sonnendeck ist gleichzeitig Dach, der Wasserfallsteg ist auch Sprungturm für Kinder und jugendliche Gemüter, er kann zugleich Bühne für Aufführungen aller Art werden, und die Summe aller Teile ergibt eine Skulptur, die den Ort zeitgenössisch markiert, sowie eine äußerst wartungsarme Maschinerie.

Apropos Aufführungen: Wo liegt eigentlich das Zentrum der Angelegenheit, die Bühne selbst? Sie schwimmt auf vier luftgefüllten Aluminiumkammern direkt auf dem See und ist über zwei Stege erreichbar. Was, wenn es doch einmal regnen sollte, was selbst in Lunz gelegentlich doch vorkommen soll? Dann fährt ein zusätzliches Flugdach aus, und zumindest die Vorbühne kann weiter trocken bespielt werden.

Suzie Heger: „Diese schwimmende Bühne ist für Theaterleute das allergrößte Fressen. Es ist lustig, Auf- und Abgänge per Boot zu machen, die Musiker nähern sich einzeln auf Schiffen, und der See trägt dabei jeden Ton. Die Seebühne hat eine herrliche Akustik, wir spielen unverstärkt, man hört die feinsten Klänge, weil in diesen Trichter der Tribüne hineingespielt wird.“ Großstädtische Kunst auf das Land zu transportieren, sagt Heger, hätte sie gereizt, als sie damals nach Lunz kam, und die konzentrierte Stimmung hier am See bekomme durch die Stille und das Wasser tatsächlich eine zusätzliche Dimension.

Das Projekt hat laut Kupelwieser 270.000 Euro gekostet, die großteils vom Land, aber auch von der Gemeinde und privaten Sponsoren aufgebracht wurden. Kupelwieser betont den „Goodwill“, der von allen Seiten bekräftigend auf die Realisierung einwirkte und an dem auch die Bevölkerung durchaus teilhat. Die wenigen kritischen Stimmen, die für diese - letztlich geringe - Summe lieber einen Güterweg oder Ähnliches in Angriff genommen hätten, verstummen jetzt laut Heger. Die Leute aus dem Ort würden vielmehr unentgeltlich aus Spaß an der Sache mitarbeiten und beispielsweise Traktoren für Requisitentransporte etc. zur Verfügung stellen.

Im Herbst, wenn sich Lunz wieder nur an den Rand des österreichischen Kältelochs zubewegt, wird die schwimmende Bühne entkoppelt, unter Trara und Volksfest zu ihrem Unterwasser-Ankerplatz verschippert und viele Meter tief versenkt. Stichwort Frostgefahr. Der See schützt sie, weil ohne ihn würde hier, wie gesagt, nichts funktionieren.

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag