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25. Juni 2005 Der Standard

Die Zukunft ist das Neue

Eine Lehre der Strategie für Architekten gibt es ab Herbst an der Angewandten

Architektur zu planen ist eines, die schönen Pläne auch in die Realität umzusetzen ein ganz anderes: Viel zu oft zerbröseln prämierte Entwürfe im unbarmherzigen Getriebe des bauwirtschaftlichen Geschehens - und da die Hoffnung auf Barmherzigkeit ein frommer Wunsch bleiben wird, müssen die Architektinnen und Architekten künftig fit gemacht werden für den Turbo-Schleudergang, den jede Realisierungsphase darstellt.

Die Situation der Planer ist letztlich grotesk, und das Spiel läuft stets nach demselben Schema ab: Nehmen wir einen großen, internationalen Wettbewerb her. Ab dem Moment, in dem der Bauherr die Pläne auf seinem Tisch zur gefälligen Betrachtung ausbreitet, beginnen normalerweise auch Umplanungs- und Einsparungsüberlegungen einzusetzen. Da das Geschäft der Architektur mittlerweile ein außerordentlich diversifiziertes ist, liegen selbstverständlich auch detaillierte Kostenschätzungen neben den Entwürfen.

Das Vertrauen in kommerzielle Berechnungen von Architekten ist traditionell äußerst bescheiden - oft ist das Misstrauen unberechtigt, aber so manches schwarze Schaf hat diese Weide in der Vergangenheit zertrampelt und Bauherren nachgerade in den Abgrund getrieben. Deshalb werden sicherheitshalber unabhängige Gutachter eingesetzt, die das gesamte Bauvorhaben nochmals durchrechnen - gegen ordentliche Honorare, versteht sich, was auch völlig in Ordnung ist.

Ab dann laufen, sagen wir, „informelle Gespräche“ der großen ausführenden Unternehmen im Hintergrund. Angebote trudeln ein, die liegen meistens erstaunlich weit über den Kostenrechnungen - und die Architekten strichlieren und planen im Akkord und im Dienste der Einsparungen um. Denn sie sind vertraglich mit der Erreichung des Kostenziels gegängelt, weshalb die oft monatelang von vielen Mitarbeitern durchgeführten Umplanungen im Honorar nicht enthalten, also gratis sind.

Tatsächlich arbeiten die Architekten dabei nicht selten vor allem der internationalen Bauindustrie zu. Denn die sich schließlich ergebende Differenz bleibt, um es ganz vorsichtig auszudrücken, gewöhnlich nicht allein im Säckel des Auftraggebers. Kurzum: Der Architekten unentgeltliche Mehrleistung spart den einen Geld und beliefert die anderen zugleich damit.

Obwohl es äußerst schwierig ist, dergleichen Absprachen nachzuweisen, laufen auf europäischer Ebene gerade die ersten Prozesse an. Es wäre wundervoll, an dieser Stelle konkrete Beispiele anführen zu können, doch über laufende Verfahren darf nicht berichtet werden - und die Angst der Architekten ist groß.

Sie wissen, dass sie das schwächste Rädchen im Getriebe sind und dass allein der durch unwirsches Fingerschnippen eines Investors ausgelöste Luftzug so manchen in den Konkurs wehen könnte. Es sind ja schon ganz andere Kaliber diesen bösen Weg gegangen, denken sie: Leute wie Rem Koolhaas zum Beispiel, oder Frank Gehry.

Geht man davon aus, dass gute Architektur Grundlage für Lebens- und Arbeitsqualität ist, somit direkt unser aller Leben beeinflusst, und dass die (verantwortungsvollen) Architektinnen und Architekten auch noch diesem Auftrag nachzuhinken versuchen, kann dieser Zustand also als sehr ärgerlich bezeichnet werden.

Leute wie Gehry oder Koolhaas haben aus ihren Schlappen gelernt und ihr Geschäft auf andere kommerzielle Füße gestellt. Der eine verkauft höchst erfolgreich Software für Architekten, der andere beliefert große Markenartikler mit Konzepten. Nebenbei machen sie gelegentlich auch noch Architektur. Die Szene ist, wie man bemerkt, durchaus weltweit in Veränderung begriffen.
Um auch die hiesigen Studentinnen und Studenten auf ihre spätere Arbeitssituation in den turbokapitalistischen Mühlen vorzubereiten, bietet die Architekturfakultät der Universität für angewandte Kunst ab kommendem Wintersemester einen über drei Semester laufenden Post-Graduate-Lehrgang mit Titel „Urban Strategies“ an.

Die Riege derer, die in Wien Erfahrungsberichte vortragen werden, ist prominent: Neben dem letzten Pritzker-Preisträger Thom Mayne (USA) kommen des Weiteren Eric Owen Moss (USA), Jeffrey Kipnis (USA), Charles Correa (Indien), Mario Coyula-Cowley (Kuba), Patrik Schumacher (Großbritannien), Bart Lootsma (Holland) und Raimund Abraham (mittlerweile USA). Zugelassen sind Absolventen der Studienrichtungen Architektur, Landschaftsarchitektur und Design. Eine Bewerbung kann noch bis 13. August erfolgen, die Kosten betragen 5000 Euro pro Semester.

Angewandte-Architektur-Vorstand Wolf Prix (Coop Himmelb(l)au): „Wir wollen Architekten so ausbilden, dass sie auch in Zukunft noch als Architekten arbeiten können. Das Rollenbild ändert sich. Architekten müssen als Strategen ausgebildet werden, sie müssen sich erst darüber klar werden, was sie erreichen wollen, und dann lernen, wie sie ihre Pläne auch tatsächlich realisieren und umsetzen können.“

Zitat aus dem inhaltlichen Konzept des neuen Post-Graduate-Lehrgangs: „Die Stadt ist wesentliches Handlungsfeld gegenwärtiger Architekturproduktion. Strategien meint eine Synthese aus Forschung, Entwurf und Intervention. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Untersuchung gewohnter Verhaltensmuster, und auch die Reflexion der eigenen Position soll es möglich machen, die vielfältigen Interessen und Kräfte des urbanen Feldes in ihrer ökonomischen, technologischen und organisatorischen Bestimmtheit für die Projektarbeit fruchtbar zu machen.“ Das Ziel heißt: „Anleitung zur Selbstständigkeit durch eine offen geführte Auseinandersetzung mit Zielen und Methoden, die prinzipiell alles zur Diskussion stellt: Rollenbilder und Handlungsmuster, Wertehierarchien und Entscheidungsstrukturen, ebenso wie neue Geometrien und Figuren.“

Mit einer weiteren Vortragsreihe externer Spezialisten ist die Angewandte unter dem Titel „Architektur und Politik“ auf diesem Gebiet bereits seit Kurzem aktiv. Gelegentlich aufflackernde Vorwürfe, Prix würde der Architekturschule den „Dekonstruktivismus-Stempel“ aufdrücken, empfindet er als „amüsant“: „Diese Kritiker, die glauben, die Architekturprofessoren der Angewandten würden alle die gleiche Schiene fahren, sind mit Blindheit geschlagen.“

Wie es mit Strategieplänen etwaiger Zusammenlegung der Architekturschulen von Angewandter und der Universität der bildenden Künste ausschaut, wird am Dienstag bekannt gegeben.

22. Juni 2005 Der Standard

Baubesprechung Vergabekrise

Die Architekten wollen die strikte Trennung von Planung und Ausführung im neuen Bundesvergabegesetz verankert sehen. Prominente Unterstützung erhielten sie gestern seitens der Bauindustrie.

Zu einem außergewöhnlichen Schulterschluss zwischen Bauindustriellen und Architektenvertretern kam es gestern anlässlich eines Pressegesprächs zur bevorstehenden Novelle des Bundesvergabegesetzes, das die Vergaben der öffentlichen Hand regelt.

Georg Pendl, Bundesvorsitzender der Architekten (Kammer), hatte dazu eingeladen und unter anderem Porr- bzw. Strabag-Chef Horst Pöchhacker und Hans Peter Haselsteiner auf das Podium geholt - beide waren vor Kurzem noch die Hauptrivalen im eher wirren Totalunternehmer-Vergabeverfahren um das EM-Stadion in Klagenfurt.

Bis Ende Jänner 2006 muss das derzeit gültige Bundesvergabegesetz (BvergG 2002) renoviert und im Sinne der neuen EU-Vergaberichtlinie adaptiert werden. Auch angesichts der sich ständig mehrenden Einsprüche bei Vergabesenaten aller Art konstatierte Pöchhacker, man könne hier zu Lande nicht von einer „Vergabekultur“, sondern höchstens „von einer Vergabekrise“ sprechen. Man möge die Novelle dafür benützen, um die zu lösen.

Die Architekten, traditionell kollektiv in Sachen politischer Versiertheit und Lobbying eher unterbelichtet, wollen ihre Anliegen endlich aktiv einbringen und führen drei entscheidende Punkte an, die sie gerne in der Novelle verankert wüssten. Erstens: Die „bewährte österreichische Tradition“ (Pendl) der Trennung von Planung und Ausführung sollte dringend erhalten bleiben. Die EU lässt es ihren Mitgliedstaaten frei, diese in den nationalen Gesetzen zu verankern. Jetzt - oder nie wieder - besteht die Chance, das auch zu tun.

Zweitens: Die Bestellung von „unabhängigen“ Preisrichtern für die Jury-Gremien, die in oft tagelangen Sitzungen die eingereichten Wettbewerbsbeiträge beurteilen und dem Bauherrn das beste Projekt zur Ausführung empfehlen, sollte gesetzlich festgelegt sein. Drittens: Auch für die Zusammensetzung der Bewertungskommissionen für Verhandlungsverfahren, die bis dato vom Auslober nach Gutdünken bestückt werden können, wünschen sich die Planer und Planerinnen gesetzliche Bestimmungen. Ein Drittel der Kommissionsmitglieder, die über die Befähigung von Bewerbern für die Teilnahme an einem Verfahren urteilen, so Pendl, „sollte vom Fach sein“.
Hans Peter Haselsteiner betonte zwar, dass eine Totalübernehmerschaft, also die Gesamtvergabe von Planung und Ausführung in einem Paket „nachweisbar und anhand zahlreicher Projekte erwiesenermaßen billiger“ sei.

Bewertungskriterien

Er plädierte dennoch überraschenderweise energisch „für eine strikte Trennung zwischen diesen unterschiedlichen Leistungen“. Denn: „Die Vermischung von objektiven und subjektiven Kriterien stellt immer ein großes Problem dar.“ Künstlerisch-kreative Leistung, wie eben das Planen und Entwerfen von Architektur, müsse einer anderen Bewertung unterliegen als Beton-, Stahl- und Fundamentkostenvergleiche.

Wie gebaut wird, wenn lediglich die Kosten im Vordergrund stehen, so der Bauindustrielle, könne man bedauerlicherweise landauf, landab betrachten, und er persönlich wünsche sich „als Staatsbürger“ durchaus auch für private Bauherren restriktivere Vorschriften.

Horst Pöchhacker stimmte Haselsteiner prinzipiell zwar zu, würde aber „die Möglichkeit für eine gemeinsame Vergabe gesetzlich zumindest offen lassen und die Totalunternehmerschaft nicht gleich umbringen“. Er meinte: „Mein Angebot an die Architekten lautet: miteinander nachdenken.“

Gerhard Buresch, Konsulent und Ex-Geschäftsführer der Bundesimmobiliengesellschaft, wies auf einen weiteren elementaren Faktor im Baugeschehen hin: Er plädierte für mündige, verantwortungsbewusste Auftraggeber, denn „hinter der Palette von Vorschriften lässt sich Eigeninitiative und Mut zauberhaft verstecken. Die öffentlichen Auftraggeber brauchen Persönlichkeiten, die dazu bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.“ Und das bedinge ein Weiteres, nämlich die politische Rückendeckung.

18. Juni 2005 Der Standard

Klee im Feld

Renzo Pianos „Paul Klee Zentrum“ in Bern bleibt bei aller Form nur Fassung

Üblicherweise darf man gespannt sein, wenn Renzo Piano (68) baut. Der Genueser Architekt ist immer wieder für Überraschungen gut, er segelt herausfordernd durch die verschiedensten Raum- und Formenwelten, gibt dabei keinen wirklich erkennbaren Kurs vor, verankert aber regelmäßig erstaunliche und markante Architekturen an den schönsten Orten dieser Welt.

Piano hat einige Meilensteine gesetzt und sogleich wieder hinter sich gelassen: das Centre Georges Pompidou in Paris, das er 1977 gemeinsam mit Richard Rogers in jugendlichem Übermut und gedärmartig freiliegenden Strukturen vollendete; das monumental-schnittige Stadion San Nicola in Bari, das als Betonarena für die Fußballweltmeisterschaft 1990 entstand; der riesige, auf einer künstlichen Insel gelegene Flughafen Kansai in Osaka, der 1994 eröffnet wurde.

All diese und auch seine anderen Häuser sind verblüffend unterschiedlich, man weiß nie, wohin des Weges der vitale Architekt ziehen wird. Zuletzt zog es ihn jedenfalls in das verträumte, um nicht zu sagen verschlafene Städtchen Bern in der Schweiz. Dort liegt die gebürstete und selbstverständlich prachtvolle Altstadt in hübscher Topografie und unter dem Schutze der Weltkulturerbe-Bewahrer konserviert an gewundener Flussidylle. Pelargonienorange oben auf den historischen Fensterbänken. Chlorduft unten auf den klinisch reinen Gehsteigen.

Die Landschaft rund um Bern ist nicht minder idyllisch, vor langer Zeit waren die sanften Geometrien und Farbschattierungen der Felder und Hügel Inspiration für einen großen Sohn dieser Heimat, nämlich für den Maler Paul Klee (1879 bis 1940). Für dessen bis dato in mehrere Sammlungen und Stiftungen zersplittertes künstlerisches Lebenswerk wünschte man sich ein gemeinsames Dach, und Renzo Piano - das gaben die Grundstück und Geld spendenden Mäzene Maurice und Martha Müller vor - möge der Architekt des Museums sein.

Dieser Tage wird das „Paul Klee Zentrum“ nach dreijähriger Bauzeit eröffnet. Es liegt zwischen Weizenfeldern und Wiesen eingebettet und ist das Ergebnis einer vorbildlichen Public Private Partnership: rund 105 Millionen Schweizer Franken schwer, und, wie in der Schweiz üblich, erst nach Befragung und Abstimmung der lokalen Eidgenossinnen und Eidgenossen errichtet.

Man würde nun gerne in eine lobende Hymne einstimmen und das Haus entsprechend besingen, aber angesichts der Architektur bleiben die Jubeltöne in der Kehle stecken. Irgendwie bleibt hier alles glatt und langweilig, und in und um die drei Stahlwellen, die Piano wie eine Skulptur in das sanfte Hügelrollen gesetzt und großteils eingegraben hat, will keine rechte Stimmung aufkommen. Schwierig zu beschreiben, warum das so ist - denn jedes Detail für sich trägt die Handschrift großer Sorgfalt und architektonischen Könnens. Doch der Gesamtkomposition fehlt das Wichtigste - die Eigenresonanz, die persönliche Schwingung, der Charakter.

Die vom bewährten Ove Arup berechnete Konstruktion ist der pure Aufwand: Eine komplizierte Abfolge wellenförmiger Stahlträger, die ein wenig geneigt sind und mit allerlei Druckstreben und Zugbändern gehalten werden, formen drei Hügel aus. Die tauchen abwechseln in Luft und Erde ein. Das Zentrum hat somit nur eine Fassade, es besteht ansonsten von außen betrachtet lediglich aus Dachwellen, die sich nach hinten in den Getreideacker graben wie die Sandwürmer in Frank Herberts „Wüstenplanet“: An sich eine nette Idee, doch was eine Landschaftsskulptur hätte werden sollen, oder, wie Piano meinte, „ein Ort, und kein Museum“, bleibt kraft- und ausdruckslos.

Die Konstruktion ist hier mit der Idee davongaloppiert. Zu wenig skulptural wirkt die Angelegenheit, obwohl sie doch vor allem auch Skulptur sein will. Mit zu vielen Sonnenschutzsegelchen und Lamellen verkleckert ist die Glasfront, um sich vom Edelstahlschimmer der Dachhaut entsprechend abzusetzen. Und auch die Innenräume entsprechen den Erwartungen nicht: Die so aufwändig angelegte Form des Gebäudes ist nach dem Betreten recht bald nicht mehr spürbar, und man beginnt sich fast ärgerlich die Frage zu stellen, was das alles eigentlich bedeuten soll, welchen Zweck diese fast verkrampft wirkende Gestaltungswut eigentlich verfolgt.

Erst beim Anblick der wundervollen Arbeiten Paul Klees im tageslichtfreien Zentralraum im Mittelhügel beginnt eine jener zeitlosen Reisen, die der Besuch in einem guten Museum sein sollte. Hier kann man sich verlieren, hier spaziert man durch die von Kurator Tilman Osterwold betont großzügig gestaltete Ausstellungslandschaft. Hier hat die Kunst diese feine, entrückte, uneitle Aura, die das Haus so gerne hätte und die Piano erstaunlicherweise nicht entstehen lassen konnte.

Vielleicht hat er sich hier einfach zu viel vorgenommen und sich zu manieriert vor dem Künstler Paul Klee verneigt. Sogar der Acker rund um das Zentrum darf laut Vorgaben des Architekten nur nach bestimmten Linien gepflügt und besät werden, um den Gesamteindruck zu unterstreichen.

Derzeit umrahmt Wintergerste das künstliche Ensemble. Debatten, wie man des Unkrauts Herr werden könne, verliefen ergebnislos. Mohn- und Kornblumen tupfen subversiv reizende Farbflecken in die Szenerie. Klee hätte möglicherweise seine Freude an ihnen gehabt. „Kunst gibt nichts Sichtbares wieder, sondern macht sichtbar“, hat er jedenfalls einmal gemeint.

16. Juni 2005 Der Standard

Nachhilfeunterricht in Sachen Architektur

Ein Vortrag von Rem Koolhaas im MAK

Dienstagabend war der niederländische Architektursuperstar Rem Koolhaas, Chef des Rotterdamer Architekturbüros OMA, auf Einladung des Museums für angewandte Kunst (MAK) für einen flüchtigen Moment in Wien, um einen Vortrag zu halten. Das Gerangel um die Karten nahm popkonzertartige Ausmaße an, im Publikum saßen die heimischen Architekturleuchten versammelt, unter ihnen Hans Hollein und Wolf Prix. Wer weit gehend fehlte: Politiker und sonstige „Entscheidungsträger“.

Schade, denn gerade sie adressiert der Niederländer vorrangig: Er geht in seinen Vorträgen bevorzugt auf die unterschiedlichsten Faktoren ein, die Architektur entstehen lassen und letztlich Inhalt und Form von Städten und Gebäuden bestimmen. „Die Architekten bekommen jede Menge Aufmerksamkeit“, meinte er in Anspielung auf den Starrummel rund um prominente Baukünstler, „aber sie werden nicht ernst genommen“.

Koolhaas analysiert die Welt gern mittels Diagrammen und schneidet die unterschiedlichsten Faktoren gegeneinander, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Er zeigte etwa auf, dass die als Kurve dargestellten Museumserweiterungen der letzten 15 Jahre exakt der Entwicklung der Wallstreet-Indices entspricht.

Er demonstrierte die exponentialen Erfolgskurven von Stars übers Lebensalter und stellte die flachen Kürvlein renommierter Architekten dazu. Es reiche nicht, auf Auftraggeber zu warten, sagte er zum STANDARD, die Architekten müssten sich heutzutage ihre Auftragsgebiete selbst erarbeiten. Aus diesem Grund hat Koolhaas eine eigene Division gegründet, die Feldforschung betreibt und etwa im Auftrag der EU-Kommission das europäische Selbstverständnis samt seiner Typo- und Ikonografie analysiert. Koolhaas' Flagge des vereinten Europa bringt alle Fahnenfarben der Mitgliedstaaten in vertikaler Schichtung unter. Was übrig bleibt, ist ein Strichkode.

11. Juni 2005 Der Standard

Holz-Zeit

Serie Holz Teil 2: Wie Ingenieurleistungen und Architektur zu Holzbaukunst werden

Wie bereits in Teil 1 unserer vierteiligen Holz-Serie erörtert, hat sich Holz als Baumaterial längst von seinem vormaligen Alpenhütten-Rustikal-Image befreit und in den vergangenen 15 Jahren einen erstaunlichen Modernisierungsschub erfahren. Dass man aus diesem - nach Expertenmeinung - ökologischsten aller Baustoffe ausgesprochen poetisch-ästhetische und noch dazu sehr große und technisch höchst anspruchsvolle Konstruktionen in die Landschaft setzen kann, stellen Architekten und Holzspezialisten gemeinsam immer wieder weltweit unter Beweis.

Eines der aufsehenerregendsten Konstrukte der jüngeren Vergangenheit befindet sich auf der Insel Nouméa, Neukaledonien, und stammt vom Renzo Piano Building Workshop. Zehn bis zu 28 Meter hohe „Hütten“ bilden hier das Jean-Marie Tjibaou Cultural Center - ein kleines Dorf, in dem die Kultur der Polynesier sowohl in Architektur als auch Bespielung im Mittelpunkt steht. Die von den schlichten, doch raffiniert konstruierten Holzbehausungen der dort ansässigen Bevölkerung inspirierten Häuser des Teams rund um den italienischen Architekten Renzo Piano stellten eine konstruktive Herausforderung dar und präsentieren sich nun als eine sehr lebendige Melange traditioneller Baukunst der Kanaken und europäischer Ingenieurskunst. Holz und Seile aus Stahl tanzen hier zwischen Palmen, Strand und Meer ein exotisches Ballett. Wenn der Wind über die Küste fegt, beginnen die hoch aufragenden Holzelemente zu summen.

Dieser Pas de deux von Entwurf und statischer Berechnung, von feiner Architektur und kunstvoller Tragwerkskonstruktion kann nur gemeinsam von Bauingenieuren und Baukünstlern getanzt werden. Holz ist und bleibt ein ganz besonderer Stoff, der nur nach sorgfältiger Berechnung und Optimierung der inneren Kräfte, Drücke und Momentenläufe zu stimmigen Tragwerken assembliert werden kann. Die entfalten dann aber auch eine ganz eigene Ästhetik und entwickeln, wenn man will, im Gegensatz zu Stahlkonstruktionen einen irgendwie lauschigeren, nicht so kalt-technoiden Charme.

Einer der Holzarchitektur-Vorreiter dieser Holz-Neuzeit ist Konrad Merz von Merz, Kaufmann und Partner, die Bauingenieurbüros in Dornbirn und Altenrhein unterhalten und regelmäßig mit internationalen Holzbaupreisen bedacht werden. Sie zeichneten etwa verantwortlich für den französischen Pavillon für die Expo 2000 von Françoise-Hélène Jourdá, mehrere weit gespannte Messehallen von vonGerkan Marg und Partner, die Holzhalle für Jenbach von Josef Lackner und Hermann Kaufmanns Reithalle in St. Gerold.

Der Holzbau ist auch eine Mentalitätsfrage", konstatiert Merz. Während etwa in den USA gut 90 Prozent aller Wohnhäuser seit jeher aus Holz gemacht seien und auch die Japaner Holzhäusern traditionell den Vorzug gäben, stünde man hier zu Lande erst am Anfang der Entwicklung. Holz im Einfamilienhausbau holt zwar auf, doch die interessantesten Holz-Projekte sind derweil noch die eher großformatigen: Hallen für Industriebetriebe beispielsweise oder Reithallen, Brücken, Messe- und Ausstellungshallen. Hermann Kaufmann nennt als die derzeit noch wichtigsten, weil verständigsten Bauherren die Sägewerksbesitzer. Denn die, so der Architekt, „kennen sich mit Holz einfach gut aus und wissen, was das Material kann“. Sägewerkshallen, die noch vor wenigen Jahren zumeist in Stahl ausgeführt wurden, präsentieren sich immer öfter als elegante und ihrem Inhalt wohl besser entsprechende Holzhallen.

Merz meint, dass vor allem die Fortschritte in der Fertigungstechnik und die erst durch moderne Computertechnologie ermöglichten superpräzisen Zuschnitte der einzelnen Elemente in Sachen Holzbau befördernd gewirkt haben. Zudem kommen seit einiger Zeit auch neue, großformatige Plattenelemente zum Einsatz, die der konstruktive Holzbau in den vielen Jahrtausenden zuvor in dieser quasi monolithischen Form nicht kannte.

„Holzbau“, so Merz, „ist traditionell ein Bauen mit Stäben. Jeder Teil, jeder Stab hat seine Funktion als Haupt- oder Nebenträger, doch diese neuen Elemente können noch viel mehr. Sie werden etwa als Decken- oder Wandelemente eingesetzt, sie tragen, steifen aus, umhüllen.“ Diese neuen Möglichkeiten würden mittlerweile von vielen Architekten und Konstrukteuren genutzt, denn, so Merz, wenn Konstruktion und Witterungsschutz sauber gemacht seien, wäre Holz genauso langlebig wie jeder andere Baustoff auch.

Die Optimierung des konstruktiven Holzbaus ist dabei noch lange nicht abgeschlossen, weitere Möglichkeiten sollen ausgenutzt werden. Hermann Kaufmann sieht hier vor allem im Bereich kostengünstiger Wandelemente eine noch nicht geschlossene Marktlücke. Was die Primärkonstruktion, also das Tragwerk anbelange, so Kaufmann, könne Holz mit Stahl mittlerweile locker preislich mithalten, Holzwände bleiben im Vergleich zu billigen Sandwich-Stahlwänden noch teuer: „Wir sind aber gerade am Nachdenken, wie wir auch dieses Problem lösen können.“

[ der Standard ist Medienpartner des von proHolz gemeinsam mit der Stadt Wien ausgelobten, heuer erstmals vergebenen Holzbaupreises wienwood 05. Der Einreichschluss naht mit 11. Juli: Alle Details und Anforderungen sind unter www.wienwood.at abrufbar. ]

4. Juni 2005 Der Standard

Speed

Kann es sein, dass die Architektur für diese (Geschäfts-)Welt zu langsam geworden ist?

Unsere Zeit und unsere Umwelt sind nicht so beschaffen, dass Pathetik und heroische Gesten in Form reiner Architektur angebracht wären", steht im letzten Kapitel eines Buches geschrieben, das vor über einem Vierteljahrhundert auf amerikanischfreundliche Brutalität die Stadt, die Wirtschaft, die Reklame, die Architektur und den sich daraus ergebenden bunten Brei geißelte.

Learning from Las Vegas erschien 1978 und ist auch heute noch eine der faszinierendsten Architekturpublikationen der letzten Jahrzehnte - und sie ist aktueller denn je. Darin rechneten die Architekten Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour allerdings weniger mit der von Werbung, Plakaten und Logos überfrachteten Geschäftsstadt selbst ab, als mit der Architekturkollegenschaft, die sich im Dienste des vermeintlich Hehren, Großen und Wahren gegen diesen offensichtlichen Ausdruck der Kommerzialisierung empörte, aber kaum brauchbare - und, wie man als Architekt zu sagen pflegt, „anständige“ Alternativangebote zuwege brachte.

„Verdummung und Manipulation sind keineswegs das Monopol hemdsärmeliger Geschäftemacher“, behaupteten Venturi&Co schon damals provokant, „es gibt sie auch bei anderen.“ So etwa bei „kulturellen Interessensvertretern und den Stadtbild-Beiräten“, die „ihr einschüchterndes Prestige in die Waagschale werfen, um eine gegen die Werbezeichen gerichtete Gesetzgebung und Verschönerungsaktionen durchzusetzen“. Und bei den Architekten selbst, die sich, so die Autoren, „im großen und ganzen nicht so sehr mit dem beschäftigen sollten, was eigentlich sein sollte, sondern mit dem, was ist - und damit, wie man es anpacken muss, diese Realität hier und jetzt zu verbessern“.

Die vermeintliche Überfrachtung der zeitgenössischen Stadträume mit Reklame und Werbebotschaften aller Art ist letztlich der Status quo eines Prozesses, der bereits mit den ersten Stadtgründungen einsetzte. Stadt war immer schon der Ort intensivster Kommunikation, und die trägt jeweils das Gesicht ihrer Zeit. Was früher Hieroglyphen, römische Aufschriften, romanische Unholdskulpturen, mittelalterliche Zunftzeichen waren, ist heute Unternehmenslogo, Product-Image, Shopfassade.

Die Architektur war immer Büttel der Macht, und Pyramiden, Paläste, Villen, Triumphbögen, Kathedralen und andere Tempel aller Art trugen das, was sie darstellten, stets mehr als deutlich und demonstrativ in die Stadträume. Dass Shopping zum Götzen unserer Zeit geworden ist, wissen wir nicht erst, seit der holländische Architekt Rem Koolhaas uns in gewichtigen Publikationen und Ausstellungen gekonnt und gut vermarktet darauf hinwies. Dass die Architektur heute zu langsam sei, um mit den rasanten Modifikationen der Geschäftswelt und deren Repräsentanzen mitzuhalten, ist ebenfalls eine Idee, auf die Koolhaas bereits in „Learning from las Vegas“ gestoßen sein dürfte.

Architektur sei ein verschwommenes Amalgam althergebrachten Wissens und zeitgenössischer Anwendung, behauptet der Holländer, eine linkische Art, die Welt zu betrachten, und ein inadäquates Medium, sich ihr zu nähern. Jedes einzelne Projekt würde in seiner Abwicklung Jahre in Anspruch nehmen - viel zu viel Zeit also, um mit den ständigen Veränderungen, die derweil abseits der Baustellen passierten, Schritt halten zu können.

Dennoch gäbe es - jedenfalls außerhalb der Profession selbst - noch eine „vage Erinnerung an eine Hoffnung“, die die Baukunst seit jeher vermittelte: die Hoffnung, dass „diesem gewalttätigen Strom an Informationen, der uns täglich überspült, so etwas wie Gestalt, Form und logische Zusammenhänge auferlegt werden könnte“.

Geht es nach Wolfgang Koelbl, beginnen sich superdichte Stadtgefüge ab einem gewissen Punkt einfach selbst zu regulieren. Der Architekt beschreibt in der sehr lesenswerten Publikation Tokyo Superdichte, erschienen 2000, einen Extremfall der Urbanität - einen Knotenpunkt in der japanischen Hauptstadt, der täglich von 3,4 Millionen Passanten frequentiert wird: „Superdichte ist beschleunigte Stadt, beschleunigt auf die Höhe der Kommerz- und Entertainmentindustrie und auf die Mainstreambedürfnisse einer Fun-Gesellschaft ausgerichtet. Die Aufgabe der versammelten Attraktionen besteht darin, aus möglichst vielen Passagieren oder Umsteigern Kunden zu machen.“

Und weiter: „Was zuerst als Extremvariante einer Stadt anmutet, entpuppt sich Schritt für Schritt als das Gegenteil, als Nicht-Stadt. Am Ende steht die Erkenntnis, dass Superdichte überhaupt nur funktionieren kann, wenn sie alles vermeintlich Städtische abwirft und zu einem reinen Zustand der Intensität wird, wie man ihn sonst nur aus Kunst, Musik, Medien kennt. Die Stadt entledigt sich ihrer selbst.“

Was bedeutet das alles aber nun für eine lang gewachsene und noch relativ geruhsame Stadt wie Wien? Fest steht, dass Investoren und Geschäftsleute auf die Antworten der Architekten nicht lange zu warten geruhen. Wollen die also die „vage Erinnerung an eine Hoffnung“ einlösen und sich aktiv damit beschäftigen, „wie man es anpacken muss, diese Realität hier und jetzt zu verbessern“, müssen sie vor allem eines lernen: Geschwindigkeit.

Wer Architektur und Plakatkommunikation der Einkaufsstraßen und Shoppingcitys mit ihren „geschwätzigen Fassaden“ (Venturi & Co) tatsächlich verbessern will, muss die Hektik und den Konkurrenzdruck der turbokapitalistischen Zeit mit einplanen, um „diesem gewalttätigen Strom an Informationen, der uns täglich überspült, so etwas wie Gestalt, Form und logische Zusammenhänge“ aufzuerlegen.

Und die Moral? Wer befasst sich mit den ethischen Komponenten all dieses Kommerz- Wahnsinns? Wer kann noch davon ausgehen, dass die Architektur das Gute und Schöne in die Welt bringen will? In Learning from Las Vegas heißt es zu Beginn: „Wir blicken zurück auf Geschichte und Tradition, um der Zukunft gewachsen zu sein. Ebenso können wir auch nach unten blicken, um emporzusteigen. Sich eines Urteils zunächst zu enthalten, kann durchaus der richtige Weg sein, um später zu einer differenzierteren Einschätzung kommen zu können. Auf diese Weise ist es möglich, von allem zu lernen.“

23. Mai 2005 Der Standard

Exoberösterreichischer Architekturliteratenjubilar

Friedrich Achleitner feiert den 75er

Angeblich ist Friedrich Achleitner vor sieben Jahren in Pension gegangen, den Ruhestand hat er aber, wie DER STANDARD damals bereits erahnte, nie wirklich angetreten: zum Glück.

Heute, Montag, feiert der überzeugte Exoberösterreicher, der 1930 in Schalchen zur Welt kam und die erste Möglichkeit zur Flucht nach Wien ergriff, den 75. Geburtstag. Gefeiert wurde das bereits am Freitag im Architekturzentrum Wien, das Achleitners umfassendes Archiv der österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert (mit mehr als 20.000 erfassten Objekten) horten darf. Eingeladen hatte der Zsolnay-Verlag, der Achleitners publizistische-literarische Arbeiten verwaltet.

Achleitner blieb auch nach seiner vermeintlichen Pensionierung eine Institution, und obwohl sich der Gründervater der heimischen Architekturkritik nicht mehr so oft zu den Themen der Baukunst äußert wie früher einmal, beglückte er die Szene der Lesenden zum Beispiel im Jahr 2000 mit seinen einschlafgeschichten.

Er könne eigentlich keine Geschichten erzählen, meinte er damals in einem Interview für die Literaturzeitschrift Wespennest - naja, selbst Friedrich Achleitner darf gelegentlich irren. Mit den einschlafgeschichten - gelungenen, fein-frechen Hirn- und Fingerübungen - setzte er den Aktionismus der Wiener Gruppe, deren Gründungsmitglied er war, in einer neuen Zeit literarisch raffiniert fort.

Holzmeister-Schüler

Achleitner, der gelernte Architekt und Holzmeister-Schüler, schrieb damals in den späten 50er-Jahren Dialektgedichte. Wenig später begann er in der Tageszeitung Die Presse die Architekturkritik neu zu definieren, und um 1965 nahm er seine rastlosen Durchwanderungen der österreichischen Architekturlandschaften auf, er analysierte Städte, Dörfer, Häuser sonder Zahl - und studierte nebenbei in so gut wie allen Konditoreien des Landes die unterschiedlichen Qualitäten der Cremeschnitten, für die er eine gewisse Schwäche hegt.

Bis 1998 lehrte er an der Wiener Universität für angewandte Kunst Geschichte und Theorie der Architektur. Seit er pensioniert ist, hat er wieder mehr Zeit für die Arbeit: Erwartet wird jetzt sein Architekturführer für Wien.

14. Mai 2005 Der Standard

Dickschädlige Tüftler

Roland Hagenbergs subtile Interviews und Fotos zeichnen überraschende Bilder japanischer Architekturzeitgenossen.

Als der österreichische Fotograf und Autor Roland Hagenberg den japanischen Architekten Hiroshi Naito in seinem Atelier in Tokio besuchte, um ihn zu interviewen und zu fotografieren, bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass die Fenster in Naitos Office nur einfachverglast waren. Ob ihn, einen Architekten, das nicht störe, fragte er den Japaner erstaunt. In Europa gebe es Einfachverglasung aus Gründen der Energiehaushaltung so gut wie überhaupt nicht mehr.

Naito antwortete milde Folgendes: „Ich stimme mit Ihnen in dieser Frage nicht überein. Sie beziehen sich auf eine sehr westliche Vorstellung von moderner Architektur, die sich im Grunde damit befasst, eine Box zu konstruieren und deren Inneres zu kontrollieren. In dieser von Kontrolle regierten Architektur verwenden die Menschen Airconditioners, Heizungen und Doppelverglasungen. Das mag Energie sparend sein, aber nicht ökologisch. Wirklich ökologische Architektur sollte sich zu den Außenräumen öffnen, und in diesem Zusammenhang könnte ich einen neuen Stil sehen, der sich für das 21. Jahrhundert entwickelt.“

Es stimme auch, fuhr Naito fort, dass viele „Westerner“ dächten, die japanischen Wohnstandards wären niedrig, die Wohnungen zu klein. Doch Japanern wäre der Maßstab traditionell nicht so wichtig wie die Art und Weise, mit der Häuser mit ihrer Umgebung kommunizierten, sich nach außen öffneten.

Hoppla. In einer Architektur- und Medienwelt, die von glatten Bildern und geschliffenen Projektbeschreibungen geprägt ist, kommt Hagenbergs kleine, ausgesprochen schön gemachte Publikation 14 Japanese Architects (Details siehe Tokioräume) mit Zitaten wie diesem einigermaßen kantig daher. Ständig stolpert man bei der Lektüre über Aussagen, die scheinbar Grundsätzliches in der Architektur lässig hinterfragen und die gehörig zum Nachdenken anregen.

Tadao Ando, zum Beispiel, einer der elegantesten Planer des Inselreiches, antwortet auf die Frage, wie er dem elementaren Gefühl der Angst begegne, so: „Ich war früher Boxer. Boxen kann töten. Ich konnte nicht essen. Ich konnte nicht schlafen. Ich übergab mich. Ich lebte in ständiger Angst, also meditierte ich. Heute, als Architekt, fühle ich immer noch Angst. Kann ich große Ideen entwickeln, wundervolle Pläne zeichnen und dann in eindrucksvolle Gebäude umsetzen? Und all das allein, in Einsamkeit. Was, wenn das Gebäude schlecht wird? Bekomme ich dann noch eine Chance? Und wenn nicht, was wird aus meinen Mitarbeitern? Als Boxer habe ich gelernt, dass ich allein entscheiden, handeln und die Verantwortung tragen muss. In diesem Sinne ist das Leben eines Boxers und eines Architekten ähnlich.“

Unter den 14 Architektinnen und Architekten, die Hagenberg über mehrere Jahre hinweg auf Baustellen, in ihren Büros und in fertig gestellten Architekturen aufgesucht, interviewt und fotografiert hat, finden sich Berühmtheiten wie Arata Isozaki, Kenzo Tange, Shigeru Ban, Toyo Ito. Doch auch die hier zu Lande weniger bekannten Planer spinnen in den Gesprächen mit dem Autor interessante Gedankengebäude, die sich wie eine Bandstadt aneinander reihen und durchaus andere Zugänge zum Planen, Bauen und Leben veranschaulichen.

In Japan, sagt Kazuyo Sejima (SANAA), würden die zeitgenössischen japanischen Architekten als Internationalisten angesehen. Im Ausland hingegen preise man ihre charakteristisch japanische Handschrift. Kisho Kurokawa wiederum erläutert die japanische Aggression, mit der Elemente fremder, womöglich bewunderter Kulturen traditionell einverleibt und modifiziert werden: „Wir verdauen es, aber wir bleiben dabei japanisch.“

Arata Isozaki erklärt, dass Architektur nicht zu dominant und schön sein dürfe, weil sonst die Menschen darin ihr eigenes Leben nicht ausreichend entwickeln könnten. Und Hiroshi Naito sagt: „Wenn ich ein Gebäude fertig gestellt habe, dann lasse ich es gehen. Es stört mich nicht, wenn die Leute es auf eine andere Art nutzen, als ich ursprünglich geplant hatte, oder wenn sie es verändern, um sich darin komfortabler zu fühlen.“

Jedes der 14 Interviews ist spannend, erfrischend und überraschend. Und auch die dazugehörigen Fotos sind höchst individuell und ungewöhnlich. Hagenberg erlegt ohne Belichtungsmesser und ohne viel Tamtam Augenblicke, „Sekunden, in denen der Charakter eines Menschen brach da liegt“. Ando, beispielsweise, würde viel Wehmut und Sanftmut vermitteln, „die ständig mit seiner Boxerseele ringen, denn gleichzeitig hat man den Eindruck, er will dir eins in die Fresse hauen, weil du ihm als Interviewer die Zeit stielst“.

Hagenberg beobachtet die japanische Architekturszene seit 1995 genau, er meint: „Hier sind dickschädlige Tüftler am Werk, die mit vier Stunden Schlaf pro Tag auskommen, Tiefschläge von Kunden, Baulöwen und Politikern einstecken, nur um ihre Universen realisieren zu können. Der Andrang von Jungarchitekten, die bei einem der Stars arbeiten wollen, ist so groß, dass fast alle umsonst arbeiten - und dann auch unter dem Arbeitstisch schlafen.“

Seit drei, vier Jahren würden die Baukünstler hier plötzlich wie Popstars gehandelt: „Sie erscheinen auf Covers von Modemagazinen, die Grenzen zwischen Fashion und Architektur sind gefallen.“

Gleichzeitig kommt jeder einzelne der Interviewten irgendwann einmal auf das Thema Natur zu sprechen, die in der japanischen Architektur trotz des allgegenwärtigen und nirgendwo kunstvoller verarbeiteten Baustoffs Beton stets gegenwärtig ist. Hiroshi Naito erinnert sich an seinen Großvater, der täglich frühmorgens - auch bei Minusgraden - eiskalte Bäder im Freien zu nehmen pflegte, um sich abzuhärten. Und Jun Aoki träumt von einem neuen, fantastischen Material, das ihn schützen könne wie eine Haut, das sich anpasse, je nach Gegebenheit hart oder weich wäre, wärmend oder kühlend, das sich zu einem kleinen Raum ausdehnen würde, vielleicht sogar in eine Psychosphäre, die ihn vor negativen Emotionen abschirme. „Die Möglichkeiten“, sinniert er, „sind endlos wie die Natur selbst, in der Pflanzen und Tiere ihre eigenen Schutzmechanismen über Jahrmillionen entwickelt haben.“

4. Mai 2005 Der Standard

Kopf des Tages: Günther Domenig

Ein Bildhauer unter den Architekten - nun ausgezeichnet mit dem „Großen Österreichischen Staatspreis für Kunst“

Auch wenn er es herunterzuspielen pflegt: Günther Domenig freut sich über die Auszeichnungen, die nun, da er 70 und somit ein Architekt im besten Alter ist, auf ihn herniederrieseln wie milder Sommerregen. In Venedig bekam er vergangenen Sommer anlässlich der Architekturbiennale den Goldenen Löwen - „irgend so a Viech“ - für sein Dokumentationszentrum in Nürnberg überreicht. In Wien verlieh man ihm das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Nun bekommt er noch den Großen Österreichischen Staatspreis für Kunst zugesprochen. Und der ist, wie er meint, „endlich einmal auch mit Geld verbunden“.

Viel Ehre und 30.000 Euro also für den Kärntner, der sein Architekturbüro bereits in den 60er-Jahren in Graz etablierte und mit einer keineswegs unsympathischen Brachialität Architektur zu machen begann. Domenig ist dabei einen sehr klugen Weg gegangen, weil er über die taktische Gabe verfügt, seine jeweiligen Talente zu dosieren und von Projekt zu Projekt gekonnt auszuspielen. Zum einen ist er ein formal Hochtalentierter, eine Art Bildhauer und Skulpteur unter den Planern. Zum anderen verfügt er über genug Bodenhaftung, um die Architektur als Dienstleistung zu verstehen. Dafür holte er sich, das muss ebenfalls gesagt werden, immer wieder die richtigen Büropartner. Sein T-Mobile-Haus an der Wiener Südosttangente beispielsweise ist eines der ganz wenigen Wiener Architektur-Landmarks jüngeren Datums - doch hätten hier Zeichen- und Rechenstift gegen- und nicht miteinander skizziert, das Gebäude wäre nie realisiert worden.

Bekannt wurde Domenig mit der für die frühen 70er-Jahre schockierenden Z-Bankfiliale in Wiens Favoritenstraße, in der er eine radikale Wurschtigkeit Konventionen betreffend in Form von Gebäudeinnereien wie Rohren und anderen Installationen an den Tag und in die Fassade legte.

Selbstbefreiungsaktionen wie diese prägen seinen Weg: Mit dem Dokumentationszentrum in Nürnberg (2001) rechnete er mit seiner eigenen Vergangenheit als Nazi-Kind ab, indem er das ehemalige Reichstagsgebäude mit einem scharf strukturierten Stahl-Glas-Pfahl durchschoss. An seinem „Steinhaus“ am Ossiacher See baut er mittlerweile seit Jahrzehnten eigenhändig, quasi mit Beton unter den Fingernägeln und jegliche rechte Winkel missachtend.

Domenig unterrichtete an der TU Graz, baute an dem mit, was man heute „Grazer Schule“ zu nennen pflegt, machte Bühnenbilder und Skulpturen und blieb dabei auf eine seltsam kommunikative Art Einzelgänger.

Er ist Künstler, wenn er für sich arbeitet, Architekt, wenn Dienstleistung gefordert ist. Und dass er beides elegant kombinieren kann, macht seine Sonderstellung in der Architektur und in der Kunstszene aus.

30. April 2005 Der Standard

Lebensräume

Am 1. Mai dieses Jahres wäre der Wiener Architekt Roland Rainer 95 Jahre alt geworden. Vor einem Jahr ist er gestorben. Er wird vermisst, der alte Mann. Irgendwie war er eine Art architektonischen Gewissens in einer Zeit, in der das Grelle, Dekorative gelegentlich zu wichtig genommen, die Fassade zur bedeutendsten Visitkarte des Hauses wird. Rainers Grundsätze - vor allem den Wohnbau betreffend - waren streng, kosmopolitisch und richteten sich stets strikt nach den Bedürfnissen der Nutzer. Seine durchgrünten Siedlungen haben zwar bis heute Vorbildwirkung, doch seine Lehre muss aktiv weitergetragen, verbreitet und an die zeitgenössischen Lebenswelten angepasst werden.

Zum 90er bekam der Ehrenbürger der Bundeshauptstadt denn auch von Stadtplanung und Kammer ein Geburtstagsgeschenk in Form des Rainer-Stipendiums. Die diesjährige Neuauflage anlässlich seines 95ers stellt eine Ausweitung der Idee dar und ist ein „Internationaler Roland-Rainer-Ideenwettbewerb“, der weltweit ausgeschrieben und mit einem Preisgeld von insgesamt 27.000 Euro dotiert ist.

Rainers Lebensthema bleibt im Zentrum: Architekten und Absolventen sind aufgerufen, neue Stadtquartiere anzudenken, neue Wohn-, Lebens, Arbeitsformen im städtischen Raum in Architektur zu gießen. Es handelt sich also um einen Theorie-Wettbewerb auf der Suche nach dem Ideal. Doch laut noch nicht veröffentlichtem Ausschreibungstext „strebt das Verfahren die Auszeichnung von realisierungsfähigen Vorentwürfen für ein Stadtquartier an“. Und: „Auch wenn das Verfahren zuerst auf Ideen zielt, verstehen sich die Auslober dazu, das Projekt des Gewinners nach Abschluss so aufzubereiten und zu veröffentlichen, dass eine bauliche Umsetzung erleichtert wird.“ Der STANDARD wird über den Wettbewerbsstart, Ausschreibung und Termine demnächst ausführlicher berichten.

Parallel dazu ruft das Roland-Rainer-Komitee „die Notwendigkeit der Errichtung eines Roland-Rainer-Lehrstuhls, eines Roland-Rainer-Archivs und eines Roland-Rainer-Platzes in Erinnerung. Rainers einzigartige Architekturgesinnung muss als Herausforderung für das Baugeschehen für heute lebendig bleiben.“

29. April 2005 Der Standard

Lasset uns hoffen

Die Masse des in Österreich Gebauten ist als katastrophal zu bezeichnen. Kleinodien wie die „besten Häuser“ haben zwar Vorbildwirkung, doch der kräftigste Impuls in Richtung Qualität müsste von den Kommunen selbst ausgehen.

Österreichweit werden pro Jahr laut Statistik etwa 17.000 private Ein- und Zweifamilienhäuser fertig gestellt. Statistiken über deren architektonische Qualitäten fehlen.

Der eben verliehene Architekturpreis „Das beste Haus“, der die vorzüglichsten Einfamilienhäuser bundesweit auszeichnet, wird hier zwar keine flächendeckende Abhilfe schaffen, aber doch ein Schlaglicht auf die qualitativ bemerkenswerteren, also architektonisch engagierteren Privatdomizile werfen - was angesichts der sonstigen flächendeckenden Abscheulichkeiten in Sachen Privatwohn- und andere Häuser höchst begrüßenswert ist.

Lasset uns ehrlich sein: Zieht man von der Summe des Gebauten in Österreich die nicht oft und genug zu lobenden Leistungen der hier wacker für die Sache der Baukultur streitenden Planergilde ab, so blickt man auf ein außerordentlich weites, grässliches Meer letztlich unverantwortlich übler Häuser, deren Existenz durch nichts berechtigt ist.

Die Häuslbauer stellen zwar die in Summe wichtigste Bauherrenschaft der Nation, und die wenigsten von ihnen engagieren Architektinnen und Architekten - doch wer soll es ihnen verübeln, wenn die meisten Bürgermeister als höchste Bauinstanzen und Regionalkaiser ihrer Verantwortung Hohn spotten und in den von ihnen höchstselbst beauftragten und bewilligten Gemeindeaufgaben kulturelle Niederlagen am Fließband in Baumaterialien gießen?

Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel, doch von diesen ist hier ausnahmsweise eben nicht die Rede. Diesmal picken wir uns nicht die Rosinen aus dem Kuchen, sondern bemeckern die überwältigende, alles verkleisternde Masse des misslungenen Teiges.

Lasset uns also träumen: Jeder Bürgermeister, jede Bürgermeisterin wird - am besten gleich vom Nationalrat - zu einem zumindest einwöchigen Architekturgrundkurs verpflichtet und unternimmt - am besten noch vor Amtsantritt - eine Bildungsreise zu den besten und sinnvollsten Gemeinde-Häusern Österreichs. Denn, um nicht ungerecht zu sein, gelungene Beispiele für Rathäuser, Gemeindesäle, Volksschulen etc. finden sich allemal, doch eben noch nicht in befriedigender Dichte und Verbreitung.

Und weiter: Jede Genossenschaft wird gesetzlich dazu verpflichtet, für die im Rahmen von Förderungen errichteten Wohnhäuser zumindest ein kleines Gutachterverfahren abzuhalten. Zuwiderhandlung wird mit saftigen Strafen geahndet. Denn was sich auf diesem Sektor in ländlichen Regionen, also auf 98 Prozent des Bundesgebietes, abspielt, grenzt an menschenverachtende, um nicht zu sagen halbkriminell auftragsschachernde Machenschaften. Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen. Aber nur wenige.

Die Produkte, in denen schließlich Menschen wohnen und Kinder aufwachsen müssen, zum Beispiel solche, für die das Einfamilienhaus auf der Parzelle ein unfinanzierbarer Traum bleibt, zeichnen sich im Schnitt durch Hässlichkeit aus, gepaart mit stupiden Grundrissen und völliger Absenz jeglichen Anspruchs auf zeitgenössische Wohnkultur.

Wenn dann auch noch zumindest jeder Bezirk auf eine Art energischen, best ausgebildeten Gestaltungsbeirat zurückgreifen könnte, der sein Fachwissen in Sachen Baukultur, Nachhaltigkeit, Ökologie - und Ökonomie - im Dauereinsatz und mit dekretgestütztem Nachdruck zur Anwendung brächte: Österreich wäre binnen Kurzem das Schlaraffenland guter Architektur, ohne bedeutend mehr Geld dafür auszugeben - und an dieser Oase würden sich über kurz oder lang auch zehntausende Häuslbauer laben: Stichwort Vorbildwirkung. In anderen Ländern, siehe Finnland, funktioniert so etwas ja auch.

Damit befinden wir uns sogleich wieder bei den nunmehr von s Bausparkasse, dem Staatssekretariat für Kunst und Medien sowie dem Architekturzentrum Wien in Zusammenarbeit mit den regionalen Architekturinstitutionen ausgezeichneten Häusern, ihren Planern und Planerinnen und den Bauherren und Baudamen. Zu sehen sind die neun Projekte - jeweils eines aus jedem Bundesland - seit gestern im Architekturzentrum Wien. Sie haben alle Folgendes gemeinsam: Sie wurden von Fachleuten, also Architektinnen und Architekten, für private Bauherrschaften geplant und errichtet. Und nein, hier gibt es keine goldenen Armaturen und Carrara-Marmorverkleidete Garagen für das Viertauto, sondern gut in die jeweiligen Landschaften eingefügte, mit sinnvollen Grundrissen ausgestattete Häuser. Sehr individualistisch - aber das soll ja ein Schaden nicht sein. Die Architekten sind übrigens im Schnitt sehr jung, auch das ist begrüßenswert.

Franz Morak, der sich hier offensichtlich für Baukultur ins Zeug legt, meint: „Die Beteiligung des Bundes an diesem neu ins Leben gerufenen Architekturpreis der s Bausparkasse stellt eine wichtige Erweiterung des Förderspektrums im Bereich der Architektur dar. Gerade bei den Einfamilienhäusern war es bisher kaum möglich, nachhaltige Initiativen zu setzen. Dieser Preis soll dazu einen Impuls liefern und bei den Bauherren das Bewusstsein schaffen, dass ein Architektenteam das Bauen erleichtert, kostengünstiger macht und Qualität garantiert.“

Sehr gut - nachhaltige Initiativen, bundesweit: Na bitte, wenn wir da jetzt nicht ein paar zusätzliche Vorschläge gemacht haben? Lasset uns hoffen, lasset uns träumen, lasset uns viel, viel gute Architektur machen.

16. April 2005 Der Standard

Der Holzweg ist das Ziel

Der sympathische Baustoff Holz bekommt nun auch in Wien einen Architektur- Preis, was Anlass für eine kleine Serie über Holz und Baukunst im ALBUM ist

Die schöne Stadt Wien zeichnet sich nicht nur durch wohlgepflegte Architekturen verschiedensten Alters aus, sie ist zudem eine der an Wald und Grün reichsten Großstädte der Welt. Tatsächlich steht die Bundeshauptstadt in der Waldbesitzerstatistik Österreichs überraschenderweise gleich an zweiter Stelle - nach den Bundesforsten, die natürlich die überwältigende Mehrheit der heimischen Wälder hegen, pflegen und bewirtschaften.

Angesichts dieser faktischen Kombinationen lag es nahe, die Themen Holz und Architektur auch auf städtische Art enger miteinander zu verknüpfen. Denn aus dem allgemein als äußerst sympathisch eingeschätzten Baustoff lassen sich - wie man nicht erst seit den mittlerweile viel gerühmten Vorarlberger Innovationen auf diesem Gebiet weiß - nicht nur Parkettböden legen, sondern auch sehr gut Häuser verschiedenster Größe bauen. Warum also nicht auch in Wien?

Ein erster Schritt in diese Richtung erfolgte bereits 2001. Damals trat im April eine Novelle der Wiener Bauordnung in Kraft, die erstmals in Österreich die Errichtung von bis zu fünf Geschoßen hohen Gebäuden in Holzmischbauweise zuließ. Laut des im Rahmen des vom Wirtschaftsministerium betriebenen Förderprogrammes „Haus der Zukunft“ gab es im Anschluss und nach den ersten solchermaßen konstruierten Häusern auch gleich eine von Hochkarätern erstellte Studie über diese neuen Hochbauten, die zu folgender Erkenntnis kam:

Der konstruktive Holzbau kann mit den marktgängigen Betonmassivbauweisen ökonomisch mithalten, er bekommt in Teilbereichen sogar wesentlich bessere Noten. Zitat: „Pauschal gilt im Holzbau, dass durch die Verwendung großer Elemente Kosten gespart werden können.“

Ohne an dieser Stelle die komplizierten statischen Erklärungen anzuführen, gilt auch, dass auf gewisse Art ausgeführte Holzkonstruktionen das Gebäudeverhalten in Erdbebenfällen wesentlich verbessern, was etwa im Lichte der neuen, von der EU geforderten Erdbebenrichtlinie nicht zu vernachlässigen ist. Und: Die Erreichung der genormten Schallschutzanforderungen sowie des Brandschutzes ist ebenfalls gewährleistet.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert allerdings die „feuchtetechnische Performance“, die im Einfamilienhausbau leichter in den Griff zu bekommen ist als im mehrgeschoßigen Wohnbau. Wer all diese Informationen im Detail studieren will, wird auf der Website www. hausderzukunft.at mehr erfahren.

Ein Fazit der Studienverfasser lautet jedenfalls: Die geänderte Bauordnung „eröffnet dem Holzbau Gebäudekategorien des verdichteten Wohnbaus, für die es bisher in Österreich und im deutschsprachigen Raum kaum Beispiele gibt. Neue Kenntnisse und Erfahrungen bei der Planung und Errichtung mehrgeschoßiger Holzbauten sind erforderlich. Im Mietwohnbau können sich derartige Bauweisen allerdings nur dann durchsetzen, wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis dem der marktführenden Ziegel-Stahlbeton-Bauweise entspricht.“

Das leuchtet ein, muss aber differenziert betrachtet werden. Vor allem die Holzaußenwände sind im Schnitt immer noch teurer als ihre Massivkollegen, was unter anderem an den Gesetzen der Marktwirtschaft liegt. In Ostösterreich gibt es noch wenig Nachfrage und wenig versierte Anbieter. Dennoch spricht einiges für mehr Holz am Bau, selbst wenn die stets betonten ökologischen und nachhaltigen Tugenden dieser natürlichen Ressource jetzt einmal vernachlässigt werden.

Zum einen garantiert industrielle Vorfertigung von Gebäudeelementen wie Wänden, Decken etc. ein rascheres Bauen. Zum anderen ist Holz leicht und dazu ein schlechter Wärmeleiter - es lassen sich mit diesem Material also in Kombination mit mineralischen Dämmstoffen sehr schlanke, gleichzeitig aber sehr gut wärmedämmende Außenwände produzieren. Eine nur etwa 23 Zentimeter dicke Holzaußenkonstruktion dämmt so gut wie eine vergleichsweise plumpe, über 50 Zentimeter dicke Massivwand. Für die, die's genau wissen wollen, die Rede ist von einem U-Wert von 0,19. Der Architekt Markus Geiswinkler, der gemeinsam mit Kinayeh Geiswinkler eines der ersten Holz-Mischbau-Häuser Wiens „Am Hofgartl“ (Neues Leben, 2003) gebaut hat, stellt nun folgende Kalkulation an: Durch dünnere Außenwände wird die innen nutzbare (Netto)fläche von Wohnbauten vergrößert - und genau die ist Richtmaß für Förderungen, die sich in logischer Konsequenz ebenfalls erhöhen. Durch die optimale Wärmedämmung der Wand, so Geiswinkler weiter, lassen sich zudem die Fensterflächen vergrößern, was durch die erhöhten Förderungsmittel wiederum leistbar wird.

Während das Hofgartl-Projekt auf Durchmischung von tragenden Betonelementen und dazwischengeschalteten Holz-Leichtbauteilen setzt, pflanzte der Grazer Architekt Hubert Riess im Falle der bald fertig gestellten Wohnhausanlage in der Spöttelgasse (Sozialbau) sozusagen eine Voll-Holz-Konstruktion auf ein massiv ausgeführtes Sockelgeschoß.

Die Vielfalt der möglichen Anwendungen ist groß, vor allem Massiv- und Leichtbaukombinationen lassen künftig reizvolle Lösungen erwarten, und um dies zu fördern, hat proHolz Austria, die Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Forst- und Holzwirtschaft, nun in Kooperation mit der Stadt Wien und dem Architekturzentrum Wien einen Holzbaupreis ausgelobt (nähere Informationen siehe Kasten).

Mit dem wienwood 05, der im Oktober erstmals vergeben wird, soll zum einen natürlich der Holzbau in Wien gefördert werden, zum anderen aber werden vor allem auch die Anstrengungen von Architekten, Holzspezialisten und Bauherren gewürdigt, die sich auf diesem spannenden und technisch sicherlich noch weiter zu entwickelnden Gebiet als Pioniere verdient machen.

Die Größe der von den Forstbetrieben Wiens bewirtschafteten Flächen beträgt übrigens 42.400 Hektar, seit 1956 wurden 500 Hektar neuer Waldfläche aufgeforstet, wer einen Größenvergleich anstellen mag: Die Wiener Innenstadt ist 300 Hektar groß.

16. April 2005 Der Standard

Holzräume

Holzbaupreise gibt es in Österreich, seit Vorarlberg als erstes Bundesland seine hervorragenden Holzbauer, die auch international als Pioniere auf diesem Gebiet angesehen werden, mit einem Preis würdigt. Der wurde 1997 erstmals vergeben. Es folgten - bis auf das Burgenland - alle weiteren Bundesländer, nun also auch Wien. Die Auszeichnungen werden im Zwei-Jahres-Rhythmus verliehen.

Der heuer ins Leben gerufene wienwood 05 soll bewusstseinsbildend wirken „für die Verwendung von Holz als modernem, zeitgemäßem und nachhaltigem Baustoff im urbanen Bereich“ und vor allem eine breite Öffentlichkeit für das Thema interessieren. Bewerben können sich sowohl Architekten als auch Bauherren und Holzbau-Unternehmen. Einreichschluss ist der 11. Juli, alle Details und Anforderungen sind unter www.wienwood.at abrufbar.

DER STANDARD wird als wienwood-Medienpartner im Oktober alle Siegerprojekte im Detail präsentieren und schon vorab über die großen internationalen Holzbauer, die traditionellen Holzbaunationen sowie über den Stand der Holzbauarchitektur Österreichs, auch weit außerhalb der Grenzen Wiens, berichten.

2. April 2005 Der Standard

Die Alpträume des Sigmund F.

Schon Adolf Loos forderte die neue, selbständige Frau. Zeitgenosse Sigmund Freud fürchtete sich noch vor ihr. Jetzt ist sie endgültig da - und die Architektur wird endlich gleichgeschlechtlich.

Sigmund Freuds heute heiter zu lesende Thesen über die Beschaffenheit des weiblichen Geschlechts sowie dessen vermeintliche Neigung zu hysterischen Zuständen schlugen sich seinerzeit tatsächlich in Architektur nieder. Die Architektin Sabine Pollak beschreibt das in ihrem jüngst erschienenen Buch Leere Räume. Weiblichkeit und Wohnen in der Moderne (Sonderzahl) sehr anschaulich.

Architektur war und bleibt Spiegel der Gesellschaft. Deshalb ist heute die Frage, inwieweit die zeitgenössische Architektur Rücksicht auf die Bedürfnisse und Ansprüche zeitgenössischer Frauen nimmt, viel interessanter als Freuds entrückte Thesen - die Schreibtischladen und eigentlich überhaupt so gut wie alles zu Genitalien oder den Neid auf dieselben umdeuteten, und in deren Folge die Damen sicherheitshalber in die brokatgepolsterten Privatgummizellen der Jahrhundertwende befördert wurden.

Die Ansprüche der Frauen sind erheblich gestiegen, darf man erfreut feststellen, denn das Wegsperren hat sich auf Dauer als nicht machbar erwiesen, das Boudoir ging den Weg alles Weltlichen, das Herrenzimmer ebenso. Spezielle Architektur für Frauen könnte sich heute vielmehr bereits den Vorwurf der Reaktion einhandeln, viel sinniger ist es, die so genannte Gleichberechtigung auch in Wohngrundrissen Form annehmen zu lassen.

Wie reagiert also die Architektur auf die sich rasant verändernden Lebensumstände, in denen wir heute alle - Männer wie Frauen, deren freche Emanzipation natürlich der Grund für all dies ist - zu Hause sind? Tatsächlich wird kreuz und quer allein erzogen, zugleich gearbeitet, und die Kinder durchwandeln die Patchworkfamilien: Doch wie schauen die Wohnungen für diese neuartigen Familienformen aus? Wie müssen die Heimstätten der immer zahlreicher werdenden Alleinerzieherinnen beschaffen sein, die nicht nur nebenbei, sondern aus Gründen der Überlebenssicherung Vollzeit arbeiten - wenn geht, von zu Hause? Und: Werden die überhaupt schon gebaut?

Die Antwort auf all diese Fragen ist befriedigend, wenn auch noch nicht beglückend, denn vereinzelt tauchen bereits neue Wohnmodelle auf, obwohl die meisten heute auf den Markt geworfenen Wohnungen nach wie vor dem traditionellen Vater-Mutter-Zwei-Kinder-Schema entsprechen, das nach gängigen Moralbegriffen zwar das anstrebenswerte, jedoch schon lange nicht mehr das übliche ist.

Der zeitgenössische Wohnbau, sagt die Architektin Elsa Prochazka, müsse vielmehr „zielgruppenorientiert sein und die neuen Lebens- und Arbeitsbedürfnisse unter die Lupe nehmen. Wir leben schließlich heute alle mehrere Leben“. Prochazka plant derzeit denn auch in der Nähe der Alten Donau für das ÖSW ein Quartier mit 150 Wohneinheiten, das unterschiedlichste Grundrisse für diverse Lebenssituationen bereitstellen wird.

Junge, moderne, noch kinderlose Nomadinnen und Nomaden bekommen frei disponierbare Lofts, Familien mit Windelnachwuchs Atriumhäuser mit Freiflächen, Leute, deren Leibesfrüchte bereits flügge sind, eher kleinere Wohneinheiten, dafür ein breites Angebot halböffentlicher Einrichtungen, die das Leben wie in einem kleinen Hotel gestalten werden.

Ein bahnbrechender Wohnbau (frei finanziert) entstand bereits 1993 in der Wiener Frauenfelderstraße, stammt von den Architekten Henke Schreieck und zeigt immer noch vor, wie gut flexible Grundrisse mit allerlei Schiebeelementen funktionieren können. Marta Schreieck: „Die von vornherein eingerichteten Grundrisse, die jede Möblierung bereits festlegen, machen mich wahnsinnig. Wir versuchen vielmehr, nutzungsneutrale Räume anzubieten und Wohnungen so zu planen, dass sich jeder Raum gegebenenfalls auch für einen Arbeitsraum eignet. Ich glaube zutiefst nicht daran, dass Männer und Frauen dabei unterschiedliche Bedürfnisse haben.“

Einen weiteren Meilenstein setzte Bus-Architektur mit ihrer wohnbaugeförderten Wiener Compact-City (2001, SEG), die ebenfalls Arbeiten und Wohnen gekonnt miteinander vereint. Bus-Chefin Laura Spinadel: „Wir versuchen, Aufgaben lebensstilbezogen zu lösen, Grundrisse müssen atmen, sich verändern und unterschiedlich bespielt werden können. Interessanterweise werden Sonderwünsche vor allem von Frauen eingebracht, die sich zum Beispiel teilbare Kinderzimmer wünschen, damit sie arbeiten können, wenn die Kinder spielen, oder schließbare Wohnküchen, damit man das Wohnzimmer auch genießen kann, ohne das schmutzige Geschirr vor Augen zu haben.“ Mittlerweile schaffen Architektinnen und Architekten diesen Qualitätssprung also auch im geförderten Wohnbau - sofern ihre Auftraggeber Mut und Vision an den Tag zu legen bereit sind. Winfried Kallinger (Kallco) setzte beispielsweise mit den Architekten Delugan Meissl ein Wohnhaus auf die Parzelle E des Wienerbergs (2004), in dem sich auf der gegenübergelegenen Gangseite der Wohnungen wahlweise billig mietbare Räume befinden, die sich dank ISDN- und Telefonanschluss auch für Home-Offices eignen.

Kallinger: „Der Ansatz Live and Work war von vornherein unser Thema, vor allem für neue Selbständige und für Berufsformen, die es früher nicht gegeben hat. Das ist nicht unbedingt frauenspezifisch, obwohl sich diese Lösung für Frauen, die nicht unbedingt neben ihren tobenden Kindern arbeiten wollen, natürlich anbietet.“ Die Nachfrage nach diesen wohnungsnahen „Arbeitsboxen“ war laut Kallinger vorzüglich: „Wir werden in diesem Sinne weitermachen.“

Letztes Beispiel: In einem 2004 für die GPA fertig gestellten geförderten Wohnbau in der Alxingergasse, ebenfalls Wien, setzten die Architekten Bettina Götz und Richard Manahl alias Artec nicht nur technisch neue Standards, sondern statteten das Haus ebenfalls mit kleinen, zumietbaren Büros aus. Bettina Götz: „Wohnen und Arbeiten befinden sich in einem fließenden Übergang, genau so wichtig ist es aber, die Ansprüche der Patchworkfamilien umzusetzen und auf die Räume für die Kinder Rücksicht zu nehmen.“

Der Weg in diese emanzipatorische Architektur war lang, er ist auch noch nicht zu Ende gegangen, doch Leute wie etwa Adolf Loos haben einige der Entwicklungen, wenn man so will, vorausgesehen. Loos hat im Gegensatz zum alten Ignoranten Freud eigenständige Frauen gefordert, die für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen würden und dem Mann gleichgestellt wären.

Für Eva Kail von der „Leitstelle für alltags-und frauengerechtes Planen und Bauen“, Baudirektion Wien, sind diese Forderungen Arbeitsgrundlage, sie hat seit 1997 alle geförderten Wohnbauprojekte zur Begutachtung auf ihren Schreibtisch bekommen. Auch sie beobachtet einen „qualitativen und philosophischen Wandel“, der ihr allerdings nicht schnell genug vonstatten geht: Kail wünscht sich vor allem eine Evaluierung der unterschiedlichen Wohnsituationen.

Genau: Die wissenschaftliche Aufbereitung dieses Themas fehlt noch im Lande Sigmund Freuds. Weg mit der Verdrängung, denn lebensnahe Lösungen müssen nicht geträumt, sie sollten zügig gebaut werden.

2. April 2005 Der Standard

Frauenräume

Sabine Pollaks erwähntes Buch Leere Räume ist eine rechercheintensive Abhandlung über die Rollenzuteilung der Frauen bis in die 50er-Jahre: „Die Geschichte moderner Architektur lässt sich als permanenter Prozess des Ausschließens von Weiblichkeit lesen. Bis zur Jahrhundertwende waren Frauen aus nahezu allen öffentlichen Räumen ausgeschlossen und in das Innere der Wohnungen verbannt.“

Auch in der Klassischen Moderne stand der „homme type“ (Le Corbusier) im Zentrum architektonischer Betrachtungen. Und als Mies van der Rohe 1951 für eine Frau, nämlich Edith Farnsworth, das berühmte, gläserne Wochenendhaus bei Chicago plante, kam es zu ideologischen Zerwürfnissen aller Art. Die Auftraggeberin zerkriegte sich mit dem Architekten, sie selbst hatte als allein stehende, selbständige Frau mit allen Konventionen gebrochen, und das Haus wurde in prominenten Medien als „Bedrohung des kommenden Amerika“ bezeichnet.

Wer genau schauen will, kann in der Architektur lesen wie in präzisen zeit- und sozialgeschichtlichen Abhandlungen. Alles ist aufgeschrieben, in Beton, Ziegel, Holz, Glas, Stahl, Luft, Licht, Farbe.

verknüpfte Publikationen
- Leere Räume

23. März 2005 Der Standard

Kenzo Tange 1913-2005

Der japanische Architekt, einer der letzten großen Vertreter der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts, starb mit 91 Jahren

Am Dienstag starb in Tokio mit Kenzo Tange, einer der letzten großen Vertreter der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts. Der Japaner, 1913 auf der Insel Shikoku geboren, hatte ab den 1940er-Jahren die traditionelle Formensprache seiner Heimatarchitektur als einer der ersten mit westlichen Einflüssen der Moderne meisterhaft kombiniert. Der Weltruf der zeitgenössischen japanischen Architektur baut bis heute nicht zuletzt auch auf Tanges ruhigem, reduzierten und stets höchst eleganten Stil auf.

Irgendwann in den 1930er-Jahren hatte er in einer Zeitschrift die Arbeiten von Le Corbusier erblickt und darauf hin beschlossen, Architekt zu werden. Konsequenter Weise arbeitete er nach seinem Studium in Tokio im Architekturbüro des ehemaligen Corbusier-Mitarbeiters Kunio Mayekawa. Als Vorbilder gab er später stets auch noch so unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten wie Walter Gropius und Michelangelo an.

Tange erbaute sich seinen Weltruhm bereits als sehr junger Architekt, als er 1946 den Masterplan für den Wiederaufbau des zerstörten Hiroshima lieferte und an jener Stelle, an der die Atombombe eingeschlagen war, 1949 ein Friedenszentrum errichtete.

Als weiteres Hauptwerk des Architekten gilt das Olympische Stadion für Tokio aus dem Jahr 1964, das von der internationalen Architekturkritik als eines der elegantesten und hervorragendsten Gebäude des 20. Jahrhunderts gehandelt wird.

Kenzo Tange etablierte ein weltumspannend aktives Architekturbüro. Er baute in 20 Ländern, so entstanden etwa ein Anbau an das Art Museum von Minneapolis, der Königspalast in Dschidda und ein Messezentrum für Bologna. Neben zahlreichen weiteren internationalen Auszeichnungen bekam er 1987 mit dem Pritzker Preis die prominenteste Architekturauszeichnung zugesprochen.

Tange war ein betont leiser, feiner Mann, der stets in korrektem Nadelstreif auftrat und überflüssige Worte verabscheute. Neben dem heute 97-jährigen Brasilianer Oscar Niemeyer war Tange der letzte noch lebende Pionier der Architektur der Moderne des 20. Jahrhunderts.

22. März 2005 Der Standard

Metamorphosen eines Wanderpredigers

Der 61-jährige, in Kalifornien beheimatete Architekt und „Morphosis“-Gründer Thom Mayne wird in die Ordenschaft der Pritzker-Preis-Gewinner aufgenommen

Chicago - Wenn Thom Mayne, wie am Montag verkündet, am 31. Mai in Chicago den Pritzker Preis in würdiger Nadelstreifzeremonie entgegennimmt, wird er, weil er das immer tut, scharfkantige Witze reißen. Sie werden den geschliffenen Architekturen entsprechen, die Mayne im Laufe seiner Karriere gebaut und entworfen hat, sie werden also ein bisschen bizarr, doch in sich schlüssig und vor allem ziemlich locker sein.

Der Pritzker Preis der Hyatt-Stiftung weiht seit 27 Jahren die Besten der Besten, er ist mit 100.000 Dollar ausgestattet, vor allem aber mit einem Renommee, dem keine andere Auszeichnung auf dem Gebiet der Architektur nahe kommt. „Vision“ und „Hingabe“ aktiver Architekten an ihre Mission werden hier bewertet, Zaha Hadid war 2004 dran - und auch Mayne verkörpert beides in höchstem Maße.

Hinter der kalifornischen Lässigkeit, mit der der große, schlanke Graubart, 1941 in Waterbury (Connecticut) geboren, durch das Leben zu schlapfen scheint, steckt die kompromisslose Härte, die letztlich alle großen Baukünstler auszeichnet, und die - in Maynes Fall - nicht zuletzt in legendäre Zerwürfnisse mit Bauherren mündete.

In Jugendjahren pflegte er seinem Verständnis nach verständnislose Bauherren gelegentlich am Kragen gepackt in der Luft zappeln zu lassen. Den missratenen Betongussprodukten ausführender Unternehmen schritt er eigenhändig im Furor mit Presslufthämmern zu Leibe, und als ein Auftraggeber schüchtern anmerkte, er wünsche sich in seinem Haus eigentlich schon so etwas wie einen Schrankraum, schlug Mayne mit der Faust auf den Tisch und donnerte: „Wie viel Gewand haben Sie denn noch notwendig, zum Teufel?“

Damals wütete er als eines der beiden Häupter der 1971 von ihm gegründeten L.A.-Formation „Morphosis“ in jugendlicher Kraft: Die Dekonstruktion war noch ohne Namen, sie begann in den Studios von Leuten wie Frank Gehry und „Morphosis“ gerade Gestalt und Theorie anzunehmen. Die Box sollte aufgebrochen, neuen Formenspielen Raum gegeben werden.

Es entstanden die scheinbar „verrückten“ Einfamilienhäuser und Restaurants in Los Angeles wie die Crawford Residence oder das Kate Mantilini Restaurant, die mit Materialien spielten und neuartige Formen brachten. Wenn es gerade keine Aufträge gab, hielt man sich mit Rasenmähen und anderen Jobs über Wasser. Ko-Morphosis-Architekt Michael Rotondi behauptet bis heute, man sei mehr eine Art Garagenband gewesen.

Quasi nebenbei gründete Mayne 1972 das Southern California Institute of Architecture, das als eine der quirligsten Architekturschulen gilt. Er selbst unterrichtet an der U.C.L.A., wenn schon nicht milde, so ist er nicht mehr so wütend, und auch die Auftragsbücher sind prall gefüllt.

Für New York plant Mayne derzeit das „Riverfront Project“ in Queens, das, bei Zuschlag, die Olympischen Spiele 2012 beheimaten wird, in Oregon entsteht ein Gerichtsgebäude, in San Francisco ein Büroturm für die Stadtverwaltung: Offizielle Aufträge des konservativen Amerika für einen deklarierten Linken, der neben seinem Formentalent in zunehmendem Maße auch Ökologie und Hightech-Bauphysik in seine Entwürfe einzuarbeiten versteht - und der gelernt hat, dass Bauherren nicht immer die unwichtigste Rolle zu spielen haben.

Thom Maynes Weg vom rabiaten, vitalen Wanderprediger für die Sache der Architektur bis hin zum Pritzker-Würdenträger führte nicht selten durch kommerzielle Schluchten. Ausgerechnet ein durch einen Wettbewerbssieg akquirierter Auftrag aus Österreich half mit, eine seiner finstersten Krisen zu überstehen. 1999 baute er für die Hypobank Klagenfurt die Konzernzentrale, ein skulptural kräftiges, funktional nicht ganz unumstrittenes Stück Architektur. Doch Leute wie Mayne sind da zu Hause, wo die Luft sehr dünn wird. Kürzlich brachte er es auf den Punkt: „Wenn wir nicht dazu bereit sind, Risiken einzugehen, ist unsere Kultur bald erledigt.“

19. März 2005 Der Standard

Jubiläum ist immer

Anlässlich des bejubelten Jahres 2005 startet das ALBUM eine kleine Serie (Teil 1) über österreichische Architekten, die Bejubelung gezwungenermaßen im Ausland erfuhren - und begibt sich zuerst auf verwischten Spuren von Emigranten in den USA.

Und gleich noch ein Jubiläum: Vor genau zehn Jahren eröffnete in der Wiener Kunsthalle am Karlsplatz eine sperrige, wenngleich sensationelle Ausstellung, deren Highlight ein wissenschaftlich erarbeiteter Katalog war: Die Schau „Visionäre & Vertriebene“, kuratiert von den einschlägig als überaus wissensreich bekannten Herren Matthias Boeckl, Otto Kapfinger und Adolph Stiller, machte eine Tür in die Vergangenheit auf, die jahrzehntelang sorgfältig verschlossen gewesen war.

Man hatte sich gemeinsam mit Historikern und anderen Spezialisten auf die „österreichischen Spuren in der modernen amerikanischen Architektur“ begeben, hatte jahrelang in Archiven gewühlt, letzte Zeitzeugen aufgestöbert und eine dicke Decke meist übel riechenden historischen Staubes abgetragen.

Was zutage kam, „war eine Menge Vergangenheit, die da die große Flucht in die Zukunft unternahm“, schrieb Adolf K. Placzek in der Vorrede, „aber auch eine Menge Zukunft, die da ihre Vergangenheit rettete; und eine Menge, die verloren gehen musste, aber wenigstens dem Gedenken nach wiederaufgerufen wurde“.

Wie viele der - zumindest - 5000 Künstler und „Kreativen“, die nach 1938 das Land verließen, Architekten waren, bleibt im Dunklen. Die meisten Spuren haben sich verloren und wurden zu einer Zeit, als man sie noch hätte aufspüren können, von der Zweiten Republik geflissentlich übergangen, um nicht zu sagen übertrampelt.

Das offizielle Österreich schenkte nur ganz wenigen der vertriebenen Architekten nach 1945 flüchtige Momente der Beachtung. Im Gegenteil: Karl Renner hatte schriftlich klargemacht, dass das „massenhafte plötzliche Zurückfluten der Vertriebenen zu verhüten“ sei.

Engstirnige Provinzialität auch in den Nachfolgegenerationen: Die Wiener Architektenkammer etwa entblödete sich im Jahr 1970 nicht, den 1938 nach New York geflüchteten Victor Gruen nach dessen Rückkehr nach Wien vor das Handelsgericht zu zitieren. Man warf ihm, der in den USA ein Planungsbüro von 300 Mitarbeitern etabliert und sich buchstäblich Weltruhm erbaut hatte, vor, die Bezeichnung „Architekt“ zu Unrecht zu führen.

Victor Gruen, den wir hier als den wohl erfolgreichsten Architekten im Exil unter vielen anderen herauspicken, war ein 165 Zentimeter kleiner, dialektisch wie fachlich mit allen Wassern gewaschener Koloss. Er zog es vor, sich auf sich selbst und nicht auf Anwälte zu verlassen, erschien persönlich vor den Wiener Richtern und entschied die Causa letztlich nonchalant für sich. Das Goldene Verdienstzeichen der Republik bekam er 1980, zwei Jahre vor seinem Tod, und zwar für sein „Amerika und Europa verbindendes Lebenswerk“.

Gruen steht exemplarisch für jene, die dem tödlichen Naziregime in der Blüte ihrer Schaffenskraft entgingen und auch die nötige Jugend und Zähigkeit besaßen, andernorts die Trümmer ihrer ersten Existenz zum Fundament einer neuen Karriere zu machen. Älteren, womöglich etablierteren Kollegen wie Josef Frank, Oskar Wlach und Walter Sobotka gelang dieser Neubeginn nur begrenzt.

Doch zurück zu Gruen: Noch im März 38 hatte er seinem Freund Jura Soyfer seine Skiausrüstung vermacht und ihn zum Wiener Westbahnhof gebracht, er selbst verließ das Land im Mai und nahm lediglich Bücher und die wichtigsten Dokumentationen seiner Architekturprojekte mit auf den Weg.

Letztere stellten die Basis für eine zweite Karriere dar, die ihn rasch zu einem der wichtigsten Planer der USA werden ließ. Gruen geht in die Architekturgeschichte nicht nur als Erfinder des Einkaufszentrums ein. Seine Arbeiten und seine brillant zu Papier gebrachten Theorien veranschaulichen die Kraft, die durch Verschmelzungsprozesse verschiedener sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Sichtweisen entsteht und die nur in Menschen zu Hause sein kann, die jene freiwerdenden Energien, die sich durch Gefälle von Unterschiedlichkeiten ergeben, intelligent in ganz Neuem aufzufangen verstehen.

Wie viele andere auch fand Gruen erst einmal in ebenfalls Emigrierten seine Auftraggeber in der Neuen Welt. Im Gegensatz zu Wlach, Sobotka, Felix Augenfeld und Hans Adolf Vetter gelang es ihm allerdings, diese Kreise rasch auszuweiten. Er wurde zum wichtigsten Städteplaner der USA, erfand die Shoppingmall (erstmals ausgeführt mit dem Northland Shopping Center, 1954), exportierte sein Können nach Asien und Europa und lieferte, 1967 nach Österreich zurückgekehrt, das bis heute innovativste Konzept zur „Revitalisierung der Wiener City“, das allerdings nur in Bruchteilen realisiert wurde. Dass Graben und Kärntner Straße heute Fußgängerzonen sind, ist jedenfalls seinem Konzept zu verdanken.

Obwohl Gruens Klientel der großen Handelsunternehmen gewissermaßen Speerspitzen des Kapitalismus darstellten, verlor er selbst nie soziale Anliegen aus den Augen. „Die Aufgaben und Probleme, denen der Architekt heute gegenübersteht, sind größer und bedeutender als je zuvor“, schrieb er 1971. „Um sie zu erfüllen, muss er erkennen, dass er es mit einem neuen Klienten zu tun hat - mit der menschlichen Gesellschaft.“

34 Jahre später liest sich erstaunlich aktuell, was er noch zu verkünden hatte: "Wenn sich eine Berufsgruppe vom zeitgenössischen Leben isoliert, so finden sich bald andere, welche die frei gewordene Lücke füllen. Genau das geschieht auf dem Gebiet der Gestaltung unserer vom Menschen geschaffenen Umwelt.

Diese Aufgabe wird nicht mehr vom Architekten wahrgenommen, sondern von Ingenieuren, von Verkehrsspezialisten, von Spekulanten, Verwaltungsberatern, Wirtschaftsfachleuten und anderen Experten, die durchwegs Scheuklappen gegen die Wissensgebiete anderer tragen. Das Ergebnis dieser zahllosen, aber unkoordinierten Bemühungen ist katastrophal. Der Architekt wird in zunehmendem Maße ausschließlich als Berater herangezogen, als „Spezialist“ für Innen- und Außendekoration."

Gruen, wie gesagt, war nur einer von vielen, die ihre Spuren in der internationalen Architekturgeschichte zogen und die zum Teil in der Publikation Visionäre & Vertriebene. Österreichische Spuren in der modernen amerikanischen Architektur (Verlag Ernst & Sohn, Berlin) so gründlich nachverfolgt wurden. Bedauerlicherweise ist das Buch längst vergriffen, eine Neuauflage ist nicht in Sicht.

Herausgeber Matthias Boeckl würde, so es Forschungsgelder dafür gäbe, eine Vertiefung und Ausweitung des Themas sofort in Angriff nehmen: Welche Spuren hinterließen Leute wie Walter Loos in Argentinien, Harry Seidler in Australien, Josef Frank in Schweden, Margarethe Schütte-Lihotzky in der Sowjetunion, Clemens Holzmeister in der Türkei? Wieder wurden hier ungerechterweise nur die Prominentesten genannt.

Jubiläen gibt es also sonder Zahl, wenn man sie schon nicht feiert, so sollte man ihrer doch wenigstens gründlich gedenken.

19. März 2005 Der Standard

Menschenräume

„Architektur ist ein Gestaltungsprozess des sozialen Lebens der Gesellschaft. Architektur ist keine Affekthandlung eines Künstler-Architekten. Bauen ist eine kollektive Handlung. . .“ Ottokar Uhl, 1931 in Kärnten geboren, ist einer jener österreichischen Architekten, denen medial nicht wirklich jene Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die ihre Leistungen verdient hätten. Seine Kirchenbauten etwa wurden heimische Architekturgeschichte, vor allem aber seine Menschen zusammenbringenden Aktivitäten im Bereich des partizipatorischen Wohnbaus, begonnen in den 70er-Jahren, haben bis heute Vorbildwirkung für eine Architektengeneration, die sich - zumindest in Teilen - wieder verstärkt dieser Thematik widmen will. Uhls Gesamtwerk wurde vom Architekturzentrum Wien archivarisch aufgearbeitet, jetzt ist es in einer Ausstellung zu studieren, die noch bis 13. Juni im Az W läuft.

Parallel dazu erscheint die Monografie Ottokar Uhl, herausgegeben vom Az W im Verlag Anton Pustet

12. Februar 2005 Der Standard

Schnittiger Bolide in Beton

Die Wiener Architekten Roman Delugan und Elke Meissl gewannen das Rennen um das Porsche Museum.

Roman Delugan und Elke Meissl gehören zu jenen unter den „jungen Architekten“, die von der älteren Garde besonders eifersüchtig beäugt werden. Seit elf Jahren entwerfen die Wiener ein formidables Projekt nach dem anderen, quasi nebenbei zeichnen sie Wettbewerbe am Laufband, und ihr internationaler Ruf ist mittlerweile auch nicht mehr ohne.

Das „Hackeln wie die Berserker“, wie es Elke Meissl mit energisch-oberösterreichischem Frohmut ausdrückt, hat sich gerade aufs Lieblichste bezahlt gemacht: Innerhalb von 24 Stunden entschieden Delugan Meissl vergangenen Freitag zwei Wettbewerbe für sich. In Wien gewannen sie das geladene Verfahren für einen Fachhochschul-Campus im 10. Bezirk für 3000 Studenten. Der wichtigere Anruf besagten Tages enthielt ebenfalls Gratulationsbotschaften, er kam aus Deutschland, genauer aus Zuffenhausen bei Stuttgart.

Dort residiert die Dr.Ing.h.c.Porsche AG, die für den Bau der feschesten unter den für Normalsterbliche unerschwinglichen Boliden bekannt ist, und die sich für die traditionsreiche Geschichte dieser Prachtautos ein Museum wünscht. Der Weg dorthin führte über ein Bewerbungsverfahren, an dem 170 europäische Büros teilnahmen. Beachtenswert dabei: Die Auslober suchten sich jene zehn Architekten, die schließlich Entwürfe aufbereiten sollten, ausschließlich nach nach der Qualität der bis dato vorgelegten Architekturen aus - und nicht, wie hier zu Lande derzeit hoch in Mode, nach Umsatzzahlen, Mitarbeiternummern und anderen bürokratischen Widersinnigkeiten.

Und: In der Jury dominierten zahlenmäßig Fachpreisrichter, also Architekten, was ebenfalls Rückschlüsse auf eine intelligente Weitsicht des Auftraggebers zulässt. Ganz offenbar handelt es sich im Falle Porsches um ein Unternehmen, das die fachliche Kompetenz anderer anerkennt - auch das eine in den hiesigen Gegenden schmerzlich vermisste Tugend, denn das Fachwissen von Architekten darf, im Gegensatz etwa zu ärztlichem und juristischem Know-how, stets und ständig auch von den Unbedarftesten fröhlich angezweifelt werden.

Der Porsche-Gottoberste Wendelin Wiedeking saß jedenfalls auch in der Jury. Er zeigte sich sehr angetan vom Entwurf der Österreicher: „Dieses Konzept ist innovativ, modern und herausfordernd. Sicher wird es auch provozieren, aber auch das war ja eines der Ziele. Mit diesem Neubau werden wir an unserem Stammwerk in Zuffenhausen ein architektonisches Highlight setzen, das weit über die Grenzen von Stuttgart hinaus strahlen wird.“

Das Projekt ist, wenn man so sagen kann, typisch Delugan Meissl: Ein gekonnt „zurechtgekneteter“ Baukörper mit überzeugendem Innenleben. Von außen betrachtet wirkt der Entwurf monolithisch, klar geschnitten und skulptural, er hat trotzdem etwas von der Dynamik des 911ers, braucht dazu aber keine Rundlichkeiten, hält sich also eher an die kantig-harten 70er-Jahre-Modelle als an die neueren Boxer-Versionen. Schnittige Rasanz entfaltet das Haus in seinem Inneren. Eine verzerrte Spirale wickelt sich mit Rampen und Treppen um eine „Arena“. Die Architekten haben hier gewissermaßen die Straße in das Museum hineingeleitet, sie entwickelt sich zu weiten Boulevards, gießt sich in Piazze und bereitet dort den Boliden die rechten Ausstellungs- und Themenplätzchen auf.

Gezeigt wird die Geschichte des Unternehmens, geteilt in die Epochen vor und nach 1948, also in die Zeit Ferdinand Porsches und die Dekaden seiner Nachfolger. Im Brennpunkt der Schau stehen natürlich die Autos. Damit die bunt glänzenden Oldtimer und die wild beklebten Haudegen historischer Rennen so recht zur Geltung kommen, nimmt sich der Innenausbau des Museums betont zurück und wird in ruhigen, unaufgeregten Materialien und Farbtönen erfolgen. Im Auge dieses Rampen-und Spiralen-Zyklons befindet sich mit der „Arena“ eine prominente Räumlichkeit für Events aller Art, etwa für die Präsentation neuer Porsche-Modelle.

Das Museum verfügt des Weiteren über Mehrzwecksäle, Konferenz- und Verwaltungsräume sowie Shop, Gastronomie und ein befahrbares Dach. Die Bewegung dominiert die Architektur, und diese nimmt geschickt Rücksicht auf die langsamere Gangart des Menschen, setzt aber auch über die Straßenhaftigkeit der Rampen die Vielgängigkeit der Exponate, also der Autos, rasant in Szene.

In speediger Manier auch das weitere Procedere: Das Projekt wird noch heuer in Bau gehen, 2007 wird eröffnet, die Porsche-Bosse erwarten „deutlich über 200.000“ Museumsbesucher pro Jahr. Kosten wird diese Skulptur aus Stahlbeton rund 50 Millionen Euro.

Delugan und Meissl haben also demnächst einiges zu tun, sie wollen ihre Bürostruktur mit insgesamt zehn Leuten dennoch schmal, übersichtlich, familiär halten. Vor Kurzem erst wurden Dietmar Feistel, Martin Josst und Christopher Schweiger zu Büropartnern, weil die, so Meissl, sowieso „einen irren Input liefern und das von den Schwingungen her im Büro sehr gut funktioniert“. Andere Architekten warten mit Schritten wie diesen bis 20 Jahre nach dem eigenen Pensionseintrittsalter.

Die junge österreichische Architektengarde zieht also recht kräftig an, ergänzend sei erwähnt, dass erst im Vorjahr die Kollegen von „Querkraft“ einen nicht minder aufregenden Wettbewerbsgewinn für den deutschen Sportartikler Adidas heimholten, über den allerdings bedauerlicherweise noch keine detaillierteren Auskünfte erteilt werden dürfen. Und die fröhliche Truppe „Alles wird gut“ gewann ebenfalls vor wenigen Tagen einen landschaftsplanerischen Wettbewerb in Luxemburg auf dem 11.000-Quadratmeter-Areal eines ehemaligen Stahlwerks gegen kräftige internationale Konkurrenz. Alle diese Architekten und Architektinnen haben etwas gemeinsam: Sie sind jung, sie sind gut, sie werden diese Projekte in Absprache mit ihren Auftraggebern vorzüglich umsetzen - und sie hätten bei heimischen Bewerbungsverfahren à la Ronacher keine Chance, weil sie im Gegensatz zu Ältergedienten die „Mindestanforderungen“ nicht erfüllen. Na ja, bauen sie halt anderswo.

29. Januar 2005 Der Standard

Vergabe bitte!

Der Wettbewerb um das Ronacher macht klar, dass die Architekten nicht dazu bereit sind, sich alles gefallen zu lassen. Der Erfolg gibt ihnen Recht - und Planungsstadtrat Schicker auch.

Vor ein paar Jahren gab es in Wien einen Architekturwettbewerb, bei dem so ziemlich alles schief ging, was schief gehen konnte. Die Architekten protestierten gegen das Verfahren, DER STANDARD berichtete - und die Wiener Stadtplaner und -entwickler reagierten.

Knapp ein Jahr nach diesem wahrscheinlich in die Geschichte eingegangenen Verfahren „Katharinengasse“ legten sie mit den „Grundlagen für die Durchführung von Wettbewerben auf dem Gebiet der Architektur und des Städtebaus“ (siehe www.wien.gv.at/stadtentwicklung/ wettbewerbe/index.htm) ein ansprechendes und durchaus ehrgeiziges Werk vor, das neben der gerechten und sinnvollen Vergabe von Architekturleistungen vor allem eines zum Ziel hat: Qualität und Baukultur zu unterstützen und zu fördern.

Planungsstadtrat Rudolf Schicker schrieb im Vorwort sein Bekenntnis zu diesen städteplanerischen Tugenden nieder und verkündete gleichzeitig: „Der Diskussionsprozess ist damit nicht zu Ende.“ Er behielt Recht.

Jetzt erregt ein weiteres Verfahren rund um den Umbau des Wiener Ronacher neuerlich den Unmut der Architektenschaft - und nicht nur ihren: Auch der Planungsstadtrat fand ungewöhnlich scharfe, nachgerade bissige Worte gegen den Wettbewerb, der von den Vereinigten Bühnen Wien zum Zwecke der Funktionssanierung des Musical- und Theaterhauses in der Wiener Innenstadt im Dezember ausgelobt worden war (DER STANDARD berichtete).

Er antwortete damit auf einen offenen Brief der ig architektur, in dem die Vorgangsweise der Vereinigten Bühnen heftig kritisiert worden war und meinte etwa: „Auch wir teilen die Meinung der ig architektur, dass das Verfahren einige wesentliche Mängel aufweist, die offensichtlich auf eine nicht zufrieden stellende Abwicklung des Wettbewerbs durch das damit beauftragte Büro zurückzuführen sind.“ Und: Die Stadt Wien habe sich mit der Entwicklung ihres Wettbewerbsleitfadens dazu verpflichtet, die Wettbewerbskultur in Wien zu verbessern „und vor allem die Zielsetzungen Transparenz, fairer Umgang mit Partnern, Sicherstellung der Planungsqualität bei gleichzeitiger Beachtung der Wirtschaftlichkeit in der Lösungsfindung weiterzuverfolgen“.

Das ist ein gutes Zeichen. Die Stadtplanung will sich ihre eigenen Regeln ganz offenbar nicht verwässern lassen, auch wenn sie nicht in ihrem direkten Eingriffsbereich zum Tragen kommen. Das ist das eine. Zum anderen steht das Ronacher-Verfahren exemplarisch für einen Trend, der sich unheilvoll nicht nur in Wien breitzumachen beginnt: Immer öfter geht dem eigentlichen kreativen Entwurfsprozess, dem sich Architekten und Architektinnen großteils unbezahlt im gegenseitigen Wettbewerb stellen, weil das nun einmal zu ihrem Geschäft gehört, ein so genanntes Auswahlverfahren voran. So auch im Falle des Ronacher.

Das bedeutet, der Auslober (Bauherr) lässt überhaupt nur eine ganz bestimmte Architektenklientel zu seinem Verfahren zu, und zwar diejenigen, die über große, umsatzstarke Bürostrukturen verfügen und auch die entsprechenden Referenzprojekte vorlegen können. Die Ronacher-Bewerber sollten etwa einen Mindestumsatz von zwei Millionen Euro nachweisen, was angesichts der kleinteiligen Bürostruktur der heimischen Architekten grotesk ist. Aufgrund des Protestes wurde das Umsatz-Soll wenigstens halbiert, was jedoch nur als Etappensieg gewertet werden kann.

Bösartig formuliert könnte man sagen, die üblichen Verdächtigen werden hier bevorzugt zu Verfahren eingeladen. Die ig architekten ortete in ihrem Schreiben sogar ein Protegieren „einiger weniger Großbüros unter dem Deckmantel der Qualitätssicherung“. Auch die Architektenkammer äußerte sich ablehnend.

Dass dieses so genannte „Steckdosenzählen“ in den Büros nicht unbedingt Sinn macht, beweisen die Resultate vieler Wettbewerbe, die auch ohne vorangestelltes Auswahlverfahren vorzügliche Resultate erbracht haben. Oder vielleicht sogar eben deshalb: Denn das Kreativpotenzial der jüngeren Architektenschaft Österreichs ist enorm. Warum sollte es also von vornherein ausgeschlossen werden? Was zählt, ist das Resultat, und das zu beurteilen obliegt immer noch einer (hoffentlich) fachlich und sachlich starken, energischen Jury, die das Verfahren auch im Nachhinein nicht aus den wachen Augen verliert. Ob das Siegerprojekt aus den Zeichenfedern der Renommierten oder der Noch-Unbekannten stammt, sollte eigentlich ohne Belang sein.

Planungsstadtrat Schicker hat sich zu genau diesem jungen Kreativpool immer wieder bekannt: Mit den erwähnten Grundlagen für Wettbewerbe, so meinte er, „soll auch für junge, kreative PlanerInnen der Zugang zu Planungsaufgaben erleichtert werden“.

Der Protest der Architekten hat das Ronacher-Verfahren zwar nicht in einen Idealzustand katapultiert, er hat aber demonstriert, dass eine kleine Gruppe Engagierter durchaus Bewegung erzeugen kann. Die Diskussion geht tatsächlich weiter. Die nächsten Themen, denen sich Planer, Auslober, Politiker in fruchtbarem Diskurs werden stellen müssen, sind die dräuenden Totalunternehmer- und Totalübernehmerverfahren, die Planung und Ausführung in einer Hand vorsehen.

Diese in Europa derzeit in Mode kommende Verfahrensart wird nicht nur von den Architekten äußerst kritisch beäugt. Auch Vergabespezialisten wie der Rechtsprofessor Josef Aicher meinen, gerade öffentliche Auftraggeber müssten höllisch aufpassen, wollten sie geistig-schöpferische und „ganz andere Leistungen“ im Kollektiv vergeben.

Damit die besagte Debatte weitergeht, werden am 14. 2. ab 19 Uhr im Wiesner-Hager Forum (Gonzagagasse 15, 1010 Wien) auf Einladung der ig architektur unter anderen Aicher, Schicker, Ronacher-Ausschreiber Hans Lechner, Kammervertreter Peter Podsedensek und Christian Aulinger von der ig über „Wettbewerbe und Vergabekultur“ diskutieren. Vergabe bitte, aber im Sinne der Architektur und nicht unter Bevorzugung Auserwählter.

28. Januar 2005 Der Standard

Philip Johnson 1906 - 2005

Philip Johnson war eine der bösartigsten, faszinierendsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Weltarchitektur. Ein Nachfolger für den Architekten und Ausstellungsmacher, der am Dienstag 98-jährig in New Canaan starb, ist nicht in Sicht.

New Canaan - Eigentlich sah der kleine, dürre Mann aus, als könne er kein Wässerchen trüben, als sei er der gute, betagte Onkel von nebenan. Kuchen und Kaffee und Rosenzucht und so. Doch Philip Johnson war der Leibhaftige - das wandelnde Böse für die einen, Gottvater für die anderen. Jedenfalls ein Scharfrichter seiner Zunft, und die hieß 98 Jahre lang Architektur.

Wie jetzt bekannt wurde, starb Johnson vergangenen Dienstag in seinem Glass House in New Canaan, Connecticut. Mit ihm starb nicht nur eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Weltarchitektur, sondern auch ein Ein-Mann-System, das über viele Jahrzehnte hinweg und über die verschlungenen Kanäle der Macht, der Kultur, der Politik meinungsbildend, vernichtend und fördernd gewirkt hatte.

Förderer, Vernichter

Der Einfluss des 1906 in Cleveland, Ohio, als Sohn sehr reicher Eltern Geborenen ist Legende. Sein Wort konnte bis zuletzt über Millionenprojekte entscheiden, seine eigenen Architekturen stießen in ihrer Unterschiedlichkeit immer wieder die Vertreter der reineren Lehre vor den Kopf; seine Ausstellungen im New Yorker Museum of Modern Art rückten wiederholt diverse noch unbekannte Architekturströmungen ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit.

Johnson protegierte denjenigen, der ihm gefiel. Und wen er dann protegierte - aus dem wurde ein Star. Er entdeckte und förderte etwa Leute wie Gehry, Eisenman, Libeskind, Hadid und - sehr lange ist es her! - Ludwig Mies van der Rohe.

Seine berühmteste Königsmacher-Ausstellung datiert zurück auf 1932, als er gemeinsam mit Henry-Russell Hitchcock die europäische Architekturavantgarde zum gemeinsamen Auftritt nach New York holte. Der Titel der dazugehörigen Publikation gab einer ganzen Architekturgeneration ihren Namen: „The International Style“. Ein halbes Jahrhundert später verkündete er an gleicher Stelle das Zeitalter des Dekonstruktivismus und machte damit auch Leute wie Coop Himmelb(l)au der Weltöffentlichkeit bekannt.

Wolf Prix sagt über ihn: „Er konnte mit seinen zynischen Bemerkungen Menschen vernichten, und wer sich vor ihm fürchtete, der starb vor Angst.“ Als Prix in Manhatten vergebens nach einem Taxi Ausschau hielt, riss dem ebenfalls wartenden Johnson die Geduld. Er sprang, damals etwa 95, mitten auf die Fahrbahn, nötigte einen Cabdriver zum Stehenbleiben, drehte sich um und sagte: „So geht das!“

Jungs in Leder

Ebenso resolut stellte er sich 1940 der dunkleren Seite seiner Karriere, als er sich öffentlich von nationalsozialistischem Gedankengut distanzierte, dem er in den 30er-Jahren durchaus wohl wollend gegenüber gestanden war. Noch später bekannte er freizügig, als Homosexueller von den „deutschen Jungs in schwarzem Leder“ einfach fasziniert gewesen zu sein.

Erst im Alter von 34 Jahren begann Johnson sein Architekturstudium, als Diplomarbeit reichte er kurzerhand ein Stadtpalais ein, das er für sich selbst gebaut hatte. Seine berühmteste Arbeit entstand 1949 mit dem Glass House in New Canaan, das eindeutig Bezug auf Mies van der Rohes Farnsworth House Bezug nimmt. Als Mies dort zu Besuch weilte, weigerte er sich allerdings, die Nacht „in einer derart unehrlichen Konstruktion“ zu verbringen und wanderte in das Gästehaus aus.

Johnsons Architektur war, im Gegensatz zu den von ihm geförderten Stilen und Ismen, nie originär und trotzdem am Pulsschlag der jeweiligen Zeit. Er wechselte seine Ausdrucksformen wie ein Chamäleon die Farbe, war erst dem Rationalismus verpflichtet, um später etwa mit dem New Yorker AT&T-Building im gotisch-klassizistischen Stilmix eine Ikone der Postmoderne zu errichten und den Pritzker-Preis heimzuholen.

Zuletzt baute er ein wüst dekonstruktivistisches Torhaus, weil ihn plötzlich die düsteren Kunstwelten eines Hermann Finsterlin zu faszinieren begonnen hatten. In dieser Tradition entstand auch Johnsons Architekturskulptur „Wiener Trio“, die 1997 im MAK zu sehen war und heute in der Nähe des Wiener Ringturms einen öffentlichen Punkt markiert. Damals sagte Johnson zum STANDARD: „Wir steuern auf eine großartige Periode in der Geschichte der Architektur zu. Das 21. Jahrhundert wird die spannendste Epoche seit der Renaissance bringen.“

15. Januar 2005 Der Standard

Babylonisches Manhattan

Für Wissenschafter sind Filme wie „Alexander“ schlicht Frechheiten, die Filmarchitekturen bleiben Fantasygebilde

Wenigstens an einer historischen Tatsache besteht kein Zweifel: Das Zwischenstromland, also ein Teil des heutigen Irak, ist das, was Historiker die „Wiege der Zivilisation“ nennen. In den flachen, fruchtbaren Ebenen zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris wuchsen vor rund 6000 Jahren die ersten Siedlungen zu Stadtgröße heran. Babylon war nur eine von ihnen - und wie diese legendäre Metropole des Neolithikums sicher nicht ausgesehen hat, dürfen wir seit Ende vergangenen Jahres opulent aufbereitet im Kino betrachten.

Oliver Stones Dreistundenlangeweiler Alexander projiziert ein orientalisches Phantasyland auf die Leinwände, das Archäologen und Historiker je nach Temperament in Entsetzen oder Heiterkeit stürzt. Stones Set-Architekten und Computer-Malermeister haben volle Arbeit geleistet, sie haben tief in die Mottenkiste aller Mythen und Märchen gegriffen und sie haben sich offensichtlich in keiner Weise der Mühe unterzogen, dem historisch Verbürgten zu optischer Präsenz zu verhelfen.

Der Archäologe Fritz Krinzinger konstatiert: „Dieser Film ist streckenweise schlicht eine Frechheit.“

Den Einstieg in das Geschehen unternimmt ein sinnend über eine Terrassenlandschaft Alexandrias wandelnder Ptolemäus, der den Rahmen zur Handlung gibt, indem er sich ein paar Jahrzehnte nach Alexanders Tod (323 v. Chr.) an seinen einstigen Feldherren zurückerinnert. Dass er als nunmehr ägyptischer Pharaonenkönig einen griechischen Chiton trägt, mag verschmerzbar sein. Doch der architektonische Rahmen dieser Szenerie ist tatsächlich an Lächerlichkeit kaum zu überbieten.

Zwischen adrianischen Bogenarchitekturen, wie sie erst das zweite nachchristliche Jahrhundert Roms hervorgebracht hat, stehen dekorative, gülden gepinselte Pappmacheeskulpturen herum. Sie scheinen - wie dazumal die extraterrestrischen Papiersteinkulissen in Star Trek - sanft zu schwanken, wenn Ptolemäus sie philosophierend passiert. Und in seinen Privatgemächern hängen Gemälde an den Wänden wie in einem Pariser Künstleratelier des ausklingenden 19. Jahrhunderts.

Die Erinnerungen des Diadochenkönigs mäandern sodann durch die diversen historischen Stätten des alexandrinischen Geschehens. Da wäre zum Beispiel die Stadt Pella, der Geburtsort Alexanders in Makedonien. Hier nimmt die Kinoarchitektur Elemente der minoischen Kultur auf, die sich nach unten verjüngenden Stützen zum Beispiel, was laut Krinzinger „natürlich auch nicht stimmt, aber bitte“.

Was allerdings wirklich schmerzt, ist die cineastische Misshandlung der berühmten Kieselmosaike Pellas, die sich plötzlich als gefällige Wandornamente wiederfinden: Die Dekorationswut der Setdesigner transportierte die aus runden Kieseln kunstvoll „gemalten“ Bodenbilder kurzerhand an die Wände des Palastes, in dem Alexander die Demütigungen durch seinen Vaters Philipp zu erdulden hat. Während die Kinobesucher in der Opulenz der Szenerie schwelgen mögen, entdeckt das geschulte Auge des Historikers noch so manches unpassende Detail. Warum, so fragt sich Krinzinger beispielsweise, muss Alexanders Übermutter Olympias, von deren stets und ständig herausfordernd geschürzten Lippen wir hier absehen wollen, „tarentinischen Schmuck tragen, den es damals noch gar nicht gab?“

Einer der optischen Höhepunkte des Streifens ist natürlich der Einzug Alexanders in das soeben eroberte Babylon. Dass die bereits von Alexanders Vater erfundene Kriegsmaschinerie, vor allem die Phalanx, die Niederlage des Dareius bei Gaugamela bewirkte, bleibt ausgeklammert, weil körperdurchdringende Speere und spritzende Blutfontänen eben besser auf der Leinwand kommen. „Die raufen wie am Kirtag“, sagt Krinzinger, doch egal, es folgt der Einzug der Eroberer in die Stadt der Städte:

Ein bläulich-nebeliges Manhattan Mesopotamiens erhebt sich hier vor dem Auge des Betrachters. Kraniche umflattern den Turm zu Babel wie Bergdohlen, darunter fehlen nicht die hängenden Gärten der Semiramis, von denen heute keiner mehr sagen kann, wie sie wirklich ausgesehen haben. Krinzinger meint: „So jedenfalls sicher nicht.“ Was aller Wahrscheinlichkeit eine terrassierte Anlage in Flussnähe war, wird hier zu einer Orgie von Blumentöpfen, an den Wänden aufgehängt.

Die Archäologieprofessorin und Mesopotamien-Spezialistin Helga Trenkwalder, die seit mehr als 30 Jahren im Irak Ausgrabungen leitet, fasst ihre Meinung zu Historienfilmen wie Alexander kurz und bündig zusammen: „Ich habe es satt. Diese Filme sind meistens komplett daneben, und das ärgert uns, weil man die Architektur und die Ausstattung auch auf seriöse Art interessant gestalten könnte.“ Krinzinger pflichtet ihr bei. So habe etwa der ebenfalls im Vorjahr angelaufene Film Troja zumindest auf die neuesten digitalen Architektur-und Stadtrekonstruktionen der Wissenschaft zurückgegriffen. Der Archäologe hat - auch in seinen Vorlesungen - immer wieder Historienfilme aus diversen Epochen analysiert und kommt zu dem Schluss, dass Regisseure und Filmarchitekten in den 60er-Jahren wesentlich sorgfältiger mit der Geschichte umgegangen sind. Er ortet im Historienkino einen „Verfall der Sitten sondergleichen“.

Der Chef des Wiener Filmmuseums, Alexander Horwath, sieht die Angelegenheit gelassener: „Wenn man wollte, könnte man sicher auch im Film ein korrektes, dem Stand der Wissenschaft entsprechendes Bild zeichnen, doch es ist nicht der Mangel an Fähigkeit, dass das nicht geschieht, sondern eine bewusste Entscheidung, die letztlich viel über Hollywood erzählt.“ Filme wie Alexander wollten im Dienste der leichten Konsumierbarkeit ganz einfach gängigen Klischees und Mythen entsprechen. „Es geht hier um alternative, eskapistische, zusammengeträumte Welten, um die Vermengung von Fantasiebildern.“ Das Antik-Kino habe sich zu einem Hybridgenre aus Antik-Action-Fantasy entwickelt.

Doch - ist nicht letztlich die Geschichte der Geschichtsschreibung ebenfalls als ein Amalgam aus Fantasy, Fiction bis hin zum Fanatismus zu betrachten? Sie bleibt jedenfalls ein Mosaik aus Überlieferungen, Fundstücken und natürlich auch Mythen, die sich jede Zeit neu aufbereitet und wieder neu schreibt.

Filme wie Alexander sind da nur ein kleines Steinchen im großen Bild der kollektiven Wahrnehmung. Doch populär-unwissenschaftliche Kinobilder wie diese bleiben im Hirn irgendwie hängen. „Es gibt keine Königsregeln“, schrieb Egon Friedell 1938 in seiner Kulturgeschichte Griechenlands im Kapitel über Alexander den Großen, „sondern nur Könige, die Regeln geben.“ Auch das scheint eine historisch verbürgte Wahrheit zu sein - bis heute. []
architektur@derStandard.at

Wenigstens an einer historischen Tatsache besteht kein Zweifel: Das Zwischenstromland, also ein Teil des heutigen Irak, ist das, was Historiker die „Wiege der Zivilisation“ nennen. In den flachen, fruchtbaren Ebenen zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris wuchsen vor rund 6000 Jahren die ersten Siedlungen zu Stadtgröße heran. Babylon war nur eine von ihnen - und wie diese legendäre Metropole des Neolithikums sicher nicht ausgesehen hat, dürfen wir seit Ende vergangenen Jahres opulent aufbereitet im Kino betrachten.

Oliver Stones Dreistundenlangeweiler Alexander projiziert ein orientalisches Phantasyland auf die Leinwände, das Archäologen und Historiker je nach Temperament in Entsetzen oder Heiterkeit stürzt. Stones Set-Architekten und Computer-Malermeister haben volle Arbeit geleistet, sie haben tief in die Mottenkiste aller Mythen und Märchen gegriffen und sie haben sich offensichtlich in keiner Weise der Mühe unterzogen, dem historisch Verbürgten zu optischer Präsenz zu verhelfen.

Der Archäologe Fritz Krinzinger konstatiert: „Dieser Film ist streckenweise schlicht eine Frechheit.“

Den Einstieg in das Geschehen unternimmt ein sinnend über eine Terrassenlandschaft Alexandrias wandelnder Ptolemäus, der den Rahmen zur Handlung gibt, indem er sich ein paar Jahrzehnte nach Alexanders Tod (323 v. Chr.) an seinen einstigen Feldherren zurückerinnert. Dass er als nunmehr ägyptischer Pharaonenkönig einen griechischen Chiton trägt, mag verschmerzbar sein. Doch der architektonische Rahmen dieser Szenerie ist tatsächlich an Lächerlichkeit kaum zu überbieten.

Zwischen adrianischen Bogenarchitekturen, wie sie erst das zweite nachchristliche Jahrhundert Roms hervorgebracht hat, stehen dekorative, gülden gepinselte Pappmacheeskulpturen herum. Sie scheinen - wie dazumal die extraterrestrischen Papiersteinkulissen in Star Trek - sanft zu schwanken, wenn Ptolemäus sie philosophierend passiert. Und in seinen Privatgemächern hängen Gemälde an den Wänden wie in einem Pariser Künstleratelier des ausklingenden 19. Jahrhunderts.

Die Erinnerungen des Diadochenkönigs mäandern sodann durch die diversen historischen Stätten des alexandrinischen Geschehens. Da wäre zum Beispiel die Stadt Pella, der Geburtsort Alexanders in Makedonien. Hier nimmt die Kinoarchitektur Elemente der minoischen Kultur auf, die sich nach unten verjüngenden Stützen zum Beispiel, was laut Krinzinger „natürlich auch nicht stimmt, aber bitte“.

Was allerdings wirklich schmerzt, ist die cineastische Misshandlung der berühmten Kieselmosaike Pellas, die sich plötzlich als gefällige Wandornamente wiederfinden: Die Dekorationswut der Setdesigner transportierte die aus runden Kieseln kunstvoll „gemalten“ Bodenbilder kurzerhand an die Wände des Palastes, in dem Alexander die Demütigungen durch seinen Vaters Philipp zu erdulden hat. Während die Kinobesucher in der Opulenz der Szenerie schwelgen mögen, entdeckt das geschulte Auge des Historikers noch so manches unpassende Detail. Warum, so fragt sich Krinzinger beispielsweise, muss Alexanders Übermutter Olympias, von deren stets und ständig herausfordernd geschürzten Lippen wir hier absehen wollen, „tarentinischen Schmuck tragen, den es damals noch gar nicht gab?“

Einer der optischen Höhepunkte des Streifens ist natürlich der Einzug Alexanders in das soeben eroberte Babylon. Dass die bereits von Alexanders Vater erfundene Kriegsmaschinerie, vor allem die Phalanx, die Niederlage des Dareius bei Gaugamela bewirkte, bleibt ausgeklammert, weil körperdurchdringende Speere und spritzende Blutfontänen eben besser auf der Leinwand kommen. „Die raufen wie am Kirtag“, sagt Krinzinger, doch egal, es folgt der Einzug der Eroberer in die Stadt der Städte:

Ein bläulich-nebeliges Manhattan Mesopotamiens erhebt sich hier vor dem Auge des Betrachters. Kraniche umflattern den Turm zu Babel wie Bergdohlen, darunter fehlen nicht die hängenden Gärten der Semiramis, von denen heute keiner mehr sagen kann, wie sie wirklich ausgesehen haben. Krinzinger meint: „So jedenfalls sicher nicht.“ Was aller Wahrscheinlichkeit eine terrassierte Anlage in Flussnähe war, wird hier zu einer Orgie von Blumentöpfen, an den Wänden aufgehängt.

Die Archäologieprofessorin und Mesopotamien-Spezialistin Helga Trenkwalder, die seit mehr als 30 Jahren im Irak Ausgrabungen leitet, fasst ihre Meinung zu Historienfilmen wie Alexander kurz und bündig zusammen: „Ich habe es satt. Diese Filme sind meistens komplett daneben, und das ärgert uns, weil man die Architektur und die Ausstattung auch auf seriöse Art interessant gestalten könnte.“ Krinzinger pflichtet ihr bei. So habe etwa der ebenfalls im Vorjahr angelaufene Film Troja zumindest auf die neuesten digitalen Architektur-und Stadtrekonstruktionen der Wissenschaft zurückgegriffen. Der Archäologe hat - auch in seinen Vorlesungen - immer wieder Historienfilme aus diversen Epochen analysiert und kommt zu dem Schluss, dass Regisseure und Filmarchitekten in den 60er-Jahren wesentlich sorgfältiger mit der Geschichte umgegangen sind. Er ortet im Historienkino einen „Verfall der Sitten sondergleichen“.

Der Chef des Wiener Filmmuseums, Alexander Horwath, sieht die Angelegenheit gelassener: „Wenn man wollte, könnte man sicher auch im Film ein korrektes, dem Stand der Wissenschaft entsprechendes Bild zeichnen, doch es ist nicht der Mangel an Fähigkeit, dass das nicht geschieht, sondern eine bewusste Entscheidung, die letztlich viel über Hollywood erzählt.“ Filme wie Alexander wollten im Dienste der leichten Konsumierbarkeit ganz einfach gängigen Klischees und Mythen entsprechen. „Es geht hier um alternative, eskapistische, zusammengeträumte Welten, um die Vermengung von Fantasiebildern.“ Das Antik-Kino habe sich zu einem Hybridgenre aus Antik-Action-Fantasy entwickelt.

Doch - ist nicht letztlich die Geschichte der Geschichtsschreibung ebenfalls als ein Amalgam aus Fantasy, Fiction bis hin zum Fanatismus zu betrachten? Sie bleibt jedenfalls ein Mosaik aus Überlieferungen, Fundstücken und natürlich auch Mythen, die sich jede Zeit neu aufbereitet und wieder neu schreibt.

Filme wie Alexander sind da nur ein kleines Steinchen im großen Bild der kollektiven Wahrnehmung. Doch populär-unwissenschaftliche Kinobilder wie diese bleiben im Hirn irgendwie hängen. „Es gibt keine Königsregeln“, schrieb Egon Friedell 1938 in seiner Kulturgeschichte Griechenlands im Kapitel über Alexander den Großen, „sondern nur Könige, die Regeln geben.“ Auch das scheint eine historisch verbürgte Wahrheit zu sein - bis heute.

15. Januar 2005 Der Standard

„Wien ist froh, wenn wir im Ausland bauen“

Coop Himmelb(l)au haben mit dem neuen Hauptsitz der EZB in Frankfurt den wichtigsten Auftrag ihrer Karriere erkämpft. Mit Wolf D. Prix sprach Ute Woltron.

Die Europäische Zentralbank ist kein einfacher Kunde, nach hartem Wettbewerb samt monatelanger Überarbeitungsphase sprachen die Ratsherren der gewichtigen Institution am Donnerstag den Wiener Architekten Coop Himmelb(l)au (Wolf D. Prix und Helmut Swiczinsky) mit dem neuen EZB-Hauptsitz in Frankfurt endgültig den derzeit heißesten Architekturauftrag Europas zu. Das Gebäude wird 2009 am Mainufer im Osten der Stadt entstehen und all jene EZB-Mitarbeiter, die derzeit auf drei Standorte verteilt sind, unter ein gemeinsames Dach bringen.

STANDARD: Das EZB-Projekt war bis zuletzt wild umkämpft. Wie sieht Ihr Entwurf nach elf Monaten Überarbeitung aus?
Wolf D. Prix: Ich traue mich zu sagen, dass die Entscheidung der EZB für die Architektur und nicht für die Funktion gefallen ist. Die Aufgabe des Wettbewerbs lautete, Transparenz, Kommunikation, Effizienz und Stabilität über die Architektur zu transportieren. Wir haben das nicht illustrativ gemacht, denn wir sind keine Illustrationsarchitekten, aber in unserem Entwurf können alle diese Eigenschaften abgelesen werden. Das ist das Zeichenhafte daran. Das Haus ist eine Funktionsplastik, ein Icon und ein neuer Typ im Hochhausbau.

STANDARD: Wie sieht das Gebäude aus und welche Funktionen beinhaltet es?
Prix: In zwei verschränkten Scheiben, die 184 Meter hoch sind, werden Büros und Arbeitsräume untergebracht. Diese Scheiben sind durch Rampen und Stege miteinander verbunden, der Luftraum dazwischen funktioniert zugleich als Kommunikationszone. Im horizontalen Bauteil befinden sich Kongresssäle und Restaurants für die rund 3000 Leute, die nach derzeitigem Stand hier arbeiten werden. Darüber hinaus gibt es auch noch Sicherheitszonen, auf die man aus verständlichen Gründen nicht näher eingehen kann, die jedoch gemeinsam mit den Sicherheitsberatern genau durchgesprochen sind.

STANDARD: Um welches Bauvolumen handelt es sich?
Prix: Dazu kann ich keine Auskunft geben, es ist jedenfalls kein geringes. Wir haben, was die Konstruktion und die Nutzflächen anbelangt, zwei Varianten ausgearbeitet und durchkalkuliert - welche davon letztlich gebaut wird, werden die Diskussionen mit dem Bauherren entscheiden.

STANDARD: Wie wichtig ist dieser Auftrag für Coop Himmelb(l)au?
Prix: Es ist unser größter derzeitiger Auftrag und sicherlich ein ganz wichtiger Schritt in unserer Karriere. In Frankfurt wird keine Box entstehen, sondern ein weithin sichtbares Icon, in dem Form und Funktion synergetisch sind. Das entspricht unserer Vorstellung von Architektur.

STANDARD: Im Feld der internationalen Spitzenarchitektur ist die Luft dünn - wie hart ist der Konkurrenzkampf?
Prix: Man unterstellt der Szene stets Animositäten, doch das stimmt absolut nicht. Ich freue mich über jeden Wettbewerb, den etwa Zaha Hadid gewinnt. Ich schätze beispielsweise auch die Schweizer Kollegen Herzog und de Meuron sehr, obwohl sie eine völlig andere Architekturrichtung vertreten als wir, und auch Peter Eisenman ist großartig, sozusagen brillant spekulativ. Ich begrüße also alles, was einen Schritt in Richtung Architektur darstellt, und behaupte, dass es so etwas wie Qualitätssolidarität unter Architekten gibt.

STANDARD: Coop Himmelb(l)au baut derzeit in Lyon, München, Ohio und bald auch in Frankfurt: Wo bleiben österreichische oder Wiener-Aufträge?
Prix: Eigentlich erwarte ich einen Anruf von unserem Wiener Planungsstadtrat! Gestern hat jedenfalls ein Kollege mir gegenüber gemeint, er freue sich, dass wir diesen Auftrag nach Österreich geholt hätten. Doch während wir in Frankfurt jetzt ein Hochhaus bauen, werden wir hier zu Lande nicht einmal zu Hochhauswettbewerben eingeladen. Ich habe den Eindruck, dass Wien froh ist, wenn wir im Ausland bauen, weil dann hier in Ruhe und ungestört weiterhin das Mittelmaß erzeugt werden kann.

STANDARD: Gibt es vielleicht zu wenig Mut dazu?
Prix: Das kann natürlich so sein - als umso bemerkenswerter empfinde ich die Beauftragung aus der Ferne.

STANDARD: Die heimische Architektur steht international in gutem Renommee. Können prominente Projekte wie die EZB noch befördernd wirken?
Prix: Ich denke schon, der Auftrag ist für uns alle wichtig.

STANDARD: Sie sind nicht nur Architekt, sondern auch Architekturlehrer und Dekan der Architekturfakultät der Angewandten: Welche Bedeutung hat das für Sie?
Prix: Die Lehre ist entscheidend, Wien wird derzeit zum strategischen Fokuspunkt, viele wichtige Architekten wollen hier lehren, und ich werde sie auch holen. Doch die Stadt hat noch nicht kapiert, wie wichtig das ist - für die kommende Architektengeneration, nicht für mich.

8. Januar 2005 Der Standard

Architekten ohne Grenzen

Baufachleute können Know-how in die Krisengebiete transportieren - aber noch nicht jetzt

Die Frage, wie man abgesehen von Geldspenden der von der Flut betroffenen Bevölkerung Südostasiens vor Ort helfen könne, stellen sich und den Hilfsorganisationen natürlich auch zahlreiche Architekten und Architekturstudenten. Die gleich lautende Antwort der Fachleute auf Anfragen lautet: derzeit gar nicht. Bitte dringend daheim bleiben!

Freiwillige Helfer, so die Profis, würden derzeit eher im Weg herumstehen und alle Akutmaßnahmen behindern. Erst wenn die wichtigste Nothilfe geleistet sei, sagt Peter Burk, Sprecher der deutschen Organisation Architekten über Grenzen, könne an längerfristige bauliche Hilfestellungen gedacht werden.

Die Annahme, Architekten könnten bei Aufbauten von Flüchtlingslagern et cetera allerhand konstruktive Ideen sinnvoll anwenden, stellt sich - kurzfristig - als naiv heraus. Daniel Seller von Care Österreich: „Die verschiedenen Modulsysteme, die von Architekten entworfen wurden, haben sich immer als viel zu teuer erwiesen - und als unrealistisch, was das Gewicht und die Machbarkeit betrifft.“

Darüber hinaus sollten im akuten Katastrophenfall nur die erprobten „Guidelines for Emergencies“ des UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) zum Tragen kommen. Burk: „Wenn wirklich Flüchtlingslager notwendig sind und Menschen nicht an anderen Stellen wie etwa in Klöstern, Schulen, Turnhallen Aufnahme finden, dann fordert der UNHCR zu Recht weltweit Standards ein.“

Diese generalstabsmäßig ausgearbeiteten Richtlinien definieren vom Lagergrundriss bis zum einzelnen Zelt, von den Latrinen-, Abwasser- und Wasseraufbereitungsarbeiten alle Details solcher Lager genauestens, was aus Gründen der Hygiene und Logistik überlebensnotwendig ist.
So weit zum Jetzt und zu den kommenden Wochen. Dennoch können Architekturfachleute beginnen darüber nachzudenken, wie später sinnvoll zumindest in Mikrobereichen mit Know-how und einmal mehr mit Geld geholfen werden kann. Die spanische Pioniertruppe Arquitectos sin Fronteras hat vielfach vorgezeigt, dass der Know-how-Transport auch bei geringen zur Verfügung stehenden Mitteln äußerst hilfreich sein kann. Im Gefolge der Spanier haben sich diverse Schwesterorganisationen etabliert, die für unterstützungswillige Architekten probate Ansprechpartner sind.
Burk von Architekten über Grenzen: „Wir werden erst dann aktiv, wenn die erste Nothilfe abgeebbt ist und die Kamerateams wieder nach Hause gefahren sind.“ Dann wird recherchiert, welche Hilfsorganisationen längerfristig in den betroffenen Gebieten tätig sind, ob Ingenieure und Architekten gebraucht werden und wie Fachleute am besten zum Einsatz kommen.

Hilfsaktionen auf eigene Faust sind fast immer kontraproduktiv, die Organisation muss den Profis überlassen bleiben. Bevor etwa der japanische Architekt Shigeru Ban 1994 für Ruanda und 1995 für Kobe Notunterkünfte aus Kartonröhren entwickelt hatte, war er kurzerhand im UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge in Genf vorstellig geworden, um seine Ideen zu präsentieren. Er war damals übrigens noch kein Weltstar, sondern einfach ein junger Architekt mit Mut und Durchsetzungskraft.

Auch Christoph Chorherr, der gemeinsam mit Architekturstudenten der TU-Wien laufend in Südafrika etwa Unterkünfte und Schulen organisiert, sagt: „Man muss unbedingt auf lokale Strukturen zurückgreifen, denn wenn man nicht aufpasst, können Gefüge durcheinander gebracht und Schaden gestiftet werden. Trotzdem gibt es keine Universitäten, keine Architekten, die jetzt nicht ihren Beiträge leisten könnten.“ TU-Studenten des Instituts für Wohnbau und Entwerfen bauten jüngst bei Johannesburg innerhalb von wenigen Tagen ein Schulgebäude, die Errichtungszeit konnte nur deshalb so kurz gehalten werden, weil Planung und Vorbereitung hier zu Lande äußerst sorgfältig erfolgt waren.

Burk betont, dass jede Maßnahme vor allem auch an die lokale Marktwirtschaft angepasst sein müsse, und dass sich beispielsweise das Einfliegen von Fremdmaterial durchaus kontraproduktiv auswirken könne. In Mittelamerika sei etwa der einheimische Wellblechmarkt vorübergehend zusammengebrochen, als man aus karitativen Gründen „Wellblech containerweise“ dorthin verschifft habe.

Die österreichische Bauindustrie hat derweilen das vorerst einmal Vernünftigste getan und ein zweckgerichtetes Spendenkonto für ihre Mitglieder eröffnet. Porr-Chef Horst Pöchhacker: „Große Konzerne wie wir fühlen sich natürlich zu humanitärer Hilfe verpflichtet, weshalb wir unseren finanziellen Beitrag leisten werden. Doch das hat mit längerfristigem Einstieg in diese Märkte, die weit außerhalb unserer Reichweite liegen, absolut nichts zu tun.“ Abgesehen davon seien die asiatischen Bauleute bekanntlich „auch keine Dilettanten“.

Christoph Chorherr hat seinerseits angekündigt, nach angemessener Frist ein ähnliches Projekt wie das südafrikanische auch in einem der von der Flutkatastrophe betroffenen Länder in Angriff nehmen zu wollen. Unterstützung hoch willkommen.

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag