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2. August 2003 Spectrum

Die Irritation der Stille

Sozialer Wohnbau, der optimale Wohnqualität bietet und dem man die knappen Kostenvorgaben nirgends ansieht - und das in einem äußerst schwierigen Umfeld: das ist Georg Driendl in Insbruck gelungen.

Wohnbau findet heutzutage entweder in extremen Stadtrandlagen oder an besonders problematischen Standorten statt. Das ist nicht nur in der Bundeshauptstadt so, das gilt für fast jede mittlere, erst recht größere Stadt. In diesem Fall ist von Innsbruck die Rede. Dort hat Georg Driendl kürzlich eine Wohnanlage fertig gestellt, die genau mit diesen Voraussetzungen zu Rande kommen musste. Sie steht wirklich an den Outskirts of Innsbruck und noch dazu an einer Einfallstraße, deren Verkehrsaufkommen den ganzen Tag und die halbe Nacht lang horribel ist.

Nicht zufällig gab es im Vorfeld der Rea-lisierung des Projekts auch immer wieder entmutigende Reaktionen auf Seiten von Driendls Architektenkollegen: Kopfschütteln, Zweifel und stets die gleiche Frage: Darf man in einem solchen Umfeld überhaupt Wohnbau machen? Dazu eines ganz deutlich: Man kann diese Frage, wie berechtigt sie theoretisch auch immer sein mag, wohl nur als rein rhetorisch ansehen. Wer hat je von einem Architekten gehört, der einen Auftrag aus Gründen der sozialen Unzumutbarkeit abgelehnt hätte? Andererseits: Es war eine äußerst schwierige Ausgangssituation.

Der Lärm ist gewaltig. Draußen auf der Straße kann man sich nur unterhalten, indem man sich gegenseitig ins Ohr schreit. Wenn man dann drin ist in der Anlage, dann gibt es einen merkwürdig verzögerten Moment, da nimmt man plötzlich die Stille wahr - unwirklich, irritierend.

Wohlgemerkt, ich rede nicht von einer Wohnung, in der ich mich in diesem Augenblick aufgehalten hätte, sondern vom Freibereich zwischen den fünf Zeilen, die Driendl hier realisiert hat. Er hat seine Baukörper natürlich mit der Schmalseite, also im rechten Winkel, zur Amraser Seestraße gestellt - das war aus Schallschutzgründen obligatorisch -, glücklicherweise deckt sich diese Positionierung mit der optimalen Orientierung, nämlich Ost-West.

Zu diesem Effekt der Stille trägt maßgeblich eine Lärmschutzwand bei, die die gesamte Länge der Wohnanlage zur Straße hin abschirmt. Sie ist besonders strukturiert: eine erste, untere Schicht aus Nebenräumen (Kellerabteilen et cetera) hinter einer Holzlatten-Fassade, darüber eine feine Lochblech-Bahn und noch weiter oben eine nach außen leicht gekrümmte Stahl-Glas-Konstruktion. Der Holzteil ist schallweich und schluckt die tiefen Töne, der Metallteil ist ganz leicht reflektierend, und der Glasteil wirft den Lärm zurück auf den Grasstreifen zwischen Fußweg und Straße.

Schallschutzwände sind ein Problem: Sie sind in der Regel lang - die von Driendl 210 Meter -, und weil sie lang sind und auf dem Prinzip der Wiederholung von Modulen basieren, werden sie schnell unerträglich. Man darf gestalterisch keinesfalls zu viel machen, wenn man so etwas entwirft, sonst wird es penetrant. Zu wenig ist aber auch nicht gut.

Driendl hat es geschafft: Die Strukturierung der Wand ist ausgesprochen überzeugend. Es gibt indessen ein störendes Element: die „Kunst am Bau“. Sie stammt von Hans Weigand, einem hervorragenden Künstler, keine Frage, aber sie ist, meiner Ansicht nach, in dieser Situation deplaciert. Es ist eine Art handschriftliche, leuchtend farbig hingeworfene Textur, die ziemlichen visuellen Lärm macht, wo Driendls Konstruktion doch sehr still ist. Und sie könnte ganz leicht als eine Art Aufforderung gedeutet werden, sie weiterzuschreiben, noch etwas (sgraffitimäßig) hinzuzufügen. Und das wäre bestimmt nicht wünschenswert.

Dabei: Nichts gegen Sgraffiti. Aber hier wären sie kontraproduktiv. Denn hier geht es ja gerade darum, ein Wohnumfeld für Menschen zu schaffen, die eher zum unteren sozialen Level unserer Gesellschaft zählen. Es sind Mietwohnungen, es ist sozialer Wohnbau. Folgerichtig sind fast die Hälfte der Bewohner österreichische Staatsbürger ausländischer Herkunft. Das ist nach wie vor nicht ganz einfach.

Georg Driendl hat völlig logisch und sehr pragmatisch reagiert: Wohnbau für Unterprivilegierte, der nicht nur optimale Wohnqualität bietet, sondern auch visuell vergessen lässt, was hier Sache ist. In seinen Worten: „Es ist sehr aufschlussreich für eine Gesellschaft, wie sie mit ihren Ärmsten umgeht. Aber das wollten wir hinbringen: dass man der Wohnanlage nicht ansieht, dass sie echter sozialer Wohnbau ist.“

Man sieht es ihr wirklich nicht an. Derartig elegant ist sozialer Wohnbau selten gewesen. Emailliertes Glas an der Fassade - nachtblau, wie ich belehrt wurde, ich hatte es zunächst für schwarz gehalten. Die Farbe wirkt je nach dem Lichteinfall anders, und was besonders schön ist: Die Bergkette des Umgebungs-panoramas spiegelt sich im Fassadenbild und löst die kompakte „Masse“ der drei-stöckigen Baukörper teilweise auf, ihre Haut wird gewissermaßen natürlich belebt.

Der Architekt hat alles aufgeboten, was es heute unter solchen Umständen anzubie-ten gilt: Die Erdgeschoßwohnungen haben einen Gartenanteil, die Wohnungen darüber große Balkone mit verglasten Schiebetüren über die ganze Wohnraumbreite, so dass nicht nur viel Licht hereinkommt, sondern der Innenraum eine erlebbare Verlängerung in den Außenraum erfährt. Ein gelungener gestalterischer Kunstgriff: die fröhlichen Farben der Glasbrüstungen der Balkone.

Driendl hat 16-Meter-Trakttiefen vorgesehen und einen Zweispänner-Typ mit durchgesteckten Grundrissen. Das heißt vor allem: Jede Wohnung hat den ganzen Tag Sonne. Morgens im Osten, dorthin sind vor allem die individuellen Räume orientiert, nachmittags im Westen, da liegt der großzügige Gemeinschaftsbereich.

Konstruktiv ist das alles in einer Stahl-beton-Konstruktion umgesetzt, die Fassaden sind vorgehängt. Der Innenausbau in Leichtbauweise lässt langfristig jede Möglichkeit offen, man kann theoretisch die Wohnungsgrundrisse verändern, einzelne Zimmer der Nachbarwohnung zuschalten. Das sind zwar Möglichkeiten, von denen selten Gebrauch gemacht wird, aber man kann einfach nicht wissen, wie sich der Bedarf entwickelt. Daher sind solche Optionen immer gut.

Die Anlage ist äußerst ökonomisch geplant. Denn sie musste den Kriterien der Wohnbauförderung entsprechen - und das tut sie, sogar einschließlich der langen Schallschutzwand. In dieser Wand sitzen übrigens Türen mit einem internen Erschließungsweg dahinter, der jeweils direkt zu einem der Häuser führt. Die Abfahrt zur Tiefgarage ist ein wenig aus der Mitte verschoben, sie ist tagesbelichtet, ein behindertengerechter Lift führt hinauf auf Bodenniveau. Alle Erdgeschoßwohnungen sind also auch für Rollstuhlfahrer geeignet.

Dass die ziemlich edle und aufwendige, dafür aber auch sehr dauerhafte und pflegeleichte Glasfassade in diesem engen Rahmen finanzierbar war, hat wohl mit der Kompaktheit der Baukörper zu tun und mit der Ökonomie der Konstruktion. Außerdem hat Driendl auf alle technisch aufwendigen (und teuren) Installationen verzichtet: Es gibt keine Lifte, und es gibt zwar Sonnenkollektoren für die Warmwasserbereitung, aber keine kontrollierte Be- und Entlüftung. Sonnenenergie wird hier passiv genützt; das funktioniert immer, es bedarf keiner Wartung, und Niedrigenergiehäuser sind es - durch die intelligente Planung - trotzdem geworden.

27. Juni 2003 Spectrum

Lust auf Torte?

Lois Welzenbachers Parkhotel in Hall/Tirol war gleichzeitig an heutige Bedürfnisse anzupassen wie in seinem ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Wie Henke|Schreieck die Quadratur des Kreises schafften.

Es war schon im Wettbewerbsverfahren ein ungewöhnliches, ein riskantes Konzept, das Dieter Henke und Marta Schreieck vorgeschlagen haben, als es um die Instandsetzung und vor allem die Erweiterung des Turmhotels Seeber, später Parkhotel, von Lois Welzenbacher in Hall/Tirol ging. Denn vom Welzenbacher-Bau (1930/31) war der eigentliche Korpus zwar noch da, aber er war an der einen Seite, Richtung Kurmittelhaus, so zugebaut, dass man ihn als Turm kaum noch wahrnehmen konnte. Und das von außen so Besondere der an den Gebäudeecken weit vorkragenden Balkone, die den Eindruck einer Drehbewegung vermittelten, mit der sich das Haus optisch gewissermaßen aus der Erde herausschraubt, das gab es nicht mehr. Die hatte man irgendwann abgeschnitten. Der frei stehende Turm von Welzenbacher war also in seiner turmartigen Wirkung schon extrem reduziert. Und dann noch der Vorschlag von Henke[*]Schreieck: neben den kleinen Turm Welzenbachers einen zweiten, größeren zu setzen!

Der schöne Kurpark, gleich angrenzend an die wundervolle Altstadt von Hall, auf einem ansteigenden Gelände gelegen, begrenzt auf der einen Seite durch das Kurmittelhaus von Hans Illmer (ebenfalls 1930/31) und daneben, aber abgesetzt das Turmhotel von Welzenbacher: In einem solchen Umfeld einen Erweiterungsbau zu realisieren, der nicht das gesamte Grünareal „auffrisst“, der den Welzenbacher nicht tangiert, der ja im Gegenteil frei gelegt und im ursprünglichen Zustand wieder hergestellt werden sollte, gleichzeitig aber eine Verbindung zwischen Neubau, Welzenbacher und Kurmittelhaus zu schaffen, das war das Kunststück. Und erschwerend kam dann noch dazu, dass eine gewaltige Erweiterung der städtischen Tiefgarage unter dem Parkareal gefordert war.

Dass das alles geht, davon kann man sich jetzt überzeugen. Noch ist das Kurmittelhaus zwar eingerüstet, weil es geputzt wird, und die Grünanlagen, die durch den Tiefgaragenbau ziemlich gelitten haben, sind erst im Entstehen (Grünplanung: Auböck/Karasz), aber dass hier ein ausgesprochen spannendes Gebäudeensemble entstanden ist, darüber lässt sich nicht streiten.

Der Turm neben dem Turm: der neue rund, 23 Meter hoch und fast schwarz; der alte quadratisch, niedriger und ganz weiß. Und alles verbunden durch ein Sockelbauwerk, das im Neubau ins ansteigende Gelände eingebettet ist und bis hinunter zum Kurmittelhaus in einer großzügigen, aber nicht aufdringlichen Geste alle Bauten verbindet.

Henke[*]Schreieck haben das neue Haus konisch geplant, ein bisschen wie einen Trichter, der sich nach oben verbreitert und rundum verglast ist. Und diese Verglasung wiederum ist eingepackt in ganz regelmäßig geschichtete Lamellen, die die Rundung erst herstellen, denn die Glashaut selbst konnte aus ökonomischen Gründen natürlich nicht gebogen sein; gleichzeitig dienen die Lamellen der Beschattung und dem Sichtschutz.

Die verglaste Fassade macht die Zimmer von der Decke bis zum Boden vollkommen auf - der Ausblick ist in alle Richtungen sensationell, ob man jetzt die Nordkette oder die Altstadt von Hall oder auch den Welzenbacher vor Augen hat. Auf diesen visuellen Mehrwert wollte man einfach nicht verzichten, noch dazu, wo man ja auf Balkone bewusst verzichtet hat, um den Welzenbacher-Bau, dessen Charakteristikum die Balkone sind, auf keinen Fall zu konkurrenzieren.

Die Hotelzimmer im Neubau haben durch die runde Gebäudeform eine Art „Tortenstück“-Zuschnitt. Das klingt vertrackter, als es tatsächlich ist: Dadurch, dass sich jedes Zimmer zur Aussicht, zum fantastischen Panorama hin öffnet, erweitert sich der Innenraum sozusagen virtuell. Im Welzenbacher-Haus bedurfte es da schon größerer Anstrengungen, um auf einen Standard zu kommen, der einer heutigen Vier-Sterne-Kategorie entspricht. Denn da musste man in einer Drei-Zimmer-Abfolge jeweils das mittlere Zimmer streichen und für räumlich versetzte Badezimmer nutzen.

Das alte Parkhotel hat dem Bauherrn und den Architekten überhaupt einiges aufzulösen gegeben. Ursprünglich wusste ja gar niemand wirklich etwas mit diesem wunderbaren Zeugnis einer regional infiltrierten, gleichwohl internationalen Moderne anzufangen. Die Stadt Hall hat es zwar gekauft - aber was tun damit? Es waren Architekten, nämlich Inge Andritz, Feria Gharakhanzadeh und Bruno Sandbichler, die bei der Stadt vorstellig wurden, um auf die Bedeutung des Welzenbacher-Hauses aufmerksam zu machen. Konsequenz ihrer Initiative war ein EU-weites Auswahlverfahren und ein Wettbewerb unter 15 Teilnehmern. Den hat allerdings das Team Wiederin-Konzett gewonnen, das einen nur viergeschoßigen Neubau vorschlug, der aber entsprechend mehr Grundfläche im Park verbraucht hätte, weil sich ja am Umfang des Programms nichts geändert hat. Henke[*]Schreieck waren damals Zweite. Das Hauptproblem beim Projekt von Wiederin-Konzett war, dass sie die Verbindung der einzelnen Baukörper ausschließlich unterirdisch geplant hatten und davon auch nicht abgerückt sind. Während der Betreiber - verständlicherweise - argumentierte, dass eine Tunnelverbindung für ein Vier-Sterne-Hotel nicht zumutbar sei und es obendrein eine Restaurantlösung geben müsse, die alle Bauten gleichermaßen bedient und obendrein für ein externes Publikum attraktiv ist, sind doch die Haller früher auch ins Parkhotel speisen gegangen.

Bevor Henke[*]Schreieck, als ursprünglich Zweitgereihte, den Auftrag akzeptierten, bestanden sie auf einer neuerlichen Jury-Sitzung, bei der die verschiedenen Standpunkte, natürlich vor allem der Betreiber, gehört wurden. Erst dann kam es zur jetzigen Lösung.

Wie schwierig die Sanierung des Welzenbacher-Hauses werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Die Zimmer waren heutigen Anforderungen anzupassen, so viel war klar. Aber kein Mensch konnte ahnen, dass etwa die Bewehrung in den Balkonplatten auf der falschen Seite lag, dass sie statisch nicht sicher waren. Da war ein ungeheurer Aufwand nötig - und der wurde immer größer, wo immer man auch hingefasst hat.

Das ist aber jetzt alles geschafft. Man weiß beim besten Willen nicht, was man jemandem raten soll: im Welzenbacher zu logieren oder im Neubau. Ich habe im Neubau gewohnt, mit Blick auf die Nordkette, den Welzenbacher habe ich besichtigt, immer und immer wieder. Ich habe die feinen, sehr, sehr feinen Eingriffe von Henke[*] Schreieck bewundert, etwa wie sie die viel zu niedrigen Geländer im Stiegenhaus „aufgedoppelt“ haben, ohne den Charakter zu zerstören. Und ich muss sagen, dass die Abfolge Hotelhalle - Bar - Frühstücksraum - Restaurant, allem vorgelagert eine großzügige Terrasse mit Restaurantbetrieb, aufs selbstverständlichste funktioniert. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man nicht darüber nachdenkt, wie es einmal war, wie es hätte sein können. Solche Fragen stellen sich beim Parkhotel gar nicht. Nein, was man als Eindruck mitnimmt, kann nur sein: So ist es, und anders soll es gar nicht sein.

24. Mai 2003 Spectrum

Flanieren durch den Alltag

Glas, Metall und Licht: das ist die knappe Formel, auf die sich die Neugestaltung des Grazer Volkskundemuseums bringen lässt. Verantwortlich dafür: das Wiener Büro BEHF.

In Zeiten der Star-Mania haben es Volkskundemuseen schwer. Denn sie gehen mit dem um, was eben nicht spektakulär und Highlight war und ist, sie beschäftigen sich mit dem Alltag. Und das ist ein Forschungsgebiet, das nicht so einfach und ohne gedankliche Arbeitsleistung des einzelnen Besuchers fruchtbar wird, schließlich bedarf es dafür nicht nur eines einfühlsamen Blicks, sondern vor allem der Analyse, der Reflexion.

Dieser Tage hat das Volkskundemuseum in der Europäischen Kulturhauptstadt Graz wieder aufgesperrt. Nach 17 Jahren, in denen wohl der Sammlungs- und Forschungsbetrieb aufrecht blieb, in denen es aber keine öffentliche Präsentation gab, hat auch das Publikum wieder Zutritt.

Vorweg: Der Ort hat seine magischen Kräfte. Er liegt am Osthang des Schlossberges, in der denkmalgeschützten, fast schon heiligen Zone von Graz. Man geht die steile Sporgasse hinauf, und dann ist man auch bald da: bei einer barocken Klosteranlage mit Kirche und einem Zubau aus den Dreißigerjahren, alles zusammen ein stimmungsvolles Ensemble, wie man es sich nicht besser, nicht angemessener wünschen könnte. Die Kirche blieb unberührt. Aber das Kloster, der Zubau und das sogenannte Stöckelgebäude waren 1998 Gegenstand eines Wettbewerbes, bei dem es um die Adaptierung der nicht ganz unproblematischen Bausubstanz für einen zeitgemäßen Museumsbetrieb ging. Es war ein mehrstufiges Verfahren, das am Ende das Wiener Büro BEHF gewonnen hat. Verantwortlicher Projektarchitekt: Erich Bernard.

Die Struktur der alten Substanz dürfte eher entmutigend gewesen sein: Klosterzelle an Klosterzelle, später als Spital genutzt; und der Zubau - zwar Architektur, aber eine recht konservative, eine, die in ihrem formalen Ausdruck in irgendwelchen diffusen Traditionen verwurzelt scheint. Wobei damit schon wieder ein Problem angedeutet ist, das für die ganze Volkskunde gilt - oder zumindest für den Geruch, der ihr heute anhaftet: Irgendwo wohnt ihr ein beharrendes Moment inne, etwas Rückwärtsgewandtes, das nicht einfach nur historisches Interesse signalisiert, sondern dem nach wie vor auch das Odium des Reaktionären innewohnt.

Erich Bernard jedenfalls hat seinen Beitrag geleistet, um einen architektonischen Raum zu schaffen, der solchen Vorbehalten entgegenwirkt. Er ist dabei ausgesprochen respektvoll mit der Substanz umgegangen. Nach außen werden die Maßnahmen zwar sichtbar, sie bleiben aber diskret. Sie (zer-)stören das Ensemble nicht, aber als Aufforderungsgeste erreichen sie ihren Adressaten. Und darum geht es schließlich: um die Öffnung einer Institution, die sich in Zukunft sehr anstrengen muss, um (jenseits von Schulklassen) Besucher zu finden. Die äußere Erscheinung der Bausubstanz wurde weitestgehend respektiert. Im Grund hat man sich mit Farbe beholfen: Die diversen gelben „Unter“-Töne (bis zum Schönbrunner Gelb), in denen das Ensemble davor geschillert hat, wurden eliminiert - zu Gunsten eines neutralen, angenehm leuchtenden Weiß. Das überzieht außen jetzt alles - bis hin zur Gartenmauer. Und es kehrt drinnen wieder, allerdings in diversen Schattierungen - vom hell beschichteten Fußboden über gebrochen weiße Wände bis zur weißen, abgehängten Decke, hinter der sich die Installationen verbergen.

Ein paar wesentliche architektonische Eingriffe geben den Ausschlag: Kassenraum und Shop sind im Stöckelgebäude situiert (hier befindet sich, unsichtbar für das Publikum, auch die Verwaltung). Man löst seine Karte, überquert den Hof und betritt dann erst das Museum. Das hört sich verschwommener, unklarer an, als es ist. Denn in Wirklichkeit überblickt man die Situation auf Anhieb, nicht zuletzt, weil die gläserne Brückenröhre, die im Obergeschoß den Hof überspannt, ein deutliches Signal setzt. Aber vor allem, weil sowohl Kassen- als auch Eingangsbereich eindeutig, offen, transparent artikuliert sind.

Der Architekt bringt seine Maßnahmen auf eine knappe Formel: Glas, Metall und Licht - und unter dem Strich ist das wirklich der gemeinsame Nenner aller seiner Interventionen. Es gab dafür allerdings auch eine räumliche Vorbedingung, die er erst erfüllen musste - die Zellenstruktur musste weg. Und das ist wunderbar gelungen. Die Trennwände sind beseitigt, auch von der Mittelmauer stehen nur mehr Pfeiler, und um die herum sind die Hauptvitrinen gebaut, hinterleuchtete, gläserne Behälter, die man selbst ohne den Zwang der Mittelmauer nicht besser hätte platzieren können.

Die ursprüngliche Situation - ein Erschließungsgang, von dem man die Klosterzellen betritt - ist zwar irgendwie noch zu ahnen, gleichzeitig vergisst man aber darauf. Denn sie ist so geschickt in die museologische Aufbereitung integriert - der rasche Überblick im ehemaligen Gang, das einzelne Schauobjekt im Hauptraum -, dass sich die Logik dieser Präsentation von selbst in den Vordergrund spielt.

Obwohl: So exakt ist dieses Konzept gar nicht durchgezogen, es ist eher eine Art Leitgedanke mit angenehmen Unschärfen und Überlappungen. Das heißt, als Besucher wird man nicht unangenehm belehrt, die Präsentation hat nichts didaktisch Überfrachtetes, im Gegenteil, atmosphärisch dominiert wohltuende Selbstverständlichkeit.

Architektonisch wichtig sind die signifikante gläserne Brückenröhre und ein zweiter, viel bescheidener materialisierter Brückensteg, die beide Gebäude im Obergeschoß verbinden. Also kann man jetzt richtige Ausstellungsrundgänge machen, vom alten Kloster hinüber in den Trachtensaal im Obergeschoß des Dreißigerjahre-Bauteils - darunter, auf der Erdgeschoßebene, liegt ein Veranstaltungs- oder auch Wechselausstellungssaal - und zurück. Das ist gefühlsmäßig für den Besucher entscheidend: Intuitiv möchte man im Museum keine Sackgassen, keine Einbahnstraßen begehen, man möchte nach Belieben flanieren, seine individuelle „Runde drehen“.

Das Volkskundemuseum in Graz ist nicht groß. Es muss mit 1025 Quadratmetern Ausstellungsfläche auskommen. Das bedeutet für die Eröffnungsschau, dass vielleicht 600 Objekte zu sehen sind, ausgewählt aus einem Bestand von rund 50.000 Objekten. Es ist ein kleines, aber ein unheimlich feines Museum. Und die Art, wie die Ausstellungsobjekte ausgewählt und präsentiert sind - es geht für dieses Mal um das Thema Wohnen-Kleiden-Glauben - ist sehr beeindruckend. Für die Zukunft ist daran gedacht, die ständige Sammlung im Halbjahresrhythmus zu wechseln, einfach um die Grazer mehrmals ins Museum zu holen.

Noch ein (laienhafter) Nachsatz: Wir bewundern die afrikanischen, die asiatischen Masken, wir bewundern Gebrauchsgegenstände aus fernen Ländern. Und unsere Volkskunst? Gehen Sie ins Grazer Volkskundemuseum. So schöne Masken, so schöne Gebrauchsgegenstände. Und: Wir wissen es nicht. Es ist uns die Qualität der eigenen Tradition nicht bewusst. Also: Auf in die Paulustorgasse 11-13a!

27. April 2003 Spectrum

Schräg am Gartel

Wie man Licht und Sonne in Wohnungen und zugehörige Freibereiche bekommt und trotzdem Privatheit wahrt: Anschauungsbeispiel Leberberg von Geiswinkler & Geiswinkler Architekten.

Was da so silbrig schimmert am Rand der Leberberg-Bebauung in Wien, das ist eine Wohnanlage, der man auf den ersten Blick gar nicht ansieht, dass sie im Rahmen der herrschenden Baubestimmungen etwas Besonderes ist - nämlich Geschoßwohnungsbau (Bauklasse 3) in Holz-Leichtbauweise, wofür es in der Bundeshauptstadt einer Sondergenehmigung bedarf. Geiswinkler & Geiswinkler Architekten haben diese Sondergenehmigung (mit einigen Auflagen) bekommen und diese Chance auch genutzt: Sie führen höchst überzeugend vor, dass der industriell vorgefertigte Holzbau, die Tafelbauweise, eine Technologie der Zukunft ist.

In Vorarlberg müsste man das nicht mehr beweisen, da gibt es längst ausgetüftelte Systeme. Aber in Wien bedeutet ein solches Unterfangen Pionierarbeit. Die Geiswinklers haben schon vor Jahren, bei ihrem Kindergarten, auf diese Bauweise gesetzt. Dass sich der Bauträger am Leberberg, das „Neue Leben“, noch unter seinem früheren Direktor Klemen, darauf eingelassen hat, zeigt wieder einmal, was in den eingefahrenen Bahnen des geförderten Wohnbaus zu bewegen wäre, wenn auf Bauherren-Seite nicht gar so fest gefahrene Vorstellungen darüber herrschten, was ankommt und was nicht. „Gott sei Dank gibt es in der Architektur diese Regeln nicht“, geben sich die Geiswinklers erleichtert: „Es gibt nicht richtig oder falsch. Es stimmt auch nicht, wie das manche Bauträger behaupten, dass die Leute keine Maisonetten wollen. Man könnte sogar Turmhäuser bauen. Was wirklich zählt im Wohnbau, in der Architektur allgemein, das ist immer noch: Ist es gut oder schlecht.“

Ist es gut oder schlecht? Die Antwort, die Geiswinkler & Geiswinkler Architekten geben, hat eine feine Analyse zur Voraussetzung. Sie haben sich gefragt, was man bieten muss, um Menschen den Entschluss zu erleichtern, auf den Leberberg zu ziehen - schließlich ist das eines der problematischen Wiener Stadterweiterungsgebiete: unheimlich dicht bebaut, verkehrstechnisch ganz schlecht angeschlossen an das innere Stadtgebiet.

Die Antwort der Geiswinklers: Wenn ausnahmslos jeder Wohnung ein Freibereich zugeordnet ist, der mehr kann als der simple Balkon, die Terrasse, die Loggia. Es ging also um einen Freiraum-, einen Grünbezug, der nicht nur Alibifunktionen erfüllt. Bei den heutigen städtebaulichen Dichten ist das ein ziemlich schwieriges Unterfangen. Man sieht es daran, dass das Grundstück ursprünglich einem anderen Bauträger gehört hat, der einen anderen Architekten beauftragt hatte. Und der hat über 9000 Quadratmeter Nutzfläche erzielt. Dann hat das „Neue Leben“ das Grundstück übernommen, und die Geiswinklers haben einen Vorschlag gemacht. Der umfasst allerdings nur 5400 Quadratmeter Nutzfläche - sicher ganz im Interesse der künftigen Bewohner.

Die Anlage umfasst einen quer stehenden Nord-Süd-Riegel und drei Riegel, die ost-westorientiert sind. Die Haupterschließung führt zu einem zentralen Anger - mit drei Brunnen des Vorarlberger Künstlers Fridolin Welte in Beton, Stahl und Holz und einer Obstbaum-Bepflanzung: Kirsche, Apfel, Birne, Zwetschke.

Was einem hier, am Anger, zum ersten Mal so richtig auffällt, das ist die Lösung der Gärten zu ebener Erde: Sie sind durch Mauern gefasst und haben auch einen direkten Eingang vom Seitenweg her. Er führt durch einen überdachten Bereich zum offenen Vorgarten. Das Niveau der Gärten ist etwas höher. Das heißt, man sieht hinaus, aber vom tiefer liegenden Weg draußen nicht hinein. Das nennt man Privatheit.

Dieses Gebot der Privatheit war überhaupt ausschlaggebend für die Gesamtlösung. Die Hausfassaden kippen um acht Grad nach hinten. Das ist kein modisches Aperçu im Zeichen der Schräge, sondern eine Maßnahme, die zur Folge hat, dass man im Garten steht und über sich nichts hat, dass man sich wie im Vorgarten eines Reihenhauses fühlt. Die Maßnahme ist übrigens doppelt codiert: Sie relativiert auch die ziemlich engen Abstände innerhalb der Bebauung.

Beim Städtebau der Geiswinklers geht es eindeutig darum: Wie kriege ich Licht und Sonne überall hin. Und es geht um das Thema Privatheit. Heute wird so viel über das Thema Flexibilität geredet, auch im Wohnbau. Es werden Wohnbauten errichtet, die es ermöglichen, dass man je nach Bedürfnislage auch einmal das eine oder andere Zimmer der einen oder anderen Wohnung zuschlägt. Hier geht das nicht, es würde das Konzept der „Privatheit“ zerstören. Denn wenn man plötzlich hergeht und ein Zimmer der Nebenwohnung einer anderen Wohneinheit anschließt, dann würde der Bewohner seinen Nachbarn ja in den Garten schauen. Also, das geht nicht. Die Geiswinklers haben dieses Problem trotzdem gelöst: Sie haben mit den überdachten Bereichen zu ebener Erde, auch mit den gedeckten Dachbereichen, alle durch einen eigenen Zugang erschlossen, potenzielle Erweiterungsmöglichkeiten geschaffen. Es geht ganz leicht, aus diesen zusätzlichen, auch jetzt schon „gedeckten“ Bereichen, winterfeste Räume zu machen. Apropos Tafelbauweise: Man muss nur die einzelnen Elemente abschrauben, eine Wärmedämmung hineingeben, und dann - voilà - braucht man die Raumeinheiten nur noch zu schließen, einen eigenen Eingang haben sie sowieso.

Das Wohnungsangebot ist in dieser Anlage hinsichtlich der Größe an den Möglichkeiten im sozialen Wohnbau orientiert. Die Mehrzahl der Wohnungen umfasst zirka 80 Quadratmeter. Wenige haben über 100. Aber die haben dann auch zwei Dachterrassen. Und im Nord-Süd-Riegel gibt es erdgeschoßig Behindertenwohnungen, die nur auf einem Level und natürlich barrierenfrei abgewickelt wurden. Das Haus darüber ist dann so zoniert: unten die Behindertenwohnungen, darüber Maisonetten mit Garten, noch darüber Maisonetten mit Dachgarten.

Von diesem Standort, vom Dachgarten des Nord-Süd-Riegels, überblickt man dann auch die unheimlich aufgeräumten Dachflächen der Geiswinklers: Jeder Wohnung ihr Schacht und ansonsten - eine glatte Fläche. Mehr nicht. Weniger nicht.

Es gäbe viel zu den verschiedenen Grundrissen anzumerken. „Wir haben nie auf schräge Wände, spitze Winkel und Rampen gesetzt“, stellen die Geiswinklers klar: „Wenn man nur 80 Quadratmeter zu Verfügung hat, dann muss man alles sehr genau einteilen, und man muss immer im Auge haben, dass es darum geht, größer zu wirken, als man tatsächlich ist.“

Kein Mensch würde auf die Idee kommen, dass, was da an der Wohnanlage auf dem Leberberg ziemlich silbrig schimmert, Holz-Tafelbau ist: die Laminatplatten an der Fassade. In Beton ist der Liftturm ausgeführt, der mit Röhren an den Nord-Süd-Riegel angekoppelt und die Queraussteifung für den ganzen Baukörper ist. Aber das sind konstruktive Details der profilierten Statiker Gmeiner & Haferl. Komischerweise wird bei den Statikbüros heutzutage am meisten gespart. Das ist ein Fehler. Geiswinkler & Geiswinkler Architekten konnten glücklicherweise „ihr“ Statikbüro einbringen, das war auch entscheidend.

5. April 2003 Spectrum

Zeigen wir's doch her!

Spektakulär, der Lift auf den Mönchsberg, den Roman Delugan und Elke Delugan- Meissl entworfen haben. Nicht weniger spektakulär und schon fertig: ihr nobles Wohnhaus in Wien-Favoriten.

Es ist ein ziemlich lautes Signal, welches das Wohnhaus von Delugan-Meissl am Paltramplatz in Wien-Favoriten in seine Umgebung morst. Aber es hat einen wirklich guten Klang. Denn die Platzfronten mit ihrer sehr unterschiedlichen Bebauung - teils fragwürdige Architektur aus den letzten Jahren, teils Gründerzeit - können einen starken Akzent durchaus brauchen. Der ganze Platz, mit einem durch monströse Kinderspielgeräte fürchterlich verhüttelten Beserlpark in der Mitte, wird spannender durch den Neubau. Er bringt so etwas wie großstädtische Eleganz ins eher graue, auch etwas abgewirtschaftete Favoritner Einerlei.

Das Haus ist eine Eckverbauung. Und wenn man an die Tradition der markanten „Wiener Ecken“ denkt, dann fügt es sich mit seiner auffälligen Haltung in diese zu Unrecht vernachlässigte Praxis bestens ein. Was man von außen sieht, ist ein fast schwarzes Gebäude mit einem leuchtend gelben, verglasten Eingangsbereich, einer durch raumhoch verglaste Wintergarten-Boxen, die sich leicht aus der Gebäudehaut heraus schieben, unregelmäßig „gemusterten“ Fassade und oben drauf einer schwungvollen, schräg über Eck vorstehenden Hutkrempe aus gelochtem Stahlblech.

Das Haus enthält 22 geförderte Mietwohnungen - und dem Bauträger muss man ein Kompliment dafür machen, dass er sich auf dieses eindeutig jenseits der Norm angesiedelte Konzept eingelassen hat. Man muss aber auch sagen, dass es den Bewohnern zweifellos einen qualitativen Mehrwert bringt. Denn hier, im dicht verbauten städtischen Gebiet, ist es natürlich schwierig, den Mietern die heute so gefragten Freibereiche zu bieten. Auskragende Balkone waren nicht erlaubt und wären in diesem Umfeld auch deplatziert. Die Lösung mit den eingeschobenen Wintergarten-Boxen, die bis auf Brüstungshöhe fix verglast sind und darüber eine klapp- und schiebbare Verglasung haben, so dass sie sich in der warmen Jahreszeit eben doch in offene Balkone verwandeln lassen, bringt vom Nutzwert her mehr.

Man merkt dabei, vor allem im Winter, dass sich manche Bewohner mit dem einfach verglasten Wintergarten-Konzept erst vertraut machen müssen. Auf dem Land kennen die Leute sie noch, die „kalten“ Veranden, die aber bei Sonnenschein viel Wärme bringen. In der Stadt hat man darauf vergessen. Und so kommt es, dass so mancher seine nasse Wäsche zum Trocknen in den Wintergarten stellt und sich dann wundert, dass er Kondenswasser an der Verglasung hat - was man von der Straße natürlich sieht. Aber einmal ordentlich lüften, und es ist wieder weg.

Platziert sind die Wintergärten jeweils zwischen zwei Zimmern, sie stehen 60 Zentimeter aus der Fassade heraus, nur da, wo sie sich unmittelbar neben den angrenzenden Wohnhäusern befinden, durften es lediglich 15 Zentimeter sein. Die äußere Rahmung der Verglasung besteht aus dunklem Stahlblech, Ton in Ton mit der fast schwarzen Fassadenhaut aus Zementfaserplatten, drinnen sind die Wintergärten holzverkleidet, in einem sehr warmen, freundlichen Ton.

Im obersten Geschoß - auch hier sind die Zimmer außen raumhoch verglast - gibt es Terrassen, oben drüber, auf dem Dach, sind dann noch eine Sauna und ein gemeinschaftlicher Terrassenbereich.

Wie immer bei Delugan-Meissl ist viel Überlegung in die Grundrisse geflossen. Das Angebot ist dementsprechend breit gefächert und durch Schiebe-Elemente (keine Unterzüge!) zu einem großzügigen Raumkontinuum erweiterbar, ohne dass man deswegen auf die herkömmliche Zimmergliederung verzichten müsste. Vor allem bei der kleinsten Wohneinheit - etwa 56 Quadratmeter - macht sich das sehr angenehm bemerkbar. Es ist einfach nicht eng.

Man sieht an diesem Haus, dass es sich im Wohnbau immer noch lohnt, über Konzepte nachzudenken. Wenn man die städtebauliche Situation am Paltramplatz betrachtet und die limitierten Möglichkeiten einer solchen Eckverbauung, dann würde man sicher nicht darauf kommen, dass sich hier mehr realisieren lässt als eine konventionelle Aneinanderreihung von Zimmern. Da muss man schon ziemlich „experimentell“ denken. Und gerade in dieser Hinsicht hat das Haus am Paltramplatz eine besonders reiche Vorgeschichte.

Denn ursprünglich sollte es ein Boarding-House werden, das einiges Aufsehen erregt hätte. Delugan-Meissl hatten ihr Konzept „Swatch-Haus“ genannt. Im Wesentlichen hätte es aus einem Modulsystem bestanden, das auf Kleinwohnungen für Kurzzeitmieter basierte, die aber sehr variabel und flexibel angelegt waren, so dass im Endeffekt ganz unterschiedliche Grundrisse und Wohnungstypen realisierbar gewesen wären. Die Architekten haben dafür ein eigenes „Wandmöbel“ entwickelt, in dem nach dem Prinzip des Drehens, Klappens, Schiebens ein überraschendes Spektrum von Funktionen aufgehoben war: vom Bett über die Küche und das Bad bis zum WC. Dieses sogenannte „Mobile“ war auch variabel bestückbar geplant, je nach Bewohnerwunsch.

Der eigentliche Clou aber war: Jeder Gast hätte nicht nur eine Wohneinheit gemietet, sondern ein Auto - gedacht war an einen „Smart“, also einen Kleinstwagen - gleich dazu. Und dieses Auto wäre nicht etwa in einer Tiefgarage gestanden. Die Gäste hätten es vielmehr via gläsernen Paternoster mitgenommen.

Das ist auf den ersten Blick sicher eine verrückte, scheinbar sogar zynische Idee. Wenn man sich das Konzept aber ernsthaft überlegt, dann muss man wohl doch einräumen: So falsch liegt es gar nicht. Denn es gibt sie bestimmt, die Großstadt-Nomaden, die sich nur ein paar Wochen oder Monate in einer Stadt aufhalten und ein solches Angebot zu schätzen und damit umzugehen wissen. Der Investor hat seinerzeit damit argumentiert, dass Favoriten kein Standort für ein solches Experiment ist - das lässt sich nicht ganz von der Hand weisen.

In diesem Projektstadium hatte das Haus übrigens noch eine Glasfassade. Es wäre auch von außen nachvollziehbar geworden, dass drinnen nomadisch, mobil gelebt wird. Ein faszinierender, ein ausgesprochen reizvoller Gedanke - Rubrik gebaute „Großstadtpoesie“.

Es gab dann noch ein zweites Projektstadium, das auf Grund seiner Fassadenlösung bemerkenswert war. Delugan-Meissl hatten damals schon das Wintergarten-Konzept als wichtigen Bestandteil des neuen Wohnhaus-Programms. Zur fast spielerischen „Musterung“ der Gebäudehaut durch die großen Verglasungen, durch Eckfenster und Fensterbänder wäre aber noch eine ganz entscheidende Qualität hinzugekommen: Das Haus sollte eine Energiefassade erhalten, vor die eine „grüne Hülle“ gespannt worden wäre.

In diese Überlegung ist viel Entwicklungsarbeit geflossen, an der nicht nur ein Schichtplattenhersteller, sondern auch Spezialisten der Technischen Universität Wien beteiligt waren. Ergebnis war eine Fassade aus organischen Schichtstoffplatten, Sandwich-Elemente, die ein Röhrensystem aus Kupfer enthalten und Sonnenenergie speichern. Die Energie wäre zur Warmwasserbereitung genutzt worden. Dieser dunklen Schichtstoffplatten-Haut vorgelagert war dann noch ein Rankgerüst aus Stahl, so dass das Haus von unten bis oben begrünt gewesen wäre.

Man sieht es dem Eckhaus am Paltramplatz zwar an, dass es etwas Besonderes ist, dass es eine so aufwendige Entwicklungsgeschichte hat, erzählt es natürlich nicht. Was sich nach außen ausdrückt, das ist die Vielfalt der Grundrisse. Denn die bewegte Unregelmäßigkeit in der Gebäudehülle kam nur dadurch zu Stande.

Was sich noch nach außen ausdrückt, das ist die formale Delikatesse, mit der hier ein einfallsreiches Konzept materialisiert wurde. Delugan-Meissl setzten dabei keineswegs auf teure, aufwendige Materialien. Im geförderten Wohnbau ginge sich das auch gar nicht aus. Aber die dunkelanthrazit durchgefärbten Holzfaserzementplatten an der Fassade vermitteln trotzdem eine Noblesse, die hier, im „Arbeiterbezirk“ Favoriten, durch ihre Zurückhaltung genauso richtig ist, wie sie das in einem innerstädtischen Bereich wäre.

Schön ist auch, dass das Gebäude ein so deutliches Unten und Oben hat. Unten das räumlich ganz bescheidene Foyer, in das man über eine sehr flache Rampe, mit der das Platzgefälle abgefangen wird, hineinkommt. Es ist voll verglast und durch seinen gelben Wandanstrich nicht nur weithin sichtbar, es verbreitet auch eine geradezu einladende Fröhlichkeit.

Und oben drauf die ungemein markante Lochblech-Überdachung. Die hat eine Botschaft, die zwar allen Gebäuden innewohnt, aber die wenigsten sprechen es so deutlich aus: Hier ist das Haus zu Ende, zeigen wir das doch her.

1. Februar 2003 Spectrum

Schiefer, der Musik macht

Die Vorgaben waren rigoros, sowohl in bezug auf die Kosten wie auch in bezug auf die Nutzungsqualitäten. Johann Obermoser und Helmut Reitter brachten bei der Innsbrucker Zentrale der Bank für Tirol und Vorarlberg hohe Dichte und atmosphärische Großzügigkeit unter einen Hut - mit einem städtebaulichen Trick.

Die Gegend ist ziemlich unwirtlich, aber das Gebäude kann sich gerade in diesem Umfeld und trotz der problematischen Umfeldbedingungen wirklich sehen lassen. Die Tiroler Architekten Johann Obermoser und Helmut Reitter haben hier, am Langen Weg in der Innsbrucker Reichenau, das neue, wenn auch nur „temporäre“ Domizil der Zentrale der Bank für Tirol und Vorarlberg errichtet. Gleich daneben: Innsbrucks meist befahrene Kreuzung. Und daher: viel, viel Lärm und keine gute Luft. Und doch merkt man drinnen im Haus praktisch nichts davon.

Das Haus hat eine Vorgeschichte. An sich war die Zentrale der BTV bisher in der Innsbrucker Innenstadt. Und zwar in einem beziehungsweise eigentlich mehreren Altbauobjekten, die miteinander verbunden sind. Dieser Unternehmenssitz bedurfte nun dringend der Sanierung. Das Problem war: Wohin in der Umbauzeit? Als Lösung bot sich das Grundstück am Langen Weg an. Erstens, weil es der Bank bereits gehörte, und zweitens, weil sich gleich im Anschluß eine Dependance des Unternehmens befindet. Architektonisch attraktiv ist diese Zweigstelle mit ihrer Waschbetonfassade zwar nicht, aber hier zwischen Alt und Neu eine Verbindung herzustellen, die womöglich auch dem „Alt“ etwas bringt, lag irgendwie auf der Hand.

Man griff zum Mittel des Wett-bewerbs, um Lösungsvorschläge zu erlangen. Dabei waren die Vorgaben relativ rigoros - und zwar sowohl hinsichtlich der zulässigen Kosten als auch in bezug auf die Nutzungsqualitäten. Es sollte ein Low-Budget-Projekt sein, denn die Bank will selbst ja nur während der drei Jahre Umbauzeit für den Altbau dort bleiben, danach soll das neue Haus verwertet werden. Das hatte natürlich auch innenräumlich gewisse Konsequenzen. Denn es wurden zusammenhängende Büroflächen einer bestimmten Größenordnung - zwischen 250 und 300 Quadratmetern - gebraucht. Es hatte aber auch Folgen für die technologische Seite des Gebäudekonzepts: High-Tech-Lösungen waren nicht gefragt, man wollte vielmehr ein Haus, das zwar flexibel, aber auch leicht zu handhaben ist.

Johann Obermoser und Helmut Reitter haben mit ihrem Vorschlag diesen Bedingungen optimal entsprochen. Denn er bringt die erstaunlichsten Gegensätze wie selbstverständlich „unter einen Hut“. Es war große Dichte gefragt, natürlich wollte der Bauherr sein Grundstück optimal ausnutzen. Es war aber auch Großzügigkeit gefragt, das architektonisch-räumlich Besondere. Auch in Innsbruck stagniert der Büroflächen-Markt. Die Nachfrage steigt nicht, es herrscht eine Art Verdrängungswettbewerb, den derjenige für sich entscheidet, der bei „üblichen“ Preisen mehr bietet. Nicht zuletzt ging es aber auch um die atmosphärischen Qualitäten, um die ganz pragmatischen Arbeitsbedingungen im Haus. Es sollte hell und freundlich und offen sein, es sollte klimatisch funktionieren, und vor allem sollten der Lärm und die Abgase des Verkehrs vor der Haustür möglichst draußen bleiben.

Die Königsidee von Obermoser und Reitter ist eigentlich städtebaulicher Natur. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Wettbewerbsteilnehmern haben sie ihr Gebäude nicht entlang der Straße entwickelt, sondern in zwei Einheiten geteilt, die nun im rechten Winkel zum Straßenverlauf stehen. Und über diese beiden Büro-Baukörper und bis hinüber zum anschließenden Altbau haben sie eine vereinheitlichende zweite Haut gezogen, sodaß zwischen den beiden Bürotrakten ein großes überdachtes Atrium mit 19 Metern Spannweite entsteht und zum Altbau hin noch ein zweites, kleineres mit sieben Metern Spannweite.

Klar, daß unter solchen Voraussetzungen die Bürogeschoße selbst relativ dicht genutzt werden können. Das fällt gar nicht auf, atmosphärisch ist das nicht wirksam. Denn jeder, der hier arbeitet, hat ja ständig die räumliche Großzügigkeit dieser - übrigens nicht mit Glas, sondern mit einer sehenswerten Leimbinderkonstruktion überdachten - Atrien vor Augen. Das mit der Großzügigkeit ist aber wörtlich gemeint. Die beiden Bürokomplexe sind nämlich so transparent, daß sich immer Durchblicke ergeben, die über das eigene Territorium hinausweisen. Und das vermittelt erfreuliche Weltoffenheit.

Beim Rundgang durch das Haus hat mir eine kleine Nebenbemerkung des Direktors der BTV gezeigt, daß der Eindruck, jeder einzelne, der hier arbeitet, wisse dieses räumliche Konzept zu schätzen, nicht bloß Wunschprojektion eines Besuchers ist. Zwischen den beiden Bürokomplexen wird die Verbindung geschoßweise mit Brücken hergestellt, die auch als „Pausenflächen“ genutzt werden. Und zwischen den einzelnen Geschoßen gibt es dann kurze, eher „interne“ Treppenverbindungen, aber auch eine „große“, mehr öffentliche Treppenlösung. Der Direktor sagt, seine Mitarbeiter benutzen fast ausschließlich die „große“ Treppe, weil sie sich einfach nicht selbst um die Freude des räumlichen Erlebnisses im Atrium bringen wollen.

Dieses Atrium basiert auf einem geradezu genialen Trick, den übrigens auch schon Dieter Henke und Marta Schreieck beim Sowi in Innsbruck angewendet haben: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Und bei der BTV (wie schon beim Sowi) ist der Innenraum ein Außenraum, obwohl er doch ein Innenraum ist.

Es geht dabei um brandschutz-behördliche Auflagen. Wären die beiden Büro-Baukörper nicht wirklich eigenständige Komplexe mit eigenen, geschlossenen Fluchtwegen, dann würden die Atrien nicht als Außenräume gelten. Und dann wäre es notwendig gewesen, die äußere, gläserne Gebäudehülle mit Brandschutzgläsern zu versehen. Allerdings hätte das niemand finanziert. Das gesamte Projekt wäre daran gescheitert.

Das große, zentrale Atrium erfüllt neben seiner alltäglichen Funktion als Erlebnisraum für die Mitarbeiter und Kunden auch noch eine zweite Aufgabe. Hier werden - wenn schon nicht allabendlich, so doch zwei, dreimal die Woche - kundenorientierte Veranstaltungen durchgeführt. Dafür gibt es einen eigenen, nicht auf Straßenniveau, sondern höher gelegenen Bereich, der zur verglasten Gebäude-rückseite (und auf einen „Garten-bereich“, denn ein Bauer hat partout einen ganz schmalen Streifen Acker nicht verkaufen wollen) orientiert ist. Diese räumliche Differenzierung zwischen eigentlichem Entree und „Veranstaltungsbereich“ ist im Material, etwa des Bodens, mitvollzogen. Im Entree selbst geht man auf Sandstein, dahinter, im Veranstaltungsbereich, liegen minutiös verfugte Eichenbretter, ein richtiger Schiffboden.

Überhaupt sind die Materialien, die Oberflächen es wert, daß man sie bewußt wahrnimmt. Es gibt aber nur eine begrenzte Vielfalt. Also nicht die ganz minimalistische Materialeinheit, aber auch keine allzu opulente oder barocke Vielfalt. Sandstein. An Hölzern: Eiche, Lärche, Edelkastanie, Birkensperrholz. An der Gartenseite, außen: lose Schieferplatten, die beim Drübergehen Geräusche - nein, Musik machen. Schließlich: Sichtbeton, Stahl und Glas.

Bei der Beschreibung des Hauses ist ja schon klar geworden, daß es dabei im wesentlichen um eine zweischalige Fassade geht. Die äußere Glashaut - und die thermische Haut der beiden Bürokomplexe dahinter. In der thermischen Haut: für die Mitarbeiter zu öffnende Fenster. In der Außenhaut: auf der Ebene des vierten Obergeschoßes und auf der Erdgeschoßebene Lüftungsklappen, die die Luft zum Zirkulieren bringen und innerhalb von wenigen Minuten durch die frische (und von Abgasen freie) Zuluft von oben für ein gutes Raumklima sorgen. Gemeinsam mit der simplen Maßnahme der aktiven Nutzung der Betonkerne - im Sommer zur Kühlung via Grundwasser, im Winter auf 14 Grad temperiert) - ist das ein unheimlich simples Energiekonzept (siehe den Hinweis zuvor: keine High-Tech-Lösungen), aber gerade deswegen funktioniert es wahrscheinlich so gut. Es gibt auch noch Jalousien, die sich zu gewissen Zeiten automatisch schließen und dann licht- und wärmegesteuert wieder öffnen. Aber jeder einzelne Mitarbeiter hat immer die Möglichkeit, diese programmierten Mechanismen zu „overrulen“ und den eigenen, individuellen Bedürfnissen anzupassen.

Da wurde auch auf Bauherrnseite viel dazugelernt. Die technisch aufwendige - und anfällige - Variante solcher Lösungen (der Direktor der BTV hat sich im Vorfeld des Neubaus einiges dazu an Neuplanungen in Deutschland angesehen) hat sich gewissermaßen selbst relativiert. Diejenigen, die in einem solchen Haus arbeiten, wollen nicht einer Technik ausgeliefert sein, die sich nur vom Fachmann unter Kontrolle bringen läßt. Ein bißchen ist das wie das Verhältnis zwischen Computer und mechanischer Schreib-maschine. Wenn letztere nicht funktioniert hat, wußte man sich zu helfen. Beim Computer braucht man immer den Fachmann.

Etwas Merkwürdiges ist mir übrigens aufgefallen, wie ich vor dem - letztlich doch: unheimlich eleganten, in dieser Umgebung geradezu wie ein Edelstein wirkenden - Gebäude gestanden bin. Es hatte mich schon zuvor, beim Anblick der Photos, unbewußt irritiert. Da gibt es so ein Farbspiel zwischen den einzelnen Tafeln der gläsernen Außenhaut, das ich mir nicht erklären konnte. Jetzt weiß ich es: Da, wo vollgedämmte Wände hinter der Außenhaut liegen, waren keine Isoliergläser nötig; da, wo sozusagen reines „Volumen“ hinter der Außenhaut liegt, sehr wohl. Aber diese Gläser sind unterschiedlich transparent. Das ergibt einen eigenwilligen Effekt. Wenn man davorsteht und es nicht weiß, dann erkennt man kaum, warum, aber es stellt sich dadurch eine Plastizität ein, die dieser dünnen Glasmembran unterschwellig eine geradezu haptische Qualität verleiht.

21. Dezember 2002 Spectrum

Bitte eintreten und anschnallen!

Ein Haus wie ein Flugzeugrumpf. Der Flugzeugrumpf - ein Haus. Hugo Dworzak hat in Lauterach ein Präsentationszentrum für eine Wohnbaugesellschaft geplant. Über die „Verwirklichung eines nicht wirklichen Ortes“.

Wer die Vorarlberger Architektur kennt, der weiß, daß sie sich normalerweise nicht auf die expressive „Schräge“ einläßt. Ein forciert zeitgenössischer Ausdruck ja, aber immer unter dem Vorzeichen der Angemessenheit der Mittel und der Gebäudeökonomie. Da paßt die „Schräge“, um bei diesem Bild zu bleiben, meistens nicht hinein: Denn sie ist in den seltensten Fällen die kürzeste Verbindung zwischen Leistung und Preis.

Hugo Dworzak nimmt sich mit seinen Bauten in diesem Umfeld insofern ein wenig exotisch aus. Er hat zwar auch eine kleine Totenkapelle gebaut, die ganz schlicht, ganz ruhig, dabei von berührender atmosphärischer Dichte ist. In der Regel sucht er in seinen Bauten jedoch eher den spezifischer inszenierten, den irgendwie „weltläufigen“ Auftritt.

Für seinen „Terminal V“ in Lauterach gilt das in ganz besonderem Maß: Dieses Gebäude-„Objekt“ ist eindeutig nicht aus dem Vorarlberger Boden gewachsen, es macht vielmehr den Eindruck, als sei es nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich von ziemlich weither angeflogen und nur vorübergehend gelandet. Tatsächlich ist die Flugzeugmetapher im Zusammenhang mit dem Haus gar nicht so falsch. Denn diese „bauchige“ Architektur mit ihrer glatten, silbrigen Fiberglashaut aus vorgefertigten Sandwichteilen und der leuchtend roten Freitreppe, die wie eine Gangway ins um ein Geschoß vom Boden abgehobene Gebäude hinaufführt, die hat wirklich etwas von einem Flugobjekt. Zumindest von einem Flugzeugrumpf.

Der Bauherr, die Hefel Wohnbau AG, war bisher gleich nebenan, in einem ganz unauffälligen, konventionellen dreistöckigen Bürobau zu Hause. Und dieser Umstand ist auch jetzt noch sichtbar in Szene gesetzt: Denn das neue Haus wurde an einen - ebenfalls leuchtend roten - „Pier“ angedockt, an einen Gang auf der Ebene des ersten Obergeschoßes, der die beiden Bauten verbindet.

Das neue Haus hatte neben 20 Büroarbeitsplätzen vor allem ein großes „3-D-Präsentationszentrum“ aufzunehmen. Darunter muß man sich einen Raum vorstellen, in dem mit modernster Technologie Wohnwelten visualisiert werden, die es in Realität noch gar nicht gibt. Das ist natürlich faszinierend. Und für jene, die auf Wohnungssuche sind, aber Schwierigkeiten haben, sich lediglich auf Grund von Plänen ihr möglicherweise künftiges Domizil vorzustellen, für die ist es auch eine höchst konstruktive Hilfestellung. Ich selbst konnte bei meinem Besuch die Demonstration einer solchen virtuellen Wohnwelt leider nicht miterleben, aber allein was sich mit der (unsichtbaren) Lichtinstallation der Firma Zumtobel, die dieses Zentrum ebenfalls nutzt, an unterschiedlichen Stimmungen in diesem Raum herstellen läßt, ist beeindruckend.

Man muß sich diesen Gebäudeinhalt vergegenwärtigen, um den architektonischen Ausdruck des Hauses zu verstehen. Der „schwangere Bauch“, der sich so auffällig aus dem Bürotrakt schiebt, der enthält all jene innovative Technik, die das Herzstück des „Terminals V“ bildet. Auch seine Form verdankt sich den technischen Gegebenheiten, die sich hinter den halbrunden Projektionsflächen im geschlossenen Gebäudebereich verbergen. Im langgestreckten Raumteil mit den leicht nach außen gekippten Wänden, wo sich die Besucher aufhalten, da sind dann - wie im Passagierraum eines Flugzeuges - Fenster, die sich aber vollständig abdunkeln lassen.

Der Weg zu den Büros und die Büros selbst sind hingegen ganz offen und lichtdurchflutet, flexibel, sodaß sie sich auch veränderten Bedürfnissen anpassen lassen, und sehr elegant. Draußen setzt Hugo Dworzak mit einem leuchtenden Rot und einem strahlenden Orange ganz gezielt Farbakzente, die den technoiden Charakter seiner fast organisch, jedenfalls kantenlos und „windschlüpfrig“ geformten Gebäudehülle erst so richtig zur Wirkung bringen.
Drinnen dominiert hingegen die Nichtfarbe Schwarz. Das ist im Technikzentrum ohnedies wichtig, weil sonst die „Virtual Reality“ durch die „Reality“ irritiert würde, es zeigt aber obendrein wieder einmal, welche wunderbar farbigen Facetten das Tageslicht spielt, wenn es in nichtfarbige Räume fällt. Übrigens ist nicht alles so ganz „virtuell“ im Haus, wie es nach dieser Beschreibung möglicherweise erscheint. Im Untergeschoß sind durchaus handfeste, nämlich real möblierte Wohnkonzepte präsentiert. Und hier finden gegebenenfalls auch die eher geselligen Randereignisse rund um den Verkauf der Ware Wohnung statt. Möglicherweise erklärt sich der nachträglich eingeforderte direkte Ausgang ins Freie von dieser (auch nächtlichen) Nutzung her.

Es ist sicher keine alltägliche Aufgabe, mit der Hugo Dworzak bei der Planung des „Terminals V“ konfrontiert war. Und er hat sie ja auch nicht alltäglich gelöst. Aber das war offensichtlich ganz im Sinn des Bauherrn, der zwar einen Wettbewerb ausgeschrieben hat, dabei seine Formulierung des Programms aber, abgesehen von einem Minimum an Nutzungsvorgaben, weitgehend offen gehalten hat. Damit war schon von vornherein die Aufforderung an die beteiligten Architekten gerichtet, über herkömmliche Lösungen hinauszudenken. Und tatsächlich: Ein - nennen wir es vielleicht ein wenig überzogen - architektonisches Gesamtkunstwerk wie dieses ist anders wohl gar nicht zu realisieren.

Ein Haus wie ein Flugzeugrumpf. Der Flugzeugrumpf - ein Haus. Wie gesagt, die Besonderheit der Aufgabenstellung rechtfertigt die Besonderheit der Lösung. Hugo Dworzak spricht in einem eigenen Text davon, daß sein Konzept auf die „Verwirklichung eines nicht wirklichen Ortes“ abzielt, daß der Besucher schon bei seiner Ankunft aus der vertrauten Umgebung herausgeholt und in ein neues, nicht an den Ort gebundenes Environment geschleust werden soll. Wunderbar daran ist, daß dieses Konzept umgesetzt werden konnte und daß es nicht nur in seinen virtuellen Aspekten funktioniert. Denn wie selbstverständlich, irgendwie nebenbei entspricht es auch all den ganz herkömmlichen Erfordernissen und Abläufen, die sich in der Alltagspraxis ergeben.

Und irgendwie spiegelt sogar die Fiberglashülle, diese verführerische Gebäudekarosserie, die Unvermeidlichkeit des Austausches zwischen Virtualität und handfester Realität. Fiberglas ist ein Material, das sich in Europa nie so recht durchgesetzt hat. Dabei kann es viel, und wenn es um hochtechnoide visuelle Signale geht, dann ist es kaum zu übertreffen. Aber hergestellt wird es in reiner Handarbeit.

2. November 2002 Spectrum

Aber bitte mit Hotelqualität!

Ein hohes Maß an räumlicher Flexibilität, ungemein aufwendige Logistik, ein straffes Betriebskonzept und komfortable Patientenzimmer: das LKH Graz-West, geplant vom Büro Domenig | Eisenköck | Peyker und von Rupert Gruber, erfüllt beispielhaft alle Anforderungen an ein modernes Krankenhaus.

Krankenhäuser zählen zu den komplexesten Bauaufgaben, die es gibt. Sie benötigen eine unglaublich aufwendige Logistik, wobei man nie weiß, wohin und wie schnell sich die medizinische Technik entwickelt. Sie benötigen ein hohes Maß an räumlicher Flexibilität, weil man natürlich auch nicht mit Gewißheit sagen kann, wie sich in Zukunft der stationäre zum ambulanten Bereich oder auch der Diagnose- zum Therapiebereich entwickelt. Sie benötigen ein straffes, effizientes und ökonomisches Betriebskonzept. Und schließlich sollen sie auch noch so etwas wie Hotelqualität bieten.

Das neue Landeskrankenhaus Graz-West - geplant vom Büro Günther Domenig [*] Hermann Eisenköck [*] Herfried Peyker zusammen mit Rupert Gruber - löst einen gut Teil der Forderungen, die man heute an ein Krankenhaus richtet, geradezu beispielhaft ein. Man muß zweierlei dazusagen: erstens, daß es Teil einer Landesinitiative ist, bei der es zwar auch um eine Reduzierung der Bettenanzahl geht, aber vor allem um eine Optimierung von Leistungen; und zweitens, daß der Bauherr, die KAGES (Steiermärkische Krankenanstalten GesmbH), in architektonischen Belangen ausgesprochen qualifiziert ist.

Das neue LKH Graz-West bildet gewissermaßen einen Verbund mit zwei anderen Krankenhäusern: dem Unfallkrankenhaus der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt und dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Was man sich davon erhofft, sind Synergien zwischen den verschiedenen Institutionen, wie gesagt, größere Ökonomie, mehr Effizienz.

Diesen Voraussetzungen verdankt sich im wesentlichen das architektonische Konzept. Denn die Gebäudekonfiguration ist zwar kreuzförmig angelegt, wird aber durch einen langen Hauptriegel dominiert, der die Erschließungsachse des Unfallkrankenhauses von Karl Schwanzer aufnimmt. Die Querachse bindet dann die beiden Flügeltrakte an.

Es gibt zwei Zugänge: einen durch den Schwanzer-Bau und einen über den neuen Vorplatz, wo sich die weiß gedeckte Abfahrt in die Besucher-Tiefgarage befindet - übrigens entlang einer Wand aus Metallgeflecht, die die dahinterliegenden Behandlungsräume im Erdgeschoß des Quertrakts abschirmt.

Egal welchen Zugang man wählt: Der Raumeindruck der Empfangs- und Erschließungshalle ist überwältigend. Durch die Glasfassade ist sie lichtdurchflutet, durch die innere Organisation großzügig. Gegenüber vom Haupteingang der Empfangsbereich, dahinter die Verwaltung; rechts vom Empfang eine Bankfiliale und ein Café mit großer Terrasse; links eine kleine Kapelle.

Drei Elemente akzentuieren den Raum: der gläserne Lift, die „Kommandobrücke“ - ein Galeriegeschoß - mit den Bereitschaftszimmern der Ärzte und die sanft ansteigende Rampe, die die Verbindung zum Schwanzer-Bau herstellt. Das Grundstück hat nämlich eine leichte Hanglage, sodaß zwischen Bestand und Neubau ein Gefälle in Geschoßhöhe besteht.

Was zur räumlichen Spannung dieser Halle außerdem beiträgt: Die Architekten haben die Glasfassade etwas verschwenkt. Der Raum wird plastischer dadurch, aber vor allem löst dieses leichte Verknicken der Achse das Problem des sehr geringen Abstands zu einem Gebäudeteil des Bestands. Das Vorfeld des Neubaus wird dadurch luftiger, weiter.

Man muß sich die funktionelle Organisation des Gebäudes so vorstellen: Es gibt die große, zentrale Erschließungshalle, links davon geht es zu den Ambulanzen. Und in den oberen Geschoßen sind im wesentlichen die verschiedenen Krankenstationen. Die Kreuzform der Gebäudekonfiguration wird an der Rückseite durch einen zweigeschoßigen Flügel hergestellt, der ausschließlich Ein- und Zweibettzimmer für Klassepatienten enthält, an der Vorderseite, auch als raumbildende Fassung des Vorplatzes, durch zwei niedrigere kubische Bauten, denen leuchtend gelbe, nahezu organisch geformte Körper aufgesetzt sind - sie enthalten die umfangreiche Technik, die heute im medizinischen Bereich gebraucht wird.

In diesen Bauteilen sind die Operationssäle und die Intensivstationen mit allem untergebracht, was an speziellen Einrichtungen dafür notwendig ist. Sie sind durch gläserne Brückenverbindungen mit dem Hauptriegel verbunden, sodaß die Wege innerhalb des Hauses trotz seiner Größe verhältnismäßig kurz bleiben. Und sie sind um eingeschnittene Höfe organisiert.

Ein Wort noch zum Trakt für die Klassepatienten: Hier ist die sogenannte „Hotelqualität“ am eindeutigsten umgesetzt. Die Räume sind keinesfalls zu knapp dimensioniert, wer will, kann vom Bett aus ins Freie schauen. Jedem Zimmer ist ein Balkon zugeordnet, jedem eine komfortable Sitznische; und die Badezimmer sind groß und ausgesprochen elegant. Trotzdem ist es aber nicht so, daß das Ausstattungsgefälle zwischen den Räumen für die zahlenden und die Kassenpatienten gravierend wäre: Alle haben einen Fernseher, alle haben einen Kühlschrank, in dieser Hinsicht wird tatsächlich jedem etwas geboten.

Ein architektonisches Problem, das im Krankenhausbau unvermeidbar ist, betrifft die notwendige Tiefe der Trakte, die Länge der Gänge und dadurch die Fragen der Orientierung und der Belichtung. Im LKH Graz-West führen praktisch alle Gänge zum Tageslicht, zu raumhohen Verglasungen an der Fassade, die einen Außenbezug ermöglichen. Das ist hier auch besonders lohnend. Denn der Standort hat spektakuläre Freiraumqualität: an zwei Seiten von Feldern umgeben, eingebettet in eine intime Grünraumgestaltung (vom Wiener Büro „Land in Sicht“).

Eine entscheidende Orientierungshilfe stellt aber auch die differenzierte Innenraumgestaltung durch die Architekten dar, die atmosphärische Unterschiede, räumliche Stimmungswechsel spürbar werden läßt. Die Eleganz der Eingangshalle etwa rührt nicht nur von der bemerkenswerten Glasfassade her, sondern auch von den verwendeten Materialien: Sandstein auf dem Boden, oberflächenbehandeltes Eternit an den Wänden, Sichtbeton und - kein Mobiliar von der Stange, sondern ein von den Architekten gezeichnetes Empfangspult. Auch die Kapelle ist fein komponiert, obwohl hier der Sparstift zugeschlagen und die durchgehende Glasdecke verhindert hat: im Eingangsbereich brünierter Edelstahl, der den Charakter rohen Eisens hat, an den Wänden gestockte Betonfertigteile, auf dem Boden Schiefer.

Gelungen sind auch die bräunlich-orange emaillierten Glaskuben - sie enthalten verschiedene technische und Versorgungseinrichtungen -, die im breiten Erschließungsgang mit den ambulanten Behandlungsräumen eingestellt sind. Atmosphärisch ist das ein durchaus angenehmer Wartebereich.

Wenige Kuriosa wären zu vermerken, und die sind nicht den Architekten anzulasten: daß zum Beispiel ein großer Speisesaal gebaut wurde, der jetzt leer steht, weil schließlich entschieden wurde, daß im Unfallkrankenhaus gegessen wird (wo man daraufhin den Saal extra vergrößerte); oder daß die Tagräume, die Aufenthaltsräume, die jeder Krankenstation zugeordnet sind, immer paarweise - für Raucher und Nichtraucher - auftreten und dadurch ziemlich klein sind. Das hätte sich anders und großzügiger lösen lassen.

Aber das sind Nebensächlichkeiten. Was letztlich zählt, ist, daß es den Architekten trotz des engen funktionellen Korsetts gelungen ist, einen Mehrwert zu schaffen, der sich nicht allein den Kriterien von Effizienz und Ökonomie schuldet. Und auf diesen Mehrwert hoffen wir doch alle, wenn wir daran denken, wir könnten selbst Patienten sein.

7. September 2002 Spectrum

Vom Charme der Asymmetrie

Nicht nur städtebauliches Einfühlungsvermögen bewiesen die profilierten Schulbauer Dieter Henke und Martha Schreieck mit ihrem Bundes(real)gymnasium in Aspern. Sie haben es auch verstanden, der riesigen Kubatur durch Transparenz jede Anmutung von Monumentalität zu nehmen.

Eine Schule weit draußen, über der Donau, in Aspern. Die Schule sehr groß, die Umgebung sehr grün, die lokale Bebauung sehr kleinteilig und heterogen. Die Problematik liegt auf der Hand: In ein solches Umfeld ein so gewaltiges Ding wie dieses Bundes-(real)gymnasium zu setzen, da braucht es schon städtebauliches Einfühlungsvermögen.

Nun, die BIG als Bauherr hat, wie immer in solchen Fällen, einen (geladenen) Wettbewerb ausgeschrieben. Und Dieter Henke und Martha Schreieck haben ihn gewonnen. Man kann diesen beiden Architekten nachsagen, daß sie profilierte „Schulbauer“ sind - ihre Schule am Leberberg ist das architektonische Highlight dieses ansonsten fragwürdigen Stadtentwicklungsgebiets, aber auch die SOWI, der Universitätsbau im Zentrum von Innsbruck, ist zum Glücksfall geraten. Trotzdem: Die neue Schule in der Heustadelgasse in Asparn ist noch einmal etwas ganz Besonderes.

Man muß sich dieses Umfeld vorstellen: der vielbefahrene Biberhaufenweg auf der einen Seite, die „Häusln“ auf der anderen und auf den beiden verbleibenden Seiten unbebaute Wiese beziehungsweise offenes Feld. Das hat eine Umgebungsqualität, die selbst in Randlagen ihresgleichen sucht.

Henke/Schreieck sind städtebaulich überaus raffiniert vorgegangen. Denn auf den ersten Blick erscheint das neue Haus nur zweigeschoßig: Erdgeschoß und Obergeschoß. Mehr tritt nach außen wirksam nicht in Erscheinung. Dabei gibt es in Wirklichkeit ein Geschoß mehr - aber das ist abgesenkt. Und es gibt eine Dreifachturnhalle - aber die ist auch abgesenkt.

Die Konfiguration des Gebäudes könnte man klassisch nennen: Vier Trakte umschließen einen Schulhof. Was man aus einer solchen Typologie machen kann - wenn man es kann -, das führen Henke/Schreieck beispielhaft vor. Man betritt das Gebäude von Norden über einen großen gepflasterten Vorplatz, der ziemlich breit überdacht ist. Man könnte so sagen: Zur Straße hin ist aus dem Gebäude ein großes Stück herausgeschnitten, nur der Klassentrakt des Obergeschoßes ist quer drüber gespannt, und linkerhand, etwas abgeschirmt, liegt der Eingang für die Lehrer. Das Obergeschoß mit dem breiten Vordach ruht auf nur drei V-Stützen. Wir reden hier von einer Auskragung von etwa acht Metern und einer Durchgangsbreite von knapp 20 Metern. Und wir reden von einer interessanten Konstruktion: Wand und Decke sind im Verbund gebaut und funktionieren nach dem Prinzip einer Waage - die Gewichte tarieren sich sozusagen gegenseitig aus.

Man geht jedenfalls vom Vorplatz zwei oder drei Stufen hinauf und unten durch, in den Schulhof hinein. Der ist über 1000 Quadratmeter groß und mit seinen breiten, begrünten Pergolen einfach ein wunderbarer, großzügiger Ort. Und er ist nicht symmetrisch. Nichts an dem Haus ist symmetrisch. Es gibt die strenge Achsialität nicht, die einer solchen Typologie so gern eine bedeutsame Schwere verleiht. Hier ist alles leichter, lockerer, auch architektonisch spannender. Der Haupteingang ins Gebäude liegt jedenfalls im südlichen Trakt, das heißt, man muß den Schulhof in seiner vollen Länge überqueren.

Tun wir das, dann kommen wir im Erdgeschoß in eine große Aula, die Verteilerfunktion hat. Hinten dran ist der abgesenkte Dreifachturnsaal angekoppelt, im Geschoß über der Aula liegt die Bibliothek: auch sie ganz transparent. Die Organisation im Haus ist übersichtlich: im Erdgeschoß die Räume für die Verwaltung, die Lehrerzimmer und die Wohnung für den Schulwart; im abgesenkten Untergeschoß Sonderunterrichtsräume und die Haustechnik; im Obergeschoß die Schulklassen, in den beiden Längstrakten einhüftig angeordnet, im Trakt an der Straße doppelhüftig. Hier wird natürliches Licht von oben in die Gänge geholt, alle anderen Erschließungsgänge liegen direkt hinter der Glasfassade.

Von Gängen „im engen Sinn“ kann man im Klassenbereich allerdings nicht reden. Das sind schon (immerhin dreieinhalb Meter breite) Räume, keine schlauchartigen Korridore. Der Trick ist bei Schulbauern wahrscheinlich allgemein bekannt: Man lege die Garderobenkästchen nach außen, vor die Klassen, dann darf man im Gangbereich auch breiter werden. Und über den Garderoben haben Henke/Schreieck außerdem eine Oberlichtverglasung eingeführt, die sich durch das ganze Klassengeschoß zieht und das Thema der Transparenz einfach immer weiterspielt.

Überhaupt ist die Materialisierung für die atmosphärische Charakteristik der Schule ausschlaggebend: Es ist eine sehr gläserne Architektur. Transparenz ist hier keine Worthülse, dieses Haus ist transparent. Man sieht von der Straße über den Schulhof durch die Aula des südlichen Eingangstrakts bis weit nach hinten, über den Turnsaal hinweg, Richtung offenes Feld. Das heißt, das Haus macht etwas mit seiner Umgebung, es bindet diesen Mehrwert ganz bewußt ein. Dabei haben die Architekten einen ausgesprochen urbanen Ort geschaffen, etwas, das deutlich anders ist als alles, was es in der Nachbarschaft gibt.

Ein absolutes Novum im heimischen Schulbau: Die Klassen sind raumhoch verglast, also wirklich vom Fußboden bis zur Decke. Die Wirkung ist großartig. Und die Architekten haben sich über die klimatischen Folgen ihrer Glasarchitektur ausreichend den Kopf zerbrochen. Wo es notwendig ist, gibt es natürlich Außenjalousien; im Schulhof sorgen die sehr tiefen, begrünten Pergolen für Abschattung. Überall sitzen öffenbare Flügel (Querdurchlüftung) in der Fassade. Außerdem verhindert eine intelligente Low-Tech-Maßnahme, daß die Luft in den Gängen und den Klassen „steht“. Denn einerseits wird die verbrauchte Luft über Dach durch Ventilatoren, die der Wind betreibt, abgesaugt; andererseits sorgt die simple Maßnahme einer Türspaltlüftung - man sperrt die Klassentür ab, kann sie aber noch einen Spalt öffnen, bevor das Spezialschloß einrastet - für die nötige Zirkulation im Haus.

Es lassen sich überhaupt viele intelligente Detaillösungen in diesem Haus aufspüren. Zum Beispiel ist der Speisesaal mit dem Veranstaltungssaal zusammengelegt. Sie sind durch eine Faltwand auch wieder teilbar. Aber für den Alltag bringt das natürlich einen ganz anderen räumlichen Komfort. Oder die Brandabschnitte: Das ist ein feinst ausgeklügeltes System, das es möglich macht, von überall auf sehr kurzem Weg ins Freie zu gelangen. Dadurch gibt es im ganzen Haus nirgendwo eine Tür, die einem den Weg versperrt. Die innere Erschließung verläuft rundum, ohne ein einziges totes Eck.

Den Schülern wird hier ein Optimum an Freiflächen geboten. Es gibt breit vorgelagerte Terrassen, im Süden ein Freisportgelände und vor dem abgesenkten dritten Geschoß einen breiten Freibereich, der geschützt und ganz besonders stimmungsvoll ist. Der Eindruck von „Souterrain“ kommt also gar nicht erst auf. Und der Bambus, der vor die Befestigungswand des abgegrabenen Bereichs gepflanzt wurde, entwickelt sich prächtig. Dieser Teil schaut ja Richtung Biberhaufenweg. Zwischen Schulbau und doch recht stark frequentierter Straße wurde zudem ein kleines Wäldchen gepflanzt, das sicher auch als Schallschutz fungiert.

Der Turnsaal ist ebenfalls in die Erde eingegraben, aber nur teilweise. Ein breites Oberlichtband läuft rundherum und sorgt für natürliche Belichtung. Besonders schön gelöst ist die Decke: Man sieht ihr nämlich nicht wirklich an, wie sie konstruiert ist. Was man sieht, ist eine fast homogene Trapezblech-Verkleidung. Die ist allerdings seitlich gelocht und mit einer Akustikmatte hinterlegt. Deren Wirkung merkt man schon, wenn man nur darin steht und sich unterhält; bei Sportveranstaltungen wird das aber essentiell.

Den Architekten sind im Schulbau auch heute noch ganz rigide Grenzen gesetzt. Sie können zum Beispiel bei der Einrichtung praktisch nicht mitreden. Henke/Schreieck machen dieses Manko durch die Sorgfalt bei der Auswahl der Materialien wett. Jedes Material wurde pur verwendet und jedes danach ausgesucht, daß es auch starker Beanspruchung standhält. Man merkt es schon draußen, wenn man unter das Vordach kommt: Die Untersicht ist holzverkleidet. Und dieses Holz zieht sich durchs ganze Haus durch: Überall sind Holzdecken. In den Gängen liegt auf dem Boden Serpentin, in den Klassen Stäbchenparkett. Wo es Sichtbeton im Haus gibt, ist er von hervorragender Qualität. Ansonsten gibt es vor allem konsequent Glas - mit dem Effekt der völligen optischen Aufschließung des Hauses: Man sieht immer überall hin. Dadurch wird dieses unverhältnismäßig große Gebäude irgendwie kleiner. Die Architekten haben es verstanden, dieser tatsächlichen räumlichen Größe ihre Macht zu nehmen.

Im Schulbau hat die Stadt Wien mit dem „Schulbauprogramm 2000“ die Qualitätslatte ziemlich hoch gelegt. Mit dem Haus von Henke/Schreieck hat der Bund beziehungsweise sein Stellvertreter, die BIG als Bauherr, aber zumindest gleichgezogen. Und das ist doch wunderbar: Wenn sich staatliche und städtische Bauherren qualitativ gegenseitig fordern. Für den „erwachsenen“ Betrachter bleibt da wirklich nur „Trauerarbeit“: Wer hätte uns je so wunderbare Schulen zur Verfügung gestellt.

26. Juli 2002 Spectrum

Betonkoffer im Hotel de de villes

Stadtreparatur und Optimierung der Büroflächen: unter diesen Vorzeichen stand die Sanierung einer „Bausünde“ der „Münchener Rück“ in Schwabing. Das von Baumschlager & Eberle runderneuerte Gebäude ist in ökologischer wie in arbeitsorganisatorischer Hinsicht auf der Höhe der Zeit.

Das Stammhaus der Münchener Rück - einer Versicherung der Versicherungen - war immer schon gediegen und repräsentativ: Es datiert von 1913 und hat den Charakter eines „Hôtel de ville“ mit Ehrenhof und schönem, altem Garten. Gelegen ist es in Schwabing, zwischen Leopoldstraße und Englischem Garten, in einem Viertel, dessen Charakter durch die sogenannte Staffelbauweise bestimmt ist: einzelne, große, gründerzeitliche Bürgerhäuser mit begrünten Höfen und Hofeinfahrten, die die Impression von Durchlässigkeit vermitteln.

Das klingt gut. Aber was sich an der einen Seitenfassade des Stammhauses, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, architektonisch abgespielt hat, das war schon weniger gut. Denn hier hatte die Münchener Rück Ende der sechziger Jahre - in zwei Bauetappen, zwischen 1969 und 1973 - ein Bürohaus errichtet, das ursprünglich für Drittnutzung gedacht war, aber schon bald von der eigenen Expansion „rück“-geholt wurde. Das Haus war städte-baulich ein schwerer Sündenfall, denn es besetzte in einem einzigen, ungegliederten Block die Parzellen von gleich zwei alten Bürgerhäusern. Das war maßstabsprengend für das Quartier. Abgesehen davon, daß ja bekanntlich viele solcher Sechziger-Jahre-Bauten - Stahlbeton-Skelett, Waschbeton-Fassade - inzwischen auch aus anderen Gründen nicht mehr verträglich sind: Das Geld wird zum Fenster hinaus-geheizt, oft gibt es ein Asbest-Problem, und atmosphärisch stellt man sich heutige Arbeitswelten sowieso anders vor.

Die Münchener Rück ging an die Aufgabe der Sanierung dieser maroden Substanz mittels Wettbewerb (zehn geladene Teilnehmer) heran. Und den hat im Jahr 1998 das Vorarlberger Team Carlo Baumschlager & Dietmar Eberle gewonnen. Die Zielsetzung war klar definiert: Es ging um die Sanierung des Hauses unter Ausnutzung der Möglichkeiten im Bestand, aber vor allem auch unter dem Vorzeichen der Stadtreparatur, und es ging um eine Optimierung von Büroflächen.

Die Königsidee von B & E bestand darin, dem dreiachsigen Baukörper - dunkle Mittelzone, rundum laufende Büros - hinten eine vierte Achse anzubauen. Dadurch mußten zwar zwei kleinere bestehende Objekte auf dem Areal (aus Abstandsgründen) geschleift werden - ein neues, nur zweigeschoßiges Nebengebäude, das sogenannte Dienstleistungszentrum mit hauseigener Druckerei und Poststelle, fügt sich dort nun in einen Gartenhof ein -, dafür schuf diese Maßnahme die Möglichkeit einer echten Rundumreparatur. Drinnen und draußen. Denn vorne, straßenseitig, nimmt nun ein tiefer Einschnitt in die Gebäudekonfiguration das Motiv der gliedernden Hof-einfahrten im Quartier auf: Hier liegt der Haupteingang. Der gartenseitige Nebeneingang ist ebenfalls in einem Gebäudeeinschnitt situiert.

Das Haus ist ganz streng, kantig, horizontal gegliedert und strahlt gläsern-grün. Man müßte schon ein Vogel sein, um zu überblicken, daß aus dem 80 Meter langen Betonkoffer von einst eine S-förmige Konfiguration geworden ist. Es genügt aber auch, als schlichter Passant hier entlangzubummeln. Was die Maßnahmen für das Quartier gebracht haben, teilt sich unmittelbar mit.

Aber vor allem haben sie für das Innenleben dieses Hauses der Münchener Rück etwas gebracht. Denn durch den Büroflächengewinn der vierten Achse konnten die Architekten das Gebäude innen aufschneiden. Der Effekt ist ziemlich eindrucksvoll: Man betritt das Haus über den gläsernen Windfang und findet sich in einer 55 Meter langen, sieben Meter breiten und sechs Meter hohen Halle wieder, die rundum mit massivem kanadischem Ahorn im Stäbchenformat verkleidet ist. Die Überraschung gelingt perfekt: Urplötzlich steht man in einem - durch drei asymmetrisch ins Hallendach eingeschnittene Oberlichten - auch natürlich belichteten Raum, der aber atmosphärisch ganz deutlich eine eher introvertierte Charakteristik hat. Diese Halle ist übrigens nicht nur Verteiler. Sie funktioniert auch als Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter (es gibt ein Automatenbüffet) und durch temporär mögliche Bühnenaufbauten als kleinerer Veranstaltungsort (für 80 bis 100 Personen).

Wenn man in dieser Halle steht, muß man sich dann entscheiden: links oder rechts. Da liegen die beiden Kerne des Hauses mit den Liften. Jedenfalls sind beide jetzt so situiert, daß man auf jedem Geschoß einen Außenbezug hat, schon wenn man den Lift verläßt.

Die Herausforderung für B & E bestand in der Transformation der Bürowelt. Was macht man mit kleinen, kleinsten Bürozellen, wenn die vorhandene Struktur einen bestimmten Raster vorgibt? Und in diesem Fall war das Rastermaß extrem eng: nicht mehr als 62,5 Zentimeter. Das heißt, ein einachsiges Büro ist nur 1,875 Meter breit. Und eine Gebäudeachse besteht aus drei solchen Büroachsen. An diesen Zwängen der Primärstruktur der Substanz (die Kerne des Hauses wurden allerdings verschoben) war nicht zu rütteln. Da hätte man besser ganz neu gebaut.

Das war wirklich eine Herausforderung. Denn im Haus ist zwar optimale Flexibilität angesagt (Bürowelten können sich praktisch über Nacht ändern), vorläufig setzt man bei der Münchener Rück aber noch auf das Einzelbüro. Also ging es um eine Addition von mehrheitlich einachsigen, manchmal zweiachsigen und nur ausnahmsweise größeren Bürozellen. B & E haben eine diffizile Raumgliederung entwickelt, die sich durch das gesamte Haus zieht: In jedem Büro, egal wie groß es ist, gibt es einen niedrigeren Eingangsbereich - an der Decke: ein ahornverkleidetes Element, das die Technik aufnimmt - mit Garderobe und Schrank, dann einen höheren Arbeitsbereich und schließlich eine Fassadenzone mit
natursteinverkleideter Brüstung - die Höhe war durch die Unterzüge der bestehenden Primärkonstruktion vorgegeben - in der thermischen Haut der zweischaligen Fassade.

Atmosphärisch wichtig für das gesamte Haus: B & E haben durch die Einführung einer zweigeschoßigen Eingangs- und Verteilerhalle auch einen Innenhof schaffen können, der das Bild dieser Bürowelt vollkommen wandelt. Es gibt keinen dunklen Winkel mehr. Auch die Erschließungskorridore sind hell und freundlich. Obendrein ist der Blick auf die Hallendach-Gestaltung des Zürcher Landschaftsplaners Günther Vogt - mit künstlich bemoosten Tuffsteinen - auf jeden Fall einen Blick wert.

Es ist vielleicht nebensächlich, aber es erweist sich darin wieder einmal die spezifische Pragmatik und darauf gründende Qualität von B & E: In diesem Bürohaus ist eigentlich nichts mehr beliebig. Es wurde genau durchgecheckt, wie flexibel die Struktur wirklich ist. Man weiß, wo Türen sitzen und wie schnell die transluzenten Elemente der Glaswände zum Korridor und die Bürotrennwände auf- und abgebaut werden können. Das Innenleben des Hauses ist für jede künftige Entwicklung optimal programmiert.

Ebenso verhält es sich mit den klimatischen Verhältnissen im Haus. Ziel war ein Niedrigenergiekonzept mit Quell-Lüftung, Wärmerückgewinnung und Fußbodenkühlung. Wobei es aber nach wie vor jedem Mitarbeiter überlassen bleibt, individuell zu entscheiden: Er kann, wo es sie gibt, die automatischen Rollscreens auch hochfahren, und er kann sein Fenster aufmachen.

Es gehört zum ökologischen Konzept des Gebäudes, daß B & E eine zweischalige Fassadenlösung gewählt haben. Die ungemein elegante, wie gesagt gläsern-grün schimmernde Außenhaut funktioniert zwar auch sehr wirksam als „öffentliche Visitenkarte“, als spannender optischer Beitrag zum Quartier (und als Spiegel für das alte Stammhaus gegenüber). Aber der „leichte Mantel“ (Dietmar Eberle), in den das gesamte Haus nun gehüllt ist, kann natürlich noch mehr. Er besteht aus geschoßhohen Gläsern, die in einem Abstand von 60 Zentimetern leicht schräg vor die thermische Haut mit den Fenstern gesetzt sind, und reduziert die äußeren thermischen Lasten. B & E haben schon bei ihrer Öko-Hauptschule in Mäder, Vorarlberg, eine solche Fassade realisiert, ebenso beim neuen Bürohaus auf dem Flughafenareal in Wien-Schwechat. In München hat man es aber besonders genau genommen: Dort wurde mit einer temporären Baugenehmigung sogar ein Musterhaus errichtet, in dem in der Realisierungsphase das Baubüro war und wo alle Details der Fassade, aber auch verschiedene Maßnahmen des Büro-Innenausbaus eins zu eins umgesetzt und überprüft wurden.

Der Aufwand, mit dem hier Stadt-reparatur betrieben wurde, ist sicher groß. Scheinbar wurde nichts außer acht gelassen. Günther Vogt hat das Haus in eine ausgesprochen subtile, dabei städtische, formalisierte Grünplanung mit nordamerikanischem Ahorn und schmalen, strengen Wasserbecken eingebettet. Seine bemoosten Tuffsteine auf dem Hallendach kehren übrigens als künstlerische Maßnahme (Olafur Eliasson) auch außen, über den Eingängen, wieder. Und ganz oben, auf den begehbaren Dachterrassen rund um die beiden amöbenartigen, gekurvten, fast organisch formulierten Dachaufbauten (Besprechungsräume, Vorstandsbüros), hat Vogt für eine besonders sparsame, aber umso reizvollere Bepflanzung gesorgt.

Natürlich ist all das eine Sicherheitswelt: Betreten kann sie nur, wer eine Kennkarte hat. Als Besucher kommt man nicht direkt hinein. Da wird man beim Haupteingang des Stammhauses in Empfang genommen und über das unterirdische Passagensystem, das alle Objekte der Münchener Rück im Quartier miteinander verbindet, ins neue Haus hinübergeleitet. Der Weg lohnt sich allerdings: Die Passage hinüber zum B-&-E-Objekt wird durch eine wunderbare Lichtarbeit von Keith Sonnier „erleuchtet“.

29. Juni 2002 Spectrum

Ein Film aus Raumsequenzen

Restaurant und Bar von zeitloser Materialität; 120 großzügig dimensionierte Sitzplätze mit klassisch gedeckten Tischen; das Ambiente ein Bühnenbild für die Auftritte einer gehobenen Klientel: nobel, nobel. Das „Fabios“ von BEHF in der Wiener Innenstadt.

Nicht nur gastronomisch, auch architektonisch ist die Wiener Lokalszene schon seit langem speziell. Von Hermann Czech über Eichinger oder Knechtl bis Helmut Richter - um ein paar extreme Positionen zu nennen - ließe sich hierzulande ein breites Spektrum unterschiedlicher architektonischer Haltungen nur anhand von Lokalen auffächern. Das neue „Fabios“ in den Wiener Tuchlauben gehört da auch dazu, obwohl es atmosphärisch einen Ton anschlägt, dem gerade das Spezielle dieser sehr persönlichen Architektur-Statements fehlt. Das heißt, auf Anhieb würde wohl kaum jemand auf den Gedanken kommen, daß es sich hier um einen Entwurf von BEHF handelt.

Von diesem Büro, das sich vor allem auf dem Gebiet der Verkaufsketten- und Geschäftsarchitektur (Libro zum Beispiel) verdient gemacht hat, ist man anderes gewöhnt: zumindest eine Materialität, die stärker mit dem Zeitgeist operiert. Nichts - oder fast nichts - davon im „Fabios“. Armin Ebner von BEHF (Projektleitung: Petra Simon) hat hier ganz auf Zeitlosigkeit gesetzt, auf Langlebigkeit und natürlich auf Noblesse. Denn das sollte es schließlich sein: ein großstädtisches Nobellokal, Restaurant und Bar, mit 120 Sitzplätzen und einem Ambiente, das als Bühnenbild für den Auftritt einer gehobenen Klientel funktioniert.

Holz, Leder und Glas, auch in Form von Spiegeln, darauf läßt sich die Materialsprache des „Fabios“ im wesentlichen reduzieren. Vor allem das Glas drängt sich straßenseitig sehr signifikant ins Bild. Denn das Lokal, das sich über zwei Liegenschaften erstreckt, nützt einen Rücksprung in der bestehenden Bauflucht für einen etwa drei Meter tiefen Glasvorbau aus. Daß es dafür eine Genehmigung gab, ist bemerkenswert und wohl auch dem routinierten Baumanagement der Werkstatt Wien zu verdanken. Tatsache ist jedenfalls, daß die neue Glasfront ein architektonisches Signal setzt, das den Tuchlauben an dieser Stelle ausgesprochen gut tut - und das bei jedem Wetter, also auch jetzt im Sommer, wenn die Glasscheiben hochgeklappt sind.

Wie gesagt: zwei Liegenschaften - ein Lokal. Das Restaurant zieht sich um die Ecke, in die Milchgasse hinein, Eingang und Bar sind im zweiten Haus. Wobei der Eingang schon fast unscheinbar ist, so bescheiden gibt er sich: Nur ein ganz kleines Emblem zwischen dem Eingang und einer raumhohen Fensterscheibe, die jetzt im Sommer offen ist, trägt den Schriftzug „Fabios“ (übrigens entworfen von „designwerk“). Nobel eben.

In der Bar selbst ist man dann ein erstes Mal jener zeitlosen Materialität konfrontiert, die sich durch das ganze Lokal zieht: Nußholz auf dem Boden und an der Decke, die eine Längswand mit dunkelbraunem Leder gepolstert; in diese Wand eingeschnitten kleine Nischen, wo man ganz angenehm sitzen kann; an der schmalen Rückwand eine Verglasung, in die ein Videoscreen eingelassen ist; links an der Bar entlang der Weg vom Restaurant zu den Toiletten, von der Bar aus geht man am besten andersherum dorthin - den Waschräumen ist nämlich ein verglaster (nicht transparent) Durchgangsraum vorgeschoben.

Man sitzt auf Leder oder steht an der 13 Meter langen Bar. Und man hat merkwürdigerweise nicht das Gefühl, daß der Raum zu niedrig ist, obwohl er die im sozialen Wohnbau übliche Raumhöhe nur um 20 Zentimeter (!) überschreitet. Das ist sehr geschickt gelöst. Ebenso bemerkenswert, daß man nicht wirklich merkt, daß der Fußboden in die Raumtiefe hinein ein Gefälle von immerhin 40 Zentimetern aufweist. Nur wenn man vom Eingang her in den Raum schaut, nimmt man den Eindruck einer perspektivischen Manipulation flüchtig wahr. Dabei war dieser Kunstgriff gar nicht gewollt, sondern erzwungen: Denn unten drunter ist die Tiefgarage der Ersten Österreichischen, und das brachte eine Vielzahl von Zwängen mit sich.

Am Restaurant überrascht zuallererst die ungewohnte räumliche Großzügigkeit. Es heißt zwar, daß sich ein Restaurant dieser Kategorie nicht unter 110 oder 120 Sitzplätzen ökonomisch führen läßt - und die gibt es hier ja auch -, aber der Raum ist trotzdem nicht vollgestellt. Sogar die Logen an der Rückwand sind so dimensioniert, daß zum Nachbartisch reichlich Abstand besteht. Überhaupt ging es ja darum, gleichwertige Plätze zu schaffen. Denn wer geht schon gern gut (und eher teuer) essen, um dann an einem schlechten Tisch zu sitzen.

Es ist alles vom Feinsten. In den Ledersesseln sitzt man hervorragend, die Tische sind richtig dimensioniert. Und gedeckt sind die Tische gewissermaßen „klassisch“, also mit weißen Tischtüchern. Ausgesprochen raffiniert ist das Lichtkonzept: Christian Ploderer mischt weißes und oranges Licht, so daß eine sehr warme und angenehme Lichtmalerei auf den Tischen entsteht - sie tut den Gesichtern gut, aber auch den Speisen. Und auf beides kommt es an.

Ein intelligentes Ausstattungsdetail ist die durchgehend verspiegelte Rückwand des Raumes. Sie ist sehr dunkel getönt, und ein weißer Store ist darübergezogen. Das ergibt einen ausgesprochen interessanten Effekt.

Denn das Geschehen draußen auf der Straße bildet sich dort als unscharfe, schemenhafte Bewegung ab. Mit der Penetranz herkömmlich verspiegelter Räume, in denen man sich ständig selbst beobachtet, hat das nicht das geringste zu tun. Es ist ganz unaufdringlich. Eine Art lebendes Bild, das aber nicht mit den Mitteln bloßer Dekoration erzeugt wird.

Auf einen solchen Nenner läßt sich diese Lokalarchitektur von BEHF vielleicht überhaupt reduzieren. So dekorativ sie sich in der Summe der Einzelmaßnahmen auch präsentiert, bloßes Dekor kommt trotzdem nicht vor.

Es handelt sich eher um eine subtile Komposition aus bildhaft umgesetzten Informationen, auch um eine Addition von Raumsequenzen, die alle zusammen eine Art Kurzfilm ergeben. Daß dieser Kurzfilm eher von den Reichen, zumindest den Erfolgreichen handelt, schreckt manchen vielleicht. Andererseits - lügen wir uns doch nicht selbst in den Sack - gehört auch so etwas zur Großstadtszene dazu.

Am ehesten könnte man noch mit seiner „weltläufigen“ Konservativität gegen diese Lokalarchitektur anargumentieren. Denn auf eine neue Art konservativ - oder vielleicht richtiger: traditionell - ist das Lokal schon. Aber da bin ich Fatalist: Wenn ich gut essen gehe, kommt es mir auf die Qualität der Speisen und die angenehme Gesellschaft an. Und der Rest soll mich auf keinen Fall belästigen, wenn er erfreulich ist, umso besser. Unter diesen Vorzeichen gibt es nur ein Fazit aus dem Ambiente des „Fabios“: Nobel, nobel.

25. Mai 2002 Spectrum

Voilà: Seither herrscht Krieg

Bisher galt, daß ein Architekt das Territorium eines Kollegen nicht in Frage stellt - wenigstens nicht offen. Neuerdings fechten in Wettbewerben Unterlegene Juryentscheide immer öfter juristisch an. Ist der Berufsstand dabei, sich aufzureiben?

Das Virus, laut Duden außerhalb der Fachsprache auch der Virus, gilt als kleinster bekannter Krankheitserreger. Der Brockhaus erläutert das näher: Alle Viren vermehren sich natürlicherweise nur in lebenden Zellen, und sie führen nach einer bestimmten Inkubationszeit mit einem fieberhaften Stadium zu akuten Infektionskrankheiten.

Auf dem Feld der Architekturwettbewerbe ist es jetzt soweit: Das fieberhafte Stadium macht einer akuten Krankheit Platz. Architekten bekriegen Architekten, eindeutige Wettbewerbsentscheidungen werden nicht von außen, sondern von innen, von der Profession selbst, in Frage gestellt. Das ist neu. Vorher waren es in der Regel andere, die den „demokratischen“ Prozeß des Wettbewerbsverfahrens vor allem mit dem Argument der Kosten in Frage gestellt haben.

Dafür gibt es jede Menge Beispiele. Otto Häuselmayers Linzer Musiktheater-Projekt, geopfert auf dem Altar einer FP-Volksbefragung, ist nur die Spitze des Eisberges. Aber auch Salzburg - um zur Sache zu kommen, denn ein Hauptpunkt ist schließlich die Querele um das Kleine Festspielhaus - war da schon immer besonders gut. Man denke nur an die Vor-EU-Zeiten, als Juan Navarro Baldeweg den Wettbewerb um das Kongreßzentrum gewann, den dann ein Salzburger Architekt teilweise gebaut hat, dem dann aber auch wieder das Heft aus der Hand genommen wurde, und das am Ende ein kommerzielles Unternehmen fertiggestellt hat. Argument gegen das Baldeweg-Projekt: 100 Millionen Schilling (7,267 Millionen Euro) Mehrkosten gegenüber dem Zweitgereihten. Tatsache nach der Fertigstellung: 200 Millionen Schilling (14,534 Millionen Euro) Mehrkosten gegenüber dem Baldeweg-Projekt, denn zumindest nach dem Hörensagen - beweisen läßt sich so etwas ja selten - hat die Übernahme durch eine Kommerzfirma noch einmal 100 Millionen Schilling Mehrkosten verursacht.

Wie gesagt, Salzburg war für solche Extreme immer schon gut. Beim EU-weiten Wettbewerb um die neue Messehalle wurde der Jury-Entscheid ebenfalls ignoriert. Die tatsächliche Realisierung hat mit dem Wettbewerb nichts mehr zu tun. Auch hier erhielt letztlich ein Kommerzunternehmen den Zuschlag. Ein Trend? Jedenfalls versteht man langsam den Frust der Architekten, was die Teilnahme an Wettbewerben betrifft. Denn die geforderte Vorleistung - nicht nur ideell, sondern vor allem kommerziell, in Form von Arbeitsstunden - ist enorm. Und was kommt dabei heraus?

Ja, was? Als unlängst eine Jury das geladene Gutachterverfahren für den Umbau der Hernalser Rettungsstation entschied, da dachte sie sicher nicht, daß ein 20-Millionen-Schilling-Projekt (1,453 Millionen Euro) Anlaß für Widerspruch sein könnte. Es gab einen eindeutigen Sieger, das Büro Geiswinkler & Geiswinkler - Architekten. Und der hatte ein ausgesprochen intelligentes Raumkonzept für den etwas verqueren Bestand vorgelegt. Wer denkt sich, noch dazu bei einer solchen Umbausumme, etwas Böses? Nun, einem der Mitbewerber war es jedenfalls einen Einspruch wert. Auf der Basis der eigenen Erfahrung - er hat schon eine Rettungsstation gebaut - glaubte er sich berechtigt, gegen den Juryentscheid anzuargumentieren.

Er wird nicht weit kommen damit. Aber ist es nicht kurios? Soll sein, daß die wirklich lächerliche Umbausumme zu guter Letzt ein wenig nach oben gestaffelt werden kann. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Mit dem Einspruch wurde eine Tabuzone verletzt. Bisher galt, daß kein Architekt das Territorium eines Kollegen in Frage stellt. Wenigstens nicht offen. Was hinter vorgehaltener Hand immer schon gemauschelt wurde, davon wollen wir hier gar nicht erst reden. Offensichtlich ist, daß es die kollegiale Tabuzone scheinbar nicht mehr gibt.

Am Fall des Kleinen Festspielhauses läßt sich die ganze Misere besonders anschaulich illustrieren. Im österreichischen Wettbewerbswesen ist so etwas wie in Salzburg, etwas in diesen (Bedeutungs)Ausmaßen, noch nicht vorgekommen.

Die Ausgangslage: Gefordert waren die akustische Verbesserung des Kleinen Festspielhauses und eine ökonomische Verbesserung der Auslastung, sprich eine Erhöhung der Zuschauerkapazität. Dafür wurde ein EU-weit geladenes Verfahren in die Wege geleitet, bei dem in einer zweiten Stufe aus den 20 ursprünglichen Bewerbern fünf zu konkreten „Lösungsvorschlägen“ aufgefordert wurden. Halten wir fest, daß die Anführungszeichen beim Wort Lösungsvorschläge wichtig sind: Denn damit befinden wir uns mitten im Vokabular eines Verfahrens, das natürlich kein Wettbewerb war, es war aber auch kein Gutachten - beides gängige Kategorien im Architekturbusiness -, nein, das Salzburger Kleine Festspielhaus war Gegenstand eines - neuerlich Anführungszeichen - „Verhandlungsverfahrens“.

Nun, wie definiert sich ein Verhandlungsverfahren? Keiner weiß es. Aber fest steht: Es gibt kein „Siegerprojekt“, das der Umsetzung harrt, es gibt nur - und damit sind wir wieder bei den allerersten Anführungszeichen -, einen siegreichen „Lösungsvorschlag“. Und den gibt es sogar 9:0, also einstimmig.

Und damit beginnt das Drama. Denn derjenige, der seit 1986 am Projekt Kleines Festspielhaus dran ist, der gebürtiger Salzburger ist, für den die Aufgabe gewissermaßen Ehrensache ist, der heißt Wilhelm Holzbauer. Der hat das ominöse „Verhandlungsverfahren“ aber nicht gewonnen. Er wurde nur Zweiter. Pikanterie am Rande: Der siegreiche „Lösungsvorschlag“ ist ein Gemeinschaftsprodukt des Salzburger Büros Wimmer Zaick und des österreichisch-luxemburgischen Büros Hermann & Valentiny, letztere Schüler von Holzbauer und von ihm selbst zur Teilnahme am Verfahren vorgeschlagen.

Das alles hat Holzbauer klarerweise getroffen: überrundet von den eigenen Schülern, und das in Salzburg, seiner Heimatstadt. Es muß ihn hart getroffen haben. Aber Holzbauer wäre nicht Holzbauer, wenn er die nachfolgende Depressionsphase nicht rasch überwunden hätte. Voilà: Seither herrscht Krieg. Er reagierte mit Einsprüchen über Einsprüchen, jetzt sind also die Juristen am Zug. Und wenn die erst am Zug sind, dann findet sich immer etwas. Denn es gibt kein Verfahren, das juristisch so wasserdicht ist, daß man es nicht in Details anfechten könnte und damit insgesamt in Frage stellt.

In Wirklichkeit reden wir ja von einer unbekannten Größe. Denn merkwürdigerweise wurde niemals etwas veröffentlicht. Niemand kennt das „Siegerprojekt“. Niemand kennt das von Holzbauer. Nur Holzbauer scheint das seiner Kontrahenten zu kennen, obwohl er es eigentlich nicht kennen darf. Dennoch: Er scheint es zu kennen, jedenfalls lassen sich bestimmte Einsprüche anders nicht erklären.

Warum verhält sich Holzbauer so, wie er sich verhält? Man könnte antworten: Zurückhaltung war seine Sache noch nie. Beim Museumsquartier in Wien zum Beispiel, da gab es eine Phase, wo er sich massiv eingemischt hat. Obwohl es einen eindeutigen Sieger gab - das Büro Ortner & Ortner - und obwohl er selbst mit seinem Projekt schon in der ersten Runde ausgeschieden war. Das vermeintliche Wettbewerbsprojekt, mit dem er damals bei den Politikern antichambrieren ging, war modifiziert.

Holzbauer hatte aber auch keine Skrupel, den Auftrag für den Um- und Neubau des Linzer Hauptbahnhofs an sich zu reißen. Da hatte das siegreiche Büro Neumann & Steiner schon ein Jahr lang daran gearbeitet.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich die Causa Kleines Festspielhaus umso problematischer aus. Na klar, ein Großmogul der Architektur wehrt sich gegen „Wadlbeißer“. Denn wer sind die denn schon, die da eine intelligentere, auch eine ökonomischere Lösung anzubieten hatten? Man kennt die Projekte offiziell ja nicht.

Aber wenn Holzbauer beeinsprucht, daß die Verfahrenssieger in ihrem „Lösungsvorschlag“ das Tabu Felsenreitschule antasten - dort würden in der einen von zwei Varianten 30 der schlechtesten Sitzplätze fallen -, dann kann man ihm immerhin entgegenhalten, daß sein Vorschlag bei einer geringeren Sitzplatzkapazität das Tabu Bühnenturm verletzt.

Nur: Darum geht es gar nicht. Es geht nicht um inhaltliche Qualitäten. Es geht um Prestige und um Geld. Und es geht darum, was die Beziehungen, die Freundschaften mit den „Machern“ in Salzburg für den Ernstfall bringen.

All das wäre schon schlimm genug - und für den Berufsstand der Architekten eigentlich katastrophal. Von außen betrachtet: Wie können Leute, die sich selbst für die Ausübung ihres Berufes gewisse Regeln auferlegt haben, so agieren?

Vielleicht aber ist alles ganz anders gelaufen. Streng theoretisch wäre doch auch folgendes - sagen wir - Nebenszenario denkbar: Es könnte sein, daß irgend jemand Holzbauer im Vorfeld des Verfahrens bedeutet hat, er werde den Salzburger Auftrag ohnehin bekommen, das gesamte Verfahren sei nur ein EU-notwendiges Alibiunternehmen.

Tja. Wenn einmal der Wurm drin ist . . . Und damit sind wir wieder bei den Viren. Womit wir es derzeit in der Architektur zu tun haben, das ist ein Krankheitsbild. Ein Berufsstand reibt sich selbst auf. Wo gehören die Architekten hin? In die Kategorie Unternehmer? Oder sind sie nicht doch auch Künstler? Man hat das Gefühl, sie wissen es selbst nicht mehr.

20. April 2002 Spectrum

Zwei Fassaden, ein Gebäude

Ein in die Erde versenkter vierstöckiger Neubau, in den bis ins unterste Geschoß Tageslicht fällt, und das in einem streng denkmalgeschützten Ensemble: das „unsichtbare“ Studiengebäude der Wiener Albertina. So heikel die Aufgabe war, so brillant fiel die Lösung von Erich Steinmayr und Friedrich Mascher aus.

Wie die Zeit vergeht. Nicht zu glauben, daß der Wettbewerb für die Sanierung und Erweiterung der Wiener Albertina schon neun Jahre zurückliegt. Nächstes Jahr, wenn das Gesamtprojekt abgeschlossen und eröffnet werden wird, ist es dann also ein rundes Jahrzehnt. Dabei wird beim Bauen keineswegs getrödelt: Seit Beginn der Bauarbeiten im Frühjahr 1999 schreitet das Vorhaben zügig voran. Es war die Phase vor der eigentlichen Realisierung, die sich so lang hingezogen hat. Ein Jahr vor der Eröffnung ist daher erst ein Bauabschnitt wirklich abgeschlossen. Der allerdings ist architektonisch vom Feinsten.

Die Intelligenz des Projekts von Erich G. Steinmayr und Friedrich Mascher hat schon seinerzeit, im Wett-bewerbsjahr 1993, bestochen. Die Idee, ein „unsichtbares“ Studiengebäude in die Erde zu versenken, in das aber trotzdem Tageslicht einfällt und das sogar über einen absolut sehenswerten Ausblick verfügt, war immer schon brillant. Jetzt sieht man, daß sie auch entsprechend umgesetzt wurde.

Nur: Daß man es sieht, wenn man es sehen möchte, das ist gar nicht so leicht. Weil es eben ein „unsichtbares“ Gebäude ist, eines mit nur zwei Fassaden: dem Dach und jener Fassade Richtung Nationalbibliothek, die sich gläsern aus der Erde herausschiebt, orientiert auf einen gar nicht so kleinen, einfachen, kontemplativen Hof.

Die Dachfläche des Neubaus ist ganz eben, aber strukturiert. Es gibt in der Fläche sitzende Lichtampeln, beschattet durch einen simplen Raster aus Alu-LKW-Brettern, dazwischen fast schwarze, verblechte Dachflächen. Schwarz - in der Architektur bei vielen Leuten sehr ungeliebt - gehört zum Material-, Oberflächen- und Farb-konzept, das sich ganz stringent durch dieses Gebäude durchzieht.

Die Hauptfassade zum Hof ist in der Tat überraschend: Einmal sitzt die Verglasung außenbündig, also ganz vorne in der Fläche, dann springt sie plötzlich zurück, die Verglasung ist innenbündig angebracht und ein fixer Alu-Beschattungsraster davor montiert, unten sitzt sie wieder außenbündig in der Fläche. Das ist eigenartig. Und es ist eigenartig, wie unterschiedlich die Fassaden-teilung ausgefallen ist. Denn da tauchen in schöner Regelmäßigkeit auch hohe schmale Glaselemente auf, die ausschauen, als wären sie Türen, vor denen man den Balkon vergessen hat. Hat man aber nicht. Es sind die Brandrauchklappen, die sich hier im Fassadenbild zeigen.

Wir reden von einem vierstöckigen Neubau, in dem sich - von oben nach unten - ein öffentlich zugänglicher Studiensaal mit dreißig Arbeitsplätzen und einem erhöhten Bereich mit Computer-Arbeitsplätzen befindet, darunter sind die Werkstätten für die Papier-restaurierung. Wieder darunter ist ein interner Studiensaal mit angeschlossenem Photostudio auch für Digital-kameras und einer Verbindung zum untersten Geschoß mit der Bibliothek.

Das ganze Gebäude hat eine Raumtiefe von ungefähr dreißig Metern, dort ist dann eine Art Lichtschleuse, ein verglaster Lichthof eingeschoben, über den selbst an einem ganz trüben Tag Tageslicht bis auf die unterste, die Bibliotheksebene einfällt.

Übrigens wird das Studiengebäude vor der Eröffnung im nächsten Jahr nicht öffentlich zugänglich sein. Denn Sinn macht es nur, wenn der Tiefspeicher fertig und der Zugriff auf die Bestände der Albertina gewährleistet ist. Und das ist ein ziemlich komplexes Unterfangen. Der Zugriff auf die Sammlung wird in Zukunft geschoßweise, mechanisch und automatisch erfolgen. Es werden in jedem Geschoß sogenannte Ausgabegeräte installiert, in die man seine Wünsche eingibt und die den ganzen Vorgang des Heraus-suchens und Anlieferns selbsttätig erledigen. Das ist zwar ungemein aufwendig, aber in dieser Möglichkeit liegt gewissermaßen der „politische“, der „demokratische“ Aspekt des gesamten Albertina-Projekts: Er macht diesen Sammlungsbestand für eine Öffentlichkeit, die aus Wissenschaftlern, Forschern, Studierenden besteht, wirklich zugänglich. Und das war zuvor auf dieser breiten Basis nicht möglich.

Was das Projekt von Steinmayr und Mascher seit der ersten Stunde so überzeugend gemacht hat, ist die Logik der Lösung. Was es gebraucht hat, war eine ungemein diffizile städtebauliche Lösung für diesen „unsichtbaren“ Neubau im zu Recht unverletzbaren, strengstens denkmalgeschützten Bereich zwischen Augustinerstraße, Burggarten und Hofburg; es hat eine sinnvolle interne Verknüpfung zwischen dem Altbau, und den Neubauteilen, also Studiengebäude, Tiefspeicher und Ausstellungshalle gebraucht; und all das hat zwingend nach einer angemessenen formalen Umsetzung verlangt, die dem Standort und der Albertina gerecht wird.

Letzteres ist beim Neubau schon dadurch bewältigt, daß man mit einem Minimum an Material ausgekommen ist: Es gibt Sichtbeton in durchaus brauchbarer Qualität, es gibt schwarzen Fließterrazzo, es gibt Aluminium - eloxiert oder pulverbeschichtet -, es gibt Glas von transparent bis transluzent, und dann gibt es auch noch Holz, und zwar Eiche. Als Parkett auf dem Boden, auch als relativ stark geflammtes, aber durch die Logik der Verlegetechnik wieder beruhigtes Furnier auf Wandpaneelen. Und was das alles vom Kritikerstandpunkt aus so einsichtig macht: Die Dinge haben ihre Begründung, sie sind nicht bloß Willkürakt. Daß im Studiensaal trotz Tageslicht von oben eine Glasfassade ist, hat mit dem psychischen Wohlbefinden zu tun, das sich einstellt, wenn man nach draußen schauen kann; daß im Werkstättengeschoß über die Fassade für eine optimale, aber steuerbare Belichtung gesorgt ist, hat mit den konkreten Anforderungen zu tun. Und so weiter. Bis hinunter zur Bibliothek, wo man dann halt bei Tageslicht nachschauen kann, ob das Buch, das man sich aus dem Kompaktregal geholt hat, wirklich das richtige ist.

Die funktionelle Verknüpfung der verschiedenen Einheiten untereinander kann man zum jetzigen Zeitpunkt nur teilweise nachvollziehen. Der alte Portikus steht wieder da; die Holleinsche Rolltreppe ist in einem frühen Realisierungsstadium; der in Zukunft glasüberdachte Albertina-Hof wird einmal die entscheidende Verteilerfunktion im Komplex übernehmen. Man sieht, wie die neue Ausstellungshalle in etwa dimensioniert sein wird - und man sieht, daß sie eine massive Decke hat. Das ist ein bißchen unbegreiflich, wenn man weiß, daß die Architekten ursprünglich eine Lichtdecke dafür entwickelt haben. Auch wenn die Albertina-Lichtdecke nur halb so gut gewesen wäre wie jene, die Renzo Piano für die Sammlung Beyeler bei Basel entwickelt hat, wäre sie immer noch eine Sensation im Vergleich zu dieser Bunkerlösung.

Die Albertina ist zum jetzigen Zeitpunkt eine der aufregendsten Baustellen Wiens. Abenteuerlich. Da überschneiden sich unterschiedlichste Bauetappen, und bei den verschiedenen Niveaus, die nun sichtbar sind, wird es ganz schwer, sich überhaupt noch zu orientieren. Unbeschreiblich aufregend, die alten Klostergewölbe zu sehen, wo der „Albertina-Keller“ lange Zeit sein Weinlager hatte und wo man jetzt, wenn man hinauf schaut, die massiven Träger sieht, mit denen die notwendige Unterfangung eines Teils der Albertina bewältigt wurde.

Eine vielleicht kuriose Anmerkung zum Schluß: Ursprünglich hatte die Albertina-Rampe eine Steigung von sechs Prozent, jetzt hat sie neun Prozent. Denn die Begrenzungsmauer der Rampenkehre - übrigens mit den al-ten Zwanzig-Zentimeter-Massivblöcken realisiert - mußte durch den Neubau um dreißig Meter vorverlegt werden. Selbst als Wiener, der die Situation gut kennt, fällt einem praktisch nicht auf, daß die Rampe jetzt steiler ist. Es ist schon komisch, wie das in der Architektur mit dem Gedächtnis funktioniert: Manches bewahrt sich ganz lange, sogar jahrhundertelang. Und dann gibt es aber auch Dinge, die sind gleich vergessen.

9. März 2002 Spectrum

Vorne wohnen, hinten hackeln

Altbewährt ist das Bebauungsmuster: die Verbindung von Wohnen und Arbeiten: Ganz auf der der Höhe der Zeit ist dessen Interpretation durch Delugan-Meissl: eine der spannendsten Baulückenverbauungen in Wien.

Für Architekten eine Standardaufgabe in der Stadt: das Füllen einer Baulücke im dicht verbauten Wohngebiet. Aufregend ist das in der Regel nicht. Man darf sich entscheiden zwischen Anpassung und - bewußter, formaler - Abgrenzung. Und im übrigen hat man möglichst viel an vermarktbaren, verkaufbaren Flächen aus dem Grundstück herauszuholen.

Delugan-Meissl ist es bei ihrem Bau in der Wimbergergasse in Wien nicht viel anders ergangen. Aber gerade dieses „nicht viel“ macht es aus. Denn das Resultat ist, trotz aller Modifikationen, die das ursprüngliche Projekt erfahren hat, beeindruckend. Eine der spannendsten Baulückenverbauungen, die es in Wien überhaupt gibt. Man mag einwenden: Von der Formensprache her - sehr zeitgeistig. Aber: Hier ist der Zeitgeist eben kein bloß aufgesetzter Formalismus, hier sind die zeitgeistigen Lösungen durch einen inhaltlichen, einen nutzerorientierten Mehrwert abgedeckt.

Zur Straße hin sieht man nur - eine Glasfassade. Sie setzt sich von der Umgebung sehr deutlich ab, wertet den Straßenzug (im Bezirk Neubau, fast parallel zum Gürtel) auf. Sie ist ein Highlight im Putzfassaden-Einerlei, das hier den Ton angibt.

Ursprünglich war übrigens etwas ganz anderes angedacht. Die Fassade hätte zweischalig und begrünt sein sollen. Aber das war wohl zu aufwendig. Bemerkenswert ist die Fassade trotzdem. Denn dadurch, daß die Architekten in die Loggienschicht teilweise auch zweigeschoßige Bereiche eingeführt haben, entsteht ein reizvolles Fassadenmuster. Der lebendige, grüne Sichtschutz fehlt zwar, eine Arbeit des Künstlers Herwig Kempinger greift den Gedanken aber auf: Er hat winterkahle Bäume photographiert und im Brüstungsbereich auf die Verglasung aufgedruckt. Eine sinnvolle Maßnahme, wenn man an die Unsitte der wild wuchernden Schilfmatten denkt oder auch daran, was sich auf Balkonen so alles ansammelt.

An dieser Stelle ist ein Exkurs zum Thema Bauträger angesagt. Es gibt die guten, es gibt die bösen - „Kallco Projekt“ zählt eindeutig zu den guten. Wilfried Kallinger ist einer der wenigen, die sich darauf einlassen, auch jenseits der eingefahrenen Pfade etwas zu versuchen. Er interessiert sich für Kunst, er interessiert sich für Architektur - und das sieht man den gebauten Ergebnissen dann auch an.

Von der Wimbergergasse gibt es demzufolge allerhand zu berichten. Denn das Projekt umfaßt keineswegs nur den straßenseitigen Wohnbau - der übrigens im ersten Obergeschoß auch eine Büroetage hat -, das Projekt umfaßt vor allem an der Hofseite eine richtiggehende Bürohaus- Landschaft. Man darf die Bezeichnung „Landschaft“ in diesem Fall fast wörtlich nehmen. Denn trotz der niedrigen Bauklasse im Hofbereich falten sich hier ziemlich wild zerklüftete Bauteile auf, die auch in den untersten Bereichen - teils über Rampen, teils über schluchtartige Einschnitte - natürlich belichtet sind. Als Arbeitsflächen zugelassen sind diese Ebenen zwar nicht, offiziell sind sie als Lagerräume deklariert, ans alte Souterrain erinnert hier trotzdem nichts mehr.

Jedenfalls ist das Konzept der Vermischung von Arbeit und Wohnen in der Wimbergergasse ausgesprochen reizvoll gelöst. Es ist sozusagen die zeitgenössische Interpretation eines alten Bebauungsmusters. Die Tiefe der Parzelle erklärt sich ja vor allem daraus, daß auch früher auf solchen Grundstücken vorne gewohnt wurde und dahinter, im Hoftrakt, oft eine gewerbliche Nutzung untergebracht war. Heute wissen wir, daß dieses alte Bebauungsschema Qualitäten hatte, daß es ein Beitrag zur Lebendigkeit eines Quartiers war. Andererseits: Es ist nicht so einfach, das heute zu realisieren. Denn jeder hat längst ein feines Organ für die Umweltbelastungen, die damit verbunden sind. Egal, ob das nun Schmutz oder Lärm ist. Der Nutzungsmix von Wohnungen und Büros ist dagegen relativ unproblematisch.

Und im übrigen hat das Wohnhaus durch die Verflechtung mit Büros sicher gewonnen. Das merkt man schon, wenn man in das äußerst großzügige Foyer hineinkommt. Da wurde ganz offensichtlich auf eine gewisse Eleganz Wert gelegt. Denn jeder, der nach hinten zu den Büros will, muß ja hier durch. Deswegen liegt auf dem Boden Schiefer, und ein Kunstwerk von Leo Zogmayer setzt einen schönen Akzent. Sogar die unvermeidlichen Briefkästen zeichnen sich durch formalen Anspruch aus. Und natürlich erklärt sich auch die Offenheit und Transparenz zur Straße aus dieser Durchgangssituation: So bekommt man sogar von draußen mit, daß sich hofseitig noch etwas tut.

Offenheit ist überhaupt ein Wort, das einem hier mehrfach in den Sinn kommt. Zumindest jetzt noch, in der Bezugsphase der Büros. Die Architekten haben wunderbar offene Loftsituationen geschaffen, mit denen man viel anfangen könnte. Leider bauen die Nutzer vieles wieder zu, gegen das herkömmliche Zellenbüro kommt scheinbar auch die beste Architektur nicht an. Das ist zwar ein Jammer, aber an der grundsätzlichen Struktur ändert es nichts.
Wie gesagt: ein großzügiges, elegantes, ein großstädtisches Projekt. Selbst nebensächliche Bereiche wie die Tiefgarage wurden mit Sorgfalt behandelt. Auch hier war übrigens eine Künstlerin am Werk, die versucht hat, mit Licht und Farbe diesen sogenannten Angstraum zu entschärfen. Man merkt ihrer Arbeit allerdings an, daß sie sich vielleicht doch zu weit ins Feld der „angewandten“ Gestaltung vorgewagt hat. Denn da gibt es Details, die nicht wirklich überzeugen. Ein ähnliches Manko weisen übrigens die Außenanlagen auf: Auch hier hat eine Künstlerin mit Streifen im Bodenbelag einen Akzent gesetzt, der nicht ganz überzeugt. Wenn die raffiniert verschwenkten und aufgefalteten Gründächer und Außenanlagen bruch- und nahtlos ineinander übergingen, wäre es sicher besser.

Aber das sind Auffassungsfragen. Tatsache ist: Die Wohnungen sind toll, ebenso die Büros. Und wenn man in einem der oberen Geschoße auf den kleinen Aussichtsbalkon hinaustritt, den die Architekten hofseitig ihren Wohnungen zugeordnet haben, dann hat man auch einen großartigen Blick - auf ein Stück bemerkenswerte zeitgenössische Architektur.

2. Februar 2002 Spectrum

Mit Jalousie vom Segelbauer

„Süd.See“ hieß das Projekt bei den Architekten: Der Neusiedler See im Süden markiert die Horizontgrenze. Im Volksmund heißt es „das fliegende Haus“: Der lange Baukörper kragt weit über einen Hang aus. Wie Gerner & Gerner aus einem Bauplatz in Jois das Optimum herausholten.

Auf den Bürgermeister kommt es an. Das ist eine Tatsache, mit der man auf architektonischen Sightseeing-Touren überall in Österreich konfrontiert wird. Wenn der Bürgermeister nicht will, dann geht gar nichts. Und meistens will er nicht, weil nicht nur er selbst unter einem Satteldach wohnt, sondern weil so viele österreichische Landgemeinden ein solches Dach (auch noch ziegel-gedeckt) zwingend vorschreiben.

Daß diese Vorschriften individuelle (und zeitadäquatere) Interpretationen zulassen, kann man neuerdings auch in der burgenländischen Ortschaft Jois in Augenschein nehmen. Dort fand das Architektenehepaar Gerner & Gerner einen aufgeschlossenen Bauherrn, der, aus Wien kommend, einen persönlichen Traum verwirklichen wollte; dort fand es aber auch den Bürgermeister, der für eine solche Initiative offen war. Bemerkenswert ist: Gleich nebenan baut der Bürgermeister selbst - ein Satteldachhaus gängiger Prägung. Aber das hat ihn nicht so blind gemacht, daß er die Besonderheit des Gerner-Hauses nicht erkannt und für Jois als wichtig empfunden hätte. Hypothetischer Hintergedanke: Wo sich jemand ansiedelt, der ein so spezielles Haus baut, da kommen womöglich andere nach. Es dürfte genug burgenländische Ortschaften geben, denen diese Art des „ideellen“ Investitionsschubs ebenfalls guttäte.

Im Volksmund heißt es: das fliegende Haus. Und der Volksmund ist bekanntlich schnell mit solchen verbalen Etiketten. Aber er erfaßt auch immer wieder das Wesentliche. Im Fall des Gerner-Hauses besteht es darin, daß sich die Architekten für einen 35 Meter langen, eingeschoßigen Baukörper entschieden, der weit über einen Hang auskragt, und daß sie davor einen zweiten Baukörper gesetzt haben - interner Name, der visuell wirklich zutrifft: Monitor -, der auf zwei Geschoßen einen Arbeitsraum für den Bauherrn und Gästezimmer (auch eine Wohnung für die „Nanny“ der Kinder) aufnimmt.

Das Haus ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Es hat sein Satteldach. Aber es hat es in einer so sanften Neigung, daß man es schon fast nicht mehr sieht. Andererseits: Was man davon sieht, ist okay. Es drückt irgendwie die Schnittstelle zwischen offener Küche und Wohnraum nach außen sichtbar aus, obwohl drinnen gerade diese durchgängige Raumausbildung nur durch einen Niveausprung artikuliert ist. Das ist sehr schön: Koch-, Eß- und Wohnbereich - insgesamt 16 Meter Länge bei einer maximalen Raumhöhe von 4,50 Metern - bilden einfach eine riesige Wohninsel, die in sich zwar leichte Differenzierungen aufweist (eben durch den Niveausprung), aber vor allem eine Großzügigkeit offeriert, wie man sie in heutigen, neu gebauten Häusern selten antrifft.

Man muß sich die Gesamtsituation so vorstellen: Süd.See heißt das Projekt bei den Architekten. Das heißt natürlich, daß der Neusiedler See im Süden die Horizontgrenze markiert. Und auf diesen Horizont hin sind alle Wohn- und Schlafräume des Hauses orientiert. Und zwar gläsern - sie sind total offen. Das ist indes kein Diktat der Architekten, das wollte vor allem der Bauherr so. Aber man hat Vorsorge getroffen. Es gibt natürlich eine Außen-beschattung. Und die hat, das wiederum ist erwähnenswert, ein Segelbauer vom Neusiedler See gemacht. Die Gerners haben ein ganz einfaches Außenjalousie-System eigens für dieses Haus entwickelt - mit seinen Schnüren und Rollen hat es viel vom Schiffsbau -, das ganz leicht, aber mechanisch zu bedienen ist, das preisgünstig war und das noch dazu aus den lokalen Ressourcen schöpft. Denn wo sonst würde man schon einen Segelbauer zu diesem Thema befragen.

Die Gerners haben offensichtlich ziemlich genau gecheckt, was an diesem speziellen Standort das richtige ist. Denn aufs erste vermutet man in dem Haus mit seiner metallischen Oberfläche - bei der hinterlüfteten Außenhaut verwenden sie das sogenannte Gleit-bügelsystem aus Aluminium - einen Betonbau. Das ist aber nicht der Fall. Abgesehen von einem „Betontisch“, der die Auskragung trägt, ist dieses Haus konstruktiv ein Leichtbau, nämlich ein Holzbau. Schon mit Betondecken dazwischen, aber doch ein Holzbau.

Wenn man die Architekten befragt, dann gab es viele Gründe für diese Entscheidung. Die Metallhaut ist natürlich die wetterbeständigste, pflegeleichteste Lösung, die sich denken läßt. Der Holzbau wiederum konnte vorgefertigt und innerhalb von drei Tagen aufgestellt werden. Das sind schon Argumente - vor allem, wenn man eine Planungs- und Bauzeit von insgesamt nur zehn Monaten zum Ziel hat.

Es gab auch Schwierigkeiten. Zum Beispiel ist der vorgesehene geschliffene Estrich als Boden letztlich nicht so ausgeführt worden, daß er akzeptabel war. Deswegen gibt es jetzt im ganzen Haus einen wunderbaren Schieferboden. Das allerdings machte es notwendig, daß alle Türen um zwei Zentimeter gehoben werden mußten. Was das für eine Aktion gewesen sein muß, kann sich zumindest jeder Bauherr oder auch Häuselbauer vorstellen. Aber daß alles glattgeht, das gibt es nie. Und hier ist - nicht zuletzt auf Grund des Engagements des Bauherrn - ohnehin viel glattgegangen. Die Architekten: „Wir konnten unsere Vorstellungen praktisch hundertprozentig verwirklichen.“

Die Tatsachen: ein übersichtlich organisiertes Haus - auf einer Ebene Eingang, riesiger Eß-/Wohn-Bereich, Schlafräume. Die Lösung mit den nördlich orientierten Badezimmern (für Eltern und Kinder extra) irgendwie organisch integriert ins Haus, nicht allzu deutlich abgesetzt. Und dann der Monitor, der durch eine simple, verglaste Schleuse ans übrige Haus angehängt, davorgestellt ist. Außerdem: ein Kellergeschoß, das Wohngeschoß ist - mit Videoraum, Fitneß-Möglichkeiten, Dampfbad.

Angedacht war auch ein verglastes Schwimmbad unter dem auskragenden Gebäudeteil. Das ist nicht realisiert, hier gibt es nur eine gekieste Fläche. Trotz äußerst günstiger Quadratmeterpreise bei diesem Hausbau - die Architekten haben sich diesbezüglich wirklich angestrengt - hat man sich darauf geeinigt, die Nutzung des Raums unter dem auskragenden Gebäudeteil zunächst offenzulassen. Ein verglastes Schwimmbad ist nun einmal eine ziemlich teure Angelegenheit, daher wurde seine Errichtung in die Zukunft verlagert. Und ein offenes Schwimmbad hat an dieser Stelle nur wenig Sinn: Unter der Auskragung würde es immer im Schatten sein, das möchte man beim Schwimmen im Freien eigentlich nicht haben. Trotzdem: Im Hochsommer wird das ein wunderbarer, geschützter Freiraum sein, an dem die Bewohner noch ihre Freude haben werden.

Es gibt zwei in Richtung See auskragende Terrassen. Sie sind in das Gelände minuziös eingebettet. Eine angeschüttete Böschung, eine Art „Erd-kegel“ darunter, moduliert das Gelände und kann von den Kindern im Winter zum Rodeln und Skifahren genutzt werden. Überhaupt sind die Gerners mit dem Gelände sorgfältigst umgegangen. Das sieht man schon an der Eingangssituation, bei den separierten Zugängen zum Haus und zum Monitor, wo ebenfalls mit leichten Geländemodulationen gearbeitet wurde. Und vor allem daran, daß durch die Auskragung des Hauses ein beachtlicher Teil des Grundstücks freigespielt wurde. Damit haben die Architekten jenen zusätzlichen Flächenverbrauch, den ein eingeschoßiges Haus nun einmal mit sich bringt, wieder wettgemacht.

Wenn man die richtigen Architekten beauftragt, dann holen sie aus einem Bauplatz eben das Optimum heraus. Hier ist das der Fall. Das macht die Sache erwähnenswert.

29. Dezember 2001 Spectrum

Wie man heute eine Stadt baut

„Homeworkers“: So lautete der ursprüngliche Titel des Bauvorhabens, das Wohn- und Arbeitsbereiche verschränken sollte. „Compact City“ heisst die Anlage in Wien-Floridsdorf von BUSarchitektur nun zu Recht: ein Vorzeigeprojekt an verdichteter Stadt.

Wie baut man Stadt? Und: Welche Art von Stadt wird heute überhaupt gebraucht? Auf solche Fragen hat BUSarchitektur - das sind Rainer Lalics, Claudio Blazica und Laura Spinadel - mit einem Projekt geantwortet, das zum Interessantesten und Komplexesten zählt, was seit vielen Jahren in Wien entstanden ist. „Homeworkers“ lautete der plakative Titel des Vorhabens ursprünglich. Dieser Titel verweist darauf, worum es den Architekten von Anfang an ging: ein Konzept, das Wohnen nur als eine von vielen Komponenten im städtischen Zusammenhang auffaßt; um ein Konzept auch, das spezifischen Arbeitssituationen Rechnung trägt.

Ich wehre mich immer dagegen, daß man die Rolle der sogenannten Telearbeitsplätze, die angeblich einen dominierenden Faktor der Arbeitswelt der unmittelbaren Zukunft darstellen, überbewertet. Hier sind sie als einer der Ausgangspunkte der gesamten Planung aufgefaßt. Das Tolle daran: Wenn Architekten so etwas nicht vordergründig angehen, wenn sie imstande sind, einfach räumlich komplexe Situationen daraus zu destillieren, die aber nicht eindeutig festgeschrieben sind, dann geht auch nichts schief. Egal, welche Entwicklungen die Arbeitswelt in der unmittelbaren Zukunft nimmt. Egal, wie die konkrete Nutzung in der Gegenwart ausschaut.

„Homeworkers“: Spinadel, Blazica und Lalics haben mit der Arbeit daran 1993 begonnen. In Eigeninitiative, auf der Basis einer Studie der Stadt Wien, ohne Auftrag. Letzterer - erteilt vom Wiener Bauträger SEG - kam erst viel später. Aber der hat ihnen dann schon im Vorfeld der Realisierung Lorbeeren eingebracht: den Otto-Wagner-Städtebaupreis 1998.

Dann wurde das Projekt umgetauft: in „Compact City“. Vermarktungsgründe werden dafür angeführt. Soll sein. An der Substanz des Projekts ändert es nichts.

Es liegt an der Donaufelder Straße und erstreckt sich über - eigentlich bescheidene - 10.000 Quadratmeter Grundfläche. Was sich auf dieser Grundfläche allerdings abspielt - das ist wirklich ungewöhnlich. Es ist die geradezu unheimlich verdichtete Stadt, in der alle erdenklichen Funktionen vielfach verschränkt und überlagert sind, in der aber gerade deswegen auch höchst reizvolle Situationen entstehen.

Die Donaufelder Straße verläuft an dieser Stelle in einer sanften Kurve. Der folgt ein langer Baukörper, dann kommt ein gliedernder Einschnitt, und ein markanter Eckbaukörper zum Carminweg hin (auf der anderen Seite des Carminwegs: die Frauenwerkstatt) schließt die Sache ab, allerdings ohne sie zur Festung zu machen. Wenn man hier um die Ecke geht, dann sticht ein schmales, verglastes, durch sanfte Rampen erschlossenes Stiegenhaus-Gebäude ins Auge. Und da begreift man auch zum ersten Mal, daß es sich um eine Anlage handelt, die auf mehreren Ebenen organisiert ist.

In Worten schwer zu beschreiben, eigentlich gar nicht. Aber auf die Beschreibbarkeit kommt es ja auch nicht an. Die Atmosphäre ist in diesem Fall die Botschaft. Die Atmosphäre, die suggeriert, was hier alles passiert - oder zumindest in allernächster Zeit passieren könnte.

Es ist eine Art mittelalterliche Stadt, transponiert ins 21. Jahrhundert. Daher gibt es auch keinen Marktplatz. Dafür gibt es einen gewaltigen Supermarkt mit allem, was dazu gehört (Anlieferung, Entsorgung, Zufahrt, Parkmöglichkeit et cetera). Es gibt natürlich auch keine Schmiede, keine Tischlerei. Das wäre mit heutigen Ansprüchen allein schon punkto Lärm und sonstiger Umweltbelastung nicht kompatibel. Diese „kleinen Handwerksbetriebe“ gibt es eben in der historischen Form nicht mehr. Es gibt sie andererseits doch - in neuer Gestalt. Und dafür hat BUSarchitektur einen Raumplan entwickelt, der in seiner Kleinteiligkeit durchaus mit historischen Vorbildern vergleichbar ist, der aber allen heutigen Anforderungen an Arbeitsräume - Licht, Luft, Ausblick - ganz selbstverständlich entspricht.

Es gibt eine sogenannte urbane Platte. Darunter und darüber spielt es sich ab. Darunter liegen von anmietbaren Lagerräumen bis zu Parkplätzen et cetera alle erdenklichen Nebenfunktionen; auch eine Art Gewerbehof ist eingeschnitten. Darüber gibt es Baukörper-Konfigurationen selbstverständlicher bis besonderer Art. Lange, durch kleine Balkone, auch durch offene Laubengänge und immer wieder durch Einschnitte gegliederte Baukörper. Pavillonartige Aufbauten, die zwar auch gereiht sind, aber trotzdem wirklich reizvolle Außenraumsituationen schaffen. Und an der hinteren Grundstücksgrenze (parallel zur Donaufelder Straße) schließen relativ schmale, auch nicht sehr hohe, rechtwinklig zur übrigen Anlage stehende Baukörper das Areal ab. Durchgängiges Charakteristikum der gesamten Anlage ist die Verschränkung von Wohnen und Arbeiten: sei es in der Form der Stapelung getrennter Wohn- und Arbeitseinheiten, sei es in der Einbeziehung von Arbeitsplätzen in den Wohnzusammenhang.

Man hat sich mit der Freiraumgestaltung übrigens einige Mühe gegeben. Die Grünflächen sind geplant, gleichzeitig wurde die übliche Scheu vor bloß gepflasterten Flächen, die bei uns immer alles so verkitscht, so unklar macht, weitgehend vermieden. Es gibt beides, und das ist gut so.

Das Wesentliche - die Verschränkung von Wohnflächen mit Büros oder welchen Arbeitsräumen auch immer (Ateliers et cetera) - ist ziemlich beispielhaft gelungen. Ich erinnere mich an eine ganze Reihe von Wohnbauvorhaben der letzten eineinhalb, zwei Jahrzehnte, bei denen von Wohnen und Arbeiten die Rede war. Vom Arbeiten ist nie etwas übriggeblieben. Es wurden letztlich ganz normale Wohnanlagen daraus. BUSarchitektur hat das wirklich geschafft: Obwohl die Anlage noch gar nicht voll besiedelt ist, findet man jetzt schon vom sehr großen Supermarkt über das Café-Restaurant bis zum Sonnenstudio einiges an angedachten städtischen Nutzungen dort. Und was sich in den Wohn-Büros/Ateliers wirklich abspielt, das kann man nur erahnen. Man sieht es von außen natürlich nicht so genau.

Sicher ist aber: Die Anlage ist nicht „ausverkauft“. Ich behaupte, das hat seinen Grund. Wohnbauträger haben Verkäufer, die für eine ganz bestimmte Schiene des (gewöhnlichen, üblichen) Angebots geschult sind. Nicht für einen solchen Spezialfall.

Obendrein - auch das behaupte ich, ohne es beweisen zu können - dürften die Gasometer einen Großteil der Innovationsbereitschaft der gemeinnützigen Wiener Bauträger in Anspruch genommen haben. Dort haben sie unglaublich viel Geld investiert - auch die SEG -, dort haben sie ihre Prioritäten gesetzt. Das ist ein Jammer! Denn ein so spezielles Projekt wie die „Compact City“ bedarf einer ganz spezifischen Vermarktung, die nur wirklich informierte Leute zu leisten imstande sind.

Die Sache ist durchgeplant bis ins letzte. Und soweit man das - bei einer nur partiellen Nutzung des Gesamtprojekts - beurteilen kann, ist sie funktionsfähig. Der Standort ist richtig - diese ewige Stadtentwicklung nur mit Wohnbau ist ja längst nicht mehr erträglich -, das Nutzungspotential ist es auch. Um das zu legitimieren, braucht man kein zeitgeistiges Vokabular. Obwohl es passen würde - siehe so schillernde Schlagworte wie „fragmentierte Stadt“, „fraktale Stadtstruktur“ und was es sonst noch so gibt.

Ich glaube, man darf das alles vergessen. Es sind Worthülsen, die irgendwelche Ambitionen inhaltlicher Art plakativ verdeutlichen sollen. Im Fall der „Compact City“ verbirgt sich tatsächlich ein Inhalt dahinter, wie man ihn - in dieser konsequenten, gleichzeitig intimen - Spielart bisher nicht umgesetzt hat. Hinzu kommt, daß es sich hier auch um Architektur der formalen Stringenz handelt. Viel Geld war ja nicht gerade da, die Architekten konnten nicht einfach aus dem vollen schöpfen. Aber sie zeigen, was sich machen läßt.

Der Vergleich mit der „Sargfabrik“ beziehungsweise der „Miss Sargfabrik“ von Johnny Winter und dem BKK-2 drängt sich auf. Es geht um eine gemeinsame Sprachkomponente - bei allen individuellen Unterschieden -, die darauf basiert, daß man mit auch noch so beschränkten Mitteln haushaltet.

Man muß nur wissen, wie. Neben so vielen anderen Faktoren spielt eben doch das Wie eine ausschlaggebende Rolle. BUSarchitektur hatte sich weitgehend mit Putz-Architektur zu bescheiden. Allerdings hat sie ihr eine Farbe gegeben - Orange. Und das leuchtet.

Und dann gibt es noch zusätzliche Akzente: einen verglasten Baukörper hier (das Stiegenhausgebäude), verzinktes Blech da, speziell und körperhaft formulierte Fenster auf der einen Seite, schlichte Fensterbänder auf der anderen - klar, man kann sich viel mehr vorstellen, aber das genügt im Notfall auch. Und hier kommt unter dem Strich weit mehr als der gut gelöste Notfall heraus.

Wer sehen kann, der sieht. Und der sieht ein ziemlich innovatives Projekt. Ein Vorzeigeprojekt. Es wäre ohne den Bauträger SEG sicher nicht zustande gekommen. Es käme jetzt darauf an, in der Vermarktung - und damit ist nicht der Verkauf von Einheiten gemeint, da geht es um die Publizität des Gesamtprojekts - die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Denn „Compact City“ ist ein Fall von „Verallgemeinerbarkeit“.

15. September 2001 Spectrum

Was alles drin ist

Sollen sie ihren ursprünglichen Charakter weitgehend behalten, dann lassen sie sich schwer nutzen; will man sie für heutige Zwecke adaptieren, dann büßen sie ihren Charakter ein. Wie revitalisiert man denkmalgeschützte Industriebauten? Hermann & Valentiny führen das mit einer Brotfabrik in Wien-Ottakring vor.

Der Umgang mit alten Industriebauten ist fast immer ein Problem. Sollen sie ihren ursprünglichen Charakter weitgehend behalten, dann lassen sie sich schwer nutzen. Will man sie für heutige Zwecke adaptieren, dann büßen sie ihren originalen Charakter ein. Man hat das schon seinerzeit beim Getreidespeicher am Wiener Handelskai erlebt. Da schaffte man es sogar, eine ausgesprochen rohe, ruppige - und deswegen auch so eindrucksvolle - Bausubstanz durch die Hotelnutzung in süßlichen Kitsch zu transformieren. Und man erlebt es jetzt bei den vollgebauten Simmeringer Gasometern.

Tatsächlich ist es so - denken wir auch an die diversen Wiener Remisen, die in den letzten Jahren zur Debatte standen -, daß es komplexer Gedankenprozesse bedarf, um nicht nur wirklich geeignete Nutzungen für solche „Denkmäler“ zu finden, sondern auch eine architektonische Lösung, deren formale Sprache zwar zeitgenössisch, dabei aber trotzdem adäquat ist.

Es kommt selten vor, daß solche Synergien glücken. Dem Bundesdenkmalamt sind schon finanziell die Hände gebunden: Was ein Investor bei der Umnutzung eines solchen Objekts eigentlich verlangen müßte: daß die Mehrkosten, die durch das Bauen in der historischen, geschützten Substanz für den Eigentümer entstehen, vom Denkmalamt getragen werden - schließlich handelt es sich hier ja um übergreifende, „allgemeine“ kulturelle Interessen -, das ist nicht drin. Siehe oben: Das Bundesdenkmalamt ist dafür budgetär nicht ausgestattet. Es sprengt zwar den Rahmen einer Architekturkritik, aber als punktueller Einwurf wäre vielleicht doch einmal festzuhalten: Man müßte die Schwerpunktsetzung der staatlichen kulturellen Förderung grundsätzlich überprüfen. Da gibt es soviel, was nur flüchtig, nur temporär ist. Es gibt die punktuellen Effekte, die wir uns viel kosten lassen. Dagegen ist uns die Dauer, der langfristige Tatbestand - und architektonische Objekte fallen unter diese Rubrik - vergleichsweise extrem wenig wert. Und daran stimmt einfach etwas nicht.

Nun, das war eine lange Einleitung zur Revitalisierung eines denkmalgeschützten Industrieobjektes in Wien- Ottakring. Mir scheint sie notwendig, weil sie diese Einzelinitiative - gemeinsam getragen und umgesetzt von einem privaten Investor, Hans-Christoph List, einem bekanntermaßen immer wieder sehr ambitionierten Bauträger, Wilfried Kallinger, und dem österreichisch-luxemburgischen Architekturbüro Hermann & Valentiny - in einen Gesamtkontext einrückt.

Im konkreten Fall geht es um die Brotfabrik des 1. Wiener Konsumvereins, die Hubert und Franz Gessner 1908 bis 1909 in der Hasnerstraße errichtet haben. Ein früher Stahlbetonbau, „bekleidet“ mit einer verfliesten Fassade, der mehrere Umbauten erlebt hat. Kulturhistorisch wichtig dabei: Es war eine Fabrik, die nach damals fortschrittlichsten Kriterien geplant wurde. Das heißt: produktionstechnisch logisch von oben nach unten; oder anders ausgedrückt - vom Mehllager unter dem Dach bis ganz hinunter zur Backstube. Und immerhin betrug die damalige Tagesproduktion - Quelle: Friedrich Achleitners Architekturführer - rund 18.000 Kilogramm. Übrigens wurde auch den hygienischen Rahmenbedingungen für die Arbeit in dieser Großbäckerei besonderes Augenmerk geschenkt.

Wie nutzt man so etwas? Die Lösung war nicht einmal sonderlich schwer: Büros, wenn sie nicht ganz konventionell ausfallen müssen, finden in einer solchen Loft-Situation allemal eine Heimstatt. Und die Substanz selbst war in diesem Fall nicht das Problem, eher das unmittelbare Umfeld: zum Beispiel die Feuermauer des Turnsaals einer Schule, die sich auf dem Nachbargrundstück befindet und eine eher triste Grundstücksgrenze definierte.

Die Architekten haben diese Problematik, aber auch die Situation insgesamt ausgesprochen bravourös bewältigt. Man kommt jetzt durch die alte Einfahrt und hat nicht mehr die öde Feuermauer vor sich, sondern einen verhältnismäßig niedrigen (dreigeschoßigen) Neubautrakt, dessen transluzente Profilit-Fassade schon für sich eine Qualität darstellt. Ursprünglich war dieser Neubau ebenfalls als Bürotrakt geplant. Letztlich wird der rein nordorientierte Baukörper, der auch die Garagenabfahrt aufnimmt, aber als Archiv- und Lagerraum genutzt. Drüber, auf dem begehbaren Dach, sorgen jedenfalls eine Stahl-Pergola mit Streckmetall-Verkleidung und ein liebevoll gepflanztes Lavendelfeld für Freizeitqualität im Arbeitsstreß.

Überhaupt ist der Innenhof bemerkenswert gelöst: Ein abgesenktes Atrium belichtet auch die Arbeitsräume ganz unten. Und eine wirklich spektakuläre architektonische Maßnahme - ein dunkel gefärbter, durchlöcherter Betonparavent, der sich organisch geschwungen um die Ecke „schwindelt“ - definiert diesen Freiraum völlig neu und sehr eindrucksvoll.

Es ist ein Bürohaus geworden, das nicht den herkömmlichen Kriterien entspricht. Es gibt hier weder das eintönige Zellenbüro, das sich an Fensterachsen orientiert, noch nackte, nüchterne Großraumbüros, die allein nach kommerziellen Kriterien funktionieren. Die Sache hat Charakter. In jedem Geschoß und bis in die kleinsten Raumeinheiten hinein. Hubert Hermann hat wohl gewußt, daß er nicht aus dem vollen schöpfen kann. Es hat preisgünstige Materialien gewählt, die den Touch der industriellen Fertigung transportieren - und in diesem Kontext also passen. Nichts Besonderes: Terrazzoplatten, Sichtbeton, Streckmetall, dazu ein paar gezielte Farbakzente aus dem Repertoire des Büros (Tomatenrot, Melonengelb etwa).

Toll ist übrigens die neue Dachlandschaft. Dem historischen Gebäude wurden drei runde - beziehungsweise: gerundete - und zwei rechteckige Aufbauten aufgesetzt, die eine durchaus besondere Terrassensituation bevölkern. „Bevölkern“ ist in diesem Fall gar nicht zuviel gesagt: Das sitzt alles irgendwie organisch da - oder auch amorph; eine Art lebendiges Implantat, das aber doch kein Organismus, sondern „nur“ Architektur ist.

Die neue Nutzung als nicht ganz konventionelles Bürogebäude hat sicher Maßnahmen erforderlich gemacht, die auch an die Substanz gingen. Zum historischen Stiegenhaus kam eine neue Haupterschließung hinzu; ein alter Erschließungstrakt wurde dafür eliminiert. Andererseits wurden in den einzelnen Geschoßen alte Galeriesituationen beibehalten und so interpretiert, daß man sie auch nutzen kann. Es ist eine Frage des architektonischen Fingerspitzengefühls, wie man mit den historischen Gegebenheiten umgeht. Als Architekt muß man zu dieser Problematik eine Beziehung haben, es muß den Respekt vor der historischen Substanz geben, sonst wird das nie etwas. Hermann & Valentiny sind offensichtlich in der Lage, die sensible geschmackliche Frage dieser Problematik zu erfassen - und sich dazu mit eigenen Ausdrucksmitteln zu äußern.

Das setzt eine ziemlich eigene, eigenwillige Denkungsweise voraus. Zugrunde liegt ihr der Respekt vor einer fundierten historischen architektonischen Leistung. Bei den Brüdern Gessner ist das als Vorgabe ohne Zweifel der Fall. Und dann geht es aber darum, aus diesem Geist heraus etwas zu entwickeln, das die alten Anliegen nicht negiert, aber den heutigen Standards - auf einer nicht-modischen Ebene - entspricht. Dabei sind ungewöhnliche Büros herausgekommen, sie passen in keines der herkömmlichen kommerziellen Schemata. Die Nutzer stammen - insofern logisch - aus der Werbebranche, aus der Elektronikbranche et cetera.

In historischer Bausubstanz sind keine usuellen, kommerziell optimierten Nutzungen möglich. Die Frage ist: Wen machen solche Nutzungen eigentlich glücklich? Die Mitarbeiter ganz gewiß. Und deren Wohlbefinden wirkt sich direkt auf das Leistungspotential aus. Und ich wüßte keine Firma, der es nicht zuallererst darum geht. Also? Es braucht - sicher speziell für kreative Berufe - Arbeitssituationen, die Flair bieten, die Atmosphäre haben. Hermann & Valentiny haben das geradezu beispielhaft geschafft.

Die Arbeit entspricht allem, was man sich von einer solchen Intervention im historischen Kontext erwarten darf: Sie nimmt den Charakter der vorhandenen (industriellen) Ausdrucksmittel auf, sie schafft eine ausgesprochen fortschrittliche Arbeitssituation, sie bringt aber auch alles ein, was heute Thema ist - vom Schichtendenken bei den architektonischen Maßnahmen bis zur Einheitlichkeit im Material.

Das Bundesdenkmalamt kann nichts dafür. Und damit schließt sich der Kreis zur Einleitung. Es kann es sich nicht auf seine Fahnen heften, daß die Brotfabrik erfolgreich revitalisiert wurde. Das ist ein Verdienst der Architekten - Hermann & Valentiny - und des Bauträgers beziehungsweise auch Investors. Nur: So sollte es nicht sein.

Es sollte jedenfalls nicht so sein, daß auf der Goodwill-Basis über historische Baudenkmäler verfügt wird, die Besseres verdient haben. Es kann nicht sein, daß wir alle Industriedenkmäler mit kulturellen Nutzungen vollstopfen, nur weil uns nichts einfällt. So viel Kultur ist zu viel Kultur. Die kann keiner zahlen. Es sind die alltäglichen Nutzungen in ihrer Besonderheit, die in solchen Häusern eine Heimstatt finden. Hermann & Valentiny haben dafür einen architektonischen Rahmen geschaffen, der in jeder Hinsicht standhält. Langfristig. Ganz lang. So lang, wie auch der Bau von den Gessner-Brüdern seinen Stellenwert behauptet.

Ein Postskriptum noch: Der Bau ist auch als Bestandteil einer sehr komplex angelegten Stadtentwicklungsinitiative lesbar. Das Zentrum von Ottakring erlebt derzeit eine Metamorphose. Und die Revitalisierung der Brotfabrik gehört eindeutig dazu.

25. August 2001 Spectrum

Wie eine Krone auf der Stadt

Ein Areal von zwölf Hektar, das von einem sechs Kilometer langen Pfad erschlossen wird, den elf sogenannte „Plattformen“ säumen: die „Gärten von Schloß Trauttmansdorf“ in Meran. Mit Ihrer Inszenierung von Aus- und Durchblicken architektonisch, künstlerisch und botanisch ein ungemein sinnliches Erlebnis.

Kaiserin Sisi hat natürlich genau gewußt, wo es schön ist. Daher hat sie sich als Winterquartier Schloß Trauttmansdorff in Meran ausgesucht. Wobei das Schloß selbst architektonisch keineswegs besonders bemerkenswert ist - es wird gerade renoviert -, aber die Umgebung! Meran liegt in einem wundervollen Tal, eingeschnitten in eine „heroische“ Berglandschaft, in der sich gewissermaßen die Ausläufer des mediterranen Klimas mit dem vermischen, was die Landschaft nördlich der Alpen charakterisiert.

Also: der ideale Ort für einen Garten. Und genau das haben auch die Italiener erkannt. Sie haben - und das ist in der heutigen Zeit, jenseits von Gartenausstellungen, ausgesprochen selten - die „Gärten von Schloß Trauttmansdorff“ in neuer Form wiedererstehen lassen. Daran arbeiten sie an sich schon seit 1994, aber erst jetzt ist es so weit, daß dieser neue Garten auch für das Publikum geöffnet ist. Das ist ja das ausgesprochen Spezielle an Gärten: Man kann sie nicht von der Stange kaufen, sie widersetzen sich hartnäckig unserem heutigen Alltagstempo.

Der Garten ist zwölf Hektar groß und erstreckt sich vom Tal bis auf einen Berghang hinauf. An der höchsten Stelle: eine riesige, runde Voliere - für Papageien und anderes Gefieder, das in Südtirol nicht eben heimisch ist. Die Voliere - ein Entwurf von Margit Klammer, der vom Architekten Wolfram Pardatscher umgesetzt wurde - leistet dabei mehreres: Sie sitzt wie eine Stadtkrone über dem Areal; und sie ist gleichzeitig Aufenthaltsort, Durchgang und Umkehrpunkt. Denn durch die Voliere durch führt ein Steg, weit vorkragend, von dem man sozusagen einen letzten, wundervollen Ausblick auf das ganze Tal hat, dann dreht man um und geht wieder hinunter. In der Voliere selbst lädt eine Doppelschaukel sinnigerweise das Publikum, nicht die Papageien zum spielerischen Aufenthalt ein. Letztere haben ihre eigenen Möglichkeiten: in Baumform, aber auch als charmant inszeniertes Löchermuster in der Rückwand, hinter der sich der „Intimbereich“ der Vögel befindet. Man will ja nicht immer ausgestellt sein. Treffender Titel der Arbeit von Margit Klammer: „Nur die Gedanken sind frei“.

Es ist ein wundervoller Garten. Wirklich viel besser als alles, was Gartenschauen zu bieten haben. Dabei äußerst informativ - hier erfährt man tatsächlich etwas über die Pflanzenwelt und natürlich auch ihre Kultivierung -, gleichzeitig aber immer sinnlich. Dieser Garten ist ein sinnliches Erlebnis. Wer hier einen Tag verbringt, der kann einen glücklichen Tag verbuchen.

Man kann zwar über die Plazierung und architektonische Ausformung der Eingangssituation streiten, auch darüber, wie etwa das Restaurant beziehungsweise die Café-Terrasse an das Schloß „drangepappt“ sind. Das alles ist aber nicht ohne architektonische Ambition ausgeführt, nur eben trotzdem nicht glücklich. Es fällt dennoch nicht wirklich ins Gewicht.

Die Gesamtanlage ist bestechend. Mir geht es dabei nicht speziell um die botanischen Aspekte der Gartenplanung. Mir geht es um die architektonischen, künstlerischen Statements in Form von Pavillons, die den sechs Kilometer langen Pfad durch das Areal säumen. Insgesamt gibt es elf sogenannte „Plattformen“, auf denen sich solche baulichen Maßnahmen ereignen. Eine habe ich nicht gesehen - es ist die „Grotte“, in der eine vor allem für Kinder interessante Multimedia-Show geboten wird -, sie war außer Betrieb. Viele der anderen - siehe die Voliere, die nicht nur als künstlerisches Konzept, sondern auch architektonisch wunderbar gelöst ist - haben es hingegen in sich.

Das nicht so Gute zuerst: Der japanische Teepavillon - natürlich in einem absolut sehenswerten gärtnerischen Umfeld - ist eine Enttäuschung. Er wirkt eher wie eine absonderliche Bushaltestelle; mag sein, man muß gewisse europäische Klischees weglassen, trotzdem ist er nicht geglückt. Und dann gibt es noch ein paar didaktische Einbauten, die eher banal erscheinen: ein geologisches Mosaik zum Beispiel, das mit den üblichen Mitteln - Fliesen - die Landschaft Tirols, Südtirols und des Trentino samt Berggipfeln und Flußläufen sichtbar macht und darin die gebirgsbildenden Gesteinsarten (die allerdings massiv, als Blöcke). Keine Ahnung, wie man so etwas besser löst, aber es muß möglich sein.

Aber es gibt auch wirklich gelungene Pavillonarchitekturen: einen Frühlings- pavillon zum Beispiel, der im Halbrund angeordnete, wie vergitterte Zugsabteile ausgebildete Sitzmöglichkeiten umfaßt und den Ausblick auf einen Wald aus bunten Fiberglasstäben, die aus bronzenen Blumenzwiebeln wachsen und oben ein Glockenspiel haben, das der Wind zum Klingen bringt. Oder den Herbstpavillon: eine rostige Eisenkonstruktion auf einem Natursteinsockel, dessen Formgebung einen herbstlichen Laubhaufen evoziert. Im Inneren: Aberhunderte farbige Kunststoffblättchen, die für eine ganz besondere Stimmung sorgen.

Es gibt ganz einfache „Bauten“. Im Flaumeichenwald etwa lädt eine an den zwei Längsseiten offene Konstruktion zum Verweilen (auf einer sehr edlen weißen Marmorbank) ein, die aus zwei Lagen Baustahlgitter besteht, in die Flaumeichenstämme eingefüllt sind. Das ist ein minimalistisches Kunstwerk. Aber nicht fad, es ist spannend.
Oder bei den Sukkulenten: Da gibt es einen Pavillon, ganz aus Stahl, der die Form eines Schwiegermuttersessels hat. Winzige Löchlein in der Haut - wo beim Kaktus die Stacheln sitzen - lassen das Licht eindringen, außerdem tröpfelt es innen. Der Gedanke war: Solche Kakteen sind Wasserspeicher. Obendrein heizt sich die Stahlhülle im Sommer unheimlich auf und bringt daher das tröpfelnde Wasser zum Verdampfen. Dadurch wiederum brechen sich die Lichtstrahlen im Wasserdampf. Das ist atmosphärisch ausgesprochen intensiv, naturgemäß auch klimatisch, und es beschert obendrein, wenn man genau im Zentrum steht, ein akustisches Erlebnis.

Auch im mediterranen Bereich setzt ein entsprechendes architektonisches Statement einen Akzent. Es hat eine Aussichtsterrasse im Oberstock, weiß getünchte Wände und ist so komplex verschachtelt, daß seine räumliche Konfiguration mediterrane Architektur auf den Punkt bringt.

Schön auch die Plattform am Wasser, mit einem Segel überspannt, wo riesige Gesteinsblöcke gestapelt sind, die die Namen der fünf Kontinente tragen. Sie dienen natürlich als Klettermöglichkeit für die Kinder. Inhaltlich ist das Ganze in der Detailformulierung daran festgemacht, daß es ab dem 17., speziell im 18. Jahrhundert einen richtigen Boom im Samen- und Pflanzenhandel gab, der aber erst mit der Entwicklung der „Wardschen Kiste“ wirklich erfolgreich war.
Oder der Pavillon im Bereich der Wasserpflanzen: Da sind es abstrahierte Bootsrümpfe - mit hölzerner Untersicht und verbleitem Schiffsbauch nach oben -, die übereinandergeschachtelt dem Eis-Esser Schatten spenden.
Schließlich der halbrunde Pergola-Pavillon am Schnittpunkt von der Naturlandschaft zur Kulturlandschaft: eine transparente Angelegenheit, die unübertrefflich einfach verdeutlicht, was es bedeutet, Pflanzen, Gewächse zu kultivieren.

Die neuen Gärten von Schloß Trauttmansdorff in Meran sind ohne Zweifel etwas Besonderes. Sie besetzen gewissermaßen eine Position, die singulär ist. Dieser Garten wurde natürlich nicht nach herrschaftlichen Prinzipien angelegt, wie das die großen historischen Gärten waren. Aber es bringt die Gesamtanlage trotzdem nicht um ihre Wirkung, daß ihr didaktische - und demokratische - Prinzipien zugrunde liegen. Es ist ein heutiger Garten, und das ist auch in Ordnung. Und es ist ein Garten, der nicht nur für Spezialisten lesbar ist. Trotzdem ist allein schon in die Anlage der Wege, auch in die Inszenierung von Blickrichtungen, von Aus- und Durchblicken, das ganze historische Wissen eingeflossen. Das gibt es hier alles auch, anders halt, ganz anders, aber es ist da.

Bleibt etwas anzumerken: Was die architektonische Seite betrifft, war das Gesamtunternehmen vielleicht nicht ganz glücklich. Anders gesagt: Es gab das für Großprojekte übliche Hin und Her. Als Wolfram Pardatscher - übrigens ein Holzbauer-Schüler - zugezogen wurde, da war viel schon festgeschrieben. Die verschiedenen Plattformen zum Beispiel, auch ihre Materialisierung, das war nicht mehr reversibel. Er mußte mit dem auskommen, was er vorfand. Und er mußte mehrfach auch dafür sorgen, daß etwas, das jemand ganz anderer - etwa das Schweizer Büro Steiner Sarnen - strichliert hat, dann irgendwie auch auf eine konstruktive Basis gestellt wird. Das dürfte, mit Ausnahme der fünf Pavillons, die seine Frau, die Künstlerin Margit Klammer, entworfen hat, ziemlich mühsam gewesen sein.

Das ist aber nichts Neues. Heute gehört das dazu. Großprojekte solchen Zuschnitts sind immer auch das Ergebnis eines komplizierten Gruppenprozesses: Weder gibt es in einem derartigen Verfahren den Auftraggeber als Einzelperson, noch gibt es den einzelnen Auftragnehmer, der alles unter Kontrolle hat. Da macht der eine die Gartenmöblierung und der andere das graphische Leitsystem; zwischendurch wird ein Gewächshaus „gebastelt“, das hätte sicher spektakulärer sein können; und eine Insel im Teich, gedacht für Veranstaltungen, ist akustisch so nicht in den Griff zu bekommen, nicht zuletzt weil sie von den Sitzstufen am Ufer viel zu weit weg ist. Außerdem wurde der künstlichen Beleuchtung des Gartens - unverzichtbar bei nächtlichen Events - viel zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Wie gesagt: All das ist nichts Neues. Vieles ist nachrüstbar, anderes zu verschmerzen. Wichtig ist, daß der Garten prächtig gedeiht. Die zwölf Hektar werden übrigens von - nur - 26 Gärtnern betreut.

28. Juli 2001 Spectrum

Die Treppe ist schon erfunden

Zimmer in praktikabler Größe und brauchbarem Zuschnitt, nutzerfreundliche Gemeinschafts- und Freibereiche: Schwalm-Theiss' „Gästehaus der Wiener Universitäten“ in der Josefstadt. Eine Visitenkarte, die die „Erasmus“-Stipendiaten in alle Welt weiterreichen.

Er nennt sich „Gästehaus der Wiener Universitäten“, der kleine Neubau in der Wiener Tigergasse. Und er behauptet sich in höchst beengten, eben typisch innerstädtischen Verhältnissen, die obendrein keinen einheitlichen architektonischen Charakter mehr haben. Da kann man ganz leicht ablesen, wann eine Lücke im gründerzeitlichen Raster geschlossen wurde . . . Insofern ist er jedenfalls ein Highlight im Straßenbild, der Neubau aus dem Architekturbüro Schwalm- Theiss. Seine grünlich beziehungsweise bläulich schimmernde Glasmosaik-Fassade - ein eingeschnittenes, gläsernes Stiegenhaus gliedert den Bau - setzt einen spannenden Akzent, ohne sich aber unbotmäßig vorzudrängen.

„Gästehaus“ soll heißen: Studentenheim. Ein Studentenheim durchwegs für Ausländer, die ihr „Erasmus“-Jahr in Wien absolvieren. Gleich vorweg: In diesem Haus können sie das gut. Denn unter dem nüchternen Nutzungsaspekt betrachtet, kann man ohne weiteres postulieren, daß die Wohnsituation in der Tigergasse angenehm ist. Da teilen sich im südlichen Trakt zwei Zimmer in einen Gemeinschafts- bereich, im nördlichen vier Zimmer; es gibt einige Zwei-Bett-Zimmer, denn - wie ich mir habe sagen lassen - besonders japanische Studenten wohnen gern zusammen. Und es gibt Freibereiche an der Hofseite - im Terrassengeschoß von besonders großzügigem Zuschnitt -, die allen Bewohnern zugute kommen.

So komisch es klingt - wichtig dabei ist: Die Zimmer haben alle eine nicht übertriebene, aber praktikable Größe, einen aus-gesprochen brauchbaren Zuschnitt. Sie sind hell, sie sind freundlich. Das ist ja immer die Frage, mit der sich ein Architekt auseinandersetzen muß, wenn er so etwas baut: Setzt er auf die herkömmlichen Wohnbedürfnisse, entwirft er ein neues Konzept, oder findet er sich mit irgendwelchen Zwängen ab, die eine zweifelhafte Lösung zur Folge haben. All dies immer unter dem Vorzeichen der ja nur temporären Lebenssituation, der Durchgangssituation, für die ein Studentenheim den gebauten Rahmen abgibt.

Schwalm-Theiss ist, aus dieser Perspektive betrachtet, ganz der konservative Pragmatiker. In des Wortes positiver Bedeutung allerdings. Er hat sich offensichtlich überlegt, was man als Architekt bieten muß, damit sich die Nutzer in der gebauten Hülle wohl fühlen können. Das heißt, er hat Zimmer gebaut, in denen man schlafen und arbeiten und zur Not auch noch einen Besucher empfangen kann, außerdem Gemeinschaftsbereiche, die auf einem keineswegs überzogenen, sondern auf einem vertretbaren Minimallevel Komfort bieten.

Anton Schweighofer, um ein Gegenbeispiel zu nennen, ist diese Aufgabe bei seinem Studentenheim in Favoriten ganz anders angegangen. Er hat minimierte Mönchszellen gebaut für die beiden „Grundbedürfnisse“ des Studentendaseins: Schlafen und Arbeiten. Schon räumlich macht er den Bewohnern bewußt, was in dieser Phase ihres Lebens eigentlich ihre Aufgabe ist. Die, sagen wir, sinnliche Komponente dieses Lebensabschnitts wird durch die überbordenden Gemeinschaftsbereiche architektonisch artikuliert.

Die dritte Variante, die architektonische Notlösung - charakterlos, gedankenlos und unfair, wenn man sie unter dem Vorzeichen unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft betrachtet -, kann man im Gasometer zwei
in Wien-Simmering in Augenschein nehmen.

Zurück in die Tigergasse. Dort sind die Dinge im Lot. Die Geschoße sind noch durch Treppen und Lifte, auch mit Laubengängen erschlossen, aber es gibt dort keine verschnittenen Geschoße, keine schrägen Ebenen und keine Rampen. Wozu auch? Die Treppe ist erfunden. Und sie ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Niveaus.
Schwalm-Theiss hatte ein Grundstück zur Verfügung, das von der Albertgasse durchgeht bis zur Tigergasse, all dies im achten Wiener Gemeindebezirk. In der Albertgasse steht eine Schule - ein Gymnasium aus dem Jahr 1908 -, die er renoviert und erweitert hat. Unter anderem mit einem Turnsaal, der jetzt gewissermaßen den Sockel für den einen Trakt des Studentenheims bildet. Wobei sich Schwalm-Theiss vorgestellt hatte, den gläsernen Turnsaal-Sockel, über dem ein Teil des Studentenheims steht, wirklich in Glas auszuführen. Aber heutzutage turnt man nicht vor - potentiellem - Straßenpublikum, es gibt also emaillierte Glaspaneele zur Straße hin und nur ganz oben schmale Scheiben, die das Licht durchlassen.

Wie gesagt, im Straßenbild ist das Haus ein Highlight. Und wenn man hineingeht, dann spürt man auch gleich, daß es nutzerfreundlich ist. Es läßt sich ja in Wirklichkeit mit den einfachsten Mitteln echte Qualität erzielen. Ein wenig plastisch ausgeformte Zugänge zu den einzelnen Wohneinheiten, farbliche Akzente - schon sind alle glücklich. Wir haben damit eine wunderbare Visitenkarte zur Hand, die alle ausländischen „Erasmus“-Stipendiaten weiterreichen werden.

Der Punkt ist wohl doch, daß Architektur, speziell wenn sie mit Wohnen zu tun hat, gewisse Grundbedürfnisse befriedigen muß. Wenn sie das nicht tut, dann ist es auch nicht mehr interessant, ob ein Bau architektonisch etwas verspricht. Denn die formale beziehungsweise individuelle Verwirklichung des Architekten ist immer nur von sekundärer Bedeutung. Das ist ja das Spezielle an der Architektur: Sie muß wirklich mehr können.

Also: Die Zeiten, da ein Corbusier sein Papierschiffchen auf der Pfütze in seiner Villa Savoie schwimmen ließ, die sind vorbei. Diese Art von Poesie können wir heute nicht brauchen. Und kein Tränenstrom irgendwelcher Architekten wird etwas daran ändern.

30. Juni 2001 Spectrum

Genau das nennt man Kitsch

Miserable Wohnungen. Büros, die sich durch nichts auszeichnen, was gerade diesen Standort empfehlen würde. Eine Geschäftszone, die jeder Beschreibung spottet. Aber riesiger Aufwand rundherum. Wiens Gasometer-Projekt oder: Wie man um viel Geld ein Denkmal ruiniert.

Es heißt, sie seien Wiens Top-Adresse des Jahres 2001. Und wer „top“ wohnen möchte, ziehe dort ein. In die Wohnungen im Gasometer. Tatsächlich wird den künftigen Bewohnern einiges geboten: Von der U-Bahn-Station, die selbst noch vom entferntesten der vier ehemaligen Gasbehälter trockenen Fußes erreichbar ist, bis zum riesigen Entertainment-Center (Architekt: Rüdiger Lainer) gleich nebenan, vom vielbeschworenen urbanen Nutzungsmix aus Arbeiten, Wohnen und Freizeit - Büros, Geschäfte, Studentenheim, begrünte Freiflächen, reichlich Garagenplätze - bis zur großen Veranstaltungshalle in den Tiefen von Gasometer B (Architekten: Coop Himmelb(l)au), dies alles vereint unter den - nicht mehr vorhandenen - Kuppeln der vier denkmalgeschützten Zylinder. Und dies alles zu Wohnungspreisen, die schon mehr als attraktiv sind. Laut den Verkaufsunterlagen für Gasometer A (Architekt: Jean Nouvel) zum Beispiel kostet die teuerste Wohnung frei finanziert nicht einmal zwei Millionen Schilling (keine 150.000 Euro), wobei dieser Kaufpreis durch einen nicht rückzuzahlenden Zuschuß von knapp 400.000 Schilling (rund 30.000 Euro) gestützt wird und bei einer Monatsrate von rund 4000 Schilling (290 Euro) eine Barleistung von 660.000 Schilling (knapp 48.000 Euro) erforderlich ist. Dieser Wohnungstyp - wie auch eine ganze Reihe anderer Typen im Gasometer A - ist übrigens längst ausverkauft. Ebenso ausverkauft sind alle Wohnungen im Gasometer C (Architekt: Manfred Wehdorn). Die drei Bauträger, die sich das Unternehmen teilen, pochen nicht zu Unrecht auf ein Erfolgsergebnis: Fast 85 Prozent der Wohnungen sind vergeben.

Im Werbematerial für die vier Sichtziegel-Solitäre heißt es auch, sie seien ein europaweit einzigartiges Gesamtkunstwerk. Anders formuliert könnte man sagen, es geht um eine Stadtentwicklungsspritze in den Simmeringer „Outskirts of Vienna“. Allerdings muß man hinzufügen: Der finanzielle Einsatz, den diese Entwicklungsspritze zur Voraussetzung hatte, der kann nur jenseits des Üblichen angesiedelt sein, weit jenseits. Und die Bemerkung, die anläßlich einer Führung für die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) gefallen ist, daß sich die günstigen Wohnungspreise durch entsprechend hohe Geschäfts- und Büromieten in bezug auf die Gesamtkosten letztlich doch rechnen, die kommt selbst dem ganz Unbedarften wie eine seltsame Art von Arithmetik vor: undurchschaubar, verwirrend, nicht glaubwürdig.

Aber der Architekturkritiker schert sich um solche Fakten - mehr oder weniger legitim - in der Regel ohnehin nicht. Dem geht es um architektonische Konzepte und ihre Umsetzung, dem geht es in einem solchen Fall um den Umgang mit der historischen Substanz und auch um die formale Lösung. Der Architekturkritiker betrachtet die gebauten Tatbestände insofern aus einer verengten Optik.

Nun habe ich mich schon im Vorfeld des Projekts sehr weit und sehr kritisch „aus dem Fenster gelehnt“. Ich war immer - und meiner Ansicht nach mit guten Gründen - dagegen. Massiv dagegen. Denn von den Gasometern, von der räumlichen Qualität der Gasometer, konnte einfach nichts übrigbleiben, wenn man sie vollbaut. Substantiell besteht diese Qualität in gigantischem leerem Raum. Man hätte eine Rollerskate-Bahn hineinbauen können - es wäre die attraktivste der Welt gewesen. Aber man kann sicher nicht nach dem Haus-im-Haus-Prinzip verfahren. Das bringt sowieso selten etwas. Beispiel: das Architekturmuseum in Frankfurt von Ungers - ein architektonisches Debakel. Weil das Haus im Haus steht, laufen die Treppen außen, also dort, wo das Tageslicht ist - und das übrigens in einer Ausführung, die man im Wiener Gemeindebau nicht akzeptieren würde. Haus im Haus ist immer problematisch. Und die Gasometer in ihrer historischen Substanz, in ihrer historischen Integrität und Einzigartigkeit, die gibt es jetzt einfach nicht mehr.

Das Denkmalamt ist in einer äußerst prekären Situation. Es hat einen riesigen historischen Fundus zu betreuen und keine auch nur annähernd entsprechenden finanziellen Mittel. Daher ist es auf Kompromisse angewiesen. Nur: In diesem Fall hat der Kompromiß zur Zerstörung der Denkmäler geführt. Alles, was es an historischer Substanz gibt und was irgendwann irgendeinen Sinn hatte, das hat jetzt keinen mehr. Es ist pervertiert. Es ist Staffage, Kulisse. Und genau so etwas nennt man üblicherweise Kitsch. Wenn ich auf einer Rodel ein Blumenarrangement präsentiere, dann ist das Kitsch, weil der Sinn des einen durch den Sinn des anderen ad absurdum geführt wird. Bei den Gasometern ist es genauso. Das mag einem Jean Nouvel, einer Coop Himmelb(l)au, einem Holzbauer wehtun (die Rolle von Manfred Wehdorn, von Amts wegen Denkmalschützer der Nation und zugleich beteiligter Architekt, kommt mir so suspekt vor, daß man sich besser jedes Wort dazu spart): Insgesamt ist jedenfalls kaum daran zu rütteln, daß sich alle Beteiligten mit den Gasometer-Bauten auf das Niveau der sogenannten „Künstler-Häuser“ à la Zilk begeben haben. Nur die formale Sprache unterscheidet sich teilweise - Wehdorns, Holzbauers Architektur ist in Wahrheit von unübertrefflicher Banalität -, alles andere deckt sich vollständig.

Es sind reine Alibi-Gesten, wenn mehrstöckige, verglaste Malls den Grund der Gasometer füllen, aber noch irgend etwas von dem gewaltigen Raum freilassen, der die Substanz dieser Ziegelhüllen ausmacht. Wobei ein Holzbauer selbst auf diese Geste verzichtet hat: Bei ihm ist die Haupterschließung in der Mitte und die Bebauung als eine Art überdimensionaler Mercedes-Stern angelegt. Vom inneren Raumvolumen der historischen Hülle bleibt so wirklich gar nichts mehr, dafür sind außen Höfe eingeschnitten, die allerdings für die Wohnungen zumindest an Belichtung etwas bringen dürften. Am photogensten von innen ist Jean Nouvel: Durch seine spiegelglatten Metallfassaden hat er zumindest erreicht, daß das einfallende Licht vielfach gebrochen den ganzen Innenraum, selbst die engen Einschnitte zwischen den Wohntürmen erhellt. Am photogensten von außen ist das Projekt von Coop Himmelb(l)au. Der ganz, ganz eng außen angestellte Baukörper mit Wohnungen - sinnigerweise „Schild“ genannt -, der ist nach formalen Kriterien sicher attraktiv. Wenn man drinnen ist, speziell im Teil des Studentenheims, und den Schild vor sich hat, dann erlebt man allerdings die Katastrophe: Er verstellt nicht nur die Aussicht, er verstellt auch das Tageslicht. Überhaupt muß man sagen: Die miesesten Wohnungen sind im Coop-Himmelb(l)au-Teil. Und das Studentenheim? Jedem Studenten ein unbewohnbarer, schmaler Schlauch, und in der Mitte ein finsterer, unangenehmer Gemeinschaftsbereich. Ja, ja, unsere himmelblauen Pseudorevoluzzer haben sich ihren sonnigen Platz im Establishment erkämpft, den verteidigt man nachhaltig, da bleibt für inhaltliche Reminiszenzen anscheinend kein Platz.

Wenn man nicht blindwütig losschlagen möchte, dann muß man sich mit solchen Anmerkungen bescheiden. Miserable Wohnungen. Büros, die sich durch nichts auszeichnen, was gerade diesen Standort nahelegen würde. Eine Geschäftszone, die jeder Beschreibung spottet. Aber viel, viel Aufwand drumherum, der doch nicht ausreicht, die Nachteile der Haus-im-Haus-Konzeption wettzumachen. Und das alles um sehr viel Geld. Viel mehr Geld, als für jeden konventionellen Wohn- oder Bürobau zur Verfügung steht. Und was das wirklich Ausschlaggebende ist: All das um den Preis der endgültigen Zerstörung der Gasometer.

Die Probleme des Denkmalamts in allen Ehren: Aber man muß doch wissen, wie weit man gehen darf. Natürlich gibt es gesetzliche Regelungen, aber die bedürfen ja immer der Interpretation, sie sind Auslegungsfrage. Im Fall der Gasometer hat das Denkmalamt versagt. Gröblichst versagt. Sie zeigen, wie bedenkenlos sich herumfuhrwerken läßt, wenn nur alle Beteiligten - allen voran die Politiker - mitspielen.

Reden wir gar nicht vom Geld. Reden wir nicht davon, was es gekostet hat, dieses „europaweit einzigartige Gesamtkunstwerk“ zu realisieren. Obwohl: Welches Gesamtkunstwerk wäre um denselben Betrag wohl auf der grünen Wiese möglich gewesen? Das ist ja immer die Frage: Was wäre gewesen, wenn . . . Nur tritt dieser „Wenn“-Fall komischerweise nie ein. Man braucht den Vorwand, die Gasometer zu ruinieren, um sich zu einem Bauvorhaben aufzuraffen, das nur jenseits herkömmlicher Normen durchzuführen ist. Wie man ja auch die Namen zweifelhafter Künstler braucht, um Wohnbauten umzusetzen, die der Wiener kommunalen Praxis zuwiderlaufen. Das ist ziemlich ärgerlich. Und wir dürfen uns nicht damit abfinden.

Wir müssen dagegen die Stimme erheben. Je lauter, je deutlicher, umso besser. Es werden nicht die Architekten sein, die diese Diskussion führen. Die wollen bauen, und je mehr Freiraum sie haben, desto lieber ist es ihnen. Sie sind sich selbst die nächsten. Es müssen die anderen sein, diejenigen, die das örtliche Baugeschehen reflektierend begleiten, die sich Gehör verschaffen. Nur so lassen sich Stilblüten wie die Gasometer verhindern. Und nur so läßt sich eine absolut gekonnte Marketing-Strategie knacken, die künftigen Bewohnern eine Top-Adresse verheißt, wo man in Wahrheit in einer Art charakterlosem Neubausumpf versackt.

28. April 2001 Spectrum

Warum auf dem Boden kleben?

Flächenlimits setzen dem gestalterischen Spielraum im geförderten Wohnbau enge Grenzen. Hermann & Valentiny ist es bei Ihren Häuserzeilen am Wiener Telefonweg jedoch gelungen, Puppenheim-Dimensionen in atmosphärische Großzügigkeit auszudehnen.

Im geförderten Wohnbau ist das Kostenkorsett heutzutage sehr eng geschnürt. Denn es will zwar jeder so gut wie möglich wohnen, aber das Budget, das der einzelne bereit ist, in seinen Wohn(t)raum zu investieren, das hat rigorose Grenzen. Wo sparen? Bei den geltenden Ausstattungsstandards geht es noch am ehesten über die Fläche. Daher sind die Wohnungen wieder deutlich kleiner geworden.

Hubert Hermann, die Wiener Dependance des luxemburgisch-österreichischen Architekturbüros Hermann & Valentiny, hat das bei einem Projekt in der Donaustadt hautnah verspürt. Es handelt sich um eine kleine Wohnanlage am Telefonweg, in einer Gegend also, wie sie für den heutigen Wiener Wohnbau nachgerade typisch ist: Peripherie, eigentlich ein Kleingarten-gebiet, Anbindung an die öffentlichen städtischen Verkehrsmittel gleich Null, einfach nur - ein sehr schmales, dafür 300 Meter langes Baugrundstück auf der Wiese. Gerade deswegen: für eine junge Familie mit kleinen Kindern bestimmt interessant.

Aber da sind diese Flächenlimits. Wo man noch vor zehn, 15 Jahren 130-Quadratmeter-Woh- nungen hingestellt hätte, muß der Architekt heute mit 80 Quadratmetern zurechtkommen. Und das bei einem deutlich entwickelteren Wohnbewußtsein. Da ist nicht mehr nur planerische Intelligenz gefragt, da geht es auch um die soziale Verantwortung des Architekten. Und um Strategie: um strategisches Denken im Umgang mit den Förderungsbestimmungen. Und die kleben ja bekanntlich am Boden, auf der (Wohn)Fläche, sie kreuzen also nicht den Raum, das tatsächliche Volumen.
Hermann & Valentiny haben sich diese Tatsache bravourös zunutze gemacht. Die kleinen Häuschen sind im Grund nur als Drei-Zimmer-Wohnungen konzipiert. Sie haben einen - vorgeschriebenen - vier Meter breiten Vorgarten, einen Autoabstellplatz und an der straßenabgewandten Seite auch noch einen - etwa wohnzimmergroßen - Garten, der durch einen schmalen Weg zusätzlich erschlossen ist. Ursprünglich sollten sie größer sein, aber dann wurde ökonomisch geschrumpft, dafür kam eine Einheit hinzu. Frage für den Architekten: Geht ein Hauskonzept unter solchen rigorosen Limits überhaupt noch auf?

Es geht - aber es bedarf einer minuziösen Tüftelei. Konkret: Die Garagen sind halbgeschoßig unter das Haus abgesenkt, der Vorgarten ist dadurch abgeböscht; man parkt längs. Im Haus drückt sich das in einem Split-Level aus, bei dem Küche und Essen über dem Stellplatz liegen, also halbgeschoßig angehoben sind, während der - natürlich zum Garten orientierte - Wohnraum tiefer liegt. Ein Vorteil dieser Lösung: Ein vier Meter breiter Vorgarten ist eigentlich für nichts gut; ein überdachter, dabei gut belüfteter Stellplatz - er kann am verkehrsarmen Telefonweg gegebenenfalls leer bleiben - ist hingegen vielfach nutzbar. Außerdem: Eine große Pergola als vorgelagerte grüne Schicht an der Ostseite (der Eingangsseite) der Häuser stellt sich als wesentlich sinnvollere Abschirmung, auch als schöne Empfangsgeste dar.

Aber weiter zur architektonischen Innenraum-Tüftelei: Man geht also zunächst ein halbes Geschoß hinauf, um das Haus zu betreten. Dort liegen Eingangsbereich und, wie gesagt, Küche und Eßplatz. Von dort geht man dann wieder drei Stufen hinunter, um auf die Ebene des Wohnzimmers zu gelangen, das einen direkten Ausgang in den Garten hat.
Erstens wichtig: Die Höhendifferenzierung zwischen Eß- und Wohnbereich ist nur durch eine Brüstung definiert, es gibt also keinen räumlichen Abschluß - der Blick hinaus auf den Garten ist da, der räumliche Fluß ist nicht unterbrochen.
Zweitens wichtig: die mit sechs Metern „gigantische“ Raumhöhe im Wohnbereich. Die ist vom Architekten als räumliches Potential gedacht, in dem sich der Bewohner entfalten kann, je nachdem, was er braucht. Schlimmstenfalls läßt sich hier auch eine Decke bauen und so ein weiteres Zimmer gewinnen. Immer noch würde die lichte Höhe des Wohnraums darunter 3,05 Meter betragen. Das ist also nicht nur ein Alibi-Angebot. Räumlich spannender ist aber sicher eine offene Galerie, die zwar weniger Zusatzfläche bringt, aber das Spektakel des hohen Wohnraums erhält.
Drittens wichtig: über dem Schlafgeschoß mit Bad ein Dach- boden, der zwar nicht als Wohnraum deklariert, aber isoliert und als solcher nutzbar ist. Platz - etwa für ein Schlafzimmer mit Bad - wäre hier jedenfalls.

Architektonische Kleinigkeiten: Gartenseitig sind den Häusern nur 1,5 Meter tiefe hölzerne „Scheuklappen“ vorgebaut, eine Art Rahmenkonstruktion und ein minimaler Schutz gegenüber dem hautnahen Bewohner nebenan. Selbst auf die Nische für den Rasenmäher oder die Gartenmöbel haben die Architekten nicht vergessen.

Ein Nachtrag zur städtebaulichen Lösung, zum formalen Ausdruck: Da steht nicht einfach eine Wurst, vorne und hinten abgeschnitten, sondern zwei Doppelhäuser am Anfang markieren eine architektonisch dirigistische Empfangsgeste und setzen einen deutlichen Akzent. Das erste der Doppelhäuser ist um 90 Grad gedreht, eigentlich ohne wirklich privaten Garten, dieses Manko wird aber wettgemacht durch eine mit einer Pergola überdachten Dachterrasse. Die Baukörper sind ganz schlicht aneinandergereiht, es gibt dennoch eine Zäsur. Wo ein anderer Weg auf den Telefonweg trifft, an dieser „Kreuzung“, liegt quasi das Herz der Anlage: ein eingeschoßiges Gemeinschaftshaus mit vorgelagertem Platzraum. Die „Reihenhauszeilen“ sind davon fast unmerklich weggedrückt. In den Schnitten zwischen den Baukörpern ein melonengelber Anstrich, das Gefühl von Hinterhof kommt so nicht einmal im entferntesten auf. Vorne weißer Putz - überlagert von der Grünschicht der Pergola -, hinten Holz und Glas, dazwischen - wo es ein Dazwischen gibt, es sind immer zwei Häuser aneinandergelehnt - Melonengelb.
Fazit: Wer da draußen wohnen möchte, wer nicht so wahnsinnig viel Geld hat, wer über ein entwickeltes Wohnbewußtsein verfügt - er kann es nicht besser treffen als am Telefonweg. Ein Vorzeigeprojekt.

10. März 2001 Spectrum

Wozu an der Schachtel rütteln?

Roh, ruppig, rauh: so steht sie am Ortsrand von Trumau, Niederösterreich, die Schatulle von „Pool“. Und bringt optische Erscheinung und Nutzung perfekt zur Deckung: Sie beherbergt eine Schlosserei.

Eine Schachtel. Eine eiserne Schatulle auf der Wiese. Natürlich zerschnitten, aufgeschnitten und verglast: Denn drinnen spielt sich ja etwas ab, drinnen arbeiten Menschen, da ist nicht nur toter Lagerraum. Trotzdem: im Prinzip nicht mehr als äußere Hülle und drinnen Raum.

Es geht um das Haus für eine kleine Schlosserei im niederösterreichischen Trumau. Gelegen ist sie an einer Ausfahrt, im peripheren Bereich des Orts, wo sich die Betriebe ansiedeln. Und sie ist sozusagen das „freigestellte“ Schlußlicht, die letzte dieser Architekturen, sogar die Nachbarparzelle ist noch frei.

Wie geht man im architektonisch bekanntlich so unsäglichen Ambiente mit dieser Aufgabe um? Wo (architektonisch, substantiell) nichts ist, da gibt es auch keine Bezugspunkte. Keine Rücksichtnahmen. Da muß man sich von vornherein selbst genügen. Das war die eine entwerferische Voraussetzung. Die Logik dieser Argumentation greift allerdings nicht wirklich. Denn - ich getraue mich das zu behaupten - auch in einer anderen Situation hätten die Architekten von „Pool“ wohl nicht grundsätzlich anders reagiert.

Tatsache ist: Da steht jetzt eine eiserne Schachtel, innen mit Heraklit verkleidet, alles roh. Die Verglasung sitzt bündig in der Fassade. Vorne streckt sich eine eiserne Zunge aus dem Gebäude heraus. Eine schräge Ebene, die die Architekten kühn als „Garten“ bezeichnen. Als eine Heurigen-Situation, wo die temporär aufgestellten Tische dann eben schräg stehen - was ja bei „richtigen“ Heurigen tatsächlich oft der Fall ist. Nachtrag: Der Schlosser, der hier seinen Betrieb errichtet hat, betreibt nebenbei und im selben Haus auch eine kleine Bar. Einen Treff für die Trumauer. Als kombinierte Nutzung ist das schon kurios genug.

Überhaupt ist dieses Gebäude ein Kuriosum. Nicht nur wegen dieser Verschränkung aus Schlosserei und Gastwirtschaft (die Bezeichnung Bar ist vergleichsweise hoch gegriffen, wo es doch nur um den Ausschank eher bodenständiger Getränke geht). Es ist vor allem architektonisch ein Kuriosum.

Zur Konstruktion ist nichts Besonderes zu vermelden. Es ist eine freispannende Stahlrahmenkonstruktion, der die drei Millimeter dicken, unbehandelten Stahlplatten an der Fassade vorgehängt sind. Drinnen sind die Niveaus räumlich ein wenig verschnitten. Da ist ein Kleinteillager unter einer Schräge verborgen, da geht es in geradezu sehenswerte Waschräume, es gibt einen bescheidenen Verwaltungsbereich, und da geht es auch weiter in die Schlosserei-Halle, die eigentliche Produktionsstätte. Wobei das alles räumlich fließt. Sehr angenehm.

Ein solches Schächtelchen an der grauslichen Peripherie egal welchen Ortes fällt immer wohltuend auf. Das muß man schon bilanzieren. Andererseits: Nicht nur die Formensprache, auch das gesamte räumliche Konzept hat viel mit dem - nennen wir es - computergenerierten Entwerfen zu tun. Das ist wirklich Architektur aus dem Computer. Ich kann mir nicht vorstellen, daß eine Handskizze von diesem Ding existiert.

Und es ist ein „Ding“. Ein Ding, das, wenn es nicht gebaut wäre, man sich auch gut als Image vorstellen könnte, bei dem die Außenfassade, auch der Innenraum nur irgendwie flächig eingefärbt ist, eine perfekte, dynamische (genug schräge Flächen gibt es ja) und - um ein Wort zu erfinden - eye-catcherische Animation. Die gebaute Wirklichkeit kann hinter einer solchen (auf dem Computer) animierten, imaginierten Wirklichkeit zweifellos nur zurückbleiben.

Damit keine Unklarheiten auftreten: Ich halte diese Schlosserei für ein sehr geglücktes Objekt. Es ist eine kleine, rohe Schatulle, raffiniert durchgeplant, zum Nutzen für alle, die damit und darin unmittelbar zu tun haben. Nichts ist versteckt, nichts ist bloß optisch verkleidet, nichts ist kosmetisch geschönt. Es geht roh, ruppig, rauh zu. Eigentlich ganz so, wie es sich für eine Schlosserei gehört. In dieser Ruppigkeit liegt die Schönheit des Objekts. Optische Erscheinung und inhaltliche Nutzung sind gewissermaßen zur Deckung gebracht. Es handelt sich um den Idealfall.

Daß der Besitzer ein geselliger Mensch ist und diese Geselligkeit gewissermaßen „professionalisiert“, indem er gastronomische Aktivitäten setzt, das ist eine andere Sache. Sie hat allerdings zweifellos damit zu tun, daß er sich „Pool“ als Architekten ausgewählt hat.

„Pool“: Man muß sich im Zusammenhang mit dieser Architektur Fragen stellen. Es ist eine Architektur ohne Details. Richtiger: ohne herkömmliche, ablesbare, aufgesetzte Details. Es ist eine Architektur, die aus Haut und Raum besteht, das Detail, die Detailarbeit liegt zunächst einmal in der Durchformulierung der verschiedenen Nutzungsschichten. Dabei gibt es keine Brüche, und wenn doch, dann sind sie inszeniert. Und es liegt natürlich in der wirklichen Detailarbeit, darin, wie Anschlüsse verschiedener Materialien, und seien sie noch so roh, funktionieren. Also: Die Architektur ohne Details kommt nicht ohne Details aus. Der einzige Unterschied ist, daß sie das Detail anders definiert.

Architektur aus dem Computer: Früher hat man den Sprung zwischen zwei Niveaus auf kurzem Weg bewältigt - mit ein paar Stufen. Es war eine ökonomische Weise, mit diesem Problem umzugehen. Ist die Rampenlösung, der ungebrochene Verbindungsfluß wirklich besser? Pragmatisch gesehen, ist er es nicht. Wenn wir die Behindertenlösung ausklammern - sie steht sicher nicht im Vordergrund der Überlegungen von „Pool“ -, dann ist die Rampe nur ein Bild angedachter, zeitgenössischer Dynamik.
Was sonst könnte die Rampe, die Schräge in der heutigen Architektur sein? Es ist ein bißchen lächerlich. Und dann ist es auch wieder todernst.

Die „schweizerische“ - das heißt: die minimalistische - Außenhautlösung in der Architektur ist ein Fortschritt. Weg vom Zierat, hin zu einem Purismus, der irgendwo Hand in Hand geht mit dem heutigen Preis-Leistungs-Denken. Wieso sollte die Architektur anders agieren? Klar, daß sie es nicht tut.

Aber irgendwo schmerzt etwas. Zwischen der Logik des materialgerechten Designs und der Logik des zeitgemäßen Ausdrucks - beide womöglich deckungsgleich - klafft etwas auf. Unbefriedigend. Unbefriedigt. Weil längerfristig betrachtet unter diesen Vorzeichen vielleicht auch eine Verarmung aufbricht, die niemand will, nicht einmal diejenigen, die jetzt solche Schachteln, solche Schrägen entwerfen.

Es wird ein zweiter Gedankenprozeß sein. Der kommt erst. Vorläufig halten wir fest: Die minimalistische Schachtel, und sei es die von „Pool“, die hat schon ihre eigene Qualität. Noch muß man nicht daran rütteln.

10. Februar 2001 Spectrum

Stapeln und schlichten

Erst zwei, dann nur einer, dann wieder zwei: Fährt man an ihnen vorbei, scheinen sie sich zu „bewegen“, die transparenten Turm-Zwillinge am Südhang des Wienerbergs. Massimiliano Fuksas' Twin-Tower: ein neues Wahrzeichen der Donaumetropole?

Hochhäuser, seien wir ehrlich, sind eine zwiespältige Angelegenheit. Sie sind zwar - hoch und vermögen dadurch Aufsehen zu erregen; was ein Aspekt sein mag, der vom Bauherrn über den Architekten bis zu den Nutzern alle Beteiligten interessiert. Außerdem kommt es in Hochhäusern auf einer minimalen Grundfläche zu einer maximalen Stapelung von Nutzflächen; das wiederum ist ein Aspekt, der zweifellos den Investor interessiert. Aber inhaltlich-räumlich, architektonisch-gestalterisch ist wenig drin im Hochhausbau.

Architektonisch tut sich jenseits der Positionierung solcher Gebäude im städtischen Kontext und ihrer spezifischen Fassadenlösung nicht viel. Daraus ist man versucht zu schließen, daß es nicht das Hirn des Architekten sein kann, das spricht, wenn er trotzdem ein Hochhaus bauen möchte. Was sich in diesem Fall zu Wort meldet, ist ein ganz anderes „Organ“: Es ist sein Bauch, der ganz emotional nach Höherem strebt.

Dem Römer Massimiliano Fuksas muß das bewußt gewesen sein, als er seinen Twin-Tower am Südhang des Wienerberges plante. Denn was da in einer Doppel-Konfiguration in die Höhe strebt, ist untypischer Fuksas, minimalistischer Fuksas. Sehr edel und in seiner durchgehaltenen Transparenz auch sehr reizvoll, aber reduziert auf das, was wirklich Sache ist: gestapelte Geschoßflächen, von denen man im vorhinein nicht wissen kann, was die Nutzer daraus machen. Man muß gewissermaßen in die Niederungen der ausladenden dreigeschoßigen Sockelzone hinuntersteigen, um etwas von der räumlichen Vielschichtigkeit und Expressivität des Massimiliano Fuksas zu erleben. Man muß hinuntersteigen ins sogenannte Urban Entertainment Center, aus dem die beiden Türme herauswachsen. Dort kommt man dann in großzügig formulierte öffentliche Bereiche und den eigentlichen, über einen „fliegenden Teppich“ deutlich anders materialisierten Zugang für die Mitarbeiter in die Hochhäuser.

Erste Frage: Was ist ein „Urban Entertainment Center“? Investoren stellen sich darunter offenbar eine Konzentration von gastronomischen Einrichtungen und Shops vor, untrennbar verbunden mit einem weiteren Kinocenter. Letztere sind in den vergangenen Jahren in Wien ja nur so aus dem Boden geschossen. Und sie sind durch die Bank kein Erfolg. Daran, daß es jetzt eines mehr gibt - mit zehn Sälen für 2200 Besucher -, ersieht man, wie lang die Vorlaufzeit eines solchen Großprojektes ist und wie wenig flexibel sich der Denk- und Planungsprozeß im Vorfeld des Bauens - vor allem auf der Seite des Investors - gestaltet. Unter dem Vorzeichen der ökonomischen Realisierung ist ein Umdenken, das andere Nutzungen ins Spiel bringt, praktisch nicht möglich.

Trotzdem - vorweg: Was in den letzten Jahren an Hochhausbauten in Wien so dahingekleckert wurde, Fuksas hat
es mit einer bewundernswerten Bravour überrundet. Vom Wohnhochhaus der Coop Himmelb(l)au abgesehen, stehen hier am Wienerberg die einzigen Hochhäuser der Bundeshauptstadt, die mehr bieten als den langweiligen Durchschnitt.
Das hat mit ihrer Positionierung zu tun: Die Fernwirkung ist wirklich toll, ein potentielles Wahrzeichen für den aus dem Süden Anreisenden. Und im Vorbeifahren, gleich aus welcher Richtung, ist es einfach eine Bereicherung, wie sich die beiden Türme „bewegen“, wie sie sich verschieben, sodaß erst zwei Türme sichtbar sind, dann nur einer, dann wieder zwei. Und weil sie so transparent sind, bleibt eine spannende Schichtigkeit dabei immer präsent. Bei allem Minimalismus schimmert da eben doch mehr als nur eine Ausdrucksebene auf.

Zu den Fakten: Die beiden Türme stehen in einem relativ spitzen Winkel zueinander. An der engsten Stelle rücken sie sogar bis auf fünf Meter zusammen. Der schlanke höhere der beiden Türme ist 138 Meter hoch (37 Geschoße), der etwas niedrigere, gedrungenere 127 Meter (34 Geschoße). Aber beide beinhalten die gleiche Nutzfläche, und sie sind in mehreren „Paketen“ (Dreier-, Vierer-, Fünfer-Paketen) durch insgesamt 19 verglaste Brücken miteinander verbunden.

Diese Brückenverbindungen waren gar nicht leicht zu lösen, weil sich die Türme, entsprechend der Windlast, unterschiedlich bewegen. Und die Brücken selbst aber keinerlei konstruktive Funktion haben, sie dienen nicht etwa der Aussteifung. Sie sind reine Verbindung zwischen den Geschoßen und müssen also die unterschiedlichen Bewegungen der Türme mitmachen. Das ist mit einer elastischen Lagerung, die aus der Flugzeugtechnik kommt, bewältigt worden. Sinn dieser horizontalen Verbindung zwischen den Türmen ist jedenfalls: großfläche Nutzung auch auf einer Ebene zu ermöglichen. Zusätzlich gibt es in Form von Aussparungen in den Betondecken auch potentielle vertikale Verbindungen zwischen den Geschoßen, wo interne Treppenverbindungen (und damit kurze Wege) möglich sind.

Konzeptuell sind die beiden Türme in bezug auf die innenräumliche Nutzung differenziert angelegt: Der schlanke hohe ist für Zellenbüros prädestiniert, der breite niedrigere läßt auch großräumliche Lösungen zu. Aber das sind Anforderungen, auf die heute jeder Architekt, der für einen Investor und anonyme Nutzer planen muß, selbstverständlich eingeht. Die kleinen gestalterischen Abstriche, die Fuksas in Kauf nehmen mußte, tun nur dem fachkundigen Auge weh: Er wollte die Liftkerne rundum mit amerikanischer Kirsche verkleiden und dadurch als eigenen Körper artikulieren. Es wäre schöner gewesen, zugegeben, aber daß dieses Konzept nur teilweise realisiert ist, geht wirklich nicht an die Substanz.

Substantiell war eigentlich nur der Eingriff in die Fassadenlösung. Die war ursprünglich (im Wettbewerb) zweischalig konzipiert, sodaß es den Nutzern in den Büros möglich gewesen wäre, innen drinnen Fenster zu öffnen. Noch im Wettbewerb hat dieser Vorschlag den allergrößten Anklang gefunden, in der Realisierung ist er - aus Kostengründen - gescheitert. Die Ganzglaslösung - ohne Brüstung - der jetzigen Fassade gleicht diesen Abstrich zwar nur teilweise aus, verglichen mit den Fassadenlösungen anderer Wiener Hochhäuser ist sie dennoch eine Errungenschaft. Und sie wurde schwer erkauft. Wenn es nicht deutsche Präzedenzfälle gegeben hätte, auf die sich verweisen ließ, und wenn nicht die Sprinkleranlage entsprechend verstärkt worden wäre, dann hätte die Feuerpolizei (Brandüberschlag!) dieser Fassadenlösung sicher nicht zugestimmt.

Trotz aller Anonymität der Planung - sie ist ja für gänzlich unbekannte Nutzer konzipiert, von denen man nicht weiß, ob sie mehrere Geschoße nehmen oder nur eines oder überhaupt nur einen Teilbereich - hat Fuksas bestimmte räumliche Qualitäten durchsetzen können. Vor allem die lichte Raumhöhe in den Büros, aber auch den Gängen ist angenehm (und deutlich besser als im Millenniumstower): 2,80 Meter! Auch das unterschiedliche Erschließungskonzept der beiden Häuser - ein innenliegender Kern beim hohen Turm, eine außenliegende Erschließung beim breiteren - schafft eigene, differenzierte Innenraumqualitäten. Schließlich wichtig für das äußere Erscheinungsbild: Die notwendigen Technikgeschoße wurden am Wienerberg ganz nach oben und ganz nach unten verlegt, der Turmschaft selbst ist in beiden Fällen wirklich transparent.

Zweite Frage - und Verbindungsklammer zum Anfang: Wieso reißen sich Architekten eigentlich um Hochhäuser, obwohl gerade diese Typologie fast nichts zuläßt? Was kann architektonisch schon dabei herauskommen, wenn ein Investor baut, der nur darauf aus ist, nicht nur maximalen, sondern auch raschen Gewinn zu erzielen? Für die Architektur wird es unter solchen Vorzeichen eng. Eigentlich bleibt nur die Höhe, der „Geschlechterturm“, der die Sache doch schillernd, verlockend, illuster macht. Und damit sind wir wieder - beim Bauch des Architekten, nicht beim Gehirn, wo vermutlich die Vernunft angesiedelt ist. Es klingt absurd, aber gerade diese kommerziellen Geschlechtertürme unserer Gegenwart scheinen die emotionalen Ressourcen unserer Architekten unheimlich zu stimulieren.

Fuksas hat sich da sogar selbst übertroffen. Der Minimalismus seiner Türme ist in Wirklichkeit seine Sache nicht. Fuksas „at his best“ oder „at himself“ erlebt man im Sockel. Da sind die Ebenen ausdrucksvoll verschnitten, da hat er sogar eine plastisch expressive, vielleicht nicht ganz wirtschaftliche, lineare Anordnung der Kinosäle durchgesetzt. Und eine Verknüpfung der unterschiedlichen Bereiche, die zumindest für ein räumliches Gesamterlebnis prädestiniert ist.

Es ist keine Frage der Architekturqualität, ob dieses Erlebnispotential genutzt wird. Da kommen viele andere (architekturfremde) Faktoren ins Spiel, da hat der Investor die Hauptverantwortung. Und wenn man sich die jüngsten Debatten über die mangelhafte Verkehrsanbindung des Wienerberg-Projektes ins Gedächtnis ruft, dann möchte man resümieren: Diese Verantwortung bleibt ganz bei ihm - und natürlich auch bei der Stadt Wien.

5. Januar 2001 Spectrum

Die Weihen der Wippe

Was kommt heraus, wenn ein architektonisch ambitionierter Bauunternehmer einen profilierten Architekten seinen Firmensitz adaptieren, umbauen und erweitern läßt? Bei der Paarung Wilfried Kallinger und Walter Stelzhammer ein Gesamtkunstwerk in Wien-Margareten.

Baustufe drei in einem denkmalgeschützten Ensemble in Wien-Margareten. Ein Hoftrakt aus der Jahrhundertwende, der nun im Erdgeschoß als Ausstellungsraum, im ersten und zweiten Obergeschoß als Bürofläche und im neu ausgebauten Dachgeschoß auch für zwei Wohnungen genutzt wird. Baustufe drei heißt übrigens präzise: Der Architekt Walter Stelzhammer hat den Firmensitz des Bauträgers Wilfried Kallinger saniert, adaptiert, umgebaut und erweitert. Und das in drei Etappen, ab 1989.

Ein Glücksfall, muß man heute resümieren. Denn die Zusammenarbeit zwischen dem - naturgemäß bauerfahrenen - Auftraggeber und dem speziell im Umgang mit alter Bausubstanz - siehe Österreichische Beamtenversicherung - profilierten Architekten war offenkundig kongenial. Das Ergebnis: ein Gesamt(kunst)werk, entstanden aus dem Diskurs zweier Partner, die weder Arbeitseinsatz noch finanziellen Aufwand gescheut haben, um einen Qualitätslevel zu erreichen, der deutlich über dem Durchschnitt liegt.

Zuerst wurde der Straßentrakt - ein Biedermeier-Haus - als Bürostammsitz der Firma Kallco saniert (1989 bis 1990), dann in den Hof die sogenannte Art-Box - ein multifunktionales Einraumgebäude mit Holz-Glas-Fassade - gestellt (1994 bis 1995), und im vergangenen Jahr wurden die Arbeiten am Hoftrakt beendet.

Ein Terrainsprung im Hof - er ist fast 75 Meter tief, aber nur acht Meter breit - wurde mit zwei Stufen und einer ausladenden Eisenwippe bewältigt, die malerisch vor sich hin rostet. Diese Wippe ist an sich schon ein schönes Objekt. Daß sie obendrein auch einen Zweck erfüllt, verleiht ihr gewissermaßen „höhere Weihen“. Über diese Wippe lassen sich Dinge - unter Umgehung der Stufen - in den höher gelegenen Hofteil transportieren. Bedeutsam ist das schon deswegen, weil der Bauherr eine stolze Oldtimer-Sammlung sein eigen nennt, die jetzt im Erdgeschoß des Hoftrakts garagiert - richtiger: „ausgestellt“ - ist.

Das Hofgebäude liegt in einer Schutzzone und mußte daher erhalten werden. Aber der Architekt gibt freimütig zu, daß das Haus, so wie es jetzt dasteht, nach mehr „Bestand“ aussieht, als tatsächlich vorhanden ist. Schon das Erdgeschoß wurde praktisch entkernt, das ganze Haus mit einer Stahlkonstruktion unterfangen. Fassade im Erdgeschoß: gewaltige verglaste Garagentore mit zwischen den Scheiben liegenden Sonnenschutzlamellen. Dieser „Ausstellungsbereich“, vorläufig zu einem erheblichen Teil mit den (exorbitanten!) Oldtimern des Bauherrn gefüllt, ist tatsächlich aber auch bestens geeignet für - zum Beispiel - die ausführliche Präsentation eigener Bauvorhaben, auch für größer konzipierte Besprechungen, Konferenzen. Und sollte sich Wilfried Kallinger einmal die „galeriemäßige“ Ausstellung seiner Firmentätigkeit vornehmen - er wird dafür keine Galerie nötig haben. Was man an Räumlichkeiten dafür tatsächlich braucht, das hat er selbst - und nicht zuletzt dank der architektonisch angedach-ten Dehnbarkeit der einzelnen Rauminterpretationen.

Besonders hier in der Erdgeschoßzone, dann auch in den beiden neuen Stiegenhäusern, ist das räumliche Outfit konsequent industriell: Terrazzo, grober Anstrich, Beton, sichtbare Stahlkonstruktion. Andererseits: Das Lichtkonzept etwa ist sehr ausgetüftelt; es besteht aus Reflexionsleuchten, die ein ambitioniertes Wiener Büro entwickelt hat; wenn man das sieht, dann kann man auf das unsägliche Bartenbach-Design einmal mehr verzichten.

Darüber hinaus: Atmosphärisch, also was die innenräumliche Stimmung betrifft, lebt das Projekt letztlich auch davon, daß Fertigprodukte eine untergeordnete Rolle spielen. Das fängt schon bei den Garagentoren an: Sie sind eine Produktentwicklung des Architekten, gemeinsam mit einer Firma.

Diesen Aufwand muß man sich natürlich leisten können - und wollen. Aber wir reden hier ja nicht von preisgünstigem Einfamilienhausbau, wir reden vom Firmensitz eines Bauträgers, eines besonderen Bauträgers noch dazu. In Wien zählt er zu jener knappen Handvoll von Vertretern dieser Branche, die im Wohnbau nicht nur Kubaturen hinstellen, sondern architektonische Ambition mit sozialer Verantwortung verknüpfen.

Noch einmal der Hoftrakt: In der Erdgeschoßzone ist er praktisch aufgeschnitten, als eigene Fläche ausgestellt. Die Kernzone darüber, das erste und zweite Obergeschoß, ist Büroflächen vorbehalten und ganz eindeutig am Bestand festgemacht. Das neue Dachgeschoß darüber orientiert sich zwar an den Umrissen der ursprünglichen Dachform, die beiden Wohnungen - jede mit eingeschnittener Dachterrasse - liefern mit ihrem zweigeschoßigen Zuschnitt aber weit mehr, als herkömmlich geboten wird. Für die klassische Kleinfamilie mit zwei Kindern sind sie nicht vorgesehen. Wenn das einmal klar ist, dann kommt man mit Stelzhammers Raumplan zurecht - einem Servicegang, dem die notwendigen Funktionen angelagert sind, und teils zweigeschoßigen, beliebig nutzbaren Wohnflächen.

Die „Selbstverwirklichung“ des Architekten ist immer ein Thema, selbst bei der scheinbar bescheidensten Intervention im historischen Bestand. Aber so bescheiden war Stelzhammer gar nicht. Nur: Er hat sich auf das Hauptstiegenhaus konzentriert. Das wurde gewissermaßen in die Substanz eingeschnitten, das tritt auch aus der Substanz (der Baulinie) sichtbar heraus. Dabei scheinbar kurios: Der Stiegenhaustrakt ist zwar verglast, aber geradezu primitiv - oder klassisch? Keine Punkthalterung, keinerlei modische Aperçus, eine herkömmliche Rahmenkonstruktion, gehalten von Schwertern. Und die Betonstiege selbst ist ein Faltwerk, selbsttragend, das expressiv, aber auch ganz minimalisiert in Erscheinung tritt. Das Pendant zu dieser Hauptstiege - am Ende des Hoftrakts gelegen - ist dann in die Substanz hineingepreßt und entspricht mit seinen geradläufigen Treppen natürlich auch den geltenden Bauvorschriften bezüglich Fluchttreppen für Arbeitnehmer.
Stelzhammer kann sich glücklich preisen. Es ist ein sehr schönes Ensemble, das ihm da über ein Jahrzehnt hinweg gelungen ist. Es ist natürlich schon eine nicht alltägliche, eine besondere Nutzung, die Thema seines Entwurfs war. Auch die Büros sind schließlich für Leute, die in der einen oder anderen Form mit Architektur zu tun haben. Da geht man anders mit Raum um, da freut man sich auch, wenn man in Räumen arbeitet, die herkömmlichen Schemata nicht ohne weiteres entsprechen.

In dieses Bild paßt übrigens ganz besonders der zweite Bauabschnitt, die Art-Box. Kallinger hat hier Büros eingerichtet, die den Verkauf der von ihm gebauten Wohnungen betreiben. Die Wohnungswerber sind also schon von vornherein einer Architektur konfrontiert, die sich vom Baumarkt in Haltung, Detailformulierung und Nutzungsdefinition unterscheidet.
Architekten - wenn sie Gutes realisieren - lobt man gern. Bei Bauträgern tut man sich als Architekturpublizist ungleich schwerer. Kallinger ist eine der wenigen Ausnahmen von der Regel. Da freut man sich wirklich, daß sein Firmensitz all dem entspricht, was man erwartet, wenn es ums Bauen geht, und wenn es von jemandem betrieben wird, der den Nimbus des „Ambitionierten“ vereinnahmt hat.

Trotzdem: Hier geht es um Architektur. Und die stammt - Dialog hin, Dialog her - in letzter Instanz von Stelzhammer. Er hat sich in der architektonischen Selbstverwirklichung zwar unbeschreiblich weit zurückgenommen. Aber genau deswegen ist es jetzt auch ein Kunstwerk. Man wird lange suchen müssen, wenn man ein vergleichbares Ensemble ausfindig machen will. Eines, das historische Substanz und zeitgenössischen Eingriff vergleichbar besonders vereint - und vergleichbar unaufdringlich.

Es ist eine Frage der Grundeinstellung des Architekten. Wie und wodurch drückt sich seine Haltung, drücken sich seine „Visionen“ aus? Wenn man das abklärt, und wenn man die zeitgeistigen Aperçus vom substantiellen Gehalt eines Entwurfs abzieht, dann bleibt normalerweise nicht sehr viel übrig. Normalerweise. Und nicht sehr viel.

4. November 2000 Spectrum

Köcheln, Brodeln, Sieden

Probebühnen, Wohnungen, Restaurants, Büros: der Nutzungsmix in der riesigen Kubatur der von Ortner & Ortner adaptierten Zürcher Schiffbau-Halle könnte bunter nicht sein. Wie man einer heruntergekommenen Bausubstanz durch Umnutzung und zeitgenössische Implantationen neues Leben einhaucht.

„Schiffbau“ heißt das neue Kultur- und Werkzentrum des Schauspielhauses Zürich, das Ende September eröffnet wurde und einer von drei großen Kulturbauten ist, mit denen das Büro Ortner & Ortner in den letzten Jahren beschäftigt war. Die beiden anderen: die Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden und - das Museumsquartier in Wien.
Mit letzterem hat - aber dann doch nur bei oberflächlicher Sicht der Dinge - das „Schiffbau“ insofern etwas zu tun, als es einer heruntergekommenen historischen Bausubstanz durch Umnutzung und zeitgenössische Implantate neues Leben einhaucht. Das ist wirklich vergleichbar, auch wenn der Schwerpunkt in Zürich auf den darstellenden Künsten liegt und der in Wien auf den bildenden; und auch wenn zum Nutzungsmix in Zürich neben den kulturellen und gastronomischen Einrichtungen noch Büroflächen und sogar Wohnungen hinzukommen.

Was die Einschränkung in bezug auf die Vergleichbarkeit der beiden Unternehmungen in Wien und Zürich betrifft, so beruht sie in erster Linie auf der konkreten Situation im gesamtstädtischen Kontext: Das Museumsquartier ist eine zentrale, eine innerstädtische Angelegenheit; das „Schiffbau“ in Zürich hingegen liegt in einem abgewirtschafteten Industrieareal, zwischen großen Werkhallen und alten Schornsteinen, gleich neben einer aufgestelzten Stadtautobahn.
Aus Wien kommend, denkt man daher unweigerlich an die Gasometer, wenn man die 120 Meter lange, denkmalgeschützte Schiffbau-Halle betritt. Denn von der Bahnstation bis zum „Schiffbau“ hat man schon einen Weg hinter sich, der einem deutlich vermittelt, was hier Sache ist: eine Art „Brodeln“ oder „Köcheln“, noch auf kleiner Flamme, aber schon knapp davor, sich zu einem flächendeckenden Siedeprozeß zu steigern, der aus einem ausgedehnten und ausgelaugten Stadtquartier ein anderes, frisches, lebendiges macht.

Früher wurden in der Schiffbau-Halle wirklich Schiffe gebaut. Für die Binnenschiffahrt, zum Beispiel auch für den Bodensee und den Attersee. Das bedeutet, daß die Halle mit einer Wandstärke von etwa 25 Zentimetern und ihren riesigen, natürlich nur einfach verglasten Fenstern als Innenraum so nicht zu gebrauchen war. Was es für die historische Bausubstanz bedeutet, ein solches Gebäude wärmezudämmen und tatsächlich als Innenraum nutzbar zu machen, das sieht man - ein extrem abschreckendes Beispiel - am Getreidespeicher in Wien.

Ortner & Ortner näherten sich dieser Problematik daher von vornherein anders: subtiler, aufrichtiger. Die große Halle, an der seitlich noch eine kleinere, kürzere dransteht, wurde so wenig wie möglich angetastet. Man könnte sogar sagen, sie ist nach wie vor schäbig, alt, das Gegenteil von repräsentativ.

Und sie übernimmt zunächst einmal jene Funktion, die Ortner & Ortner auch der Reitschule zugedacht haben: Sie ist Foyer und Verteiler. Sie ist aber auch Hülle: Hülle für architektonisch simple Einbauten. Da gibt es den großen Kubus eines - übrigens qualitativ durchaus bemerkenswerten - Restaurants; es gibt einen Jazz-Club; von hier geht es zum Studiotheater in der sogenannten „Box“; und weiter hinten in der großen Halle findet das „Hallentheater“ des Zürcher Schauspielhaus-Intendanten Christoph Marthaler statt. Eröffnungspremiere: „Hotel Angst“, eine ständig ausverkaufte Produktion, auch eine Art „Nestbeschmutzung“ im Hinblick auf das Verhältnis der Schweiz zur EU.

Neben diesen Funktionen im historischen Bestand ging es vor allem darum, Raum für Werkstätten und die Verwaltung des Zürcher Schauspielhauses zu schaffen, drei Probebühnen zu bauen und vermarktbaren Raum in Form von Büros und Wohnungen einzugliedern. Das heißt, was jetzt dasteht, das ist in Wahrheit ein komplexes und bei aller räumlichen Großzügigkeit doch dichtes Geflecht aus historischen und zeitgenössischen Bauteilen. Wobei der wichtigste dieser neuen Bauteile zweifellos das „Hofgebäude“ ist, ein gewaltiger Block mit 84 Metern Länge, 40 Metern Breite und einer Höhe von 23 Metern. Ein zweiter neuer Bauteil - er hat die Form eines schwarzen Betonkubus - beherbergt Fremdbüros. - Am „Hofgebäude“ werden sich möglicherweise die Geister scheiden. Es hat eine Fassade - nicht untypisch Laurids Ortner und daher auch typisch für eine ästhetische Haltung, die sich unseren Erwartungshaltungen nicht so ganz (oder gar nicht) anpaßt.

Die Außenfassade: schmale weiße Betonlisenen und genauso schmale, goldgefaßte Fenster; besonderer Clou: der vergrößerte Betonabguß eines Reliefs der Koren des Erechtheion, mehrfach und unregelmäßig auf dieser Fassade plaziert. Das muß man sich trauen.

Und wenn man - wie ich - unvorbereitet davor steht, dann fährt einem diese Fassade schon irgendwie in die Glieder. Sechziger-Jahre-Assoziationen stellen sich ein, Erinnerungen an einen Architekturdekor - Faltenwurf in Beton, güldene Einfassung für die Fenster -, dem man nach wie vor keine Qualität zutraut. Man stelle sich vor: Helmut Richter vor dieser Fassade - den streift vermutlich der Schlag.

Der Autorin ging es, ehrlich gestanden, nicht wirklich anders. Sie war verblüfft. Wenn die Außenjalousien geschlossen sind, heißt es in einem Text des Büros Ortner & Ortner, dann ist das Gebäude weiß und golden gestreift, immer in gleicher Breite. So habe ich es nicht gesehen, ich kann es mir nur vorstellen. Aber es ist eine typische Architektenidee, wie sie in der Realität nie materialisiert werden wird.

Soll trotzdem sein. Soll durchaus sein. Mir kommt irgendwie aber auch vor, daß die Ortners mit diesem Bau - oder richtiger: mit diesen Bauten - eine provokante Frage aufwerfen. Es ist die Frage nach der Form. Die Ortners haben in Zürich vom schwarzen Betonwürfel des Bürogebäudes bis zur süffisanten, weiß-goldenen Fassade des Hofgebäudes ein ganzes Register an formalem Ausdruck umgesetzt. Es zeigt etwas, was wir gern verdrängen: Praktisch ist alles möglich, der formale Ausdruck erlaubt keinen Rückschluß auf die substantielle Qualität eines Baus.

Über die substantielle Qualität des Baus von Ortner & Ortner muß man aber reden. Denn die ist toll. Wie die einzelnen Teile miteinander verknüpft sind - da ragt zum Beispiel ein Neubauteil in die alte Halle hinein, die Verzahnung der Bauten ist nicht auseinanderzudividieren - und welche unterschiedlichen atmosphärischen Welten sich auftun, das ist bemerkenswert. Im Hofgebäude sind unten die Werkstätten des Schauspielhauses. Darüber sind die Verwaltungsbereiche. Und ganz oben gibt es Wohnungen, die Reihenhäusern gleichkommen.

Die Ortners waren im Wohnbau bisher ein unbeschriebenes Blatt. Aber was sie hier realisiert haben, das ist wirklich großartig. Von der räumlichen Qualität her: Luxus pur. Terrassen zum Innenhof - wo sich ein ganz und gar nicht verlangtes, im Zuge der Planung entstandenes Freilufttheater etabliert hat - und nach draußen, also insgesamt eine Art bewohnbares Schiffsdeck.

Es ist schon komisch. Aber man muß sich heutzutage doch fragen, welchen Stellenwert die formale Handschrift eines Architekturbüros noch hat. Man muß sich fragen, welchen schmalen Grat der ästhetische Ausdruck eines Bauwerks beanspruchen darf, im Gegensatz zum viel breiter gefächerten inhaltlichen Programm, um das es geht und das letztlich womöglich doch nur behübscht wird.

In Zürich ist etwas gelungen, was aber nicht nur den Ortners und nicht nur dem Intendanten Christoph Marthaler gutzuschreiben ist: Ein ganzes Stadtviertel ist im Umbruch. Und das „Schiffbau“ ist sichtbarer Ausdruck davon. Es gibt flankierende Maßnahmen: ein Multiplex-Kino und einen Technologiepark etwa. Aber das Herzstück ist das „Schiffbau“. Es hatte den bestmöglichen Start. Obwohl abseits vom Stadtzentrum gelegen, ist Marthalers „Hotel Angst“, wie gesagt, andauernd ausverkauft. Und im Restaurant „La Salle“ muß man unbedingt reservieren, sonst hat man keine Chance auf einen Platz.

Und noch etwas: Die Eigentümer der (keineswegs billigen) „Reihenhäuser“ oben im Hofgebäude mußten alle unterschreiben, daß sie einverstanden damit sind, daß im Hof, gewissermaßen vor und unter ihrer Haustür, Theater gespielt wird. Und das haben sie.

Tja, Ortner & Ortner ist ein sehr spezielles Büro, fast ist man versucht, ihm den handschriftlichen Ausdruck abzusprechen. Wenn man sich das aber genauer überlegt, dann kommt man nicht umhin, sich gleich wieder zu korrigieren: Natürlich ist auch die Architektur der Ortners spezifisch, aber sie ist es nicht in der herkömmlichen, formalen Manier.
Die Unterschiede, von denen wir heute reden, wenn es um ambitionierte Architekturbüros geht, bestehen ja überhaupt nicht in der Bewältigung des Programms, der inhaltlichen Anforderungen; das ist allen gleich wichtig. Meistens geht es in der Architekturdiskussion um die Unterschiede der Form - und da zählt auch die durch technische Lösungen bedingte Form dazu.

Ich kann mich noch nicht vorbehaltlos damit anfreunden, aber irgendwie habe ich das Gefühl, die Ortners agieren konsequenter als andere, sie verkörpern eher den Typ zeitgenössischer Architekt als jene, die in „Richtungen“ integrierbar sind.

Publikationen

2008

Hermann & Valentiny and Partners
Codes

Seit 25 Jahren führen Hubert Hermann und François Valentiny ihre Büros in Wien und Luxemburg. Was sie verbindet, ist eine gemeinsame Haltung, die sie über die Jahre im verbalen und entwerferischen Gedankenaustausch präzisieren. Was sie trennt ist der Standort: Hier die Großstadt Wien, dort das kleine,
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: Birkhäuser Verlag

2005

T-Center St. Marx, Wien / Vienna

Das spektakuläre T-Center Wien wurde von den Architekten Günther Domenig, Hermann Eisenköck und Herfried Peyker entworfen und gebaut. Das kürzlich fertiggestellte Projekt beherbergt auf einer Nutzfläche von 119000 m² Büros für 3000 Angestellte. Der Bau ist eine ungewöhnlich proportionierte, liegende
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm, Günther Domenig, Hermann Eisenköck, Herfried Peyker
Verlag: Birkhäuser Verlag

2005

Wilhelm Holzbauer
Holzbauer und Partner / Holzbauer und Irresberger

Wilhelm Holzbauer zählt zu den bedeutendsten österreichischen Architekten und Architekturlehrern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine architektonische Haltung leitet sich von der Moderne ab, ist aber auch in einen großen geschichtlichen Entwicklungszusammenhang eingebettet. Er versteht es mit
Hrsg: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: SpringerWienNewYork

2004

Nehrer + Medek
30 Jahre Architektur im Kontext

Ein Buch, das fällig ist. Denn es stellt die Arbeit eines Büros vor, das unbeirrt von allen kurzlebigen Trends langlebige architektonische Lösungen präsentiert. Nehrer + Medek gelten als „die Schulbauer“ schlechthin; auf diesem Gebiet haben sie – vor allem auf der Basis von Wettbewerben – Hervorragendes
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: Verlag Anton Pustet

2003

Baumschlager & Eberle
Bauten und Projekte / Buildings and Projects 1996 - 2002

Der aktuelle Werkbericht aus dem erfolgreichen Vorarlberger Architekturbüro. Seit den Anfängen in den achtziger Jahren ist der Name B&E zum Markenzeichen für äußerst intelligente, ökonomische und ökologische Lösungen geworden, die immer auch durch ihre dauerhafte formale Qualität bestechen. Den Dimensionssprung
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: SpringerWienNewYork